Gerstäcker
Der Kunstreiter
3. Band
Bosse & Co., Hamburg
1914
25.
Hugo von Silberglanz befand sich, als er Georginen verließ, wirklich in einem außergewöhnlichen Grade von Aufregung, der nicht allein den Reizen des schönen Weibes, sondern auch noch seinen durch sie plötzlich überstürzten Plänen und Geschäften, wie all den Verwicklungen galt, in die er dadurch gezogen werden konnte. Und was würde Baron Silberglanz' Vater dazu sagen, wenn er von diesem tollen Streiche des Barons Silberglanz' Sohn unglücklicherweise gehört hätte? Bah! das Unglück wäre zu ertragen gewesen; er war jetzt Kavalier und mußte kavaliermäßig handeln – wenn es ihm auch ein paar Taler kostete – welchen Preis eroberte er außerdem nicht dabei für sich – einen Preis, um den ihn die halbe Residenz beneiden würde! – Aber der Mann – wenn Monsieur Bertrand...
»Zühbig hat recht!« brummte er dabei leise vor sich hin, als er den Fahrweg entlang dem Dorfe zueilte, »sie sind keinesfalls zusammen getraut – nur eine wilde Ehe, wie es bei der Art Leuten ja so häufig vorkommen soll, und dieser hochnäsige Graf Geyerstein hat sich die wunderschöne Reiterin hier ins warme und bequeme Nest gesetzt. Dem aber gönn' ich den Aerger, wenn er erfährt, daß Hugo von Silberglanz, der verachtete, »der neugebackene Baron«, mit seiner Beute durchgegangen ist. Nur allein die Genugtuung wäre das ganze Abenteuer wert. – Und diese Georgine – ein göttliches Weib – ein wahrhaft göttliches Weib! Ob sie mich nicht rein verrückt gemacht hat mit ihren Reizen? Und wie apropos bin ich hier zur rechten Zeit gekommen – das ist aber mein altes Glück! Glück muß der Mensch haben, sagt mein Papa, und der Mensch hat Glück. Hm – ja – aber wohin? – Und was zerbreche ich mir noch den Kopf? Nach Paris – wollte ich doch nach Paris und habe den Umweg nur über hier gemacht – jetzt reis' ich in Gesellschaft, und was für Gesellschaft! Was liegt an den paar hundert Talern – und wenn's tausend wären! Hugo von Silberglanz ist nur einmal jung, und will auch sein Leben genießen wie andere Kavaliere. Ein Geschäft bringt die ganze Sache zehnmal wieder ein.« Und mit dem Troste sich, teils der Kälte, teils seiner angenehmen Empfindungen wegen, die Hände reibend, eilte er in das Dorf hinein, dessen erste Gebäude er schon erreicht hatte.
Durch und durch Geschäftsmann, wurde es ihm hier nicht schwer, seine Rolle als Getreidehändler zu spielen; aber zu wirklichen Käufen traf er, woran ihm übrigens auch nicht viel lag, keine günstige Zeit, da Baron von Geyfeln, wie ihm die Bauern sagten, eben deshalb verreist sei, um einen Handel für sein und ihr Getreide – wenn ihnen der Preis nämlich zusage – abzuschließen. Erst wollten sie deshalb einmal hören, was für Gebote er bekommen habe, ehe sie sich auf einen Handel einließen – den Fall natürlich ausgenommen, daß ihnen hier ein sehr annehmbares Gebot gemacht würde. Von Silberglanz war aber gar nicht geneigt, teuer einzukaufen, und unter diesen Umständen ließ er sich nur das noch vorhandene Getreide zeigen, wog es auf einer Wage, die er bei sich führte, und schrieb sich die verschiedenen Namen der Bauern auf, um vielleicht später doch einmal, wie er sagte, einen Handel mit ihnen abzuschließen.
Vorher schon hatte er seinem Kutscher die nötigen Befehle gegeben, um Georginens Auftrag auszuführen. Das versprochene Gepäck kam auch gegen Abend an, und am nächsten Morgen, lange vor Tage, war der Wagen schon unterwegs nach seinem Bestimmungsort, wobei der Kutscher freilich den Kopf schüttelte, daß er eine Kiste und ein paar Koffer spazieren fahren mußte.
Der Wirt im Stern wußte indes nicht anders, als daß der fremde Herr – von dem der Kutscher nur sagen konnte, daß er ein Baron sei, und der sich als »Baron Solbern« in das Fremdenbuch geschrieben – hier in der Gegend die Rückkunft des Herrn von Geyfeln abwarten wollte.
So verging der Tag – die Nacht, und Hugo von Silberglanz, während er das neue Sonnenlicht mit Jauchzen begrüßte, konnte die Zeit kaum erwarten, die ihm gestatten würde, wieder zu Georginen zu eilen und den Lohn für seine Aufopferung zu ernten. Punkt zehn fand er sich oben im Gute ein, und Georgine kam ihm, heute ein ganz anderes Wesen als gestern, lächelnd entgegen.
»Nun?« fragte sie, »haben Sie Ihre Getreidekäufe glücklich beendet?«
»Holde Georgine,« sagte Hugo, »reden Sie mir jetzt nicht von Getreide und Geschäften. Ich versichere Ihnen, ich kann das Wort nicht hören. Sprechen Sie mir von sich, gestatten Sie mir, daß ich Sie ansehe, daß ich Sie an mein Herz...«
»Halt, mein bester Baron!« sagte die Frau, ihn lächelnd abwehrend. »So weit sind wir noch nicht. Haben Sie alles besorgt, was ich Ihnen aufgetragen?«
»Alles, bis aufs letzte.«
»Ist der Wagen fort?«
»Heute morgen, zwei Stunden vor Tage.«
»Kennen Sie den Weg zur Zaubereiche?«
»Wie meine Tasche – ich bin hin und hergegangen und fürchte beinahe, ich habe mich dabei erkältet – der Schnee war so tief.«
»Ist Ihr eigenes Gepäck mit fortgegangen?«
»Alles, bis auf ein Täschchen, das ich am kleinen Finger tragen kann.«
»Vortrefflich! Sie sind ein Muster von Pünktlichkeit, Baron. Zur Belohnung sollen Sie auch heute eine Spazierfahrt mit mir machen. Haben Sie Lust dazu?«
»Bis ans Ende der Welt.«
»Um Gottes willen, nein!« lachte Georgine. »So weit will ich Ihre Güte nicht in Anspruch nehmen.«
»Aber wann brechen wir auf? – Jetzt?«
»Jetzt noch nicht. Ich muß einige Leute los werden, die mir hier im Wege sind. Um drei Uhr heute nachmittag wird der alte Mann, der gestern oder vorgestern verunglückt ist, unten im Dorfe beerdigt werden. Meine Wirtschafterin und der alte Verwalter werden mit zur Leiche gehen. Um drei Uhr fahre ich von hier fort. Seien Sie um diese Zeit, oder bald nachher, an der Zaubereiche.«
»Aber warum ließen Sie mich meinen Wagen fortschicken?«
»Ich nehme mein eigenes Pferd mit, das ich nicht zurücklassen möchte, und komme in einem Schlitten, in dem wir beide Platz haben. Fürchten Sie sich, mit mir allein zu reisen?«
»Georgine!«
»Gut; jetzt ist alles Nötige besprochen, und nun verlassen Sie mich. Wir dürfen keinen Verdacht erwecken.«
»Jetzt wollen Sie mich schon wieder fortschicken?«
»Sie werden meiner Gesellschaft noch überdrüssig werden,« lächelte die Frau. »Ich bitte Sie, jetzt zu gehen.«
»Ich gehorche Ihnen,« sagte von Silberglanz resigniert, »also um drei Uhr an der Zaubereiche. Ich werde die Minuten bis dahin zählen.«
»Dann sind Sie vollständig beschäftigt. Ist noch etwas?«
»Ja,« sagte von Silberglanz, entschlossen auf sie zugehend und ihre Hand ergreifend. »Sie haben mich zu Ihrem Beschützer erwählt, Georgine; ich bin bereit, alles daran zu setzen, Ihnen zu willfahren – seien Sie nicht grausam!« Er legte seinen Arm um sie und wollte sie an sich ziehen.
»Wir sind keinen Augenblick hier sicher, überrascht zu werden,« sagte Georgine, ihn von sich haltend; Herr von Silberglanz war aber nicht so leicht abzuschütteln.
»Und soll ich so lange auch ohne den kleinsten Lohn bleiben?« drängte der Verliebte. »Georgine – holdes, göttliches Wesen, in wenigen Stunden ketten Sie Ihr Geschick an das meine, und jetzt« – er drückte ihren Arm zurück und preßte, ehe sie es verhindern konnte, seine Lippen auf die ihrigen.
Georgine duldete den Kuß, dann aber sich von ihm losmachend, rief sie: »Seien Sie vernünftig, Baron! Sie setzen mich und sich der größten Gefahr aus, unsern ganzen Plan scheitern zu machen. Gehen Sie jetzt, es ist genug; um drei Uhr an der Zaubereiche.«
»Um drei Uhr,« rief Hugo, der sie wie in einer Verzückung anstarrte, »um drei Uhr!« und mit Gewalt sich losreißend, eilte er, so rasch er konnte, in das Dorf zurück, um dort seine Rechnung zu bezahlen, seine kleine Tasche zu packen und zur bestimmten Zeit an der bezeichneten Stelle nicht zu fehlen.
Georgine blieb allein in ihrem Zimmer zurück und starrte, als Herr von Silberglanz sie schon lange verlassen hatte, noch immer still und schweigend vor sich nieder; aber die Zeit für sie war auch zum Handeln gekommen, ein Rückschritt nicht mehr möglich, und das kühne, selbständige Weib gewann mit diesem Bewußtsein auch ihre ganze Energie und Entschlossenheit wieder.
»Frei – frei – frei!« flüsterte sie wie eine Beschwörungsformel leise vor sich hin, »frei bin ich wieder, wie der Vogel in der Luft, wie das wilde Roß, das die Steppe durchfliegt und seiner Verfolger lacht. Den Zwang habe ich abgeschüttelt, der mir die Seele wund gedrückt und Geist und Körper niedergebeugt hat, und schon fühle ich den beweglichen Boden wieder unter meinen Füßen, fühle, wie der wehende Luftzug mir die Locken um den Nacken peitscht – sehe die dichtgedrängte Schar der Zuschauer, höre ihr Jauchzen, höre ihr Jubeln und fliege im Triumph die alte Bahn dahin. – Georg wird wüten, wenn er zurückkehrt und mich – wenn er sein Kind nicht mehr findet, obgleich es ihm die deutschen Gesetze zusprechen. Weder Josefine noch ich werden jemals wieder deutschen Boden betreten. Und will er im Schweiße seines Angesichts, in ruhmloser Beschäftigung und Arbeit sein Brot hier verdienen, will er, kann er vergessen, was er einst gewesen, als ich ihn liebte, dann verdient er auch nicht, daß ich je mit einem Atemzuge an ihn gedacht. Und nun ans Werk, denn nur noch wenige Stunden sind mein!« Und mit den Worten, als ob sie damit alles abgeworfen habe, was sie bis jetzt noch gedrückt, ging sie rasch und fröhlich daran, den einmal festbeschlossenen und eingeleiteten Plan zur Flucht auszuführen.
Vorbereitet war er insofern schon lange, als Georgine ihre Künstlergarderobe gepackt in *** stehen und dort die Weisung hinterlassen hatte, sie ihr später dorthin zu schicken, wohin man eben die Weisung bekommen würde. Gestern hatte sie diese erteilt, und in wenigen Tagen konnte ihr Auftrag vollzogen sein. Ihre wie Josefinens nötigste Kleider waren heute morgen mit dem Wagen des Barons abgegangen, und was sie unterwegs brauchten, konnten sie recht leicht und unbemerkt mit in den Schlitten nehmen.
Allerdings war die Tour für ihr eigenes Pferd etwas stark, aber es mochte sich nachher lieber wieder ordentlich ausruhen, und auf andere Weise konnte sie es doch nicht mit sich fortführen. Josefine wußte freilich noch kein Wort von der beabsichtigten Flucht aus ihrer neuen Heimat; sie hätte vielleicht gegen ihre Gouvernante nicht geschwiegen, und diese jedenfalls versucht, die Ausführung des Planes zu hintertreiben. War Josefine nicht mehr da, so sah sie sich natürlich auch ohne Stellung – ohne Brot; und wer verliert das gern so leicht? Daß Josefine selber mit Freuden das alte fröhliche Leben begrüßen, daß sie den Vater bald vergessen würde, davon glaubte Georgine fest überzeugt zu sein. Ueberdies hatte das Kind keinen eigenen Willen und mußte der Mutter dahin folgen, wo diese für ihr Glück und ihre Wohlfahrt sorgen wollte.
Nur etwas mußte sie noch besorgen, dann war sie mit allem fertig, und zwar von des Kindes Leibwäsche genügend für die erste Zeit beiseite zu bringen, ohne daß es Mademoiselle Adele bemerkte. Ein Vorwand, diese zu entfernen, war aber bald gefunden. Georg hatte in seiner Stube einige alte Kupferwerke, die dem Grafen Geyerstein gehörten, und die er deshalb sorgfältig hütete. Josefine durfte die Bilder nicht besehen, wenn er nicht selber dabei war. Heute erlaubte Georgine dem Kinde, hinüberzugehen und sich die Kupferstiche zu betrachten, bat aber die Gouvernante, dabei zu bleiben, daß ja nichts mit den Büchern geschehe und die Erlaubnis nicht mißbraucht werde. Adele wandte allerdings ein, der Herr Baron würde es vielleicht nicht gern sehen und böse werden, wenn er es erführe; Madame dagegen erklärte, die Verantwortung allein auf sich nehmen zu wollen, und die Erzieherin konnte sich natürlich nicht länger weigern, dem Befehle zu gehorchen.
Die Zeit, die beide dort verbrachten, genügte vollkommen. Georgine packte alles Nötige in zwei große Fußsäcke und schrieb dann die letzten Zeilen an Georg. Der Brief war kurz und inhaltschwer; aber mit sich im reinen, grübelte sie nicht lange über die Fassung. Die Zeilen flogen auf das Papier, dann faltete sie das Blatt zusammen, überschrieb und siegelte es und legte es, als Adele und Josefine Georgs Zimmer wieder verlassen hatten, auf ihres Mannes Schreibtisch.
Nach dem Mittagessen ging sie noch mit der Wirtschafterin durch die Gebäude und ordnete einiges an, dann zu der Erzieherin auf die Stube und bat diese, Josefinen warm anzuziehen, da sie ein Stündchen mit ihr im Schlitten fahren wolle. Das war den Winter schon einigemal geschehen und konnte deshalb keinen Verdacht erregen. Josefine selber freute sich auch darauf, und mit dem Schlage drei Uhr hielt der eine Knecht, der den Auftrag dazu bekommen, mit dem kleinen leichten, mit Georginens eigenem Pferd bespannten Schlitten vor der Tür. Georgine trug selber den einen Fußsack hinunter und ließ den andern dann, während sie das Pferd hielt, von dem Knechte nachholen. Adele war noch beschäftigt, Josefine recht warm einzuhüllen, und wenige Minuten später klingelte das muntere Tier mit seiner leichten Last lustig zum Tore hinaus und auf der glatten Straße hin, dem Walde zu.
Unten im Dorfe läutete die Glocke zu dem Begräbnis des alten Tobias, dem die Wirtschafterin und der alte Verwalter pflichtschuldigst beiwohnten, und nach dem Begräbnis gingen die Leute ins Wirtshaus, tranken noch ihr Glas und sprachen über den Verunglückten und die Art seines Todes.
Von Schildheim aus schritt Herr von Silberglanz, fest in seinem Paletot eingepackt, und ein Paar Pelzstiefel, wie sein kleines Täschchen unter dem einen, seinen großen Pelz über dem andern Arm, einen schmalen Fußpfad entlang gerade dem Walde zu, das ihm bestimmte Rendezvous richtig und pünktlich einzuhalten.
Es war ein wundervoller Tag, der Schnee glitzerte und funkelte in dem kalten Sonnenlicht, und der hellblaue Himmel war von einem leichten Dunsthauche nur eben matt überzogen. Das muntere Pferd, mit dem leichten Schlitten hinter sich, das überdies jetzt lange im Stalle gestanden hatte, griff auch tüchtig aus, und die Kufen glitten blitzesschnell über den hartgefrorenen, knisternden Schnee.
»Freut es dich, Josefine,« fragte Georgine, als sie den Waldessaum erreichten, »so mit mir durch die Welt zu fahren?«
»Ach sehr, Mama, sehr,« rief das Kind, »es ist gar so wunderhübsch. Wäre nur Mademoiselle bei uns!«
»Und möchtest du lange, recht lange so mit mir fahren? weit, weit hinweg von hier?«
»Wenn Papa und Mademoiselle Adele mitführen, gewiß – und wenn wir wieder hierher zurückkämen.«
»Und wenn wir nun wieder hinausführen in die Welt?« sagte die Frau, der diese Worte einen Stich durch das Herz gaben, »wenn wir nun wieder draußen lustig unsere Pferde bestiegen und in Glanz und Lichterpracht dahinflögen?«
Josefine schüttelte das Köpfchen. »Zu Hause ist's hübscher,« sagte sie, »und ich habe schon beinahe vergessen, wie es früher war.«
»Zu Hause ist's hübscher?« wiederholte Georgine, »ei, ei, Josefine, hast du ganz vergessen, wie stolz wir früher auf dich waren, wie reizend du auf dem Pferde aussahst, und wie geschickt du deine Sachen machtest?«
»Ja – aber ich muß jetzt lernen, viel lernen, daß ich einmal eine wackere, brave Frau werden kann,« sagte das Kind, »ich muß auch dem lieben Gott dankbar sein, daß er mir eine Heimat und Eltern gegeben hat, die für meine Erziehung sorgen. Die armen kleinen Mädchen, die draußen auf den Pferden tanzen und springen müssen, haben es doch lange nicht so gut wie ich.«
»Wer, um Gottes willen,« rief Georgine erstaunt, »hat dir die albernen Dinge in den Kopf gesetzt?«
»Alberne Dinge, Mama?« sagte Josefine erschreckt, »ich habe eine hübsche Geschichte von einer armen Marie gelesen, und Mademoiselle Adele hat sie mir erklärt, und jetzt freue ich mich so darauf, daß mir Papa eine andere liebe Marie mitbringen will, mit der ich spielen und tüchtig lernen kann.«
»Und so sehnst du dich gar nicht wieder zu dem früheren Leben zurück, und wenn du auch ein eigenes kleines Pferd bekämest?«
»Nein, Mama,« sagte Josefine rasch, »ich will bei dir, bei Papa und Mademoiselle Adele bleiben, und mit Marie recht, recht fleißig lernen. Du sollst sehen, ich werde einmal ein recht gutes, braves Mädchen.«
Georgine erwiderte nichts, aber sie preßte die Lippen fest zusammen, und ihr Gaul fühlte die Peitsche, daß er in toller Flucht den Weg entlang stob.
Georgine kannte die Waldwege genau, und links abbiegend wußte sie, daß sie das Forsthaus umfahren konnte, um die bezeichnete Eiche zu erreichen. Außerdem glaubte sie kaum jemanden heute im Walde zu treffen, denn bei dem Begräbnis einer so allbekannten Persönlichkeit, wie der »faule Tobias«, von dem ihr die alte Wirtschafterin gestern abend noch viel erzählt hatte, litt schon die Neugierde die Leute nicht zu Hause. Begegnete sie aber auch wirklich einem oder dem andern der Forstleute oder Holzmacher, so rechtfertigte das schöne Wetter vollständig eine Spazierfahrt, und niemand hätte an etwas anderes denken können.
Georgine bog aufs neue in die vom Forsthaus nach der sogenannten »Zaubereiche« führende Straße ein. Hier war wieder Bahn, da einzelne Holzschlitten hin- und hergefahren sein mußten. Dort vor ihr lag der ziemlich freie, lichte Platz, an dem die alte, ehrwürdige Eiche stand. Dort sah sie auch die dunkle Gestalt eines Mannes, und kaum eine Minute später zügelte sie ihr schnaubendes Tier neben der Stelle ein – aber Herr von Silberglanz war nicht da.
Neben der Eiche, auf einer hölzernen Bank, von der er den Schnee hinweg gekehrt, neben ein paar roh behauenen mächtigen Steinblöcken, die der Volksmund als den Opferaltar der hier früher hausenden Heiden bezeichnete, saß der alte Forstwart Barthold und stand ehrerbietig grüßend auf, als er die »Frau Baronin« erkannte.
»Guten Tag, Forstwart,« sagte die Dame und nickte ihm zu, während ihr Blick ungeduldig den schmalen Pfad hinabflog, auf dem sie den hierher bestellten Herrn von Silberglanz erwarten mußte. »Wie geht's? – was habt Ihr da?«
»Einen Fuchs, gnädige Frau,« sagte der alte Mann, indem er seinen Ranzen öffnete, aus dem die Lunte des überlisteten Raubtieres heraushing. »Ich habe ihn heute morgen ausgegraben, denn das ist böses, nichtsnutziges Raubzeug, das im Winter wie im Sommer nur in einem fort zusieht, wo es was zu stehlen findet. Wir haben unter den Menschen auch solch Gesindel, nur daß man sie nicht immer gleich am Pelz draußen so gut erkennen kann, wie die da.«
»Seid Ihr schon lange hier, Forstwart?«
»Nein, gnädige Frau – etwa eine Viertelstunde.«
»Ihr seid nicht vom Dorfe heraufgekommen?«
»Nein – gerade von der andern Seite aus dem Walde. Nur als ich die Glocke unten hörte, die dem alten Tobias das Geleite zur letzten Ruhestätte gibt, da setzte ich mich hier auf die Bank und horchte den Tönen. Es klingt ja so heilig und erhebend, wenn man die Glocken kann im Walde anschlagen hören, noch dazu von einem solchen Platze aus, wie dieser, wo sie in früheren Jahrhunderten ihren Götzen Opfer schlachteten und von dem lieben Herrgott da oben nichts wissen wollten. Sonntagmorgens bin ich fast immer hier, besonders im Sommer, und mit dem Geläute unten, dem Singen der Vögel und dem Rauschen des Waldes müßte das ein verstockter Mensch sein, der da nicht von Herzen beten könnte.«
Georgine hörte kaum, daß er sprach. Ihr Blick schweifte unruhig über ihn hin und an den Stämmen der Bäume vorüber. Wenn er sein Wort nicht hielte! dachte sie mehr, als daß sie es durch die halb geöffneten Lippen murmelte, und fast unwillkürlich ballte sich die Rechte zornig um die gehaltenen Zügel. Das Pferd scharrte indessen ungeduldig den Schnee und blies den Dampf aus seinen feinen Nüstern in die klare Luft hinein.
»Aber, Mama,« sagte Josefine, »du hältst so lange still. Wird es deinem Fingal nicht schaden?«
Der alte Forstwart, der seinen Blick schon lange ernst und aufmerksam auf der Kleinen hatte haften lassen, lächelte, als er die Worte hörte.
»Sieh, wie besorgt das kleine gnädige Fräulein schon um das arme Tier ist! Das ist recht; das zeigt ein gutes Herz, und was wir an dem geringsten seiner Geschöpfe tun, wird uns der Herr da oben auch wieder zugute halten.«
»Fahren wir jetzt wieder nach Hause zurück, Mama?« fragte die Kleine, als Georgine den Schlitten langsam um die Eiche lenkte, das in der Tat warm gewordene Tier etwas in Bewegung zu halten.
»Nein,« sagte die Frau, »wir besuchen vielleicht einmal den Storchhof oder Kleinmarkstetten.«
»So weit?«
Der Schlitten hielt wieder neben dem Forstwart – Georgine zerbrach sich den Kopf, wie sie den lästigen Menschen entfernen könnte.
»Tätet Ihr mir einen Gefallen, Forstwart?«
»Mit dem größten Vergnügen, gnädige Frau.«
»Ginget Ihr wohl einmal jetzt – oder schicktet gleich, wenn Ihr nicht selber gehen könnt, irgend einen der Holzmacher auf das Gut hinüber, dort zu bestellen, daß ich möglicherweise mit meiner Tochter nach Kleinmarkstetten hinüber gefahren wäre und in dem Falle die Nacht nicht nach Hause käme, denn die Tour wäre für mein Pferd hin und zurück zu groß. Sie möchten sich also nicht ängstigen.«
»Sehr wohl, gnädige Frau – soll pünktlich besorgt werden,« sagte der Forstwart, ohne sich jedoch von der Stelle zu rühren.
»Nun? – ist noch etwas?«
»Hm – gnädige Frau – Sie lachen mich vielleicht aus, und – ich bin auch wohl ein alter Tor – aber – ich hätte auch eine Bitte an Sie – oder vielmehr an das kleine gnädige Fräulein.«
»An mich?« sagte Josefine erstaunt.
»Ja,« sagte der alte Mann, und sein gutmütiges, faltiges Gesicht rötete sich leicht, »es ist nicht viel,« setzte er aber rasch hinzu, »nur bitten möchte ich Sie, mir ein einzig kleines Mal – die Hand zu geben.«
»Gern!« rief das fröhliche Mädchen, indem sie ihre Hand aus dem Muff zog und dem Alten reichte.
Der alte Forstwart nahm sie, sah dabei dem Kinde recht treuherzig in die Augen, und das kleine Händchen dann an die Lippen drückend, sagte er freundlich: »Dank, mein kleines gnädiges Fräulein, Dank, tausend Dank, aber Sie glauben gar nicht, gnädige Frau, wie wohl der Anblick dieses jugendfrischen Gesichtchens mit den großen hellen Augen meinem alten Herzen tut. Es erinnert mich an die Zeit, wo die beiden jungen Herren Grafen hier bei uns wohnten, und aus den Augen da ist es mir immer, als ob der jüngste der beiden, das liebe, herzige Kind, herausschauen wollte. Ich habe den kleinen Burschen damals zu lieb gewonnen, ihn je wieder vergessen zu können.«
»Welcher beider junger Grafen?« sagte Georgine, die damit das Gespräch abzubrechen wünschte.
»Der jungen Grafen Geyerstein.«
»Der beiden jungen Grafen? hat Geyerstein noch einen Bruder?« fragte Georgine in dem Interesse, das sie plötzlich an der Sache nahm.
»Allerdings,« erwiderte der alte Mann, »einen jüngeren Bruder, und die beiden jungen gnädigen Herren waren als Kinder hier. Der jüngste von ihnen aber...«
»Wie hieß der?«
»Georg.«
»Georg?«
»Ja, gnädige Frau – der jüngste von ihnen kam aber nie wieder zurück – er soll draußen in der Fremde gestorben sein,« setzte er mit einem schmerzlichen Seufzer hinzu, »und das Kind da, wie es mich so lieb und mitleidig ansieht, gemahnt mich immer, als ob ich den jungen lieben gnädigen Herrn wieder vor mir sähe. Es ist freilich eine lange Zeit her, und ich bin alt – recht alt seither geworden. – Aber ich schwatze hier und schwatze, wo ich den Befehl Ew. Gnaden ausführen sollte. Gott schütze das liebe, kleine Haupt und streue ihm nur Blumen auf den Weg, gebe ihm Gesundheit, ein langes Leben und ein glückliches Alter mit seinem besten Segen!« Und eine tiefe Verbeugung machend, trat der alte Mann von dem Schlitten zurück, nahm dann seinen Ranzen wieder auf, sowie sein Gewehr und schritt langsam der Richtung nach dem Gute zu.
»Sein Bruder!« flüsterte Georgine leise und erschreckt vor sich hin, »sein Bruder – und das mir ein Geheimnis, mir, der Gattin – hätte ich das ahnen können – und wenn ich nun – zu spät!« stöhnte sie dann, ihr umherschweifender Blick fiel in dem Moment auf die Gestalt des Herrn von Silberglanz, der, unter seiner Pelzlast keuchend, im Schnee herangewatet kam. Er schaute aber nicht nach ihr hin, sondern den Weg zurück, und als sie den Kopf dahin wandte, bemerkte sie noch den alten Forstwart, der den Fremden gesehen hatte und jedenfalls abwarten wollte, was er hier suche, solange die gnädige Frau noch da hielt.
»Meine beste gnädige Frau!« rief das zierliche, im Schnee watende Männchen endlich, als er näher kam, »ich muß unendlich bedauern, wenn Sie auch nur eine Sekunde auf mich gewartet haben, aber der Schnee war« – sein Blick fiel auf Josefine, und er blieb mitten in seiner Rede stecken – »Ihre – Ihre Fräulein Tochter?«
»Nun?« sagte Georgine kalt.
»Diese – diese Ueberraschung...«
»Wünschen Sie noch uns zu begleiten?«
»Aber, gnädige Frau, welche Frage!« rief Herr von Silberglanz erschreckt.
»Sie werden dann hintenaufstehen müssen.«
»Erlauben Sie mir nur, daß ich meine Pelzstiefel geschwind anziehe. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, das war ein Schnee hier herauf, daß ich beinahe stecken geblieben wäre.«
»Im Pfad?«
»Ich – verfehlte den Weg. Glücklicherweise fand ich einen biedern Holzfäller oder Köhler oder was er sonst ist, der mich wieder zurechtwies,« sagte der Baron, der sich an der Holzbank den Schnee von dem dünnen Schuhwerk schlug und in aller Hast seine Pelzstiefel anzulegen suchte, »an dem Pelz hier habe ich mich beinahe tot geschleppt,« fuhr er dabei fort, »ich bin durch und durch echauffiert!«
»Sie werden Zeit haben, sich abzukühlen.«
»Das fürch – ja – ja, gewiß – aber der Pelz hier hält mich warm. Wer ist übrigens jener alte Förster? – Der scheint an dieser Stelle permanent Schildwache zu stehen, denn gestern fand ich ihn ebenfalls hier.«
»Der Forstwart,« sagte Georgine und drehte den Kopf nach ihm um. Der alte Barthold aber, der jetzt gesehen hatte, daß der Herr ein Bekannter der gnädigen Frau war, wandte sich langsam wieder und verfolgte seinen Weg. Herr von Silberglanz fuhr in seinen Pelz.
»Sind Sie fertig?«
»Vollständig – aber wollen Sie mir nicht gestatten, die Zügel zu nehmen?«
»Ich fahre selber – geben Sie mir Ihre Tasche in den Schlitten.«
»Geht der Herr mit uns, Mama?« fragte Josefine.
»Ja, mein Kind!« Sie drehte halb den Kopf, der Baron war auf die Pritsche gestiegen und setzte sich zurecht. »Komm, Fingal!« Sie schnalzte leise mit der Zunge, und das Pferd, das ungeduldig diesen Augenblick erwartet hatte, flog, aufwiehernd, die schmale, glatte Bahn dahin durch den Wald.
26.
Der Abend kam, und Mademoiselle Adele hatte die Botschaft Georginens durch einen der Holzmacher erhalten, den der Forstwart an sie abgeschickt. Sie war allein in ihrem Zimmer, aber sie las weder, noch arbeitete sie, wie sie es sonst an solchen Abenden tat, an denen sie sich ungestört wußte. Unruhig ging sie in dem kleinen Gemach auf und ab, trat ans Fenster, um hinauszusehen, und kehrte dann wieder zum Sofa zurück – nur, um im nächsten Augenblick aufzuspringen und ihre kaum unterbrochene Wanderung von neuem zu beginnen. Sie sprach kein Wort dabei; still und schweigend ging sie mit dem Lichte hinüber in Georginens Zimmer und schien dort etwas Außergewöhnliches zu suchen, so ängstlich leuchtete sie überall umher. Der Sekretär aber wie alle Schränke waren fest verschlossen, und die Schlüssel dazu trug Georgine stets selber bei sich.
Sie kehrte in ihr eigenes Zimmer zurück und begann von neuem, was sie schon am Nachmittag getan, die Kinderwäsche zu zählen und nachzusehen, und hier hatte sie sich vorher nicht geirrt. Die verschiedenen Stücke fehlten dutzendweise, und wie sie fest überzeugt war, sich darin nicht zu täuschen, überkam sie eine unsagbare Angst, der sie nur noch immer keine Form, keinen Namen geben konnte.
Einmal drängte es sie, die alte Wirtschafterin zu rufen und ihr den dunklen Verdacht mitzuteilen, der sich ihrer bemächtigt hatte; aber was konnte die ihr helfen oder raten! – Und doch noch war es möglich, daß sie sich irrte. Georgine konnte den Nachmittag, obgleich sie sich sonst nie um die Wäsche des Kindes kümmerte, doch vielleicht nachgesehen und den fehlenden Stücken einen andern Platz angewiesen haben, und war es überhaupt denkbar, daß sie so, ohne Abschied von dem Gatten...? Von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, griff das junge Mädchen ein Licht auf und eilte in des Barons Zimmer, denn sämtliche Schlüssel hatte sie in Georginens Abwesenheit in Verwahrung. – Sie brauchte dort nicht lange zu suchen; auf dem Schreibtisch des Barons lag ein gesiegelter Brief, dessen Adresse in Georginens Handschrift an ihren Gatten, den Baron von Geyfeln, lautete, und viele Minuten lang stand sie schweigend, zitternd über den verhängnisvollen Brief gebeugt und wagte nicht einmal, ihn zu berühren. Aber bald siegte ihr eigener klarer Verstand über das Gefühl. Hier durfte sie den Brief nicht liegen lassen; der Baron fand ihn vielleicht, während fremde Menschen ihn umstanden, und verriet im ersten Augenblick der Ueberraschung das Geheimnis anderen. Noch war es auch wohl möglich, den Schritt der unglücklichen verblendeten Frau ungeschehen zu machen, solange niemand darum wußte, als sie und der Baron – kam es erst auf die Zungen der Nachbarschaft, so blieb der Friede des Hauses gestört für immer.
Rasch entschlossen nahm sie deshalb den Brief an sich, er brannte wie Feuer in ihrer Hand, schloß die Tür wieder und eilte auf ihr eigenes Zimmer zurück, um dort zu überlegen, was jetzt zu tun sei, wie sie handeln solle. Aber so viel sie hin und her dachte, Pläne aufbaute und wieder verwarf, sie konnte nichts ersinnen. Eine genaue Adresse, wo er sich in diesen Tagen aufhalten würde, hatte Baron von Geyfeln gar nicht hinterlassen, und wohin also jetzt selbst einen Boten senden, um ihn, so rasch ihn die Pferde bringen konnten, herbeizurufen? Sie mußte warten – es blieb kein anderer Ausweg für sie, und länger war ihr noch nie eine Nacht – länger noch nie ein Tag geworden als der folgende.
Unzähligemal hatte sie dabei nach dem alten Forstwart schicken wollen, von diesem vielleicht etwas Näheres zu erfahren; aber sie fürchtete auch, damit das Geheimnis, das nicht das ihre war, einem dritten zu verraten. Und konnte nicht doch vielleicht die Frau noch zurückkehren – welchen Grund hatte sie gehabt, ihrer stillen, glücklichen Häuslichkeit zu entfliehen? Unzufrieden mit ihrem Gatten? Nie war, so viel sie wußte, ein hartes, unfreundliches Wort zwischen den beiden gewechselt worden, solange sie sich in dem Hause befand, und alles andere, was ihr das Leben bei nicht zu übermäßigen Ansprüchen bieten konnte, besaß sie ja doch hier. Und das Kind – ihre liebe, liebe Josefine – war sie freiwillig mit der Mutter gegangen? Nein, nein und zehnmal nein; sie hat keinen Abschied weiter von ihr genommen, als mit einem flüchtigen Kusse; das Kind hatte keine Ahnung gehabt, daß die Fahrt mehr als ihr gesagt worden, mehr als eine einfache Spazierfahrt bezwecke, und jetzt, dem Vater entrissen, wie unglücklich, wie elend würde sich dieser fühlen!
Noch immer hoffte sie – hundertmal den Tag ging sie in die andere Stube, in den Hof hinab, zu horchen, und den Weg nach dem Walde zu, den sie von ihrem Zimmer aus übersehen konnte, ließ sie nicht aus den Augen – umsonst. Der Abend dämmerte, jener blaue, die Nacht verkündende Lichtschein legte sich auf die schneebedeckten Felder, die Umrisse des Waldes verschwammen mit dem düstern Horizont, und nichts verkündete die Rückkehr der Entflohenen.
Die Wirtschafterin war indessen wieder und wieder zu der Erzieherin gekommen, Aufschluß über das rätselhafte Ausbleiben der »Gnädigen« zu erhalten. Adele aber hütete sich wohl, sie auch nur im entferntesten den wahren Tatbestand ahnen zu lassen. Ihrer Aussage nach hatte Frau von Geyfeln gleich von vornherein die Absicht gehabt, über Nacht auszubleiben, und ihr sogar gesagt, daß sie sich nicht ängstigen solle, wenn sie den Besuch noch ausdehne, da sie überdies so lange nicht bei den alten Bekannten und Freunden vorgesprochen hätte. Josefine besonders wäre gewiß nicht gern wieder so rasch von den dortigen Spielkameraden weggegangen. Aber das verdorbene Mittagsbrot – und wie sollte sie es jetzt mit dem Abendessen halten? Kam die Gnädige noch nach Hause oder nicht, und wenn sie kam, mußte sie doch etwas Warmes zu essen finden! Mademoiselle Adele riet ihr, Tee bereit zu halten, was ohne große Umstände geschehen konnte, und das Zimmer der gnädigen Frau heizen zu lassen – bliebe sie dann noch aus, so schadete es weiter nichts. Das geschah, aber die Frau kehrte nicht zurück.
Es schlug acht Uhr drüben an der kleinen Glocke, die sich über der Verwalterstube befand. Die Gouvernante, die keine Ruhe in ihrer Stube hatte, war wieder in das dunkle Zimmer getreten, von dem aus sie den Hof übersehen konnte. – Da klingelte ein Schellengeläute in den Hof, und ihre zitternden Knie versagten ihr fast den Dienst, sie aufrecht zu halten. Wer es war, konnte sie freilich nicht mehr erkennen, aber der Schlitten hielt unten am Portal, und gleich darauf hörte sie Schritte auf der Treppe und eine Kinderstimme.
Hatte sie sich geirrt? – war Georgine zurückgekehrt? – das Herz schlug ihr, daß es die Brust zu sprengen drohte, und sie wußte kaum, wie sie hinaus auf den Vorsaal kam.
Die Haushälterin leuchtete mit dem Licht den Heraufkommenden voran.
»Na, das ist schön, Herr Baron, daß Sie heute abend gekommen sind,« sagte sie dabei, »aber Ihr Zimmer habe ich nicht heizen lassen. Wir erwarteten Sie ja erst morgen – aber das von der gnädigen Frau ist warm – und die gnädige Frau wird wohl erst morgen wiederkommen.«
»Meine Frau ist nicht zu Hause?« sagte ruhig, aber erstaunt die tiefe Stimme Georgs.
»Nein – zum Besuche nach Kleinmarkstetten, mit dem gnädigen Fräulein.«
»Mit Josefinen?«
Mademoiselle Adele trat in den Schein des Lichtes. Es war der Baron selber, der zurückgekehrt, und während sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust entrang, trat sie auf den Baron zu. Sie hatte ihre ganze Ruhe und Festigkeit wiedererlangt.
»Ah, Mademoiselle, guten Abend!« rief Georg ihr entgegen, »meine Frau ist mit Josefinen ausgeflogen, wie ich höre, und hier bringe ich Ihnen die kleine versprochene Gespielin für Josefine – ich werde sie so lange unter Ihren Schutz stellen müssen.«
Die Kleine drückte sich schüchtern an ihren Begleiter an, Adele aber, freundlich auf sie zugehend und sie küssend, sagte: »Sei uns willkommen, mein liebes Herz, in deiner neuen Heimat. Deine kleine Spielgefährtin ist freilich nicht da, aber sie wird bald wiederkommen, und du wirst dann ein liebes, braves Schwesterchen an ihr finden und sollst dich recht bald wohl und zufrieden bei uns fühlen.«
»Komm, Marie,« ermunterte sie auch Georg, »fürchte dich nicht vor der Dame, sie wird dir eine zweite Mutter werden und dich lieb haben. – Das Kind hat im Schlitten geschlafen,« entschuldigte er es dann gegen die Erzieherin, »und eben erst erwacht, erschrecken es die fremden Gesichter.«
»Das wird sich bald geben,« erwiderte das junge Mädchen freundlich, »ich dürfte Sie auch wohl bitten, Herr Baron, es selber in mein Zimmer zu führen, daß es die Scheu erst ein ganz klein wenig ablegt. Wir wollen dann schon recht bald gute Freunde werden. Ach, Mamsell nicht wahr, Sie sorgen gleich dafür, daß der Herr Baron seinen Tee und die Kleine ein warmes Süppchen bekommt, nach der langen kalten Fahrt? – Wir brauchen kein Licht weiter – meine Tür ist offen.«
»Jawohl – ei gewiß – du meine Güte, daran hätte ich gar nicht gedacht!« rief die alte gute Mamsell geschäftig, »das soll gleich besorgt werden, und ein delikates Süppchen will ich selber gleich dem armen kleinen Würmchen kochen. Lieber Gott, das herzige Dingelchen muß ja ganz erfroren sein im Schlitten!« Und ihr Licht noch emporhaltend, daß Georg und Adele mit dem Kinde durch das dunkle Zimmer ihren Weg finden könnten, eilte sie rasch wieder über den Gang hinüber, der Küche zu, alles Nötige selber anzuordnen.
Georg überlief es dabei wie mit Fieberfrost – ein bittender Blick der Gouvernante hatte ihn getroffen – und er fühlte, es war etwas Außergewöhnliches vorgefallen. Rasch trat er in das Zimmer, und wie nur die Wirtschafterin weit genug entfernt war, sie nicht mehr hören zu können, sagte er leise und dringend in französischer Sprache. »Was ist geschehen, Mademoiselle? verhehlen Sie mir nichts.«
»Sie müssen alles wissen, aber – lassen Sie das Kind nichts merken,« bat die Gouvernante zurück. »Seit gestern ist Ihre Gattin mit Josefinen fort – diesen Brief hat sie für Sie zurückgelassen. Gehen Sie in das Zimmer Ihrer Gemahlin und lesen Sie dort die Zeilen – wenn ich Marie zu Bett gebracht habe, werde ich hinüberkommen, um mich zu erkundigen, was morgen mit ihr werden soll.«
Mit diesen Worten gab sie ihm den Brief, und Georg mußte sich gewaltsam zwingen, seiner Sinne bei der Schreckensbotschaft Meister zu bleiben. Aber die Gouvernante hatte recht. Das Kind durfte von dem Ungeheuren, was hier vorgefallen, nichts erfahren – nicht bei seinem Eintritt in dieses Haus, wo sich dem kleinen Kopfe jedes gehörte Wort nur so viel schärfer und unvergeßlicher eingeprägt hätte. Ruhig nahm er den Brief, den er, ohne ihn auch nur anzusehen, in die Brusttasche schob, sagte dann der Kleinen freundlich gute Nacht und verließ das Gemach. Wie er aber in das Zimmer seiner Frau kam, wußte er selber kaum. Dort warf er sich in einen Stuhl, erbrach den Brief, auf dem die Adresse: »An Herrn Baron von Geyfeln« stand, und las die wenigen Zeilen, die er enthielt. Sie lauteten:
An Herrn Baron von Geyfeln!
Schon diese Ueberschrift nimmt meiner Handlung jedes Bittere, das sie sonst für mich haben könnte. – An Herrn Baron von Geyfeln – der Name ist mir so fremd, wie der Mann es mir geworden, der ihn trägt. Seit du die Bahn verlassen, Georg, in der ich dich bewundern und lieben lernte, seitdem mußte ich mich zwingen, in deiner Nähe auszuharren – und tat es nur des Kindes wegen, dem ich Mutter bin und bleiben werde. Deine Gesetze begünstigen dich, daß ich nicht meinem Willen gleich von Anfang an folgen konnte. Ich habe jetzt Sorge getragen, daß sie nicht mehr imstande sein sollen, mich zu erreichen. Folge mir, wenn du kannst, als Baron von Geyfeln, und reklamiere das Kind, das mein ist im vollen Sinne des Wortes. Doch du wirst klug sein und nicht einmal den Versuch machen, von dem du von vornherein wüßtest, daß er erfolglos bleiben würde. – Kehre zu deiner früheren Kunst zurück, und ich will mit Freuden in deine Arme fliegen; verharre bei deinem tatenlosen Leben und wir sind für immer geschieden.
Suche nicht meinen jetzigen Aufenthalt zu erforschen; wenn du ihn selbst fändest, ich bin und bleibe für dich verloren. Mein Kind aber werde ich einem Glück entgegenführen, das es unter deiner Führung nimmer hätte erreichen können.
Lebe wohl!
Georgine.
Georg, der den Brief wieder und wieder durchgelesen hatte, hielt ihn noch in der Hand und starrte darauf nieder, als die Haushälterin mit der Magd ins Zimmer kam und das bestellte Abendbrot brachte. Georg faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche, und die geschwätzige Alte hätte gern ein Gespräch mit ihm angeknüpft, er wehrte sie aber unter dem Vorgeben ab, müde zu sein, verzehrte sein Abendbrot schweigend und fragte nur dann und wann die Wirtschafterin, die sich indessen im Zimmer zu schaffen machte, nach verschiedenen, höchst gleichgültigen Sachen. Die Mamsell erzählte ihm dabei natürlich, daß, gleich nachdem er fort gewesen, auch Besuch gekommen wäre: ein fremder Herr, der ihn hätte sprechen wollen.
»So? – in der Tat?« sagte Georg ruhig, »wie hieß er?«
»Ja, das weiß ich wahrhaftig nicht. Er gab mir seine Karte, aber der Name stand mit so winziger Schrift darauf, daß ihn meine alten Augen nicht mehr lesen konnten. Es war aber ein Baron.«
»So? – und wie sah er aus?«
»Ein kleiner, sehr zierlicher Herr war es, sehr hübsch und sauber angezogen, mit einem kleinen schwarzen Schnurrbärtchen und solchen schwarzen Locken. Er war am nächsten Morgen noch einmal da, hat aber dann wohl nicht länger warten können, und da wir an dem Nachmittage – ach, das wissen der gnädige Herr ja auch noch nicht, daß der alte arme Tobias ertrunken ist!«
»I, der alte arme Teufel unten aus dem Dorfe – er war noch am Abend vor Ihrer Abreise hier oben und hatte wohl ein Glas zu viel getrunken, denn sonst habe ich ihn nie frech oder unverschämt gesehen, und Ew. Gnaden ließen ihn dann vom Hofe jagen.«
»Der ist ertrunken?«
»Er ist von hier aus nicht wieder ins Dorf gekommen. Ob er den Weg verfehlt hat, oder was sonst die Ursache war, Gott allein weiß es, aber am nächsten Morgen fischten sie ihn aus dem Bache unten auf, und gestern nachmittag haben wir ihn begraben – und eine schöne Leiche, wie der arme alte Mensch noch gehabt hat!«
»Der – ist – tot?« sagte langsam und sinnend Georg, »wunderbar!«
»Ach, du lieber Gott!« meinte die Haushälterin, »abkommen konnte er ja schon; zu was nütze war er doch nicht mehr auf der Welt, und Hunger und Kummer hätten ihn so vielleicht bald untergebracht; aber es tut einem doch immer in der Seele weh, wenn ein Christenmensch auf solcher Art, eigentlich wie ein ander Stück Vieh auch, seinen Tod findet, wenn es auch nicht einmal ein Verwandter gewesen wäre.«
Georg hörte schon gar nicht mehr, was sie sprach. – »Sind noch Briefe oder Zeitungen für mich gekommen?«
»Briefe – ja, ich weiß es wirklich nicht. Der Postbote war da, die werden aber dann wohl bei Ew. Gnaden im Zimmer liegen.«
»Haben Sie den Schlüssel?«
»Den hat das Fräulein.«
»Dann bitten Sie das Fräulein, mir alles, was etwa für mich angekommen wäre – und auch meinen Schlüssel mit herüber zu bringen.«
»Jawohl, Herr Baron. – Ist der Tee etwa nicht heiß genug?«
»O, vortrefflich – ich bin nur abgespannt heut abend und kann nicht viel genießen – ich werde mich ein wenig auf das Sofa legen.«
Die Wirtschafterin hatte Takt genug, dies als ein Zeichen zu nehmen, daß sie sich entfernen könne, und sie verließ das Zimmer, in dem Georg allein mit seinen Gedanken, und vor Ungeduld sich bald verzehrend, zurückblieb. – Und die Gouvernante kam noch immer nicht – aber sie hatte das Kind zu besorgen und eine volle Stunde mochte vergangen sein, ehe er ihren Schritt hörte. Gleich darauf trat sie ein und legte einige Briefe und Zeitungen auf den Tisch. Georg war aufgestanden und ging ihr entgegen.
»Mademoiselle,« sagte er, die Hand nach ihr ausstreckend, »nehmen Sie vor allen Dingen meinen herzlichsten Dank für die zarte Weise, in der Sie in dieser Sache gehandelt haben, und nun, bitte, setzen Sie sich und erzählen mir mit kurzen Worten, was Sie wissen.«
Während die Gouvernante der Einladung folgte, blieb Georg erwartungsvoll am Tische stehen.
»Ich habe nur meine Schuldigkeit getan,« sagte das junge Mädchen, leicht dabei errötend, »werde Ihnen selber, Herr Baron, aber wenig Auskunft geben können – ich durfte nicht nachforschen, denn ohne etwas damit gutmachen zu können, hätte ich die Aufmerksamkeit der Leute nur unnötigerweise und vor der Zeit darauf gelenkt.«
»Sie hatten recht, vollkommen recht.«
»Der erste Verdacht stieg in mir auf, als ich eine bedeutende Lücke in der Kinderwäsche bemerkte, nachdem die gnädige Frau mit Josefinen eine angebliche Spazierfahrt unternommen hatte. Auch eine Anzahl ihrer Kleider fehlte – dann fand ich den Brief in Ihrer Stube – denn Angst und Ungewißheit ließen mich danach suchen, und ich nahm ihn an mich.«
»Ich bin Ihnen dankbar dafür – aber wer glauben Sie, der mir weitere Auskunft geben könnte – oder haben Sie selber einen Verdacht? Es war ein Fremder hier. – Wie sah er aus?«
»Ich habe ihn gar nicht gesehen; aber gleich nach Ihrer Abreise kam er, und obgleich er nur zweimal hier oben im Gute war, fürchte ich fast, daß er der Sache nicht fern steht. Unser Hausmädchen hat ihn wenigstens zu der Zeit, als Madame fortfuhr, zu Fuß, mit seinem Pelz auf dem Arm, in den Wald gehen sehen.«
»Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Der alte Forstwart aber hat die letzte Botschaft der gnädigen Frau, daß sie am vorigen Abend nicht nach Hause kommen würde, hereingeschickt. Möglich, daß er sie im Walde getroffen hat und etwas Näheres weiß.«
»Der Forstwart – Gott sei Dank, da ist ein Faden, an den ich anknüpfen kann. Georgine fuhr im Schlitten?«
»Ja, mit ihrem eigenen Pferde bespannt.«
»Es ist gut – ich danke Ihnen; gehen Sie jetzt wieder zu Ihrer kleinen Schutzbefohlenen und seien Sie ihr Mutter, stehen Sie überhaupt meinem ganzen Hause vor, bis – ich selber wieder zurückkomme.«
»Sie wollen doch nicht heut abend noch...«
»Nein,« unterbrach sie Georg ruhig, »erstlich wäre es nicht möglich, im Dunklen einer Spur zu folgen, und dann würde das auch Aufsehen erregen. Morgen früh reite ich fort – meine Frau in Kleinmarkstetten abzuholen – das genügt den Leuten. Sobald ich kann, schreibe ich Ihnen meine Adresse – wenn ich nicht selber indessen wiederkomme. Lange bleibe ich auf keinen Fall aus, es müßten mich denn ganz unvorhergesehene Hindernisse zurückhalten. Schlafen Sie wohl, Mademoiselle, und seien Sie versichert, daß ich Ihnen nie vergessen werde, wie wacker Sie mir in dieser schweren Zeit beigestanden haben.«
»Schlafen Sie wohl,« sagte das junge Mädchen schüchtern, und im nächsten Augenblick schloß sich die Tür wieder hinter ihr, während Georg noch wohl eine Stunde im Zimmer auf und ab schritt, ehe er sein eigenes Lager suchte.
Am nächsten Morgen war Georg wieder mit Tagesgrauen auf und ging selber in den Stall hinunter, um zu sehen, daß sein Reitpferd ordentlich gefüttert und dann ihm vorgeführt würde. Das geordnet, schickte er einen Boten in das Forsthaus, dem alten Forstwart zu sagen, er möge auf ihn warten, bis er hinauskäme, und ging wieder in seine eigene Stube hinauf. Dort sah er flüchtig die eingegangenen Briefe durch, wozu er sich gestern abend keine Zeit genommen, trank den ihm gebrachten Kaffee und blätterte noch, bis das Pferd ausgefressen hatte, in den neben ihm liegenden Zeitungen. Er las wohl, aber er wußte nicht, was er las, seine Gedanken waren fern von da, und den Kopf in die Hand gestützt, ließ er das Blatt wieder sinken und starrte finster vor sich nieder. Endlich sprang er ungeduldig auf und sah nach der Uhr – es war noch zu früh – eine halbe Stunde mußte er dem Pferde noch Zeit gönnen, denn es hatte vielleicht einen langen Ritt vor sich. Er ordnete indessen seine Briefschaften, versah sich mit Geld und warf sich dann noch einen Augenblick aufs Sofa. Die vor ihm liegende Zeitung hatte er dabei bewußtlos mit der Hand zusammengeballt und leise murmelte er: »Josefine – meine arme Josefine« – da fiel sein Blick plötzlich auf den Namen, der, größer gedruckt als die übrige Schrift, schon mit dem Zusatz »Zirkus« sein Auge fesselte und alle weiteren Gedanken in sich verzehrte. Die Worte lauteten:
Zirkus Royazet.
Noch nie hat der Zirkus in Altona in solchem Flor gestanden wie in der gegenwärtigen Saison. Es haben einzelne Direktionen vortreffliche Gesellschaften gehabt, mit ausgezeichneten Mitgliedern, deren einzelne zu den besten zählten; aber noch nie, wir wiederholen es, war ein Direktor imstande, solche Kräfte an einem einzigen Abend zu vereinigen, wie der jetzige. Royazet hat den Zirkus zu einer Art Pantheon der Reitkunst erhoben, in welchem er selbst auf der obersten Stufe thront, rings umgeben von den glänzendsten Koryphäen seiner Kunst. Ein Abend im Zirkus heißt jetzt so viel als ein Abend des Vollgenusses, ja, fast des Uebermaßes. Künstler, welche sonst die Zierden der Reitbahn ausmachen, rangieren hier in zweiter Reihe und gewähren dem Zuschauer die merkwürdige Gelegenheit, den Unterschied zwischen Meisterschaft und Vollkommenheit wahrzunehmen. Ein Kranz reizender, kunstgewandter Damen reiht sich an die männlichen Größen an, und der unübertreffliche Klown Mühler, die Perle des früheren berühmten und jetzt aufgelösten Zirkus Bertrand, ist, um das Maß vollzumachen, dieser Walhalla ausgezeichneter Künstler gewonnen worden – ja, andere Kräfte sind ihm noch versprochen, die, wenn möglich, diesen Kranz von Genüssen noch gipfeln und erhöhen sollen. Royazet selber bildet aber stets den Glanzpunkt des Abends, und gleichviel, welche Künste der Equilibristik neben und um ihn sich entfalten – er ist und bleibt stets der oberste Meister, und wir glauben das Publikum umsomehr auf diesen, sich ihm jetzt noch bietenden Genuß aufmerksam machen zu müssen, da der Zirkus nur noch wenige Tage in unserer Stadt verweilen wird, um einem ehrenvollen Rufe nach Petersburg zu folgen. Ganz enorme Garantien sollen dem Künstler dort geleistet sein.«
Georg hatte mit immer wachsender Spannung die prahlerische Anzeige wieder und wieder gelesen. Royazet – sein alter Rival in mehr als einer Hinsicht, in Altona – der alte Mühler dort wieder engagiert, wohin ihm Karl jedenfalls vorangegangen. Sollte Georgine – Altona lag unter dänischer Gerichtsbarkeit außerhalb der deutschen Gesetze, und Petersburg – wenn sie ihm sein Kind nach Rußland entführte! – Er barg das Antlitz einen Augenblick in die Hand, aber es war auch wirklich nur ein Moment, in dem ihn die Sorge um die Tochter überwältigte. Schon im nächsten war er wieder er selbst, und Hut, Handschuhe und Reitpeitsche aufgreifend, verließ er das Zimmer gerade, als der Verwalter zu ihm die Treppe herauf wollte, ihm anzuzeigen, daß sein Pferd gesattelt wäre.
»Lieber Schönle,« sagte Georg, »ich will jetzt nach Kleinmarkstetten hinüber, habe aber auch noch andere Geschäfte in der Nachbarschaft dort, und es ist möglich, daß ich mit meiner Frau erst in einigen Tagen zurückkomme. Einen erhaltenen Brief zu beantworten, muß ich aber einen Boten fortschicken, und da wir unsere Leute jetzt notwendig brauchen, werde ich einen Burschen aus der Försterei, den Forstwart oder wen sonst schicken. – Lassen Sie den alten Braunen herausführen, den Sattel auflegen und das Pferd dann, sobald Sie können, zum Forstwart hinaufschicken. Verstanden?«
»Sehr wohl, Herr Baron!« sagte der alte Verwalter, »ich dächte aber, denen im Forsthause schadete es auch nichts, wenn sie ihre Beine auf Gottes Erdboden setzten, statt sie über einen Sattel hinüberzuhängen.«
»Das dauert mir dann zu lange,« erwiderte Georg. »Tun Sie nur, wie ich gesagt habe. Sonst ist nichts Besonderes vorgefallen?«
»Nicht das geringste, Herr Baron. Wir haben wacker gedroschen in der Zeit; Dünger ist gefahren, die Umzäunung am Garten ausgebessert, und jetzt sind nur noch die Holzfuhren zu machen, zu denen der Förster ein wenig drängt.«
»Er hat recht. Es ist auch die höchste Zeit, daß das Holz von dem Schlag fortkommt – also auf Wiedersehen, Schönle. Besorgt mir das alles gut; in einigen Tagen spätestens bin ich wieder da.«
Mit diesen Worten war er die letzten Stufen der Treppe hinuntergegangen, legte seine Satteltasche auf, schnallte den Plaid daran fest, griff seinen Zügel auf, schwang sich in den Sattel und trabte aus dem Hofe, die Straße nach dem Walde einschlagend.
So hart den trefflichen Reiter aber auch der Schlag im ersten Augenblick getroffen, daß ihm sein Kind, sein liebes Kind geraubt worden, so fest, ruhig und sicher fühlte er sich wieder, als er erst einmal im Sattel saß. Mit gutem Mut, durch eigene Kraft die List der Frau noch ausgleichen zu können und zuschanden zu machen, trabte er den Weg entlang, und wenn es ihn auch manchmal drängte, das Pferd, den wackern Rappen, der ihn trug, zu rascherem Tempo anzuhalten, versagte er es sich doch, weil er eben nicht wußte, ein wie weiter Ritt noch heute vor ihm lag, und er sein treues Tier zu schonen dachte. So erreichte er das Forsthaus und fand hier den Forstwart Barthold schon seiner harrend, mit der Flinte auf dem Rücken, vor der Tür. Als er den Herrn anreiten sah, kam er grüßend auf ihn zu, Georg aber, aus dem Sattel springend, warf seinem Pferde den Zügel über den Nacken und sagte zu dem Alten: »Guten Morgen, Barthold; kommt nur mit, ich begleite Euch ein Stück – ich habe etwas mit Euch zu reden.«
»Gern, gnädiger Herr,« erwiderte der Alte, »der Förster ist auch nicht zu Hause. Er ist auf den roten Schlag hinaus, um den Fuhren das Holz anzuweisen.«
»Ich weiß schon – ich will auch nicht zum Förster,« sagte Georg und schritt langsam den Waldweg entlang, bis sie aus Sicht des Forsthauses waren. Hier blieb er stehen und sich gegen Barthold wendend, fuhr er fort: »Ihr seid neulich meiner Frau hier begegnet, als sie im Schlitten die Straße nach Kleinmarkstetten fuhr, nicht wahr?«
»Ja, Ew. Gnaden.«
»Kennt Ihr den Herrn, der mit ihr im Schlitten saß?«
»Sie war allein – das heißt mit dem Fräulein Tochter.«
»Allein?« rief Georg überrascht.
»Allein, meine ich, als sie vom Gute an die große Eiche kam,« bestätigte der Alte, »und von dort schickte sie mich mit einem Auftrage nach dem Gute zurück.«
»So habt Ihr niemanden gesehen, der bei ihr war?« fragte Georg enttäuscht, denn auf den Forstwart hatte er seine ganze – seine letzte Hoffnung gesetzt.
»O, doch,« erwiderte der alte Mann. »Wie ich schon ein Stück fort war, kam ein Herr unten vom Dorfe den Weg herauf und stieg hinten auf den Schlitten, und dann fuhren sie zusammen fort. Ich blieb noch eine Weile stehen, weil ich glaubte, es wäre der gnädigen Frau vielleicht nicht angenehm, hier im Holze allein mit einem fremden Herrn zusammen zu treffen. Als ich aber sah, daß es ein Bekannter war, ging ich meiner Wege.«
»Und so kennt Ihr den Herrn gar nicht?«
»Nein, Ew. Gnaden – ich weiß nicht, wie er hieß,« sagte der Alte etwas erstaunt, denn das unruhige Wesen des Barons fiel ihm auf.
»Der Name tut nichts zur Sache,« rief Georg ungeduldig, »ich meine nur, ob Ihr nicht wißt, wie er aussah – ob Ihr ihn wieder kennen würdet.«
»Gewiß – an dem Tage habe ich ihn freilich nur von weitem und ganz flüchtig gesehen; den Tag vorher aber kam er schon einmal zur Eiche, die er sich wohl neugierig betrachten wollte, obgleich er ihr kaum einen flüchtigen Blick zugeworfen und von meiner Erklärung gar nichts wissen mochte. Es fror ihn ein wenig an den Füßen.«
»Wie sah er aus?«
»Ein zierliches, geschniegeltes Männchen, städtisch und ein bißchen fremdländisch angezogen, mit einem kleinen schwarzen Schnurrbärtchen und einer Brille auf, obgleich er noch gar nicht alt sein kann, um schwache Augen zu haben.«
»Und Ihr kennt ihn genau genug, ihn mir zu bezeichnen, wenn Ihr ihn wiedersehen würdet?«
»Ich kenne ein Stück Wild wieder, wenn es mir nur einmal flüchtig über den Weg gesprungen ist, wie viel mehr denn solch ein wunderliches Menschenkind, dem ich Auge in Auge gegenübergestanden habe!«
»Gut – habt Ihr Lust, Barthold, mich auf einer Tour zu begleiten?«
»Ich, gnädiger Herr? gewiß – aber wohin?«
»Gleichviel – rüstet Euch, auf ein paar Tage auszubleiben. Für Lebensunterhalt braucht Ihr nicht zu sorgen; nehmt nur etwas reine Wäsche mit.«
»Ein Hemd und ein paar Socken stecke ich in den Jagdranzen.«
»Nein – den laßt zu Hause; auch Eure Flinte, die wir nicht brauchen werden, denn das Wild, das wir suchen, fangen wir lebendig.«
»Soll ich denn vielleicht einen Schwanenhals oder ein Tellereisen mitnehmen?«
»Nein,« lachte Georg, »auch das ist nicht nötig, es geht auf keine Witterung. Ich werde jetzt mit Euch zum Forsthause zurückkehren. Apropos, könnt Ihr reiten?«
»Reiten? ja – es soll gerade nicht hübsch aussehen, wenn ich auf einem Pferde sitze,« setzte er gutmütig hinzu, »und sie haben mich schon ein paarmal deshalb ausgelacht, aber ich hänge fest, Trapp oder Galopp, und herunter bringt mich keins.«
»Desto besser – es wird vom Gute aus ein Pferd für Euch heraufgebracht werden. Aber eine Bedingung habe ich zu stellen – könnt Ihr schweigen?«
»Sehe ich etwa aus wie eine Plaudertasche?« sagte der alte Mann ernst.
»Gut – ich glaube es auch. Kein Mensch erfährt später, wo wir gewesen – hört Ihr? – was wir dort getan – auch nicht, was ich vorhin über den Fremden mit Euch besprochen.«
»Kein Wort, Ew. Gnaden,« sagte der Alte, der zu ahnen begann, um was es sich hier handle. »Das bißchen Wäsche stecke ich dann einfach in die Tasche.«
»Ihr könnt es mir nachher in meine Satteltasche geben.«
»Ew. Gnaden wollen dem Schlitten folgen?«
»Ja – wißt Ihr genau, welchen Kurs er genommen?«
»Die gnädige Frau sagte, sie wolle nach Kleinmarkstetten, der Herr aber hat an dem Morgen seinen Wagen leer mit seinem Gepäck nach Hottweil geschickt.«
»Wißt Ihr das gewiß?«
»Unten im Krug haben sie so gesagt, und der Kutscher soll gestern abend spät wieder leer durchs Dorf gefahren sein, wie mir einer der Holzmacher heute morgen erzählte.«
»War es ein herrschaftliches Geschirr?«
»Wohl nur ein Lohnkutscher von Haidedorf.«
»Gut – wir dürfen aber trotzdem keine Zeit verlieren. Bestätigt sich das, so können wir vielleicht, wenn wir scharf zureiten, die Station noch erreichen, ehe der Schnellzug eintrifft. Das Pferd muß oben sein; jedenfalls ist es da, ehe Ihr Eure Sachen zusammen habt.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schritt Georg rasch zum Forsthause zurück, wenn auch der Förster nicht da war, doch dessen Frau davon in Kenntnis zu setzen, daß er den Forstwart auf einen oder zwei Tage in Geschäften mit sich nehme.
Barthold hatte indessen in wenigen Minuten seine geringen Vorbereitungen getroffen; bald darauf kam auch das Pferd, auf dem einer der Knechte heraufgeritten war, und sehr zum Erstaunen der Frau Försterin, die sich den ganzen Tag vergebens den Kopf darüber zerbrach, trabte Barthold hinter dem Herrn von Geyfeln in den stillen Wald hinein. Bis sie die Stelle erreichten, wo sich die verschiedenen Wege teilten, sprach auch Georg kein Wort, und kehrte sich nur manchmal nach seinem Begleiter um, zu sehen, wie er im Sattel saß. Der alte Mann hing allerdings in etwas wunderlicher Art auf dem Pferde, aber er hatte nicht zu viel von sich gerühmt, als er behauptete, daß er wenigstens fest säße. Georg fühlte sich darüber auch bald beruhigt und ließ sein eigenes Tier etwas schärfer austraben, bis er es an dem dreiarmigen Wegweiser zum erstenmal einzügelte.
Hier schieden sich die Wege; eine gewisse Spur war aber nur schwer noch zu erkennen, da Holz- und andere Fuhren die frische Schneebahn schon mit ihren verschiedenen Gleisen durchzogen und durchkreuzt hatten. Eine kurze Strecke indes langsam auf dem Wege nach Hottweil fortreitend, fand Georg bald die zarten, feingeschnittenen Hufe von Georginens Pferde seitwärts von der Bahn im Schnee abgedrückt, wo der Schlitten wahrscheinlich einer ihm begegnenden schweren Fuhr ausgewichen war, und die Zügel, ohne ein Wort weiter zu reden, wieder aufgreifend, schlug er den früheren scharfen Trab wieder ein, dem das alte und steifere Arbeitspferd kaum zu folgen vermochte. Die Station erreichten sie auch in der Tat bei guter Zeit, und wohl noch eine Stunde vor Ankunft des Zuges. Kurze Nachfrage genügte, Georg zu überzeugen, daß er sich auf der richtigen Spur befände. Das Pferd, das Barthold geritten, übergab er dann einem der Leute dort, es im Dorfe einzustellen, bis er zurückkehre; sein eigenes, in zwei dazu geborgte Decken eingehüllt, wurde in einen der glücklicherweise vorhandenen Pferdekasten geführt, und als der Zug heranbrauste, nahm er die Reisenden und das schon bereit gehaltene Pferd auf, und schnob davon, auf seiner schmalen eisernen Bahn, den heißen Atem in die frostige Winterluft ingrimmig hinausblasend.
27.
In Altona herrschte ein reges Leben, und der alte Forstwart Barthold schritt staunend an Georgs Seite durch die menschengedrängten Straßen. Das war eine Stadt – das war ein Treiben und Schieben durcheinander, und was für kostbare Waren überall – der Alte wäre am liebsten vor jedem Schaufenster stehen geblieben, immer Neues anzustaunen und zu bewundern. – Und aus diesem Gewimmel von Menschen, wo es, wie bei einem Bienenschwarm, herüber und hinüber fuhr, sollte er den einzelnen Fremden heraussuchen, den er draußen im Walde gesehen? Der Kopf schwindelte ihm, und er ging die ersten Stunden wie in einem Traume umher.
Georg, der ihn begleitete, fand sich ebenfalls in furchtbarer Aufregung – freilich aus einem andern Grunde – und mußte sich Mühe geben, wenigstens die äußere Fassung zu bewahren. Hatte er doch sein nächstes Ziel, den wahrscheinlichen Aufenthalt seines Kindes, seiner Josefine, jetzt erreicht – aber wo sie finden in der großen Stadt – und wenn gefunden, wie sie dann sich retten?
Gestern abend war er, aber zu spät, um noch irgend welche Nachforschungen anzustellen, mit seinem Begleiter in Hamburg eingetroffen, und heute morgen hatte er vergebens auf der Polizei in Altona angefragt, ob zwei Damen, eine Frau von Geyfeln und eine Frau Georgine Bertrand, angemeldet wären – man wußte dort noch nichts von ihnen. Den Namen des Entführers kannte er ja nicht.
In der Nähe des Zirkus durfte er auch nicht wagen, sich – wenigstens am Tage – blicken zu lassen, denn er blieb dort zu sehr der Gefahr ausgesetzt, von einem seiner früheren Leute, vielleicht gar von dem alten Mühler oder Karl erkannt und verraten zu werden. Georgine wäre in dem Fall augenblicklich gewarnt worden und sein ganzer Plan vernichtet, jede Aussicht auf Erfolg zerstört gewesen. Da wurde, als er eben nach Hamburg hinüber wollte, um dort den Abend abzuwarten, seine Aufmerksamkeit auf große Zettel gelenkt, die ein junger Bursche an den Ecken anklebte. Ein Holzschnitt oben darüber – einen Reiter zeigend, der mit sieben Pferden dahin flog – ließ keinen Zweifel, zu welcher Vorstellung, und Georg trat, zitternd vor Angst und Erwartung, hinan, den gesuchten und doch gefürchteten Namen seines Weibes – seines Kindes darunter zu finden – und er hatte sich nicht geirrt. Der Name Georgine Bertrand stand allerdings nicht auf dem Zettel, aber die pomphafte Ankündigung eines neuen Gastes, einer Madame Georgette mit ihrer Tochter Mademoiselle Georgette, ließ ihm fast keinen Zweifel, daß Frau und Kind schon an diesem Abend, wenn auch unter anderm Namen, im Zirkus wieder auftreten würden.
Vorsichtig suchte er jetzt Georgettens Wohnung zu erfragen, aber die Auskunft, die er darüber erhielt, machte ihn wieder irre, denn diese lautete dahin, daß Madame Georgette, die neue berühmte Kunstreiterin, in Royazets eigener Wohnung abgestiegen sei und ein Quartier bezogen habe, und der Mann, der ihm diese Auskunft gab, setzte aus freien Stücken hinzu, es hieße in der Stadt, Monsieur Royazet habe selber geäußert, die Dame sei seine ihm bestimmte Braut. Wer dann hatte Georginen entführt? Royazet selber? Die Beschreibung des jungen Mannes, die der alte Forstwart gab, paßte nicht dazu, auch sollte Royazet, wie er hier leicht erfragen konnte, Altona die letzte ganze Woche mit keinem Schritt verlassen haben.
Die Unruhe, hierüber Gewißheit zu erhalten, peinigte ihn zuletzt so, daß er beschloß, über Tag auf gut Glück hin die Stadt zu durchstreifen, vielleicht hier zufällig dem Entführer zu begegnen und ihn dann zu zwingen, ihm Rechenschaft zu geben.
Einmal schoß ihm der Gedanke durchs Hirn, Royazet selber aufzusuchen und von ihm sein Kind, wenn nicht im guten, mit Gewalt zurückzufordern; aber standen sie hier nicht unter dänischem Gesetz, und war Frau wie Kind nicht mit Leichtigkeit außer seinem Bereich gebracht, wenn er den langsamen Gang der Gesetze hätte zu Hilfe rufen wollen? Royazet war außerdem sein Feind, noch von früherer Zeit her, und auf einen Beistand von seiner Seite nicht zu rechnen – und doch blieb das seine letzte Hoffnung, wenn alles andere fehlschlug.
Heute abend wollte er selber den Zirkus besuchen – unkenntlich machte er sich leicht auf nicht auffällige Weise durch einen breiträndigen Hut, eine Brille und einen um das Kinn gelegten Schal, und dort konnte er mit eigenen Augen sehen, wie weit seine Befürchtungen gerechtfertigt seien. Bis dahin litt es ihn aber nicht, die Zeit ruhig und geduldig abzuwarten, sein Blut kochte und wallte in den Adern, und Straße auf und ab – nur die unmittelbare Nähe des Zirkus ängstlich meidend – zog er mit seinem auf dem ungewohnten Steinpflaster schon lange müde gewordenen alten Begleiter her und hin, sich selber nicht einmal ganz klar dabei, was er mit dem Entführer anfangen solle, wenn er ihn wirklich träfe.
Aber auch diese Suche mußte er endlich als durchaus hoffnungslos aufgeben, denn Barthold leistete ihm darin nicht einmal die Dienste, die er von ihm erwartet hatte. Durch die ganz ähnliche Kleidung so vieler Tausende nämlich fortwährend getäuscht, hielt er bald den, bald jenen für den Gesuchten, und brachte Georg dadurch ein paarmal so in Verlegenheit, daß er froh war, durch irgend eine Entschuldigung von fälschlich angeredeten Personen wegzukommen.
Sein Quartier hatte er in Hamburg bezogen und dort sein Pferd eingestellt, und dahin begab er sich endlich wieder mit dem Forstwart, den einbrechenden Abend und die Stunde der angekündigten Vorstellung abzuwarten.
Der Abend kam, und Georg, in einen alten Mantel gehüllt, nahm für sich und den Forstwart zwei Sitze auf dem dritten Platz, um dort keinerlei Gefahr ausgesetzt zu sein, erkannt zu werden. Und mit welchen Gefühlen wohnte er dem Beginn dieser Vorstellung bei – mit welcher furchtbaren Pein war er Zeuge ihres weiteren Verfolges.
Barthold hatte im Anfang die Zuschauer genau mustern müssen, ob er den Fremden aus dem Walde hier wiedererkenne, aber ohne Erfolg. So sicher er geglaubt, sich auf sein Auge verlassen zu können, so verwirrt sah er sich hier in dieser neuen, ihm völlig fremden Welt, mit tausend Gesichtern um sich her, die, alle in einer Kleidung steckend, auch für ihn alle den einen Stempel in Ausdruck und Form zu tragen schienen. Er konnte den, den er suchte, nirgends finden. Sowie aber die Vorstellung begann, wurde Georgs Aufmerksamkeit vollständig auf diese gelenkt – er hatte alles andere in dem einen Gefühl vergessen, sein Kind wiederzusehen – seine Josefine, und eine unsagbare Pein schoß ihm durchs Herz, als er sich dachte, wie.
Und die Musik begann. Der Possenreißer erschien, mit seinen eklen Gliederverrenkungen die Zuschauer zu belustigen, und Barthold hätte ein Jahr dasitzen können, ehe er in der buntbemalten, aus lauter Gelenken bestehenden Gestalt mit ihren widernatürlichen Bewegungen den sonst so steifen, ernsten »Schwiegervater vom Gute« wiedererkannt hätte. Georg wandte sich in Ekel von ihm ab. Jetzt schmetterten die Trompeten, jetzt wichen die Menschen in dem schmalen Eingange zurück – einige dänische Offiziere und andere Kavaliere, die sich dorthin, der Damen des Zirkus wegen, postiert hatten – und herein auf ihrem eigenen Pferde, in Licht und Glanz strahlend, das Antlitz ordentlich in Freude und Triumph, in wilder, ungebändigter Siegeslust leuchtend, flog – Georgine.
Und sie war schön, diese Königin der Amazonen, schön wie das flammende Meteor, das seinen Glutenstreifen pfeilschnell durch den dunklen Himmel zieht; schön wie das zuckende Nordlicht, das mit seinen Feuerstrahlen die kalte Winternacht erhellt. Ihre Augen flammten, ihre ganze Gestalt hob sich, und wie das Publikum erst in staunender Bewunderung diese plötzlich auftauchende, leuchtende Erscheinung angestarrt, so brach plötzlich das Eis, das es bis dahin wie gebannt gehalten, und donnernder, nicht endender Applaus grüßte sie beim ersten Betreten ihrer neuen Laufbahn wieder.
Dieser Beifallssturm schien den Körper des wirklich wunderschönen Weibes ordentlich zu durchzucken, schien ihn emporzutragen mit sich selbst. Kaum berührten ihre Fußspitzen den Sattel, über dem sie mehr schwebte, als daß sie auf ihm stand, und während höhere, fast glühende Röte ihr Antlitz färbte und ihre Augen leuchteten, während die Locken im scharfen Luftzuge flatterten, und das Pferd selber, das sie trug, einen Teil der Begeisterung mit zu fühlen schien, brach sich der stürmische Applaus, wie das regelmäßige Branden einer See, immer wieder und wieder Bahn und übertäubte selbst die schmetternde Musik. Barthold hatte sie erkannt – gleich auf den ersten Blick, denn diese Züge, einmal gesehen, waren nicht so leicht wieder vergessen. Er blickte auf Georg schüchtern und erstaunt von der Seite an. Dessen totenbleiches Antlitz verriet aber nur zu deutlich, was in ihm vorging, und er wagte nicht, ihn auch nur mit einem Laut, mit einer Bewegung zu stören.
Die Tour war vorüber – wieder und wieder mit tobendem Beifallsjauchzen gerufen, zog sich die schöne Reiterin zurück, und ein paar der Klowns zeigten jetzt ihre Künste.
»Mademoiselle Georgette!« verkündete der Mann in hohen Reitstiefeln und mit einer langen Peitsche in der Hand, der mitten in der Arena stand, den neuen Namen, indem er seine Waffe demonstrierend und mit einer Verbeugung gegen den Eingang neigte.
Georgs Blut stockte; die Lichter flimmerten ihm vor den Augen, der ganze Zirkus drehte sich mit ihm, und krampfhaft faßte er seines Nachbars Arm, sich an diesen zu halten. Aber die Schwäche, die ihn überkam, dauerte kaum länger, als sie gebraucht hatte, ihn zu bewältigen. Er war wieder er selbst, und sah jetzt, wie sein Kind geschmückt und aufgeputzt auf einem kleinen muntern Pony in die Arena sprengte und den Rundlauf begann. Wenn es aber auch das Publikum täuschte, dem Vaterauge konnte die stark aufgetragene Schminke das veränderte Aussehen des Kindes nicht verbergen.
Josefine sah leidend aus; ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und statt des fröhlichen Lächelns, das sonst in solchen Augenblicken ihre Züge belebte, trugen sie das deutlich auffallende Gepräge von Angst und Zaghaftigkeit. Ihr Blick flog nicht frei umher, sondern haftete an der Mähne des Pferdes, und sie schien sich erst in etwas zu sammeln, als sie den Zirkus einigemal umritten hatte.
Das Publikum verhielt sich dabei still. Die kurz vorher bewunderte glänzende Erscheinung der Mutter hatte es zum Teil verwöhnt, zum Teil empfand es aber auch wohl die unverkennbare Angst des Kindes mit und fühlte sich unbehaglich dabei. Die Musik wurde lebendiger, der Takt schneller, das Pferd, gewohnt, den Lauten zu gehorchen, flog rascher mit seiner kleinen Reiterin dahin, und während Josefine die früheren Stellungen und Bewegungen auf dem dahinschnaubenden Tiere auszuführen versuchte, erkannte Georg mit peinlichem Schmerz die Angst und Unsicherheit, in der sie sich befand.
Da trat neben Royazet Georgine in den Gang, zwischen die Schar der dort eingedrängten Zuschauer, und wie das Kind vorbeipassierte, rief sie ihm einige Worte der Ermunterung zu. Die Aufmerksamkeit der Kleinen wurde aber dadurch von ihrem Pferde abgelenkt, und gerade, als sie Georg wieder gegenüber kam, verlor sie das Gleichgewicht und mußte, um nicht zu stürzen, vom Pferde springen.
Im Publikum herrschte eine Totenstille, nur auf dem dritten Rang lachte eine Anzahl trunkener Matrosen, und einer schrie in seinem Plattdeutsch: »Nehmt doch de Deern weg, die kann ja nicht hopsen! Einer von den Hanswursten soll hereinkommen!«
Ein Teil lachte; Josefine aber hatte im Nu wieder das Pferd am Zügel; der Bereiter sprang hinzu, ihr zu helfen, das geduldige Tier stand, und von neuem umflog sie den Zirkus. Da wurden Reifen und Girlanden herbeigebracht, über und durch die sie springen sollte. Georgine stand noch immer im Eingange, mit keiner Ahnung, wie nah ihr Gatte sei – Josefine machte, als sie an ihr vorüber flog, eine bittende Bewegung und zeigte auf die Reifen, daß diese entfernt werden sollten. Wie sie vorüber kam, schüttelte Georgine mit dem Kopfe und lächelte dazu.
Einige der Klowns sprangen jetzt mit anderen dazu angestellten Dienern auf den Rand der vorderen Galerie, um die Reifen auszuhalten und dem Kinde das Springen durch Auf- und Niederheben so viel als möglich zu erleichtern. Josefine aber gab, obgleich das Pferd schon drei- oder viermal die Runde darunter durchgemacht hatte, noch immer nicht das Zeichen, daß sie bereit zum Voltigieren sei. Da endlich wurde das Publikum ungeduldig; es wünschte diesen »Schulübungen«, wie einige meinten, ein Ende gemacht zu sehen, und Georgine, dadurch gereizt, gab den Leuten einen Wink, die Reifen auszuhalten.
»Spring!« rief sie dabei der Tochter zu, »du hast es ja tausendmal getan!«
Der Klown, der den ersten Reifen hielt, zog ihn nochmals zurück, denn er sah, daß Josefine nicht fertig wurde – den zweiten mußte sie aber beachten und kam glücklich hindurch, ebenso durch den dritten. Das Publikum applaudierte, froh, dem jungen Mädchen einigen Mut machen zu können. – Wieder wurden einige Reifen aus ihrem Bereich gehoben, denn das Kind hatte aufs neue einen Fehltritt auf dem Sattel gemacht; aber sie gewann das Gleichgewicht wieder, stand fest, bog sich zum Sprunge wieder und flog hindurch.
War es nun Ungeschicklichkeit des Haltenden oder ihre eigene Schuld, es ließ sich das nicht in der Schnelle, mit der das Ganze vorwärts ging, bestimmen. Josefine blieb aber mit dem Fuße an dem Reifen hängen – der Klown ließ ihn los, um sie nicht vom Pferde zu reißen; doch ehe sie wieder festen Fuß fassen konnte, schnellte der elastische Reifen zwischen sie und den Sattel, und seitwärts abgedrückt, stürzte sie nach außen auf den Rand der Balustrade.
Wohl streckten sich eine Menge Arme nach ihr aus, ihren Fall zu brechen. Josefine selber war aber auch gewandt genug, die größte Gefahr schon selber zu vermeiden. Den fremden Armen dabei scheu entgleitend, sprang sie in die Arena zurück, neigte sich beschämt gegen die lautlos zu ihr niederschauenden Menschen und verschwand dann, an ihrer Mutter vorüber, in den Gang.
Unmöglich wäre es, die Gefühle zu schildern, die bei dieser Szene Georgs Herz zerschnitten, und einmal drängte es ihn schon, durch die Zuschauer hin in den Zirkus zu springen, sein Kind aufzugreifen und mit ihm zu entfliehen. Er mochte auch eine Bewegung dahin gemacht haben, denn Barthold hielt ihn plötzlich erschreckt am Arme fest. Er selber fühlte auch das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens, hier in dem fremden Lande aus der Mitte der in Royazets Diensten stehenden Leute, in Gegenwart Georginens, die ihn augenblicklich erkannt hätte, etwas derartiges zu versuchen. Es hätte seine letzte Hoffnung vernichten müssen. Aber er vermochte auch nicht länger diesen Anblick zu ertragen, und Bartholds Arm fassend, zog er ihn mit sich fort, hinaus ins Freie.
Der alte Forstwart folgte willenlos, obgleich das alles so viel Reiz und Zauber für ihn hatte, daß er wohl noch gern eine Weile länger dageblieben wäre. So verdutzt war er aber auch zugleich über das prachtvolle Erscheinen seiner früheren Herrin und ihrer Tochter – der gnädigen Frau Baronin mit der kleinen Josefine – und so wenig konnte er sich in seinem schlichten Verstand das Ganze zusammenreimen, daß ihm selber vom vielen Denken wirr im Kopfe wurde. Er legte das freilich der furchtbar lärmenden Musik zur Last, von der sie gar nicht weit gestanden hatten, und seine Ohren gellten ihm noch, als sie schon eine Strecke die dunkle Straße entlang geschritten waren.
Unterwegs wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Stumm und schweigend schritten die beiden Männer nebeneinander her, drängten sich durch das Gewühl am Hamburger Berge, kreuzten die stillere Promenade, die Hamburg und Altona voneinander scheidet, und wanderten dann noch eine Strecke durch enge Straßen mit »baumhohen« Häusern, wie der Forstwart bei sich dachte.
Barthold, so gut er im Walde draußen zu Hause war, so völlig aus seiner Sphäre fühlte er sich hier, und wenn er sich dort etwas auf seine Ortskenntnisse zugute tat, mußte er sich hier gestehen, daß er wie ein Kind von der Führung seines Begleiters abhängig sei. Eine Straße glich ihm vollständig der andern, und bogen sie jetzt rechts und dann links ab, so hätte er zehn gegen eins wetten wollen, daß sie genau denselben Weg zurück machten, den sie gekommen wären. Sehnsüchtig bemerkte er indessen auf ihrem Wege eine Menge hell erleuchteter Fleischläden und Bäckerstände, und drehte ein paarmal verlangend den Kopf danach um. Es war auch kein Wunder; Georg in seiner Aufregung hatte den Tag noch keinen Bissen über seine Lippen gebracht, und dabei ganz vergessen, daß der Alte keineswegs geistig so bewegt sei, um seinen Hunger ebenfalls darüber zu vergessen.
So vertieft Georg aber auch in seine eigenen schmerzlichen Gedanken sein mochte, so entging ihm doch nicht das zeitweilige Zögern des Alten an solchen Stellen, und er sagte endlich, als sie wieder einmal einen ähnlichen Ort passiert hatten, ohne anzuhalten: »Ihr seid wohl hungrig, Barthold?«
»Hm – da einmal gerade die Rede davon ist,« meinte der Alte, »so hätte ich allerdings nichts dagegen, wenn ich mir ein Stück Brot und Fleisch kaufen könnte. In der Eile aber, in der wir daheim fortgingen, habe ich ganz vergessen, auch nur einen einzelnen Schilling einzustecken.«
»Armer Barthold!« sagte Georg gerührt, »habe ich Euch doch ganz vergessen! Aber wartet nur noch wenige Minuten; wir haben gleich unser Ziel erreicht, und dort wollen wir alle beide ordentlich essen. Wir haben es alle beide nötig, denn wir brauchen Kräfte für den morgenden Tag.«
»O, ich kann's schon eine Weile aushalten, wenn's sein muß – nur – da wir hier so bequem vorüber gingen, dachte ich...«
»Wir haben es dort noch bequemer. Seht Ihr den von vielen Laternen beleuchteten Platz, auf den wir zugehen? Dort sind wir jetzt zu Hause. Hättet Ihr selber dahin den Weg gefunden?«
»Im Leben nicht – ich weiß auch nicht – hier zwischen den hohen Häusern wird es mir so schwül und eng. Ich komme mir vor wie ein Vogel im Bauer, und wenn ich hier bleiben müßte – ich glaube, ich stürbe in der ersten Woche vor Sehnsucht nach einem Baume.«
»Aber wir haben heute Bäume genug gesehen.«
»Ja, leider Gottes,« seufzte der alte Mann, »und die armen Dinger haben mich auch genug gedauert. In Reihen aufgepflanzt, stehen sie wie die Soldaten, dürfen keinen Zweig über die Linie hinausstrecken, wenn ihnen nicht das widerspenstige Glied weggeschnitten werden soll, und statt der freien Himmelsluft, die gern von oben zu ihnen möchte, aber nicht kann, bekommen sie Steinkohlenqualm und allen möglichen andern Dunst und Stank zu atmen. Und nun erst so ein armer Baum mit einer flammenden Laterne neben sich, wie muß dem zu Mute sein! wie elend, wie gedrückt muß er sich fühlen! Die Bäume verlangen in der Nacht so gut ihre Ruhe wie der Mensch und das Tier, und kann so ein Baum schlafen, wenn ihm die neugierigen Flammen fortwährend zwischen die Aeste hinein leuchten und Wagengerassel und Menschenstimmen ununterbrochen das Rauschen seiner Wipfel übertäuben? – Es ist nichts mit den Bäumen in einer Stadt, und wie ein Reh kein Reh mehr bleibt, wenn man's in einen Kasten mit Gitterstäben steckt und notdürftig füttert, um das arme Ding am Leben zu erhalten, so sind meiner Meinung nach das hier, was wir heute gesehen haben, auch keine Bäume mehr, sondern nur grüne Verzierungen, die sich das Menschenvolk dort aufgestellt. Ich kann mir auch nicht denken, daß ein solcher Baum imstande ist zu wachsen – es ist gegen die Natur, und sein Laub wird im Sommer auch dürftig und staubbedeckt genug sein. Was ist da solch eine ganze Allee gegen einen einzigen Baum im freien, schönen Walde? – gegen meine alte Eiche?«
Der Alte hätte noch ruhig eine Weile so fortgeschwatzt, obgleich Georg, mit seinen Gedanken schon wieder weit zurück, nicht einmal die Worte hörte, die er sprach; aber sie erreichten jetzt den freien Platz, auf dem ihr Hotel lag, und Georg bog links danach ein, und betrat gleich darauf mit dem Forstwart die unten gelegene Restauration. Fühlte er doch selber das Bedürfnis, den abgespannten Körper auszuruhen und zu stärken, und Barthold war ordentlich heißhungrig nach irgend etwas Genießbarem geworden.
Der große Saal war noch schwach besetzt, füllte sich aber bald mit nach und nach eintreffenden Gästen, und Georg nahm an einem kleinen Tische Platz, bestellte bei einem rasch herbeispringenden Kellner ein kompaktes Abendbrot für sie beide und hing indessen seinen eigenen trüben Gedanken nach.
Barthold wußte sich besser zu beschäftigen und nahm einstweilen das vor ihn hingelegte Rundstück oder Brot in Angriff, dem knurrenden Magen nur wenigstens etwas zu bieten. Dann betrachtete er staunend das geräumige, prachtvoll eingerichtete Lokal, das seinem Begriff von einer »Stube« auch nicht im entferntesten entsprach. Das ganze Forsthaus daheim war nicht einmal so groß und geräumig, und auf dem Gute selber nicht die Hälfte der Pracht an Hausgerät, Tapeten und Beleuchtung. Was für ein schmähliches Geld mußte das alles kosten, und wie reich, steinreich mußte der Mann sein, dem das gehörte! Dann interessierten ihn auch die fremden Holzarten, die er hier sah, und er würde diese näher untersucht haben, wäre nicht in dem Augenblick das Essen gekommen. O, wie süß das duftete! und der alte Forstwart hatte im Nu alles andere darüber vergessen.
Der Saal füllte sich indessen mehr und mehr, und dem alten Forstwart wollte nur das nicht dabei gefallen, daß keiner den andern grüßte und Leute sich manchmal dicht neben andere hinsetzten, ohne auch nur so viel wie »guten Abend« zu sagen. Georg hatte eine Flasche Wein bringen lassen und schenkte dem Alten ein – und wie vortrefflich schmeckte das! – er trank ein Glas nach dem andern. Mehr und mehr Menschen kamen und besetzten die nächsten Tische. Barthold unterließ dann nie, zu grüßen, erhielt aber kaum ein Kopfnicken als Antwort – nicht einmal die Hüte setzten die groben Menschen ab! Das Essen schmeckte ihm aber trotzdem, und Georg war lange damit fertig, als er noch immer fleißig Messer und Gabel handhabte. Mehr und mehr Gäste kamen herein; an dem nämlichen Tische, an dem Georg und der alte Forstwart saßen, hatten schon neben ihnen vier oder fünf andere Gäste Platz genommen; Georg sah sie gar nicht; vor seinen Augen schwebte nur die unglückliche bleiche Gestalt des Kindes, das, seiner Heimat entrissen, mit einer solchen Mutter in das wilde Leben hinaus geschleudert worden war, und Plan nach Plan baute er auf, wie er sich ihm nahen, wie er es retten solle.
Der alte Forstwart trat ihn auf den Fuß; er litt es, bis es ihn schmerzte, dann zog er den Fuß zurück, ohne weiter darauf zu achten. Barthold aber fühlte unter dem Tische vorsichtig weiter nach dem ihm entzogenen Gliede, und wieder fühlte Georg die schwere Sohle des Alten auf seinen Zehen. Erstaunt sah er zu ihm auf und bemerkte jetzt erst, daß der Alte, über seinen Teller gebeugt und auf der Gabel ein großes Stück Beefsteak, ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf und dann seitwärts nach einem jungen Manne schielte, der, den Hut auf dem Kopfe, eine viereckige Lorgnette ins Auge gekniffen, im Stuhle zurückgebeugt, dicht neben Barthold saß und die Weinkarte musterte. Georg wußte im ersten Augenblick nicht, was der Alte wollte, daß dieser aber irgend eine überraschende Entdeckung gemacht haben mußte, ließ sich nicht verkennen. Dem Blick folgend, den er noch immer von ihm selber auf den Fremden fallen ließ, schoß da plötzlich der Verdacht in ihm auf, ob das vielleicht der Fremde sei, den er den ganzen Tag gesucht und der ihm also zufällig hier in den Weg gelaufen. Eine Verständigung mit Barthold war aber an dem Tische selbst nicht möglich; er stand deshalb auf, gab dem Forstwart ein leises Zeichen, ihm zu folgen, und ging nach der andern Seite des Saales hinüber. Barthold verstand im Augenblick, was er wollte – blieb noch eine kurze Zeit sitzen und stand dann ebenfalls auf.
Der Fremde sah ihn über die Weinkarte an und rückte seine Lorgnette schärfer ins Auge; der Alte aber drehte sich langsam von ihm ab und stand wenige Sekunden später neben Georg.
»Was habt Ihr, Barthold?«
»Das ist er!« flüsterte der Forstwart rasch zurück.
»Wer? – der Fremde von Schildheim?« »Derselbe, den ich an der Eiche getroffen habe, und der dann am nächsten Tage mit in den Schlitten gestiegen ist.«
»Seid Ihr dessen ganz gewiß? – Ihr habt Euch heute so oft geirrt.«
»Alles, was ich gegessen habe, soll mir zu Gift werden, wenn das nicht der Rechte ist,« versicherte Barthold. »In dem irre ich mich aber nicht; das Gesicht ist nicht zu vergessen, und überdies hat er mich auch wiedererkannt.«
»Ihr glaubt wirklich?«
»Wenigstens ist ihm mein Gesicht bekannt vorgekommen, denn er hat mich ein paarmal durch sein viereckiges Glas, das er sich vors Auge klebte, betrachtet. Sehen Sie, Herr Baron, er dreht auch jetzt den Kopf wieder nach mir um. Das ist der Bursche, und ein schlechtes Gewissen hat er obendrein.«
Der alte Barthold hatte sich dieses Mal nicht geirrt; es war in der Tat Baron von Silberglanz, der, in der verdrießlichsten Laune von der Welt, dort am Tische saß und die Weinkarte musterte. Daß er allerdings dem, welchem er von allen am letzten zu begegnen wünschte, so unverhofft ins Garn gelaufen war, ahnte er noch nicht; des alten Forstwarts Gesicht und Kleidung war ihm aber in der Tat aufgefallen. Er mußte das Gesicht in letzterer Zeit irgendwo gesehen haben; das weiße Haar besonders machte ihn stutzig – doch wo? Er besann sich darauf, konnte aber nicht gleich die richtige Umgebung für ihn finden. Jetzt stand der andere Fremde auf, der mit am Tische saß – auch dessen Gesicht war ihm bekannt – jetzt folgte ihm der alte Jäger, und die beiden sprachen da hinten miteinander – er sah sich nach ihnen um und begegnete ihren auf ihm haftenden Blicken. Sie sprachen von ihm, und im Nu, während ihm das Lorgnon aus dem Auge fiel und sein Blut zum Herzen zurückfloh, kam ihm die Erinnerung an alle beide – kam ihm das Bewußtsein der Gefahr, in der er sich befand.
Das war der alte Jäger aus dem Walde bei Schildheim – der andere Monsieur Bertrand – der Baron von Geyfeln – wo um Gottes willen hatte er seine Augen gehabt, daß er ihn nicht gleich erkannte? Und rasch die Weinkarte hinlegend, dachte er jetzt nur daran, sich so rasch als irgend möglich zu entfernen, etwaigen unangenehmen Erörterungen am liebsten aus dem Wege zu gehen. Ein flüchtiger Blick dort hinüber überzeugte ihn auch rasch, daß er sich keineswegs geirrt. Georg, als er sah, daß er aufstand, bewegte sich durch die, dort für ihn glücklicherweise gedrängt sitzenden Gäste der Tür zu, jedenfalls in der Absicht, ihm den Weg abzuschneiden. Wenn er diese vorher erreichen konnte – sein Paletot hing dicht daneben – so war er sicher. Baron von Silberglanz dachte in der Tat in dem Augenblick gar nicht daran, daß er »Kavalier« sei, was er sonst selten vergaß. Sein einziger Gedanke war »Flucht«, und während er sich so wenig auffällig als möglich Bahn durch Kellner und Gäste machte, murmelte er leise und ängstlich vor sich hin: »O ja – weiter fehlte jetzt gar nichts mehr, um der ganzen Geschichte noch die Krone aufzusetzen – weiter gar nichts! Daß mich der Teufel auch plagen muß, gerade noch heute, den letzten Abend, diesem verzweifelten Menschen in den Weg...« Er streckte den Arm nach dem neben ihm hängenden Paletot aus; mit der Linken hatte er schon die Türklinke gefaßt, als er eine Hand auf seinem Arme fühlte und eine ruhige, tiefe Stimme an seiner Seite sagte: »Auf ein Wort, mein Herr.«
»Ja – bitte recht sehr – guten Abend,« erwiderte Herr Silberglanz rasch und verlegen.
»Bitte, Barthold, holt mir doch einmal meinen Hut dort – vom Tische da drüben. Ich stehe gleich zu Ihren Diensten.«
»Ich muß um Verzeihung bitten – ich bin in großer Eile.«
»Sie haben Zeit,« erwiderte Georg ruhig, »überhaupt ist es besser, daß das, was wir miteinander abzumachen haben, mit so wenig Aufsehen als möglich geschieht.«
»Ich begreife nicht, mein Herr – Sie irren sich wahrscheinlich in der Person. Ich bin Baron von Seltendorf.«
»Ich kenne Ihren Namen gar nicht,« erwiderte vollkommen gleichgültig Georg. »Der Name tut auch hier nichts zur Sache, wo wir uns bloß an die Person zu halten haben. – Ich danke, Barthold. Wartet hier, bis ich wieder zurückkomme.«
»Aber was wünschen Sie?«
»Da Sie so in Eile sind, werde ich Sie ein Stück begleiten. Was wir miteinander zu sprechen haben, bedarf überdies keiner Zeugen. Herr Baron, ich stehe zu Diensten.«
»Schön – sehr schön,« sagte von Silberglanz verlegen, indem er seinen Paletot anzog und sich in diesem Augenblick nach Paris oder London oder in irgend eine andere sehr entfernte Gegend wünschte. »Wenn es Ihnen denn gefällig ist...«
Georg machte eine auffordernde Bewegung für ihn, voranzugehen; von Silberglanz, sich jetzt mit einem tiefen Seufzer der Notwendigkeit fügend, gehorchte, und wenige Minuten später schritten die beiden Männer draußen am Bassin des Jungfernstiegs, von niemandem weiter gestört, dahin.
»Herr Baron,« brach Georg endlich das, für jenen schon drückend werdende Schweigen, »es ist zwischen uns beiden nicht weiter nötig, große Umschweife zu machen, und das beste wird sein, einfach und rasch zur Sache zu kommen. Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen, obgleich ich es fast vermute.«
»Ich habe in der Tat nicht die Ehre...«
»Nun gut denn – ich bin derselbe Mann, den Sie früher unter dem Namen Georg Bertrand kennen lernten, und Madame Georgine, die Sie aus Schildheim mit ihrem Kinde entführten, ist meine Frau.«