Der Wahnsinnige.
Eine Erzählung aus Südamerika
von
Friedrich Gerstäcker.
Wittenberg.
Verlag von Franz Mohr.
1856.
1.
Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres.
Ganz am äußersten Ende der Straße Santa Rosa in Buenos-Ayres stand ein breitschlächtiges niederes Gebäude, aus rothdunklen verwitterten Backsteinen errichtet; die schmalen und sparsam genug eingebrochenen Fenster mit dicken eisernen Stäben verwahrt, die schwere eichene Thür, oder das Hauptthor eigentlich, mit massiven Balken verschlossen und von der Straße selber aus mit keinem sichtbaren Eingang weiter. Dazu war es eine Strecke in den Platz hineingebaut, auf dem es stand, und das ganze Grundstück, das zu ihm gehören mochte, mit einer verwilderten, aber deshalb um so dichteren Hecke von in einandergedrängten stachlichen Kackteen eingeschlossen, die nur nothdürftig um den schmalen Eingang in dieß Gehöft, soweit gekappt waren, daß man bei vorsichtigem Betreten des äußeren Raums nicht in den Dornen derselben hängen blieb.
So belebt die Straße Santa Rosa nun auch nach dem innern Theil der Stadt zu sein mochte, so still und öde war sie hier, und glich in der That eher einer von traurigen Kacktushecken eingefaßten Landstraße. An den Seiten waren Gräben angebracht, das Wasser abzuleiten; zu den Thüren der einzelnen Hofräume führten schmale, darübergelegte, oft schlüpfrige und wurmzerfressene Bretter und der Fahrweg bestand in der jetzigen Regenzeit, dem südamerikanischen Winter, aus einer schwer flüssigen Schlammmasse, durch die sich die unbehülflichen Karren der Pampas mit ihren zwei Riesenrädern, von schläfrigen Stieren gezogen, langsam hindurch wälzten, und selbst der flüchtige Gaucho[1], der noch weiter draußen, die Straße verschmähend oder eine neue bahnend, über die Fläche dahin geflogen, zügelte hier seinen wilden Galopp und ließ sein ungeduldig schnaubendes, schäumendes Thier langsamer durch die schwimmende Masse hindurchschreiten.
Wenn es überhaupt Fußgänger in der Argentinischen Republik gäbe, wo Alles zu Pferde sitzt, wäre ihr Schuhwerk und ihre Geduld hier erprobt worden, dieser obere Theil der Straße wurde aber fast schon, wie es schien, zum Lande gerechnet, und wer selbst von hier aus irgend etwas aus einem der weiten, dem Mittelpunkt der Stadt zu gelegenen Läden zu holen oder Geschäfte hatte, die ihn dort hin riefen, verschmähte es wahrlich nicht, sein Pferd deshalb zu satteln.
Aber die Straße selber kümmert uns wenig, wir haben es mit dem alten Hause zu thun, und ich wollte die erstere nur etwas genauer beschreiben, dem Leser mehr die traurige, trostlose Öde des ganzen Platzes zu versinnlichen, die sogar noch einen unheimlichen Charakter annahm, wenn man die Bestimmung des alten wettergeschlagenen Gebäudes kannte.
Es war ein Irrenhaus — von Privatleuten angelegt und später, als sich diese nicht mehr im Stande fühlten, es fortzuführen, von der Regierung übernommen, aber in der Aufregung der Zeit nur spärlich verwaltet. Nichts desto weniger befanden sich gegenwärtig elf unglückliche Gäste in den Kammern oder Zellen des Gebäudes — einige in Ketten und Banden, andere frei in ihrem Zimmer, nur wenigen aber verstattet, den inneren, ebenfalls streng abgesperrten Hofraum zu betreten, dann und wann die frische Gottesluft einzuathmen.
Angestellt waren dabei ein Hauptarzt, ein Argentiner oder eigentlich ein geborener Spanier, denn wenn sich die Republik auch von der Regierung des Mutterlandes losgerissen, konnte sie doch noch nicht aus eigenen Kräften die Wissenschaft ersetzen, die ihr von dort herüber gekommen — und zwei Unterärzte, der obere von diesen ein geborener Argentiner aus Cordoba, der andere ein junger Schwede, der von Rio-Grande aus Brasilien, mit vielen Landsleuten und Deutschen herübergekommen war, dem aufblühenden Argentinischen Staat seine Kräfte zu weihen und sich hier rascher und leichter eine Existenz zu gründen. Er hieß Stierna und war der spanischen Sprache vollkommen mächtig.
Diesem, als jüngsten Arzt war auch die Behandlung der leichtesten Kranken anvertraut, die in der That hie und da nur verlangten, daß man nach ihnen sah, damit nicht rauhes Betragen der rauhen Wärter oder schlechtere Kost vielleicht sie unnöthiger Weise errege und ihre gehoffte Heilung erschwere.
Don Alvarado, der Oberarzt, kam selten, und bei sehr schlechtem Wetter nie heraus; Don Pancho hatte indessen die Oberaufsicht, und einzelne der Kranken waren es, die er ausschließlich behandelte, und zu denen er dem jungen Schweden fast nie, selbst nur den Zutritt gestattete, und geschah das wirklich, nur in seinem Beisein.
Zu diesen wenigen, die Don Pancho, und wie er behauptete, ebenfalls Don Alvarado für unheilbar erklärt hatte, gehörte auch ein Spanier, von blassen, aber edlen Zügen, reinlich und geschmackvoll, ja elegant gekleidet, und seine Toilette, auf die er mit größter Sorgfalt hielt, selbst in diesem Aufenthalt des Jammers auch nicht eine Minute vernachlässigend. Das schwarze glänzende Haar fiel ihm in reichen vollen Locken über die Stirn, den linken Zeigefinger schmückte ein kostbarer Diamant und seine Wäsche war vom feinsten Linnen und größter Sauberkeit. Auch in seinem ganzen Betragen war er ernst und ruhig, ein vollkommener Gentleman; und Stierna gab sich, während der zwei Male, die er den Kranken in Don Panchos Gegenwart besuchen durfte, die größte Mühe, irgend ein Symptom seines Leidens in einem äußern Zeichen zu entdecken — vergebens, der Kranke war artig, wenn auch einsilbig, äußerte nur ein paar kleine Wünsche wegen eines Zeichnenapparates und mehrerer Bücher, und der Schwede würde nach den zwei Besuchen nie einen Wahnsinnigen in ihm vermuthet haben — hätte er ihn eben an einem anderen Orte getroffen.
Die Anstalt selbst schien aber ebenfalls größere Rücksicht auf ihn zu nehmen, wie auf einen der anderen Kranken; sein Zimmer war mit einem Teppich belegt, der den kalten Backsteinboden vollständig bedeckte, er konnte schreiben und zeichnen, eine kleine Bibliothek selbst stand zu seiner Verfügung und er wurde in der That weit mehr wie ein Staatsgefangener, als ein Geisteskranker behandelt, so daß Stierna jedesmal nach einem solchen Besuch mehr und mehr den Gedanken in sich aufsteigen fühlte, es müsse dem Schicksal dieses Unglücklichen irgend ein tiefes und vielleicht gar düsteres Geheimniß zu Grunde liegen. Ein paar Mal versuchte er auch von seinem Collegen Aufschluß über dieß Verhältniß zu bekommen, aber umsonst; so gesprächig Don Pancho in jedem andern Fall auch sein mochte, hierüber gab er dem Frager immer nur kurze und stets ausweichende Antworten, bis diesem die ganze Sache zum peinlichen Räthsel wurde, dem er nun, koste es was es wolle, auch zur Wurzel nachspüren müsse.
Der Zufall war ihm hierbei günstiger als er erwartet hatte; Don Pancho nämlich wurde plötzlich so krank, daß er seinem Amte, von einem bösartigen Schleimfieber an sein Lager gefesselt, längere Zeit nicht mehr vorstehen konnte, und wenn sich auch Don Alvarado in den ersten Tagen der Geschäfte außergewöhnlich lebhaft annahm und die Anstalt den Tag über fast gar nicht mehr verließ, hielt dieser vortreffliche Eifer doch keineswegs so lange aus, wie das Schleimfieber seines Untergebenen, und schon nach drei Wochen ließ er Stierna zu sich rufen. Dort übertrug er ihm die tägliche Aufsicht der übrigen Kranken, zu seiner Hülfe ihm noch einen jungen englischen Arzt erlaubend, der an den Gouverneur Rosas von London selber empfohlen und von diesem augenblicklich eine, wenn auch für jetzt noch untergeordnete Stellung in dem Hospital erhalten hatte, nur freilich während der Krankheit des einen Unterarztes, dem aktiven Arzte mit beigegeben werden sollte.
Nach einer kurzen und allgemeinen Übersicht über die Kranken, kam übrigens Don Alvarado jetzt auch auf den wunderbaren Patienten, den Spanier zu sprechen, und warnte Stierna besonders, sich nicht in zu weitläufige Gespräche mit ihm einzulassen, da der Fall vorgekommen sei, daß er, nach einer sehr lebhaft geführten Unterhaltung einen förmlichen Anfall von Raserei bekommen haben sollte, während er sonst harmlos und still blieb, und selten nur den Dämon verrieth, der in ihm schlummerte.
»Ich glaube gerade nicht,« setzte der alte Herr hinzu, »daß Sie Don Morelos, wie der spanische Cavallero heißt, denn sein Familienname thut hier Nichts zur Sache, mit seinen Phantasieen behelligen wird, wenn Sie sich nur im Mindesten, wie Ihnen aufgetragen worden, von ihm zurückhalten; er ist gerade in letzter Zeit ganz besonders schweigsam gewesen. Um Sie aber auch auf die Möglichkeit eines solchen Falles vorzubereiten, wäre es doch wohl gut, ja vielleicht nöthig, daß ich Ihnen, wenn auch nur mit ganz kurzen Worten die Entstehung seiner Krankheit mittheilte.«
»Mit einem sehr bedeutenden Vermögen kam er nach Buenos-Ayres und seine weitere Geschichte, sein Aufenthalt in dieser Stadt berührt uns nicht, bis wir zu dem Moment kommen, daß er als der anerkannte Bräutigam der Tochter eines unserer ersten Föderalisten eine Rolle in unserer Gesellschaft zu spielen begann. Hier hatte er jedoch mit einem Nebenbuhler zu thun und sein wunderliches abstoßendes Wesen bewirkte nach und nach, daß er sich seiner Braut mehr und mehr entfremdete. Bei dem hitzigen Charakter unserer Landeskinder konnte das nicht lange ohne unruhige Folgen abgehn — die beiden Nebenbuhler bekamen — suchten vielleicht Streit miteinander. Eine Ausforderung wurde angenommen, Don Morelos aber, vielleicht schon damals in einem Anfall von Raserei, erstach den Secundanten seines Gegners und verwundete diesen selber ebenfalls so schwer, daß er für todt auf dem Platz blieb und erst nach langwierigem Krankenlager wieder hergestellt werden konnte.«
»Die Polizei war damals auf seinen Fersen, und man sagt, daß er der Strafe nur durch die merkwürdige Ähnlichkeit eines anderen Mannes entging, der an seiner Stelle von den Mashorqueros unseres glorreichen Gouverneurs ermordet wurde. Als er nach langem Siechthum wieder erstand, war er so verändert, daß man ihn kaum wieder erkannte; aber obgleich man ihn ruhig eine Zeit lang in der Stadt gewähren ließ, hatte man doch noch immer keine Ahnung davon, daß er irrsinnig geworden sein könne, bis er das alte Verhältniß mit seiner früheren Braut, die jetzt aber schon lange seinen früheren Nebenbuhler geheirathet, mit Gewalt fortsetzen wollte und dabei erklärte und behauptete, Donna Constancia sei vor Gott sein Weib, und ihr Gemahl, den er mit den entsetzlichsten Schimpfworten belegte, habe sich heimlich und lügnerisch in ihre Gunst gestohlen. Immer wildere Mährchen setzte er sich dabei zusammen, und damals kam man zuerst auf die Vermuthung, daß er wahnsinnig geworden wäre.«
»Eine genaue Beobachtung seines ganzen wunderlichen Lebens, denn er hatte sich in einem kleinen ärmlichen Häuschen der Vorstadt eingemiethet, setzte übrigens die Thatsache seines Wahnsinnes bald außer allen Zweifel er stieß sogar in einem öffentlichen Kaffeehaus einst einen, ihm wildfremden Menschen, mit dem er in ein immer hitziger werdendes Gespräch gerieth, plötzlich nieder, weil er behauptete, jener habe vor dreiundzwanzig Jahren seine Schwester ermordet — und er selber kann kaum siebenundzwanzig zählen. Dadurch schien aber damals die wirkliche Tollheit bei ihm ausgebrochen zu sein — mit dem noch blutigen Messer stürmte er damals in das Haus der Donna Constancia, ihren Gatten, Don Luis de Gomez, dem er die entsetzlichsten Dinge nachsagte — ebenfalls zu ermorden. Glücklicher Weise warf ihm die Polizei noch dicht vor dessen Thür einen Lasso über, und brachte ihn hierher.«
»Die ersten Wochen mußten wir ihn übrigens in einer der unteren festen Zellen halten; er wüthete und raste und verlangte frei gelassen zu werden; nach und nach legte sich das aber wieder, ja, er wurde so vernünftig, daß man wirklich einmal den Versuch mit ihm machte, ihn wieder, natürlich unter ihm unbewußter Aufsicht, aus der Anstalt zu entlassen. Das wäre aber beinahe schlimm abgelaufen, denn sein erster Gang war in das Haus des Don Luis, und ehe man es verhindern konnte, überfiel er den Señor und würde ihn erwürgt haben, hätte die Polizei nicht noch gerade zur rechten Zeit einspringen können. Er behauptet seit der Zeit, jene Dame sei seine eigene Frau, er aber habe einen Fremden bei ihr ertappt und ermordet, und sei deshalb für einen gewissen Zeitraum von den Gerichten eingekerkert worden. Er beträgt sich nun ruhig und ordentlich, und ich glaube, wir haben erst einen neuen Ausbruch zu erwarten, wenn er seine Zeit für abgelaufen halten wird — und müssen abwarten, wann das geschieht.«
»Sie wissen nun genug,« setzte der alte Herr hinzu, »Ihren Patienten zu behandeln; wie gesagt, vermeiden Sie am Besten jede Unterhaltung mit ihm. Sollte er aber doch, wider Erwarten, gesprächig werden und neue Thorheiten aushecken, so wünsche ich, daß ich augenblicklich davon unterrichtet werde.«
Stierna empfahl sich, und sein erster Gang war nach der Straße Santa Rosa zurück, die Zellen zu revidiren, und vor allen Dingen den jungen Mann zu besuchen, für den er, besonders nach der eben gehörten Erzählung, ein unbeschreibliches Interesse zu fühlen begann.
Der alte Don Alvarado hatte aber recht gehabt, Don Morelos begrüßte allerdings seine »neue Bekanntschaft,« wie er ihn nannte, auf das Artigste, schien aber nicht im Mindesten zu einer Unterhaltung aufgelegt, und drei Besuche vergingen, ohne daß der junge Arzt, der vor Ungeduld brannte, sich den Charakter dieses wunderbaren Kranken entwickeln zu sehen, mehr aus ihm herausgebracht hätte, als die gewöhnlichsten und alltäglichsten Begrüßungs- und Höflichkeitsphrasen.
Am vierten Tag schien der Kranke unruhiger als früher — er war erregt und sein Puls zeigte sogar ein leichtes Fieber. — Stierna erkundigte sich theilnehmend nach den einzelnen Symptomen, die ihm der Spanier jedoch nur als in einer unbedeutenden Erkältung entspringend, angab. Dadurch hatte sich aber zwischen beiden Männern eine Art Annäherung gebildet — es war fast, als ob zwischen ihnen eine Schranke gefallen sei, und der junge Spanier wurde, ehe ihn der Arzt wieder verließ, fast heiter, scherzte und lachte, und erzählte Anekdoten aus seinem frühern Leben — ohne jedoch die unmittelbar vor seiner Einkerkerung liegende Periode auch nur mit einer Sylbe zu erwähnen.
Als Stierna am andern Morgen wieder in seine Zelle trat, war es fast, als ob er einen alten Freund begrüßte, und doch hatte Don Morelos auch im Anfang wieder etwas Zurückhaltendes — es war, als ob ihm etwas auf dem Herzen liege, dessen er sich zu entlasten wünsche, und doch den Muth dazu nicht fassen könne. Stierna sah dies weniger, als daß er es fühlte, und mit der Berechtigung des Arztes, dem Kranken mit seinen Fragen geradezu in das Herz des Leidens, an die Wurzel des Übels zu gehen, nahm er seine Hand, und bat ihn frei und offen, mit ihm wie mit einem Bruder zu sprechen, wenn er irgend etwas für ihn thun, ihn in irgend etwas erleichtern könne.
Der junge Spanier sah ihn erst, wohl eine volle Minute, ernst und schweigend an, dann aber schüttelte er leise und wehmüthig lächelnd mit dem Kopf und sagte tief aufseufzend, und wie es schien mehr mit sich selber als zu dem Arzte redend:
»Es ist Alles vergebens — Sie würden mir doch nicht glauben, und — ich bin früher nach solchen Erklärungen nur härter behandelt worden — Rosas ist zu mächtig.«
Stierna sah ihn erstaunt an — diese Worte, ruhig und ohne die geringste Leidenschaft gesprochen, klangen gar nicht wie aus dem Munde eines Wahnsinnigen, und doch, auf eine unendlich verschiedene Weise äußert sich dieß entsetzlichste der menschlichen Leiden — der Irrsinn — wenn er das arme Hirn zerrüttet und den verstümmelten Geist nur noch im Körper gelassen zu haben scheint, die willenlose Maschine in toller ungeregelter Bahn vorwärts zu treiben — was Wunder, daß sie manchmal auf kurze Zeit der geraden ebenen Straße folgt, wer aber weiß, wenn und wie schnell sie wieder rechts oder links abstürmt in das Leere.
Der junge Spanier warf einen halb forschenden, halb schmerzlichen Blick auf das Antlitz des jungen Arztes, und als ob er gelesen, was in dessen Inneren vorgegangen, setzte er, mit dem Kopfe still vor sich hinnickend und kaum hörbar hinzu:
»Auch er!«
Stierna fühlte sich in einer peinlichen Situation; das Gespräch war plötzlich viel zu ernst geworden, ihn die Gefahr nicht einsehn zu lassen, wenn er darauf einging, und wie konnte er jetzt am besten wieder zurück? — Das Einfachste schien, irgend ein anderes Gespräch zu beginnen, ehe er aber dazu kommen konnte, stand Don Morelos plötzlich auf, nickte finster lächelnd mit dem Kopf, und ein paar Mal im Zimmer auf und ab gehend, sagte er endlich:
»Ich sehe, Sie haben Ihnen schon dasselbe Mährchen von mir erzählt, wie meinem früheren — Wärter, ich bin Ihnen als ein Tollhäusler geschildert, der anderer Leute Frauen für seine eigenen hält und die Männer deshalb anfällt — nicht wahr, ich habe recht?«
Er blieb, während er diese Worte sprach, lächelnd und mit verschränkten Armen vor Stierna stehen, und es lag etwas Triumphirendes in seinen Mienen, denn die Überraschung des jungen Arztes war deutlich in dessen Zügen ausgeprägt.
»Und Sie fühlen, daß dies nur eine Phantasie ist?« frug der Schwede, aber erst nach einer Pause, in der er wirklich seine Sinne diesem neuen Eindruck sammeln mußte. — »Sie sind überzeugt, daß diese Ideen nicht wieder kehren werden?«
»Lieber Freund,« sagte der Spanier ernst, »nur Gott kann hier für uns einstehen für das was wir werden sollen; nehmen Sie aber den gesundesten Gaucho von der Straße herauf, sperren ihn in einen dieser Räume — schreien ihm in's Ohr, daß er sich in einem Irrenhause befände und selber toll sei, und seine Sinneswerkzeuge müßten von Stahl und Eisen sein, wenn er es nicht wirklich auch am Ende würde — der Geist hält es nicht aus, gegen eine solche furchtbare Idee immer und immer wieder vergebens anzukämpfen.«
»Aber wenn Sie fühlen, daß Sie jene Idee abgeschüttelt haben, so werden sich diese Thore auch bald Ihnen öffnen — ich will gleich heute mit Don Alvarado —«
»Um Gottes Willen nicht!« unterbrach ihn der Spanier rasch und ängstlich, indem er seinen Arm ergriff; »das einzige Resultat davon wäre, daß man Sie nicht wieder zu mir ließe, und ich — fürchte jetzt fast, Sie wieder zu verlieren.«
»Aber Sie glauben doch nicht, daß man Sie hier zurückhalten würde, wenn nicht —«
»Wie lange sind Sie in der Argentinischen Republik?« unterbrach ihn Don Morelos finster.
»Zehn Monate etwa,« lautete die Antwort.
»Ich dachte es,« sagte der Spanier leise, »da stehen Ihnen denn freilich noch traurige Erfahrungen bevor. So wissen Sie denn, daß ich ein Opfer von Rosas furchtbarer, aber schlauer Politik geworden bin. Er hätte mich mit leichter Mühe tödten können — er hat das Blut Tausender vergossen, und das meinige würde nicht viel schwerer auf seiner Seele gelastet haben — aber er braucht in späterer Zeit die Beweise meines Lebens — es sind dies Familienverhältnisse, zu denen es Stunden bedürfen würde, sie Ihnen auseinander zu setzen — und während er keine passende Entschuldigung finden konnte, mich in einen Kerker zu werfen, wurde die Straße Santa Rosa ein vortreffliches Asyl für den armen Geisteskranken.«
»Aber Don Alvarado —«
»Darf nicht anders — lieber Freund, wir hüten uns zu tanzen, wenn wir auf der dünnen Kruste eines Vulkans stehen. Don Alvarado weiß recht gut, daß er dem Willen des Diktators nicht entgegenhandeln darf, und daß es selbst zu einem Verbrechen werden könnte, auch nur seinem Wunsche nicht zu begegnen; die Mashorqueros[2] sind vortreffliche Überzeugungsgründe, und es erfordert starke Nerven, oder — ein schnelles Roß — ihnen zu widerstreben.«
»Aber jene Dame?« — sagte Stierna, noch immer zögernd und halb ungläubig, obgleich ihn das ruhige resignirte Benehmen des wahnsinnig gesagten als fast zu starke Beweise für dessen Behauptungen erwuchsen.
»Die Dame?« lächelte Don Morelos wehmüthig, und barg für wenige Sekunden seine Augen in der deckenden Hand, dann sich aber emporrichtend sagte er langsam und leise mit dem Kopf dazu nickend: —
»Sie verstehen es — sie verstehen es, die Teufel, Einem das Herz in der Brust zu wenden nach eigenem Gutdünken, und wenn es blutet, schreien sie Mord! er ist der Thäter — das ist Gottes Gericht. Nein, Señor,« wandte er sich dann lebendiger an den jungen Mann, »lassen Sie nicht auch das eigene Herz Zeuge gegen den Verstand eines Unglücklichen sein — behandeln Sie mich wenigstens nicht wie einen Tollen, und wenn Sie mir auch nicht helfen können, lassen Sie mir wenigstens das Glück, ein Wesen in meiner Nähe zu wissen, das nicht, mit den Übrigen im Bund, mich nur dahin zu treiben sucht, wofür diese mich ausgeben.«
Stierna fühlte sich, als er den Unglücklichen an diesem Tage verließ, wie im Traum, und die widersprechensten Gefühle kämpften in seinem Innern. Verhielt sich die Sache wirklich so, als sie ihm Don Morelos erzählt, und was auch seine Vernunft dazu sagen wollte, sein Herz drängte ihn, es zu glauben — so war er hier der Mitschuldige eines furchtbaren Verbrechens, einer That, weit schlimmer als kaltblütiger Mord, denn dieser tödtet nur den Leib, während jene darauf hin arbeitete, die Seele eines Menschen langsam und teuflisch zu vernichten.
Am nächsten Morgen suchte er Don Alvarado auf, aber dessen mißtrauischer Blick nur, als er die erste, noch ganz gleichgültige Frage über diesen Kranken that, warnte ihn, weiter zu gehen, wenn er nicht allerdings befürchten wollte, von jeder Verbindung mit ihm abgeschnitten zu werden. Ebenso vergebens waren seine Nachforschungen in der Stadt, etwas Näheres von Unbetheiligten über den Zustand des jungen Spaniers zu hören. Man erinnerte sich allerdings noch eines ähnlichen Vorfalls; die letzten Jahre hatten aber so viel des Neuen und Entsetzlichen gebracht, daß einzelne Daten in dem allgemeinen Strom des Blutes, das durch die Straßen der Stadt, oft aus den treuesten Herzen geflossen, untergingen und verschwanden. Niemand dachte mehr, wie es schien, an diesen besonderen Fall, und nur ein einziger alter Spanier, der Don Morelos auch wohl früher persönlich gekannt, äußerte gegen den jungen Arzt, mehr dabei als wohlmeinende Warnung, wie irgend eine Auskunft gebend — »es sei vollkommen hinreichend, von dem Diktator für wahnsinnig erkannt zu sein — um es wirklich zu werden.«
Alles das diente nur dazu, dem exaltirten jungen Schweden mehr und mehr die eigene Erklärung des angeblichen Kranken glaubhaft erscheinen zu lassen, und so peinlich wurde ihm zuletzt das Gefühl, der Gefängnißwärter eines unschuldig Eingekerkerten sein zu müssen, daß er Pläne auf Pläne entwarf, dem zu entgehen, oder ein Mittel aufzufinden, dem Gefangenen zu helfen.
Don Pancho hatte sich indessen von seiner Krankheit erholt, und war wenigstens so weit hergestellt worden, theilweise seinen früheren Dienst wieder zu versehen; Stierna mußte ihn allerdings noch sehr dabei unterstützen, aber einige wenige Kranke, und unter diesen Don Morelos, nahm er wieder unter seine eigene Aufsicht, und nur das schien der Schwede durch die bisher ihm überlassene Behandlung gewonnen zu haben, daß er nicht mehr so streng von diesem entfernt gehalten wurde, und wenigstens dann und wann Zutritt hatte.
Gerade dieser gewisse Zwang beförderte aber, ja beschleunigte, was vielleicht monatelanges freies Aus- und Eingehen des jungen Arztes, wenigstens nicht in der Stärke bewirkt haben würde — diese beiden jungen Leute, der Arzt und sein »Kranker«, wurden innige Freunde, und Stierna's einziges Streben war jetzt darauf gerichtet, ein Mittel ausfindig zu machen, den Freund zu retten. Noch aber hatte er mit ihm selber nicht ein Wort darüber gesprochen, denn wenn er auch mit Freuden seine ganze Stellung, wie die Gewißheit, hier einst eine sichere Existenz für sich zu gründen, von sich geworfen hätte, fehlte es ihm doch an den nöthigen Mitteln, eine Flucht glücklich durchzuführen, die, wenn vor der Zeit entdeckt, jedenfalls sein Leben gekostet, und die Lage des unglücklichen Gefangenen gewiß um vieles verschlimmert haben würde.
Augenscheinlich war dabei, daß der Gefangene selber zu viel Zartgefühl besaß, diesen Punkt zu berühren — er mußte ja recht gut wissen, was davon für seinen jungen Freund abhing, und überdieß war eine Flucht aus diesem Gebäude, das mit einer Masse müßiger Wächter versehen, unter der besonderen Aufsicht des Gouverneurs stand, auch gar nicht so leicht, und der schwächliche Spanier durfte sich dabei nicht einmal auf seine eigene Energie und Ausdauer verlassen. Stierna wurde sein Zustand aber trotzdem zuletzt so peinlich, daß er es nicht länger ertragen konnte, und unter jeder Bedingung beschloß, Don Morelos wenigsten von seiner eigenen Absicht in Kenntniß zu setzen, und ihm seine Hülfe anzubieten, wenn er nur irgend einen haltbaren Plan wüßte, die Flucht nicht allein aus dem Kerker, sondern auch auf Nachbargebiet nach Brasilien oder wenigstens nach Monte-Video zu bewerkstelligen.
Hierzu fand sich bald eine günstige Stunde; Don Pancho war eines Nachmittags mit Don Alvarado zu dem Diktator selber geladen, vielleicht einen Bericht über ihre Kranken abzulegen, und Stierna säumte diesmal nicht, den, vielleicht nicht sobald wiederkehrenden Augenblick zu benutzen.
Merkwürdig und eigenthümlich war der Eindruck, den die Erklärung des jungen Mannes auf den Gefangenen machte. — Er wurde leichenblaß, sah den Freund wohl eine halbe Minute starr und regungslos an, und barg dann das Antlitz in den Händen, während sein Körper wie in furchtbarer Aufregung arbeitete, und das Blut in den Adern seiner Schläfe aus der bleichen Haut herauszuspritzen drohte. Auch erst nach langer Zeit gab sich diese durch die plötzliche Freudenbotschaft vielleicht so gewaltsam heraufbeschworene Leidenschaft, und als er die Hände endlich wieder von seinen Zügen entfernte, hatten diese ihre volle Ruhe zurückgenommen; nur die Augen leuchteten noch in einem wilden, fast unheimlichen Feuer. Er lauschte auch jetzt den Plänen und Vorschlägen des jungen Schweden mit lautloser Ruhe, ja eigene Ideen schienen sich bei ihm in derselben Zeit zu bilden, und als ihn »Don Federigo« (wie der junge Arzt, nach der Sitte der Südamerikaner die Leute mit ihren Vornamen zu belegen, gewöhnlich hier genannt wurde), endlich um seine Meinung frug, gab er eine ganz verkehrte Antwort. Erst als Stierna als Haupt-, ja als einzige Schwierigkeit des ganzen Gelingens den Mangel an baarem Geld erwähnte, ohne das es fast eine Unmöglichkeit sein würde, zu entkommen, ergriff er des Doktors Hand und sagte rasch und fast fröhlich:
»Wenn weiter keine Fessel meinen Fuß hier bindet, so ist die bald gehoben — kennen Sie die Straße Piedras? — die dritte von hier, die nächste gleich nach Chacabuco? dort an der Ecke vom Commercio steht ein kleines niederes Backsteinhaus — hier ist die Adresse des Mannes an der Plaza, der es zu vermiethen hat — steht es leer, miethen Sie es um jeden Preis, hat es einen Miethsmann, so bieten Sie dem Eigenthümer das Doppelte, Dreifache — Hundertfache —« Er besann sich plötzlich und hielt sich seine Schläfe — er war in furchtbarer Aufregung, aber die Wichtigkeit des Moments entschuldigte das auch vollkommen in Stierna's Augen, und nun seine Hand fassend, bat er ihn sich zu mäßigen, daß man ihn nicht in den nächsten Zimmern höre, und einer der Wächter vielleicht herbeigerufen würde.
Don Morelos, der bei der ersten Berührung förmlich zusammenzuckte, erholte sich doch schnell wieder und einige Mal jetzt mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab gehend, schien er endlich in der gewaltigen, freudigen Aufregung des Augenblicks seine Sinne soweit gesammelt zu haben, die Gedanken auf den einen, für sie jetzt wichtigsten Punkt zu bringen. Er theilte nun dem aufmerksam lauschenden Freunde mit, daß er in dem Eckzimmer jenes kleinen Gebäudes, in welchem er mehrere Monate seines ersten Aufenthalts in Buenos-Ayres gewohnt, unter ein paar genau bezeichneten Steinen einen Beutel mit Unzen verborgen habe, die für die nächste Zeit alle ihre Bedürfnisse reichlich decken und ihre Passage nach irgend einem Theil der Welt bezahlt haben würde. Gelang es ihnen, sich, und sei es auch nur auf einen einzigen Tag, in ungestörten Besitz des Zimmers zu setzen, so hatten sie was sie brauchten, alle ihre Pläne in Ausführung zu bringen, und Stierna selbst, bis zu krankhafter Erregung getrieben, verließ den Spanier, den erhaltenen Auftrag so rasch als möglich auszuführen.
Vorerst suchte er das bezeichnete Haus in der Calle Piedras auf, und fand es zu seiner Freude unbewohnt; der Wirth, zugleich Eigenthümer einer Pulperia oder Schenkwirthschaft, machte erst Schwierigkeiten, da er schon in nächster Woche dort oben gleichfalls ein Schenkhaus für agua ardiente und caña anlegen wollte, als ihm aber Stierna selbst für die eine Woche einen guten Miethzins bot, indem er vorgab, die gegenüberliegenden Häuser im Auftrag ihres Eigenthümers abzeichnen zu wollen, verstand er sich dazu, und der junge Doktor schaffte noch an demselben Abend eine Staffelei mit dem nöthigen Zeichnen- und Malapparat in die glücklich gewonnene Stube.
2.
Die Flucht.
Zwei Tage später waren alle nöthigen Vorbereitungen getroffen; Stierna hatte das Gold gefunden und glücklicher Weise lag gerade ein deutsches Fahrzeug im Hafen, das am nächsten Morgen, mit Tagesanbruch segeln wollte. Es war nach Valparaiso bestimmt, wollte aber erst noch einmal Monte-Video anlaufen, um dort einige Passagiere an's Land zu setzen, und da Rosas Gewalt nicht bis zu diesem Orte reichte, ein Flüchtling der Argentinischen Republik jedoch mit offenen Armen dort empfangen wurde, akkordirte er zwei Plätze nach dieser Stadt, und schaffte durch die Gefälligkeit des Capitains unterstützt, der ihm die eigenen Leute dazu borgte, mit einbrechender Dunkelheit was er hatte aus seiner Wohnung an die Landung, wo es von dem Kapitain selber in Empfang genommen, für seine eigenen Effekten ausgegeben, und an Bord gebracht wurde. Zu gleicher Zeit hatte er sich eine kleine Strickleiter zu verschaffen gewußt, die der junge Spanier unter seine Matratze verbergen mußte, die Stäbe waren ebenfalls bald durchgefeilt, und es galt jetzt nur noch, nach zehn Uhr, wenn die Revision vorbei war, die beiden Schildwachen vorn am Hause auf kurze Zeit zu beschäftigen, wozu Stierna ebenfalls die beste Gelegenheit hatte und benutzte.
Unten in der Wohnung, in einer der festen Zellen, lag ein Rasender an Ketten, tobend, bis ihm die fast herkulischen Kräfte versagten, und schwach und lenksam wie ein Kind für die kurze Zeit der Rast, bis die erschöpften Sehnen wieder neues Leben, und dadurch die in ihm gährende Wuth auch, wie es schien, neue Nahrung fand. Die Erinnerung an irgend etwas Bestimmtes schien er verloren zu haben — er ras'te eben blos, nur Rosas Name durfte nicht in seiner Gegenwart genannt werden, wenn man nicht fürchten wollte, daß er selbst diese furchtbaren Banden zerriß, die ihn fast zu Boden drückten. — Seine Zähne knirschten dann über einander, als ob sie zersplittern müßten, der weiße Schaum trat ihm auf die Lippen, und die Augen quollen förmlich aus ihren Höhlen. Es ging ein dumpfes Gerücht im Haus, daß dem Mann, durch die Mashorqueros des Diktators vor seinen Augen und in wenigen Minuten fünf erwachsene Söhne abgeschlachtet wären, aber man murmelte das mehr als einen Vorwurf für den Alten, daß er solch alltäglichen Falles wegen den Verstand verloren, da ihm Rosas noch dazu den Kopf dafür gelassen, — gegen die That selber wagte Niemand ein Wort zu äußern.
Dieser Unglückliche hatte sich an dem einen Handgelenk wundgescheuert, und Stierna, dem schon an diesem Morgen der Auftrag geworden, die Kette abzunehmen und anders zu befestigen, verschob dies als eine, seinem Plan vollkommen günstige Gelegenheit bis zum Abend. Vor Dunkelwerden mußte er das allerdings vornehmen lassen, fand aber noch eine Ausrede in dem ihm gefährlich dünkenden Zustand des Alten, das Abnehmen der Ketten, das ihn wieder aufregen konnte, hinauszuschieben, und rief nun, als er die Zeit für passend hielt und dem Freund das verabredete Zeichen gegeben, die beiden Schildwachen nach vorn zum Haus, dort zur Hülfe bereit zu sein, wenn der Unglückliche, mit dem sie es hier zu thun hatten, vielleicht gerade dann einen seiner Wuthanfälle bekommen sollte. Sämmtliche Wärter der Anstalt interessirten sich ebenfalls für den Alten, der im ganzen Haus nur den Namen el bruto führte, und wer nicht um ihn wirklich beschäftigt war, drängte sich doch in den Gang, zu sehen, wie sich »das Thier« benehmen würde.
Don Morelos ließ indeß die Zeit nicht unbenutzt vorbeigehen — rasch waren die, schon lange durchgefeilten Eisenstäbe ausgebrochen, und mit der Gewandtheit einer Katze glitt er an der schwanken Leiter nieder, schlich zu dem Kaktuszaun, schnitt sich hier mit einem großen Argentinischen Messer, das ihm Stierna ebenfalls verschafft hatte, die Bahn ins Freie, und war wenige Minuten später in der Dunkelheit verschwunden.
Der Schwede hatte indessen die Kette von dem Arm des Unglücklichen nehmen lassen, und die Wunde am Knöchel verbunden, — der Tolle saß auch ruhig dabei, und ließ Alles geduldig mit sich geschehen, neugierig nur starrte er auf die Gesichter der Umstehenden, und es war fast, als ob er in dem Chaos seiner Erinnerungen vergebens nach ähnlichen Zügen suche. Zwei Männer hatten ihn, trotz dem Eisen an den Füßen, halten sollen, da er sich aber so ganz ruhig verhielt, ja so schwach schien, daß er kaum im Stande war, aufrecht zu sitzen, ließen sie die umklammerten Arme los und lehnten seinen Oberkörper an ihre Knie.
Die Wunde war indessen ausgewaschen, fing aber wieder frisch zu bluten an, und Stierna wickelte das mit einer kühlenden Salbe bestrichene Leinen darum, die Blutung zu stillen. Jenes furchtbare, nichtssagende todte Lächeln schwebte dabei um die Lippen des Unglücklichen und zuckte in seinen Wimpern, — der Schmerz des Verbindens machte ihn zuerst aufmerksam auf seinen Arm, und in dem nämlichen Moment fast quoll das Blut durch die Leinwand und färbte diese.
Die Wirkung war entsetzlich, und ehe die hinter ihm Stehenden nur so weit die verlorene Besinnung wieder gewannen, zuzugreifen, hatte sich der, noch vor wenigen Minuten fast hülflose Greis emporgeschnellt, und mit dem tollen Aufschrei »Blut! — Blut! — Das war der erste!« — warf er sich auf einen der Wärter, der die Lampe hielt und schlug ihm, wie ein wildes Thier im Ansprung, die Zähne in die Brust.
»Hülfe!« schrie der Arme, ließ die Lampe fallen und stürzte rückwärts zu Boden nieder — »Hülfe! Erbarmen!« aber der Rasende hatte ihn zu fest und sicher gepackt, und vergebens warfen sich die Wärter jetzt auf ihn, ihn fortzureißen, vergebens schlug ihn Einer derselben, als jede andere angewandte Gewalt nutzlos blieb, mit seiner eigenen Kette auf die Stirn, daß er betäubt zusammenbrach. Die Zähne ließen nicht los, bis sie das Fleisch, das sie gefaßt, vom Körper trennten, und jetzt, an allen Gliedern wieder gefesselt, wurde der noch immer Bewußtlose, mit schnell umgelegten Verbande, in seine Zelle zurückgeschleift.
Stierna mußte jetzt erst noch den schwer verwundeten Wärter verbinden, und dann dem finsteren Schreckenshaus, das noch in seiner letzten Scene so furchtbare Erinnerung für ihn bewahren sollte, ein leises, aber aus innerster Brust kommendes Lebewohl zurufend, warf er sich auf sein draußen angebunden stehendes Pferd, und trabte rasch die Straße hinab, dem inneren Stadttheile zu, wo er seinen jungen Freund an einem, ihm genau bezeichneten Ort schon zu finden hoffte.
Während die Wärter in dem Irrenhaus mit dem Tollen rangen, sprang die Straße hinunter, den Schlamm nicht achtend, der um sie her spritzte, eine dunkle Gestalt mit bleichen, fast geisterhaften Zügen; der Straße Santa Rosa folgend, bog sie erst in die von Santa Clara ein, und vollkommen mit der Lokalität des Platzes bekannt, wie es schien, mäßigte sie erst ihren Schritt, als sie sich einem großen dunklen Gebäude näherte, das die Ecke dieser und der Calle Lima bildeten. In den langen Pancho gehüllt, drückte sie sich, diesem gegenüber, in den dunklen Schatten eines anderen hohen Hauses, von den Vorübergehenden oft und neugierig angestarrt, aber ohne ihrer zu achten, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, und blickte, das Antlitz jetzt total in dem weiten Tuche versteckt, daß die glühenden Augen nur eben darüber sichtbar waren, regungslos nach einem dicht verhangenen, und stark vergitterten Fenster des unteren Stocks hinüber, aus dem ein schwacher Lichtstrahl vordämmerte. Aber die Thür öffnete sich nicht — Niemand verließ das Gebäude, Niemand betrat es, und eben das einzelne Licht ausgenommen, hätte man die ganze düstere Steinmasse für öde und unbewohnt halten können.
Es war nahe an zehn Uhr, nur noch einzelne Fußgänger, die hier in dem belebtesten Theil der Stadt, in dem selbst Trottoirs hergerichtet waren, ihren eigenen Wohnungen zueilten, brachen manchmal die stille Öde der Straße, diese aber wichen jetzt scheu der noch immer dort lehnenden Gestalt aus, und beschrieben, selbst den Schlamm des Fahrwegs nicht achtend, lieber einen Bogen um sie, oder kreuzten nach der anderen Seite hinüber. Alle Läden, alle Thüren waren geschlossen, die meisten Lichter sogar schon verlöscht, nur das eine, in dem dunklen Haus warf noch seinen matten Schein auf den Vorhang, der das Innere des Gemaches vollständig den Augen der Vorübergehenden verbarg.
Niemand war jetzt mehr auf der Straße zu hören, eine kleine Patrouille Argentinischer Miliz bog um die nächste Ecke und marschirte, zur Ablösung irgend eines Postens, die Straße hinab, dem Castell zu — ihre Schritte verhallten in der Ferne und deutlich tönte der scharfe eigenthümliche Flügelschlag zahlreicher Züge von Wildenten, die von dem Strom nach den zahlreichen Binnenwässern hinüber oder zurückstrichen, durch die Nacht, und unterbrach die sonst todtenähnliche Stille.
Der Mann in dem dunklen Pancho schritt jetzt rasch quer über die Straße hinüber, horchte einen Augenblick an der Thür und ließ dann zweimal den Klopfer aufschlagen, daß es durch das ganze Gebäude hallte. Wenige Sekunden später ging drinnen eine Thür, ein schwerer Schritt klappte durch das Haus, und eine Stimme von innen heraus frug wer da sei. —
»Viva la confederation![3]« sagte der nächtliche Klopfer mit lauter, ruhiger Stimme.
»Mueran los salvajes Unitarios,[4]« antwortete der im Haus Befindliche, und zwei zurückgeschobene Riegel kündeten gleich darauf, wie er das Feldgeschrei seiner Parthei für eine hinlängliche Bürgschaft des guten Charakters seines nächtlichen Besuches halte, ihm selbst in dieser späten Stunde Einlaß zu gönnen. Gleich darauf wurde ein Schlüssel im Schloß umgedreht und die Thür öffnete sich nach Innen, während das Licht der Lampe, die der Aufschließende in der Hand hielt, voll auf das Antlitz seines späten und ungekannten Besuchers fiel.
»Ave Maria!« sagte der Alte aber fast unwillkürlich, als er das todtenbleiche Gesicht und die dunkelglühenden Augen gewahrte, die auf ihn geheftet waren — »was wünscht Ihr, Señor, zu so später Zeit?«
Der Fremde strich sich mit der Linken das feuchte rabenschwarze Haar aus der Stirn und sagte dann mit ruhiger Stimme, die der unruhige Ausdruck seiner Züge freilich Lügen strafte.
»Ich muß um Entschuldigung bitten, Sie so spät zu stören, aber ein wichtiger Auftrag zwang mich dazu — ist Don Luis de Gomez noch zu sprechen?«
»Don Luis ist nicht zu Hause,« erwiderte der Alte, und musterte jetzt zum ersten Mal, und wie es schien, etwas erstaunt den verstörten und schlammbespritzten Anzug des Fremden, »Ihr kommt wohl aus dem Inneren, Señor?« setzte er dann fragend hinzu. —
»Nicht zu Hause?« wiederholte aber der Fremde rasch und wie es schien ungläubig — »sagt ihm, guter Freund, daß ich ihm wichtige Depeschen bringe, deren Verschieben Unheil über viele Menschen bringen könnte.«
»Aber Don Luis hat Buenos-Ayres schon vor drei Monaten verlassen,« bekräftigte der Alte seine frühere Aussage, »und ist nach Valparaiso im Auftrag Sr. Excellenz des Gouverneurs gegangen — den Gott beschützen möge.«
»Nicht in Buenos-Ayres?« rief der Fremde, erschreckt einen Schritt zurücktretend — »nach Chile? — und Donna Constancia? —«
Ehe der Alte diese zweite Frage noch beantworten konnte, öffnete sich die Seitenthür, und eine alte Dame, den Kopf sorgfältig in ihre Mantille eingeschlagen, die sie unter dem Kinn durchgezogen und über die linke Schulter zurückgeworfen hatte, schaute heraus, hatte aber kaum das bleiche Antlitz des Fremden erkannt, auf das in diesem Augenblick das volle flackernde Licht der Lampe fiel und ihm einen noch viel wilderen unheimlicheren Ausdruck gab, als sie einen gellenden Schreckens- und Hülfeschrei ausstieß und die Thüre wieder ins Schloß werfend, vor der sie ihren Gatten oder was er sonst sein mochte, total und unbekümmert seinem Schicksal überließ, riß sie das Fenster ihrer Stube auf und rief mit einer Stimme, die Todte hätte erwecken können »Hülfe« und »Mord« in die stille Nacht hinaus.
Der Alte erschrak natürlich nicht wenig über den unerwarteten, und für jetzt allerdings noch total unbegründeten Nothschrei, riß aber doch das Messer, das er wie jeder Argentiner bei sich trug, aus der Scheide, und sah den bleichen Fremden verdutzt und unentschlossen an. Dieser war bei dem ersten Schrei der Frau wild emporgezuckt, und auch seine Hand griff wohl unwillkürlich nach der, unter dem Pancho verborgenen Waffe, wie er aber das Hülfegeschrei der Frau nach der Straße zu hörte, stutzte und horchte er erst einige Secunden und stieß dann plötzlich ein so wildes fürchterliches Gelächter aus, daß der Alte entsetzt zurücktaumelte. In dem nämlichen Augenblick war aber dieser wilde unheimliche Besuch durch die noch offene Hausthür wieder hinaus auf die Straße geschlüpft, und während der Alte mit vor förmlicher Todesfurcht zitternden Händen, die Riegel wieder vorschob und seiner Frau, lange vergeblich durch die verschlossene und von Innen förmlich verbarrikadirte Thür zurief, daß jede Gefahr — wenn überhaupt irgend eine vorhanden gewesen, vorüber sei, floh Morelos mit lautem, schallendem Gelächter die menschenleere Straße hinab und das Hülfegeschrei der alten Dame tönte gellend hinter ihm drein.
Keine Thür, kein Fenster öffnete sich dabei. — Anfälle auf offener Straße gehörten in gegenwärtiger Zeit, und unter Rosas strenger Polizei, allerdings zu den Seltenheiten, fielen aber doch dann und wann vor, und Privatleute hüteten sich wohl, sich in derlei Streitigkeiten zu mischen; ja wer sich gerade zufällig in der Nähe auf der Straße fand, floh, so rasch er konnte, solcher Nachbarschaft zu entgehen, die oft in ihren Folgen selbst für die Zeugen lange Verhöre und selbst für Einkerkerungen mit sich brachten — hatte sich endlich die Polizei wirklich einmal in's Mittel geschlagen.
Als der Lärm verhallt war, marschirte auch heute eine kleine Militärpatrouille von sechs Negersoldaten und einem Mulatten als Unterofficier, langsam durch die Straße — an den Ecken hielt sie still, Straße auf und ab zu horchen, ob sich noch etwas vernehmen lasse, und schickte hie und da einen Mann nach rechts oder links ab, zu sehen, ob der dunkle Gegenstand an der anderen Seite der Straße vielleicht die Leiche irgend eines Ermordeten wäre, als sie aber nichts weiter Verdächtiges fand, zog sie sich, sehr zufrieden mit dem Resultat, in ihre Quartiere zurück.
Am Ufer des La Plata und überhalb der sogenannten Bootlandung läuft eine einzelne Reihe von Ombubäumen hinauf, die dort enden, wo die Stadt eigentlich, trotz dem ausgelegten Plan noch nicht begonnen hat, und eine hohe Plankenwand weiter keinen Zweck zu haben scheint, als das Ufer gegen das Anstürmen der Wellen zu schützen, die hier, bei einem tüchtigen Südosten oft in rasender Gewalt gegen die Küste auftoben können, während der fast seegleiche Strom mit jedem anderen Winde diese Bucht in Spiegelglätte hält.
Auf dem Platz lag Bauholz zerstreut umher, und unter dem letzten Ombubaum, der mit seinen breiten, dichten Ästen seinen Stamm in völlige Dunkelheit hüllte, stand Stierna in peinlicher Ungeduld und harrte Stunde nach Stunde vergebens des Freundes. Was war aus ihm geworden, konnte ihm ein Unglück zugestoßen — konnte er erkannt und wieder eingefangen sein? Das Herz schlug dem jungen Schweden in quälender Angst um den Unglücklichen, denn nicht retten hätte er ihn dann wieder können, und er selber durfte sich, war ihm sein Leben lieb, wahrlich nicht wieder in der Stadt zeigen, wo er, ein öffentlich Angestellter des mächtigen Gouverneurs, diesem selbst in seinen Plänen entgegengewirkt.
Schon hatte er eine Zeit lang von den Thürmen zehn Uhr schlagen hören, als sich plötzlich Schritte nahten — es war das regelmäßige Auftreten einer Wache, die den breiten Fahrweg niederkam und auch dicht an dem Baum, an dessen Stamm geschmiegt der Doktor stand, vorbeimarschirte.
»Bei dem Wetter soll man nun recognosciren,« sagte der eine der Soldaten, die sich höchst unbefangen mit einander unterhielten, zu dem anderen — »und man weiß gar nicht, wo der Lärm gewesen ist.« —
»Bei Don Gomez — meint die eine Wache,« erwiederte ein anderer, »aber noch ist nichts Bestimmtes bekannt — wie wir vorbeimarschirten war ja auch Alles still und ruhig dort.« —
Die Worte verklangen in der Ferne, und Stierna zerbrach sich eben den Kopf, was man mit dieser Patrouille hier eigentlich zu so außergewöhnlicher Zeit wollte, wenn nicht die Flucht des Gefangenen schon bekannt geworden wäre, als ihn plötzlich ein leiser Pfiff, dicht von den Häusern kommend, aufstörte, und freudig emporfahrend, erkannte er eine dunkle Gestalt, die rasch über die Straße glitt und in seine ausgebreiteten Arme sank. Es war Don Morelos.
»Aber wo um Gottes Willen sind Sie so lange geblieben?« rief Stierna ängstlich, seinen Arm ergreifend und haltend — »ich fürchtete schon —«
»Pst — wir müssen fort,« unterbrach ihn aber der junge Spanier — »die Patrouillen scheinen schon mehr zu wissen, als uns gut sein möchte. — Wie aber kommen wir an Bord?« —
»Ein Canoe liegt hier zwischen den Felsen, das uns —«
»Gut, gut, fort nur, das Wetter ist herrlich — hurrah, nach Chile, und wie sie schauen werden, hahahahaha!« —
»Um Gottes Willen nicht so laut,« bat ihn ängstlich der Schwede, »die Patrouille kann dort oben wahrscheinlich nicht hinaus, und muß hier bei uns wieder vorbei — wir dürfen uns deshalb auch nicht auf's Wasser wagen, bis sie passirt ist.«
Das scharfe Ohr des Spaniers hatte indessen schon wieder die rückkehrenden Schritte der Soldaten vernommen, und sich dicht an den Stamm des Baumes schmiegend, dessen ungleiche und hohe Wurzeln ihnen ungemein günstig waren, drückten sie sich lautlos zwischen diese hinein, bis die Gefahr vorüber war. Die Patrouille zog indessen mürrisch und schweigend vorbei; es regnete jetzt, was vom Himmel herunter wollte, und die armen Teufel von Soldaten dachten in ihren dünnen nassen Jacken an den feuchten, kalten Raum, der sie erwartete, wenn sie nach ihrer Hauptwache jetzt zurückkehrten. Wer konnte in solcher Nacht hoffen, irgend Jemanden einzufangen, dem nicht selber daran lag, arretirt zu werden.
Eine Viertelstunde später glitt das kleine Canoe, von Stiernas Hand gerudert, und die Fahrzeuge der Binnenrhede vermeidend, auf die Außenrhede hinaus. Vom Bug des kleinen Schuners »Oporto« hing eine Laterne, deren Licht durch die geschliffenen Scheiben wie ein Stern durch die Nacht funkelte. Zu Starboard vom Bord hing die Fallreepstreppe nieder, und das Canoe treiben lassend, um morgen irgendwo am Ufer des La Plata von einem Fischer aufgefangen zu werden, betraten sie das Fahrzeug, das sie mit Tagesanbruch der gefährlichen Nähe des Diktators und seiner Häscher entführen sollte.
Der Capitain selber hatte nicht die mindeste Lust in irgend eine Schwierigkeit mit dem Gesetz zu gerathen, und mit einer ziemlich günstigen Brise lichtete er noch vor Tagesanbruch den Anker und ging stromab. Selbst der Lootse erfuhr Nichts von der Anwesenheit der beiden Passagiere, die bis Monte-Video im »Logis« vorn — wie der Aufenthaltsort der Matrosen an Bord eines Schiffes genannt wird — untergebracht wurden.
Schon am nächsten Morgen erreichten sie Monte-Video. Stierna erstaunte aber hier nicht wenig, als Don Morelos ihm plötzlich erklärte, er wolle mit dem Schiff nach Valparaiso gehn. Monte-Video sei allerdings sicher genug für ihn, aber das wenige Geld, was er jetzt noch sein eigen nannte, konnte nicht ewig ausreichen, während er in Valparaiso, weit eher Gelegenheit fand, auf seine Familie in Spanien zu ziehen. Stierna konnte dagegen nicht gut etwas einwenden, auch er hatte in dem, überall vom Feind bedrängten Monte-Video wenig Aussichten, sein Fortkommen leicht zu gründen, während Valparaiso ihm einen weit freieren Spielraum für seine Thätigkeit bot, und ihn freute deshalb eher der Entschluß des Geretteten.
Auffallend war ihm aber dennoch die schnelle Sinnesänderung Don Morelos, der früher auch nicht eine Sylbe von Chile erwähnt hatte, ja in der That ganz gleichgültig schien, wohin sie sich wenden würden, nach Osten oder Westen, nach Norden oder Süden, wenn er nur den »Schauplatz seiner Qualen« fliehen konnte. Nichts destoweniger sprach er augenblicklich mit dem Capitain, der sich auch gern bereit zeigte, sie mitzunehmen; über das Passagiergeld wurden sie bald einig, und da der Capitain selber die noch immer günstige Brise nicht versäumen wollte, diesem, besonders in Winterszeit gefährlichen Wasser zu entgehen, wo die tückischen Stürme dieser Breite, die sogenannten Pamperos fast mit jedem Mondwechsel mehr oder weniger stark einsetzen, beeilte er seine Geschäfte in der Hauptstadt der »Unitarier« so rasch ihm das irgend möglich war, und als der nächste Pampero, einige Tage später wirklich über die weiten Steppen des Binnenlandes daherwehte, schwammen sie schon draußen im freien Wasser und hatten Seeraum genug und nicht mehr die niederen gefährlichen Ufer und Sandbänke des La Platastromes um sich her.
Jeder weiteren Gefahr entdeckt zu werden übrigens auszuweichen, hatten die beiden Freunde schon mit dem Betreten des Fahrzeugs und den Seeleuten gegenüber andere Namen angenommen, und Stierna nannte sich Leifeldt und gab sich für einen deutschen Arzt aus, da er diese Sprache flüssig redete, während Don Morelos den Namen Don Gaspar de Monte Silva, einer Familie, mit der er nahe verwandt sein wollte, angenommen hatte. Auf dem Schiff schon kannte man sie unter keiner anderen Benennung.
3.
Die Reise und ihre Abenteuer.
Die Reise selber ging rasch und glücklich genug vorüber, Cap Horn doublirten sie, von einer herrlichen Brise begünstigt, mit Leichtigkeit, und flogen mit schwellenden Segeln wieder einem milderen, freundlicheren Klima entgegen.
Don Morelos war den ersten Theil der Reise sehr leidend; kaum aus der Mündung des La Plata heraus und in offener See, bekamen sie einen tüchtigen Pampero, der ihn todtseekrank in seine Coje bannte, und die am Cap Horn fast stets ziemlich hoch gehende See mit der kalten unfreundlichen Witterung konnte nicht dazu dienen, ihn rasch wieder herzustellen. Zu diesem Zustand gesellte sich noch ein ziemlich bösartiges Fieber, das mehrere Tage lang sogar sein Leben bedrohte, und Stierna wich in dieser Zeit nicht von seinem Lager.
Der Kranke lag indessen in den wildesten Phantasien, in denen die Namen Constancia und Gomez einem festen Ideengang anzugehören schienen, während sein oft dazwischen tönendes Lachen förmlich unheimlich klang. Der Freund allein durfte in dieser Zeit an seiner Seite sein, und er rief die Anderen, wenn sich Capitain oder Steuermann einmal nach ihm erkundigen wollten, mit dem Namen seiner früheren Wärter oder Schließer, und drohte gegen sie anzuspringen.
Seine kräftige Natur überwand aber auch diese Krisis — wenn auch langsam, erholte er sich doch allmählig und noch ehe sie die warmen Breiten der südlichen Zone wieder erreichten, war er vollkommen hergestellt, wieder im Stande an Deck zu sein und seinen Körper durch die frische, balsamische Seeluft zu kräftigen. Eigenthümlicher Weise wußte er dabei Alles, was während seiner Krankheit vorgefallen, was er phantasirt und wie er sich betragen, entschuldigte sich auch gegen die Seeleute auf das herzlichste, daß er solch tolles ungereimtes Zeug gegen sie ausgestoßen und versicherte sie, er habe in demselben Augenblick gefühlt, was er thue, und sei doch nicht im Stande gewesen, seine Zunge zurückzuhalten. Viel wurde dabei über die verschiedenen Namen gelacht, die besonders der Steuermann abwechselnd erhalten hatte, und die kleine Gesellschaft in der Cajüte des »Oporto« amüsirte sich vortrefflich.
In der Höhe von Chiloe bekamen sie plötzlich eine längere Windstille, die See lag still und regungslos, nur in ihren ewigen, nie unterbrochenen Schwellungen, und die Segel flaggten schwerfällig gegen den Mast und das stehende Takelwerk des Schiffes an. Die Seeleute sagen in solchem Fall »Reepschläger und Segelmacher (Reepschläger: der Seiler oder Taumacher) prügeln sich« und sind schrecklicher Laune, und so große Erholung ein solcher Zustand gewöhnlich den früher von der Seekrankheit schwer Heimgesuchten gewähren mag, so entsetzlich wird er auf die Länge der Zeit für den Gesunden, der mit einer förmlich verzweifelten Sehnsucht nach Ost und West, nach Nord und Süd ausschaut, nur von irgend einer Seite her, gleichviel von welcher, das Wasser dunklen und die Brise ankommen zu sehen. Selbst der schlechteste Wind wird in einer solchen Zeit einer totalen Stille vorgezogen; man will nur Bewegung im Wasser, nur Leben und gerade das Gefühl vielleicht, so ganz machtlos dem schläfrigen Element zum Spiel zu dienen, sogar Nichts thun zu können, einem derartigen Zustand zu entgehen, ist es, das den Körper zuletzt förmlich aufreibt.
Es läßt sich denken, daß in einem solchen Fall auch das geringste Außergewöhnliche, was die traurige Monotonie der See unterbricht, freudig bewillkommt wird — der ferne Strahl eines Wallfisches wird ein Moment, eine andere Art von Möve, Albatroß oder Schwalbe sind froh begrüßte Gäste. — Springer, jene große Art von Fischen, die der deutsche Matrose etwas prosaisch nach dem Schweine nennt, weil sie einen ähnlichen scharfen Rüssel haben — zeigen sich in weiter Ferne, und selbst der Streifen wird betrachtet, den sie im Wasser ziehen — kräuseln sie doch die Oberfläche des Meeres und das Auge täuschte sich sogern mit einer kommenden Brise.
Das wichtigste Ereigniß in einer solchen Zeit ist aber das Erscheinen eines Haifisches, dieses gefräßigen Piraten der Tiefe, und der Mann am Steuer, der schläfrig am Rade lehnt und das Ruder bald auf diese bald auf jene Seite legt, das Schiff demselben gehorchen zu lassen und sich dann zu ärgern, wenn es sich nur faul und langsam eben um den ganzen Kompaß herum treibt, dreht fortwährend den Kopf nach allen Richtungen hin, und beobachtet die blanke Spiegelfläche des Wassers, irgend einen dunklen Punkt zu erkennen, der der Flosse eines anschwimmenden Haies gleiche. Der Schatten irgend einer sich etwas höher hebenden Schwellung, das Aufschlagen eines kleinen Fisches, ein müder Wasservogel, der seine Schwingen auf der glatten Fläche gefaltet hat, und mit dieser steigt und sinkt, faßt und hält dabei der rasche Blick — höher richtet er sich auf, und die Augen mit dem ausgestreckten Arm gegen das blendende Licht des blitzenden Strahles schützend, den die Sonne auf die Silberhaut des Meeres wirft, schaut er lange und forschend nach dem verdächtigen Punkt hinüber. Wieder und wieder getäuscht, läßt er endlich sogar sein Ruder eine Weile im Stich — bei Windstille kommt's nicht so genau darauf an, und der Mann steht wirklich manchmal Tage lang nur zum Staat dabei — geht an den Heck und schaut, soweit er möglicher Weise sich kann hinüberbiegen, nach dem von crystallreinem Wasser umspielten Ruder, das sich nach unten zum schönsten herrlichsten Dunkelblau schattirt, und beobachtet kurze Zeit den deutlich sichtbaren Kiel des Schiffes, denn der Hai treibt sich oft tief unter dem Schiff herum, auf Beute lauernd, die vom Bord zu ihm herausfallen möchte. Das schwarzlackirte, von der Sonne gedörrte Holz der Schanzkleidung, auf die er sich gelehnt, brennt aber zu sehr — er hält es nicht lange aus und tritt wieder an sein Ruder zurück — ein frisches Priemchen seine einzige Erholung.
»Shark-oh!«[5] ruft da eine Stimme von der Bramraae herunter; Einer der Leute hatte etwas an dem oberen Tauwerk auszubessern gehabt und sein Arm deutet, während er spricht, den zu ihm rasch Aufschauenden die Richtung an, in der sich das Unthier faul und wohlgefällig in der warmen Fluth wälzt und schaukelt.
Im Nu ist die Lethargie der ganzen Mannschaft abgeschüttelt, der Koch bringt ein Stück gesalzenen Speck als Lockspeise für den Raubfisch, der Steuermann kommt mit dem wohleingeölten und blankgehaltenen Haken, an das der Erstere rasch den Speck befestigt — der Wirbel am Haken muß sich wohl drehen, denn wie ein Quirl schleudert sich das Unthier herum, wenn es sich gefangen fühlt — und das Eisen über Bord geworfen, drängt Alles nach hinten, die Bewegungen des Fisches, wie er sich nähert oder theilnahmlos an dem für ihn ausgehangenen Gericht vorbeitreibt, zu beobachten.
Der Matrose haßt nun überhaupt einen Hai; es ist dieß sein angeborener erbarmungsloser Feind, der mit den kaltblitzenden grünen Katzenaugen fortwährend nach Beute ausschauend, faßt, was er eben erreichen kann, und mit dieser ewigen Raubgier Schnelle und furchtbare Stärke verbindet. Er beißt auch weniger, als daß er das mit den Zähnen erfaßte förmlich ausdreht, wenn der Gegenstand zu groß ist, ihn gleich ganz zu verschlingen, und wenn selbst nicht gleich getödtet, ist der unglückliche Seemann, dem der Hai erst einmal Arm oder Bein gefaßt hat, auch meist rettungslos verloren. Was Wunder also, daß der Fang eines solchen Ungethüms stets mit Jubel, begrüßt wird, und selbst sonst ganz gutmüthige Seeleute die sich wenigstens nie dazu verstehn würden, einen Hund oder ein anderes Thier muthwillig zu quälen, mißhandeln mit wahrer Wonne einen gefangenen Hai oder schneiden ihm wohl auch gar den Schwanz ab, und werfen ihn wieder über Bord, wo er dann bald im Wasser elend umkommen muß.
Die Seeleute haben Grund ihn zu hassen und thun es von ganzer Seele; wunderbar aber war die Wuth, die der junge Spanier auf diese Fische hatte; halbe Tage lang saß er im Mast, nach ihnen auszuspähen, und war der Fang endlich geglückt, die das Deck peitschende Bestie an Bord gezogen und hielten sich die Leute noch scheu zurück, von dem schlagenden Schwanz nicht getroffen zu werden, sprang er, der Erste hinzu, ihm sein Messer in die Kiemen zu stoßen, daß er dann, trotz dem wüthenden Springen und Schnappen des gepeinigten Thieres, darin hin und her wühlte, bis der Fisch, durch Blutverlust und Anstrengung erschöpft, regungslos liegen blieb. Waren es junge Thiere, so wurden sie gewöhnlich später gebraten, aber nie konnte Don Gaspar, wie wir ihn denn auch von jetzt an nennen wollen, bewogen werden, das Fleisch auch nur zu kosten — und einen solchen Widerwillen fühlte er dagegen, daß er nicht einmal in der Kajüte blieb, so lange es auf dem Tische stand.
In dieser Zeit war es, daß ein ungewöhnlich großer Hai von der Bramraae angerufen wurde und nicht lange, so kam das Ungeheuer der Tiefe, ein Bursche von fast achtzehn Fuß Länge und von ganz außergewöhnlicher Stärke heran, den Haken einzuschnappen, den der Steuermann jetzt rasch anfing einzuziehen, da gar keine Hoffnung da war, ein solch riesiges Ungethüm selbst mit drei solchen Haken nur zu halten, viel weniger an Bord zu holen. Kaum aber sah der Fisch den weißen Speck vor sich hinschießen, den er jetzt wohl in der Eile für einen flüchtigen Fisch halten mochte, als er einen Schlag in das Wasser that, mit Pfeilschnelle hinter der vermeintlichen Beute herschoß und sie verschlang.
Jetzt begann ein toller wilder Jubel am Bord, der aber auch wieder von Lachen und Verwünschungen unterbrochen wurde, denn wenn der Hai nur im mindesten seine Kraft gegen das, was ihn hielt, gewandt hätte, mußte Haken oder Tau brechen und reißen; der gefangene Fisch begnügte sich aber, sich herumzuwirbeln und dadurch dem Eisen zu entgehen, das ihm anfing, unbequem zu werden und mehr und mehr zogen sie ihn indessen dem Heck des Schiffes näher, wo der Capitain schon eine Harpune bereit hielt, ihn zu werfen und dadurch vielleicht zu sichern.
Don Gaspar war außer sich, er sprang und jubelte, kletterte an den Besahnwanten[6] hinauf und wieder hinunter und flog nur manchmal mit an das Tau, das die ganze Mannschaft fest gepackt hielt, um zu fühlen, ob der Fisch noch sicher daran sei. Endlich brachten sie ihn glücklich in Wurfsnähe der Harpune, der Capitain, ein alter Wallfischfänger, schleuderte das Eisen mit Kraft und Sicherheit und die scharfen Widerhaken drangen selbst durch die horngleiche Haut des Ungethüms tief in das Fleisch des Halses ein. Die nächsten Minuten hiernach war Nichts zu sehn als Schaum, so peitschte das Ungethüm die Wogen, und der Schwanz stieg manchmal wie der Kopf einer riesigen Schlange empor, und schmetterte dann mit furchtbarer Kraft in die kochende Wassermasse zurück. Aber das Eisen hielt und nur durch die entsetzlichen Anstrengungen des zur tollsten Wuth gereizten und vom Schmerz gepeinigten Thieres, arbeitete sich die Wunde größer und größer, und als sich das Wasser etwas beruhigte, rief der alte Steuermann, sie würden ihn doch noch verlieren, denn so bald er noch einmal anfange und hätte keine Schlinge um den Schwanz, müsse er sich frei machen.
Der Koch schlug jetzt, um das Tau der Harpune selber herum, eine Schlinge, diese auf den Kopf des Haies niederfallen zu lassen, und um ihn herum zu bekommen. Der gefangene Fisch fing aber aufs Neue an zu schlagen — und wenn auch die Schlinge dabei schon über den Kiemen lag, mußte sie doch wieder abrutschen, sobald aufgeholt wurde.
Don Gaspar zitterte während der Zeit am ganzen Körper von innerer Aufregung, er schrie und lachte, wenn der Fisch ruhig blieb und der Koch mehr mit der Schlinge nach rückwärts kam, und tobte und wüthete förmlich, wenn das Unthier sich wieder zu befreien drohte. — Alle möglichen Anordnungen gab er dabei und der Koch, so vielen Respekt er sonst vor dem Quarterdeck hatte, wurde endlich so ärgerlich, daß er ausrief —
»Das Schwatzen soll der Teufel holen, geht hinunter und schiebt das Tau über, und die Satansbestie soll bald hier oben liegen — da — da geht's wieder an — na, jetzt ist die Geschichte vorbei, diesmal haut er sich frei.«
Don Gaspar war auf den Rand der Brüstung gesprungen und schaute lautlos aber mit funkelnden, glühenden Augen in die Tiefe.
»Nehmen Sie sich in Acht, Herr!« rief ihm der Steuermann zu — »wenn Sie hinabfallen, kommen Sie in einen heißen Platz!«
Der Spanier hörte ihn nicht. —
»Lockert das Tau mit dem Haken, Leute!« — schrie da der Kapitain — »verdamm es, Ihr zieht zu fest — die Bestie bricht — da — da habt Ihr's — der Haken ist ausgerissen — holla, was ist das — Don Gaspar — was in des Teufels Namen!«
Sein Ausruf erstarb in einem Schrei des Erstaunens der ganzen Mannschaft, denn ehe Leifeldt, der auf der anderen Seite des Schiffes stand, und ebenfalls mit gespannter Aufmerksamkeit die furchtbaren Kraftanstrengungen des gefangenen und zur grimmigsten Wuth getriebenen Fisches beobachtet hatte, es verhindern konnte, faßte der junge Spanier, den Hut zurück an Deck werfend, das Tau, an dem die Harpune befestigt saß, und glitt an diesem nieder in die jetzt wieder aufkochende, spritzende See, in der sich das tödtlich getroffene Unthier, nur noch von der Harpune allein gehalten, wälzte. —
»Halten Sie sich am Tau fest, — um Gottes Willen nicht tiefer! — er schlägt Ihnen ein Bein entzwei — biegen Sie sich das Tau unter den Ellbogen!« Das waren die Rufe oder Schreie vielmehr, die von allen Seiten gleichzeitig ausbrachen, und Leifeldt selber rief entsetzt den Tollkühnen bei Namen und beschwor ihn bei allem, was ihm heilig sei, zurückzukehren. Hörte es aber schon nicht mehr, in der furchtbaren Erregung des Augenblicks, was um ihn her vorging, oder wollte er den Warnungsruf nicht beachten, denn ohne auch nur abzuwarten, bis sich das Ungeheuer der Tiefe, jetzt dicht unter ihm, in etwas wieder beruhigt hätte, glitt er nieder, und verschwand im nächsten Augenblick fast unter dem aufkochenden Schaum. —
»Nieder mit dem Boot!« übertönte des Kapitains ruhige Stimme in dem Augenblick den Lärm — »nach vorn, Ihr Leute, nach vorn und hinunter mit dem Boot, so rasch Ihr könnt — halt, Koch, Ihr bleibt hier — da, macht eine andere Schlinge aus dem Bramfall dort — vielleicht können wir ihn hier wieder zu halten bekommen — wenn ihn der Hai nicht mitnimmt,« und mit einem leise gemurmelten Fluch über die kecke Tollheit eines solchen Wagnisses, bog er sich wieder hinten über, das Resultat desselben mit anzusehen.
Don Gaspar war indessen einer solchen Gefahr keineswegs unbefähigt in die Arme gesprungen; so exaltirt er sich oben an Deck gezeigt, so ruhig und umsichtig bewies er sich hier unten, und während er für einen Augenblick festen Fuß auf dem Fisch selber zu fassen suchte, ließ er mit der linken Hand das Harpunentau keineswegs los, das ihn auch, vorn am Kopf des Haies hielt und vor den furchtbaren Schlägen des Schwanzes sicherte. Trotzdem aber, daß ihm die Füße abglitten auf dem schlüpfrigen Hals, schien er nur das eine Ziel im Auge zu haben, die Schlinge zu festigen und unbekümmert um jede Folge, ließ er sich vollkommen auf den Hai hinunter, faßte das Tau und unter dem Kopf der wüthenden Bestie mit der Hand niederfahrend, hatte er die Schlinge schon erreicht, als die Harpune ausriß und diese sich, von oben natürlich gehalten, plötzlich anstraffte.
Die Männer an Bord standen starr vor Schrecken, und wußten nicht, ob sie anziehen oder loslassen sollten, denn jetzt hatten sie noch das Unthier in ihrer Gewalt, glitt es aber aus dem Knoten heraus, so war der tollkühne Passagier ihm rettungslos anheim gegeben.
Der Hai selber machte diesem peinlichen Moment ein Ende — vorwärts schießend, fühlte er sich durch das Tau gehemmt, das ihn auch um die Kiemen preßte, und während Don Gaspar, durch die rasche Bewegung das Gleichgewicht verlierend, ihn mit beiden Armen umschlang, fuhr er zurück, wirbelte sich ein paar Mal um sich selbst herum — und war frei.
Der Spanier wäre jetzt verloren gewesen, denn das gereizte Thier schoß, den Druck auf sich noch immer fühlend, nach vorn, so daß der kecke Jäger natürlich der gegen ihn anpressenden Wassermassen nicht widerstehen konnte, loslassen mußte. Im Anfang schien es auch, als ob es gegen die Gewalt, die ihm geschehen, ankämpfen wollte, denn kaum von dem Gewicht befreit, wandte es sich scharf gegen seinen vorherigen Reiter um, ohne diesen aber auch nur im mindesten zu schrecken, oder seine Geistesgegenwart zu berauben. — Im Begriff, von dem Ungethüm fortzuschwimmen, wandte Don Gaspar nämlich den Kopf nach ihm um, und sah kaum die drohende Bewegung, als er ebenfalls Front gegen den Hai machte, das einzige zu versuchen, was ihm übrig blieb — drohend gegen den Ankommenden anzuschlagen, und ihn so zurückzuschrecken. Zu seinem Glück sollte er aber nicht zu einem solchen und in der That verzweifelten Kampf gezwungen sein, denn den Hai selber verließen die Kräfte. Der Wurf der Harpune war tödtlich gewesen, und plötzlich, als Alle an Bord auch schon in peinlicher Angst und Spannung den ersten Anprall des Thieres gegen sein Opfer zu sehn erwarteten, bog der Hai seitwärts ab, und fing an, sich, ohne den Ort zu verlassen, auf dem er stand, wenige Minuten förmlich im Kreis herumzudrehen. —
Zu derselben Zeit war das Boot auch endlich niedergelassen und schoß, von vier Riemen (Ruder) getrieben, rasch herbei. Don Gaspar aber, anstatt ihm entgegenzuschwimmen und der furchtbaren Gefahr zu entgehen, der er bis dahin ausgesetzt gewesen, strich aus und zwar gerade der Stelle zu, wo der Hai blutige Kreise in der klaren blitzenden Fluth zog. Zwei Lootsenfische, die sich bis jetzt, trotz des tollen Kampfes, in der Nähe ihres früheren Beschützers muthig gehalten, schossen vor und rasch wieder zurück, einer Gefahr zu entgehen oder auch, wie man ja behaupten will, dem Hai die Nähe leicht zu gewinnender Beute zu melden; aber dieser fühlte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging — tiefer und tiefer senkte er sich in seinem Ringen, immer langsamer wurde der Flossenschlag, und als Don Gaspar, von dem Boot jetzt fast erreicht, über der Stelle hielt, und nieder schaute, sah er eben noch, wie sich der weiße Bauch des todten Fisches aufdrehte und langsam, langsam in blauer Tiefe verschwand.
Gleich darauf faßte der Steuermann den Kragen des Spaniers und zog ihn mit einem herzlichen »Ich will verdammt sein, wenn mir so ein Mensch schon vorgekommen ist,« in das Boot hinein, rasch dann zum Schiff zurückrudernd, als ob er wirklich fürchtete, daß ihm das tollkühne Menschenkind noch einmal über Bord springen könne.
Don Gaspar war zum Tode erschöpft, als er das Schiff wieder erreichte, und Leifeldt machte ihm wirklich ernstliche Vorwürfe, sein Leben in so rasender, unüberlegter Weise, einem Fisch gegenüber, auf's Spiel gesetzt zu haben, wo ihn wirklich nur ein Wunder erhalten haben mußte. Don Gaspar versicherte ihm aber so hoch und theuer, daß er, in der Erregung des Augenblicks wirklich gar nicht gewußt habe, was er thue, und versprach ihm so heilig, solche tolle Streiche nicht wieder zu machen, daß er sich endlich beruhigte und der Kapitain mit einer tüchtigen Bowle Grog den Frost des Gebadeten wie den Schreck der Übrigen vergessen machte.
Den Abend schon erhob sich aber eine leichte Brise, die während der Nacht schärfer und schärfer anwuchs und zuletzt in einen tüchtigen Südosten ausartete, mit dem sie rasch ihrem Ziele entgegenhielten.
4.
Ankunft in Valparaiso. — Hülfe in der Noth.
Der »Oporto« erreichte am 42. Tag nach seiner Ausfahrt von Buenos-Ayres den Hafen von Valparaiso und Leifeldt und Don Gaspar mietheten sich im Hotel de Chile ein. Der Letztere hatte aber kaum seine nöthigen Einkäufe an Kleidern und Wäsche besorgt, da er sich bis dahin nur mit dem Nothwendigsten begnügen mußte, das Leifeldt noch in der letzten Zeit in Buenos-Ayres für ihn eingekauft, als er auch ausging, um, wie er sagte, ein paar Verwandte, ein paar Freunde aufzusuchen oder ihnen wenigstens nachzuforschen, die sich vor Jahren nach Valparaiso gewandt hatten und hier doch vielleicht noch aufzufinden waren. Der junge Arzt blieb zurück, die eigene Wohnung ein wenig behaglich einzurichten.
An dem nämlichen Morgen, etwa um elf Uhr, ließ sich ein junger Mann unter dem Namen de Monte Sylva bei dem Consul der Argentinischen Republik anmelden, und wurde von diesem auf das Zuvorkommenste empfangen.
»Es ist ein Fest für uns hier,« sagte der Consul nach den einleitenden Redensarten und Begrüßungen, mit einer freundlichen Verneigung gegen seinen Besuch, »wenn wir Buenos-Ayres-Leute an der Westseite der Cordilleren im Winter einmal Nachricht vom Mutterlande bekommen. Der Correo[7] wagt sich nur selten über den Schnee, und muß diese Kühnheit noch dazu manchmal theuer genug büßen, und Schiffe von dorther sind auch in dieser letzten Zeit ziemlich selten gewesen; Buenos-Ayres bietet wenig oder gar Nichts, was wir von dort hieher führen könnten, die Passage nach dem Norden ist auch schwach, und all die Wallfischfänger die wir vom Atlantischen Meer herüberkriegen, denken natürlich gar nicht daran, Zeit und Schiff zu wagen, besonders in dieser Jahreszeit in den von Sandbänken und Pamperos so sehr gefährdeten La Plata einzulaufen. Bringen Sie uns Neuigkeiten von Buenos-Ayres?«
»Gar Nichts von Bedeutung« erwiderte Don Gaspar de Monte Silva achselzuckend. — »Se. Excellenz führt den trostlosen Krieg gegen Monte-Video fort, nur, wie es scheint, die Einwohner jener Districkte in Bewegung zu halten, — Engländer und Franzosen protestiren fortwährend, und die Sache bleibt eben beim Alten. Man sprach allerdings in Buenos-Ayres von einem erhofften Friedensabschluß, so viel ich aber habe erfahren können, scheint mir die Sache noch in weitem Felde. — Haben Sie viele Bewohner von Buenos-Ayres hier?«
»Nein — und doch ja, sie sind hie und da ziemlich durch die ganze Stadt zerstreut, aber wenn nicht auf der Börse, bekommen wir einander wenig genug zu sehen. — Haben Sie Bekannte hier?« —
»Sehr wenige, — lebt noch ein Kaufmann Don Rodriguez hier, der vor etwa drei Jahren herüber zog?« —
»Nein,« erwiederte der Konsul, nach einigem Besinnen — »wenn ich nicht irre, ist derselbe, aber schon vor längerer Zeit, nach Lima gegangen — er soll dort in eine andere Geschäftsverbindung getreten sein.«
»Vor kurzer Zeit ist ja wohl auch, im Auftrag der Föderation ein Señor — Señor — wie war doch gleich sein Name?« —
»Don Luis de Gomez?« sagte der Konsul, »nicht wahr, Sie meinen Don Luis, — fehlt Ihnen etwas, Señor?« unterbrach er sich plötzlich selbst und sprang auf, denn das Antlitz des jungen Mannes überflog Leichenblässe.
»Ich darf Sie wohl um ein Glas Wasser bitten, Señor,« sagte Don Gaspar, rasch aufstehend und zum Fenster tretend, »es ist das eine Art Herzbeklemmung bei mir, der ich allerdings manchmal unterworfen bin, die aber auch so rasch vorüber geht, wie sie gekommen.«
»Ist Ihnen nicht lieber ein Glas Wein gefällig?« bat der Argentiner, eine Caraffe und ein Glas von einem Ecktisch nehmend und rasch einschenkend, »es wird Ihnen weit besser bekommen.« —
Don Gaspar leerte das ihm gebotene Glas mit einer dankenden Verbeugung auf einen Zug, und sagte dann lächelnd:
»Es ist schon vorüber — der rasche Wechsel von See- und Landluft bringt bei mir sehr häufig solche Wirkung hervor, die sich sogar schon einige Mal bis zur Ohnmacht gesteigert hat, ohne jedoch auch nur die geringsten Nachwehen zu hinterlassen — aber von was sprachen wir doch? —«
»Ich weiß es jetzt wahrhaftig selber nicht mehr,« lachte der Konsul, »doch ja — von unseren Landsleuten — von Don Luis de Gomez — kennen Sie ihn?« —
»Nur oberflächlich,« erwiederte Don Gaspar gleichgültig, aber die Hand, mit der er seine Stuhllehne gefaßt hielt, wurde todtenweiß. »Er soll hierher gegangen sein.«
»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht für den Augenblick —«
»So ist er gegenwärtig nicht in Valparaiso?« — frug Don Gaspar rascher und lebendiger als vorher.
»Nein — wünschten Sie ihn zu sprechen?«
»Das gerade nicht — aber ich glaubte nur —«
»Er ist nach Lima gegangen,« sagte der Konsul, »aber ich erwarte ihn fast mit jedem Schiff zurück, das von dort her kommt. Es war gar nicht seine Absicht, so lange dortzubleiben, aber wenn ich nicht irre, war ihm seine Frau dort erkrankt, was seine Abreise verzögerte. Sein letzter Brief meldet ihn übrigens bestimmt auf Mitte dieses Monats an.«
Don Gaspar war ans Fenster gesprungen, nach einem rasch vorbei galoppirenden Reiter zu sehen — er faßte die Fensterbrüstung, sich gewaltsam zu sammeln. —
»Nicht wahr, die Namen der ankommenden Passagiere werden in den Zeitungen veröffentlicht?« frug er nach einer kleinen Weile, indem er seinen Hut ergriff, sich wieder zu empfehlen.
»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht gerade so ungemein pünktlich, denn oft werden Namen ausgelassen, noch öfter falsch gedruckt — aber wenn es Sie interessiren sollte —«
»Ich danke Ihnen herzlich,« unterbrach ihn jedoch der junge Mann rasch; »es ist eigentlich bei mir nur Neugierde, oder vielleicht doch ein etwas edleres Gefühl, das nämlich, sich in einer fremden Stadt, fern von der eigenen Heimath, nach solchen zu sehnen, die einst in einem, jetzt leider fern gelegenen Land dieselbe Luft mit uns geathmet haben.«
»So wiederholen Sie dann wenigstens bald Ihren Besuch,« sagte der Konsul, ihm freundlich die Hand reichend, »Sie werden mir immer willkommen sein, das schöne Wetter jetzt bringt uns auch vielleicht den Correo über die Gebirge, und dann bekommen wir frische Nachrichten von der »Hauptstadt«.«
Don Gaspar dankte ihm herzlich, aber es war fast, als ob ihn eine merkwürdige Unruhe erfaßt habe, er suchte augenscheinlich rasch ins Freie zu kommen und hatte kaum die Thüre hinter sich ins Schloß gedrückt, als er auch die Straße schnell hinunterschritt und um die erste Ecke rechts dem Wasser zu niederbiegend, den Weg hinaus, der zu dem Leuchtthurm führte, und von wo man die See weit überschauen konnte, mehr lief als ging. Der Konsul blieb aber, als jener die Stube schon verlassen, noch eine ganze Weile im Zimmer stehen, und sah nachdenklich vor sich nieder, endlich aber, den Kopf schüttelnd und aus seiner Tasche eine silberne Dose nehmend, setzte er sich lächelnd nieder an seinen Schreibtisch, und murmelte nur leise vor sich hin:
»Ein wunderlicher Kauz!«
Don Gaspar nahm sich nicht einmal Zeit Athem zu schöpfen, bis er die Höhe erreicht hatte, auf welcher der Leuchtthurm stand, und von wo aus man die weite See nach Norden, Westen und Süden trefflich überschauen konnte. Hie und da waren einzelne Segel — glänzend weiße Punkte auf dem dunkelblauen Grunde — am Horizont sichtbar; eine Brigg arbeitete sich aus dem Hafen heraus und suchte das Weite, und ein kleiner Schuner kam mit geblähter Leinwand von Westen herüber, wahrscheinlich von den Inseln Cocosnußöl und Perlmutterschalen gegen Kattune, Messer, Beile und Glaskorallen umzutauschen.
Der junge Spanier blieb wohl eine Stunde lang auf diesem, Nachmittags von der schönen Welt Valparaisos so gern besuchten Ort, dann aber, als ob dem ersten Drängen seines Herzens, das ihn hier hinauf trieb, nach nahenden Segeln auszuspähen, Genüge geleistet wäre, stieg er langsam die nächste Quebrada oder Schlucht nach der Stadt zu wieder nieder. Durch die Calle San Francisco die Marktstraße erreichend, wollte er dieser aufwärts folgen, als er angerufen wurde und Leifeldt erkannte, der, ebenfalls in der Stadt ohne besonderen Zweck herumschlendernd, ihn bat, mit ihm die Almendral[8] nieder zu gehen, an deren unterem Ende ein erst kürzlich hier angekommener englischer Arzt wohnen solle, den er zu sprechen wünschte.
Die Hauptstraße der Stadt zieht sich hier dicht unter dem felsigen Fuß eines Hügels hin, auf dessen Kuppe der katholische Gottesacker Valparaisos, Stadt und Hafen weit überschauend, liegt, und so schmal für die Passage dem Berge abgewonnen ist, daß dem Strand gegenüber nicht einmal eine Reihe Häuser oder Hütten gebaut werden konnte, sondern der nackte Fels den schmalen Fahrweg schroff und scharf begrenzte.
Es war indessen schon weit im Tag vorgerückt und Mittag längst vorüber; die Straße hier belebte sich auch mehr und mehr; viele Reiter, mit ihrem wunderlichen chilenischen Reitzeug, den kolossalen hölzernen Steigbügeln, riesigen Sporen und hochaufgepolsterten Sattel, von blauen und grünen Panchos umflattert, trabten daher, denn der Galopp ist in der Stadt verboten, zweispännige offene Droschken oder Fiakre, das eine Pferd in der Gabel gehend, das andere am festgeschnürten Gurt befestigt, rasselten vorüber, und eine Menge Fußgänger schlenderten langsam meist alle dem Leuchtthurm-Plateau zu, dort einen Blick über die See zu haben, auch wohl kleine Picknicks zu arrangiren und mit der Abendkühle ihren Häusern wieder zuzuwandern.
Die beiden Freunde schritten langsam das Trottoir nieder, die verschiedenen Gruppen beobachtend, die ihnen begegneten, und so finster und selbst niedergeschlagen Don Gaspar im Anfang gewesen war, als ihn Leifeldt zuerst traf, so schien der düstere Sinn in dem lebendigen Treiben, das sie hier umgab, bald wie eine Sommerwolke an der Sonne vorüber von seiner Stirn zu fliehen.
Leifeldt hatte diesen raschen Wechsel seines Temperaments übrigens schon so häufig Gelegenheit gehabt zu beobachten, und selbst Don Gaspar, darauf aufmerksam gemacht, gestand das ein, behauptete aber auch, der Aufenthalt in seinem früheren Gefängnisse trage dabei viele, wenn nicht die einzige Schuld; es überkomme ihn noch manchmal ein wildes, beängstigendes Gefühl, das er nicht abzuschütteln vermöge, wie mit einem Centnergewicht läge es dann auf ihm, und er könne kaum athmen unter der Last. Wie ein kräftiger Windstoß aber die düsteren Schranken der Gebirge mit einem kräftigen Zuge aus den Schluchten drängt, und über die Ebene weht, so sei ein Sonnenblick, ein freundliches Gesicht, das fröhliche Lachen eines Menschen oft im Stande, all diese düstere Schwermuth zu zerstreuen, und Tage lang fühle er sich dann so wohl, als ob er wieder einmal von einer recht schweren Krankheit genesen wäre.
»Und wie gefällt Ihnen die schöne Welt in Valparaiso, Gaspar?« frug Leifeldt den jungen Mann, als gerade ein ganzer Zug von Damen lachend und scherzend an ihnen vorüber schritt.
»Gut!« sagte der junge Mann freundlich, »es sind liebe, gutmüthige Gesichter darunter, und das rege Feuer, das all unseren südlichen Stämmen eigen ist, verleiht ihnen noch einen weit besonderen Reiz. — Ich weiß nicht, ich habe mich nie viel mit den kalten Nordländerinnen befreunden können; sie sind schön und tugendhaft, ich zweifle nicht daran, aber mir scheint es fast, als ob ihnen ein Herz fehle, ihren Augen Leben, ihren Lippen Farbe zu geben, und mir selber ist es, einer der nordischen Schönheiten gegenüber, fast stets zu Muthe, als ob ich vor einer wundervollen Statue stehe, die mein Auge fesselt, mein Herz aber kalt läßt, wie der Marmor selber, aus der sie besteht.«
»Das aber dürfen Sie nicht von Allen sagen,« lachte Leifeldt, »sehen Sie z. B. das reizende Wesen, das uns hier gerade mit dem kleinen Knaben, vielleicht einem Bruder, entgegenkommt — das müssen Engländerinnen sein, aber ich habe wahrlich nie im Leben ein schöneres Mädchen gesehen.«
Don Gaspar folgte mit seinen Augen der ihm von Leifeldt angegebenen Richtung und sah ein wirklich reizendes junges Mädchen die Straße herauf und ihnen entgegenkommen. Sie hatte eine alte, wie es schien kränkliche Dame, die sie sorgsam leitete, am Arme, und ein kleiner, vielleicht dreijähriger Knabe lief vor ihnen her.
»Sieh, Jenny, liebe Hündchen da drüben,« sagte der Kleine plötzlich in seinem noch halbgebrochenen Dialekt zu der Jungfrau, und zeigte mit dem einen dicken Patschchen nach der Straße hinüber, auf der ein schwarzes Wachtelhündchen nach einem eben landenden Boot laut hinunterkläffte und sprang, und mit dem Schwanze wedelte — »das hol ich mir.«
Die Freunde waren indessen bis dicht vor die beiden Damen gekommen, und als sie, ihnen Raum machend, vorüber schritten, sagte Jenny, wie sie von dem kleinen Burschen angeredet worden, ermahnend:
»Laß das Hündchen, Bill, es könnte Dich beißen — und Du darfst auch nicht allein auf den Fahrweg gehen — komm her zu mir.«
Es ist unbestimmt, ob Bill die Warnung hörte, oder nicht, aber darauf achten that er keineswegs, denn das Hündchen war gar zu lieb und herzig, und Bill mochte das Langsamgehen hinter der alten, kranken Großmutter her auch schon herzlich satt bekommen haben; so unter den Händen fort, mit den kleinen unbehülflichen Beinchen lief er hinaus, den lebhaften schwarzen Burschen da vorn zu sich heran zu holen.
»Guardar se — guardar se!«[9] schrie es in dem Augenblick die Straße nieder und lautes Wagengerassel wurde hörbar.
»Bill!« rief die Stimme des jungen Mädchens in Todesangst, als sich dieses umschaute, und das Kind auf der Straße sah, ohne im Stande zu sein die Mutter loszulassen, »Bill, for God's sake.«[10]
Leifeldt und Don Gaspar waren bei dem Schreckensruf rasch stehen geblieben, und der letztere machte sich von Leifeldts Arme los, die Straße freier überschauen zu können. Aber sie brauchten nicht lange auf die Ursache des Tumultes zu warten, denn fast in dem nämlichen Augenblick donnerte auch schon eine der gewöhnlichen Droschken, von den rasend gewordenen Pferden in vollem Carrière mit fortgerissen, die Straße hinauf und Leifeldt erkannte mit Entsetzen, wie der nächste Moment hier an dem engsten Paß des ganzen Weges, das Kind unter den Hufen der wild aushauenden Renner zerschmettern müsse. Ehe auch nur Jemand im Stande gewesen wäre, hinauszuspringen, das Kind der Gefahr zu entreißen, brausten die wüthenden Thiere heran, und ein allgemeiner Schrei des Entsetzens rang sich schon aus der Brust der zitternden Zuschauer, die wirklich ganz die eigene Gefahr in dem gewiß vorauszusehenden Untergang des Kindes vergaßen, als sich Don Gaspar, ohne Laut, ohne Ruf, die Gefahr nicht kennend, der er sich aussetzte, oder sie total verachtend, von dem Trottoir hinüber und schräg an gegen den Kopf des Sattelpferdes warf, daß dieses im Ansprung hoch auffuhr und nach ihm niederhieb. Hatte aber das andere Pferd den ausgestreckten linken Arm des Anspringenden gesehen, oder fühlte es den plötzlichen Druck des gegengeworfenen Gewichts, aber es fuhr rechts hinüber, und während Don Gaspar den Zügel des Thieres in der Aufregung des Moments viel zu fest ergriffen hatte, so rasch wieder loslassen zu können, rissen ihn die wüthenden Thiere mit über die niedere hölzerne Barrière hinüber, die vor ihrem Anprall zusammenbrach, der Wagen schmetterte und bröckelte hinterdrein, und während das wüthende Gespann über die rauhen, hier aufgeworfenen Steinmassen setzte, und vergebens versuchte, das zwischen den Steinen hängenbleibende Vordertheil des zerstückelten Wagens rasch genug herumzubringen, dem jetzt so unverhofft vor ihnen ausdehnenden Wasser zu entgehen, in das sie gleich darauf mehr hinein stürzten, als sprangen, sank auch Don Gaspar, blutend und ohnmächtig auf dem Damme nieder, — aber das Kind war gerettet.
So rasch war aber das Ganze, hier eben Beschriebene geschehen, so plötzlich hatte das Einspringen des jungen Mannes die Tod drohenden Thiere zur Seite geworfen, daß die Gefahr schon längst vorüber war, als noch die Zuschauer starr und ängstlich nach dem jetzt selbst erschreckten Kind hinüber schauten, und erst als Leifeldt zusprang, den Knaben aufgriff und seiner jungen Schützerin brachte, erst als diese, neben der Mutter auf die Knie fiel, und den geretteten Liebling mit einem heißen Dankgebet an das Herz schloß, da erst war es, als ob sich der Zauber löse, der wie ein entsetzlicher Bann auf der Menge gelegen, und ein förmlicher Jubelschrei dankte der kühnen That.
Während einzelne der Männer jetzt hinüber sprangen, den Verwundeten aufzuheben, zu dem sich Leifeldt ebenfalls wenden wollte, wurde er durch einen Ausruf der Angst, von der Jungfrau Lippen aufgehalten, und hatte eben noch Zeit zuzuspringen, und mit dieser die alte Dame aufzufangen und vor schwerem Fall zu bewahren, die, starr vor Schreck, als sie die Gefahr des Enkels bemerkte, jetzt, als die furchtbare Erregung des ersten Augenblicks vorüber war, bewußtlos zusammenbrach.
Der junge Arzt hob die Ohnmächtige leicht auf seinen Arm, stand aber einen Augenblick wirklich unschlüssig da, denn wie konnte er den Freund hier, blutend und ohnmächtig zurücklassen, und was indessen mit der alten Dame anfangen? —
»Dort hinauf!« flüsterte da die leise, bittende Stimme des Mädchens, »nur wenige Häuser von hier entfernt wohnen wir, und Ihr Freund, unser Schutzengel, kann dort Pflege und Beistand finden.«
»Gott sei Dank,« sagte Leifeldt wirklich aus tiefstem Herzen, und den Peons[11], die den Ohnmächtigen aufgehoben hatten und über die Straße trugen, zurufend, ihm rasch damit zu folgen, eilte er, so schnell es seine Last erlaubte, dem bezeichneten und gar nicht fernen Hause zu.
5.
Die Englische Familie.
Während der junge Arzt nun die alte Dame rasch die Treppe hinauftrug und die nöthigsten Anordnungen traf, sie wieder ins Leben zurückzurufen, wurde der Verwundete unten im Haus, in ein kleines, freundliches Stübchen gelegt, und die Ohnmächtige jetzt der Sorgfalt der Tochter und einiger Dienstleute überlassend, eilte er wieder hinunter zu dem Freund, nach dessen Wunden zu sehen.
Diese waren jedoch nicht im mindesten gefährlich; nur ein Schlag des Pferdes wahrscheinlich, hatte ihn am Kopf getroffen und betäubt, und einzelne andere, aber ebenfalls unbedeutende Quetschungen rührten jedenfalls von dem letzten Sturz auf die rauhen scharfkantigen Sandsteine des Strandes her. Schon nach den einfachsten Belebungsversuchen schlug auch Don Gaspar die Augen wieder auf, und schien nur im Anfang erstaunt und überrascht, ja fast bestürzt von seiner Umgebung. Erst schloß er die Augen wieder, dann aber, sich rasch emporrichtend, warf er den Blick scheu und forschend im Zimmer umher, und ließ ihn endlich mit einem wilden, fast unheimlichen Ausdruck auf dem Fenster haften, das, nach der gewöhnlichen Art der spanischen Wohnungen, mit starken Eisengittern versehen war, den Bewohnern der Parterrelokale in der heißen Jahreszeit besonders zu erlauben, auch die Nacht über ihre Fenster offen zu halten, ohne einen Einbruch fürchten zu müssen.
»Was ist dies für ein Haus? — was für ein Zimmer?« rief er endlich, und preßte seine Hände gegen die Schläfe, — »bin ich denn nicht? — Stierna, Sie hier? — wie ist mir denn, waren denn nicht die Pferde mit uns durchgegangen, und jetzt — hier wieder?« —
»Wo Sie sind?« lachte aber Leifeldt, der des holden Kindes gedachte, das er eben an der Mutter Bett verlassen — »in der Wohnung eines Engels und aufgehoben wie in Abrahams Schooß — aber das nehmen Sie mir nicht übel, Gaspar,« setzte er dann etwas ernster und mit freundlichem Vorwurf hinzu, »Sie gehen mit Ihrem Leben ungefähr gerade so um, als ob Sie jeden Monat ein anderes bekommen könnten, und dieses schon drei Tage über die Zeit getragen hätten. Wenn nicht Gottes Hand an diesem Nachmittag auf Ihnen lag, so mußten die wüthenden Pferde heute ausführen, wozu sich der Hai neulich nicht mehr hergeben wollte.«
»Die Pferde — ja, ja — Sie haben recht — Pferde waren es gewesen und ein junges Mädchen glaub' ich — oder ein Kind — Pest noch einmal, mich schmerzt die Stirn — ich fange jetzt an, mich auf die ganze Geschichte zu besinnen — und ist das Kind gerettet? — aber nehmen Sie mir doch den Verband wieder ab — ich kann doch nicht mit dem Tuch um den Kopf über die Straße gehen.«
»Das sollen Sie auch nicht,« erwiederte Leifeldt, »das Kind ist allerdings gerettet, denn Ihr toller Sprung war wie der Arm eines Engels, der den herzigen Knaben vom sicheren Abgrund fortriß, aber jetzt müssen Sie sich ebenfalls ein wenig schonen, wenigstens eine Zeit lang Ruhe gönnen, so bleiben Sie deshalb nur ruhig auf dem Bette liegen, es läßt sich hier aushalten, und ich will indessen wieder einmal hinaufgehen und nach der alten Dame sehen.«
»Ist noch Jemand beschädigt worden?« frug Don Gaspar rasch.
»Nein,« sagte Leifeldt, »nur ohnmächtig vom Schreck und der Aufregung — aber schlafen Sie selber ein wenig, es kann Ihnen nur gut thun, und in einem kleinen Stündchen komme ich herein und wecke Sie. Fühlen Sie sich dann stark genug, so können wir den Damen oben guten Abend sagen, und gehen dann zusammen zu Hause — sie werden es sicherlich nicht erwarten können, dem Retter des Kindes selber zu danken. Ruhig — keine Einrede,« sagte er lächelnd, als er sah, daß Gaspar dagegen protestiren wollte, »ich bin jetzt Ihr Arzt und Sie müssen mir gehorchen, also folgen Sie brav, und ich hoffe, daß ich Sie morgen wieder in bester Ordnung auf Ihren Füßen habe.«
Er nickte Don Gaspar noch freundlich zu und eilte, ohne weiter eine Antwort von ihm abzuwarten, rasch die Treppe hinauf, nach seinem andern Patienten zu sehen — und das süße Gift jener seelenvollen blauen Augen einzusaugen, die ihn schon jetzt, nach kaum einer ersten, flüchtigen Bekanntschaft ahnen ließen, welche Seligkeit, aber auch welch tiefes bitteres Weh das arme Menschenherz fähig sei in sich aufzunehmen — je nachdem nun gerade die Würfel fielen, die das Loos uns armer Sterblichen bestimmen.
Don Gaspar warf sich indessen auf sein Lager zurück, aber es ließ ihm dort nicht lange Ruhe, und wie von irgend einem peinlichen Gedanken gequält, stand er auf, zog sich an, und ging mit raschen Schritten in dem zwar etwas niedrigen, aber unendlich freundlichen Gemach auf und ab. Mehrmals versuchte er es, sich wieder niederzusetzen, aber ein flüchtig aufgeschlagener Blick trieb ihn wieder empor, und nach und nach ward es fast, als ob ihm das Zimmer hier zu enge werde, und die Brust nicht mehr athmen könne in dem eingepreßten Raum.
Das Gitter beunruhigte ihn.
Er sprang wieder auf und schritt, die Augen mit der Hand bedeckt, in dem Gemach auf und ab, wie ein gefangener Panther den Käfig mißt, der ihn hält; aber lange vermochte er nicht gegen dieß Gefühl anzukämpfen. Er ging nach der Thür und drückte vorsichtig auf das Schloß, als ob er fürchte, daß es verschlossen sein könne, und ein Ausdruck von wilder Freude zuckte blitzschnell durch seine Züge, als das Schloß dem leisen Drucke nachgab. Einen Augenblick horchte er hinaus auf den Gang — es ließ sich Niemand hören — die Leute waren alle oben beschäftigt, theils die nöthige Hülfe zu leisten, theils herauszubekommen aus der »Herrschaft,« wie denn die ganze Sache eigentlich gelaufen, damit sie auch den Zusammenhang der Geschichte fänden — dann griff er seinen Hut vom Tisch auf, schlich hinaus und verließ das Haus, als ob er ein Verbrechen begangen und nicht durch eine kühne That eine ganze Familie glücklich gemacht hätte, die gerade in diesem lieben Kind fast die einzige Freude fand, und durch den Verlust desselben, besonders in solch furchtbarer Art, entsetzlich elend geworden wäre.
Als Leifeldt schon nach Dunkelwerden das Zimmer wieder betrat, den Schlummernden, den er nicht hatte früher stören wollen, zu wecken und seinen neugewonnenen Freunden vorzustellen, fand er zu seinem Erstaunen den Vogel ausgeflogen und das Nest kalt.
Wenn er nun auch dies wunderliche Betragen nicht begriff, entschuldigte er doch oben den Freund, und versprach, ihn morgen früh, wenn er sich von dem kleinen Unfall vollkommen erholt haben werde, mitzubringen. —
»Aber weshalb war er nicht wenigstens einen Augenblick zu ihnen herauf gekommen?« — selbst die alte Dame frug nach ihm und wünschte ihn kennen zu lernen. Sie hatte sich vollkommen wieder erholt, hielt den Knaben auf ihrem Knie, und weinte und lachte, wenn sie an die furchtbare Gefahr dachte, der er, auf fast wunderbare Weise so glücklich entgangen.
Jedenfalls mochte er sich genirt haben, in dem Aufzug, mit durch den Sturz vielleicht zerrissenen Kleidern, mit verbundenem Kopf, sich ihnen zu zeigen — aber war das recht? — hatten sie nicht gerade das erste Anrecht ihn so zu sehen, und hieß das nicht die Bescheidenheit zu weit getrieben?
Leifeldt, der von den guten Menschen schon fast wie zum Hause selber gehörend, behandelt wurde, versprach ihn gleich nächsten Morgen einzuliefern, damit er Abbitte thun könne, verabschiedete sich dann aber auch selber, nach dem Freund, der jedenfalls zu Hause gegangen war, zu sehen, ob er vielleicht noch irgend etwas heute Abend bedürfe.
Leifeldt wurde übrigens keineswegs angenehm überrascht, als er in sein Hotel zurückkehrte, und den Freund, vollkommen wider Erwarten, nicht vorfand. Niemand hatte etwas von ihm gesehen — Niemand wußte von ihm, und vergebens durchlief er, bis spät in die Nacht, alle Straßen, die jener möglicher Weise berührt haben könnte, von den Wächtern vielleicht hie oder da etwas zu erfahren, das ihn wenigstens auf die Spur führen konnte — er blieb verschwunden — und selbst der nächste Morgen, der nächste Abend brachte den so räthselhaft Entwichenen nicht wieder zurück. Was in aller Welt konnte ihn bewogen haben, sich gerade heute, und in so wunderlicher Weise zu entfernen und war er nicht doch vielleicht etwa, von der Aufregung der letzten Stunden betrübt, irgend wo zusammengebrochen? —
Die Familie Newland, der Name der Frauen, denen die beiden Freunde am vorigen Tag so wesentliche Dienste geleistet, fühlten sich besonders geängstigt durch dies Verschwinden eines Mannes, dem sie so gern ihre Dankbarkeit bezeugt hätten, und Mr. Newland, ein Greis von einigen siebzig Jahren, ließ es sich nicht nehmen, selber auf die Polizei zu gehen, und dort die genauesten Nachforschungen nach dem Fremden anzustellen. Nichts destoweniger blieben alle derartige Versuche erfolglos, und eine volle Woche war schon vergangen, ohne auch nur eine Spur von Don Gaspar gebracht zu haben.
Leifeldt war indessen ein täglicher Besucher der Newland'schen Familie geworden und dachte, von diesen selbst dazu aufgemuntert, ernstlich daran, seinen bleibenden Wohnsitz in Valparaiso zu nehmen. Leifeldt war ein vorzüglicher Kinderarzt, und da ihn sein gutes Glück selbst in diesen ersten Tagen zwei sehr schwierige und gefährliche Fälle unter die Hände brachte, denen er sich natürlich mit Aufopferung all seiner Zeit und Kräfte hingab und die Kleinen auch, trotzdem daß sie von dem spanischen Arzte schon aufgegeben worden, dem Leben erhielt, schien der auf so eigenthümliche Weise eingeführte »deutsche Doctor« einen förmlichen Ruf zu bekommen.
Gegen das Ende der Woche erkrankte aber auch der kleine Bill, ein sonst kräftiger und derber Junge, und trotz jeder angewandten Vorsicht, artete das erst leichte Unwohlsein bald in so ein bösartiges hitziges Fieber aus, daß es selbst Grund zu den schlimmsten Befürchtungen gab.
Leifeldt verließ jetzt fast das Haus nicht mehr; Morgens nur besuchte er die wenigen Kranken, die sich ihm schon in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes anvertraut hatten und wachte dann selbst die Nächte an dem Bett des armen kleinen Burschen, der in Fieberphantasien lag und die Händchen oft, wie Hülfe flehend, nach ihm ausstreckte. Jenny leistete ihm hier fast ununterbrochen Gesellschaft, selbst die halben Nächte wachte sie, mit einer alten Dienerin gemeinsam, neben dem Bett des Lieblings und ach, welch' glückliche Zeit war das für den jungen Arzt, dem die Stunden da wie Minuten entflogen und dem hier, von der gemeinsamen Sorge für das arme kleine Wesen begünstigt, mehr Gelegenheit ward, das gute Herz und tiefe Gemüth der Jungfrau zu ergründen, als er durch Jahre lange einfache Bekanntschaft gewonnen haben würde.
Bill war der Sohn ihres Bruders, eines Offiziers der chilenischen Marine, die Mutter des Knaben aber, eine junge Chilenerin, bald nach der Geburt des Kindes gestorben, das so, allein der Sorge des jungen Mädchens übergeben und von diesem aufgezogen, auch mit unendlicher Zärtlichkeit von ihm geliebt wurde. Der Vater des Kleinen war weit in See und zu der Liebe für das Kind selber steigerte sich jetzt die Angst, dem theuren Bruder, bei dessen Rückkehr den Knaben nicht wieder, wie früher, entgegenführen zu können, und in dem einen, seligen Moment Belohnung, o so reichliche Belohnung für all diese Aufopferung und Liebe zu finden.
In den ersten Tagen schien sie in der That nur von dem einen entsetzlichen Gefühl der Angst für das Leben des Kindes fast betäubt, als aber die Krisis glücklich überstanden, und der Kleine ihr in dem kurzen Raum weniger Wochen gewissermaßen zum zweiten Mal wiedergeschenkt war, da kannte ihr Glück auch keine Grenzen, und Leifeldt las in den treublauen, Freude und Seligkeit strahlenden Augen auch die süße Hoffnung seines eigenen Lebens.
Was für frohe, lustige Pläne das arme Menschenherz doch aufbaut in solch schöner Zeit; wie sich die Schlösser da blitzesschnell aus dem Boden heben und freundlich lachende Gefilde das Glück zurückstrahlen, das unsere eigenen glücklichen Träume ihm erst verliehen. Wo sind all die dunklen Schatten, die noch vor so wenigen Monden unser ganzes Leben umnachten wollten, wo die giftigen Schwaden der Sorge und des Leids, die sich auf die Blüthen unserer Jugend legten und ihre Keime zu ersticken drohten? — eine einzige Sonnenwolke hat sie — nicht verscheucht, denn der nächste Augenblick kann sie finsterer, vernichtender emporheben als je vorher — nur mit ihrem lichten, goldenen Schimmer überhaucht und während unser schwaches Auge, das in eine Ewigkeit blicken will, und nicht einmal im Stande ist, den dünnen Glanz dieses Schimmers zu durchschauen, entzückt und selig an dem bunten Farbenschmelz hängt und den glühenden Tinten mit seinen eigenen Bildern Leben giebt, zerstört ein Windhauch oft den ganzen trügerischen Bau, und das Herz möchte mit seinen Schlössern zusammenbrechen und sterben, so weh ist ihm nachher.
Zehn Tage nach dem ersten Ausbruch der Krankheit des Kindes, war jede Gefahr beseitigt, ja es bedurfte nur noch geringer Pflege, den kleinen, aber sonst kräftigen Körper vollkommen wieder herzustellen. So waren denn die Wachen am Bett des leidenden Knaben natürlich eingestellt, aber nichts destoweniger fand sich Leifeldt noch fast an jedem Abend, wie früher, ein, und im Gespräch mit den wackeren alten Leuten, die nur von einer kleinen Pension schlicht und einfach, mehr ihren Kindern und dem kleinen Enkel zu leben schienen, der Jungfrau gegenüber, die dann an ihrer Arbeit saß und wie ein frohes Kind mit ihnen lachte und scherzte, oder auch gar ernst und sittsam die Theemaschine überwachte, die auf dem reinlich gedeckten Tisch brodelte, oder den Eltern das Brod röstete zu dem frugalen Nachtmahl, vergingen ihm jene Abende wie im Flug, und er mußte sich wahrlich oft fragen, ob er das Glück, welches ihm jetzt das ganze Herz füllte, nicht etwa nur träume, und ob das in der That Wirklichkeit sei, welches ihm die Erde schon in diesem Leben zum Himmel mache. O wie lieb, wie heilig sie aussah in diesem geschäftigen Stillleben züchtiger Häuslichkeit, und das Herz wollte ihm manchmal ordentlich verzagen, wenn er nur der Möglichkeit dachte, ein solches Wesen einst sein zu nennen.
Jenny dagegen blieb sich immer gleich gegen den jungen Mann; sie war vom ersten Augenblick an, als er sich der Mutter so annahm, so ungezwungen freundlich gewesen, als ob sie sich von Kindheit auf schon gekannt, und hier nicht fremd, im fremden Lande einander zufällig nur getroffen hätten; nach des Kindes Krankheit aber, in der sich der junge Fremde ihr als ein wirklich treuer Freund bewährt, hatte ihr Betragen gegen ihn weit mehr Herzlichkeit gewonnen; wenn er kam, ging sie ihm bis zur Thür entgegen, und reichte ihm die Hand, plauderte und lachte mit ihm, und freute sich seiner wachsenden Aussichten in der Stadt, die ihnen ja auch die Hoffnung ließen, daß er in Valparaiso bleiben und ihnen nicht wieder so bald genommen würde. Er war ein wirklicher Freund der Familie geworden.
6.
Don Gaspar.
Und was konnte indessen mit Don Gaspar, dem Verschwundenen geschehen sein? — Umsonst waren bis dahin Leifeldt's sämmtliche Anstrengungen gewesen, auch nur seine Spur zu finden; — wie von der Erde fort, blieb ihnen schon fast nichts übrig, als zu glauben, die gierige Fluth, die auf dieser stillen Bai schon so manches Opfer gefordert, habe ihn verschlungen. Leifeldt selbst, der bis dahin viel auf sein überhaupt etwas excentrisches Wesen gebaut und immer noch gehofft hatte, plötzlich einmal aus irgend einer anderen Provinz einen Brief von ihm zu bekommen und dann auch die Ursache zu erfahren, weshalb er ihn, den Freund, so rasch und heimlich verlassen habe, fing an, diese Hoffnung aufzugeben und an den Tod des unglücklichen Freundes zu glauben, als er eines Tages von San Jago und zwar von einem jungen Manne Nachricht erhielt, den er hier in Valparaiso hatte kennen lernen. Dieser versicherte ihn, es lebe dort ein junger Spanier, der seiner Beschreibung fast vollständig entspräche, still und zurückgezogen in einem ganz abgelegenen Theile der Stadt und verkehre fast mit Niemandem. Leifeldt setzte sich augenblicklich auf die Post, die zwischen Valparaiso und der Hauptstadt Chile's läuft, suchte und fand die bezeichnete Gegend, das ihm genau beschriebene Haus und lag, wenige Minuten später in den Armen des Wiedergefundenen, der bei seinem Anblick zuerst fast eine Bewegung machte, als ob er wieder fliehen wolle, dann aber sich an die Brust des Freundes warf und dort weinte, als ob er vergehen wolle vor innerem Schmerz und Weh.
Trotzdem weigerte er sich im Anfang entschieden, wieder mit ihm nach Valparaiso zurückzukehren, jede Ausflucht suchte er vor, die ihn dabei entschuldigen konnte, und war doch auch nicht zu bewegen, einen wirklichen Grund anzugeben. Leifeldt glaubte diesen endlich in einem zu großen Zartgefühl des jungen Spaniers zu finden, der sich vielleicht hier in seinen Erwartungen, Geld zu erheben, getäuscht sah, und nun ihm, der seinetwegen die sichere Stellung aufgegeben, die kleine noch übrige Summe unverkümmert lassen wollte. Froh in dem Gefühl, ihn hierüber wenigstens beruhigen zu können, versicherte er dem Freund, wie er, ganz wider Erwarten, in Valparaiso, in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes sich schon ein förmliches kleines Capital verdient habe, und nicht allein einer sorgenfreien, sondern auch frohen Zukunft entgegenzugehen hoffe — Gaspar werde dem Freund nicht versagen, das mit ihm zu theilen, bis er selber seine eigenen Hoffnungen realisirt habe.
Don Gaspar mußte zuletzt wohl oder übel nachgeben, aber so herzlich er dem treuen Freunde dankte, so froh er sich selber zu zeigen suchte, war es doch augenscheinlich, daß noch irgend ein schwerer Schmerz auf ihm lasten mußte, den er, trotz allen Bitten Leifeldts, nur in seinem eigenen inneren Herzen barg.
Fast mit Gewalt bewog ihn Leifeldt endlich, seine wenigen Sachen zusammen zu packen und mit ihm, noch an dem nämlichen Abend nach Valparaiso zurück, aufzubrechen; er that es endlich, und Leifeldt vergaß dann bald in seinem eigenen Glück die gefurchte Stirn des Freundes, dem er jetzt einen getreuen Bericht der vergangenen Tage, seit dieser Flucht, zu geben anfing, und nicht aufhören konnte, die Liebenswürdigkeit der kleinen Familie zu rühmen, in die ihn sein gutes Glück geführt, oder in die er eigentlich besser durch Don Gaspars tollen Sprung förmlich hineingeworfen worden.
Don Gaspar hörte ihm dabei lächelnd zu und strich sich wohl manchmal, wenn jener immer wieder auf seine frohen Hoffnungen und Aussichten zurückkam, leicht aufseufzend, mit der flachen Hand über die Stirn. Erst als sie am anderen Tag die letzten Hügel erreichten, die nach der Stadt hinunterführten, und wieder in Sicht des Meeres kamen, war es auch fast, als ob ein neuer Geist in dem jungen Spanier erwache. Er richtete sich hoch in dem Wagen auf und mit leuchtenden Blicken nach den einzelnen schneeigen Segeln deutend, die hie und da von dem dunklen Hintergrund des Meeres herüberblitzten, rief er aus:
»Das Meer! — das weite fröhliche Meer — sieh wie es da liegt und wogt und brandet und sich einwühlt in seine eigenen Arme. — Wie ein Becher schäumenden Weines breitet sich's aus — und oh, wer doch, eine Perle in seinem Grunde läge.«
»Unsinn,« lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor sich ausgebreitet, die Alles in sich barg, was ihm lieb und theuer auf dieser Welt war, in aufsprudelnder Lust — »wie eine Perle? — sag lieber wie eine todte Fliege, wenn Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst — eine Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder ausgeschieden wird. Nein, fort mit den traurigen Gedanken — sieh, Dein Auge hat sich schon ordentlich belebt, und Du fängst an, wieder wie ein vernünftiger Mensch auszusehn. Jetzt weiß ich auch, was Dir bis dahin in den Knochen gelegen — die engen Hügel waren es, die Dich umschlossen, die schwere Luft, die in das schmale Thal herniederpreßte — hier ist der Himmel frei, hier dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns aus, und das Herz wird weit und athmet voll, und es ist ordentlich, als ob das Blut in unseren Adern flüssiger, lebendiger geworden wäre. Ich möchte nicht mehr im inneren Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet, und ich kann mir wahrlich nicht denken, daß man sich wieder da wohl fühlen könne, wo man schon einmal den vollen Genuß eines solchen Anblicks, wie wir ihn jetzt feiern, kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich gefunden hat.«
»Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago zöge?« sagte Don Gaspar, lächelnd zu ihm aufschauend, »wie wär es dann mit der See?«
Leifeldt schoß das Blut wie mit einem plötzlichen Strahl in die Schläfe, und er erwiederte, aber mit etwas gezwungener Gleichgültigkeit. »Unsinn, Gaspar — wenn mir das Mädchen wirklich nicht gleichgültig wäre, wie dürfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben, wo ich eben erst angefangen habe, festen Fuß zu fassen. Valparaiso ist ein theurer Ort, und wer hier eine Familie haben und sie anständig durchbringen will, darf eben nicht nur ein junger Arzt und Anfänger sein — und in späteren Jahren — lieber Gott, wir wissen nicht, was die nächste Stunde bringt, wär' es nicht Thorheit, wollten wir uns Pläne auf lange Jahre hinaus machen.«
»Und vielleicht helf ich Dir doch,« sagte freundlich Don Gaspar, ihm die Hand hinüber reichend — »hier in Valparaiso bin ich allerdings nicht im Stande gewesen, Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte, aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben, und kann schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht mehr der arme Don Gaspar sein werde, wegen dem der Freund Existenz und Brod verläßt, ja seine Freiheit und sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.«
»Unsinn, Unsinn,« lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte aber seine Hand ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden, nur gewaltsam eine innere Aufregung bekämpfend, ins Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester Stimme fort:
»Es könnte sein, Federigo, daß ich — wir sind Alle Menschen und wissen nicht, wann uns Gott abruft — daß ich plötzlich sterben könnte — ich habe deshalb den erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich möchte Dich bitten« —
»Gaspar!« rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich beunruhigt, »was zum Henker giebst Du Dich plötzlich so trüben Gedanken hin. — Wir sind allerdings sterblich, und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein rasches, gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst aber nicht fürchten, daß Dich das Schicksal einem schnellen Tode bestimmt habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm Gelegenheit genug gegeben, in solchem Fall zuzulangen. Aber allerdings möchte ich nicht für Dich einstehn, wenn Du so fortfährst, Dein Leben wirklich zum Fenster hinauszuwerfen — einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch, wenn ich nur an die beiden Fälle zurückdenke, wie Du auf den Hai hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden Pferden entgegenwarfst, so weiß ich wahrlich jetzt selber nicht, wie es überhaupt möglich war, nicht einer Gefahr — denn das kann man schon nicht einmal mehr Gefahr nennen — sondern dem wirklichen Tode so durch ein Wunder zwei mal zu entgehen. Die Götter droben können Dich also jedenfalls noch nicht gebrauchen, und Du magst völlig ruhig und unbekümmert in die Zukunft blicken.«
»Und es ist merkwürdig,« sagte Don Gaspar kopfschüttelnd, »ich kann mich auf die Einzelheiten der beiden Fälle gar nicht mehr besinnen — aber sieh da,« unterbrach er sich plötzlich, als der Wagen, von den raschen Pferden wie im Fluge dahin geführt, die äußerste Grenze der Vorstadt berührte — »wir sind an Ort und Stelle, wie es scheint, und die Pferde wittern den Stall. — Wetter noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort« — Leifeldt machte plötzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem Wagen selber herüberzusehen, auf den Trottoirs der Straße hin, Don Gaspar ergriff aber seinen Arm und sagte lachend:
»Halt, Señor — machst Du mir Vorwürfe, daß ich mein Leben thörichter Weise auf's Spiel setze und willst gleich hinterher Deine eigenen Gliedmaßen in Gefahr bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon auf eine weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen, und jetzt vorwärts Kutscher, vorwärts, was zügelst Du die Pferde ein, wir sind noch lange nicht am Ziel!«
»Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Señor,« erwiederte aber dieser — »Polizei will's nicht haben.« —
»Ja so, die Polizei will's nicht haben,« sagte Don Gaspar plötzlich ganz ruhig, und während sich Leifeldt so weit er konnte aus dem Wagen bog, den Damen nachzuschauen, lehnte sich der junge Spanier in die Ecke zurück, und schaute still vor sich nieder.
Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unnützen Fragen zu begegnen, das anscheinende Verschwinden des Freundes einem von diesem abgesandten, aber verloren gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der Familie die fröhliche Nachricht von dem Wiederauffinden und Zurückkehren des Freundes zu bringen, um diesen dann, wie ihn auch die alten Leute dringend baten, heute Abend noch dort einführen zu können.
Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie ihn Leifeldt noch nie gesehen — er schien sich selber auf den Besuch zu freuen, kleidete sich mit besonderer Sorgfalt und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht gethan, genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie; ihrem Alter, ihren Beschäftigungen, selbst ihrem Äußeren, und Leifeldt wurde nicht müde, ihm zu erzählen.
Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so herzlich, als ob er ein eigener Sohn der alten Leute gewesen wäre; der Greis nur machte ihm Vorwürfe, daß er sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer Rührung tief bewegter Stimme:
»Mir und uns Allen hier gewiß zum Heil, hat Sie Gott Beide an diese entlegene Küste geführt, denn Ihnen Beiden danken wir das liebe Kind hier, das — ich darf den Gedanken gar nicht ausdenken — auf wie furchtbare Weise ohne Sie hätte umkommen oder an langwieriger Krankheit vielleicht dahin siechen müssen. Betrachten Sie sich aber auch Beide deshalb wie mit zur Familie gehörig und mehr noch wird Ihnen mein Sohn für diesen, besonders ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn mit Gottes Hülfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den nächsten Tagen wieder hier einlaufen zu sehn. — Aber Jenny, Kind, was stehst Du da in der Ecke, hast unserem lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt, und Dich doch so darauf gefreut, ihn begrüßen zu können. Es ist wahr, Don Gaspar, Sie haben uns das Vergnügen recht, recht lang entzogen, und Sie werden sehr oft kommen müssen, nur einen Theil davon wieder gut machen zu können.«
Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu begrüßen, und Jenny trat in diesem Augenblick auf ihn zu, reichte ihm, wie einem alten Freund, die Hand und sagte herzlich:
»Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen im Mai, und es hat uns nur Allen so leid gethan, Ihnen das nicht früher sagen zu können — doch es war Ihre eigene Schuld — kommen Sie jetzt nur recht oft, und Sie werden sich wohl bei uns fühlen. — Aber hier, Bill« — wandte sie sich dann plötzlich zu dem kleinen Burschen, der schüchtern hinter ihr stand und an ihrem Kleide zupfte »hier, Bill, das ist der Gentleman, der Bill damals gerettet hat, als little boy so sehr unartig war und auf die Straße hinaus lief, daß grandmama krank wurde und nicht mehr gehen konnte — weißt Du das noch — und giebst Du ihm kein Händchen?«
Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm Jenny drei- oder viermal herunter bog, immer unverdrossen wieder in das rosige Mündchen schiebend, kam langsam, das Köpfchen niedergedrückt und nur schüchtern zu dem Fremden hinaufschielend, näher, und reichte ihm verschämt das rechte Händchen hin.
Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick auf den jungen Spanier machte, und Leifeldt lächelte mit einer Art freudigen Stolz sogar, als er sah, wie sich der Freund dem holden lieblichen Kinde gegenüber förmlich befangen fühlte.
Don Gaspar stand in der That im ersten Moment da, als ob er eine Erscheinung gesehen, und nur wie bewußtlos ergriff er die dargebotene Hand in seinen beiden Händen, und hielt sie sogar noch fest geschlossen, als Jenny sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben zuzuführen. Erst dann, als er fühlte, daß sich ihm die Jungfrau zu entziehen suchte, ließ er sie erschrocken frei, und das Kind aufnehmend, das ihn im Augenblick vertraut, mit den großen hellblauen Augen freundlich anlachte, und in seinem kraußen Bart spielte, küßte er den Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen braven kleinen Burschen, der nicht wieder auf die Straße hinauslaufen und seiner guten Großmutter und Schwester Schmerz bereiten würde.
An dem Abend war Don Gaspar ein ganz anderer Mensch geworden; es schien ordentlich, als ob die sonst manchmal eisige Rinde seines Herzens aufthaue in der Gesellschaft der lieben Menschen. Besonders wurde es Jennys lebendige Unterhaltung, die ihn anzog, Geist und Gemüth fanden dabei gleiche Nahrung, und fortgerissen von dem lieblichen Feuer des schönen Mädchens, vergaß er bald seine ganze Umgebung, und ließ sich mehr und mehr hinreißen in bunter und glühender werdenden Schilderungen und Bildern. Die Pyrenäen und Felsengebirge, der Amazonenstrom wie der Ganges waren, so jung er noch schien, schon der Schauplatz seiner Thaten gewesen — auf der Jagd bald, bald im Kampf mit den Eingeborenen, hatte es den Knaben fast von Land zu Land getrieben. Nach Spanien zurückgekehrt, fand der thätige Geist keine Nahrung für sein Streben, seine Pläne, und der Krieg der Argentinischen Republik mit Monte-Video, schon die Schilderung jener wilden Reiter der Pampas ließ ihm bald daheim den Boden unter den Füßen brennen. Noch ein Jüngling fast, hatte er schon die Thaten und Erfahrungen eines Menschenalters auf sein Haupt gesammelt, und er konnte nicht still stehn an der Grenze des Begonnenen.
»Mehr aber fast noch als der Drang, dieses neue wilde Treiben mit eigenen Augen zu schauen« — fuhr er endlich in der Schilderung seines eigenen Lebens, in die er wie unbewußt hinein gerathen war, und der Alle, besonders Leifeldt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, fort — »zog mich die Sehnsucht herüber, einen Bruder hier zu finden — einen Zwillingsbruder, den ich seit meinem zwölften Jahre nicht gesehen und an dem mein Herz mit all jener fast wunderbaren, geheimen Sympathie hing, die das Herz zweier solcher Wesen bis zum — — ja vielleicht noch nach dem Tode umschlingt. Leider wußte ich nur, daß er seinen letzten Aufenthalt in Buenos-Ayres selber gehabt, und konnte keine nähere Adresse von ihm bekommen, dort angelangt, blieben auch eine Zeit lang alle meine Nachforschungen nach ihm vergeblich, und während Einzelne den Namen wollten in Monte-Video gehört haben, behaupteten Andere, er sei in eigenen oder Regierungsangelegenheiten nach Mendoza, der fernen Grenzstadt der Republik gesandt worden. Nach allen diesen Orten schickte ich jetzt Briefe aus, in der Hoffnung, daß einer von ihnen den Bruder doch erreichen und ihm meine Nähe melden möge — und — hahaha — es ist eigentlich zu komisch, wenn man bedenkt, wie das Schicksal die Leute manchmal zusammenwürfelt, und welch entsetzliche fürchterliche Folgen aus einer einzigen Idee, einem Wunsch, einem Brief — einem Wort entstehen können.«
Don Gaspar lachte halb, als er die Worte sprach, aber die Todtenblässe, die jetzt seine Züge bedeckte, der starre, kalte Blick, die zitternden Lippen straften sein Lachen gar furchtbar Lügen. Er hatte auch, wie es schien, ganz seine Umgebung vergessen, und die Stirn jetzt eine ganze Weile in den Händen bergend, preßten sich einzelne klare perlende Tropfen zwischen den fast mädchenhaft zarten Fingern durch.
Die kleine Gesellschaft saß indeß in schmerzlicher, fast peinlicher Spannung, und Leifeldt besonders, denn selbst ihm hatte der Freund bis dahin hartnäckig die frühere Geschichte seines Lebens verschlossen gehalten, empfand eine unnennbare, ihm selbst unerklärliche Angst, die Schicksale des Unglücklichen zu hören, die wirklich furchtbarer Art sein mußten, wenn nur die Erinnerung daran das sonst so eiserne, unerschrockene Herz des Mannes in solcher Art zu erschüttern vermochte. Keiner wagte ihn indeß zu stören, und selbst Bill schmiegte sich, die großen, blauen Augen ängstlich und bestürzt auf den fremden Mann geheftet, an das Knie der Tante, und sein kleines Herz schlug schneller in dem Mitgefühl um die fallenden Thränen.
Endlich, wohl nach fünf Minuten, in denen nur das monotone Ticken der großen Wanduhr die fast feierliche Stille unterbrochen, fuhr der Erzähler, die Hände langsam senkend und stier dabei vor sich nieder sehend, mit leiserer Stimme, die aber in der Erzählung selber bald wieder zu der frühern Lebendigkeit anwuchs, fort:
»Drei Monate später erhielt ich endlich Antwort auf eines meiner Schreiben, und zwar von Cordova aus, wohin der nach Mendoza von mir gesandte Brief befördert worden war. — Felipe hatte in einem Jubel an mich geschrieben, daß wir uns endlich wieder sehen sollten. Er war glücklich — in Cordova war ihm Alles geworden, was das Herz nur an diese Erde zu fesseln vermag: ein treues Weib, ein liebes Kind, und nicht Worte konnte er finden, mir die Seligkeit zu schildern, in der er lebe. Nichts destoweniger wollte er Alles dort verlassen, was ihm lieb und theuer war, den Bruder nach so langen Jahren der Trennung wieder an sein Herz zu drücken, und den Tag hatte er mir schon bestimmt, an dem er in Buenos-Ayres eintreffen würde.«
»— Auch ich hatte indessen,« fuhr Don Gaspar nach einer längeren Pause, in der er seine innere Bewegung gewaltsam niederkämpfte, fort: »ein Wesen gefunden, dessen Besitz mich, wie ich damals glaubte, zum Glücklichsten der Sterblichen machen mußte. — Der Tag des Wiedersehns mit meinem Bruder sollte auch am Altar ihre Hand in die meine legen — der Tag kam — aber wie sollte er enden.«
»Schon in der letzten Zeit hatte ich in dem Hause meiner künftigen Schwiegereltern einen Cavallero aus- und eingehen sehen, dessen Betragen gegen meine Braut mir nicht gefiel — mich selber behandelte er dabei ganz mit dem Eigendünkel der südamerikanischen Raçe dem spanischen Blut gegenüber, und nur die Gegenwart meiner Schwiegereltern hatte schon zweimal verhindert, daß es zu harten Worten und vielleicht härteren Thaten zwischen uns gekommen.«
»So brach der Morgen vor meinem Hochzeittag an, und mancherlei Geschäfte, die mich an dem Tag auf der Straße hielten, Einkäufe und Besorgungen, veranlaßten mich, in eine Pulperia[12] zu treten, und ein Glas Wein zu trinken — ich wollte eine Erfrischung finden — und fand den Tod.«
»In der Pulperia stand, ohne daß ich ihn anfangs bemerkte, ich hätte ihn sonst an diesem Tage vermieden, jener Argentiner im eifrigen Gespräch mit einem anderen — einem anerkannt schlechten Subjekt, das als Werkzeug schon zu manchem schlechten Streich sollte benutzt sein. Was der Inhalt ihres Gesprächs gewesen, weiß ich nicht, soviel ist gewiß, ich hatte kaum Platz an einem der Tische genommen, als sich ihre Aufmerksamkeit auf mich lenkte und sie mit meinen nächsten Nachbarn ein lautgeführtes Gespräch begannen, das mich nicht gleichgültig lassen konnte. Es galt mein Vaterland, und so fest ich auch gewillt war, gleich im Anfang, als ich den ziemlich grob angelegten Plan, mich zu reizen, errieth, den Saal zu verlassen, fielen doch bald Äußerungen, die es mir unmöglich machten, sie unerwiedert zu lassen. Die beiden Argentiner besonders, beides wenigstens äußerlich fanatische Anhänger des Diktators, schmähten meine Nation auf eine so nichtswürdige und perfide Weise, daß ich endlich gar nicht mehr umhin konnte, ihnen zu antworten — ich hätte Fischblut in den Adern haben müssen. Ein Wort aber gab das andere, im vollsten Übermuth trieben es meine Gegner mit Gewalt zum Äußersten, und der nächste Morgen — mein Hochzeittag — wurde dazu bestimmt, unseren Streit auszugleichen. Noch an dem nämlichen Nachmittag aber überfielen mich die beiden Schurken meuchlerischer Weise, und nur meinem guten Glück hatte ich es zu danken, daß der erste nach mir geführte und jedenfalls tödtlich gewesene Stoß an meiner Uhr abglitt, während der Mörder von meiner Hand fiel. Der andere, der mich rasch wieder gerüstet und seinen teuflischen Plan vereitelt sah, wollte jetzt entfliehen — aber ich war flüchtiger als er. Das Blut zum Sieden getrieben — die blanke Waffe in der Faust, verfolgte ich ihn durch mehrere Straßen, mehr und mehr ihm nahekommend. — Vergebens war sein Hülferuf, die Leute wagten nicht, dem bewaffneten Verfolger in den Weg zu treten, und in demselben Augenblick, als er an der einen Ecke erschöpft und matt zusammensank« — Don Gaspar schwieg einen Augenblick, und setzte dann tonlos hinzu — »traf mein Stahl sein Herz!«
»Erst als ich ihn blutend vor mir liegen sah, wußte ich, was ich gethan, begriff aber auch zugleich die Gefahr, in die ich mich selber dadurch gebracht; die Henkersknechte des Diktators waren schnell in der Vollziehung rascher gegebener Urtheile, und nicht eine Stunde durfte ich mich länger sicher wähnen, denn ich war in der Verfolgung sowohl, wie in der That selber erkannt und auch schon umstellt worden. Meine Waffe brach mir aber auch hier Bahn, und in und durch ein mir bekanntes Haus flüchtend, brachte ich meine Verfolger auf die falsche Fährte.«
Die bald einbrechende Nacht konnte mich dabei leicht aus dem Bereich jeder Gefahr bringen; oben in der Boca[13] lag ein kleiner Nachen — ich kannte die Stelle genau, und auf der Außenrhede ankerte ein spanisches Kriegsschiff — einmal dort an Bord, und Rosas sämmtliche Macht hätte mir kein Haar meines Hauptes krümmen können. Vorher aber mußte ich meinem Bruder Nachricht von mir geben; was kümmerte mich die Gefahr, der ich mich dabei aussetzte, und meinen Versteck wieder verlassend, wanderte ich, in meinen Pancho dicht eingehüllt, langsam, um keinen Verdacht zu erregen, dem Mittelpunkte der Stadt zu, wo man mich jetzt, da ich vor mehreren Stunden gerade in einer entgegengesetzten Richtung geflohen, auch schwerlich vermuthen durfte. Nichts destoweniger waren die Straßen heut Abend belebter, als ich sie noch je gesehen, irgend etwas Besonderes schien hier vorgefallen, und um die eine Ecke biegend, hörte ich, wie ein Gaucho zum anderen lachend sagte:
»Sie haben ihn, amigo — caramba, er wollte sich noch verantworten, aber die gnädigen Mashorqueros lassen sich nicht auf Erklärungen ein — er sieht jetzt aus, als ob er sich beim Rasiren geschnitten hätte.«
»Mir stockte das Blut in den Adern, ich wußte nicht weshalb, aber wie ein elektrischer Schlag rührte mich das flüchtige Wort, und anstatt jeder Beobachtung so rasch als möglich zu entgehn, und das nur kaum noch fünfzig Schritt entfernte Haus, durch dessen Hinterpforte ich leicht wieder einen Ausgang finden konnte, zu erreichen, frug ich, mein Gesicht nur soviel als thunlich mit dem Pancho und breitrandigem Hut verdeckt, den mir nächsten Burschen, wen sie gefangen und ermordet hätten?«
»Wen? — caracho,« sagte der grimmige Gaucho lachend, »wen anders, als den Hund von Spanier, der heute Morgen zwei wackere Männer der Föderation meuchlings überfallen und ermordet oder doch bös getroffen hat.« — »Und sein Name?« — mein eigener donnerte mir ins Ohr, und während sich die Straße mit mir zu drehen begann, weiß ich nur, daß ich dem Orte zustürmte, wo die Leiche lag.
»Und dort?« — frugen die Zuhörer in tödtlichster Spannung wie aus einem Munde — denn der Erzähler saß mit stieren Blicken, den rechten Arm vorgestreckt, als ob er das Schreckensbild aus dem Boden steigen sähe, regungslos da, und die Augen gewannen einen wilden, fast unheimlichen Glanz. Plötzlich aber, als ob er fühle, daß aller Augen angst- und erwartungsvoll auf ihn gerichtet seien, fuhr er empor, und den Blick rasch und forschend im Kreis umherwerfend, haftete dieser auf dem Thränenglanz in der Jungfrau Auge, die ihm mit bleichen Wangen und hochklopfendem Herzen gegenüber saß und jedes Wort von seinen Lippen in peinlicher Spannung aufgesogen hatte. Erst seinem Blick begegnend, senkte sie den ihren, und Don Gaspar, der jetzt eine ganze Zeit lang wie träumend zu ihr hinüberschaute, strich sich plötzlich die schwarzen krausen Locken von der Stirn, und hochaufathmend war es fast, als ob er ein schweres, furchtbares Gewicht von seiner Brust gewälzt hätte.
»Und dort? — wen fanden Sie dort?« rief aber jetzt noch einmal die alte Mrs. Newland und auch Leifeldt, der hinzutrat und die Hand auf des Freundes Schulter legte, wiederholte leise die Frage.
»Dort?« lachte aber Don Gaspar, dem in diesem Moment schon wieder der alte kecke Übermuth aus den Augen blitzte, »dort? — wie mir scheint hätte ich Schauspieler werden sollen — hahaha — habe ich mir doch nie im Leben solch ein Talent zum Erzählen zugetraut — wahrhaftig, Señora, Sie sind ja ganz davon ergriffen, und die Señorita hat Thränen in den Augen.«
Er sprang auf und Mrs. Jennys Hand ergreifend, sagte er mit leiserem, fast bittendem Ton:
»Zürnen Sie mir nicht, Señorita, ich wollte weder Sie noch die lieben Ihrigen betrüben — nur zerstreuen, habe es aber, wie ich sehe, ganz falsch angefangen. Nicht wahr, ich wäre alt genug, vernünftig zu sein, und doch plagt mich ein kleiner Teufel, den ich, zu größerer Bequemlichkeit mit mir herumtrage, manchmal wahrhaftig bis aufs Blut solch närrische Streiche zu spielen — aber ich muß nachher dafür büßen, wenn ich sehe, welch Unheil ich angerichtet habe« — setzte er weicher hinzu.
Jenny war so vollkommen durch diese Wendung des Ganzen überrascht, daß sie im ersten Moment in der That gar nicht wußte, ob sie weinen oder lachen solle, ein Blick in die Augen des Fremden aber machte sie auch wieder stutzen — dort lag mehr als ein einfach kecker Leichtsinn, gräßliche Geschichten zu erzählen und das Blut seiner Hörer erstarren zu machen — ein furchtbares Geheimniß schlummerte hinter diesen dunklen Sternen, und welchen gewaltigen Kampf mußte es ihm kosten, das jetzt mit solcher Macht und Ruhe niederzuhalten.
Das schöne Mädchen ließ ihre Hand in der des Bittenden länger, als sie selbst wohl wußte, und als sie ihm dieselbe endlich, und nur langsam entzog, begegnete Don Gaspar dem Blick des Freundes, der halb forschend, halb zweifelnd auf ihm haftete. Er wich dem Blick aus, lächelte aber, als er ihm, mit abgewandtem Antlitz die Hand reichte und fest drückte.
»Nein, so 'was!« rief aber jetzt die alte Dame in größtem Erstaunen, — »segne meine Seele Herr — und das war eine bloße Geschichte, und so natürlich, daß Einem das Herz ordentlich zu klopfen aufhörte und der Athem still stand in der Brust — aber Mr. Gaspar, das müssen Sie uns künftig vorher sagen, daß Sie's nicht so ernsthaft meinen; man weiß ja wahrhaftig sonst gar nicht mehr, woran man ist.«
Don Gaspar hielt indessen noch immer Leifeldts rechte Hand mit seiner linken, und dessen Arm mit seiner rechten Hand gefaßt — es war fast, als ob er ihm noch etwas sagen wollte vor allen Andern — als ob er sich gerade bei ihm rechtfertigen müsse, aber er machte sich auch von ihm endlich los, und sich rasch zu dem alten Herrn wendend, der ihm entgegentrat, schüttelte er ihm herzlich die Hand und sagte, leicht mit dem einen Auge dabei blinzend: — »nicht wahr, Sir, Sie wußten, wo ich hinaus wollte.«
»I'll be damned if I did,«[14] rief aber der alte Herr treuherzig, die ihm dargebotene Hand aus Leibeskräften schüttelnd — »nicht die Probe davon, so wahr mein Name Newland ist — hielt die ganze Geschichte für baare Münze und meine Seele dachte nicht daran, daß Sie Spaß machen könnten — haben aber ein famoses Talent, und wenn Sie das so auf dem Theater von sich geben könnten wie hier, Sie müßten reich dabei werden.«
»Ach, das ist ja gerade unser Unglück auf dieser Erde,« lachte Don Gaspar dagegen, »daß wir eben in der Jugend noch nicht selbstständig handeln können, oder wenn wir es könnten, doch nicht im Stande wären, der Bahn mit den Blicken zu folgen, die anscheinend glatt und weitdehnend vor uns ausgebreitet liegt — hat aber die Erfahrung erst ihre Furchen in unsere Stirn gegraben, dann ist es gewöhnlich zu spät, noch einen neuen Lebensweg zu wählen, und wir mühen uns verstimmt und unmuthig auf der, freilich selbst betretenen, breiten und staubigen Heerstraße hin, während links und rechts abzweigend, und doch alle demselben Ziel entgegenführend, die schattigsten, blumenreichsten Gänge und Pfade liegen — wenn die Chausseegräben nur nicht so verwünscht breit wären.«
Mit rascher Wendung führte er seine ihn noch immer halberstaunt halb mißtrauisch betrachtenden Zuhörer wieder auf das erste Feld der Unterhaltung zurück; kleine interessante Züge aus seinem Leben, mit einer ganz eigenthümlichen Mischung von Humor und Ernst vorgetragen, weckten dabei bald wieder ähnliche Erinnerungen bei den Freunden, und ehe eine halbe Stunde verflossen, war das Gespräch wieder allgemein und lebendig geworden, und man lachte und erzählte sich noch bis spät in die Nacht hinein.
Auf dem Heimweg suchte nun zwar Leifeldt den Freund wieder auf die Geschichte seines Lebens zurückzubringen, aber der hielt ihm nicht Stand, sprang rechts und links ab, und war gerade heute so voll von tollen, lustigen Einfällen, daß es unmöglich schien, noch ein ernstes Wort mit ihm zu reden.
7.
Der Verdacht.
Die nächsten drei Tage war Don Gaspar übrigens nicht zu bewegen, seinen Besuch bei Newlands zu wiederholen, trotzdem sogar, daß ihm Leifeldt eine förmliche Einladung dorthin brachte — er entschuldigte sich mit einem peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag am Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten. Er war auch still und schweigsam dabei, und es schien fast, als ob nach einer zu starken Aufregung jenes Abends eine Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht einmal die Mühe geben wollte, von sich abzuschütteln. Bei Newlands dagegen, bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich die Unterhaltung drehte, und mochte das Gespräch, nach welcher Richtung es wollte, sich gewandt haben, der erste Schritt im Hause unten, das zufällige Öffnen oder Schließen einer Thür, brachte fast stets die Worte: »Sollte das Don Gaspar sein?« — Leifeldt war auch schon mehrfach gefragt worden, wie und wo er den Freund kennen gelernt habe, wußte aber die Frage immer zu umgehen und suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu bestärken, Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der gräßlichen Geschichte — wo sie ja nicht anders denken konnten, als sein Zwillingsbruder sei für ihn erschlagen worden — einen freilich etwas entsetzlichen Spaß gemacht, während Jenny dagegen eben so bestimmt behauptete — und Leifeldt pflichtete ihr im Herzen schon fast bei — der Schluß des wahren Vorfalls sei ihm selber so furchtbar vorgekommen, daß er sich gescheut habe, sie mehr zu ängstigen, und lieber Alles das gewaltsam niederkämpfte, was ihm in dem Augenblicke sicher drohte die Brust zu zersprengen. — Der arme Mann, was mußte er seit der Zeit heimlich gelitten und mit sich herum getragen haben.
Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder das Haus der Newlandschen Familie, und dießmal bat er sich Leifeldt selber zur Begleitung an. Wenn die alten Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf seine frühere Erzählung — bei der sie ihn versicherten, wie sie ihn vertheidigt hätten, zurückkamen, wußte er ihnen doch immer geschickt auszuweichen, und es war so augenscheinlich, daß ihm selbst eine Berührung jenes Abends wehe that, und Leifeldt wie Jenny suchten daher das Gespräch in anderer Richtung zu leiten und zu halten.
Von da an war Don Gaspar ein täglicher Gast in Newlands Haus, und während Leifeldt jetzt mehr und mehr Beschäftigung bekam, wie das Zutrauen in der Stadt zu ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln und Bahn brechen konnten, saß er oft stundenlang mit Jenny am Schachbret, las irgend ein Buch mit ihr, oder erzählte den alten Leuten Abentheuer und Scenen aus seinem wunderbar bewegten Leben.
Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden. — Ruhe und Friede schien in sein Herz eingekehrt, und was er auch früher gelitten und ertragen haben mochte, eine freundliche Gegenwart glättete die schmerzgefurchte Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in erkünsteltem, sondern in wirklichem Glück. Er zeichnete dabei kein einziges Glied des kleinen Familienkreises aus — fand er den alten Herrn allein, so saß er stundenlang mit ihm da und plauderte von Jagd und Ackerbau, von Viehzucht und Weinbau, für den sich der alte Gentleman besonders interessirte, und von der See und der fernen Heimath, — war die alte Dame gut aufgelegt dazu, und das geschah oft, so ging er eben so gern auf all die wunderlichen Kapitel ein, die sie, nach alter Gewohnheit, vor ihm herauf zu beschwören wußte, — dann erzog er mit ihr Kinder und mästete Gänse, legte einen Garten an, oder diskutirte die Vorzüglichkeit des javanischen vor dem brasilianischen Kaffee. — Mit Jenny war er derselbe, ihre Nähe schien aber einen besonders wohlthätigen Einfluß auf ihn auszuüben, kein wildes, aufloderndes Wort kam über seine Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr befand, was ihm sonst doch sogar in Gegenwart der alten Dame manchmal passirte, die aber ihre Freude daran hatte und dann immer meinte, es thäte ihrem alten Herzen ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend zu sehn und ihren Geist daran zu erwärmen. Aber auch selbst Jenny vergaß er manchmal, wenn ihm gerade die Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun mit Bill in ausgelassener Fröhlichkeit in Haus und Garten herumtollte, daß selbst das Kind ihn manchmal ganz ehrbar bat, nicht einen solchen Spektakel zu machen, sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder ein Märchen zu erzählen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und auszuspinnen wußte.
Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich Don Gaspar von Allen aufgenommen wurde, so erkannte das scharfe, so leicht mißtrauische Auge der Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau selbst vor den Übrigen einräumte. Ein wilder Schmerz durchzuckte Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke an eine solche Möglichkeit aufstieg. Er war allein mit Jenny gewesen, und neben ihr sitzend hatte er angefangen von seinen Plänen und Hoffnungen zu plaudern, wie ihn das Glück hier in Valparaiso so weit über Erwarten begünstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen könne, in der es ihm möglich sein würde, einen eigenen Heerd zu gründen. Das Herz lag ihm heute auf der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem holden Mädchen seine Liebe zu gestehen, und sie — nicht um ihre Hand zu bitten — der unbemittelte, junge Arzt durfte noch nicht wagen, das Geschick eines so lieben zarten Wesens an das seine zu knüpfen, ehe er ihm mehr als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte — aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite glücklich fühlen zu können, und dann, mit solcher Gewißheit im Herzen, neuen Anstrengungen und Arbeiten in dem süßen, beseeligenden Gefühl entgegen zu gehen, das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm gerade sein ganzes Glück und Heil zu finden.
Ob Jenny fühlte, daß der bisherige Freund einer anderen Gestaltung ihres Verhältnisses entgegendränge, — ob sie diese Erklärung fürchtete, oder ihr nur ausweichen wollte in mädchenhafter Schüchternheit, aber sie war unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen zu besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gespräch eine andere, gleichgültigere Wendung zu geben, als plötzlich der Klopfer unten an ihrer Thüre ertönte, und gleich darauf des Spaniers rasche Schritte auf der Treppe gehört wurden.
»Don Gaspar,« rief Jenny, freudig überrascht von ihrem Stuhle aufspringend, zugleich aber dem Blick des jungen Schweden begegnend, war sie Weib genug, zu fühlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan. — Das Blut schoß ihr in die Schläfe, und langsam den eben so rasch verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie leiser hinzu: »Er wird sich freuen, Sie hier zu finden.« —
Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und das Gespräch drehte sich um gleichgültige Gegenstände; von dem Augenblicke an aber war der Same des Mißtrauens, der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche Herz des jungen Schweden gefallen, und schlug seine breiten Wurzeln da und wühlte und nagte in all seiner wachsenden Stärke und Furchtbarkeit.
Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen — je freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn wurde, desto mehr zog er sich vorsichtig in die innersten Vesten seiner eigenen Brust zurück, denn was bis dahin seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen, erschloß sich plötzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick mit tödtlicher Schärfe. — Er sah, Jenny liebte den Freund, und das war der Todesstoß all seiner süßen, so heimlich und treu gepflegten Hoffnungen und Träume — das der Sturz seiner liebsten, seligsten Pläne.