Der Erbe.


Roman
von
Friedrich Gerstäcker.

Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.

Zweiter Band.


Jena,
Hermann Costenoble.
1867.

Inhaltsverzeichniß.

Seite
1.Am Krankenbett[7]
2.Zwei Glückliche[24]
3.Frau Heßberger[54]
4.Neben der Werkstätte[86]
5.Die Werbung[112]
6.Staatsanwalt Witte zu Hause [136]
7.Bei der Leiche[164]
8.Der Raubmord[185]
9.Die Untersuchung[222]
10.Verschiedene Eindrücke[248]
11.Rath Frühbach[275]
12.Die Nachbarin[296]
13.Das Geständniß[323]

1.
Am Krankenbett.

Ungleich der stürmischen oder doch bewegten Unterhaltung im unteren Theil des Schlosses verhandelten die Personen im oberen, in Benno's Krankenstube, und Benno selber saß mit hochgerötheten Wangen in seinem Bett und lauschte der Erklärung Baumann's, der vor ihm auf einem kleinen Tische die mitgebrachte Maschine stehen hatte und jetzt ihre Wirksamkeit beschrieb.

»Aber woher haben Sie das wunderliche Ding, Baumann?« sagte der Knabe mit blitzenden Augen, denn sein ganzes Interesse war geweckt worden. »Doch nicht selber gefertigt? Das sieht ja gerade so aus, als ob es schon über hundert Jahre alt wäre.«

»Das ist es auch vielleicht, lieber Baron,« erwiederte der junge Mechanikus, »und eine nicht ganz werthlose Antiquität, die dem alten, reichen Salomon gehört.«

»Aber was, um Gottes willen, stellt es vor? Was bezweckt es? All' die vielen Räder, die schwere Kugel dann und die Hebel!«

»Es sollte ein altes Problem lösen,« lächelte Baumann, »das perpetuum mobile

»Um vielleicht durch ein perpetuum immobile zu beweisen, daß es auch das Gegentheil geben müsse,« lachte Benno, der seine Krankheit ganz vergessen hatte. »Wie komisch das ist! Es rührt und regt sich ja gar nicht.«

»Weil es noch nicht in Gang gebracht ist,« erwiederte Baumann; »wenn das aber geschieht – und wir wollen das gleich einmal thun –, so kann ich Ihnen versichern, daß es ununterbrochen fortläuft und kein Aufhören mehr zu berechnen ist, die Zeit natürlich ausgenommen, wo sich das Material selber abnutzt und die Räder ausgeleiert werden – ein Nachtheil, der allen Menschenwerken anhängt, ob er sie nun später oder früher ereilt.«

»Und wie kommen Sie dazu, Baumann?«

»Es war die erste Arbeit, die mir, seit ich mich selbstständig etablirt habe, anvertraut wurde,« sagte der junge Mechanikus, »und ich glaube, ich habe meine Aufgabe ehrenvoll gelöst, denn der alte Salomon versicherte mir, er hätte das kleine Werk schon in alle größeren Städte Deutschlands, zu den berühmtesten Arbeitern gesandt, ohne es je reparirt zu bekommen. Die Antwort von Allen habe gelautet, sie wollten lieber etwas Aehnliches neu herstellen, als den Fehler finden, der hier die Räder verhinderte, fortzuarbeiten. Und doch lag das Ganze nur an einer Kleinigkeit, an einem falsch eingesetzten Rädchen, das vielleicht einmal eine ungeschickte Hand beim Reinmachen herausgenommen und, da es Aehnlichkeit mit einem andern hatte, nicht wieder an die rechte Stelle brachte. Das aber störte natürlich die Arbeit des ganzen Werkes, weil seine Zähne etwas weiter aus einander stehen.«

»Und Sie fanden den Fehler?«

»Gewiß, und Sie sollen sich jetzt selber überzeugen, wie günstig und glatt es geht. Drei Tage und drei Nächte habe ich es schon bei mir im Zimmer in Gang gehabt; es arbeitet vortrefflich, und ein Ablaufen des Räderwerkes ist, so lange die Räder selber in Ordnung bleiben, gar nicht denkbar.«

Er hatte dabei die Messingkugel auf einen bestimmten Punkt gelegt und ließ sie dort auf einen Hebel fallen; dadurch kam das ganze Räderwerk in Gang, und die Kugel selber wurde langsam, aber in genau abgemessener Weise nach und nach und von Zahn zu Zahn wieder hinauf an ihre alte Stelle gebracht, um ihren Kreislauf dort von Neuem zu beginnen. Jedesmal aber, wenn sie den Punkt erreichte und dann wie vorher ab und auf den Hebel traf, brachte sie das Ganze von Frischem in Gang.

Kathinka, die sich noch im Zimmer befand, hatte der kleinen Maschine, an der sich Benno nicht satt sehen konnte, mit vielem Interesse zugeschaut, aber doch dabei manchmal aus dem Fenster gehorcht, denn es war ihr fast, als ob sie unten die scharfe, keifende Stimme des Fräuleins von Wendelsheim hörte. Was war da wieder vorgefallen – und sicher trug wieder der Baron Bruno daran die Schuld, der eben dort zum Thore hinaussprengte, oder hatte wenigstens die Ursache gegeben. Sollte sie selber jetzt hinuntergehen? Es war wohl besser, sie wartete noch eine kurze Zeit, bis der Sturm ein wenig ausgetobt; sie mochte der »Tante« nicht muthwillig in den Weg laufen.

Eine Viertelstunde verging noch so, und Benno konnte nicht müde werden, das kleine Kunstwerk zu beobachten, das, freilich immer nur eine Spielerei, doch dem Verfertiger alle Ehre machte, als plötzlich die Thür rasch geöffnet wurde und Tante Aurelia einen Blick in's Zimmer warf.

»So,« rief sie dabei, »und Du sitzest noch hier, die Hände im Schooß, und weißt gar nicht, daß unten Alles auf dem Kopfe steht? Und Benno soll seinen Thee wohl ebenfalls kalt trinken, Mamsell, heh? Haben wir Dich deshalb in's Haus genommen und die langen Jahre gefüttert, um nur eine Hofdame aus Dir zu machen, die sich Morgens in Staat wirft und dann den ganzen Tag spazieren geht?«

»Ich wußte nicht, daß es schon so spät war,« sagte Kathinka schüchtern und glitt an der Zornigen vorbei aus der Thür, während die Tante ihr nachzankte: »Und wozu hast Du Deine Augen, als Dich selber darum zu bekümmern und nach der Uhr zu sehen, Du nachlässiges Ding Du! Den jungen Leuten nachlaufen, ja, das kann sie, aber zu sonst ist sie auf der Gotteswelt nichts nutz, und ich erlebe doch hoffentlich auch noch die Zeit, wo wir die Bürde hier vom Halse los werden!«

Kathinka hatte wahrscheinlich nicht die Hälfte der harten Worte mehr gehört, denn sie war in Schreck und Scham die Treppe hinabgesprungen. Benno aber, als sie die Thür wieder schloß, jedenfalls um ihr nachzugehen und ihre Strafpredigt fortzusetzen, seufzte recht tief auf und sagte traurig: »Das arme, arme Mädchen! Sie ist so gut und brav, arbeitet von früh bis spät und pflegt mich, wie es eine Mutter nicht besser könnte, und nie ist die Tante mit ihr zufrieden; immer und ewig zankt sie und macht ihr unser Haus zu einer Hölle. O, daß ich nur gesund wäre und ihr beistehen könnte! Aber wenn ich nur laut reden will, sticht es mich hier so in der Brust, und ich muß dann stundenlang regungslos auf meinem Kissen liegen.«

»Ich glaube,« sagte Baumann leise, »das gnädige Fräulein Tante zankt mit Jedermann und braucht täglich einen gesunden Skandal, um sich bei frischen Kräften zu erhalten. Es ist auch so eine Art perpetuum mobile, das ich aber, aufrichtig gesagt, lieber nicht repariren möchte, wenn es einmal aufhören sollte zu arbeiten.«

»Sie haben recht, Baumann,« lächelte Benno, »und ihre Zunge ist die Kugel, die stets auf's Neue das ganze Räderwerk in Bewegung setzt, denn schon nach den ersten Worten arbeitet sie sich selber in die größte Aufregung hinein. Nur mit mir zankt sie nicht, so gern sie es auch manchmal möchte, und daß Sie mich besuchen, scheint ihr auch nicht angenehm zu sein.«

»Ich habe wenigstens noch nie einen freundlichen Blick oder Gruß von ihr bekommen.«

»Dessen können sich überhaupt nur wenig Menschen rühmen,« seufzte Benno. »O, warum sich und Anderen das Leben so schwer machen! Es ist doch so schön und, ach, so kurz!«

Kathinka trat herein und brachte den Thee, setzte ihn aber nur auf den Tisch und verließ augenblicklich das Zimmer wieder. Sie hatte rothgeweinte Augen und wollte die wahrscheinlich nicht vor den jungen Leuten sehen lassen.

Baumann's Blick haftete auch mit innigem Mitleiden auf ihr; sie war so jung und so unglücklich schon, stand so ohne Schutz und Freunde da, und ertrug doch Alles mit so stiller Demuth, ohne ein einziges Wort der Widerrede! Er hatte auch wirklich einen bittern Fluch gegen die »steinerne Tante« auf den Lippen, verbiß ihn aber, um Benno nicht wehe zu thun, und setzte nun langsam die Maschine außer Gang und zurück neben seinen Hut.

»Sie wollen doch noch nicht fort, Baumann?« fragte Benno rasch. »Du lieber Gott, dann bin ich ja ganz allein, denn Kathinka hat die Tante weggejagt und Bruno ist ja auch wieder fortgeritten, er wäre sonst gewiß noch einmal heraufgekommen.«

»Ich kann noch etwas bleiben, lieber Baron, aber ich fürchte, Sie regen sich zu sehr auf. Sie sehen jetzt schon so blaß aus.«

»Weil ich mich über die Tante geärgert habe,« sagte der Knabe. »Weshalb zankt sie immer mit der armen Kathinka – ich bin ja auch gar nicht krank mehr, nur noch schwach, wie mir der Doctor selber gesagt hat, und nur ausruhen soll ich mich, recht ordentlich ausruhen, damit ich wieder zu Kräften komme – könnt' ich nur fort von hier!«

»Aber wohin?« fragte Baumann.

»Bruno hat mir versprochen,« fuhr der Knabe mit leuchtenden Blicken fort, »wenn er jetzt das viele Geld von seiner großen Erbschaft bekommt, was ja nur noch wenige Wochen dauert, dann macht er mit mir eine Reise nach Italien. Dort ist weiche, warme Luft, dort erhol' ich mich gewiß in so viel Tagen, wie hier in Monden, und dann nehmen wir Kathinka als Krankenpflegerin mit – ja, Baumann, gewiß! Ich habe es schon Alles mit meinem Bruder ausgemacht – ich brauche noch Pflege unterwegs, wenigstens in der ersten Zeit – aber die Tante,« setzte er lächelnd hinzu, »die lassen wir hier in dem alten, öden Schlosse, wo es mir immer ist, als ob die Mauern über mir zusammenbrechen müßten, und dann kann sie nicht mehr mit Kathinka zanken, und sie wird wieder heiter und glücklich werden und wieder lachen – ach, Baumann, Sie sollten sie einmal lachen hören, wie herzlich, wie lieb das klingt! Aber,« setzte er leise hinzu, »es ist schon lange her, daß ich es nicht mehr gehört habe, und es thut mir doch so wohl.«

Er lag viele Minuten still und regungslos, und Baumann, das Herz von innigem Mitleiden mit dem Armen erfüllt, wagte selber nicht das Schweigen zu brechen. Welchen Trost hätte er ihm auch geben können? Endlich sagte Benno wieder:

»Wo nur der Vater heute sein mag, daß er nicht ein einziges Mal zu mir heraufkommt, und er weiß doch, wie ich mich immer freue, ihn hier zu sehen – aber freilich,« setzte er seufzend hinzu, »bei mir hier oben ist es so langweilig, und er hat so wenig Geduld – da ist die Kathinka besser, und wenn sie dürfte, säße sie halbe Tage lang an meinem Bett und erzählte mir ihre wunderhübschen Geschichten. Ach, sie kann so schön erzählen, Baumann, und wenn sie es thut, seh' ich all' die Personen, die sie beschreibt, all' die Feen und Elfen mit ihren lieben Gestalten um mein Bett stehen, und es wird mir dann so wohl, o, so wohl...«

Er sank zurück, Todtenblässe deckte seine Züge, er war ohnmächtig geworden, und Baumann zog jetzt die Klingel, um Hülfe herbeizurufen, aber nur die Magd erschien. Das gnädige Fräulein Tante war unten in den Ställen und zankte sich gerade mit einer der Viehmägde, Fräulein Kathinka war aber in den Garten geschickt, um dort die Blumen zu begießen.

Benno erholte sich jedoch, wie ihm nur Baumann ein nasses Tuch um die Stirn legte, rasch von selber wieder; aber er war jetzt so schwach geworden, daß er nach Ruhe verlangte.

»Ich will schlafen,« sagte er leise, indem er dem Freund die Hand reichte – »heute bin ich recht elend, aber wenn Sie wieder herauskommen, finden Sie mich von allen Schmerzen frei – dann beginnt eine glückliche Zeit. Leben Sie wohl, mein guter Baumann!« Er drehte sich ab und legte sich auf die Seite. Baumann sah nur noch die eingefallenen Wangen, die hohlen Schläfe und geschlossenen Augen. Es war ihm, als ob er einen Todten verließ, als er, seine Maschine im Arm, die Thür des Zimmers hinter sich zudrückte.

Er stieg langsam die Treppe hinunter und betrat durch eine Seitenthür den Garten – es wurde unten im Park an dem einen Theile der Mauer gebaut, und er wußte, daß er dort hinaus ein bedeutendes Stück seines Weges abschneiden konnte –, aber er mußte an dem Gartensaal vorüber, und als er die Thür desselben passirte, bemerkte er den alten Freiherrn, der dort, die Stirn noch immer an die Glasscheibe gelegt, stand und anscheinend hinaus in den Garten sah. Im ersten Momente wollte er ihn auch anreden und ihm sagen, daß Benno wieder eine Ohnmacht gehabt. Der Kranke schlief aber jetzt gerade; wenn der Baron hinaufging, störte er ihn nur wieder. Das vorher gerufene Mädchen würde es schon der Tante sagen; er selber beschloß, nichts davon zu erwähnen. Nur als er vorüberging, zog er seinen Hut ab und grüßte den alten Herrn, dessen stieres Auge auf ihm haftete – aber ob er ihn trotzdem nicht sah? Er dankte wenigstens nicht, noch gab er irgend ein Zeichen der Erkennung. Still und regungslos stand er an der Glasthür und starrte, wie in das Leere, in die grünen Büsche und Sträucher hinein. Dem jungen Mann wurde es auch ganz unheimlich, als er ihn da so stehen sah. Was um Gottes willen war vorgegangen, das den alten, sonst so strengen und kalten Herrn dermaßen erschüttern und von seiner nächsten Umgebung ablenken konnte!

»Soll mich der Himmel vor Macht und Reichthum bewahren,« flüsterte Baumann leise vor sich hin, als er durch die laubigen Gänge des Parkes schritt, »wenn ich sie solcher Art mit meinem Seelenfrieden erkaufen mußte! Wie kummervoll der Mann aussieht! Hat er vielleicht von dem neuen Anfall des jüngsten Kindes gehört und sorgt sich darüber? – armer Vater! – Oder ist es etwas Anderes, das ihn drückt? Wenn so, dann müßte er es auch allein tragen, denn er hat keinen Freund, dem er sich anvertrauen könnte oder wollte.« Er war wohl ein »vornehmer Herr,« aber er stand allein, trostlos allein in der weiten Welt, und Niemand half ihm seine Lasten tragen, und doch war der Glanz und Prunk, der ihn umgab, und das Meiste von alledem, nur noch gemacht, wie Baumann recht gut wußte. Ein übertünchtes Elend, um Rang und Stand mit den letzten, fast erschöpften Kräften aufrecht zu erhalten, und das Alles ohne die Spur von häuslichem Glück und Frieden, und nichts in dem großen, öden Schlosse, als Stolz, Haß und Unfriede, und dazwischen den lauernden Tod am Krankenbett des Sohnes!

Baumann war, in seine trüben Gedanken vertieft, rasch durch den Park jener Stelle zugeschritten, an welcher, wie er wußte, die Mauer niedergeworfen worden und eben neu aufgebaut werden sollte. Er hatte auch auf seine Umgebung wenig oder gar nicht geachtet, als er plötzlich ein lichtes Kleid durch die Büsche schimmern sah und gleich darauf Kathinka erkannte. Sie kam gerade, eine große, aber jetzt leere Gießkanne in der Hand, von den ihr anvertrauten Beeten her und wollte nach dem Schloß zurück. Als sie Baumann bemerkte, war es auch fast, als ob ihr Fuß einen Moment zögerte; sie wäre ihm in der That am liebsten ausgewichen, denn ihre Augen zeigten noch Spuren von vergossenen Thränen, und sie scheute sich, die den Fremden sehen zu lassen; aber es ging nicht mehr, er war schon zu nahe herangekommen, und Baumann selber ging auf sie zu, um ihr den Unfall mitzutheilen, der Benno während ihrer Abwesenheit betroffen.

»Du lieber Gott,« rief sie erschreckt aus, »der arme junge Mensch! O, nicht einen Augenblick sollte er allein gelassen werden – sie wissen ja gar nicht, wie krank er ist, sie können es nicht wissen, oder sie würden anders handeln. Ich will gleich zu ihm.«

»Lassen Sie ihn jetzt,« sagte Baumann freundlich; »er ist eingeschlafen, und die Ruhe wird ihm gut thun; er bedarf ihrer.«

»Er wird bald von allen seinen Leiden ausruhen,« sagte Kathinka traurig – »bald und für immer.«

»Halten Sie seinen Zustand wirklich für so gefährlich?«

»Ich fürchte, ja. Er hat die letzten Tage an Kräften in erschreckender Weise abgenommen, und seine Augen haben einen so unheimlichen Glanz bekommen.«

»Der arme, arme Benno, wie wenig Freude hat er noch im Leben gehabt, und so jung schon sterben – sterben jetzt, da vielleicht in dem Reichthum seines Bruders und dem neu erwachenden Glanz des Hauses auch ein besseres Dasein für ihn beginnen könnte! Glauben Sie nicht?« fuhr er fort, als Kathinka leise mit dem Kopf schüttelte. »Bruno würde gewiß freundlich mit ihm sein, er ist von Herzen gut und hat ihn lieb.«

»Ja,« sagte Kathinka, »Bruno schon, aber die Tante ist der böse Geist im Hause, der kein Glück und keinen Frieden aufkommen läßt, und ich selber hätte es auch schon lange verlassen, wenn ich nicht Benno's wegen bliebe. Aber er hat sich so an mich gewöhnt, daß er ganz unglücklich sein würde, wenn ich ginge – sonst lieber trocken Brot unter Fremden essen,« setzte sie leise hinzu.

»Sie haben ein schweres Leben hier im Hause, mein armes Fräulein,« sagte Baumann mitleidsvoll, »und ich begreife da wirklich die Tante nicht, denn sie hat Benno lieb, das zeigt sich in Allem, und doch kränkt sie ihn so oft durch Sie. Er sagte mir selber heute, daß ihn das Zanken wieder krank gemacht.«

»Ich muß zum Hause zurück,« erwiederte Kathinka ausweichend. »Benno könnte aufwachen und nach mir verlangen, und meine Arbeit ist hier beendet. Leben Sie wohl, Herr Baumann!« Und mit leichten Schritten eilte sie den Gang hinab dem Schlosse zu.

Fritz Baumann verließ den Park heute mit recht schwerem Herzen. Er hatte den kranken Knaben wirklich liebgewonnen, und wie lange konnte es noch dauern, bis er in der kühlen Erde ruhte! Dann kehrte auch er nicht mehr in den Schatten dieser Bäume zurück, dann war auch ihm der Weg hieher abgeschnitten, denn er fühlte recht gut, daß ihn der Baron wie die Tante hier nur Benno's wegen duldeten. Er selber würde sie auch nie aufgesucht haben.

Er stand noch und sah zu dem Schloß nachdenkend zurück, das gerade hier, bei einer Biegung des Weges, durch die dichten Wipfel sichtbar wurde, als er plötzlich das schmerzliche Winseln und Heulen eines Hundes und scharfe Peitschenschläge auf dessen Rücken hörte. Es war der Revierförster, der seinen Dachs an der Leine hatte und aus irgend einem Grund jämmerlich abprügelte.

»Du großer Gott,« sagte Baumann fast unwillkürlich vor sich hin, »ist das ein trostloser Platz hier – nicht einmal ein Hund kann sich da wohl fühlen! Ich will dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht mehr zu betreten brauche!« Und rasch ausschreitend, erreichte er bald darauf die Parkbrücke und gleich dahinter die freie Straße, wo er ordentlich aufathmete, als ob er einem Gefängniß entwichen sei.

2.
Zwei Glückliche.

Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurückgeritten, aber heute wahrlich in keiner so gedrückten Stimmung, als er sonst wohl das väterliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefühl überkam ihn dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen, peinigenden Zweifeln über irgend einen wichtigen Abschied unseres Lebens zu einem bestimmten und festen Entschlusse gekommen sind.

Liebe – wann hatte er Liebe je in seinem Vaterhaus gefunden? Nie, nie! Nur mit Furcht war er erzogen und geleitet worden, nur Furcht hatte er vor dem strengen alten Herrn gekannt, bis er heranwuchs und auch diese abschüttelte. Dann war nichts geblieben, als das Bewußtsein, daß er dem Manne, als seinem Vater, Achtung und Gehorsam schuldig sei – aber nur Gehorsam so weit, als es nicht sein eigenes Lebensglück, seine ganze Zukunft betraf, die zu leiten er durch seine Härte und Gleichgültigkeit schon des Rechtes verlustig gegangen war.

Als er heute Morgen hinaus nach Wendelsheim ritt, war er denn auch nur darauf gefaßt gewesen, nach seiner Erklärung einem Sturm von Vorwürfen und Zornesworten zu begegnen, die ja auch kaum ausbleiben konnten, da er zum ersten Mal es wagte, nicht allein vollkommen unabhängig seinem Vater entgegenzutreten, nein, ihn sogar an seinem verwundbarsten Punkt, seinem alten Adelsstolz, seinem unantastbaren Stammbaum zu verletzen. Daß er gänzlich unvorbereitet darauf war, ihn, statt aufbrausend und wüthend, nur weich und schmerzbewegt, ja, wie gebrochen zu finden, läßt sich denken; er würde es nie im Leben für möglich gehalten haben, und so überrascht, so erschüttert selbst fühlte er sich davon, daß er sogar für einen Moment schwankend in seinem Entschluß wurde, um von dem alten Mann den Schmerz zu nehmen, bis die Tante mit ihrem kalten, höhnischen Blicke in's Zimmer trat und mit ihrem Augenblick Alles, Alles zurückrief, was er in seinem Leben hier erduldet.

Seine ganze, ihm abgestohlene und mißhandelte Jugend lag bei ihrem Anblick vor seinen Augen; all' die Thränen, die er im Stillen geweint, all' der heimliche Ingrimm, den sie in die Kindesbrust gepflanzt und mit ihm groß gezogen, aber immer nur genährt, nie auch selbst durch ein freundliches Wort gemildert hatte, und gerade das Bewußtsein, ihrem starren, keines guten Gedankens fähigen Herzen noch einmal einen Streich zu versetzen, sie endlich einmal fühlen und wissen zu lassen, daß ihre Herrschaft vorbei sei und sie aufgehört habe, den Knaben zu meistern, warf alles Mitleid für den Vater über Bord. Er sah nur seine geopferte Jugend, fühlte nur, zum ersten Mal in seinem Leben, das Bewußtsein in sich erwachen, zu vergelten, und in der wonnigen Empfindung, gerade dieser Frau den Fehdehandschuh hinwerfen zu können, gerade ihr zu zeigen, daß ihr Regiment über ihn aufgehört und sie darauf verzichten müsse, ihn als Knaben zu behandeln, vergaß er selbst den Schmerz des Vaters über das ihm zugefügte Leid.

Jetzt war es geschehen, der Würfel gefallen, und ihm blieb nichts weiter übrig, als nach seinem Gefühl zu handeln.

Damit trabte er auf seinem Weg dahin, und noch nie war ihm der Himmel so blau, die Erde so frisch und maiengrün, die Luft so mild, der Vögel Sang so lieb erschienen, wie gerade heute, wo er nicht allein zum ersten Mal seinem Herzen folgen, sondern auch eine heilige Pflicht erfüllen durfte, die ihn lange gedrückt.

Daß ihn Rebekka liebte – wie konnte es ihm Geheimniß bleiben, da des Mädchens ganze Seele ja in dessen Augen lag? Und wenn es ihn bis jetzt nur immer in das Haus, in das trauliche Stübchen des alten Salomon zog, so verließ er es auch jedesmal mit den bittersten Vorwürfen gegen sich selbst, daß er eine Leidenschaft nähre und unterhalte, der er, wie er damals dachte, nie gerecht werden durfte. Und doch war er nicht im Stande, jenen Zauber zu meiden, den Rebekka schon selber auf ihn ausübte, und der alte Salomon schüttelte wohl oft, von ihm ungesehen, den Kopf, wenn er mit dem Mädchen am Instrument saß und die Tochter dann, glücklich in der Nähe des Geliebten, mit jubelnder Stimme ihre Lieder sang.

Er, der alte Salomon, kannte die Verhältnisse der Menschen draußen auf dem Schauplatz, den wir die Welt nennen; er kannte sie besser wohl als tausend Andere, denn er hatte mit allen Schichten der Bevölkerung und besonders mit den Großen und Vornehmen verkehrt, und er war von ihnen geschmeichelt und auf Händen getragen oder auch unter die Füße getreten worden, gerade wie man ihn gebrauchte. Er kannte aber auch die Ansichten, den Stolz und Hochmuth dieser Leute, die, was ihren Stammbaum betraf, doch hätten zu dem Juden mit Neid und Bewunderung aufsehen müssen, denn keiner von allen leitete so weit zurück als dessen Abstammung, die zu Abraham hinaufreichte. Aber ihre Standesvorurtheile machten sie blind – blind gegen Alles, nur nicht gegen ihren eigenen Werth, und Salomon wußte gut genug, daß sie, so hoch sie sich selber überschätzten, eben so tief den Juden verachteten, den sie wohl gebrauchen und benutzen konnten, wo er ihren Zwecken diente oder ihnen nöthig wurde, dem sie aber sonst nie verstattet hätten, auch nur in ihre Nähe sich zu wagen, viel weniger denn auf gleichen Rang, auf gleiche Stufe mit ihnen zu treten.

Und was sollte da aus einer Liebe werden, die er im Herzen der Tochter gegen Einen jenes, ihnen stets fremd gebliebenen Stammes sich entwickeln sah? Er fürchtete das Hoffnungslose einer solchen Leidenschaft, aber wagte, aus Liebe zu dem einzigen Kinde, nicht einmal einen Einspruch zu thun, ja, ihr nicht einmal die Gefahr zu nennen, in der sie schwebe, aus Furcht nur, die Gefahr gerade dadurch erst heraufzubeschwören.

Er mochte den jungen Officier wohl leiden: er war anders, als die Uebrigen seines Standes und Gewerbes, und hatte sich seit der Zeit, wo er zufällig einmal Rebekka im Laden ihres Vaters gesehen und kennen gelernt, stets so achtungsvoll und dabei so einfach und herzlich betragen, daß er es nicht über sich gewinnen konnte, ihn abzuweisen – und doch wäre es vielleicht besser, viel besser gewesen. Damals nun, als er zu ihm um das Anlehen kam und er es ihm verweigerte, glaubte er den Zeitpunkt gekommen, wo er ein Verhältniß abbrechen konnte, das anfing ihm Sorge zu machen. War einmal das Capitel »Geld« zwischen ihm und Rebekka besprochen und verhandelt worden, dann wußte er recht gut, daß der Zauber schwinden mußte, der bis jetzt auf der seltenen Erscheinung des Geliebten gelegen – aber er hatte sich geirrt. Bruno fühlte das selber; er wagte das Wort nicht auszusprechen, und wenn er auch fast verzweifelnd das Haus verlassen mußte, das einzige Wesen auf der weiten Welt, das ihn wirklich liebte, sollte nie einen Schatten auf seiner Ehre sehen.

Damit war der ganze Plan des alten Salomon in Trümmer gegangen und das gerade beschleunigt, was er vermieden haben wollte – eine Erklärung der Beiden, ein Erkennen und Sichbewußtwerden des Gefühls, das nun natürlich nicht mehr zurückgehalten werden konnte. Was nun kam – er mußte der Sache ihren Lauf lassen, sah aber die Zukunft, trotzdem daß seine Frau und Rebekka darin schwelgten, in einem trüben, traurigen Licht – und er war ein Mann, der viel, viel erlebt hatte und sich nicht so leicht in etwas täuschen ließ. – Aber wo blieb indessen der Baron? Seit jenem Tage, an welchem er den Wechsel erhalten, waren acht, waren vierzehn Tage verflossen, ohne daß er sich im Hause Salomon's wieder hätte sehen lassen. Rebekka erwartete seine Rückkunft mit heißem Sehnen, der Vater zählte ebenfalls die Tage, aber aus einem andern Grunde; denn jeder schwindende Tag bestätigte nun mehr und mehr seine Ueberzeugung, daß Baron von Wendelsheim doch endlich selber eingesehen habe – leider, leider nur zu spät für sein armes Kind –, der reiche Baron passe nicht in die Familie des Juden.

Bruno von Wendelsheim ritt indessen fröhlich seine Bahn entlang. Er war mit sich im Reinen, und wenn er auch wochenlang gekämpft und das Für und Wider erwogen, jetzt kannte er nur ein einziges Ziel: das Haus der Geliebten, und dem eilte er entgegen, so rasch ihn sein altes Pferd nur tragen konnte.

An seiner Wohnung hielt er an, um vorher sein Thier einzustellen und dann den Weg zu der Judengasse zu Fuß zurückzulegen; der alte Salomon hatte ja keine Stallung, und ein Officierspferd dort wäre nur aufgefallen. Dann reinigte er sich erst von dem Staub der Straße, überraschte auch seinen Burschen etwas durch den Vorwurf, daß er die Knöpfe der neuen Uniform lange nicht blank genug geputzt und den Rock selber nicht sauber ausgebürstet habe – denn sonst achtete er nie so viel auf sein Aeußeres, um deshalb je mit ihm zu zanken.

»Haben Sie Ihre Mappe schon nachgesehen? Es sind auch heute Morgen wieder ein paar Briefe gekommen, Herr Lieutenant,« sagte der Bursche, als Wendelsheim gerade das Zimmer verlassen wollte.

Bruno trat noch einmal zum Tisch zurück und öffnete die Mappe; es waren drei Briefe – zwei Rechnungen – er konnte das liniirte Formular schon durch das Couvert unterscheiden und kannte derartige Zuschriften nur zu gut; der dritte – kopfschüttelnd und rasch brach er ihn auf – wahrhaftig, er enthielt wieder den geheimnißvollen Fünfthalerschein, ohne weitere Andeutung, woher er kam, und auch das nämliche Siegel wieder, mit einem Fünfgroschenstück zugedrückt. Auch die Handschrift der Adresse war die nämliche wie früher. Wer, um Gottes willen, konnte nur der Geber dieser sich regelmäßig folgenden Geschenke sein, und durfte er sie länger annehmen, ohne sich vielleicht für spätere Zeiten eine lästige Verbindlichkeit aufzuladen? Aber es schien jetzt eben so unmöglich, sie zurückzusenden, als früher – denn wohin? Der Brief war hier in der Stadt jedenfalls, ohne Angabe des Inhalts oder Namens des Absenders, in einen Briefkasten geworfen und von der Post befördert worden.

Oft und oft hatte er auch schon daran gedacht, sich durch die Zeitung gegen derartige Zusendungen, die ihm jedesmal ein unangenehmes Gefühl hervorriefen, zu verwahren, sich aber immer gescheut, das öffentlich zu thun. Brauchte er denn aber seinen Namen zu nennen? So viel Leute gab es sicherlich nicht in der Stadt, die anonym fünf Thaler verschickten. Wenn er nur den Anfangsbuchstaben seines Namens darunter setzte, genügte das. Nicht einmal die Zeitungsexpedition brauchte zu wissen, wer die Annonce einrückte – sein Bursche sollte sie hintragen und nur abgeben – das Geld für die Insertionsgebühren konnte er hineinwickeln – das war das Beste – weshalb hatte er es nicht schon lange gethan? Ohne sich auch weiter zu besinnen, setzte er sich an seinen Tisch und schrieb auf einen Zettel:

»Der Unterzeichnete verbittet sich jede weitere Zusendung von Fünfthalerscheinen; das überschickte Geld ist wieder bei ihm abzuholen. Wo, wird der Absender wohl wissen.

W.«

»So,« sagte er, als er den ungefähren Betrag für den Abdruck hineinwickelte, »das hier trägst Du gleich auf die Expedition des Tageblatts und giebst es nur ab – verstanden?«

»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«

»Und wenn Dich Jemand dort fragt, von wem die Annonce kommt, so nennst Du keinen Namen – Du weißt es nicht.«

»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«

»Und wenn ich um acht Uhr noch nicht da sein sollte, brauchst Du nicht länger auf mich zu warten.«

»Sehr wohl, Herr Lieutenant.«

Lieutenant von Wendelsheim verließ seine Wohnung und schritt, alle anderen Gedanken von sich abschüttelnd, als nur die lieben, glücklichen an sein schönes Ziel, die Straße hinab.

Am Seitenwege, von seinem Hause gar nicht weit entfernt, grüßte ihn wieder eine ältliche Frau, und er sah sie, gedankenlos den Gruß erwiedernd, von der Seite an. Er kannte sie auch, hatte sie wenigstens oft auf der Straße gesehen; sie mußte jedenfalls hier in der Nähe wohnen – was kümmerte ihn die Frau!

Die Frau blieb aber noch lange, als er schon die Straße hinab und um die Ecke verschwunden war, stehen und sah ihm nach, und ein paar große, helle Thränen glänzten dabei in ihren Augen. Doch sagte sie nicht ein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen, und nur still und schweigend wandte sie sich ab, drückte die zusammengefalteten Hände auf die Brust und verfolgte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung, als die war, welche der Lieutenant eingeschlagen hatte.

Lieutenant von Wendelsheim beschleunigte indessen seine Schritte, um aus dem Menschengewühl der Hauptstraße zu kommen, und erst als er in die nur zu gut gekannte Seitengasse einbog, ging er langsamer, denn übergroße Eile wäre hier zu sehr aufgefallen. – Jetzt betrat er endlich das Judenviertel wieder, mit seinem ekelhaften Schmutz und fatalen süß-säuerlichen Geruch, der ihn jedesmal zwang, das Taschentuch an die Nase zu nehmen, und mußte hier wirklich Acht geben, um nicht an die überall umher spielenden, schauerlich schmutzigen Kinder anzustreifen, die allerdings nicht solche Rücksicht auf ihre Kleider nahmen. Scheue Blicke voll Ekel und Abscheu warf er auch nach rechts und links in die düsteren Spelunken hinein, die von Unrath strotzten und ihre faulen Dünste aushauchten. – Und diesem Volk entstammte Rebekka! – wie ein eisiges Gefühl zuckte es ihm durch's Herz – aber kaum eine Secunde lang. Das hier war ja nur der Abschaum der Masse, der Auswurf des ganzen zurückgesetzten und durch Jahrhunderte hindurch mißhandelten und unterdrückten Stammes, und welche edle Blüthen er treiben konnte, o, sein Mädchen, seine Rebekka war ihm da ja der schönste, der herrlichste Beweis!

Ohne weiter nach links oder rechts zu sehen, eilte er seine Bahn vorwärts die Straße entlang und athmete erst wieder auf, als er die Erweiterung und damit den besseren Theil derselben erreichte. Von da ab hatte er auch nicht mehr weit zu dem Haus des alten Salomon, und wenige Minuten später stand er auf der Schwelle.

Als er die Thür öffnete, sah er den alten Mann, der in seinem Laden, den Kopf in die Hand gestützt, vor einem dicken Buche saß und darin las.

Als er das Oeffnen der Thür hörte, hob er den Kopf, fuhr aber im nächsten Augenblicke schon erschreckt von seinem Sitze empor. Er hatte den Lieutenant erkannt, und so unerwartet mußte er ihm gekommen sein, daß er es ordentlich in den Gliedern fühlte und sich wieder hinsetzen mußte – er hatte für den Augenblick die Kraft verloren, aufrecht zu stehen.

»Mein lieber alter Freund! nicht wahr, ich bin lange geblieben, um mein Versprechen einzulösen?« rief Bruno und ging, ihm die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu.

Der alte Mann nahm die Hand, aber er sagte leise: »Der Herr Baron hat nur versprochen, wiederzukommen, wenn die Zeit um ist, um die Wechsel einzulösen; ich weiß von nichts Anderem?«

»Von nichts Anderem, Salomon? – und Rebekka?«

Der alte Salomon schwieg und schaute lange und still vor sich nieder; er sah auch heute bleich und eingefallen aus – oder machte das nur das halbe Dämmerlicht des düstern, gewölbeartigen Ladens? Endlich stand er langsam auf.

»Setzen Sie sich, Herr Baron,« sagte er ernst, aber nicht unfreundlich, »ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden; nicht Jude zu Baron, sondern Mann zu Mann oder, wenn Sie lieber wollen, wie Mensch zu Mensch, wie Vater zu Sohn – ich bin alt genug dazu, Gott weiß es, und Sie wissen, daß ich es immer gut gemeint habe mit Ihnen und Ihnen manchen guten, vernünftigen Rath gegeben die letzten Jahre – wollte der Herr, daß er gefallen wäre auf guten Boden!«

»Aber, bester alter Freund....!«

»Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Baron, es ist gut, daß wir allein sind,« unterbrach ihn der alte Mann; »wir können auch keine Störung gebrauchen und wollen keine. Ich werde den Laden schließen, Herr Baron – wie haißt Geschäft, wir Beide haben auch ein Geschäft mit einander, was ist wichtiger, als ob ich einen alten saracenischen Dolch oder einen Pfeifenkopf verkaufe.«

Salomon ließ keine Einrede gelten, zündete die Lampe an, ging vor die Thür, schloß selber die eisenbeschlagenen Läden, verriegelte die eben so verwahrte Thür oben und unten, drehte den Schlüssel um und kam dann langsam zu dem jungen Officier zurück, der ihn nach all' diesen feierlichen und mit der größten Ruhe ausgeführten Vorbereitungen doch nicht ganz ohne Herzklopfen erwartete. Als er dann wieder zur Lampe trat, zog er seinen Stuhl dem des Barons gegenüber, setzte sich und begann ohne weitere Umschweife.

»So, Herr Baron, jetzt sind wir zu Dreien: der liebe Gott und Sie und ich, weiter Niemand – braucht auch nie ein Mensch weiter auf der Welt zu wissen, was wir hier mitsammen haben gesprochen – und nun will ich Ihnen etwas sagen. Sie haben betreten mein Haus – nicht meinen Laden, mein' ich, wo ich mache Geschäfte und verkehre mit aller Welt, nein, das eigentliche innerste Heiligthum meines Hauses – auch nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom alten Salomon, denn Barone oder Cavaliere kommen sonst nicht dahin. Sie haben dort gesehen mein Kind, meine Rebekka, und mein Kind hat Sie gesehen, und der Vater hat Sie gern gehabt, weil Sie ein gutes Gesicht und ein gutes Herz haben, und die Tochter hat Sie gern gehabt – nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom Vater – und als Freund von sich. Sie haben mit ihr gemusicirt und gesungen – schöne Lieder, brave Lieder; mir altem Manne ist dabei das Herz aufgegangen, und ich habe mir gesagt: Kein böser Mensch kann so spielen, kann solche Musik machen, und der alte Salomon ist eingeschlafen in seiner Wachsamkeit, bis es war zu spät. Jetzt ist er aufgewacht, und er muß mit Ihnen reden, damit kein Unglück geschieht, nicht im Laden oder Geschäft, sondern im eigenen Hause.«

»Aber lieber, bester Salomon, deshalb bin ich ja gerade selber hieher gekommen!« sagte Bruno.

»Sind Sie?« wiederholte der alte Mann und sah ihn scharf und forschend an. »Nun, desto besser dann, um so leichter und schneller werden wir damit zu Stande kommen. Aber lassen Sie mich ausreden – ich muß reden, denn ich habe es die ganzen langen Wochen auf der Seele gehabt und es hat mir das Herz beinahe abgedrückt – ich muß reden, meinet-, Ihret- und Rebekka's wegen.«

»Und kann ich Euch nicht vielleicht vorher durch eine ganz einfache und bestimmte Erklärung beruhigen?« sagte Bruno.

Der alte Mann sah ihn rasch und forschend an. »Durch welche?« fragte er.

»Ich bin heute hieher gekommen, um bei Euch um die Hand Rebekka's anzuhalten.«

Salomon schwieg; er war augenscheinlich im ersten Moment überrascht und wußte nicht gleich, was er erwiedern sollte. Aber der kalte Verstand des alten Juden ließ sich nicht so rasch durch ein erwachendes Gefühl bewältigen; er hatte diesen Fall vorhergesehen, wenn auch vielleicht nicht in so bestimmter Weise ausgesprochen, und mit ruhigen, fast klanglosen Worten entgegnete er endlich:

»Da haben wir's – gerade wie ich vermuthet habe: heißes Blut und kleiner Verstand wirft den Wagen in den Sand. So hören Sie, Herr Baron, was ein alter Mann zu Ihnen sagt: die Erklärung macht Ihrem Herzen Ehre, und sie thut mir gut, weil sie mir beweist, daß ich mich nicht ganz in Ihnen geirrt. Sie glauben, Sie haben Ihr Wort gegeben, und Sie wollen es halten. Als Cavalier wollen Sie es halten und als gewöhnlicher Mensch – aber es geht nicht. Sie werden wohnen auf dem Schlosse Wendelsheim – wir werden wohnen in der Judengasse, und damit hab' ich gesagt Alles, was zu sagen ist. Sie werden haben wollen die Rebekka zur Frau, aber Ihr Herr Vater ist ein vornehmer, ist ein strenger Herr – er wird lachen, wenn Sie es ihm erzählen zum ersten Mal – er wird weinen, wenn Sie es ihm erzählen zum zweiten Mal, und er wird Ihnen seinen Fluch geben, wenn Sie es erzählen zum dritten Mal. Aber die Tochter des alten Salomon soll einziehen in ihre neue Heimath nicht mit des Vaters Fluch, nein, mit des Vaters Segen. Noch ist es Zeit, noch ist die Wunde nicht so tief geschlagen, daß nicht Jahre im Stande wären, sie zu heilen, und deshalb habe ich heute mit Ihnen gesprochen. Sie sind jetzt – lassen Sie mich ausreden, Herr Baron, ich bitte Sie – Sie sind jetzt nichts als ein armer Lieutenant, der Schulden gemacht hat, und glaubt, er wäre dem alten Salomon eine Verbindlichkeit schuldig, weil er sie für ihn bezahlt. Es spricht das für Ihr gutes Herz, aber nicht für Ihren Verstand. Sie werden sein in kurzer Zeit ein reicher Mann selber, ein Baron von altem Adel und Stammbaum – aber wenn Sie wirklich heiratheten des alten Juden Tochter würden Sie sich fühlen geschlagen und unglücklich Ihr ganzes Leben lang. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind zu mir und um die Hand meiner Rebekka angehalten haben – wenn sie es auch nie erfahren wird –, ich bin stolz darauf, aber damit lassen Sie die Sache zu Ende sein. Ich liebe Sie, Herr Baron, ich glaube, Sie sind ein guter Mensch – aber ich liebe mein Kind mehr, und, Gott der Gerechte, wer kann's mir übel deuten? Sie würde sich unglücklich fühlen und elend sein, wenn sie in das alte Schloß einzöge und der alte Baron sagte: »Ich will nichts von ihr wissen – es ist des Juden Tochter!« Und Sie würden sich unglücklich fühlen, denn Sie sind der Sohn vom Vater, vom alten Herrn Baron; und die Diener und Mägde im Schlosse würden die Achseln zucken, und die Pferdejungen im Stalle von der Mißheirath sprechen, und der alte Salomon würde sich am unglücklichsten von Allen fühlen, denn er hält sein Kind lieb und werth, und wenn er einen Stolz hat auf der Welt, so ist es Rebekka – und sein ehrlicher, unbescholtener Name.«

»Und darf auch ich jetzt reden, Salomon?«

»Reden Sie,« sagte der alte Mann resignirt: »ich habe gesprochen, und es ist nicht mehr als recht, daß ich auch die Entgegnung höre.«

»Ihr wißt, Salomon,« erwiederte Bruno, ohne sich auf eine Widerlegung des eben Gesagten einzulassen, ja, ohne sie nur zu versuchen, »wie ich in meines Vaters Hause erzogen, wie von dem Vater selber, wie von der Tante besonders behandelt bin; ich habe Euch das schon manchmal, wenn wir hier unten plaudernd saßen, erzählt – Euch erzählt, weil Ihr der Einzige waret, zu dem ich Vertrauen fassen konnte.«

»Ich weiß es, ich weiß es,« nickte der alte Mann – »ich weiß es auch von anderen Leuten, denn es konnte kein Geheimniß bleiben und ist viel gesprochen darüber in der Stadt. Das Fräulein Tante – die Gnädige muß sein eine liebe Frau – Gott der Gerechte soll mir behüten – aber das ändert an der Sache nichts.«

»Doch, Salomon, doch,« rief Bruno; »mein Vater hat nie etwas gethan, um sich meine Dankbarkeit und Liebe zu verdienen – ich bin aufgezogen in meines Vaters Hause nicht wie der älteste Sohn vom Hause, nein, wie ein lästiger Fremder, dessen man sich nun einmal nicht entledigen kann. Und Liebe? Niemand hat Liebe zu mir gehabt. Endlich aber ist die Zeit gekommen, wo ich selbstständig in das Leben trete, und beim Himmel, ich will selbstständig handeln! Ich habe ein Herz gefunden, das mit ganzer, treuer Liebe an mir hängt, das einzige Herz auf dem weiten Erdenrund, und das wenigstens soll mir nicht verloren gehen alberner Vorurtheile und eines rostigen Stammbaumes wegen. Ich bin frei und mein eigener Herr, sobald ich mein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, also in wenigen Wochen. Meinen Abschied hab' ich schon eingereicht und werde die Ausfertigung desselben in den nächsten Tagen erhalten. Dann bindet mich nichts mehr an diese Stadt, als die Regelung meiner Geschäfte, die ich mit gutem Gewissen Euch, meinem alten, bewährten Freund, überlassen kann; ich selber ziehe fort. Mag mein Vater, mag die Tante das alte, öde Schloß bewohnen, ich will meinem Gott danken, wenn ich die düsteren Mauern nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu betreten brauche. Weit hinweg von hier ziehe ich, in ein fernes Land – nach Italien – aber nicht allein. Meine Gattin führe ich dorthin mit mir – meine Rebekka. Gebt mir Euer Kind, Salomon – ich will es auf Händen tragen mein ganzes Leben lang – gebt mir Rebekka, und Ihr sollt es nie, nie bereuen, mir vertraut zu haben!«

Der alte Mann saß schweigend und wie gebrochen vor dem Officier auf seinem Stuhle. Er antwortete nicht – er nickte nur still und traurig vor sich hin mit dem Kopf; endlich sagte er leise:

»Ich hab' es mir gedacht – ich hab' es mir gedacht – junges Blut, junges Blut! Und wenn Sie nachher reich sind und vornehm, und andere vornehme junge Damen sehen, die Sie hätten heirathen können und mit denen Sie auch glücklich und zugleich geachtet und hochangesehen gewesen wären, dann kommt die Reue, und mein armes Kind, das fühlt das dann mit und härmt und grämt sich und sorgt sich ab – und der Vater, der das schon lange gesehen hat, rauft sich die Haare und den Bart und verwünscht, daß er damals nicht hart gewesen, hart wie ein Stein.«

»Gebt mir Euer Kind, Vater!« drängte Bruno. »Wollt Ihr es jetzt gewiß unglücklich machen, weil Ihr in dem Wahn lebt, daß es später einmal unglücklich werden könnte? Rebekka liebt mich – sie hängt mit ganzer Seele an mir, und ihr reiches Herz müßte brechen, wenn Ihr diese Liebe aus ihrer Brust reißen wolltet – gebt mir Eure Rebekka, Vater!«

Noch immer sagte Salomon kein Wort, und der düstere Schein der Lampe nur warf sein Licht auf seine bleichen, wie von tiefem Schmerz durchfurchten Züge. Endlich flüsterte er leise:

»Er hat recht – ihr Herz würde brechen – es soll sein – es soll sein, der liebe Gott hat's so gewollt und der liebe Gott mag's weiter führen. Sie wird ihre Eltern verlassen und den Glauben ihrer Väter – Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, aber sie wird Gott nicht verlassen, wenn sie auch unter anderen Formen zu ihm betet – er hat's selber gewollt – er hat's selber gewollt.«

»Salomon....«

Der alte Jude stand auf; er hob den Lampenschirm zurück, daß deren Licht jetzt voll auf Bruno's Züge fiel, und sah dann lange und ernst in die bittenden, aber guten und ehrlichen Augen des jungen Mannes; und jetzt erst – jetzt zum ersten Male flog ein leichter Schimmer über sein eigenes Antlitz. Bruno hielt auch den Blick fest aus, und während jetzt sogar ein Lächeln um die feingeschnittenen Lippen des alten Mannes zuckte, sagte er: »Und der Baron will des Juden Tochter freien?«

»Des Juden Tochter, und er ist stolz darauf, Vater; er will glücklich werden und sie glücklich machen!«

»Jehovah hat's gewollt – ich kann's nicht hindern,« nickte der alte Mann – »dann kommen Sie zu Rebekka und fragen Sie das Mädchen selber. Sagt Sie Ja – der alte Salomon wird nicht sagen Nein – er hat es leider nie gethan, wo es vielleicht besser gewesen wäre. Kommen Sie, daß wir der Sache ein Ende machen.«

Und die Lampe aufgreifend, trug er sie zur Hinterthür, öffnete dort, löschte die Lampe aus, schloß die Thür wieder hinter sich, riegelte sie, hing noch ein Schloß daran und schritt dann mit dem jungen Mann der wohlbekannten Treppe zu.

Und wie klopfte Bruno das Herz, als er die Stufen hinanstieg, und wie langsam ging ihm der Vater – wie gern wäre er ihm vorausgeeilt! Aber Salomon, der sich das wohl denken konnte, hatte die Hand auf seinen Arm gelegt und ließ ihn nicht rascher vorwärts, als er selber ging.

»Geduld,« sagte er dabei, »Geduld, junger Mann; es ist ein ernster Schritt, den Sie thun, und da ziemt keine Hast – der ernsteste Schritt, den ein Mann thun kann – Gott der Gerechte weiß es, und kein Rückschritt möglich – außer durch ein Thor des Jammers und Herzeleids für zwei verfehlte Leben. Gehen Sie ihn langsam und mit Bedacht. Und jetzt noch,« fuhr er plötzlich fort, »ist eine Umkehr möglich – noch weiß Rebekka nicht, daß wir kommen – noch läßt sich vielleicht....«

»Vater,« bat Bruno, »Gott will es, daß sich zwei Herzen, die sich auf ewig angehören sollen, finden – wollen Sie da eingreifen?«

»Nein,« sagte der alte Mann feierlich, »es ist auch jetzt zu spät; sie hat uns – sie hat Ihre Stimme schon gehört – also wie Er will, vorwärts denn.«

Und oben öffnete sich die Thür. »Vater,« rief Rebekka's Stimme, »bist Du das?«

»Ich bin es, mein Kind,« sagte der alte Mann.

»Und kommst Du allein? Mit wem sprichst Du?«

»Ich komme nicht allein, Rebekka, ich bringe Dir Jemanden.«

Wieder wollte Bruno voraus, aber der alte Mann ließ ihn nicht; er hielt ihn fest am Aermel, und oben wurde die Thür wieder zugeschlagen. Gleich darauf hatten Sie die obere Etage erreicht.

»Und darf ich jetzt hinein?«

»Gehen Sie,« sagte der Alte, »es hilft mir doch nichts. Einen Augenblick könnt' ich es noch hinauszögern, nicht länger – was liegt an dem Augenblicke – 's ist ein Tropfen im Meere – gehen Sie.«

Bruno hatte sich schon lange von ihm losgemacht, die Thür geöffnet und den schmalen Vorsaal durchschritten. Dort im Zimmer stand Rebekka, wie sie gewöhnlich ging, in einem blüthenweißen Kleid, die rabenschwarzen Locken auf den vollen Nacken niederfallend, und diese Art von Tunica durch einen jener zierlichen russischen Platina-Gürtel zusammengehalten. So stand sie da – ein Bild jungfräulicher Scham und Liebe – die Arme halb dem Nahenden entgegengestreckt, und doch auch wieder den elastischen Körper wie scheu zurückgebeugt, als ob sie ihm entfliehen, ihn meiden wolle.

»Rebekka,« rief Bruno, die Arme nach ihr ausbreitend, »Rebekka – süßes, herziges Lieb – willst Du mein sein – willst Du mir angehören für Dein ganzes Leben und Freud' und Leid mit mir tragen, Lust und Schmerz – willst Du mein Weib sein und Dein Herz mir geben?«

»Mein Herz?« sagte Rebekka mit leiser Stimme, die aber wie ein Choral in Bruno's Ohren klang. »Mein Herz – hab' ich es denn noch? Ist es nicht längst schon Dein?« Und als er auf sie zuflog und sie in seine Arme, an seine Brust drückte, da lehnte sie ihr Haupt wie müde an ihn und flüsterte: »Bruno – mein lieber, lieber Bruno – o, wie danke ich Dir, daß Du gekommen bist – wie werd' ich es Dir ewig danken!«

Und die Mutter saß in der Ecke, und die hellen Thränen liefen ihr über die Wangen nieder; und der Vater stand mit gefalteten Händen vor ihnen und sah mit Schmerz und Lust zugleich das junge, jetzt so glückliche, so überselige Paar. Dann nahm er langsam ihre Hände, legte sie in einander und sagte freundlich:

»So geht denn zusammen den Weg durch dieses Leben: Ihr werdet ihn nicht glatt finden: Haß, Neid, Stolz und Ehrgeiz werden in Euren Pfad treten und Euer Glück bedrohen. Laßt sie – seid Euch selbst genug und sucht in der Familie, wie unsere Vorväter es schon gethan, allein den Frieden, den Euch die Welt vielleicht weigern oder streitig machen möchte. Er, der die Bitten eines alten Mannes gehört, welcher stets, wo es seine schwachen Kräfte erlaubten, nach Seinem Willen oder Geiste gehandelt hat – – segne Euch!«

Und jetzt kam auch die Mutter herbei und küßte die Kinder und setzte sich dann wieder in ihre Ecke und fing von vorn zu weinen an, aber vor lauter Freude und Seligkeit.

Freude und Seligkeit glänzte aber auch aus den Augen der Liebenden, die jetzt, fest aneinander gelehnt, zusammen saßen und von ihrer Zukunft, von ihrem Glück sprachen. Vergessen war für Bruno, was da draußen lag – vergessen das finstere Schloß mit all' seinen trüben Erinnerungen und überstandenen Schmerzen – vergessen alles ertragene Leid nur in der Wonne dieses Augenblicks. – Und Vater und Mutter saßen dabei, hörten dem Plaudern zu und wurden selber wieder jung in der Erinnerung an ihre eigene Liebe.

So verging ihnen mit Zauberschnelle die Zeit, und als es dunkelte und Rebekka aufsprang, um Licht zu holen, da setzte sich Bruno an das Instrument, und in jubelnden Tönen machte sich seine Seele Luft, bis Rebekka zurückkam, zu ihm trat, ihre Hand auf seine Schulter legte und glücklich, überglücklich ihre alten Lieder sang. Jetzt aber saßen die beiden Eltern zusammen in der Ecke, hatten Einer des Andern Hand gefaßt und hörten zu, bis die Zeit kam, daß die Mutter das Abendbrot bestellen mußte, denn Bruno sollte heute zum ersten Male mit ihnen essen.

Er blieb auch lange; er konnte sich nicht losreißen von dem Glück dieser ersten Stunden und geizte förmlich mit den Secunden, und als er endlich gehen mußte, als die Glocke auf dem alten, nicht fernen Dome die zehnte Stunde schlug, da nahm er wieder und wieder Abschied von der Geliebten, als ob sie sich für's ganze Leben und nicht auf wenige Stunden nur trennen müßten.

Der alte Salomon gab ihm das Geleit durch den Hof.

»Und wann darf ich wiederkommen, Vater?«

»Hab' ich jetzt ein Recht, darüber zu bestimmen?« sagte der alte Mann. »Lieber Himmel, was für eine Frage! Mich besuchen Sie doch nicht, und die Rebekka – werden Sie kommen morgen früh um neun Uhr, wird es ihr sein nicht zu früh. Gute Nacht, Herr Baron – Gute Nacht!«

Bruno trat hinaus auf die Straße, und von dem Lichte noch geblendet, das er eben verlassen, konnten sich seine Augen nicht gleich an die Dunkelheit gewöhnen. Trotzdem war es ihm, als ob er eine menschliche Gestalt, Schatten gleich, von einem der verschlossenen Ladenfenster fortgleiten sah, und diese hielt, als ob unschlüssig, wohin sie sich wenden solle, an der andern Seite der Straße. Der junge Mann wäre auch gern darauf zugegangen, aber es lag ihm selber noch nichts daran, es zu früh in der Stadt bekannt werden zu lassen, in welcher nächsten Beziehung er zu Salomon stehe. Er schritt deshalb, ohne sich weiter nach der Persönlichkeit umzusehen, die Straße hinab, bis er den ersten Nachtwächter traf, und schickte diesen dann zurück mit der Weisung, auf jene Gegend Acht zu geben, da sich dort ein verdächtiger Bursche herumtreibe. Der Nachtwächter folgte auch der Weisung und suchte den ganzen Weg ab, fand aber Niemanden mehr vor. Wer es auch gewesen, er hatte sich nicht länger dort aufgehalten und war verschwunden.

3.
Frau Heßberger.

Oben in der dritten Etage eines der Häuser in der Bergstraße von Alburg saß der Schuhmacher Heßberger mit einem Gesellen und drei Lehrjungen bei der Arbeit und war emsig beschäftigt, ein Paar sehr elegante Damenschuhe, die einen außerordentlich kleinen Fuß verriethen, frisch zu besohlen. Er hatte seinen Tisch aber dicht an's Fenster gerückt, denn schwere, graue Wolken lagen vor der Sonne und dumpf grollender Donner verrieth ein nahendes Gewitter. Nichtsdestoweniger arbeitete er fleißig fort und schien sich um das Wetter draußen wenig zu kümmern, bis plötzlich ein greller Blitz die Stube hell erleuchtete und gleich darauf ein so schmetternder Donnerschlag hinterdrein folgte, daß der kleine Mann ordentlich zusammenfuhr. Statt jedes andern Ausrufes setzte er aber plötzlich mit gellender Stimme in einen Choral ein, daß sich die Lehrjungen unter einander ansahen und heimlich lachten, aber nur ganz heimlich, denn es wäre ihnen bös ergangen, wenn es der Meister gemerkt oder nur Verdacht geschöpft hätte. Dieser aber, nur mit seiner Sohle (denn er unterbrach seine Arbeit nicht) und dem Lied beschäftigt, schrie mehr, als er sang, während der Regen an die Fenster peitschte:

»O Mensch gedenk' an's Ende,

Willst Du nicht Uebles thun –

Der Tod bringt oft behende

Das allerletzte Nun.

Am Lebens-Augenblicke

Hängt ewig Wohl und Weh',

Drum denke wohl zurücke,

Wohin Dein Ende geh'!«

Und wieder ein Blitz – wieder ein Schlag, als ob die Erde von einander bersten wollte, und die Fensterscheiben zitterten und klapperten ordentlich dazu. Der Schuhmacher ließ sich aber nicht stören, und ohne eine Miene zu verziehen, setzte er eben zu dem gerade so beginnenden zweiten Vers ein:

»O Mensch, gedenk' an's Ende –«

als es heftig an die Thür pochte und der Gesell, ohne dazu des Meisters Befehl abzuwarten, laut »Herein« schrie. Fast zu gleicher Zeit wurde dieselbe auch geöffnet, und eine etwas corpulente Frau, einen triefenden rothbaumwollenen Regenschirm mit Messinggriff in der Hand, den Hut etwas zerdrückt und jedenfalls von dem Unwetter mitgenommen, das Gesicht geröthet und eben nicht besonders freundlich ausschauend, trat in's Zimmer und warf einen raschen Blick darin umher.

Der Schuhmacher schien dabei keine besondere Lust zu haben, sich in seiner Andacht stören zu lassen, denn er fuhr, ohne auch nur den Kopf nach der Thür umzudrehen, unverdrossen fort:

»Wer weiß, ob nicht noch heut'

Der Tod Dich treffen könnte,

Drum mache Dich bereit –«

Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie dazwischen: »Na, bei mir könnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister Heßberger! Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, daß ich in dem Hundewetter den Weg umsonst gemacht hätte!«

Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er arbeitete, ziemlich rücksichtslos bei Seite werfend: »Ach, Madame Müller – ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Persönlichkeit wieder einmal nach so langer Zeit condoliren zu dürfen.«

»Reden Sie keinen Unsinn,« erwiederte Madame Müller, gar nicht, wie es schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. »Was Ihnen angenehm oder nicht, kümmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob ihre Frau zu Hause ist.«

»Bitte, Madame Müller,« sagte Heßberger, »ich rede nur ganz höflich, und eine Höflichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber – o Du Herr Jesus, der Donner! – nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau ganz besonders daüber scharmiren, paßt ihr gerade – sie ist drinne – bitte, treten Sie näher, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan nicht!«

Madame Müller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu und stieg dann, ohne es weiter der Mühe werth zu halten, ihm noch eine Antwort zu geben, über alles mögliche im Wege gestreute Schuh- und Lederzeug, über Leisten, Handwerksgeräth und andere derartige Dinge hinweg der Thür zu, welche, wie sie aus früheren Zeiten wußte, das Wohn- und Schlafzimmer der Heßberger'schen Gatten von der Werkstätte abschloß. Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal den gewöhnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer, als wieder ein greller Blitz über den Himmel zuckte und gleich darauf, aber doch etwas später als bisher, grollender, dumpfer Donner hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorübergezogen, und nur der Regen goß noch in Strömen nieder.

Mit dem Donnerschlag – selber ein kleines Gewitter in sich – stand aber Madame Müller auf der Schwelle, und der barsche Gruß schon, den sie der Herrin vom Hause entgegenrief: »Guten Tag, Frau Heßberger, ich habe 'was mit Ihnen zu reden!« deutete nicht viel Gutes.

Heßberger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie seit Jahren nicht verkehrt, hieher im Zorne geführt haben könne, fühlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz sattelfest, und da er wußte, daß seine Frau bei irgend einer passenden Gelegenheit, sehr laut sprach und die Frau Müller schrie, so bemühte er sich bei Zeiten, wenigstens einen lästigen Zeugen zu entfernen – kein Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde.

»Backhof,« brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt, »Sie können Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.«

»Aber ich möchte so gern noch den Schuh fertig machen,« sagte der Gesell, denn in der Nebenstube wurden die Stimmen schon etwas lauter, und er wünschte vielleicht ebenfalls, einen etwa entstehenden Zank mit anzuhören, der sicherlich der Mühe werth sein mußte. Seine Meisterin kannte er, was ihre Zunge betraf; die eben gekommene Frau sah auch nicht so aus, als ob es ihr an den Sprachwerkzeugen fehle, und

Es schwankt der Sieg, wenn Griech' auf Grieche trifft.

Sein Meister mochte aber Verdacht geschöpft haben, daß ein anderer Wunsch, als nur den alten Schuh fertig zu bekommen, in seinem Herzen lauere. Zeit war auch nicht zu versäumen, denn Madame Müller schien nicht viel zu verlieren, und er sagte deshalb hastig: »Machen Sie ein bischen zu – die Stiefel sollten schon um drei Uhr beim Herrn Geheimen Obergerichtsrath sein.«

»Ja, aber Meister, die bringen doch sonst immer die Jungen fort. Das ist doch nicht meine Sache...«

»Das weiß ich wohl; ich will es auch nicht for Plesir haben« sagte Heßberger, der sich augenscheinlich die größte Mühe geben mußte, höflich zu bleiben. »Hier sind fünf Groschen, da trinken Sie einmal auf meine Gesundheit – aber machen Sie ein bischen – alleh, Backhof – und hier, nehmen Sie dem Herrn Geheimen Obergerichtsrath gleich die quintirte Rechnung mit.«

Backhof, der Gesell, merkte wohl, daß ihn der Meister unter jeder Bedingung los sein wollte, und es wäre doch jetzt hier so hübsch gewesen – gerade ging's da drinnen los. Aber er hatte auch nicht gut einen Vorwand, da zu bleiben; die fünf Groschen lockten ihn ebenfalls. Er stand auf, warf sein Schurzfell ab und zog den am Nagel hängenden Rock an, dann nahm er Rechnung und Stiefel und ging damit hinaus, immer noch in der Hoffnung, auch dort etwas zu hören. Darin sah er sich jedoch getäuscht, denn die dazwischen liegende Küche war wie gewöhnlich abgeschlossen.

Den Meister genirten jetzt noch die Lehrjungen, aber doch nicht so viel, als es der Gesell gethan hätte, denn die waren eine etwas lebhafte Unterhaltung im Hause schon gewohnt und – konnten nicht die Condition wechseln, sie mußten im Hause bleiben, durften also nichts daraus schwatzen, oder – der Teufel sollte sie bei lebendigem Leibe holen! Er ging auch wirklich selber wieder zu seiner Arbeit zurück, aber es war keine Andacht dabei. Die großen, schweren Tropfen schlugen draußen gegen die Scheiben, daß sie das Zimmer fast dunkel machten, und da drinnen wurden die beiden Damen immer lauter und heftiger. Das ging nicht mehr, er mußte da einschreiten oder doch wenigstens erfahren, um was es sich handelte; denn was ihn dabei beunruhigte, war, daß er die Stimme seiner Frau gar nicht so scharf hervorhörte; Madame Müller schien ziemlich allein das Wort zu führen, und das konnte unmöglich ein gutes Zeichen sein. Wenn die Frau Heßberger eine gute oder doch wenigstens haltbare Sache hatte, sprach sie auch gewöhnlich mit – und wie!

Er fühlte sich nicht mehr behaglich auf seinem Schemel. Er stand auf, band sich anstandshalber das Schurzfell ab, wobei sich die Jungen schon wieder unter einander anstießen, fuhr in den schwarzen, abgeschabten Frack hinein, und dann sein fettglänzendes Mützchen abnehmend und die Haare vorn in die Stirn streichend – es war dies die einzige Art, wie er seine Frisur arrangirte –, drehte er sich noch einmal gegen die Jungen um und sagte: »Daß mir keiner von Euch von seinem Schämbel aufsteht, oder – Ihr wißt wohl...« Und damit stieg er nach der Thür hinüber.

Als er sie öffnete, fand er die Damen in sehr lebhafter Unterhaltung.

Frau Heßberger hatte friedlich, trotz Blitz und Donnerwetter, am Fenster gesessen und eine etwas sehr schadhaft gewordene Unterjacke ihres Gemahls ausgebessert. Sie beschäftigte sich allerdings in geeigneten Stunden vortheilhafter mit der höheren Magie, mit Kartenlegen und Prophezeien, wofür sie, wunderbarer Weise, in Alburg ein sehr gläubiges Publikum fand. Aber die nothwendigen Hausarbeiten mußten doch auch erledigt werden, und Frau Heßberger war die richtige Frau dazu, um das zu besorgen.

Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine nur von metallenen Rädern abhängige Maschine saß sie dazwischen und rührte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte – sie hatte überhaupt keine Nerven, die das möglich machen konnten.

Drinnen in der Werkstatt hörte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht darauf. Der Besuch, der zu ihr kam – verschleierte Damen gewöhnlich, manchmal in Begleitung von jungen Herren – traf erst in viel späterer Stunde und bei vollständig angebrochener Dunkelheit ein; was früher kam, wollte nur Stiefel oder Schuhe haben.

Da klopfte es plötzlich, und wie sie ein halb erstauntes »Herein!« rief, stand, auch schon mit prasselndem Donner, eine fremde Frau auf der Schwelle, deren Züge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im Kopfe, gleich zurück in's Gedächtniß rief. Der Frau selbst schien aber gar nichts daran gelegen, sie lange über sich in Zweifel zu lassen, denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken überfliegend:

»Guten Tag, Frau Heßberger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.«

»Madame Müller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe!« rief Frau Heßberger, und nicht einmal in gekünsteltem Erstaunen aus, denn so gut und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie dieselbe nicht gesehen. »Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!«

»Wollen wir erst abwarten,« sagte Madame Müller, noch immer den triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse über Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in der Stube zu bilden. »Thut mir leid, daß ich das Zimmer naß mache, aber ich weiß nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den Blumenuntersetzern her – das Wetter ist schuld.«

Frau Heßberger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der Anforderung und würde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie hätten Zeugen sein können, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Müller stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr »Regendach« aber untergebracht sah, drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um.

»So – und jetzt haben wir ein paar Worte mit einander zu wechseln, Madame Heßberger, wenn es Ihnen recht ist,« sagte Madame Müller, aber gleich in einem so entschiedenen Ton, daß man ihm wohl anhörte, sie würde eben reden, ob es recht wäre oder nicht.

»Wir Beiden, Madame Müller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie stehen ja da an der Thür....«

»Sagen Sie einmal, Frau Heßberger,« fuhr die Frau fort, ohne die Einladung weiter zu beachten, »was haben Sie denn von mir in der Stadt erzählt, wenn ich fragen darf?«

»Ich? Von Ihnen?« sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht reinen Gewissen, denn sie sprach gewöhnlich sehr viel über andere Leute und nie etwas Gutes, und fühlte sich natürlich nicht so recht sicher, daß irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mußte sie erst einmal hören, um was es sich eigentlich handle. »Und was sollte ich von Ihnen gesprochen haben? Was hätte ich denn eigentlich sprechen oder erzählen können? Ich weiß ja doch gar nichts von Ihnen!«

»Desto schlimmer, Frau Heßberger, desto schlimmer,« rief Madame Müller, keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu lassen; auf anfängliches Leugnen war sie überdies gefaßt. »Aber aus der Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht möglich, und Ihre Zunge kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!«

»Hören Sie, Madame Müller,« sagte Frau Heßberger, doch jetzt auch ein bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurückhielt, denn sie mußte erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, »beleidigen brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn ich in der Stadt bekannt bin....«

»So? Aber zu mir schicken Sie die Leute in das eigene Haus!« fuhr die Frau Müller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort. »Ich soll mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr? Dagegen haben Sie nichts, o, Gott bewahre, das ist ja nur die Frau Müller, eine allein stehende Frau und Wittwe – jawohl, die muß sich Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge gegeben, mit der ich mich wenigstens vertheidigen kann, und die will ich denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft läßt.«

»Daß Sie eine gute Zunge haben, Madame Müller, hat Ihnen noch Niemand abgestritten,« sagte die Frau Heßberger, jetzt ebenfalls gereizt.

»Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau Heßberger, Sie am allerwenigsten!« rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als es die Umgebung eigentlich nöthig machte.

»Aber wär's Ihnen denn nicht gefällig, Madame Müller, jetzt einmal zu sagen, was Sie von mir wollen?« sagte die Frau Heßberger mit einem ironischen Knix.

»Jawohl, Frau Heßberger,« erwiederte die Dame, gerade in der Stimmung, ihr den Knix mit Zinsen zurückzugeben, »wie Sie befehlen – oder möchten Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, allein stehende Frau schützen!«

»So, Madame Müller, und wissen Sie, daß ich jetzt gleich hingehen und Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen?«

»Ja, gehen Sie nur, Frau Heßberger, gehen Sie nur,« rief die Frau Müller in Eifer, »wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn Rath Frühbach, von mir und meinem Kinde erzählt haben, daß ich es umgetauscht hätte und daß mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind vom Baron von Wendelsheim wäre – Sie schlechte Person Sie....«

»Was?« sagte die Frau, jetzt wirklich erstaunt und in dem Gegenstand ganz die »schlechte Person« überhörend (sie bemerkte auch in dem Augenblicke kaum, daß ihr Gatte im Frack in's Zimmer trat). »Ich hätte dem Rath Frühbach erzählt, Sie hätten ein Kind umgetauscht und Ihre Tochter wäre die Tochter vom Baron?«

»Wenn die Damen so freundlich sein wollten,« sagte Heßberger, der mit seinem gewinnendsten Lächeln die alte Fettmütze zwischen den Fingern zerdrückte, »nur ein klein wenig leiser zu schreien – die Lehrjungen drin spitzen die Ohren und horchen, und brauchen doch wahrhaftig nicht zu wissen, über was wir hier conserviren.«

»Meinethalben kann's die ganze Stadt wissen,« sagte Frau Müller mit Würde; »ich habe ein reines Gewissen, und von Ihnen, Herr Heßberger, lasse ich mir den Mund noch lange nicht verbieten, Sie wären nicht der Mann danach!«

Heßberger warf ihr, als sie vornehm über ihn wegsah – und sie war auch wenigstens einen halben Kopf größer als er –, einen tückischen Blick zu, hütete sich aber wohl, sie noch mehr zu reizen, und sagte mit seiner freundlichsten Stimme: »Würde ich mir auch gar nicht unterstehen, verehrte Madame. Aber wollen Sie sich denn nicht platzen? Die ganze Sache scheint mir übrigens, so viel ich bis jetzt davon gehört habe, auf einem Mißverständniß zu beruhen, denn meine Frau kann doch unmöglich etwas derartiges obschönes Gerede mit dem Herrn Rath Früh....«

»Ich habe überhaupt mit dem Herrn Rath Frühbach noch in meinem Leben kein Wort gesprochen!« rief hier die Frau Heßberger dazwischen. »Seine Frau kommt manchmal zu mir – eine liebe, gute Seele, die sich die Karte legen läßt und wissen will, ob sie 'was in der Lotterie gewinnt oder ob ihr Mann eine Anstellung als Director kriegt, aber nie ist auch nur der Name der Madame Müller in ihrer Gegenwart über meine Zunge gekommen!«

»Und der Rath Frühbach soll aus freien Stücken zu mir hinaus nach Vollmers kommen und sich noch dazu einen lebendigen, wirklichen Major mitbringen, wenn an der ganzen Sache kein wahres Wort wäre? Das machen Sie einer Andern weis, aber mir nicht, verehrte Frau Heßberger! Ich will gar nicht behaupten, daß ich zu den Gescheidtesten gehöre, aber so dumm bin ich denn doch, Gott sei Dank, noch lange nicht!«

»Was denn für ein Major?« sagte die Frau Heßberger, aufmerksam werdend.

»Ein Major von Hansen oder Halsen, wenn Sie's wissen wollen, ein alter Herr, der ehrwürdig genug aussah, um gescheidt zu sein – und von solchen Leuten muß man sich solche Dinge sagen lassen! Aber damit ist die Sache nicht abgethan, Frau Heßberger, damit ist sie wahrhaftig noch nicht abgethan! Ich bin eine ehrliche Frau, und Alles, was ich habe, ist mein ehrlicher Name, und den lasse ich mir noch lange nicht von jeder hergelaufenen Person abschneiden!«

»So, Madame Müller,« rief jetzt des Schusters Frau, deren Geduld ebenfalls scharf auf die Neige ging, »jetzt möcht' ich nur wissen, ob Sie mich etwa mit der »hergelaufenen Person« meinen, denn wenn Einer von uns eine hergelaufene Person ist....«

»Entschuldigen Sie, meine Damen,« fuhr hier Heßberger dazwischen, der alle Ursache hatte, einen drohenden Ausbruch zu vermeiden, »wenn jener Herr Geheimer Rath etwas Derartiges gegen Sie geäußert hat, Madame Müller, so sind Sie vollständig berechtigt, böse darüber zu werden, jede anständige Frau würde das. Aber dann seien Sie auch so gut und theilen uns genau mit, was er von uns gesagt hat, dann können wir uns verdefendiren, und den Herrn Geheimen Rath wollen wir nachher schon kriegen.«

Madame Müller zögerte einen Moment. Sie fühlte vielleicht, daß sie ein wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch zu vernünftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die Heßbergers mußten erst erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das war in der Ordnung, und Madame Müller auch nur eigentlich in der ersten Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Geleise, nach einem Stuhl um, den ihr Heßberger bereitwillig hinschob, und sagte dann: »Gut, ich will Ihnen die Sache erzählen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei überläuft; ach, daß ich mir so 'was muß auf meine alten Tage gefallen lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte! Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schwätzer die Wahrheit gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum König gehen müßte.«

Und nun erzählte sie mit ziemlich kurz gedrängten Worten, aber natürlich noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuhörenden Heßberger'schen Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frühbach und dem Major, und Heßberger unterbrach oder störte sie darin nur ein einziges Mal, indem er leise und vorsichtig an die Thür der Werkstatt schlich und diese dann plötzlich aufriß, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen ertappte. Die aber kannten schon sein Manöver und hüteten sich wohl, etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt saßen sie auf ihren Schemeln, und darüber beruhigt, schloß der Schuhmacher die Thür wieder.

Die Frau Heßberger schüttelte aber, während ihr Besuch erzählte, immer nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage, dem Rath Frühbach etwas Aehnliches erzählt zu haben, vollkommen rein wußte, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr erstlich zur Frau Müller kam, und dann auch nicht, wie er sie auf solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major – den kannte sie gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen.

Ihr Mann mußte ähnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen Augenblick schwieg, mehr um Athem zu schöpfen, als weil es ihr an Stoff gefehlt hätte – sie würde einen Monat lang damit ausgereicht haben –, sagte er artig:

»Escusiren Sie, Madame Müller, behauptete denn der Herr Geheime Major etwas Aehnliches?«

»Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht,« sagte Madame Müller, »weiß ich nicht – eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's für einen Major gehört, sondern einen alten grauen Rock und einen runden Hut –, aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath führte ziemlich allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Sünder der... Aber nun, Frau Heßberger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erzählen? Habe ich je in meinem ganzen Leben...«

»Ereifern Sie sich nicht unnöthiger Weise, Madame Müllern,« sagte die Heßberger mit Würde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles genau zu überlegen. »Ich kann es auf die Hostie beschwören, daß Ihnen jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lügen erzählt hat, und wenn Sie mir ihn hieherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch viel weniger über Sie. Außerdem,« fuhr sie fort, als sie sah, daß Madame Müller etwas darauf erwiedern wollte, »steht hier die Frau, die von der Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war, und doch wohl wissen müßte, ob es vertauscht wäre oder nicht, denn mir kann in der Hinsicht Keiner ein X für ein U machen. Ich habe aber den Jungen – und ein prächtiger junger Herr ist es geworden – zuerst auf den Armen gehabt, und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den hätte Einer auswechseln wollen, der hätte es klug anlegen müssen. Aber ich weiß, woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe, der das Geld gekriegt hätte, oder doch ein ganz Theil davon, wenn die Wendelsheim'sche Familie ohne männlichen Erben geblieben wäre. Jetzt hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, daß er nichts kriegt und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen Haken daran zu finden.«

»Aber, Heßbergern,« sagte die Madame Müller, »das ist ja doch gar nicht möglich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...«

»Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Müllern!« sagte die Heßberger, während der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte – er schien sie ebenfalls zu kennen. »Mir sind schlimmere Dinge passirt,« fuhr die Frau fort, »viel schlimmere, und die ersten Jahre – Sie waren wohl damals schon in die weite Welt gegangen und über die See –, da hatten sie bald dies, bald das Gerede, und Alles über die arme Heßberger, die konnte herhalten, weil sie zu gutmüthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber zuletzt mußten sie's doch aufgeben – Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben immer oben, Madame Müllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden, daß sie mir nichts anhaben konnten, ließen sie mich zufrieden.«

»Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?« rief Madame Müller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen Besuch kehrte. »Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin nicht zu gutmüthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, Heßbergern, und wenn mich neulich nicht der Aerger und Zorn so krank gemacht hätte, daß ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hüten mußte, ich wäre augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor acht Tagen!«

»Aber, beste Madame Müller,« sagte Heßberger sehr artig, »da treten Sie die Geschichte erst recht breit. Ich würde solche Menschen mit Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so viel kann ich Ihnen versichern.«

»Na, das fehlte mir auch noch, daß die wiederkämen,« sagte die Frau, ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend, den sie wie eine Waffe packte; »ich wollte ihnen zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen und mir ihre Lügen unter die Nase reiben dürfen!«

»Da müssen Sie schmähliches Geld blechen,« sagte Heßberger, »und es hilft Ihnen gar nichts.«

»Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte!« rief Madame Müller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die linke Hand. »Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe mit derlei Leute nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Der wird mir schon einen ordentlichen Menschen nennen können, der Einen nicht blos zum Vergnügen über's Ohr haut.«

»Liebe Madame Müller,« sagte da die Frau Heßberger rasch, »thun Sie das nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was weiß der von den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tüchtiger Mann, der Herr....«

»Lassen Sie mich nur machen, Frau Heßberger,« sagte Madame Müller, die eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien. »Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und weiß selber, was ich zu thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tüchtiger Mann, und ich will auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren, den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf dürfen Sie sich verlassen!«

»Aber es regnet so sehr, meine gute Madame,« sagte Heßberger, der sie jetzt merkwürdiger Weise noch gar so gern eine Weile da behalten hätte.

»Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr Heßberger,« versicherte Madame Müller, »ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen allerseits – wünsche gesegnete Mahlzeit!« und damit öffnete sie die Thür der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile und dunkle Treppe hinab.

Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann, ohne Regenschirm die Straße heruntergekommen und, da er sich besonders vor Erkältung fürchtete, dort untergetreten. Er glaubte natürlich, daß es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch vorüberziehen würde, denn »gestrenge Herren regieren nicht lange.« Aber der Donner folgte immer langsamer und in größeren Zwischenräumen dem Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen hörbar wurde, und immer wollte der eigentliche Guß nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu werden.

Witte schüttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam auch eine leere Droschke vorüber, die er dann angerufen hätte. Wer aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und überhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmefällen einen von ihnen auf der Straße. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle Viertelstunde und nahm sich schon ein paarmal vor, lieber mitten im Regen hinauszuspringen und lieber scharf an den Häusern wegzulaufen. Jedesmal aber, wenn er zu solch einem halben Entschlusse gekommen war, schien es, als ob es mit frischen Kräften an zu gießen fing; es dachte gar nicht daran, aufzuhören, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf.

Wie er noch so dastand, arbeitete sich ein Herr mit einem großen hellblauen seidenen Regenschirm an der Thür vorüber; gerade aber als er vor dem Thorwege war, kam ein plötzlicher Windstoß die Straße herunter, faßte unter den Schirm und klappte im Nu die Fischbeinstäbe nach oben, während eine benachbarte Dachtraufe, welche ebenfalls durch den Windstoß eine andere Richtung erhielt, ihren vollen Inhalt über den unglücklichen und nun vollständig wehrlosen Eigenthümer des Schirmes ausschüttete.

»Herr Du meine Güte!« sagte der Mann und fuhr mit einem Seitensprung so rasch in das Haus hinein, daß ihm Witte kaum aus dem Weg kommen konnte. Dort bog er sich dann vor, um wenigstens erst einmal das Gröbste von Hut und Rock ablaufen zu lassen; dann nahm er die Brille ab, um diese klar zu wischen, denn er war vollständig überschüttet worden, und Witte erkannte jetzt erst in dem Eingeregneten den Rath Frühbach.

»Ei, ei, mein lieber Herr Rath,« sagte er, »Sie sind ja in ein ganz gehöriges Sturzbad hineingerathen. Das nenn' ich ja vollkommen unter Wasser gesetzt. Es ist aber auch wirklich ein Hundewetter.«

Rath Frühbach brauchte einige Zeit, bis er seine Sehwerkzeuge wieder in Ordnung hatte, denn er erkannte den Staatsanwalt nicht gleich an der Stimme. Während er aber die Brille noch abwischte, bog er den Kopf herunter, als ob er sie auf der Nase hätte und darüber hinwegsehen wollte, und rief plötzlich aus: »Ei, mein lieber Herr Staatsanwalt, das ist mir ja ein ganz besonderes Vergnügen, Sie hier so zufällig zu treffen! Das nehme mir aber kein Mensch übel, so ein Wetter ist ja noch gar nicht dagewesen – dreht Einem den Schirm ordentlich um. Aber so ist es mir einmal in Schwerin gegangen. Da spaziere ich auch in aller Gemüthlichkeit, bei fast wolkenreinem Himmel, ein Stückchen vor die Stadt hinaus, hatte aber doch den Schirm aus Vorsicht mitgenommen, als plötzlich ein Gewitter ankommt, und ich war draußen auf freiem Felde, und wenigstens auf tausend Schritte nach keiner Richtung hin ein Haus. Na, ich spannte den Schirm auf, und nun dicke durch. Ja, aber du lieber Gott, das wurde immer ärger, das regnete, als ob es mit Mulden gösse, genau so, wie jetzt da draußen, und es hörte auch den ganzen Nachmittag nicht auf.«

»Wenn wir nur eine Droschke bekommen könnten,« sagte der Staatsanwalt, der ungeduldig indessen auf die Straße hinaus sah; »ich habe gar nicht einmal so lange Zeit, ich muß nach Hause, und nun das Wetter – mit meinen dünnen Stiefeln – wenn ich nur wenigstens Gummischuhe mitgenommen hätte!«

»Die helfen auch nicht viel,« sagte der Rath. »Da kam ich einmal Abends in Schwerin aus dem Theater; es war auch nasses Wetter gewesen, und ich hatte meine Gummischuhe mitgenommen. Während der Vorstellung mußte sich aber der Wind gedreht haben; es wurde bitter kalt und fror, und wie ich nur hinaus auf die steinerne Treppe trete, fühle ich schon, daß ich an zu rutschen fange. Ich trete also sehr vorsichtig hinunter auf das Pflaster, erst mit dem rechten und dann mit dem linken Fuß, und immer ein bischen weiter, und so bin ich den ganzen Weg nach Haus gegangen.«

Der Staatsanwalt überlegte sich eben, ob er nicht lieber dem Regen und einem jedenfalls darauf folgenden Schnupfen, als den endlosen Erzählungen des Raths trotzen sollte, als hinter ihnen eine Frau die Treppe herunterkam, auf welche Rath Frühbach, da er gerade wieder seinen Schirm in Ordnung brachte, gar nicht achtete.

Es regnete noch mit derselben Hartnäckigkeit weiter, und die Frau spannte unten im Flur, ohne sich um die Herren zu bekümmern, ihren Schirm auf, wollte auch eben hinaus in den Guß treten, als ihr Auge zufällig auf Rath Frühbach fiel, der ihr in seiner aufmerksamen Weise Platz machte.

»Ne, so 'was lebt nicht!« rief sie plötzlich im größten Erstaunen aus. »Da ist er ja – wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Ist auch ein vortreffliches Plätzchen hier, um andere ehrliche Leute wieder schlecht zu machen und zu bereden, nicht wahr? Jawohl, kann ich mir denken! Aber jetzt wollen wir einmal sehen, ob die Gerichte das zugeben! Wenn noch Recht und Gerechtigkeit im Lande ist, so will ich's schon finden, darauf können Sie sich verlassen, und Ihren saubern Major, den kauf' ich mir noch dazu!«

»Liebe, beste Frau,« sagte der Rath, der zu seinem Entsetzen die Frau Müller aus Vollmers erkannt hatte und jetzt nicht übel Lust zu haben schien, seine ganze Existenz abzuleugnen, denn der Staatsanwalt durfte um Gottes willen nichts von der Geschichte erfahren.

Madame Müller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende Anrede reizte sie ganz besonders: »Der Teufel ist Ihre »liebe, beste Frau!« rief sie zornig und schien nicht übel Lust zu haben, den schon geöffneten Schirm wieder zu schließen. »Sie sollen mir aber vor's Messer, darauf können Sie sich verlassen, und wenn ich....«

»Heh, Droschke! Droschke!« rief der Staatsanwalt auf die Straße hinaus. Er begriff nicht recht, was Rath Frühbach mit der Frau haben oder gehabt haben konnte, hatte aber auch keine große Lust, einem etwaigen Streit zuzuhören, und der Wagen, der gerade zufällig gegenüber eine »Fuhre« abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher hörte auch den Ruf und lenkte um, und mit einem kurzen Gruß gegen den Rath sprang der Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus.

Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier im Thorweg, und außerdem noch durchaus naß, das Unwetter abwarten? Nein – hier drinnen wüthete es ärger als draußen, und einen herzhaften Entschluß fassend, spannte er mit einem plötzlichen Ruck seinen Schirm, sagte »Guten Morgen, Madame!« und war mit drei Schritten wieder unter der Traufe. Er hörte noch hinter sich her etwas von »Gerichten« und »Hausschleichern«, aber der auf den Schirm schlagende Regen ertödtete die Worte, und dem Sturm in die Zähne arbeitete er sich, Madame Müller ihrem eigenen Schicksal überlassend, die Straße hinauf.

4.
Neben der Werkstätte.

Neben der Werkstätte des Schlossers Baumann befand sich das kleine, aber ganz behaglich eingerichtete Wohnzimmer der Familie, und zwar nicht etwa behaglich durch elegante Möbel oder sonstigen Zierath, sondern weit mehr durch die wirklich auffallende Sauberkeit, die dort herrschte, so daß Baumann selber oft lachte, wenn er mit seinem rußgeschwärzten Gesicht, und eben solchen bloßen Armen zum Frühstück oder sonst einmal hereinkam und dann meinte, er passe da eigentlich gar nicht hin und müsse immer vorher an der Thür »abgetreten« werden. Er paßte aber und gehörte trotzdem da ganz besonders hinein, denn seinem unermüdlichen Fleiß sowohl als seiner Geschicklichkeit verdankte die Familie gerade diese Behaglichkeit, die nur die Frau noch durch ihr ewig thätiges Schaffen und Sorgen zu erhöhen und zu erhalten wußte.

Baumann hätte sich auch in der That keine bessere Frau wünschen und sie auf der weiten Welt finden können; eine sorgsamere für ihn und seine Bequemlichkeit gewiß nicht, denn was sie ihm an den Augen absehen konnte, das that sie. Dabei war in den langen Jahren ihrer Verheirathung auch noch nicht ein einziger Zank zwischen ihnen vorgekommen, und nur manchmal neckte sie der alte Schlosser mit dem »Stückchen Hochmuthsteufel«, der in ihr stecke, und meinte dann wohl, es sei jammerschade, daß sie keine Gräfin geworden wäre und in Sammet und Seide und mit langen Schleppkleidern hätte umhergehen können, das würde ihr außerordentlich gut gestanden haben. Aber das war immer nur im Scherz und wurde so gesagt und aufgenommen.

Heute saß sie allein in der Stube an ihrem Nähtisch und arbeitete ein Kleidchen für ihr kleines Töchterchen, das seit acht Tagen zum ersten Mal in die Schule geschickt war und nun doch Manches brauchte, um anständig zwischen den übrigen Kindern zu erscheinen. Wenn es auch blos Kattunröckchen tragen durfte, denn der Vater litt das nicht anders, konnten die doch wenigstens sauber und nett gemacht sein, und darin, wie überhaupt in allen Dingen, besaß sie eine besonders geschickte Hand.

Draußen wetterte es gerade, was vom Himmel herunter wollte; der Blitz zischte, der Donner rollte und die ersten schweren Tropfen fingen an zu fallen. Die Leute auf der Straße liefen, was sie laufen konnten, um irgend ein schützendes Obdach zu erreichen, und ein paar vorüberfahrende Droschkenkutscher hieben mit ganz ungewohnter Energie auf ihre Pferde ein.

Die Frau Baumann warf einen besorgten Blick auf die Straße und nach dem Himmel hinauf – aber ihre Else saß jetzt schon lange sicher in der Schule, und bis die aus war, hatte sich das Wetter auch gewiß wieder verzogen. Nur die Schmiede ängstigte sie etwas; dort lag so viel Eisen, und sie fürchtete immer, daß der Blitz einmal da einschlagen könnte, hatte auch ihren Mann oft und oft gebeten, nur doch wenigstens so lange mit Arbeiten aufzuhören, als ein Gewitter dauere. Der aber lachte dazu und meinte, der Blitz, wenn er einmal einschlagen wolle, könne ihn überall treffen, jedenfalls eben so leicht in der Stube, wie in der Werkstätte, und der liebe Gott sei aller Orten. Die Arbeit dürfe aber nicht rasten, und nur wenn einmal ein Gewitter an einem Sonntag käme, verspräche er ihr, nicht dabei am Ambos zu stehen, was er überhaupt nicht am Sonntag that. Es war mit dem Manne eben nichts anzufangen.

Baumann hämmerte denn auch, mit seinem zweiten Sohn, einem andern Gesellen und dem Lehrjungen an seiner Seite, wacker darauf los, daß die Funken nach allen Seiten hinausspritzten, und warf nur einen schmunzelnden Blick nach der Thür, als der Regen plötzlich mit voller Wucht einsetzte und niederschlug. Wie die Menschen draußen sprangen, um unter Dach zu kommen – aber er stand trocken, und lustig schlug er wieder auf das rothglühende Eisen ein.

Da fuhr plötzlich ein Schirm in die weit geöffnete Thür, und als er den Kopf dorthin wandte, tauchte sein ältester Sohn Fritz darunter auf und rief ihm lachend einen Guten Morgen zu.

»Na nu?« sagte der Alte, indem er den Hammer ruhen ließ und ihn erstaunt betrachtete. »Wo kommst Du bei dem Wetter her, und noch dazu in Sonntagskleidern? Du – trägst wohl wieder ausgebesserte Arbeiten aus, mein Junge, he?«

»Nein, Vater,« rief Fritz, aber doch ein wenig verlegen, denn er wußte recht gut, auf was der alte Mann anspielte, »wegzutragen habe ich heute nichts; aber ich wollte nur einmal zu Dir und Mutter kommen, um etwas mit Euch zu reden.«

»In Sonntagskleidern?«

»Ich habe überhaupt noch einen Besuch zu machen – Professor Anders, der Astronom, hat mich gebeten, wegen einer größeren Arbeit zu ihm zu kommen, und da – mochte ich doch nicht in meinen Arbeitskleidern gehen. Uebrigens erwischte mich das Wetter, und ich bin nur eben noch glücklich vor Thorschluß hier eingefahren, Ist die Mutter zu Hause?«

»Ja, sie sitzt drinnen – geh' nur hinein; wenn ich hier mit dem Schlüssel fertig bin, komme ich gleich nach, denn in dem Aufzug kannst Du mir doch nichts helfen – Donnerwetter, Glacéhandschuh' – na, und das Alles, um einem Professor einen Besuch zu machen. Ich gehe bei solchen Wegen allerdings auch in Leder, aber mit meinem Schurzfell. Junge, Junge, Du wirst mir verdammt fein und geschniegelt, und ich habe es bis jetzt gar nicht geglaubt, daß zwischen einem Schlosser und einem Mechanikus solch' ein Unterschied wäre. Du, Karl, mach' einmal Deinem Herrn Bruder die Thür auf, daß er sich die Glacéhandschuh' nicht an der vielleicht rußigen Klinke schmutzig reibt.«

»Danke, Vater, danke,« lachte Fritz, indem er der Thür zusprang, »so gefährlich ist's denn doch noch nicht, und das kann ich allein besorgen.«

Der Vater sah ihm, das Eisen in der Hand und den Hammer noch auf dem Ambos ruhend, in einer etwas gebückten Stellung nach, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte, und ein leises, aber nicht unfreundliches Lächeln flog über seine ehrlichen Züge. Dann schüttelte er still vor sich hin den Kopf, und wieder hob sich der schwere Hammer, als ob es eine Feder gewesen wäre, und kam wuchtig auf das sprühende Eisen nieder.

Fritz, der seinen Schirm in der Werkstätte abgestellt hatte, denn auf dem Boden dort mochte er triefen, wie er wollte, trat zur Mutter in's Zimmer und setzte sich zu ihr, und die Beiden sprachen lange und angelegentlich mit einander – ja, eine so wichtige Sache mußten sie wohl verhandeln, daß die Mutter sogar ihre Arbeit ruhen ließ und die Hände im Schooß faltete, bis der Vater zu ihnen herein kam.

»Na,« sagte er, als er sie da so sitzen sah, »eine Hand kann ich Dir heute nicht geben, mein Junge; Du bist mir zu fein, und zum Waschen hab' ich keine Zeit, denn ich muß gleich wieder hinaus. Also was hast Du zu sagen, und was ist denn überhaupt mit Euch Beiden? Ihr seht mir ja alle Zwei so feierlich aus? Hör' einmal, Junge, ich glaube, Du willst doch wieder eine fertige Arbeit austragen, he?«

»Eine Arbeit gerade nicht, Vater,« lächelte Fritz, doch etwas verlegen; »aber weit vom Ziel hast Du allerdings nicht vorbeigeschossen.«

»Auf den Knopf getroffen,« lachte der Alte, »he? Dem Jungen steckt ein Frauenzimmer im Kopfe!«

»Er will heirathen, Gottfried,« nickte die Mutter, während ein freundliches Lächeln über ihre Züge flog.

»Ob ich's mir nicht gedacht habe!«

»Und so ein sauberes Mädchen hat er sich ausgesucht!«

»Na, er wird keine Schmiergans nehmen,« lachte der Alte. »Und wie heißt sie? Alles natürlich schon fix und fertig gemacht, und jetzt nur noch eine nachträgliche Anmeldung bei den Eltern, die weiter nichts nöthig haben, als den üblichen Segen dazu zu geben. Ist mir auch recht; habe doch schon genug zu thun, und könnte mich mit derlei nicht mehr auf meine alten Tage befassen.«

»Nein, Vater,« sagte Fritz, »fertig gemacht ist noch gar nichts; ich bin im Gegentheil eben im Begriff, den allerersten Schritt dazu zu thun.«

»So–o?« sagte der Vater, etwas erstaunt; »das ist ja merkwürdig. Na, hat die Sache etwa einen Haken?«

»Nein, Gottfried,« sagte die Frau, »ganz und gar nicht; es ist Alles glatt und recht und wie sich's gehört, und der Fritz ist ein braver Junge, der uns nur bei einer so wichtigen Sache vorher um Rath fragen wollte.«

»Bah, Alte, laß Dir nichts weiß machen,« lachte der Schlossermeister – »um Rath fragen. Sieht der aus, als ob er erst noch um Rath fragen wollte, und steckt schon bis über die Ohren in seinen Sonntagskleidern drin? Nur hören will er, daß wir sagen: Ei, mein lieber Sohn, das hast Du brav gemacht – geh' doch geschwind hin und hol' Deinen Schatz! Und dann läuft er von selber.«

»Aber Gottfried...«

»Na, mach' keine langen Geschichten, Also wie heißt sie und wer ist's? daß ich wieder hinaus an meine Arbeit komme.«

»Ich bin vielleicht in meinen Ansprüchen etwas keck gewesen, Vater,« sagte Fritz, aber jetzt schon lange nicht mehr so zuversichtlich, als vorher; »aber ich – ich glaube glücklich zu werden.«

»Hm, das glauben wir gewöhnlich Alle,« lächelte der Schlossermeister gutmüthig; »na, aber nun schlag' einmal los, das Eisen wird sonst kalt – wer ist's denn?«

»Ottilie Witte, Vater.«

»Die Tochter des Staatsanwalts?«

»Ja, Vater.«

Der alte Mann war stehengeblieben und sah ihn ernst und forschend an. Aber er erwiederte lange kein Wort, gab auch kein Zeichen des Beifalls oder Mißfallens; endlich fragte er langsam: »Und will sie Dich haben?«

»Ich weiß es nicht, Vater, aber ich glaube es,« sagte Fritz herzlich: »sie war immer so gut und lieb mit mir, und wir haben ja schon als Kinder Braut und Bräutigam mitsammen gespielt.«

»Ich will Dir 'was sagen, mein Junge,« nickte der Alte, »die Sache gefällt mir nicht.«

»Gefällt Dir nicht, Gottfried?« rief die Frau. »Und hätte er sich ein netteres, hübscheres Mädchen in der ganzen Stadt aussuchen können?«

»Nein – sie ist mir nur zu nett,« erwiederte der Schlossermeister. »Wärst Du zu mir gekommen und hättest gesagt: Vater, ich habe mir die Tochter vom Schneidermeister So und So oder vom Schuster So und So zur Frau ausersehen und will sie heirathen, so würde ich geantwortet haben: Bravo, mein Sohn, thu' das, und Gott gebe seinen Segen dazu – meinen hast Du. Aber die vornehme Tochter des Staatsanwalts, die große Gesellschaften mit lauter Adeligen geben – das thut kein gut.«

»Aber, Vater, Ottilie ist so einfach erzogen – so wirthschaftlich!«

»Und bist Du wirklich überzeugt, daß sie Dich gern hat – nein, nicht so,« fuhr er rasch fort, als Fritz darauf erwiedern wollte – »und was wir so gewöhnlich darunter verstehen – ich meine, ob Du überzeugt bist, daß sie Dich so gern hat, um Dich wirklich zu heirathen und dem Handwerker vor allen übrigen vornehmen Bewerbern die Hand zu reichen?«

»Wenn ich es nicht fest glaubte, würde ich sie nicht darum fragen, Vater!«

»Ja,« nickte dieser, »denn ein richtiger Korb muß eine verflucht unangenehme Geschichte sein – möchte mir gerade keinen holen. Aber mir ist die Sache doch nicht recht – werde freilich nicht viel darum gefragt werden. Aber Du paßt in die Familie nicht hinein, und wir gar nicht, und ich glaube selbst nicht einmal, daß sich die Eltern – die Mutter wenigstens – besonders erfreut darüber zeigen würden.«

»Aber, Gottfried, ich weiß gar nicht, was Du immer für Bedenken hast!«

»Keine anderen, als solche, für die ich auch einen Grund hätte. Wenn sie wirklich an so etwas dächten, weshalb haben sie denn da den Fritz neulich nicht zu ihrem Ball geladen, wie? Wenn er ihnen gut genug zum Schwiegersohne wäre, müßte er es doch ganz gewiß erst recht als Gast sein. Es hat aber Niemand von ihnen daran gedacht, während es von adeligen Lieutenants nur so geschwärmt haben soll.«

»Aber was Du auch nicht Alles heraussuchst!«

»Ich suche gar nichts heraus, Alte, als was einmal drin liegt, und so viel ist sicher« – er mußte einen Augenblick mit Reden aufhören, denn so furchtbar dröhnte der Donner, daß die Worte lautlos verhallten – »so viel ist sicher,« fuhr er dann fort, ohne sich weiter irre machen zu lassen, »daß die Familie, meiner Meinung nach, mit ihrer Tochter weiter oder höher hinaus will, als sie einem Handwerker zu geben!«

»Aber ein Mechanikus ist doch kein Handwerker, Gottfried!«

»Nenne es, wie Du willst, es bleibt immer dasselbe,« beharrte störrisch der Alte. »Und haben wir nicht neulich schon einmal davon gesprochen, wo ich dazu kam, wie ihr einer von den Lieutenants, ich glaube, es war der Wendelsheim, so zärtlich die Hand küßte – und wie freute sie sich darüber! Das gäb' nicht einmal eine Frau für Dich, wenn sie Dich selber wollte.«

»Aber, Vater, Ottilie ist gewiß nicht coquet.«

»Gerade ist sie's, und recht sehr,« sagte der Alte; »Du siehst es nur nicht, weil die Liebe, wie gewöhnlich, blind ist. Richtig coquet ist sie, und ihre Mutter hat sie dazu angelernt. Allen Respect vor dem Vater. Der alte Witte gilt in der ganzen Stadt für einen schlichten und dazu braven und rechtlichen Mann; aber der Frau steckt der Hochmuthsteufel noch viel ärger im Kopfe als Dir, Alte – die möchte mit der Nase die Decke abreiben, und über Unsereinen guckt sie nur immer so hoch hinweg, als ob man seinen Kopf auf einer Stange trüge. Geh' mir mit der; ich hab' früher ein paarmal mit ihr zu thun gehabt und sie auch einmal bei einer Gelegenheit recht tüchtig ablaufen lassen. Nachher ist sie etwas artiger oder herablassender geworden.«

»Aber der Fritz ist auch von guter Familie,« sagte die Frau, »und dazu ein stattlicher Bursche.«

»Nicht was derartige Leute eine »gute Familie« nennen, Mutter,« sagte der Schlossermeister; »das Wort »gut« heißt bei denen nur immer sehr vornehm oder sehr reich, und wo möglich beides zusammen – das sind die besten – ein ehrlicher Handwerker wird nicht mit dazu gezählt.«

»Aber wenn sich die Herzen nun zusammenfinden, Vater?« sagte Fritz.

»Das sind Bücherideen,« rief der Alte; »denn wenn die Familien nachher nicht zusammenpassen, so giebt's Streit und Unfrieden, Haß und Eifersucht. Ich wollte, Du hättest Dir eine Schneiderstochter ausgesucht, Fritz, oder noch viel tausendmal lieber eine von unserem Gewerke; nachher solltest Du einmal sehen, wie lustig und vergnügt ich noch auf Deiner Hochzeit tanzen würde; so aber ist's nichts, und wenn uns die Madame Witte wirklich einlüde, so müßten wir's uns noch zur Ehre schätzen und uns fein anständig und ehrbar betragen.«

Fritz Baumann's Mutter hatte still und schweigend vor sich nieder gesehen, aber kein Wort mehr gesagt, und Fritz wunderte sich eigentlich, daß sie nicht seine Partei stärker nahm; aber der Alte hatte auch recht, denn sein Entschluß stand zu fest, um sich noch von seiner Liebe abwenden zu lassen. Ottilie war schon seit langen Jahren sein Ideal aller Weiblichkeit gewesen, und nur um sie zu gewinnen, hatte er sich mit beispiellosem Fleiße abgemüht, sein Ziel so bald zu erreichen. Jetzt stand er unabhängig da, nicht mit der Hoffnung, nein, mit der Gewißheit, sich sein Brot gut und reichlich verdienen zu können und eine Frau und Familie dabei zu ernähren. Er wollte keine Mitgift, er verlangte keine; was sie brauchten, konnte er selber beschaffen, und die Mutter hatte ihm schon versprochen, in der ersten Zeit, wenn sich die Ausgaben vielleicht unerwartet zu sehr häufen sollten, beizuspringen. Was brauchte er mehr? Er trat ja nicht als Bittender in Witte's Haus – wie er bat, wollte er auch bringen, der Tochter einen treuen Gatten, den Eltern einen wackern Sohn.

»Vater,« sagte er deshalb, »Du siehst die Sache zu schwarz. Ich gebe zu, daß es Ottiliens Mutter vielleicht lieber sähe, wenn ihre Tochter eine vornehmere Partie machte; es ist das ja natürlich. Aber sie wird auch nicht der Liebe derselben entgegentreten wollen, und ist mir Ottilie wirklich gut...«