Anmerkungen zur Transkription

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Californische Skizzen

von

Friedrich Gerstäcker.

Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1856.


Inhalts-Verzeichniß.

Seite
1. Eine Nacht am Mosquitogulch [1]
2. Die Mission Dolores bei San Francisco [40]
3. Ein Stiergefecht auf der Mission Dolores [56]
4. Gerichtsscene in Stockton [81]
5. Die Entdeckung des Jakaßgulch [97]
6. Die französische Revolution [159]
7. Eine Nacht in einer Californischen Spielhölle [196]
8. Vier Tage auf der Bai von San Francisco [249]
9. Der Mexikaner in den Californischen Minen [277]
10. Der Ostindier [304]

Eine Nacht am Mosquitogulch.

„Sorgen? — pah, wer kennt hier Sorgen,

Goldgräber ho!“ —

Goldgräber-Lied.

Weit im fernsten Osten der Californischen Goldminen, d. h. soweit, als damals die kühnen Miner nach Osten vorgedrungen waren und Gold gefunden hatten, und gerade dort, wo sich die Wasser der südlichen Flüsse Macalome und Calaveres scheiden, läuft mitten durch die mit dem herrlichsten Baumwuchs bedeckten höchst romantischen Berge, dicht im schattigen Grün versteckt, ein kleiner Bergbach, der sich nur eine kurze Strecke weiter unterhalb, aber fast immer steil und schäumend, in den tief unten dahinbrausenden Süd-Arm des Macalome ergießt, oder eigentlich hineinstürzt.

Diesen kleinen Creek oder Gulch, (wie sich der Californische Name nach und nach durch allgemeinen Gebrauch gebildet, da Gulch eigentlich nur die Schlucht bedeutet durch welche der Bach läuft) hatten die ersten Entdecker desselben, Deutsche, den Mosquitogulch genannt. In dem wildverwachsenen Dickicht, der den unteren Theil des Gulch’s füllte und meist aus einer Art wilder Kirschen und Haselbüsche bestand, hielten sich auch in der Sommerzeit eine ganz ansehnliche Masse dieser lieben Thierchen auf, und spornten die Arbeiter zu neuer Thätigkeit, wenn sie einmal kurze Zeit in dem kühlen Schatten der dort wirklich riesenhaften Cedern und Fichten ausruhen und Spitzhacke und Schaufel, wie sie es nannten, wollten „kalt werden lassen“. Es sind vortreffliche Aufseher die Mosquitos.

Gar arg waren sie übrigens, beiläufig gesagt, bei alle dem nicht. Die Leute die den klaren freundlichen Bach so nannten und ihm dadurch gewissermaßen einen schlechten Namen gaben, hatten nur noch keine Plage gesehen wo wirklich Mosquitos sind — sie waren noch nicht am Mississippi gewesen.

Etwa halbwegs also an dem Waldstrom, soweit vielleicht von seiner Quelle als seiner Mündung entfernt, und an dem Hang des Hügels der an drei Seiten von tiefen Schluchten begrenzt wurde (im Norden von dem Mac Gualome selber, über den hin diese Abdachung eine wundervolle Fernsicht nach seinen nördlichen fichtenbewaldeten Ufern gestattete, während tief von unten herauf sein hohles Brausen, wie er über Felsblöcke und Baumstämme wegsprang, in das Ohr des Lauschenden tönte, — im Osten von einer kleinen nicht so tiefen trockenen Schlucht, und im Westen von dem tief und scharf eingeschnittenen Mosquitogulch, nach dem ein schmaler Pfad etwa zweihundert Schritt lang steil hinab führte) — stand ein kleines Zeltlager oder Camp, wie es in der Minensprache genannt wurde. Die vier kleinen Zelte, drei weiße und ein blaues, waren dicht und heimlich unter wahrhaft großartige Fichten und niedere Eichenbäume hineingeschmiegt, und zur Nachtzeit loderten mächtige Feuer in ihrer Mitte.

Diese vier Zelte wurden von eben so vielen „Compagnien“ (wie die zwei, drei, vier oder mehr, die zusammen arbeiten, genannt werden) bewohnt. Es waren dieß, mit Ausnahme eines einzigen Amerikaners, lauter Deutsche, die meisten sogar mit den Bremer Schiffen Talisman und Reform von Deutschland, einzelne aber auch aus Australien und anderen Theilen der Erde hierhergekommen. Nach echt Californischer Wanderart hatten sie sich hier, meist zufällig, auf dem einsamen aber reizend gelegenen Hügelrücken zusammengefunden.

Etwa hundert Schritt davon stand noch ein anderes Zelt, in welchem eine Compagnie englischer und irischer Miner hauste, und noch weiter hin lagerten ein Pole und ein Deutscher, beide von Texas hier herüber gekommen, unter freiem Himmel. Die Regenzeit war noch nicht eingetreten und die Nächte blieben fast immer sternenhell.

Hast du, lieber Leser, Lust, und nichts Besseres zu thun, so wollen wir einmal den heutigen Abend — es ist ein Sonntag — dort zubringen. Wir finden ein lustiges Völkchen, gute Gesellschaft und jedenfalls einen freundlichen Willkommen.

Es ist etwa vier Uhr Nachmittags und das Lager außergewöhnlich still; was mag aus all den Menschen geworden sein, die es sonst so lebendig machen?

Ja, Freund, wir leben hier fünf englische Meilen von dem nächsten Store oder Provisionsladen entfernt, und da geht von jeder Compagnie wenigstens Einer (gewöhnlich aber auch Mehrere) Sonntags zu Esel, Maulthier oder Pferd — denn diese drei verschiedenen Beförderungsmittel existiren hier sämmtlich — nach „Charles Store“. Dies ist ein in der ganzen Gegend wohlbekannter Platz, wo sich die Miner die nöthigen Provisionen an Mehl, Kartoffeln, Fleisch, d. h. w. für die nächste Woche, und manchmal auch einen kapitalen Rausch für den besonderen Abend holten. Vor Dunkelwerden kommen dann diese meist sehr lustigen Leute selten wieder zurück, ja oft wird es zehn und elf Uhr, und wenn die Esel dann nicht klüger wären als — doch das ist vorgegriffen.

Eigentlich bewegte sich bis jetzt nur eine einzige Gestalt um die Zelte herum — ein Mann in einem rein gewaschenen aber schon alten und oft ausgebesserten roth wollenen Hemd und grauleinenen Beinkleidern, mit dunkelbraunem, lockigem Haar, kleinen aber lebendigen Augen, und breiten, Arbeit gewohnten Händen, man könnte sagen Fäusten. — Er arbeitete mit einem Andern, Namens Panning zusammen. Panning war in Deutschland Kutscher bei einem Grafen „so und so“ gewesen und nach Californien gekommen sein Glück zu machen. Albert hatte einen Ochsenkarren über die Sierra Nevada für Onkel Sam getrieben — er erzählte gern von dieser Fahrt — später war er, glaub’ ich, „freiwillig fortgegangen“, wie es die Ausreißer dort gewöhnlich nannten, oder auch entlassen worden, kurz er befand sich hier oben am Mosquitogulch und „machte gut aus“. — Lieber Leser, Du wirst Dich noch an viele solche Minenausdrücke gewöhnen müssen und darfst nicht jetzt schon den Kopf darüber schütteln.

Albert war eifrig beschäftigt seine Matratzen und Decken, die den Tag über in der Sonne gelegen, wieder ins Zelt zu schaffen, die heute Morgen gewaschenen Kleidungsstücke von der zu diesem Zweck zwischen zwei jungen Eichen ausgespannten Leine zu nehmen, und nachher Holz für den Abend herbei zu schaffen. Er hatte den ganzen Tag schon genäht und ausgebessert und war überhaupt ein ungemein fleißiger Mann und tüchtiger Arbeiter.

Panning und Albert besaßen gemeinschaftlich ein weißes Maulthier.

In dem blauen Zelte regte sichs auch. Der einsame Bewohner desselben, dessen Kleidern ein paar gute Faden grauer Zwirn eben auch keinen Schaden gethan haben würden, lag aber ziemlich faul auf seiner Decke vor dem Zelt, und schaute in den grünen Baumwipfel hinauf. Das Zelt wurde von drei Deutschen, Renich, Haye und Müller — so wollen wir den dritten nennen, denn mein eigener Name ist so verwünscht lang, — bewohnt. Renich und Haye waren nach dem Store — der eine auf, der andere neben Mosquito (wie wir den uns Dreien gehörigen Esel zu Ehren des Gulches tauften,) gegangen, und Müller hätte allerdings immer aufstehn und ein Feuer anmachen können, denn wenn seine beiden Compagnons nach Hause kamen, waren sie hungrig und wollten etwas zu Essen haben. Erstlich aber war nichts zu essen mehr da, denn die letzten vier Kartoffeln und zwei Zwiebeln — der ganze Rest der vorigen Wochen-Provision, etwas fertig gebackenes Brod ausgenommen, hatte eben seine letzte Mittagsmahlzeit gemacht, und dann kannte er auch schon seine Pappenheimer. Die kamen so früh gar nicht, und hatten dann auch immer weit mehr Durst als Hunger. — Wo ein Brauhaus steht, kann kein Backhaus stehen, ist ein altes gutes Sprüchwort.

Vor dem großen Zelte fing eben der einzig Zurückgebliebene „Försterling“ an, Spähne und Laub zusammenzusuchen, das fast ganz niedergebrannte Feuer wieder aufzufrischen. Aber selbst hierbei schien Eigennutz die vorherrschende Leidenschaft (wenn die ungeheure Ruhe, mit der er es that, Leidenschaft genannt werden konnte). Er hatte selber Hunger bekommen und auch einige kalte Kartoffeln von seinem ebenfalls sehr frugalen Mittagsessen übrig behalten, die er sich aufbraten wollte.

Dort hinter den riesigen Fichten und Cedernwipfeln ging jetzt die Sonne unter. Das war ein herrlicher Anblick, wie sie die breitmächtigen Hügelrücken da drüben über dem Fluß mit so zauberisch glühendem Licht übergoß, in dem dunkeln Nadelholz spielte, und die Wipfel der stattlichsten Bäume, die je mein Auge gesehn, mit ihrem letzten Kuß berührte.

Eine heilige Stille lag auf dem Wald — nur leise, leise rauschte der leichte Abendwind in dem blitzend-funkelnden Laub. Wie ein feiner Duft zogen dünne luftige Nebel-Schatten über das aetherreine Firmament, und das dumpfe ferne Brausen des unten dahin schießenden Stromes, zu weit entfernt die süße Ruhe des Ganzen zu stören oder zu unterbrechen, tönte wie ferner Orgelklang in gewaltigen tief in die Seele greifenden Akkorden herauf.

„Na, Gott straf mich, Müller, Sie möchten da wohl heute den ganzen Abend liegen bleiben?“ platzte Försterling endlich heraus. — „Wollen Sie denn nicht dafür sorgen, daß Haye und Renich ein Feuer vorfinden?“

„Bah, die kommen noch lange nicht,“ sagte Müller ziemlich bestimmt, aber doch mit einiger moralischen Zerknirschung, denn sie konnten allerdings jeden Augenblick kommen. Er sprang auch in die Höhe, warf seine Decke an die linke Zeltseite und ging jetzt ernstlich daran, ebenfalls Holz herbei zu tragen ehe es dunkel würde, und die sonst nöthigen Vorbereitungen zu treffen.

Albert hatte indessen sein Abendessen fertig — Albert und Panning theilten sich die Provision immer so ein, daß sie Sonntags auch noch etwas übrig behielten — und erwartete jetzt mit Ungeduld den gewöhnlich um diese Zeit zurückkehrenden Compagnon.

„Auch nicht ein Tropfen Brandy in der Flasche,“ sagte Försterling endlich, als er mit der leeren Flasche aus dem Zelt kam und sie, wenn gleich vergeblich, zuerst gegen das letzte Abendroth am Himmel, und dann, als ob er dem nicht glauben wollte, gegen das jetzt hell und licht aufflackernde Feuer hielt — „haben Sie keinen mehr, Müller?“ —

„Nicht die Spur,“ lautete die wenig Trost bringende Antwort, „der Brandy hält sich hier nicht, Försterling, die Flaschen werden zu oft geschüttelt.“

„O das Schütteln schadet ihm Nichts,“ sagte Försterling, nahm die leere Flasche beim Hals und warf sie so weit er konnte in die trockene Schlucht hinab. Diese war schon ganz mit zerbrochenem Glase bestreut und wurde von den dort manchmal umherstreifenden Indianern auf das sorgfältigste gemieden. „Das verwünschte Umdrehen, das auf den Kopf halten kann der Brandy aber nicht vertragen. Ich wollte wirklich Meier und Hammerschmidt kämen. Wo zum Henker die auch wieder so spät in der Nacht stecken.“

Eine halbe Stunde verging noch, ohne daß sich das mindeste hören ließ. Es war indessen stockdunkel geworden und nicht einmal Mondschein, während der Platz, wo die Zurückkommenden mit den beladenen Thieren, etwa eine halbe Meile weiter aufwärts, durch den Gulch selber mußten, durch die dichten Büsche und mehr noch durch die überall dort gegrabenen Löcher im Dunklen sehr bös zu passiren war.

Endlich horchte Försterling hoch auf:

„So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage.“

„In der allerschönsten Saufcompagnie!“ —

klang es klar und deutlich durch die Büsche.

„Ich bin liederlich, Du bist liederlich, sind wir nicht liederliche Leute,“ sang eine kreuzfidele feine Stimme dazwischen.

„Das ist der liederliche Hammerstrick!“ sagte Försterling kopfschüttelnd, „der bringt sich wieder einen famosen Rausch mit zu Haus.“

„Ja, wenn er nur den Esel auch mit bringt,“ sagte Albert — „Und Panning hör’ ich noch gar nicht dabei.“

„Bumsfallera, wir brauchen keinen König mehr — Bumsfallera, wir brauchen keinen mehr“ — fiel eine andere, bis dahin noch nicht gehörte Stimme ein.

„Das ist Haye,“ sagte Müller, „das wird ein fideler Abend werden.“

„So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage,“ tönte es wieder mit dem regelmäßig einfallenden Chor von „Bumsfallera“ näher und näher, und während die helle Flamme, die durch rasch auf das Feuer geworfenes Reisig hochaufloderte, mit einem lauten Hurrah von den Zurückkommenden begrüßt wurde, nahete der lang erwartete höchst fidele Zug.

Voran kamen die Esel, Mosquito im Geschwindschritt, denn er wußte, daß er jetzt seine Last los wurde, und Brod zu fressen erhielt — Hans, der andere Esel, kam etwas gemäßigter dahinter her, und darnach das Pferd, ein gutmüthiges Thier — von Klaussen und Barkhorn gehalten.

Die Thiere bedurften auch keiner weiteren Leitung. Rasch auf dem schmalen Pfad dahinschreitend, der sich bis dahin durch eine Art wilder Kaffeebüsche gezogen hatte und jetzt auf den offnen freigebrannten Hang auslief, wußte jedes sein eigenes Zelt und suchte das auf, so schnell als möglich sich abladen zu lassen, und dann wieder für die ganze Woche Freiheit zu bekommen.

„So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage!“ jubelte Meier.

„Ja, das wäre eine schöne Geschichte,“ meinte Försterling, „da könnten wir uns gratuliren.“

„Aber wo ist denn Panning?“ rief Albert in getäuschter Hoffnung. Das heißt er frug nach Panning, meinte aber das weiße Maulthier mit den Provisionen.

„Ist Panning noch nicht hier?“ rief Haye lachend — „Donnerwetter, der ist ja mit uns weggeritten d. h. zu Fuß gegangen und war dicht hinter uns.“

„Hatte er denn was?“ frug Albert mit bezeichnender Handbewegung.

„Was?“ lachte Haye — „Bumsfallera, wir brauchen keinen König mehr!“

Für den Augenblick schien eine allgemeine Verwirrung in dem kleinen Lager zu herrschen. Alles lief und schrie durcheinander, und die einzigen Vernünftigen schienen die Esel zu sein, die indessen regungslos und geduldig vor ihren resp. Zelten standen und der Abladung entgegen harrten. Während das ein Theil besorgte, brachte der andere das Feuer in Ordnung und Pfannen und Töpfe herbei. Nur Meier und Hammerschmidt fielen sich um den Hals, erklärten beide, daß sie ganz gute Kerle wären, und die andern verdammten Lumpen alle mitsammen nichts taugten, und legten sich dann Beide in ihr Zelt auf die Decken, vor dem Abendessen noch ein halbes Stündchen von den überstandenen „Strapazen“ auszuruhen.

Albert erkundigte sich indessen vergebens nach Panning, „man wußte nicht wohin er kam,“ und er setzte sich zuletzt hin, sein zubereitetes, und fast eingekochtes Abendessen in aller Verzweiflung allein zu verzehren, als plötzlich mehrere Stimmen zugleich riefen:

„Da kommt Panning!“ und auch wirklich wenigstens das Maulthier (oder der Maulesel wie die Thiere in Californien stets von den Deutschen geschimpft werden) in dem hellen Licht der Flammen zum Vorschein kam, und auf sein ihm wohlbekanntes Zelt mit einem freudigen Wiehern zuschritt.

Das war der Esel, aber wo blieb Panning? — — jedenfalls verschwunden, und da das einzige Wesen, was etwa darüber hätte Aufklärung geben können, das Maulthier selber, hartnäckig schwieg, ließ sich weiter Nichts thun.

Mosquito hatte indessen seine Zeit ebenfalls vollkommen gut benutzt. Die Provisionen, die er mitgebracht waren ihm abgenommen, und lagen theils in, theils noch vor dem Zelt, und Mosquito bekam — seine gewöhnliche Belohnung nach jedem Sonntags-Spaziergang — einen ganzen Schiffszwieback, den er augenblicklich verarbeitete und dann langsam um’s Zelt ging sich seinen andern Kameraden anzuschließen. So wenigstens that er, Mosquito wußte aber recht gut was er mitgebracht hatte, und dachte gar nicht daran all die noch dort umher gestreuten guten Sachen so, ohne wenigstens einen Versuch zu machen etwas mehr davon zu bekommen, im Stich zu lassen. Vor dem Zelt lag ein Sack mit getrockneten Aepfeln und Zwiebeln (man muß da immer, der stets fehlenden Säcke wegen, einzelne Gegenstände zusammenpacken; und getrocknete Aepfel und Zwiebeln lassen sich sehr gut wieder auseinander sortiren). Mosquito wußte das ebenfalls, und als seine Herren den Rücken drehten, brachte er seinen Kopf leise um die Zeltecke und in den Sack hinein, fraß die getrockneten Aepfel sauber zwischen den Zwiebeln heraus — denn Zwiebeln mochte er nicht — und verlor sich hierauf geräuschlos in den dunkeln Wald ohne sich noch einmal im Licht blicken zu lassen.

Ueberall zischte und brodelte es jetzt auf den Feuern — die Einen kochten, die Andern sangen, keiner bekümmerte sich um den Nachbar, bis hie und da der Ruf: „Schaffen, schaffen“, den die Leute noch mit vom Bord ihrer Schiffe in die Berge gebracht hatten — Einzelne um die an mehreren Stellen etwas roh aufgeschlagenen Tische sammelte. Das Feuer wurde dann mit trockenem Holze versehen, ein einigermaßen gutes Licht zu geben, und die Mahlzeit ging vor sich.

Försterling hatte aber Mühe, seine Leute munter zu bringen.

„Hammerschmidt — Meier — steht auf, das Essen ist fertig!“

Hammerschmidt stieß einen tiefen Grunz aus — Meier sagte gar nichts.

„Hammerstrick verdammter, steh auf — zum Donnerwetter, wie lange soll ich Dich denn hier herum schütteln? das Essen ist fertig — nachher kannst Du Dich wieder hinlegen.“

Hammerschmidt hob sich endlich in die Höhe und sah sich erstaunt um — er glaubte augenscheinlich es wäre Morgen. „Schwere Noth!“ sagte er mit seiner feinen Stimme — „es ist ja noch ganz dunkel — was fällt denn dem Landrath heute Morgen ein“ — Försterling hieß nämlich, noch vom Schiffe her, allgemein der Landrath.

Während die Andern lachten, machte sich Försterling wieder an Meier.

„Meier — ich sage dirs jetzt zum letzten Male, wenn Du nun nicht gleich kommst, dann warten wir noch ein Bischen — Meier!“ und er schüttelte den Schläfer aus Leibeskräften.

„Du, Landrath,“ murmelte aber Meier, der der Stimme nach einen unbestimmten Begriff haben mochte, wer der ihn Weckende sei — „nimm Dich in Acht — gefährlich ist’s den Leu zu wecken.“

„Ne,“ meinte der Landrath, einen neuen Versuch machend ihn munter zu bekommen, „das kann ich eben nicht sagen, aber beschwerlich ist’s.“

Endlich waren alle munter, und die Tischgespräche begannen, die sich meist auf die heute im „Store“ erlebten Vorfälle bezogen. Besonders wurde Pannings Ausbleiben besprochen. Meier philosophirte. „Ja,“ sagte er, „das sind nun die Vergnügungen in Californien. Panning wird’s wohl heute gerade so gegangen sein, wie mir’s vor acht Tagen passirt ist. Da geht man morgens nach dem „Store“ und trinkt sein Gläschen, auch wohl zwei und dann bekommt man Appetit und nun gehts mit Champagner und Porter los. — Bis es Abend wird, kostet Einen die Geschichte seine dreißig Dollar bis zwei Unzen und wenn man Morgens aufwacht, liegt man im Busch und weiß nicht wo man ist, noch viel weniger wie man dahin gekommen.“

„Aber Hammerschmidt gings doch vor vier Wochen noch besser,“ lachte Haye, „es thut mir nur leid, daß ich nicht malen kann; das müßte ein famoses Bild geben.“

„Seid Ihr nur ruhig,“ sagte Hammerschmidt, mit vollen Backen ein delikates Beefsteak mit gebratenen Zwiebeln verarbeitend, „Ihr macht’s Alle miteinander nicht um ein Haarbreit besser.“

„Wie war denn die Sache?“ frug Wohlgemuth, ein junger Mann, der zum „Prospektiren“ vom Calaveres hier herüber gekommen war, und ein wenig schwer hörte, indem er die Hand gegen das Ohr hielt.

„Ach, nun kommt nicht wieder mit der alten Geschichte,“ brummte Hammerschmidt.

„Heraus damit,“ rief aber Meier, „auf daß sie so einem jungen leichtsinnigen Menschen, wie Wohlgemuth ist, zum warnenden Beispiel diene.“

„O, die Geschichte war einfach genug,“ erzählte Haye — „Hammerschmidt kam, seinen Esel vor sich her treibend, von Charles Store. — Natürlich war er wie gewöhnlich der letzte, und halb im Dusel auch, aber doch immer noch so, daß er wenigstens den Pfad, oder vielmehr den Esel halten konnte, denn er blieb schon selber im richtigen Weg. Im Wald war es aber verwünscht dunkel, und etwa eine halbe Meile, oder etwas mehr von Charles Store, liegt doch ein Baum quer über den Weg, das heißt, er ist eigentlich vom Weg abgefallen, so daß die Wurzel gerade den Pfad ausfüllt. Der Esel ging nun natürlich um die Wurzel herum, bog in den Pfad wieder ein und kam zur richtigen Zeit nach Hause; Hammerschmidt aber, wie er an die Wurzel kam, glaubte das wäre der Esel, und fing an drauflos zu keilen.“

„Komm Hans — komm mein Thier — fauler Satan will er die Nacht hier mitten im Wege stehen bleiben? — und nun setzte es wieder aus Leibeskräften Hiebe auf die elastischen Wurzeln des Baumes, die sich im Schlag etwa so anfühlten, wie eines geduldigen Esels Rücktheil. Trotz Hammerschmidts jedenfalls gut gemeinten Ermunterungen, wollte der sonst so folgsame Esel heute aber nicht von der Stelle, und der Treiber, endlich noch mehr durch das Schlagen als alle vorhergegangenen „Schlucke“ ermüdet, setzte sich neben sein vermeintliches Lastthier hin, um es erst ein wenig ausruhen zu lassen und dann einen zweiten Versuch zu machen. Als Hammerschmidt wieder erwachte war es heller Tag, und er saß vor der Wurzel.“

„Ihr wüßtet doch Alle nichts davon, wenn ich es Euch nicht selber erzählt hätte,“ rief Hammerschmidt, als die andern lachten.

„Und stand denn der Esel am nächsten Morgen noch da?“ frug Wohlgemuth, der nur die Hälfte von der Geschichte gehört hatte.

„Nanu bitt’ ich aber zu grüßen,“ rief Meier, und Hammerschmidt lachte jetzt auch mit.

Försterling hatte heute Abend noch Brod zu backen und der Sauerteig stand schon eingeknetet; dort wurde also auch das größte Feuer angemacht, die gehörige Gluth herauszubringen — da wir das Brod in offenen Bratpfannen aus Mangel besseren Geschirres, backen mußten — und dort versammelte sich auch deshalb Abends das ganze kleine „Camp“ in allen seinen Schattirungen.

Wer Brod buk übernahm zugleich die Verpflichtung, die ganze Gesellschaft mit Licht und Feuerung zu versehen, und da das gewöhnlich umging, d. h. so eingerichtet wurde, daß höchstens zwei an einem Abend buken und während jeder Woche wenigstens zweimal gebacken werden mußte, so loderte auch jeden Abend wenigstens ein tüchtiges Feuer, als Sammelplatz, in die Höh und knisterte und spielte hoch oben in den Nadeln der Fichten und den in der Gluth wehenden Eichenzweigen.

Der Abend war übrigens noch nicht weit genug vorgerückt Alle auf einem Punkt zusammenzuziehen, und so bildeten sich auch die verschiedenartigsten Gruppen — größtentheils so placirt, daß sie die Front immer der hellen Flamme zukehrten.

Haye hatte jetzt, als er die mitgebrachten Sachen forträumen wollte, den Streich entdeckt, den uns Mosquito gespielt, und wollte den Esel zur Rechenschaft ziehn; aber wo war Mosquito?

In allem Grimm ließ er sich jetzt nicht abhalten, die Provisionen erst nachzusehen, um herauszubekommen was der Esel eigentlich Alles gefressen habe, zündete eins der mitgebrachten Lichter an und las den Speisezettel ab.

Es war für drei Personen auf die Woche bestimmt.

25 Pfd. Mehl 4 Dollar 25 Cent, ist noch da. — 3 Pfd. Zucker 1 Dl. 50 Ct. hinten in dem Paket. — 1 Pfd. Kaffee 75 Ct. — hier — da steckt der Käse mit dabei. — 2½ Pfd. Käse 2 Dl. 93¾ Ct. Donnerwetter, das ist genau berechnet. 6½ Pfd. gesalz. Schweinfl. 2 Dl. 43 Ct. das steckt mit im Sack bei den Kartoffeln — hier. — 10 Pfd. Kartoffeln à 25 Ct. 2 Dl. 50 Ct. 4 Pfd. getrocknete Aepfel 2 Dl. 50 Ct. — laufen jetzt da unten irgendwo im Gulch herum — es ist nur ein Glück, daß der Satan die Zwiebeln nicht mag. — 4 Pfd. Bohnen 2 Dl. 25 Ct. hier. — 2 Päckchen Streichhölzer 25 Ct. Na das ist gescheit, die haben wir lange brauchen können. — 2 Pfd. Seife 1 Dl. 25 Ct. — ½ Pfd. Lichter 1 Dl. 25 Ct. sind nicht da — ja wohl — müssen da sein, die stecken mit beim Mehl drin. Na, da werden sie auch gut aussehen — ach die brennen doch. — 4 Pfd. Schiffszwieback 1 Dl. — Aepfel frißt der Racker lieber — hier. — 2 Pfd. Zwiebeln 2 Dl. — stecken bei den Aepfeln — ne, Gott sei Dank nicht — hier. — 18 Pfd. frisch Fleisch 5 Dl. 50 Ct. hängt hieroben im Sack — wir hätten lieber die Aepfel aufhängen und das Fleisch liegen lassen sollen. — 3 Flaschen Brandy 4 Dl. 50 Ct. Ah — wieder der alte wackre Stoff No. 1792 was für eine solide Nummer das ist. — Das macht zusammen: —

„Na nun hört einmal mit Eurer langweiligen Rechnerei da auf!“ rief Meier, „kommt hier mit her. Heute ist Sonntag Abend und der Teufel hole die Calculationen. — Du, Landrath, was ist das nur für ein lumpiges Feuer, und da soll ein Mensch bei sehen.“

Meier war an und für sich eine Hauptpersönlichkeit, ja früher schon hier im deutschen Camp zum Alkalden ernannt worden, alle vorkommenden Streitigkeiten, die aber nicht selten von ihm selber ausgingen, zu schlichten. Er trug einen Strohhut mit schmalem Rand, von welchen Dimensionen aber ließ sich nicht gut erkennen, da er oben im Deckel auf eine mehr gewaltthätige als künstliche Weise so eingedrückt war, daß sich der Deckel wie eine Schnecke in ihr Haus, fast bis zu dem fabelhaft schmalen Rand niedergezogen hatte, und ringsherum eine tiefe Falte legte.

Seine Sonntagskleider waren nach Minengebrauch einfach aber stark und reinlich — die Wochen- oder Arbeitskleider hätten dagegen auf jeder Maskerade Furore gemacht. Das erste Paar Hosen was er bei der allerdings sehr schweren Arbeit im Gulch getragen, war, wenn auch nicht den Weg alles Fleisches, doch jedenfalls den aller Hosen gegangen, und um nicht der Arbeit einer, überdieß schwerlich vorhaltenden Reparatur ausgesetzt zu sein, hatte er ein Paar andere, die nicht eben an denselben Stellen zerrissen waren als die ersten, darüber gezogen. Nur an einigen Stellen correspondirten sie mit einander, und da schaute dann das neugierige Fleisch allerdings hie und da hervor. Morgens und Abends trug er einen weiten Ueberzieher, der aussah wie ein heruntergekommner gebildeter Mensch in liederlicher gemeiner Gesellschaft — der Schnitt war gut daran, weiter ließ sich aber auch nichts darüber sagen, denn Farbe wie Stoff gehörten einem so vergangenen Zeitalter an, daß beide gewissermaßen in einander verschwammen.

Schuhe hatte er allerdings, diese waren auch früher einmal genäht gewesen, wenigstens ließen sich noch überall in den Nähten die Faden und die Löcher erkennen, welche die Ahle des Schusters daran hervorgebracht, jetzt hingen sie aber freilich nur noch durch Bindfaden zusammen, und um die Sohle vielleicht zu schonen, ging er neben derselben her.

Es ist das übrigens das sicherste Zeichen eines Miners — den rechten Schuh oder Stiefel schief getreten zu haben, was von dem Abstechen mit dem Spaten oder der Schaufel herrührt. — Am Hut trug Meier noch, als Verzierung, eine alte bronzene Broche mit vier oder fünf nachgemachten und theilweis eingedrückten Perlen besetzt.

Die Miner machen darin überhaupt nicht selten Staat — des Landraths Hut glänzte besonders mit einer alten Straußfeder, die er Gott weiß wo aufgetrieben, und von einer Agraffe aus einem kleinen Zinnspiegel und einer darumgewundenen Glasperlenschnur auf das künstlichste gebildet. Wer solchen Putz nicht aufbringen konnte, trug wenigstens eine Broche an Mütze oder Hut.

In der Art wie ich Meiers Tracht beschrieben habe, sahen die meisten Uebrigen, Panning, Albert und Haye vielleicht ausgenommen, ebenfalls aus — es war eine wilde Bande.

Meier schien indeß der Nerv, der dem Ganzen Leben gab, und wenn er sich besonders erst ein wenig „hinein gearbeitet hatte“ war an Schlafen nicht mehr zu denken. Fiel dann aber am Ende, wenn es Nachts zwölf und ein Uhr wurde, Einer nach dem andern ab und ging, wie es hieß, zu Coye; so lag er nachher wohl noch zwei und drei Stunden allein am Feuer und sah in die Flammen.

„Nun Landrath,“ sagte Meier zu diesem, als das Abendessen vorüber war und sich die Umlagernden ziemlich Alle um das Feuer gesammelt hatten — „wie hast Du nun heute Deinen Tag hingebracht — heh? — geschlafen natürlich.“

„Ne,“ sagte Försterling — seinem Geschäft nach ein Klempner, aber sonst ein fideles Haus und eine gute Seele — „ich bin heute auf der Jagd gewesen.“

„Mit der Büchsflinte?“ —

„Versteht sich, das ist ein famoses Gewehr — die Kugel schlägt sich ein Bischen schwer hinein, aber sie kommt verdammt schnell wieder heraus — ein paar Mal ist sie mir von selber losgegangen.“

„Aber der Schrothlauf taugt nichts,“ sagte Klaußen — „ich möchte das alte Ding nicht geschenkt haben.“ — Meier und Klaußen waren zusammen von Adelaide gekommen.

„Der Schrothlauf taugt nichts?“ rief Försterling — „Du hast noch keine Flinte gesehen, Klaußen, die so schön den Hagel auseinander wirft wie die — wenn ich in einen Baum hinein schieße und eine gute Portion Hagel drin habe, da ist auch kein Blatt drinnen von oben bis unten, das nicht was abkriegt.“

Der eine Amerikaner und Haye hatten sich indessen zum Feuer gesetzt und spielten eine Partie sechsundsechzig. Der Pole und der Deutsche von Texas waren auch mit zum Feuer gekommen, und lagerten Meier gerade gegenüber.

Der Pole, dessen Name, glaub’ ich, Keiner von allen wußte, hieß immer nur der Pole (er sprach übrigens ganz gut deutsch und war aus einer der deutsch-polnischen Provinzen, und zwar aus den untersten Klassen). Er hieß aber auch „der arme Mann“ weil er fortwährend lamentirte und behauptete, was einmal ein „armer Mann“ wäre, sollte es auch auf der Welt zu Nichts bringen.

„Nun Pole,“ rief ihm Hammerschmidt mit seiner feinen Stimme hinüber — „Ihr wart ja heute nicht in Charles Store — ist’s die letzte Woche wieder schlecht gegangen?“

„Ach, wie immer,“ brummte der Pole mit einem finsteren theilweise resignirten Gesicht — „unser Einer gewöhnt sich schon daran. — Sechs und acht Fuß tiefe Löcher und nachher zwei oder drei Thaler drinnen — aber wer kann’s helfen — der liebe Gott wills nicht haben — Gott dam it.“

„-Haben denn die Amerikaner die Woche was gefunden?“ frug ein Anderer.

„Ich weiß nicht — sie sind die Creek hinunter gegangen — da liegt aber Nichts wie feines Gold. Ich glaube nicht daß es lohnt!“

„Das laß gut sein,“ meinte der Landrath — „das ist jetzt die dritte Compagnie die hinunter geht und die anderen beiden haben tüchtig ausgehalten; wenn die nicht Tagelohn machten, blieben sie nicht unten.“

„Oben ist das Gold jedenfalls gröber,“ meinte Meier. —

„So haben wir’s allerdings bis jetzt gefunden, damit ist aber nicht gesagt, daß sich nicht auch grobes Gold nach unten verloren haben sollte — der Pole hat z. B. jetzt jedenfalls einen guten Platz, denn er lamentirt in einem fort, und das ist immer ein sicheres Zeichen.“

„Gott verdamm mich wenn ich das Bischen Fressen dabei mache!“ rief der Pole, der hochaufgehorcht hatte, indem er mit der einen Hand in die andere schlug.

„Die zwei Engländer die gerade unter dem umgefallenen Baume arbeiten, haben gestern ein herrliches Quarzstück gefunden,“ sagte der Deutsche aus Texas — „Brauner Quarz, mit breiten Goldstreifen quer durch, ein Goldschmidt hätte es nicht schöner machen können.“

„Wie habt Ihr beiden denn jetzt da unten ausgemacht, Klaußen — gehts besser?“ —

„Ach, es ist immer Nichts — weiß der Henker man kriegts zuletzt ordentlich satt, immer ein Loch nach dem andern umsonst zu graben. — Wir sind aber noch nicht ganz hinunter und in der einen Ecke haben wir Felsen und auch etwas Gold gefunden.“

„Was für Felsen hat Ihr?“ frug Meier.

„Wunderliches Zeug — es sieht so natürlich wie grobes Salz aus, daß ich zuerst wahrhaftig d’ran leckte, um zu sehen ob es nicht wirklich Salz wäre.“

„Das sind gute Felsen,“ rief Hammerschmidt, „dabei haben wir das schönste Gold gefunden; Ihr müßt nur ein Bischen tief hineingehen, und nicht blos an der Oberfläche kratzen.“

„Ja aus den „Rocks“ hier am Mosquitogulch soll der Teufel klug werden,“ brummte der Pole — „einmal liegt das Gold oben drauf, und wenn’s tief hinunter geht ist gar nichts — und ein ander Mal muß man die Felsen auseinander brechen wenn man dazu kommen will.“

„Merkwürdig ist es jedenfalls wie das Gold hierhergekommen sein kann,“ sagte Klaußen, „hier bei diesem Gulch wird man besonders ganz irre und es ist beinah gar nicht anders möglich, als daß ein vulkanischer Ausbruch das geschmolzene Metall so wild umher gestreut hat.“

„Sonderbar ist dabei,“ sagte Meier, „wie man einer solchen Eruption sogar zu folgen vermag, und gerade die Stellen wo in den tiefen Löchern und Felsspalten kein Gold liegt, sind ein Beweis dafür, denn diese Stellen findet man jedesmal mit einer grauen festen vulkanischen Asche ausgefüllt, so daß es ordentlich scheint, als ob zuerst diese Asche ausgeworfen und durch den Bergstrom hier heruntergeschwemmt, durch die Gewalt und Schwere des Wassers festgedrückt, und dann später das Gold nachgefolgt wäre. Wo es aber hergekommen möcht ich wissen, denn bald glaubt man die Ader sei von rechts, bald von links herunter gekommen und nirgends liegen doch hier hohe vulkanische Berge.“

„Ja, das möcht’ ich auch wissen,“ brummte der Pole, „nachher brauchte man nicht mehr so viele Löcher umsonst zu graben. Aber das ist eben das Elend!“ —

„Wie nennen Sie denn diamond auf deutsch?“ frug der Amerikaner, der noch mit Haye im eifrigen sechs und sechzig Spiel begriffen war, diesen.

„Caro,“ lautete die Antwort.

„Ahem, und spade?“ —

„Pique!“

„Hm!“ murmelte der Amerikaner, dem das nicht so recht einleuchten wollte, „die Deutschen sind doch curioses Volk — einen Spaten nennen sie nun gar eine Picke[1].“

„O laßt Euer langweiliges Spiel da und kommt mit her in den Kreis!“ rief jetzt Meier — „Du Klaußen, sing uns einmal ein Lied — nachher kommt anderes Leben in die Sache.“

„Ja, mir wär’- gerade wie singen,“ brummte Klaußen — „mir ist den ganzen Abend schon schlecht zu Muthe gewesen — wenn mir’s morgen nicht besser ist, nehme ich was ein.“

„Du wirst wohl den Katzenjammer haben,“ sagte der Landrath.

„Schade daß unser alter Doctor von zu Haus nicht hier ist,“ rief Meier — „der würde Dir das Einnehmen ersparen — der hatte ein famoses Mittel.“

„Nun er kanns Einem doch nicht aus dem Magen heraus magnetisiren,“ brummte Klaußen.

„Und doch so was,“ lachte Meier — „es war auch ein Doctor aus der guten alten Zeit, der weder seinen alten breit abgestutzten Frack noch seinen Zopf ablegen wollte, und in der That war ihm der Zopf so nöthig wie seine rechte Hand, denn darin bestand gerade sein Universalmittel.“

„Na nu komm nicht wieder mit Deinen Flunkereien,“ rief Hammerschmidt — „als ob er den Kranken den Zopf eingegeben hätte.“

„Ruhig Hammerstrick,“ sagte Meier — „knurre nicht Pudel. Er gab ihnen allerdings den Zopf ein, denn wenn sich Jemand nicht wohl befand, anstatt wie unsere, jetzt in der Cultur wieder zurückgegangenen Aerzte, diesem ein Brechmittel einzugeben, steckte er ihnen nur den Zopf in den Hals. — Ja ihr braucht gar nicht darüber zu lachen, das hatte er nicht einmal bei allen nöthig, denn seine Methode war so bekannt geworden, und er konnte ja natürlich nur immer den einen Zopf verwenden, daß er vielen Patienten in vorkommenden Fällen nur bloß den Zopf zu zeigen brauchte, um ganz genau dieselbe Wirkung wie bei der strengsten Anwendung zu erzwecken.“

„War das der Doktor mit der platten Nase?“ frug Klaußen während die Andern lachten.

„Ja wohl,“ sagte Meier — „das will nun Klaußen auch wieder nicht glauben — der kleine Kerl hatte eine so platte Nase, daß mich mein Onkel oft versichert, er hätte sich nie anders als mit einer Kneipzange schneuzen können.“

„Ist der Esel da?“ fragte in diesem Augenblick eine laute Stimme mitten in das Gelächter hinein — im Nu war Todtenstille, Alles schaute auf, aber im nächsten Augenblick brach es desto toller los, denn hinter dem Kreis, und ganz unbemerkt herangekommen, stand, etwas verstört aussehend und nun durch das furchtbare Hurrah ganz außer Fassung gebracht, Panning, und sah Einen nach dem Andern verwundert an.

Es dauerte wohl eine Viertelstunde ehe irgend Jemand zu Worte kommen konnte, ihn des Maulthiers wegen zu beruhigen.

„Aber Donnerwetter, Ihr sitzt hier so trocken!“ rief Panning, als sich der Lärm nur erst einmal ein klein wenig gelegt hatte, und Albert aufgestanden war dem Neugekommnen noch etwas Abendbrod zusammen zu suchen und Thee warm zu stellen — „kein Brandy mehr? — kein Grog?“

„Ich glaube daß ist der erste gescheute Gedanke, den Panning heute gehabt hat,“ sagte Meier.

„Und wo kommst Du denn noch heute Abend her?“ sagte Albert — „wer von Euch Beiden ist denn nun wieder einmal am gescheutesten gewesen?“

„Jedenfalls der Esel, Albertchen,“ lachte Panning, heute Abend viel zu guter Laune um irgend eines Wortes wegen zu streiten — „jedenfalls der Esel; da der immer zuerst kommt.“

„Und wie siehts unten bei Charles aus?“ frug Meier — „Alle noch fidel? wir sind eigentlich heute zwei Stunden zu früh fortgegangen.“

„Ja, ich wäre auch schon lange da,“ sagte Panning, „aber ich mußte auf das Fleisch warten; sie schlachteten erst noch einen Ochsen.“

„Aber unser Fleisch lag ja schon auf dem Esel?“ — rief Albert dagegen.

„So?“ lachte Panning mit einem verschmitzten Ausdruck, „siehst Du Albertchen, da hat der Esel dann wieder recht — aber auf das Schlachten hab ich doch gewartet.“

„Ja, Panning ist ein tüchtiger Kerl,“ sagte Hammerschmidt — „der ist von klein auf in der Welt gewesen.“

„Bist Du nur ruhig, Du liederlicher Hammerstrick Du,“ sagte Panning, — „wenn ich was erzählen wollte —“

„Hallo, was giebts da zu erzählen? heraus damit — heraus damit,“ schrieen fast Alle.

„Wenn Du das erzählst, komme ich auch mit dem heraus,“ sagte Hammerschmidt trotzig.

„Hurrah, da sind zwei Geschichten!“ rief der Landrath — „heraus Panning, herunter vom Herzen!“ Die beiden mußten jedoch einen zu festen Halt aneinander haben und es wollte keiner mit der Sprache heraus. Meier hatte aber indessen Wasser zum Feuer gesetzt, von verschiedenen Seiten wurden Brandyflaschen herbeigeschafft, und ein tüchtiger Grog gebraut. Das Erzählen, Lachen und Jubeln ging nun lauter und immer lauter durcheinander; Försterling war mit seinem Brodbacken ebenfalls fertig und „der Pabst lebt herrlich in der Welt,“ — „Rinaldini stolzer Räuber,“ und der „Prinz Eugen“ waren schon in den stillen Californischen Wald hineingeschrieen worden, als Meier zuletzt dazwischen rief:

„Halt — nun erst noch einmal trinken — Hammerschmidt Donnerwetter, das ist mein Becher — und dann das Goldwäscher-Lied — aber singt auch den Rundreim kräftig mit!“ und mit lauter kecker Stimme setzte er ein:

Mit der Schaufel Pfann’ und Hacke

Goldgräber ho!

Und dabei noch Huckepacke

Immer nur so —

Eine Decke und zwei Hemden

Ziehn wir so froh,

In die Berge, wir, die fremden

Goldgräber, ho!

Dort wo zwischen Schlucht und Spalten,

Goldgräber ho!

Gnomen ihren Schatz gehalten,

Wüßten wir wo —

Hau’n wir ein und waschen, graben

Lustig und froh,

Tief hinein — wir müssens haben

Goldgräber ho!

Sorgen? — pah, wer kennt hier Sorgen

Goldgräber ho!

Sucht vielleicht das Glück uns morgen!

Was uns entfloh,

Soll uns nicht mit Sorgen quälen,

Lustig und froh

Sind wir immer die fidelen

Goldgräber, ho!

Spricht das Herz dann auch zuweilen

„Goldgräber ho!

Willst Du in der Fremde weilen,

Immer nur so?

Kannst Du hier so lustig graben,

Sorglos und froh?

Trauernd Lieb zu Hause haben?

Goldgräber ho?“

Herz, was soll das Klagen nützen,

Goldgräber ho!

Kann nicht stets zu Hause sitzen,

Immer nur so.

Denn der Mann muß schaffen, wagen,

Muthig und froh

Und im Sturm das Glück erjagen,

Goldgräber ho!

Doch wenn wir, das wirst Du loben,

Goldgräber ho!

Erst, Glück auf, den Schatz erhoben,

Hier oder wo;

Geht es heimwärts mit den vollen

Säcken, so froh,

Hurrah dann, die wackern, tollen

Goldgräber ho! —

Mit tüchtigem Nachdruck, der sich besonders bei den letzten Versen, wo sie die Melodie etwas wegbekamen, zu einem wahren Jubel steigerte, wurde der Chor abgesungen, und alle nur möglichen und unmöglichen Lieder kamen jetzt an die Reihe. Haye schrie sogar wieder „Bumsfallera“, und Hammerschmidt „ich bin liederlich“ und von den benachbarten Hügelhängen hatten sich indessen auch schon die nächsten Engländer und Amerikaner herangezogen, die Lieder mit anzuhören. Meier sang jetzt das Ständchen — „ich will vor Deiner Thüre stehn,“ mit den dazu gehörigen Gesten und zwar, statt der Geliebten Fenster, unter einem Eichbaum — Klaußen hatte sich ebenfalls „einen Kleinen“ angetrunken und wurde harmonisch; Wohlgemuth nahm Albert in die eine Ecke und erzählte ihm eine entsetzlich lange Geschichte aus seinen Schuljahren, wo sie dem Lehrer einmal einen Knochen unter den Stuhl gelegt und mit welcher Geistesgegenwart er sich damals aus der Affaire gezogen. Renich hatte sich an den Landrath gemacht, der aber unter der Zeit immer mit sang, und erzählte ihm aus der alten Römischen Geschichte irgend einen an sich gewiß sehr wichtigen, für Försterling aber fürchterlich gleichgültigen Fall, den er nachher wieder mit der neueren Geschichte, von der sein immer daneben hinausschreiender Zuhörer nichts wissen wollte, in Verbindung brachte.

Indessen nahm Feuer und Grog ein Ende, Einer nach dem Andern drückte sich in sein Zelt — Renich wie Wohlgemuth hatten schon beide ihre Zuhörer verloren und Renich war ebenfalls zu Bett gegangen; noch aber blieb ein kleiner Rest beim Becher. Meier und Wohlgemuth hielten zusammen aus. Meier weil er nie früher zu Bett ging, und Wohlgemuth, weil er noch das Bedürfniß fühlte sich mitzutheilen.

Natürlich dauerte es keine viertel Stunde und die Beiden staken bis über die Ohren in Politik. Wohlgemuth war früher in den Vereinigten Staaten gewesen und vertheidigte den 40 acres grant — Meier dagegen schimpfte auf unsere deutschen Verhältnisse, und ob sie sich nun einander nicht verstanden, oder in diesen beiden Puncten gegenseitig genug Anhalt fanden einander zu Leibe zu rücken weiß ich nicht, aber sie wurden hitzig, und Haye guckte ein paar Mal aus dem Zelte hinaus, zu sehen ob sie sich nicht beim Kopfe hätten.

Da Wohlgemuth sehr schwer hörte mußte Meier sehr schreien, und da Meier sehr schrie, konnte Wohlgemuth seine Argumente ebenfalls nicht mit leiser Stimme geltend machen. So entstand endlich allein zwischen den beiden Menschen ein solcher Scandal, daß hier und da die Schläfer wieder munter und murrende Stimmen laut wurden. Endlich konnte es Försterling nicht länger aushalten.

„Zum Donnerwetter, Meier!“ rief er zum Zelt hinaus — „Ihr habt ja alle Beide recht, aber komm nun zu Bett.“

„Halt’s Maul Landrath, das verstehst Du nicht,“ rief Meier in allem Eifer.

Wenn jedoch der Landrath die Unordnung nicht zu dämpfen verstand, so wußte er das mit dem Feuer desto geschickter anzufangen. Das war zu einem kleinen Punct zusammengebrannt, um den sich die Debattirenden, da die Nacht hier oben sehr kühl war, dicht hinangedrängt hatten, und dahinein wußte der Landrath den Eimer Wasser, den er selber am Abend zum morgenden Kaffee aus dem Bach heraufgeholt hatte, so geschickt zu opfern, daß im Nu auch keine Spur von einer glühenden Kohle mehr zu sehen war.

Die Beiden wollten sich nun dadurch allerdings nicht vertreiben lassen, und setzten ihren Wortstreit im Dunkeln fort, aber der animus fehlte, und eine halbe Stunde später war Alles, unter manchem leise gemurmelten „Gott sei Dank“ todtenstill.

Nur die Cayotas — die kleinen Wölfe oder wilden Hunde fingen an zu heulen, und hie und da schrie eine Eule ihr monotones Nachtlied darein.

Als Meier am andern Morgen meinte, die Nacht habe es so sonderbar in den Bäumen gerauscht, sagte der Landrath, „das wäre gar kein Wunder, denn sein Rausch allein, den er ausgeschlafen hätte, müßte einen Mordspectakel gemacht haben.“

Mit der Morgendämmerung kam aber auch wieder ein anderes frisches Leben in die Schläfer — die Einzelnen welche „die Woche“ hatten, standen auf und bereiteten das Frühstück, weckten dann die Uebrigen, und eine Stunde später wanderten die verschiedenen Parthieen mit ihren Pfannen und Wassereimern, denn das Werkzeug lag meistentheils noch unten an den Plätzen, wo sie am Sonnabend Abend aufgehört hatten zu arbeiten, den verschiedenen Stellen zu, an denen sie in dieser Woche ihr Glück versuchen wollten.

Gleich darauf fingen die Maschinen unten in der Schlucht an zu klappern, die Axt räumte Bäume und Wurzeln aus dem Wege, die Spitzhacke trieb mit kräftigen Schlägen in den harten Boden hinein, und das Arbeitsleben der Miner hatte wieder begonnen.

Die Mission Dolores bei San Francisco.

Wenn man in früherer Zeit die Geschichte irgend eines Ortes schrieb, den man vor ein oder zwei Jahren besucht hatte, so sagte man gewöhnlich „dort ist es so, und so, und so; die Gebäude sehen so aus, die Straße führt dorthin, es ist auch ein gutes Wirthshaus da und heißt so und so.“ — Das mochte für die Welt im Allgemeinen passen. Wenn man aber eine solche Beschreibung jetzt von einem californischen Orte machen wollte, schriebe man lauter Lügen. Es ist so, kann man von irgend einem Gebäude oder einer Straße in und um San Francisco z. B. nur sagen, wenn man wirklich davor steht, und mit seinen eignen Augen sieht, daß es wirklich so ist; biegt man aber um die nächste Ecke und will ganz gewissenhaft zu Werke gehen, so kann man in der That nicht mehr thun, als behaupten, es war so, denn kein Mensch kann bestimmen, ob nicht selbst in der Zeit schon ein Nachbar angefangen hatte, daneben zu bauen, ob die Straße nicht aufgerissen wurde, oder ein Haus weggefahren, oder sonst irgend eine andere entsetzliche Veränderung mit dem Platz im Handumdrehen vorgenommen sei.

Sehr natürlich mußte es ebenso mit dem Districte der Fall sein, der nicht allein im Bereich oder in der Nähe San Franciscos lag, sondern auf den die Stadt selber gleich von Anfang an, der sie einschließenden Küstenberge wegen, angewiesen war sich auszudehnen. So, wer die Mission Dolores selbst noch 1850 im Frühjahr und wer sie im Herbst sah, hätte sie kaum mehr wieder erkannt — und wie mag sie jetzt aussehen? —

Von San Francisco etwa eine Stunde Wegs durch hohe und entsetzliche Sandhügel getrennt, die im heißen Sommer Menschen und Vieh zu Tod erschöpften, schien nichtsdestoweniger eine wirkliche Vereinigung der Mission mit der Stadt noch mit unendlich vielen Schwierigkeiten zu kämpfen zu haben, ehe sie bewerkstelligt werden konnte — wenn eben nicht Amerikaner das Ganze in Händen gehabt hätten. Aber das go ahead Princip bewährte sich hier einmal wirklich wieder auf eine fast fabelhafte Art.

Zwischen der Mission und San Francisco lag eine enorme Masse von Sand, einer Communication mit dem ersten Platze außerordentlich hinderlich, und jedenfalls große Summen erfordernd, sie zu beseitigen. San Francisco gegenüber machte die See oder Bai eine tiefe Bucht, herrlichen Raum beanspruchend, den Straßen und Waarenlager füllen könnten, wenn man eben Grund und Boden genug hätte, die See hier auszuwerfen und zurückzutreiben. Was war einfacher, als daß man die Sandberge der Mission Dolores nahm, und dort, wo man sie brauchte, in die See schüttete, und so übertrieben das hier klingen mag, machten es doch die Amerikaner in wenigen Monaten möglich. Eine gewaltige Dampfmaschine, die sie von Newyork herüberbekommen hatten, fing an zu arbeiten und das riesige Maschinenwerk wühlte sich in den Berg, warf sich die Last auf den Rücken und keuchte mit Windesschnelle hinüber an die Ufer der Bai, seine Bürde dort in die Flut zu werfen, und Fußbreit nach Fußbreit dem nur langsam und trotzig zurückweichenden Meere abzugewinnen.

In wenig Monaten war die Straße nach der Mission hinaus geebnet und mit Planken belegt, und kaum glitt die letzte Bohle in ihr Lager, als auch schon breitsitzige Omnibusse darüber hinrasselten, als ob sich der Boden seit Jahrhunderten das Recht der Civilisation erworben habe, und das ganze Leben und Treiben hier nicht etwa wie über Nacht aus der Erde heraufgewachsen sei.

Wunderlich und fast wie unheimlich steht mitten zwischen dieser Flut von Neuerungen — oder stand wenigstens noch seit den letzten Nachrichten — das alte eigentliche Missionsgebäude, mit seinen düsteren Mauern aus ungebrannten Ziegelsteinen, und der alterthümlichen spanischen Bauart; mit den engen vergitterten Fenstern und niederen, wie mit der Spitzhacke eingeschlagenen Thüren, aus dessen einem Flügel sich nur ein etwas höheres Dach mit sonderbar und geschmacklos angebrachten Säulen über die übrigen gleichmäßigen und kasernenähnlichen Flanken emporhob, und die kleine, dicht darum gedrängte Ansiedlung, wie eine alte Henne ihre schüchtern rund um sie hergestreute Brut zu bewachen schien.

Was hat das alte Gebäude nicht gesehen zu seiner Zeit! — Wenn die Ziegel reden könnten, die jetzt morsch auf dem Dache sitzen und von denen die meisten nach unten zu drängen scheinen und über die Rinne schauen, als ob sie sich in dem sumpfigen Grund unten einen Platz aussuchten, wo sie am besten hinunterspringen könnten — wenn die alten Lehmsteine ihre Erfahrungen ausschwatzen könnten. Aber stumm und starr stehen sie da und schauen noch gerade so düster und unheimlich auf die jetzt um sie schaffende, rege Welt hernieder, als damals, wo die ersten scheu und ängstlich den Platz betretenden Indianer in den Schooß der christlichen Kirche aufgenommen wurden, und dem fremden Gotte ihre Knie beugten. Ein Bischen älter sind sie geworden, ein paar Runzeln haben sie mehr bekommen und der Zahn der Zeit hat etwas an ihnen genagt — lieber Gott, es geht uns ja Allen nicht besser — aber sonst stehen noch dieselben ungebrannten Ziegel, die damals, unter der Leitung der frommen Männer, die rothen Kinder jener Berge zusammentrugen und aufbauten zu einem Tempel des Herrn, noch liegt der alte Kirchhof so feucht und trostlos unter den Dachrinnen der Kirche und hinter die feuchte Mauer gedrückt, wie vor langen Jahren, und nur die steinerne Einfriedigung ist zusammengebrochen, die Kreuze sind morsch geworden und zerbröckelt und die Hügel eingesunken auf ihre stillen träumenden Miethsleute darunter.

Die Wände selber aber scheinen doch, wenn das nur irgend möglich wäre, noch grauer und feuchter geworden zu sein, während die seidenen Bänder und Blumen verblichen und stockten, und der Wind, der jetzt an gar vielen Orten Ein- und Zutritt gewonnen, so unheimlich wie rauh mit dem Flittergold raschelte, das über ein Paar entsetzlichen Heiligenköpfen hing und seinem Zweck jetzt vollkommen entsprach, die Augen der Gläubigen dorthin zu lenken.

Und so traurig und öde liegt das alte Gebäude? —

Hörst du die Violinen und Pauken, lieber Leser, gleich da unten in dem andern Eckflügel der Kirche? — Pauken und Violinen, Guitarren und lauter lachende Stimmen — da ist Fandango, und die Paare drehen sich auch wol beim Walzer in wirbelnder Lust. —

Und der Schrei? — o das ist nichts — da über der Brauerei, in der Mission, hat ein Doctor aus Buenos-Ayres erst kürzlich ein Hospital angelegt, und sie sagen, Einer von den „Ueberlebenden“ sei wahnsinnig geworden — ich erzähle dir die Geschichte ein andermal. —

Brauerei, Hospital, Schenke und Priesterwohnung, Kirche und —

Lieber Leser, du fragst wirklich zu viel — wenn Leute hier wohnen, brauchen sie auch keine Rechenschaft über sich abzulegen, noch dazu einem Fremden, der Tausende von Meilen entfernt lebt. Aber der Figur wollen wir folgen, die da eben aus der Brauerei tritt und mit leisem langsamen Schritt, des nassen Wetters nicht achtend, nach jenem alten Adobiegebäude schleicht, das etwa 300 Schritte von der Kirche entfernt, gerade oben am ersten flachen Hügel steht. Der Mann trägt einen schwarzen breiträndrigen Hut und einen schmutzigen alten dunklen Mantel, seine ganze Tracht überhaupt ist ein Mittelding zwischen geistlich und weltlich (da denn doch einmal jede der beiden ihre Mode hat) und der schielende Blick, der seinen überdieß finstern boshaften Zügen etwas wirklich Abstoßendes giebt, vollendet die ganze äußere Erscheinung des Mannes und rundet sein Aussehen gewissermaßen ab.

Es ist wunderbarer Weise ein Deutscher und heißt Johann Stapf, aber einer von jenen Charakteren, die in ihrem Lebenslauf des Schicksals wunderlichste Launen über sich ausgeschüttet sehen, und das Glück eines armen Schriftstellers nur mit der einfachen Erzählung ihrer Erlebnisse machen könnten — wenn sie nur eben erzählen dürften, was sie erlebt hatten.

Er gehörte mit zur Mission Dolores, stand wenigstens mit dem Geistlichen auf einem sehr vertrauten Fuß, und dennoch war es ein öffentliches Geheimniß, daß er im mexikanisch-californischen Kriege den Amerikanern zum Spion gedient. Er wäre aber von den Californiern längst einmal mit einem freundlichen Messer beseitigt worden, hätte er nicht wahrscheinlich ihnen dieselben Dienste geleistet.

Erst lief ihm aber der Priester und dann die Mission unter den Händen weg, der Erstere eines Landprozesses wegen, der ihm alles Das absprach, was er bisher sein eigen genannt, die letztere von den Amerikanern, bis zur Kirche, einfach in Besitz genommen, und das alte Missionsinventarium, der alte Stapf — zog eben in die Minen.

Ein anderer Priester kam auf die Mission, aber die Blütenzeit derselben war vorbei. Die Indianer, die sonst nicht allein ihre Lager in der Nähe gehabt, sondern auch durch die Häuser der spanischen Einwohner zerstreut gewesen, waren verschwunden, die Minen schienen mehr Anziehungskraft gehabt zu haben als das alte wettermüde Gebäude, und die wenigen, die sich wirklich noch in der Nähe herumtrieben, thaten es, mit sehr wenigen Ausnahmen, nur des bequemer zu bekommenden Agua ardiente oder Branntweins wegen, an den sie sich nun einmal anfingen zu gewöhnen.

Mehre Male sah ich eins ihrer Leichenbegängnisse mit Violinen und Clarinetten fröhlich zur Kirche und durch das niedere Pförtchen auf den Todtenacker ziehen, wo die Gestorbenen in ihre stillen Stübchen eingeschachtelt wurden. Nach der Kirche begannen dann ihre alten Wehklagen, trotzdem daß ihnen doch für die Geschiedenen christliche Seligkeit versprochen worden. Bis in die Nacht hinein heulten und jammerten sie, und dann lagen sie draußen im Schlamme mit ihren dünnen cattunenen Ueberwürfen, und stöhnten die ganze kalte Nacht hindurch. Zuerst über den Gestorbenen, zuletzt über ihr eignes Elend.

Die Mission hat — wie es auch so manchem Menschen auf der weiten Welt zu gehen pflegt — ihren Lebenszweck verfehlt. Sie war, mit den vielen ähnlichen Orten im Lande, von den Jesuiten damals als eine Fackel an der Küste aufgesteckt worden, von hier aus das Licht der christlichen Religion über die heidnischen Völkerschaften zu gießen, die in dem weiten Länderstrich zerstreut lebten. Alle diese Millionen wurden als Mittelpunkt eines bestimmten Districts betrachtet, der den Stämmen selbst im Falle eines feindlichen Angriffs als Zufluchtsort und Vorrathskammer dienen konnte, und einzeln zogen von hier aus die Prediger in die Wüste, verkündeten Gottes Wort, verkündeten den blinden verwahrlosten Heiden, daß sie eigentlich im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod verdienen, und deshalb um die Mission herum den Acker bestellen und alle nützliche andere Arbeiten verrichten müßten, und verhießen ihnen, wenn sie den Glauben der weißen Männer annähmen, ihm treu blieben und ihre Arbeiten verrichteten, himmlischen Lohn.

Still und friedlich leben die Leute hin, in ihrem Gott vergnügt und glücklich; einzelne Stämme nahmen Sitte und Civilisation wirklich an, und nach unendlich langen mühsamen Jahren versprach eine Art von Erfolg die rastlosen Bemühungen der wirklich aufopfernden Patres zu krönen. Und wie sollte sich dieser Erfolg entwickeln? — Ein paar Stückchen glänzenden Metalls, hunderte von Meilen weit in den Bergen zufällig beim Graben eines Dammes gefunden, warfen das ganze System über den Haufen, als ob es ein Kartenschloß gewesen wäre. Was Jahrzehnte gekostet hatte mit unendlichem Fleiß und rastlosem Eifer aufzubauen, was ein Gebäude schien für eine Ewigkeit, das zertrümmerte ein gelbes Steinchen, unten herausgezogen, und der ganze stolze Bau polterte zusammen. Massen von Kirchen sind jetzt allerdings an deren Statt gebaut, es ist wahr, „Gottes Wort“ steigt in den verschiedensten Sprachen und Auslegungen zu dem Allerbarmer empor, und eine wahre Flut von Christen und auch Heiden füllt die Thäler. Wie es die Missionare früher nie, selbst in ihren kühnsten Träumen für möglich gehalten, hat sich die Civilisation des ganzen Landstrichs bemächtigt — aber der stille Frieden ist gewichen, und der Gott, dem jetzt sogar bis in den Missionen geopfert wird — ist das Gold.

Das alte Missionsgebäude selber ist in einem großen Viereck errichtet und umschließt einen weiten etwa 80 Schritt langen und 60 Schritt breiten Hofraum. Außerdem lagen noch drei kleine Straßen mit niederen einstöckigen Häusern darum her, in denen früher theils Altmexicaner, von dem Süden eingewandert, oder auch hier Geborene, wie einzelne civilisirte Indianer ihren Wohnort hatten. Zwischen diese hineingedrängt haben sich aber jetzt Amerikaner, Engländer, Iren, Deutsche und Franzosen, und wie zum Spott, selbst der alten christlichen Mission gerade gegenüber, schlagen heidnische Chinesen, vom christlichen Gesetz beschützt, ihre Wohnungen auf, und Angesichts der alten ehrwürdigen lebensmüden Kirche dampfen die Weihrauchbüchsen der Zopfträger vor den Bildern und Figuren ihrer Lieblingsgötzen.

Von allen Theilen der Welt sind dabei fertige Häuser hierherüber gesandt, ein- und zwei- und dreistöckige, mit und ohne Schindeln und in jeder Form und Bauart, und wie sich die Europäer und Amerikaner zwischen die alten Ureinwohner hier eindrängten, so steigen die wunderlichen Formen ihrer Häuser ebenfalls zwischen den altergrauen niederen Steingebäuden auf, nehmen ihren jetzigen Nachbarn, den früheren Besitzern, Licht, Aussicht und Sonne, und kümmern sich den Henker um seine Fest- und Feiertage, um seine Sitten und Gewohnheiten.

Der Haß der Californier gegen die Amerikaner ist aber auch groß und rührt sich desto gewaltiger, je mehr sie eben fühlen und sehen, wie sie nicht das Mindeste gegen die sie überflutende Einwanderung ausrichten können. Die Amerikaner sind nicht in ihr Land gekommen wie andere Eroberer, haben die Regierung gestürzt und ihre eignen Beamten eingesetzt, nein Regierung, Land, Religion, Sitten, ja Raum zum Athmen wurde ihnen mit einem Ansprung genommen, und das Messer dabei in die Scheide genietet, daß die Hand es fassen, aber nicht ziehen konnte, sondern nur krampfhaft und zornentbrannt, aber vollkommen machtlos den Griff preßte. Dieser Haß kann und wird auch erst mit der jetzigen Generation aussterben — die Enkel werden nichts mehr davon wissen.

Noch stand im Frühjahr von 1850 das alte graue Missionsgebäude, wenn auch Amerikaner und Iren schon Branntweinschenken selbst in seine Weichen gebohrt hatten und der Schaden weiter und weiter fraß. Hie und da waren freilich schon die Anfänge neuer fremder Wohnungen sichtbar, aber im Ganzen herrschte doch noch der alte Charakter. Noch lebten die Fremden vereinzelt zwischen den Spaniern, noch lagen die Sandberge zwischen der Mission und der Stadt.

Wenige Wochen rissen Berge und Missionsleben über den Haufen — schon mit dem Beginne der sogenannten plank road oder Bretstraße begannen Speculanten Häuser aufzubauen und sie wieder zu verkaufen, ehe Prozesse wegen des Grundeigenthums eingereicht oder entschieden werden konnten. Die Mission, wenn auch die alten Wände der Kirche in diesem Augenblicke vielleicht noch stehen, ist verschwunden, und nur der Name wird in späterer Zeit einer der Vorstädte San Franciscos bleiben.

Aber reizend ist die Aussicht von den flachen Hügeln des einst so stillen friedlichen Platzes über die schöne Bai. Die „frommen Mönche“ in alter Zeit wußten wol, wie und wo sie sich ihre Wohnplätze am hübschesten und freundlichsten aussuchten — und ich kann es ihnen eigentlich nicht verdenken. Im Rücken hatten sie die ziemlich hohen Küstenberge, welche die Mission eben von der See trennte und in etwas wenigstens den kalten Nordwestwind abhielt, der Nachmittags in den Sommermonaten von der See gar kalt und rauh herüberweht, und vorn breitet sich in einem wundervollen Panorama das freundliche Missionsthal mit der Bai von San Francisco und der Contra coast aus.

Den Hintergrund des ganzen Gemäldes bildet eben diese Gebirgsreihe, die Contra coast genannt, weil sie den Einschiffenden gerade gegenüber lag, und das kleine Wäldchen wahrhaft riesiger Cedern oder Lebensbäume, das oben auf dem Hügelrücken steht — über den nur eben die fern gelegene Kappe des weit höhern Berges „Diablo“ herüber schaut — diente den Seeleuten früher zur Landmark, und ist selbst auf den neuesten Karten noch angegeben. Schon lange Jahre hacken und sägen sie aber daran herum, und thun ihr Möglichstes, die schönen Bäume von ihrem Ehrenplatze zu verdrängen und ins Thal hinabzurollen.

Von der Contra coast streckt sich jener Arm der hier etwa 4 bis 5 englische Meilen breiten Bai aus, der sich bis nach Pueblo San José hinaufzieht und dort von den Hügeln eingeschlossen wird. Links, über den niedern dünenartigen und nur hie und da mit Krüppeleichen und Lorbeer bewaldeten Hügeln hin, kann man die Masten der Schiffe erkennen, die, noch mit zum Hafen Yerba buena oder San Francisco gehörig, hier so weit (bis zu „Rincon point“) hinausgelegt sind.

Das Thal der „Mission“, wie sie es in San Francisco kurzweg nennen, mündet in eine flache sumpfige Fläche aus, die von der Flut etwa 3 oder 4 Fuß hoch mit Wasser bedeckt wird, und während der Ebbe nur eine schmale, aber ziemlich tiefe und sichere Einfahrt bietet. Freilich ist sie von Muschelbänken durchzogen und könnte von größeren Fahrzeugen, als Booten und sehr kleinen Cuttern, nicht benutzt werden.

Links über die niederen Hügel, oder vielmehr hindurch und durch das sumpfige überbrückte Thal kommt jetzt der Bohlen- oder Plankenweg von San Francisco, aber die Civilisation dieses Theils ist nicht langsam oder Schritt vor Schritt gegangen; das wilde Leben dieses abgeschlossenen Districts ist nicht allmälig weiter zurückgedrängt worden durch die neue Cultur, sondern wie sich die Ueberflutung eines mächtigen Wassers durch irgend einen engen Canal zuerst die Bahn bricht, in diesem eine lange Strecke dahin schießt und dann plötzlich das umzingelte Terrain von allen Seiten zugleich angreift, so hatte sich die fast eben so mächtige Cultur auf eben diesem Plankenwege leise nach der Mission hinausgestohlen. Diese war schon in der That eine Vorstadt, während die Zwischenstrecken noch in ihrer Wildniß und Oede dalagen, der kleine Prairiewolf oder Cayota mit dem großen braunen Wolf Nachts um die Wette heulte, und die wenigen Indianer, die es bis dahin noch auf der Mission zwischen den Weißen „ausgehalten“ hatten, kopfschüttelnd ihre Decken um sich herumschlugen und weiter zurück in die Berge wanderten.

So war die Mission Dolores — geht aber der Leser jetzt, einige Jahre später, hinüber, so darf er ja nicht erstaunt sein, wenn er statt der Cayotas und braunen Wölfe Gasbeleuchtung, und statt der Indianer mit ihren Lehmhütten große stattliche steinerne Waarenhäuser und Wohngebäude errichtet findet. Die Mission selber hat aufgehört, und nur noch ihr Name und ihr Grab sind geblieben.

Ein Stiergefecht auf der Mission Dolores.

Auf der Mission war ein Fest. Von San Francisco aus wateten Hunderte von Menschen durch den gelben Sand der „Missionsstraße“ dem etwa drei engl. Meilen entfernten Dolores entgegen, Hügel auf und ab keuchten sie die beschwerliche ermüdende Bahn, und rasteten gewöhnlich erst auf dem letzten mit Zwergeichen und Lorbeeren bewachsenen Hang, der einen freien Ueberblick über das kleine vor ihnen ausgebreitete Thal gewährte.

Es war ein lebendiges Bild, dem selbst die nackten, den Hintergrund formenden Berge einen eigenthümlichen Zauber nicht nehmen konnten. Links weit hinaus dehnte sich die hie und da von niederem Weidicht begrenzte Missionsbucht der Bai von San Francisco zu, deren schimmernder Wasserspiegel aus dem fahlen Grün der Hänge frisch hervorblitzte; rechts zog sich ein schmales, unbebautes Thal in die Hügel hinauf, an deren westlichen Fuß die Brandung des stillen Meeres schäumte, und in der Mitte lag die kleine Gruppe Häuser, die ihren Namen dem alten wettergrauen Gebäude verdankte, das die westlichste Flanke der Ansiedlung bildete.

Die Mission Dolores, in alten Zeiten durch die Jesuiten gegründet, zog zuerst die benachbarten Indianerstämme zu sich, die den Mönchen nicht allein ihr Gebäude aufrichten, sondern auch später ihr Feld bestellen und ihre Rinder hüten mußten — dafür wurden sie civilisirt. Nach und nach siedelten sich dann später Californier aus den südlicher gelegenen Städten oder aus Yerba buena[2], dem jetzigen San Francisco, dort an, und Straßen entstanden, über deren niedere Häuser hinweg das graue Dach des Missionsgebäudes noch immer hoch und düster hinüberschaute.

Da kam das Gold und mit ihm, wie mit einem Zauberschlage, verwandelte sich das ganze Land; das Missionsgebäude wurde, wenigstens theilweise, zu Schenken benutzt, die Indianer zogen, von einzelnen Californiern geführt, und Christenthum wie Mission hinter sich lassend, in die Berge, und eine regsamere Bevölkerung, aus Deutschen, Amerikanern und Franzosen gemischt, fing an, die alten, halb verfallenen und theilweise verlassenen Gebäude zu bewohnen. Der Priester blieb allerdings noch in seiner Pfarre, aber die Mission selber bestand nur dem Namen nach, und wenn die kleinen Glocken Morgens angeschlagen wurden, die fromme Schaar zum Gebet zu rufen, so waren es nur wenige, sehr wenige, die dem Rufe folgten. Selbst die Indianer kümmerten sich nicht mehr um den feierlichen Laut, der sie sonst in die Nähe des neuen Gottes gerufen — der eine Theil grub nach Gold in den fernen Bergen, und der kleine Theil der aus einem oder dem andern Grund Zurückgebliebenen, trieb sich um die Schenkstände der Europäer herum, dem Feuergeist des Alkohols zu dienen, und seine Adern dem betäubenden Gift zu öffnen.

Die vielen Schenkstände der Mission verlangten aber auch dann und wann eine Extra-Anregung, ihren Besitzern in der Geschwindigkeit so viel Gold einzubringen, als diese in den Minen glaubten erwaschen zu können — denn war das nicht der Fall, so sahen ihre Besitzer gar nicht ein, weshalb sie nicht lieber in die Berge gingen, gutes Gold zu graben, als hier im flachen Lande schlechten Branntwein auszuschenken. Zu diesem Zwecke genügten aber keineswegs die Indianer, die gar kein baar Geld hatten, und nur höchst unvollkommen die Bewohner der Mission selber, wie einzelne Besuche von San Francisco. Es bedurfte eines stärkeren Reizmittels als ihr Cognac, oder selbst die umliegende freundliche Gegend war, ihnen Kunden in Massen zuzuführen, und zu diesem Zweck wurden Pferderennen und Fandangos, Wettspiele und Kämpfe, und Gott weiß was sonst noch für Festlichkeiten arrangirt, den Schau- und Trinklustigen eine Veranlassung zu bieten, ihr Gold durch den Sandstaub herauszuschaffen und gegen ein wildes, oft widerliches Schauspiel wie eine wüst durchschwelgte Nacht einzutauschen.

Ein Stierkampf war diesmal die Veranlassung, und die Arena eine im Mittelpunkt des Ortes errichtete starke Umzäunung, um die her eine Art von erhöhten Sitzen angebracht war, den Entrée Zahlenden doch einigermaßen Entschädigung für das gewöhnlich nur höchst mittelmäßige Schauspiel zu bieten. Die Wirthe der Mission schienen übrigens bewiesen zu haben, wie richtig sie ihre Nachbarschaft kannten, die wirklich immer nur auf eine Gelegenheit wartete, ihr Geld, sei es für was es wolle, zum Fenster hinauszuwerfen. Schaaren von Menschen füllten die breiten Straßen des kleinen Orts, drängten um die Barriere und zankten um ihre Plätze, oder tummelten ihre Pferde vor dem Missionsgebäude, auf dessen Veranda die ganze schöne Welt versammelt schien und manches dunkeläugige holde Mädchengesicht auf die kühnen Reiter hinüberblitzte.

Das wilde Publikum, Amerikaner und Mexikaner, Wilde und Weiße, bunt durch einander, hatte indeß an Plätzen eingenommen, was eben zu erreichen war, und theils eine nahe kleine Erhöhung des Bodens, theils die aufgerichteten Gestelle benutzend, den Platz umlagert, auf dem ihr Pfeifen und Trommeln, Stampfen und Schreien noch immer nicht die ersehnten Stiere und Kämpfer hervorrufen konnte.

Mehre buntgekleidete, frech und ungeschickt genug aussehende Burschen, Mexikaner ihrem Aeußeren nach, und Einer, ein Halbindianer, dem tiefe Blatternarben das ganze Gesicht entstellten, trieben sich indeß in der Arena umher, und tanzten und sangen und suchten durch Späße die Geduld des Publikums etwas länger hinzuhalten. Wenn ihnen das aber auch vielleicht bei dem spanischen Theil desselben gelungen wäre, der oft in ein lautes und rohes Gelächter bei den roheren Witzen ausbrach, half das Nichts bei dem englischen oder amerikanischen, der das Spanische gar nicht verstand. Ja diese wurden eher noch ärgerlicher, daß sich Andere amüsiren sollten, während sie ihr gutes Geld ebenfalls gezahlt hatten und nun nicht einmal herausbekommen konnten, weshalb das „Gesindel“ lachte.

Der Lärm wurde immer toller, und einige Amerikaner, halbtrunkene Seeleute, denen der Spaß zu lange währte, sprangen schon in die Arena hinunter, thätigen Antheil an dem Singen und Springen der unten Befindlichen zu nehmen, das sie wenigstens ihrer eigenen Versicherung nach „all to smash“ überbieten konnten, als plötzlich das enge, in den Kreis führende Thor aufgerissen wurde, und ein brauner, zwar kleiner aber doch muthiger Stier so urplötzlich zwischen die natürlich nicht wenig überraschten Seeleute hineinschoß, daß diese im ersten Augenblick rath- und thatlos dastanden und dem Thier, hätte es wirklich Böses im Schild geführt, oder irgend einen Angriff beabsichtigt, leichte und nicht zu rettende Beute gewesen wären.

Der Jubel der Zuschauer bei diesem kleinen Intermezzo läßt sich gar nicht beschreiben. Von allen Seiten zugleich brach er los, war aber auch die einzige Rettung der bestürzten und unfreiwilligen Stierfechter, denn der eingelassene muthige Stier stand bei dem furchtbaren Lärm, der von allen Seiten auf ihn einbrach, im ersten Moment wie verdutzt da und warf nur unwillig die Hörner bald da, bald dort hin, und riß den Boden auf mit den scharfen Hufen.

Der erste Schreck war vorüber und die Matrosen flüchteten mit völlig abgekühltem Kampfesmuth und unter dem Lachen, Pfeifen und Zischen der Zuschauer so rasch sie konnten über die Fenz zurück. Daß sie das nach verschiedenen Seiten zu thaten, deckte zugleich ihren Rückzug, denn der Stier wurde sie gewahr und suchte sie noch zu erreichen, konnte aber nicht gleich eine Wahl zwischen den ihm von allen Enden verlockend genug zugedrehten Rücktheilen treffen, und bekam dadurch keins.

Jetzt aber sprangen auch die wirklichen Stierkämpfer aus einem eigens für sie gebauten Verschlag in den eingezäunten Raum und begannen das überdies schon gereizte Thier durch all die schon tausendmal beschriebenen Arten und Weisen, mit Schwärmern und kleinen Speeren und Fahnen zu necken und zu peinigen. Aber sie hielten dem zuletzt wüthend Gemachten nie Stand, bis das Publikum endlich in einem wahren Chaos der schauerlichsten Töne sein Mißfallen zu erkennen gab.

Der Stier wurde indessen durch Blutverlust und Hin- und Herhetzen so erschöpft, daß er den stets nutzlosen Anreizungen nicht mehr nachgeben wollte. Er wußte, die feige Schaar seiner Angreifer hielt ihm doch nicht Stand, und brüllend und den Boden scharrend blieb er in der Mitte der Arena stehen, und nahm geduldig einen ganzen Hagel kleiner Pfeile, Geschosse und Schwärmer hin, der von allen Seiten auf ihn einregnete.

Der Lärm und das Toben der unbefriedigten Zuschauer wuchs jetzt dermaßen, daß Einer der Leute dem Stier einen Lasso um die Hörner warf und ihn dem wieder geöffneten Eingang zuzog, durch den er mit ihm unter dem Pfeifen und Zischen der Versammelten verschwand.

Unter den Letzteren zeichnete sich besonders ein Indianer aus — ein schlanker, schöngewachsener Bursche, in der malerischen mexikanischen oder californischen Tracht, mit kurzer Jacke und an den Seiten offenen Hosen, einen breiträndigen, mit Wachstuch überzogenen Hut auf dem Kopf, der, eine volle Flasche in der linken Hand, eben auf eine der Bänke gesprungen war und die feigen „Matadoren“ auf jede mögliche Art und Weise verhöhnte.

„Caracho compañero“ schrie ihm endlich Einer der von San Francisco dazu herüber gekommenen Stierkämpfer trotzig zu — „mach’s besser wenn du kannst, aber steh’ und brülle da nicht, als ob du das Hirn verbrannt hättest an deinem agua ardiente[3]. Schreien kann Jeder,“ und in den Bart, als er sich wandte, murmelte er: „rothe, verdammte Bestie, ich wollte er spränge herunter zum nächsten Stier.“

„Zeig’ du’s ihnen einmal, Valentin, wie man’s machen muß,“ wandten sich jetzt aber auch einzelne von den Einwohnern der Mission, die den Indianer und seinen tollen Muth kannten, an den Eingebornen, der, als der beste Reiter und Lassowerfer sich selbst unter den Californiern einen Ruf erworben hatte.

„Zeig’ ich ihnen?“ erwiederte der halbcivilisirte Indianer mit einem verächtlichen Lachen in ziemlich reinem, nur wenig gebrochenem Spanisch — „zeig’ ich ihnen? und weshalb? — Mexikaner haben die Unzen — viel Unzen — Valentin hat Nichts — zerreißt seine Kleider, zerbricht seine Flasche — pah, wofür? — Für weiße Männer über Valentin zu lachen — laß’ die Matadoren kämpfen.“

„Aber sie können nicht!“ antworteten ihm Stimmen von fünf, sechs verschiedenen Seiten.

„Bah, es sind Stierkämpfer und nehmen Geld dafür,“ lachte der Indianer, „und die Weißen kommen in Schaaren und werfen es ihnen in den Hut — Stierkämpfer, ha, ha, ha, caracho, sie wagen es nicht einmal sich einem Kalb entgegenzustellen — Valentin ist zu gut für sie.“

Der Indianer warf den Kopf verächtlich zurück und seine edle Gestalt hob sich in dem Selbstgefühl der eigenen Kraft und Geschicklichkeit. Da fiel sein Blick auf die Flasche, die er, in dem Unwillen über die hölzernen Stierkämpfer fast vergessen, noch in der Hand trug, und mit einem heiseren, triumphirenden Lachen den Hals derselben an seine Lippen bringend, sog er in gierigem Zug den heißen, scharfen Trank durch die Kehle.

Das Jubelgeschrei der Menge unterbrach ihn, und wandte seine Aufmerksamkeit der Arena zu, in die jetzt, frei und ungehindert ein kohlschwarzer, wilder Stier getrieben und seinen Peinigern wieder übergeben wurde.

Der neue Stier war von ungemein starkem und kräftigem Wuchs und von trotzig finsterem Aussehen, was besonders durch die dichten und dunklen Haarbüschel verstärkt wurde, die über seinen Augen standen. Er strafte denn sein Aussehen auch keineswegs Lügen, und den Sand über sich werfend, daß er wie eine dichte Wolke auf ihm lag, wühlte und stampfte er den Boden mit Nase, Horn und Vorderhuf, und suchte brüllend den ersten Feind, seine Wuth an ihm auszulassen.

Auf einen Angriff sollte er auch nicht lange zu warten haben, denn zwei der mexikanischen Stierkämpfer in ihren kurzen bunten Jacken und Hosen, sprangen gegen ihn an, und suchten ihn irr zu machen und seine Wuth Einer vom Anderen abzulocken. Wenn er aber auch im Anfang vielleicht eine halbe Minute zu zögern schien, welchen er zuerst annehmen solle, dauerte diese Ungewißheit doch nicht lange, denn er warf sich gleich darauf in blinder Wuth auf den ihm nächsten, und trieb ihn wieder unter dem Hohngeschrei der Zuschauer, auf und über die Fenz, während sich der Andere, der jetzt wohl fürchten mochte, daß der ganze Zorn des Thieres gegen ihn allein gekehrt werden würde, langsam nach dem Eingang zurückzog, dort überzuklettern.

War dies langsame Zurückziehen eine Art von Ehrgefühl gewesen, die ihn verhinderte, dem zum Kampf aufgerufenen Gegner ohne weiteres wieder den Rücken zu drehen, so sollte das gar bald dem neuen Gefühl der Rettung Raum geben, denn das gereizte Thier sah, den Kopf wendend, kaum die langsam ihm ausweichende Gestalt, als er die Hörner niederbog, den Staub aufwühlte und mit kurzem Gebrüll und hoch und kampflustig gehobenem Schwanz in so tollem Anprall gegen den Flüchtigen losstürmte, daß dieser nicht einmal Zeit behielt die Fenz zu erklettern, sondern nur eben noch rasch zur Seite sprang, von den Hörnern des wüthenden Thieres nicht erfaßt und zerquetscht zu werden.

So gewaltig war aber die Kraft und Schwere gewesen, die der Stier in diesen Angriff gelegt, daß die starken Querhölzer der Fenz ihm nicht zu widerstehen vermochten. Wie morsche Breter brachen sie zusammen, und wenige Minuten später stürmte das entfesselte freie Thier mitten in eine Schaar müßiger entsetzter Zuschauer hinein, die, sich eines solchen unerwarteten Angriffs nicht versehend, wie Spreu im Sturm auseinanderstoben, und es wieder nur den verschiedenen Richtungen zu verdanken hatten, in denen sie abprallten, daß das wüthende Thier nicht Einen von ihnen überholte und auf die Hörner faßte.

Lautes Gelächter und ein Hohngeschrei der auf den erhöhten Plätzen sich sicher fühlenden Menge übertäubte im ersten Moment der Flucht jeden andern Laut. Nur Einer vielleicht von der ganzen Schaar stampfte in tollem Unmuth die Breter und schrie sein verächtliches caracho nieder auf die unten entsetzt stehenden Stierkämpfer, die jetzt, in ihrer bunten, wunderlich geschmückten Tracht, und ohne den Stier, allerdings eine gar traurige Rolle spielten. Es war der Indianer.

Sein erstes Gefühl schien auch, von der Terasse niederzuspringen und irgend, vielleicht sich noch nicht einmal recht bewußten Theil an der unten vorgehenden Handlung zu nehmen, und in diesem Drang wollte er schon die Flasche von sich werfen, als ihn ein gewisser Instinkt davon zurückhielt. Rasch und unentschlossen hob er sie gegen das Licht, und schaute sich wenige Secunden im Kreis um, als ob er Jemanden suche, dem er sie anvertrauen könne. Aber er fand Niemanden, denn die Gesichter waren ihm theils fremd, theils vielleicht nur zu gut bekannt. Da fiel sein Blick auf das flüchtige Thier, das eben an dem alten Missionsgebäude vorbeistürmte, den fernen Bergen zu, und im Nu hatte er die Flasche an den Lippen, goß sich den heißen Strom in die Kehle, bis ihm die Augen im Kopfe glühten, und sprang dann, die leere Flasche von sich werfend, mit einem Satz über das Gestell hinweg, das ihn vom Boden trennte. Zwei oder drei der dort Stehenden rannte er zu Boden, aber er sah es weder, noch hörte er die Flüche, die hinter ihm drein klangen, nur sein Pferd suchte das blitzende Auge. Dort an der Ecke stand es befestigt, und still wie ein Lamm in dem Lärm und Aufruhr der es umgab; aber seines Herrn Hand lag auf seiner Mähne und das kluge, schöne Thier spitzte die Ohren.

„Vamos chiquito,“ lachte der Indianer, als er mit der linken Hand den Zaum von dem Kopf des Thieres streifte, es war ihm zu viel Mühe den Zügel zu lösen, und zurückzunehmen — vamos mi bonito — und dahin flog das Roß, von dem Schenkeldruck des wilden Reiters gelenkt, wie der Pfeil von der Sehne. Schnaubend und wiehernd warf es den Staub empor hinter sich, und die einzelnen Gruppen Flüchtiger, die dem Stier eben ausgewichen, wußten kaum wie sie den herandonnernden Hufen entgehen sollten. Aber im Nu war’s vorbeigerast — des Indianers scharfer Blick entdeckte das flüchtige Thier, wie es eben den grünen Rasen berührte, der zwischen der Mission und den Küstenhügeln lag, und mit der Rechten den Lasso von seinem Sattel lösend, trieb er mit Zunge und Hacken das schäumende Roß zu immer wilderer Eile.

Fünf oder sechs Reiter, die dort gerade in der Nachbarschaft gewesen, hatten schon versucht dem Stier die Flucht abzuschneiden, der sumpfige Boden aber, über den er floh, hielt sie zurück, und sie kreuzten jetzt des Indianers Pfade, um die Mission herum zu galopiren und den Entsprungenen weiter oben einzuholen.

Der Indianer stieß einen wilden Jubelschrei aus und sprengte gerade auf die Kirchhofsmauer zu.

„Hierher, compañero!“ rief ihm einer der Amerikaner zu; „du kannst dort nicht hinüber!“

Ein heiseres Lachen war Valentins einzige Antwort, und mit einem Satz überflog der Rappe die Mauer und verschwand mit dem wilden Reiter im Innern des Kirchhofs.

„Damn my soul!“ fluchte der Amerikaner still in sich hinein und gab seinem Thier Sporn und Peitsche, rasch um die Mauer hinumzukommen. Aber Valentin war schon wieder draußen im Freien und das wackere Roß das er ritt, entdeckte kaum, jetzt dicht vor sich, den flüchtigen Stier, als es mit schnaubenden Nüstern ausgriff zum wohlbekannten Fang. Wenige Secunden später, und das Pferd war dicht hinter ihm, der Reiter aber, den Lasso in weiter Schwingung zwei oder dreimal um den Kopf wirbelnd, bog sich vor, und die Schlinge zuckte aus seiner Hand. In dem Moment aber auch, und nur von dem Schenkeldruck des Eingeborenen berührt, warf sich das Pferd herum und stemmte sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen den nur zu gut gekannten Wurf des Gefangenen. Der Stier that noch zwei Sprünge mit voller, zum Aeußersten getriebener Kraft, denn er fühlte die furchtbare Schlinge über sich, jetzt aber, in dem letzten Bereich des unzerreißbaren Taues zog dieses an, und das gefangene Thier stürzte mit fast gebrochenem und nach rückwärts gerissenem Nacken dumpf blökend zur Erde nieder.

Jetzt erst kamen die andern Reiter heran, und einer der Californier hob ebenfalls den Lasso, die Hörner des Gefangenen zu fassen, damit das Thier, desto sicherer zwischen beiden Reitern, gegen keinen den Angriff ausführen könne, ohne von dem Andern zurückgehalten zu werden; Valentin aber, durch den Cognac schon vorher und die glückliche Jagd jetzt erregt, warf seinen Arm empor und winkte dem zweiten Reiter, den Stier in Ruhe zu lassen. Nur den Hals seines schnaubenden, zitternden Thieres klopfend, erwartete er mit triumphirendem Lächeln die nächste Bewegung des gefangenen, aber keineswegs gebändigten Feindes.