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Amerikanische

Wald- und Strombilder.

Von

Friedrich Gerstäcker.


Dritte Auflage.

Erster Band.

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1862.



Die Leichenräuber.

Seit dem Krieg mit den Seminolen (1818) hatten sich die Stämme der nordamerikanischen Indianer ziemlich still und ruhig verhalten und die Regierung selbst vermied natürlich Jedes, was wieder zu Reibungen und Streitigkeiten Anlaß geben konnte. Nichts desto weniger und trotz tausend verschiedenen Freundschaftsversicherungen und geschlossenen Bündnissen, drängte sie die armen Kinder der Wildniß immer weiter und weiter von den Gräbern ihrer Väter zurück, und nahm ihnen sogar, wenn ein paar trunkene Häuptlinge vielleicht ihre Zustimmung gegeben, wieder Strecken hinweg, in deren fortwährendem Besitz sie frühere Präsidenten bestätigt hatten.

Da standen, dieser Willkühr müde, im April des Jahres 1832 die Winnebagoes, die Füchse und Sioux's auf, und wollten unter ihrem tapferen Häuptling Black Hawk — der schwarze Falke — ihr schönes am oberen Mississippi gelegenes Besitzthum von den frechen Eindringlingen reinigen. Wohlbewaffnet und beritten richteten sie auch fürchterliche Verwüstungen in den Grenzländern ihrer weißen Unterdrücker an; sie umzingelten und vernichteten ganze Ansiedlungen, mordeten und scalpirten jedes lebende Wesen und erfüllten den ganzen Staat mit Furcht und Beben.

Die Regierung sah sich endlich gezwungen ernsthafte Maaßregeln zu ergreifen und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben; denn die Indianer, von ihrem leichten Sieg berauscht, drohten auch die Nachbarstaaten mit ihren wilden Schaaren zu überfluthen. Die Generäle Atkinson und Scott wurden deshalb mit der Vertheidigung der Grenzen beauftragt. Unter des Letzteren Truppen aber, die man in Buffalo an Bord von Dampfbooten schaffte, um sie in der dringenden Noth auch schnell dem Kriegsschauplatz zuführen zu können, brach die Cholera aus — die übermäßige Hitze und das Zusammendrängen so vieler Menschen in einem kleinen Raum war die Ursache, entsetzliches Elend aber die Folge dieser Krankheit. Viele starben, Viele desertirten, und mußten dann, von Seuche und Hunger gleich aufgerieben, in den Wäldern umkommen. General Atkinson dagegen traf durch forcirte Märsche an der Mündung des oberen Iowa mit Black Hawks Kriegern — es war am 2. August — zusammen, schlug nach glücklichem Kampf die Indianer und nahm sogar ihren Häuptling und dessen Sohn gefangen, die beide zuerst in Fort Monroe mehrere Monate festgehalten, dann aber durch alle Hauptstädte der vereinigten Staaten geführt wurden, um ihnen die Macht zu zeigen, gegen die sie einen Krieg unternommen, und ihnen zugleich zu beweisen, wie thöricht, wie ganz hoffnungslos jedes weitere Auflehnen gegen solche ungeheure Streitkräfte sein müßte.

Black Hawk erschrack besonders über die für ihn so bedeutende Anzahl waffenfähiger junger Männer, und kehrte, bestürzt über das was er gesehen, zu den Seinigen zurück. Er widersetzte sich auch von da an nicht länger dem Beschluß der Regierung, die, um einem zweiten Einfall der Wilden vorzubeugen, und sich zugleich das schöne Land vollkommen zu sichern, was jene bis jetzt noch immer bewohnten, sämmtliche Stämme an das westliche Ufer des Mississippi schaffte.

Jahre waren hiernach vergangen, die Jagdgründe jener tapferen Nationen wühlte der Pflug auf, die Gebeine der Krieger bleichten neben denen des von ihnen selbst erlegten Wildes in Wald und Prairie, und nur noch einzelne und nicht oft die besseren der Stämme waren zurückgeblieben und im weiten Land zerstreut, wo sie sich mit Körbeflechten, oder auch mit der Jagd kümmerlich ernährten.

In dieser Zeit also und etwa im Jahre 1845 hatte sich auch ein alter Indianer, aus dem Stamme der Winnebagoes, dann und wann in Waterton, einem kleinen Städtchen am Forriver, eingefunden, und für Prairiehühner oder einen gelegentlich erbeuteten Hirsch, Pulver, Blei, Whiskey und was er sonst brauchen mochte, eingetauscht. Eines Tages aber, ob er nun des Guten ein Bischen zu viel gethan, oder sonst vielleicht schon vorher krank gewesen, hatte er kaum das gewöhnliche Geschäft beendet, und einen Theil seines Whiskeys getrunken, als er krampfhafte Zufälle bekam, zu Boden stürzte und wenige Minuten darauf den Geist aufgab.

Allerdings wurde der Doktor — der einzige im kleinen Städtchen und zwar ein Ire — augenblicklich gerufen — jede Hülfe kam jedoch zu spät, der arme alte Mann hatte geendet, und in einem roh gezimmerten Sarge trug man ihn etwa eine englische Meile von der Stadt fort, wo ein alter »Indianischer Mound« oder Erdhügel lag, der stets von dort vorbeikommenden Wilden besucht ward und der Begräbnißort eines großen Häuptlings der »Füchse« sein sollte. Dort, aus einer Art Zartgefühl, das dem armen alten Indianer gerade da seine Grabstätte anwies, grub man ihm sein letztes Bett, und bald verrieth nichts weiter, als die frisch aufgeschüttete Erde, den stillen Ruheort eines alten Mannes, der doch wenigstens in dem Lande schlafen durfte, in dem sein Stamm einst geherrscht und glücklich gewesen war.

Eine Person lebte aber in Waterton, die alles Mögliche gethan hatte, um dieses Begräbniß zu hintertreiben, und diese Person war eben der, schon früher erwähnte kleine irische Doktor, der — zum Nutzen der Menschheit, wie er behauptete — seit dem Tode des Indianers nicht abließ mit Bitten und Versprechungen, den Leichnam ausgeliefert zu bekommen, damit er ihn seciren und dadurch vielleicht wichtige Entdeckungen in diesem Zweige der Wissenschaft machen könne. — So lautete nämlich der Grund, den er angab, eigentlich wünschte er aber nur das Skelett zu besitzen, für das er in New-York einen bedeutenden Preis zu bekommen wußte.

Nun hätten sich die guten Wolferinen[1] wohl allerdings sehr wenig daraus gemacht, was aus dem Leichnam eines Indianers wurde, die sie, der verübten Gräuel wegen, sämmtlich in die höllischen Regionen wünschten; eben diese Greuelscenen waren aber auch noch zu frisch in ihrem Gedächtniß, und nicht mit Unrecht fürchteten sie, wenn so etwas von ihrem Ort bekannt geworden wäre, die Rache der übrigen Wilden, die, wenn auch nicht offen ausgeführt, ihrem kleinen unbeschützten Flecken um so verderblicher werden konnte.

Überdies war der alte »Salomo« — wie sie ihn genannt hatten, obgleich er sich keineswegs zur christlichen Religion bekannt — so lange Jahre dort aus- und eingegangen, daß wirklich eine Art Freundschaft zwischen ihnen aufgesprungen schien, und zugleich mit der Scheu, die alle Hinterwäldler vor dem Zerschneiden und Zerlegen eines menschlichen Leichnams haben, widersetzten sie sich einstimmig der Bitte des Doktors. Der Indianer wurde begraben und damit glaubten sie die Sache abgemacht.

Dem war aber nicht so; Doktor Mac Botherme sah allerdings, daß hier mit weiteren Protestationen Nichts mehr auszurichten sei, eins aber blieb ihm noch, und zwar die List. Schon in Irland hatte er manchen Leichnam stehlen helfen, und wenn auch die Zeit viele viele Jahre lang hinter ihm lag — Jahre, in denen er noch kräftig und jung gewesen — so wußte er auch dafür, daß das Ausgraben eines Körpers mitten im Wald, wo er Entdeckung gar nicht zu fürchten brauchte, mit viel weniger Schwierigkeiten und Gefahr verknüpft sei — ja, wäre es nicht des unbemerkten Heimschaffens der Leiche und vielleicht der halbunbewußten Furcht vor Indianern wegen gewesen, er hätte das ganze Abenteuer allein bestehen können; so aber mußte er sich nach einem Gehülfen umsehen, und den fand er augenblicklich in seinem eigenen Diener, einem erst in demselben Monat eingewanderten, noch rohen, oder wie sie in Amerika sagen, wilden Irländer, den er leicht, durch Versprechung eines guten Lohnes, dahin zu bewegen hoffte ihm beizustehn, wie auch später über die ganze Sache reinen Mund zu halten.

Um aber nun mit dem Doktor, der so kühne Absichten hatte und einer ganzen Gemeinde und den Schrecknissen des Grabes trotzen wollte, etwas näher bekannt zu werden, muß ich den guten Mann wohl bei dem Leser in Lebensgröße einführen.

Doktor Mac Botherme war ein kleines korpulentes Wesen, mit rothen Backen, etwas echauffirter Nase, kleinen grauen Augen, grauen Augenbraunen und pechschwarzem Haar, welches letztere ihm übrigens ein keineswegs nordländisches Aussehen verliehen haben würde, wären nicht die aufgestülpten Geruchswerkzeuge, wie das ganze fröhliche, breitgedrückte Antlitz des immer munteren Doktors zu sichere Bürgen der »grünen Insel« gewesen. Nach seiner, dem Leser eben mitgetheilten Absicht, möchte dieser jedoch verleitet werden, den Doktor für ein Wunder von Muth, Entschlossenheit und Charakterfestigkeit zu halten, da er trotz der verweigerten Einwilligung von Waterton dennoch auf seiner Absicht bestand, und jetzt sogar eine Leiche bei Nacht Nebel stehlen wollte — ein Geschäft, vor dem selbst der kühnste Jäger jener Wälder zurückgeschreckt sein würde. Dem war aber gar nicht so. —

Doktor Mac Botherme hatte allerdings, was auch schon sein »Geschäft« mit sich brachte, keine Furcht vor Leichen — der menschliche Körper war ihm etwa dasselbe, was einem eifrigen Botaniker die Pflanze ist, die er zerlegt und nach ihren inneren Theilen classificirt; er würde also auch das Stehlen der Leiche an sich selbst als etwas sehr unschuldiges, ja vielleicht Interessantes betrachtet haben, wäre nicht noch ein anderer Umstand dazu gekommen, der allerdings der ganzen Sache eine Schattenseite gab, und ihn sogar mit einem Gefühl erfüllte, das, er mochte sich dagegen sträuben so viel er wollte — der Furcht ungemein ähnlich sah.

Die Leiche lag nämlich im Wald — eine Meile von jeder menschlichen Wohnung entfernt, und erst vor wenigen Tagen hatten die Jäger von Waterton gerade dort einen Panther gejagt und nicht erwischt. Der Panther mußte also noch nothwendiger Weise im Walde sein, denn es war nicht einmal auf ihn geschossen worden, so daß man sich vielleicht damit hätte beruhigen können, er sei verwundet und später irgendwo verendet.

Außerdem schienen auch die Einreden der Bewohner von Waterton einen nicht unbedeutenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, daß sich nämlich in letzter Zeit wieder mehrere Indianer, und zwar von den Winnebagoes eben in der Gegend gezeigt hätten, die, wenn sie von dem Leichenraub eines ihres Stammes hören sollten, nie im Leben eine solche That vergessen, sondern sie an dem Thäter und seiner ganzen Nachbarschaft rächen würden, indem sie, wenn sie nicht dieser selbst habhaft würden, doch wenigstens ihre Maisfelder und Häuser in Brand steckten und ihnen vielleicht auch noch außerdem mit heimlicher Kugel im Walde auflauerten.

Das Alles blieb zu bedenken, die Versuchung zeigte sich aber hier zu stark, Mac Botherme konnte nicht widerstehen, und beschloß nun, der äußeren Vorsicht und der Bequemlichkeit im Allgemeinen wegen seinen eben angenommenen Diener Patrik O'Flaherti zu Schutz und Hülfe mitzunehmen und die Sache wo möglich vollkommen geheim zu halten.

O'Flaherti, ein wahres Muster eines Irländers der niederen Klassen, mit brennendrothem Haar und ordentlich Funken sprühender Nase — starkknochig und keck, mit unverwüstlichem Humor und nicht zu ermüdender Dienstfertigkeit, war denn auch, besonders noch durch die zugesicherte reichliche Belohnung gelockt, gern bereit, dem Doktor, wie er sich ausdrückte, »durch dick und dünn zu folgen,« heißt das, wenn sie es nur »mit wirklich todten« Personen zu thun hätten, und nicht etwa gar der Geist des »seligen Rothfells« neben dem Grabe säße und aus seinem Tomahawk schlechten Tabak rauche.

Auch hatte Patrik — der sonst keinen Menschen fürchtete, eine nicht unbedeutende Scheu vor den Wilden selbst, da ihm schon in der Heimath die fürchterlichsten Schilderungen von diesen gemacht waren, die dort als Cannibalen und wahre Teufel verschrieen wurden. Das was er, in Illinois angekommen, hie und da über die letzten Einfälle und Gräuelscenen gehört, diente ebenfalls nicht dazu, ihm einen besseren Begriff von ihnen beizubringen, und so äußerte er denn auch diese Befürchtung ziemlich frei und offen gegen seinen neuen Herrn. Mac Botherme, obgleich er Ihm im Innern vollkommen recht gab, hütete sich jedoch wohl, ihm davon etwas merken zu lassen; im Gegentheil suchte er mit dem unbefangensten Lächeln von der Welt jede etwa aufsteigende Furcht in ihm zu beschwichtigen.

Das gelang ihm denn auch vollkommen, und die Ausführung des Unternehmens wurde auf den nächsten Abend festgesetzt, da an diesem, als an einem Sonntag, nicht zu fürchten war, daß vielleicht irgend Jemand von Waterton auf der Jagd draußen sei, und zufällig in die Nähe des Indianischen Mound kommen könnte. Alle nöthigen Vorbereitungen wurden nun getroffen, und der Plan schien sich auch leicht und gefahrlos ausführen zu lassen.

Der Doktor bewohnte nämlich ein eigenes kleines Haus mit zwei Abtheilungen, in deren einer er und der Diener schlief, während er die andere zu seinem Wohn- und Studierzimmer erhoben hatte. In das erstere nun sollte die Leiche geschafft und dort zubereitet werden, bis sich später einmal eine Gelegenheit fand, das hergerichtete Gerippe ohne Aufsehen an den Ort seiner Bestimmung zu befördern.

Patrik mußte sich dabei Hacke und Schaufel zurecht legen, und der Doktor nahm die alte Muskete vom Haken, schnallte seinen breiten, bis dahin zu Schutz und Trutz über dem Bett hängenden Hirschfänger um, steckte ein Brecheisen und kleines Beil zu sich, um ohne weitere Mühe den Sarg öffnen zu können, und während er noch das Letzte — einen großen grauen Leinwandsack über seine Schultern hing, um darin den Leichnam desto leichter fortschaffen zu können, brachen an dem bezeichneten Abend die Beiden, als der Mond eben unterging (und das war etwa gerade um neun Uhr) vorsichtig auf, wobei sie, um jedes Aufsehen zu vermeiden und nicht etwa von einem noch zufällig auf der Straße Weilenden bemerkt zu werden, das kleine Haus umgingen, die nächste Fenz, die des Gastwirths Maisfeld einschloß, übersprangen, und dann durch dieses hin, und von den hohen breitblättrigen Maisstöcken vollkommen verdeckt, dem Walde zueilten.

Es war dies allerdings ein ziemlich bedeutender Umweg, den sie machten; sie hatten ja aber die ganze Nacht vor sich, und setzten so, leise und geräuschlos, ihren dunkeln unheimlichen Weg fort. —

Indessen saßen in der Schenke von Waterton die vier einzigen nicht religiösen Männer, die, außer dem Doktor und Patrik in dem kleinen Städtchen zu finden waren, fröhlich beisammen, und thaten dem erst frisch von Vincennes eingetroffenem Biere alle nur mögliche Ehre an. Diese vier waren aber erstlich James Glassy, der Wirth selbst, ein seit der frühsten Gründung von Waterton hier eingewanderter Pennsylvanier, und kurzweg von seinen Bekannten und Gästen Jim genannt, dann Josy, der Schmied, Weppel, der Schulmeister, und Shark, der Krämer.

Eines nur, wie sie so friedlich und heiter bei einander saßen, wirkte höchst störend auf ihre Unterhaltung ein, und zwar ein Umstand, der vielleicht zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbürgte — sie waren alle viere Demokraten, hatten für Polk gestimmt, und im Ganzen eine so genau übereinstimmende Meinung in Allem was Politik betraf, daß Weppel der Schulmeister mehrere Male in aller Verzweiflung erklärte, er werde nächstens gegen seine Überzeugung des Whigticket stimmen, blos um einmal in einer so verwünscht langweiligen Gesellschaft widersprechen zu können.

Die Politik war deshalb auch fast ganz aus ihrer Unterhaltung verbannt, und Jim hatte eben einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbäume er im letzten Monat gefunden, während sich Josy seines Glücks auf der Jagd rühmte, mit dem er in voriger Woche zwei Hirsche und drei Truthühner geschossen und Shark behauptete dabei, er würde auch einen Hirsch und noch dazu einen recht feisten Bock erlegt haben, wäre ihm nicht gerade, als er die Büchse heben wollte, so eine verwünschte Rothhaut in die Quere gekommen, die ein paar Sekunden früher geknallt, und dadurch ein ungemein delikates Stück Wildpret für sich gewonnen hätte.

»Wir sollten es überhaupt gar nicht mehr dulden,« fuhr jetzt Weppel auf, »daß diese schleichenden Hallunken, diese Indianer, hier immer um die Ansiedlung herum kriechen — in Arkansas leiden sie's auch nicht — ich hielt im vorigen Jahr am Mulberry Schule, und da fingen sie einmal einen ganzen Trupp von ihnen auf — es waren ihrer vierzehn oder fünfzehn — nahmen ihnen die Jagdbeute ab und jagten sie aus dem County.«

»Ja,« sagte Shark geheimnißvoll — »das hat aber auch hier eine andere Bewandtniß — wißt Ihr denn nicht, was man sich in Vincennes über Waterton erzählt?«

»In Vincennes?« frug ungläubig Josy — »was wissen sie denn in Vincennes von uns, wovon wir hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas gehört haben sollten — Unsinn — wäre doch verdammt neugierig das zu erfahren!«

»Was sie in Vincennes wissen, will ich Euch sagen,« fuhr Shark fort, trank sein Blechmaas aus, das ihm von der aufmerksamen Wirthin augenblicklich wieder gefüllt wurde, rückte sich seinen Stuhl ein bischen näher zum Tisch, putzte das Licht, stemmte beide Ellbogen auf, stützte gegen die zurückgestreckten Daumen das spitze Kinn, und sagte dann nach allen diesen Vorbereitungen mit leise flüsternder Stimme:

»Sie glauben, es wäre hier nicht ganz richtig.« —

»Nicht ganz richtig?« frugen die drei übrigen wie aus einem Munde.

»Nein« — sagte der Krämer — »nicht ganz richtig — oder eigentlich gar nicht richtig, denn die Indianer schnüffelten blos deshalb hier noch in der Nähe herum, weil sie auf der Stelle, wo Waterton jetzt stünde, einen Schatz vergraben hätten, den sie heben müßten, ehe sie sämmtlich das Land verlassen dürften.«

»Einen Schatz?« rief die junge Wirthin, erstaunt näher tretend.

»Ja, einen Schatz von Gold, Silber und allerlei kostbaren Steinen und Schmucksachen« — fuhr der Krämer eben so geheimnißvoll wieder fort.

»Aber wo sollten sie denn das Alles hergekriegt haben,« sagte der Wirth ungläubig — »das was die Indianer für kostbar halten, ist für uns Weiße keinen Pfifferling werth — das sind gewöhnlich immer nur Muschelstückchen, die an den Wampum genäht werden, rothe Erde, um Pfeifen d'raus zu machen, und allerlei seltene Federn, die man in New-York für einen Spottpreis kaufen kann.«

»Wo sie's hergekriegt haben sollen?« rief Shark in allem Eifer; — »haben sie denn nicht von jeher die weißen Ansiedlungen überfallen, und da geraubt und fortgeschleppt, was ihnen unter die Hände kam? wird denn nicht sogar behauptet, daß es in dem Alleghany-Gebirge Stellen gebe, wo das Gold klumpenweis läge, und daß es die Indianer wohl gefunden und mitgenommen, aber nicht gewußt hätten, was sie damit anfangen sollten, bis sie es später durch die Gier der Europäer erfahren! Nein, die Schätze sind da, das ist gewiß, und daß sie hier in der Nähe liegen mögen, vielleicht gerade hier unter uns, wo wir jetzt sitzen, das ist auch möglich. Was hätten denn auch wirklich die rothen Hallunken immer hier herum zu suchen? gestern bin ich wieder Dreien begegnet, wie ich, um ein Eichhörnchen zu schießen, in den Wald ging.«

»Die sind nach Vincennes zu,« unterbrach ihn hier die Wirthin, »sie wollten auch blos eine Parthie Otterfelle verkaufen und dachten gewiß wenig genug an Schätze.«

»So?« rief der Krämer pikirt. — »Otterfelle verkaufen, als ob sie deshalb nach Vincennes zu gehen brauchten. Da gibt es auch in Waterton Leute, die Geld genug haben, ihnen ein paar lumpige Otterfelle abzukaufen. Nein, das hat einen anderen Grund, und wir werden's schon noch erfahren. Deshalb war ich übrigens auch so dagegen, daß der kleine Doktor den Indianer zerschneiden sollte — der Teufel hole die rothen Schurken, vielleicht hätten sie das als eine Ausrede genommen, uns die Häuser über dem Kopf angesteckt, und hier mitgenommen, was sie mitzunehmen wünschten.«

»Ja, das sag' ich auch« — meinte Josy — »das wäre auf keinen Fall gegangen; ich weiß noch recht gut, wie sie's ein Mal in Greentown einem Deutschen machten, der auch das Gerippe von einem am Mississippi begrabenen Häuptling hatte stehlen wollen — sie erwischten ihn dabei — zogen ihm den Scalp ab, und ließen ihn laufen — drei Stunden drauf war er todt. Ich habe die Geschichte Mac Botherme zur Warnung erzählt.«

»Ja, und nachher haben sie noch fünf aus derselben Ansiedlung erschossen,« sagte Weppel — »ich kann mich recht gut darauf besinnen, denn ich kam acht Tage später durch Greentown.«

»Und dann war Salomo auch ein herzensguter Mensch« sagte Mrs. Glassy — »gar nicht wie die anderen Indianer — überall gefällig und immer freundlich — es hätte mir in der Seele weh gethan, wenn er nicht einmal ruhig im Grabe geblieben, sondern von dem — Irländer da, zerschnitten wäre. Soviel weiß ich — wenn der hier in Waterton Menschen die Eingeweide herausnimmt und an ihnen herumsticht als wie an einem anderen Stück Vieh, dann mag er mir nur hier aus dem Hause bleiben, dann dank' ich ihm für seinen Besuch — ich ekelte mich zu Tode.«

»Na, das wäre nun das Wenigste,« lachte ihr Mann — »das wäscht sich Alles wieder ab, und was Salomo betrifft, so ist Einer von den Moccasinzertretern so schlimm wie der andere — je freundlicher sie sich stellen, desto mehr muß man sich vor ihnen in Acht nehmen. Aber darin hat Shark recht — ich möchte nachher nicht mehr vor die Thür gehen, wenn es unter dem Stamm bekannt würde, wir hätten hier in Waterton Einen von ihnen nicht allein nicht begraben, sondern sogar noch zerschnitten — am Ende glaubten sie gar, wir wären Menschenfresser.«

»Brrr,« sagte Mrs. Glassy, und schüttelte sich bei dem Gedanken.

»Ja Kinder,« meinte Mr. Weppel, als er jetzt aufstand und ans Fenster trat, um hinaus auf die menschenleere Straße zu sehen — »was Besonderes ist hier nicht weiter zu bekommen, und da will ich denn lieber zu Hause gehen — meine Alte möchte doch sonst brummen.«

»Wie viel Uhr hat's denn?« frug Jim — »es muß ja noch früh sein.«

»Es ist gerade neun vorbei,« sagte der Schullehrer, »der Mond drückt sich auch da drüben in's Nest — morgen muß ich um sieben wieder auf den Beinen sein und Schule geben — also gute Nacht, meine Herren.«

»Wartet Weppel,« rief Shark, während er aufstand und nach seinem eignen Hute griff — »ich gehe mit — ich muß so ein Bischen in's Freie, habe in der Stubenluft ordentlich Kopfweh bekommen. Aber wer klopft da draußen — ist denn zugeschlossen?«

Die Thüre war inwendig eingeklingt und Mrs. Glassy öffnete sie schnell, hätte aber fast einen lauten Angstschrei ausgestoßen, als plötzlich, halbgebückt, den rabenschwarzen runden Wollkopf entblößt, ein kleiner, etwa zwölfjähriger Negerknabe in's Zimmer glitt, der, augenscheinliche Angst in den dunklen Zügen, die Männer der Reihe nach ansah, und nicht zu wissen schien, ob er mit der Sprache heraus sollte.

»Jesus im Himmel!« sagte Mrs. Glassy, indem sie überrascht einen Schritt zurücktrat, »habe ich doch wahrhaftig geglaubt, es wäre ein Indianer, der da den Kopf zur Thüre herein streckte. Was willst du denn noch so spät, Sip? schickt dich dein Master?«

Sip war ein freier Negerknabe, der sich bei dem Baptistenprediger vermiethet hatte, und auch dann und wann, besonders wenn sein Herr nach irgend einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen war, allerhand kleine Aufträge und Wege für das Wirthshaus besorgte, wo er sich nur zu gern mit einem paar Centen und einem Schluck Whiskey dafür belohnen ließ. — Jetzt verrieth sein ganzes Wesen aber mehr Furcht und Besorgniß, und mit leiser, bebender Stimme stotterte er:

»Ne — ne — nein, Missus — Ma — Massa nicht, a — aber — ich ha — habe wa — wa — was gehört — «

»Du hast was gehört?«

»Ja — Mi — Missus« — fuhr der Kleine ängstlich fort — »w — w — wie ich durch Ma — Ma — Massa Glassys Me — Melonengarten ging — «

»Sirrah, du Schuft,« unterbrach ihn hier Mr. Glassy entrüstet — »was hast du in Ma — Ma — Massa Glassys Melonengarten zu suchen? Hab ich dir kleinen schwarzen Hallunken nicht verboten, meine Melonen auch nur über die Fenz herüber anzusehn?«

»Aber so laßt ihn doch nur erst erzählen, was er gesehen hat?« lachte Weppel — »der arme Bursche bringt ja sonst keine Sylbe mehr vor Angst und Stottern heraus.« Sip schien auch wirklich dadurch, daß er sich hier so urplötzlich selbst verrathen hatte, ganz consternirt zu sein und stotterte eine solche Menge wirres Zeug hervor, daß ihn Mrs. Glassy erst wieder beruhigen mußte, bis er sich nur wenigstens in so weit verständlich machen konnte, daß sie begriffen, was er eigentlich wolle.

Der Inhalt seiner Mittheilung bezog sich übrigens näher auf ihr kaum unterbrochenes Gespräch, als sie im Anfang vermuthet, denn Sip erzählte ihnen jetzt, daß er durch eben den fraglichen Melonengarten, aber blos durchgegangen sei, um schneller nach Waterton zu kommen, als er dicht an der Fenz hin zwei Männer gesehen habe, von denen der Eine eine Flinte, der andere aber Hacken und Spaten getragen. Nicht weit von ihm seien sie eine Weile stehen geblieben und er hätte deutlich die Stimme des kleinen irischen Doktors erkennen können, der mit seinem Diener davon gesprochen, den todten Indianer in einen Sack zu stecken und zu Hause zu tragen.

Sip war eben nur deßhalb so erschreckt über das Ganze, weil er seinen eigenen Master schon vor dem Begräbniß des Indianers sagen gehört, sie dürften es unmöglich wagen, die Rache der noch in der Gegend umherstreifenden Indianer zu erwecken, denn solche Menschen, die Nichts weiter zu verlieren hätten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte Vergeltung für erlittene Unbill auszuüben glaubten, seien zu Allem fähig und würden die Weißen nachher ruhig todtschlagen, das, was sie besäßen, rauben, und die Neger — eine Hauptsache für Sip, in Gefangenschaft schleppen.

So unausführbar nun auch das Letztere gewesen wäre, da die Indianer, nach einem ausgeführten Gewaltstreich, nur nach Canada hoffen durften zu entkommen, so glaubte doch Sip, mit der Geographie des Landes wenig bekannt, seine Existenz auf das Äußerste gefährdet, und bat jetzt die Männer mit thränenden Augen, sie möchten doch nur um Gotteswillen nicht zugeben, daß die bösen Menschen ihr Vorhaben ausführten.

»Hm,« sagte nach langer Pause Weppel, als Sip geendet und schüchtern in eine Ecke zurückgetreten war — »der verwünschte kleine Doktor wird uns am Ende noch zu schaffen machen.«

»Ei potz Hammer und Zangen,« rief Josy — — »wir wollen ihm nach — wer fürchtet sich denn vor seiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht, und mit der er oft Stundenlang zwischen den Eichhörnchen draußen herumschnappt. Wir wollen doch einmal sehen, ob der Fremde hier nach Waterton gekommen sein soll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von Leib und Leben zu bringen.«

»Nein, das seh' ich auch nicht ein!« sagte Weppel — »er hat bei uns um den Leichnam angehalten — er ist ihm abgeschlagen, und wenn er ihn jetzt stehlen will, so brauchen wir das nicht zu leiden.«

»Leiden?« donnerte der kräftige Schmied dazwischen — »der Teufel brauchts zu leiden — aber wir nicht — hol' doch den ganzen Irländer der Böse — mag er zu seinem eigenen Land zurückgehen, wo's keine Frösche und Schlangen giebt, wenn er aber hier leben will, so soll er sich auch den Gesetzen des Landes fügen, oder — ich will ihn mit ein paar Hämmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles in der Welt, als zum zweiten Mal den Ambos abgeben sollte. Kommt, wir wollen ihm nach, und wenn ich ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heißt mich einen Holzkopf.«

Der ehrliche Schmied drückte sich den Hut fest in die Stirn, und schien, ohne alle weiteren Umstände, seine Absicht auch ausführen zu wollen; Shark stellte sich ihm aber entgegen, erfaßte seinen Arm und sagte, während er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte Kinn strich:

»Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten — der Indianer gehört nicht mehr in den Staat — er liegt auf Congreßland begraben und wir haben eben so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor — gesetzlich können wir ihm also gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und fangen wir Streit an, so wird, mehr als nöthig ist, davon gesprochen und die Aufmerksamkeit der Indianer noch stärker nach Waterton gelenkt, als das bis jetzt schon geschehen; — ließe sich das Ganze nicht auf irgend eine andere Art beilegen?«

»Ist er denn aber auch nach dem indianischen Grabe?« frug Mrs. Glassy — »das liegt doch gerade in ganz entgegengesetzter Richtung!«

»Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten mitten durch die Stadt laufen,« — sagte der Schulmeister — »so gescheidt ist er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe mir's wahrhaftig gedacht.«

»Ach was denken,« fiel der Schmied hier ärgerlich ein — »hol' der Teufel das Denken, wir gehen hin, hauen ihm die Jacke voll, daß er das Wiederkommen vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, daß er sich, wenn er einmal in Amerika leben will, auch so betragen soll, wie's die Amerikaner verlangen.«

»Meine Herrn!« unterbrach ihn hier Shark — »dagegen muß ich zweierlei einwenden — erstlich habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der schon jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte herausreißen lassen, und dann — könnte die verwünschte Flinte doch einmal losgehen — die Art Schießeisen wartet gewöhnlich den Zeitpunkt ab, wo sie eigentlich nicht feuern sollte, und dann feuert sie erst recht. In dem einen Falle bräche er mir, um sich zu rächen, vielleicht die halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was noch schlimmer wäre, einen von uns todtschießen; ich schlage also vor, daß wir uns auf etwas Besseres besinnen. — Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir ihm den ersten Neger versprächen, der in der Ansiedlung stirbt.«

»Oh Go — Golly, Ma — Ma — Massa!« schrie Sip entsetzt, »was hat a — a — arme Nigger gethan, — N — nein — Sip we — we — weiß 'was Be — Besseres!«

»Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge du« — lachte Weppel — »heraus mit dem Be — Besseren!«

»Massa Bo — Botherme, fü — fü — fürchtet Indian — i — i — ich schreie ge — gerad wie Indian« — und ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, stieß der kleine Neger plötzlich in so täuschender Nachahmung und so scharf und gellend den trotzigen Schlachtschrei der Winnebagoes aus, daß Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die Männer überrascht, emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick begriffen, was der Knabe meinte, und rief jetzt jubelnd aus:

»Bei Gott, Kinder, ich hab's — Sip hat recht, das ist ein kapitaler Einfall — wir wollen Indianer spielen. Dunkel ist's, der Mond ist unter, da brauchen wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzuhängen, und unsere Garderobe ist fertig. Draußen schleichen wir uns denn an das Grab hinan und wenn Sip hier zu schreien anfängt, und wir anderen einstimmen, dann denk' ich, soll der gute Doktor glauben, alle drei ausgewanderten Stämme säßen ihm auf dem Nacken.«

»Da möchten wir aber auch unsere Büchsen mitnehmen,« meinte Josy, dem der Einfall zu behagen schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefällig vor sich hin.

»I Gott bewahre!« sagte der etwas ängstliche Krämer, »wozu? der Wald ist dicht verwachsen, und so ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht werden.«

»Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt« — meinte Weppel.

»Nein, dafür steh' ich,« lachte der Wirth — »wenn der die Büsche rascheln und nachher den ächten Schlachtschrei hört, dann möchte ich meinen Hals darauf verwetten, daß er Fersengeld giebt, als ob der Böse hinter ihm wäre.«

»Aber reinen Mund müssen wir halten,« meinte Shark — »sonst holt er ihn später am Ende doch noch.«

»Wenn der einmal verjagt ist, kommt er sobald nicht wieder« — sagte Glassy — »übrigens ist's einerlei, ob wir bei dem einen ächten oder unächten Schlachtschrei haben — der versteht ihn doch nicht zu unterscheiden — was hilft auch der Kuh Muskate — doch gleich viel, jetzt nur fort, daß wir nicht zu spät kommen. Er ist, wie Sip sagt, durch die Felder gegangen, da muß er einen weiten Umweg machen, bis er an den oberen Baum kommt, der über den Fluß liegt, sonst kann er nicht hinüber. Wir können indessen hier gleich über die Brücke und auf der breiten Straße fortgehen, dadurch schneiden wir wenigstens eine halbe Stunde Weges ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen heißen Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen können, und jetzt ihr Herren — an's Werk.«

Es war Nacht — droben vom Himmel blitzten in unendlicher Pracht die schönen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder — ein leiser Südwind strich fast geräuschlos über die weite Prairie daher, nur das schwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, daran blitzenden Thauperlen schwer hinab auf den feuchten Boden fielen. — Sobald er aber das Flußthal erreichte, wo die hohen, kräftigen Bäume standen, da gewann er auch neue Macht, da schien er sich recht fest und trotzig zusammenzunehmen, und hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte und brauste hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wichtiges zu sagen habe. Die aber schüttelten leise und altklug mit den Köpfen — sie wußten recht gut, daß von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts Derbes und Tüchtiges herkommen könne. »Ja,« sagten sie, »wenn er von da drüben herüber, über die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern nieder, dann wär's noch der Mühe werth, sich dagegen zu stemmen, oder einander die Arme zu reichen, zu Hülfe und Schutz, so aber — laßt ihn weiter ziehen, Schwestern — es ist ein Südländer — er tritt patzig auf, flüstert einem Jeden etwas Schönes in's Ohr, und ist dann eben so leicht verschwunden, wie er gekommen.«

So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige und der Schuhu saß mitten drinn und schaute gähnend in das noch vom letzten Herbst dort unten liegende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Bissen in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus, vorbeischleiche und ihm die unbequemere Suche erspare.

Die Natur feierte ihren Sabath — heilige Ruhe lag über der ganzen Welt, sogar die Frösche riefen ihr monotones Lied nur ganz leise und schüchtern ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle hineinzuquaken in die stille — hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte auf dem Walde, selbst die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht durch die dicht verwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der kleine Fluß seine unregelmäßige, zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden brach, hatten sich die Riesenwipfel getrennt und die freundlichen Himmelskörper spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen auf den leichtgekräuselten Wogen zu schwimmen und zu tanzen.

Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen Niederung, wo das blasse Sternenlicht seinen matten, dämmernden Eingang fand — es war dies eine jener tausend kleinen Waldblößen, die durch die ganzen westlichen Wälder zerstreut sind und nur Gras und Blumen erzeugen, während der sie umschließende Boden die kräftigsten, stattlichsten Bäume trägt, und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren Stämme hier herausgerissen seien, und das weite, die enge, nackte Stelle umkreisende Waldmeer schon im Begriff wäre, sich wieder über derselben zu schließen.

Der freie Raum mochte kaum sechzig Fuß im Durchschnitt haben; seinen Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht sieben Fuß hoher Hügel, der, mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel eine Wunde trug, wo der Rasen frisch aufgerissen schien und die in spitzem Kamm festgeschlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der starre Körper eines Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und Leiden.

Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten des grünenden Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er seine erste Runde beging, umschlichen, und von dem frischen Grabe aus seinen Nachtgruß hinauf geheult zu den Sternen — die Spuren seiner scharfen Krallen bezeichneten noch den weichen Grund.

Aber was hob sich dort, dunkel und ungewiß, im matten Licht, dicht zu Häupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? — Hatten sie soweit sein Andenken geehrt, um sogar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von ihnen Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bäumen, deren Schatten ihn früher erquickte? Ach nein — nein — nicht Liebe war's, die das erkaltete Herz hier einscharrte in seine irdene Urne — den Leichnam aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; so schnell und bequem das geschehen konnte, so schnell geschah es — daß sie das indianische Grab dazu gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der Race selbst bewiesen.

Und jener Stein? —

Hättest du die dunkelglühenden Augen gesehen, wie sie unter der fest und stolz emporsteigenden Adlersfeder vorfunkelten — hättest du den leisen monotonen Sang gehört, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren Flüstern, die Todtenklage über den Geschiedenen murmelte, du hättest nicht nach einem Stein gefragt — ein lebendes Monument seines Stammes, kauerte der Häuptling, im vollen Schmuck des Kriegers, über dem Grab — seines Vaters, und während die Linke fast bis zum Handgelenk in den weichen lockeren Boden sank, hielt er die Rechte starr und regungslos zu den Sternen gestreckt, als ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurückgebliebenen.

Da plötzlich hob er rasch und lauschend das dunkle Haupt — die hohe Feder schwankte von der fast unwillkührlichen Bewegung, und mehrere Secunden lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem noch fernen aber seinen scharfen Sinnen nicht entgangenen Geräusch zu horchen.

Es kam näher — er unterschied Stimmen — er vernahm das Krachen und Knicken niedergebrochener dürrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig erhebend — das Antlitz fortwährend der Stelle zugewandt, von der die störenden Laute tönten, glitt er leise zurück in den schützenden Schatten der Bäume und verschwand im nächsten Augenblick in ihrem Dunkel.


»Ich sage dir Patrik — du bist ein Esel!« rief Doktor Mac Botherme, als er wenigstens zum fünfzigsten Mal über die im Wege liegenden Äste gestolpert und gestürzt war, und eben wieder, die Schienbeine reibend, aufstand — »du schwatzt ja Zeug, was einen vernünftigen Christenmenschen in seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen könnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten Wirrwarr von knochenzerbrechenden Bäumen — Herr Gott!« unterbrach er sich hier selbst in halbverbissenem Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem Gesicht in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hängen geblieben war, und sich nun sorgfältig mit der flachen Hand über Stirn und Backen fuhr, um zu fühlen, ob er nicht blute.

»Aber Doktor Mac Botherme« — fuhr der dadurch ungerührte Patrik in seinem breiten irischen Dialekte und in der eben erst unterbrochenen Rede fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde niedersetzte und sich ängstlich dabei nach allen Seiten hin umsah — »ist es denn nicht meiner Mutter Sohn, den sie alle Augenblicke bald rechts, bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: »Patrik, mein Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter — gehe keinen Schritt weiter, in dieser gesegneten Nacht — es kostet sonst deine Seele — du bist ein verlorenes Schaaf.« — «

»Du bist ein geborener Ochse — Patrik, mein Herzchen!« rief der Doktor ärgerlich, dem die Angst seines Gefährten keineswegs gelegen kam. »Hab' ich dir nicht schon zehntausend Mal gesagt, daß es die Zweige und wilden Rebenstöcke sind, in denen du hängen bleibst; — wenn du dich nicht jedesmal bücktest und an zu beten fingst, so könntest du's selber sehen.«

»Arrah Sir« — seufzte der sich hier höchst unbehaglich befindende Ire, »mag's mir die Mutter Maria vergeben, daß ich mich bei Nacht in solch heidnischen Wald getraut habe; aber so viel weiß ich — bin ich erst einmal wieder in der Stadt — keine Seele kriegt mich zum zweiten Mal in eine solche Gegend. — Und nun auch erst noch Leichen ausgraben« — fuhr er mit weinerlicher Stimme fort, als der Doktor indessen, sich wenig um seine Klagen kümmernd, die Gegend recognoscirte, in der sie sich befanden; — »Leichen ausscharren, wie's die wilden Bestien in Afrika machen sollen — und Leichen zu Haus tragen und kochen, wie ein anderes ehrliches Stück Rindfleisch — o Jäses, o Jäses, wenn uns heute der Böse nicht holt, dann giebt's gar keinen!«

Patrik hatte in aller Verzweiflung sein Handwerkszeug fallen lassen, und kauerte sich, die Hände über die Knie gefaltet, ängstlich nieder. Mac Botherme kannte aber den Geist, der seine Geisterfurcht zu bannen vermochte — aus seiner Tasche holte er die mit Leder überzogene Feldflasche vor, zog den Stöpsel ab und hielt sie mit ausgestrecktem Arm dem Muthlosen entgegen.

»Hier Patrik!« sagte er dabei — »deine Einbildungskraft wird trocken — gieß ihr ein wenig Bergthau auf die Wurzeln — nachher erholt sie sich wieder, und — bedenke, daß du, wenn du mir jetzt getreulich beistehst, nach glücklich abgelaufenem Abenteuer zwei Dollar baar Geld und — zwei Gallonen — sage zwei Gallonen Whiskey erhältst, und den zwar vom besten!«

»Honey my dear!« sagte Patrik, der schon bei dem Abziehen des Stöpfels den Kopf gehoben und einen flüchtigen aber sehnsüchtigen Blick nach der Flasche hinübergeworfen hatte. — »Doktor Mac Botherme ist der Mann, der einem armen gedrückten Menschen wieder Muth einsprechen kann in der Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher wirklicher Christ, wie Vater O'Rhoole sagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.«

»Sei nur jetzt ruhig, Patrik!« beschwichtigte ihn der Doktor, und warf einen scheuen Blick umher — »wir können nicht mehr weit von der Stelle sein, und je ruhiger wir das ganze Geschäft abmachen, desto besser ists. Es — es könnte ja doch per Zufall so eine verwünschte Rothhaut im Walde herumkriechen, und dann ist's immer besser, man schreit so wenig als möglich. Komm Patrik — in einer Stunde kann unser ganzes Geschäft abgemacht sein.«

Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als Patrik, der indessen die Flasche an sich genommen hatte, plötzlich seinen Arm ergriff, und leise flüsternd, aber mit ängstlicher Stimme sagte:

»Und sind es wirklich die rothen, blutdürstigen Deiwels, die einem rechtschaffenen Christen die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel d'raus machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme fürchtete, daß sie hier herumschnüffeln und Lust nach Paddy O'Flahertis Goldhaar haben könnten?«

»Rede nicht so albernes Zeug, Pat!« sagte der Doktor, und machte seinen Arm von dem des Dieners los — »komm lieber, und sei gescheidt — denk an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der rothe Pfennig oder der klare Tropfen ist's, den Patrik O'Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt!«

Der würdige Doktor hatte sich auf die Art mit Willen in eine Art Zorn hineingeärgert, damit er die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine weitere Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwärts, und hatte so, wenn auch unbewußt, die beste Methode gefunden, seinen Begleiter folgen zu machen, denn der wäre nicht, um alle Versprechungen der Welt, allein im Walde zurückgeblieben. Nur wenige hundert Schritte brachten sie aber auch an das ersehnte Ziel, und Patrik schüttelte sich leise, da er den stillen heimlichen Fleck erblickte, dessen Ruhe sie mit frechen, unheiligen Händen entweihen wollten.

»Patrik,« flüsterte der Doktor — »das hier ist die Stelle — hier ist das Grab — da gerade in der Mitte. — So, nun nimm deine Hacke und Spaten herunter und ich will indessen die Flinte laden gieb mir einmal das Pulverhorn — wir werden's hoffentlich nicht brauchen, aber der Henker traue doch dem Frieden — besser ist besser — nun? hörst du nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!«

»Und ist es das, was Ihr verlangt?« frug Patrik erstaunt, »steckt denn nicht Alles in Eurer eigenen Tasche?«

»Unsinn, Pat!« sagte der Doktor ärgerlich, während er sich jedoch die Taschen befühlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken eingesteckt habe. — »Unsinn Pat, hier ist's nicht — und da nicht — und da vorne auch nicht — ich hab' es dir ja auch, einen Augenblick ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.«

»Segne Eure Seele Herr!« rief Patrik schnell — »und ist es weiter Nichts wie das lange Kuhhorn mit dem grünen Bindfaden d'ran, was Ihr sucht?«

»Nein, das gerade — hast du's? — «

»O Misther — macht Euch keine Sorge deßhalb, das hängt ruhig am Nagel hinter der Thür.« —

»Holzkopf!« rief der Doktor entrüstet — »hab' ich dir nicht noch ausdrücklich befohlen — du solltest dich in Acht nehmen, daß es nicht naß würde.«

»Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben die Ursache, weshalb ich's hinter die Thüre hing?« erwiederte der unverwüstliche Ire — »wie hätt' ich's können trocken halten, wenn's heut' Abend regnete?«

»O sancta simplicitas!« murmelte der Doktor — »da — jetzt sitzen wir in einer ganz gemüthlichen Patsche — wenn nun die Indianer kämen, Patrik, wenn sie nun kämen?! — das war der dümmste Streich, den deines Vaters Sohn seit langer Zeit gemacht — jetzt hab' ich doch das Schießeisen mit geschleppt, daß mir die ganze linke Schulter so blau ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.«

Patrik, der ungefähr eben so viel vom Laden eines Gewehrs wie vom Clavierspielen verstand, konnte gar nicht begreifen, weshalb sein »Misther« so ärgerlich sei — da sie ja doch den Whiskey nicht vergessen hatten; er begnügte sich deshalb bloß, einfach mit dem Kopf zu schütteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton gegebenen Befehl, »abzuladen« und die Arbeit zu beginnen. Er warf also die mitgebrachten Werkzeuge in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke auf, die er in der Hand wog und sich schüchtern dabei umschaute, als wenn er nicht ganz sicher wäre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen hätte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam, und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt der kleinen Lichtung, dem Grabe zu, wo er stehen blieb und nun unruhig den Blick nach allen Seiten umherwarf.

Der kleine Doktor hatte sich indessen des großen unbehülflichen Sacks entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheisen hervornahm, um später, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefördert war, nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte sich nun an seinen Gefährten, der noch immer keine Anstalt machte, zu beginnen.

»Patrik — honey!« sagte der würdige Mann, während er den Spaten aufnahm und den Hügel rasch hinanschritt, »Patrik mein Herzchen, komm und lass' uns munter an's Werk gehen. — Je länger hier, je später dort — hier ist das Grab und der rothe Bursche liegt starr und steif d'rin — denk' an den Whiskey, Paddy!«

»Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten hat« — sagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast geleerten Flasche, die er aber sorgfältig in seine eigene Tasche zurückschob — »war es nicht die liebe Himmelsgabe, die mich getränkt und gewärmt hat — aber Misther Doktor — segne unsere Seele — ich wollte es wäre vorbei — s'ist schauerliche Arbeit, den verkehrten Todtengräber zu spielen — hallo, was war das?«

»Was war was?« rief der Doktor erschreckt, und sah sich nach allen Seiten um. »Was war was, Sir?«

Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leise Rauschen der Bäume, das melancholische Quaken der Frösche konnten sie hören — sonst lag Alles still und ruhig um sie her, wie das Grab zu ihren Füßen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mürrisch:

»Nun hab' ich's satt — Sirrah — hack' ein und mach' ein Ende — wir wollen doch nicht die ganze Nacht hier auf dem Grabe zubringen.«

»Mit Gott denn« — sagte Patrik, zog seinen Rock aus, warf den alten Filz auf die Erde, streifte sich die Hemdsärmel auf, spuckte sich in die breite sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum ersten Schlage aus — da krachten und brachen — gar nicht weit von ihnen entfernt, die Büsche — durch die kleine Lichtung strich, von irgend etwas im Walde aufgescheucht — eine große Eule, und in kurzen Zwischensätzen war es den beiden, jetzt starr wie Bildsäulen dastehenden Iren, als ob irgend Jemand — ob Hirsch, ob Mensch, ließ sich nicht unterscheiden — durch das vorjährige gelbe Laub springe, mit dem der Boden in den amerikanischen Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt.

»Doktor — was war das?« flüsterte Patrik leise, während er die Hacke bedächtig wieder zu seinen Füßen niedersetzte.

»Weiß der Teufel,« brummte Mac Botherme, »ob's bloß ein Hirsch war, der durch einen fallenden Ast aufgescheucht wurde — das muß es auch gewesen sein, — wer, zum Henker sollte denn jetzt — «

»Doktor — Misther Doktor,« zischelte Patrik und blickte sich scheu, bald über die rechte, bald über die linke Schulter — »Patrik O'Flaherti ist's, dem's unheimlich zu Muthe wird — Jäses — ich wollte ich läge in Waterton im Bett und hätte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt.« —

Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt stehen, und horchten mit gespannter Aufmerksamkeit auch dem leisesten Geräusch — aber Alles lag wieder todtenstill und ruhig — selbst der Wind schien erstorben — kein Lüftchen regte sich.

»Patrik,« sagte der Doktor, aber mit so leiser Stimme, daß er selbst kaum vernahm was er sprach — »Patrik — wir wollen unsere Arbeit schnell vollenden, und dann machen daß wir zu Hause kommen — es ist unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings herum.«

Patrik erwiederte kein Wort, sondern warf nur noch einen Blick zurück gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und schlug sie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden ein. Als ob aber der Schlag eine Zauberformel gewesen wäre, die alle bösen Geister der Unterwelt mit Blitzesschnelle heraufbeschworen hätte, so schien in demselben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei auszustoßen, und zugleich raschelten die Büsche — knackten und brachen die Zweige, und heraus aus dem Dickicht — Gespenstern gleich, mit den fast übernatürlich gellenden Tönen, brachen sechs, in fliegende Decken gehüllte Gestalten vor, und stürmten gerade den flachen Hügel hinan auf die beiden starr und entsetzt dastehenden Leichenräuber ein.

Starr und entsetzt dastehenden — ja — im ersten Augenblick der Überraschung — als noch Jeder von ihnen glaubte er träume, da so etwas Fürchterliches ja gar nicht wahr sein könne — plötzlich aber — wie der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, gewannen auch die Glieder ihre ganze frühere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach vermehrten Grade wieder. Patrik schrie: »o Jäses!« ließ die Hacke fallen und war mit zwei Sätzen im entgegengesetzten Theile des Waldes verschwunden, der Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen kräftigen Beistand so enteilen zu sehen und allein zurück zu bleiben um dessen Rückzug zu decken, war kaum weniger behende auf seinen Fersen, und rief ihm zu, doch nur um Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen.

Patrik, der in dem eigenen Rascheln der Zweige wohl die Stimme hinter sich hörte, doch keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu unterscheiden — glaubte natürlich nicht anders als es sei Einer seiner rothhäutigen Verfolger — beflügelte also deßhalb seinen Lauf um so mehr, warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern konnte, von sich, und erreichte nach kurz zurückgelegter Strecke den kleinen Fluß, den er übrigens erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser stack, aus dem er sich nur mit größter Anstrengung zum anderen Ufer hinüberarbeiten konnte. Das nun, obgleich es steil und schlüpfrig war, erklomm er in ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier Mac Botherme mit wirklich zärtlichem Tone seinen Namen rief — wandte er nicht einmal den Kopf, sondern stürzte sich in wahrer Todesverachtung auf's Neue in Dornen und Schlingpflanzen hinein.

Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber nicht schwimmen, und hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, daß er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern ausdrücklich verfolgt werde, keine weitere Gefahr drohe. Da er auch, um in die benachbarten Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den Wald schon nach allen Richtungen hin durchschnitten hatte, so wußte er doch wenigstens ungefähr, wo er sich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab gehen, um dort zuerst die Brücke, und mit dieser die Stadt in vielleicht einer Stunde zu erreichen. Durch die bestandene Gefahr waren aber seine Sinne geschärft und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, daß gerade in der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls irgend etwas in den Büschen raschelte.

Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen und eben so wenig Zeit zum Besinnen bleiben — im nächsten Moment theilten sich die Sträucher und eine dunkle Gestalt, mit — wie er damals glaubte — weißbemaltem Gesicht sprang in wilden Sätzen auf ihn zu.


Um aber nun erst wieder zu unseren beiden Leichenräubern zurückzukehren, so hatten Patrik O'Flaherti und Doktor Mac Botherme auch übrigens, als sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, alle Ursache gehabt zu erschrecken, denn so plötzlich und ohne weitere Warnung von allen Seiten angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdies ihr Gewissen sagte, daß sie im Begriff wären etwas Unerlaubtes und äußerst Gefährliches zu thun, mußte sie das Schlimmste fürchten lassen, wenn sie besonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, die sich Patrik gar nicht anders denken konnte, wie Menschenfresser; die Eile, mit der sie alles Hierhergebrachte zurückließen, war also vollkommen zu entschuldigen. Jubelnd und lachend rannten indessen die Amerikaner, keineswegs gesonnen, ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des Hügels vor, von dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und Sip, der mit den wunderlichsten Sprüngen und Grimassen nebenher getanzt war, stieß eben noch, als Schluß- und Kraftakkord, und gleichsam um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden Kriegsschrei aus, der in die Ohren der beiden Flüchtlinge gellte und sie zu immer wilderer Eile antrieb.

»Gentlemen!« rief da Shark und schwenkte seinen alten Filz — »der Sieg ist gelungen — die Festung erstürmt — die Besatzung mit Zurücklassung ihrer Fahnen und Geschützstücke entflohen und ich stimme dafür, daß — «

Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück, denn dicht vor ihm stand, den blitzenden Tomahawk in der Hand — die wollene Decke leicht von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch schwankend von der raschen Bewegung — ein wirklicher, lebendiger Häuptling — ein »scalpsüchtiger« Wilder — ein Rächer der geschändeten Grabstätte.

Die Übrigen mußten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit bis dahin nur den Flüchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe herausgestiegenen Gestalt stehen, Sip aber — vom vielen Schreien ordentlich blauschwarz im Gesicht — wollte eben über den Hügel wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die Entflohenen noch mit einem »allerletzten« Male zu beglücken, als er fast gegen den Indianer stieß, der jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht zu wissen schien, ob die Männer, die er im ersten Ansturm und im Dunkel der Nacht gleichfalls für Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte, Freunde oder Feinde wären.

Sip war übrigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange Stich gehalten hätte — denn daß es einer war, erkannte er auf den ersten Blick. Mit flüchtigem Rücksprung warf er seinen Nachbar, den entsetzten Shark, zur Seite, und floh nun, so schnell ihn seine Beine trugen, in das ihm nächste Dickicht.

Sip's Geistesgegenwart gab aber auch Shark sich selbst wieder — kaum sah dieser nämlich in der Flucht des Negers seine eigene Furcht bestätigt, als er, ohne seine Gefährten weiter mit Blick oder Wort zu warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit gellendem Angstruf zu Boden stürzte, da er sich in diesem Augenblick schon wenigstens für scalpirt hielt.

Weppel — auch den Kopf von Indianern voll, sah kaum die Angst der Gefährten, als er sich gar keine weitere Mühe gab, den Grund ihres Schrecks zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaßen eben so schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und Josy — sonst der Muthigste von Allen und einer jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der Wildniß ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier förmlich überrumpelt. Ein Theil der Seinen floh — Einer brach, mit dem Angstschrei auf den Lippen, vor seinen Füßen zusammen — hoch auf dem Grabe erkannte er in den dämmernden Umrissen den indianischen Krieger — was blieb ihm da anderes zu glauben übrig — als sie wären von irgend einem hier verborgenen Stamme überlistet, und er selbst — waffenlos mitten zwischen ihnen — konnte jetzt nur noch hoffen, durch schnelle verzweifelte Flucht sein eignes Leben zu retten.

Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers sprang er zur Seite, um einem etwa auf ihn abgeschossenen Pfeil, oder gar der tödtlichen Kugel zu entgehen, und suchte nun, wie die Übrigen, das schützende Dunkel zu erreichen.

Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig aufgeschlagen hatte, sprang indessen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in das Dickicht, wobei er sich wenig darum kümmerte, welcher Richtung er folgte, so er nur für den Augenblick seinen Scalp in Sicherheit brachte. In tollen Sätzen drängte er sich oft in so dicht verwachsene Dornmassen hinein, daß er nur mit zerfetzten Kleidern und blutig gerissenen Gliedern einen Ausweg finden konnte; übersprang dabei Gräben und umgestürzte Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, rannte gegen Bäume und Büsche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Flusses, an dem er, rücksichtslos wohin ihn das führe, hinaufstürmte, diese Bahn mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötzlich — großer Gott, so muß er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen — vor einer dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff schien ihn zu erfassen.

Einen Schrei ausstoßen und seitab in den Fluß springen, wurde zum Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies war der Gefürchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab — mit Blitzesschnelle wandte er sich und da er in dem Moment auch noch das nahe Plätschern im Wasser hörte, was ihn natürlich gar nicht anders glauben ließ, als daß die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht abzuschneiden und deßhalb jetzt den Strom durchschwömmen, so brach er wieder zurück in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt gerad'aus, und warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren Rettungsversuch durch eigene körperliche Anstrengung entsagend, neben einer umgestürzten, halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen Stamm er sich dicht hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der Aufmerksamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas Ähnliches einmal in einem Buche gelesen.

Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüchtigen den Wald, und auf dem bedrohten Grabe, vom düsteren Lichte der Sterne matt beschienen, stand ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des indianischen Kriegers, und sang mit leiser, monotoner Stimme das Todtenlied des Verblichenen. —

Am nächsten Morgen war Waterton in fürchterlicher Aufregung. — Josy traf zuerst ein, und die Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als nichts weniger als ängstlich gekannten Mannes, daß sie, die Waffenlosen, gestern Abend von Indianern überfallen worden seien, versetzte Alle in die peinlichste Bestürzung. Die Ursache wurde ebenfalls bald bekannt und ließ sie das Schlimmste fürchten.

Was sollten sie jetzt thun? einen Courier nach Vincennes senden und von dort Hülfe holen? — Auf jeden Fall hatten die schlauen Wilden das vorausgesehen und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, hätte sich wirklich Einer zu solch gefährlicher Aufgabe gefunden, wäre rettungslos verloren gewesen. Weppels und Glassys Aussagen, die fast zusammen und bald nach Josy eintrafen, vermehrten nur noch die Bestürzung, da sie die erstgehörte Unglückskunde nicht allein betätigten, sondern sogar noch hinzufügten, daß sie den ganzen Stamm und zwar mit den Kriegsfarben bemalt gesehen hätten, — wonach Waterton also das Äußerste erwarten durfte.

Shark betrauerte man als erstes Opfer der Rache, denn Josy hatte ihn, wie er fest und bestimmt behauptete, fallen sehen, sich aber natürlich nicht weiter um ihn bekümmern können. Auch die beiden Irländer wurden noch vermißt und man konnte nicht anders glauben, als daß sie ebenfalls in die Hände der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen wären, welche Befürchtung sich um so mehr bestätigte, da bis Sonnenuntergang am nächsten Tage keiner der Dreie in Waterton erschien, während die Bewohner des kleinen Städtchens in wahrhaft fieberhafter Aufregung Alles hervorsuchten, was nur irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder Secunde erwarteten Angriff und Überfall zu begegnen. Besonders steigerte sich gegen Tagesanbruch am zweiten Morgen ihre Angst auf das Höchste, da sämmtliche Stämme gewöhnlich in dieser Zeit aus ihrem Hinterhalt hervorbrechen. —

Aber siehe da, kein Überfall erfolgte, die Sonne stieg still und majestätisch über den rauschenden Wipfeln der Bäume empor, und ihr Strahl fiel auf kein wildes Blutvergießen, ihr freundliches Licht leuchtete keinem mörderischen Angriff — ihr heiteres Auge sah auf keine rauchenden Trümmer und zuckende Leichen hernieder.

Die Zurückhaltung der Indianer wurde räthselhaft — der Mittag verging — die Sonne neigte sich schon wieder ihrem Untergang — kein Laut ließ sich hören, kein fremdes Wesen näherte sich der Stadt. Da endlich — es fing schon an zu dämmern, — wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angst, Doktor Mac Botherme herbei, und er, der noch gestern ein Gegenstand der höchsten Entrüstung gewesen, da man nur auf seine Schultern die entsetzliche Gefahr sämmtlicher Watertonisten wälzte, erschien ihnen jetzt wie ein Erlöser, der sie von Furcht und Noth befreien konnte.

Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur wenig Auskunft und Trost geben — das, was er bezeugte, klang eben so schrecklich, als sie es sich in ihren wildesten Träumen gedacht. — Er hatte den ganzen Wald voll Wilder gefunden — hinter allen Bäumen waren sie vorgesprungen, im Fluß wie die Fische herumgeschwommen, und nur durch ein Wunder konnte er ihnen entgangen sein. Halbverhungert und im Walde verirrt war ihm zuletzt das Leben selbst eine Last geworden, und er hatte, als er endlich einen bekannten Weg fand, beschlossen, nach Waterton zurückzukehren, mochten es nun die Indianer zerstört haben oder nicht.

Da — während noch Alle um den Doktor geschaart standen und mit ängstlicher Spannung seinen Worten lauschten, meldeten die indessen ausgestellten Wachen einen auf dem Fahrweg herankommenden einzelnen Wanderer, in dem Josy bald darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen den für todt gehaltenen Shark erkannte. Aber großer Gott, wie sah der aus — beinahe sechsunddreißig Stunden hatte er den Wald in wilder Angst durchstreift, und brach auch, als sich die Freunde um ihn sammelten, erschöpft und bewußtlos zusammen. Unter guter Pflege erholte er sich zwar in kurzer Zeit wieder, seine Aussage stimmte dann aber auch haarklein mit der des Doktors überein, und es blieb nun keinem Zweifel mehr unterworfen, daß ihre Stadt und sie selbst von Indianern bedroht gewesen, diese jedoch wahrscheinlich aus Furcht vor der Rache der Weißen einen ernstlichen Überfall unterlassen hätten.

Der Doktor wollte nun allerdings wissen, wie es käme, daß so viele Männer von Waterton an jenem Abend im Wald gewesen seien, darüber beobachteten aber die dabei Betheiligten ein wirklich musterhaftes Schweigen, und da auch Patrik O'Flaherti verschwunden blieb, so dauerte es eine geraume Zeit, ehe man es wagte, die Häuser und Familien wieder zu verlassen, um jenen Grabhügel zu besuchen, auf dem fast ein Jeder die Überreste eines vollständigen indianischen Lagers zu finden erwartete. —

Allerdings staunten sie, als sie hier keine Spur mehr von Indianern entdecken konnten, denn sie waren mit Wehr und Waffen ausgezogen, den Feind zu bekämpfen. — Der Platz lag noch so öde und still da, wie an jenem Abend, selbst Spaten und Hacke und die Kleidungsstücke der beiden Leichenräuber deckten, wie sie von ihren Eigenthümern hingeworfen worden, den Boden — nur der Hügel selbst zeigte eine Veränderung. Das Grab des Indianers war geöffnet — der Sarg erbrochen — die Leiche — fort. —

Wie die Wilden so spurlos verschwunden sein konnten und was aus dem von ihnen selbst begrabenen Indianer geworden, blieb Allen ein undurchdringliches Geheimniß — nur am Fluß fand Josy die tief eingetretene Spur eines Moccasins, und die an dieser Stelle weit hinausgewachsene Wurzel einer alten Sycomore machte es möglich, daß hier ein Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Alles nur Vermuthung, und da sämmtliche an jener Scene betheiligte Personen in ihrer Schilderung einen ganzen indianischen Stamm gesehen zu haben übereinstimmten, so zweifelte von dem Augenblick an Niemand mehr an der Wahrheit des Berichteten. Patrik O'Flaherti und Sip wurden für todt gehalten.

Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keineswegs todt, sondern hatten nur nach verschiedenen Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die Ansiedelungen, die sie zufällig erreichten, durch ihre entsetzlichen Erzählungen in Furcht und Schrecken versetzt. Sip kehrte erst nach vierzehn Tagen nach Waterton zurück, Patrik aber wanderte, so schnell ihn seine Gliedmaßen trugen, nach Vincennes und von da nach den östlichen Staaten zurück, da er erklärte »sein goldenes Haar nicht nach Illinois getragen zu haben, daß so ein verdammter rothfelliger Schurke Staat damit machen sollte.« Was aber Waterton anbetraf, so erwähnte er von der Zeit an nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, das wäre auch noch ein Ort, in dem er sein Glück könnte gemacht haben, wenn ihn nicht die Indianer bei Nacht und Nebel überfallen, alles Lebende scalpirt, und die Wohnungen niedergebrannt hätten, wobei er selbst nur noch durch ein Wunder dem Tode entgangen wäre. —

Den tief beschatteten Foxriver hinab steuerte indessen ein einsamer Krieger der Winnebagoes sein leichtes Canoe, während vorn, zwischen den Rippen, die dem schwachen Fahrzeuge Festigkeit gaben, in seine wollene Decke eingehüllt, der starre Körper des alten Indianers lag. Der junge Häuptling aber sang leise, indeß sein Ruder still und geräuschlos die leichte Barke über die spiegelglatte Fläche trieb, und den Takt schlug zu dem wehmüthig monotonen Lied:

»Früher warst Du ein Häuptling —
Der Wald hier gehörte Dein,
Jetzt führ ich Dich leise und heimlich
Hinunter den stillen Strom —
Und früher warst Du ein Häuptling.«
»Früher warst Du ein Häuptling
Die Erde gehörte Dein,
Jetzt mußt' ich Dich daraus stehlen
Sie gönnten Dir selbst kein Grab —
Und früher warst Du ein Häuptling.«
»Früher warst Du ein Häuptling
Und zähltest der Krieger viel,
Jetzt flüchtet mit Deiner Leiche
Dein einziger Sohn — allein —
Und früher warst Du ein Häuptling. — «

Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf dem leise murmelnden Fluß hin — weiter hinab, zwischen Weiden und Erlen, und den schwankenden silberbehangenen Birken; und der Whippoorwill sang in den Sträuchen sein wehmüthig-klagend Lied, und der Nachtfalke stieg kreischend empor von dem knorrigen Ast, auf dem er geruht. — Der Tag dämmerte und das leckere Mahl wollte er sich noch suchen vor der Morgenröthe. Auch die Eule wurde wieder lebendig und ihr antwortete — weit weit aus der fernen Prairie herüber — der graue Wolf, der seinen Rundlauf beendet und jetzt zu dem heimlichen Versteck mit unhörbarem Tritt zurückschlich. — Und dort — dicht hin unter den thaubehangenen Zweigen, die sich tief hinabbeugten zu der klaren Fluth, und von ihr erfaßt, unruhig erzitterten und bebten, — dicht hin, unter dem feierlichen Rauschen der jungfräulichen Eichen, in denen der Morgenwind seine Riesenakkorde griff — glitt das Canoe des Indianers und sein Todtensang mischte sich mit dem fröhlichen Lebensgruß des jungen Tages.


Nordamerikanische Jagd.

Jagd auf Hirsche. — Auf Truthühner. — Ein amerikanischer Jäger. — Bärenjagd. — Der Panther. — Der Wolf. — Der Fuchs. — Der Waschbär. — Das Opossum. — Schnepfen in Louisiana. — Ausrüstung des amerikanischen Jägers. —

Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor noch nicht gar langer Zeit das unbegränzte Jagdgebiet der wilden Indianerstämme, sind jetzt zwar von diesen geräumt und der weiße Jäger durchzieht nur mit wenigen Ausnahmen, allein die ungeheuren Wälder und Steppen des gewaltigen Reiches; aber auch die zahlreichen Büffelheerden und Rudel von Riesenhirschen (Elks), die sonst das Land belebten, sind von den sicheren Büchsen der Amerikaner und eingewanderten Ausländer erlegt, oder mit den rothen Söhnen der Wildniß weiter nach Westen zurückgetrieben worden; immer aber schreitet noch manch stattlicher Hirsch im Schatten des mächtigen Urwaldes einher und Bären und Panther, wie verschiedene andere kleine Raubthiere, zwingen den Ansiedler der westlichen Niederlassungen, fast auf jeder Farm, — so nennt man die einzeln liegenden Häuser und Felder der Amerikaner, — eine Meute Hunde zu halten, um seine Hausthiere vor der Mordgier derselben zu schützen.

Stets ein eifriger Jagdfreund, konnte ich, in Amerika angekommen, den lockenden Beschreibungen jener Wälder nicht lange widerstehen, und verließ von unbezwingbarer Lust für das edle Waidwerk getrieben, bald nach meiner Ankunft in New-York, die östlichen Staaten, um den fernen, so viel gepriesenen Westen aufzusuchen, aber nicht etwa in Schiff oder Wagen, sondern zu Fuß, mit der Doppelflinte auf der Schulter und beim geringsten Geräusch, das rechts oder links am Wege laut wurde, zum Schusse fertig. Sehr häufig sah ich mich dabei im Anfang durch die frei im Walde weidenden Heerden getäuscht, und ich weiß mich noch recht gut des Abends zu erinnern, wo ich, wohl eine halbe Stunde lang durch dornige Schlingpflanzen und Sumpfstellen über umgestürzte Bäume und toll und wild umhergestreute Äste hinweg, ja durch einen, über drei Fuß mit Wasser gefüllten Bach fortkroch und lief, weil ich irgend etwas, das langsam brummend und im Laube raschelnd von mir weg ging und, wie ich einmal auf einen Augenblick erkennen konnte, schwarz aussah, beschleichen wollte.

Zu hitzig in der Verfolgung, nahm ich mir nicht einmal Zeit, nach einer Fährte zu sehen, und war nicht wenig überrascht, als ich endlich, mit der Hülfe eines kleinen, schmalen Thales, das ich wie der wilde Jäger durchraste, um dem Bären, denn für nichts Geringeres hielt ich mein ausersehenes Opfer, den Weg abzuschneiden, ein gemüthlich im dürren Laube wühlendes, zahmes Schwein fand, das, als es mich erblickte, stutzte, mich anschnob und unwillig grunzend in das Dickicht trollte. Ich kam damals in starke Versuchung, dem unschuldigen Geschöpf eine Ladung Posten nachzusenden, mußte aber doch selbst zuletzt über den komischen Irrthum lachen und war nur froh, daß ich bei der ganzen Geschichte keinen Zeugen gehabt hatte.

Wilde Sauen giebt es in den vereinigten Staaten gar nicht, außer wild gewordene zahme, die jedoch dann nur von den dort angesiedelten Farmern geschossen werden dürfen; jede andere Jagd ist frei.

In den östlichen Staaten fand ich sehr wenig jagdbares Wild — Rebhühner und Kaninchen ausgenommen, denn der deutsche Hase fehlt ebenfalls, soll aber, westlich von den Felsengebirgen, am stillen Meere, ziemlich häufig sein. Die Rebhühner sind kleiner als die unsrigen und auch etwas anders gezeichnet; ihre äußeren Schwungfedern zum Beispiel ganz grau; auch ist ihr Ruf anders wie der unseres Rebhuhns, denn sie pfeifen.

Die Kaninchen kommen den unseren fast ganz gleich und leben in Erdbauen und hohlen Bäumen, färben aber im hohen Norden im Winter und werden weiß.

Vielen Spaß machten mir später, als ich den Staat Ilinois mit seinen ungeheueren Prairien oder Steppen durchzog, die sogenannten Prairiehühner, die sich hier in gewaltigen Ketten zusammengethan hatten. Ich wollte erst meinen Augen gar nicht trauen, wie's überall um mich herum emporschwirrte und tausende von starken Hühnern aufstiegen; fand aber bald so viel von ihnen, daß ich die Suche gern aufgab und nur dann und wann, am Wege hin, schoß was ich brauchte.

Das Prairiehuhn ist etwa von der Größe unseres Haushuhns — von graulicher Farbe, mit befederten Ständern und kurzem, feldhuhnartigem Schwanz; der Hals ist aber lang wie beim Truthahn und die Flügel sind ganz denen der Fasanen ähnlich. Es fliegt eben so wie das Rebhuhn; ich habe aber stets gefunden, daß es selten vor einer englischen Meile wieder einfiel, was denn das Nachsuchen sehr beschwerlich macht. Das Fleisch ist, die Brust ausgenommen, nicht sehr besonders und steht dem der Truthühner bedeutend nach; seine Federdecke aber ist im Winter so dicht, daß es ziemlich starken Schrot erfordert, hindurchzudringen. Sonst ist die Jagd auf dasselbe ungemein leicht, denn es scheut den Menschen sehr wenig und kommt Morgens und Abends selbst zu den in den Prairien zerstreuten Farmen, um sich auf den Fenzen (Einzäunungen) derselben niederzulassen, wo es dann natürlich sehr leicht erlegt werden kann. Beim Eintritt kalten Wetters fallen sie gern auf die Bäume und sind in dieser Zeit, besonders wenn es etwas stark gefroren hat, fast gar nicht wieder aus den Zweigen des einmal gewählten Baumes herauszutreiben. Ich selbst schoß eines Morgens fünf von einer niedrigen Eiche, in der etwa zwanzig bis dreißig standen, einzeln herunter, und die übrigen blieben ruhig oben. Wagenladungen voll werden von ihnen nach St. Louis und die benachbarten kleineren Städte auf den Markt gebracht, und es leben viele Leute, die sich blos mit der Jagd derselben beschäftigen.

St. Louis gegenüber kreuzte ich den Mississippi und wanderte von hier durch den dichten Wald dem südlicher liegenden, wegen seiner Jagd berühmten Arkansas zu. Nahe bei St. Louis ist jedoch sehr wenig Wild; Feldhühner und Kaninchen wieder ausgenommen; auch lebt hier noch der sogenannte amerikanische Fasan, der sonderbarer Weise in einem weiter südlichen Klima nicht gedeiht. Obgleich ihn aber die Amerikaner Fasan nennen, so ist er doch keineswegs dem unsrigen gleich, sondern unterscheidet sich von diesem in vielen Stücken.

Es giebt zwei Arten — den im Norden, in Canada, fand ich von graulicher Farbe, mehr dem Prairiehuhn ähnlich — der weiter südlich kam dagegen dem deutschen etwas näher und sah bräunlich aus. Auf dem Kopfe trägt er, wie dieser, einen Federschmuck; doch fehlt ihm das Spiel gänzlich, statt dessen schlägt er im Affect ein Rad mit dem Schwanz und schleift wie der Truthahn. Die Ständer sind wie bei dem Prairiehuhn befiedert und er lebt, dem Feldhuhn gleich, in Ketten zusammen, hat aber noch die sonderbare Angewohnheit, in der Balzzeit sich auf umgestürzte Stämme oder abgehauene Baumstümpfe zu stellen und an diese mit den Schwingen zu schlagen oder, wie es die Amerikaner nennen, zu »trommeln,« was man eine lange Strecke weit hören kann. Sein Fleisch ist äußerst zart und weiß, und er gehört zu dem besten Federwild der vereinigten Staaten.

In Missouri nun findet sich in großer Anzahl der amerikanische oder sogenannte virginische Hirsch, den ich vor allen Dingen etwas näher beschreiben will, ehe ich zur Jagd desselben übergehe.

Er ist bedeutend kleiner als der unsrige, und ähnelt in vielen Stücken dem Damwild, trägt auch den Wedel statt der Blume; aber ein von dem des Damwildes sehr verschiedenes Gehörn.

Sein ausgelegtes Geweih zählt selten mehr als vier, höchstens fünf und sehr selten sechs Enden, obgleich ich einst im Walde ein abgeworfenes fand, an welchem ich dreiunddreißig Enden zählte.

Dabei ist es, ungleich dem des amerikanischen Riesenhirsches oder Elks, nach vorn zu gebogen und giebt ihm ein ganz eigenthümliches, fremdartiges Aussehen. Äußerst selten findet man gefleckte oder weiße Hirsche.

Das Rothwild färbt dreimal im Jahre. Im Januar nimmt der Hirsch sein Winterkleid an und wird »grau«; im April erscheint er »roth« und wird im August und September »blau«! Das Thier färbt stets etwa vier Wochen später als der Hirsch. Zum Gerben eignen sich die Decken am besten vom Mai bis Ende September, wo sie besonders in diesem letzteren Monat die meiste Festigkeit erlangen.

Die Brunftzeit der Hirsche fällt durch die vereinigten Staaten, wegen ihrer großen Ausdehnung nach Norden und Süden, sehr verschieden; — in Arkansas, das etwa in der Mitte liegt, nimmt man an, daß sie mit dem ersten Frost eintritt, also etwa im October; — weiter unten, in Louisiana, fällt sie später, — im Norden früher. Die Thiere setzen im April und Mai ein bis zwei, ja manchmal drei Kälber, die bis zum Herbst gefleckt bleiben und dann mit den übrigen »blau« werden.

Jagdgesetze existiren wohl in den vereinigten Staaten, werden aber nicht im mindesten beachtet und jeder schießt, wann es und was ihm beliebt; daß dies übrigens dem Wildstand ungeheueren Schaden thun muß, liegt klar am Tage, und nur die wirklich erstaunliche Menge von Wild hat bis jetzt der Ausrottung widerstehen können. Die Jagdbenutzung, d. h. wie sie bei den Jägern dort gebräuchlich ist, will ich der Sonderbarkeit wegen hierher setzen.

Januar. Die Hirsche stehen jetzt mit dem Wilde in Rudeln beisammen; die Schmalthiere sind feist, und werden des Wildprets und Feistes wegen, die Hirsche selbst nur der Wilddecke wegen geschossen, da der Jäger von den letzteren nur diese und die Keulen mitnimmt, das übrige Wildpret aber den Raubthieren und Aasgeiern überläßt. Ende Januar fangen starke Hirsche schon an ihr Geweih abzuwerfen und dieser Monat, wie Februar und März, heißt die »graue Jahreszeit!«

Februar wie Januar.

März. Das Rothwild hält sich jetzt, des Färbens und der überhand nehmenden Mosquitos und Stechfliegen wegen, in den unzugänglichsten Dickichten auf und Decke sowohl als Wildpret ist schlecht. Der März ist daher der einzige Monat im Jahr, in welchem nur hie und da einzelne Stücke geschossen werden; will ein Jäger aber eins haben, so zündet er gewöhnlich in der Nähe eines Dickichts einen umgestürzten Baumstamm an, — das Wild kommt dann herbei, und stellt sich in den Rauch, um dadurch Schutz gegen die quälenden Insekten zu finden.

April. Die Thiere fangen an zu setzen und besuchen, wie die Hirsche, die Salzlecken. Ende dieses Monats beginnt die »rothe Jahreszeit« und dauert bis Mitte September. Die Hirsche fangen an ihr Geweih aufzusetzen.

Mai. Die Jagd an den Salzlecken, bei Kienfackeln und angerichteten Gestellen, wird jetzt ernstlich betrieben und Hirsche und Thiere werden geschossen.

Juni. Die Thiere sind jetzt ebenfalls vollkommen roth; die Hirsche werden feist und stehen, abgesondert von den Thieren, in Rudeln von sieben, acht und mehr Stücken gewöhnlich in einem bestimmten Waldorte beisammen, so daß man sicher darauf rechnen kann, sie hier im Umkreis von zwei bis drei englischen Meilen zu finden. Einer der schwächsten Hirsche ist gewöhnlich der Führer und erlegt man diesen zufällig zuerst, so daß er im Feuer zusammenstürzt, so hat man nicht selten Gelegenheit, die Übrigen, so schnell man laden kann, nachzuholen. Die Thiere werden jetzt nur der Decke wegen geschossen.

Juli — wie Juni. — Kälber sind alt genug, um geschossen zu werden; Hirsche fangen an zu fegen, vernachlässigen aber die Salzlecken.

August. Bei den Hirschen beginnt die »blaue Jahreszeit« und sie sind nun am feistesten, die Decken auch in diesem und dem nächsten Monat am geeignetsten für die Bereitung für Moccasins — (Indianische Halbstiefel.)

September. Desgleichen.

October. Mitte dieses Monats beginnt gewöhnlich die Brunftzeit, oft auch erst zu Anfang November, besonders in recht späten Wintern. Nun eröffnet sich für den amerikanischen Pürschjäger die beste Jagdzeit, denn der Hirsch, den Fährten des Schmalthieres folgend, durchzieht ziemlich sorglos den Wald und kann leicht erlegt werden, was jetzt nur der Decken wegen geschieht, die, nach dem Gewicht verkauft, wenn getrocknet, von starken Hirschen sechs bis acht, ja wohl auch neun Pfund wiegen.

Die Geweihe haben ihren ganz vollkommenen Zustand wieder erreicht.

November. Desgleichen.

December. Vorzüglich Jagd auf Schmalthiere, die jetzt, wenn ein gutes Eicheljahr war, anfangen feist zu werden. Hirsche und Thiere stehen wieder in Rudeln zusammen.

Das ist ungefähr Alles, was über die in Amerika gebräuchliche Ordnung bei der Hirschjagd zu sagen ist. Diese selbst wird auf dreierlei Arten betrieben. Die erste ist das Pürschen, die zweite die Hetze und die dritte die Nacht- oder Feuerjagd.

Das Pürschen bleibt sich natürlich in allen Ländern gleich und ist auf jeden Fall nach der Bärenhetze die edelste und schönste Jagd.

Das Hetzen erfordert in dem wilden, unbebauten Lande, wo oft fast undurchdringliche Dickichte die verfolgenden Hunde wie nachsetzenden Jäger aufhalten, eine genaue Kenntniß des Bodens und Wechsels, und eignet sich auch mehr für ein Land, wo das Wild schon dünner wird und der Jäger froh ist, mit seiner ganzen Meute in einem halben Tag einen Hirsch aufzujagen; aber auch in Arkansas, wo es noch Hirsche genug zum Pürschen giebt, wird, den Winter hindurch wenigstens, diese Jagd vorgezogen; im Sommer jedoch, wo die Hitze am Tage sehr drückend und das Tragen der schweren Büchse zu beschwerlich ist, nimmt der Jäger zum Feuer seine Zuflucht und schießt sein Wild Nachts bei der Kienflamme.

Sollte es übrigens unseren deutschen Jägern auffallen, daß Rothwild, sonst das Feuer scheuend, bei diesem erlegt werden kann, so muß ich hier bemerken, daß es in Amerika unter ganz anderen Verhältnissen aufwächst. Im Frühjahr durchzieht wohl kein Jäger in jenen Gegenden den Wald, ohne das dürre Laub, was oft vier bis sechs Zoll tief den Boden bedeckt, an eben so vielen Stellen anzuzünden, als er sein Lager aufschlägt, oder sein Mittagsmahl kocht. Es ist dies nicht allein um das Laub zu beseitigen und den neuen jungen Graswuchs zu befördern, sondern auch das lästige Unterholz und die Dornen und Schlingpflanzen etwas zu tödten, die sonst in einigen Jahren so überhand nehmen würden, daß an eine Pürschjagd gar nicht mehr zu denken wäre. Solche Waldbrände greifen aber selten oder nie gesunde und kräftige Stämme an, sondern beschränken sich darauf, die am Boden liegenden Blätter und trockenen Dornen zu verzehren, kleineres Buschwerk zu tödten und die dürren, halb oder ganz verfaulten und umgestürzten Stämme in Brand zu stecken.

Die Hirsche gewöhnen sich hierdurch ganz an diese Feuer und sammeln sich, besonders im Frühjahr, gern um sie, bezeigen daher auch nicht die mindeste Furcht, wenn sie ihre gewöhnliche Salzlecke annehmen und dort eine helle Flamme finden. Ihre großen, klaren Lichter der Gluth zuwendend, schreiten sie still herbei und stürzen meistens, von der sicheren Kugel getroffen, ehe sie nur die Nähe eines Feindes ahnen.

Eine solche Jagd anschaulicher zu machen, will ich eine der von mir bei Salzlecken durchwachten Nächte beschreiben.

Es war im Jahr 1842, als ich im Monat April unterhalb Little Rock, der Hauptstadt von Arkansas über den Arkansas-Fluß ging und die Sümpfe durchstrich, die auf dem linken Ufer desselben um die sogenannte Bayou-Meter (eine Art Fluß mit fast gar keiner Strömung, der im Arkansas entspringt und auch wieder in denselben mündet) herum lagen.

Es ist ein gar trauriges Jagen in solchen Sümpfen, besonders im Frühjahr, wenn der größte Theil derselben noch überschwemmt ist und die Mosquitos dem sie Durchwandernden auch nicht die mindeste Ruhe gestatten. Dabei sticht die Sonne am Tage so brennend, wie mitten im Sommer, und fast keine Nacht vergeht, in der nicht ein Gewitter den im Freien Campirenden, wenn er sich nicht schon darauf vorgesehen hat, tüchtig durchweicht.

Am Fuße einer niedrigen Hügelreihe dem Laufe eines kleinen Baches folgend, kam ich zu einem flachen, sumpfigen Fleck, der mitten im sonst schönen, grünen Rasen so von Hirschen ausgetreten war, daß ich, in einem Raume von dreißig bis vierzig Schritt im Durchmesser, auch nicht die Spur von Grünem darauf sehen konnte. Es schien eine jener salzigen Sumpfstellen zu sein, die das Rothwild besonders im Frühlings-Anfang aufsucht, während es, weiter im Sommer, mehr die trockenen, Salz enthaltenden Lehmufer der keinen Bäche annimmt. Kaum vier bis fünfhundert Schritt von der erwähnten Stelle standen Kiefern, und ich war schnell entschlossen, die Nacht an der Lecke, oder wie es im Englischen genannt wird, »lick« zu wachen.

Vor allen Dingen errichtete ich, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Schritt von dem am meisten besuchten Theil der Salzlecke, ein kleines Gestell, wozu ich mit meinem Tomahawk (indianisches Beil) vier Holzgabeln abhieb und diese, das Gerüst etwa vier Fuß hochlassend, in den Boden trieb.

Auf darüber hingelegten Querhölzern wurden jetzt grüne Zweige ausgebreitet und diese etwa fünf Zoll dick mit Erde und Rasen bedeckt, damit das Feuer nicht hindurch brennen konnte. Als das geschehen, ging ich mit meiner wollenen Decke und dem Tomahawk zu den Kiefern und Fichten zurück, und spaltete leicht aus den dort wildumhergestreuten Stämmen genug fettes Kienholz, um die ganze Nacht eine gute Flamme zu unterhalten, das ich nachher in der Decke zur Salzlecke trug und um das Gerüst herum aufhäufte, damit ich es in der Nacht leise und geräuschlos abnehmen und auf die niedergebrannten Kohlen legen konnte. Eine andere Vorsichtsmaßregel war aber jetzt noch zu treffen. Im Westen thürmten sich wieder dunkele, drohende Wolkenmassen auf und ließen mich nicht ohne Grund vermuthen, daß ich vor anbrechendem Tageslicht nähere Bekanntschaft mit ihnen machen würde. Mehre der umher liegenden Stämme mußten daher ihre Rinde abgeben, von der ich eine bedeutende Quantität zu meinem Verstecke hinschaffte, um im Nothfall davon Gebrauch machen zu können.

Da ich noch Zeit genug behielt, baute ich mir jetzt auch eine kleine Vorrichtung, die Büchse (ich hatte schon seit Jahren das leichte Schrotgewehr gegen die schwere Büchse vertauscht) auflegen und sicherer schießen zu können, stellte mir dann Messer, Kugeltasche und Pulverhorn zurecht, sah nach den Zündhütchen, daß die nicht wieder im Augenblick der Noth im Unterfutter säßen und dachte, nachdem ich mein »Handwerkszeug« in Ordnung hatte, jetzt auch ein wenig an den leiblichen Menschen, zu dessen Stärkung ich ein paar Stücke gedörrten Hirschwildprets, die Hälfte eines kalten Truthahns und eine Scheibe Maisbrod hervorholte.

Der vorbeifließende kleine Bach sah gerade nicht eben einladend aus, doch sind Hunger und Durst ein guter Koch; ein Becher voll des etwas bräunlichen Wassers spülte das trockene Brod und Fleisch hinunter, und ich würde mich sehr wohl und behaglich befunden haben, wären die Mosquitos in dem niederen Lande nicht wie ganz wahnsinnig gewesen. Im Anfang, als ich mich hinsetzte, kamen nur wenige angeflogen und sogen sich voll; diese mußten aber den anderen wohl erzählt haben, wie gut mein Blut schmecke, denn scharenweis drängten sie jetzt auf mich ein, und hätt' ich sie ruhig gewähren lassen, so würden sie mich, noch vor dem nächsten Morgen, so trocken wie einen Bückling ausgepumpt haben. In der Dämmerstunde sind sie überhaupt stets am schlimmsten, und ich konnte mich kaum gegen sie schützen, bis endlich die Schatten der Nacht sich auf den Wald zu lagern begannen und der Whip poor will (Nachtvogel, eine Art Ziegenmelker) sein eintöniges Lied sang.

Ich schlug jetzt Feuer, steckte den Schwamm in eine Handvoll dürrer Blätter und erhielt durch Blasen bald eine helle Flamme, die ich mit fein gehaltenen Kienspänen nährte und nun mein Feuer oben auf dem Gestell entzündete.

Es war indessen völlig dunkel geworden und die helle Flamme, gerade über mir, unter der ich völlig im Schatten saß, bewies sich als der schönste Mosquito-Ableiter, den es nur auf der Welt geben konnte. Zu Tausenden stürmten sie in die Gluth, die sie eben so schnell vernichtete, und mit wahrhaft teuflischer Schadenfreude saß ich darunter und sah sie elendiglich umkommen.

Ich konnte jetzt auch mit Ruhe mein Abendbrod beendigen, das ich, der peinigenden Insekten wegen hatte niederlegen müssen, und schaute lauschend dabei umher, die Ankunft eines Stückes Wild erwartend.

Es ist ein herrliches Gefühl, in stillem Waldesdunkel bei der rothen Kienflamme zu wachen, die um den Jäger einen Lichtkreis von kaum mehr als vierzig Schritt im Durchmesser zieht, in welchem die gewaltigen, magisch beleuchteten Stämme gleich Riesengespenstern zum schwarzen Nachthimmel emporstarren. Wenn nun in weiter Ferne ein einzelner Wolf sein klägliches Geheul erhebt, das seine Brüder von den Hügeln beantworten, wenn die Eule mit ihrem eintönigen Ruf, die quakenden Frösche und zirpenden Grillen einfallen und so ein eigenthümlich wildes Concert entsteht, — dann wird es Einem bei dem flackernden Feuer ordentlich schauerlich behaglich zu Muthe.

Diese Töne verhallen aber nach und nach, sobald erst wirklich die Nacht ihr Reich antritt, und von zehn Uhr ungefähr herrscht eine nur selten vom Whip poor will und von einzelnen Fröschen unterbrochene Todtenstille.

Jetzt mußte aber auch der Mond bald aufgehen, und mit äußerster Aufmerksamkeit horchte ich dem leisesten Geräusch, jedem Rascheln der Blätter, jedem Säuseln des Windes durch die hohen Baumwipfel. Um durch den schimmernden Lauf nicht geblendet zu werden, hatte ich eben das Visir über die Kienflamme gehalten und geschwärzt, dabei auch eine Handvoll frischer Späne auf die fast niedergebrannten Kohlen gelegt und hüllte mich wieder in meine wollene Decke ein; — denn wenn auch die Sonne den Tag über recht heiß brannte, waren die Nächte doch kühl; — als nicht weit entfernt von mir ein dürrer Zweig krachte. Das war ein Stück Wild, und mit Blitzesschnelle griff ich nach der neben mir lehnenden Büchse.

Die Salzlecke, an der ich wachte, lag in einem sie dicht umschließenden Gebüsch, das, von den riesenhaften Bäumen des sumpfigen Thallandes überragt, keinen Strahl des jetzt eben das Firmament erhellenden Mondes hindurchließ; der von dem Rothwild benutzte Platz selber aber war länglich oval und an ihm entlang floß der kleine, schon früher erwähnte Bach, dessen gegenüberliegenden Rand niedere, dichte Büsche einfaßten.

An eine starke Eiche geschmiegt, hatte ich an dem einen Ende der Lecke mein Gestell errichtet, damit ich die ganze Länge derselben beschießen könnte, und gerade mir gegenüber schien das eben gehörte und sich jetzt wiederholende Geräusch herzutönen. Regungslos lauschte ich mit zurückgehaltenem Athem den lang ersehnten Lauten, als — trap — trap — trap — in langsam abgemessenen Zwischenräumen der schwere Schritt eines Hirsches zu mir herüberschallte. Jetzt stand er und ich wußte, er äugte nach der Flamme. Schnell und geräuschlos spannte ich den Hahn und machte mich fertig; wohl zwei Minuten aber konnt' ich auch nicht das Geringste mehr vernehmen; der Kien fing schon wieder an etwas düsterer zu brennen und ich mußte frisch nachlegen, als die Schritte aufs Neue hörbar wurden, und gleich darauf glühten ein Paar rothfunkelnde Lichter aus dem die Salzlecke umgebenden Gebüsch zu mir herüber. In demselben Augenblick theilten sich auch die Zweige und vorsichtig und bedächtig mit hochgehobenem Kopfe und vorgestreckten Lauschern betrat ein stattlicher Hirsch, kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die kleine, eingeschlossene Ebene. Er windete einige Secunden lang nach der Flamme herüber, denn der Kiengeruch mochte ihm nicht recht behagen, konnte aber den Wind nicht von mir bekommen und kam jetzt gerade auf mich zu.

Ich war jedoch indessen auch nicht müßig gewesen, hatte die Büchse gehoben und den nichts Böses ahnenden ruhig auf's Korn genommen, und gerade, als er wieder stand, mit etwas mißtrauischem Blicke das Gestell und die dicht daneben aufgehäufte Rinde betrachtete und mit dem rechten Vorderlauf ungeduldig die Erde schlug, berührte mein Finger den Stecher und hoch aufspringend stürzte er schreiend zusammen.

Ich trat schnell hinter die Flamme, wo ich vor allen Dingen meine Büchse wieder lud, und schaute dann nach dem Hirsche hinüber; er war aber schon verendet und lag bewegungslos dort.

Um nicht einen anderen, sich vielleicht in der Nähe befindenden, Hirsch zu verscheuchen, verhielt ich mich übrigens ganz ruhig und ging nicht hinaus, ihn abzufangen; aber wohl eine volle Stunde hatte ich wieder gesessen, ehe ich auf's Neue nahendes Wild hörte.

Dies Mal waren es mehr Stücke, und ohne sich im mindesten aufzuhalten, ja ohne nur die Flamme eines Blicks zu würdigen, betraten sie den offenen Fleck und wollten ihn eben, ohne sich weiter um die Salzlecke zu bekümmern, kreuzen, als ein junger Spießer, der Führer der Ihrigen, von dem frischen Schweiß Witterung bekam und schnaubend absprang. Wohl wußte ich, daß mir jetzt nicht lange Zeit zum Überlegen bleiben würde, drum hob ich schnell die Büchse und in demselben Augenblick krachte auch der Schuß; mit einem Satz überflog aber der Spießer den Bach und war gleich darauf im Dickicht verschwunden. Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, konnt' ich keines der übrigen Schmalthiere mehr sehen und nur in der Ferne hörte ich sie schnaubend und pfeifend davon eilen.

Ich hatte eben wieder geladen, als, zwar noch fern, aber doch schon recht deutlich und freundlich mahnend ein dumpfer Donnerschlag zu mir herüberdröhnte, der mir mit klaren Worten erzählte, was ich zu erwarten hatte. Vor allen Dingen nahm ich daher ein Paar brennende Kienspäne, um mir den Anschuß und den Schweiß zu besehen, um daraus zu beurtheilen, wie weit der Spießer wohl noch gegangen sein könne; denn schickt in diesen Sümpfen ein richtiges Gewitter seinen selten fehlenden Begleiter, den Regenguß, herunter, so ist's nachher mit dem Ausmachen sehr unsicher, weil die Fährten nachher gewöhnlich in einem freundlichen Gemisch von Schlamm und Wasser zusammenlaufen, und wenn nicht die Aasgeier, die merkwürdig rasch bei der Hand sind, das verendete Stück anzeigen, sieht's mit dem Finden oft traurig aus.

Mit meiner schnell gemachten Fackel ging ich jetzt dem Platze zu, überzeugte mich aber gar bald, daß der Hirsch einen Lungenschuß bekommen hatte und nicht weit fort sein könnte. Schweiß lag im Überfluß auf dem Anschuß und in der Fährte; als ich aber eben über den Bach hinüber wollte, um den Platz, wo der Spießer lag, aufzusuchen und zu verbrechen oder ihn abzufangen, wenn er noch nicht verendet sein sollte (in Amerika ist allgemein der Kälberfang Sitte und kein Jäger genickt ein Stück Wild), als einige große, schwere, fallende Tropfen das jetzt rasend schnell herbei eilende Gewitter verkündeten; ich ließ also Hirsch Hirsch sein und sprang zu meinem Gestell zurück, nahm schnell das Feuer herunter, das ich im Innern sicher niederlegte, um die Kohlen zu bewahren und es nachher, wenn alles Andere naß sein würde, wieder anzünden zu können, und deckte nun die vorsichtig herbeigeschafften Rindenstücke dachartig über das Gerüst, indem ich sie, um mir unter demselben einen größeren Raum zu gestatten, etwa einen Fuß breit an jeder Seite vorstehen ließ.

Der Mond war von ungeheueren Wolkenmassen verdeckt und rabenschwarze Nacht umgab mich; die fast ohne Unterbrechung zuckenden Blitze aber gewährten hinlängliches Licht zu meiner Arbeit, und ich war kaum damit zu Stande, als es auch anfing, wie aus Eimern und Dachrinnen zu gießen.

Mein Regenschutz bewies sich ausgezeichnet, aber ich war doch gewissermaßen wieder unter die Traufe gekommen, denn die Mosquitos, jetzt nicht mehr durch das Feuer abgeleitet und den trockenen Schutz unter meinem Aufbau behaglicher findend als den nassen Regen draußen, noch dazu da solch ein süßes Stück Menschenfleisch, in eine dünne wollene Decke gewickelt, nur ganz zu ihrer Bequemlichkeit dorthin gesetzt schien, fingen an mich so wüthend zu umschwärmen und zu peinigen, daß ich schon mein Dach verlassen und lieber den fluthenden Regen als diese Myriaden von Vampyren ertragen wollte, als mir noch zum Glück die Kohlen einfielen, die ich auf einem Stück Rinde liegend und mit Rinde zugedeckt neben mir hatte; schnell blies ich sie zur Flamme empor, und ein kleines Feuer unterhaltend, auf welches ich nasses Holz legte, erzeugte ich einen solchen Rauch, daß ich fast zusammen mit den Mosquitos erstickt wäre; das schützte mich doch wenigstens in etwas gegen diese, und nach einer Stunde fürchterlichen Gießens hörte endlich das Unwetter auf.

Zwar warf ich jetzt mein Rindendach wieder herunter und entzündete aufs Neue die Flamme, die Salzlecke hatte sich aber in einen kleinen Teich verwandelt und ich selbst saß, am Fuße der gewaltigen Eiche, auf dem einzigen, inselähnlichen und trockenen Flecke. Natürlich ließ sich weiter kein Hirsch sehen, und noch vor Sonnenaufgang verließ ich das sumpfige Thal und schlug mich in die dicht daran stoßenden Hügel, wo ich das Balzen eines Truthahns gehört hatte.

Die Truthahnjagd ist in diesen Wäldern eigentlich die am wenigsten beschwerliche, wird aber doch nicht viel betrieben, weil sie keinen Nutzen bringt. Der Amerikaner schießt wohl, was er zu seinem eigenen Bedarfe braucht, da er aber die erlegten Hühner selber essen muß und nicht verkaufen kann, so verwendet er nie mehr Pulver und Blei auf sie, als unumgänglich nöthig ist. Mir war's auch an diesem Morgen nur um einen Braten zu thun, denn das Wildpret der beiden erlegten Hirsche konnte der Jahreszeit nach nicht sehr vorzüglich sein. Ich schritt also schnell der Gegend zu, von der mir dann und wann die kullernden Töne des balzenden Hahnes herüberschallten, um den Ort noch zu erreichen, ehe es vollkommen Tag wurde.

Der Truthahn findet sich durch die ganzen vereinigten Staaten, vom Norden bis Süden, vorzüglich aber in den südwestlichen Theilen, in ungeheuerer Anzahl. Im Frühjahr, März und April balzt der Hahn und ist dann auch, bis Anfang Mai, ausnehmend fett; in dieser Zeit aber nimmt er fast keine Nahrung zu sich, und ich habe, besonders im März, beim Anfang der Balzzeit, den Magen eines Hahnes aufgeschnitten und auch nicht die Spur von Nahrung darin, sondern die inneren Wände desselben nur mit einer reinen, öligen Feuchtigkeit überzogen gefunden, wie sie etwa der Bär während des Winterschlafes bei sich trägt. Wenn daher im Mai die Hennen brüten, sind die alten Hähne dürr und ungenießbar, die Jagd muß also dann vorkommen eingestellt werden. Die Henne zieht acht bis zwölf, ja manchmal sechszehn Junge auf, von denen sie sich nicht mehr trennt, bis im nächsten Frühjahr die Balzzeit aufs Neue beginnt; die alten Truthähne halten sich übrigens nicht gern zu diesen Familien und bilden sehr häufig eigene Ketten von funfzehn und zwanzig, ja oft dreißig Stück, die dann stattlich und ehrbar mit ihren großen Bärten (ein Borstenbüschel, der bis sechs und sieben Zoll lang, etwa einen Finger stark, ihrer Brust entwächst und »Bart« genannt wird) den Wald durchschreiten. Besonders halten sie sich gern im Winter zusammen und balzen dann manchmal aus reinem Vergnügen, daß es meilenweit durch den stillen Wald schallt.

Die Hennen bauen ihre Nester in dichten, unzugänglichen Büschen aus dürrem Laub und Reisern auf die Erde und verlassen ihre weißen, am dicken Ende etwas gefleckten Eier nur selten; werden sie aber mehre Male gestört und vom Neste vertrieben, so kehren sie nicht mehr zu diesem zurück und lassen es, selbst wenn sie schon eine Zeit lang gebrütet haben, im Stiche.

Im Juli werden die Jungen jagdbar und sind dann ein gar delikates Essen, verlieren aber viel von ihrem saftigen Wohlgeschmack, weil man sie nicht rupfen kann, sondern ordentlich abbalgen muß, indem die in dieser Jahreszeit den Wald erfüllenden kleinen Holzböcke auf keine andere Art als mit dem Balge selbst von dem Truthahn zu entfernen sind.

In der Balzzeit ist der alte Hahn sehr scheu, und wo er nur das Geringste, was ihm gefährlich dünkt, äugt, so flieht er und ist auf keine nur erdenkliche Art an jene Stelle wieder hinzulocken; hat sich aber der Jäger gut versteckt oder bewegt er sich wenigstens nicht, so kommt er auch, durch das Nachahmen des Hennenrufs herbeigelockt, bis dicht an das Rohr hinan.

Die einfachste und beste Truthahnlocke besteht aus dem zweiten, dünnen Flügelknochen der Truthenne selbst, der, an beiden Seiten abgeschnitten, des Markes entledigt wird und mit welchem, die Luft durch denselben einziehend, der Ton der Henne auf das Täuschendste nachgeahmt werden kann. Einen solchen Knochen führte ich bei mir und war jetzt auf etwa vierhundert Schritt der Stelle nahe gekommen, in welcher der Hahn oben auf einem Baume stehen mußte; zu weit aber schien mir der Tag vorgerückt, um von dem wachsamen Vogel ungesehen heranschleichen zu können; ich suchte mir daher einen umgefallenen Baumstamm aus, hinter dem ich mir mein Lager machte, legte mehre Zweige oben drauf, meinen Kopf so viel als möglich zu verdecken, und fing nun an, einige Male zu locken.

Im Anfang schwieg der Hahn, als er die bekannten Laute hörte, wahrscheinlich nur, um sich erst genau zu überzeugen, von welcher Richtung her sie tönten; dann aber, nachdem er darüber im Klaren schien, balzte er auf einmal aus Leibeskräften, und ich hörte, wie er gleich darauf vom Zweige abstiebte und auf mich zu streichend etwa hundert Schritte vor mir einfiel.

In kleinen Zwischenräumen ließ ich jetzt und zwar nur leise die Locke tönen, auf die er schleifend und dann und wann kullernd, als ob er sich halb zu Tode freue, zukam.

Vor mir lag eine kleine, ungefähr 15 Schritte tiefe Blöße, und bald darauf sah ich den blauangelaufenen Kopf, mit den rothen herunter hängenden Fleischlappen, durch die die Rasenstelle umgebenden Gebüsche ragen, auf welche er gleich darauf selber heraustrat. Zwar hatte ich ihn jetzt sehr schön zum Schuß, durch Erfahrung aber klug gemacht, hütete ich mich wohl, mit der Kugel nach ihm zu schießen, so lange er die Federn gesträubt hielt, wobei man kaum errathen kann, auf welcher Stelle sich der Körper befinde, und pfiff daher ein Mal recht laut und kurz. —

»Kitt,« sagte der Truthahn und glättete, sich hoch aufrichtend, am ganzen Körper, indem er vorsichtig nach allen Richtungen umherspähete; mehr verlangte ich nicht, und beim Krach der Büchse flatterte er empor und kam dann, in scharfem Laufe, gerade auf mich zu; — dicht vor mir aber hielt er, drehte sich zwei Mal im Kreise herum, breitete die Flügel aus und stürzte zuckend zusammen.

Es war ein merkwürdig feister Bursche und mußte etwas über zwanzig Pfund wiegen.

Ich warf ihn aus; denn vernachlässigt man dies, so wird ein Truthahn in wenig Stunden, selbst im Winter, anbrüchig, band seine Ständer mit dem Kopf zusammen und hing ihn mir, waidtaschenartig, über die Schulter, nahm dann meine Büchse wieder auf und wanderte langsam der Salzlecke zu, um meine Hirsche zu zerwirken und den Heimweg, nach dem etwa fünf englische Meilen entfernten Hause anzutreten.

Dem unter dem Feuer in der Salzlecke Gestürzten zog ich einen dünnen Streifen Baumrinde durch das Geäs und schleppte, oder schwemmte ihn eigentlich, zum nächsten trockenen Platz; dann aber machte ich mich daran, den zweiten wieder zu finden, was noch, trotz dem tödtlichen Schusse, seine gehörigen Schwierigkeiten hatte. Der Boden war in einen Teich verwandelt, in dem sich Frösche, Eidechsen und Schlangen sehr behaglich zu fühlen schienen, der sich aber doch keineswegs dazu eignete, einen Hirsch auszumachen.

Der Regen hatte selbst von den Büschen den Schweiß rein herunter gewaschen und dornige Schlingpflanzen zogen sich überall in dichten, festen Massen zwischen ihnen hindurch; der Hirsch konnte aber nicht mehr weit gegangen sein, und nach kaum viertelstündiger Suche fand ich ihn, etwa zweihundert Schritt vom Anschuß, verendet.

Wie das vorige Stück schaffte ich den Spießer vor allen Dingen auf trockenen Grund und Boden, hatte aber dabei keine kleine Mühe, durch den angeschwollenen Bach zu kommen, den ich nicht umgehen, also durchwaten, eigentlich fast durchschwimmen mußte, denn das Wasser ging mir bis unter die Arme. Als das geschehen, zündete ich jetzt vor allen Dingen neben meiner Beute ein tüchtiges Feuer an, welches dem doppelten Zweck entsprach, mich zu trocknen und zu wärmen, und einen Theil meines Truthahns zu braten; denn mich hungerte bedeutend. Während ein paar der saftigsten Stücke am Feuer schmorten, zerwirkte ich die beiden Hirsche, nahm von dem Spießer die beiden Keulen und das »brisket« (der Theil zwischen den Blättern vorn, wo die kurzen Federn zusammenstoßen), schlug es in eine der Wilddecken ein, verzehrte dann mein einfaches, aber darum nicht minder gutes Frühstück, hing mir nachher die Überreste des Truthahns, meine wollene und die beiden frischen Wilddecken, nebst den darin liegenden Keulen über, ergriff meine Büchse und wanderte, das übrige Wildpret den Aasgeiern oder Wölfen überlassend, der nächsten Ansiedelung zu. —

Wer übrigens je eine längere Zeit in den südlichen Theilen Nordamerikas jagte, hat auch gewiß mit eben diesen Aasgeiern, seltener mit den Wölfen in Streit gelebt. Diese ersteren folgen dem Jäger, wenn er erst einmal einige Stücke Wild erlegt hat, fortwährend, und lassen ihm kaum Zeit seine Beute aufzubrechen. Mit schlecht verhaltener Gier sitzen sie in den benachbarten Bäumen, und erwarten den Augenblick, in welchem der Jäger den Platz verläßt, um dann mit ihren scharfen, langen Schnäbeln über das Zurückgelassene herzufallen, von dem nach wenigen Stunden selten mehr als die Knochen übrig sind. Nur ein Mittel giebt's, sich ihrer in etwas zu erwehren und das ist, das Stück Wild in der Decke zu lassen und am Kopfe aufzuhängen; dann finden sie nirgends einen Anhaltepunkt, als an dem Kopfe selber, an dem man ihnen gern verstattet, herumzuhacken.

Noch andere Feinde aber, gegen die selbst das Aufhängen nicht viel nützt, sind die großen Raben, die nun zwar dem Wildpret selber nicht viel Schaden thun, aber das Talg heraushacken, da es, um abzukühlen, doch aufgebrochen werden muß. Einige weiß geschälte Stöckchen aber, durch die Wammen querüber gesteckt, sind ziemlich zweckmäßig, diese Burschen abzuhalten, die ihren Hals nicht gern durch die weißen Hölzer hinein zu schieben wagen. Im Winter geht das übrigens noch Alles an, es sind Unannehmlichkeiten, denen man doch wenigstens theilweise noch begegnen kann; im Frühjahr und Sommer aber erscheint eine Jägerplage, gegen die es fast gar keinen Schutz giebt, und das sind die Schmeißfliegen, die zu Tausenden fast in demselben Augenblick erscheinen, wo das Wild von der Kugel getroffen stürzt. Will man das Wildpret später mit nach Hause nehmen, so ist das einzige Mittel, um es von dieser Landplage frei zu halten, es in's Wasser zu legen. Aber nicht überall hat man Wasser, welches dazu tief genug ist, in der Nähe, und in den ganz südlichen Staaten geht dies auch überhaupt nicht an, da die Alligatoren sonst bald das ihrem Bereich anvertraute in Beschlag nehmen würden. Wollte man einen starken Rauch unter dem Wildpret unterhalten, so würde dies auch nur theilweise gegen diese Insekten schützen; will daher der Jäger im Sommer Wildpret bewahren, so muß er es an Ort und Stelle in schmale Streifen schneiden und über einem langsamen Feuer dörren; dann hält es sich Monate lang. —

Die Feuerjagd auf Hirsche wird auch noch auf eine andere Art als mit aufgebautem Gerüst betrieben, und besonders dort in Anwendung gebracht, wo sich sehr viele, verschiedene Salzlecken in einer und derselben Gegend finden und der Hirsch zwischen ihnen wechselt. Um nämlich unter solchen Verhältnissen leicht von einem Platz zum anderen gehen zu können, nimmt der Jäger eine gewöhnliche eiserne langstielige Bratpfanne (wo diese nicht zu bekommen ist, muß eine künstlich aus Zweigen und Erde gemachte, den Dienst verrichten), befestigt an dieselbe noch ein etwa 3-4 Fuß langes, einige Zoll breites Bret, damit sie leicht auf der Schulter liegt und sich nicht wenden kann, und thut in diese nun den fein gespaltenen Kien, mit dem er leicht den Wald nach allen Richtungen hin durchwandern kann. Vorn in das Bret wird eine, von Holz geschnitzte, kleine, breite Gabel eingebohrt, um beim Schießen die Büchse hineinlegen zu können, wo dann der schwere Kien in der hinten mehre Fuß vom Kopf abstehenden Pfanne das Gleichgewicht gegen das Rohr hält und eine feste Lage verstattet. Die hinter dem Kopfe befindliche Flamme läßt nun dem Jäger die Lichter eines Stückes Wild oder Raubthieres auf mehre hundert Schritte erkennen, und da sich das erstere (Raubthiere lieben die helle Flamme nicht, äugen auch nicht gern hinein) keineswegs vor dem Feuer fürchtet, so kann man, wenn man nur leise und ohne Geräusch sich nähert, auch besonders den Wind gut beobachtet, leicht an die vertrauend ziehenden Stücke herangehen. In weiter Ferne verschmelzen die beiden Lichter der Hirsche in einen glühenden Feuerball, der sich jedoch, bei dem immer näher und näher Kommen scheidet, und erst in richtiger Schußnähe sieht man dann die zwei Kugeln in der gehörigen Entfernung zu einander stehen. Den Wind kann man dabei sehr leicht nach dem Rauch beobachten, der auf keinen Fall über den Kopf hinweg ziehen darf. Springt nach dem Schuß das Wild schnell und flüchtig ab und rennt fort, so ist es ein sicheres Zeichen, daß die Kugel sitzt; hat aber der Jäger gefehlt, so verschwinden die Lichter plötzlich; der Hirsch wendet sich und geht langsam, ohne die mindeste Furcht zu verrathen, hinweg. Kommt man nahe genug heran, um die ganze Gestalt des Wildes zu erkennen, so schießt man natürlich auf's Blatt; ist das aber nicht der Fall, so hat man ein so schönes Abkommen bei der hinten lodernden Flamme, daß man getrost zwischen die beiden Lichter hinein halten kann, was überdies immer der beste Schuß ist. —

Etwas ist hierbei jedoch noch zu bemerken, auf das der amerikanische Jäger ebenfalls sehr viel Rücksicht nimmt: der Mond nämlich, nach welchem sich das Hochwild mit seiner Äsung richtet. Scheint dieser die ganze Nacht, so zieht es am stärksten gleich nach Dunkelwerden, bis etwa zwei Uhr Morgens umher, wo es sich dann niederthut und bis zur frühen Morgendämmerung sitzt; leuchtet er hingegen die Nacht gar nicht, so äßt auch das Wild nicht sehr lange mehr nach Sonnenuntergang, höchstens ziehen dann Schmalthiere bis zehn oder eilf Uhr Abends an die Salzlecken; dahingegen äßen sie am Tage Morgens ganz früh; Mittags etwa von zwölf bis eins und Abends wieder von vier Uhr an. Doch läßt sich darüber nichts ganz Genaues bestimmen. Einzelne findet man fast zu jeder Tageszeit munter.

So selten nun, im Westen wenigstens, die Hirsche mit Hunden gehetzt werden, so interessant ist diese Jagd auf Truthühner, wenn sie sich im Winter zusammen gethan haben und nun in Ketten, oft von 30-50 Stück, durch den Wald ziehen. Von den Hunden eingeholt, bäumen sie augenblicklich und äugen nun, sich auf ihrer Höhe sicher glaubend, mit großer Zufriedenheit auf die, die Bäume toll und wild umspringenden Hunde hernieder, bis der Jäger heranschleicht und mit der Kugel (denn Schrot würde in jenen hohen Bäumen von gar keiner Wirkung sein), den Truthahn herunter holt. Es bedarf dazu übrigens nur eines Flügelschusses, denn das Wild ist so schwer, daß es fast stets durch den Fall, wenn auch sonst nicht tödtlich getroffen, verendet.

So gescheidt der Truthahn aber auch sonst ist, so albern und unbehülflich stellt er sich an, wenn er sich gefangen glaubt, und eben auf diese seine Dummheit sind auch die Fallen berechnet. Wo nämlich der Ansiedler, — denn der Jäger nimmt sich selten die Mühe, das mit der Axt zu bekommen, was er mit der Büchse erlegen kann, — eine Kette Truthühner zu fangen wünscht, sei es nun in einem abgeärnteten Maisfeld oder im Walde, da macht er von langen, gehaltenen, schweren Stangen eine Umzäunung, die etwa zehn bis zwölf Fuß im Quadrat hat und so hoch sein muß, daß der größte Truthahn, aufgerichtet, darin herumlaufen kann. Die Decke wird nachher mit Holz oder Steinen beschwert, daß sie dem Aufflatternden nicht nachgiebt. In eine der Wände, am besten nach der Richtung hin, in welcher die Hühner gewöhnlich ins Feld kommen, wird eine kleine Thüre gesägt. Gerade unter dieser hinweg führt eine Art schmaler Laufgraben in das Innere der Umzäunung; unter der Thür ist dieser Graben am tiefsten und läuft nach Innen wieder auf die Oberfläche hinaus. Dieser Graben wird bis auf zwölf und funfzehn Schritt von der Falle weggeleitet und nach ihm hin sparsam, in ihm aber reichlich Mais gestreut, der bis in den eingezäunten Raum hinein führen muß, wo es gut ist, wenn ein kleiner Haufen von Maiskolben dem Truthahn gleich entgegen lacht. Der Graben aber und die darüber hingehende Thür dürfen zusammen nur so hoch sein, daß ein ausgewachsener Truthahn, wenn er, mit dem Kopf auf der Erde, der Äsung nahe geht, gerade hindurch schreiten kann, also etwa zwanzig bis vierundzwanzig Zoll. Finden nun die den Wald durchgreifenden Hühner den umher gestreuten Mais, so folgen sie den einzelnen Körnern, gerathen in den Graben und treten nun, das Gestell wenig beachtend, in den inneren hohen Raum, wo sie sich gar bald an dem dort aufgeschichteten Vorrath eine Güte thun. Auf diese Weise gehen manchmal zehn und fünfzehn zu gleicher Zeit in die Falle. Nun hinderte sie freilich nichts auf der Welt, auf eben dieselbe Art das Gestell zu verlassen, wie sie es betreten haben; sobald aber nur einem von ihnen der Gedanke kommt, das Freie zu suchen, wobei er sich natürlich aufrichtet und, den fest verwahrten Ort über sich erblickend, das Warnungszeichen giebt, so erheben in demselben Augenblick Alle die Köpfe und versuchen flatternd in die Höhe zu entkommen; keiner von ihnen denkt von dem Augenblick weder mehr daran, den Mais zu berühren, noch sich überhaupt zu bücken, und ich weiß den Fall, daß sie sich auf diese Art gegen Abend gefangen haben und bis zum nächsten Nachmittag darin geblieben sind, wo dann der Farmer herbei kam und sie einzeln heraus holte.

Der arme Truthahn hat übrigens auch noch außer dem Menschen sehr viele andere Feinde, denn Wölfe, Füchse, Marder, Katzen, Panther stellen ihnen nach; ihr grimmigster Verfolger aber ist der weißköpfige Adler, dem sie auch nicht einmal entfliehen können, und zeigt sich ein solcher in der Luft und umkreist die Bäume, dann rührt sich kein Truthahn in seinem Versteck und man kann sie, wenn man sie zufällig findet, fast mit der Hand greifen.


Als ich zuerst die wirklichen Wälder Amerika's betrat, hatte aber nicht allein das Wild für mich Interesse, sondern auch die eingebornen Jäger selbst, die in der Wirklichkeit ganz und gar von dem Bilde abwichen, welches ich mir in meiner Phantasie von ihnen gemacht hatte.

Besonders viel war mir von den sogenannten »Hinterwäldlern« erzählt worden, die in der Bevölkerung Amerika's gewissermaßen eine eigene Gattung bilden. Es sind Landleute, insofern sie so viel Welschkorn bauen, als sie für sich und ihre Familie und ein Paar Pferde und Schweine bedürfen, im Übrigen leben sie von der Viehzucht und Jagd und führen eigentlich genau genommen, trotzdem, daß sie Häuser bauen und kleine Felder anlegen, doch ein Nomadenleben; denn selten bleiben sie länger als drei oder vier, oft nicht ein Jahr auf einem Fleck, sondern sind stets bereit, ihr mit saurem Schweiß urbar gemachtes kleines Besitzthum um Weniges wieder zu verkaufen und weiter westlich zu ziehen.

Als ich zuerst nach Missouri kam (denn selbst Illinois liegt jetzt schon zu östlich für diese Menschenklasse), hörte ich, etwa sechzig Meilen unterhalb St. Louis, von einem gewissen Coltert, der ein alter, tüchtiger Bärenjäger sein und mitten im Wald in einer kleinen Hütte leben solle. Die Beschreibung dieses Mannes, wie er lebte, was er schon alles für Abenteuer durchgemacht, wie viel Bären und Panther er erlegt, wie oft er verwundet worden, ein Mal sogar lebensgefährlich, als er seinen Lieblingshund einem Bären entreißen wollte, das Alles spannte meine Neugierde auf das Äußerste und machte mich sehr begierig diesen Mann kennen zu lernen, denn im Geiste malte ich ihn mir schon ganz nach indianischer Art, mit allen möglichen Waffen und Jagdgeräth versehen, aus, und beschloß, wenn ich auch Meilen weit umgehen müßte, ihn aufzusuchen.

Mein Weg sollte mich indessen etwa drei Meilen vor seinem Hause vorbei führen, wo, wenn ich einen gewissen Fluß erreicht hätte, ein Pfad rechts abging, der bis zu seiner Hütte hinlief. Bis zu diesem Flusse hatte ich etwa noch sechs englische Meilen zu marschiren und wanderte frisch darauf los, um den alten Jäger so bald wie möglich kennen zu lernen, als ich einen Mann auf der Straße überholte, der sich ganz gemüthlich dicht am Wege seiner weißen leinenen Beinkleider entledigt hatte, trotz dem unfreundlich kalten Wetter ziemlich behaglich auf einem umgehauenen Baumstamm saß und die etwas sehr zerrissenen flickte. — Sonst trug er einen blau wollenen Frack, ein weißes Hemd und ein Paar grobe rindslederne Schuh, welche drei letzteren Kleidungsstücke, als ich zu ihm trat, seinen ganzen Anzug ausmachten; neben ihm aber stand ein alter, recht ungesetzlich außer Façon gedrückter Filzhut, und an einem Baume lehnte eine lange Büchse — (ohne die selten oder nie ein Landmann ausgeht) mit einer kleinen ledernen Kugeltasche und einem in ein buntes Taschentuch eingebundenen Päckchen.

Der Anblick war so komisch, daß ich unwillkürlich stehen blieb und ihm freundlich guten Tag bot; er dankte, schien sich aber sonst nicht weiter um mich zu kümmern, sondern steckte seine Nadel und Zwirn, da er seine Arbeit gerade beendigt hatte, in die Kugeltasche, zog das ausgebesserte Kleidungsstück wieder an, hing sich die Tasche um, setzte den alten Filz, der ihm ein merkwürdig antikes Aussehen gab, auf, nahm das Bündel in die linke Hand und dann den Büchsenlauf mit der rechten ergreifend, warf er sich diese, den Kolben nach hinten, über die rechte Schulter, indem er zu mir sagte: »Nun, Fremder, wenn Ihr mit wollt, so kommt!«

Es lag etwas so ernst Drolliges in seinem Wesen, das mich unwillkürlich anzog, und wir plauderten, neben einander herschlendernd, über vielerlei. Endlich erreichten wir den Fluß; mein Begleiter reichte mir die Hand und wollte sich verabschieden, ich bat ihn aber, mir zuerst den Weg nach des alten Coltert Haus zu zeigen, weil ich diesen aufzusuchen wünschte.

»Kennt Ihr den alten Coltert?« fragte er mich und wechselte mit der Büchse auf die andere Schulter.

»Nein, ich kenne ihn nicht, wünschte ihn aber kennen zu lernen!«

»Nun,« sagte er, »wenns weiter nichts ist, das Vergnügen habt Ihr die letzten zwei Stunden gehabt!«

Ich staunte nicht wenig, unter dem alten Filz und in dem hellblauen, wollenen Frack meinen Bärenjäger zu finden, der noch dazu so ächt waidmännisch die Büchse, Kolben nach hinten, trug, folgte aber nichtsdestoweniger seiner freundlichen Einladung, die Nacht bei ihm zuzubringen, und wurde für den kleinen Umweg reichlich durch einige der delikatesten Bärenrippen und viele romantische Erzählungen aus dem thatenreichen Leben des Alten belohnt. In mancher Hinsicht sehr befriedigt verließ ich ihn am andern Morgen. — Hatte mir einen amerikanischen Jäger aber doch anders gedacht.

Die Erzählungen des Alten hatten aber die Jagdlust um so mächtiger in mir aufgeregt und ich beschloß, was ich auch später redlich gehalten habe, Arkansas nach allen Richtungen zu durchstreifen und die Bärenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden gehört, selber mitzumachen.

Der Bär gehört unstreitig zur edelsten und dabei auch einträglichsten Jagd Amerika's, und ist der Kampf mit ihm auch manchmal gefährlich, nun so verleiht das der Sache ja auch wieder ein so viel frischeres, gewaltigeres Interesse; denn das arme Wild zu erlegen, welches sich nicht widersetzen kann, selbst wenn es wollte, und nur in der Flucht sein Heil suchen muß, nun ja, es ist auch schön und der den Männern angeborene Zerstörungsgeist macht es schon anziehend für uns; mir fehlte aber immer etwas bei jener Jagd, es kam mir stets vor, als ob es doch nicht das Rechte sei, nach dem ich mich gesehnt hätte, bis ich das erste Mal »Fuß an Fuß« mit einem der alten, schwarzen Burschen stand, und nun auch wußte, ich trüge das große Messer nicht blos zum Staate an der Seite.

Die Bären fangen übrigens schon an in den vereinigten Staaten sehr selten zu werden, nur noch in den unermeßlichen Sümpfen des Mississippi- und Arkansas-Thales und den steilen, an vielen Stellen fast unzugänglichen Ozark-Gebirgen finden sie sich und werden mit einigem Erfolg von den Weißen, und an dem letzteren Orte auch theilweise von Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert sich aber ihre Anzahl bedeutend und die Zeit ist nicht mehr fern, wo eine Bärenfährte in Arkansas eine Seltenheit sein wird.

Die Bärenjagd selber wird in jenen Gegenden auf drei verschiedene Arten betrieben:

Erstens durch Pürschen,
Zweitens durch Hetzen mit guten, darin geübten
Hunden, und
Drittens durch das Aufsuchen der Stellen,
in welchen er seinen Winterschlaf hält.

Das Pürschen, so interessant es an und für sich ist, kann übrigens nur im Spätsommer und Herbst geschehen, in welchen Jahreszeiten der Bär seine Nahrung in den Früchten des Waldes sucht und sorglos dabei umhertrollt. In bergigen Gegenden, wo viele Heidelbeeren wachsen, geht daher die Suche schon im Juli an, da er bis Ende August von diesen lebt; dann jedoch, sobald die Eicheln der Weißeiche reifen, aber noch nicht abfallen, ersteigt er diese und bricht oft ziemlich starke Äste herunter, um von ihnen seine Lieblingsnahrung abzulesen. Sind viele Bären in einer Gegend, so ist die Jagd in dieser Jahreszeit sehr interessant, weil man den Bären, sobald er erst einmal anfängt, Zweige niederzubrechen, eine lange Strecke weit hören und sehr leicht an ihn heranschleichen kann. Wo sie aber nur selten angetroffen werden, wäre es freilich ein undankbares Geschäft, nach den wenigen im Walde herumzusuchen; dazu ist die Hetze und mit einer tüchtigen Meute Hunde, sicherer Büchse und breitem, kurzem Stahl an der Seite, auf einem guten, zähen Poney, in gestrecktem Galopp durch den Wald und Sumpf, hinter den klaffenden, heulenden Hunden her, das ist die Jagd, wo einem das Herz warm wird und kühner und freudiger in der Brust klopft. Stellt sich dann der Bär, — denn nicht immer sucht er auf einem Baum den Feinden zu entgehen, — und tritt ihm der Jäger mit dem Messer in der Faust entgegen, so wird es doch auch eine Jagd, die Ehre bringt und die einen Mann, keinen bloßen Sonntagsjäger erfordert; das Gefühl, mit dem man nachher den schweißbefleckten Stahl in die Scheide zurückstößt, wiegt alle anderen Jagden auf. Die letzte Bärenhetze machte ich in Amerika im Sommer mit.

Wir hatten keinen großen Nutzen von der Bestie; sie war aber zu lüstern nach »ihres Nächsten Schweinen« geworden, die sie den in Unmasse im Walde wachsenden Heidelbeeren vorzog, und mußte daher aus dem Walde geschafft werden. Übrigens zogen wir damals nicht mit der Idee einer Bärenjagd aus, sondern wollten blos ein Paar Hirsche schießen, um das Gehirn derselben zum Gerben einiger Wilddecken zu erhalten (die indianische Art Hirschhäute zu gerben, geschieht nur mit dem Gehirn des Hirsches selbst und später durch Rauch), als wir, von einem alten Jagdgenossen, der seine und meines Begleiters Hunde mitgebracht hatte, überholt wurden. Drei alte Sauen, erzählte dieser, seien ihm in wenigen Nächten weggeholt, und er dürstete nach Rache, die ihm denn auch im reichlichsten Maße wurde. Es war jedoch ziemlich trocken und dürr, und die Hunde, obgleich mit dem rühmlichsten Eifer suchend, konnten in langer Zeit keine frische Fährte finden; wir hatten sie aber in dem dichten Unterholz bald aus den Augen verloren und ritten lachend und erzählend über die Berge; plötzlich riß der Alte sein Pferd zurück und horchte, sich hoch im Sattel aufrichtend, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Ein kurzes, dumpfes Geheul ließ sich hören — »das war Muse,« rief er — ein scharfes, kurzes Bellen folgte »das ist Watch.« — Gleich darauf schlugen zwei der Lieblingshunde zu gleicher Zeit an. Jetzt aber schwenkte der Alte den Hut — »sie haben ihn,« jubelte er, und dem Pferde den einen Sporn in die Seite drückend, flog er dem Anschlagen der Hunde zu.

Ich ließ ihn nicht die Büsche für mich theilen, sondern brach mit Hozart an seiner Seite ins Dickicht; gleich darauf schlug auch die ganze Meute — etwa 15 Hunde, an, daß der Wald widerhallte. Wir ließen unsere Stimmen lustig drein schallen, und wie die wilde Jagd gings durch Dorn und Schlingpflanze, über umgestürzte Stämme und losgerissene Steinmassen fort dem Schalle nach, der in Schlucht und Thal das Echo erweckte.

Der Bär sah übrigens bald ein, daß er im offenen Wald der verfolgenden Meute nicht entgehen konnte, und eilte einem alten Hurricane[2] zu, wo die Eichen und Fichten wie Kraut und Rüben durch einander lagen und die Dornen und Schlingpflanzen und später aufgeschossener Nachwuchs die Zwischenräume ausgefüllt hatten. Die Jagd wurde toller und toller; die Pferde, die Begeisterung der Reiter theilend, setzten in fast unglaublicher Anstrengung über alte Baumstämme und durch Dickichte, die im ersten Augenblick fast undurchdringlich schienen.

Im Anfang waren wir drei Reiter beisammen geblieben; der fürchterlich verwachsene Wald aber hatte später Jeden den besten Durchweg allein suchen lassen, und bald konnte ich nichts mehr von den beiden Anderen hören noch sehen, sondern vermuthete nur, daß sie, um dem Bären den Weg abzuschneiden, vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen hätten; eine plötzliche Wendung des verfolgten Thieres drehte jedoch die Hetze plötzlich nach meiner Seite; kleffend und jauchzend stellte ihn in einem entsetzlichen Dickicht die Meute, und durch eine dichte Brombeerhecke setzend, die das letzte von mir abstreifte, was nicht niet- und nagelfest war, fand ich mich in Schußnähe des Kampfes. Augenblicklich aber warf ich mich vom Pferd und sprang der Wahlstatt zu, wo ein ungeheuerer Bär sich mit der größten Kaltblütigkeit und Tapferkeit gegen eilf der besten Hunde, die je einer Fährte in Arkansas folgten, vertheidigte; mein Anblick brachte ihn jedoch außer Fassung und er wollte Fersengeld geben, die Hunde waren ihm aber zu nahe auf dem Pelz, und vergebens sah er seine Bemühungen, einen Rückzug zu bewerkstelligen.

Ich hatte mich indessen immer noch gefürchtet zu schießen, da zu viele Gefahr war, einen der Hunde mit zu treffen; als ich jedoch noch unschlüssig halb im Anschlag da stand, krachte des Alten wohlbekannte Büchse und, für einen Augenblick wenigstens, schien der Bär die ihn umtobenden Hunde ganz vergessen zu haben, denn stöhnend warf er sich zu Boden und lag im Nu von jenen bedeckt; doch nicht lange verharrte er in dieser Lage, sondern sprang, mit jeder seiner gewaltigen Branten einen der Rüden von sich stoßend, wieder in die Höhe.

Als er stürzte, war mirs klar geworden, daß, im Fall ich noch die mindeste Lust hätte am Gefechte Theil zu nehmen, dies wohl der einzige Zeitpunkt wäre, in dem ich nützlich sein könnte, und das Messer aus der Scheide reißend, sprang ich auf den Gestürzten zu, ihm die Klinge durchs Herz zu jagen. Ich war aber kaum noch zehn Schritte von ihm entfernt, als er sich, wie schon gesagt, mit einer gewaltigen Kraftanstrengung befreite, und das erste, was ihm in dieser gerade nicht liebenswürdigen Situation in die Augen fiel, war meine werthe Person, mit bloßem Messer und allen Zeichen einer böslichen Absicht auf ihn zuspringend. Er kam mir auf halbem Wege entgegen, und ich mag gerade kein ganz freundliches Gesicht geschnitten haben; das weiß ich nur, wie mir der Gedanke durch's Hirn fuhr, ich hätte mich schon in viel behaglicheren Situationen befunden. Aus dem einfachen Grunde jedoch hielt ich Stand, weil ich im ersten Augenblick wirklich gar nichts andres zu thun wußte und begegnete dem Anlauf des Bären, indem ich ihm mit aller Gewalt mein breites Messer in die Brust stieß.

Was weiter geschah, kann ich nicht mehr genau sagen; ein schwerer Schlag, der mich zurückwarf, ein dumpfes, schmerzhaftes Gefühl, ein bekanntes Gesicht, das ich erblickte, ehe ich stürzte, und ein erstickendes Gewicht, das auf mir lag, ist Alles, dessen ich mich noch entsinne.

Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, wie mir der Alte einen Hut voll Wasser nach dem andern und zwar mit einem Eifer ins Gesicht goß, der bei einer Feuersbrunst äußerst lobenswerth gewesen wäre. Ich erholte mich jedoch bald und fand, mich aufrichtend, daß ich den erlegten Bären zum Kopfkissen hatte. Als dieser auf mich los stürmte, war der Alte glücklicher Weise dicht dabei gewesen, und die Hunde konnten zwar nicht verhüten, daß mich jener zurückwarf, sich aber in grenzenloser Wuth auf ihn stürzend, überwältigten sie bald den schwer Verwundeten, meines Alten Stahl dabei nicht zu vergessen, der die Haut mehr einem Sieb als etwas anderem ähnlich machte.

Es ist übrigens nicht immer der Fall, daß der Bär sich, auf das Äußerste getrieben, den Hunden auf ebener Erde stellt; gewöhnlich erklettert er, mit ausgezeichneter Gewandtheit, im Fall ihm nicht eine Vorderbrante zerschossen ist, wie ich das auch ein Mal gesehen habe, einen Baum, und kann dann mit geringer Gefahr herunter geschossen werden; einen gehörigen Schlag aber thut's, wenn solch ein alter Bursche von zwei bis dreihundert Pfund, achtzig oder hundert Fuß hoch hernieder und zu Boden schmettert, und es ist schon oft der Fall vorgekommen, daß er im Sturz einige, der ihn unten zu eifrig erwartenden Hunde erschlagen hat. Steht er auf ebener Erde, so wirft er sich gewöhnlich, gleich nach empfangener Kugel, zu Boden und ächzt und stöhnt wie ein Mensch; decken ihn aber dann die Hunde, so versucht er nicht sie einzeln zurückzuschlagen, sondern er stemmt wie in diesem letzten Falle erst seine Branten so gegen sie, daß er sich mit einem gewaltsamen Ruck befreien kann, und wehe dann dem Jäger, der ihm in diesem Augenblick zu nahe ist! — ohne des Alten Hülfe wäre auch ich rettungslos verloren gewesen.

Hat der Bär einen Baum erstiegen und sich oben festgestellt, so können ihn die Hunde nicht wieder hinunter scheuchen; der Anblick eines Menschen aber macht ihn unruhig und versagt das Gewehr, so kommt er gewöhnlich mitten zwischen die Meute hineingefahren und versucht aufs Neue zu fliehen, doch ist das nicht stets der Fall.

Äußerst interessant ist der Pürschgang auf Bären, wenn man unbeachtet an einen derselben herankommen kann. Anscheinend sorglos trollt der schwarze Geselle durch den Wald, und wer ihn so sieht, mit den plumpen, ungeschlachten Knochen, den Kopf unten, fast auf dem Boden, nachlässig, scheinbar auch nicht das Mindeste um sich her beachtend, ahnt wohl kaum, daß eben dieses anscheinend plumpe Geschöpf schneller als ein Pferd laufen und fast so behende als eine Katze klettern kann; in seinen Branten hat der Bär übrigens die meiste Gewalt, und selten benutzt er seine Gefänge, denn ein Schlag mit der Vorderbrante ist hinreichend einen Hund zu tödten und selbst einen Stier zu betäuben.

So fürchterlich er aber, wenn zum Äußersten getrieben, ist, so harmlos und unschädlich zeigt er sich auch, wenn nicht belästigt — man hat noch nie gehört, daß ein Bär einen Menschen aus freien Stücken angefallen habe, ausgenommen es war eine Bärin, die ihre Jungen vertheidigte. Auch der Schaden, den er dem Landmann thut, wäre nicht so bedeutend, wenn er nicht im Sommer, wo noch keine Beeren im Walde stehen und die Eicheln noch nicht reif sind, sich an die zahmen Schweine hielte; hat er aber erst einmal den Geschmack von diesen weg bekommen, dann thut er auch ungeheueren Schaden, weil er nur gezwungen Aas frißt und sich, wenn er's irgend haben kann, jede Nacht ein frisches Schwein holt. In diesem Fall muß er gejagt und erlegt, oder wenigstens aus der Gegend vertrieben werden, denn nicht immer können die Hunde im Sommer einen mageren Bären einholen, der ihnen oft im offenen Walde durch seine Schnelle entgeht. —

Der Bär hält aber, wie der Dachs, seinen Winterschlaf, liegt mehre Monat fest in seinem gewählten Lager, wo er sogar schwer zu erwecken ist; in dieser Zeit wäre dann Pürschjagd wie Hetze vergebens.

Die Schlafzeit dauert in Arkansas, wo das Klima ziemlich mild ist, von Weihnachten bis Ende Februar; während dieser ganzen Zeit frißt er weder noch säuft er, und in dieser Zeit ist sein Magen inwendig mit einer reinen, öligen Fettigkeit überzogen. Anfang März aber fängt er zuerst an, den nächsten Bach aufzusuchen, um seinen Durst zu löschen und kehrt dann immer wieder in das Lager zurück. Sonderbarer Weise tritt er hierbei stets, so oft er auch gehen mag, in seine zuerst gemachten Fährten, die dann zuletzt breit und deutlich ausgetreten und stepping path oder Schrittpfad von den Jägern genannt werden. Finden diese in eben der Jahreszeit eine solche Fährte, so ist der Bär selten weit entfernt.

Sein Bett wählt er aber sehr verschieden; zeigt sich der Winter streng, so sucht er in gebirgigem Lande eine Höhle, in sumpfigem einen hohlen Baum aus, um dort vor der Kälte geschützt zu sein; dabei kratzt und scheuert er mit merkwürdiger Sorgsamkeit den letzteren inwendig so glatt und rein, wie es ihm mit seinen gewaltigen Branten, die hierzu gerade kein schlechtes Handwerkzeug sind, nur irgend möglich ist. Hat er endlich Alles in Stand, so steigt er langsam und besonnen, daß man kaum die Spur seiner scharfen Krallen in der rauhen Rinde bemerken kann, hinauf und dann durch die Öffnung, mit dem Hintertheil zuerst, in sein vorher bereitetes Lager hinab, wo das faule Holz, das er an den Seitenwänden herunter gekratzt hat, gewöhnlich ein sehr weiches Bett bildet. Anders ist es, wenn er von den Hunden verfolgt, einen Baum ersteigt, und im Hinaufspringen, von den stärksten, härtesten Eichen ordentliche Stücke Rinde herunterschlägt.

Ist der Winter gelind, so nimmt er sich all' diese Mühe nicht einmal, sondern geht entweder im sumpfigem Lande in einen Schilfbruch, wo er von dem hohen, grünen Schilf so viel abreißt, als er zu einem bequemen Lager nöthig zu haben glaubt, das er sich dann auch in einer der unzugänglichen Gegenden des Bruches zurecht macht, oder er sucht in bergigem Lande ein unwegsames Dickicht und bettet sich hier, auf einer Streu von zusammengetragenen zarten Zweigen, in den Wipfel irgend eines umgestürzten Baumes.

Die Ranzzeit fällt in den August, und nicht selten gerathen sich dann ein Paar der schwarzen Burschen auf eben keine freundliche Art in die Haare. Einen hübschen Zug erzählen dabei die amerikanischen Jäger von dem männlichen Bären, der, wenn er wirklich wahr ist, einen merkwürdigen Überlegungsgeist kund thut. Sehr häufig fand ich nämlich in den Wäldern, besonders an Sassafrasbäumen und Kiefern, die tief eingerissenen Zeichen des Gefänges und der Krallen von Bären, die stets in größtmöglichster Höhe an den Stämmen hinauf gelangt hatten; auf meine Anfragen erhielt ich folgenden Bescheid, in dem die Jäger von Norden bis Süden übereinstimmen.

In der Ranzzeit folgt der Bär der Fährte der Bärin, wird aber oft, wenn von einem stärkeren überholt, aus dem Felde geschlagen, von einem schwächeren, wenn nicht besiegt, doch wenigstens belästigt; um diesem nun zu begegnen, soll der Bär, so er sich stark und alt genug fühlt einen Kampf mit Seinesgleichen zu wagen, sobald er die warme Fährte einer Bärin angenommen hat, sich an einem dicht daneben stehenden Baum — am liebsten Sassafras oder Kiefer — in die Höhe richten und ohne die Hintertratzen von der Erde zu heben, so hoch hineinbeißen und so hoch daran hinauf kratzen, als er möglicher Weise kratzen und beißen kann, worauf er ganz gemüthlich seinen Weg fortsetzt.

Kommt nun nach einiger Zeit ein anderer desselben Weges, auf derselben Fährte, so findet er natürlich die für ihn zurückgelassenen Zeichen und mißt nun, sich eben so am Baume emporrichtend, seinen vorangegangenen Nebenbuhler; — kann er dessen Merkmale überreichen, oder kommt er ihnen wenigstens gleich, so folgt er und nimmt die Herausforderung an; kann er das aber nicht, ist er vielleicht viel kleiner, so klemmt er das kleine Stückchen Ruthe, was ihm Mutter Natur verstattet hat, zwischen die Beine, oder macht wenigstens die Bewegung damit, als ob er es thun würde, wenn sie lang genug wäre, und trollt den eben gekommenen Weg zurück, um wo möglich eine andere Fährte auszusuchen.

Die Bärin wirft im Februar, oft schon Ende Januar, in einem hohlen Baum oder in einer Höhle, zwei bis vier Junge, die sie bis zur Ranzzeit bei sich behält und die sich auch oft noch nach dieser wieder zu ihr gesellen, doch soll sie dabei die Gesellschaft des alten Bären meiden, dem nachgesagt wird, er fräße manchmal seine eigenen Jungen, was ich jedoch, zu seiner Ehre, nicht glauben will.

Die ungeheuere Aufopferung, mit der die Bärin übrigens ihre Jungen vertheidigen soll, kann nicht als allgemein angenommen werden. Ja, es giebt Fälle, wo sie ihr Leben im Kampf über dieselben gelassen hat; aber mit den Bären wird's wie mit den Menschen sein — bei denen man oft recht liebe, gute Leute, und dann auch wieder recht schofeles Pack findet. Ich selbst weiß mehre Beispiele, wo eine Bärin, sowohl in der Höhle als auch im freien offenen Walde, ihre Jungen, ohne sich weiter um sie zu bekümmere, schmählich im Stich gelassen hat und nur darauf bedacht schien, ihren eigenen Pelz, der noch dazu in damaliger Zeit kaum einen Dollar werth war, in Sicherheit zu bringen.

Die Höhlenjagd ist äußerst interessant, aber dabei auch gefährlich, und wird etwa folgendermaßen betrieben. In den unwegsamen Gebirgen des Westens, in die sich der Bär bei einbrechender Kälte zurückzieht, geht der Jäger und sucht, zwischen den am tollsten und wildesten umher gestreuten Felsblöcken, an steilen Wänden hinkletternd und Schluchten und Spalten durchkriechend, nach Höhlen, in die er dann mit angezündeter Kienfackel oder mit einem aus wildem Wachs gekneteten Lichte eindringt. oft verrathen schon die in der Nähe der Höhle abgenagte Büsche den Besuch, der für einige Zeit in ihnen zu wohnen beabsichtigt, oder der stepping path, der hinein führt, wenn die Jahreszeit schon weit vorgerückt ist, oder die vor der Höhle umher liegende Losung, den Eingewinterten; am sichersten ist es aber stets, den Ort selbst zu untersuchen, und daß diese Jagd dann nicht zu den leichtesten gehört, ist sehr erklärbar.

Ich weiß mich Tage zu erinnern, in denen ich in funfzehn, sechszehn Höhlen herumgekrochen bin und mich durch Plätze durchgezwängt habe, von denen ich mir eigentlich jetzt noch selber nicht erklären kann, wie ich wieder heraus kommen konnte — ohne auch nur einer Kralle zu begegnen. Findet man nun an solchen Ort einen Bären, so muß er beim Lichte der Fackel geschossen und nachher entweder ganz, oder wenn das nicht möglich ist, in Stücken zu Tage geschafft werden.

Ich habe übrigens diese Höhlenjagd in meinen »Streif- und Jagdzügen«[3] sehr ausführlich behandelt und will hier nur, um dem Leser einen kleinen Begriff von diesen freundlichen Orten zu geben, das Innere derselben ein wenig beschreiben.

Von der Natur gebildet scheinen sie fast alle schon so lange wie die Erde überhaupt zu bestehen, und finden sich meistens in Kalksteinfelsen, in die sie manchmal nur zehn bis zwölf Fuß, dann und wann aber auch 4-500 Schritt hinein gehen und an manchen Stellen geräumig genug sind, daß der Jäger aufrecht in ihnen stehen kann, dann aber auch wieder eng genug zusammen laufen, um nur mit größter Anstrengung ein Durchpressen möglich zu machen. Im Innern sind sie an den Seitenwänden glatt, oft von dem Anstreichen der Raubthiere, die seit Jahrhunderten sie bewohnten, spiegelblank, oben aber gewöhnlich mit Stücken Tropfstein behangen, der auch unten, wenn sich nicht weicher, thoniger Boden findet, das Fortkommen sehr erschwert. In diese Höhlen nun ziehen sich nicht allein Bären, sondern auch andere Raubthiere, als Panther, Waschbären und Füchse, wie Schlangen, Eidechsen und Fledermäuse zurück, um ihren Winterschlaf entweder wie der Bär zu halten, oder in den warmen Erdgängen gegen die Kälte geschützt zu sein. Die Fledermäuse besonders hängen an den Hinterbeinen von der Decke herunter und zirpen und zischen, wenn ihnen die Kienfackel zu nahe kommt. Der Bär selber liegt, wenn er schläft, auf dem Bauche und hält die Stirn, die Nase an die Brust gedrückt, mit beiden Tatzen, wie betend, umfaßt. — Nur wenn er wacht, saugt er und wahrscheinlich blos aus Spielerei, an den Branten, Kinder haben das Daumenlutschen ja auch an sich, wobei er ein leises, winselndes Geräusch von sich giebt.

In der Höhle angegriffen, ist er sehr scheu und versucht stets sein Bestes, durch die Flucht einer sich nähernden Gefahr zu entgehen; im Freien dagegen ist er viel heldenmüthiger. Ich selbst habe eine Bärin in einer der tiefsten Höhlen der Ozarkgebirge angeschossen, und bin, von ihr gefolgt, zurück gewichen, bis sie einen anderen Zweig der Höhle annahm und ich im Stande war, mir meine Büchse, die ich hatte zurücklassen müssen, wieder zu holen und zu laden; die Bärin aber, als ich ihr nachher aufs Neue zu Pelze rückte, obgleich sie ihre Jungen in unserer Gewalt wußte, wagte nicht mich anzugreifen, sondern saß, in wilder Wuth den thonigen Boden vor ihr mit den scharfen Krallen zerhauend, auf ihrem Hintertheil und schnappte in ohnmächtiger Wuth mit dem Gefänge, bis sie die zweite, tödtliche Kugel erhielt.