Friderike Maria Winternitz
Vögelchen
Roman
1919
S. Fischer, Verlag
Berlin-Wien
Erste bis achte Auflage.
Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung.
Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Romain Rolland dankbarst
für viele Güte und Freundschaft
„Ich nenne sie deshalb Vögelchen, weil es etwas Reizenderes als Vögelchen nicht gibt.“
Dostojewski „Der Idiot“.
Fürsten der Erde und Sklaven, blutig gegeißelt,
Kamen wie Brüder zusammen im Dome unserer Andacht:
Den Friedenskuß brachten wir allen gezeichneten Stirnen,
Der Erde drückendste Träume wie heimlich Seufzen der Mutter waren uns verständlich
Und, wo sich abwandten unsere Brüder voll Grau’n, liebten wir noch.
Ottokar Brezina „Wahnbethörte“.
Kindheit
Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hause einer adeligen Dame, eine Ausstellung von Miniaturen statt, in der besonders zwei Sammlungen, die Adalbert Mannsthals, des Besitzers oder Großaktionärs der Mannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. Clemens Urbacher, Aufmerksamkeit erregten.
Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichen Mannes, der sich sowohl Bestes als auch Reichhaltigkeit gönnen konnte. Sie unterschied sich wesentlich von der Urbachers, der als theoretischer Gelehrter über geringe Einkünfte verfügte, als wohlhabender Bürgerssohn nicht mehr als einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute. Seine Miniaturen waren mit Bedachtsamkeit ausgewählt und niemals ohne das Bewußtsein des Luxus, den der Ankauf bedeutete. Er fand es sündhaft für ein Bildchen, für eine bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben, als Philanthrop fühlte er dies angesichts des menschlichen Elends, der Spitalsnot, der wirtschaftlichen Wirren. War er nun aber wahrhaftig solch ein Sünder, der vor einem Elfenbeinangesicht, das mit verträumten Augen in ein entschwundenes Leben lächelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten, skrofulöse Kinder und rekonvaleszente Frauen vergessen konnte, so mußte Adalbert Mannsthal, trotz seiner wohltätigen Aktionen, ein noch viel größerer Frevler gewesen sein. Seine Leidenschaft für diese verbleichende Kunst, die um so rührender ist, weil sie wohl auf immer der Vergangenheit angehört, war so groß, daß er ihr seine lebendige Frau geopfert hat, seine liebliche und sanftmütige und noch jugendliche Frau. Die Sache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht, denn das kleine Mädchen, das Frau Martha Mannsthal in die Ehe gebracht hatte, verblieb bei dem Stiefvater. Es verlautete, daß zur Zeit der Heirat ein Kontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella, das Kind, im Falle einer Scheidung, wie ein in der Ehe geborenes, dem schuldlosen Teile zugesprochen werden sollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die Beweggründe dieses nicht alltäglichen Vertrages sein mochten. Die einen waren der Ansicht, daß Mannsthal dadurch die Frau fester an sich binden wollte. Böse Zungen meinten darin ein Warnungszeichen zu erblicken, ein Mißtrauen gegen die Beständigkeit der Dame. Andere behaupteten, Mannsthal hätte das kleine Mädchen so lieb gewonnen, daß ein etwaiger Verlust ihm unerträglich schien, und ein nicht ganz harmloser Spötter, der zu dieser Gruppe gehörte, deutete, daß es ja immerhin möglich wäre, daß das kleine Mädchen der entscheidende Grund zur Heirat gewesen sei, und daß nicht die Frau, sondern das Kind es vermocht hatte, aus dem Sonderling und Eigenbrödler einen seßhaften Ehemann zu machen. Keinesfalls konnte ein Zweifel darüber herrschen, daß Mannsthal seine Frau nach der Geburt des Töchterchens kennen lernte, denn sie hatte mit ihrem kranken Manne in Ägypten gelebt, während Mannsthal gerade in diesen Jahren keine größere Reise unternommen hatte. Das Gericht hatte möglicherweise Mannsthal als den richtigen Vater anerkannt, was wohl eine Bedingung zur Abfassung des Vertrages gewesen sein mochte. Wenige Wochen vor der Scheidung hatte man in Gesellschaft der hübschen Frau einen Ausländer auftauchen sehen, dem alle äußeren Merkzeichen eines Frauenverführers zuzusprechen waren. Diejenigen, die die Vereinbarung dieser Eheschließung kannten, waren über die Kühnheit verwundert, mit der die Mutter mit dem Feuer spielte. Zu dieser Zeit hatte Mannsthals Sammlerleidenschaft ihren Höhepunkt erreicht und man schwärzt ihn nicht an, wenn man behauptet, daß er ihr seine Frau hintanstellte und deren Wünsche den Unsummen opferte, die er für seine Miniaturen verausgabte. Auffällig war, daß das kleine, ungemein zarte Mädchen nach wie vor wie ein Prinzeßchen gehalten wurde und sich über keinerlei Zurücksetzung von seiten des Stiefvaters zu beklagen hatte.
Urbacher kam kurze Zeit nach der Scheidung in Mannsthals Haus, um eine seiner Neuerwerbungen zu besichtigen, und bei dieser Gelegenheit lernte er sein Töchterchen Arabella, das Vögelchen, kennen. Niemand dachte daran, daß dieses Mädchen — es war damals etwa fünf Jahre alt — einen andern Namen führen könnte. Es war scheu, lebhaft, sanft und versonnen, zart und wärmebedürftig, irgendwie der Natur, ja dem Erdmagnetismus verschwistert, und seine Stimme war wie ein Sang, der durch eine Stille tönt. Unwillkürlich schwieg alles, wenn Vögelchen sprach. Jeder fühlte sich geneigt, es wie ein aus dem Nest gefallenes Junges gleichsam mit der warmen, gehöhlten Hand zu decken und zu schützen, und blieb dennoch zaghaft, vorausahnend, daß es mit leichten Flügeln den zarten Körper heben und entflattern würde, wenn man sich ihm allzusehr näherte. Und doch war es so zutraulich, daß von ihm selbst Ermutigung auszugehen schien, es zu greifen.
Was Vögelchen auch in den späteren Jahren über die Maßen reizend machte, war das völlig Unbewußte, fast Heilige ihres Wesens, das nicht dem eines Menschenkindes glich und etwas von der berückenden Schuldlosigkeit der Tiere an sich hatte. Urbacher fiel es gleich an ihrem Äußern auf, daß sie eine große Ähnlichkeit mit jenen malerischen Gebilden hatte, die Adalbert Mannsthal zu seiner Gesellschaft erkoren hatte. Ihr Gesichtchen war so weich, zart und unwirklich wie das der Miniaturen, ihre Züge wie mit einer leisen Feder gezeichnet, ihre Augen klug, lächelnd und von Sehnsucht erleuchtet, so stark im Ausdruck, daß dies unheimlich Heimliche der Seele klar zu sprechen schien und gewiß nur die menschliche Stumpfheit schuld trug, wenn sie diese Botschaft nicht erfassen konnte. Alles Beiwerk ihrer Erscheinung verflüchtigte sich gänzlich, war wie aufgelöst durch ihren überstrahlenden Blick. Als Urbacher Vögelchen inmitten dieser Bildchen sah, die ihren Namen, wie Diderot behauptete, von dem zart einschmeichlerischen Worte mignard ableiten, fiel ihm jener Spötter ein, der vielleicht im bösen Sinne die wahre Deutung von Adalbert Mannsthals Ehe gefunden hatte.
Wenn man also mit hinlänglicher Sicherheit davon ausgehen konnte, daß die erblühte Anmut der geschiedenen Frau den Schönheitssucher Mannsthal weniger gefesselt hatte als die des kleinen Mädchens, so war die Eifersucht, die ihre Mutter der Sammelwut ihres Gatten entgegenbrachte, ein Kampf um die Vorzugsstellung, die dieser der Tochter einräumte, der Kampf der Blüte gegen die Knospe. Man bedenke, daß sie die Klausel des Ehekontraktes kannte, in die sie in der vollsten Sicherheit ihrer selbst wie in eine Laune gewilligt hatte, da sie in ihr nur den Beweis einer starken Zuneigung vermutete. Man mußte jedoch Adalbert Mannsthal kennen, um es zu wagen, den Verdacht auszusprechen, daß er vom Augenblick, da er Vögelchen sah, planmäßig vorging, um eines Tages in ihren alleinigen Besitz zu gelangen. Man mußte seine Natur kennen, die es glaubhaft machte, daß er seine Frau nicht einmal als die beste Pflegerin Vögelchens neben diesem duldete, wiewohl er an dieser etwas willensmüden Gefährtin sicherlich seine Freuden hatte.
Mannsthal hatte jene Freundschaft mit dem Ausländer, die ihm den Vorwand zur Scheidung bot, gleichmütig, ja wie mit Schadenfreude geduldet. Weiß Gott, welch teuflischer Plan in ihm erwacht war. Es erscheint nicht unmöglich, daß er selbst es gewesen sein konnte, der diesen Aventurier gedungen, seine Frau zu versuchen.
Die Sammler sind ein eigenartiger Menschenschlag. Sie haben etwas von den rastlosen, unterirdischen Tieren, von den neidischen Hamstern und Mardern. Von diesen heißt es, sie seien klug, listig, mißtrauisch, behutsam, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber ungemein zärtlich. Die Art, wie der Hamster sich für magere Zeiten versorgt, ist allen bekannt. Jedenfalls schien Mannsthals Bemühen um dieses Kind ein Aufsparen für die Zukunft.
Die Erziehung und Pflege, die der Kleinen zuteil wurde, war ganz darauf gerichtet, lange in ihr das Kindliche zu schonen und zu erhalten. Vögelchen besuchte niemals eine Schule, ja, es fanden sich erstaunliche Lücken in ihrem Wissen, als sie den Jahren nach schon ein großes Mädchen war. Von den Zielen der Aufklärung, die damals im Unterrichtswesen allmählich Wurzel faßten, blieb Vögelchen gänzlich unberührt. Ihre Körperpflege war danach angetan, ihr eine kühle Zartheit zu bewahren. Mannsthal ließ sie niemals aus den Augen; ohne daß sie dies fühlte, war sie allüberall von seiner Wachsamkeit umstellt. Das bedeutete nicht, daß Vögelchen ängstlich abgeschlossen war. Sie sah Kinder um sich, aber sie waren meist viel jünger als sie selbst und niemals altklug. Auch vom Kreise der Erwachsenen, die in Wien bei ihrem Stiefvater aus- und eingingen, verbannte man sie nicht, wohl weil sie selbst niemals unter ihnen blieb, sie flatterte an ihnen vorüber. Anders wollte sie es selbst nicht. Sei es daß Mannsthal eine Art Hypnose auf das Kind ausübte oder daß alles, was sie tat, sein Wunsch zu sein schien, weil er nichts anderes zu wünschen vermochte, eine seltsame Harmonie herrschte zwischen den beiden, die manchmal ein leidenschaftliches Aufflammen der Seelen krönte. Trotz allem schien es, daß Vögelchen Mannsthal nicht liebte wie einen Vater. Es war auch etwas von der Anhänglichkeit der Zirkuskinder für ihren Peiniger, der Wunderkinder für ihren Impresario in ihrem Gefühl. Ein viel zu starkes Innenleben wohnte ihr inne, um nicht im Unbewußten zumindest Ahnung zu erwecken, daß man an ihrer Mutter gefrevelt und sie um diese beraubt hatte. Man hatte ihr nichts erklärt, und sie schwieg. Aber, wenn sich der Eindruck des nestlosen, frierenden Vögelchens verstärkte, war es, als dächte sie an die Mutter, die nach einem hartnäckigen Kampf es aufgegeben hatte, ihr Töchterchen zurückzugewinnen. Dennoch war ihr Verteidiger und Anwalt ein leidenschaftlicher junger Geist, ein fulminanter Redner gewesen, von dem die Rechtswelt noch viel erwartete. In seinem Plaidoyer hatte er den Spieß umgekehrt und Mannsthal des Treubruches angeklagt. „Ist es nicht ganz unwesentlich,“ hatte er gesagt, „ob die Frau, der ich ein Vermögen opfere, der ich mich mit allen Fibern hingebe, um derentwillen ich mein angetrautes Weib der Verlassenheit und ihren Gefahren preisgebe, ist es nicht unwesentlich, daß diese Frau nicht eine greifbare Verführerin ist? Der Sammelleidenschaft hat Herr Adalbert Mannsthal gehuldigt, mit ihr hat er Orgien gefeiert. Er hat dem Laster gefrönt. Und wenn in Ihren Augen auch der Verdacht gegen Frau Mannsthal berechtigt erscheinen könnte, wenn man auch sie des Lasters bezichtigen könnte, Sie werden sich nicht der Gerechtigkeit versagen, Adalbert und nicht Martha Mannsthal als den schuldigen Teil zu erkennen. Denn, meine Herren, was ist das Laster überhaupt? Laster ist unendliche Hingabe. Vielleicht finden wir darin den Schlüssel, daß es Menschen gibt, die durch die Gewalt ihrer Hingebungsfähigkeit zugleich Heilige und Lasterhafte sind. Wenn nun ein Mensch seine Hingebungsfähigkeit, die ein anderer verkannt und verraten hat, einem Menschen schenkt, der mit den heißesten Wünschen darum wirbt, der Verräter und Verkenner dieses Gefühles sich hingegen an ein Phantom verliert, einer Unwirklichkeit das lebendig zuckende Herz opfert: welcher von den beiden, meine Herren, ist der Sündhaftere, der Schuldige?“
Der junge Verteidiger vermochte die Herren des Gerichts nicht zu überstimmen, der Prozeß konnte nur im Vergleichsweg ausgetragen werden. Martha Mannsthal aber verheiratete sich nach Jahresfrist mit ihrem Rechtsanwalt.
„Aller guten Dinge sind drei,“ sagte ihr zweiter Mann, als er es erfuhr.
Vögelchen aber wußte nichts von dem freiwilligen Verzicht, den der feurige junge Redner ihrer rechtsunkundigen Mutter abgezwungen hatte zur Erlangung eines beträchtlichen Vermögens, das Mannsthal bot, und zur Vermeidung einer allfälligen strafrechtlichen Verfolgung. Vögelchens Augen fragten zwar unablässig in das Leben, das ihr fremd und weit war, aber sie schienen eine Antwort nicht abzuwarten, als scheuten sie ihr Wissen. Nirgends verblieben sie lange, als fürchteten sie, zu warm zu werden, so stark war ihr Schauen. So hielt sie denn bei niemandem still. Urbacher war es damals allein beschieden, ihres Rastens froh zu werden. Von allen Menschen, die bei Adalbert verkehrten, war er der einzige (wohl auch dank seiner Eigenschaft als Arzt), dem Vögelchen sorglos anvertraut wurde. Niemals aber — und wie recht gaben die zukünftigen Ereignisse diesem Empfinden — fühlte er dieses Vertrauen als festen Besitz. Dennoch gelang es ihm im nahen Beisammensein den Sinn zu erforschen, der Vögelchens Fliehen und Flattern bewegte. Sie war ein kleiner Zugvogel, der in unserer Kühle nicht Heimat hat, einer großen Wärme bedürftig und dennoch die große Flamme fürchtend; einer Glut schien sie aufgespart, die sie ersehnte und scheute. Irgendwo im Leben wartete sie und vielleicht war sie nicht allzu ferne. Dem Freund ward nicht bange. Vögelchen hatte Schwingen, die kein Feuer versengen und verzehren würde.
Urbacher schrieb damals in sein Tagebuch, das nach seinem Tode einigen vertrauten Freunden zugänglich gemacht wurde: „Ich kann es nicht verschweigen, daß jede Guttat, die ich verrichtete, mir auf geheimnisvolle Weise von Vögelchen abgefordert wurde. Ich befand mich oft in einem Zustand äußerster Anspannung, in einem traumhaften Bann, der mich zum Vollstrecker allerlei Zartheiten machte und meine Feinfühligkeit erregte. Aber ich muß gestehen, daß ich meine Sehnsucht nach einem Übermaß der Güte, ja eines Heiligseins schließlich nur aus dunklen Trieben zu sättigen vermochte. Es ist ein eigen Ding um solches Sehnen, das sich mit einer falschen Antwort auf seine Fragen beruhigen läßt, als müßte aus dem wissentlichen Unterliegen rein und klar die Demut erwachsen, wie oft eine wunderliebe Blume aus dem Morast ihre Reinheit erhebt. Meine eigene Schwachheit flößte mir Mitleid ein und Verstehen. Daraus erklärt sich, daß ich Mannsthals Freund geblieben war, als ich ihn vor meinem innern Auge entlarvt hatte. Um Vögelchens willen mußte ich ihm Handlungen verzeihen, die ich selbst wohl niemals begangen hätte. Ich empfand vor der Planmäßigkeit, mit der er seinen Besitz erschlichen, bewahrte und verwahrte, ein fast physisches Gefühl, das Grauen und Lust in sich paarte. Mannsthal schien ein Kühler. Sein Geist war durch nichts überwuchert, mit nichts durchsetzt, er war gleichsam durch die Sinne zur äußersten Oberfläche seiner Handlungen getrieben, und hier in stetem Spiel. Ich habe niemals ein Gefühl bei ihm entdeckt, das ganz schlackenlos und, wenn ich sagen dürfte, geistlos aus ihm loderte. Ich ahnte, daß er äußerster Dinge bedurfte, um seinen Geist zum Scheintod zu zwingen. Ein Hang zur Unmäßigkeit war ihm eigen. Entschlüsse brachen blitzartig aus ihm, er war ihnen verfallen wie einem geheimen Befehl seines Unterbewußtseins. Der Abbruch unserer Beziehungen war ein solcher Entschluß. Und dennoch war Mannsthal unbedingt das, was man einen edlen und in mehrfachem Sinn einen gemeinnützigen Menschen nennt. Es fehlte ihm weder an impulsiver noch an wohlbedachter Güte, obwohl auch an seiner Schädlichkeit nicht zu zweifeln war.“
Zu jener Zeit verfolgte Mannsthal dem Kinde gegenüber die Verwirklichung seiner Vorstellungen in einer Art, die grausam zu nennen war. Er wollte Vögelchen wie ein Wesenloses, ein Bild genießen, er hätte sie hungern lassen, damit sie leicht bleibe wie ein Schmetterling. Er wollte sie wie eine Vision in seinem Leben haben, er vergötterte und förderte ihre Zerbrechlichkeit. Urbacher aber liebte ihre Zartheit, die ihm wie eine Gefahr schien, für die er immer bereit sein mußte. „Wundersam war es mir,“ so schrieb er, „die Wandlungen zu beobachten, denen Vögelchens Wesen unterworfen war. Wie die starre Unzugänglichkeit der byzantinischen Malerei sich in die kindliche Freundlichkeit der toskanischen und sienensischen Mystiker wandelt, so erblühte aus dem strengen Kind ein magdhaftes, stolzes und doch schüchternes Wesen, wie Ambruogio Lorenzetti, der stille seine Madonnen malte, als eben der heilige Franziskus die Natur entsühnt hatte. Das sinnend zur Seite geneigte Köpfchen, die minnigliche Holdseligkeit der schmalen Arme und Hände, die Biegung der Gestalt, über all dies körperlich Verengte, über die überirdische Lieblichkeit, diese Schwingungen der Zartheit, schwebte der träumerische, himmlische Friede des Trecento. Als wäre sie aus den Bildern jenes anmutreichsten Deutschen, aus Stephan Lochners Tafeln, zu uns herabgestiegen mit der mädchenhaften Schalkhaftigkeit seiner Madonnen, als käme sie aus den Welten jenes Fraters, der hinter den Klostermauern von San Marco schuf. Ihr Füßchen schien feucht von den Wiesen auf Fra Angelicos Bildern, die im Frühlingsschmuck prangen, und manchmal waren kleine, ungefährliche Teufelchen um sie, wie sie der Gute, Lichte gemalt. Oft aber, wenn sie eben getollt und gelacht hatte, geschah es, daß sie reglos still wurde, als horche sie. Da konnte sie ihre artigen Manieren vergessen und minutenlang in ein Antlitz starren mit einer Neugier, die grausam schien. Wenn der von ihr Gemusterte umgesunken, wenn vor der Tür ein Schuß gefallen wäre oder eine ersehnte, unerwartete Stimme sie gerufen, sie hätte den festgesaugten Blick nicht von dem Gegenstand ihrer Wißbegierde gewandt. Was sie erforschte, erzählte sie nicht, doch war es oft erstaunlich, wie unterrichtet sie war. Ihre kindliche Ahnungslosigkeit blieb dennoch unerschütterlich. Sie selbst aber glaubte mit einer gar zu drolligen Genugtuung, den Dingen auf den Grund gekommen zu sein.“
Adalbert Mannsthal hatte gleich nach seiner Scheidung das alte Familienhaus verlassen und ein Haus gekauft, in einem Bezirk, in dem noch alte Gärten vom merkantilen Unternehmersinn verschont geblieben waren. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Mannsthal, der in feudaler Umgebung aufgewachsen war, mit fremden Leuten in einem Hause wohne, in einem Zinshaus. In seinem Heim erinnerte eigentlich nichts an eine bestimmte Zeit. Die Räume waren alle groß, still und nicht sehr hell. Die Luster waren Kerzenträger, die Spiegel hatten Metallrahmen, die Bücher standen hinter schweren smaragdfarbenen Seidenvorhängen, die Sitzmöbel schienen unbeweglich, so massiv waren sie. Antike Kunstwerke und wertvolles Porzellan schmückten die Wände. Vögelchen sah um so zierlicher aus in dieser Umgebung. Aber die ein wenig düstere Lage des Hauses und der tiefe Schatten des umschlossenen Gartens machten einen längeren Sommeraufenthalt für das Kind unumgänglich. Mannsthal besaß aus der Erbschaft nach einer Tante ein Landhaus an einem See der Kalkalpen. Dieses bestimmte er für Vögelchens Sommersitz. Er selbst verbrachte gewohnheitgemäß einen Teil der warmen Jahreszeit in einem Wildbad, das er einmal wegen eines Leidens aufgesucht hatte. Seltsam verjüngt kehrte er immer von dort zurück. Während seines Fernseins wohnte Urbacher in dem Landhaus am See und verließ es gewöhnlich bald nach Mannsthals Eintreffen, um seine einsamen Gebirgswanderungen anzutreten.
Der Aufenthalt am See ward Urbacher die schönste Lebenszeit. Wie beglückend war ihm das Bewußtsein, daß der künftige Tag und die vielen folgenden ein Wiedersehen mit Vögelchen bargen, daß er sie sehen konnte, wann er wollte, bei ihren kleinen Gärtnerarbeiten, bei den ergötzlichen Schulstunden, die sie, die Unbelehrte, mit den Bauernkindern abhielt, im Kahn, im Bade, im Walde, wo sie so durchscheinend blaß erschien, in ihrem Zimmerchen, das ein wenig phantastisch war, etwa wie das Zelt eines kleinen Indianerhäuptlings. Vögelchen liebte Fische. In dem Teich mit der Fontäne, deren Stimme sich in ihre Träume mischte, zog sie große Goldfische und eine andere weißliche Art, die sie Mondstrählchen nannte. Sie verehrte sie wie heilige Tiere.
Die Wochen, da ihr Stiefvater abwesend war, benützte Urbacher, sie zu belehren, und ihren Geist von dem eigenen bewegten Innern auf dieses anderer Menschen und Geschehnisse zu lenken. Märchen ergötzten sie nicht. Sie schienen farblos zu sein gegen solche, die sie selbst ersann. Waren ihr doch die wirklichen Ereignisse wundersame Begebenheiten, für die sie absonderliche und unzutreffende Deutungen fand. Daß sie das Leben wie ein Wunderland sah, unheimlich und doch nach ihrem Sinne, ohne Unerklärlichkeit, das erfüllte den Freund oft mit dem Bangen wie vor einer unabwendbaren Katastrophe. So marionettenhaft ihr auch die erdachten Märchen erschienen, so unermüdlich horchte sie den Berichten aus fremden Ländern. Sie war darin wie ein Junge. Ihre Bibliothek bestand aus Reisebeschreibungen. Sie liebte auch die Berichte von großen Taten und die Schicksale der Hilfsbedürftigen und Bresthaften fesselten sie. Aber auch das Dämonische und Grausame erweckten in ihr eine fast fieberhafte Neugier und es war unklar, ob dies aus Mitleid für die Opfer oder aus jenem bösen Instinkt geschah, der Kindern mehr als Tieren eigen ist. Urbacher fragte sich oft, ob Vögelchen ihre Lebensweise nicht eines Tages als Zwang empfinden würde, ob nicht schon Sehnsucht heimlich an ihr zehrte. Man ergründete niemals die eigentliche Quelle ihrer Zartheit. Noch schien sie ganz ruhig, ausschließlich auf die kleinen Dinge gerichtet, mit denen sie ihr Leben bevölkerte. Sie hatte eine seidenhaarige Katze, Fische, Reisebücher, Blumen und einen kleinen buckligen Bauernbuben zum Pagen. Sie trug jahraus jahrein weiße Kleider und farbige Ketten, die sie selbst verfertigte, des Sonntags eine zierliche echte Perlenschnur, ein Andenken von der Mutter. Sie sammelte Muscheln, Schmetterlinge und Käfer und nähte mit ihrer alten Wartefrau Kleidchen für arme Kinder, die meist zu klein ausfielen. Mit Mannsthals Gästen freute sie sich, obwohl sie viele unter ihnen nicht liebte, und stürzte sich mit hungrigen Fragen auf sie. Von der Welt, die man die Gesellschaft nennt, schien sie nichts zu wissen. Ihr war jeder Mensch ein zusammenhangloses Wesen und sie hielt ihm nichts zugute, da sie die Beziehungen seines Lebens nicht kannte und verstand. Oft aber entzückte sie ein Selbstverständliches. Urbacher verfiel immer wieder in Grübeleien über Vögelchens Zukunft. Mannsthal aber war keinerlei Erwägungen zugänglich. Man schlug ihm vor, mit Vögelchen zu reisen, da ihr Interesse für fremde Gegenden oft leidenschaftlich hervorbrach. Wenn nun auch Arabella noch keinerlei Unruhe zeigte, durfte Mannsthal ganz sicher sein, daß sie nicht in ihr unsichtbar sich vorbereitete? Als man ihm darüber Vorstellungen machte, meinte er, die Kleine sei eben nicht wie andere Vierzehnjährige, und sein Lächeln schien hinzuzufügen, er habe dafür gesorgt, daß ihr noch keine Flügel wüchsen. Es geschah jedoch, wie Urbacher es voraussah.
Es begab sich, daß Mannsthal, der Doktor und Vögelchen an einem blauen Juliabend an das jenseitige Ufer des Sees ruderten. Dort war vor kurzem ein verlassenes Schloß zu einer Fremdenherberge verwandelt worden. Auf der Terrasse, die weit ins Wasser hinausgebaut war, standen die Tische und Sessel, in denen die Reisenden und erholungsuchende Menschen sich müßig gegenüber saßen. Man konnte weithin den erhellten Saal sehen, aus dem oft wiegende Tanzmelodien klangen. Modisch gezierte Leute gingen hin und wieder. Adalbert, der diese Welt nicht suchte, aber niemals mied, begann mit Spott über dies Leben zu sprechen, das die Menschen zu Pagoden mache, in die Landschaft schlechte Farben und grelle Töne brächte. Es schien plötzlich eine Unrast in ihm zu sein wie in einem Tier, das etwas wittert. Der Abend barg eine von fremdem Duft beladene Schwüle, wie sie Gewitternächten vorangeht. Adalbert und der Doktor hatten fast den ganzen Tag im Studierzimmer verbracht, in die Angelegenheit einer Fälschung vertieft, der sie auf der Spur zu sein glaubten. Auch Vögelchen war den ganzen Tag über allein gewesen, wie vergraben zwischen ihren Blumen und Tieren. Das belebte Gelände am See erschien den aus der Einsamkeit Tauchenden wie eine Luftspiegelung; ganz fremd sah es in ihr Leben. Aber während Adalbert weiter sprach, als fürchtete er eine Stille, in die dies Fremde lauter tönen könnte, waren Vögelchens Augen mit jenem sich ansaugenden Ausdruck auf das Gestade gerichtet. Mannsthal saß am Steuer, während Urbacher in lässiger Betrachtung des neuen Bildes die Ruder gesenkt hielt.
Als er sie wieder aufnahm, sagte Vögelchen: „Bleiben wir noch.“
„Nein, wir müssen zurück. Es kommt Sturm,“ mahnte Mannsthal.
„Steigen wir aus,“ bat Vögelchen. „Ich will nicht bei Sturm auf dem See sein, bitte, Va.“ Sie sagte Va. Sie vermied, Vater zu sagen.
„Unmöglich, Kind.“
In dem völligen Gleichklang der Wünsche, der zwischen Vögelchen und ihrem Stiefvater herrschte, war dieser Mißton ein Ereignis, der schon einer starken Reibung gleichkam. Vögelchen biß die Lippen zusammen und preßte erbleichend die Hände aneinander. Ihr Blick blieb unverwandt auf das Ufer gerichtet, während Urbacher langsam heimwärts ruderte. Doch plötzlich schien sich die Pein zu lösen und einer neuen Hoffnung zu weichen.
„Ich möchte dort wohnen,“ sagte sie und ihr schmales Gesichtchen war von einer Freude und wie von einem Erstaunen über diese erhellt. Aber in diesem Augenblick, da ein heißer, plötzlicher Wunsch ihrer Sehnsucht die Tore brechen wollte, sah sie den Widerstand und der Anprall war stark.
„Was müßte geschehen, Va, daß ich in diesem Schlosse wohnen kann?“ rief sie.
„Nichts kann hiezu geschehen,“ sagte er.
„Müßte das Schiff brechen und wir von den Leuten dort gerettet werden?“ fragte sie weiter.
„Keiner würde für uns seine feinen Schuhe naß machen,“ erwiderte Mannsthal.
„Wenn wir nun heimkämen und das Haus stünde nicht mehr da,“ fragte sie, sich an das Wunder klammernd. Und als sie Mannsthal lächeln sah, fuhr sie fast böse auf. „Könnte es denn nicht abgebrannt sein oder eingestürzt? Wenn ich es ganz fest wollte, Va. Dann müßten wir im Schloß bleiben, es ist das einzige Obdach,“ jubelte sie.
„Und dein Dachzimmer mit den Puppen, Ari,“ sagte Mannsthal fast höhnisch, als wollte er sich rächen.
Vögelchen errötete und verstummte. In einer Mansarde bewahrte sie noch Spielzeug auf und ihr kleiner buckliger Page hatte jüngstens verraten, daß sie dort heimlich spiele.
Spät abends an dem darauffolgenden Tage, da Mannsthal in einer geschäftlichen Angelegenheit in die Kreisstadt gefahren war, spürte man plötzlich im Wohnhaus einen beizenden Geruch. Rauch schlug aus dem schwedischen Ofen. Gleichzeitig polterte der Knecht aus seiner Kammer die Bodenstiege herab. Das Haus brannte. Urbacher warf sich in seine Kleider und stürzte in Vögelchens Zimmer. Das Bett war zerwühlt. Er rief nach dem Kinde — kein Laut. Die Dienerschaft war schon auf den Beinen. Niemand hatte Arabella gesehen. Er gab Befehle, aber alles schien unwichtig, ehe man nicht Vögelchen gefunden hatte. Das Feuer ging von einer Vorratskammer am Dach aus. Es war zweifelhaft, ob man das Haus würde retten können, da es fast ganz aus Holz gebaut war. Das Wasser war nahe, aber außer einem Gartenschlauch gab es keine wirksamen Löschgeräte. Etwa zehn Minuten entfernt lagen drei kleinere Ansitze, das Dorf war doppelt so weit und seine Bewohner waren Mannsthal übel gesinnt seit einer Straßenangelegenheit, die er durchquert hatte. Es war nicht viel Hilfe zu erhoffen. Alles lief in fieberhafter Angst umher, hatte man nur Vögelchen in Sicherheit, dann mochten Hof und Haus in Trümmer zerfallen! Urbacher riß Türen auf, lief in den Garten, stürzte ins Haus zurück, hinauf bis zum qualmenden Dachboden. Da hörte er schluchzen. Es war das Weinen eines Kindes, das sich verlassen fühlt und dennoch, wie von Trotz gehalten, nicht um Hilfe rufen will. — In der kleinen Mansarde neben ihren verborgenen Puppen kniete Vögelchen. Der Rauch wob einen Schleier um sie, in ihrem Nachtkleid mit dem aufgelösten Haar war sie einem Engel vergleichbar. Dies hatte sie heraufgetrieben: sie wollte die Puppen retten und schämte sich, sie aus ihrem Versteck zu ziehen. „Vögelchen,“ rief Urbacher glückselig, und gleichzeitig fühlte er, wie eine andere Angst noch als die um des Kindes Sicherheit ihn freiließ. Sie war es nicht, die den Brand gelegt hatte. In diesem Falle hätte sie die Puppen, an denen sie so sehr hing, schon früher in Sicherheit gebracht. Aber warum weinte sie nun, da sie das Feuer tags zuvor erwünscht hatte? Sie sah Urbacher nun aus einem totenbleichen Antlitz regungslos an. Er riß sie auf, während sie noch rasch eine der Puppen an sich preßte, und trug sie in die Nacht hinaus. Niemals hatte Urbacher sie so in den Armen gehalten, „zurückgewichen in die bewußtlos-fromme Majestät der Kindlichkeit, der sie ihr Schmerz entriß“. Er fühlte ihren zarten Körper durch die leichte Hülle und hätte weinen mögen. Schon lag der Widerschein der Flammen auf dem See und tanzte in den Wellen, die der Nachtwind mit leiser Hand aufwarf. Im Bootshaus bettete er sie in den Kahn, doch als er sich wenden wollte, zum Rettungswerk zurückzukehren, fühlte er sich von zwei schlanken Armen umhalst und ein tränennasses Gesichtchen preßte sich an seine Wangen. Eine heiße Stimme, in der die Vögelchens kaum wiederzuerkennen war, flüsterte flehend: „Führ’ mich hinüber, dorthin, siehst Du? Es sind noch Lichter dort. Ich will das Feuer nicht sehen.“
„Kind, Kind,“ bat er und wollte sich losmachen. Aber ihre Finger gaben ihn nicht frei. Es war, als hätte sie Eisen in ihren mageren Händchen. „Ich komme wieder,“ sagte er. Da ließ sie ihn.
Die Löschaktionen waren im Gange. Auf der Landstraße, die längs des Sees lief, sah man ein Licht tanzen. In rasender Eile näherte es sich dem Brandplatz. Das war des heimkehrenden Adalbert Wagen. Urbacher stürzte in das Studierzimmer, warf einige kostbare Bücher und Manuskripte ins Freie, fand tastend im Rauch in dem aufgesprengten Kasten Mannsthals Wertgegenstände, die er seinem Diener übergab. Im Schein der Flammen raffte man etwas von Vögelchens aus den Fenstern geworfenen Kleidern zusammen. Urbacher stürzte zurück in das Bootshaus. Vögelchen lag ausgestreckt im Kahn, sie schien zu fiebern. Sie griff nach seiner Hand, preßte sie an ihre Lippen. Wenige Augenblicke später stieß das Boot ab. Das brennende Haus war die Leuchte.
Mannsthal verlangte keine Erklärung. Es mag sein, daß er sich den Vorgang selbst gedeutet hatte. Einem Menschen, der das Schicksal mit kühler, ruhiger Hand nach seinen Wünschen zu lenken schien, mußte diese Nacht mehr als eine schreckhafte Episode bedeuten. Er bestand auf einer genauen Untersuchung der Brandursache und merkwürdigerweise fiel der Verdacht auf den buckligen, halb blöden Bauernjungen, der nicht leugnete, auf dem Dachboden mit Zündhölzchen gespielt zu haben. Mannsthal veranlaßte vorläufig nicht die Wiederherstellung des Hauses, das dank einem starken Regen, der unmittelbar nach dem Eintreffen am jenseitigen Ufer niedergegangen war, teilweise verschont geblieben war. Er selbst reiste am Morgen der Brandnacht ab ohne Vögelchen zu sprechen, über deren Aufenthalt ihn der Diener gleich bei seiner Rückkehr aufgeklärt hatte. Er ließ sie in Urbachers Hut, als wäre dieser verantwortlich für des Kindes Flucht zu den Menschen, die ihm das Scheitern seiner Hoffnung bedeuten mochte. Sei es, daß er sich in einer Krisis befand, die er allein besser zu überwinden hoffte, sei es, daß er nicht mit ansehen wollte, wie Vögelchen sich selbst die Welt gewann, oder gar am Ende ihr böse war, er war nicht zu bewegen, ihr zu folgen oder sie zu sich zu rufen.
Arabella wohnte nun an dem modischen Gestade.
Am Morgen nach der Ankunft sah man sie bei einer alten Dame sitzen, eifrig plaudernd. Sie erzählte später, daß sie nicht geschlafen hätte und gleich, nachdem die Dienerin mit ihren Kleidern angelangt war, auf die Terrasse gekommen sei, voll Neugierde das neue Leben erwartend. Um nicht allein zu sein, hätte sie sich gleich zu der alten Dame gesetzt, die sich sehr freundlich ihrer angenommen habe. Wie es schien, hatte sich bei Vögelchen eine Schleuse geöffnet, aus der nun alles, was sie in ihrer Einsamkeit erlebt hatte, hervorstürzte. Die Dame, die, wie eine allseits verehrte Tante, unter den jüngeren Hotelgästen lebte, nahm Vögelchen, die ihr ein lächelndes Entzücken entlockt hatte, völlig unter ihren Schutz. Und bald war das Kind mit Jung und Alt befreundet und der Mittelpunkt des Interesses. Vögelchen schien es ganz selbstverständlich offene Türen zu finden.
Die Schloßgesellschaft war nicht gerade die übelste Auswahl jener Herdenmenschen, die weder vom Spiel der Nerven noch von bedeutenderen Geistesanlagen zu einem Abweichen von gewohnten Wegen und Gesetzen gedrängt werden. Ihre gewandte Beherrschung der Lebensformen erinnerte an die Sicherheit, mit der oft ahnungslose Kinder Gefahren bestehen. Immerhin hatte sie etwas Bestechendes. Vögelchen aber war nicht geblendet und besonders den jungen Männern gegenüber benahm sie sich fast geringschätzig. Offenbar glichen sie ganz und gar nicht den Helden, die in ihrem kindlichen Hirn thronten. Urbacher gefielen sie auch nicht sonderlich. Es waren Familiensöhne, Jünglinge, die sich ihrem Namen gegenüber verpflichtet fühlten einen bestimmten Lebensweg einzuschlagen, was ihnen beinahe etwas greisenhaft Abgeschlossenes gab. Sie waren in Leibesübungen gewandt und in deren Betätigung fast leidenschaftlich und ehrgeizig. Ihr geistiges Bestreben hingegen beschränkte sich auf eine flüchtige Umsicht, die möglichst viel umspannen sollte. Die Mädchen waren bescheidener. Die natürlichste Form guter Lebensart schien der Familie Normayr eigen. Man sprach von einem Sohn, einem jungen Seeoffizier, der erwartet wurde. Am Vorabend seiner Ankunft, es war zweifelhaft, ob Vögelchen sie wußte (keinesfalls schenkte sie dem Umstand Beachtung), hatte sich ihrer Unrast bemächtigt. Am folgenden Morgen, als Vögelchen die Stiege hinabschreitet und der jugendliche Offizier in der sommerlichen weißen Seemannstracht ihr an der Seite seiner Schwester entgegenkommt, ist ihr Blick mit einem Male wie gebannt gewesen, verstrickt in dies gebräunte Jünglingsangesicht. Auch Urbachers bemächtigte sich ein freudiges und beklommenes Staunen, als ginge es von Vögelchen auf ihn über. Der junge Seeoffizier, auf dem ein Abglanz lag von den siegreichen Tagen von Lissa, unterschied sich allerdings schon auf den ersten Blick von den anderen jungen Leuten. Er war über sein Alter ernst und bei aller Bescheidenheit in sich gefestigt. Eine Herbheit ging von ihm aus, wie die Seeluft rein und erfrischend. Auch er besaß Unterwerfung in den herkömmlichen Willen der Familie, nur war sie bei ihm nicht Dünkel, sondern Ehrfurcht und vielleicht deshalb bedingungsloser, denn sie lebte neben seinem klaren, menschlichen Blick.
Er war streng gegen Vögelchen von der ersten Stunde ihrer rasch aufblühenden Freundschaft an. Ihm war wohl, er dürfe es, er hätte dies Amt über sie. Ihrer kleinen Teufeleien mußte er Herr werden, wollte er auf den Grund ihrer Seele schauen. Und Vögelchen ging umher in Leuchten und Staunen und hin- und hergewiegt zwischen Furcht und Frage. Dennoch formte sich zu dieser Zeit ihr Wesen zu etwas Festerem. Aus ihren Instinkten wollte sich Bewußtes entwickeln. Die vielen Plauderstunden mit dem neuen Freund begannen aus ihrer süßen, kleinen Tier- und Kindseele den Menschen zu wecken. Der junge Offizier, darüber konnte kein Zweifel sein, stand ebenfalls unter einem jener leisen Wunder, wie sie in der rückhaltsvollen Welt immer seltener werden, und er mochte ganz und gar bereit sein, sich dem neuen Zauber hinzugeben. Auch seine Mutter war Vögelchen gewogen und scheinbar erfreut, dereinst vielleicht das vermögende Mädchen als Tochter willkommen zu heißen. Urbacher sah des Kindes Strahlen und erlebte im Vorgefühl Mannsthals ohnmächtige Trauer, den Zusammenbruch seines geheimen Planes, der in seinen Zielen ihm unheimlich erschien und dennoch erhellt von dem Wetterleuchten seines eigenen zwiespältigen Herzens. Eine abwartende Scheu hemmte ihn dem Freunde Mitteilung zu machen, obwohl er in dunklen Augenblicken sein blitzartig zerstörendes Eintreffen beschwor. Er begnügte sich indes noch die Aufforderung, sich ihnen zuzugesellen, auf das dringendste zu wiederholen.
Der Gesellschaft hatte sich eine Spannung bemächtigt. Es lag ein Ereignis in der Luft. Auch das Wetter war in diesen Tagen schwül und lastend, bis es sich schließlich unter Donner und Blitzen gesäubert hatte. Der Regen, der so andauernd und heftig gewesen, daß der See über seine Ufer trat, brachte aus den Felsen, die die Landstraße längs des Wassers säumten, Sturzbäche hervor. Man sprach davon, die Straße für den Wagenverkehr zu sperren. Das Zögern des Verbotes hatte ein Unglück zur Folge, aus dem sich die Begebenheit entwickelte, die jene Spannung auf eine merkwürdige Art löste.
An dem Morgen, der den Wettertagen folgte, fuhr nämlich Mila Maquard mit ihrem Wagen von einem der nahen Kurplätze über die gefährdete Straße. Mila Maquard war eine jener Frauen, deren Haar nicht ganz die Farben der Natur hat, deren Perlen ungewöhnlich groß sind, deren Kleidung eine verschwiegene Sorgfalt aufweist und deren Hochmut Triumphen entspringt, über die man bedeutsam zu schweigen pflegt. Mila Maquard war von großer Schönheit und es war ihr eine natürliche Anmut geblieben, die auch Frauen entzücken mußte, deren Auge nicht von bürgerlicher Verachtung trübe war.
Als sie nun ahnungslos jene Stelle der Fahrstraße passierte, wo das Wasser in den Felspartien verheerend gewirkt hatte, ging eine Erdrutschung nieder. Ihr Kutscher wurde schwer verwundet, sie selbst aus dem Wagen geschleudert, wodurch sie einen Bruch des Armes und einen leichten Nervenschock erlitt. Die Unfallsstelle war nicht weit vom Schlosse und der herbeigerufene Landarzt verfügte dahin den Transport der Verletzten. Man war zu der verhängnisvollen Stätte geeilt und einige Herren hatten die Verunglückte erkannt. Alsbald waren auch die Damen unterrichtet und eine eisige Teilnahme wurde der schönen Maquard zuteil.
Während man sie und den Kutscher in den Saal hingebettet hatte und der Arzt sich um sie bemühte, standen die Gäste auf der Terrasse in Gruppen umher. Lebhafte Gespräche entwickelten sich. Man schien nicht geneigt, der Fremden Gastfreundschaft zu gewähren. Frau von G., die Mutter von vier Töchtern, deren Verheiratung das Ziel der Sommerreise war, ereiferte sich ganz besonders. Ebenso Baron M., der sich abseits, wie man bemerkt hatte, für sein korrektes Benehmen in ausgiebigster Weise schadlos zu halten verstand. Er mochte Gründe haben diese Begegnung unter dem Auge der Familie zu scheuen.
Als die Debatte, die wegen der Nähe der jungen Mädchen nur andeutungsweise und im Flüstertone geführt wurde, ihren Höhepunkt erreicht hatte, erschien der Pächter und fragte auf das höflichste an, ob man die Güte haben würde, der Verunglückten in dem vollbesetzten Hause dadurch Platz zu machen, daß etwa zwei der jungen Leute in einem Zimmer schlafen würden, so daß man einen Raum gewänne. Es sei bemerkt, daß von dem Augenblick, da Mila Maquard sich in dem Hause befand, eine Veränderung mit der Gesellschaft sich vollzogen hatte. Die Herren waren mit einem Male sehr angeregt, als wäre nicht eben ein Unglück geschehen, das einen tödlichen Verlauf hätte nehmen können. Besonders die Jünglinge bezeigten ein lebhaftes, wichtigtuendes Wesen und den Fräulein ihres Kreises eine gewisse Geringschätzung. Ihre Beflissenheit beim Transport der blonden Dame war auch ganz außerordentlich gewesen. Aber auch die Damen wurden lebendiger, die Freudigkeit einer Abwechslung war auch in ihre Nerven gefahren, nur daß sich ihr Verhalten sogleich kriegerisch färbte. Der junge Normayr war mit seinem Segler am See. Da es sehr stürmisch war, hatte man Vögelchen bestimmt, ihn nicht zu begleiten, so daß es auch Zeugin des Unfalls gewesen war. Wo aber trieb es sich nun herum? Urbacher näherte sich der Terrasse und sah seine Vermutung bestätigt: Vögelchens weiße Gestalt lehnte dort an einer Holzsäule. Ihre Kinderaugen wandten den Blick nicht von der hübschen Frau, die auch in der Lage, in der sie sich augenblicklich befand, nichts von ihrer typischen Eigenart verloren hatte, die zu der des Kindes in einem so starken Gegensatz stand, daß die Frage nahe lag, ob die beiden denn Wesen einer Art seien. Als Vögelchen Urbacher sah, kam sie auf ihn zu und flüsterte: „Ist sie nicht schön? Glaubst du, daß es eine Prinzessin ist?“
Die gute Frau von G. war mittlerweile in so große Aufregung geraten, daß sie das „pas avant les enfants“ vergessen hatte, als sie nun das Wort ergriff, um dem Hotelier zu antworten: „Wir sind alle der Meinung, daß es unmöglich ist, diese — diese Frau hier aufzunehmen. Wir können Ihnen nun freilich keine Vorschriften machen, aber ich für meine Person versichere Ihnen, daß ich mit meiner Familie morgen abreise, wenn sich diese Person hier auf einen längeren Aufenthalt einrichten wollte, und ich bin sicher, daß wir nicht die einzigen wären.“
„Ich bitte, sich zu beruhigen, gnädige Frau,“ sagte der Pächter. „Wir befinden uns ja noch unter dem ersten Eindruck dieses Unfalles. Was die Dame weiterhin zu tun gedenkt, ist mir völlig unbekannt, aber jedenfalls ist ihr für die nächsten Tage die Weiterfahrt ärztlich verboten.“
„Das ist ja sehr traurig, mein lieber Rösler,“ sagte die Baronin. „Man hätte eben die Straße für Wagen sperren sollen. Wir wollen aber in unserem Aufenthalt nicht gestört sein und Sie können uns nicht zumuten, mit dieser — dieser Frau unter einem Dache zu wohnen.“
Herr Rösler bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. „Verzeihen Sie, Gnädigste, aber versetzen Sie sich in meine Lage. Kann man eine Verunglückte vor die Türe setzen?“
„Nun dafür gibt es Beispiele,“ erklärte Frau Kommerzialrat Lobling. „Ich habe es selbst mitgemacht, daß man in K. zwei Lungenkranke abwies, die in unserem Hotel einkehren wollten.“
„Das ist abscheulich,“ sagte da eine bebende Stimme, und Vögelchen stand plötzlich im Vordergrund. Sie war bleicher als sonst und sprach in sichtlicher Erregung. „Ja, warum soll denn diese liebe Dame nicht hier schlafen?“ rief sie. „Wo soll sie nun denn wohnen? Vielleicht wäre es mir auch so ergangen, als uns das Dach wegbrannte, wenn ich am Tage gekommen wäre und man über mich abgestimmt hätte. Vielleicht hätte man mich auch verjagt.“
Einer der Jünglinge lachte, und im nächsten Augenblick entlud sich eine allgemeine Lachsalve. Vögelchen wurde glühend rot. Sie fühlte jetzt, daß sie etwas Einfältiges gesagt hatte, und große Tränen traten in ihre Augen.
„Ich bin natürlich gern bereit, mein Zimmer abzutreten, falls sich keiner der jungen Leute bereit erklärt,“ sagte Urbacher.
„Nein, das dürfen Sie nicht,“ unterbrach ihn der Baron. „Ich wäre ja auch bereit. Aber das ist nun einmal eine Prinzipiensache. (Wir sprechen ja wohl noch darüber, wenn wir unter uns sind.) Sie beschämen unsere jungen Leute oder drängen sie, den Damen gegenüber einen Taktfehler zu begehen.“
„Ich habe mein Wort verpfändet das Hotel nicht zu verlassen. Wenn mir keiner der Herren in seinem Zimmer Gastfreundschaft gewährt, ist meine Bereitwilligkeit leider ohne Wirkung.“
Eisige Stille folgte seinen Worten. Der Hotelier zuckte die Achseln und entfernte sich. Ihm war es ja schließlich auch lieber, wenn ein Fräulein Maquard nicht unter den Gästen seines Familienhotels erschien. Er selbst hatte sein Zimmer vermietet und wohnte in einer schlechten Mansarde.
Die Gesellschaft zerstreute sich. Die Herren waren froh unter sich zu sein. Die jungen Mädchen blieben beisammen und ließen ihrer Neugier freien Lauf.
Indessen war der junge Normayr gelandet und sogleich von den Begebenheiten unterrichtet worden. Als er nun zu Vögelchen trat, umwogte sie eine Welle von Zärtlichkeit, die aus seinen klaren Augen zu ihr ging. Sicher hatte er von ihrer rührenden, kleinen Standrede gehört. Als sie dann plaudernd auf- und abwanderten, kam Ruhe über sie.
Für den Nachmittag projektierten die Damen nicht ohne Hintergedanken einen Ausflug. Fräulein Maquard war indessen in dem Rauchzimmer untergebracht. Der Pächter war in einer verzweifelten Lage. Die Gesellschaft brach auf, ehe er nochmals an sie herantreten konnte. Auf diesem Ausflug schien sich zwischen Vögelchen und ihrem schönen Freunde eine Annäherung vollzogen zu haben, die nun manches bisher Unausgesprochene zur Wortschwelle gedrängt hatte. An diesem Abend entschloß sich Urbacher, Mannsthal von dieser Annäherung zu verständigen.
Was Fräulein Maquard betrifft, so fand man, vom Ausfluge zurückgekehrt, keine Spur mehr von ihr. Eine gewisse Scheu der Beschämung, wie sie Menschen oft befällt, wenn ihnen eine schlechte Tat gelungen, hielt die Frage zurück, wohin sich die Verunglückte gewendet habe. Die Lustigkeit, die die Gesellschaft an diesem Abend entfaltete, war nicht ehrlich. Man wollte sich über sein schlechtes Gewissen hinwegamüsieren. Selbst die Admiralsfrau von Normayr war geräuschvoll und ganz besonders liebenswürdig Vögelchen gegenüber, wohl um zu beweisen, daß sie ihre vorlaute Ansprache nicht übel genommen habe, da nun alles sich zur Befriedigung der gefährdeten Ehrbarkeit gewendet hatte.
Wie sehr erstaunte man aber, als am darauffolgenden Morgen Mila Maquard, den Arm in der Schlinge, ein wenig bleich, unter den Frühstücksgästen erschien und mit der größten Ruhe, ohne irgend jemanden zu beachten, in der guten Morgensonne, die sich nicht scheute auch sie zu bescheinen, ihr umfangreiches Frühstück einnahm.
Die Gespräche verstummten. Frau von G. schien von Gelbsucht befallen, die Mädchen wagten nicht aufzusehen, die jungen Leute sprachen lauter, als ihre Gewohnheit war, und prahlten mit bereits bekannten Ereignissen. Ein Sturm der Entrüstung brach los, als Mila Maquard die Terrasse verließ.
Urbacher war die ganze Zeit über ein wenig unruhig gewesen, weil er Vögelchen, die eine Frühaufsteherin war, vermißte. Ihr Freund, der bei ihm saß, teilte seine Unruhe. Nun kam sie, eben als der Redeschwall losbrach, langsam und verschlafen die Stufen des Hauses herab.
„Das ist unerhört,“ erklärte Frau Kommerzialrat Lobling, deren Kleid entschieden von dem Mila Maquards geschlagen worden war.
„Eine Hinterhältigkeit, eine Unverschämtheit von diesem Rösler,“ rief Frau von G.
„Meine Meinung wird er hören,“ pfiff die Baronin.
Auch die Admiralin war so ungehalten, daß ihr Sohn sie zu beruhigen trachtete.
„Wissen möchte ich, wer den Mut gehabt hat, ihr das Zimmer abzutreten,“ sagte der Baron. „Wissen Sie es vielleicht?“ fragte er die Kellnerin.
Da trat Vögelchen dicht heran. Sie sagte mit leiser, aber fester Stimme: „Das Fräulein hat in meinem Zimmer übernachtet.“
„Und du,“ fragte arglos Fräulein von Normayr in die peinliche Stille. „Hast du die Nacht im Walde verbracht?“
Vögelchen schüttelte den Kopf. Ihr Blick suchte den ihres Freundes, der dem ihren nur scheu begegnete.
„Nein,“ sagte sie. „Das Fräulein und ich schliefen in einem Bett.“
Die Admiralin stand auf und sagte: „Pfui, schämen Sie sich.“ Vögelchen erbleichte. Einen Augenblick hielt sie den Atem an, dann brach es aus ihr aus: „Pfui, ja pfui über Sie alle, über Ihren Hochmut, Ihre Unbarmherzigkeit.“ Erhobenen Hauptes entfernte sie sich.
Was nun folgte, war schmerzlich. Der junge Seeoffizier mied Vögelchen, die sich geweigert hatte, seine Mutter um Entschuldigung zu bitten. In einer Unterredung bat er den Doktor Urbacher, die Annäherungen an seinen Schützling zu entschuldigen. Gegensätzlichkeiten einschneidender Art nötigten ihn, den Verkehr aufzugeben, wie schwer dieser Verzicht ihn auch getroffen. Vögelchen erwiderte hoheitsvoll die Geringschätzung, die ihr von allen Seiten zuteil ward. Was Urbacher am bittersten schmerzte, war, daß sie ihm gegenüber den Vorwurf zu hegen schien, daß er sie vor den Menschen nicht gewarnt habe. Dies Erlebnis der Enttäuschung setzte Mannsthal wieder in seine Rechte ein. Zwei Tage nach diesen Begebenheiten fuhr er vor. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verjüngt. Die alljährliche Wirkung seiner Sommerkur wurde diesmal noch durch seine Bartlosigkeit unterstützt. Selbst seine Kleider hatten einen andern Schnitt. Vom neu erworbenen Wagen sprang ein weißhaariger Kammerdiener und öffnete dem Herrn, der neben ihm ein Jüngling schien, den Schlag. Merkwürdigerweise war Mannsthal über alles Vorgefallene unterrichtet. Die Auseinandersetzung, die nun zwischen ihm und Urbacher stattfand, hatte den Abbruch ihrer vertrauten Beziehungen zur Folge.
Erwachen
Das Zerwürfnis der beiden Freunde wäre unter anderen Umständen kaum so einschneidend und unwiderruflich gewesen. Mannsthal aber mußte bei der Ausführung eines Planes, der zu diesem Zeitpunkt einsetzte, vollständig ungestört und unbeobachtet sein. Er war durch einen berufsmäßigen Vertrauten, dessen Gewandtheit er schon mehrmals erprobt und der seinerseits sich mit einer im Schlosse wohnenden Erzieherin in Verbindung gesetzt hatte, über Vögelchens Leben daselbst aufs genaueste unterrichtet gewesen. Der gefürchtete Augenblick, den er noch in weiter Ferne wähnte, war gekommen. Vögelchen war einem Manne begegnet, einem Jüngling, dem sie sich geneigt fühlte. Solange alles furchtbar gefahrvoll schien, der junge Normayr Aussicht hatte, des Kindes vollstes Vertrauen zu erwerben, kostete Mannsthal die Lust, jene Gefahr bis zum Äußersten zu erleben. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, wenn alles verloren schien, ein grausames Nein zu sprechen. Nun aber hatte die Sachlage für ihn eine überraschend günstige Wendung genommen. Es lag etwas Unwahrscheinliches über diesem Naturereignis, das ihm so trefflich in die Hände gearbeitet hatte. Er zweifelte nicht, daß sein geheimer Wille Anschluß an höhere Macht gewonnen habe. An die Verwirklichung seiner Wünsche heftete sich kein Zweifel mehr. Als Sieger schon fuhr er in K. ein.
Vögelchen war in grausamere Fremdheit zurückgestürzt, in eine Öde, die mit jener nicht vergleichbar war, aus der sie sich zuweilen an das belebte Gestade gesehnt hatte. Jetzt schien ihr schon die Insel des Lebens durchquert und einer Wüste vergleichbar. Wäre nicht jene Nacht gewesen, die sie mit Mila Maquard verbracht! Irgendwo gleißte aus ihr ein Unbekanntes in die Ferne, schien selbst ein feuriger Faden, der durch Dunkelheiten lief, einer großen Flamme entgegen. Die scheue Freude und Ruhe, die sie im Umgang mit dem jungen Normayr genossen, sie wußte sie nicht mehr, seitdem er ihr wie erloschen schien. An ihrer Stelle saß ein kleiner Wurm in ihrem ehemals so aufgeschlossenen Herzen, das sich nun gefaltet hatte wie ein Blümlein zur Nacht. Als sie Mannsthal erblickte, stürmte sie auf ihn zu, aber sein verändertes Aussehen stürzte die Freude zurück in ihre Brust. War er es? Er folgte ihr auf das Zimmer, hielt prüfend seine kühle Hand an ihre Wange, fand, daß sie fiebere, und gebot ihr sich hinzulegen. Während sie in leiser Furcht und dennoch beglückt seiner Anordnung gehorchte, stand er vor ihr und meisterte die eigene Erregung. Er selbst war ihr behilflich, als sie dem Mädchen klingeln wollte. „Ich weiß, was vorgefallen ist,“ sagte er und setzte sich zu ihr. „Du mußt jetzt ganz ruhig bleiben, es wird sich alles von selbst lösen. Du mußt mir nur wieder vertrauen.“ Er streichelte leise ihr Haar, das aufknisterte wie nie zuvor, und seine Hand glitt wie beschwichtigend über ihre Schultern hinab. Da sah er Glut in ihre Wangen steigen. Eine Erinnerung hatte sie überwältigt und plötzlich riß sie sich aus der Betäubung, die er über sie hingoß, preßte ihre Arme um seinen Hals und schmiegte das heiße Antlitz an seine Wange. Sie hatte küssen gelernt.
Er atmete schwer, machte sich los. „Kind,“ sagte er, „wie bin ich jetzt erschrocken. Das Fieber macht dich so stürmisch. Ich gehe jetzt, du mußt ruhiger werden. Ich muß ja nun dringend Urbacher sprechen.“ Er verließ sie fliehend.
Vögelchen lag nun und die Stille tat ihr wohl. Denn nun war sie innerlich beruhigt wie nie zuvor, nun fühlte sie Geborgenheit und jenes Gleißende, womit ihr die verunglückte Frau für ihre Gastfreundschaft gedankt, glühte ihr näher und wärmer. Spät abends trat Mannsthal zu ihr und berichtete, daß Urbacher abgereist sei. Um die Aufregung des Abschiedes zu meiden, hätte er nur einige Worte für sie hingeschrieben. Vögelchen las: „Mein gutes Kind. Wir alten Freunde sind uneins geworden. Vergiß darüber nicht, daß in Treuen dir zugeneigt bleibt dein Freund Clemens Urbacher.
Ich meinte es gut. Trauere nicht über Leid. Schmerz erhöht.“
Vögelchen begann zu weinen, lautlos wie immer, wenn es weinte. Große Tränen rollten aus leuchtenden Augen über ein bewegungsloses Antlitz. So war Vögelchens Weinen. Mannsthal saß an ihrem Bett und küßte ihr Stirn und Haar. Sein Taschentuch, dem ein seltener, ihr unbekannter Duft entströmte, trocknete langsam die mählich versiegenden Tränen. Am folgenden Morgen saß Arabella, vom Schlaf erquickt, am Strande beim Frühstück. Die Leute schienen nun nicht mehr für sie vorhanden, obwohl die prunkvolle Ankunft Mannsthals nicht ohne Wirkung auf ihr Benehmen geblieben war. Vögelchen aber bemerkte es nicht, sie sah niemanden, sie wartete auf Va. Adalbert Mannsthal erschien im indischen Seidenanzug und erregte die Aufmerksamkeit der Sommergäste. Er küßte Vögelchens Stirn, im Flüsterton unterhielt er sich mit ihr. „Wie ich höre, war es die Maquard, die hier war. Ich werde mich nach ihrem Befinden erkundigen.“
„Du kennst sie?“
„Wer kennt sie nicht?“
Vögelchen errötete.
„Eine so schöne Erscheinung,“ fügte er hinzu. „Eine scharmante Frau. Ich werde sie bitten, dir bei ihren Kaufleuten einige neuartige Kleider und was du sonst noch brauchst zu bestellen. Da sie dich kennt, wird sie das Richtige treffen. Sie hat dich ja auch entkleidet gesehen und weiß ungefähr deine Maße, nicht wahr?“ Wieder errötete das Mädchen und blickte auf ihren Teller herab. Mannsthal lächelte fast unmerklich. „Wird es dir Freude machen, Ari, wie eine kleine Prinzessin gekleidet zu gehen?“ sagte er dann. „Sieh mich doch an.“ Er zwang ihren Blick in den seinen. „Denn wenn wir jetzt reisen, brauchst du schöne Dinge.“ Vögelchens Hände klammerten sich an seinen Arm und mit verzücktem Ausdruck preßte sie die Lippen zusammen, als müßte sie ein Jauchzen in ihrer Brust verschließen.
„Nun ja, wir wollen jetzt reisen, da du nun einmal unter die Menschen gegangen und an ihnen klug geworden bist,“ antwortete er. „Nun bleibst du ja auch eine Weile bei mir?“ Sie preßte seine Hand: ein glühendes Versprechen.
Vögelchen sah mit Erstaunen, wie er, den sie lässig und oft müde gekannt, die Segel meisterte. Sie war stolz darauf, daß er sich Normayr zur Seite stellen konnte. Wie er nun zur Maquard fahren wollte, machte sie sich eiligst bereit, ihn zu begleiten. Ihr Gesichtchen wurde nachdenklich, als er erklärte, sie nicht mitnehmen zu können. „Nicht etwa, weil ich sie aussätzig finde, wie diese Leute hier.“ Da hob sie den Kopf und sagte eigensinnig: „Du willst allein sein mit ihr.“ Vögelchen blickte Mannsthal an vom Kopf bis zu den Füßen. Sie schien erst jetzt bewußt zu empfinden, daß er ein Mann sei, und so gut wie ein anderer mit jener Frau in einer dieser geheimnisvollen Verknüpfungen stehen konnte, von denen die Leute gemunkelt hatten. Sie gedachte der seltsamen Nacht und Schauer von Ahnungen durchbebten sie. Zugleich empfand sie Eifersucht und verfiel in Unmut. Mehr als Ärger war es, der sich schon bis zu Zornausbrüchen bei ihr steigern konnte, wenn sie sich vor Rätseln sah, die den Andern völlig klar waren. Er gab nach, verschob den Besuch. Sie machten eine Spazierfahrt, stiegen aus und gingen durch ein benachbartes Dorf. Sie trafen dort den jungen Normayr mit einem älteren Offizier. Er erschrak, grüßte ehrerbietig. Vögelchen nickte ihm zu. „Das war er,“ sagte sie nach einer Weile.
„Ich dachte es mir,“ sagte Mannsthal erschauernd. Dann schwiegen sie. Aber auf der Rückfahrt nahm er plötzlich ihren Kopf zwischen seine Hände und küßte sie. Vögelchen sah eine Träne in seinem Auge.
„Va,“ rief sie und drückte seine Hände leidenschaftlich an die Lippen.
Als Vögelchen nach dem Essen auf ihr Zimmer gegangen war, schritt Mannsthal etwa zehn Minuten den See entlang. Dort stand sein Wagen. Er fuhr zur Maquard.
Des Morgens war er zurück. Nun wußte er mehr, als ihm lieb war. Die Maquard hatte ihm vorgearbeitet. Vielleicht hatte sie seine Absichten unbewußt gefördert. Er verschwieg Vögelchen den Besuch, ja er versuchte diese Begegnung in ihrer Erinnerung zu verdunkeln. Andere Eindrücke sollten sie verdrängen. Indessen kamen die Koffer mit den bestellten Kleidern, Mänteln, Hüten, Schuhen, mit blütenfeiner Wäsche, neuen Gepäckstücken und Toilettegegenstände mit Vögelchens Namenszug „Arabella“. Das Kind freute sich und auch das Mädchen schon, das gefallen wollte. Das Vögelchen von früher hätte manches abgelehnt von den neuen Dingen, die allerdings die Maquard mit seltenem Gefühl der Anpassung gewählt hatte. Ihre Jungfer hatte zurechtgemacht, was da und dort noch fehlte, und Vögelchen meinte, sie wäre zu ihr von einer Putzmacherin gesandt. Tags darauf veranlaßte Mannsthal die Übersiedlung in einen Gasthof an einen der benachbarten Seen, wo er Vögelchen mit dem Diener Camill allein ließ, um einige Geschäfte zu ordnen, ehe sie die Auslandsreise antraten.
Student Kruger
Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel einer Schwalbe im Sonnenlicht. „Flieg, Fünkchen, flieg,“ sang sie leise und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien, in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre „Er“ denn sonst nicht mit ihr geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter, nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich. Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden?
Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich.
Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen. Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach in sie ein, bis er das Geheimnis des „Stromes“ aus ihr holte.
„Wer ist Gott?“ fragte sie.
„Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner Religion.“
„Und was ist das, was ihr die Seele nennt?“ fragte Vögelchen.
„Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen, dein Geben in Demut.“
„Und was ist Demut?“ fragte Vögelchen.
„Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut ist Liebe gewordenes Leid.“
„Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,“ sagte Vögelchen und bescheiden setzte sie hinzu: „Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb mir das zum Abschied.“ Und plötzlich brach sie aus: „Ach, warum ist er fort, der gute, gute Onkel Clemens?“ Sie begann zu weinen. Student Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit.
„Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,“ fragte sie dann und trocknete ihre Tränen.
„Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.“
„Ich war nie krank,“ sagte Vögelchen.
„Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.“
„Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.“ Sie sah ihn kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen, prahlte ihr Blick.
„Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran wärest du gestorben,“ sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile an. „Bist du eigentlich schon ein Mädchen?“ fragte er plötzlich. „Wie alt bist du?“
Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. „Ich war immer ein Mädchen,“ antwortete Vögelchen ernsthaft.
„Ich meine, ob du noch Kind bist?“
Vögelchen richtete sich zornig auf. „Ich wäre ja beinahe Braut geworden,“ rief sie. „Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen Sie wissen. Ich habe keinen Vater.“
„Und deine Mutter?“ Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und warf ihn von sich. Dies war die Antwort.
„Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das versuchen.“ Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie nickte.
„Rasch, sonst verliere ich den Mut.“ Er tat es. Sie ritzte sich in der Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor. Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. „Wahrhaftig, es schmerzte nicht,“ sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen Glanz.
„Ariels Blut,“ sagte er leise. „Wein des Lebens.“
„Ich kann es nicht sehen,“ sagte Vögelchen, die immer bleicher wurde.
„Und müßt doch bluten, ihr Frauen.“
„Red’ nicht so hoch daher,“ rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die Hand. „Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.“
„Ich möchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein auch.“
„Ich mag nichts von dir,“ sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener Hund, dann beugte er sich über sie und flüsterte angstvoll: „Aber ich lasse dich nicht.“ Vögelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz über ihr schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke über ihr ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern würgende Faust auf ihren Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schläfen zu ihrem Herzen hinab. Sie wurde ohnmächtig.
Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug sie die Augen auf. „Er hat mich gebissen,“ sagte sie und deutete erzürnt auf Kruger, der bestürzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter Vögelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn, andeutend, daß er an der Vernunft seines Fräuleins zweifle.
Vögelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrüßte sie mit tiefen Verbeugungen. Er saß in einem Gartenhaus hinter Büchern bei einer Schreibarbeit. Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die Luft. Vögelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige Mal um das Häuschen herum, setzte sich dann in Hör- und Sehweite, mit dem Schnitzen einer Gerte beschäftigt.
„Ja, da brauchte man ein Papier,“ sagte sie, scheinbar zu sich selbst sprechend. Ein kleiner Junge lief vorüber und sah das kleine Fräulein an. „Ich mache eine Fahne,“ sagte sie, „für mein Schiff. Aber dies ist erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib’ ich darauf ‚Fünkchen, flieg‘. So heißt mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder heißt du vielleicht Seppel?“ Der Junge nickte. „Nun, kannst du nicht reden? Aber nicken kannst du doch? Andere können nicht einmal nicken, und wenn du ein Student wärst, hättest du auch ein Papier.“ Seppel murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverständlich machte, und verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen.
Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der Hand.
„Ach, Sie sind hier?“ sagte Vögelchen.
„Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.“
„Einbildung,“ sagte sie.
„Das ist keine Schande unter guten Freunden.“
„Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wußte ich noch nichts von Ihnen.“
„Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.“
„Ich, Sie lieben!“ Sie lachte.
„Lieben Sie den Vogel dort, der über dem Baum schwirrt? Vor einer Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkäferchen, das morgen tot sein wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben fortlief?“
Sie dachte nach. „Ja,“ sagte sie. „Aber Sie? Nein.“
„Auch mich, aber das ist nichts.“ Er machte eine Handbewegung, als schöbe er etwas weit weg, und immerzu noch lächelte er unter dem Glück, daß sie wieder zu ihm gekommen. „Auch mich, aber Ihre Liebe gehört allen und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flügel. Es saugt sich dort an und da an und es wird süß werden wie Honig. Dies ist der Sinn Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und nicht studieren, es sei denn, Sie täten es einem Menschen zulieb. Sie werden nicht sticken und Bücher lesen, und ich glaube, daß Sie niemals ein Kind haben werden.“
Vögelchen hatte still zugehört. Jetzt kam Bewegung in sie. „Ich will Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nächstes Jahr vielleicht schon,“ sagte sie.
Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. „Deine Wiege stand im Wüstensand, im Land des Morgens,“ sagte er mit weitausschauendem Blick, als predigte er. „Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und Du.“ Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens. Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg ihn in seiner Brust.
Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter ihnen.
„Der gnädige Herr sind angekommen,“ sagte er.
Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen, schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna, das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen.
Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches, mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal, der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen.
Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K. begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse, die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes, Unheimliches nicht würde bannen können.
Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las. Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: „Bitte, setzen wir uns doch endlich, ich bin müde.“ Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen konnte.
„Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir. Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?“ Dann hörte er weiter aus Mannsthals Munde das Wort „Erbin“. „Du willst ihr ein glänzendes Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.“ Die Frau antwortete: „Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht länger.“
„Man hat dich nicht gewarnt? — Urbacher? Oder spionierst du?“
„Nein, verdächtige niemanden. Gewissen —“
„Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann geopfert, der von mir bezahlt war? Muß ich dich wieder daran erinnern?“ Die Stimmen wurden lauter.
„Du lügst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.“
„Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine Kostbarkeit immer bei mir. Für alle Fälle.“
„Aber ich dulde nicht, daß du im Ausland lebst. Daß du das Kind verschleppst.“
„Sie haben keine Rechte zu verbieten.“
„Und wenn ich dich verdächtige, daß du nicht als Vater an ihr handelst?“
„So werde ich vor den gröbsten Mitteln nicht zurückscheuen. Noch einmal solch ein Überfall und ich erzähle Arabella alles.“
„Willst du ihr verächtlich werden?“
„Willst du, daß sie die Erinnerung an dich, daß sie das Wort ‚Mutter‘ für immer austilgt?“
„Erpresser,“ sagte die Frau.
„Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich, mehr als Recht und Ehre. Kehr’ in dein Leben zurück, das du dir freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.“
Die Frau stand auf. „Treib’ es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind im Auge zu behalten.“ Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt herankam, grüßte er.
„Auf ein Wort, bitte.“ Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte:
„Was wollen Sie?“ Ein Bettler war das nicht.
„Ihre Adresse,“ sagte Kruger — „für alle Fälle.“
Die Dame erbleichte. „Wer sind Sie,“ stieß sie hervor.
„Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches Postamt?“
Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde.
Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers. Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind, dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte, zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah? Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als gelte es eine Erscheinung zu fassen: „Wieder auferstanden?“ sagte er grinsend.
„Schweig,“ flüsterte sie. „Va braucht uns nicht gleich zu hören und Camill verrät uns.“
„Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella Mannsthal in die Welt.“
„Ja, morgen fahren wir in die Welt.“
„Du Glückliche,“ seufzte Kruger, „wenn du wüßtest, wie ich mich hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden. Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel, wird der große Brand über dich kommen. Sieh,“ fuhr er in schlichter Ergriffenheit fort, „dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das Feuer.“
Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte. Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß: „Lass’ dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust. Ströme aus in unendlichem Geben.“
Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel mehr, als er sagte: „Tu es mit ganzer Seele.“ Sie sah nicht, wie seine bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum erloschenen Fenster Mannsthals.
„Ich werde dich wohl nie mehr sehen,“ sagte sie traurig.
„Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum Äußersten stärken.“ Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut. Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter.
„Schreib mir,“ hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten durchschauert.
Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt. Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken. Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz. Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt in die Landschaft ...
Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in verschmachtendem Schmerz.
Adalbert Mannsthal
„Il avait toujours eu le malheur d’être riche.“
(Romain Rolland
„Dans la Maison“)
Fünfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saßen in dem Parke der Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen — sie waren etwa fünfzehnjährig — von „Unerlaubtem“. Einer von ihnen führte das Wort, manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es schien, als höre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und sähe nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte. (Es war ein Kästchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre Eröffnungen ins Lügenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme hinzureißen. Während er äußerlich kühl blieb, entfiel ihm kein Wort des Gespräches, aber zum ersten Male bemächtigte sich nun seiner Unruhe. Er selbst war wohl von einem vernünftigen Vater hinreichend aufgeklärt worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschäftigung mit künstlerischen Dingen, sein Interesse für das große Unternehmen des Vaters, sein stark entwickelter Schönheitsinn hatten ihn bisher vor den oft im Müßiggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten Male, obwohl älter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heißer Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, daß eine Beteiligung am Gespräche seine körperliche Anteilnahme verraten hätte. Während er nun mit unruhiger Hand die Laubsäge zu meistern suchte, ging quer über die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwölfjährigen Mädchen. Dieses war sehr zart und blaß, ein Stadtkind. Ein leichtes, weißes Röckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den modisch hervorlugenden Spitzenhöschen und den Strümpfen nackt waren. Der Wind drohte sie noch weiter zu entblößen. Die Dame war die Frau eines neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden Röckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des mächtigen Fabriksherrn und sagte:
„Mach deinen Knix, Loli.“
Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte treuherzig: „Grüß Gott!“
Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fühlte seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Höschen, das noch nackter schien, dann auf zu dem weißen Röckchen, das, vom Winde wie ein weißes Blütenblatt zerzaust, nun müde von ihren schmalen Hüften hing. Er wußte, daß er in diesem Augenblicke alles darum gegeben hätte, seine wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bücher, wenn der Sturm, der sich nun draußen erhob, durch die Türe der Terrasse brechend, ihm das enthüllen wollte, was ihn zu sehen gelüstete. Er war sehr blaß am nächsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwüler Julinachmittag, mit Lindenduft und müdem Gesang der Vögel, schlich er an das Gärtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschäftigt. Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lächelnd: „Grüß Gott!“
„Willst du spazieren gehen?“ fragte er.
„Gern,“ sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie nahm ihre Schürze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte ihm kräftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, blütenreiner Wäsche, die sorgfältige Hände in einem Spind verwahrt hielten.
„Wollen wir in den Wald gehen?“ fragte er. Sie klatschte in die Hände.
„Fein,“ rief sie. Sie begannen zu plaudern nach Kinderart. „Wie alt bist du? In welche Schule gehst du? Was lernst du am liebsten? Hast du Geschwister?“
„Wo sind die vielen Jungen?“ fragte sie dann.
„Sie haben einen Ausflug gemacht.“
„Und du bist zu Hause?“
„Ich war zu müde, habe wenig geschlafen. Dann wollte ich dich herumführen. Du kennst hier noch nichts.“
„Wie freundlich von dir. Es ist so schön da. Mama hofft auch, daß ich hier stärker werde.“
„Ja, das könnte nicht schaden. Du siehst noch aus wie ein Junge. Vielleicht bist du einer.“
Loli wurde rot. „Was fällt dir ein!“
„Nun so beweise mir’s, daß du keiner bist.“
„Soll ich mit dir balgen?“
„Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir’s zeigen, daß du kein Junge bist.“ Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott.
„Pfui, du bist ungezogen,“ rief Loli entrüstet. „Ich dachte, daß du ein feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.“
„Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter. Dann ist’s aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin, daß du kein Junge bist.“ Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und erschrocken aus. „Ihr Jungen seid böse,“ sagte sie.
„Hat denn schon einer das von dir verlangt?“
„Ja,“ sagte sie. „Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.“
„Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte, Loli!“ Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten flehend in die ihren. „Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.“
Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte, sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle. Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht. Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden.
Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten. Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er fühlte sich als Kronhüter.
Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde. Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause, aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren. Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden. Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes Bild. Wie im Traum.
Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas, seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen Seele sei die große Botschaft an Europa.
Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete. Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen Seele des Russen, die durch alle „Fegefeuer der Zweifel“ zu Gott ging und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle. Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich, deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder Anbetungswürdigkeit.
Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah. Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein. Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht.
Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter, die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie sah, staunte er. „Sie ist erblüht,“ sagte er sich. Er erkannte den klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren.
Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er schien älter in seiner Selbständigkeit und er war in jeder Weise beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich völlig klar, daß er sie besitzen würde, daß aber ein dauerndes Verhältnis an Ort und Stelle unmöglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genuß. Lola, die in sich die Weihe der künftigen Sängerin trug, sah die Welt nur durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen ließ, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjährig, mit einem seiner Vettern eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wünschen übrig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre ursprüngliche Reinheit zurückgewonnen und war errötet in der Erinnerung jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war. Aber bald fand sie ihm gegenüber die alte treuherzige Art wieder, die er an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzählte ihm, wie sie damals um sein Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen mißachtend, daß sie sich kindisch gewünscht, statt seiner zu erkranken. Wie sie gewartet habe, daß er dann zurückkehre, und daß sie sehr bestürzt gewesen, ihn während seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt, ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es immer junge Leute, die ihr gut wären, aber sie sei nun schon zu erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und außerdem lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fühlte sich leicht und beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewußt schien etwas an ihm gezehrt zu haben, das nun in des Mädchens Gegenwart schwand. Es war ihm gleichgültig, was sie sprach. Am liebsten hörte er sie von ihrer Kinderzeit erzählen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener Stelle im Walde, die seinen Träumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles vergessen zu haben. Am nämlichen Platz blieb er stehen und zündete sich eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen über gleichgültige Dinge. „Nun muß ich zurück,“ sagte er. Sie traten den Heimweg an.
Wenige Tage nach ihrer Rückkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei ihrer Großmutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann nach Schluß und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit Begeisterung für das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie an, für den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein möglich wäre, damit ihre Großmutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der Lola überzeugte, daß der junge Fabriksherr nicht zu fürchten sei. Bald sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, daß die Trauer ihn verhindere, sie selbst zu benützen. Mählich waren es Stücke, zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten. Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal. Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewiß sei, wann er abkommen würde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankündigen, da möglicherweise ein Hindernis eintreten könne. Lola war nach fünf Uhr gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betäubt, sich in dem Zimmer umsah, hörte sie draußen die Eingangstür ins Schloß fallen. Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit groß gemusterten Vorhängen verbargen Bücher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Straße lag die Mauer eines Parkes, eben ergrünende Bäume streckten ihre Zweige hervor. „Frühling,“ dachte sie und es fuhr ihr ein süßer Schauer durch die Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden hatten sie Fahrzeit. Die Türen der beiden Nebenzimmer waren geöffnet. In dem einen stand ein übermächtig großes Bett, große Kasten, eine Tür mit einem gerafften Vorhang ließ einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer stand ein Flügel, kostbare Bilder hingen an den Wänden. Lola erinnerte sich jetzt, daß Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von einem Umzug hatte er ihr nichts erzählt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Plötzlich befiel sie jetzt in der fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart. Es war dunkel geworden, als draußen Adalbert die Tür aufsperrte. Er bat, zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spät, hinauszufahren, zumal für sie, denn augenblicklich könnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein wenig vorsingen wolle, er würde sie begleiten, und ob sie sich bei der Großmutter abgemeldet hätte. Er war sehr unruhig. Schließlich setzte er sich neben sie, nahm ihre Hände, küßte sie und meinte, es wären noch ganz der kleinen Loli Hände. Dann wieder sprang er auf und sagte, er wolle den Wagen für den Morgen bestellen, und ob ihre Großmutter nicht gestört sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben. Sie aßen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wäre doch weitaus bequemer, niemand würde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie nichts zu fürchten. Sie durchblätterten Bücher, er zeigte ihr nicht ganz einwandfreie Bilder, sie tranken Likör, setzten sich an den Flügel, aber Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schließlich bat er sie, sich zu legen, da sie früh am Morgen aufbrechen mußten. Er selbst würde sich auf dem Sofa des Bücherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brüderlich behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er öffnete, kaum ihre Haut berührend, die Knöpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich mit seltsamem Lächeln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hörte er ein leises Schreiten. Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann hielt er sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis drüben im Park die Vögel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum erheben, die unerfüllte Begierde lag ihr lähmend in den Gliedern. In seinen Augen flammte ein böses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war ihm verfallen. Er wußte es.
Während der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spät abends Spaziergänge und ließ sie das wissen. Einmal trat sie plötzlich aus dem Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines Tages fragte er sie — er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder im Walde gewesen wäre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Sünders erbarmt. Sie antwortete leise, sie würde nachts dort sein. Er verbarg sich, ließ sie warten. Und dann, als sie schon müde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und nahm sie ohne Zärtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam, sagte sie ihm, daß sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorläufig geheim bleiben.
„Aber du liebst mich ja nicht,“ sagte sie, als sie allein waren. Seine Werbung schien ihr unwahrscheinlich.
„Nein, ich liebe dich nicht,“ antwortete er. „Ich liebe die kleine Loli.“
Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie aß wenig und magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei Verkleidungen. Ihre Mutter überraschte sie, als sie eben im Begriffe war, den Saum ihres Rockes zu kürzen. Sie ging mit hängendem Zopf umher, sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestürzt hinzukam. Gewaltsam mußte sie aus dem Schulgebäude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrämpfe. Allmählich beruhigte sie sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie ließ ihm sagen: Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelöst. Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu treffen.
„Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten?“ fragte ihn der Graf.
„Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verführen und ihren Verstand zu verwirren,“ erwiderte er.
„Gib es auf, ein Herr zu sein,“ riet Karinski.
Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wußte nun, daß er die kleine Loli getötet hatte. Er fühlte sie nicht mehr wie ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dämon stand sie unentrinnbar in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrübt war, hatte sie nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder zu singen, aber die Stimme, so schön sie auch ansetzte, brach mißfarben ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu dürfen. Später verheiratete sie sich.
Mannsthal wußte jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfräulichkeit vergüten, ein schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und fühlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen muß ein Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhängnis. Hätte er Lola geheiratet? Vielleicht — weil seine Eitelkeit es gefordert hätte, nicht als Verführer gezeichnet zu sein. Aber er wußte, er konnte diese Heirat nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu entledigen. Für ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das Leben des Gefährten einkettet. Und er fühlte sich nicht verantwortlich für die Einrichtungen des Staates.
Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die höhere Stellen im Werk innehatten, räumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, daß er sich unfähig erweise. Diesen Verhältnissen für einige Zeit völlig entfliehen zu können, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles noch lange genießen zu können wie einen großen Konstruierkasten, spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu dürfen, ohne die Lasten der Verantwortung zu tragen. Was kümmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die Repräsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wäre sein Vater am Leben gewesen, er wäre mählich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und hätte sie schließlich als selbstverständlich empfunden. Nun aber ließ ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, daß es sich letzten Endes um Geldverdienen handle, um Zuhäufung des großen Vermögens. Er dachte an Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lächerlich. Und er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des Großvaters und Vaters. Ein Kongreß im Ausland, dem er als Chef der großen Firma beiwohnen mußte, war ihm willkommen. Bei diesem Anlaß lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit seinem märchenhaft schönen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren zuweilen die eines in seiner Ehre gekränkten Mädchens. Aber nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der Jünglingsschönheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es ergötzte ihn, die heimliche Empörung zu beobachten, die in Gilbert aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gespräche frei wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts maßlosem Erstaunen war der Jüngling, der im Begriffe stand, wie er ein großes Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jüngsten waren, schien es natürlich, daß sie sich einander näherten. Eine gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen. Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg plötzlich die Vision des Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen, eingeäscherte Gegenden, verwüstete Kunstdenkmäler. In ihren Schauern erinnerten sie sich, daß ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den Kriegsgeist förderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter gequält hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu zerstören, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund stundenlang über die Gedichte des Novalis und Hölderlin, über die Märtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewußt das Gespräch auf die Jünglingsliebe, für die er sich entflammt fühlte, seitdem er Gilbert kannte. Er hütete sich, ihm dies zu beweisen, aber als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn dereinst ins Verderben stürzen sollten. Adalbert befiel eine böse Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfüllung seiner frevelhaften Wünsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts kleine Schwester, die er anläßlich des Besuches, den er der Familie auf ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung, an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg, ohne sie sprechen zu können. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bösen Tagen rettete ihn vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild ähnelte Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt.
Bald waren ihm Namen und Werke Müelichs und Holbeins des Älteren, Luithard und Berengar, geläufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und Harper, Füger und die Österreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber, Kupfer. Er reiste in süddeutsche Städte die preziöse Kunst des sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er zurückkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort, hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthändlern in Verbindung.
Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man ebensowenig wußte wie von dem seinen: Männer, die etwa Beziehungen zu Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich verbargen. Adalbert Mannsthal war wohltätig, aber auch dies erfuhr man nur durch Zufälligkeiten. Seine größte Schöpfung aus späteren Jahren (als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war eine Anstalt für blinde Mädchen. Er besichtigte jeden neuen Zögling, hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm. Mehreren dieser Mädchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er genoß den Leumund hoher Moralität. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine Scheidung bekräftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet. Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen. Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schloß sich einem berühmten Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am See, das ihm seine mütterliche Tante vererbt hatte. Er besaß im Seehaus eine Voliere mit fünfunddreißig Vögeln, die er zum Teil aus fremden Ländern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hälfte von ihnen zerrissen hatte, aß er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositäten studiert hatte, aber dessen überdrüssig nunmehr seine Kenntnisse nur gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhängig, Herr seiner Zeit und seines Vermögens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die in Müßiggang und Überfluß gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Güte zwiespältig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte keinen entscheidenden Einfluß auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war Adalbert durch Verstand, Schlauheit, Überredungskunst und durch eine Art Unwiderstehlichkeit befähigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut dünkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte. Äußere Ehrbarkeit hält die Neugier fern. Er trug sie wie ein schützendes Kleid.
Am Wege
Vögelchen schrieb an Student Kruger: „Ich weiß Ihre Adresse nicht. Camill verspricht, den Brief zu besorgen. Sie sind wohl schon zur Stadt zurück. Am Ende vergessen Sie, sich mit Onkel Clemens anzufreunden und ihm meinen Gruß zu bestellen. Dies haben Sie versprochen. Und, Herr Prediger, was ist’s mit Ihnen? Was treiben Sie? Ist ein Buch schon fertig? Haben Sie eine Braut genommen?
Ich will Ihnen von mir erzählen, von uns. Und Sie dürfen Va nicht länger böse sein. Va ist jetzt mein Freund, der so gut zu mir ist, daß ich es gar nicht aufzählen kann. Zuerst waren wir in einer Stadt und blieben dort, um Bilder anzusehen. Mögen Sie heilige Bilder? Gewiß, Herr Prediger. Die Leute sehen meist dumm darauf aus. Ich finde das so rührend. Das Jesukind ist oft reizend. Aber das mag ich nicht, wenn Teufel mit Gabeln sich überpurzeln. Die Farben waren auch oft so geschmacklos früher und vieles sieht jetzt so unbeholfen aus, weil man auf den Photographien die wirklichen Menschen sieht. Aber die neuen Bilder mag ich noch weniger. Ich finde sie oft roh und sie sehen zerstört aus. Landschaften gefielen mir z. B. ein Tal, auf das ein Wanderbursch hinuntersieht, so einer, der im Lindenbaum vorkommt, den wir zusammen gesungen haben. Da ist der Himmel und die Bäume und die Berge wie nach einem Gewitter. Aber alles zu erzählen, das geht nicht an. Niedliche Sachen bekam man zu kaufen aus Ton und hübsche Stoffe, alles sehr bunt. Ich trank schwarzes Bier aus Steinkrügen auf einem Faß, auf das mich Va hinaufgesetzt hatte. Alle Leute sahen mich an und waren freundlich. Abends fuhren wir in einen Garten und fütterten weiße Hirsche. Wie die seltsam sind, wie aus einem Märchen glotzen sie. Auch an Seen waren wir, die groß sind, und alles ist überfüllt, die Ufer und die Kähne. Ich wollte wieder schwimmen. Das Wasser war schmutzig. Va hat bekannte Leute getroffen. Ich mag fremde Leute nicht. Sie reden immer Gleichgültiges und man wartet immer, daß sie schon fertig sind. Wir haben auch Musik gehört, das war das Schönste. Va hat sich eine neue Geige gekauft. Dann fuhren wir. Es tanzte eine halbe Welt vor unseren Coupefenstern vorüber und jetzt sind wir wieder an einem See, wo es warm ist und nie regnet. Die Berge sind in der Ferne, der Himmel sehr blau, die Bäume Pinien und Zypressen und ähnliches, viele blühende Sträucher, Blumen, wie man sie bei uns nur in den Läden und Glashäusern sieht, wachsen in den Gärten und duften, daß man wie im Traum ist. Manchmal flimmert es über den See, den ich eben vor mir sehe, als wären viele Libellenflügel wie ein Schleier vor ihm aufgehängt. Nachts seh ich noch das Flimmern und die vielen Blumengesichter. Es sind auch viel andere Menschen da und sprechen fremde Sprachen. Wir wohnen nicht im großen Hotel, gehen nur zum Speisen hin. Wir haben ein Häuschen, auf dessen Dach man spazierengehen kann, mit einem großen Garten, der an der Seepromenade unten eine Türe hat. Abends ist auf der Hotelterrasse Musik und alles wie im Fest. Va ist vergnügt wie nie zuvor. Wir laufen um die Wette. Ich sage jetzt Albert. Camill wohnt im Hotel, ich habe kein Mädchen. Va wollte es nicht. Ich fürchte mich nachts manchmal, weil es seltsame Tiere gibt, die rufen. Aber die Tür zu Alberts Zimmer ist offen und er sieht zuweilen nach mir und ist gut zu mir, wenn ich böse Träume habe. Dann sprechen wir oft lange. Auch über den lieben Gott. Er sagt, Frauen müßten Gott in dem Menschen lieben, der ihnen am liebsten ist. Albert liest mir auch vor: aus der Bibel von Ruth und Josef und seinen Brüdern, vom armen Hiob und dann vom Heiland. Das muß schön gewesen sein, eine Frau zu sein, die ihm die Füße mit ihrem Haar trocknet. Aber meine Haare sind nicht so lang. Einmal träumte ich, daß ich Jairis Töchterlein sei und er mich aufgeweckt hat. Dann lesen wir auch Märchen, die aber auch für große Leute sind, und Theaterstücke von großen Dichtern. Die kennen Sie wohl alle. Auch spreche ich wieder fremde Sprachen, die ich früher einmal konnte, sagt Va. Bei manchen Worten fällt mir meine Mutter ein. Sie haben mich einmal nach ihr gefragt. Albert hat es mir gesagt; sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ich möchte auch nicht, daß eine andere Frau bei Albert ist. Ich erinnere mich nicht, wie meine Mutter aussah. Warum ist sie aber weggegangen und hat mir nie einen Brief geschrieben? Nun schreibe ich schon so lange und weiß gar nicht, ob Sie noch an Ariel denken.
Machen Sie noch Verse, Herr Prediger? Wenn Sie Geld brauchen, so schreiben Sie gleich. Ich habe viel; Albert sagt, ich müsse damit selbst zurechtkommen. Also nur zu, wenn Sie Not daran haben und wenn man zu Hause wieder böse zu Ihnen ist. Es grüßt Sie bestens
Arabella Mannsthal.
P. S. Erinnern Sie sich noch an unser Sterngucken? Nicht weit von hier soll eine Sternwarte sein, von wo aus man durch lange Rohre die Augen am Himmel spazieren schicken kann und dort viele Geheimnisse sieht. Das muß das Schönste sein. Ich möchte zu gern hin. Albert hat mir eine Überraschung versprochen. Er ist manchmal abwesend, um sie vorzubereiten.“
Als Vögelchen den Brief verschloß, träumte ihr Blick den Garten hinab zum See, der sich dort wie eine tiefblaue Wand aufstellte. An seinem Ende erblickte sie einen aufschnellenden Gegenstand, der einem pfeilgeschwind hinsausenden Vogel glich, vor dem das Wasser in weißem Gischt zur Seite rauschte. Es war ein Gleitboot. Wie ein tierisches Wunder schoß es daher. An den Ufern hörte man rufen. Vögelchen eilte hinab. Schon sieht man es näher, es vergrößert sich in rasender Geschwindigkeit, nun erblickt man den schmalen Schiffskörper, hört das Knattern eines Motors. Die seitlich geschleuderten Wassermassen überfluten ihn, ein Mensch in Taucherkleidung wird sichtbar. Nun ist das Sausen ganz laut, das Boot schnellt aufbäumend glatt auf das beruhigte Wasser hin und schwebt ans Ufer heran. Arabella ist unter den Leuten, die sich in Neugier und Bewunderung am Dampferplatz zusammengeschart haben. Der Gleitflieger springt ans Land. Es ist Mannsthal. Vögelchen fällt ihm um den Hals. Sie zittert am ganzen Körper. Er hebt sie auf wie eine Feder und trägt sie durch die gaffende Menge. Nun ist ihr der Zauberer zum Helden geworden.
„Das ist dein Geheimnis?“ fragte Arabella noch atemlos.
„Ein Scherz vorläufig,“ sagte er lächelnd.
Adalbert pflegte mit Arabella auf der Terrasse an einem Tischchen abseits zu speisen. Als sie eines Abends, von neugierigen Blicken empfangen, eintraten, sprang rasch ein hochgewachsener Herr, der allein an einem Tische saß, auf, blieb wie vor einer Erscheinung stehen und stürzte dann auf Mannsthal zu. Es war Nikolai Karinski, von dem er schon mehrere Jahre nichts gehört hatte. Zum Erstaunen der Gäste, die ringsumher saßen, küßten sich die beiden Männer, blickten einander prüfend an, schüttelten sich die Hände und umarmten einander abermals.
„Das ist Arabella, du weißt —“ stellt Mannsthal vor. „Ein alter Freund, Graf Karinski.“ Sie waren abgesondert in ihrer Freude unter den fremden Menschen und Vögelchen war gleich die Dritte im Bunde. Der Russe, von dem sie kaum etwas wußte, war ihr nach wenigen Augenblicken kein Fremder mehr. Er trug sich ein wenig à la Lord Byron und hatte ein Gesicht, dem man immer neue Reize abgewann, obwohl es nicht schön war. Nichts schien in ihm aufeinander gestimmt, selbst die dunklen, sanften und doch flammenden Augen waren ungleich, das linke höher als das rechte, wie man es bei Menschen sieht, die lange ein Monocle getragen haben. Die Nase stach absonderlich hervor, sie war wie ein Haken kühn und adelig. Auch das Kinn unter dem breit geradlinigen Mund war kantig. Sein Haar, von einem weichen, metallenen Braun, war in kindhaften Scheiteln zurückgelegt und wenig dicht. Die starken Backenknochen, der Ausdruck der Augen, die Gestalt verrieten den Russen. Was diesem Antlitz das farbig Wechselnde des Kaleidoskops gab, war sein Lächeln und Schauen. Das konnte bald dem eines fröhlichen Kindes, bald dem eines weisen Greises gleichen und es konnte Verklärung und Andacht und tiefste Zerknirschung spiegeln. Übermut und Trauer flogen schattenhaft wie Licht und Dunkel darüber hin und zuweilen wurde es fratzenhaft (ganz selten in Vögelchens Gegenwart) und oft brach die Flamme des Geistes aus ihm und brannte heiß über seinen Zügen. Und dies alles schien oft zurückzustürzen, auszulöschen. Dann war das Antlitz einer verkohlten Landschaft gleich, über die fahler Nebel schwelt. Er hatte große Hände und starke Arme. Vögelchen dachte, daß er sie bis ans Ende der Welt würde tragen können ohne zu erlahmen.
„Also dies ist dein Kind, dein Täubchen, dein Weibchen,“ sagte er und sah sie an wie ein treues, derbes Tier. „Ich darf du zu ihr sagen, darf ich das, Porzellankindchen?“
„Ihr werdet bald gute Freunde sein,“ ermunterte Mannsthal.
„Habe ja auch ein Kleinod zu Hause. Du weißt, wie ich auf die Frauen zu sprechen war — aber die Gräfin! Ja, die meine, hat mich beten gelehrt.“
Und er begann von Tanjä zu erzählen. Eine barmherzige Schwester sei sie und ihre Seele wäre eine Wünschelrute, die jede Quelle des Leides aufspüre in der Menschen Drangsal. Ihre Stimme glätte Aufruhr und Zwiespalt, ihrer Worte Balsam sei Sanftmut ohne Ende! Und Nikolai Karinskis Augen waren die eines Beters und gleich darauf fiel sein Kopf zur Brust herab und er glich einem Büßer, der eine Züchtigung gewärtigt. Er erinnerte sich wie immer, wenn er von ihr erzählte, daß er sie einmal geschlagen, von Neugier getrieben, ob sie böse werden konnte. Er hatte einen Streit vom Zaune gebrochen, indem er eine Rücksicht, die sie üben wollte, barsch abwies, und als sie, seine Worte nicht ernst nehmend, sich anschickte, ihr sorgliches Vorhaben auszuführen, hatte er ihr mit Schlägen erwidert, die aus den Riemen einer Hundspeitsche auf sie niedergingen. Sie hatte sich, noch immer an Scherz glaubend, zu ihrem Bett geflüchtet und sich darin vergraben. Als es vorüber war, lag sie still und starrte zu ihm auf, als wäre ein Wunder geschehen. Aber kalt und starr war sie anzufühlen, als er sich in grenzenloser Selbstverdammung vor ihr auf die Kniee hinstürzte. Kein Schauer durchbebte sie. Wie eine Tote lag sie ihm im Arm. Tags darauf war sie still und gütig wie zuvor. Er bekam Krankenkost, das bedeutete eine Anzahl leichter Leckerbissen, und die Kinder mußten leise sein. Karinski erzählte das Arabella, als sie schon gute Freunde waren. Es tat ihm wohl einem Kinde zu beichten.
„Du wirst bis in den Tod daran denken müssen,“ sagte Vögelchen böse. „Ich wäre daran gestorben.“
„Ja, vielleicht ist auch sie daran gestorben und ich weiß es nicht. Ich fühle alle Schuld in dieser Erinnerung,“ sagte Karinski, „alle Qual, die seit Weltbeginn Menschenherzen gemartert hat. Und Tanjä ist eine Heilige geworden und viele Frauen sind Heilige. Sieh das Gesicht der Schwangeren und vergleiche es mit dem der Gottesfrauen und Gottesmänner in den Kirchen, und Gott liebt sie, weil sie Schuld abtragen in ihrer Mutterschaft. Und auch die Armen liebt er und tröstet sie in seinen Kirchen. Wir Reichen aber und im Geist Mächtigen, wir können nur unsere Inbrunst aufheben zu ihm mit verzückten Händen, bis sie erlahmen und wieder nur taugen zum Verzagen, zum Laster und zur Knute.“ Und er fuhr fort, von Tanjä in Ehrfurcht zu sprechen, und hatte dennoch keine Eile, obwohl sie sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte und mit vielen kleinen Kindern sich sorgte, zu ihr zurückzukehren.
Eines Tages erschien dann eine russische Familie und Karinski umarmte sie, wie er Mannsthal umarmt hatte. Wenige Tage später reiste er mit den Landsleuten ab, nachdem er unter Tränen von Adalbert und Arabella Abschied genommen. Vögelchen trauerte ihm nach. Bald bekam sie ein Schreiben von Tatjana Gräfin Karinska, die sie ihrer Freundschaft versicherte und zu einem Briefwechsel lud.
Auch Mannsthal war jetzt schweigsamer als zuvor. Karinski hatte ihm die Ereignisse seines Lebens erzählt, die in die Zeit fielen, wo ihr Briefaustausch aufgehört hatte. Aber Adalbert hatte geschwiegen. In ihm war alles aufgewacht, was er seither erfahren, und hatte sich vorgedrängt bis zur Schwelle des Vertrauens. Nikolai hatte ihm dunkle Dinge gebeichtet und Reue und Scham, die er dabei empfand, waren ihm erwünschte Strafe. Was er selbst zu sagen hatte, war in seinen Einzelheiten so unfaßbar, daß er vermeinte, die Luft nicht weiter atmen zu können, in die der Hauch seines Geständnisses sich mengte. Er konnte nur eines bekennen, daß Arabella ihn gerettet und daß er sich aufgespart für sie. In diesen Tagen war nichts mehr von Strenge in ihm, sein Wille wollte sie nicht zwingen mit geheimen Mitteln. Eine grenzenlose Dankbarkeit floß zu ihr hin, fand seine Sinne in Gehorsam und entwaffnete seine List. Zu dieser Zeit lag glosende Hitze über dem südlichen See. Mählich verödeten die Straßen. Das Hotel, die Villen waren fast unbewohnt. Kaum daß die Häuser der Einwohner tagsüber die schirmenden Läden hoben. Die Bäume und Sträucher waren so üppig im Laub, daß sie ineinander sich verstrickten und Blüte an Blüte sich drängte. Die Insekten wurden gefährlich, die Nächte seltsam duftend und voll der Wunder. Aber weder die Nächte noch der See brachten Abkühlung. Vögelchen vertrug die Hitze besser als er, ja sie breitete sich aus wie eine treibende Pflanze. Leise Anzeichen sprachen dafür, daß ihr Körper reife. Auf ihren Wangen lag ein Schein erblaßter Rosen, die das Leuchten ihrer Augen steigerte, ihre Lippen öffnete ein scheuer Durst. Er sah es in unendlicher Entzückung. Seine Versuche mit dem „Mannsthal-Gleitboot“ hatte er aufgegeben. Er begnügte sich, den Stand seiner technischen Leistung in verschlossenem Brief in der Akademie der Erfindungen zu hinterlegen.
Eines Abends brachte Mannsthal ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den Garten. Es war blind. Vögelchen war erschüttert, als es die Kleine erblickte. Sie hörte nicht auf sie zu streicheln und schließlich küßte sie die leblosen Augen. Sie brachte ihm eisgekühlte Früchte, wusch ihm die heißen Wangen, erzählte ihm allerlei, sang ihm vor, so gut sie es konnte. Adalbert aber war weitaus gewandter im Umgang mit Blinden und seine Zärtlichkeit für die Unglückliche hatte für Vögelchen etwas Erstaunliches. Er schien ein anderer, wenn er Rosina berührte, als wisse er, wie Blinde empfänden. Vögelchen holte sie zuweilen aus dem Uhrmacherladen, wo sie zu Hause war, und schlich sich mit ihr in einen entfernten Teil des Gartens und verbarg sie vor Mannsthal. Oder sie entfernte sich, wenn dieser sich mit Rosina befaßte. War es möglich, daß sie dem Kinde Adalberts Güte neidete, oder wollte sie in ihren Bemühungen nicht übertroffen werden? Mannsthal entging das nicht. Er verdoppelte seinen Eifer um Rosina und seine Zärtlichkeit war nicht mehr verstohlen wie bisher. Vögelchen selbst suchte sie und erwiderte sie.
Die Landschaft lechzte nach Regen. Die Einwohner aber wußten, daß keiner zu erwarten war. Mannsthal fühlte feurige Dämonen um sich kreisen. Manchmal war ihm, als erhöbe sich lautlos ein glühender Gewittersturm und jage ihn. Ein anderer Mensch in ihm riet zur Flucht, zu Tod, zu Verwandlung. Er trug es nicht länger. Kam ihm nicht Erlösung, so brach er zusammen und die Frucht seiner Sehnsucht schnellte für ewig aus den erlahmenden Händen. Aber er wußte auch, plötzlich konnte „es“ geschehen, ohne Warnung und Zeichen, ohne Donner und Posaunenschall.
Auch Vögelchen war voll Unruhe jetzt. In der Dunkelheit trieb es sie in den Garten oder sie schlich Adalbert nach, wenn er noch spät sich entfernte, und wartete am Gartengitter auf seine Rückkehr. Einmal nachts, als er wie betäubt auf seinem Bette lag, weckte ihn das Leuchten eines Scheinwerfers. Weiße Lichtgarben sprengte er über das Land. Er tauchte den Garten von Dunkelheit rein, weckte die Statuen in den Hainen und die schlummernden Farben der blühenden Büsche. Vögel fuhren erschreckt aus ihrem Schlaf und huschten dann ängstlich wieder in ihre Nester nieder. Als der Schein wiederkam, war es Adalbert, als sähe er nächst den Rhododendrenbüschen eine lichte Gestalt, die traumhaft ihre Arme in das fliehende Licht hob. Der Strahl schien sie aufzunehmen und aufzulösen in seiner Helle. Mannsthal stieg zum Garten herab. Unhörbar war sein leichter Schritt im Moos. Er war sehr schlank geworden in diesen Tagen der zehrenden Sehnsucht. Die Luft schien um ihn zu knistern, als wären Millionen dunkeläugiger Fünkchen in ihr verborgen. Ihm war, als griffe der Duft der Blumen nach ihm und umstricke ihn. Er suchte die Hängematte, ein Frauengewand lag da. Seine Hände fieberten, als er es an seine Lippen hielt und seinen Kopf darein verwühlte. Dort im Rhododendrenhain stand die Statue nicht mehr. Der Mantel der Nacht hing ihr um die Schultern, aber leuchtender als Marmor schimmerte es im Moos: Schlafend lag ihm Arabella zu Füßen. Ihr Atem zog leise in die Nacht, der seine war verhalten in Grauen und Lust. Lange mußte sie gekämpft haben um diesen tiefen Schlaf. Er kniete neben ihr hin in Glut und Anbetung und segnete die Luft, die zwischen ihm und ihr war und ihm Raum gab, seine schauernde Seligkeit auszugießen über ihre ahnunglose Nacktheit. Warum, oh warum hatte die Nacht sich dem Licht geöffnet, warum, warum hatte der Strahl, aus den sein Schlummer ihn gerufen, ihn zu dieser Stätte geführt! Lenkte nicht einer unbezwinglichen Macht gefügiger Geist das Ziel seinem brennenden Wunsch entgegen? Nein, sein Schicksal weigerte sich nicht. Es entzündete ihm die Brautfackel und ließ sie leuchten über die Lande. Aber noch wollte er die Qual erdulden, sie neben sich zu fühlen, ohne sie zu berühren. Nicht im Schlafe wollte er sie aus der Kindheit wecken. Nicht doppelt unbewußt durfte sie erwachen in ihre Vermählung. Noch wollte er sich die Drohung ins Herz stoßen, von ihr zu lassen, wenn sie nicht erwachte, ehe vom Glockenturm der dumpfe Schlag der nächsten Stunde anschlug. Er fühlte ringsum den unsichtbaren Garten, der Dolden regungsloses Blühen und wie sich das Netz von Düften immer enger um ihn spannte, wie der Wohlgeruch von tausend Rosen sich mit dem der Glycinen verband und weiter wob zum leisen Hauch der Iris, zum goldenen Atem der Azaleen, zum linden Duft der Karthäusernelken. Erinnerung ferner Gärten stieg vor ihm auf, Wälder hoben ihre Dunkelheiten, Indiens Haine erstanden ihm, die ansteigenden Wege zu den heiligen Bergen des Ostens, gesäumt von Kirschblüte und Chrysanthemum. Affen saßen auf Zweigen, bunte Vögel flitzten durch beerenbeladene Äste. Fern blaute das Meer. Landschaft war ihm nur Rahmen der Erinnerung. Ein Zug von Frauen begann zu schreiten. Er sah sie alle wieder, die fremdartigen, die aus einer Stunde traten und sie bunt färbten, Loli, jenes Bild seiner Kindheit, der Wald hinter dem Werk, Tirotzky, Angele, dann das lachende Kirschengesicht einer Tänzerin, die Blinden, die bleiche Frau, die er zu sich nahm, auf daß sie bei ihm verstürbe, und die Entstellte dann, die er so namenlos beglückt, das Bettelkind in jenem irischen Dorf, in dem er unversehens genächtigt, die Fürstin C., dann die erträumten Wirklichkeiten seiner Miniaturen, Camilla, die an einem Kinde starb, das nicht das seine gewesen, Mila, das Weinstubenmädchen, mit der wahnsinnigen Mutter, das aufstieg zur Halbweltdame, Landmädchen, Courtisanen, dann — ein verhüllter Zug, der ihn erschauern machte. Geisterhaft stumm zogen sie. Aus aller Welt waren sie gekommen, aus Gräbern und Himmeln, aus Leben, das er nicht mehr kannte, über fremde Schwellen schreitend, aus fremder Umarmung sich lösend, aus Häusern des Lasters, aus Klöstern und vom trauten Tische sich stehlend, über dem Kinder und Gatte sich zum Mahle neigten. Ledig der Last der Jahre waren sie gekommen ihn zu grüßen, ehe sie versanken vor einem großen Licht. Denn sie waren alle Priesterinnen in seinem Liebestempel gewesen, nur daß keine ihm gefolgt war über die letzten Stufen des Hochaltars. Nun waren sie vorbei. Da fühlte er den Einstrom eines Lichtes. Wolken aus milchweißen Schleiern verbreiteten blendende Helle, Sterne schwebten wie Silberbienen zu knospenden Lilien, deren Kelch goldener Tau benetzte. Auf den Wellen des Lichtes schwebten weiße Wasserrosen. Da sah jene Sterbende aus spiegelnden Tiefen und goß ihm ihren mahnenden Blick ins Herz. Der Blick ging durch die Hallen des Lichtes, wie durch gläserne Wände, metallisch, rieselnd wie heiliges Wasser bespülte er Adalberts Seele. Er baute einen Baldachin weißer Blüten über das schlummernde Kleinod im Moos. Wie ein Taubenpaar schwebten der Bleichen Hände schützend über ihm. Ein Chor kleiner Engel schwebte heran. „Laß ab,“ beteten die Seelen der blinden Mädchen. „Wirf nicht Brand in den Schnee,“ flehten die Kelche der Lilien. „Rühr mich nicht an,“ sangen die Sterne, die wie Silberbienen schwebten. „Fliehe,“ säuselten die milchweißen Schleier. Und die Wasserrosen öffneten die siebenfach verschlossenen Lippen und seufzten:
„Laß ab!“
Und das Licht war ein Mund und posaunte:
„Laß ab!“
Aber lauter als sein Schall war der linde Atem der Schlafenden, denn er war lebendig. Schmal und flüchtig wie einen Traum wußte er sie hingebettet und dennoch wirklich, wie nur Leben sein kann. Und wenn er ging und abließ, dachte er, würde der glitzernde Leib einer Schlange sich aus dem Dunkel ringeln und Giftzähne in ihr Fleisch graben? Sie war einer Glut hingegeben, die sie ahnte und ersehnte. Konnten nicht Helden oder Unglückliche, die ihr mitleidiges Herz gewannen, sie ihm entreißen, morgen schon, und sie verheeren für immer. Denn er nur würde sie befähigen, höchste Lust zu geben und zu nehmen, eine Göttin, nicht eine Magd der Liebe zu sein. Er nur, der sie kannte wie kein anderer, würde sie, wie die Mutter sprechen lehrt, die Welt der Liebe lehren. Er würde Schätze heben aus ihrem aufpochenden Blut, Kleinode entsiegeln in ihren geheimsten Schreinen und unlösbar würde er ihre Seele mit ihrem Blut vermählen und so sie feien vor der Erniedrigung der wissenden Liebesglut. An ihr sollte das Laster sich heiligen und Keuschheit menschlich werden. Er nur, er konnte sie wecken zu verklärtem Brand, zu heiligem Genuß. Und doch, dies hatte der Dämon seiner Selbstqual über ihn verhängt, wenn die Turmuhr schlug, eh’ sie ihm erwachte, war sie ihm und sich selbst verloren in ewigem Durst. Er wußte, jenes blinde Kind wachte im Turm und hütete die Glockensträhne. Oft war er bei ihr gewesen. Konnte nicht jetzt ihr rächender Wille, müde seiner zu harren, die Strähne ziehen, ehe die Geliebte erwachte?
Da plötzlich griff es, ehe die Versuchung ihn überkam sie zu wecken, mit weißen Fingern in die Luft. Des Scheinwerfers Geisterhand schwebte auf und nieder, kaum die Baumwipfel berührend, und jetzt fiel sie pfeilschnell herab und ließ den Garten aufstrahlen in Licht. Vögelchens Schlaf zerriß, mit leisem Aufschrei haschte sie die Helle und im letzten aufstrebenden Strahl erblickte sie den Mann. Als würde Traum zur Wirklichkeit, schlang sie ihren Arm um seinen Hals, preßte die schlafheißen Wangen an seine Brust. Langsam ließ er sie zurückgleiten ins Moos, Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen. Einen Augenblick vergrub er, Ruhe suchend, seinen Kopf an ihrem Halse, aber da fühlte er ihren Duft und war völlig berauscht. Er sah sich selbst und spürte, was er sah. Der andere Mensch, den er nicht mehr hielt und kannte, war an der Arbeit. Noch einmal verdrängte er ihn. Er faßte das Wesen und hob es von sich weg, um warnend es vor sich zu sehen. Federleicht spürte er seine Wehrlosigkeit. Aber dem andern war das nur recht, er riß dem Zauderer die Beute aus dem Arm und flüsterte betörende Worte. Oh, diese Worte! Arabella vergaß sie niemals. Ihre Erinnerung übergoß sie mit Gluthauch bis spät in die Jahre. Und wie gefällig machten sie diese Worte, wie beflissen ihn zu verstehen, wie willig alles zu erdulden, den Schmerz und die Lust. Aber dann, als nur mehr der andere herrschte und der Zaudernde verschwunden war hinter glühenden und tobenden Wolken, als Feuer auf sie niederbrach und sie unbarmherzig sengte mit Eisen und Schwert, über ihre Kraft es zu bergen, da befiel sie eine wahnwitzige, grenzenlose Furcht, die sie mit wunderbaren Schauern durchdrang. Aber nur bei ihm gab es Schutz, Zuflucht nur an seiner Brust, zu der sie hindrängte. War er ihr böse, daß er sie von sich stieß, um gleich wieder sich eisern in sie einzuschmieden? Da, als er wie ein von göttlichem Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt. Die Vögel erwachten in ihren Nestern. Ein leiser Wind strich kühlend vorbei. Vögelchen richtete sich steil auf und sah über den Regungslosen mit großen, erstaunten Augen in das erwachende Leben.
Die Blinde
Simonne Nerat hieß ihre Mutter. Leichtfertig war sie wohl anfangs nicht gewesen, aber die Leute vermuteten es. Sie kam aus südlicherer Gegend. In ihrer Beweglichkeit erblickten sie nicht natürliche Anmut, sondern abgefeimte Gefallsucht. Thomas Janele, der sie nach seiner Gesellenzeit heimbrachte, war ihr natürlich auf den Leim gegangen, meinten sie. Solange der alte Uhrmacher, sein Vater, lebte, der gutmütige, weißlockige Greis mit dem Kinderantlitz, da ging noch alles gut. Simonne war auch eine Meisterstochter, und was zur Gilde gehörte, gleichviel ob es unter seinem Dache als Schwieger hauste, genoß seines Schutzes. Geld hatte sie keines mitgebracht, denn Vater Nerat war zwar berühmt in seinem Fach, aber wie man sein Schäflein ins Trockene bringt, darin war er keineswegs Meister. Mochte sein, daß Simonne auch deshalb bei kleinen Leuten nicht voll genommen wurde. Und Ulrich war ein Käsegesicht und ein Duckmäuser. Warum hatte sie gerade ihn genommen? Das Kind war bald da: ein blindes Mädchen. Da schien des Teufels Hand im Spiel. Im ganzen Dorf gab es keine Blinde. Man verachtete die Fremde, daß sie es um eine Mißgeburt bereichert hatte. Der alte Janele weinte wie ein Kind, als der Arzt das Unglück feststellte. Längst waren seine Augen zu schwach, um über seine Räderchen und Federn zu herrschen; des kleinen Mädchens Führer zu sein, dazu taugten sie noch. Nun war sein Alter nicht nutzlos mehr.
Fragt nicht, wie es der Rosina erging, als der Großvater gestorben war! Niemand wußte mit dem blinden Kind umzugehen, man hatte sich völlig auf des Alten Sorgfalt verlassen. Der allein hatte um der Kleinen Eigentümlichkeiten gewußt und sie aus den eigenen Hinfälligkeiten verstanden. Er hatte sie ihr eifrig abgelauscht, sie selbst wußte ja nichts über sich und nun konnte sie nicht nach außen tasten mit Bitte und Frage, denn die Brücke, die sie getragen hatte, war eingestürzt.
Der Respekt vor dem Vater hatte den jungen Uhrmacher bislang gehindert, sein wahres Gefühl zu zeigen. Er liebte Rosina nicht mehr, er schämte sich ihrer und immer gab es ihretwegen Streit zwischen ihm und Simonne. Als des Schwiegervaters schlichtende Stimme erloschen war, züngelten wieder die bösen Zungen hervor. Dazu kam noch, daß Thomas noch zu Lebzeiten des alten Janele die Bestellung der neuen Turmuhr aufgetragen wurde und daß er die Erwartungen der Gemeinde aufs gröbste enttäuschte. Thomas hatte sich erbötig gemacht, eine Erfindung des Meisters Nerat zu verwerten und eine Uhr anzufertigen, die automatisch den Klöppel der Glocke zu leisen Schlägen bewege, so daß man nachts den Glöckner ersparen konnte. Das Werk mißlang. Es wurde eine gewöhnliche Turmuhr daraus. Weil aber Janele sich weigerte, der Gemeinde den im voraus bezahlten Mehrbetrag, den er schon für die teuren Bestandteile verbraucht hatte, zurückzuerstatten, mußte er sich verpflichten, den Glöckner selbst zu bestellen. Da zu dieser Zeit die Geschäfte schlecht standen, verlangte er von Simonne, daß sie die Glocken läute. Die Frau weigerte sich. Nun schloß er sich den Spöttern an, die Simonne der väterlichen Erfindung wegen, die ihrem Manne mißlungen war, verhöhnten. Die Frau schrieb dem Vater, er möge ihr helfen, aber dieser hatte sich verheiratet und die Stiefmutter säte Zwietracht. Zu dieser Zeit kam eine Putzmacherin ins Dorf und die Uhrmacherin, die mit der Nadel gewandt war, verdingte sich bei ihr. Den Haushalt konnte sie wohl nebstbei versehen, aber für die kleine Rosina blieb ihr wenig Zeit. Einige Wochen gestattete die Modistin, daß die kleine Blinde hinter dem Ladentisch säße und Perlen auffasse und Spulen aufwickle. Dann aber meinte sie, das Unglück schrecke die Kunden ab. So blieb denn Rosina zu Hause bei dem mürrischen Vater. Dieser war ganz böse geworden, seitdem er Simonne in guter Laune und nicht mehr von seinem Geiz abhängig sah. Er konnte sie nicht an ihren Reisen behindern, die sie mit Einkäufen für den Laden verband, und mußte es mit ansehen, daß der Sohn der Modistin, ein Student, ihr huldigte. Sie wollte Rosina in eine Anstalt geben, sie etwas lernen zu lassen. Der Mann duldete es nicht. Sie sollte ihr Sündengeld für sich behalten. Einmal nachts, als sie spät nach Hause kam, schlug er sie. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Für Rosina hatte sie ihre Ersparnisse zurückgelassen. Das blinde Mädchen in seiner Nacht wußte, daß draußen im Licht etwas Böses geschehen war. Sie fühlte nun die Gefahren um sich drohender werden. In ihrer Angst wurde sie noch folgsamer und erlernte es, dem Vater gefällig zu sein. Eines Tages führte er sie auf den Turm und zeigte ihr, wie man die Glocken läutet. Immer wenn die Uhr ein leises Knarren und Stöhnen von sich gab, mußte sie an den Strängen ziehen, je nach der Stunde. Nach einem Monat hatte sie alles begriffen. Zuerst ließ er sie nur tagsüber im Turm, von ihrem zwölften Jahr an zog sie auch nachts die Stränge. Zweimal in der Woche war sie frei, um zur Stadt in die Blindenschule zu fahren, wohin ein Frächter sie unentgeltlich auf seinem Schiffe mitnahm. Es war eine ermüdende Fahrt, sie sah ja nicht wie andere Kinder, deren Jauchzen aus fremder Welt zu ihr drang, das silbernde Wasser, den Schatten der Berge im leuchtenden Spiegel des tiefblauen Himmels. Müdigkeit bewirkte, daß Rosina dort nicht so recht aufmerken konnte. Auch hatten ja die anderen Blinden täglichen Unterricht. So kam es, daß sie selbst unter den Gefährten des Unglückes eine untergeordnete Rolle einnahm. Als sie vierzehn Jahre alt war, sprach sie auf der Straße ein Herr an. Seine Stimme war anders als die der Mitleidigen, die zu ihr geredet hatten. Er fragte sie, wo sie wohne, ging mit ihr, ließ sich ihre Arbeiten zeigen. Der Herr verstand die Blindenschrift und schien noch weit mehr zu wissen als der Lehrer in der Stadtschule. Adalbert Mannsthal, der Herr, sprach mit ihrem Vater und von nun an wurde Rosina statt in die Blindenschule zu ihm gebracht, in einen Garten und in ein Haus, in dem es nicht wie in dem ihren nach schlechtem Öl roch, sondern nach Blumen und seltenen Essenzen. Er selbst, der Herr, unterwies sie oder auch ein Mädchen, das ganz leise und gütig war und sie mit Kleidern und Zuckerwerk beschenkte. Lange Zeit hielt es Thomas Janele vor dem Wohltäter geheim, daß Rosina die Glocken läute, und auch diese selbst schwieg darüber. Sie wollte nicht prahlen mit ihrem Amt, auf das sie stolz war. Aber eines Tages, als ihr mehrmals die Augen zufielen, fragte Herr Mannsthal, ob sie nicht geschlafen habe. Da gestand sie, daß sie nun schon drei Nächte „oben“ gewesen sei.
„Oben?“
„Im Turm. Vater muß die Glocken läuten. Ich besorge es seit vier Jahren.“ Ihre Wangen färbten sich rot bis zum schwarzen gewellten Haar. Die erloschenen Augen schienen sich zu vergrößern. Ja, sie, eine Blinde, läutete die Glocken.
„Tust du es gern?“ fragte er, seiner Tochter Mitleid niederhaltend.
„Ja,“ sagte Rosina, und sie erzählte, wie sie sich anfangs vor den Fledermäusen gefürchtet habe und vor großen Vögeln, die oben im Gestühl hausten und deren Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch vor der großen Stille bangte und vor dem Raunen tief unten. Auch sei sie immer ängstlich, bevor das Knarren und Stöhnen im Uhrwerk hörbar werde, das ihr die abgelaufene Stunde anzeige. All die Jahre war es nur einmal ausgeblieben, nach einem Blitzschlag. Da habe sie der Vater vom Turm geholt und den Schaden ausgebessert.
„Ob sie sich nicht vor dem Einschlafen fürchte,“ fragte Vögelchen. Davor bewahre sie der Hunger nachts. Vater sagte ihr, daß Hunger den Schlaf fernhalte. Am liebsten lausche sie dem Nachklingen der Glocken, da höre man die Engelstimmen leise entschweben. Sie liebte Musik wie alle Blinden. Mannsthal nahm seine Geige und spielte. Beide Mädchen saßen, Hand in Hand, ergriffen. Aber der Blinden war er ein Gott, der Einlaß wußte durch ihre Nacht.
Der Wohltäter ging mit ihr zu einem Arzt, aber es ergab sich, daß geringe Hoffnung für ihr Augenlicht war, überdies fand er bei der Kleinen einen Herzfehler. Der Wohltäter stieg nun zuweilen in den heißen Nächten in den Turm und brachte seinem Schützling kühlende Erfrischungen. Er blieb bei ihr und nun fürchtete sie nicht einzuschlafen. Er wußte sie zu ergötzen. Wohl hätte er sie loskaufen können von ihrem schweren Amt, aber er wußte, sie war stolz es zu versehen und für Blinde ist es ein Glück, solchen Stolz zu haben. Auch liebte er seine nächtlichen Aufstiege zu dem Kinde. Rosina war glücklich.
Es kamen Nächte, wo sie sich unruhig fühlte und nach dem Manne sehnte, der so gut zu ihr war. Da begann ihr Herz heftig zu pochen und sie wartete in fiebernder Ungeduld. Es war auch die Zeit, wo die kleine Rosina vom Kinde zur Jungfrau wurde. Das Blut wallte in ihr. Das bresthafte Herzchen bestand den neuen Ansturm nicht.
In jener Nacht, da Mannsthal seinem Wunsch eine letzte Gefahr gesetzt im Schlag der Turmuhr, als er mit allen Fiebern es beschwor, da wurden plötzlich der Blinden Hände starr und zurückstürzend fand sie die Strähne nicht mehr. Ein Herzschlag hatte sie getötet.
Minen
An einer Bucht des Sees, die zu einem Felshügel ansteigt, lag der Friedhof und die Totenkammer. Mannsthal ging, begleitet vom Küster, an den unscheinbaren Gräbern vorbei.
„Hier liegt sie, Herr,“ sagte der alte Mann und trat zur Seite, die Kappe in der Hand.
Auch Mannsthal griff nach seinem Hute. Das arme Kind, nun bezeugt man ihr ein erstes und letztes Mal Ehrfurcht. Ein Lichtband fiel durch die Türöffnung über die Mitte der traurigen Kapelle. Die Aufbahrung war schlicht und deshalb um so ergreifender. In einem weißen Kleide lag Rosina wie schlummernd und hielt in den bleichen, besonnten, mühsam gefalteten Händen ein Holzkreuz. Ihre Haare waren matt geworden, die geschlossenen Lider, die sich über das Unglück ihres Lebens gesenkt hatten, ließen vergessen, daß sie eine Blinde, eine Gezeichnete, gewesen. Da lag ein totes Mädchen, das einer sanften Jungfrau glich. Verstorben schien sie sehend geworden. Sie glich einem Kinde nicht mehr, der Tod hatte sie gealtert. Immer, wenn Mannsthal Tote sah, fühlte er sich erschauernd Urewigkeitgeheimnissen nahe, aber er empfand hier nicht Beängstigung. Er hatte gefürchtet, daß eine unheimliche Drohung aus dieser Toten zu ihm aufsteigen würde, mit kalter Hand ihm anklagend ans Herz zu greifen. Vor der Milde dieses friedlichen Antlitzes schwand seine Furcht. Er war gekommen, weil er nicht feige der quälenden Erschütterung entgehen wollte; nun blieb er straflos. Oder war es das selig erhöhte Lebensgefühl, das seit dem Morgen in ihm sang, das ihn nun gegen das Übel feite? Eine überwältigende Dankbarkeit zwang ihn auf die Kniee. Er fühlte in diesem Augenblick, wie sehr er das Leben liebte. Oft schon nach entronnener Gefahr hatte er es so mit seinem ganzen Sein liebend bejaht. Er verharrte in tiefer Andacht vor dem Lebendigen an der Bahre der Toten. Dorfleute, die ihn sahen, bewunderten die Frömmigkeit des vornehmen Wohltäters. Als er aber sich wieder erhob, fuhr er entsetzt zurück und seine Hand legte sich schirmend über die Augen. Das Gewand, das man Rosina angelegt, kleidete noch vor wenigen Tagen Arabella. Der Geliebten zarte Haut hatte er durch sein Gewebe leuchten gesehen. Erschrocken verließ er die Kammer. Da erhob sich eine Fliege, die auf der Toten Mund gesessen, Anofeles mit Namen, und folgte ihm. Er wehrte sie ab, doch schon holte sie ihn ein und träufelte ihm ihr Gift ins Blut. Eine Mine war gelegt.
Es war möglich, Vögelchen den Tod Rosinas zu verheimlichen. Sie hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen und Adalbert gab Auftrag, daß man ihr zu den Mahlzeiten die Speisen in dem anstoßenden Raum bereit halte. Durch Camill ließ er sie des Mittags wissen, er sei ausgegangen, damit sie nicht fürchte ihr Zimmer zu verlassen. Er ließ ihr überdies die Nachricht zukommen, Rosina sei auf einige Zeit bei ihrem Großvater Nerat, damit sie nicht auf den Einfall käme, die Entschwundene aufzusuchen. Er war keineswegs in Erstaunen versetzt über Vögelchens Verhalten. Er wußte, ihre Rückkehr würde nicht auf sich warten lassen und um so köstlicher für ihn sein. Abends ließ er ihr bestellen, er sei heimgekehrt und erwarte sie im Garten; falls sie es vorzöge allein zu bleiben, möge sie aber auf ihn keine Rücksicht nehmen. Vor Anbruch der Dunkelheit entließ er Camill mit dem Auftrag, frühmorgens zur Besorgung eines Reisewagens zur Stadt zu fahren. Dies würde ihn bis nachmittags fern halten. Von diesen Begebenheiten erstattete Camill sogleich seinem Freunde Konrad Kruger Mitteilung.
Als im Garten der lärmende Gesang der Vögel verscholl, durch die üppigen Efeuranken kaum mehr ein Lichtdämmern in die Zimmer drang, hörte Vögelchen Adalbert die Treppe heraufkommen. Bald darauf herrschte Stille. Sie stieg in den Garten hinab und wartete auf den Scheinwerfer, aber das Licht kam noch nicht und die schwüle Ruhe bedrückte sie. Im Hause blieb das Fenster des Freundes dunkel und unbewegt. Warum rief er nicht, warum holte er sie nicht? Sie brannte nach ihm. Aber noch immer lag ihr die Scheu, sich vor ihm blicken zu lassen, lähmend in den Gliedern. Nein, zur Tür eintreten bei ihm, sie vermochte es nicht. Warum konnte sie nicht unsichtbar, unhörbar sich ihm in die Arme betten und das Ungeheure fühlen? Leise ging sie ans Haus heran und nun maß sie die Höhe des Fensters. Die Mauer war aus Ziegeln, deren Mörtel vielfach herausgefallen war, Efeuranken bildeten an mancher Stelle eine natürliche Strickleiter. Nun versuchte ihr Fuß, von dem sie die Schuhe gestreift, nun zog sie den anderen nach und geschmeidig kletterte sie in wenigen Sätzen zur Brüstung. Es war nicht anders, als wenn ein Vogel im Blätterwerk raschelt. Nun schwang sie sich ins Zimmer, nun zog er sie an sich, nun ging sie unter im unendlichen Meer der Lust. Sie blieben zusammen, bis spät am Tage Rosinas Grabgeläute erklang.
Konrad Kruger schrieb an Arabella:
„Gnädigste Frau, was meinen Sie zu dieser Ansprache? Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Ich hielt mein Versprechen und schrieb. Diese Briefe waren meine Zuflucht. Aber vielleicht kommt auch dieser Brief nicht an. Soll ich Dir sagen, Ariel, wie ich Sehnsucht gelitten habe von dem Augenblick an, als die Staubwolken Deines Wagens Dich meinem Blick verbargen, bis zum heutigen, da ich an Frau Adalbert Mannsthal schreibe? Erschrick nicht, daß ich Dein Geheimnis kenne. Ich werde immer Deine Geheimnisse kennen, Ariel. Was immer Dir das Schicksal bringt, es ist verknüpft mit dem meinen.
Ich war bei Deinem Freund. Er ist verreist. Lange blieb ich an dem Ort, wo Dein Bild noch lebendig war. Immer wieder erwartete ich Dich. Da Du eingingst in die Welt der Liebe, wirst auch Du bald verstehen lernen, wie man des geliebten Menschen harrt und an das Wunder glaubt, das ihn wiederbringt. Das Unmögliche zwingt man ins Natürliche und jeden Augenblick, der entschwindet und uns der trügerischen Hoffnung näher bringt durch seinen Abgang, möchte man segnen als Gewinn. Ariel, Ariel, ich habe Dich erwartet des Morgens mit dem Briefboten, in jedem Kahn, den ich von fernher kommen sah, in jedem Wagen, der weitab auftauchte, in jeder Frau, die irgendwo aus der Ferne trat, wähnte ich, oh Frevel, Dich Unvergleichliche. Und doch war nichts unmöglicher, als daß Du wiederkehrtest. Und weißt Du, was Angst ist um ein geliebtes Wesen, das man in Gefahr glaubt? Nein, das wirst Du nie wissen, denn Dir hat Gott die Kräfte Deines Wunsches gegeben, statt zu erbeben wird Deine Seele handeln. „Inwendiges Gebet durchdringt die Himmel.“ Sie wird sich anspannen bis zum Äußersten und es wird ihrer Sorge aller Grund genommen sein.
Ich aber bin ein Ohnmächtiger und habe vorerst nur den Willen. Darum flehe ich zu Dir, Ariel, hilf mir. Nun ziehst Du wohl weiter, sag’ ein Wort nur und ich atme Deine Nähe. Geld will ich nicht von Dir und müßte ich zu Fuß nach Mekka pilgern um mein Heil. Ich flehe um Deinen Segen. In unwandelbarer Treue
Konrad Kruger.“
Arabella antwortete:
„Wir sind eben daran, westwärts in die Berge zu reisen. Sie irren, Herr Prediger, Ariel ist nicht gnädige Frau geworden. Es ist wie im Traum, so als lebte ich nicht. Nur wenn es ruft, weiß ich es. Wenn es wirklich wäre? Es ist vielleicht häßlich, wenn es wirklich ist. Aber in Unwirklichkeit kann es grenzenlos sein. Sie können jetzt nicht kommen. Ich habe keinen anderen Gedanken als ihn. Woher wissen Sie dies alles? Sie wußten es schon damals. Quälen Sie sich nicht. Was soll ich Ihnen denn? Nein, Sie können jetzt nicht kommen. Er würde Sie gleich erblicken und es gäbe Streit. Warten Sie ab. Ihre
Arabella.“
Diesem Briefe war ein Schreiben Camills angeschlossen, das folgendermaßen lautete:
„Werter Herr Student, indem ich Ihnen den Brief des gnädigen Fräuleins sende, welchen am Tage der Abreise das Fräulein mir übergeben haben, ersuche ich die Verzögerung zu entschuldigen, daß ich ihn erst heute sende und die ersuchte Auskunft sende. Wir sind wegen der Hitze und weil es schon schwer war mit der Abwirtung im Hotel in kühlere Gegend gezogen. Der Herr und das Fräulein wohnen am Berge in einer Alpenherberge. Ich bin eine Stunde unterhalb im Postgasthof einlogiert, bringe mittags die Briefe hinauf und besorge das Nötige. Von dem, was ich im vorigen Schreiben mitgeteilt habe, ist alles bewahrheitet und man verstellt sich auch vor mir nicht mehr. Ich vertrage die hohe Luft schlecht, nachdem ich kein junger Mensch mehr bin, der Wein ist schlecht und wäre gern schon fort. Vielleicht ist es einem studierten Menschen wie Ihnen möglich, darauf hinzuwirken, daß das Fräulein den gnädigen Herrn eilt, daß wir bald nach Paris kommen, was geplant ist. Dort ist es dann auch für Sie leichter und Paris ist etwas für Sie. Da werden Sie erst Ohren und Augen aufmachen. Für die Zigarren schönen Dank. Es ist aber nicht nötig. Ich tue es gern. Wenn Sie etwas übrig haben, bringen Sie es meiner Landsmännin, der Monika Gallo, in der Brunnberggasse Nr. 12. Das ist ein liederliches Frauenzimmer, aber ich unterstütze sie, weil sie ein gutes Mensch ist und ihre Großmutter mich aufgezogen hat. Nachher bin ich zum Militär gekommen und nach der Dienstzeit bei meinem Offizier geblieben. So hat es mit meinem Beruf angefangen, so daß ich mich gut fortgebracht habe.
Wenn es ein Wiedersehen gibt, erzählt man sich wieder Verschiedenes von einst und jetzt. Aber schauen Sie, daß wir hier fortkommen. Der Wein ist hier ganz ungenießbar. Auch Weiber gibt es nicht. Ich empfehle mich Ihnen und verbleibe grüßend
Camillo Custove.“
Ein Heim
Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weißer Bart lief wie ein Röllchen unter dem Kinn zu den Schläfen hinauf bis zu den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags später ins Amt und versäumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als: Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote Flecken — Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter glich —, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichkätzchen in seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten Schlüssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zärtlich verblühtes Gesicht, sah plötzlich böse aus und sie hatte ihre äußerst sorgfältig ausgeführten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migräne nahen fühlte. Das hieß: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mädchen, vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen vorteilhafter erscheinen ließ, denn diesen hatte „der junge Herr“ schon des öfteren belobt. Fürbaß, der Dackel, verübte mit seinem Schwänzchen die kunstvollsten Windungen und war gleichgültig gegen Lisbeth. Der Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wußte, die nächsten Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist heimgekehrt.
Ob aber mit Ausnahme von Fürbaß irgend jemand an des verlorenen Sohnes Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft.
Warum war er zurückgekehrt? Er wußte, wenn er Arabella folgte, war der Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besaß kein Geld für Lustreisen und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgemäß erwerben. Das Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt. Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das häusliche Joch beugen wollte, war es ihm unmöglich, die Sekretärstelle jenes einflußreichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater für alle Fälle bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein für alle Mal unbrauchbar geworden für die Zucht des hofrätlichen Familienherdes. Aber er wußte auch abseits seiner Selbstgefühle, der Vater war alt, die Pension würde einst nicht reichen, wenn dann auch Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das vorhanden gewesen war, hatte man für Anselmas Aussteuer (die in einer Truhe verschlossen blieb) und für die Hedwigs verausgabt. Für Hedwig, die nun verstoßen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten, er wähle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und daß diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen würde. Frau Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Töchterchen geborgen wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er ließ die Frau niemals vergessen, daß er eine Edeltat an ihr verrichtet hatte. Nun waren zwei Kinder mißraten und zeugten wider sie. Oder war dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und Konrad, diese begabten, schöpferischen Menschen, wirklich mißlungen waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen, denn die müde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger längst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum äußersten zu durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht möglich gewesen. Er war also für Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgänge haargenau zu beobachten. Kinder, die sich prügelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er kam spät abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen saß ohne zu trinken oder des Frühlings in Gärten zwischen heimlichem Liebesgetändel ohne selbst zu tändeln. Schließlich begann er ein umfangreiches Buch zu schreiben und veröffentlichte eine Studie über die Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knüpfte, die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der „Hochwarte“ erscheinenden „Kritiken der Lebensführung“ war, die eine stupende Kenntnis geheimer Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, daß der letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anständiger Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schändlichkeiten eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekürzt und alle seine Bücher, die dem Hofrat verdächtig erschienen, verkauft. Als der Vater erfuhr, daß er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige. Daraufhin verließ Konrad das Haus.
Nun aber war er dennoch zurückgekehrt. Eine plötzlich erwachte Zärtlichkeit hatte, alle Einwände besiegend, ihn nach Hause getrieben. Er liebte des Vaters Art, über die Brille hinwegzusehen, seine liebreiche Beschäftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen Ausflügen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmählich heller geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er liebte Anselmas zärtlich verblühtes Gesicht und ihre nach Quittenäpfeln duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er erinnerte sich an Fürbaß, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut empfing und rücksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete Zugeständnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose Zeit bewährt und seine Rückkehr wurde nicht einer Belohnung wert befunden. So wurde denn der Spieß umgekehrt und Konrad dazu verhalten auf die Veröffentlichung bedenklicher Aufsätze zu verzichten, seine Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende außer Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblümt vor die Türe setzen will. Im Spätherbst wurde die Sekretärstelle frei. Bis dahin mußte Konrads Aufführung musterhaft sein, auch sollte er schon einen Monat vorher als Volontär sich einarbeiten. Er ließ sich einige Tage Bedenkzeit. Dann kam Vögelchens Brief, darin standen hell drei Worte: „Warten Sie ab.“
Ausreißen konnte man immer noch. So gab er sich scheinbar zufrieden. Aber die Stadt begann ihren verderblichen Einfluß zu üben. Hatte er am See nur seiner Arbeit an dem Buche „Von St. Bernhard“, den Wanderungen in der Landschaft und seinen Träumen um Arabella gelebt, so begannen nun die erregten Nerven ihre Gifte auszuscheiden. Seine Arbeiten wurden wieder eifernden Geistes, seine Spaziergänge jenen hämischen Beobachtungen gewidmet, seine Sehnsucht nach dem geliebten Wesen Wahn und Eifersucht. So entstand der teuflische Plan in ihm, Mannsthal an Vögelchens Mutter zu verraten und ihr Geld zu entlocken unter dem Vorwand, die Vorgänge aus nächster Nähe beobachten zu wollen. Es schien ihm zweifelhaft, daß ein Brief an jene Deckadresse die Dame noch erreichen würde; geschah dies dennoch, so hatte sich eben der Zufall für seine Absicht entschieden. Er schrieb: