Gerstäcker
Der Kunstreiter
2. Band
Bosse & Co., Hamburg
1914
»Wirt, mir noch einen Schnaps,« sagte Tobias, »der Waldläufer holt mir zu weit und moralisch aus.«
»Mir auch noch einen!« rief Mühler, den der Bursche mit seinem Ernst zu amüsieren anfing. Barthold nahm keine Notiz von der Unterbrechung.
»Siehst du,« fuhr er fort, »wenn du einen einzelnen Baum da draußen stehen siehst, so denkst du wohl – wenn du überhaupt je etwas dächtest – das sei ein lebloses, totes Ding, was da steht, und allerdings kann sich's nicht von der Stelle bewegen, es muß am Boden haften, wo unser Herrgott es hingepflanzt hat. Aber in ihm lebt's und wirkt und schafft und treibt und wächst, reckt die Arme nach dem Himmel empor, von dort her Licht und Regen zu saugen, und hält sich mit den Wurzeln derb im Boden fest, um vom Winde nur gerüttelt, aber nicht geworfen zu werden. Mehr im Leben tut auch nicht einmal der Mensch, nur auf ein wenig andere, sogar nicht immer so erfolgreiche Art. Der Baum ist aber nicht tot, er lebt – er lebt und atmet, wie ein jedes Tier, wenn sich ihm auch die Brust dabei nicht heben kann; aber durch seine Poren zieht der Lebenssaft, zieht Luft und Feuchtigkeit, was er zum Leben braucht, und wird ihm das genommen, muß er sterben. Nimm nur die Axt und hau' in einen Stamm hinein, und sieh, ob er nicht blutet, wenn auch sein Blut nicht rot aussieht wie das unsere. Langsam tropft es zu Boden, und wenn die Wunde ausgeblutet hat, vernarbt sie wieder, wie bei dem Menschen. Sieh nur einen gefällten Baum dir an, aber nicht, wie es die meisten Menschen tun, die bei einem solchen Baume immer gleich berechnen, wie viel Klaftern Scheite oder wie viel Ellen Nutzholz er geben kann. Sieh ihn an, wie er als Leiche daliegt, denn es gibt ebensogut Baum- wie Menschenleichen – sieh, wie die Rinde abstirbt, ihre gesunde, frische Farbe verliert und fahl und erdfarben wird, und die Blätter welken und dorren, die Zweige eintrocknen – und langsam geht er zur Erde zurück, von der er kam, wie der Mensch, anderen, seinesgleichen, Raum zu geben. Und das ist nur der einzelne Baum, nun aber seht die Masse, seht den Wald, wo einer dem andern die Hand hinüberreicht; seht ihn, wenn er sich abends die Sternendecke über den Kopf zieht und duftet und träumt, und leise rauschend der Atem des Herrn durch seine Wipfel fährt; seht ihn, wenn er morgens erwacht, mit rosig verklärtem Gesicht der Sonne entgegenlächelt, und all die tausend Sänger hegt und pflegt, die mit der Morgensonne dem Allerhalter ihre Danklieder entgegenwirbeln – seht ihn am Tage, wie er die Arme schützend über die Erde breitet, den heißen Sonnenstrahlen zu wehren, seine Quellen am liebsten Kinder, die Blumen, zu erreichen und auszutrocknen; seht ihn, wie ihm am Abend spät der helle Schweiß von der vielen Anstrengung an der Stirn steht und in Millionen Tropfen von den Blättern funkelt. Seht ihn im Sommer in seiner Kleiderpracht, im Winter, wenn er sich fest eingehüllt hat in seine warmen Schneetücher – seht ihn, wenn ihr wollt, aber er bleibt immer schön und groß und hehr, ein Tempel des Herrn, den er sich selber auferbaut.«
Barthold hätte sich für seine schwärmerischen Gedanken keine unglückseligeren und unpassenden Zuhörer wählen können, und wenn er ein Jahr danach gesucht hätte, als eben die beiden alten Burschen mit dem Wirt zu Kauf, der mit offenem Munde hinter ihm stand. Auf Tobias' Gesicht lag, solange der alte Mann sprach, ein breites Grinsen, und die rotgeränderten feuchten Augen zwinkerten nur manchmal mit einem verschmitzt sein sollenden Lächeln nach dem »Schwiegervater« hinüber. Mühler seinerseits saß mit fast bis in die Haare hinaufgezogenen Augenbrauen, die Stuhllehne zwischen den Knien und beide Ellbogen darauf gelehnt, dicht vor dem alten Forstwart, und über sein Gesicht zuckte und zerrte es dabei so wunderbar, daß Tobias zuletzt gar nicht mehr auf die Worte hörte, sondern nur ganz erstaunt in die wunderbar veränderliche Physiognomie des »Schwiegervaters« schaute.
»Bravo!« sagte dieser mit seiner heisern Stimme, als Barthold jetzt geendet und wie verklärt durch das Fenster nach seinem lieben Walde hinüberschaute, »bravo, alter Junge, vortrefflich – der Pastor hätt's nicht besser machen können! – Wirt, noch mehr Kümmel, für uns alle, nicht in so kleinen spitzen Gläsern, sondern die ganze Flasche, wir schenken uns selber ein und machen Kreidestriche.«
»Ich danke Ihnen,« sagte der Forstwart ruhig, »ich trinke höchstens morgens ein einziges Glas.«
»Auf einem Beine kann kein Mensch stehen!« rief Tobias.
»Gott sei Dank, daß ich den Branntwein noch nicht brauche, um darauf zu stehen,« meinte der alte Forstwart, »ein nüchterner Kopf und ein volles Herz ist mein Wahlspruch, und – andere Leute führen vielleicht besser, wenn es auch der ihrige wäre. Das aber ist anderer Leute Sache und geht mich nichts an – und nun guten Morgen mitsammen. Ich denke, Tobias, meine Rede hat mir bei dir nicht viel geholfen, und du wirst nach wie vor doch lieber in das Wirtshaus als in den Wald gehen. Du hast aber auch recht, du paßt nicht hinein, und ein Baum sähe gewiß nicht besser aus, wenn du darunter in seinem Schatten lägst. Gott zum Gruß – ich muß wieder hinaus!« Mit den Worten zahlte er dem Wirt sein Glas Branntwein und verließ, still wie er gekommen, die Stube.
»Bei dem rappelt's wohl?« lachte Mühler, als Barthold die Tür hinter sich zugezogen hatte.
»Ein bißchen, ja,« bestätigte der Wirt, »aber er ist ganz harmlos und tut keinem Menschen was. Nur im Walde darf man ihm nicht begegnen, und abends möchte ich da drin nicht um alles in der Welt mit ihm zusammenstoßen.«
»Beißt er?« meinte Mühler trocken.
»Nun, er beißt wohl gerade nicht,« erwiderte der Wirt, »aber daß er allerlei faule Kunststücke kann, ist gewiß. Hier spricht er immer vom lieben Gott, aber da draußen da schwatzt er mit den Bäumen und den Vögeln, ruft die wilden Tiere, sucht geheimnisvolle Wurzeln und treibt allerlei heidnischen Unsinn, wie es hier früher soll Sitte gewesen sein. Im Walde drin steht auch noch eine alte Eiche – kein Mensch weiß, wie alt sie ist – mit einem steinernen Altar darunter, auf dem in alten Zeiten die Heiden ihren Abgöttern Menschen geschlachtet haben. Dort ist er am liebsten, und da treibt er auch nicht selten um Mitternacht seinen Spuk mit bösen Geistern, was eigentlich gar nicht geduldet werden sollte.«
»Ach was!« sagte Tobias, der indessen mit Mühler wacker der Flasche zugesprochen hatte, »er schadet doch keinem Menschen damit, und wenn man ihn zufrieden läßt, ist er gut genug; nur manchmal ein bißchen grob.«
»Wie viel Uhr schlägt das?« sagte Mühler aufhorchend.
»Eben elf – Zeit genug zum Mittagessen.«
»Ja, aber ich muß fort,« meinte der Alte, »will meinen Jungen gleich aus der Schule mit nach Hause nehmen. – Hier, Wirt, meine Zeche, – zwei Glas Bier und ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Schnäpse – gerade sieben – seht Ihr, hier sind die Striche – famoses Zeug, der Kümmel – hahahaha, den alten Forstwart müssen wir uns einmal wieder hierher einladen; das ist ein kreuzkurioser Kerl. – Guten Morgen, Tobias, guten Morgen, Sternenwirt – der Kümmel soll leben!« Und seinen Hut gegen die Decke werfend, daß er ihm zurück gerade wieder auf den Kopf fiel, nickte er den beiden, darüber nicht wenig erstaunten Männern huldreich zu und verließ mit steifen Schritten die Wirtsstube.
14.
Die Schule war gerade aus, und die Knaben und Mädchen, froh, der engen Stube entronnen zu sein, tummelten sich lustig draußen herum. In der Tür des Schulhauses aber stand der Lehrer und zog mit voller Brust, nach drei Stunden dunstiger, erdrückender Schulstubenatmosphäre, die kalte, frische Luft ein, die von dem See herüberstrich. Die Kleinen, die sich noch etwas im Zimmer aufgehalten hatten, drückten sich scheu und grüßend an ihm vorüber, bogen dann um die Ecke, warfen noch einen Blick zurück, ob er sie nicht mehr sehen könne, und sprangen dann jauchzend den Gefährten nach. Es war Samstag und heute nachmittag keine Schule weiter, und die kleinen Kerle wußten das zu würdigen und zu genießen.
Es ist aber doch die Frage, wer sich mehr darüber freute – der Lehrer oder die Schüler – wenn der erstere auch keine Luftsprünge machte, sondern ernst, mit dem bleichen, abgemagerten Gesicht nach den leichten Wolken hinaufschaute, die oben am Himmel ihre freie, luftige Bahn zogen. Auge und Atemzug drängte dem Weiten entgegen, und wie gern, wie froh wäre der Körper ihnen gefolgt! Der aber war gebannt, gefesselt an den engen Raum, an seine Klasse, an der Schüler Schar, und wenn er auch nur wenig, erstaunlich wenig Lohn dafür bekam, die wenigen Taler brauchte er eben zum Leben und konnte sie nicht entbehren: denn leben wollen wir ja alle, obgleich viele Leute das auch noch leben nennen, was eigentlich existieren heißt.
Heute war Samstagnachmittag, und anderthalb Tage – wenn auch nur kurze Wintertage – freie Zeit lag vor ihm, in denen er seine kranke Brust ausruhen konnte, um am nächsten Montag wieder einen neuen Anlauf zu nehmen, sie vollständig zu ruinieren. Und doch lächelte er, als sein Blick auf die sich von ihm forttummelnde kleine lustige Schar fiel, die, mit den Büchern unter dem Arm oder im Ränzel auf dem Rücken, keine Sorgen, keinen Kummer ahnten, wie viel das Schicksal auch vielleicht schon für sie bereit hielt. Er dachte der eigenen Jugendzeit, dachte der frohen Jahre, die auch er durchlebt, und seufzte nur eigentlich darüber, daß er an frohe Jahre stets so weit zurück denken mußte, wenn er sich ihrer freuen wollte.
Auch die Knechte kehrten von ihrer Arbeit heim, denn die Pferde mußten zwei Stunden Ruhe haben. Vom Gute waren drei Geschirre unten am See beschäftigt gewesen, bei dem jetzigen Frostwetter Schlamm herauszuschaffen und auf die Wiesen zu fahren. Die Geschirre hatten sie unten stehen lassen und ritten nun auf den Sattelpferden, die Handpferde führend, in den Hof zurück, quer über die gefrorene Wiese hinüber, den nächsten Weg einschlagend.
Auf der Straße kam die Erzieherin mit Josefine herunter; sie hatten einen kleinen Spaziergang gemacht, dem aus der Schule kommenden Karl entgegen zu gehen, und der Hauslehrer begleitete sie, um seinen Schüler gleich in Empfang zu nehmen. Karl hatte sich in der letzten Zeit besonders wild und ausgelassen gezeigt, und der Hauslehrer, ein junger Kandidat der Theologie, wußte aus eigener Erfahrung, wie es die jungen Burschen gerade an einem Samstagmittag gewöhnlich ausgelassen treiben; es war deshalb besser, ihm beizeiten einen Zügel anzulegen.
Der alte Mühler hatte seinen Neffen schon im Dorfe selber unter dem Schwarm der übrigen herausgelesen, sich aber keineswegs Mühe gegeben, den Uebermut der kleinen fröhlichen Bande zu zähmen. Selber äußerst guter Laune, stieß er, wie er mitten unter die Knaben kam, einen eigentümlich schrillen Schrei aus und sammelte dadurch im Nu den ganzen Schwarm um sich.
»Hallo, ihr Kerle!« rief er jetzt, »gebt Frieden, macht nicht einen solchen Heidenspektakel, daß man seine eigenen Worte nicht hören kann! Heda, was seid ihr für ungeschickte Jungen!« wandte er sich plötzlich an zwei, die übereinander wegzuspringen suchten, »kommt einmal her, so müßt ihr's machen!«
»Hurra, der Schwiegervater will springen!« riefen einige der größeren Jungen und drängten sich rasch herbei, und der alte Mühler machte in der Tat, von dem Branntwein aufgeregt, Anstalt, ihnen eine seiner Künste zum besten zu geben, als etwas anderes ihre Aufmerksamkeit plötzlich ablenkte.
»Dort! dort! da geht ein Pferd durch!« schrie der eine der Knaben, und als alle nach der angedeuteten Richtung blickten, sahen sie, wie eins der herrschaftlichen Pferde, das sich losgerissen hatte, in voller Flucht über die Wiese nach der Straße zu kam und quer darüber hin wollte.
»Nimm meinen Ranzen, Onkel!« schrie da Karl, der, ohne ein Wort weiter zu sagen, seinen Ranzen und seine Mütze zu Boden warf und, ehe nur jemand eine Ahnung hatte, was er wollte, dem durchgehenden Pferde entgegenflog.
»Karl! Teufelsjunge!« schrie der Alte hinter ihm drein, aber Karl hörte ihn schon nicht mehr. Mit einer Schnelle, die seine Mitschüler besonders in Erstaunen setzte, flog er mehr als er lief, über die hartgefrorene Straße hin, und traf gerade dort mit dem wenig seiner achtenden Pferde zusammen, als dieses über den Chausseegraben setzte. Im Nu aber war er an seiner Seite – die linke Hand krallte in seine Mähne, die rechte stemmte er gegen die Schulter des Tieres, und halb im Sprunge, halb von dem bäumenden Pferde emporgerissen, saß er schon auf dessen Rücken, wie es eben an der andern Seite wieder heraus über die Wiese setzte, um dem Walde zuzustürmen.
Der kleine wilde Reiter machte ihm aber bald begreiflich, daß es nicht länger sein eigener Herr sei, sondern folgen müsse, wohin er es lenkte. Kaum auf seinem Rücken, auf dem er sich vollkommen zu Hause fühlte, griff er, mit dem rechten Bein sich einklammernd, nach dem heruntergefallenen Zügel, brachte ihn dem Pferde über den Kopf und hatte es, ehe es kaum zweihundert Schritte weiter geflogen war, völlig wieder im Zaum und in seiner Gewalt. Zu gleicher Zeit spielte unter der Schuljugend ein anderes Intermezzo, das die kleine Schar kaum weniger belustigte und in Erstaunen setzte als der tollkühne Reitersprung ihres Kameraden.
Der alte Mühler nämlich hatte, statt Ranzen und Mütze seines Neffen aufzuheben, mit halb zusammengeducktem Körper, beide Hände auf die Kniee gestützt, den Kopf etwas zurückgebogen, die Augenbrauen bis in die Haare hineingezerrt, Mund und Augen weit geöffnet, ihm nachgeschaut. Kaum aber sah er, daß der Sprung gelungen war, sah, daß sein Karl sich »nicht blamiert hatte« – wie er ihm später gestand, daß er gefürchtet – sah ihn auf dem Rücken des Tieres, als er plötzlich ein lautes Hussa! ausstieß. Zu gleicher Zeit warf er seinen Hut in die Luft, sprang selber hoch in die Höhe, überschlug sich, zum unsagbaren Ergötzen der Umstehenden, in freier Luft, kam wieder auf die Füße, fing in demselben Moment den zurückfallenden Hut, ohne ihn mit den Händen zu berühren, auf der Stirn und stieß dabei ein wahrhaft diabolisches Gelächter aus.
Der Jubel der Schuljugend bei dem Luftsprunge des »Schwiegervaters« läßt sich eher denken als beschreiben. Ueberhaupt wurden ihnen hier zu viele der Genüsse auf einmal geboten, um nicht dabei über die Stränge zu schlagen. Samstagmittag, ein durchgehendes Pferd, das Kunststück des Kameraden, und nun hier gar der Luftsprung eines Mannes, der bis jetzt, als zum Gute gehörig, nur mit scheuen Blicken von ihnen betrachtet worden und in der Tat auch nur finster und grämlich zwischen ihnen aufgetreten war – das alles zusammen schien, wie gesagt, zu viel für sie.
Ein ähnliches Geschrei oder Geheul, wie es die Wilden in Amerika bei plötzlichen Ueberfällen ausstoßen, machte für einen Augenblick die Luft erzittern, und dann brach sich der Jubel der jugendlichen Bevölkerung in einer Unzahl von Purzelbäumen, wie anderen ländlich-gymnastischen Uebungen Bahn.
Aber auch der Erzieherin Josefinens war eine kleine, wenn auch nicht in Tätlichkeiten ausartende Ueberraschung vorbehalten. Wie nämlich das durchgehende Pferd, kaum zehn Schritt von ihnen entfernt, über die Straße setzte, und Karl vor ihren Augen auf dessen Rücken sprang, da faßte die Erzieherin erschreckt Josefinens Arm, sie zurück und einer möglichen Gefahr aus dem Wege zu ziehen. Josefine aber, sich rasch und erregt von ihr losmachend – denn die Szene hatte ebenfalls in ihrem kleinen Herzen all die früheren lustigen Ritte, das freie, herrliche Leben im Zirkus zurückgerufen – sagte lachend: »Ich fürchte mich nicht, Mademoiselle, wenn ich die langen, unbequemen Kleider nicht anhätte, könnte ich das auch!«
»Du?« rief Mademoiselle Adele erschreckt aus.
»Ich? gewiß. Ich reite so gut wie Charles, und das ist gar nichts, was er da macht. Er sitzt ja auf dem Pferde.«
Zum Glück für die Ordnung in Schildheim – denn wer weiß, wie weit der einmal losgelassene Uebermut der Knaben sowohl wie des Alten gegangen wäre! – erschien in diesem Augenblick eine Person auf dem Schauplatze, die den Lärm plötzlich verstummen machte. – Auf seinem Rappen sprengte Baron von Geyfeln, der am See heruntergeritten war, um zu sehen, wie weit die Knechte mit ihrer Arbeit gekommen wären, unten in den Schwarm hinein, und sein Anruf erschreckte und bändigte zugleich die Schuljugend, die den Baron, als oberste Herrschaft im Orte, mit ganz besonderem Respekt betrachtete.
Aber auch der alte Mühler geriet, wie er nur den Kopf nach dem Geräusche des herangaloppierenden Pferdes gedreht hatte, fast unwillkürlich wieder in seine gewöhnlich ernsthafte Verbissenheit hinein, hielt sich steif und aufrecht, rückte sich rasch den verkehrt sitzenden Hut zurecht und gab dem ihm nächsten Jungen, der von dem Gutsherrn noch nichts gesehen hatte und eben zu einem frischen Purzelbaume ausholte, eine so gutgemeinte Ohrfeige, daß er ihn stolpernd bis über den Weg hinüberschickte.
Georg sprach kein Wort, weder zu den Kindern noch zu seinem Schwiegervater. Nur einen einzigen finstern Blick warf er dem Alten zu, dann aber, wie er sich aus dem Menschengedränge frei sah, fühlte sein Pferd Sporen und Peitsche, und in gestreckter Karriere flog es die Straße hin, dem ahnungslos vor ihm hergaloppierenden Karl nach. Dessen Pferd, wie es die raschen Hufschläge hinter sich hörte, wollte allerdings jetzt ebenfalls in ein rascheres Tempo fallen, aber sein junger Reiter, der den Nachfolgenden erkannte, griff ihm erschreckt in die Zügel. Dem Rappen hätte er auch nicht entfliehen können. In kaum zwei Minuten hatte er ihn eingeholt, und während Georg, der das Kunststück des Knaben von dem Ufer des Sees aus mit angesehen, jetzt dunkelrot vor Zorn im Antlitz, dicht neben ihm sein Tier parierte, hieb er dem zusammenzuckenden Knaben mit voller Wucht die Peitsche über die Schultern, daß dieser mit einem Angst- und Schmerzensschrei seitwärts von seinem Pferde hinunterflog und, was er laufen konnte, quer hin über die Wiese floh.
Georg aber sah sich nicht weiter nach ihm um. Das davonsprengende Pferd rasch einholend und am Zügel fassend, führte er es langsam dem jetzt nicht mehr fernen Gute zu und überließ den anderen, ihm zu folgen.
Zu Hause angelangt, nahm indessen ein wirtschaftliches und noch dazu unangenehmes Geschäft Georgs Aufmerksamkeit gleich so in Anspruch, daß er eine Zeitlang im Hofe aufgehalten wurde.
Ein Knecht hatte nämlich Hafer veruntreut, denselben den Pferden entzogen und verkauft, der Verwalter ihn aber auf der Tat ertappt, und der Schuldige mußte verhört und bestraft werden. Georg war auch heute nicht in der Stimmung, ihm das Vergehen nachzusehen. Der Bursche wollte allerdings seine Tat erst noch ableugnen und dann wenigstens beschönigen, aber es half ihm nichts. Sein Lohn wurde ihm ausgezahlt und er in derselben Stunde mit seiner Kiste, die er auf dem Rücken nach Schildheim hinunter tragen mußte, vom Hofe fortgejagt.
Zum Mittagessen, das bald nachher aufgetragen wurde, kam die ganze Familie zusammen. Selbst Karl hatte sich wieder eingefunden, denn er wußte, daß er nicht fehlen durfte. Der alte Mühler war aber vollkommen nüchtern geworden und blieb sehr kleinlaut, und kein Wort wurde über dem Essen von den Vorgängen des heutigen Tages erwähnt.
Georginen konnte übrigens nicht entgehen, daß irgend etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse. Als sie ihren Gatten deshalb fragte, schützte dieser allerdings die Angelegenheit mit dem Knechte vor, aber sie ließ sich nicht durch solche Ausrede täuschen; denn wenn das ihn auch verstimmen konnte, hatte es den nämlichen Einfluß doch nicht auch zu gleicher Zeit auf ihren Vater, wie alle übrigen, die gar nicht damit in Verbindung standen, ausgeübt. Da Georg indessen selber nichts weiter darüber äußerte, so vermutete sie, daß er mit ihr allein davon reden wolle, und schwieg ebenfalls, und die Mahlzeit verlief düster und lautlos.
Nach Tische verließ Georg die Tafel, ohne ihr das geringste zu sagen. Er ging mit dem Verwalter in sein Zimmer, das im andern Flügel lag, ihm das Geld für die heutige Ablohnung der Tagelöhner zu überliefern, und der Hauslehrer zog sich ebenfalls zurück, um nach Tische ungestört seine Zigarre zu rauchen. Nur die Gouvernante blieb noch zurück, und diese entfernte Georgine bald mit einem Auftrage.
Als sie das Zimmer verlassen hatte, sah die Frau erst den Vater, dann Karl, der an den Nägeln kauend am Fenster stand, dann Josefinen an, und sagte endlich mit ernster, strenger Stimme, sich ihrer Herrschaft selbst über den Vater bewußt: »Was ist heute vorgefallen? – Ihr habt etwas, das ihr mir verbergt, und ich will es wissen. Was war es, Vater?«
»Nichts – Alfanzerei!« brummte dieser, indem er ebenfalls zum Fenster trat und an den Scheiben trommelte. »Der Junge da, der Karl, ist hinter einem durchgegangenen Pferde dreingesprungen, hat es eingefangen und ist damit fortgeritten, und er kam dazu und wurde böse darüber – das ist alles.«
»Und ich lasse mich nicht mehr mißhandeln!« knirschte jetzt Karl, der nur mit Mühe und Not die vorquellenden Tränen zurückhielt, in verbissener Wut. »Ich bin alt genug, mir mein Brot selber zu verdienen, und brauche mich nicht hier füttern und – peitschen zu lassen, wie einen Hund!«
»Er hat dich geschlagen?« fragte Georgine düster.
»Gepeitscht!« knirschte der Knabe zwischen den Zähnen, »gepeitscht vor der ganzen Schule! Ich bleibe nicht länger hier, denn ich weiß, wenn er es mir noch einmal täte, würde ich ihm mein Messer zwischen die Rippen rennen – dem...«
»Du bleibst,« sagte Georgine mit fester, entschiedener Stimme, »ich selber werde mit Georg reden.«
»Ich begreife gar nicht, warum Vater so böse darüber geworden ist,« meinte Josefine.
»Höre, Georgine,« sagte nach einigem Zögern der alte Mühler, der sich nicht ganz sicher wußte, ob Georg seinen eigenen Luftsprung gesehen hatte oder nicht, »laß das lieber bleiben.«
»Weshalb?«
»Du weißt, Georg ist heftig und...«
»Er hat kein Recht, den Knaben zu schlagen, weil er ein wild gewordenes Pferd einfängt.«
»Nun ja, die Sache war aber auch eigentlich ein bißchen anders. Karl ist auf das Pferd hinauf voltigiert, was ihm Georg streng verboten hatte. Dafür hat er ihm eins mit der Reitpeitsche aufgezählt, das war alles.«
»Alles? – aber ich bin kein Kind mehr und – kein Pferd,« rief Karl, nur noch mehr in seinem Trotze beharrend, da er Georginen auf seiner Seite fand.
»Aber du hattest unrecht,« sagte der Alte, »du weißt, du sollst keine Kunststücke mehr machen.«
»Und wer will es mir wehren?« rief der Knabe, »wenn mich der Mann als Kind Kunststücke machen ließ und mich besonders dazu anlernte, hat er kein Recht, es mir jetzt, da es ihm nicht mehr paßt, zu verwehren. Ich brauche ihn gar nicht, ich kann ohne ihn leben, und das verdammte Lernen habe ich ohnedies satt. Ich bringe nichts in den Kopf, und in der Schule lachen mich die kleinen Jungen aus, weil ich noch zwischen ihnen sitzen muß. Das tue ich auch nicht länger; ich laufe fort.«
»Du bist ein Esel!« sagte der Alte trocken, »wo willst du hin, he?«
»Ueberall hin, ich komme durch,« trotzte aber der Bursche. »Hol's der Böse, so ein Leben hier fortzuführen, halte ich doch nicht aus, und da war's in der freien Reitbahn zehntausend-, millionenmal besser. Ich komme durch.«
»Warte, bis ich mitlaufe,« brummte der Alte, »dann kannst du mit; jetzt aber geh zu deinem Herrn Doktor und lerne deine Geschichten, was du zu lernen hast; das ist gescheiter. Marsch auf mein Zimmer, ich komme selbst gleich nach – da kommt auch schon die Französin wieder. – Nun haltet das Maul, wenn ihr gescheit seid, und macht keinen Skandal aus der Sache, daß er nicht noch einmal böse darüber wird. Komm, Karl, heut abend lassen wir den Hanswurst wieder tanzen, wenn du brav bist.« Und mit diesen Worten den Knaben bei der Hand ergreifend, zog er ihn mit sich aus der Tür.
15.
Mühler ging mit dem Knaben den Gang hinunter, seiner eigenen Stube zu, als ihnen Georg begegnete. Der Alte wäre ihm gern ausgewichen, aber es war nicht mehr möglich.
»Mühler,« sagte Georg ruhig, »ich habe ein paar Worte mit Euch zu sprechen. Karl, geh auf dein Zimmer – ich hoffe, die heutige Lektion wird dir ins Gedächtnis zurückgerufen haben, meinen Befehlen künftig genauer nachzukommen. Geh nur jetzt – wir brauchen dich hier nicht« – und er winkte dabei dem Knaben so gebieterisch zu, daß dieser, wenn auch verdrossen, doch scheu dem Befehle Folge leistete. Er wußte recht gut, daß er gehorchen mußte.
Georg sah ihm nach, bis er um die Ecke des Ganges verschwunden war, dann sagte er mit wohl gedämpfter, aber finsterer Stimme zu dem Alten, der sich ihm höchst unbehaglich gegenüber fühlte: »Mühler, Ihr solltet Euch in Eure Seele hinein schämen, solche Streiche zu treiben, wie Ihr heute getan!«
»Ich? ich weiß gar nicht...«
»Schweigt!« befahl ihm aber Georg. »Ihr wißt recht gut, was ich meine, denn ich habe Euch gesehen. Versteht Ihr denn nicht besser, als ich es Euch je erklären könnte, die eigentümliche Lage, in der ich mich hier der Welt gegenüber befinde, und sollte Euch nicht gerade besonders daran liegen, das Verhältnis nicht mutwillig zu stören, ja, zu zerstören, das Euch sowohl wie uns hier Frieden und eine anständige, geachtete Existenz sichert?«
»Ich vergaß mich einmal...«
»Das weiß ich, aber,« und er hob dabei drohend den Finger, »es darf nicht wieder geschehen. Ihr werdet jetzt, wie es steht, Mühe genug haben, Euch die Achtung im Orte wieder zu sichern, die Ihr durch Euer heutiges Betragen vielleicht auf immer verscherzt habt. Erfahren die Leute erst einmal, was Ihr gewesen seid, dann haltet Euch auch versichert, daß kein anständiger Bauer, von den Gutsherren gar nicht zu reden, mehr Gemeinschaft mit Euch wird haben wollen, denn so viel habt Ihr im Leben draußen doch gewiß gelernt, daß man über einen Hanswurst wohl lacht, aber nicht mit ihm verkehrt. Noch könnt Ihr es aber vielleicht wieder gut machen; haltet Euch die Leute fern, so viel es geht, und besonders trinkt nicht mit ihnen. Euer Kopf verträgt die starken Getränke nicht, und einmal halb im Rausch, und Ihr seid Eurer Zunge, Eurer Handlungen nicht mehr mächtig. Aber ich denke, ich habe Euch genug darüber gesagt – nur das noch als Warnung: fällt etwas Aehnliches noch einmal vor, so müßt Ihr den Platz verlassen – darauf gebe ich Euch mein Wort, und wie Georg Bertrand sein Wort niemals brach, so breche auch ich es nicht. Ich dächte, Ihr kenntet mich darin.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ließ er den Alten im Gange stehen und schritt nach Georginens Stube. Mühler aber drückte sich rasch um die Gangecke, seinem eigenen Zimmer zu; als er sich jedoch aus dem Bereiche Georgs wußte, blieb er stehen, schüttelte sich, wie ein Pudel eine Tracht Schläge abschüttelt, und zwar auf eine ihm eigentümliche Weise, die schon oft die Galerien zu kreischendem Gelächter gezwungen hatte, daß nämlich alle seine Glieder wie locker am Leibe hingen und hin und her flogen. – Dann einen scheuen Blick über die Schulter werfend, ob die Luft noch rein sei, rieb er sich vergnügt die Hände und lachte still vor sich hin, während er den Gang hinabtrollte.
»Das ist noch gut gegangen – Teufel auch! heute glaubt' ich, kriegt' ich's dick. Er sieht aber auch alles, der Kujon – na, warte, du sollst mich nicht wieder erwischen, mein Schatz, denn fort möcht' ich mich doch auch nicht aus dem bequemen Platz hier jagen lassen.«
Georg ging in das Zimmer seiner Frau und fand diese mit geröteten Wangen und raschen Schritten, die Arme fest verschränkt, auf und ab gehen. Bei seinem Eintritt blieb sie stehen und sah ihren Gatten finster an.
»Was hast du?« sagte dieser ruhig, die Bewegung der Frau konnte ihm nicht entgehen.
»Was ich habe, Georg,« rief Georgine, die diesen Augenblick ersehnt hatte, indem sie nach dem Herzen griff, »einen Schmerz hier, einen bittern, nagenden Schmerz, der mir nicht Rast noch Ruhe läßt.«
»Das alte Leiden?« sagte Georg düster, indem er seinen Hut auf den Tisch warf.
»Ja und nein,« lautete die Antwort, »du selber hast es heute heraufgezwungen!«
»Ich? – wieso?«
»Daß du den Knaben gemißhandelt, weil er in fröhlicher Jugendlaune einen Augenblick vergaß, welch freie schöne Kunst er einst ausgeübt hatte und jetzt nicht mehr ausüben sollte. Glaubst du nicht, daß wir den Zwang doppelt fühlen, wenn er auf so rohe Weise in Kraft gehalten wird? Glaubst du nicht, daß der Stab, der sich bis jetzt nur gebogen, wenn er zu straff angespannt wird, auch brechen könnte?«
»Wenn er das Biegen nicht vertragen kann, mag er brechen,« erwiderte mit tiefer, fester Stimme der Mann.
»Georg!«
»Höre mich,« fuhr ihr Gatte fort, »denn ich zweifle sehr, daß du den ganzen Umfang des heutigen Vergehens weißt. Karl hat nicht allein gefehlt, das hätte ich vielleicht verziehen, da er sich bis jetzt gut gehalten, aber Vater selber, wahrscheinlich wieder vom starken Trunke erregt, vergaß sich so weit, daß er mitten im Dorfe, von der ganzen Schule umgeben, seine alten Künste ausübte und sich in der Luft überschlug. Den Jubel, den das von dem alten, bisher so gesetzten Manne erregte, kannst du dir denken. Ich kam zum Glück zufälligerweise dazu und verhinderte weiteren Unfug. Soll ich mein Ansehen, mein ganzes künftiges Lebensglück, wie das meines Kindes, auf solche ekelhafte Art gefährdet und untergraben sehen? Georgine, du weißt, wie lieb ich dich und euch alle habe, aber du kennst mich auch; du weißt, daß ich Begonnenes auch durchführe, daß, wo ich einmal meinen Willen eingesetzt, ich auch die Kraft besitze, da zu handeln; deshalb warne deine Angehörigen. Noch ein solches Vergehen, und die Bande, die mich bis jetzt an sie fesseln, sind unerbittlich, unwiderruflich gelöst.«
»Meine Angehörigen? und sind es nicht die deinen auch?« fragte Georgine scharf.
»Sie sollen es bleiben, solange sie meinen Anordnungen folgen – nicht einen Augenblick länger.«
»Anordnungen? – sage lieber Befehlen.«
»So nenne es denn Befehle, wenn du willst.«
»Ich weiß es wohl,« zürnte die Frau, »du hast kein Herz für uns. Solange wir dir Nutzen brachten, waren wir dir gut, doch jetzt, wo...«
»Halt ein, Georgine,« unterbrach sie ernst der Mann, »das ist ein harter, böser Vorwurf, der nicht aus deinem Herzen kam. Du bist aber jetzt, wenn auch völlig grundlos, gereizt, und wir wollen nicht weiter darüber rechten. Ich habe deinen Vater freundlich ermahnt, an uns sowohl, wie an sich selbst zu denken; ich hoffe, das wird für ihn genügen. Karl hat gleich an Ort und Stelle seine Strafe bekommen, und die Sache ist also abgemacht. Willst du selber noch einmal mit ihnen darüber sprechen, so gehe erst mit deiner Vernunft zu Rate, die wird dich den richtigen Weg schon leiten.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer, bestieg unten im Hofe sein schon bereit gehaltenes Pferd und sprengte in den Wald hinaus.
Georgine blieb, wie er sie verlassen, im Zimmer stehen und sah ihm düster nach. Der ungebeugte Charakter des bisher so selbständigen, verwöhnten Weibes konnte sich dem Zwange noch nicht fügen, der es hier von allen Seiten hemmend umgab. Wohl tauchten wieder jene Gedanken, ihn abzuschütteln, in ihr auf, aber wieder und wieder hielt sie der Gedanke an Josefine zurück, die das verhaßte Gesetz ihren Händen entzog, das Schicksal des Kindes in die Hände des Vaters legend. Allerdings hatte sie schon in ***, ehe sie dem Willen des Gatten nachgab, alles versucht, sich Recht in ihrem Sinne zu verschaffen. Sie selber war zu den besten Advokaten der Stadt gegangen, ihren Beistand in dieser Sache zu erfragen und für sich zu sichern. Sie alle aber hatten ihr einfach das in diesem Falle wirklich einmal nicht anders zu deutende Gesetz vorgelegt, das keinen Ausweg offen ließ: Bis zum siebenten Jahre blieb, bei einer Scheidung der Gatten, das Kind der Mutter, damit diese über das zarte Alter desselben wachen konnte; nach dem siebenten Jahre aber wurde es dem Vater, als seinem eigentlichen Erhalter und Ernährer, anvertraut, und es hätte der Beweise bedurft, daß dieser dessen Erziehung nicht leiten und bestreiten konnte, um es zugunsten der Mutter umzuändern – Beweise, die sie in diesem Falle unmöglich bringen konnte. Sie sah sich deshalb gezwungen, nachzugeben – nachzugeben vielleicht zum erstenmal in ihrem ganzen Leben, und das vergaß sie deshalb schon dem Gatten nie.
Georg sprengte indessen in den Wald, das Herz voll von trüben, drückenden Gedanken; denn nie mehr, als gerade in diesem Augenblick, fühlte es die Last, die mit den Ueberresten seines früheren Lebens hereinragte in sein jetziges edleres Sein. Wie war es möglich, daß er den alten Mann, den er verachtete, von sich abschütteln konnte, ohne Georginen im tiefsten Herzen zu verwunden – und tat er es nicht, wer bürgte ihm dafür, daß nicht bei nächster Gelegenheit der Mensch, der nun einmal zur Hefe des Volkes gehörte, seine eigene Stellung im neuen bürgerlichen Leben durch irgend einen tollen Streich untergraben, ja, rettungslos zerstören könne? – Und was dann? Hatte er nicht die Pein seiner früheren Existenz kennen gelernt? War nicht der Schleier von seinen Augen gefallen, durch den geblendet er jenen wilden, zügellosen Stand nur stets im rosigsten und schönsten Lichte gesehen? Dahin konnte er nicht zurückkehren, ohne, wie er recht gut fühlte, geistig und moralisch zugrunde zu gehen, und machte es ihm hier die Verbindung mit jenen alten Ketten, in der er durch den früheren Possenreißer seiner Bande gehalten wurde, nicht doch am Ende auch noch unmöglich, seinem Ziele fest und unverzagt entgegen zu streben?
Er fühlte selber nicht, wie der Rappe, von Schenkeldruck und Sporn getrieben, in sausendem Galopp mit ihm die Straße entlang flog. Der Wind aber kühlte seine heißen Schläfen, die rasche, kräftige Bewegung tat ihm wohl, und seinem feurigen Tier die Zügel lassend, sprengte er mit ihm, dem nächsten breiten Holzwege folgend, gerade in den Wald hinein. Hier aber mäßigte der Rappe selber seinen Schritt; der Weg war rauh und hart gefroren, und die zarten Hufe des edlen Tieres nicht an solche Bahn gewöhnt. Und als auch hierin der Reiter ihm volle Freiheit ließ, blieb es endlich schnaubend und mit dem schönen Kopf auf- und niederfahrend auf einer Waldblöße stehen, wo ein Jäger, die Flinte vor sich auf den Knien, auf einem gefällten Baume saß und jetzt erst, als er den Nahenden erkannte, aufstand, ihn achtungsvoll zu begrüßen.
Er war der alte Forstwart Barthold, und Georgs Blick haftete unwillkürlich lange und mit einem eigenen Interesse auf den gefurchten eisernen Zügen des Greises, um dessen Schläfe der kalte Nordwind die von den Jahren zu Schnee gebleichten Locken jagte.
»Setzt auf, Alter, setzt auf,« sagte er endlich hastig, als sein Geist zu den Gegenständen um ihn her zurückkehrte, »das ist kein Wetter, mit entblößtem Kopfe zu stehen, und noch dazu in Euren Jahren!« Der Alte neigte sich leise und gehorchte dem Befehl.
»Und was macht Ihr hier?« fuhr Georg fort, indem er abstieg, den Nacken seines Tieres klopfte und ihm dann den Zügel auf den Sattel legte, »kommt, geht mit mir ein Stück durch den Wald; mein Pferd ist etwas warm geworden, und ich möchte es nicht still stehen lassen.«
»Ich hab' hier in der Gegend ein Eisen für eine wilde Katze gestellt,« erwiderte der Forstwart, indem er sich an der Seite Georgs hielt, aber nicht ohne einiges Erstaunen sah, daß diesem der feurige Rappe lammfromm und wie ein Hund folgte.
»Gibt es deren hier?«
»Selten einmal eine, aber sie kommen doch zu Zeiten vor und tun dann gar erschrecklichen Schaden unter den lieben Waldtieren. Es ist blutdürstiges, unersättliches Zeug, das Katzengeschlecht, und Wolf und Fuchs reichen ihm nicht das Wasser. – Nur der Mensch treibt es manchmal noch schlimmer als sie.«
»Und so haltet Ihr den Wolf für besser als den Menschen,« lächelte Georg, der schon von den Eigenheiten des Alten gehört hatte, und der sich jetzt freute, einmal so allein mit ihm zusammengetroffen zu sein – vertrieb es ihm doch auch die bösen Gedanken, die sein Hirn peinigten und seine Seele quälten.
»Gewiß tu' ich das,« erwiderte leise der Mann. »Der Wolf ist ein wildes Tier, ohne weiteren Verstand als den, den ihm der liebe Gott gegeben hat, um seine Beute zu beschleichen.«
»Ihr meint den Instinkt.«
»Den mein' ich nicht, ich meine Verstand,« beharrte der Alte, »Instinkt ist ein Wort, das prächtig für die Art von Leuten paßt, die in den Städten die dicken Bücher schreiben, und deren eigener Verstand still steht, wenn sie einmal zu uns in den Wald kommen und das Leben und Treiben der Tiere zu sehen kriegen. Wir aber, die wir eben diese Tiere näher kennen, wissen das wohl besser. Glauben Sie zum Beispiel, gnädiger Herr, daß Ihnen das kluge Pferd da etwa nur aus Instinkt folgt?«
»Ein Pferd? nein, das hat gewiß Verstand.«
»Schön, das sagen Sie, weil Sie näher mit ihm bekannt geworden sind; würden Sie meine lieben Waldtiere so gut kennen lernen, so fänden Sie gar bald, daß wir ihn denen noch viel weniger absprechen dürfen. – Der Mensch aber, was ich vorhin sagen wollte, hat seinen vollen Verstand und Geist und Vernunft und Seele, und wie er es sonst noch nennt, vom lieben Gott erhalten, und wie gebraucht er das alles nur zu oft!«
»Und nur die wilde Katze setzt Ihr noch an bösartigen Eigenschaften über den Menschen?« lächelte Georg.
»Vielleicht hab' ich unrecht,« sagte der Alte, »aber ich kann mir einmal nicht helfen, wenn ich die Katzen mehr als anderes wildes Getier hasse und verabscheue. Aber gerade sie, mehr als Schuhu und Raubvögel, zerstören mir im Frühjahr die junge Brut meiner lieben kleinen Singvögel, und wenn ich dann so ein armes Tierchen neben seinem zerrissenen Nestchen sitzen und trauern und die zerbrochenen Eierschalen unter dem Baume liegen sehe, dann überläuft's mir immer, ich weiß eigentlich selber nicht wie, und ich schwör's den Katzen, Mardern und Iltissen zu, daß sie mir's büßen sollen für alle Zeit – wo ich sie nämlich erwischen kann.«
»Und Ihr habt die Singvögel so gern, Forstwart?«
»Ja, gnädiger Herr, und mit Recht,« sagte der alte Mann, und es war fast, als ob seine Stimme bei den Worten zitterte. »Die kleinen Waldsänger sind mir die liebsten Tiere in der Welt; vielleicht, weil es die einzigen Freunde sind, die ich in der Welt habe,« setzte er langsamer hinzu, »und bei denen wäre es denn schon nicht mehr als Schuldigkeit, daß man ihnen wieder Anhänglichkeit bewiese. Haben sie doch niemanden hier weiter wie mich, der ihren Feinden nachstellt und sie schützt und beschirmt, wo es not tut.«
»Und weiter habt Ihr keine Freunde, Barthold?«
»Keine weiter,« sagte der alte Mann und schüttelte dazu langsam den greisen Kopf.
»Aber der Graf hat mir sehr freundlich von Euch gesprochen und Euch mir warm empfohlen.«
»Der Graf ist ein wackerer, braver Herr,« meinte der Forstwart, »und ich werde ihm ewig danken, was er an mir getan – mehr, als Sie und jemand anders wissen können; – aber – den Herrn kann ich doch nicht zu meinen Freunden zählen!«
»Nicht? – und weshalb?«
»Lieber Gott, weshalb? Der Herr Graf ist mir ein lieber und gnädiger Herr – aber er ist eben ein Herr und noch dazu ein recht vornehmer, wenn auch wohlwollend und herablassend, und da kann mit Unsereinem von Freundschaft nicht die Rede sein. Unter Freunden, mein gnädiger Herr, verstehe ich zwei Teile, die voreinander kein Geheimnis haben, die einander mitteilen, was sie freut, was sie drückt, die einander helfen, wo sie können – nicht nur der eine Teil dem andern, sondern auch umgekehrt, und die beisammen ausharren in Freud' und Leid – solange eben dieses morsche Leben noch zusammenhält und das Herz nicht aufgehört hat zu schlagen.«
»Aber unter der Bedingung, Forstwart, dürft Ihr die Vögel des Waldes, und wenn sie noch so lieb und freundlich singen, doch nicht zu Euren Freunden zählen, denn Ihr mögt ihnen so viel klagen und gestehen, wie Ihr wollt, ihr Mund bleibt stumm für Euch, und mit der Hilfe und dem Beistande, die sie Euch leisten könnten, sieht es auch nur windig aus.«
»Meinen Sie, gnädiger Herr?« sagte der alte Mann und lächelte dabei gar still und heimlich vor sich hin, »aber da hätten Sie sich doch vielleicht geirrt, denn nicht allein verstehen die Vögel mich, wenn ich bei ihnen einmal hier draußen dem gedrückten Herzen Luft mache, nein, ich verstehe sie ebensogut, ob die paar Zurückgebliebenen mir nun im kalten Winter ihr Leid oder im Sommer den Verlust eines lieben Angehörigen klagen oder mir im Frühling die heimkehrenden Wanderer ihren Jubel, ihre Seligkeit entgegen zwitschern. – Sie, gnädiger Herr, sind eigentlich seit langer, langer Zeit der erste, mit dem ich wieder darüber rede, weil – weil mich etwas zu Ihnen zieht, dem ich keine Worte geben kann, für das ich eigentlich keine Ursache habe. Früher, ja, sprach ich mich offen darüber gegen jeden aus, aber mein Lohn war, daß ich von dem unwissenden Volke verlacht und ausgespottet wurde. Da behielt ich, was ich wußte, lieber für mich, und zog mich mehr und mehr nur auf mich selbst zurück.«
»Und Ihr glaubt wirklich, daß Ihr die Sprache der Tiere verstehen könnt – daß sie Euch wieder verstehen, wenn Ihr mit ihnen sprecht?«
»Ich glaube es nicht nur,« sagte zuversichtlich der alte Mann, »ich weiß es ganz gewiß. Stundenlang hab' ich schon draußen auf der Wiese bei den Störchen gesessen und mir von ihren Reisen erzählen lassen – stundenlang dem muntern, manchmal ein bißchen leichtfertigen Stieglitz zugehört, und was meine alte treue Amsel betrifft, die mir eigentlich die liebste ist von allen zusammen, so verstehen wir beide wohl jede Silbe, die wir miteinander reden.«
»Die Amsel ist Euch die liebste?« fragte Georg, der unwillkürlich Interesse an den Phantasien des alten Mannes nahm.
»Gewiß,« erwiderte dieser. »Die Amsel ist eines von den bescheidenen, anspruchslosen Wesen in der Welt, die trotz ihres eigenen Verdienstes, eben ihrer Zurückhaltung wegen, es doch nirgends zu etwas Ordentlichem bringen und stets zurückgesetzt und übersehen werden. Und wie treu hält sie bei uns in Frost und Kälte aus; wie bescheiden hüpft sie in ihrem anspruchslosen schwarzen Kleidchen einher, und was für eine lieblich grüne Stimme hat sie dabei!«
»Eine grüne Stimme?« fragte Georg, dem dieser Ausdruck neu war.
»Allerdings,« versicherte der alte Mann, »und zwar das ganz bestimmte junge Waldesgrün, wenn ihm der Frühling seinen ersten Saft gegeben – nicht ein Mischmasch von Farben, wie der Finke mit seinem Violett oder der Zeisig gar mit seinem schmutzig gelben Ton – ein reines, schönes, helles Grün, das mit seinem lieben Klange meine alten Ohren auch noch erfreut, wenn der Winter schon lange das wirkliche Grün von den Zweigen gefegt und seine weiße Schneedecke über den Wald gebreitet hat.«
»So beurteilt Ihr den Gesang der Vögel nach den Farben?«
»Gewiß tue ich das,« versicherte der Greis, »und nirgends zeigen sich mir die Farben deutlicher als eben im Gesange. Die Grasmücke singt rot, aber kein brennend schmerzendes Rot wie der Kanarienvogel, sondern sanft und doch leuchtend, wie ich nur einmal in meinem Leben am nördlichen gestirnten Himmel habe Strahlen schießen sehen. Die Nachtigall singt dunkelblau – dunkelblau wie der Nachthimmel selber, daß man die beiden kaum voneinander unterscheiden kann. Die Lerche singt jenes wundervolle Korngelb der reifen Aehren, das Rotschwänzchen ein allerliebstes bläuliches Grau, die Schwalbe weiß, der Nußhäer, der spöttische Gesell, ein tiefes Schwarz, ich mag den geschwätzigen hirnlosen Burschen auch deshalb nicht besonders leiden; die Drossel singt dunkelgrün, und fast alle Farben finden sich unter den Sängern des Waldes, alle, mit ihren leisesten Schattierungen – nur nicht hellblau. Kein Vogel, und das ist etwas, worüber ich schon oft und lange nachgedacht, singt hellblau, und nur ein einziges Mal, und zwar eine einzige Nacht, habe ich eine Nachtigall gehört, die hellblau sang, und das war das schönste Himmelblau, das man sich nur denken kann.«
»Und nie wieder hat sie gerade so gesungen?« fragte Georg, den, er wußte selber nicht weshalb, ein eigenes Gefühl der Teilnahme für den Greis beschlich.
»Nie wieder,« sagte der alte Mann leise, »es war ihr Sterbelied gewesen, denn am nächsten Morgen fand ich sie tot in demselben Busche – tot und unverletzt, und habe sie auch dort, wo ich sie fand, nachher begraben. Ich werde den Tag nie vergessen; es war derselbe Morgen, an dem die Kinder wieder von hier abreisten, und wie ich da drüben unter dem Busche bei dem toten Vogel saß, liefen mir die hellen Tränen die Backen herunter. Ich weiß aber wahrhaftig nicht, ob ich über den Vogel oder über die Kinder geweint habe, die ich – wenigstens beide zusammen – nicht wiedersehen sollte.«
Der alte Mann schwieg und sah still und traurig vor sich nieder, und auch Georg wagte im ersten Augenblick nicht die Stille zu unterbrechen. Von welchen Kindern sprach der Greis, und war es nicht etwa gar die eigene Jugend, die an das Herz dieses alten, starren Waldbewohners geklopft und die Erinnerung darin zurückgelassen hatte? – Er mußte darüber Gewißheit haben.
»Was für Kinder, Forstwart?« fragte er mit so viel Gleichgültigkeit als möglich im Tone.
»Das eine kennen Sie, gnädiger Herr,« sagte da der alte Mann, »es ist unser gnädigster Herr Graf, den Gott uns noch recht lange erhalten möge. Wie hübsch und schlank und kräftig der emporgewachsen ist, und wie viel Freude er schon seiner braven Frau Mutter gemacht hat, daß sie wohl stolz auf ihn sein darf!«
»Und das andere?« fragte Georg nach sichtlichem Widerstreben, als der alte Mann hartnäckig schwieg, »was ist aus dem andern geworden?«
»Da fragen Sie den lieben Herrgott!« seufzte der alte Mann, »der andere Knabe war sein Bruder. Auf ein Haar fast glichen sich die beiden jungen Herren, und so wild und lebenslustig waren sie, und so gut, so engelgut dabei! Der jüngste besonders war ein herzig Kind – ich sehe ihn noch vor mir mit den langen dunklen Locken und den großen, sterngleichen Augen – und ich durfte mit ihnen durch den Wald gehen und ihnen das Wild zeigen und die Stellen, wo die saftigsten Erdbeeren wuchsen, und der kleinste faßte mich dann an der Hand und fragte mich, wie hoch der Himmel noch über den hohen Bäumen sei, und ob es wahr wäre, daß die Sterne dort droben die Augen von lieben Engelchen wären, die herabschauten auf die Kinder, ob sie auch brav und gut wären und ihren Eltern Freude machten? Und dann erzählte er mir von seinem Vater, daß er gestorben und zum lieben Gott gegangen sei und sie, die beiden Knaben, mit der Mutter hier allein zurückgelassen habe, und – Gottes Zorn!« murmelte der alte Mann vor sich hin und wandte sich ab von Georg, denn er schämte sich vor dem Fremden, daß ihm, selbst in der Erinnerung an jene Zeit, die sein Herz mit einer eigenen Wehmut erfüllte, die Tränen ins Auge gekommen waren. Georg aber, der ihn mit schmerzlicher Spannung beobachtete, war das nicht entgangen, wenn er auch tat, als ob er es nicht bemerkte; hatte er doch Mühe genug, die eigene Rührung niederzukämpfen. Endlich, sich gewaltsam zwingend, sagte er leise: »Und von dem andern Knaben habt Ihr nie wieder – den andern Knaben habt Ihr nie wieder gesehen?«
»Nein,« erwiderte der Alte, »damals blieben sie acht Wochen bei uns, und kein Tag verging, wo wir uns nicht zusammen hier draußen herumgetummelt hätten. Ein paar wilde Burschen waren es alle beide, und tolle Streiche haben wir mitsammen ausgeführt. Der jüngste besonders – der kleine Tollkopf konnte mit mir machen, was er wollte – schien sein Herz an mich gehängt zu haben. Auf mir geritten ist er sogar, oft und oft, und hat mir dann versprochen, wenn er einmal groß wäre, wollte er mich zu seinem Stallmeister, und Gott weiß was sonst noch machen. Dann gingen sie fort, und ich blieb hier zurück – als Forstwart, Waldläufer oder was Sie wollen. Ein paarmal noch ließen mich die Knaben, besonders der kleine Georg – er hieß wie Sie, gnädiger Herr, Georg – grüßen, dann war auch das vorbei. Ich selber vergaß die Kinder wohl nicht, denn wenn man so ganz allein steht auf der Welt, vergißt man nicht so leicht etwas, an dem das Herz einmal so gehangen, wie ich an den Kindern, besonders an dem jungen Herrn. Während aus den Knaben aber Männer wurden, hörte ich endlich, daß der eine – mein armer kleiner Georg – Deutschland ganz verlassen habe und – in der Fremde gestorben sei, und da konnte ich denn natürlich nichts weiter tun, als – um ihn trauern.«
»Und habt Ihr seinen Bruder nie nach ihm gefragt?« sagte endlich nach langer Pause, während die beiden Männer schweigend nebeneinander hingeschritten waren, Georg.
Der Alte schüttelte mit dem Kopfe. »Das ging nicht gut,« meinte er, »sollte ich die Wunde im Bruderherzen wieder aufreißen? Und ich war froh und glücklich, daß ich wenigstens den einen wieder hatte und mir in dessen heiteren, männlich schönen Zügen das Bild des andern heraufrufen und festhalten konnte. Die Jahre sind auch darüber hingegangen, und wie der Hügel auf dem Grabe des längst Entschlafenen eingesunken sein wird, sind meine Wangen eingefallen, ist mein Haar gebleicht, und ich dachte kaum, daß ich noch einmal so lebhaft wieder an ihn denken würde, bis – bis Sie neulich, gnädiger Herr, mit unserem gnädigen Grafen in den Hof einritten.«
»Ich?« rief Georg und suchte die Bewegung zu verbergen, die seine Stimme zittern machte.
»Ja,« sagte der Greis, und unwillkürlich suchte sein Blick dabei den des Begleiters, »wie ich Sie beide zusammen und nebeneinander, in all der Kraft männlicher Schönheit, beide einander so ähnlich, und doch auch wieder so verschieden, auf einmal vor mir sah, war es plötzlich, als ob eine Stimme in meinem Innern spräche: da sind sie – die Zeit ist wiedergekommen, die du so heiß ersehnt; er ist nicht tot, der kleine Georg, sondern zurückgekehrt, wie er es mir als Kind, seine kleine Hand in der meinen, fest versprochen. – Ich hatte mich doch geirrt; und nur daß Sie Georg heißen, ist ein merkwürdiger Zufall. Fünfundzwanzig Jahre sind freilich eine lange Zeit; aber, lieber Gott! mein altes Herz hat sich doch geirrt, denn was man eben wünscht, erhofft man ja auch gern.«
»Und Ihr habt den Knaben also noch nicht vergessen, Barthold?«
»Ich? – das Kind? nein, mein gnädiger Herr. Ich weiß nicht, weshalb – es war nicht mein Kind, und ging mich auch weiter nichts an, als daß es eben der Herrschaft angehörte und vielleicht einmal später selber mein Herr geworden wäre; denn uns alten Dienstboten geht es wie dem Inventar auf den Gütern, zu dem wir auch mitgehören – wir wechseln die Besitzer. Aber ich glaube, der kleine Bursch hatte es mir damals mit seinen klugen, treuen Augen angetan – vielleicht mit einer Kleinigkeit, die aber bei uns Menschen oft wunderbaren Einfluß ausübt.«
»Und die war?«
»Ich hatte die Kinder gebeten, mich – ich weiß eigentlich selber nicht weshalb, bei meinem Vornamen Franz zu nennen, der Aelteste aber, unser gnädiger Herr Graf jetzt, der auch schon ein bißchen besser mit den Leuten umzugehen wußte, konnte oder wollte es nicht merken und nannte mich nicht anders als Barthold oder Forstwart. Der kleine Georg aber – Sie dürfen es mir aber nicht übel deuten, daß ich ihn noch so nenne, denn für mich ist er der kleine Georg geblieben, alle Zeit – tat mir den Willen und nannte mich Franz, und einmal, wie er Abschied von mir nahm, hat er mich sogar geküßt, und von der Zeit an, wo ich die Kinder in die große Kutsche steigen und mir noch einmal mit den Tüchern winken sah, war es mir, als ob alles, was ich noch auf der Welt mein nenne, mit dem Kinde auf Nimmerwiedersehen geschieden sei. Aber, lieber Gott! ich schwatze und schwatze da von Dingen, die Euer Gnaden unmöglich interessieren können. Halten Sie es einem alten Manne zugute, dem es überdies selten genug gestattet ist, sein Herz einmal einem Nebenmenschen auszuschütten. Ich fühle, daß ich Sie gelangweilt habe.«
»Das habt Ihr nicht, Barthold,« sagte Georg, der gewaltsam die in ihm aufsteigende Rührung niederkämpfen mußte, um sich nicht zu verraten. »Ihr habt mir überdies vorher gesagt, daß Ihr Euer Herz nur Euren Freunden gegenüber öffnen möchtet, zählt mich dazu von jetzt an, ich meine es gut mit Euch. Nehmt meine Hand, sie ist Euch gern geboten, wenn ich auch – Euer kleiner Georg nicht bin, für den Ihr mich gehalten.«
»Gnädiger Herr,« sagte der alte Forstwart verlegen, indem er schüchtern seine Hand in die ihm dargebotene Rechte seines Begleiters legte – »Sie sind so gütig...«
»Wohin führt dieser Weg?« unterbrach ihn jetzt Georg, der das Gespräch abzubrechen wünschte, denn er vermochte nicht länger dem Alten gegenüber kalt und gleichgültig zu scheinen.
»Mitten in den Wald,« lautete die Antwort, »ich muß tausendmal um Verzeihung bitten, wenn ich Sie einen falschen geführt habe. Wir sind hier gleich an der Grenze, und ich wollte eigentlich nur nach einem Fuchsbau sehen; ich habe gar nicht daran gedacht, daß Sie...«
»Es schadet nichts; ich habe nur einen Spazierritt gemacht, und jede Richtung bleibt sich da gleich. Aber ich will jetzt umkehren. Adieu, Barthold, sorgt nur hübsch für Eure kleinen gefiederten Freunde, die Singvögel, denn ich habe sie ebenfalls gern, und – wenn Ihr einmal etwas habt, das Euch auf dem Herzen liegt und das andere Hilfe verlangt, als sie Euch gewähren können, dann kommt ungescheut zu mir. Wenn es in meinen Kräften steht, helfe ich Euch. Lebt wohl!« Mit den Worten wandte er sich zu seinem Pferde, das auf sein Zeichen rasch herbeigetrabt kam, schwang sich in den Sattel und ritt langsam den Weg wieder zurück, den er mit dem Alten heraufgekommen.
Barthold blieb noch lange, wie ihn Georg verlassen hatte, im Wege stehen und schaute ihm schweigend nach, dann setzte er seine Pelzmütze, die er beim Abschied abgenommen, wieder auf und murmelte leise, während er sich jetzt in den Wald wandte: »Gerade so würde mein kleiner Georg wohl auch zu seinem alten Freunde gesprochen haben; gerade so sähe er vielleicht auch aus, aber – du lieber Gott! alter Franz, was hilft es dir? er ist es ja doch nicht, und wenn er wiedergekommen wäre? – wer weiß, ob er dann noch so freundlich mit dem alten Forstwart, der eben doch nichts weiter als ein Forstwart ist, gesprochen hätte, und dann – dann hätt' es mir freilich noch viel, viel weher getan, als so, wo er gar nicht wiedergekommen ist.« – Und leise noch viel mehr vor sich hinsprechend und langsam dazu mit dem Kopfe nickend, verfolgte er seinen Weg.
16.
Georg ritt langsam den Weg, den er gekommen, zurück, das Herz aber mit anderen Gedanken erfüllt als denen, die er so toll und wild auf schnaubendem Rosse in den Wald hinausgetragen. Es war die Jugendzeit, die liebe, holde Jugendzeit, die wieder vor seinem innern Blicke emportauchte, und doch auch brachte sie kein Lächeln auf die zusammengepreßten Lippen, doch drängte sie keine Freudenträne in das fest und starr auf dem Wege haftende Auge. Erst als sich der Wald lichtete, sah der Reiter wieder auf, und durch seine Umgebung zur Gegenwart zurückgekehrt, lenkte er sein Pferd hinter dem Dorfe weg, um unten am See nach seinen Arbeitern zu schauen. Er fühlte sich noch nicht ruhig genug, nach Hause zurückzukehren.
Die Straße selber, als er sie endlich erreichte, war heute außerordentlich belebt, und er erinnerte sich jetzt, gehört zu haben, daß an diesem Abend im Stern zu Schildheim eine Hochzeit gefeiert werden sollte. Die einzige Tochter des Wirtes heiratete hinüber nach Oledorf, und der Vater hatte bestimmt, die Feierlichkeit mit einem solennen Schmaus und Tanz zu beschließen, zu dem eine Menge Verwandte und Gäste aus Oledorf sowohl, wie aus Schildheim selber geladen waren.
Eine Strecke hinter dem Dorfe sah der Reiter einen Knäuel Menschen auf der Straße stehen, die um ein umgeworfenes Fuhrwerk versammelt waren. Fast unwillkürlich lenkte er sein Pferd dorthin und entdeckte bald einen vornehm aussehenden Herrn, der in Reisekleidern neben einem zerbrochenen Wagen stand. Das linke Hinterrad war in Stücken, augenscheinlich an einem der Wegsteine zerschellt und lag im Straßengraben, während ein Kutscher mit Hilfe des Bedienten und einiger gefälligen Bauern bemüht war, das Riemenzeug der Pferde wieder in Ordnung zu bringen. Der Reisende selber bekümmerte sich jedoch weder um Pferde noch Wagen, sondern schien nur damit beschäftigt, seinen etwas beschmutzten und sogar beschädigten Rock wieder zu reinigen, wie die Stöße ungeschehen zu machen, die sein Hut, wahrscheinlich beim Herausfallen aus dem Wagen, erhalten hatte.
Durch die Umstehenden, die Georg kannten, wurde er jedoch auf den Nahenden aufmerksam gemacht und wandte sich jetzt höflich gegen diesen.
»Herr von Geyfeln – wie ich höre, ist das Ihr Name – ich bedaure sehr, mich Ihnen in dieser Situation und diesem Zustande vorstellen zu müssen; mein Name ist Baron von Zühbig, und ich bin hier auf abominable Art mit meinem Geschirr erst fest und dann auseinander gefahren. Könnten Sie uns nicht helfen lassen, daß wir wenigstens mit dem Wagen das dort liegende Dorf erreichten?«
»Das kann ich allerdings, Herr Baron,« erwiderte Georg, »und es tut mir leid, daß Sie der Unfall hier betroffen hat. Ich begreife freilich nicht, wie es auf der trocknen Straße möglich war.«
»Ein Leiterwagen voll junger Bauern kam in gestreckter Karriere hinter uns drein,« erzählte der Baron. »Die jungen übermütigen Burschen, die wahrscheinlich zu irgend einem Feste zogen, jauchzten und schrieen und schwenkten die Hüte, meine Pferde scheuten dadurch etwas zur Seite, das Vorderrad vermied jenen Stein, aber das Hinterrad wurde dagegen gerissen, brach wie Glas und warf mich in diesem Zustande, wie Sie mich hier erblicken, in den Graben hinein.«
»Ich bedaure Sie innig; die Leute haben heute im Dorfe eine Hochzeit und sind dabei gern ein wenig laut; aber ich darf Sie nicht länger als nötig hier auf der Straße lassen. Dort drüben arbeiten meine Leute – die Hinterräder Ihres Wagens sind ziemlich hoch; ich denke, eins von meinen Schlammwagen kann Ihr Geschirr wenigstens bis zum Dorfe bringen, und dort werde ich Sorge tragen, daß Ihr Schade, trotz der Hochzeit heute, augenblicklich wieder verbessert wird. Entschuldigen Sie mich nur auf wenige Minuten, ich bin gleich wieder bei Ihnen.«
Und damit wandte er sein Pferd und ritt in scharfem Trabe über die Wiese hinüber der Stelle zu, wo seine Leute arbeiteten, um diese zur Hilfe des beschädigten Wagens herbeizuholen. Er kehrte auch bald mit ihnen zurück. Das Fuhrwerk wurde wieder so weit instand gesetzt, die kurze Strecke bis zum Dorfe wenigstens zusammen zu halten, und Georg, der sein Pferd jetzt am Zügel führte, schritt neben dem Fremden auf der Straße hin.
Er selber kam aber dabei nicht viel zu Wort; der Fremde, der außerordentlich wißbegierig schien, richtete hundert Fragen an ihn, ohne ihm jedoch Zeit zu lassen, auch nur eine genügend zu beantworten, und interessierte sich besonders dafür, zu erfahren, ob es hier in nächster Nähe nicht irgend eine Stadt oder ein Städtchen gäbe, das er heute abend noch erreichen könnte und in dem Theater gespielt würde.
Das war allerdings nicht der Fall, und der Fremde, der um diesen Preis wohl seinen zerbrochenen Wagen heute im Stiche gelassen hätte, sah sich jetzt genötigt, diesem wieder seine Aufmerksamkeit zu schenken. Sie hatten nämlich das Dorf erreicht, und der Schmied erklärte sich mit dem Wagen- oder Stellmacher, wenn auch im Anfange nach entschiedenem Weigern, doch endlich bereit, die nötige Reparatur sofort vorzunehmen, und daß die Leute rasch arbeiten würden, dafür bürgte die Hochzeit, zu der sie beide eingeladen waren.
Jetzt galt es, dem Fremden Unterkommen im Gasthause zu verschaffen; das war aber entschieden unmöglich und jedes Winkelchen im Hause, bis in die Ställe hinein, besetzt. Nicht einmal Kutscher und Pferde konnten dort untergebracht werden. So ungern es Georg gerade bei einem Fremden tat, sah er sich doch endlich genötigt, ihm für die Nacht – denn an ein Weiterreisen ließ sich nicht denken – seine Gastfreundschaft anzubieten, die indessen von dem Fremden, wenn auch erst nach scheinbarem Sträuben und tausend nichtssagenden, meist französischen Phrasen von »Stören« und »zur Last fallen« angenommen wurde. Den Wagen hatte man indessen den betreffenden Handwerkern übergeben, der Kutscher führte die Pferde in das Gut voran, der Bediente folgte mit dem Nötigsten, was sein Herr für die Nacht brauchte – und das war mehr, als er allein tragen konnte –, das übrige Gepäck hatte der Wirt in sein eigenes Zimmer gestellt, und die beiden Herren schritten jetzt ebenfalls plaudernd zum Gute hinauf, wo Georg die Wirtschafterin rufen ließ und ihr auftrug, augenblicklich eines der Fremdenzimmer für den Gast herzurichten.
Das war bald geschehen, und Baron von Zühbig wurde instand gesetzt, seine Toilette mit ängstlichster Sorgfalt, wie er es stets gewohnt war, zu vollenden. Bis dahin konnte auch das Abendbrot bereitet sein, und zwar heute nur für die beiden Gatten und den Fremden. Der alte Mühler hatte gebeten, auf seinem Zimmer essen zu dürfen, und die Erzieherin trank überdies jeden Abend mit Josefinen den Tee auf dem ihrigen.
Georgine war von dem unerwarteten Besuch rechtzeitig in Kenntnis gesetzt worden und eben mit ihren Anordnungen in Küche und Keller, wie mit ihrer eigenen Toilette fertig geworden, als Herr von Zühbig, von Georg geführt, ihr Zimmer betrat, und sich ihr mit seiner zierlichsten Verbeugung nahte.
»Gnädige Frau, ich muß unendlich bedauern, wenn auch die unschuldige, doch die Ursache zu sein, die Sie heut abend Ihrer gewohnten Bequemlichkeit und ungestörten Häuslichkeit entreißt, um einem Fremden Gastfreundschaft zu erweisen, aber Ihr Herr Gemahl war...« Er blieb plötzlich mitten in der Rede stecken und sah die Dame erstaunt und forschend an, die aber ruhig lächelnd erwiderte: »Lassen Sie sich das nicht stören, Herr Baron. Wir auf dem Lande sind einmal darauf eingerichtet, Nachbarn und Freunde, die uns besuchen, auch bei uns zu beherbergen. Freilich müssen Sie Nachsicht mit uns haben, denn die Zeit war ein wenig kurz.«
»Gnädige Frau – ich,« stammelte Herr von Zühbig, »ich weiß wirklich nicht – ob ich – ob ich nicht schon früher das – das Vergnügen hatte...«
»Der Baron wird fürlieb nehmen,« unterbrach ihn Georg, »ein Reisender ist darauf eingerichtet, oft in irgend dem ersten, besten Wirtshause zu kampieren, und die Bequemlichkeiten sind dort auch nicht immer ausgesuchter Art. Im Stern unten hätten Sie es keinesfalls besser gefunden und wahrscheinlich noch außerdem die ganze Nacht vor tobender Musik kein Auge schließen können.«
»Gewiß – gewiß,« stammelte der Baron, »aber – Sie verzeihen wohl meine Zudringlichkeit – doch nein, es ist nicht möglich – und doch – Herr von Geyfeln – Sie müssen mich wahrhaftig entschuldigen – diese – diese...«
»Was ist Ihnen? Sie scheinen ganz außer sich zu sein!« sagte Georg.
»Das bin ich auch,« rief von Zühbig, indem er abwechselnd bald Georginen, bald Georg staunend und immer noch ungewiß anstarrte, »wahrhaftig, gnädige Frau – ich weiß in diesem Augenblick nicht, ob ich auf dem Kopfe oder auf den Füßen stehe. Ich würde das Ganze auch nur für einen scharmanten, feenhaften Traum halten, wenn Ihre beiden Persönlichkeiten mich nicht eines Besseren belehrten; – aber ich muß Sie schon früher einmal gesehen haben – wenn auch unter anderem, wahrscheinlich angenommenen Namen. Wenn nicht, haben Sie beide entweder Doppelgänger, oder es besteht eine Aehnlichkeit zwischen vier verschiedenen Personen in der Welt, die ich bis zu diesem Augenblick nicht für möglich gehalten hätte.«
Georgine errötete leicht und sah ihren Gatten an. Georgs Brauen aber zogen sich finster zusammen, und kaum fähig, seine Fassung zu behalten, sagte er: »Es finden sich oft Aehnlichkeiten auf der Welt, Herr Baron, die uns im Anfange stutzig machen – es gibt deren auch, die schmeichelhaft – andere, die es nicht sind. Das beste ist, man läßt sich nicht von ihnen beirren, und nimmt das Leben, wie es sich eben bietet, ohne darüber nachzugrübeln.«
Irgend ein anderer Mann, an des Barons Stelle, hätte sich vielleicht den ziemlich deutlichen Wink genügen lassen; Herr von Zühbig aber, mit dem entzückenden Gefühl, für die Salons und deren Klatsch eine neue superbe Entdeckung gemacht zu haben, und von der Identität der vor ihm Stehenden dabei fest überzeugt, hörte, sah und verstand nichts weiter.
»Wenn ich Ihnen nur gestehen dürfte, wie glücklich ich mich fühle, Ihnen hier in Ihrer reizenden Einsamkeit begegnet zu sein!« fuhr er fort, als er sah, daß Georgine verlegen schwieg, »ich segne jetzt den Unfall mit meinem Wagen, der mich auf keiner passenderen Stelle hätte aufs Trockene setzen können.«
»Und mit wem haben wir Aehnlichkeit, Herr Baron?« sagte in diesem Augenblick Georgs tiefe Stimme an seiner Seite.
»Mit wem?« fuhr Herr von Zühbig rasch und beinahe etwas erschreckt herum und starrte seinen Wirt verblüfft an. Dessen Ruhe machte ihn nämlich in seiner Entdeckung wieder schwankend, und wenn er auch auf Georginens Gesicht mit gutem Gewissen hätte schwören mögen, so war ihm das ihres Gatten doch keineswegs so sicher im Gedächtnis geblieben, darin jeden Irrtum außer Zweifel zu lassen. »Mit wem, Verehrtester? o, mit – aber, hahahaha, – Sie wollen doch nicht etwa – Ihr Name...«
»Georg von Geyfeln.«
»Von Geyfeln – Georg? – o gewiß – außer allem Zweifel. Ich bitte, mich um Gottes willen nicht mißverstehen zu wollen. Der frühere Name war jedenfalls angenommen – ein Kunstname. Wir haben das ja bei der Bühne alle Tage, und ich – darf wohl mit Recht von mir sagen, daß ich selber mit zur Kunst gehöre.«
»Sie selber? wie verstehe ich das?« fragte Georg, dem der Fremde eben nicht wie ein Künstler vorkommen mochte.
»Ich bin,« stellte sich der Herr von Zühbig vor, »Generalintendant des ***schen Hoftheaters, wo ich – wenn ich nicht jetzt an ein Wunder glauben soll – das Glück hatte, durch Sie beide in eine reine Ekstase versetzt zu werden. Sie – aber, bester Baron, machen Sie kein solch ernsthaftes Gesicht – Sie bringen mich wirklich in – in Ungewißheit und Gewißheit – ich fange schon an, ganz konfus zu reden – zur Verzweiflung.«
»Am ***schen Hoftheater?« sagte Georg, immer noch in der, wenn auch vergeblichen Hoffnung, den Fremden von seiner Beute für Tee- und Abendunterhaltung abzulenken.
»Bitte, um Verzeihung – nicht im Hoftheater, sondern im – aber Sie wahrhaftig brauchen sich Ihrer Erfolge nicht zu schämen – gnädige Frau, was Sie auch immer bewogen haben konnte, auf eine Zeit Ihr enormes Talent dem Publikum zu widmen. In diesem Augenblick...«
»Habe ich das Vergnügen, Ihnen in ihr meine Frau, Baronin von Geyfeln, vorzustellen,« unterbrach ihn Georg kalt.
»Ungemein erfreut,« stotterte Herr von Zühbig, der dabei nicht einmal wußte, was er sprach, »ungemein in der Tat – gnädige Frau, erlauben Sie mir, daß ich...« Er nahm ihre Hand und führte sie ehrfurchtsvoll an die Lippen.
»Und jetzt, denke ich, wird ein Imbiß wohl bereit sein,« rief Georg wieder mit lebendigerem Tone, denn er wünschte dieser fatalen Auseinandersetzung ein Ende zu machen. »Der Baron wird nach seiner langen Fahrt und seinem Unfalle hungrig geworden sein. Hast du bestellt, mein Kind, daß wir hier oben in deinem Zimmer essen?«
»Ja, es ist alles angeordnet und wird gleich gebracht werden,« sagte die Frau, die sich an der Verwirrung des Fremden ergötzte, ohne im geringsten das Peinliche zu fühlen, das ihres Gatten Herz beugte, »aber bitte, Herr Baron, nehmen Sie doch Platz. Sie müssen sich ja nach der heutigen Anstrengung ermüdet fühlen.«
»Jawohl – ich? – bitte um Verzeihung – mit dem größten Vergnügen,« sagte von Zühbig vollkommen außer Fassung gebracht. Daß er sich den beiden Kunstreitern Monsieur Bertrand und Georginen gegenüber befand, darauf hätte er in dem einen Augenblick den höchsten körperlichen Eid ablegen mögen, während er im andern durch Georgs ernstes, abgemessenes Wesen fast wieder schwankend gemacht worden wäre. Dazu kam die veränderte Kleidung der beiden, die andere, fremde Umgebung, und dann der Name – von Geyfeln. Es gab ein Geschlecht von Geyfeln – Herr von Zühbig war zu sehr Edelmann, nicht den ganzen deutschen Adelskatalog im Kopfe zu haben, und war wirklich der Edelmann ein Kunstreiter oder der Kunstreiter ein Edelmann geworden, oder bestand zwischen vier sich einander gar nichts angehenden Personen eine solche frappante Aehnlichkeit – daß selber er – der Generalintendant des ***schen Hoftheaters getäuscht werden konnte?
Herr von Zühbig ließ sich auf das Sofa neben Georginen nieder, und saß dort wie auf Nadeln, bis ihn die Fragen der schönen Frau nach seiner Reise und dem heutigen Unfalle wieder zu sich selber brachten. Er erzählte jetzt, wie er Urlaub in *** genommen, trotzdem daß seine Anwesenheit dort dringend nötig sei, denn er fürchte, daß am dortigen Theater, selbst während seiner kurzen Abwesenheit, die größten Mißgriffe geschehen würden. Notwendige Familiengeschäfte hatten ihn aber nach Norden gerufen, und er selber war nur der angenehmen Pflicht gefolgt, bei einer im Innern des Landes lebenden Schwester, der Gräfin Hostenbruk, Gevatter zu stehen. Von da kehrte er eben zurück – Herr von Geyfeln kannte gewiß die in Mecklenburg ziemlich ausgebreitete Familie Hostenbruk – und während er im Anfange geglaubt habe, daß ihm sein böser Stern heute einen fatalen Aufenthalt zugezogen, finde er jetzt – und er setzte das mit seinem süßesten Lächeln hinzu – daß es sein guter gewesen sei, dem er nicht genug danken könne. Einmal im Zuge, war auch keine Gefahr, daß Herr von Zühbig ein anderes Thema berühren würde als sich selber, und als er das erschöpft zu haben schien, brachte ein einziges hingeworfenes Wort Georgs, das Theater berührend, ihn in eine neue Bahn, aus deren Gleisen er nicht mehr wich, bis das Essen hereingebracht wurde. Auf eine einladende Bewegung Georgs hatte Herr von Zühbig eben der Dame des Hauses den Arm geboten, sie zu ihrem Stuhl zu führen, als Josefine in das Zimmer kam und sich gegen den Fremden verneigend sagte: »Mama, ich habe mein Musikheft hier liegen lassen!«
»Mademoiselle Josefine, beim Zeus!« rief Herr von Zühbig erstaunt aus.
Josefine sah staunend von ihm zu ihren Eltern, der finstere Blick des Vaters aber ließ sie die Szene rasch durchschauen, und wieder sich graziös verbeugend, gewissermaßen wie um für Nennung ihres Namens zu danken, ergriff sie das vergessene Heft und verschwand im nächsten Augenblick aus dem Zimmer.
»Bitte, diesen Platz einzunehmen, Herr Baron,« sagte indessen Georgine, während der Generalintendant noch immer auf derselben Stelle stand und hinter dem jungen Mädchen wie hinter einer Erscheinung dreinsah.
»Entschuldigen Sie,« erwiderte verlegen Herr von Zühbig, und sein Blick streifte über die beiden Gatten. Wenn aber auch Georgine ihre volle Unbefangenheit gewahrt hatte – denn ihr selber machte es sogar Freude, die Erinnerung an sich und ihre Tochter so bewahrt zu sehen – konnte sich der Baron doch nicht gut über den finstern Ernst täuschen, der auf »Monsieur Bertrands« Zügen lag. Zu viel Weltmann dabei, einen so argen Mißgriff zu begehen, als jetzt noch einmal das Thema zu berühren, das, wie er fühlen mußte, seinem Wirte wenigstens kein angenehmes war, erwähnte er der neuen Bestätigung, die er in seinem ersten Erkennen durch Josefinens Erscheinen gewonnen hatte, mit keinem Worte, und warf sich jetzt, vielleicht mit etwas nur zu großem Eifer, auf ein Gespräch über Ackerbau und Viehzucht, das ihm vollkommen fern lag und von dem er kein Wort verstand. Georg aber war ihm dennoch dafür dankbar und ging rasch darauf ein. Trotzdem herrschte ein Mißton in der Unterhaltung, die unter diesen Umständen nicht natürlich fließen konnte. Der eine Teil verschwieg etwas, von dem der andere schon zu viel Kenntnis erlangt hatte, um es ungeschehen zu machen, und wenn auch das Gespräch bald auf die Jagd, dann auf die Nachbarschaft und die Unterhaltung im Winter hinüberwechselte, ließ sich der heitere Ton darin nicht wiederfinden. Herr von Zühbig sehnte deshalb die Zeit herbei, in der er sich auf sein eigenes Zimmer zurückziehen konnte, und Georg kam ihm darin unter dem Vorwande zuvor, den reisemüden Gast nicht zu lange die nötige Ruhe und Bequemlichkeit entbehren zu lassen. Am nächsten Morgen beim Frühstück wollte man sich wieder treffen, und bis dahin war auch der Wagen, wie sich Georg indessen schon hatte erkundigen lassen, wieder hergestellt, damit die Reise ungesäumt fortgesetzt werde.
So früh indessen Herr von Zühbig an diesem Abend zu Bett gegangen war, so früh war er am nächsten Morgen wieder auf und – unten im Dorfe. Nicht aber um nur nach seinem Geschirr zu sehen – das würde er unter anderen Umständen allein seinem Kutscher oder Bedienten überlassen haben – sondern in einer Sache, die für ihn weit größere Wichtigkeit hatte: über die Geyfelnsche Familie nämlich so viel Nachrichten als möglich einzuziehen. Schon beim Schmied erfuhr er denn auch zu seinem unbegrenzten Erstaunen, daß das Gut Schildheim der Familie Geyerstein gehöre und Herr von Geyfeln nur der neue Pächter sei, der mit dem Grafen von Geyerstein vor noch nicht sehr langer Zeit hier eingetroffen wäre. Weiter vermochte ihm aber der Schmied keine Auskunft zu geben, und ebenso der Wagenmacher, das ausgenommen, daß der »gnädige Herr« noch außer seiner Tochter den Vater seiner Frau und einen Knaben, einen Neffen oder Vetter, bei sich habe. So viel einmal erkundschaftet, gelüstete es Herrn von Zühbig jetzt außerordentlich, noch mehr zu erfahren, denn daß die Residenz bei solcher Neuigkeit auch die kleinsten Details von ihm verlangen würde, verstand sich wohl von selbst; aber es gelang ihm nicht. Selbst der Wirt, der, als er den Stern betrat, nach durchschwärmter Nacht eben sein Bett verlassen hatte und ihn gähnend in Pantoffeln und Schlafpelz mitten im Hausflur begrüßte, wußte keine nähere Auskunft, und Herr von Zühbig hätte auch mit Vergnügen – trotz seiner dringenden Geschäfte zu Hause – einen Tag in Schildheim zugegeben, seine Chronique scandaleuse zu vervollständigen, wenn ihm nur, dem Baron von Geyfeln gegenüber, der geringste haltbare Grund dafür eingefallen wäre. Das ging jedoch nicht an; der Wagen war leider fix und fertig; sein Diener hatte das Gepäck schon vom Gute heruntergebracht und eben begonnen, es wieder aufzuladen, und er mußte sogar eilen, daß er zu der bestimmten Zeit oben beim Frühstück eintraf.
Hatte er übrigens gehofft, hier noch einmal mit Georginen zusammenzutreffen, so sollte er sich darin getäuscht sehen. Georg empfing ihn allein und benachrichtigte ihn, daß sich seine Frau, eines leichten Unwohlseins wegen, entschuldigen ließe, zu so früher Stunde an ihrem Mahl nicht teilzunehmen. Das Frühstück wurde dann fast schweigend eingenommen, und Georg begleitete danach seinen Gast in das Dorf hinunter, um ihn sicher und schnell unterwegs zu sehen.
»Herr von Geyfeln,« sagte hier, als sie das Dorf fast erreicht hatten, der Baron, indem er sich zu seinem Begleiter wandte, »ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen genug für die mir so herzlich erwiesene Hilfe und Gastfreundschaft danken soll. Ich wollte nur, daß Sie selber mir einmal Gelegenheit gäben...«
»Sie haben ein Mittel, Herr Baron,« unterbrach ihn freundlich Georg, »und noch dazu eins, das den Dank ganz und gar auf meine Schultern werfen würde.«
»O, bitte, nennen Sie es!« rief von Zühbig rasch. »Sie glauben gar nicht, wie Sie mich dadurch verpflichten würden.«
»Es ist sehr einfach,« lächelte Georg, aber er fühlte selber, wie er sich Zwang antun mußte, unbefangen zu scheinen. »Wir sind uns, wie Sie gestern ganz richtig bemerkten, nicht zum erstenmal in diesem Leben begegnet.«
»Nicht wahr?« rief von Zühbig rasch und entzückt über diese Bestätigung.
»Es wäre töricht, das verleugnen zu wollen,« fuhr Georg ruhig fort. »Was mich dabei bewogen haben mag, eine Zeitlang die frühere Laufbahn zu verfolgen, kann dem Fremden, der kein weiteres Interesse als das einer flüchtigen Bekanntschaft an mir nimmt, vollkommen gleichgültig sein. Jetzt aber bin ich in das gesellschaftliche Leben, mit dem früheren abschließend, zurückgetreten, und wie ich hier still und abgeschieden von der Welt, fast mit niemandem verkehrend, lebe, möchte ich die frühere Existenz auch als abgeschlossen betrachten. Sie werden mich also außerordentlich verbinden, Herr Baron, wenn Sie, der Zeit gedenkend, die Sie mit uns verlebt, sich nur erinnern wollten, daß ich von Geyfeln heiße. Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß weder ich noch meine Gattin stolz auf unsere früheren Triumphe sind. Einen Monsieur Bertrand, den ich früher kannte, habe ich vollständig vergessen – wollen Sie das nämliche versuchen?«
»Mit dem größten, innigsten Vergnügen, bester Freund!« rief Herr von Zühbig rasch und herzlich. »Ich selber muß nur noch tausendmal um Pardon bitten, daß ich vielleicht durch irgend eine indiskrete Frage...«
»Die Sache ist abgemacht,« lächelte Georg, die dargebotene Hand ergreifend, »unter Männern ist nichts weiter nötig, und ich kann Ihnen jetzt mit gutem Gewissen sagen, daß ich mich von Herzen freue, imstande gewesen zu sein, Ihnen den kleinen, unbedeutenden Dienst zu leisten. – Aber hier sind wir bei Ihrem Wagen; etwas plump ist das Rad gemacht, doch müssen Sie mit unseren Dorfarbeitern schon fürlieb nehmen. Jedenfalls hält es, und Sie können Ihre Reise ungehindert fortsetzen.«
»Also nochmals meinen wärmsten Dank, und wenn ich Ihnen in *** vielleicht irgend etwas...«
»Ich danke freundlichst,« wehrte Georg ab. »Sie kennen unsern Vertrag, und nun glückliche Reise!«
»Bitte, empfehlen Sie mich noch Ihrer Frau Gemahlin auf das untertänigste, und wenn Sie je wieder nach *** kommen sollten...«
»Es wird nicht geschehen; wäre es aber, so würde ich mir erlauben, Sie aufzusuchen.«
»Sie würden mich außerordentlich glücklich machen – alles in Ordnung, Jean?«
»Alles, gnädiger Herr!«
»Schön – zufahren – also adieu, lieber Baron, adieu!«
Georg neigte sich leicht, als der Wagen, von einem Teil der Dorfjugend umstanden, vorüberrasselte, und Herr von Zühbig unterließ nicht, noch mehrmals freundlichst aus dem Wagen nach dem Zurückbleibenden hinauszuwinken. Georg blieb auf der Straße stehen und sah ihm nach, bis das leichte Fuhrwerk um die nächste Ecke verschwunden war. Dann schritt er langsam, seinen eigenen Gedanken nachhängend, auf das Gut zurück.
17.
Der letzte Abend war nicht allein oben im Gute, sondern auch in Schildheim ein sehr ereignisreicher gewesen, denn die Verheiratung von des Sternenwirts einziger Tochter, der hübschen Kathrine, bildete schon an und für sich eine Aera in dem sonstigen Stilleben des kleinen, abgeschiedenen Ortes. Der Sternenwirt hatte sich aber auch noch außerdem an dem Abend sehr splendid gezeigt, und der Tanz, neben anderen teils vorbereiteten, teils zufälligen Genüssen, bis nahe zum Morgengrauen gedauert; mit ihm natürlich das Zechen und Jubilieren.
Der alte Mühler wäre mit Karl gern ebenfalls an dem gestrigen Abend ins Dorf hinuntergegangen, nur der Vorfall des Morgens hielt ihn ab, denn er wußte recht gut, daß Georg nicht damit einverstanden war, und wollte ihn nicht noch böser machen. Auch Karl durfte nicht fort, und wenn etwas, so erbitterte das den jungen, bis dahin keines Zwanges gewohnten Burschen nur noch mehr. So saß er um elf Uhr mittags etwa – Georg war schon lange wieder auf das Gut zurückgekehrt und arbeitete auf seiner Stube – dem alten Onkel gegenüber, an dem auf den Hof hinausführenden Fenster, kaute an den Nägeln und baute und verwarf Plan nach Plan, um sich diesem, ihm unerträglich werdenden Leben zu entziehen. Da ertönte plötzlich unten auf dem Hofe lustige Musik – die Kirche war aus, und die Musikbande, die gestern abend im Stern aufgespielt, war hinauf auf's Gut gezogen, sich dort ein Trinkgeld zu verdienen. Mit ihnen aber – und Karl fuhr mit einem Freudenschrei von seinem Sitz empor – waren wunderlich und phantastisch gekleidete Gaukler gekommen, die in kurzen Jacken und eng anliegenden Trikots zum Takte der Musik auf dem Hofe und vor den Fenstern Georgs ihre Künste begannen. Einer hatte Stelzen an die Füße geschnallt, womit er zur Musik einen Walzer tanzte und andere Kapriolen ausführte; ein anderer überschlug sich und kugelte sich, Brust und Bauch nach außen, wie ein Ring zusammen, und der dritte lief an einer freistehenden kurzen Leiter hinauf, auf deren oberster Sprosse er dann mit großer Geschicklichkeit seine Künste ausführte.
»Bei Gott, Onkel!« rief Karl jubelnd aus, »da unten ist Müllheimer, Hentz und Bentling – komm rasch – Hentz macht sein Leiterkunststück – siehst du dort?«
»Alle Teufel!« murmelte der Alte in den Bart, »was wollen die denn hier, und wo kommen sie her? Ob sie wissen, daß Georg das Gut bewohnt?«
»Schwerlich,« lachte Karl, »sonst hätten sie wohl kaum ihre Kunststücke im Hofe gemacht, sondern wären gleich von vornherein heraufgekommen. Die werden Augen machen!«
»Was willst du tun?« rief der alte Mühler erschreckt, als Karl eben im Begriff war, das Fenster zu öffnen.
»Ich?« sagte der junge Bursche erstaunt, »sie anrufen natürlich; ich soll doch wohl meine alten Freunde und Kameraden bei euch hier nicht auch noch verleugnen und nicht mehr kennen dürfen?«
»Du bist rein verrückt!« rief der Alte, bestürzt dazwischen springend. »Na, das Donnerwetter und das Hallo von dem da drüben möcht' ich sehen, wenn der dazu käme. Wenn du nicht absolut willst, daß er uns beide noch heute am Tage zum Tempel hinausjagt, so geh' vom Fenster und tu gar nicht, als ob du die da unten siehst.«
Karl war leichenblaß vor verhaltenem Grimm geworden, aber er ließ es geschehen, daß ihn der Alte beim Handgelenk vom Fenster zog und das Rouleau herunterließ, jedes weitere Hinaussehen zu verhindern. Er selber blinzelte nur eben einmal hinter der Gardine vor, und sah gerade, wie der alte Verwalter auf die Leute zuging, ihnen ein Geldstück gab und sie vom Hofe schickte. Das Geschenk mußte auch ein ziemlich reichliches gewesen sein, denn die Gaukler schienen sehr erfreut. Desto weniger zufrieden waren aber die Leute vom Hofe damit, die sich schon um sie gedrängt hatten und ihnen jetzt, als sie den Hof verließen, meist in das Dorf hinab folgten, um dort vielleicht noch mehr von den fabelhaften Künsten zu sehen zu bekommen. Noch stand er am Fenster und sah ihnen nach, als die Tür aufging und Georg eintrat.
»Das ist recht, Mühler,« sagte er, als er die niedergelassene Gardine bemerkte. »Ich weiß nicht, durch welchen Zufall, aber einige unserer alten Bekannten haben, wahrscheinlich auf der Durchreise, ihren Weg bis zu uns hierher gefunden. Ihr seid, wie ich sehe, vernünftig genug, Euch fern von ihnen zu halten; überdies werden die Burschen Schildheim jedenfalls heute wieder verlassen. Ich brauche Euch also nicht weiter zu ermahnen, Euch heute lieber zu Hause zu halten, damit Ihr ihnen nicht etwa zufällig in den Weg liefet.«
»Denke gar nicht dran, auszugehen,« brummte Mühler, »und will selber mit ihnen nichts zu tun haben.«
»Ich habe es von Euch nicht anders erwartet,« sagte Georg, »und auf den jungen Burschen da werdet Ihr mir auch ein wachsames Auge haben. Ich hoffe, Karl, daß du verstanden hast, was ich eben sagte?«
»Ja,« erwiderte der junge Bursche, sich gleichgültig abdrehend, »wenn ich's nicht wieder vergesse.«
»Nicht wieder vergesse?« fragte Georg scharf, »ich ersuche dich, Geselle, dein Gedächtnis anzustrengen, oder du möchtest das nächste Mal nicht wieder so leicht davonkommen. Ich will, daß du es nicht vergißt, und das merke dir, Patron, sonst sprechen wir ein anderes Wort zusammen. Ich werde überhaupt – doch genug,« brach er kurz ab, »es wird keine weitere Mahnung nötig sein, denn du weißt selber am besten, Karl, was dir gut ist und was du von mir zu hoffen – oder zu fürchten hast.« Mit diesen Worten verließ er rasch das Zimmer.
»Verdammt, ob ich das nicht weiß,« fluchte der junge Bursche, als die Tür kaum hinter dem Forteilenden zugefallen war, »besser als du es vielleicht denkst, mein Herz, und daß ich es tun werde, darauf kannst du dich verlassen.«
»Karl,« warnte ihn der Alte, »sei vernünftig und mach' keine dummen Streiche. Georg läßt nicht mit sich spaßen.«
»Ob er's tut oder nicht, was kümmert's mich!« trotzte der Knabe. »Wenn du Lust hast, Onkel, seinen Knecht und gehorsamen Diener zu machen und dafür das Gnadenbrot zu nehmen, gut – du bist alt genug, um zu wissen, was dir zusagt, ich aber vertrage es nicht. Er hat gesagt, ich wisse, was mir gut sei, und ich will ihm dieses Mal wenigstens beweisen, daß er sich nicht geirrt.«
»Was hast du vor?« sagte der alte Mann besorgt, als Karl seine Mütze aufgriff, »du darfst nicht fort.«
»Darf ich nicht?« lachte der junge Bursche, der ihm unter den Händen fort und zur Tür glitt, »und wer will mich hindern?« und mit den Worten schon verschwand er im Gange draußen.
»Karl!« rief ihm der alte Mühler besorgt nach; Karl aber war nicht mehr zurückzurufen, und mit dem Gute und dessen Ausgängen genau bekannt, lief er in die untere Etage hinab, sprang von da in den Garten, um Georg in diesem Augenblick nicht zu begegnen, und gelangte ungesehen, wenigstens ungehindert, in das Dorf hinab. Dort brauchte er auch nicht lange nach seinen früheren Kameraden zu suchen. Ein Volkshaufe, der sich vor einem Bauernhause schreiend und lachend umher drängte, verriet ihm augenblicklich die Stelle, wo die drei »Künstler« eine rohe Schar von Zuschauern entzückten und unterhielten, hätte selbst nicht Hentz schon wieder auf der Spitze der Leiter, den Kopf nach unten, die Beine in die Luft gestreckt, hoch über die ihn umgebenden Dörfler hinausgeragt.
Karl hatte auch vom Fenster aus ganz recht gesehen. Es waren in der Tat jene drei jungen Burschen, die früher zu ihrer Gesellschaft gehörten und bei der Auflösung derselben brotlos in die Welt geworfen wurden. Wie sie indessen ihr Leben gefristet, zeigte sich deutlich in dem gegenwärtigen Possenspiel auf offener Straße, und Karl schämte sich fast, sie hier vor allen Leuten anzureden. Aber sprechen wollte und mußte er mit ihnen – er wußte überdies, daß die Mittagszeit sie zwingen würde, ihre Künste einzustellen, denn hier und da entfernten sich schon einzelne der bisherigen Zuschauer, um ihren eigenen Wohnungen und gedeckten Tischen zuzueilen. Karl hatte sich darin auch nicht geirrt. Die Glocke des kleinen Kirchturmes hob kaum aus, ihre zwölf Mal anzuschlagen, als die Zuschauer, die bis jetzt einen festen Ring um das Künstlertrifolium geschlossen, nach allen Richtungen hin auseinander stoben, und ohne daß einer von ihnen daran gedacht hätte, die doch jedenfalls ebenso hungrigen Equilibristen einzuladen, ja, ohne selbst das geringste für den gehabten Genuß zu zahlen, waren sie im nächsten Augenblick spurlos verschwunden.
»Alle Teufel!« rief der eine von ihnen, Hentz, der diesen plötzlichen Rückzug aus der verkehrten Vogelperspektive von der Leiter aus mit angesehen, indem er mit einem geschickten Satz herunter und auf die Füße kam, »wie die Canaillen laufen, und du, Müllheimer, läßt sie auch fort, ohne einzusammeln!«
»Da sammle du einmal,« brummte der Angeredete, »wenn bei derartigem Gesindel, noch dazu an einem Sonntag, die Freßglocke schlägt! Aber nach Tische will ich sie schon wieder zusammenkriegen, und dann sollen sie doppelt dafür bluten. – Wetter – wer ist denn das, der da drüben steht? – das Gesicht kommt mir sehr bekannt vor.«
»He, Roter, wie geht's?«
»Charles! bei allen sieben Todsünden!« rief der bei seinem Spottnamen Angeredete erstaunt aus, »alle Hagel, Junge, wo kommst du auf einmal wie aus den Wolken hergeschneit?«
»Davon nachher,« sagte Karl, dem nicht daran lag, hier auf der Straße ein langes Gespräch mit ihnen anzuknüpfen. »Kommt ins Wirtshaus nach – ich werde dort für euch etwas zu essen bestellen« – und ohne eine Antwort abzuwarten, bog er in die nach dem Stern führende Gasse ein und überließ es seinen früheren Gefährten, ihm, der willkommenen Einladung nach, so rasch mit ihren verschiedenen Utensilien zu folgen, wie sie eben konnten.
Es war dreiviertel auf ein Uhr – pünktlich um ein Uhr wurde Sonntags auf dem Gute gegessen – als Karl, ebenso heimlich, wie er sich entfernt durch das in den Garten führende Saalfenster mit Hilfe einer in der Nähe lehnenden Stange zurückstieg und seines Onkels Zimmer betrat.
»Na, da ist er – gottlob!« sagte dieser. »Ich fürchtete wahrhaftig, er hätte dumme Streiche gemacht. Es ist gleich eins, Junge.«
Karls Blick haftete auf Georginen, die in der Mitte der Stube, die rechte Hand auf den Tisch gestützt, stand, und starr vor sich niedersah, ohne von dem Eintretenden die geringste Notiz zu nehmen.
»Ja, Onkel,« erwiderte Karl ruhig, ohne den Blick von der Frau zu wenden, »und wahrscheinlich auch das letzte Mal, daß ich es hier werde eins schlagen hören.«
»Bist du toll?« rief Mühler erschreckt, und Georgine sah rasch und forschend zu ihm auf. Karl aber, ohne sich im geringsten irre machen zu lassen, entgegnete: »Nichts weniger als das, Onkel; ich habe im Gegenteil heute, wie ich glaube, meinen Verstand erst wiedergefunden und bin nicht gesonnen, mich hier länger knechten und mißhandeln zu lassen, nur um zu leben, wie es einem dritten gefällt, während ich draußen mein eigener freier Herr sein kann. Die Kameraden gehen nach Altona, wo sich ein neuer Zirkus unter dem berühmten Royazet etabliert hat. Royazet zahlt brillante Gagen, und wenn Georgine mit Josefinen bei dem einträte, könnten sie...«
»Royazet?« unterbrach ihn Georgine emporfahrend, und tiefes Rot färbte in diesem Augenblick ihre Wangen, »weißt du das gewiß?«
»Gewiß,« erwiderte Karl bestimmt, »Müllheimer, Hentz und Bentling sind eben dorthin unterwegs. Royazet hat sich mit dem größten Teil seiner früheren Gesellschaft veruneinigt oder sonst Schwierigkeiten mit ihnen gehabt, denn sie sind ihm fast alle von London aus nach Australien durchgegangen. Hier allerdings bekommen wir nichts zu hören noch zu sehen, draußen aber hat's in allen Zeitungen gestanden, daß er eine neue Gesellschaft gründen will, um mit ihr nach Rußland zu gehen, und deshalb alle namhaften Künstler auffordert, sich an ihn zu wenden.«
»Aber ich habe keine einzig solche Aufforderung in den Zeitungen gelesen,« sagte Georgine.
»Das glaube ich,« sagte Karl erbittert, »wer liest sie zuerst? Georg, und was wir nicht wissen sollen, das weiß er gut genug zu unterschlagen. Erst vorgestern kam ich gerade dazu, wie er die neue Zeitung in den Ofen steckte, und meinen Kopf setze ich zum Pfande, daß in der die nämliche Aufforderung stand.«
»Von Royazet will er überhaupt nichts wissen,« meinte Mühler nachdenklich, »und du kennst den Grund gut genug, Georgine, denn er ist eifersüchtig wie der Teufel auf ihn. Aber wenn er wirklich die Zeitung verbrannt hätte, hat er doch nur recht damit gehabt. Was nützt uns hier, zu wissen, daß sie da draußen in der Welt noch lustige Streiche treiben! Wir haben nichts mehr damit zu tun.«
»Meinst du, Onkel?« rief Karl, »wenn du wirklich eine solche Schlafmütze geworden bist, dich ruhig unter dem Daumen halten zu lassen...«
»Junge,« lachte der Alte, »ich bitte mir mehr Respekt aus...«
»So magst du es tun,« fuhr jedoch Karl unbekümmert fort.
»Er hat recht,« fuhr Georgine dazwischen, »wenn ich so wenig hätte, was mich hier bindet, wie er, nicht drei Tage würde ich den Zwang ertragen haben.«
»Den Henker auch,« sagte knurrend der Alte, »er hat seine ganze Familie hier, und wenn ihn die nicht bindet, was sonst?«
»Wenn die von der Familie, an denen mir etwas liegt, gescheit sind,« entgegnete Karl, »so machen sie es gerade so wie ich und lassen den alten Brummbär seine Felder allein düngen. Zum Henker, wenn Georgine zu Royazet käme, der stellte sich auf den Kopf vor lauter Freude, und auf den Händen würde sie dort getragen, von den Leuten wie vom Publikum.«
»Na ja, setz' du ihr nur auch noch solche Dinge in den Kopf,« schalt der Alte, »weiter hat gar nichts mehr gefehlt! Das braucht's auch eben noch, sie über die Stränge schlagen zu machen – und sie weiß, daß sie nicht darf.«
»Ich kann nicht fort,« erwiderte auch Georgine düster vor sich niederblickend, »er gibt mir mein Kind nicht, und ohne Josefinen geh' ich keinen Schritt.«
»So nimm dir's,« trotzte der junge Bursche. »Was will er machen, wenn wir heute abend unsere Sachen heimlich zusammenpacken und am nächsten Morgen über alle Berge sind?«
»Bah, du sprichst, wie du's verstehst,« sagte der Alte, »du könntest vielleicht weglaufen, und ich glaube nicht einmal, daß es Georgs Herz brechen würde, aber die Frau und das Kind – in zwei Stunden hätt' er sie wieder, und nachher...«
Die Augen der Frau leuchteten von einem unheimlichen Glanze, aber sie sagte kein Wort. Karl dagegen lachte: »Aber mein armer Kandidat – dem breche ich das Herz gewiß. Wen hat er nun morgen, den er quälen und drangsalieren kann? Und die lateinische Grammatik nehme ich zum Andenken mit.«
»Red' nicht so tolles Zeug, Karl!« ermahnte der Alte, »du sprichst wahrhaftig, als ob du ganz im Ernste an solche Torheit dächtest.«
»Tu' ich wirklich?« spottete ihm Karl nach, »gut, dann komm doch morgen früh an mein Bett, Onkel, und weck' mich – willst du?«
»Da schlägt's eins,« rief Mühler, der froh schien, dieses Gespräch abbrechen zu können. »Wir müssen hinüber. Georg ist Sonntags immer auf die Minute bei Tische.«
»Dann dürfen wir natürlich als gehorsame Diener unseres Herrn nicht säumen,« spottete Karl.
»Höre, mein Bursche,« sagte der Alte ernsthaft, indem er sich zum Gehen rüstete, »sei nicht übermütig! Wenn ich die Beine unter eines andern Tisch stecke, muß ich auch tun, wie der andere mich heißt – so lange ich nämlich keinen eigenen habe.«
»Und siehst du, das ist der Haken!« rief Karl, »denn ich habe von nächster Woche an einen eigenen, und will dann nur abwarten, wie lange du dich hier wirst füttern lassen. Royazet hat gar keinen eigenen Klown mehr. Sie sind ihm alle davongelaufen, und wenn er schon in Frankreich enorme Gagen zahlte, kannst du dir denken, daß er in Rußland nicht weniger zahlen wird. Jetzt weißt du, was dir zu wissen not tut, und nun mach', was du willst; ich rede kein Wort weiter drum.«
Mühler, der den trotzköpfigen, unbändigen Charakter des Knaben nur zu gut kannte und schon oft darunter gelitten hatte, schritt mürrisch den Gang entlang, dem Eßzimmer zu. Georgine aber, Karls Arm ergreifend, hielt ihn noch einige Sekunden zurück, bis ihr Vater so weit voran war, sie nicht mehr hören zu können, dann flüsterte sie rasch:
»Schreib mir von dort, Karl, willst du?«
»Gewiß will ich, und ausführlich.«
»Gut, ich werde dir nach Tische einen Zettel geben, auf dem eine Anzahl Fragen stehen. Schreib mir die Antwort darauf – aber vergiß keine und – laß mich nicht lange warten.«
»Und du willst kommen?« fragte der junge Bursche mit glänzenden Augen. »Du weißt am besten, wie sich Royazet darüber freuen würde.«
»Ich kann nichts Bestimmtes sagen. – Wir müssen auch fort. Georg darf nicht ahnen, daß ich mit dir darüber gesprochen.«
»Hab' keine Furcht,« lachte Karl, »wir beide stehen auf keinem solchen Fuße miteinander, daß wir uns unsere Geheimnisse anvertrauen, und ich besorge es dir – darauf kannst du dich verlassen.«
»Ich danke dir – ich werde nachher wieder herüberkommen und dir Reisegeld bringen – du mußt wenigstens einen Zehrpfennig haben, daß du nicht als Bettler dort ankommst.«
»Desto besser,« lachte der Knabe still vor sich hin, »aber auch ohne einen Schilling in der Tasche hätt' ich meinen Plan durchgeführt.«
Georgine antwortete ihm nichts darauf, sondern eilte dem Vater nach, die streng gehaltene Essensstunde nicht zu versäumen. Karl folgte ihr langsamer. Was lag ihm daran, wenn er auch zu spät kam und Georg böse darüber wurde – es war das letzte Mal heute, und wenn er sich über ihn ärgerte, desto besser!
18.
Der alte Mühler suchte an dem Nachmittag noch durch alle seine Ueberredungskünste dem Knaben den Entschluß des Fortlaufens auszureden, aber vergeblich. Karl, mit dem neuen, freien Leben vor sich, und des Zwanges, dem er sich hier hätte fügen müssen, lange müde, beharrte nicht allein fest auf seinem einmal gefaßten Vorsatze, sondern überredete sogar den Alten, daß er ihn bis nach Schildheim hinter begleitete, um dort selber seine neugefundenen Freunde zu treffen. Das mußte natürlich heimlich geschehen; der Präzeptor störte sie dabei nicht, da dieser die Sonntagnachmittage gern zu seinen Studien benutzte und Karl dann immer auf seines Onkeln Stube war. Ueberdies konnte die Zusammenkunft nur eine kurze sein, denn mit der Dämmerung machten sich die »Künstler« schon wieder auf den Weg, um im nächsten Dorfe zu übernachten und den andern Morgen rechtzeitig die nächste Bahnstation zu erreichen. Georg erfuhr Karls Flucht auch erst am andern Morgen, und zwar durch den Hauslehrer, der seinen Zögling vergebens zur Stundenzeit erwartete und ihn dann ebenfalls ohne Erfolg bei seinem Onkel suchte. Der alte Mühler machte sich nun allerdings darauf gefaßt, eine heftige Szene mit seinem Schwiegersohne bestehen zu müssen, denn daß er um Karls Flucht gewußt, lag auf der Hand. Sehr erstaunt und nicht unangenehm überrascht war er aber sowohl wie Georgine, daß Georg keine Silbe davon erwähnte. Dieser ritt allerdings, gleich nachdem er die Nachricht erhalten, fort und kehrte erst gegen Abend zurück – war er ihm gefolgt, in der Absicht, ihn wieder einzufangen? Wenn das der Fall gewesen, sprach er mit niemandem darüber, und selbst beim Abendessen erwähnte er des Flüchtlings mit keiner Silbe. Georgine glaubte nicht mit Unrecht, daß er selber froh war, den lästig werdenden Knaben, ohne eigenes Zutun, aus seiner Nähe entfernt zu wissen.
So vergingen die nächsten Wochen. Der Kandidat, dessen Zögling auf so seltsame Weise abhanden gekommen, war entlassen worden, und das Leben auf dem Gute ging wieder im alten, stillen Gleise. Allerdings suchte jetzt Georg seine Frau in mancher Weise zu zerstreuen und führte sie wieder mehr als im letzten Monat auf die benachbarten Güter, deren Insassen auch Schildheim manchmal aufsuchten – aber Georgine fand keine Freude mehr daran. Die alte Sehnsucht war in ihr erwacht; es drängte sie jetzt mehr, allein und ungestört zu sein, um ihre eigenen Pläne und Träume zu überdenken, als sich durch fremde, gleichgültige und ihr oft langweilige Menschen zerstreuen zu lassen, und während Georg dieses Zurückziehen von der Gesellschaft mit Freuden sah und zu seinen Gunsten deutete, brütete der Geist der Frau über Trennung – Flucht von ihm.
Nicht so bald hatte der alte Mühler den Knaben vergessen, an den er sich einmal gewöhnt – an dem sein Herz hing. Er fehlte ihm auf Schritt und Tritt – Tag und Nacht mußte er an ihn denken, und um die Zeit zu töten, mit der er jetzt weniger anzufangen wußte als je, ging er nun häufiger in den »Stern« hinunter, in des alten Tobias' Gesellschaft, seine eigenen mürrischen Gedanken zu vergessen.
Georg mußte das endlich bemerken, und, um ihn davon abzuziehen, suchte er den Alten im Gute selber zu beschäftigen. Er wollte ihn nach und nach an eine geregelte Tätigkeit gewöhnen – aber das ging nicht mehr. Mühler hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie nützlich beschäftigt, und dachte gar nicht daran, auf seine alten Tage etwas derartiges zu beginnen. War er dem nun früher so viel als möglich ausgewichen, so kam es ihm jetzt, mit den Gedanken an den entlaufenen Neffen und das lustige Leben, in dem dieser schwelgte, doppelt zuwider vor. Alles ihm Aufgetragene führte er deshalb nachlässig oder gar nicht aus, und der Heftigkeit Georgs begegnete er mit einer störrischen Gleichgültigkeit, die eben alles über sich ergehen ließ. Nach vierzehn Tagen aber hielt er selbst das nicht mehr aus. Es war ein Brief von Karl gekommen, und Georgine hatte ihm den Inhalt desselben mitgeteilt. Die Versprechungen von dort lauteten dabei so verlockend, daß er ihnen, mit der Sehnsucht nach dem Jungen, nicht länger widerstehen konnte, und er beschloß, einen entschiedenen Schritt zu tun.
Das bequeme, bis dahin geführte Leben hatte aber doch auch zu viel Anziehendes für ihn gehabt, es so ohne weiteres, besonders ohne Sicherheit, was er dafür eintausche, von der Hand zu weisen – eine Hintertür beschloß er sich jedenfalls offen zu halten, noch dazu, da ihm das zugleich Gelegenheit bot, sich auf friedlichere Weise von Georg zu trennen. Schnell deshalb mit seinem Plane im reinen, ging er noch an dem nämlichen Abend zu seinem Schwiegersohne und erklärte ihm, daß ihn die Angst um den Neffen nicht ruhen noch rasten lasse und er ihn um die Erlaubnis bitte, einen Versuch zu machen, ihn wieder aufzufinden. Er verlangte nur vierzehn Tage Zeit dazu, und habe er ihn bis dahin nicht gefunden, so wolle er ohne ihn zurückkehren.
Georg war klug genug, den Alten zu durchschauen, denn daß dieser den Aufenthalt des Burschen oder doch wenigstens wußte, wohin er sich damals gewandt, blieb gewiß. Wollte er ganz fort von ihm? – hatte er im Sinne nicht zurückzukehren? – Vielleicht – er selber aber hätte Gott gedankt, den lästigen, fatalen Menschen auf solche Weise loszuwerden; durfte er dann doch weit eher auf ein friedlich häusliches Leben rechnen, und wurde noch dazu der steten Angst und Gefahr enthoben, durch ihn seine eigene Existenz gefährdet zu sehen. Nur daß Georgine bei der Flucht des Vetters sowohl wie bei der jetzt erklärten Abreise des Vaters so ruhig und teilnahmlos blieb, war ihm rätselhaft.
Trieb den alten Mann wirklich nur die Sehnsucht nach dem Knaben, an dem er, wie Georg recht gut wußte, mit ganzem Herzen hing – und wollte er in der Tat ihn zurückholen? Oder fühlte Georgine jetzt selber, daß ihr Vater den alten Possenreißer nicht vergessen, sich nun einmal in seinen Jahren nicht mehr ändern könnte? Fühlte sie, daß es zu ihrem und ihres Gatten Wohl und Frieden sei, wenn er sie verlasse? O, dann hätte er dieses endliche Erkennen ihrer Pflichten, zu ihres und ihres Kindes Bestem, von ganzem Herzen segnen wollen.
Dem alten Manne gab er natürlich mit Freuden die Erlaubnis zur Reise, wie Geld, sie zu bestreiten, aber vergebens suchte er Georginen, als Mühler sie verlassen hatte, zu einem offenen Geständnis ihrer Gefühle zu bringen. Georgine gab ihm nur ausweichende, ja, fast leichtfertige Antworten, und hatte es ihn gedrängt, sein übervolles Herz einmal gegen sie offen ausschütten zu dürfen, so stieß sie ihn jetzt mehr zurück, als daß sie ihn ermutigt hätte. Er konnte freilich nicht ahnen, daß der alte böse Geist aufs neue Besitz von der ehrgeizigen Seele der Frau genommen hatte und sie in ihm, dem Gatten, nur noch den Tyrannen sah, der ihrem wie ihres Kindes Glück aus elendem Stolz im Wege stand.
Georg war, das sah sie klar, seit jener Zusammenkunft mit dem Grafen ein durchaus anderer geworden. Wo war der todesverachtende Mut geblieben, mit dem er sich früher den verwegensten Künsten entgegenwarf? wo die frische, fröhliche Lebenslust, die ihn den Augenblick genießen ließ, eben des Augenblicks wegen, und nicht der nächsten Stunden gedachte, viel weniger der nächsten Jahre? So hatte sie ihn kennen gelernt, so geliebt, und jetzt? – Sie haßte die Bücher, über denen er halbe Tage grübelte, sie haßte die friedliche Beschäftigung, in der er seinen Frieden fand, und mit keinem solchen Ziele vor sich, wie er, in diesem Leben ein verlorenes Glück wiederzugewinnen, zürnte ihr Herz im Gegenteil über das, was er ihr geraubt, und sann und sann darauf, es mit Gewalt oder mit List sich wieder zu erobern. Aber sie war klug genug, den Gatten gerade das, was jetzt ihre ganze Seele erfüllte, nicht ahnen zu lassen. Sie kannte den unbeugsamen, starren Geist des Mannes; hier aber erst hatte sie dessen Einfluß fühlen gelernt; denn so lange ihre Bahnen draußen in Licht und Jubel nebeneinander hinflogen, war er ihr nimmer störend in den Weg getreten. Jetzt dagegen, wo sie ihm gehorchen sollte, sie, die bis dahin nur gewohnt gewesen, zu befehlen, empörte sich ihr ganzes Selbst gegen einen solchen Zwang, und kein Wunder, daß sie den Augenblick herbeisehnte, in dem sie sich und ihr Kind demselben entziehen konnte.
Der alte Mühler war indessen, nachdem er Abschied von Georginen genommen und von ihr heimlich mehrere Briefe erhalten hatte, mit seinem treuen Begleiter, dem Spitz, nach Schildheim hinunter gegangen. Georg erbot sich zwar, ihn bis zur nächsten Eisenbahnstation fahren zu lassen, aber er lehnte es ab, und zwar unter dem Vorwande, daß er noch gar nicht genau wisse, nach welcher Richtung er sich wenden solle. In der Tat aber wollte er Georg keine Kontrolle geben, wohin er gefahren sei; der Kutscher konnte ihn, wie er recht gut wußte, nicht leiden, und würde jedenfalls an der Station aufgepaßt haben, wohin er sein Billett genommen.
Gepäck führte er übrigens fast gar keins bei sich, sondern hatte das Nötige deshalb schon mit Georginen besprochen. Georg war oft auf halbe Tage abwesend, und es fand sich dann leicht eine Gelegenheit, seine sämtlichen Sachen nachzuschicken.
Mühler nun, seit langer Zeit zum erstenmal wieder mit einer Summe Geldes in der Tasche, und mit voller Freiheit, jeden beliebigen Gebrauch davon zu machen, konnte sich nicht entschließen, trockenen Mundes am »Stern« vorüberzugehen. Fand er niemanden weiter dort, so war er doch sicher, »den faulen Tobias« anzutreffen, und seinen Abschiedstrunk nahm er dann mit dem.
Der faule Tobias saß auch wirklich, nach alter Gewohnheit, dicht neben dem Ofen hinter einem der kleinen schweren Tische, ein Glas Branntwein vor sich, und zwar nicht das erste. Das spirituöse Getränk schien aber keineswegs heute den sonst so belebenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und während sich sein faltiges und etwas schmutziges Gesicht immer aufhellte, wenn er seinen »Freund« Mühler entdeckte, und nun sicher war, ein paar Stunden angenehm mit erzählten Schnurren und Anekdoten zu verbringen, zogen sich heute seine Augenbrauen womöglich noch finsterer zusammen. Nur die geballte Faust, die er auf dem Tische liegen hatte, nahm er herunter und steckte sie, geballt wie sie war, in die Tasche, als ob sein Grimm und Aerger niemandem weiter gehöre als ihm selber, und er auch wisse, wo er ihn hintun könne.
Mühler merkte auf den ersten Blick, daß mit dem alten Burschen etwas nicht richtig sei, und da ihm besonders heute gar nichts daran lag, einen mürrischen, verdrossenen Trinkgenossen zu haben, setzte er sich hinüber zu ihm auf die Bank, warf seinen Hut und das kleine Bündel, das er in der Hand trug, hinter sich und sagte, während sein Spitz auf einem Stuhl neben ihm ganz ernsthaft Platz nahm: »Wirt, eine Flasche Wein, aber von Eurem besten – nicht etwa den Rachenreißer wieder, den Ihr mir das letzte Mal gegeben.«
Tobias warf ihm einen etwas erstaunten Seitenblick zu und rückte ein wenig bei, um ihm mehr Raum zu geben, schien aber trotzdem entschlossen, in seinem Schweigen zu verharren, und erwiderte nicht einmal den guten Tag, den ihm jener bot.
»Na zum Teufel,« sagte Mühler, »was steckt dir denn in der Krone, he? Hast du die verkehrte Maulsperre, Kamerad, oder kennst du mich nicht mehr? Du schneidest ein Gesicht heut, als ob dir das Wasser ausgeblieben wäre und du jetzt mit Schnaps mahlen müßtest, um das alte Räderwerk im Gange zu halten.«
»Ist ihm auch was Aehnliches passiert, Herr Mühler,« nahm da, für Tobias, ein alter Bauer, der unfern von ihrem Tische hinter einem Kruge Bier saß, die Antwort auf, »das Wasser zum Mahlen ist ihm freilich ausgeblieben – nur mit dem Schnaps wird's etwas dünn aussehen. Es bleibt ihm schon nichts anderes übrig, wie eine Windmühle anzulegen.«
»Auch kein schlechtes Geschäft, Kamerad,« lachte Mühler, von dem gebrachten Wein den Stöpsel ziehend, »he, noch ein Glas, Herr Wirt! – Sind famose Dinger, diese Windmühlen, in denen einem früh die Morgensonne und nachmittags die Abendsonne in dasselbe Fenster scheint.«
»Du weißt den Henker davon,« fuhr Tobias mit einem tückischen Blick den alten Bauer an. »Wenn ich Schnaps brauche, werde ich ihn auch bekommen. Du Hungerleider gibst mir doch keinen.«
»Nein, Tobias, da hast du recht,« lachte der Alte gutmütig, »das wäre auch dreimal weggeworfenes Geld, und hättest du nicht so viel von dem bösen Stoff getrunken, sähe es jetzt auch besser mit dir aus.«
»Aber was ist denn vorgefallen?« rief Mühler erstaunt.
»Nichts, als was wir alle lange vorhergesehen haben,« sagte der Bauer. »Sein Geld, das ihm gehörte, hat der Tobias durchgebracht, und wenn der Müller drunten auch genötigt ist, ihn bis an seinen Tod zu füttern, so hat er sich doch geweigert, ihm von heute ab einen Pfennig weiter zu geben, sein liederliches Leben zu unterstützen.«
»Der Müller ist ein Lump!« fiel hier Tobias wütend ein, indem er die geballte Faust wieder aus der Tasche zog und damit auf den Tisch schlug, »ich habe mich für ihn aufgeopfert, und jetzt kommt er...«
»Der Müller ist ein Ehrenmann,« unterbrach ihn ruhig der Bauer, indem er von seiner Bank aufstand, sein Bier austrank und seinen Hut vom Nagel nahm, »er hat bis jetzt mehr für dich getan, wie einer von uns getan haben würde, und Not, Aerger und Schande außerdem dafür genug gehabt. Da er jetzt sieht, daß du kein anderer Mensch werden willst, so mag er dich wenigstens auch nicht länger in dem liederlichen Leben unterstützen, und da hat er, sollt' ich denken, recht. Daß du anders denkst, ist deine Sache – Gott befohlen!« Und seinen Hut aufstülpend, verließ der alte Mann das Zimmer.
Tobias schleuderte ihm mit einem boshaften Blick den bittersten Fluch nach, auf den er sich besinnen konnte; Mühler aber lachte und sagte: »Laß den Brummbär laufen, Kamerad; gut, daß er fort ist; der soll uns den schönen Tag noch lange nicht verderben. Da trink, das ist der Sorgenbrecher, besser als das verwünschte Vitriolöl, das sie hier für Schnaps verkaufen. Der hier brennt nicht und wärmt doch, und je mehr man davon trinkt, desto leichter wird's einem im Kopfe.«