Kreuz und Quer.

Neue gesammelte Erzählungen
von
Friedrich Gerstäcker.

Dritter Band.

Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1869.

Inhaltsverzeichniß.

Seite
1. Jay-hawkers[1]
2. König Zambiri[198]
3. Der Mexikaner[284]
4. Ein prize-fight oder Boxerkampf in Cincinnati [358]

Jay-hawkers.

Erstes Kapitel.
In Perryville.

Das kleine Städtchen Perryville in Arkansas, das, während der Krieg in den östlichen Staaten der Union wüthete, nun über zwei Jahre fast wie todt und verlassen gelegen hatte, schien heute, am ersten October des Jahres 1862, seinen friedlichen Charakter abgelegt und sich in einen militärischen Tummelplatz verwandelt zu haben.

Daß von allen Seiten Reiter, die lange Büchse auf der Schulter, die schweren Messer an der Seite, heransprengten, würde weniger aufgefallen sein, denn ohne diese Waffen ging überhaupt kein Backwoodsman nur von Farm zu Farm, aber dazwischen sah man auch eine Anzahl von Männern in grauen uniformartigen Röcken und doch auch wieder nicht uniform, denn Mancher von ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher einen Strohhut auf dem Kopfe, aber alle auch einen Gurt um den Leib und neben dem Messer einen, manchmal sogar zwei Revolver.

Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch schon seit langen Jahren regelmäßig ausgelegt. Arkansas selber hatte aber die in den schönen Staat gesetzte Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden bevölkern würde, nicht bewährt. Viele seiner Bewohner, unstätes Volk alle zusammen, waren nach Californien gezogen, als der erste Ruf des Goldes von dort herübertönte, Andere nach Texas, weil sich vielleicht ein Fremder in ein oder zwei Miles Entfernung von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann auch mancher neue Einwanderer von den östlichen Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.

Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave, wie er genannt wird, hatten sich die Farmen, aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen; das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß, von keiner Axt, höchstens einmal von dem Beil des Jägers berührt, der sich dort junge Stämme zu Lagerstangen abhieb, und das Städtchen, was so nach und nach am Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich gar nicht nöthig. Die Farmer und Jäger brauchten es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe bestehen können, und benutzten es nur zu gelegentlichen Zusammenkünften.

Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch nicht gedrungen und drang überhaupt nicht hin. Truppenkörper der verschiedenen Armeen schickten wohl später dann und wann einmal einen Streifzug durch den Wald, aber der mußte die Straße halten und verweilte auch nicht gern lange in den dichten Wäldern, wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen, vielleicht stärkeren Corps überfallen zu werden.

Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich allerdings zu Gunsten der Secession erklärt, denn Arkansas war ein echter Sclavenstaat, wenn es auch im Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. Die eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber bis jetzt, wie nach stillschweigendem Uebereinkommen, noch nicht am Kriege betheiligt. Sie waren weder angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein Gewicht in die Wagschaale des Krieges. Ueberdies verkündeten die seltenen Nachrichten, die wirklich zu ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, die sogar das Capitol in Washington bedrohen sollten; sie wurden also dort gar nicht gebraucht, während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen Frauen und Kinder hier mitten im Walde anfangen wollen, wenn die Männer und jungen Leute weit hinweg in andere Staaten gezogen wären, um sich mit den Yankees herumzuschlagen.

Außerdem standen fast alle alten Leute in dem ganzen District, im Herzen auf Seite der Union. Am ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein einziger Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am Petite-Jeanne drüben gab es allerdings ein paar, aber ihretwegen wäre es wahrlich nicht der Mühe werth gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die große und mächtige Union in zwei Hälften zu reißen.

Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den Gliedern, Theil an dem Kampf zu nehmen und einen Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu haben, wie die Yankees damals genannt wurden und welchen Namen sie auch in der That noch zum großen Theil jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß entschieden gegen eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten, zu denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten, hatten die Flagge der Union beschimpft, die Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet. Sie wollten keine Hand in solchen Dingen haben.

Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der Secession zu, und aus welchem Grunde?

Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal dahin zu bringen, daß sie sich ein Hausmädchen – natürlich eine Sclavin – anschaffen konnten, denn Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab es ja nicht in der Union, und was man a help nannte, eine »Hülfe,« und worunter sich eine Nachbarstochter verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei ihnen selber das Brot knapp wurde, herüberkam und eine Weile aushalf – konnte natürlich nicht genügen, da diese jungen »ladies« wie die rohen Eier behandelt sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das Haus augenblicklich und indignirt verließen. Eine junge Negersclavin blieb also ihr heimlicher, aber dafür desto innigerer Wunsch, und daß sie sich – unter solchen Umständen – nicht für Abschaffung der Sclaverei begeistern konnten, versteht sich wohl von selbst.

Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier in den stillen Wald gedrungen, daß die »Südlichen« wieder einen neuen und großen Sieg über den Norden davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden Feind zu verhindern, sich selbst in Besitz des Capitols zu setzen. Eine Aushebung von Hunderttausenden sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, und es war deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte des Südens zusammenzurufen, um die »Abolitionisten« nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige Phrasen durchliefen ja fortwährend die weit abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren vielleicht Wiederklang – in Arkansas aber nicht. Als deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville ausgeschrieben hatten, um den Stand der Verhältnisse zu besprechen, fanden sich wohl die jungen und auch die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes über den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber begeistert für die Sache selber waren sie nicht, ja die alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen, einer möglichen Anwerbung entschieden entgegenzutreten.

Den jungen Burschen aber kam ein solcher »Frolic,« wie sie es nannten, gerade recht. Der Krieg dauerte nun schon Jahre, und eine todte, erdrückende Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. Wer sollte auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen, während nur immer eine Nachricht nach der anderen kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die zerstörten Felder röthete.

Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten Bockenheim, denn obgleich in den letzten fünf Jahren noch zwei andere kleinere groceries oder Kaufläden geöffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen, einen der ältesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewöhnt, und außerdem sollte auch die eigentliche Versammlung in der unmittelbaren Nähe seines Hauses stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten herüber gekommen.

Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten Städtchen und der Whisky floß. Allerdings war es nicht mehr möglich, diesen von Norden herunter zu beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam, denn der Strom war sowohl von den Nord- als Südstaaten blokirt worden und selbst auf jedes kleine Boot wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich hindurch zu schleichen. Aber in Arkansas wußten sie sich, was wenigstens diesen Gegenstand betraf, zu helfen, denn überall entstanden kleine Brennereien, wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte. Von diesem war ein frisches Faß angezapft worden, und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave hatten sich schon darum gesammelt, als die County-Straße herunter, von zwei »Sesesch«-Officieren (Secessionisten) begleitet, der Major auf einem prächtigen Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's Thür sein muthiges Roß einzügelte.

»Hallo Major!« rief ihm Einer der jungen Burschen zu, indem er ihm zugleich den vollen Becher entgegenhielt – »how do you swop horses (wie wollt Ihr Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der an den Hickory angebunden steht?«

»Mein junger Freund,« sagte der Major, nicht im Geringsten durch die Frage beleidigt, denn sie war etwas zu Allgewöhnliches – »wir brauchen jetzt alle unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten laufen so rasch, daß man sie mit alten Kracken gar nicht einholen kann.«

»Oho Major,« lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn, dessen Vaters kleine Ansiedelung unmittelbar am Arkansas lag – »so sehr schnell können sie doch nicht laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt doch dicht bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch noch nicht gelassen.«

»Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim,« rief Hendricks, ein junger Mann vom Petite Jeanne, der aber auch schon die Uniform der Secessionisten trug und – wie er Anderen erzählte – nicht blos ein paar der blutigsten Schlachten mitgemacht, sondern auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit eigener Hand erschlagen hatte. »Was sollten wir in Washington? Das leere Weiße Haus besetzen? Das Lumpenvolk hat es ja schon vollständig ausgeräumt, und selbst die Bevölkerung der Stadt ihre beste Habe in Sicherheit gebracht. Wohin wir kommen wollen, dahin kommen wir auch – und wenn wir jetzt Alle richtig zusammenhalten, rücken wir ihnen im nächsten Monat nach New-York hinein, und da giebts nachher Beute, denn Lee hat uns fest versprochen, daß wir dort plündern sollen.«

»Bah, wir sind keine Räuber,« sagte Jim finster, »daß man suchen sollte, uns damit anzulocken. Wer hier her kommt zu uns, um uns zu belästigen, gegen den stehen wir zusammen – was kümmern uns die Kaufläden in New-York?«

»Muß eine verwünscht gemeine Seele sein,« rief da ein anderer, John Wells, der Sohn eines der besten Jäger am Fourche, der sich aber an politischen Dingen nie betheiligte und still und zurückgezogen auf seiner Farm lebte – »der in einem solchen Krieg von Plündern spricht – verdient daß man ihm die Uniform vom Leib risse.«

»Dazu gehört ein Mann!« rief Hendricks, zornig auffahrend.

»Gott verdamm Dich, hier steht er!« schrie John, in dem Augenblick auch sein eigenes Jagdhemd abwerfend, um die Arme frei zu bekommen, indem er Hendricks gegenüber sprang – »stell' Dich bereit, mein Junge, und wahr' Deine Nase –«

»Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu prügeln,« rief Hendricks abwehrend –

»Feigling!« höhnte ihn John, und schien nicht übel Lust zu haben, trotz alledem auf ihn einzuspringen; der Major aber, der sich indessen mit einigen der alten Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen und sagte abwehrend:

»Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander keinen Streit an. Wir haben da draußen alle Hände voll zu thun, um mit den verwünschten Abolitionisten fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fäuste zeigen wollt, ist's ja recht, aber nicht hier Freund gegen Freund. Das wäre den Yankees gerade recht, wenn sie uns hier im Süden selber gegeneinander hetzen könnten.« –

»Dann muß uns so ein hergelaufener Lump aber auch nicht mit Plündern anlocken wollen!« trotzte John, der noch immer gar nicht übel Lust zu haben schien, den Kampf aufzunehmen.

»Ich habe nur gesagt, daß von Plündern gesprochen ist,« rief Hendricks, »ich denke nicht daran, selber so 'was zu thun.«

»Frieden! haltet Frieden!« riefen jetzt auch Einige der älteren Leute. »Es fließt Blut genug im Lande, Jungens, laßt uns das Elend nicht auch an den Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hören, was der Major zu sagen hat. Sprecht Major, Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's eigentlich.«

»Ja, Gentlemen,« begann der Major, indem er seine Militärmütze abnahm und sich mit der Hand durch die Haare fuhr, »die Sache ist höllisch einfach und nicht viel darüber zu sagen. Ihr habt bis jetzt hier gelebt, als ob Euch der Krieg, der da draußen geführt wird, gar nichts anginge, aber das muß eben ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten Yankees mehr und mehr Truppen an, weil es ihnen unbequem ist, daß wir den Mississippi hier haben und besetzt halten. Die also können jeden Augenblick bei Euch einbrechen und dann sitzt Ihr da, Nichts ist organisirt, kein Commando, keine Ordnung und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher einzeln aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten hinaufschleppen kann.«

»Aber, Major,« sagte der alte Klingelhöffer, ein Deutscher, der seit 30 Jahren in diesen Wäldern lebte, »red't keinen Unsinn. Wenn die Unionstruppen wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps sind schon ein paar Mal in der Nähe gewesen, so haben sie genug für sich selber mitzuschleppen, als daß sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Daß sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu haben, ja, das ist möglich, aber weiter geschieht auch Nichts, und wenn wir unsere jungen Leute in den Krieg schicken, können sie nachher erst recht machen, was sie wollen.«

»Daraus wird Nichts,« sagte der alte Jenkins, ebenfalls ein treuer Unionsmann, der finster daneben auf einer Wagendeichsel gesessen und an einem Spahn herumgeschnitzt hatte. »Unsere jungen Leute dürfen nicht fort von hier; nachher ist der Wald leer und unsere Kinder können hungern und verderben. Laßt es die ausfechten, die das Blutvergießen verschuldet haben.«

»Ist auch meine Meinung,« nickte der alte Hogau, der oben vom Fourche-la-Fave heruntergekommen war, »wir oder die Unseren haben Nichts draußen zu thun, wir gehören hier in die Range, und wenn uns dann Jemand belästigen will, ei zum Wetter, dann haben wir auch noch unsere Büchsen und hier zwischen den Bäumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm werden.«

»Aber Gentlemen!« rief der Major, »es spricht ja kein Mensch davon, daß die jungen Leute hier den Staat verlassen sollen. General Lee selber ist dagegen und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht überein, daß es eben gefährlich wäre, die Wälder hier von ihren Vertheidigern zu entblößen. Nur organisiren sollen Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um im Fall eines Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich unter ihren Führern zu sammeln, und ich glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse und zu Ihrem eigenen Besten gehandelt.«

»Ich sehe den Grund nicht ein,« rief Klingelhöffer; »zum Henker auch, wir haben die Mittel und Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen, wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten, und in Reih' und Glied können wir hier im Walde doch nicht kämpfen. Uebrigens« – setzte er langsamer hinzu – »weiß ich auch gar noch nicht einmal gegen wen wir fechten und wer von den beiden Partheien unser schlimmster Feind ist.«

»Aber Mister – entschuldigen Sie, ich kann Ihren Namen nicht behalten,« rief der Major, »Sie reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob Sie auf Seite der Südstaaten oder der Abolitionisten treten sollten.«

»Weiß ich auch nicht,« brummte der alte Mann störrisch, indem er seinen Hosengürtel in die Höhe zog, »denn einverstanden bin ich mit der ganzen Geschichte nicht, weil sie eben Lügen braucht, um sich fortzuhelfen.«

»Lügen, Mister?«

»Jawohl, Lügen,« brummte der Alte, »denn, wenn die Berichte alle wahr wären, die wir hier hergeschickt kriegen, so könnten die Yankees schon gar keine Soldaten oder überhaupt noch Menschen haben, so viele sind in jeder Schlacht gefallen und so geschwind sind die Anderen gelaufen. Dabei wird aber der ganze Krieg eben nur in den Südstaaten geführt; nicht einmal über dem Ohio drüben haben sich die Südlichen halten können, und uns wollen sie jetzt auch noch mit hineinziehen.«

»Aber das verlangt ja Niemand.«

»Gut, dann überlaßt das Andere auch uns selber, wir wollen die Sache schon hier in Ordnung halten. Hat sich überhaupt Niemand sonst darum zu kümmern.« »Wär' auch etwa meine Meinung,« nickte Jenkins. – »Wir alten Colonisten hier haben jetzt herangewachsene Jungen, die selber schon Männer geworden sind und können es denen ruhig überlassen.«

»Und dann wohnen wir hier auch in keiner Stadt,« fiel Hogan ein, »wo in der Zeit der Noth ein Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn Einen was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen muß, weil er dicht daneben sitzt. Wenn hier in unsere einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so können sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das Knallen der Gewehre hört man beim Nachbar. Wenn die Südstaaten deshalb etwas für uns thun wollen und überhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen, vor sich hertreiben, weshalb räumen sie denn da nicht unseren Nachbarstaat Missouri von den Abolitionisten? nachher hätten wir hier gewiß Frieden.«

»Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber mit dazu helfen,« rief jetzt Hendricks – »was sagt Ihr Boys – wär' das nicht gerade das Rechte für uns hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen und die Wälder vor uns, wenn wir mehr hinaufzögen, rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt hält.«

»Das Gesindel,« lachte der junge Wells, »gehört aber so viel ich weiß, nur zu Eurer Parthei, denn die Unionstruppen klagen genug über die südlichen »Bushhawker«, die einzeln oder in kleinen Banden im Wald liegen und ihren Feind nur feige aus dem Hinterhalt niederschießen.«

»Und wißt Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders zu führen wäre?« fragte Hendricks, mit einem finsteren Blick auf den Sprecher. »Hätten sich die wackern Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten sie nicht jeden Tag noch ihr Leben ein, so wären die verdammten Blauröcke lange schon zu Euch hier herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer, hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann einmal nach einem armen Hirsch zu feuern. Der kann nicht wieder schießen.«

»Lump Du – verbrannter!« fuhr der junge Wells empor – aber Klingelhöffer sprang jetzt selber dazwischen und rief:

»Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen aber auch keine südländischen Werber unter uns, die uns die Jungen vom Hause fortlocken. Laßt uns abstimmen darüber. Wir haben hier fast den ganzen Fourche-la-Fave versammelt. Laßt die Leute selber entscheiden, ob sie Soldaten spielen wollen oder nicht. Ich meinestheils bin dagegen; wir sind außerdem schlimm genug daran, denn mit Little Rock haben wir fast gar keinen Verkehr mehr; zu kaufen ist Nichts im Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung unserer Familien brauchen, müssen wir uns selber ziehen. Was sagt Ihr, Jenkins?«

»Beim Alten soll's bleiben,« erwiderte der alte Mann mürrisch. »Wir brauchen keine Zwischenträger, die uns hier sagen wollen, was wir zu thun oder zu lassen haben. Ich stimme dagegen.«

»Ich auch – ich ebenfalls,« tönte es von den meisten Seiten, und nur einige der jüngeren Leute versuchten eine kleine Opposition, wurden aber so vollkommen überstimmt, daß sie gar nicht in Betracht kommen konnten. Major Rollok hatte mit finster zusammengezogenen Brauen daneben gestanden und das Resultat beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen, daß hier und in dieser Versammlung, in der überhaupt ein dem Süden nichts weniger als freundlicher Geist zu herrschen schien, kaum etwas würde auszurichten sein. Er mußte deshalb seine Zeit abpassen, und – war auch gerade der richtige Mann dazu.

»Gentlemen,« sagte er, als er flüchtig den Blick umhergeworfen und sich die von den jungen Leuten, die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte, »die Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor. Wie ich sehe, sind Sie fest entschlossen, ihre eigene Heimath zu vertheidigen, und das Land in Betracht gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie kaum deshalb tadeln. Lassen wir das also. – Mr. Bockenheim, Ihr Whisky ist ausgezeichnet, ich bitte um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen Reden Durst bekommen.«

»Meiner ist gelöscht,« erwiederte Klingelhöffer, indem er seine Büchse über die Schulter warf und hinüber zu seinem Poney ging – »ich denke Boys, wir sind hier fertig und um eine »Spree«[1] zu halten, ist die Zeit zu ernst. Ich gehe heim.«

[1]: Spree (sprie gespr.) ein lustiges Trinkgelag – ein vergnügter Abend.

»Ich auch – wir Alle,« rief es von verschiedenen Seiten und wenn auch manche der jungen Leute noch gern den Nachmittag dort geblieben wären, folgten doch die Meisten den älteren. Nur zehn oder zwölf etwa, von denen die Meisten in Perryville selber wohnten, blieben noch zurück, um, wie sie sagten, von dem Major Näheres über den Krieg zu hören, und da diese jetzt eine verhältnißmäßig kleine Gruppe bildeten, war die kleine Stadt bald wieder so still und öde als vorher.

Zweites Kapitel.
Der Korb.

Für den Augenblick war die Gefahr, die dem stillen Frieden dieser Gegend drohte, abgewehrt; denn wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die Zurückgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die Meisten auf seiner Seite standen, zu einem directen Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so hatte sich doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu entschieden ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen zu können. Der Samen war aber einmal ausgestreut und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe in der ganzen Range, die man bis jetzt und so lange der Krieg währte, noch nicht gekannt hatte.

Allerdings verließ Major Rollock mit den übrigen Sesesch-Soldaten die Ansiedlung, um drüben am Petite Jeanne sein Glück und wie sich später zeigte mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der eine Menge Bekannte am Fourche-la-Fave hatte, blieb zurück und schien dabei auch nicht besonders durch den Wortstreit eingeschüchtert zu sein, den er mit einigen der jungen Leute gehabt. Er war ihm ungelegen gekommen, ja – noch dazu mit einem der jungen Backwoodsmen, aber er wußte auch recht gut, daß deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so rasch wieder durch ein freundliches Wort beruhigt werden konnte.

Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel beschriebenen Versammlung etwa verflossen. Der alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit seinem kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn James oder Jim, wie er kurzweg genannt wurde, war nicht weit davon beschäftigt, eine neue Corncrib oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt werden sollte, aufzurichten, und Betsy, seine Schwester, ein blühendes junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe – etwas nicht sehr gewöhnliches am Fourche, und gar so lieben, kastanienbraunen Augen, quälte sich eben in einer benachbarten Umzäunung mit einer etwas störrischen Kuh ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch zuletzt der ruhigen Entschlossenheit des Mädchens nachgeben mußte. Bill, ihr jüngster Bruder, kam eben mit einem Eimer Wasser vom Fluß herauf.

»Hallo the house!« rief da eine Stimme von außerhalb der Fenz die Männer an und ein Reiter hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit Beschäftigten hatte herankommen sehen.

Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend und bellend gegen die Fenz, an der sie hinaufsprangen, die Gänse schnatterten, die Hühner durch die zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten und es war für den Augenblick ein Skandal, in dem man nicht einmal sein eigenes Wort hören konnte.

»Ruhe, Ihr Bestien,« schrie der alte Jenkins, indem er ein Stück Holz aufgriff und zwischen die Köter hin schleuderte; »wollt Ihr Frieden geben! Hallo Hendricks, Ihr seid's? Ich glaube, Ihr wäret schon lange wieder bei der Armee, rücktet mit ihr gegen New-York vor. Kommt herein, Mann, und bleibt nicht da draußen auf Euerem Pferd halten.«

»Dank Euch, Mr. Jenkins,« sagte der junge Mann, indem er von der Einladung ohne Weiteres Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen, daß ihr Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts mehr drein zu reden hatten, und als dieser jetzt sein Thier draußen angebunden hatte und die kleine Pforte öffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend, aber doch keine offene Feindseligkeit mehr zeigend, unter das Haus zurück.

Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt und mit nicht besonders freundlichen Blicken betrachtet. Nach dem, was neulich zwischen ihnen vorgefallen, mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging er ihn an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert, in's Haus zu kommen, er nicht, und ohne sich deshalb weiter um ihn zu kümmern, fuhr er auch ruhig in seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders zu denken, denn nachdem er dem alten Jenkins die Hand geschüttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim zu, so daß sich der junge Mann verlegen aufrichtete, und sagte mit freundlicher, ja fast herzlicher Stimme:

»Komm Jim. Die Politik hat schon manche Freunde entzweit, sie soll es aber hier nicht im Walde thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig. Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens habe die Sache vergessen.« Er streckte ihm dabei die Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt hätte, war er doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher Natur, eine gebotene Hand zurückzuweisen. Er schlug ein und nickte.

»Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit ist danach angethan, daß wir hier Alle zusammenhalten, und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der den ersten Streit in die »Range« würfe. Sei willkommen.«

»So recht Jungens,« nickte der Alte, der schweigend der kleinen Versöhnungsscene zugeschaut. »Wir können hier in der That keine Uneinigkeit gebrauchen, denn wer weiß wie bald wir Einer den Andern nöthig haben, wenn das Unglück auch über uns hereinbrechen sollte. Und nun kommt herein Hendricks; das Frühstück wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich nur noch da drüben die Milch von der Kuh, die ebenfalls halsstarrig zu sein scheint. Kommt Mann und drin könnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel von Arkansas hergeführt, denn Besuch bekomme ich verwünscht selten, wenn nicht einmal ab oder zu ein einzelnes Canoe bei mir anlegt.«

Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch keine rechte Lust zu haben der Einladung ohne Weiteres zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem kleinen Melkkübel aus der Umzäunung und kam auf sie zu.

»Wie geht's Miß Betsy,« sagte Hendricks, ihr ein Paar Schritt entgegengehend und ihr die Hand reichend – »Sie sehen wohl und munter aus, und die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu bekommen.«

»Danke Sir,« sagte das junge Mädchen, leicht erröthend, »ich habe ja auch, Gott sei Dank, noch kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.«

»Bah, das richtet sich Alles ein,« brummte der Alte, »wenn man sich nur erst einmal ein Bischen an die warme feuchte Luft gewöhnt hat. Das Land hier ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben an, Hendricks, ob Ihr je in Euerem Leben größere getroffen habt. So lange ich und mein Junge leben bleiben, hält auch der Boden aus; in dem ist kein Vergang.«

Das Gespräch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der verschiedenen Distrikte, in dem die Farmer unerschöpflich sind, und Betsy war indessen in das Haus gegangen, um den Frühstückstisch zu bestellen, denn die Mutter hatte wieder einen »Anfall« des ewigen kalten Fiebers und saß, sich schüttelnd, am Camin in der Ecke, die offenen zitternden Hände gegen die Flamme ausgebreitet.

Bei dem Frühstück, das übrigens frugal genug aus etwas gebratenem Speck, warmem Weisbrod und einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzählte nun auch der Gast seinen Wirthen, daß er gesonnen sei, den Petite Jeanne zu verlassen, denn man wohne dorten gewissermaßen aus der Welt. Er wollte deshalb herüber an den Fourche ziehen, wo er sich schon, ein Stück weiter oben einen Platz ausgesucht habe, um eine Dampfsägemühle aufzustellen. Er hatte, wie er bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen, das jetzt einen nie dagewesenen hohen Preis in Little Rock brachte. Dorthin wollte er es nun, ehe er wieder zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafür eine auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sägemühle erstehen, die in der jetzigen Zeit natürlich kein Mensch haben wollte noch auch gebrauchen konnte, und die er unter solchen Umständen – wie er sich auch schon erkundigt – zu einem Spottpreis bekam.

Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich hin, denn was der junge Mann da vorrechnete, hatte Hand und Fuß, während sie Nichts nothwendiger in der range brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte Sägemühle, die auch wahrscheinlich vortreffliche Geschäfte machen würde. Das nur war ihm dabei etwas Neues, daß Hendricks so viel Vieh haben sollte, denn der alte Hendricks, der eine kleine Farm am Petite Jeanne angelegt hatte und fast gar Nichts selber arbeitete, denn er saß den ganzen geschlagenen Tag im Hause und las in der Bibel, war blutarm – so wenigstens erzählte man sich am Fourche-la-fave. Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den beiden kleinen Flüssen. Nicht einmal ein Weg führte vom unteren Theil der Fourche-la-fave hinüber, und irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht gut verbreitet sein.

Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran, über die Verhältnisse eines Nachbars nachzugrübeln. Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn Geld erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser. Jenkins war wahrlich nicht neidischer Natur, um es ihm zu mißgönnen. Seine eigene Arbeit durfte er aber dabei nicht versäumen, und wie sie nun das Frühstück beendet, ging er wieder hinaus, um seinen Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen Sohn mit der corncrib zu helfen.

Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls auf, aber es war in den Backwoods auch Gebrauch, daß ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte, sondern noch eine Zeitlang zurück und bei den Frauen blieb, um sich mit diesen ein wenig zu unterhalten. Besuch kam ja so selten, und hatte dann jedesmal einen so weiten Weg zurückzulegen, daß man ihn doch nicht gut auf eine halbe Stunde beschränken konnte.

Die Mutter war aber kränker geworden und hatte sich auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die Steppdecke über den Kopf zog. Betsy stand am Kamin und wusch das Geschirr auf. Hendricks, den Ellnbogen gegen den Simms gestützt, stand daneben. Die Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und selbst ein paar Fragen, die das junge Mädchen an ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut beantwortet, daß sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn ansah.

Hendricks mochte in diesem Augenblick fühlen, daß er sich ungeschickt benommen, denn das Blut schoß ihm in die Schläfe – aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn schon im nächsten sagte er, wenn auch mit nur halblauter und fast unterdrückter Stimme:

»Miß Betsy, entschuldigen Sie mich – meine Gedanken waren mit mir durchgegangen, und ich glaube ich habe mich etwas albern benommen.«

»Sie haben gewiß nicht verstanden, was ich Sie frug,« lächelte das Mädchen.

»Nein – in der That nicht, aber erlauben auch Sie mir eine Frage –«

»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«

»Nun gut,« sagte Hendricks, und wie sich vorher sein Antlitz rasch und wie mit einem Schlag röthete, eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so daß ihn Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklären konnte, erstaunt und fast erschreckt ansah. Hendricks ließ ihr aber nicht lange Zeit, und nach einem halb scheuen Blick auf das Bett hinüber, wo er aber keinen Horcher zu fürchten brauchte, fuhr er leidenschaftlich, aber nicht laut fort: »Sie haben vorhin gehört, Betsy, daß ich mir in allernächster Zeit eine Heimath zu gründen gedenke – der Krieg kann kaum sechs Monat mehr dauern, dann kehre ich zurück und baue mir meine Cabin – wollen Sie mein Weib sein? Wollen Sie Ihr künftiges Loos in meine Hände legen? Ich gebe Ihnen die feste Versicherung, daß ich –«

»Halten Sie ein, Mr. Hendricks,« unterbrach ihn aber Betsy, und es war jetzt an ihr, zu erbleichen. Das Mädchen war in den wenigen Secunden so weiß geworden wie Schnee. »Ihr Antrag hat mich allerdings überrascht – ich war nach unserer flüchtigen Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet – konnte es nicht sein, aber ich – muß Ihnen auch erklären, daß jedes weitere Wort unnöthig sein würde, denn – ich bin schon Braut.«

»Betsy?« rief Hendricks, und krampfhaft faßte er das Simms, an dem er bis jetzt gestanden, »das ist nicht möglich. – Vor kaum vierzehn Tagen war ich hier und ich weiß, daß Sie da noch frei waren. Sie wollen nur Zeit gewinnen, aber ich dränge Sie ja nicht – nur die Möglichkeit will ich von Ihren Lippen –«

»Und selbst die Möglichkeit kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Betsy leise, aber auch fest und entschlossen. »Ob ich glaube mit Ihnen glücklich leben zu können oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht. Ich habe dem jungen Wells mein Wort gegeben, und sobald John sein neues Haus fertig hat, wird die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, daß ich meine Zustimmung zu einer so raschen Verbindung gab.«

Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den oberen Zähnen gefaßt, und sein Blick bohrte sich dabei so scharf in Betsy's Augen, daß diese ihn nicht ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe, kein Schmerz, sondern nur Haß, und während sich ein höhnisches Lächeln über seine Züge legte, sagte er ruhig:

»Wenn die Sachen so stehen, Miß, dann möchte ich einer so glänzenden Verbindung allerdings nicht im Wege sein – der Sohn eines Halb-Indianers –«

»Mister Hendricks,« blitzte ihn aber jetzt das wieder voll auf ihn gerichtete Auge des Mädchens an – »Sie würden nicht den Muth haben, das meinem Bräutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen Sie sich jetzt augenblicklich oder ich rufe meinen Vater.«

»Ich werde Sie nicht länger belästigen, Miß,« sagte Hendricks kalt; »vielleicht habe ich einmal später die Freude, dem jungen glücklichen Paar meine Glückwünsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl nicht mit aus, um sein Vaterland zu vertheidigen – was ich ihm auch unter solchen Umständen nicht verdenken kann.«

Betsy's Blut kochte – ihre Lippen öffneten sich halb, ihre kleine Faust ballte sich. Hendricks aber dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen, die Nähe der Männer vor dem Haus war ihm auch vielleicht unbequem, und sich nur mit spöttischer Ehrfurcht vor ihr tief verneigend, drehte er sich ab, ging zu seinem Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und den bei ihrer Arbeit beschäftigten Männern einen kurzen Gruß zurufend, sprengte er gleich darauf den schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave hinüberführte.

»Na?« sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen hatte, »der hat's ja auf einmal verdammt eilig. Was ist denn dem in die Krone gefahren, daß er davonschießt, als ob die Regulatoren hinter ihm her wären.«

Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, fuhr sein Blick nach der eigenen Hausthür hinüber, ob er dort vielleicht eine Erklärung fände. Die Thür blieb aber leer; Betsy ließ sich nicht blicken und Jenkins, sich den einen Balken zurecht rückend, den er eben behauen wollte, sagte kopfschüttelnd:

»Laß ihn laufen. Es ist mir recht, daß Ihr Euch nicht in den Haaren liegt, denn Nachbarn sollen in Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel; denn der alte Hendricks ist ein alter Heuchler, so viel ist sicher, und von dem jungen weiß ich eben Nichts. Komm Jim, faß einmal hier mit an, daß wir den Block da ein wenig mehr bei Seite schieben; komm Du auch her, Bill. Ich weiß nicht, mir ist es in's Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen nicht mehr so recht mit! Betsy mag auch eine Hand reichen; das Stück Holz ist mordmäßig schwer und wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun. He Betsy – oh Betsy – komm einmal einen Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier. – Wenn sie die nur immer unterstemmt, daß er nicht wieder zurückfällt, können wir es schon machen.«

Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend, aber das Mädchen sah so merkwürdig blaß aus, daß Jim erschreckt rief:

»Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank, Schatz – siehst ja käseweiß im Gesicht aus. Geh nur wieder hinein, Dich können wir hier nicht gebrauchen.«

»Sagt mir nur, wo ich anfassen soll,« erwiederte das Mädchen ruhig, »mir fehlt Nichts, wenn ich auch vielleicht ein Bischen blaß aussehe.«

»Dir fehlt Nichts?« rief aber auch jetzt der Alte, der sie aufmerksam betrachtete, und dann unwillkürlich nach dem Weg hinübersah, auf dem Hendricks vor wenig Minuten davon geritten. – »Hat Dir der – gentleman etwa was gesagt?«

»Welcher gentleman, Pa?«

»Nun, der Mister Hendricks.«

»Das ist kein Gentleman,« sagte das junge Mädchen finster und fuhr nach einer kurzen Zögerung fort: »Ja – er hat mir seine Hand angeboten.«

»Hm,« brummte der Alte, »merkwürdig geschwind muß es gegangen sein, das ist wahr, aber als eine Beleidigung kann man das doch nicht eigentlich nehmen.«

»Ich hab's aber so genommen Vater, doch – laßt den – Burschen. Sagt mir wo ich mit anfassen kann, denn ich muß wieder zur Mutter hinein. Das Schütteln ist vorüber und sie bekommt jetzt ihr Fieber.«

Die beiden Männer wußten recht gut, daß aus der Betsy – wenn sie nicht reden wollte, Nichts herauszubringen sei. Der Alte betrachtete sie allerdings wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber sie erwiederte den Blick nicht, und da war es denn das Beste, daß man sie eben ruhig zufrieden ließ. Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange einsetzen und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei der Arbeit verwandt, brauchte auch keine lange Erklärung. In kurzer Zeit war der Stamm auf seinem Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein Wort zu sagen, nach dem Haus zurück.

Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf und als er gegen Mittag noch einmal wieder zu ihr in's Haus kam, frug er sie:

»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn eigentlich gesagt? es wäre mir lieb, wenn ich's erfahren könnte.«

»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester, »er wird uns hier nicht wieder in's Haus kommen,« setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen Korb und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für das Mittagsessen zu pflücken.

Drittes Kapitel.
Der erste Schlag.

Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit wenig und die Bewohner desselben wußten eigentlich gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie bis jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, während im Osten die Brandfackel in friedliche Hütten geschleudert wurde und in Virginien besonders der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr einsaugen konnte. Insofern befanden sie sich aber auch am Fourche in einer peinlichen Lage, als sie die Ungewißheit quälte: denn was nur an abenteuerlichen, oft unmöglichen Dingen von der einen oder anderen Partei erfunden werden mochte, fand doch sicher seinen Weg hier her in den Wald, und hielt die Bewohner, besonders die Frauen, in einem steten Grad peinlicher Aufregung.

Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher, denn der Norden fing an einzusehen, daß er den Süden nie würde bezwingen können, wenn er nicht den Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens, vollständig in die Hand bekam. Aber der Süden wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans genommen und in den Händen der Yankees war, den oberen Mississippi, Vicksburg und Memphis hielten die Südländer fest besetzt, und waren von hier aus im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im Westen aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr ihnen dann auch einmal ein Kanonenboot des Northerners an der Nase vorüber und bedrohte die Communication, so konnte es sich doch nie lange dort halten, und die Nord-Armee fing deshalb auch schon an ihre Macht besonders gegen Vicksburg zu entwickeln, um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen.

Indessen waren die Secessionisten aber auch in diesem Theil von Arkansas gerade besonders thätig gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut wußten, eine Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das aber scheiterte anfangs, wie wir gesehen haben, aber nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten waren und von einem Krieg gegen ihre alte Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath zu verlassen. Daß ein Mann westlich ziehen konnte, weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück in die Ost-Staaten geführt werden sollte, wäre keinem auch nur im Traum eingefallen.

Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren, und ein paar junge Officiere wurden abgesandt, die in den verschiedenen Counties den alten Plan wieder aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren sollten – nur vor der Hand zum Schutz des Staates selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich sich die alten Backwoodsmen noch immer aus Leibeskräften dagegen sträubten. Sie sahen weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen nicht besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut wurden: daß nämlich der Norden in den letzten Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, um den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen Frieden mit ihm abzuschließen.

Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten, von tüchtigen Feldherrn angeführt, gesiegt, aber man schien doch die Spannkraft des Nordens unterschätzt zu haben, und im Frühjahr 63 gewann die Lage der Staaten schon ein anderes Aussehen. Memphis fiel, die nördlichen Truppen waren gegen »das Gibraltar des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten eine regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde im Norden so von neuen anwachsenden Heeren bedrängt, daß er der bedrohten Stadt am Mississippi nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen konnte.

Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich sich Viele von ihnen noch immer zurückhielten, kamen nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen Tag in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich einexercirt zu werden; denn wenn man dort im Walde auch keine »Feldschlacht« liefern konnte, mußten sie doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle Fälle gerüstet zu sein. Diese Uebungen wurden auch den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht durch den Wald lief: Vicksburg sei gefallen, wie sich Memphis selber schon lange in den Händen der Unionstruppen befand.

Allerdings widersprachen die südlichen Agenten dem auf das Entschiedenste und brachten selbst Zeitungen aus Vicksburg – freilich von etwas früherem Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine vollkommen übermüthige, ja fast höhnende Sprache gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber – das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt waren, stimmte nicht recht zu der darin enthaltenen Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal im Stand gewesen wären, selbst ihre Communication mit dem Inland zu unterbrechen, denn man war schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die Lettern nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, da es an dem ersteren in der eng eingeschlossenen Stadt vollkommen fehlen mußte. Die Zeitungen hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt und auf dem Rücken mit irgend einem Tapetenmuster, ein höchst wunderliches Ansehen und stimmten nicht zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen aussprach.

Die Musterungen im Wald wurden aber desto eifriger betrieben, und plötzlich kam sogar der Befehl, daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee aber an der andern Seite des Mississippi und also außerhalb Arkansas, eine Hauptmusterung abgehalten werden solle, um der Zahl der waffenfähigen Männer sicher zu sein.

Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach der eine Verwendung der »Landwehr« nach Außen, gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung selber wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen der Officiere nach, nur eben eine Musterung und nichts weiter sein, aber man wünsche sehr, daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten, um einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.

Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave, und wenn auch bei Vielen die Lust, sich an dem Krieg da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß sein mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, und die meisten der hiesigen Ansiedler gerade von den nördlichen Staaten, von Indiana und Illinois, hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder der Ehrgeiz, nicht zurückzustehen, zu Gunsten der Südstaaten, und brachte dadurch viel Leid in einzelne Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja nur aufhalten zu können.

In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls tiefe Trauer. Der alte Mann, eine lange eherne Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen, ging mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen Brauen in seiner Stube auf und ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß, die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen voller Thränen, die ihr unbewußt an den Wangen niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den breiten Strom gerichtet, der einzige Sohn, ein hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und wohl bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.

»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich, nach einer langen Pause, in der Niemand gewagt hatte, die Stille zu unterbrechen – »ich bin mit ihnen zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von ihnen ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal mehr in den Ansiedlungen blicken lassen, ohne von den Frauen selbst verhöhnt zu werden.«

Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das Weibervolk über Dich sagt, liegt Dir mehr am Herzen, als der eigene Vater, die eigene Mutter.«

»Sie werden mich Memme schelten und das willst Du doch auch nicht.«

»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und wenn Du mir heute sagtest, ich halt's nicht mehr länger daheim aus – ich will hinauf in den Norden ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung kämpfen, ich gäbe Dir, wenn auch mit blutendem Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen willst, daß das mein eigener, mein einziger Sohn thun will – das thut weh.«

»Und könnt' ich in den Reihen des Nordens fechten,« sagte der junge Mann wehmüthig, »wo alle meine Freunde und Schul- und Spielkameraden in den Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.«

»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule Lüge, um Euch erst einmal von hier fortzulocken. Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.«

»Ich kann nicht Vater. – Sie gehen Alle.«

»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim Jenkins denkt nicht daran, für den Süden zu fechten, ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells, und daß Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst Du doch gewiß nicht vorwerfen, daß sie feige sind.«

»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Die drei Houstons gehn jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac Kinneys, Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom Petite Jeanne drüben gehen sie Alle, ebenso vom Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen Leute vom Van Buren herunter, von Washington, Fulton, ja selbst vom Fort Smith haben sich schon bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.«

»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief aus der Brust geholten Seufzer, während seine Lippen zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh – an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.«

»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden Thränen und tiefem Schmerz – »ich kann ja nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den anderen Reihen sehen möchte.«

Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene Pfeife in der Hand, und faßte sie so krampfhaft, daß das Rohr von einander brach – aber er sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm auf den Kaminsimms, und lehnte seine Stirn darauf, daß der rebellische Sohn die Thränen nicht sehen sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam und schwer in die Asche niedertropften.

»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung aber zu verändern, »geh – Dein Pferd und Deine Waffen hast Du – was Du an Geld etwa brauchen solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich werde Dir einen Brief dahin mitgeben.«

»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht Abschied von mir nehmen?«

»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann, erschreckt emporfahrend.

»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz an der Mamelle; es ist jetzt schon acht Uhr und ich muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen will.«

Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte sich die verrätherischen Tropfen aus den Augen, ging dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig gebrauchtes Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn das Blatt.

Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie wußte ja, wie Alles kommen würde, denn mit ihr hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen und ihr seinen festen Entschluß verkündet. Was er mitzunehmen hatte, war auch schon Alles eingepackt und in Ordnung – und jetzt kam der Abschied – der furchtbare Abschied bei solcher Trennung.

Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz durch Thränen. Klingelhöffer selber hatte seinen ersten Schmerz bezwungen und reichte dem Sohne nur die Hand.

»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Kehle, – »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution wegen habe ich mein Vaterland verlassen und bin mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald gezogen. Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen erheben und sie mit stürzen helfen.«

»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders. Oh, wie gern blieb ich bei Dir –«

»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist dadurch in eine andere Bahn gelenkt wurde – »bei mir – Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen Acker zu bauen – so lang' es die alten Knochen eben noch können und nachher –«

»Ich kehre zurück Vater – bald – Du sollst nicht mehr arbeiten dürfen, Du hast in Deinem Leben genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze Dich.«

»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum ersten Mal die Hand des Sohnes, die er noch in der seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch nicht länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte er ihn mit beiden Armen und eine halbe Minute wohl hielten sich die beiden Männer fest und schweigend umschlungen. Da schob der Vater den Sohn zuerst von sich ab und sagte leise:

»Du mußt fort – Deine Zeit ist um – mach's kurz.«

Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter und Schwestern, dann sprang er hinaus – reden konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine Stimme. Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse, die griff er auf, schwang sich in den Sattel, und war im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden, der den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu deckte. Das Haus selber lag auf der Spitze, welche der in den Arkansas einmündende Fourche bildete, und über diesen mußte er sein Pferd bringen, um dann durch den Wald hin die nach der Mamelle führende Straße zu erreichen.

Das war überhaupt eine schwere Zeit für die Bewohner dieses bis jetzt so stillen und eigentlich von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen Districts. Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren und wenn sich auch einzelne dadurch zu trösten suchten, daß es eben nichts weiter als eine Musterung sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath zurückkehren würden, im Herzen glaubten sie es doch kaum selber und ihre Befürchtungen sollten sich auch nur als zu begründet erweisen.

Woche um Woche verging, aber die Compagnie kehrte nicht wieder und die Nachricht kam ebensowenig, wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach dem Norden oder Süden.

Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung Recht gehabt, daß sich nicht Alle diesem Zuge anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells waren in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa aus Feigheit, aber im Herzen der Union ergeben, wollten und konnten sie nicht gegen diese kämpfen.

Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden, denn kaum waren drei Wochen nach der vorbeschriebenen Zeit verflossen, als ein Placat von dem in Little Rock befehlenden General der Südstaaten in Perryville sowohl, wie in den verschiedenen Ansiedlungen verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr für Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle waffenfähige Mannschaft, bei Drohung sofortigen Arrests, nach Little Rock selber einbeordert wurde, um sich dort zu stellen und einem besonders equipirten Arkansas-Regiment einrangirt zu werden.

Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen, denn mit Gewalt konnte man den ganzen Fourche la Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben. Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her im Anzug und in Little Rock selber wurde jeder Mann nothwendig zur möglichen Vertheidigung der offenen Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man kannte recht gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen, und kleine Patrouillen langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.

Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben war, entging eines Morgens nur mit Mühe einer ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in den Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen konnten. Die beiden Wells mußten ebenfalls ihren Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar nicht mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm blicken lassen, weil sogar mehrmals in der Nacht Boote gekommen waren, das Haus dann in der Stille besetzt und nach ihm gesucht hatten.

Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich solche Mühe um ein Paar einzelne junge Leute gab, und um sie einzufangen, viel mehr andere Mannschaft verwendete. Woher hatte überhaupt der General in Little Rock so genaue Kunde von dem, was hier mitten im Wald passirte, wenn nicht irgend ein geheimer, aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter Feind die Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung hartnäckig betrieben hätte? Aber wer konnte das sein? – Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, doch Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der range gesehen. Eben so wenig war er bei irgend einer Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als der Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt hatte. Sie kannten den Namen gar nicht und meinten nur, wenn er schon damals hier in Uniform gewesen sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem Mississippi bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, um Vicksburg zu entsetzen und die Abolitionisten zurück über ihre Grenzen zu jagen.

Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und das Gerücht wiederholte sich, daß Vicksburg gefallen sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare Nähe einen immer bedrohlicheren Charakter annahm. Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen und dadurch die Gewalt im Staat zu bekommen, und vom Missouri herunter sollten ebenfalls die Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich aber im Süden von Missouri wie im Norden von Arkansas Guerillas gebildet – ebenfalls Backwoodsmen, aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede Weise zu belästigen suchten und von den nördlichen in verächtlicher Art Bushwhackers genannt wurden – eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl am nächsten käme.

Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die reinen Guerillatrupps, wie sie sich in andern wilden Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da entstehen müssen, wo man sich dem Eindringen eines Feindes widersetzen will, und doch nicht Mannschaft genug auftreiben kann, um ihm im offenen Feld die Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen diesen ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu verwundern, und besonders wurden mehrmals scheußliche Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen Familien im Wald verübt, welchen Ueberschreitungen die eigentlichen Bushwhacker aber vollkommen fern standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen zurückwiesen.

Nichts destoweniger waren sie aber vollständig begründet, und es zeigte sich bald, daß es in der That einzelne ordnungslose oder geordnete Banden im Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion« die »Cowboys« oder Kuhjungen des ersten amerikanischen Freiheitskrieges beschreibt, rücksichtslos bei Freund und Feind einfielen und dann wie richtige Räuber stahlen und plünderten, was sie eben bekommen konnten.

Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen Bushwhackern wie den Unionstruppen aus dem Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher wußte, bekam denn auch bald einen neuen Namen. Man nannte jene, keiner bestimmten Partei angehörigen Plünderer Jayhawker[2], das Geschäft selber, das sie betrieben, Jay-hawking, und der Name war bald im ganzen Wald, besonders von Missouri gefürchtet. Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen, denn man wußte sie oft nicht von einander zu unterscheiden und die regulairen Truppen des Nordens ließen diese – wenn sie einmal einen in ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was die anderen verübt hatten.

[2]: Das Wort ist jedenfalls von jay-bird – ein kleiner harmloser Waldvogel und hawk Falke abgeleitet, bezeichnet also einen Mann, der heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt.

Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, Cook und die beiden Wells, denen der Platz dort zu warm wurde, da man es wirklich ganz ernstlich auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat zu verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. Möglich, daß sie dann mit dieser nach Little Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen Spionirsystem ein Ende zu machen. Nach Norden konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie jedenfalls den Bushwhackern in die Hände gelaufen und dann auch sicher für die Sesesch gepreßt worden. Nach Süden zu durften sie ebensowenig, denn dort schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little Rock, die Hauptstadt, war ja auch noch in deren Händen.

Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als gerade gen Osten gegen den Mississippi hin durch den Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten sie nicht, ihren Weg zu verlieren. Ihre Familien drängten sie selber dazu, denn soviel hatte sich jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden, länger neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere Seite mußte man sich schlagen und ohne Weiteres beschlossen sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg anzutreten.

Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz verabredet, dort übernachteten sie noch einmal und dem alten Mann war es ein wehes, entsetzliches Gefühl wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen Burschen, die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, jetzt in das, seinem eigenen Sohn feindlich entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine Kugel gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen könne. Aber wie auch sein Herz dabei denken mochte, sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem auf Seite des Nordens.

Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am nächsten Morgen ihre Proviantbeutel mit Lebensmitteln und ruderte sie dann selber in seinem Boot über den Arkansas. – Wie es das Schicksal bestimmt hatte, mußte es sich ja doch erfüllen – es war ein Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater gegen Sohn anhetzte, – welche Rücksicht konnte da der Freund auf den Freund nehmen. Die Würfel rollten – wie sie fielen? – Nur Gott wußte es.

Viertes Kapitel.
Jay-hawking.

Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war, als das sämmtliche junge Volk den kleinen Fluß verlassen hatte, wie merkwürdig still. Nur die alten Leute saßen noch auf ihren vereinzelten Farmen – nur die Frauen und Kinder, und die getrauten sich jetzt nur in seltenen Fällen hinaus in den Wald und vielleicht nur einmal nach der allernächsten Ansiedlung hinüber, denn der alte Browns, der oben in Missouri gewesen war, um zu sehen, wie es seinen dort wohnenden Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche Nachricht mit an den Fourche gebracht, daß die Raubbanden dort und schon gar nicht mehr so weit vom Arkansas entfernt, mehr und mehr überhand nähmen, je mehr die nördlichen Truppen nach Süden herunterrückten, und dadurch auch das Gesindel vor sich her trieben.

Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen gesehen worden, die sich allerdings nicht aufgehalten hatten, aber überall, und nur unter verschiedenen Vorwänden, die genauesten Erkundigungen über den hiesigen Stand der Bevölkerung einzogen. Bald gaben sie vor, sich hier niederlassen zu wollen, weil man hier so wenig von dem Bürgerkrieg spüre, bald forschten sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und wenn es nun auch im Character der Backwoodsmen selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten Fragen über Alles zu stellen, so waren die Leute doch durch den unsichern Zustand ihres ganzen Landes so beunruhigt, daß selbst vielleicht vollkommen unschuldige Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten.

Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig gewesen? Eines Morgens kam der alte Smeiers auf seinem todtmüden abgehetzten Thier nach Perryville hineingeritten und brachte die Meldung, daß sich oben an seiner Farm verdächtiges Gesindel zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten zu gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkühen seien vorgestern Abend nach Hause gekommen. Es wäre möglich, daß ihnen ein Trupp dieser verdammten Jay-hawker einen Besuch zugedacht und deshalb besser gleich den ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten, um den Wald abzusuchen und Feuer hinter die Schufte zu machen.

Er fand aber wenig Aussicht auf Hülfe in dem kleinen Städtchen, wohin eben die Nachricht gelangt war, daß jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Südens, wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren Stürmen zwar und mit dem Verlust vieler Menschenleben, aber trotzdem genommen sei und man wußte noch gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende Sieg des Nordens, auf die Kriegführung des Südens haben würde.

Außerdem fehlte es vollkommen an waffenfähiger Mannschaft um einen wirksamen Zug auszuführen. Wo hätten sie Leute hernehmen wollen, da man ja das ganze junge Volk hinweg und über den Mississippi hinüber gelockt hatte. Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers in der Nachbarschaft, wie konnte man dann das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten Feind entgegen zu ziehen, der vielleicht in derselben Zeit den Fourche gekreuzt hatte und, solche Gelegenheit benutzend, die ganz unbeschützten Farmen überfiel?

Smeiers fand bald, daß er hier nicht auf Hülfe rechnen konnte, warf sich wieder auf sein kaum ausgeruhtes Pferd und suchte jetzt seine übrigen Bekannten auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten.

Cooks Haus fand er ganz verödet, die junge Frau war mit dem kleinen Kind fortgezogen und kein Mensch auf dem ganzen Platz zurückgeblieben, der ihm hätte Nachricht geben können. Wells, einer seiner ältesten Freunde, hatte sich mit der Axt in den Fuß geschlagen und konnte nicht von der Stelle. Die Söhne waren fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition. Er war gerade von Little Rock zurückgekehrt, wo die Regierung sämmtliche Munition mit Beschlag belegt hatte, so daß er nicht einmal Zündhütchen für seine Büchse bekommen konnte – und weiter hinab sah es genau so aus. Die wenigen alten Backwoodsmen, die noch auf den Farmen lebten, konnten gar nicht daran denken ihren Platz zu verlassen, und Klingelhöffer, auf den er fest gerechnet hatte, lag krank in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen, viel weniger reiten.

Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der That in einem vollkommen schutzlosen Zustand, und die Nachricht schon, daß sich die allgemein gefürchteten Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die Frauen besonders in die furchtbarste Aufregung.

Das waren die Vorläufer der Yankees – so hieß es fast überall unter ihnen – mit Rauben und Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst werden, wenn das wirkliche Heer nachrückte und ihren stillen Wald mit seinen marodirenden Schwärmen überschwemmte.

Die Männer schüttelten freilich dazu mit dem Kopf, denn daß ein paar Pferde gestohlen wurden – nun ja, es wäre nicht das erste Mal in der Range gewesen, und in früherer Zeit hatten sie sich ja auch einmal zu einem Regulatorenbund zusammenthun müssen, um eine Bande übermüthig gewordener Schufte zu züchtigen und unschädlich zu machen. Aber seit sie selber jung gewesen, war das nicht wieder vorgekommen, und dann – was in Gottes Namen gab es denn in ihren ärmlichen Hütten zu stehlen, daß es die Habgier von Dieben hätte reizen können? Das Vieh, nun ja, aber das mußte auch bald seine Grenze haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht wagen es zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren? lächerlich! mit eben so leichter Mühe konnten sie Hirsche und Truthühner genug im Walde schießen.

So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und wenn sie es sich auch nicht wollten gegen die Frauen merken lassen, untereinander sprachen sie darüber und wünschten sich ziemlich offen, daß ihre Jungen nur erst wieder zurück aus dem verbrannten Krieg wären – nachher wollten sie mit derartigem Gesindel schon rasch genug aufräumen, daß ihm der Wald und besonders der Dogwood[3] darin, bald zu warm werden sollte.

[3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr bröcklicher Rinde; an diese kleinen Bäume wurden gewöhnlich Strolche angebunden, die man bei einem Pferdediebstahl erwischt hatte. Während man sie dann peitschte und sie sich um den Baum herumwanden, scheuerten sie die Rinde ab und man nannte sogar die Strafe danach »Dogwood schälen.«

Aber die »Jungen« kehrten nicht so bald aus dem Krieg zurück, denn der Süden hatte, wie sich jetzt herausstellte, mit seinen immerwährenden Siegesnachrichten, die er im Westen ausgestreut, nur gelogen, und den Beweis sollten sie bald thatsächlich bekommen. Nicht allein, daß sie die Gewißheit erhielten, Vicksburg sei wirklich nach einem furchtbar blutigen Kampfe genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flüchtlinge von Little Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge wollten und die Kunde brachten, die Hauptstadt des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und General Steene befehlige jetzt dort, während sich die Sesesch nach den »Heißen Quellen« mit Texas im Rücken hinübergezogen hätten und nicht etwa dort Stand hielten, sondern ihre Flucht ohne Säumen bis über den Redriver selber fortsetzten.

Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze Ansiedelung, denn das Schlimmste, was sie bis jetzt gefürchtet, war eingetroffen. Droben an dem Petite-Jeanne war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen Leute als Krüppel heimgekehrt, und wie ein Lauffeuer zog sich die Unglücksbotschaft durch die Hütten, daß jener ganze, so hinterlistig fortgelockte Trupp nach Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort hatten sie es möglich gemacht, die belagerte Stadt in der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer Rettung verzweifelte. Sturm folgte auf Sturm. Drei Tage und drei Nächte lang kam kein Schlaf in die Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte Mannschaft am Unerbittlichsten dabei verwandte, hatte sie auch natürlich die furchtbarsten Verluste aufzuweisen.

Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben. Unter ihnen Gustav – Klingelhöffers einziger Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten Mann ins Herz. Selbst die Nachricht hörte er von da an mit Gleichgültigkeit, daß mit dem Fall Vicksburgs die Rebellion der Sesesch den Todesstoß erhalten habe, denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der großen Wasserstraße des Mississippi und hatten damit die Einschließung des ganzen südlichen Gebiets vollendet. Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die Verbindung mit dem Ausland vollständig abgeschnitten und nicht einmal den so nothwendigen Proviant, wie z. B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert aus Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre Unterwerfung war von nun an keine Frage mehr, sondern nur eine Sache der Zeit geworden, während der Norden auch mit raschem Entschluß seine Truppen in den Westen sandte, Arkansas selber oder doch die wenigen Hauptplätze besetzte, und ein Heer Neger nach Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu vernichten und den Rebellen damit die letzte Stütze, den letzten Zufluchtsort zu nehmen.

Zu spät! – Der furchtbare Schlag war gefallen – gefallen auf viele viele Häupter – der Sieg mit zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast gleichgültig sah man den kommenden Ereignissen entgegen.

Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem selbst aus ihrem Schmerz aufgerüttelt werden, denn ihre schlimmste Zeit war noch nicht überstanden, und eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum gedacht.

Vor wenigen Tagen war die Countystraße entlang ein Bataillon Unions-Truppen gegen Little Rock marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen. Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei abhanden gekommen zu sein und einige Kühe. Die Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und daß die Beraubten gerade zufällig lauter gute Unionisten waren, konnten sie nicht wissen.

Da durchlief plötzlich die Schreckenskunde die Range, daß die so lang gefürchteten Jay-hawkers bei Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen seien und den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen hätten.

Wells war einer der ältesten Ansiedler, ein schlichter einfacher Mann, der selten nur mit einem der Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo er nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren Jäger und Schützen in der ganzen Range als ihn, und seine etwas gebräunte Hautfarbe, sein langes straffes schwarzes Haar ließ ihn sogar, in der Meinung der Hinterwäldler, vom indianischen Blut abstammen. Er hatte dabei ein bewegtes Leben geführt und vor langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von wilden Indianerhorden schwärmte, einen Jagdzug dorthin allein unternommen und sich mehre Jahre dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen, aufgehalten. Zu seinem Unglück mußten die Verbrecher erfahren haben, daß er krank darnieder liege, sie würden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben, denn daß er seinen Schuß nie fehlte, war bekannt.

Niemand war bei ihm im Haus gewesen als seine Frau und diese erzählte jetzt, daß der Ueberfall durch sechs fremde Männer geschehen sei, die sie wenigstens früher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der Eine von ihnen, und wie es schien, der Anführer der Schaar, habe ein geschwärztes Gesicht gehabt und sei ihr bekannt vorgekommen, sie wäre aber nicht im Stande, irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen.

Daß die Räuber mitgenommen hatten, was sie irgend gebrauchen konnten, versteht sich von selbst, besonders Well's zwei Büchsen und alle Munition, aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was gerade da war, und außerdem eine Menge anderer Dinge, die für sie selber keinen Werth haben konnten. Die Vermuthung lag deshalb nahe, daß sie das Geraubte nach irgend einem Versteck gebracht, oder auch vielleicht durch irgend einen Zwischenhändler nach Little Rock zum Verkauf geschickt hatten.

Die alten Backwoodsmen rüsteten sich jetzt so gut sie konnten, aber was waren sie im Stand zu thun, wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder Hülfe entfernten Platz im Wald befanden. Möglich war auch, daß es nur ein vereinzelter Raubzug gewesen, denn volle acht Tage lang hörte man Nichts mehr von Räubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft teuflischer Bosheit auftraten.

Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler Hogan, der, wie es dort hieß, vor kurzer Zeit auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine jener Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich erzählte, daß schon vor vierzig und funfzig Jahren Venetianer aus dem Osten gekommen wären, um sie heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war oder nicht, konnte natürlich Niemand sagen, aber wie derartige Gerüchte rasch überhand nehmen, so wollte man schon hie und da wissen, daß Hogan zu Fuß zurückgekehrt sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen sei, die schweren Silberstücke fortzuschaffen, die er dort zwischen den Steinen gefunden – und das gerade mußte die Räuber angezogen haben.

Hogan selber begegneten sie draußen im Wald oder lauerten ihm auch vielleicht auf und schossen ihn gleich nieder, dann hatten sie leichte Mühe mit seinem Haus, in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mädchen und zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt, und nun sollte die Frau bekennen, wo sie das Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den Bergen mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die Männer nicht zu glauben, was sich das Volk am Fourche-la-fave erzähle. Ihr Mann sei allerdings oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen, aber nur um sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen. Silber habe er gar nicht gefunden und nur ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die Kinder eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen hätten. Die Steine würden auch wohl die erste Ursache zu dem Gerüchte gegeben haben, an dem aber nicht eine Sylbe Wahres sei.

Der Führer der Schaar, der wieder ein geschwärztes Gesicht trug, hielt sich, wie die Kinder später aussagten, die Zeit über an der Thür des Hauses und gab von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so, als ob er fürchte, erkannt zu werden. Der Bericht der Frau aber wurde von den Jay-hawkern mit wilden Flüchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts – man wisse genau, daß sie das Silber im Haus versteckt halte und wenn sie es nicht gutwillig herausgebe, wolle man sie schon zu einem Geständniß zwingen.

Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen. Der Eine der rohen Buben nahm den ersten Knaben und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke, daß er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann sprang ein Anderer zum Kamin und stieß die Kohlen mit dem Fuß auseinander und nun setzten sie die alte Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen Stuhl, banden sie dort fest, umschnürten ihr die nackten Füße mit einem Seil und hielten sie gewaltsam über die glühenden Kohlen.

Die Frau kreischte laut auf, die Töchter warfen sich den Räubern zu Füßen – umsonst. Die Frau sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben nicht gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmächtig wurde, ließ man sie los und vom Stuhle herunter fallen, und durchwühlte nun die Hütte von oben bis unten, riß die Dielen auf, grub den Heerd auf und verwandelte die ruhige stille Heimath guter friedlicher Menschen in wenigen Minuten in eine Wüste. Silber fanden sie natürlich nicht, nur den ärmlichen, schon halb zerstörten Hausrath eines Backwoodsman, und aus Wuth, mit allen Rohheiten gegen die Töchter selber, streuten sie zuletzt die glühenden Kohlen und Feuerbrände im Haus umher, schichteten das Stroh aus den Betten darauf und verließen erst den Platz, als sie sich überzeugt hatten, daß er in hellen Flammen stand.

Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen noch in der nämlichen Nacht – die Mädchen flüchteten mit den kleineren Kindern in den Wald, weil sie die Rückkehr der Räuber fürchteten und wagten sich erst, halb verhungert, nach einigen Tagen wieder vor, um eines Nachbars Wohnung und dort Schutz zu suchen.

Jetzt folgten die Ueberfälle rasch einer dem anderen, und Rankins, ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft, ließ sich endlich durch die dringenden Bitten der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben aus dem Weg zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm gefragt, und daß sie kein Erbarmen kannten, wußte man. Er ging auch und hielt sich 14 Tage lang versteckt, bekam aber draußen das Fieber und mußte, da er nicht jagen konnte, eines Abends wieder zurück, um sich Lebensmittel zu holen.

Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage Nichts gehört, denn wieder waren Unions-Truppen durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar nach ihnen suchte, weil man vermuthete, daß sie mit den Bushwhackern in Verbindung ständen. Aber vergebens; die Verbrecher mußten über alle gegen sie beabsichtigten Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie ließen sich nicht eher wieder blicken, als bis sich die Truppe entfernt hatte.

Rankins war in der Zeit gerade zurückgekommen, und die Frauen drängten ihn, sein Versteck wieder aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht müsse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett schlafen, er hielte es da draußen im kalten Wald, durch den jetzt schon die Winterstürme tobten, nicht mehr aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen werden, als da draußen elend in den nassen Büschen und Zoll bei Zoll verkommen. Morgen wolle er sie wieder verlassen, aber auch in der Nähe bleiben, und so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben, wenigstens den Rädelsführer der Schurken von seinem Pferd zu schießen.

Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen graute, stand die Frau auf, um Caffee zu kochen und dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht zu legen.

Rankins Haus stand etwa eine englische Meile vom Fourche-la-Fave ab, an der Countystraße nach Little Rock, da dröhnte plötzlich in dem stillen Morgen der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch den Wald.

Das sind gewiß Soldaten, rief Frau Rankins, der aber doch das Herz in der Brust zu hämmern anfing. Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie er war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende Büchse auf. Aber die Reiter brachen schon hervor – wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen die niedere Umzäunung an und setzten mit ihren Thieren in voller Flucht darüber hin. Das Pferd des Einen stürzte und warf seinen Reiter gegen das Haus. Der eine der Männer trug wieder das geschwärzte Gesicht.

Teufel! schrie der alte Rankins und seine Büchse fuhr empor, aber zu gleicher Zeit zerschmetterte eine Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in den Hals und zurücktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog sich jammernd über ihn.

Im Nu waren die Räuber jetzt aus den Sätteln und das Rauben und Plündern begann, wie in alter Weise, nur daß sie hier noch wilde Flüche ausstießen und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten nannten, dem sie schon lange aufgelauert hätten. Sie schwuren auch, daß sie nicht eher Frieden geben würden, bis sie die ganze »Range« von allen Vaterlandsverräthern gesäubert und reine Bahn für die Südstaaten gemacht hätten und schlossen dann ihre Blutarbeit wie gewöhnlich, indem sie einen Feuerbrand unter das Dach warfen, und dann direct in den Wald hineinritten.

Rankins Knaben, einem Burschen von etwa 10 Jahren, der bei Annäherung der Räuber entwischt war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen, gelang es zwar das Feuer wieder zu löschen, aber das angerichtete Elend konnte er nicht mehr ungeschehen machen. Der alte Rankins war todt und die Frauen erfüllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft.

Noch an dem nämlichen Abend überfielen die Jay-hawker eine andere Ansiedlung, erschlugen den alten Hewes, dem sie gehörte, und waren im Begriff eine seiner Töchter mit in den Wald zu schleppen, als glücklicher Weise ein kleiner Trupp Cavallerie angesprengt kam und sie, zum großen Theil selbst die gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flüchten mußten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten nach und es gelang ihnen auch, Einen von ihnen vom Pferd zu schießen. Die Andern entkamen aber, und die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit mit ihren überdies schon ermüdeten Thieren in die Berge hinein zu wagen.

Den erschossenen Räuber kannte übrigens Niemand; er mußte mit seinen Genossen von irgend einem andern Staat oder County herübergekommen sein. Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen, zwei Uhren, sechs oder acht Goldstücke und eine goldene Kette bei ihm, Dinge, die natürlich gleich als gute Beute erklärt wurden, denn die Burschen konnten Alles gebrauchen. Dann ließ man den Körper an der Straße, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten, auch begraben konnten. Das war aber kaum nöthig, denn Wölfe gab es dort genug im Walde, die den Cadaver schon beseitigen würden.

Es schien fast, als ob die Räuber durch diese Ueberraschung eingeschüchtert wären; man hörte wenigstens lange Nichts von ihnen, bis sie plötzlich in der Nähe des Arkansas und an der Mündung des Fourche-la-fave wieder auftauchten.

Klingelhöffers alten Platz, wo er früher gewohnt, plünderten sie total aus, fanden aber glücklicher Weise den Eigenthümer nicht. Klingelhöffer selber erhielt gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung, auf seiner Hut zu sein und lieber mit seiner Familie in die »Stadt« zu kommen, denn man vermuthete natürlich, daß ihm jetzt der nächste Besuch zugedacht sein würde. Der alte Mann war aber nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu verlassen. Nach dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts am Leben, und nur seine noch von Deutschland herübergebrachten Gewehre, eine Doppelflinte, eine Büchsflinte und eine Pirschbüchse brachte er in Ordnung und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine Fenz und schwur, daß er wenigstens fünf von ihnen unschädlich machen wollte, wenn sie es wagen sollten, die Hand an seine Umzäunung zu legen.

Sie kamen aber nicht dorthin – der Platz lag ihnen unbequem, gerade auf der Spitze zwischen dem Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die jetzt fortwährend vorbeipassirenden Dampfer der Yankees, die häufig bei Klingelhöffer anlegten, um Hühner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen, Bewaffnete an Land gesetzt hätten, und durch den einen Ueberfall schüchtern, oder wenigstens vorsichtig gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben, sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer Richtung hin einen Rückweg gab, zu begeben.

Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus und seine Familie nicht verlassen wollen und nur ein paar Büchsen bereit, um ebenfalls bei einem Einbruch die Zähne zu zeigen. Außerdem hielten zwei handfeste Hunde den Platz in der Nacht vor einem Ueberfall gesichert und kamen die Räuber in zu großer Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von den Hunden gedeckt, nach seinem großen, bereit liegenden Canoe zurückzuziehen. Betsy verstand übrigens ebenfalls eine Waffe zu führen, und ihrer zwei waren sie der Bande auch schon eher gewachsen.

Jenkins selber, den Kopf in die Hand gestützt, saß eines Morgens an seinem Frühstückstisch. Er dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange keine Nachricht gehabt, und an das Schicksal des armen Klingelhöffer, und das Herz war ihm übervoll.

Betsy war draußen an der Landung gewesen, und hatte eben noch den Strom hinabgesehen, wo sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die Fluth abmühte und dabei nur langsamen Fortgang machte.

»Das Boot kommt, Vater,« sagte sie, als sie die Schwelle des Hauses betrat; »es hat jetzt wohl eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder flott geworden. Vielleicht bringt es Briefe von Jim mit.«

Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung hin.

»Da lies,« sagte er – »das ganze Blatt enthält fast weiter nichts als Todtenlisten und Angaben von den 2000 – oder gar 3000 Vermißten – armen Teufel, die nach der Schlacht elend im Walde umgekommen und von den Wölfen gefressen wurden. Armer Jim! wer weiß, wo ihn sein Schicksal erreicht hat, und ob wir uns je wiedersehen werden.«

»Hallo the house!« rief da plötzlich eine Stimme und als die Hunde wie immer, wüthend anschlugen und Betsy in die Thür trat, um zu sehen wer da das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter draußen an der Fenz, einen Fremden, den sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie lüftete und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause wäre.

Der Mann war in der gewöhnlichen Tracht der Backwoodsmen gekleidet, trug aber keine Waffe und sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder auch von dem eigentlichen Pfad abgeritten war, um ein Frühstück zu erbitten. Es kam das ja gar nicht so selten vor, denn das nächste Haus an der Straße von dort ab war noch wenigstens sieben Miles entfernt.

»Steigen Sie ab Sir,« sagte das junge Mädchen, der Gastfreundschaft des Landes folgend, indem sie die Hunde zurücktrieb, »Vater ist im Haus, wenn Sie ihn sprechen wollten.«

»Danke,« sagte der Fremde, indem er etwas schwerfällig aus dem Sattel stieg und der Einladung Folge leistete. – »Dann bin ich den weiten Weg doch nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal sehen?«

»Wollt Ihr nicht in das Haus treten?« sagte das Mädchen.

»Gleich,« erwiederte der Mann, der wie es schien, den rechten Fuß nicht gut gebrauchen konnte; indem er sich überall im Hofe umsah. »Muß mir nur erst einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig ausruhen kann.« Er humpelte dabei auf einen, etwa funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz zu, auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fuß in die Höhe nahm, als ob er Schmerzen darin habe.

»Fehlt Euch etwas?« frug Betsy theilnehmend.

»Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir auf der Flucht waren, mit dem Pferd gestürzt und habe mir ein Bischen weh gethan.«

»Auf der Flucht?«

»Ja,« sagte der Mann – »die verdammten Sesesch kamen hinter uns her, und ich und der Sohn hier vom Hause –«

»Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder?« rief Betsy rasch – »oh Pa, hier ist ein Mann, der Jim kennt – oh habt Ihr Nachricht von ihm.«

»Weiter Nichts als einen Brief,« sagte der Fremde, indem er ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche nahm – »aber nein Miß,« rief er, als Betsy hastig danach greifen wollte – »habe ihm fest versprechen müssen, es nur in die Hände des alten Herrn selber abzugeben.«

»Ein Brief? ein Brief von Jim?« rief jetzt auch der alte Mann, der vor Aufregung zitternd in die Thür trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und auf den Fremden zueilte. »Oh gebt ihn her – wie lange habe ich von dem Jungen Nichts gehört.«

Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das Papier, das er mit bebenden Händen öffnete. Da knallte von der Fenz herüber, und kaum zwanzig Schritt von ihnen entfernt, ein Schuß und Betsy wandte sich rasch und erschreckt dorthin. In demselben Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier noch in der Hand haltend, wo er stand zusammen, und mit einem Angstschrei warf sich die Tochter über ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem Schmerz hingeben dürfen. Wilder Lärm störte sie auf und als sie den Blick zurückwarf, sah sie fünf, sechs Männer über die Fenz springen. Die Hunde fuhren allerdings wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschüsse knallten ihnen entgegen und trieben sie heulend zurück, während Einer der Burschen – der Jay-hawker mit dem geschwärzten Gesicht direct auf Betsy zusprang.

»Hendricks!« schrie sie, wie sie nur den Blick auf ihn warf – entsetzt und zurückbebend. »Feiger, nichtswürdiger Mörder!«

»Miß Betsy,« sagte der Mann aber, und die geschwärzten Züge legten sich in drohende Falten, »Sie sind meine Gefangene. Sträuben Sie sich nicht; es würde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung aussetzen. Der ganze Platz ist umstellt, und unten am Strom liegt mein Canoe.«

Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch immer nicht einmal das ganze Fürchterliche der eben ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der Bube sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem Schlaf ihres armen gemordeten Vaters quoll, war ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten Bubenstücks, und krampfhaft faßte sie mit beiden Händen ihre eigene Stirn und warf den Blick scheu und verstört umher. – Aber auch nur für einen Augenblick, denn wie ein zündender Strahl durchzuckte sie der Gedanke: lieber den Tod als Schande.

Das Grundstück ihres Vaters, wenigstens der Hofraum, innerhalb dessen die doppelte Blockhütte stand, lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt wohl im Steigen war, seine volle Höhe aber noch nicht erreicht hatte. Unmittelbar unterhalb der Farm stieg das Ufer allerdings mehr allmählich und mit kleinen Weiden- und Baumwollenholzschößlingen bewachsen, empor, dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in die wirbelnde Fluth und der alte Jenkins hatte diesen Platz nicht allein deshalb für den Bau seines Hauses gewählt, weil hier in dieser Gegend der höchste Uferpunkt war, sondern auch weil er hier nur an drei Seiten eine hohe Fenz zu errichten brauchte. In der konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch bequem halten, denn an der offenen Seite nach dem Strom zu war kein Stück im Stande auszubrechen.

Der Verbrecher hielt natürlich eine Flucht des Mädchens für unmöglich, denn fünf, sechs wilde Gestalten schwärmten schon über den Hof und wenn sich auch die meisten mit dem Haus selber beschäftigten, sah Betsy doch zwei der Buben schon auf sich zu kommen und daß sie – erst einmal in deren Händen, kein Erbarmen zu erwarten hatte, wußte sie. Noch einmal hob sie scheu und wild den Blick zu Hendricks auf, aber der Blick genügte auch. Schon streckte der Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen, aber selbst unter seinen Händen stürzte sie fort. – An eine Waffe dachte sie wohl dabei, und hätte sie eine erreichen können, so wäre es um Hendricks geschehen gewesen. Aber wie konnte sie – ein einzelnes schwaches Wesen, der Bande Widerstand leisten.

Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie erreichte, war sie ihm schon entschlüpft und mit Sätzen, so flüchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie gegen das schroffe, abschüssige Ufer des Arkansas zu.

Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen rascheren Läufer in der Range, aber gleich beim Ansprung stolperte er über die Leiche des alten Mannes, die Entfernung bis zum Uferrand betrug überdieß kaum mehr als zwanzig Schritt. Als er sich rasch wieder aufgerafft und schon die Hand ausstreckte, um Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die gelbe gurgelnde Fluth hinab.

Hendricks schrak zurück, denn fast wäre er ihr selber in der Wucht des Laufes, nachgestürzt. Aber konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe lag gleich unterhalb – zwei seiner Leute warteten darin.

»Teufel,« zischte er aber zwischen die Zähne durch, als er erst jetzt – bis dahin völlig mit seinem Bubenstück beschäftigt – das gerade aufkommende kleine Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung angelangt und so geräuschlos aufgerückt war, da die steile Uferbank den Schall dämpfte. Von diesem aber war schon ein Boot abgestoßen, das jedenfalls Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das hinabspringende Mädchen mußte von ihnen gesehen, ihr Schrei jedenfalls gehört sein, denn im Nu wandte sich der Bug des kleinen Bootes stromauf.

In wilder Wuth, sich so getäuscht zu sehen, riß der Räuber die Büchse an die Backe – er wollte Rache – aber die Waffe war ja, nach dem Schuß, der den alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder geladen worden.

Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber auch, daß die Leute im Boot bewaffnet, daß es Soldaten waren, und schon pfiff eine Kugel dicht an seinem Ohr vorüber, die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch das Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte.

»Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her,« rief einer seiner Kameraden, der zu ihm gesprungen war, aber auch bei dem Schuß zurückfuhr. »Ich werde ihnen einmal ein Stück Blei hinüber schicken.«

»Fort! fort!« rief aber Hendricks, der todtenbleich geworden war, »das ist der Sohn dessen da« – und scheu zeigte er nach der Leiche – »fort.«

»Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig,« rief sein Gefährte, »daß wir das Nest erst noch plündern und in Brand stecken können. Die brauchen wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier heraufkommen können.«

»Fort,« wiederholte aber Hendricks und warf scheu den Blick umher, als ob er schon jetzt das Nahen der Rächer fürchte – »der Platz wird hier zu warm. Säumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren.« Und ohne nur einen weiteren Einwurf abzuwarten, ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen, seine Büchse wieder zu laden, sprang er über den freien Hofplatz an der Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf sich auf sein Thier und floh damit in den Wald hinein.

Die Uebrigen hätten den einmal gewonnenen Platz allerdings nicht gern sogleich wieder verlassen. Die Furcht des Kameraden schien aber auch sie anzustecken.

Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett gelegen, war aufgesprungen und erfüllte jetzt, als sie die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die Luft mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde heulten, und der scharf ausgestoßene Dampf des kleinen Bootes, dicht unter der Farm, machte das Ganze ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken selber nicht mehr recht geheuer da oben, und was sie nur im Moment fassen konnten, die Büchsen im Haus und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann, nicht viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen war, dem Führer in das Dickicht.

Fünftes Kapitel.
Die Rückkehr.

Zu spät – zu spät nur um wenige Minuten kam die Hülfe, weil das Boot auf der Sandbank festgesessen! Hatte denn Gott selber gewollt, daß so Furchtbares geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war, es abzuwenden, oder herrscht nur ein blinder Zufall auf dieser Welt, der eben geschehen ließ, was geschah, ohne sich weiter darum zu kümmern?

Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten Vaters. Nur die Schwester hatte er mühsam mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja nur mit den zwei Silben – Hendricks – das Furchtbare erfahren.

John Wells, der mit ihm zurückgekehrt, war den Verbrechern mit Cook und noch einigen andern zur Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wären. Daß ein Canoe unten an der Landung lag, hatten sie gar nicht beachtet, und die beiden dabei gestörten Räuber sich wohl gehütet, aus den Büschen herauszukommen, in welche sie sich bei der Ankunft des Dampfers zurückgezogen. Jetzt erst, als dieser vorüber war, drückten diese sich wieder in ihr schwankes Fahrzeug, und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend, nahmen sie es mit stromab zu dem schon früher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch machten sie eine Verfolgung auf dem Strom vor der Hand unmöglich, und daß sie im Wald niemand finden sollte, dafür wollten sie schon Sorge tragen.

Nach einer Stunde etwa kehrte der junge Wells zurück. Da sie ohne Pferde waren, hätte es ihnen ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen, noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden Mehrzahl befanden und doch außer Zweifel alle gut bewaffnet waren. Jim war indessen um seine ohnmächtig gewordene Mutter bemüht, die er anfangs ebenfalls für todt hielt, aber unter seinen Liebkosungen erholte sich die alte Frau wieder, und Betsy, die in der Nähe und unter dem Schutz des Bruders und Bräutigams rasch jede Furcht verlor, war, nachdem sie sich umgekleidet, an seiner Seite.

Und jetzt mußte sie erzählen, was hier in den letzten Monden vorgefallen – eine ununterbrochene Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John Wells stand dabei, die Zähne fest aufeinander gebissen, das Antlitz vollkommen blutleer, die Augen stier und fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden geheftet.

Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten war das berichtet. Sie hatten sich dem Heer zutheilen lassen, das bestimmt war, Little Rock zu nehmen. Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswürdigen Treiben der Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein Ende machen zu helfen. Die Eroberung war aber leicht gewesen und als sie – in Little Rock angekommen – die Kunde von zahlreichen hier verübten Verbrechen hörten, hatten sie Urlaub genommen, um die Ihrigen selber zu besuchen und zu hören, wie es hier stehe. Das Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten.

Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem nutzlosen Schmerz hingegeben hätten. Vor allen Dingen mußten sie Pferde haben, um an irgend eine Verfolgung denken zu können und auf der eigenen Farm fanden sie auch kein einziges Stück Vieh mehr. Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien, weitverzweigten Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen konnten, fortgetrieben und nicht einmal vermuthen ließ es sich, nach welcher Richtung sie die verschiedenen gestohlenen Thiere geschafft hatten. Klingelhöffer allein, als ziemlich nächster Nachbar konnte da vielleicht aushelfen und John Wells übernahm es, ihm die Trauerkunde von dem Tod seines alten Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hülfe in der Verfolgung der Räuber zu erbitten.

Jim indessen, von den Freunden dabei unterstützt, schaufelte ein Grab für den Vater in seinem kleinen Garten aus, dann legten sie den alten wackeren Mann hinein, breiteten Bretter und Stützen über ihn, daß die eingeworfene Erde nicht auf die Leiche pressen konnte und wölbten den Hügel über der einfachen Gruft.

Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch eine Thräne von den Männern vergossen, denen jetzt nur das nagende Gefühl der Rache das Herz zusammenzog, und der Gedanke verscheuchte unerbittlich alle anderen. Allerdings waren sie sich noch nicht klar, wie sie den gemeinsamen Feind erreichen konnten, aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt kein anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fährte waren sie fest entschlossen, nicht nachzulassen bis an's Ende.

Abends kehrte John Wells zurück. Klingelhöffer stellte ihnen alle seine Pferde zur Verfügung und würde sie selber begleitet haben, aber ein heftiger Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen, um das herum aber nichts destoweniger seine geladenen Gewehre standen. Er schwur, daß er so lange schießen werde, als er noch einen Finger krumm biegen könne, und dann möchten sie ihm selber den Hals abschneiden und verdammt sein.

Die einzige Hülfe, die sie noch erwarten konnten, lag in Perryville selber, an das sich die Räuber natürlich nicht getrauten, wenn sie auch in der Nähe herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie nur bekommen konnten. Die jungen Backwoodsmen aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin senden, um sich nicht zu schwächen und Jenkins jüngster Bruder, ein Knabe von zehn Jahren, der bei dem Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde deshalb abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise für den kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon allein Tage lang auf die Jagd und kannte auch genau den Weg.

Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung der Mörder auf, während sie Betsy indessen mit der Mutter zu Klingelhöffers nicht sehr fernem Hause schickten. An der Fähre wohnten ja Leute, die sie über die Fourche setzen konnten. In dieser Richtung hin hatten sie auch nichts zu fürchten, und selbst die von Perryville erbetene Hülfe war dorthin bestellt, wo sie sich mit ihnen vereinigen wollten.

Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum Mamelle hinüber, alle die Bergrücken südlich am Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen waren es, die den Fährten folgten; nirgends ließ sich jedoch eine frische Spur der Räuber in den Bergen erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen zu, fanden sie allerdings ein paar alte Lagerplätze, die es unzweifelhaft ließen, daß sich die Jay-hawker dort eine ganze Zeitlang, vielleicht sogar eine Woche aufgehalten, aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher wieder, und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die ausgebrannten Kohlen waren vom Regen überwaschen worden. Die ganze Richtung, der sie bis dahin gefolgt, ging von dem oberen Fourche nach dem unteren, und die einzigen bisher verschonten Wohnplätze waren die, durch ihre Lage begünstigte Klingelhöffersche, und die benachbarte Farm gewesen. Man durfte also fast annehmen, daß sie ihre Wirksamkeit am Fourche als beendet betrachten mußten, und wohin konnten sie sich nun von hier gewendet haben? Außerdem lief der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald wieder ab und was dann? Durften sie daran denken, die Ihrigen in einer solchen bedrohten und auf's Aeußerste gefährdeten Gegend schutzlos zurückzulassen?

Sie waren zu Klingelhöffer hinübergeritten, um mit diesem das Weitere zu berathen. Der alte Mann fühlte sich heute etwas wohler und saß mit ihnen und fünf von Perryville heruntergekommenen Farmern vorn auf der schmalen Veranda seines Hauses, von der man den Arkansas überschauen konnte, und den hier ziemlich breiten Strom dicht zu Füßen hatte. Aber er wußte selber keinen Rath, denn das Land bot jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein ganzes Heer hätte verbergen können, vielmehr denn ein kleiner Trupp von Leuten, denen nur daran gelegen war, eine kurze Zeit verborgen zu bleiben.

In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la Fave der offenste, herrlichste Wald umgeben, mit großen stattlichen Bäumen wohl, aber lichtem Unterholz, denn die Jäger hielten schon darauf, daß im Winter das trockene Gras und Gestrüpp ordentlich und regelmäßig abgebrannt wurde. Dadurch bekam nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich im Frühjahr junge saftige Aesung und der Jäger konnte, wenn er durch den Wald pirschte, diesen nach allen Richtungen hin überschauen. Jetzt dagegen war Alles total verwildert, und die Niederung nicht allein von Dornen und Sassafras-Büschen dicht durchwachsen, nein selbst an den Hängen war ein so üppiger junger Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, daß man sich nicht selten selbst mit dem Messer Bahn hauen mußte, um nur durchzukommen. Wer sich dort verstecken wollte, konnte es gewiß, und war auch vor Entdeckung sicher, wenn ihn der Zufall nicht einmal verrieth.

Vertheilten sich aber sämmtliche noch waffenfähige Männer über die Berge, so blieben sie nicht allein der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen Trupp einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer bürgte ihnen dann dafür, daß sich die jetzt schon keck und übermüthig gewordene Bande indessen nicht auf die übrigen Häuser, ja in diesem Fall selber nach Perryville hineinwarf und den letzten Zufluchtsort zerstörte.

Noch während sie sprachen, hatte Klingelhöffers Blick an dem gegenüber liegenden Ufer gehangen, an dem sich den Sommer hindurch eine breite helle Sandbank bis über die Hälfte des Stromes ausdehnte. Jetzt aber reichte der Strom bis ziemlich an die jungen Baumwollenholz-Schößlinge hinan, die den Wald der Niederung ränderten, und nur ein schmaler hellerer Streifen war noch übrig geblieben, auf dem man jetzt, aber genau und scharf abgezeichnet, die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte, der sich den Fluß hinaufwandte. Klingelhöffer deutete mit seinem Arm hinüber und sagte:

»Dort drüben geht Jemand.«

»Wo?« – rief Jim – »ah dort! oh das wird ein Jäger sein.«

»Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er aber auch kein anderes Haus erreichen, denn die slews sind jetzt voll Wasser.«

»Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird der alte Boyles sein, der nach seinen Pferden sieht – ein Sesesch wie er im Buche steht.«

»Jetzt ist er in den Wald hinein,« sagte Wells.

Die Männer hielten noch einen Augenblick die Augen auf die Stelle geheftet, denn in dieser Zeit erweckte auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht.

»Da kommen mehrere aus dem Wald,« rief da plötzlich Jim Jenkins, in der Erregung des Augenblicks von seinem Stuhl emporfahrend. »Ob sie uns hier, von dort aus sehen können?«

Mehrere Minuten beobachteten die Männer schweigend das, was sich da drüben augenscheinlich am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhöffer, dessen Augen noch scharf wie die eines Luchses waren:

»Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen, aber er schleppt ein Canoe aus den Büschen heraus. Wenn es Mehrere wären, würden sie ihm helfen.«

»Klingelhöffer hat Recht,« sagte Wecks. »Jetzt kommt er damit in's Freie; er will in den Strom hinaus.«

»Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurück,« meinte Jenkins. »Es braucht Niemand zu wissen, daß wir hier so zahlreich versammelt sind.«

»Vielleicht kommt er herüber.«

»Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit am Wasserrand. Ob das Boyles selber sein kann?«

Die Männer hatten sich langsam von der offenen Veranda in das Haus gezogen. Nur Klingelhöffer blieb draußen sitzen und es war bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß das Canoe von drüben herüber halte und den Landungsplatz an der diesseitigen Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt den Bug immer seitwärts stromauf, damit er von der starken Strömung nicht zu weit hinab geführt würde. Wer es sei, ließ sich allerdings noch nicht erkennen, da der Mann gebückt im Canoe saß und einen alten Strohhut noch außerdem über die Augen gezogen hatte, aber das mußte sich bald auch entscheiden, denn jetzt erreichte er schon fast die über der Farm liegende felsige Spitze und indem er sein etwas schwankes Fahrzeug treiben ließ, lenkte er es gleich darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhöffer's Ufer, in welchem schon dessen Skiff befestigt lag.

»Boyles! wahrhaftig,« rief Jim Jenkins, der jetzt auf die Veranda hinausgetreten war, denn vor dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht mehr zu verstecken – »Hallo, Boyles, woher kommt Ihr und wo wollt Ihr hin?«

Boyles sah auf und erkannte den noch immer in der Uniform steckenden jungen Mann nicht gleich. Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn er war mit Leib und Seele Sesesch – ja, einen Moment schien es fast, als ob er nicht übel Lust habe, wieder mit seinem Canoe zurückzukehren. Klingelhöffer selber machte aber seinen Zweifeln ein Ende:

»Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter Freunden und habt Nichts zu fürchten. Kennt Ihr Jim Jenkins nicht mehr?«

»Jim, bei Gott!« sagte Boyles – »das ist recht – den wollte ich gerade sprechen – das trifft sich glücklich;« er sprang jetzt die steile Sandbank mehr hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten später inmitten der jungen Leute, die ihn wohl freundlich aber trotzdem nicht herzlich grüßten. Boyles war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und daß er sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter schlug, auch selber der Einzige fast in der ganzen Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm nicht geneigter machen.

Von den Negern waren übrigens nur noch zwei auf der ganzen Plantage geblieben, die Uebrigen aber, sobald die Unionisten dort einrückten, nach Little Rock gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie freie Leute geworden waren. Boyles selber mochte auch früher wohl zwischen den einfachen Backwoodsmen ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas vornehmer als die Nachbarn gedäucht haben. Er war in der That reicher und sein Haus wohnlicher und bequemer eingerichtet gewesen als die der Uebrigen, bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte, oder doch wenigstens seine großen Plantagen, deren er zwei besaß, werthlos machte.

Die eine in Missouri liegende, hatte er aber glücklicher Weise vor kurzer Zeit noch zu einem ziemlich guten Preis verkaufen können, denn gerade jetzt glaubten manche Farmer im Norden einen guten Handel zu machen, wenn sie sich ohne Sclavenarbeit im Süden niederließen. Allerdings war das erste immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer, und die südlichen Pflanzer, die nach dem Fall von Vicksburg die Unterwerfung des Südens mit Recht für unausbleiblich hielten, verkauften unter solchen Umständen nur zu gern.

Klingelhöffer wunderte sich allerdings, daß gerade Boyles ihm einen Besuch abstattete; denn wenn sie auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie sich – schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen – bisher viel eher gemieden als gesucht. Er sollte aber darüber bald eine Erklärung erhalten, denn kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon ausrief:

»Gott sei ewig gedankt, daß ich hier brave und wackere Männer finde, die einen Freund gegen Räuber und Mörder schützen können.«

»Hallo,« rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend, denn er selber haßte den alten Boyles, mit dessen Sohn er auch früher einmal Streit gehabt, und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine Worte aber machten ihn aufmerksam, denn sie deuteten auf das Einzige, was in diesem Augenblick seine ganze Seele füllte – die Spur der Jay-hawker – »wißt Ihr was von den Schuften? – Haben sie Euch ebenfalls einen Besuch abgestattet?«

»Ach was,« rief Jenkins; »wir haben ja ihre Spuren in den Wald hinein verfolgt. Nach dem Mamelle werden sie hinüber sein – nicht über den Arkansas.«

»Nein,« rief Boyles rasch, – »drüben sind sie – vorgestern haben sie den Strom etwa drei Miles unterhalb in zwei großen Canoes gekreuzt – Warner, der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.«

»Da ist dann unser Canoe dabei,« sagte Jim, »das die Schurken neulich bei dem Mord gestohlen haben. Aber wo sind sie jetzt?«

»Weit können sie nicht sein,« erwiderte Boyles, »denn gestern waren sie bei Auburn drüben – der alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf zu flüchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und Wasser stecken blieb, ehe er sich wieder hinausgetraute. Dort aber hat ihnen der eine Neger erzählt, daß ich meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause hätte, und Auburn's kleiner Junge war eben bei mir, um sich ein Stück Fleisch zu borgen, weil die Räuber Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgeführt, und der sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie hätten gelacht und gemeint, ich würde wohl so gut sein und mit ihnen theilen.«

»Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?«

»Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little Rock, aber das wissen ja die Schufte nicht und werden es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit den beiden Negern gleich nach Auburn's hinübergeschickt, denn zweimal kommen sie nie auf einen Platz, und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz zu suchen, Klingelhöffer, bis die Gefahr vorüber ist. Mögen sie mir da drüben Alles verwüsten und das Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern – aber ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen werden oder meine Familie ihren Mißhandlungen aussetzen.«

»Und Ihr glaubt wirklich, daß sie die Absicht haben, Euer Haus zu überfallen?« frug der junge Cook.

»Ich bin fest davon überzeugt. Dort in der Nachbarschaft liegt weiter keine einzelne Farm und lange werden sie sich hier nicht mehr halten können, denn wie ich gehört habe, will General Steene die beiden Counties besetzen lassen, um diesem Räuberwesen ein Ende zu machen.«

»Ja wohl, jetzt kommen sie,« brummte Klingelhöffer, »wo die Canaillen schon alles nur erdenkliche Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft haben wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott bewahre, nicht einmal Munition durften wir hinausbringen, um uns selber zu schützen.«

»Und wißt Ihr ganz bestimmt, daß die Jay-hawkers, die auf dieser Seite ihr Wesen trieben, jetzt über den Fluß gegangen sind?« frug Wells.

»Es giebt keine zweite solche Bande in der Nachbarschaft,« versicherte Boyles, »und daß diese mit ihren Pferden über den Strom gesetzt ist, hat Warner mit eigenen Augen gesehen.«

»Dann können sie aber auch eben so gut mit ihren Booten zu mir herüberkommen,« meinte Klingelhöffer, »denn was sie bis jetzt von mir abgehalten hat, war weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten zu werden.«