Ein Parcerie-Vertrag.


Erzählung
zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde.


Volksbuch
von
Friedrich Gerstäcker.

Leipzig,
Verlag von Ernst Keil.
1869.

Inhalt

Seite
Vorwort [III]
1. Beim Schulmeister [1]
2. Verschiedene Auskunft [17]
3. Herrn Kollboeker's Comptoir [29]
4. Die Abreise [42]
5. Auf See und an Land [52]
6. In Brasilien [64]
7. Die Reise in's Innere [78]
8. Der deutsche Consul [89]
9. Die Folgen des Contracts [105]
10. Der neue Besuch [117]
11. Gerettet [133]
12. In der Colonie Blumenau [141]

Vorwort.

Ich habe versucht dem Leser in der nachstehenden Erzählung eine, wenn auch peinliche, doch treue Schilderung einer Familie zu geben, die sich verleiten ließ auf einen sogenannten Parcerie-[1]Vertrag hin ihr Vaterland zu verlassen und ihr Glück in einem fernen Welttheil zu suchen.

Das Land ist Brasilien, denn gerade mit den Pflanzern des heißen und nördlichen Theils von Brasilien sind solche Verträge abgeschlossen worden, weil sich die freiwillige Auswanderung nicht jenen, für den Europäer ungesunden Distrikten zuwandte. Der Hauptstrom der süd-amerikanischen Auswanderung ging nach dem Süden von Brasilien, wohin die Regierung selber deutsche Auswanderer wünschte und sie in vielen Stücken begünstigte. Dort befanden sich die Colonisten wohl und schrieben nach Deutschland zurück, wie gut es ihnen ging.

Diese Briefe wurden häufig von gewissenlosen Agenten benutzt um arme unwissende Menschen in Deutschland, die keine Mittel besaßen ihre Passage zu bezahlen, zu täuschen, denn man versprach ihnen ja sie nach Brasilien zu schaffen und von der ungeheueren Größe des Landes, und den verschiedenen Klimaten und Bodenverhältnissen hatten die Unglücklichen, mit ihren mangelhaften geographischen Kenntnissen keine Ahnung.

Sie sahen dann zu spät ein daß sie betrogen waren, aber eben so wie sie sich außer dem Schutz der deutschen Regierungen befanden – denn unser Consulats-Wesen lag entsetzlich im Argen und liegt noch darin, wenn nicht die Norddeutsche Bundesregierung eine gründliche Änderung desselben vornimmt – ebenso konnte auch die brasilianische Regierung nur in solchen Fällen einschreiten, wo ihr Beweise gebracht wurden, daß die Pflanzer ihre Arbeiter wirklich betrogen. Wie schwer das aber in einem so ungeheueren Reiche und in den abgelegenen Provinzen war, läßt sich denken.

Vor diesen und vielen ähnlichen Contracten möchte ich nun den Auswanderer nicht allein warnen, sondern auch ihm sowohl, wie Allen solchen die sich für fortziehende Familien interessiren oder von ihnen um Rath gefragt werden, ein deutliches Bild vor Augen rücken, wie es, leider in den meisten Fällen, mit derartigen Verträgen steht.

Ich gebe zu daß manche derselben ehrlich gemeint sind und ehrlich gehalten wurden, und dadurch dem unbemittelten Auswanderer Vortheile boten, die er auf eine andere Art nur schwer erreicht hätte. Aber nirgends ist ihm dafür eine Gewähr gegeben. Von dem Augenblick an wo er das fremde Land betritt, ja läßt er sich besonders mit englischen und vorzüglich belgischen Agenten ein, von der Stunde an wo er die heimische Grenze überschreitet, bleibt er der Willkür fremder Menschen preisgegeben, und zwar ohne Hülfe, ohne Schutz.

Wer einmal auswandern will mag es thun, aber er soll sich vorher, um seiner selbst und seiner Familie willen, nicht durch ein Blatt Papier Hände und Füße binden lassen. Ein freier Mann findet überall in der Fremde sein Brod, ein durch einen Contract gebundener ist dagegen der Sclave seines Herrn und wer ihm hier in Deutschland vorredet, die Sache wäre gar nicht so schlimm – sein ärgster Feind.

In solchen Fällen aber, wo ein armer deutscher Familienvater gar keine Mittel in Händen hat, um ein fremdes Land zu erreichen und er doch sein Elend hier vor Augen sieht, ohne im Stand zu sein sich herauszuarbeiten, wo es ihm also wie eine Hülfe in der Noth erscheint wenn er in ein fremdes Land auf fremde Kosten übersiedeln kann, da gehe er nicht etwa unter jeder Bedingung, denn er hat sich die für ihn und die Seinen nachher vielleicht furchtbaren Folgen sonst selber zuzuschreiben, sondern beobachte die folgenden Regeln.

Vor allen Dingen verlasse er sich nie und unter keinen Umständen allein auf das Wort eines Auswanderungs-Agenten.

Alle diese Leute die eine Auswanderungs-Agentur errichten, sind mit nur sehr wenigen Ausnahmen, heruntergekommene Kaufleute oder sonst Menschen die ein solches Geschäft als letzten Erwerbszweig ergriffen haben, und fast ohne Ausnahme nicht das Geringste von fremden Welttheilen wissen oder verstehen.

Sie bleiben dabei einzig und allein auf den Gewinn des Kopfgeldes angewiesen, das sie für Alle solche bekommen, die durch sie befördert werden. Wohin! bleibt sich bei ihnen gleich, wenn sie ihre »Köpfe« nur auf ein Schiff liefern, und was nachher aus den Unglücklichen wird, kümmert sie wenig oder gar nicht.

Alle solche Contracte dabei, die auf Hälfte des Gewinns oder auch auf einen Antheil lauten, sind fast ohne Ausnahme betrügerischer Art, wenigstens ist der Auswanderer, der die fremde Sprache nicht versteht und dem keine Einsicht in die Bücher seines Herrn zusteht (die ihm unter solchen Umständen auch Nichts nützen würde) jedesmal demselben auf Gnade und Ungnade übergeben, und wenn er wirklich auch einmal nicht betrogen werden sollte, hält er sich doch sicher selber davon überzeugt.

Theilcontracte sind für ihn annehmbar, wenn sie auf umgekehrten Grundsätzen beruhen, wie sie besonders in Süd-Australien von englischen Grundeigenthümern zu ihrem eigenen, aber auch dem Nutzen der deutschen Einwanderer, abgeschlossen wurden.

Nach diesen übernahm der Auswanderer eine Strecke Land, bekam von dem Eigenthümer das nöthige Ackergeräth geliefert, und zahlte jährlich für den Acker 4 £ also etwa 27 Thlr. Pacht, wobei er jedoch nach 14 Jahren das Vorkaufsrecht auf das Land hatte.

Bei einem solchen Contract, obgleich in Amerika und auch in Süd-Brasilien viel günstigere Bedingungen für den Einwanderer zu erlangen sind, standen sich doch beide Parteien gut und der deutsche Arbeiter blieb nicht allein sein eigener Herr, sondern sah auch selber wie er langsam vorwärts rückte.

Es giebt aber auch Fälle hier, wo der arme Tagelöhner wirklich im alten Vaterland im größten Elend lebt, und nur Gott dankt wenn er freie Passage nach einem fremden Welttheil erhalten kann. Er ist also dann gezwungen Verbindlichkeiten einzugehn, die aber nie einen solchen Grad erreichen müssen, daß er sich, wie bei diesen schurkischen Parcerie-Verträgen, fast bedingungslos einem Agenten und dessen Helfershelfern verkauft.

Nur zwei Bedingungen kann er annehmen; er läuft wenigstens keine unmittelbare Gefahr dabei, und wenn ihn auch beide zur Arbeit zwingen, bleibt er doch dabei sein eigener Herr, oder wird es wieder sobald er die für ihn wirklich ausgelegten Kosten bezahlt hat. Beide Arten habe ich selber in Australien, in Brasilien und in Peru ausgeführt gesehn, und bei beiden befanden sich die Einwanderer wohl.

Die eine ist, daß ihm ein bestimmter, den Preisen des Landes in das er zieht angemessener Tagelohn bestimmt wird, für den er so lange arbeiten muß, bis er seine Reisekosten bezahlt hat – und nicht eine Stunde länger. Dann ist er wieder sein eigener Herr, hat das Land in der Zeit kennen lernen, und kann nun seinen Contract mit dem bisherigen Brotherrn machen, um sich auch ein Stück Land als Eigenthum zu erwerben. Solche Contracte sind viele nach Moreton-Bai in Australien und besonders nach Süd-Brasilien abgeschlossen worden.

Die andere daß er das ihm überwiesene Land, wohin man ihn bringt entweder nach Jahr und Tag, wie es seine Erndten erlauben, langsam abbezahlt, oder es auch ganz vom Staat geschenkt bekommt, denn eine Regierung (und mit Privatleuten soll man sich unter keiner Bedingung einlassen; es ist wenigstens stets gefährlich) läßt ja doch nur dann Einwanderer passagefrei in ihr Land schaffen, wenn ihr daran gelegen ist dasselbe cultivirt zu bekommen. Das kleine Stück das sie ihm dann anfangs als Geschenk giebt, hat noch keinen Werth für sie – aber die Nachbardistrikte werden werthvoll sobald sich fleißige Colonisten in der Nähe niederlassen, denn nicht sie allein brauchen später mehr Land und müssen es von der Regierung kaufen, sondern sie ziehen auch Landsleute und andere Ansiedler dorthin und eröffnen damit in bis dahin unbewohnten Distrikten Handel und Verkehr.

Aber selbst unter den anscheinend günstigen Umständen bleibt für den Auswanderer große Vorsicht nöthig, ehe er einen so wichtigen Schritt thut und sein Vaterland, mit Allem was er eigen nennt, verläßt.

Er soll sich auch um Gottes Willen nicht zu rasch dazu entschließen und besonders nie vorher einem Agenten sein Gepäck übergeben bis er nicht vollkommen mit sich im Reinen ist, Leute die etwas davon verstehn und kein eigenes Interesse dabei haben, zu Rath gezogen und einen Contract in Händen hat, der nicht allein ihn bindet, wie ein solcher Parcerie-Wisch, der weiter Nichts erklärt als daß sich der Auswanderer an den Agenten verkauft und zur Beglaubigung selber seinen Namen darunter gesetzt hat – nein, der auch dem für den er arbeiten soll, Pflichten auferlegt, welche ihm selber den Lohn seiner Arbeit sichern. Er bekommt und will ja Nichts geschenkt; für das was er erhält leistet er wieder, und wie beide Theile einen Nutzen dabei erhoffen, müssen sich auch Beide gleichberechtigt gegenüberstehn.

Außerdem muß er sich über die geographischen Verhältnisse sowohl wie über die politischen des Landes, nach dem er befördert werden soll genau bei Leuten erkundigen die ihm auch wirklich Auskunft darüber geben können, denn gerade in neuster Zeit haben wir ein Beispiel wie dringend nöthig das ist. Dorfschulmeister sind aber nicht die passenden Menschen dazu, denn sie werden so erbärmlich besoldet, daß sie kaum das Nothwendigste für ihren Lebensunterhalt erschwingen, vielweniger denn größere und besonders fremde Zeitungen halten können. Die Agenten dagegen, wenn sie wirklich etwas wissen, verheimlichen das dem Auswanderer Bedenkliche, um ihn ja nicht von der Reise abzuhalten.

Der Fall worauf ich Bezug nehme, ist der folgende:

Die Chilenische Regierung (eine der besten und zuverlässigsten in ganz Südamerika, wie sie sich wenigstens bis jetzt bewährt hatte) hat einen Contract mit einem Hamburger Schiffsrheder gemacht, ihr im ersten Jahr hundert, im zweiten zwei, im dritten dreihundert und sofort bis zum vierten Jahr, Familien hinüber nach Chile zu schaffen, für welche sie, für die Erwachsenen für den Kopf 40 Dollar Passage zahlt. Sie will den Ansiedlern dort gutes Land geben, verlangt auch Nichts für ihre Auslagen zurück, sondern wünscht allein ihr Land besiedelt zu bekommen.

Das klingt ausgezeichnet. Chile hat ein vortreffliches Klima, Tausende unserer deutschen Landsleute leben dort glücklich und in guten Verhältnissen, und die Regierung gilt überall als Vertrauen erweckend. Ich selber würde auch meinen Landsleuten mit Freuden gerathen haben, so günstige Anerbietungen zu benutzen. Aber sie sind eben zu günstig, und die Sache hat einen Haken.

In dem Contract steht nämlich daß die Auswanderer nach Arauco geschickt und in Lota ausgeschifft werden sollen – Was sind das nun für Orte? –

Araukanien selber ist bekannter. Der Distrikt liegt von Chilenischen Regierungsbezirken im Süden und Norden begrenzt, und war bis jetzt – und ist eigentlich noch bis auf den heutigen Tag, freies Indianisches Land, in dem die Weißen keine Macht haben, weil sie die Araukaner noch nicht unterwerfen konnten.

Arauko ist ein kleiner Ort im Nordwesten des Staates – Lota, nicht sehr weit davon entfernt, an der Küste des stillen Meeres eine Chilenische Kohlenstation, und bis jetzt der einzige Platz in Araukanien, auf dem die Chilenen festen Fuß gefaßt.

Neuerdings sind sie nun wieder mit gewaffneter Macht in Araukanien eingefallen, haben die Araukaner – wilde kriegerische Indianer, zurückgeworfen und sehen voraus daß sie das eroberte Terrain nicht selber besetzt halten können. Dazu paßt ihnen aber eine deutsche Einwanderung, die sie sich unter diesen Umständen auch gern etwas kosten lassen wollen. Unsere deutschen Familien sollen da hineingeschoben werden, und wenn die Indianer bei ihnen einbrechen, ihre jungen Leute erschlagen, ihre Weiber und Töchter mit fortschleppen – nun so läßt man eben wieder Andere nachkommen.

Dem Contract selber sieht man das freilich nicht an, denn er lautet unverfänglich genug. Wer aber die Verhältnisse jenes Landes kennt, muß auch dem Auswanderer abrathen selbst diese scheinbaren Vortheile anzunehmen, weil sie nur eben scheinbar sind. Im günstigsten Fall ist er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt daß die Indianer über sein Land brechen, ihm sein Vieh wegtreiben und seine Erndten zerstören und er darf dort weder für sein Eigenthum wie selbst für sein Leben Sicherheit erwarten.

Jeder Contract ist deshalb für den Auswanderer gefährlich, wenn er sich nicht vorher nach Allem erkundigt hat was das Land betrifft, und zwar bei Leuten, wie gesagt, die nicht wie der Auswanderungsagent ein specielles Interesse haben ihn nur auf ein Schiff zu packen, damit sie für seinen Kopf ihr bestimmtes Geld bekommen.

Außerdem warn' ich aber meine deutschen Landsleute noch ganz besonders vor dem Antwerpener Auswanderungs-Agenten, mit denen sie sich unter keiner Bedingung einlassen dürfen, wenn sie sich nicht der größten Gefahr aussetzen wollen.

Sind sie entschlossen auszuwandern, so bietet ihnen Bremen vor allen anderen Städten reelle Schiffsgelegenheit nach allen Welttheilen und neben Bremen Hamburg. Dort sind die Auswanderer noch auf deutschem Boden, unter deutschem Schutz und deutschen Regierungen ist es möglich ihre Einschiffung wie Beförderung zu überwachen, wie Betrügereien – die sie aber da wohl kaum zu fürchten haben – entgegenzutreten; in einem fremden Land dagegen, dessen Sprache sie nicht einmal verstehn – und sie sollen nicht etwa glauben daß in Antwerpen deutsch gesprochen wird – sind sie in den Händen der Agenten, und haben sich, was sie betrifft, selber zuzuschreiben.

Zum Schluß will ich aber noch hinzusetzen daß diese Erzählung nicht etwa den Zweck hat Auswanderer von einer Übersiedlung nach Brasilien selber abzuhalten. Nur in die nördlichen Distrikte dürfen sie nicht gehen, besonders nicht auf solche Theilcontracte hin. Süd-Brasilien dagegen, und vorzüglich die Provinzen Rio Grande do Sul, Santa Catharina und zum großen Theil auch Parana eignen sich ganz vortrefflich zur deutschen Auswanderung. Die dort angelegten, schon sehr bedeutenden deutschen Colonien befinden sich wohl, und die Deutschen selber ordnen sich dort keineswegs der verdorbenen Portugiesischen Raçe unter, sondern haben schon ein Übergewicht erlangt, das mit einer vermehrten Einwanderung dahin auch nur zunehmen muß.

Außerdem befinden sie sich in einem gesunden Klima und – für ihre weitere Entwicklung besonders günstig – am Atlantischen Ocean, der ihnen einen leichten und raschen Verkehr mit dem Mutterlande bietet. Und somit übergebe ich dem Leser diese Blätter und hoffe daß sie ihn in Manchem aufklären, ihn auf Manches aufmerksam machen werden, was später entweder ihm selber, oder Leuten die sich bei ihm einen Rath erholen, von Nutzen sein mag.

Der Verfasser.

Erstes Capitel.
Beim Schulmeister.

Draußen im Land ackerten die Knechte und waren die Tagelöhner emsig beschäftigt Kartoffeln zu legen, denn der Frühling hatte dieses Jahr lang auf sich warten lassen und eine hohe Schneedecke die Feldarbeiten bis zu einer ungewöhnlich späten Zeit hinausgeschoben. Jetzt endlich schien der kalte, strenge Nordost-Wind, der Monate lang geweht, seine Herrschaft verloren zu haben. Er sprang nach Südwesten um, warme Regen setzten ein, und wie mit einem Zauberschlag warf die Natur ihre starre Winterdecke ab, und kleidete sich in ein junges, frisches Grün.

Und wie die Lerchen jubelten, und die Bachstelzen, die bis jetzt achselzuckend an dem gefrornen Bach umhergetrippelt waren, auf einmal so geschäftig herüber und hinüber sprangen; was sich die Rothschwänzchen Alles zu erzählen hatten, und wie eilig die Staare ihre alten Bauplätze aufsuchten und herrichteten. – Aber die Menschen nicht minder, denn es galt sehr viel nachzuholen, und die Arbeit häufte sich so in der Zeit, daß Arbeitskräfte kaum genügend zu beschaffen waren.

Um so mehr mußte es auffallen, daß gerade heute Einer der fleißigsten und ordentlichsten Arbeiter, Behrens mit Namen, in seinem Sonntagsrock, den großen ausgeschnittenen Hut auf, langsam durch das Dorf ging, und gar nicht die Absicht zu haben schien, in die allgemeine Thätigkeit irgend wie mit einzugreifen.

Die Chaussee herunter, vom Feld herein, kam im Trab auf seinem alten Apfelschimmel der Rittergutspachter geritten. Er hatte draußen nach den Arbeitern gesehen, und war eben nur zurückgekommen, um noch auf dem Hofe selber einige nöthige Anordnungen zu treffen. Als er aber einen seiner Tagelöhner – oder sogenannte Häusler, weil sie kleine, dem Gut gehörige Häuser bewohnen, – in einem so ungewohnten Aufzug und müßig sah, zügelte er überrascht sein Pferd ein und rief ihn an.

»Hallo Behrens! – wo wollt Ihr denn hin? Ich glaubte, Ihr wäret krank, weil ich Euch nicht draußen bei den Knechten fand. Was soll denn das heißen? Warum seid Ihr nicht bei der Arbeit?«

»Ich werde hier wohl nicht mehr arbeiten, Herr Frommann,« sagte der Tagelöhner, indem er achtungsvoll den Hut zog und neben dem Reiter stehen blieb.

»Nicht mehr arbeiten?« rief der Pachter erstaunt. »Habt Ihr eine Erbschaft gemacht, Behrens, und seid Ihr ein reicher Mann geworden, daß Ihr ohne Arbeit leben könnt?«

»Ohne Arbeit möcht' ich gar nicht leben, Herr Frommann,« sagte der Mann freundlich, »wenn ich auch wirklich so viel Geld hätte, daß ich alle Tage Braten essen könnte, aber – da wir nicht einmal alle Tage satt Kartoffeln haben, so muß ich doch sehen wie ich das ändern kann, denn der Jammer daheim frißt mir das Herz ab.«

»Eure Frau ist noch krank?«

»Krank nicht mehr, Herr Frommann, Gott sei Dank, aber doch noch so schwach, daß sie auf Wochen, ja vielleicht auf Monate lang, nicht daran denken darf schwere Arbeit zu thun. Das Kleinste macht ihr ohnedies genug zu schaffen.«

»Und da versäumt Ihr auch noch Euren Tagelohn?«

Der Mann schwieg einen Augenblick. Er hatte augenscheinlich etwas auf den Lippen, was ihm schwer wurde auszusprechen, – endlich sagte er mit leiser Stimme: »Ich will nach Amerika, Herr Frommann.«

»Nach Amerika?« rief dieser erstaunt, »seid Ihr toll?«

»Nach Brasilien.«

»Nach Brasilien? Und mit Eurer ganzen Familie? Wo wollt Ihr das viele Geld dazu hernehmen?«

»Da haben Sie Recht, Herr Frommann,« nickte traurig der Mann, »wenn ich die Reise bezahlen müßte, käm' ich nicht einmal mit den Meinen in die nächste Seestadt, viel weniger über das weite Meer hinüber, – aber vorige Woche war ein Herr aus der Stadt hier, der uns versprochen hat daß wir frei hinübergeschafft werden sollen, und es nachher dort drüben abverdienen können. Da will ich es denn in Gottes Namen einmal versuchen – und auf der Reise erholt sich auch vielleicht meine Frau wieder, denn sie hat hier zu viel schaffen müssen und ist dadurch nur immer mehr herunter gekommen.«

Der Pachter schüttelte mit dem Kopf und während sein Pferd langsam auf der Straße hinging, schritt der Mann neben ihm her.

»Behrens, Behrens,« sagte er endlich, »ich fürchte, Ihr steht da im Begriff, einen recht raschen und unüberlegten Schritt zu thun, denn hier zu Lande hört man nicht viel Gutes über solche Verträge, und wenn Ihr da drüben zwischen die Fremden kommt, deren Sprache Ihr nicht einmal kennt, so seid Ihr so gut wie verrathen und verkauft, und müßt Alles mit Euch geschehen lassen.«

»Wir haben aber einen Contract, Herr Frommann,« sagte der Arbeiter, indem er in die Tasche griff und ein Papier herausholte, »da steht Alles darauf und ich brauche ihn nur zu unterschreiben, und dann sollen wir uns um gar nichts mehr bekümmern, sondern werden frei hinüber in das Land geschafft, wo so herrlicher Boden ist, daß die kostbarsten Früchte draußen frei im Walde wachsen. Auch haben wir dort immer Sommer und so viel Holz, daß man sich holen kann was man mag, ohne einen rothen Heller dafür zu bezahlen. Mein Bruder ist ja auch seit langer Zeit dort hinübergegangen und hat mir schon vor zwei Jahren geschrieben ich sollte nur hinüber kommen, denn es ginge ihnen sehr gut, und er wollte mich dort schon einrichten. Ja, aber du lieber Gott, von unserem Tagelohn hier hätt' ich ja im ganzen Leben nicht das Reisegeld erschwingen können.«

»Und wo ist Euer Bruder?«

»In der Colonie Blumenau.«

»Und dorthin wollt Ihr auch?«

»Ja das weiß ich noch nicht,« erwiderte der Mann, »ich denke ja, denn so weit werden die Plätze doch nicht von einander sein.«

»Zeigt einmal das Papier, Behrens,« sagte der Pachter und streckte die Hand darnach aus.

Behrens reichte ihm den »Contract« aufs Pferd hinauf und der Pachter las ihn langsam durch. Dabei schüttelte er aber den Kopf und sagte endlich: »Ja, Behrens, das ist eigentlich gar kein Contract, denn ein solcher bindet beide Theile zu verschiedenen Verpflichtungen; hier aber sehe ich nichts darin, als wozu Ihr Euch, für Euch und Eure Familie verpflichten sollt. Es steht auch weiter nichts drüber, als: Verpflichtung, und wenn Ihr es dabei mit einem ehrlichen Mann zu thun bekommt, so mag die Sache vielleicht gehen; fallt Ihr aber gewissenlosen Menschen in die Hände, dann seid Ihr auch eben in ihre Hände gegeben, und sie können mit Euch machen, was sie wollen.«

»Aber das soll ein ehrlicher Mann sein, Herr Frommann.«

»Wer hat Euch das gesagt?«

»Der Herr aus der Stadt.«

»Ein Auswanderungs-Agent wahrscheinlich,« nickte der Pachter, »der so und so viel Kopfgeld für Jeden bekommt, den er hinüber schafft. Wollt Ihr nicht erst einmal Jemanden fragen, der mit den Verhältnissen genau bekannt ist, und kein eigenes Interesse dabei hat?«

»Ich wollte eben zum Schulmeister gehen, Herr Frommann; der muß es wissen, denn er hat erst noch in voriger Woche den Kindern von Brasilien erzählt und was es für ein herrliches Land wäre.«

»Ob der Euch gerade in einer so wichtigen Sache einen Rath geben kann, Behrens, weiß ich nicht, und bezweifle es fast, denn was er darüber sagen könnte, liest er doch nur aus seinen Büchern. In der Stadt findet Ihr vielleicht Andere, die mehr Erfahrung darüber haben, – aber ich muß fort, denn sie brauchen draußen noch Saatkartoffeln. Das Auswandern kann Euch natürlich kein Mensch verbieten, wenn Ihr einmal fest dazu entschlossen seid, aber leid sollte es mir um Euch thun, Behrens, wenn Ihr in schlechte Hände kämt. Brasilien mag ein schönes Land sein, aber Ihr wißt nicht was Ihr dort findet. Bleibe im Lande und nähre Dich redlich! ist ein altes, braves Sprüchwort.«

»Ja, Herr Frommann, das ist wohl wahr,« nickte Behrens, »wir wissen nicht was wir in Brasilien finden, aber wir wissen leider was wir hier haben: Jammer und Elend und schwere Arbeit, die nicht einmal so viel abwirft, um uns bei Kräften zu erhalten.«

»Aber Euer Lohn ist erst kürzlich auf acht Groschen erhöht worden.«

»Ja,« seufzte der Mann, »und für einen ledigen Burschen mag es ausreichen, wo aber Einer für Fünf verdienen soll, denn das Hannchen kommt jetzt gar nicht von der kranken Mutter weg, was sind da acht Groschen; sie reichen nicht einmal für's liebe Brod in den Wochentagen, und am Sonntag, wo wir nichts verdienen dürfen, wollen wir doch auch leben.«

»Aber es giebt doch immer hie und da zu thun.«

»Als ich neulich am Sonntag im Wirthsfeld grub,« sagte der Mann, »hat mich der Herr Pfarrer angezeigt, und ich mußte fünf Groschen Strafe bezahlen. Wir haben dafür den ganzen Montag gehungert.«

Der Pachter seufzte, aber er erwiderte nichts darauf.

»Na, Behrens,« sagte er nach einer Weile, »thut keinen unüberlegten Schritt. – Es sollte mir leid thun, Euch hier zu verlieren, denn Ihr seid ein braver, ordentlicher Arbeiter gewesen, die ganze Zeit, ich möchte Euch aber auch nicht abrathen, wenn ich wüßte daß es zu Eurem Glück wäre, und Ihr Eure Lage dadurch wirklich verbessertet. Das Papier da sichert Euch aber gar nichts, und ehe Ihr das unterschreibt, besinnt Euch lieber noch einmal,« und seinem Pferd die Sporen gebend, trabte er rasch in den Hof hinein, um dort die für die Feldarbeiten nöthigen Anordnungen zu treffen.

Behrens aber faltete langsam das Papier zusammen, steckte es in die Tasche und schritt ruhig dem Hause des Schulmeisters zu, der heute Nachmittag, wo er keine Schule hatte, das warme Frühlingswetter ebenfalls benutzte, und in seinem, freilich sehr kleinen Gärtchen hackte und schaufelte.

Auch der Schulmeister war überrascht, den Tagelöhner Behrens in seinem »Geh zur Kirche« Rock am Werktage bei sich zu sehen, und hörte erstaunt mit arbeiten auf. Behrens ließ ihn aber nicht lange über die Absicht seines Besuchs im Zweifel, und der kleine Mann, mager, wie eigentlich nur ein Schulmeister sein kann (und mit der vollen Berechtigung dazu, denn sein Gehalt stellte ihn nicht viel über den Tagelöhner, und dabei hatte er eine Frau und sechs Kinder zu ernähren, und außerdem noch sechszig zu unterrichten) wischte sich plötzlich die Hände an den fettglänzenden, alten schwarzen Hosen ab, ehe er das ihm dargereichte Papier nahm, und sagte nun, völlig aufgelöst in Bewunderung:

»Nach Brasilien? – ja, freilich, Behrens, wenn Ihr dahin kommen könntet. – Du lieber Gott, da möchte ich gleich selber mit. Aber wie wollt Ihr das möglich machen?«

»Das steht Alles in dem Papier da, Schulmeister,« sagte der Mann, »und ich wollte Sie nur einmal bitten es durchzulesen und mir Ihre Meinung darüber zu sagen.«

»Hm,« nickte der kleine Mann, indem er einen flüchtigen Blick über das Blatt warf, »ich habe aber meine Brille drinnen. Kommt mit hinein, Behrens, meine Alte hat mich doch eben zum Kaffee gerufen, und der Rücken thut mir auch von dem vielen Schaufeln weh, – kommt nur mit hinein.«

»Ach, wenn Sie jetzt Kaffee trinken wollen,« sagte der Mann zurückhaltend, »so komme ich lieber später wieder; stören wollte ich ja nicht.«

»Ach, was,« nickte der Schulmeister, denn der Tagelöhner hatte durch das eine Wort »Brasilien« einen ganz neuen Nimbus bekommen, »Ihr trinkt eine Tasse mit, – so viel wird schon da sein, und wenn Ihr erst in Brasilien seid, schickt Ihr mir einmal gelegentlich einen Sack Kaffee herüber, – da kommt er ja her, Behrens, und dort giebts ganze Wälder von lauter Kaffeebäumen.«

»Wenn Sie's erlauben,« sagte der Mann, indem er etwas verlegen den Hut zwischen den Händen drehte, denn es war das eine Ehre, die ihm widerfuhr, und er nicht gewöhnt, von irgend einem Menschen eingeladen zu werden.

Schulmeister Peters, nachdem er sich vorher erst ein paar Mal gestreckt und gedehnt und dabei ein sehr schmerzhaftes Gesicht geschnitten, weil ihm der Rücken noch vom langen Krummstehen weh that, konnte endlich wieder aufrecht gehen, und das Papier noch immer in der Hand haltend, schritt er seinem Gast voraus in das kleine Häuschen, wo ihn seine Frau schon mit der dampfenden Kanne erwartete. Als sie freilich den Tagelöhner Behrens mit ihrem Manne eintreten sah, wollte sie die Kanne wieder zurück auf den Ofen stellen, weil sie glaubte der Arbeiter hätte etwas mit Peters zu sprechen, und der Kaffee sollte indessen nicht kalt werden.

Der Schulmeister aber, mit seinem Steckenpferd »Brasilien« im Kopf, rief ihr lachend zu: »Laß stehen, Alte, und gieb uns noch eine Tasse für Behrens her. Denk Dir einmal, der ist unterwegs nach Brasilien.«

»Nach Brasilien?« sagte die Frau, setzte die Kanne wieder auf den Tisch und schlug die Hände zusammen, »es ist doch die Möglichkeit.«

»Und nun setzt Euch, Behrens, – da drüben ist ein Stuhl, stellt Euren Hut nur dort auf die Kommode, – Alte, hast Du meine Brille nicht gesehen? Ich habe sie doch vorhin hierher gelegt, – ach, da ist sie, – setzt Euch nur, und nun wollen wir einmal sehen was hier in dem Papier steht. Das ist wohl der Überfahrts-Contract? – aber, Behrens, das wird schmähliches Geld kosten. Brasilien liegt in gerader Richtung etwa tausend deutsche Meilen von uns entfernt, und was für einen Umweg müßt Ihr da noch vorher machen. Seht einmal her, hier ist Deutschland,« sagte er, auf eine kleine, an der Wand hängende Weltkarte zeigend, »hier, wo ich den Finger halte, und da müßt Ihr nun erst nach Norden hinauf, damit Ihr an die Nordsee kommt, und dann geht's hier hinaus, in gerader Linie nach Westen, durch den britischen Canal – La Manche heißt er – hinaus in das weite Weltmeer, und dann geht's hier quer hinüber, über all die Striche weg, immer da hinunter, bis Ihr da ganz unten an Brasilien anfahrt. Da liegt's und unterwegs ist's so heiß, daß Euch die Butter vom Brod herunterschmilzt. So eine Reise kostet vieles Geld.«

»Bitte, lesen Sie nur einmal das Papier durch,« sagte Behrens, »da drin steht Alles, und dann wollte ich Sie um Ihren Rath dabei fragen, was ich thun und wie ich mich verhalten soll.«

Behrens täuschte dabei sich selber und den Schulmeister, denn im eigenen Herzen war er schon fest entschlossen den Schritt, der über sein ganzes künftiges Lebensglück entscheiden sollte, zu wagen, und eigentlich nur zum Schulmeister gekommen, um sich von diesem in dem gefaßten Plan bestärken – nicht davon abrathen zu lassen, was er übrigens auch kaum zu fürchten brauchte.

»Na,« meinte Peters, »dann wollen wir also erst einmal sehen was hier geschrieben steht. Schenk derweil ein, Alte, und trinkt nur, Behrens, genirt Euch nicht, es ist gern gegeben.«

Die Frau Schulmeisterin schenkte, noch immer den Kopf über das eben Gehörte schüttelnd, dem Tagelöhner den Kaffee, der eine frappante Farbenähnlichkeit mit schwachem Thee hatte, in eine henkellose Tasse, denn eine von ihren »guten« Tassen konnte sie doch nicht dazu von der Kommode nehmen, wo sie zur Schau ausstanden. Behrens nahm aber auch selbst das auf das Dankbarste an, – besseres Geschirr war er ja zu Hause auch nicht gewöhnt, ja nicht einmal das, denn seinen Kaffee trank er daheim aus einem kleinen Topf, und daß er etwas dünn war, merkte er ebenfalls nicht; er wußte wahrscheinlich nicht einmal, wie besserer Kaffee schmeckte.

Während er aber trank und der Schulmeister las, sah er sich ein wenig im Zimmer um, wo ihm besonders die Bücher auffielen, von denen Peters wohl zwölf bis vierzehn auf einem Regal zwischen den beiden Fenstern stehen hatte. Auch die Landkarte an der Wand imponirte ihm. Darauf konnte der Mann nur mit seinem Zeigefinger über die ganze Welt herum fahren und dabei jeden Platz und Ort mit Namen nennen, und beschreiben wie es dort aussah. Sonst freilich bot das Zimmer nicht viel Besonderes. Die Möbel bestanden aus einfachem, weißtannenem Holz und waren nicht einmal angestrichen; auf der Kommode stand noch eine kleine, blaugemalte Glasvase mit einem Büschel Schilfblüthen und Strohblumen darin, und über dem entsetzlich hart gepolsterten Sopha hing ein kleiner Spiegel, und rechts und links davon die Bilder von Peters und seiner Frau, als Braut und Bräutigam, mit einer wahren Verschwendung von bunten Farben und rothen Backen gemalt. Wo aber waren jetzt die rothen Backen hingekommen? wo der üppige Haarwuchs des kleinen Mannes und das frische, fröhliche Gesicht? – Nur die große Warze über dem linken Auge hatte er noch als einzige Ähnlichkeit behalten, sonst war Alles verschwunden und gebleicht.

Und auch die Frau Schulmeisterin.

»Lieber Gott,« seufzte Behrens in Gedanken vor sich hin, »wie sich der Mensch doch verändern kann, man sollte es nicht für möglich halten.«

»Hm, Behrens,« sagte da Peters, der das Blatt erst einmal leise für sich durchgelesen hatte, »nach dem Schreiben scheint es, als ob die ganze Überfahrt für Euch bezahlt würde und Ihr den Betrag nur einfach abzuarbeiten habt.«

»Ja wohl, Schulmeister, das sind die Bedingungen.«

»Hm – und da könntet Ihr ohne einen Pfennig Geld und ganz umsonst nach Brasilien herüberkommen?«

»Ja so umsonst doch nicht,« lächelte Behrens etwas verlegen. »Was die Herren jetzt für uns bezahlen, müssen wir später Alles wieder bei Heller und Pfennig abverdienen.«

»Na, das versteht sich von selbst,« sagte Peters, »schenken werden sie's Euch nicht. Wer schenkt einem Anderen heut zu Tage auch wohl noch was; aber Ihr seid doch einmal nachher an Ort und Stelle, und wenn Ihr Euch da nichts verdient, verdient Ihr Euch auf der ganzen Welt nichts.«

»Also meinen Sie daß Alles in Ordnung wäre,« frug Behrens, dem die Zustimmung doch fast ein wenig zu schnell kam.

»Ja, wenn Ihr gar nichts zu bezahlen braucht,« rief Peters »und frei hinübergeschafft werdet, was wollt Ihr denn noch mehr? Wenn ich nur könnte wie ich wollte, meiner Seel, ich ginge heutigen Tages mit, denn die Schinderei hier soll der Böse holen. Aber ich bin schon zu alt, – arbeiten wird mir schwer und mein Rückgrat will nicht mehr so recht mit fort.«

»Aber der Herr Pachter Frommann meinte,« fuhr Behrens fort, »es wäre eigentlich kein rechter Contract und nur so eine Art Verpflichtung für mich

»Hm – ja,« sagte der Schulmeister, »ein Contract ist es auch eigentlich nicht, – Alte, schenk dem Behrens noch einmal ein, – aber sonst steht nichts davon drin, daß Ihr etwas zu bezahlen hättet.«

»Nein – aber ich werde auch nicht so recht klug daraus,« fuhr Behrens fort, »wie es einmal werden soll wenn ich meine Schulden abgearbeitet habe.«

»Hm, – nein,« nickte Peters, »na, ich will Euch einmal etwas sagen. Ich werde Euch die Geschichte laut vorlesen, dann kommen wir besser dahinter.«

»Das wäre recht.«

»Also – Verpflichtung! das ist die Überschrift,« sagte Peters, und las:

»»Verpflichtung[2] des Landarbeiters Carl Gottlieb Behrens aus Groß-Emmen mit Familie, nämlich:

seine Frau Sophie, 38 Jahre alt,
seine Tochter Johanna Marie, 14 Jahre alt,
sein Sohn Fürchtegott Hans, 10 Jahre alt,
seine Tochter Lisbeth Anna, 8 Jahre alt,
sein Sohn Christian Leberecht, 5 Jahre alt,
ein Säugling,

gegen Herrn Franz Berthold Hoeker in Antwerpen.

Der Endes-Unterzeichnete, der die Passage für sich und obenstehende Familienglieder nach untenstehenden Specificationen mit –– Thalern vorgeschossen erhielt, verpflichtet sich nicht nur Herrn Franz Berthold Hoeker in Antwerpen Vollmacht zu ertheilen vermittelst seines Hauses in Porto Seguro, für sich und seine Familie, mit einem brasilianischen Plantagenbesitzer Contract abzuschließen, zur Verdingung seiner und seiner Familie Arbeitskräfte auf eine Colonie der Provinz Minas Geraes, sondern macht sich auch, durch Unterzeichnung dieses Contracts, für sich und seine sämmtlichen Familienglieder anheischig, durch den Theil-Ertrag ihrer Arbeit die vorgeschossene Passage und sonstige Kostenvorschüsse abzuverdienen, dergestalt, daß: da nach der Bestimmung derartiger Arbeitsverträge der Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherrn getheilt wird, von der ihm als Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrags der Arbeit in usancemäßiger Abtragung zu ersetzen.

Indem Carl Gottlieb Behrens durch seine Namensunterschrift solidarisch mit seinen Familiengliedern zur getreuen Erfüllung der contractlich eingegangenen Verpflichtung sich verbindlich macht, verpflichtet er sich ferner für sich und seine Familienglieder, den gesetzlichen Befehlen seiner Brodherren oder deren bevollmächtigten Vertreter getreulich nachzukommen, und während der Dauer des Contractes seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit dem ihm übertragenen Dienst zu widmen.

Antwerpen, den –ten März 185–.

Passagegeld bis Porto Seguro:
Für drei Erwachsene à– " – "
Für drei Kinder unter zehn Jahren à– " – "
Ein Säugling frei.
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Pr. Cour. – " – "
Hier bezahlt – " – "
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Summa Pr. Cour. – " – "««

»Die Summe ist, wie ich sehe, noch nicht ausgefüllt.«

»Nein,« sagte Behrens, »das können sie auch noch nicht, weil sie noch nicht wissen wie viel wir auf der Reise brauchen werden. Das wird nachher gemacht.«

»Hm,« sagte der Schulmeister, »ja wohl, – da steht aber freilich nichts weiter drin, als daß Ihr das Geld, was Ihr vorgeschossen kriegt, wieder abverdienen sollt. Das ist gerade wie bei uns.«

»Ja wohl, Schulmeister, und das wäre auch ganz in der Ordnung, aber es steht gar nichts vom Tagelohn darin, und was sich ein Mann wohl in der Woche verdienen kann, damit man doch im Stande wäre sich nur ein klein wenig zu berechnen, wie lange man ungefähr für die Herren arbeiten muß.«

»Ja, das wäre freilich gut,« sagte der Schulmeister, der sich völlig außer seiner Sphäre fand, sobald sich irgend etwas auf practisches Leben erstreckte, »aber den Kaffee habt Ihr da umsonst, und der Zucker wächst ebenfalls in Brasilien; ja, in der heißen Zone kommen sogar Milch- und Butterbäume vor, und immer Sommer, – nie einen Ofen heizen und die Finger erfrieren – und Hüte könnt Ihr Euch selber aus Palmblätter flechten, und die Baumwolle wächst dort auch.«

»Ja,« sagte Behrens und sah still vor sich nieder, »das ist wohl Alles recht gut, aber ob das Land auch wohl so gesund ist, daß mir Frau und Kinder nicht krank werden. Es muß dort schmählich heiß sein.«

»Das können wir gleich sehen,« sagte Peters, stand auf und nahm eines seiner alten Bücher vom Regal herunter, »wartet einmal, Brasilien – Brake – Brandis – Brasilien, Seite 470 – da haben wir die ganze Geschichte: Dieser einzige monarchische Staat, – nein, das ist's nicht: hier kommts! »In Hinsicht der äußeren Bodenbeschaffenheit bestehen vielleicht zwei Drittheile aus Hoch- und Gebirgsland,« – seht Ihr wohl. Halt, hier steht es: »Das Clima ist der vielen Gebirge und Wälder wegen milder, als man es bei der Lage des Landes, welches mit seiner Hauptmasse zwischen dem Äquator und dem südlichen Wendekreise liegt, erwarten sollte.« Seht Ihr wohl? – »In Rio Janeiro, ungefähr unter dem Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56' S.Br.) wechselt die Hitze zwischen 16 und 30° Reaumur« – und so heiß wird es bei uns hier manchmal auch, denn im letzten Sommer hatten wir ein paar Mal 29° im Schatten. – »An der Küste tragen überhaupt die täglichen Seewinde viel zur Minderung der Hitze bei. Am heißesten sind die Ebenen im nördlichen Theil des Landes,« – aber dahin braucht man ja auch gar nicht zu gehen; und was bauen sie da nicht Alles, hört einmal zu, Behrens: »Fernambuk oder Brasilienholz, Campeche oder Mahagoniholz, ferner Palmen, Tulpen-Rosenholz, Kampher-, Copal- und andere Bäume, sodann Zucker, Kaffee, Baumwolle, Tabak, Indigo, Cacao, Vanille, Reis, Mais, Waizen, Gerste, Maniok, Melonen, Yams, europäische Südfrüchte, Ananas, Gewürzpfeffer,« – das Wasser läuft Einem ordentlich im Munde zusammen. Und dann hier die Beschreibung von dem Gold und den Diamanten, die dort gefunden werden. Diamanten haben sie dort, von denen ein einziger so viel werth ist, wie hier ein ganzes Königreich.«

»Also meinen Sie, ich soll hingehen, Schulmeister?«

»Ich wollte ich könnte mit,« seufzte dieser, »den Augenblick schnürte ich meinen Bündel, packte meine paar Bücher zusammen und setzte mich auf ein Schiff, aber – der Knüppel ist an den Hund gebunden.«

»Peters, Du schämst Dich doch gar nicht,« sagte seine Frau.

»Ach, Alte, so war es ja nicht gemeint,« seufzte ihr Mann, »aber mein verwünschtes Rückgrat.«

»Und daß gar nichts davon in dem Contract steht, wie es einmal werden soll, wenn ich das Geld abverdient habe,« sagte Behrens, dessen Gedanken nur allein auf diesem einen Punkt hafteten.

»Darüber macht Euch doch keine Sorge,« antwortete Peters, »schon das ist ein Beweis, daß es dort viel zu verdienen giebt, daß man Euch so viel hundert Thaler vorschießt, nur um Arbeiter hin zu bekommen. Hier könntet Ihr hundert Jahre arbeiten ehe Ihr's fertig brächtet.«

»Ja, das ist wahr,« nickte Behrens, »zu verdienen muß es da geben, und ich verstehe nur nicht was das heißen soll, – hier, da unten Schulmeister; lest doch den Satz noch einmal.«

»Den? – »»daß: da nach der Bestimmung derartiger Arbeitsverträge der Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherren getheilt wird««, – nun, das ist doch deutlich genug: Ihr bekommt die Hälfte von Allem, was verdient wird.«

»Aber das ist doch gar nicht möglich.«

»Aber hier steht's ja noch einmal, gleich dahinter: von der ihm als Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrags der Arbeit in usancemäßiger Abtragung zu ersetzen.«

»Was ist denn das?«

»Usancemäßig? das ist, wie es dort gerade Gebrauch ist, mit der Abzahlung nämlich, denn zum Leben müßt Ihr doch auch was haben, also vielleicht die Hälfte oder das Viertheil von Eurem Verdienst. Begreift Ihr?«

»Das wär Recht,« nickte Behrens, »aber da ist noch ein fremdes Wort, was ich nicht verstehe – solidarisch –.«

»Nun, das heißt weiter nichts, als daß Ihr für Eure Frau und Kinder einsteht, damit die auch helfen die Schuld abzutragen.«

»Nun, das versteht sich ja doch von selbst,« sagte Behrens.

»Aber wißt Ihr was mir auffällt,« bemerkte der Schulmeister. »Erstlich steht hier kein Wort davon, daß Ihr die Sonntage frei bekommt, und wenn das auch bei uns Sitte ist, so weiß man doch nicht wie sie es drüben machen, und jedenfalls gehört das mit in den Contract. Dann aber ist auch noch das Wichtigste vergessen, und das könnte einen Haken haben.«

»Das Wichtigste, Schulmeister?«

»Jedenfalls eine Hauptsache, und die muß auch noch mit hinein, sonst unterschriebe ich wenigstens den Contract nicht. Ein Haus werdet Ihr natürlich kriegen, denn eine Wohnung gehört dazu, wenn man irgendwo arbeiten soll; die erhält bei uns selbst ein Schulmeister, dem sie doch alles Mögliche abzwacken, aber von einem Garten steht kein Wort darin. Das vergeßt nicht, – den macht Euch noch vorher aus, denn ein Garten ist die Hauptsache – und wenn er noch so klein wäre, wo Ihr Euch ein paar Kaffeebäume und Palmen und Zuckerrohr, und ein bischen Indigo vielleicht, pflanzen könnt. Den geben sie Euch auch. – Und dann noch eins, Behrens,« fuhr der Schulmeister fort, »schreibt mir einmal, wie es Euch geht, und was Ihr treibt, hört Ihr wohl, das müßt Ihr mir versprechen.«

»Recht gern, Schulmeister, recht von Herzen gern,« erwiderte Behrens, »wenn's auch bei mir nicht gerade vom besten mit Schreiben geht, denn Sie wissen wohl, in unserer Zeit wurde noch nicht viel darauf gehalten, so kann mein Mädel, die Johanna Marie, doch prächtig damit fertig werden, und die soll schon einen Brief schreiben.«

»Gut, Behrens, und vergeßt nur den Garten nicht; ein Stück Land müssen sie Euch geben, das Ihr selber nur für Euch bauen könnt, – wenn nicht so viel übrig ist, wäre es auch nicht der Mühe werth daß Ihr hinüber ginget.«

»Ich will's nicht vergessen, Schulmeister, und ich dank Ihnen auch vielmals für den Wink. – Ich wußte wohl, daß ich mich bei Ihnen an den rechten Mann wandte. Nichts für ungut, Frau Peters, daß ich gestört habe, – ich wollt's eigentlich nicht.«

»Recht gern geschehen, Behrens,« sagte die Frau Schulmeisterin, die ganz stolz darauf war was ihr Mann sagte. »Mein Schulmeister hilft ja recht gern, wo er irgend kann, mit Rath und That.«

»Werd's ihm nicht vergessen, – und nun leben Sie wohl; ich will jetzt gleich nach der Stadt hinein, daß ich heute Abend noch was abmachen kann, und im schlimmsten Fall bleib ich dort über Nacht bei dem Andres, dem Steffen seinem Jungen, der Kutscher ist und mir die Wohnung angegeben hat. Recht vergnügten Abend allerseits,« – und damit nahm er seinen Hut, griff seinen Stock auf und wanderte mit rüstigen Schritten, das eben Gehörte dabei wieder und wieder überlegend, die Straße hinab, die nach der Stadt zu führte. Drüben im Feld arbeiteten die Leute, um ihn her flogen und zwitscherten die Lerchen, die vaterländische Sonne schien hell und warm auf seinen Pfad, aber er sah und hörte weder Kameraden, noch Sonnenschein, noch wirbelndes Lerchengeschmetter, denn Auge und Ohr weilte bei anderen Bildern und sein Herz war in Brasilien.

Zweites Capitel.
Verschiedene Auskunft.

Die Stadt – eine kleine Residenz in Thüringen – lag ungefähr zwei Stunden Wegs von Groß-Emmen entfernt, und Behrens, mit seinen Gedanken beschäftigt, konnte sich nicht erinnern jemals so rasch hineingekommen zu sein, wie heute. Er sah sich ordentlich erstaunt um, als er sich zwischen den ersten Häusern fand, und doch erfaßte ihn auch wieder ein ganz eigenes und beklemmendes Gefühl, das etwas Fremdes und Unbehagliches für ihn hatte.

War er bis jetzt je gewohnt gewesen selbstständig zu handeln? Nicht seit der Zeit wo er seine Frau genommen, und selbst damals hatte sie eigentlich mehr bei der Sache gethan, als er selber. Außerdem war er, seit er die Schule verlassen, nur Tagelöhner bei fremden Leuten gewesen, der die Arbeit eben that, zu der er gestellt wurde, ohne die geringste Verantwortlichkeit dafür. Morgens zur bestimmten Zeit begann er damit, – Abends eben so wurde Schicht gemacht und Sonntags gefeiert, – weiter kannte er keine Abwechselung in seinem Leben. Jetzt aber trat dieses selber an ihn heran. Aus seiner gewohnten Beschäftigung herausgerissen und dadurch von dem bisherigen und regelmäßigen Einkommen abgeschnitten, sollte er auf einmal selbstständig einen Entschluß fassen, der ihn weit hinweg vom Vaterland über das große Weltmeer führte, und einer ungewissen Zukunft in die Arme warf. Allerdings erfüllten ihn dabei die größten Hoffnungen, – aber wenn es mißlang? wenn er dann mit Frau und Kindern unter fremden Leuten im Elend saß, und nicht wieder zurück konnte in die alten Verhältnisse? Wer trug nachher die Schuld an seinem Unglück und dem der Seinen? Nur er selber, und welche Vorwürfe hätte er sich nachher machen müssen.

Diese Gedanken quälten ihn unterwegs, aber sein Schritt zögerte deshalb nicht. Es war, als ob er durch eine innere, unwiderstehliche Gewalt vorwärts gedrängt würde. Wie von einem unbestimmten Etwas getrieben, wanderte er die Straße hinab, und wollte eben in den Platz einbiegen, auf welchem der Auswanderungsagent wohnte, als ihn eine Stimme von einem Wagen herab anrief, daß er stehen blieb und sich überrascht umsah.

»Hallo, Gottlieb!« rief es, »wo kommt Ihr denn heute in die Stadt? und wie gehts daheim?«

»Ei, Andres!« rief Behrens erfreut, wie er den Kutscher erkannte, der jetzt neben ihm am Wege hielt. »Das ist mir lieb, mein Junge, daß ich Dich finde. Wie gehts?«

»Oh, gut geht's; aber wo wollt Ihr hin, Behrens?«

»Nach Brasilien, Andres.«

»Nach wohin?«

»Nach Brasilien.«

»Alle Wetter,« sagte der junge Bursch erstaunt, »weiter nicht?«

»Ne, Andres; – wie wär's, wenn Du mitgingst? – Reise und Alles frei, und die Schinderei hier zu End.«

»Hm, Behrens, kommt doch einmal mit vorn auf den Bock; ich schaffe nur den Wagen nach Haus und versorge die Pferde, und habe dann weiter nichts zu thun, daß wir noch ein Wort zusammen reden können, – heute kommt Ihr doch nicht mehr hin.«

»Nein, Andres,« sagte Behrens, »und morgen wahrscheinlich auch nicht, aber ich fahr mit, denn es wär mir lieb, wenn Du mich nachher begleiten könntest.«

»Und unterwegs erzählt Ihr mir die ganze Geschichte,« sagte Andres, während Behrens zu ihm auf den Bock stieg.

So fuhren sie langsam der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn, zu, und der Tagelöhner theilte jetzt dem Kameraden Alles mit, was seine künftigen Pläne betraf, während dieser kein Wort dazu sagte, sondern nur manchmal mit dem Kopf nickte oder schüttelte.

Endlich langten sie bei der Wohnung des Doctors an. Behrens half die Pferde mit ausschirren und in den Stall führen, wo ihnen Andres ihr Futter gab, während der Mann ein paar Eimer Wasser holte.

Wie sie fertig waren sagte Andres, der indessen in einem fort gepfiffen hatte: »Hört einmal, Behrens, – Ihr habt den Contract bei Euch, wie?«

»Ja, Andres.«

»Schön, – mein Doctor ist zu Hause, ich habe ihn eben oben am Fenster gesehen, – der weiß Alles, ist auch schon einmal drüben in Amerika gewesen, dem wollen wir das Papier zeigen, – der kennt sich in solchen Sachen aus.«

»Ja, aber,« sagte Behrens, »was wird sich der um unser Einen kümmern; der hat mehr zu thun.«

»Laßt Ihr mich nur machen,« nickte aber Andres dem Freund zu, »wartet hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder da,« und ohne eine weitere Einrede anzuhören, ging er quer über den Hof und in das Haus hinüber, und kam auch schon nach kaum zehn Minuten mit der Meldung zurück, Behrens solle nur hinaufgehen, der Doctor wäre oben und wolle sein Anliegen hören.

Dem Behrens schlug das Herz, aber der Doctor empfing ihn freundlich und sagte: »Nun, mein Mann, Ihr wollt nach Brasilien hinüber? Das ist ein wichtiger Schritt; habt Ihr Euch die Sache denn auch ordentlich überlegt? Jemand, der hier in Deutschland sein Brod hat, sollte nicht gerade leicht mit Frau und Kindern so ins Ungewisse hinübergehen.«

»Ja, lieber Herr,« seufzte Behrens, »mit dem Brod ist das so eine Sache, – heute haben wir welches und morgen keins, und wenn ich einmal krank würde –«

»Dann glaubt Ihr wohl, giebt Euch Jemand in Brasilien was?« unterbrach ihn der Doctor. »Aber Ihr sollt frei hinübergeschafft werden, wie ich höre? Habt Ihr das Papier bei Euch?«

»Ja, Herr Doctor, – dies hier.«

Der Doctor nahm es, las es aufmerksam durch und sagte dann: »Und das Papier wollt Ihr unterschreiben? Wißt Ihr wohl, daß Ihr danach wie verrathen und verkauft und einem ehrlichen Mann oder einem Schurken, wie's gerade trifft, auf Gnade und Ungnade übergeben seid?«

»Ja, aber, Herr Doctor,« sagte der Mann erschreckt.

»Das ist ein sogenannter Parcerie-Vertrag,« fuhr der Doctor fort, »das heißt ein Vertrag, wonach Ihr angeblich Mittheilhaber an dem Ertrag des Gewinnes seid, der durch Eure Arbeit erworben wird, und hier steht sogar, Ihr bekämt die Hälfte des Verdienstes; daß das eine Lüge ist, könnt Ihr Euch doch wohl denken.«

»Ja, aber da steht es doch schriftlich,« sagte Behrens scheu.

»Bah!« rief der Doctor, »wo arbeitet Ihr jetzt?«

»Beim Herrn Rittergutspachter Frommann.«

»Nun gut. – Denkt Euch einmal, Ihr hättet mit dem einen solchen Contract gemacht. Nun beschäftigt Euer Pachter eine Menge von Leuten, nicht wahr?«

»Ja, Herr Doctor.«

»Außerdem hat er ein großes Capital in dem Gut stecken; er hat viel Vieh, Pferde, Rinder und Schafe, und manchmal verdient er viel damit, manchmal hat er auch Unglück. Es fällt ihm ein Pferd, ein Rind, oder die Ernte geräth einmal nicht, kurz, er hat viel Risico bei der Sache, d. h. er wagt sein Vermögen daran, oder er nimmt dann auch wieder in manchem Jahre sehr viel ein, was den Schaden deckt, – nun soll er Euch für Eure Tagelöhner-Arbeit die Hälfte seines Verdienstes geben?«

»Ja, das ist aber auch wohl so nicht gemeint,« sagte Behrens.

»Gewiß nicht,« erwiderte der Doctor, »aber trotzdem steht es da, und auch nichts Anderes, nach dem man herausfinden könnte, wie diese Hälfte gemeint ist, denn von einem bestimmten Tagelohn ist keine Rede. Ihr seid also förmlich der Willkür Eures neuen Herrn überlassen, wobei Ihr Euch noch außerdem verpflichten müßt, und zwar für Euch und Eure Familie, seinen oder seines Verwalters Befehlen getreulich nachzukommen. Der schlimmste Passus ist aber noch der letzte, wo es heißt, daß Ihr während der Dauer des ganzen Contracts, also auf eine ganz unbestimmte Zeit hinaus, denn es ist gar keine Dauer festgesetzt, Eure ganze Zeit und Aufmerksamkeit dem Euch übertragenen Dienst zu widmen habt, also nicht eine Minute derselben für Euch selber arbeiten und nur das Nothwendigste verrichten könnt. Unterschreibt Ihr das Papier, so seid Ihr nichts als ein Sclave, und es kann Euch nachher Niemand mehr helfen.«

»Ja,« sagte Behrens schüchtern, »das hat unser Schulmeister auch gemeint, daß wir die Sonntage frei und einen Garten haben müssen, in dem wir uns selber Kaffee und Zucker bauen könnten.«

»Lieber Freund,« seufzte der Doctor, »Ihr schleppt eine Menge phantastischer Ideen im Kopf herum, und Euer Schulmeister scheint Euch noch darin bestärkt zu haben.«

»Aber wenn das nun in den Contract kommt.«

»Aber bester Mann, ist das ein Contract?« rief der Doctor. »Ihr seid unglückselige Menschen. Wenn Ihr nur ein beschriebenes Papier bekommt, das Ihr unterschreiben könnt, so bildet Ihr Euch nachher gewöhnlich ein, Ihr hättet einen Contract gemacht und könntet nun nicht mehr betrogen werden. In diesem Papiere, obgleich hier fälschlicher Weise steht »»während der Dauer des Contracts««, und hier oben »»der contractlich eingegangenen Verpflichtung««, ist von einem Contract weiter gar nicht die Rede, als daß jene Person, der Ihr überliefert werdet, das Geld zahlt, um Euch in die Hände zu bekommen, und dann nachher mit Euch machen kann was sie will. – Außerdem,« fuhr der Doctor fort, als Behrens betroffen schwieg, »wißt Ihr aber auch noch gar nicht einmal, wie viel die Reise für so viele Personen kosten kann, – wie viel Euch wenigstens dafür aufgeschrieben wird, und seid nicht sicher eine Schuldenlast auf den Hals zu bekommen, an der Ihr Eure besten Lebensjahre arbeiten mögt, um sie wieder abzuschütteln. Nein, Freund, – es ist mir lieb daß ich einmal einen solchen Parcerie-Vertrag in die Hände bekomme; ich habe bis jetzt viel darüber gehört und gelesen, aber noch nie einen gesehen. Jetzt begreife ich die Entrüstung die darüber herrscht, denn es ist in der That nichts, als ein Menschenhandel, und Alle, die sich damit befassen, sollten als Seelenverkäufer gebrandmarkt werden.«

»Aber der Herr, mit dem wir es zu thun bekommen, soll ein ganz braver, ehrlicher Mann sein,« sagte Behrens leise.

»Und woher wißt Ihr das, oder woher weiß der das,« rief der Doctor, »der Euch das gesagt hat? denn hier in dem Wisch steht nur, daß der Agent in Antwerpen – und Antwerpen gerade ist der verrufenste Ort für derartige Agenturen – mit irgend einem Plantagenbesitzer einen Contract über Euch abschließen soll, bei dem Ihr dann natürlich gar nicht mehr gefragt werdet.«

»Ja, aber –«

»Das kann ein ehrlicher Mann sein, ja,« fuhr der Doctor fort, »ich gebe auch zu, daß ein solcher Contract in einzelnen Fällen ehrlich gemeint sein mag: daß manchem großen Plantagenbesitzer wirklich daran liegt, gute und brauchbare Kräfte auf sein Land zu bekommen, und der sie nachher nicht allein gut behandelt, sondern ihnen auch einen entsprechenden Lohn für ihre Arbeit giebt, damit sie in einer bestimmten Zeit, und zwar in einer Zeit, die sie selber berechnen, wieder frei und unabhängig von ihm werden. Aber warum heißt es da nicht: Du bekommst so und so viel für den Tag Arbeit, und machst Dich nur verbindlich bei keinem Anderen in Dienst zu treten, bis Du das Geld, was ich für Dich ausgelegt habe, wieder abverdient hast? Aber das wollen die Herren gar nicht. Es liegt ihnen nicht allein daran Arbeiter in ihr weites Land zu bekommen, nein, sie wollen sich die Leute auch speciell sichern und an ihnen verdienen, und das eben ist nachher das Unglück für den armen Arbeiter selber, der vielleicht etwas vor sich bringen könnte, wenn ihm die Hände nicht gebunden wären. Ja, selbst den Fall genommen daß er es ehrlich meint, wer steht Euch denn dafür, daß er nicht plötzlich stirbt und sein Besitzthum an einen gewissenlosen Verwandten oder Fremden übergeht? Ihr seid dann für diesen so gut gebunden, wie für Jenen, Ihr geltet nur als Inventar, denn Ihr habt Eure Schulden noch nicht abbezahlt, und müßt aushalten bis das geschehen ist, so lange es auch dauern mag.«

»Aber Herr Doctor,« sagte Behrens, der ganz bestürzt geworden war, denn das, was ihm der Herr hier sagte, warf des Schulmeisters ganze Lobreden wieder um, und er hatte nur noch das Eine, an das er sich anklammern konnte – »mein Bruder ist ja auch die langen Jahre drüben in dem Brasilien, und dem geht's so gut dort. Er hat mir ja auch geschrieben, daß ich nur sobald als möglich zu ihm kommen soll.«

»So? –« frug der Doctor, »wo ist denn Euer Bruder?«

»In der Colonie Blumenau« sagte der Mann.

»Und dann wollt Ihr Euch nach der Provinz Minas Geraes schicken lassen, wie es hier in dem Contract steht? – und wißt dabei noch nicht einmal, in welchen Theil desselben, denn die Provinz ist riesengroß und läuft in die heißesten Districte hinauf. Das ist reiner Wahnsinn. – Aber lieber Freund – es thut mir leid – meine Zeit ist beschränkt, und ich muß jetzt einen Besuch bei einem gefährlichen Kranken machen, den ich nicht länger aufschieben kann. Ich bin auch nicht im Stande Euch einen anderen Rath zu geben als: Unterschreibt das Papier auf keinen Fall. Wollt Ihr zu Eurem Bruder nach Blumenau, so müsset Ihr nach der Insel Santa Catherina gehen, von wo sich häufig Gelegenheit findet. In der Provinz Minas Geraes seid Ihr beinah noch so weit von dort entfernt, wie hier in Deutschland, könntet wenigstens eben so leicht oder so schwer dorthin kommen, wie von hier ab auch. Dorthin wird Euch aber wohl Niemand Passage geben, und wenn Ihr denn durchaus hinübergehen wollt und denkt, daß Ihr dort Eure Umstände verbessert, so laßt Euch auch einen wirklichen Contract aufsetzen, in dem deutlich geschrieben steht, an welchen Ort und zu welchem Herrn Ihr kommen sollt – nicht auf's Gerathewohl, wie hier steht: auf eine Colonie in der Provinz Minas Geraes. Und wie viel Tagelohn Ihr für Euch und Eure Leute zu erwarten habt, bis das Vorgeschossene abverdient ist, muß ebenfalls fest und deutlich in dem Papier angegeben werden. Nachher seht Ihr ein Ende vor Euch, und könnt selber etwa berechnen, was Ihr verdient habt und wie lange Eure Dienstzeit dauert.«

»Nun, ich danke Ihnen auch schön, Herr Doctor, für Ihre Freundlichkeit,« sagte Behrens, »ich will mir gewiß merken was Sie gesagt haben, und mit dem Herrn das ausmachen.«

»Thut das,« sagte der Doctor, »aber laßt Euch auch nicht wieder breit schwatzen, – solche Contracte könnt Ihr alle Tage machen,« und damit nahm er seinen Hut und verließ das Zimmer, während Andres, der bei der ganzen Unterredung kein Wort gesprochen und nur immer, wenn der Doctor, sein Herr, etwas sagte, zustimmend mit dem Kopf genickt hatte, seinen Landsmann beim Ärmel ergriff und mit ihm langsam die Treppe hinunter und wieder auf den Hof ging.

»Siehst Du,« flüsterte er ihm dabei zu, »das ist ein Herr der Haare auf den Zähnen hat, und der verstehts. Was der sagt hat Hand und Fuß, und man kann schnurstraks darauf hingehen. Das sind faule Fische mit dem Papier; da darfst Du Dich nicht darauf einlassen.«

»Weißt Du was, Andres,« nickte da Behrens, der nachdenkend, sein Kinn mit der rechten Hand streichend, im Hof stehen geblieben war und vor sich niedergesehen hatte, »Du hast doch Alles mit angehört was der Herr Doctor gesagt, und kannst es mir bezeugen, und nun komm einmal mit zu dem Herrn der die Schrift besorgt, und dann wollen wir mit ihm sprechen, und ihm die Sache auseinandersetzen, daß es so nicht geht. Wie?«

»Meinetwegen,« sagte Andres, »ich geh' auch mit. Zwei sind immer besser als Einer, denn was der Eine nicht weiß, das fällt dem Anderen ein. Also komm, Gottlieb, dem wollen wir die Sache gleich besorgen.«

Und die beiden Freunde gingen langsam die Straße hinunter und dem Hause zu, in welchem der besagte Herr wohnte.

Da hörten sie rechts von sich in einer engen Seitengasse lautes Jubeln und Singen, und als sie erstaunt stehen blieben, um dem ungewohnten Geräusch zu horchen, sahen sie einen kleinen Trupp Menschen den engen Weg herunter kommen, die auf das Wunderlichste aufgeputzt gingen.

Es waren etwa zehn oder zwölf junge Burschen; von vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahren, Bauernsöhne wahrscheinlich ihrem ganzen Aussehen nach, die, von irgend einem Gelage kommend, mit gerötheten Gesichtern und fröhlich und keck blitzenden Augen Arm in Arm durch die Straßen wanderten. Sie trugen auch noch ihre heimischen Bauerntrachten, kurze Jacken und lederne Hosen, aber dazu aufgekrämpte Hüte mit künstlich gemachten ordinären Blumen daran, mit Glasperlen und unächtem Schmuck, und auf den Schultern einläufige Pirschbüchsen oder Doppelflinten, und Hirschfänger an den Seiten, als ob sie zu irgend einem Freicorps gehörten und augenblicklich in den Krieg ziehen wollten. Dazu sangen sie – mit oder ohne Harmonie, was kam darauf an, – ein wildes, jubelndes Lied, und neugieriges Volk hatte sich ihnen von allen Seiten angeschlossen, so daß die Menschenmenge die ganze Straße füllte.

Behrens und Andres blieben stehen um sie vorbei zu lassen, und als sie näher kamen, konnten sie auch Beide die Worte des Liedes unterscheiden, die ihnen bald keinen Zweifel mehr ließen, wen sie vor sich hätten.

»Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier,
Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit.«

klang der Refrain, und bald darauf setzte wieder eine tiefe Baßstimme in Solo ein:

»Ade, ade, mein liebes Vaterland,
Ade, ade, nun lebe ewig wohl!
Was fragen wir nach Gut und Geld,
Wir wandern fröhlich in die Welt,
Brasi–lien ist unsre Seligkeit!
Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!
Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!«

Es war ein ganz eigenes Gefühl das Behrens durchzuckte, als er die Worte hörte, die ihm wie aus der eigenen Seele heraustönten, und fast unwillkürlich rief er die ihm Nächsten an: »Heda, Kameraden, – wollt Ihr auch nach Brasilien?«

»Auch nach Brasilien? na, versteht sich,« lachte einer der jungen Burschen zurück, indem der Schwarm Halt machte. »Gehst Du auch mit, Kamerad? Das ist Recht. Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!«

»Na,« seufzte Behrens, »weit ist's doch wohl, aber was kann's helfen; die Reise nimmt ja auch einmal ein Ende.«

»Da hast Du Recht, alter Junge!« jubelte Einer der Burschen, »und nachher leben wir, wie der liebe Gott in Frankreich. Mit welchem Schiff gehst Du?«

»Ja, ich weiß noch nicht,« sagte Behrens, über die vertrauliche Anrede des jungen Volks weniger erstaunt, als über die bestimmte Voraussetzung seiner Reise, denn des Doctors abmahnende Worte hatten ihn doch wieder ganz schwankend gemacht.

»Und von welchem Hafen aus?«

»Doch wohl von Antwerpen, wie der Ort heißt.«

»Hurrah, ein Reisegefährte!« jubelte die Schaar. »Komm her, daß wir Eins zusammen trinken. Nun hat die elende Schinderei daheim ein Ende, und wir kommen ins Paradies.«

»Ins Paradies?« Das stimmte freilich nicht mit dem, was Behrens von dem Doctor gehört, aber er konnte auch nicht der fröhlichen Einladung folgen, denn geschenkt mochte er nichts nehmen, und Geld zum Vertrinken hatte er noch nie im Leben gehabt.

»Ich kann nicht,« sagte er deshalb freundlich, »ich muß erst noch meinen Contract in Richtigkeit bringen, daß ich mit komme; aber wohin geht Ihr?«

»In den Löwen; so komme nachher hin, daß wir den Abend beieinander sind! Hurrah, Brasilien soll leben!«

Und mit dem Halli, Hallo! des neu beginnenden Liedes setzte sich die Schaar wieder in Bewegung und marschirte die Straße hinab, dem ihrem neuen Reisegefährten bezeichneten Wirthshaus zu.

Behrens blieb mit seinem Begleiter, als ihn die Schaar verlassen hatte, noch eine ganze Weile wie betäubt auf der Straße stehen, denn wie ein Traum, wie ein Gruß aus der fernen, fabelhaften Welt, die er bis jetzt nur in seinen Träumen gesehen, kam ihm das Ganze vor. Ein Paradies! – und er selbst war im Begriff, dorthin aufzubrechen, – aber wer hatte nun Recht? Das junge, jubelnde Volk, vor dem das Leben noch offen lag und ihm nur seine bunten Bilder zeigte, oder der alte mürrische Herr, der voll Mißtrauen hinausblickte? Behrens wußte es nicht, und nur unwillkürlich legte er seine Hand wieder in Andres Arm und schritt mit ihm die Straße hinunter, dem Hause des Auswanderungsagenten zu.

Drittes Capitel.
Herrn Kollboeker's Comptoir.

Sie brauchten nicht so lange mehr zu gehen, als sie das Haus, oder vielmehr das »Comptoir« des Agenten vor sich sahen, denn er selber wohnte draußen in einer kleinen Spelunke der Vorstadt, und hatte sich nur im »Geschäftstheil« der Residenz ein Local gemiethet, um inmitten des Verkehrs zu sein und sich keine »Gelegenheit« entgehen zu lassen.

Die Thür war auch kenntlich genug durch eine Anzahl von Schildern bezeichnet, die den verschiedensten Lebenszwecken zu dienen schienen. Den Mittelpunkt derselben bildete freilich ein großes, über der Thür angebrachtes und in Öl ausgeführtes Gemälde, das ein großes, dreimastiges Schiff unter vollen Segeln aber bei dem Winde zeigte. Plätschernde Wellen erhoben sich darum her, aber still und unbewegt verfolgte das Fahrzeug seine Bahn und eine Anzahl von Personen in rothen Hemden, die über Bord hinaus auf das Meer sahen, sollten andeuten, daß es reichlich mit Passagieren besetzt sei, die eine ruhige Fahrt nach einem fernen Welttheil hatten.

Das Schiff selber führte eine Bremer Flagge, – die roth und weißen Streifen und Quadrate, – darüber aber im blauen Himmel stand deutlich mit goldenen Buchstaben:

Schiffsgelegenheit nach allen Welttheilen,

und wie um das zu illustriren, waren links und rechts von der Thür noch große Tafeln aufgehangen, auf welchen die verschiedensten Reisen nach Nordamerika, Australien und Brasilien specificirt wurden.

Außerdem schien aber Herr Kollboeker, wie der Auswanderungsagent hieß, noch außerordentlich vielseitig in anderen Geschäftszweigen. Er hatte die Agentur für Sächsische Renten-, Berliner und Gotha'sche Lebensversicherung, ebenso eine Niederlage von Daubitz's Kräuterliqueur und aromatischer Gichtwatte, und Behrens wurde ganz irr an den vielen Schildern, die überall die Wand und sogar die aufgeschlagenen Fensterladen bedeckten. Aber es konnte nichts helfen, hinein mußte er doch, denn die Zeit verging, und nachdem er und Andres – während die Beiden indessen von drinnen durch ein paar junge kichernde Leute beobachtet waren – eine Weile die verschiedenen Placate durchbuchstabirt hatten, sagte Behrens, seines Begleiters Arm ergreifend: »So komm, Andres, hier werden wir doch nicht draus klug und drinnen müssen wir ja erfahren woran wir sind. Da oben ist ja auch das Schiff gemalt, mit dem wir fahren sollen, – guck einmal wie groß es ist; das sieht ordentlich gefährlich aus – und so weit übers Wasser muß man damit.«

Behrens schüttelte freilich mit dem Kopf, als er das Haus betrat; es war ihm noch so vieles bei der ganzen Sache, von der er sich gar keine richtige Idee machen konnte, unerklärlich, und er fühlte ordentlich das Bedürfniß, endlich einmal Jemanden darüber zu hören, der Alles ganz genau wußte.

Gleich rechts im Hausflur war eine Thür, an welcher auf einem ovalen schwarzen Schild das Wort stand: »Comptoir«, aber weiter befand sich kein Name oder sonstiges Abzeichen daneben, und die Beiden zögerten noch, ob sie hier anklopfen sollten, als die Thür aufging und ein blutjunger Mensch mit auf der Mitte gescheitelten fuchsrothen Haaren heraussah.

»Wollen Sie zu der Auswanderungs-Agentur?«

»Ja wohl«, nickte Behrens.

»Na, da kommen sie nur hier herein, – hier ist's.«

Beide betraten das Zimmer. Es war ein nicht sehr großes und etwas düsteres Gemach. In der Mitte stand ein hohes, doppeltes Schreibpult aus polirtem Erlenholz, an dem an jeder Seite zwei Menschen arbeiten konnten, und an den Wänden waren eine Menge Gefache angebracht, in welchen die verschiedenartigsten Dinge lagen: kleine Broschüren, Papiere, etiquettirte Flaschen, Packete und Gott weiß was sonst noch. An den Wänden aber hingen, wo nur noch irgend ein Platz frei geblieben, Fahrpläne von Eisenbahnen und Dampfschiffen, eine große Karte mit den beiden Erdhälften und andere von Australien, Südamerika, Brasilien, Nordamerika, Rußland und Ungarn, denn Herrn Kollboeker's Thätigkeit war eine sehr ausgebreitete, und er schaffte Menschen fort, wohin sie eben wollten, oder – wohin er sie gerade bereden konnte. Hatte er doch intime Verbindungen in allen Theilen der Welt, wenn er auch alle Theile der Welt nur dem Namen nach kannte.

Herr Kollboeker selber war leider gerade nicht zu Hause, und die beiden jungen Herren im Comptoir, – wahrscheinlich ein paar Lehrlinge, junge, aufknospende Auswanderungs-Agenten, die ihren Ehrgeiz darin setzten, später ebenfalls ein volles Schiff unter Segeln über ihrer eigenen Thür gemalt zu sehen, – schienen die freie Zeit benutzt zu haben, um an die Fenster zu hauchen und unmögliche menschliche Figuren darauf zu zeichnen. Beide trugen aber Federn hinter den Ohren, als Zeichen, daß sie jeden Augenblick zu deren Dienst bereit wären, und der Ältere von ihnen, der den Beiden auch die Thür geöffnet hatte, nahm jetzt das Wort und sagte: »Nun, Gevatter, wie geht's? Wollt Ihr nach Amerika oder nach Australien und Gold graben? Jetzt ist die Gelegenheit günstig; in der nächsten Woche geht ein Schiff.«

»Ist Herr Kollboeker nicht zu Haus?« frug Behrens, der durch die vertrauliche Anrede »Gevatter« etwas stutzig geworden war, denn er hatte den jungen Burschen, so weit er sich erinnerte, noch in seinem ganzen Leben nicht gesehen.

»Nein, Herr Kollboeker ist ausgegangen. Kann ich es nicht besorgen, wenn Ihr über irgend etwas Auskunft wünscht?«

»Ich weiß doch nicht,« sagte Behrens, »ich – ich komme wegen der Reise nach Brasilien.«

»Nach Brasilien, so? Wo seid Ihr denn her?«

»Von Groß-Emmen.«

»Ach, das ist die Familie, die mit der Rosalie nach Porto Seguro soll,« sagte der Jüngste, »wie heißt Ihr denn?«

»Behrens – Carl Gottlieb Behrens.«

»Ja, ganz Recht. Ihr habt ja wohl noch Euren Contract zu unterschreiben.«

»Ja – aber – ich wollte doch vorher gern erst noch einmal mit dem Herrn Kollboeker sprechen.«

»Ach, das ist nicht nöthig,« sagte der junge Mann mit den rothen gescheitelten Haaren, »das können wir auch besorgen. Habt Ihr den Contract mitgebracht?«

»Den hätt' ich schon,« meinte Behrens, indem er in die Tasche griff und das Papier herausholte, »aber –«

»Da kommt Ihr in ein prachtvolles Land,« nahm der Kleinste die Unterhaltung wieder auf, »Donnerwetter, da muß es himmlisch sein, – wo haben Sie denn den Brief, Meier, in dem die Beschreibung steht?«

»Dort auf dem Pult liegt er,« sagte Herr Meier, indem er selber darnach unter einem Haufen von Papieren herumwühlte und auch bald einen großen, auf bläulichem, sehr dünnem Papier eng geschriebenen Brief zum Vorschein brachte. »Ja, allen Respect, das muß ein Land sein, Kaffee, Vanille, Cacao, Alles wächst da wild, die Apfelsinen kann sich Jeder von den Bäumen schütteln, wo er nur will, und Ananas, wo hier das Stück drei Thaler kostet, wachsen wie bei uns die Kohlrüben und die Runkeln.«

»Und dort in den Bergen haben sie auch neulich die großen Diamanten gefunden, und ein Deutscher soll beim Graben einen Goldklumpen von zwei Pfund Gewicht herausgeschaufelt haben.«

»Hm,« sagte Andres, der dem Allen aufmerksam zugehört hatte, »das ist aber merkwürdig; und da zahlen Sie Einem noch Geld, wenn man nur hingeht?«

»Jawohl,« nickte Herr Meier, »weil es dort an ordentlichen deutschen Bauern fehlt, die was von der Landwirthschaft verstehen. Die Kerle sind da so dumm, und wissen gar nicht, was sie mit ihren Feldern anfangen sollen.«

Behrens hörte das Alles wie in einem halben Traum; es war ihm, als ob er von einem Zauberland sprechen, ein Märchen erzählen höre, und er konnte es sich kaum denken, daß er selber im Begriff stehe dort hinüber zu gehen und das Alles mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben, – aber der Contract, –

»Ja,« sagte er verwirrt, »das ist Alles gewiß ganz wunderschön und herrlich, aber ich – ich muß doch vorher noch einmal mit dem Herr Kollboeker sprechen, denn –«

»Ach, da kommt er selber,« rief Herr Meier, der dabei zugleich hinter das Schreibpult an seinen Platz glitt und die Feder eintunkte; auch der Kleine war blitzschnell an seinen »Marterpfahl« gefahren, wie er den Ort, wo er zu arbeiten hatte, gewöhnlich nannte, wenn der Principal nicht zugegen, und beide jungen Leute schienen, als der Agent im nächsten Augenblick das Zimmer betrat, so emsig mit dem Copiren einiger Briefe beschäftigt, daß sie sein Kommen fast gar nicht bemerkten.

»Herr Kollboeker,« sagte Meier, von seinem Brief aufsehend, »da ist Behrens aus Groß-Emmen, der schon eine Weile auf Sie wartet, und Sie zu sprechen wünscht.«

Herr Kollboeker, der, ohne seinen Hut abzunehmen in das Zimmer getreten war und sehr eilig zu sein schien, sah über die Achsel nach den beiden Leuten hinüber und nickte, während er ein Packet Schriften auf den Tisch legte: »Oh, Behrens, das ist gut daß Ihr heute herein gekommen seid; es wird die höchste Zeit, und ich glaubte schon, Ihr wolltet Euch die Gelegenheit entschlüpfen lassen, ein brasilianischer Pflanzer zu werden.«

»Ja, Herr Kollboeker, – ich möchte Sie nur noch um Eins fragen,« sagte der durch das geschäftsmäßige Benehmen eingeschüchterte Mann. Herr Kollboeker hörte aber vor der Hand nicht auf ihn.

»Sind Briefe angekommen während ich fort war?«

»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Meier, mit der Feder nach den auf dem Pult liegenden deutend.

Der Agent nahm sie in die Hand, es waren drei, – einen davon warf er wieder zurück. »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß unfrankirte Briefe refüsirt werden.«

»Ich habe das Porto noch nicht dafür gezahlt.«

»Gut, er geht zurück, – das fehlte auch noch: man hat mit den Geschäften anderer Leute schon Auslagen genug an Geld. Nun, Behrens, was wolltet Ihr mir sagen?« frug er den Mann, ohne ihn aber anzusehen, denn er hatte den einen Brief erbrochen und fing an, darin zu lesen.

»Ja, Herr Kollboeker, – wegen des Contracts wollte ich Ihnen gern noch etwas sagen, – denn eigentlich ist es doch gar kein Contract, sondern nur eine Verpflichtung –«

»Nun, steht das nicht auch darüber?« frug der Agent, ohne von seinem Brief aufzusehen.

»Ja, allerdings, – aber – ich habe da mit einem Herrn Doctor gesprochen, und der meinte –«

»So? mit einem Herrn Doctor?« frug Kollboeker, den Mann ansehend, »und war der Herr schon einmal in Brasilien?«

»Nein, in Brasilien war er noch nicht.«

»Aha, und was weiß er denn nachher davon?« rief der Agent, »etwa mehr als wir hier, die täglich Briefe und Zeitungen von dorther bekommen, und das Land so genau kennen, wie unsere eigenen Taschen, heh?«

»Aber der Herr Frommann, unser Rittergutspachter –«

»Der hat Euch abgeredet, fortzuziehen, nicht wahr?« rief Herr Kollboeker triumphirend aus, »na, das versteht sich doch von selbst, denn daß es den Herren nicht recht ist, wenn ihre Knechte selber einmal Herren werden, läßt sich denken. Wo sollen sie denn nachher die Arbeiter hernehmen, wenn die Leute erst merken, daß sie nur über See zu fahren brauchen, um selbständige Gutsbesitzer zu werden, nicht blos Pachter. Also der hatte auch etwas dagegen einzuwenden? Es ist doch wirklich merkwürdig, was es für gescheidte Leute auf der Welt giebt,« und verächtlich mit dem Kopf schüttelnd, fuhr er in der Lectüre seines Briefes weiter fort.

»Abgeredet hat er mir eigentlich nicht«, sagte Behrens, »aber der Herr Doctor meinte, es wäre eigentlich gar kein Contract, und dann besonders die Stelle, wo von der ganzen Zeit und Aufmerksamkeit steht –«

»Kein Contract?« fuhr aber jetzt Herr Kollboeker auf – »so soll ich mich etwa heute auch noch mit Euch herumärgern, heh? – Was ist denn das, wenn Einer das Geld hergiebt und der Andere verspricht nachher dafür zu arbeiten, bis es abverdient ist, heh? – Was sind denn Eure Miethcontracte auf dem Lande, wo so ein armer Teufel von Ochsenknecht lumpige achtzehn oder zwanzig Thaler für's ganze Jahr bekommt und sich dafür das ganze geschlagene Jahr von Morgens früh drei oder vier Uhr bis Abends Glock sieben schinden und plagen und das Fleisch von den Knochen herunterarbeiten muß? Sind die etwa was Anderes und findet Ihr hier nur einen einzigen von all den großmäuligen Rittergutsbesitzern und Pachtern, die Euch nur so viel hundert Groschen vorschössen, um Euch zu einem bessern Leben zu verhelfen, als Ihr hier Thaler bekommt? Hab' ich Recht oder nicht?«

»Ach ja, Herr Kollboeker, wahr ist's schon und läßt sich Nichts dagegen einwenden; wenn man nur einmal zehn Groschen Lohn voraus haben will, so muß man vor Gott und nach Gott darum bitten, und kriegt's dann gleich in der nächsten Woche wieder bei Heller und Pfennig abgezogen.«

»Na also – und was wollt Ihr sonst noch?«

»Ja«, sagte Behrens verlegen – »eins liegt mir doch noch auf dem Herzen, und ich wollte Sie dringend darum gebeten haben.«

»Und das ist?« frug Herr Kollboeker, indem er den zweiten Brief hernahm und aufbrach.

»Ich wollte doch gern,« fuhr Behrens der sich ein Herz faßte, fort, »so nah wie möglich dorthin nach Brasilien kommen, wo mein Bruder drüben ist.«

»So? Ihr habt schon einen Bruder drüben? und wo steckt denn der?«

»In der Colonie Blumenau.«

»Na da geht doch hinüber,« meinte Herr Kollboeker kurz – »es hindert Euch Niemand daran. Dorthin gehn immer Schiffe.«

»Wo man seine Passage auch abarbeiten kann?« frug Behrens rasch.

»Ne,« lachte Herr Kollboeker, daß das kleine Comptoir dröhnte – »wenn Ihr direkt dahin wollt, müßt Ihr Eure Passage selber bezahlen. Aber seid Ihr unbehülfliches Volk,« rief er, indem er seinen Brief auf das Pult warf und sich gegen die an der Wand hängende kleine Weltkarte wandte. »Seht einmal hier,« fuhr er fort, und zeigte mit seinem Finger auf einen Platz auf dem Behrens gar Nichts erkennen konnte, als buntgemalte aber ihm vollkommen unverständliche Linien »hier ist Blumenau wohin Ihr gern wollt, und wo Euer Bruder sein soll, und hier gleich darüber, kaum mehr wie ein Zoll davon entfernt, fängt die Provinz Minas Geraes an, wohin Euer Contract lautet, nachdem Ihr unentgeldlich hinübergeschafft werdet.[3] Verlangt Ihr noch mehr? und wenn Ihr dort Eueren Contract abgearbeitet und Geld in der Tasche habt, hindert Euch denn etwa wer, die kurze Strecke da hinunter zu gehen und Euch anzusiedeln wo Ihr Lust habt? – Es ist rein zum Verzweifeln wenn Menschen etwas nicht einsehen wollen, was so sonnenklar auf der offenen Hand liegt.«

»Aber der Herr Doctor,« sagte Behrens schüchtern, »meinte, die Provinz wäre so sehr groß.«

»Na, wenn Euch das genirt, ob die Provinz groß oder klein ist,« rief Herr Kollboeker, indem er wieder zu seinem Pult ging, »dann bleibt doch meinetwegen in Deutschland – was liegt mir dran. Der Herr Doctor wird dann wahrscheinlich für Euch sorgen, damit es Euch hier an Nichts fehlt und Ihr leben könnt, wie der liebe Gott in Frankreich.«

»Ja du lieber Gott,« seufzte der Mann, der damit an sein Elend zu Haus erinnert wurde – »für Unsereinen sorgt auch Jemand, wenn wir es nicht selber thun können. Also Sie meinen wirklich, daß es nicht so weit von da wäre, wo mein Bruder ist?«

»Na, ich habe die Karte doch nicht gemacht,« sagte Herr Kollboeker, »die lassen die Regierungen selber ausarbeiten und was da drauf steht, ist richtig und muß richtig sein – Und ist sonst noch etwas, das Ihr auf dem Herzen habt?«

»Ja sehen Sie, Herr Kollboeker,« sagte Behrens, da der Agent das Erstere als beseitigt zu betrachten schien, »wenn Sie nur einmal so gut sein wollten, den letzten Satz durchzulesen, der da im Contract steht. – Bitte schön.«

»Nun was ist mit dem?«

»Ja, da steht, so lange der Contract dauerte, sollten wir Alle mit einander für unsern Brodherrn in einem fort arbeiten?«

»Nun? – versteht sich denn das nicht von selbst?«