Der Erbe.


Roman
von
Friedrich Gerstäcker.

Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.

Dritter Band.


Jena,
Hermann Costenoble.
1867.

Inhaltsverzeichniß.

Seite
1.Neue Fäden[7]
2.Die Haussuchung[34]
3.Das Verhör[72]
4.Das gnädige Fräulein[98]
5.Rathlos und Rath Frühbach [126]
6.Auf dem Criminalamt[161]
7.Nach allen Seiten[189]
8.Vor den Geschworenen[218]
9.Der Erbe[250]
10.Bruno[277]
11.Eine Scheidung[305]
12.Schluß[324]

1.
Neue Fäden.

Staatsanwalt Witte ging in einem wahren Sturmschritte auf das Amt hinauf, denn er hatte in der That keinen Moment Zeit mehr zu versäumen. Er kam dort auch wirklich im letzten Augenblick an, war aber heute – und zwar ganz gegen seine sonstige Gewohnheit – so zerstreut, daß er sich ordentlich vor sich selber schämte und nur gewaltsam alle anderen Gedanken abschüttelte, bis er sein Geschäft beendet hatte.

Es war freilich nicht zu verwundern, denn die eben gemachte Entdeckung mit ihren nach allen Seiten hin auszweigenden Folgen wollte ihm nicht aus dem Kopf, und jemehr er darüber nachdachte, desto größere Schwierigkeiten schienen sich dem rechtmäßigen Erben in den Weg zu stellen.

Wer wußte um die Sache? Niemand als das schlaue Weib, die Heßberger, und jedenfalls ihr Mann, und von denen war kein Geständniß zu erwarten, während sich der alte Baron und besonders seine Schwester erst recht nicht so weit compromittiren würden, einen beabsichtigten Kindertausch der Erbschaft wegen zuzugeben. Die Frau Baumann stand mit ihrer Erzählung ganz allein, und wenn er auch jedes Wort davon glaubte, so würde Herr Bruno von Wendelsheim doch sicher sein Recht fest behauptet und die Erbschafts-Commission ihn dabei nur unterstützt haben. Es wäre, beim Himmel, am Ende gar ein zweiter Fall geworden, wie der mit dem Major und der Madame Müller aus Vollmers, und er konnte sich dabei als Staatsanwalt unsterblich blamiren.

Und der eigentliche Erbe von fast einer halben Million, zu welcher Summe das Capital durch die langjährigen Zinsen aufgelaufen war, saß indeß fest hinter Schloß und Riegel, auf Verdacht eines Mordes oder Raubanfalles hin, den er nie verübt hatte. Witte mußte wenigstens wissen, wie es mit dieser Sache stand, und ging deshalb, sobald er seine eigenen Geschäfte erledigt sah, zum Actuar Bessel, der die Leitung der Angelegenheit übernommen hatte.

Als er zu diesem in das kleine Zimmer trat, fand er ihn nicht allein, sondern den Rath Frühbach bei ihm, und dieser mußte ihm wahrscheinlich schon eine Anzahl merkwürdiger Geschichten aus Schwerin erzählt haben, denn Witte hörte gerade noch, als er die Thür öffnete, wie der Actuar sagte:

»Aber ich bitte Sie, mein lieber Herr Rath, daß Sie zur Sache kommen, denn ich bin wirklich beschäftigt.«

»Ja wohl, Herr Actuar, mit Vergnügen – ah, unser Staatsanwalt, der kann mir gleich seinen guten Rath in der Sache geben.«

»In welcher, wenn ich fragen darf?« sagte Witte, eben nicht besonders erbaut von dem Begegnen, denn er wußte aus Erfahrung, wie schwer es manchmal hielt, von dem gefährlichen Menschen wieder abzukommen, während Alles, was er vorbrachte, selten oder nie das geringste Interesse für irgend Jemanden haben konnte.

»Denken Sie nur,« fing der Rath an, »da kaufe ich mir neulich ein Stück Hosenzeug, und meine Frau soll es zum Schneider geben, zu welchem Zweck ich es hinaus in unsern Vorsaal lege; wie es aber die Henriette fortbringen will, ist es nicht mehr da – fort und gestohlen!«

»Und haben Sie Verdacht auf Jemand Bestimmtes?«

»Ja, hören Sie nur – es waren uns in der letzten Zeit schon verschiedene Sachen weggekommen: ein silberner Löffel, noch von meiner ersten Aussteuer her, dann ein neusilberner Serviettenring, den aber der Dieb wohl ebenfalls für Silber gehalten hatte, und verschiedene andere Kleinigkeiten; aber es gehen so viele Menschen bei uns aus und ein, daß ich eigentlich keinen bestimmten Verdacht fassen konnte.«

»Also wollen Sie hier blos die Anzeige machen, daß Ihnen ein Stück Hosenzeug gestohlen oder abhanden gekommen ist,« sagte der Actuar, der anfing ungeduldig zu werden.

»Bitte, hören Sie nur weiter,« fuhr Frühbach mit der größten Ruhe fort. »Das Hosenzeug hatte ein sehr leicht kennbares Muster, blau, grün und roth carrirt – meine Frau liebt die Farben besonders –, und ich mache mich also auf, um hieher auf die Polizei zu gehen und den Thatbestand anzuzeigen. Wie ich nun so die Kreuzstraße heruntergehe und immer noch an das gestohlene Hosenzeug denke, denn die Sache war mir sehr ärgerlich, sehe ich plötzlich einen Menschen vor mir hergehen, der genau dasselbe Zeug trägt.«

»Unter dem Arme?«

»Bitte um Verzeihung, an den Beinen; er hatte sich schon ein Paar Hosen – wie ich vermuthen mußte – davon machen lassen, und ich eilte nun, wie Sie sich wohl denken können, so rasch als möglich hinter ihm her.«

»Erkannten Sie denn den Mann? Wer ist es?«

»Ja, hören Sie nur weiter. Ich bin doch gewiß gut auf den Füßen, und ich erinnere mich, daß mir einmal in Schwerin....«

»Aber ich muß Sie wirklich bitten, bei der Sache zu bleiben; ich habe mit dem Herrn Staatsanwalt noch etwas Nothwendiges zu besprechen.«

»Nun, es fiel mir nur gerade ein. Also, wo war ich denn stehen geblieben? Ja, ganz recht, wie ich hinter dem Manne herlief, und als ob er's gewußt hätte – er hatte sich aber noch nicht ein einziges Mal nach mir umgedreht –, hob er die kurzen Beine und eilte, was er konnte, die Straße hinunter, ich immer hinter ihm her; ich sage Ihnen, ich habe transspirirt, der Rock klebt mir noch auf dem Leibe. Plötzlich bleibt er vor einem Schuhmacherladen stehen, und wie ich herankomme, wer ist es? Der Schuhmacher Heßberger.«

Der Staatsanwalt Witte, in aller Verzweiflung über die bodenlos langweilige Erzählung, war an das Fenster getreten, sah durch die Gitterstäbe nach dem düstern Hof hinunter und trommelte ungeduldig mit den Fingern an den Scheiben. Erst wie der Name Heßberger genannt wurde, drehte er sich wieder um; denn sonderbarer Weise hatte auch er gegen den nämlichen Menschen, den er seiner bigotten Heuchelei wegen nicht leiden konnte, einen Verdacht gefaßt. Jedes Mal wenigstens, wenn er gerade im Hause gewesen war, fehlte irgend etwas, und wenn es auch nur eine Kleinigkeit sein sollte, und daß der Schuster eine stille Leidenschaft für silberne Löffel hege, war ihm mehr als einmal in den Sinn gekommen.

»Und hat der Heßberger überhaupt Ihr Haus betreten?« fragte der Actuar.

»Oft; jede Woche fast einmal,« rief der Rath, »und kurz vorher, ehe das Zeug abhanden kam, war er bei uns gewesen.«

»Und haben Sie ihn zur Rede gestellt?«

»Ich werde mich hüten,« entgegnete Rath Frühbach mit einem Blick auf den Staatsanwalt; »daß er nachher wieder hingeht und mich verklagt, nicht wahr, und ich in die unangenehmsten Situationen komme? Alles schon da gewesen, und in Schwerin einmal....«

»Aber machten Sie denn nicht wenigstens einen Versuch, etwas von ihm zu erfahren? Redeten Sie ihn nicht an?«

»Nun, das können Sie sich doch wohl denken; aber ich versuchte der Sache von der andern Seite beizukommen. Ich bewunderte seine Hose und fragte, wo er das Zeug dazu gekauft habe.«

»Und da? – wurde er verlegen?«

»Gott bewahre! Er nannte mir einen Kaufmann, ganz in der Nähe, und erbot sich, mich hinzuführen«

»Sie gingen doch?«

»Gewiß ging ich mit ihm in den Laden. Dort berief sich der freche Mensch aber ganz keck auf das Zeug, das er da gekauft hätte, zeigte das Muster und verlangte von demselben für mich, und die Verkäufer im Laden schienen ihn zu kennen und brachten mir richtig den nämlichen Stoff.«

»Nun,« sagte der Actuar, »dann ist die Sache sehr einfach und er hat Ihnen das Hosenzeug nicht gestohlen, sondern es wirklich in dem Laden gekauft.«

»Bitte um Verzeihung,« sagte in diesem Augenblick der Staatsanwalt, der aber hinter Frühbach's Rücken dem Actuar zublinzte, daß er ihn solle gewähren lassen – »die Sache kann sich denn doch anders verhalten, und aufrichtig gesagt, glaube ich, daß Rath Frühbach dieses Mal auf der richtigen Fährte ist.«

»Aber es schien wirklich, als ob er das Zeug dort gekauft hätte,« meinte der Rath.

»Wie hieß der Kaufmann?«

»Tuchladen Magnus und Compagnie am unteren Markte.«

»Hm – das sind die nämlichen Leute, die noch gar nicht so lange einen sehr bedenklichen Concurs anzeigten.«

»Und Sie glauben wirklich....«

»Daß Sie durch einen höchst merkwürdigen Zufall den richtigen Mann getroffen haben, allerdings, und das macht ihrem Scharfblick Ehre, lieber Rath.«

»Mein bester Herr Staatsanwalt....«

»Ueberlassen Sie mir die Sache, um sie nach besten Kräften zu verfolgen, und ich verpfände Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie Ihr Hosenzeug wiederbekommen sollen.«

»Aber er hat sie ja schon an....«

»Nun gut, dann wenigstens den Werth des Stoffes ersetzt erhalten. Ich glaube selber, daß dieser Heßberger ein nichtsnutziger Bursche ist, und hat er den Diebstahl wirklich verübt, so wollen wir ihm dieses Mal schon beikommen.«

»Und was habe ich dabei zu thun?«

»Gar nichts; sollte ich Sie noch brauchen, so schicke ich heute Abend zu Ihnen hinaus. Sind Sie zu Hause?«

»Gewiß; gegen Abend gehen wir ein wenig im Garten spazieren und um halb neun Uhr legen wir uns in's Bett.«

»Das ist früh; aber so spät schicke ich keinenfalls.«

»Und Sie meinen wirklich, Herr Staatsanwalt....«

»Daß Sie Ihr Hosenzeug ersetzt bekommen; ich habe es Ihnen garantirt.«

»Dann bin ich mit Allem einverstanden,« sagte Frühbach und streckte ihm die Hand entgegen. »Und jetzt will ich gleich nach Hause gehen und es meinem Frauchen sagen, daß ich den Dieb selber entdeckt habe – die wird sich freuen. Angenehmen Nachmittag, meine Herren!« Und vergnügt vor sich hin schmunzelnd verließ der Rath das Zimmer.

Der Actuar hatte, seit ihm Witte zugewinkt, kein Wort mehr in die Sache hineingesprochen, denn er konnte ja auch gar nicht wissen, welchen Zweck der Staatsanwalt dabei verfolge. Er schüttelte aber vor sich hin mit dem Kopf, denn wenn jener Heßberger wirklich einfach bewies, daß er das Zeug in jenem Laden gekauft habe – und das schien schon geschehen zu sein –, so war es doch gar nicht denkbar, in dieser Sache gegen ihn vorzugehen. Kaum hatte der Rath die Thür hinter sich in's Schloß gezogen, als er sich deshalb auch an Witte wandte und ihn fragte, was er in der unklaren Geschichte zu thun gedächte.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Actuar,« erwiederte der Staatsanwalt: »daß der Heßberger das Hosenzeug gestohlen hat, glaube ich, nach der Bereitwilligkeit, mit welcher er den Rath in den Laden führte, selber nicht; aber meiner moralischen Ueberzeugung nach ist der Schuhmacher ein vollkommen nichtsnutziges Subject, bei dem ich schon lange auf eine Gelegenheit gewartet habe, um ihm einmal beizukommen, und die bietet sich jetzt in vortrefflicher Weise durch unsern Rath Frühbach; der soll mir die Kastanien aus dem Feuer holen.«

Der Actuar lachte. »Aber was wollen Sie thun?«

»Haussuchung bei Heßberger's halten, und zwar einfach auf Anklage Frühbach's hin. Findet sich dann nichts, so mag er den Rath immerhin wegen Ehrenbeleidigung oder sonst was verklagen.«

»Aber Sie können den armen Rath dadurch in schmähliche Verlegenheit bringen, und er wird es Ihnen wenig Dank wissen.«

»Bah,« sagte Witte, »ich habe ihm erst neulich aus einer ganz ähnlichen herausgeholfen, und da mag er denn Eins gegen das Andere abrechnen. Uebrigens muß ich Ihnen gestehen, Actuar, daß gegen diesen Heßberger in mir ein ganz eigener und schwerer Verdacht aufgestiegen ist. Ich habe nämlich heute Morgen das Protokoll durchgeblättert, das Sie beim alten Salomon aufgenommen haben und mir zuschickten. Seine Aussagen sind allerdings vollständig unbestimmt, seine Personalbeschreibung des Mörders würde auf tausend Menschen in der Stadt passen; aber etwas habe ich darin gefunden, das mich stutzig machte. Er erwähnt, daß der Mann, der schon ein paarmal bei ihm im Laden gewesen, sonderbare Ausdrücke beim Reden gebraucht. Das thun nun allerdings ebenfalls viele Leute, aber bei diesem Heßberger ist es mir besonders aufgefallen, und es wäre doch merkwürdig, wenn wir dadurch auf die richtige Spur kämen.«

»Aber Sie glauben doch nicht, daß der kleine Heßberger....«

»Man kann keinem Menschen in's Herz sehen; übrigens weil ich eben nichts Bestimmtes weiß, kam mir der Rath mit seiner Klage gerade recht.«

»Und Sie haben ihm den Erfolg schon garantirt....«

»Nichts weiter als den Ersatz seines Hosenzeugs,« sagte Witte, »das sich nicht so hoch belaufen wird, wenn der Schuhmacher Heßberger den nämlichen Stoff trägt. Das Schlimmste, das mir also passiren kann, ist, daß ich dem Rath seine Hosen bezahle. Aber was ich Sie fragen wollte, wie steht es mit dem jungen Baumann?«

Der Actuar zuckte mit den Achseln. »Der alte Salomon,« sagte er, »will allerdings nichts von ihm gesehen haben und behauptet, daß er vollkommen unschuldig wäre; aber ich kann mich noch nicht überzeugen, daß dessen Aussage allein maßgebend sein sollte, da es doch nicht wahrscheinlich ist, daß ein Mensch allein wagen sollte, etwas Derartiges zu unternehmen. Baumann kann möglicher Weise draußen an der Thür Wache gestanden haben.«

»Aber dann wird er doch wahrhaftig nicht selber an die Thür pochen und um Hülfe rufen!«

»Es ist noch immer nicht ganz sicher festgestellt, daß er das auch wirklich gethan hat, denn wir haben dafür nur seine eigene Aussage.«

»Und die Leute aus der Nachbarschaft? Sind sie denn nicht allein auf den Hülferuf herbeigekommen?«

»Allerdings; aber es kann auch Jemand anders gerufen haben.«

»Sie sind unverbesserlich, Actuar, und indessen erzählen sich die Leute in der Stadt, daß der junge Baumann am Freitag geköpft werden sollte.«

»Sie überschätzen die Eile unseres Gerichtsverfahrens,« sagte der Actuar trocken; »wenn er wirklich verurtheilt wäre, könnte das noch immer sechs Monate Zeit haben.«

»Und seine Familie – was muß die dabei empfinden?«

»Mein lieber Staatsanwalt,« sagte der Actuar erstaunt, »Sie wissen doch am besten, daß wir hier auf der Polizei keine Gefühlspolitik treiben, sondern unsern ruhigen Geschäftsgang gehen.«

»Nein, Actuar, Sie haben recht,« sagte Witte; »entschuldigen Sie, daß ich Ihnen Uebermenschliches zutraute!«

»Und wann wollen Sie die Haussuchung vornehmen?«

»Gleich heute Abend. Sie haben vielleicht die Güte, mir die Leute zu besorgen; bis wann sind Sie Abends hier?«

»Jedenfalls bis sieben Uhr; später ist es ungewiß, obgleich ich heute wahrscheinlich etwas länger aufgehalten werde.«

»Also auf Wiedersehen, Actuar!« sagte der Staatsanwalt und stieg, über seinen neuen Plan brütend, die Treppe hinunter.

Daß er den Rath Frühbach, wenn sie wirklich nichts Gravirendes beim Schuhmacher Heßberger fanden, in die Gefahr brachte, von dem Schuster wegen Ehrenkränkung verklagt und nachher auch vom Gericht verurtheilt zu werden, wußte er recht gut; aber das machte ihm nicht die geringste Sorge. Frühbach selber hatte das mehr als reichlich durch sein Benehmen bei der Wittwe Müller verdient, und wie die Sachen gegenwärtig standen, ärgerte er sich, daß er damals auf so albern gutmüthige Weise den Vermittler gespielt. Wie aber das Alles wunderbar zusammenhing! Der Major, welcher schon seit Jahrzehnten an der Erbschaftssache bohrte und die lange Zeit daneben getappt hatte, schien jetzt doch die, wenn auch indirecte, Ursache zu sein, daß die Frau Baumann das Geständniß abgelegt; denn die Angst hatte sie geplagt, daß die so lang verheimlichte Sache nun doch vor Gericht käme. Wenn der jetzt wüßte, wie Alles stände, in welche Aufregung würde er gerathen! Es war aber besser so, denn möglicher Weise hätte er mehr verdorben, als gut gemacht. Was konnte er auch in der Sache thun und welches Interesse hatte er dabei, da es seine Ansprüche nicht im geringsten unterstützte? Ein Erbe war jedenfalls da, ob der nun Bruno oder Friedrich hieß, und nur gegen die Nachfolge einer Tochter würde er seine vermeintlichen Rechte haben geltend machen können.

Mit den Gedanken schlenderte Witte die Straße hinab und bog fast unwillkürlich in die Seitenstraße ein, an welcher das Baumann'sche Haus lag. Er hatte der Frau versprochen, dort vorzukommen, und wollte sein Wort halten.

Welche traurige Veränderung war aber heute in dem sonst so thätigen Hause vorgegangen.

Als Baumann seine Frau vermißte, lief er, mit der Todesangst im Herzen, sie könne sich in der Aufregung ein Leid anthun, so rasch ihn seine Füße trugen, nach dem Fluß hinunter und fragte dort hin und her, ob Niemand ihr begegnet sei oder sie gesehen habe. Umsonst – dorthin konnte sie auch nicht gewandert sein, denn an der Brücke wurde gerade gearbeitet; eine Menge Menschen gingen dort ab und zu, und unbemerkt wäre sie keinesfalls vorüber gekommen. Aber wo war sie sonst? Karl mit dem Uebrigen sollte die Stadt absuchen, vielleicht begegnete er ihr, und Baumann machte sich indessen fortwährend die bittersten Vorwürfe, daß er sie in dem Zustand allein gelassen habe. Was wußte der derbe Schlossermeister aber auch von Ohnmachten und deren Folgen? Die waren in seiner Familie nie heimisch gewesen und er kannte sie kaum dem Namen nach.

Als er aber wieder nach Hause kam und Niemand dort etwas von ihr wußte, als selbst Karl endlich heimkehrte, ohne auch nur eine Spur von ihr gefunden zu haben, überlief es ihn ordentlich siedend heiß, und er wollte eben wieder fort, und jetzt zwar direct auf die Polizei, um dort die Anzeige zu machen und um Hülfe zu bitten, als seine Kathrine plötzlich in die Thür der Werkstätte trat und erstaunt die Verwirrung betrachtete, die in dem Raum herrschte.

»Kathrine, um Gottes willen, wo bist Du gewesen, Frau?« rief ihr der alte Meister in Jubel und Angst zugleich entgegen. »Wie haben wir uns um Dich gesorgt und in der ganzen Stadt nach Dir gesucht!«

»Nach mir?«

»Nun versteht sich; Du warst ja auf einmal wie von der Erde verschwunden und kein Mensch wollte Dich gesehen haben. Wo warst Du denn?«

»Meine Elise, mein kleines, liebes Herz!« rief die Mutter, als das Kind, welches ihre Stimme gehört hatte, jauchzend aus dem Zimmer heraus und auf sie zu flog. Sie kauerte sich neben ihm am Boden nieder und küßte ihm wieder und wieder das lockige Haupt. »Wo ich war, Vater?«

»Ja, Mutter, Du hast uns große Sorge gemacht. Als ich mit dem Arzt kam, warst Du fort.«

»Mit dem Arzt?«

»Nun natürlich – Du lagst ja wie todt, und ich wußte mir nicht zu helfen.«

»Guter Gottfried,« sagte die Frau weich, »so viel Angst hast Du meinetwegen ausgestanden, und ich...«

»Aber wo bist Du nur gewesen, daß Dir Niemand von uns begegnet ist?«

»Komm' mit hinein in die Stube, Gottfried, Du sollst Alles wissen, ich habe Dir viel, sehr viel zu sagen; aber Niemand weiter darf es hören, als Du...«

»Ich begreife Dich gar nicht,« sagte der Mann kopfschüttelnd, »seit ein paar Tagen bist Du ganz wie verwandelt.« – Die Frau antwortete ihm nicht darauf.

»Weshalb ist die Else nicht in der Schule?«

»Aber wir haben ja heute Mittwoch, Mama,« lachte das Kind, das sich rasch wieder beruhigt hatte; »weißt Du denn das nicht?«

»Ja so, Du hast recht; nun gut, Else, dann geh' einen Augenblick in das Gärtchen, Kind, und sieh zu, ob Du für Mutter noch ein Veilchen finden kannst. Du darfst auch in dem Sande spielen, den der Mann gestern gebracht hat, und baue Dir wieder solch' einen kleinen Hof darin, wie gestern Abend.«

»Ei, das ist prächtig!« rief die Kleine jubelnd aus und sprang hinaus, um von der willkommenen Erlaubniß Gebrauch zu machen.

Baumann aber betrachtete indessen kopfschüttelnd seine Frau, denn so ernst und feierlich war sie ihm noch nie in seinem Leben vorgekommen. Es mußte etwas ganz Ungewöhnliches sein, daß sie so ergriffen hatte.

Aber die Frau ließ ihn auch nicht lange mehr auf die Erklärung ihres sonderbaren Wesens warten. Sie folgte dem Kinde mit den Augen, so lange sie es sehen konnte; kaum aber war es durch die in den Hof führende Thür verschwunden, als sie den Mann an der Hand ergriff und mit sich in das kleine Zimmer neben der Werkstatt führte.

Dort schüttete sie ihm ihr ganzes Herz aus; dort sagte sie ihm Alles, Alles, was sie dem Staatsanwalt gebeichtet, nur noch ausführlicher, noch klarer, noch mehr auf ihre eigenen Gefühle eingehend, aber nichts verschweigend oder mildernd, voll so, wie sie das Gewicht ihres Vergehens die langen Jahre niedergedrückt. Dort hing sie schluchzend an seinem Halse, dort lag sie vor ihm auf den Knieen und preßte ihr Haupt an seine Brust.

Und Baumann saß vor ihr, bleich und starr, als ob er aus Stein gehauen wäre, beide Hände fest geballt auf die Lehne des Stuhles, und nur das Zucken in seinem Antlitz, die kalten Schweißtropfen auf seiner Stirn zeugten davon, daß er lebe. Er erwiederte ihr auch kein Wort, keine Liebkosung; er richtete keine Frage an sie, beantwortete keine. Wie in einem Starrkrampf hielt ihn das Furchtbare, das er eben vernommen, gefangen, und als die Frau endlich still weinend aus dem Zimmer schlich, folgte er ihr nicht einmal mit dem Blick, sondern hielt das Auge fest und unbeweglich, wie er die ganze Zeit gesessen, auf die Stubenecke geheftet.

So fand ihn Witte, als er fast zwei Stunden später das Haus betrat, nach dem Meister fragte und in die Stube gewiesen wurde; und er allein konnte sich denken, was vorgegangen war, was den sonst so starken, energischen Mann so vollständig gebrochen, so vernichtet haben mochte.

»Baumann,« sagte deshalb der Staatsanwalt freundlich, indem er die Thür wieder hinter sich zudrückte, dann auf ihn zuging und ihm die Hand auf die Schulter legte, »Ihre Frau war heute bei mir und hat mir Alles gestanden; ich begreife, daß Sie die Nachricht erschüttern mußte – es ist schlimm, aber doch nicht so schlimm, um gleich zu verzweifeln. Es kann noch Alles gut werden – die Sache ist in redlichen Händen; was ich für Sie thun kann, soll geschehen. Sie dürfen sich darauf verlassen.«

Der Mann antwortete ihm nicht, regte sich nicht oder gab auch nur das geringste Zeichen, daß er gehört hätte, es habe Jemand mit ihm gesprochen oder sei Jemand bei ihm. Witte betrachtete ihn kopfschüttelnd. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß der rauhe Handwerker so furchtbar von der Entdeckung ergriffen werden konnte, und doch saß er jetzt vor ihm wie ein Bild des starren, unbeweglichen Schmerzes, regungslos, nur mit schwer athmender Brust und zuckenden Lippen.

»Baumann,« begann Witte von Neuem mit freundlicher Stimme, »nehmen Sie sich die Sache nicht so zu Herzen. Ihre Frau hat gefehlt, ja, aber sie hat es aus freilich verkehrter Liebe zu ihrem Kind, und dann auch noch mehr überredet, als aus freiem Willen gethan. Jenes nichtsnutzige Geschöpf, die Heßberger, hat sie dazu getrieben. Und bedenken Sie, was sie die langen Jahre dafür an Angst und Reue über das Geschehene ausgestanden! Es liegt ja auch vielleicht den Gesetzen gegenüber noch nicht einmal ein Verbrechen vor, da sie es selber eingestanden, ehe ihr eigener Sohn den Nutzen der Täuschung ernten konnte. Wer weiß, ob ihr nur irgend eine Strafe auferlegt wird, wenn wir den Beweis führen können, daß sie in ihrem damaligen hülflosen Zustande wohl mehr gezwungen, als aus freiem, selbstständigem Willen, die Hand zu der Täuschung geboten hat. Wenn wir der Sache auf den Grund sehen, finden wir vielleicht noch Manches, das die That nicht so schwarz erscheinen läßt, als sie Ihnen vielleicht im ersten Augenblicke vorkam.«

Baumann rührte sich nicht. Wie er bisher gesessen, saß er noch, und eben so starr hing sein Blick an der Stubenecke, als vorher. Der Staatsanwalt kam wirklich in Verlegenheit, denn er war nicht einmal fest überzeugt, daß der Schlossermeister nur gehört, was er zu ihm gesagt.

»Lieber Baumann,« bat er endlich, »hören Sie mich nicht? Ich bin hieher gekommen, um Sie zu beruhigen; Sie sollen wissen, daß Sie noch einen Freund in der Stadt haben.«

Dem alten Schlossermeister tropften die großen, schweren Thränen aus den Augen, und als Witte jetzt seine Hand faßte, fühlte er den kräftigen Druck des Mannes.

»Was muß die Welt von mir denken,« hauchte er endlich mit vollkommen lautloser Stimme, »was muß die Welt von mir denken! Und wenn sie mich in's Zuchthaus stecken, hab' ich es nicht verdient?«

»Aber lieber, bester Baumann,« rief der Staatsanwalt, froh, nur erst einmal ein Lebenszeichen von ihm zu hören, denn das frühere starre Schweigen hatte ihn wirklich geängstigt – »was machen Sie sich für tolle, nutzlos tolle Gedanken! Glauben Sie, daß irgend ein Mensch in der Stadt Ihnen auch nur einen Gran von Schuld beimessen wird?«

»Und meine Frau, mit der ich die langen, langen Jahre glücklich gelebt – die ich auf den Händen getragen und geliebt und verehrt – Alles, Alles vorbei – Alles vorbei! Was hab' ich denn gethan, daß ich so hart gestraft werden mußte?«

»Es ist noch nicht vorbei, Baumann,« suchte ihn der Staatsanwalt zu trösten, »es ist noch lange nicht vorbei, und danken Sie Gott, daß Ihre Frau sich noch in der letzten Stunde ein Herz gefaßt hat, um ihr Vergehen zu bekennen und es dadurch wieder, so weit es wenigstens in ihren Kräften stand, gut zu machen. Wer kann sagen, wie sich noch Alles zum Besten gestaltet? Ihr ganzes bisheriges Leben muß auch für sie sprechen und sie entschuldigen oder dem Richter doch wenigstens beweisen, daß er es, so weit es nämlich Ihre Frau betrifft, mit keinem Verbrechen zu thun hat. Hoffen Sie das Beste, und meine Hülfe, mein Beistand sind Ihnen dabei gewiß.«

»Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt,« sagte Baumann, indem er sich mit der breiten, hornigen Hand über die Stirn fuhr – es war die erste Bewegung, die er machte – »ich danke Ihnen von Herzen! Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen – aber es hilft Ihnen nichts. Vor den Gerichten könnten Sie die Frau vielleicht frei bringen, vor meinem eigenen Gewissen nicht. Sie hat es gethan, und wenn sie es nicht gethan hat, sie hat geduldet, daß es geschah, und mir, ihrem Manne, dem sie gelobt, kein Geheimniß vor ihm zu haben, die langen, endlosen Jahre das Furchtbare verschwiegen, daß sie ihm sein eigenes Kind verkauft!«

»Aber, Meister Baumann!«

»Verkauft – ich habe kein anderes Wort dafür,« sagte der Mann tonlos; »sie hat es verkauft, weil sie den Stand verachtete, in dem sie lebte und großgezogen war, weil sie etwas Besonderes, etwas Vornehmes aus ihrem Kinde machen wollte, und deshalb nur, deshalb allein wurde dem Vater die falsche Brut untergeschoben und dessen Herz von dem eigenen Sohne abgewandt!«

Der Staatsanwalt war selber in Verlegenheit, was er dem Mann darauf erwiedern sollte. Er hatte nur zu sehr recht, und er fühlte auch, daß ein Trost jetzt nach dem ersten Schmerz am unrechten Platz sein und vielleicht mehr schaden als nützen würde.

Eine lange Weile schwiegen Beide; endlich sagte Witte wieder: »Ueberdenken Sie sich die Sache diese Nacht; wir haben Zeit genug dazu, denn vor der Hand darf doch Niemand weiter darum wissen.«

»Was?« rief Baumann, ordentlich erschreckt emporfahrend, »und mir muthen Sie zu, das selber als Geheimniß zu bewahren, was...«

»Verstehen Sie mich nicht falsch,« unterbrach ihn der Staatsanwalt rasch; »nur auf vernünftige Weise müssen wir vorgehen, um das wieder gut zu machen, was gefehlt ist, und das kann nicht in der ersten Hitze und Aufregung geschehen, oder wir verderben, was wir bessern wollten. Kommen Sie morgen früh zu mir, so früh Sie wollen; ich stehe schon um sechs Uhr auf und arbeite. Dann besprechen wir Alles mit kaltem Blut; vorher aber geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie mit keinem Menschen weiter darüber reden wollen.«

»Mit keinem Menschen weiter?«

»Nein. Glauben Sie mir, ich rathe Ihnen zum Besten und bin selber ein alter Mann; ich werde von Ihnen nichts verlangen, was ich nicht mit gutem Gewissen verantworten kann. Morgen früh kommen Sie zu mir, und ich glaube bestimmt, daß wir einen Weg finden, um ehrlich und rechtschaffen das von Ihrer Seele zu nehmen, was Sie jetzt zu Boden drückt. Sind Sie damit einverstanden?«

Der Schlossermeister zögerte einen Augenblick mit der Antwort; endlich sagte er leise: »Gut, ich will Ihnen folgen, Herr Staatsanwalt; ich weiß, Sie meinen es ehrlich, und werden dafür sorgen, daß dem rechtmäßigen Erben nicht ein Groschen seines Rechts verkümmert wird. So weit ich selber mit meinem kleinen Vermögen ausreiche, etwa geschehenen Schaden zu decken, stelle ich mich Ihnen zur Verfügung – bis zu dem letzten Ziegel meines Daches. So weit bin ich erbötig, Alles gut zu machen, was fremde Leute betrifft. In meinem eigenen Hause werde ich selber Rechnung halten.«

»Sie werden nicht zu hart mit Ihrer armen Frau sein, Baumann.«

»Ich werde thun, was ich vor Gott und meinem Gewissen verantworten kann,« sagte der Mann ernst; »sorgen Sie sich deshalb nicht – und damit haben die Gerichte auch nichts zu thun – oder doch nur wenig,« setzte er leise und kaum hörbar hinzu.

»Also auf morgen früh!«

»Ich werde kommen – verlassen Sie sich darauf!« Und still und brütend sank er wieder in seinen Stuhl zurück.

Witte aber, der jetzt wohl einsah, daß heute mit dem Mann doch nichts mehr zu reden, und es das Beste sei, ihn sich selber zu überlassen, verließ langsam das Haus und schritt seiner eigenen Wohnung wieder zu.

2.
Die Haussuchung.

Zu Hause angekommen, überholte Witte auf der Treppe die Frau Räthin Frühbach, die im Begriff stand, seiner Frau einen Besuch zu machen. Sie war im höchsten Staat und strotzte von Seide, Sammetmanchester und unechten Spitzen.

»Ach, Frau Räthin,« sagte der Staatsanwalt nach der ersten Begrüßung, indem er eben in sein Zimmer abbiegen wollte, »kommen Sie von Hause, und können Sie mir sagen, ob Ihr Herr Gemahl dort ist?«

»Ach nein, Herr Staatsanwalt, das weiß ich wirklich nicht,« erwiederte die Dame; »ich habe noch einige Wege in der Stadt besorgt und bin dann gleich hieher gegangen. Aber mein Männi kommt um diese Zeit immer nach Hause – Sie finden ihn sicher.«

Männi nannte sie den Fleischklumpen, und der Staatsanwalt schüttelte den Kopf, erwiederte aber nichts, machte ihr eine halbe Verbeugung und trat in sein Schreibzimmer, um inzwischen eingelaufene Geschäfte zu erledigen.

Er wunderte sich allerdings im Stillen, die Frau Räthin hier zu sehen, denn sie kam sehr selten zu ihnen, und da er dem Dienstmädchen unterwegs begegnet war, das eine Düte mit Backwerk, das stete Zeichen einer Kaffee-Visite, trug, so mußte seine Frau auch auf den Besuch vorbereitet sein. Aber andere, wichtigere Dinge zogen ihm durch den Kopf, um sich lange mit solchen Nebensachen zu beschäftigen, und er hatte sie auch bald vergessen.

Sonderbarer Weise war aber von der Frau Staatsanwalt wirklich die Frau Räthin heute, und zwar ganz allein, zum Kaffee geladen worden, und das noch dazu einer wichtigen Besprechung und Unterredung wegen. Man wußte nämlich ziemlich genau in der Stadt, daß die Frau Räthin, vielleicht aus Mangel einer besseren oder andern Beschäftigung, sehr geschickt im Kartenlegen sei, und die Frau Staatsanwalt war zu dem Entschluß gekommen (von dem aber ihr Mann natürlich keine Silbe erfahren durfte), die geheimnißvollen Blätter mit Hülfe einer »Wissenden« zu befragen, da ihr die Polizei das gestohlene Silbergeschirr doch nicht wiederschaffen konnte. Auch andere Dinge lagen ihr auf dem Herzen, über welche sie gern Auskunft gehabt hätte: aber das Silber ging unter allen Umständen vor.

Der Staatsanwalt wäre allerdings sehr böse geworden, wenn er von diesem Treiben etwas geahnt hätte; denn er haßte nichts mehr als solchen »Unsinn«, wie er es nannte, nämlich zu glauben, daß irgend ein altes Weib – Witte brauchte manchmal Kraftausdrücke, wenn er ärgerlich wurde –, mit irgendwelchen Hülfsmitteln auch immer, die Zukunft vorhersagen oder Verborgenes ergründen könne. Ob die dahin eingeschlagenen Wege nun in Bleigießen, Kaffeesatz, Kartenlegen oder irgend einem andern albernen Vorwand bestanden, blieb sich gleich; ja, er verachtete sogar das Tisch- und Geisterklopfen, wenn er es auch in seinem eigenen Hause eine Zeit lang dulden mußte, bis es die Damen selber satt bekamen und die armen Tische wieder ihren ruhigen und bestimmten Eckplatz erhielten, wo sie hingehörten. Uebrigens war nicht die geringste Gefahr vorhanden, daß er sie stören oder überraschen könne; denn wenn seine Frau Kaffeegesellschaft hatte, dachte er gar nicht daran, ihrem Zimmer auch nur nahe zu kommen. Er war nicht gern genirt und ging dann immer ruhig seinen eigenen Geschäften nach. Die Damen konnten deshalb ganz ungestört ihren geheimnißvollen Versuchen obliegen, und gingen denn auch mit gutem Willen an die Arbeit.

Ottilie betheiligte sich übrigens nicht daran. Sie hatte anfangs ganz still und lautlos am Fenster gesessen und sich mit einer Stickerei beschäftigt; endlich stand sie auf und ging in ihr eigenes Zimmer, wo sie den übrigen Theil des Abends blieb. Sie glaubte merkwürdiger Weise nicht an Kartenlegen, und die Frau Räthin war ihr außerdem keine angenehme Persönlichkeit, weil sie das ewige Schimpfen und Klagen über Dienstboten und die Nachbarsleute, in dem sich jene Dame am liebsten erging, nicht leiden konnte.

Solche Zu- oder Abneigungen sind aber gewöhnlich gegenseitig, und so mochte denn auch die Frau Räthin das »schnippische Ding« nicht leiden, wie sie es gewöhnlich in anderen Kaffeegesellschaften nannte. Sie fragte allerdings die Frau Staatsanwalt, als Ottilie das Zimmer verließ, ob »das liebe Kind« vielleicht nicht wohl sei, aber erwähnte sie nachher nicht weiter, und die Kartenprocedur hatte ihren ungestörten Fortgang.

Merkwürdiger Weise wollte es aber heute Abend gar nicht so besonders damit gehen. Die Karten fielen, wie die Frau Räthin bemerkte, so ungünstig und verkehrt, und es war ihr immer bald einmal eine Treff-Sieben, bald eine Carro-Zwei im Wege, daß sie sich selber nicht hindurchfand und endlich erklärte, so gänzlich mißglückt sei es ihr noch nie und es müsse irgend ein Hinderniß in der »Umgebung« liegen, das man vielleicht beseitigen könnte, wenn man eben wüßte, was es wäre. So erzählte sie der Frau Staatsanwalt, sie habe einmal bei sich zu Hause die Karten legen wollen und ebenso wie heute nichts zuwege gebracht; alle Versuche, obgleich immer und immer wiederholt, seien mißglückt, und sie wäre schon im Begriff gewesen, die Sache aufzugeben, als das Mädchen zufällig einen auf dem Tisch stehenden Blumentopf in das andere Zimmer getragen hätte, und von dem Augenblicke an war es, als ob ein Bann von den Karten genommen sei. Sie fielen ordentlich wie ein Buch, in dem man ganz bequem lesen konnte.

Alle möglichen Versuche wurden deshalb jetzt auch hier gemacht: die Blumen sämmtlich entfernt, die Stühle herumgedreht, der Tisch selbst ward anders gestellt; aber es half nichts: die Kartenblätter wollten keine Vernunft annehmen, als die Frau Räthin endlich der Sache müde und zu einem verzweifelten Entschluß kam.

»Hören Sie, Frau Staatsanwalt,« sagte sie – es war indessen auch dunkel geworden, und das Mädchen hatte eben die Lampe hereingebracht – »ich wollte Ihnen schon lange einen Vorschlag machen, aber ich habe mich immer nicht getraut. Ich wüßte Jemanden, der uns aus der Noth helfen könnte.«

»Und wer ist das?« fragte die Frau Staatsanwalt.

»Die Heßberger, des Schusters Frau – die versteht das aus dem Grunde, und mir – das versichere ich Ihnen – hat sie schon merkwürdige Dinge prophezeit.«

»Und ist es eingetroffen?«

»Auf's Haar, sage ich Ihnen, auf's Tittelchen. Nein, einmal – das war zu merkwürdig – da fehlte mir ein silberner Theelöffel und ich ging zu ihr, und blos aus den Karten sagte sie mir, daß ich morgen früh mit Tagesanbruch in meinen Holzstall unten im Hof gehen sollte, dort würde ich ihn finden – und wahrhaftig, wie ich am andern Morgen hinuntergehe, liegt er mitten drin, und wie er dahin gekommen ist, weiß ich bis auf den heutigen Tag noch nicht!«

»Das ist in der That sonderbar....«

»Und ehe mein Männi neulich krank wurde, wo er sich so heftig übergeben mußte, hat sie mir fast die Stunde vorhergesagt und mir auch gleich eine Medicin mitgegeben, die ich ihm vorher heimlich in den Wein schütten mußte, damit es ihm nichts weiter schadete, und ich sage Ihnen, nach zwei oder drei Stunden war er wieder gesund wie ein Fisch und eben so naß, denn ich hatte ihn tüchtig schwitzen lassen.«

»Ja, wenn wir die Frau nur einmal auf eine halbe Stunde hier hätten!« sagte Frau Witte. »Aber ich darf es nicht wagen, denn wenn es nachher durch einen Zufall mein Mann erführe, so könnte ich sicher sein, daß er ein volles Jahr darüber zankte und raisonnirte.«

»Sie geht auch nicht zu den Leuten in's Haus,« bemerkte die Frau Räthin, »eben der häufigen Störungen wegen, denen sie dort durch irgend einen fremdartigen Gegenstand ausgesetzt ist. Wenn wir aber nun einmal zu ihr gingen – bei ihr ist Alles darauf eingerichtet, und kein Mensch brauchte ein Wort davon zu erfahren.«

»Um Gottes willen,« rief die Frau Staatsanwalt, schon von dem Gedanken erschreckt, »nachher möchte ich meinen Mann sehen!«

»Und was braucht der davon zu wissen?« sagte Madame Frühbach. »Ich bin oft und oft schon dort gewesen, es ist ein ganz anständiges Haus, und in einer Stunde wäre die ganze Sache abgemacht.«

»Und wenn sie nachher darüber spricht und es weiter erzählt?«

»Da kennen Sie die Heßberger schlecht,« sagte die Frau Räthin; »eher ließe sie sich todtschlagen. Die ist berühmt wegen ihrer Verschwiegenheit, und das ja auch nur zu ihrem eigenen Vortheile; denn sie weiß recht gut, daß sie ihre ganze Kundschaft verlieren würde, wenn sie nur ein einziges Mal plauderte.«

»Aber, liebe Frau Räthin, ich kann doch nicht meiner Schustersfrau einen Besuch abstatten?«

»Aber das ist ja doch kein Besuch, Frau Staatsanwalt; der Schuhmacher Heßberger arbeitet ja auch für uns, und ich bin ebenfalls hingegangen. Und dann braucht sie noch gar nicht einmal zu wissen, wer Sie sind – Sie nehmen einen dichten Schleier vor und setzen Ihre Kapuze auf. Sehr viele Damen kommen dort tief verschleiert hin – Damen aus den allerhöchsten Ständen, das kann ich Ihnen versichern. Ich habe selber schon einmal die Frau Präsidentin dort getroffen, aber das ganz unter uns, denn ich that natürlich gar nicht, als ob ich Sie erkannte; aber Sie wissen wohl, sie hinkt ein bischen, hat wenigstens so einen krummen Gang, und dann müßte ich auch blind sein, denn wir haben ja eine und dieselbe Putzmacherin, und ich erfahre immer Alles, was sie sich machen läßt.«

Das Mädchen kam herein, um das Kaffeegeschirr hinauszutragen.

»Ist mein Mann zu Hause?«

»Nein, Frau Staatsanwalt; er ist vor etwa einer halben Stunde fortgegangen, und hat gesagt, Sie möchten heute Abend nicht auf ihn mit dem Thee warten, da er etwas Wichtiges zu thun habe.«

Die Frau Räthin warf ihrer Freundin einen triumphirenden Blick zu, denn das hätte gar nicht besser passen können. Die Frau Staatsanwalt war aber noch lange nicht mit sich einig, denn der Schritt schien ihr zu gewagt, wenn sie auch selber nur zu gern gegangen wäre. Wie viel und wie oft hatte sie schon von der Schustersfrau gehört, die unter den Damen der Stadt allerdings einen Ruf besaß; wie oft gewünscht, sie einmal selber auf die Probe zu stellen, aber es trotzdem immer unterlassen – und jetzt auf einmal bot sich die Gelegenheit und schien auch in der That Alles zusammenzutreffen, um ihr den Versuch zu erleichtern! Sie zögerte freilich noch immer, aber die Frau Räthin hatte einmal, wie sie sagte, »ihr Herz daran gesetzt,« und sie ließ nicht nach mit Bitten und Zureden, bis sich die Frau Staatsanwalt endlich entschloß, ihr zu willfahren und sie zu begleiten. Die Frau Räthin versprach ihr auch, die Sache einzuleiten, indem sie zuerst für sich selber nach dem abhanden gekommenen Hosenstoff fragte – da sie ihren Mann noch nicht wieder gesprochen hatte, konnte sie natürlich keine Ahnung haben, welche Entdeckung er indeß gemacht und welchen Verdacht er hege.

So denn, während der Staatsanwalt oben auf dem Gericht war und eine unmittelbare Haussuchung bei dem Schuhmacher Heßberger, auf die Anklage eines Diebstahls hin, betrieb, rüsteten sich die beiden Damen, um der Frau des nämlichen Mannes einen geheimen Besuch abzustatten, und verließen auch, ohne selbst Ottilien ein Wort davon zu sagen, bald darauf das Haus. Nur das hinterließ die Frau Staatsanwalt bei dem Dienstmädchen, daß es ihrem Mann, wenn er nach Hause kommen und nach ihr fragen sollte, nur ausrichten möchte, sie wäre »einen Sprung« mit der Frau Räthin gegangen und würde bald wiederkommen. Abzuholen brauche er sie nicht. – –

Im Heßberger'schen Hause ging es an dem Abend und genau in der nämlichen Zeit, in welcher die beiden Damen das Witte'sche Haus verließen, etwas unruhig zu, denn Heßberger hatte seinen einen Lehrjungen auf frischer That ertappt, wie er ihm an die Privatflasche gegangen war, um so heimlich als unverschämt daraus zu kosten. Er machte auch nicht viele Umstände mit ihm: in übler Laune war er außerdem, und seinen Knieriemen nehmend, griff er dem armen Jungen mit der linken Hand in das struppige Haar und bearbeitete ihm mit dem schweren Riemen den Rücken nach Herzenslust. Er hörte auch wirklich erst auf, als er den rechten Arm nicht mehr rühren konnte, schickte den Jungen dann mit einem lästerlichen Fluch an seine Arbeit und setzte sich selber auf seinen Schemel hinter die Glaskugel, wo er, wie um seine ruhige Fassung wieder zu erlangen, fast unmittelbar danach in eines seiner gellenden geistlichen Lieder ausbrach und, mit dem Buche neben sich, um manchmal nach dem Text zu sehen, einen Vers nach dem andern abschrie.

Er mochte etwa bei dem sechsten angekommen sein, und der Junge saß noch immer still weinend bei seiner Arbeit und wischte sich nur manchmal die dicken Thränen mit dem Aermel von Augen und Nase ab, als es draußen anpochte. Der eine Junge öffnete, um zu sehen, wer da sei. Es waren zwei Damen – die eine dicht verschleiert –, die nach der Frau Heßberger fragten, und da das zu häufig vorkam, um nur die geringste Aufmerksamkeit zu erregen, so wies sie der Bursche, indem er einfach mit der Hand nach der Thür der Wohnstube deutete, um dort hinüber zu gehen, und setzte sich augenblicklich wieder auf seinen Schemel nieder. Die Jungen hatten strenge Ordre, nicht einmal den Kopf nach einem solchen Besuch zu wenden, und Heßberger selber that gar nicht, als ob er existire. Er unterbrach seinen Vers nicht einmal und schrie so ruhig fort, als ob er draußen auf einer Haide und meilenweit von irgend einer menschlichen Wohnung gesessen hätte.

Desto förmlicher wurde der Besuch dagegen drinnen bei der Frau Heßberger selber empfangen, die, als die Damen das Zimmer betraten, bei einer sehr hübschen Lampe an ihrem Tisch saß und in einer aufgeschlagenen Bibel las.

»Frau Räthin,« sagte sie mit einer nicht ungeschickten Verneigung, »es ist mir eine große Ehre, Sie bei mir zu sehen. Wollen Sie nicht ablegen, und dürfte ich die fremde Dame nicht vielleicht ebenfalls bitten, Platz zu nehmen? Es geht bei mir freilich ein wenig eng zu – lieber Gott, wir haben in unserer beschränkten Wohnung nicht viel Raum, und die Miethen sind in den letzten Jahren so gesteigert, daß man gar nicht daran denken kann, eine größere zu nehmen!«

Frau Staatsanwalt Witte fühlte sich anfangs unter ihrem Schleier etwas unbehaglich: da aber die Schustersfrau nicht die geringste Notiz von ihr zu nehmen schien, ja, sie wohl absichtlich kaum flüchtig ansah, so faßte sie nach und nach mehr Muth, nahm den angebotenen Stuhl an und beschloß nun, fest vermummt wie sie außerdem war, nur den stillen Beobachter zu machen. Die Zwischenzeit aber, in der sich die Räthin noch mit der Frau unterhielt, benutzte sie, um sich das Zimmer selber ein wenig genauer anzusehen – neugierig war sie lange genug darauf gewesen.

Hatte sie übrigens irgend etwas Absonderliches darin erwartet, so fand sie sich getäuscht. Das Zimmer glich tausend anderen Wohnungen des Handwerkerstandes auf ein Haar und war, wenn auch sehr sauber und nett gehalten, doch einfach, mit Erlenholz-Möbeln ausgestattet. Nur ein paar hochlehnige und ledergepolsterte Stühle aus geschnitztem dunkelbraunen Wallnußholz schienen nicht hinein zu gehören und auch wirklich nur für »vornehmen Besuch« bestimmt zu sein. An der Wand hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar schreckliche Oelgemälde, jedenfalls Familienbilder, die aber nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit irgend einem bekannten Gesicht zeigten, dann noch ein paar Silhouetten, und auf der Commode standen einige Tassen mit Goldrand, die wohl kaum je im Gebrauch gewesen, ein paar blaue Glasvasen mit Schilfblüthen und einige kleine, buntbemalte Gypsfiguren; aber schneeweiße Gardinen hingen vor den Fenstern, und die beiden, ebenfalls im Zimmer stehenden Betten des Ehepaares waren mit reinlichen Ueberhängseln von buntem Kattun verhüllt.

Frau Heßberger brauchte keine lange Zeit zu ihren Vorbereitungen. Sie wußte genau, was Damen, die sie zu dieser Zeit besuchten, von ihr wollten, und versäumte nie, ihnen zu Willen zu sein. Fand sie ja doch auch ihren reichlichen Nutzen dabei, da sie für ihre Bemühungen nie unter einem Thaler bekam, sich aber auch wohl einzelner Fälle erinnerte, wo ihr beim Abschied deren fünf in die Hand gedrückt wurden, und wahrlich mit leichter Mühe, wenn auch nicht ganz ohne Scharfsinn, war das Geld verdient!

Sie ging jetzt zu einem kleinen Seitenschrank, um von dort ihre Karten vorzuholen. Hatte sie aber vorher, als sie sich beobachtet wußte, die verschleierte Dame kaum angesehen, so haftete ihr Blick jetzt, hinter dem Rücken des Besuches, um so viel forschender auf der Verhüllten, und nichts an deren Anzug, nicht das kleinste, unbedeutendste Band entging ihr. Ein spöttisches Lächeln zuckte auch um ihre Lippen, als sie den Schrank endlich öffnete, hatte sie die Fremde etwa doch erkannt? Aber es war nichts davon zu bemerken, als sie wieder zum Tisch trat und jetzt vor allen Dingen die Bibel und dann auch eben so die Lampe entfernte. Sie legte die Karten nur bei dem Scheine von Lichtern, von denen sie zwei entzündete und auf den Tisch stellte. Dann nahm sie selber auf einem hohen Rohrsessel ohne Lehne Platz, und das Spiel geschäftsmäßig mischend, sagte sie freundlich:

»Nun, Frau Räthin – bitte, heben Sie erst einmal ab – so – nun sagen Sie mir gefälligst, mit was ich Ihnen dienen kann und was Sie zu wissen wünschen.«

Die Frau Räthin überlegte sich die Sache erst einen Augenblick; dann erzählte sie der Frau von dem abhanden gekommenen Stück Hosenzeug, beschrieb genau, wo es gelegen hatte und wie es ausgesehen habe, und bat sie dann, die Karten einmal zu fragen, wer es mitgenommen, und ob und wie man es wohl wiederbekommen könne.

Die Frau hatte bei der Erzählung wieder langsam gemischt und ließ noch einmal abheben. Dann legte sie die Karten aus und betrachtete sich nun, den gebogenen Zeigefinger an den Lippen, die bunten Blätter wie in tiefem Nachdenken. Endlich sagte sie sinnend: »Ja, meine liebe Frau Räthin, das Zeug ist wirklich gestohlen, so viel ist richtig, und nicht etwa verlegt oder in eine falsche Schublade gekommen – da läuft der Bursche noch, der es mitgenommen hat – der Carro-Bube zwischen zwei Dreien – ein hagerer, aufgeschossener junger Mensch. Er hat es auch nicht aus Armuth genommen, denn die über ihm liegende Zehn bedeutet Geld; aber wo er jetzt ist, wird schwer heraus zu bekommen sein. Warten Sie einmal, da geht Ihr Mann hinter dem Treff-Buben – er hat auf irgend Jemanden einen falschen Verdacht – der ist es nicht, der hat's nicht genommen, der ist ehrlich – seh'n Sie, wie das Aß neben ihm steht – aber die Carro zieht sich hier herüber, und hier ist die Treff-Sieben und Fünf. Wenn sich Ihr Mann morgen Abend an die katholische Kirche stellt – um fünf Uhr, aber mit dem Glockenschlag –, dann wird der Dieb dort vorüberkommen.«

»Das wäre in der That merkwürdig!« sagte die Frau Räthin. »Also morgen Nachmittag um fünf Uhr?«

»Aber mit dem Glockenschlag, nicht früher, noch später, sonst verpaßt er ihn; er muß genau aufmerken.«

»Nun, da bin ich doch wirklich neugierig,« sagte die Frau Räthin kopfschüttelnd, »und da hätte sich mein Mann auch die Anzeige auf der Polizei ersparen können.«

»Die hilft ihm nichts, die hilft ihm nichts,« erwiederte die Frau, immer noch in die Karten sehend. »Die Polizei ist da ganz oben, weit von dem Carro-Buben entfernt, und kommt ihm gar nicht in den Weg. Die findet ihn nicht – aber Ihr Mann wird ihn finden; doch er muß auch das Herz haben, ihn anzufassen.«

»Das wird er schon,« nickte die Frau Räthin; »der fürchtet sich vor Niemandem, und wenn er erst einmal heftig wird, kennt er sich selber nicht mehr.«

»Und was war es noch, was Sie fragen wollten?«

»Ach, liebe Madame Heßberger,« sagte die Frau Räthin, »zuerst möchte ich Sie bitten, meiner Freundin eine Frage zu beantworten.«

»Von Herzen gern.«

»Sie ist nicht von hier,« fuhr die Dame fort, »sondern erst heute aus der Residenz angekommen, und hat dort so viel von Ihrer Kunst reden hören, daß sie vor Neugierde brennt, Sie kennen zu lernen.«

»In der That?« lächelte die Frau, ohne den Blick aber von der Sprechenden zu wenden. »Und ist ihr auch etwas gestohlen worden?«

»Ja – über das möchte sie ebenfalls nachher Ihren Rath hören; vorher wünscht sie aber Ihre Kunst recht auf die Probe zu stellen und den Namen ihres künftigen Schwiegersohnes zu erfahren.«

»Das ist freilich viel verlangt,« sagte die Kartenschlägerin kopfschüttelnd, »denn wirkliche Namen nennen die Karten nicht; sie deuten nur Personen an, daß man sich danach ihre Beschreibung oder vielmehr ihr Aussehen zusammenstellen kann. Außerdem wird es sehr schwer sein, einem ganz Fremden solch eine Sache vorherzusagen. Die Dame muß mir jedenfalls vorher erlauben, einmal die Linien ihrer linken Hand zu betrachten; ein kleines Hülfsmittel muß ich haben, ich kann sonst nicht für den Erfolg einstehen.«

Die verschleierte Frau Staatsanwalt zog schweigend ihren linken Handschuh ab und reichte der Frau Heßberger die Hand, und diese schien aufmerksam mehrere Minuten lang die Linien derselben zu betrachten. Aber sie sagte kein Wort dabei, sondern nickte nur langsam mit dem Kopf, und die Karten wieder aufgreifend, ersuchte sie die verschleierte Dame, abzuheben – aber mit der rechten, und zwar der vollen Hand, nicht nur mit zwei oder drei Fingern, und ohne Handschuh. Das geschah auch, und auf das sorgfältigste und genaueste legte sie dann die Blätter aus. Aber sie kam nicht so rasch damit zu Stande, als bei der vorigen Antwort. Bedeutend und wie in tiefem Nachsinnen schüttelte sie den Kopf; endlich sagte sie:

»Die Dame muß aus einer sehr vornehmen Familie sein, denn Alles deutet darauf hinaus. Hier steht ein armer Werber – er hat rechts und links nichts als Zweier und Dreier –, aber die Coeur-Dame geht weiter. Da endlich laufen die Pfade von dem Coeur-König mit ihr zusammen – das trifft sich selten, daß Jemand seine erste Liebe bekommt – der ist reich und vornehm, und hier...« Sie horchte hoch auf, denn draußen entstand ein ungewöhnlicher Lärm. Ihr Mann hatte auch aufgehört zu singen; aber sie hörte eine tiefe Stimme, die sie nicht kannte und die wie befehlend sprach.

»Um Gottes willen,« flüsterte die Frau Staatsanwalt der Räthin zu, »ich glaube, da kommt noch mehr Besuch, und ich möchte hier nicht gern gesehen werden – daß sie nur Niemanden hereinläßt!«

Die Frau Heßberger war aufgestanden und horchte nach der Thür der Werkstätte hinüber, nach der zu ihr einziger Ausgang lag. Was in aller Welt ging da drinnen vor? – Sie sollte nicht lange in Zweifel bleiben.

»Du, Thomas, stellst Dich an die Treppe,« sagte die Baßstimme wieder, »und läßt Niemanden hinunter oder herauf. Ist Ihre Frau zu Hause, Heßberger?«

Sie hörte die Antwort ihres Mannes nicht, aber sie mußte bejahend ausgefallen sein.

»Nun gut,« fuhr der Baß fort, als noch eine andere Männerstimme zu ihm gesprochen, »Niemanden hinunter oder herauf ohne meine Erlaubniß. Einer von Euch bleibt bei dem Schuhmacher und läßt ihn nicht aus den Augen. Gehören die Leute hier alle in's Haus?«

»Nein, Herr Geheimer Commissar,« hörte sie jetzt Heßberger sagen. »Nur zwei von den Jungen schlafen hier, die beiden anderen sind auf der Arbeit.«

»Gut, die mögen sich anziehen und ihrer Wege gehen; wir haben nichts weiter mit ihnen zu thun. Die zwei Jungen bleiben da.«

Die Frau Heßberger schritt nach der Thür.

»Thun Sie mir den einzigen Gefallen, Frau Heßberger,« sagte die Frau Räthin rasch, »und schließen Sie die Thür zu, bis die Leute wieder fort sind, oder wenn das nicht geht, lassen Sie uns hinten hinaus; wir kommen lieber morgen Abend wieder.«

»Ich habe nur den einen Ausgang,« sagte die Frau; »aber gedulden Sie sich einen Augenblick – ich will nur sehen, was da vorgeht – die ganze Sache scheint ein Mißverständniß zu sein, und mein Holzkopf von Mann weiß sich nie zu helfen.«

Damit verließ sie die Stube und trat in die Werkstätte; die Frau Staatsanwalt aber, die aufgestanden war, sank in ihren Stuhl zurück und stöhnte: »O Du barmherziger Gott, das war die Stimme meines Mannes! Er ist mit Polizei gekommen, um mich abzuholen!«

»Aber, beste Frau Staatsanwalt,« bat die Frau Räthin, die viel ruhiger bei der Sache blieb, »das ist ja gar nicht möglich! der Zufall kann ihn hiehergeführt haben, wenn ich auch nicht begreife, wie; aber er wird auch wieder fortgehen, und wir warten es hier ruhig ab.«

»Horchen Sie nur – sie kommen hieher!« – Sie hatte recht.

»Thut mir leid, Frau Heßberger, Sie stören zu müssen, kann Ihnen aber nicht helfen – muß meine Pflicht thun,« sagte der Baß wieder. »Ich ersuche Sie vor allen Dingen, Ihre sämmtlichen Zimmer und Kammern aufzuschließen.«

»Aber auf wessen Befehl?« rief jetzt die Frau Heßberger, empört über eine derartige Behandlung. »Wer darf friedlichen Bürgern bei Nacht und Nebel in das Haus fallen und ihre Wohnung durchsuchen?«

»Die Polizei darf Alles, Frau Heßberger,« sagte der Mann ruhig, »und wenn Ihnen nachher Unrecht geschehen ist, so steht es Ihnen frei, Ihre Klage anzubringen. Für jetzt haben Sie weiter nichts zu thun, als Folge zu leisten.«

»Aber wessen sind wir denn angeklagt? Das darf man doch erfahren, um sich vertheidigen zu können.«

»Jawohl, gewiß,« sagte der Commissar wieder; »der Herr Rath Frühbach hat eine Klage gegen Sie anhängig gemacht und eine Haussuchung beantragt, weil er behauptet, daß ihm von dem Schuhmacher Heßberger Zeug zu einem Beinkleide und verschiedene Silbersachen gestohlen seien.«

»Was, der Herr Rath Frühbach hat das behauptet?« schrie die Frau, während die Frau Räthin hinter der Thür vor Schreck fast in die Kniee zu brechen drohte. »Der schlechte, nichtsnutzige Mensch will ehrliche Leute zu Dieben machen, und indessen kommt seine Frau hier zu mir und thut scheinheilig und freundlich, als ob sie von Gott und der Welt nichts wüßte?«

»So? Die Frau Räthin Frühbach ist bei Ihnen?« sagte Staatsanwalt Witte, der in diesem Augenblick vortrat. »Da bedauere ich allerdings, daß wir so zur unrechten Zeit gestört haben – aber jetzt kann's nichts mehr helfen. Herr Commissar, bitte, thun Sie Ihre Schuldigkeit!«

»Jawohl, Herr Staatsanwalt,« rief die Frau mit einem tiefen, spöttischen Knix, indem sie die Thür zu ihrem Zimmer aufriß, »dann seien Sie nur so gut und heben Sie das ganze Nest aus und können dann Ihre Frau Gemahlin auch gleich mitnehmen! Weiter werden Sie aber wohl nichts finden – bedauere sehr, daß sich die Herren umsonst bemüht haben!«

»Alle Teufel!« murmelte der Staatsanwalt vor sich hin. »Aber das ist ja gar nicht möglich!«

»Belieben Sie vielleicht gefälligst näher zu treten?« sagte die Frau höhnisch. »Eine verschleierte Dame aus der Residenz, die zu wissen wünscht, wer ihr Schwiegersohn wird! Bitte, Herr Commissar, geniren Sie sich nicht, thun Sie, als ob Sie zu Hause wären! Aber da will ich doch die ganze Welt fragen,« setzte sie boshaft hinzu, »ob das ein Betragen von anständigen, ehrbaren Frauen ist, hier in der Nacht zu mir zu kommen und sich an meinen Tisch zu setzen, während ihre beiden Männer gegen mich ein Complot anstiften und mit Polizei in's Haus rücken!«

»Meine Damen,« sagte der Commissar, aber jetzt wirklich selber in Verlegenheit, »es thut mir leid, so zur unrechten Zeit gekommen zu sein. Uebrigens habe ich nicht den geringsten Auftrag, Sie hier zurückzuhalten, und stelle Ihnen deshalb frei, den Platz zu verlassen, wann es Ihnen beliebt.«

»Herr Commissar,« sagte die Frau Räthin, »wir werden von ihrer Güte Gebrauch machen.« Und ohne den Blick rechts oder links zu wenden, erfaßte sie den Arm ihrer Begleiterin und eilte mit dieser, so rasch sie über das in der Werkstätte umhergestreute Leisten- und Lederwerk hinwegkommen konnten, der Treppe zu. Dorthin begleitete sie aber noch der Commissar, gab dem dort stationirten Polizeidiener, der schon vortreten wollte, Befehl, die Damen durchzulassen, und kehrte dann in die Stube zurück, um seine vorgeschriebene Haussuchung zu beginnen.

Heßberger selber zeigte sich dabei außerordentlich demüthig, aber doch auch störrisch; er meinte, es solle dem Herrn Rath Frühbach theuer zu stehen kommen, ihn auf solche Weise verdächtigt zu haben, noch dazu, da er ihn heute Mittag selber in den Laden geführt hätte, wo das Hosenzeug zu verkaufen wäre, auf das sich, wie er jetzt vermuthen müsse, seine Nachfragen bezogen hätten. Dort aber könne ihm Jeder bezeugen, daß er den Stoff da gekauft und gleich bezahlt habe, und er wolle doch einmal sehen, ob er sich auf diese Weise als ehrlicher Mann brauche beschimpfen zu lassen.

Die Frau Heßberger selber, die ihren ersten Zorn hinuntergekämpft, benahm sich jetzt vollkommen vornehm gegen den Commissar und dachte gar nicht daran, ihn im geringsten zu unterstützen. Da wären die Schlüssel, sagte sie, zu allen ihren Schränken und Laden; nun möge er selber, wenn es ihm Freude mache, nachsehen, ob er dort irgend etwas von des Herrn Frühbach Sachen fände. Sie selber aber rühre keine Hand und sei auch nicht dazu verpflichtet, bitte sich aber aus, daß Alles wieder so ordentlich gelegt würde, wie man es gefunden.

Dem Commissar gefiel das nicht; die Leute betrugen sich nicht wie ertappte Verbrecher, sondern handelten genau so, als ob sie in ihrem guten Recht wären, und der Staatsanwalt besonders befand sich nichts weniger als behaglich. Er wußte recht gut, welche Verantwortung er übernommen, und zum ersten Mal stieg der Wunsch in ihm auf, die ganze fatale Angelegenheit gar nicht berührt zu haben. Aber was half es! Die Haussuchung hatte durch das polizeiliche Besehen der Wohnung factisch begonnen und mußte nun auch durchgesetzt werden. Und wer konnte denn überhaupt wissen, ob sie nicht doch etwas fanden, was sie in der Ausführung entschuldigte und rechtfertigte!

Zuerst wurde die Werkstätte untersucht, aber nur leichthin, denn hier war auch kein möglicher Platz, wo etwas hätte versteckt werden können, den Ofen vielleicht ausgenommen; dann kam das Zimmer der Frau, was schon mehr Schwierigkeiten bot. Aber trotz genauer Durchsuchung der sämmtlichen Schränke und Commoden fand sich auch nicht das geringste Verdächtige, eben so wenig in der Küche.

Der kleine Holzverschlag war fast leer und konnte mit einer Laterne leicht abgeleuchtet werden; er enthielt nichts, als einst weiß gewesene schmutzige Kalkwände mit vielleicht einem Korb Holz darin. Einen Keller hatten die Heßbergers gar nicht, eben so wenig Bodenraum; nur noch ein dunkles Käfterchen, in dem vielleicht zwei Scheffel Steinkohlen lagen. Auch das wurde durchsucht und der Bestand zum großen Theile bei Seite geschaufelt; aber auch dort fand sich nichts, und der Commissar sah den Staatsanwalt an und zuckte die Achseln.

Staatsanwalt Witte befand sich in Verlegenheit. Die Sache war ihm entsetzlich fatal, und noch fataler, daß sich Frau Heßberger auf einen ihrer Lehnstühle gesetzt und ihn mit höhnischen Blicken betrachtete. Aber was ließ sich thun! Daß Heßbergers jetzt den Rath Frühbach wegen falscher Anklage vor Gericht belangen würden, verstand sich von selbst, und er hatte eine heftige Scene mit dem Rath zu gewärtigen; aber das ließ sich eben nicht ändern. Keinesfalls wollte er sich dem Hohn der Schustersfrau hier länger aussetzen; der Commissar mochte sehen, wie er mit der allein fertig wurde.

»Schön,« sagte er, »wenn nichts zu finden ist, brechen Sie die Verhandlung ab!« Und ohne sich länger aufzuhalten oder das also gekränkte Ehepaar weiter zu grüßen, schritt er durch die Werkstätte der Treppe zu.

Dort an der Thür saß der Lehrjunge, den der Meister vorher so geprügelt hatte; er schien sich die ganze Untersuchung schadenfroh betrachtet zu haben und eben so wenig zufrieden zu sein, daß man nichts gefunden, wie der Staatsanwalt selbst. Als Witte aber an ihm vorüberging, zupfte er ihn plötzlich am Rock und flüsterte: »Kohlenkammer – Meister geht immer hinein!« und drehte sich dann scharf ab in die Werkstätte, wo er sich in einem Winkel niederkauerte. Witte hatte auch die letzten Worte kaum oder vielleicht gar nicht verstanden, aber das Wort »Kohlenkammer« war ihm nicht entgangen, und mit einer letzten Hoffnung, seine Ehre als Ankläger noch zu retten, drehte er sich scharf auf dem Absatz herum, ging auf den Polizeimann zu und sagte: »Herr Commissar, ich wünsche die nochmalige Durchsuchung der Kohlenkammer, ehe wir das Haus verlassen.«

»Aber, lieber Herr Staatsanwalt,« sagte der Mann, »wir haben fast die ganzen Kohlen bei Seite geschaufelt.«

»Wir werden es mit dem Rest eben so machen,« sagte Witte, der sich an diese letzte Hoffnung klammerte.

»Meinetwegen – wie Sie es wünschen; ich bin Ihnen gern gefällig,« erwiederte der Mann. »Aber ich fürchte, wir versäumen nur unsere schöne Zeit – wo ist die Laterne?«

»Hier, Herr Commissar.«

»Gut – schaufelt noch einmal den letzten Kohlenrest bei Seite; es könnte doch möglich sein, daß noch etwas darunter wäre.«

Die Leute gingen willig an die Arbeit, denn es war ihnen selber nicht recht, daß sie unverrichteter Sache wieder abziehen sollten – ist doch das ganze Polizeileben auch nur eine Art von Jagd, und ohne Beute scheut sich ein jeder Jäger heimzukehren. Aber selbst diese letzte Mühe schien vergeblich; denn mit jeder Schaufel voll Kohlen, die bei Seite geworfen wurde, stellte sich mehr und mehr heraus, daß der kleine Vorrath nichts heimlich Verborgenes mehr verdecken könne; ihre ganze Mühe war vergebens gewesen. Aber der Staatsanwalt beruhigte sich noch immer nicht. Er nahm selber die Laterne und leuchtete an den Wänden herum, und als er dort keine Möglichkeit eines Verstecks sah, auf der kohlengeschwärzten Diele.

Heßberger stand an der Thür und sah ihm zu.

»Aber, verehrtester Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte er, »glauben Sie denn wirklich, was der böse Herr Geheime Rath über uns gesagt hat? Habe ich Sie nicht immer bedient, wie sich's gehört und gebührt, und halten Sie mich wirklich für einen so corrumführten Menschen, um den Zorn Gottes auf mich zu laden?«

»Herr Commissar,« sagte Witte, der in der Diele, aber von Kohlenstaub fast verdeckt, ein kleines Stück blanken Eisens bemerkt hatte. Es war kaum sichtbar; nur dadurch, daß das Licht der Laterne einmal darauf fiel, blitzte es ein wenig, und Witte's Auge haftete daran. Was der Schuhmacher sagte, hörte er gar nicht. – »Bitte, kommen Sie einmal hieher.«

»Jawohl, Herr Staatsanwalt; was wünschen Sie?«

»Sie haben mehr Praxis in derlei Dingen – was ist das da auf dem Boden?«

»Das hier?« sagte der Commissar, indem er sich dazu niederbog. »Hm, das sieht beinahe aus wie der Riegel an einer Thür, und ich weiß eigentlich nicht, was das hier auf dem Boden bezweckt.«

»Haben Sie kein Instrument bei sich, um es einmal zu versuchen?«

»Vielleicht finden wir etwas in der Werkstätte. Heh, Heßberger, was ist das hier für ein Eisen?«

»Kann ich nicht sagen, Herr Geheimer Commissar,« erwiederte der Schuster; aber dem Staatsanwalte entging nicht die Verlegenheit des Mannes. – »Hat vielleicht früher hier einmal ein Schrank gestanden. So lange ich hier wohne, habe ich die Kammer immer nur zu Kohlen benutzt. Wahrscheinlich sind die Dielen damit zusammengefügt. Das Haus ist sehr schlecht gebaut, es trocknet Alles zusammen, wenn es nicht genagelt und geschraubt wird.«

»Geben Sie mir einmal irgend ein Instrument her,« sagte der Staatsanwalt, der indeß den Kohlenstaub mit den Händen von der Stelle weggewischt hatte – »und wenn es ein krummgebogener Nagel ist. Ich gehe nicht fort, bis ich den Platz hier untersucht habe.«

»Wenn Sie erlauben,« sagte der Schuhmacher, »werde ich Ihnen gleich etwas holen; ich habe da unten noch etwas Werkzeug stehen.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprang er nach der Treppe.

»Halt,« sagte der dort stationirte Polizeidiener, »kein Mensch durch!«

»Aber ich will gerade für den Herrn Geheimen Staatsanwalt....«

»Laßt ihn nicht durch!« rief Witte. »Er soll herkommen – wir kriegen das Ding schon auf – nur irgend etwas her, um damit zu heben!«

Der eine Polizeidiener hatte sich die Stelle jetzt ebenfalls angesehen und brachte rasch einen der Haken herbei, mit denen die Leisten aus den Stiefeln gezogen werden. »Können Sie das vielleicht gebrauchen, Herr Staatsanwalt?«

»Wie dazu gemacht!« rief Witte vergnügt, indem er den Haken in die Oeffnung brachte und daran hob. Er brauchte aber gar nicht etwa stark zu ziehen, denn das von den Kohlen befreite Brett gab außerordentlich leicht nach und zeigte jetzt an seinem unteren Ende sogar ein Charnier, mit dessen Hülfe sich eine ordentliche Klappe bildete. Wie er aber den Deckel hob, entstand draußen an der Treppe ein Lärm – der Schuster hatte mit Gewalt hinunterbrechen wollen, und der Polizeidiener wäre beinahe von ihm die Treppe hinabgeworfen worden. Auf seinen Hülferuf sprang aber einer der Kameraden hinzu, und wenige Minuten später hatten sie den wüthend um sich schlagenden Schuhmacher überwältigt und fest gepackt, und der Commissar, der nun allerdings vermuthen mußte, daß der Bursche ein böses Gewissen habe, befahl, ihm die Hände auf dem Rücken zusammen zu schnüren.

»Hallo, Commissar,« rief Witte jubelnd aus, »kommen Sie einmal hieher und sehen Sie, was wir da haben! Hol's der Teufel, das ist ein ganzes Nest von Sachen, und Sie werden ein paar Stunden Arbeit bekommen, um die alle zu protokolliren!«

Die Frau Heßberger hatte in ihrer Stube auf dem Lehnstuhl gesessen und wollte jetzt aufstehen – aber sie konnte nicht; wie in einander gebrochen sank sie zurück und war so weiß geworden wie ihre Gardinen.

Witte indessen, den Kohlenstaub und die Arbeit nicht achtend, sprang fast jubelnd in die kleine Höhlung hinein, und die Gegenstände von dort herauf gegen das Licht werfend, rief er: »Da, sehen Sie – Heiland der Welt, was sich der Schuft hier für eine ordentliche Schatzkammer von Waaren angelegt hat – silberne Löffel in Masse – bei Gott, da ist der Deckel zu meiner Zuckerdose und hier die Schalen – Seidenzeug, Meerschaumköpfe, alte, kostbare Goldsachen – sehen Sie nur den Reichthum!«

»Herr Staatsanwalt,« schrie da der Commissar erschreckt, »dabei sind Sachen, die dem alten Salomon gehört haben!«

Der Staatsanwalt richtete sich empor; er war in dem Moment der Aufregung todtenbleich geworden.

»Dem alten Salomon! – Also wirklich?«

»Ich habe sie selber in seinem Laden gesehen.«

»Verwahren Sie den Menschen gut!« rief Witte, aus dem Loch herausspringend. »Lassen Sie ihn um Gottes willen nicht fort!«

»Der ist gut genug verwahrt,« sagte der Commissar, »und keine Gefahr, daß er uns entspringt.«

»Und die Frau?«

»Auf die werden wir noch besonders Acht geben. Haben Sie keine Angst; das Pärchen ist sicher.«

»Schön,« sagte Witte; »dann haben Sie die Güte und schicken die beiden Leute vor allen Dingen in Gewahrsam, damit sie Ihnen hier nicht mehr im Wege sind, und packen dann den Waarenvorrath zusammen und lassen ihn auf das Criminalamt schaffen, damit er dort geordnet und registrirt wird. Haben Sie Leute genug?«

»Ich denke, wir werden mit der Gesellschaft fertig werden,« sagte der Commissar. »Herr Staatsanwalt, ich glaube, wir haben heute Abend einen guten Fang gemacht.«

»Ich denke es auch, Herr Commissar; aber kommt da nicht Jemand?«

Es fiel, allem Anscheine nach, irgend wer die etwas dunkle Treppe herauf, denn es polterte furchtbar, und man hörte ein paar halbverbissene Flüche; dann wurden wieder Schritte hörbar, und zuletzt zeigte sich in dem Lichte der von dem einen Polizeidiener emporgehaltenen Laterne eine menschliche Gestalt.

»Halt! Werda?« rief sie der Mann militärisch an.

»Gut Freund – ich bin's,« antwortete eine fremde Stimme. »Ist Herr Staatsanwalt Witte hier?«

»Hier bin ich. Wer ist da?«

»Mein lieber Staatsanwalt,« sagte Rath Frühbach – denn als solcher stellte sich der späte Besuch heraus –, indem er die letzten Stufen emporklomm, »nehmen Sie mir das nicht übel: ich habe Ihnen die Betreibung der Angelegenheit überlassen, aber doch nicht zu dem Zweck, um mich in Teufels Küche zu bringen. Ich protestire gegen jedes weitere Verfahren, in so fern es die brave Heßberger'sche Familie betrifft, und überlasse Ihnen alle und jede Verantwortung für das Geschehene.«

»Aber, bester Herr Rath!« lachte Witte.

»Bitte,« sagte Rath Frühbach, »das ist kein Spaß: ich lag schon im Bett und im ersten Schweiß, als meine Frau nach Hause kam und mir mittheilte, daß Sie hier im Heßberger'schen Familienkreise auf meine Veranlassung mit Polizei wirthschafteten und Haussuchung hielten. Ich sage Ihnen, wie ich war, fuhr ich aus dem Bette und in meine Kleider, und ich kann den Tod davon haben, denn nichts auf der Welt ist schlimmer als eine unterbrochene Transspiration....«

»Und Sie protestiren wirklich, Herr Rath?«

»Allerdings, soweit es den Ihnen gegebenen Auftrag betrifft. Ich ziehe meine Klage vollständig zurück.«

»Dann bedauere ich, daß Sie zu spät kommen,« lachte Witte, »denn wir haben das ganze Nest schon ausgehoben und einen wahren Schatz von gestohlenen Sachen gefunden.«

»Von gestohlenen Sachen?« rief Frühbach erstaunt.

»Ueberzeugen Sie sich selber – genug Silber, um eine fürstliche Tafel auszustatten.«

»Nun, sehen Sie wohl, daß ich recht hatte?« bemerkte Rath Frühbach, indem er auf die oberste Stufe trat und das Terrain mit seinen Blicken überflog (der gebundene Heßberger stand dicht neben ihm). »Habe ich es Ihnen nicht immer gesagt, daß der Heßberger ein ganz durchtriebener Bursche ist? Aber Sie wollten es mir nie glauben! Und was wird jetzt?«

»Jetzt schaffen wir die Gefangenen auf die Polizei,« sagte der Commissar, »und morgen früh ersuche ich Sie, mit Ihrer Frau Gemahlin auf das Amt zu kommen, um die aufgefundenen Gegenstände in Augenschein zu nehmen und zu erklären, ob etwas darunter Ihr Eigenthum ist. Auf Ihre Veranlassung wurde die Haussuchung vorgenommen, und es versteht sich von selbst, daß Sie zuerst über die Gegenstände, die wir Ihnen vorlegen müssen, vernommen werden.«

»Und haben Sie das Hosenzeug gefunden?«

»Das allerdings noch nicht, aber es kann noch Manches in dem unteren und sehr geschickt angebrachten Versteck liegen. Also versäumen Sie Ihre Zeit nicht – morgen etwa zwischen zehn und elf Uhr, wenn ich bitten darf.«

3.
Das Verhör.

Das Versteck der gestohlenen Sachen war wirklich außerordentlich schlau angelegt und die Klappe so genau gearbeitet, daß sie, noch dazu mit dem Kohlenstaub überzogen, nur bei einer vollkommen gründlichen Untersuchung entdeckt werden konnte. Selbst das Blitzen des Eisens im Lichte schien Heßberger vorgesehen und abgewendet zu haben, denn dasselbe war mit schwarzer Farbe überstrichen, diese aber durch den mehrfachen Gebrauch des zum Heben benutzten Hakens an einigen Stellen abgescheuert worden, was denn einzig und allein zur Entdeckung führte.

Heßberger, der zuerst einen verzweifelten Versuch gemacht hatte, zu entkommen, saß jetzt wie völlig in einander gebrochen am Boden; er hatte nicht mehr Kraft genug in den Knieen, um aufrecht zu stehen. Seine Frau dagegen behauptete nach wie vor ihre starre Ruhe und Unschuld. Finster blickte sie auf die vor ihr ausgebreiteten Waaren und Kostbarkeiten, die nach und nach aus dem Gefach herausgearbeitet wurden und von denen einzelne Stücke schon sehr lange dort unten gelegen haben mußten, denn sie waren wie mit einer Staubkruste überzogen; aber sie leugnete, auch nur das Geringste davon zu wissen. Sie sei, wie sie behauptete, eine ehrliche Frau, die sich mit ihrer »Kunst«, mit ihrer Arbeit nähre, aber noch nie daran gedacht habe, zu einem unehrlichen Erwerb zu greifen. Sei das wirklich von ihrem Mann geschehen, so wisse sie nichts davon, oder sie hätte es nie geduldet; er müsse es heimlich gethan haben, wie er die Gegenstände ja auch, ihr selbst verborgen, heimlich versteckt und weggebracht habe.

Dem Polizei-Commissar lag übrigens gar nichts daran, hier ein langes Verhör anzustellen, und wie sie das Fach ordentlich ausgeräumt und Alles, selbst das Letzte, heraufbefördert hatten, ertheilte er Befehl, das gestohlene Gut fortzuschaffen und die beiden Eheleute ebenfalls in sicheres Gewahrsam zu bringen. Er schärfte aber den Polizeidienern ganz besonders ein, sie getrennt zu halten und unter keiner Bedingung zu gestatten, daß sie auch nur Ein Wort mit einander wechselten.

Unten im Hause war es indessen auch unruhig geworden, denn es konnte den tiefer wohnenden Miethsleuten kein Geheimniß bleiben, daß in der oberen Etage etwas Außerordentliches vorgehe. Schon der Kampf des Schuhmachers an der Treppe, als er seinen Durchgang erzwingen wollte, hatte sie alarmirt und auf den Vorsaal gelockt; allerdings staunten sie auch nicht wenig, als sie den kleinen, »frommen« Schuhmacher in solcher Begleitung die Treppe hinabsteigen sahen. Heßberger selber beeilte sich aber, ihnen aus dem Weg zu kommen, und wenige Stunden später lag das Quartier da oben, da man die beiden Lehrjungen ebenfalls für die Nacht wo anders unterbrachte und die Thüren versiegelte, öde, dunkel und verlassen.

Witte indessen, mit dem gehabten Erfolge, der allerdings über Erwarten reich und wichtig ausgefallen war, sehr zufrieden, schritt seiner eigenen Wohnung zu. Dabei überkam ihn aber doch ein etwas unbehagliches Gefühl, denn es war ihm entsetzlich fatal, seine eigene Frau in der Gesellschaft überrascht zu haben. Und was die Frau Staatsanwalt nun wohl dazu sagen würde? – Sie sagte aber heute Abend gar nichts, denn sie ließ sich vor ihrem Mann nicht mehr blicken, und er selber unterstützte sie darin. Morgen, bei kaltem Blute, besprach sich die Sache weit besser, oder sie wurde auch vielleicht total ignorirt; er wenigstens war fest entschlossen, nicht wieder davon anzufangen.

Uebrigens sah er sich auch an dem Tag so beschäftigt – oder machte sich vielleicht absichtlich so viel zu thun –, daß er selbst zum Mittagessen nicht nach Hause kam und absagen ließ, und während seiner Geschäftsstunden störte ihn die Frau schon überdies nicht oder suchte ihn auf.

Am Morgen, zur bestimmten Zeit, kam aber der alte Baumann zu ihm, und mit diesem hatte er eine lange und ernste Unterredung. Baumann nämlich wollte gleich hinauf auf's Gericht und selber Anzeige von dem Betrug seiner Frau machen. Den Vorfall bei Heßbergers wußte er auch schon, und er erklärte bestimmt, mit der ganzen Familie fortan zu brechen. Witte hatte die größte Mühe, ihm das auszureden, und es gelang ihm wirklich nur dadurch, daß er den Schlossermeister darauf aufmerksam machte, die Verhaftung seiner Frau würde durch den Stadtklatsch nicht etwa mit einer andern Angelegenheit, sondern augenblicklich mit dem Diebstahl in Verbindung gebracht werden, und das mußten sie jetzt zu vermeiden suchen.

»Also wollen Sie mich zu dem Hehler einer solchen Sünde machen?«

»Nein, lieber Baumann,« erwiederte Witte, »ich weiß, daß Sie ein rechtlicher Mann sind, und Sie trauen mir hoffentlich das Nämliche zu. Ich würde Ihnen also zu nichts rathen, was nicht Sie, was nicht ich vor meinem Gewissen verantworten könnte; Sie sind von jeder Verantwortung frei. Ihre Frau sowohl als Sie jetzt haben mir, dem Staatsanwalt, die Erklärung abgegeben und mich aufgefordert, die Rechte des wirklichen Erben vor Gericht zu vertreten; überlassen Sie mir also auch, den Zeitpunkt zu wählen, den ich dazu für den richtigen halte. Außerdem haben wir jetzt die beiden Leute, deren Zeugniß allein den Ausschlag geben kann, ganz unerwarteter Weise hinter Schloß und Riegel bekommen, und die Sache ist uns dadurch um ein Wesentliches erleichtert worden. Aber beantworten Sie mir eine Frage: hat Ihr Fritz je mit seinem vermeintlichen Onkel, dem Schuhmacher Heßberger, einen näheren Verkehr gehalten?«

»Nie,« sagte der alte Mann; »sie konnten sich gegenseitig nicht leiden, und ich glaube sogar nicht, daß sie seit Jahren ein Wort mit einander gesprochen haben.«

»Das dachte ich mir. Aber wissen Sie, daß unter den gestern bei Heßberger gefundenen Sachen werthvolle Gegenstände aus Salomon's Laden sind?«

»Großer Gott, sollte denn der schuftige Schuhmacher auch das auf dem Gewissen haben?«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach; aber das wollen wir bald herausbekommen, denn Salomon, obgleich er den Namen des Diebes nicht weiß, kennt ihn von Angesicht gut genug, und wenn er....«

»Aber der alte Salomon ist ja todt!«

»Denkt gar nicht daran,« lachte Witte – »wieder frisch und gesund, nur noch ein bischen schwach auf den Füßen. Wir glaubten durch das Gerücht seines Todes den Mörder sicher zu machen; aber Heßberger, wenn er es wirklich gewesen, war uns zu schlau, und hätte ihn nicht der wunderlichste Zufall dem Gerichte in die Hände gespielt, so würde kein Mensch geahnt haben, daß er mit dem Verbrechen in Verbindung stände.«

»Aber werden sie jetzt nicht erst recht glauben, daß der Fritz mit seinem Onkel unter Einer Decke gesteckt habe, und müssen wir deshalb nicht gerade beweisen, daß er gar nicht sein Onkel ist?«

»Das Erste habe ich auch gefürchtet, das Zweite wäre aber kein Beweis für ihn, denn er konnte bis jetzt nichts davon wissen. Nein, überlassen Sie mir getrost die Sache, Baumann, und Sie können sich versichert halten, daß Sie nicht allein kein Vorwurf trifft und treffen kann, sondern daß ich auch so rasch als irgend möglich damit vorschreite.«

Baumann war aufgestanden; aber er zögerte, er hatte allem Anschein nach noch etwas auf dem Herzen.

»Drückt Sie noch etwas, Baumann?«

»Ja, Herr Staatsanwalt; eine Bitte...«

»Und was ist es?«

»Ich wollte Sie ersuchen,« sagte der Mann, »die – Scheidungsklage mit meiner Frau einzuleiten. Ich glaube, daß Sie das zu besorgen haben.«

»Baumann!«

»Wir haben sechsundzwanzig Jahre glücklich mit einander gelebt,« fuhr der Schlossermeister fort, »so glücklich,« setzte er leise hinzu, »daß ich bis jetzt glaubte, nur der Tod könne und werde uns auseinander nehmen. Das ist vorbei. Nach dem, was sie mir angethan, daß sie mein, daß sie ihr eigenes Kind verkaufte, kann ich nicht länger mit ihr leben – es muß sein!«