Kreuz und Quer.
Neue gesammelte Erzählungen
von
Friedrich Gerstäcker.
Zweiter Band.
Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1869.
Inhaltsverzeichniß.
| Seite | |
| 1. Das Wallfischboot | [1] |
| 2. Das Luftbad | [174] |
| 3. Der Dampfboot-Capitain | [224] |
| 4. Bilder aus Quito | [304] |
Das Wallfischboot.
Erstes Kapitel.
Der Wallfischfänger.
In der Nähe der Westküste Amerikas, aber noch weit aus Sicht von Land, kreuzte ein Wallfischfänger, um dort nach Fischen auszusehen.
Es war ein Nordamerikaner, die Martha's-vine-yard – ein Schiff, das nach der Insel gleiches Namens getauft worden, und von dort aus auch seine Bemannung hatte. So seetüchtig und gut gebaut die amerikanischen Schiffe aber auch sonst gewöhnlich sind, die Martha's-vine-yard machte davon eine Ausnahme, und der Rheder, der sie in New-York von einem Holländer alt gekauft und wohl frisch angemalt, aber sonst in einem desolaten Zustand gelassen hatte, hoffte das wenige dafür ausgelegte Geld gleich mit der ersten Wallfischfahrt herauszuschlagen, wenn es dann auch keine zweite machte. Die Hauptsache blieb nur, tüchtige Leute dafür zu gewinnen, und deßhalb taufte er auch das alte »Gretje van Rotterdam«, welchen Namen die Bark vielleicht schon dreißig Jahre geführt, nach der Insel Martha's-vine-yard, die ihrer Seeleute wegen berühmt ist, und erreichte dadurch seinen Zweck vollkommen.
Die Zeiten waren in Amerika nicht besonders. Der Krieg hatte gerade begonnen, und er fand Leute genug für die Bemannung, die denn auch mit dem alten Kasten getrost in See gingen und erst draußen, als es zu spät war, merkten, welchem Fahrzeug sie sich eigentlich anvertraut, um darauf eine mehrjährige Reise zu machen. Wallfischfänger müssen sich nämlich stets darauf gefaßt machen, drei Jahre auszubleiben, ehe sie ihr Schiff füllen können, und das ist eigentlich eine lange Zeit, wenn man noch dazu bedenkt, daß derartige Schiffe nur sehr selten einen Hafen anlaufen und meist immer draußen auf offener See herumkreuzen, um nach Fischen auszuschauen.
Anfangs wurde die Mannschaft auch noch eigentlich nicht so recht inne, wie es mit ihrem Fahrzeug stand, denn mit günstigem Wind liefen sie an der Ostküste Amerika's immer nach Süden hinab, und so vor dem Wind segelte es leidlich. Schwer enttäuscht sahen sie sich aber, als nach einer kurzen Windstille eine konträre Brise eintrat. Der Kapitän wollte allerdings laviren, aber du lieber Gott, das alte Schiff brauchte sieben Strich, um gegen den Wind aufzukreuzen, und machte dabei noch anderthalb Strich Abdrift, so daß sie nicht allein nicht von der Stelle kamen, sondern sogar noch zurückgetrieben wurden. Den Harpunieren war das auch gar nicht recht, sie wären am liebsten wieder umgekehrt, um ihren Kontrakt aufzukündigen, der Kapitän wollte jedoch Nichts davon wissen, und redete ihnen so lange zu, bis sie sich endlich zufrieden gaben.
Was lag auch daran, ob ein Wallfischfänger schnell segelt oder nicht – die Reise an Ort und Stelle dauerte etwas länger, ja; aber erst einmal auf ihrem Fischgrund angelangt, und sie durften mit demselben Recht erwarten, daß Fische an sie anlaufen würden, als daß sie dieselben durch rasches Fahren erreicht hätten – ja manchmal machte so ein Schiff an guten Stellen viel bessere Geschäfte, wenn es ruhig beilag, als ziellos auf dem Meer umherkreuzte.
Nur die Reise um Kap Horn war eine entsetzlich lange, jedoch konnten sie auch schon bei den Falklandsinseln auf Wallfische rechnen, und kurz und gut, sie behielten ihren Kurs bei, der sie auch mit jetzt wieder günstigerem Wind rascher gen Süden brachte, als sie selber anfangs geglaubt.
Bei den Falklandsinseln war aber Nichts zu machen. Sie trieben sich wohl vier Wochen in der Nähe herum, ohne einen einzigen Wal anzutreffen, und da gerade ein scharfer Ostwind einsetzte, hielt der Kapitän die Gelegenheit für günstig, das Kap zu doubliren und nach der Westküste Amerikas hinüber zu steuern. Dort lagen auch die besten Jagdgründe für Wallfische: in der heißen Zone für Cajelots und weiter nach Norden hinauf für den richtigen Wal, und da sie der Wind nicht im Stich ließ – denn mit Kreuzen wären sie nie um das Kap gekommen – erreichten sie nach ziemlich kurzer Fahrt das stille Meer.
Aber auch hier zeigte sich der Fang nicht so ergiebig. Sie bekamen allerdings in der Höhe der Maghellansstraße einen tüchtigen Fisch, mußten ihn aber, wie sie nur eben begonnen hatten einzuschneiden, wieder loswerfen, denn ein heftiger Wind setzte ein, dem sie kaum frei und allein die Stirn bieten konnten.
Es war das ein schwerer Schlag für die Mannschaft, die – wie Kapitän und Harpuniere – nur auf einen Antheil am Fange geworben werden, ließ sich aber nicht ändern, und der Kapitän vertröstete die Leute auf die nächste Zeit. Sie hatten ja nun einmal einen Beginn gemacht und die Boote erprobt, die sich als ganz vortrefflich bewährten. Die blieben ja doch immer die Hauptsache, und wenn sie nur Fische fanden, konnten sie auch reiche Beute machen.
Sie fanden aber keine. Langsam, entsetzlich langsam rückten sie weiter und weiter nach Norden hinauf, an Chile vorüber und an der chilenischen Küste hin, bis ziemlich zu vier Grad Süderbreite hin, wo sie die erste »shoal« oder den ersten Trupp Spermacetifische antrafen und augenblicklich Jagd darauf machten. Der erste Harpunier kam auch an einen tüchtigen Fisch fest, der alte Bursche verstand aber die Sache unrecht, drehte sich um, wandte sich gegen das Boot selber und gab ihm mit seinem breiten Kopfe einen solchen Stoß, daß es in Stücken auseinander ging und die Mannschaft desselben nur mit Mühe von den andern herbeieilenden Booten gerettet werden konnten.
Die übrigen Fische gingen gegen den Wind auf, und die Martha's-vine-yard, die zu erbärmlich am Wind lag, um ihnen dahin folgen zu können, mußte sie eben laufen lassen. Uebrigens hielt der Kapitän diesen Platz für gut und beschloß deßhalb, eine Weile dort beizulegen. Es war einestheils möglich, daß die Fische dorthin zurückkehrten, wo sie Nahrung gefunden hatten, und dann konnten sie hier auch eben so gut, als irgendwo anders, weiteren begegnen.
Drei Wochen kreuzten sie deßhalb auf der nämlichen Stelle, das heißt die Strömung setzte dabei allmälig immer weiter nach Norden hinauf, bis sie unmittelbar unter der Linie von Windstille befallen wurden.
Das Meer lag jetzt spiegelblank, wenn auch leise wogend da, und der Ausguck oben im Top konnte selbst den geringsten Gegenstand, der sich auf der blitzenden Fläche zeigte, mit leichter Mühe erkennen. Aber Nichts ließ sich sehen, als dann und wann einmal die spitze Flosse eines Hai, der faul und träge durch die Fluth schnitt, und wenn er zum Schiff kam, von einem der Bootssteuerer mit ausgeworfenem Speck an einem starken Haken gefangen wurde – es war doch wenigstens eine Unterhaltung, welche die entsetzliche Monotonie ihrer Tage unterbrach.
Endlich, am vierten Tage der Windstille, gerade wie sich im Süden die ersten Wolken wieder zeigten und das sich in jener Richtung dunkel färbende Meer die von dort heraufkommende Brise ankündigte, ertönte der so lang ersehnte Ruf des Mannes im Top oben:
»There she blows!« (Dort bläßt Einer) und selbst von Deck aus konnten sie bald darauf den ausgeworfenen einzelnen Wasserstrahl eines Spermfisches oder Cajelot, dem bald ein zweiter folgte, erkennen.
Jetzt kam Leben an Bord, und so faul und schläfrig die Offiziere den ganzen Tag herumgelegen, im Nu sprangen sie nun auf ihre Füße, um Jeder nach seinem Boot zu sehen und so rasch als möglich damit ab und hinaus zu kommen.
Jedes Boot hat seine bestimmte Mannschaft, seinen Harpunier, seinen Bootssteuerer und vier Mann zum Rudern, und hängt, zum augenblicklichen Gebrauch stets bereit, unter seinen Krahnen. Dicht daneben ist der schwere Bottich mit dem aufgekoilten Harpunentau befestigt, um rasch hineingehoben zu werden.
Die verschiedenen Leute haben dabei ihre verschiedenen Pflichten bei der Ausrüstung, damit im Moment des Einschiffens keine Verwirrung oder Zögerung entsteht. Der Bootssteuerer muß die Waffen: Lanzen, Harpunen, Beile und Messer, stets blank und haarscharf halten. Einer der Leute hat für Wasser zu sorgen, daß augenblicklich ein Fäßchen gefüllt und in's Boot geschafft wird – ein Anderer sorgt für Lebensmittel, da man nie wissen kann, wie lange die Boote gezwungen sind, auszubleiben. In einem kleinen verschlossenen Verschlag im Boot selber befinden sich dabei ein Kompaß, wo möglich eine Karte, und ist das Fahrzeug gut ausgestattet, auch einige konservirte Lebensmittel mit einer Flasche Rum, und von dem Moment an, wo der Befehl zum Niederlassen des Bootes gegeben wird, dauert es gewöhnlich nur wenige Minuten, bis es von Bord abschießt und nun, mit Rudern oder Segeln, je nachdem sich die Letzteren führen lassen, seinem Ziel entgegenstrebt.
Dabei wird fast kein Wort gesprochen, denn jede Bootsmannschaft hat natürlich ihren Ehrgeiz darin, die erste zu sein, die zur Verfolgung der auftauchenden Wallfische fertig ist, und vom Mast aus giebt dann der Mann im Top mit einem an der Stange befestigten und schwarzbemalten großen Leinwandball – der weithin leicht erkenntlich ist – die Richtung an, welche die Fische nehmen, damit ihnen die Boote folgen oder den Weg abschneiden können.
Die Martha's-vine-yard führte vier Boote, denn das zerstörte des ersten Harpuniers war schon wieder durch ein Reserveboot ersetzt worden, und noch hatte die aufkommende Brise das Schiff nicht erreicht, als sie schon hinausruderten in das Weite und der Richtung zu, in welcher sich die Spermfische kurz vorher gezeigt.
Es war das genau gen Osten, und die Leute legten sich wahrlich mit gutem Willen in die Ruder, daß sich die elastischen Eschenhölzer oder Riemen, wie man sie nennt, vor der Kraft der Arme bogen. Aber das dauerte nicht lange, denn jetzt kräuselte sich das Meer, ein frischer Südwind setzte ein, und im Nu wurde die kurze Segelstange aufgerichtet, und die Leinwand blähte aus, um den ersten Windzug zu fangen. Der brachte sie nicht allein leichter, nein auch rascher vorwärts, und die Hauptsache, sie konnten sich den Fischen viel geräuschloser nähern, als das mit Rudern möglich ist. Der Wind zeigte sich ihnen auch vollkommen günstig, denn er kam gerade von der Steuerbordseite, und schnell und lautlos schossen sie dahin.
Die Fische waren, wie sie das oft thun, eine ganze Weile nicht nach oben gekommen, und der Mann im Mast konnte den Leuten deßhalb auch kein Zeichen geben, welcher besondern Richtung sie zusteuern sollten; sie behielten deßhalb die bei, die sie bis dahin eingehalten, in der Voraussetzung, daß sich die Cajelots unter Wasser nicht so weit entfernen und vielleicht an der nämlichen Stelle noch einmal nach oben kommen würden – und das geschah denn auch wirklich. Kaum eine Viertelstunde mochten sie gesegelt sein, als der Matrose, der damit beauftragt war, den Mann im Top der Barke im Auge zu behalten, plötzlich des Harpuniers Auge durch seinen Ausruf dorthin lenkte. Jener Ausguck hob seinen schwarzen Ballon, der selbst von hier aus noch deutlich erkennbar war, hoch in die Höhe und ließ ihn dann wieder gerade nach vorn herunterfallen – ein sicheres Zeichen, daß ihr Kurs der richtige sei, und es dauerte denn auch nur wenige Sekunden, bis sie selber die schon lang ersehnten Strahlen gerade voraus erkannten und sich jetzt zum Gefecht fertig machten.
Nun ist die Eintheilung an Bord eines Wallfischbootes auf der Verfolgung die nachstehende: Der Bootssteuerer wird, sobald ein Wal in Sicht kommt, vorn in den Bug des Bootes mit der Harpune postirt, denn sein Amt ist es, an den Fisch fest zu kommen, während nachher der Harpunier oder erste Offizier mit der Lanze, an der sich keine Widerhaken befinden, dem Thier den Todesstoß gibt. Der Harpunier hat indessen hinten im Stern des Bootes den langen Steuerriemen (das Ruder, das zum Steuern benutzt wird und in einem eisernen Ring liegt) in der Hand und führt dasselbe so an den Fisch heran, daß der Bootssteuerer zum Wurf kommen kann. Wo dieser den Fisch dabei trifft, ist ziemlich gleichgültig, irgendwo auf dem Rücken, in der Seite, im Schwanz, es bleibt sich gleich, so daß die Harpune nur tief genug eindringt, um ordentlich festzukommen. Sobald er dies erreicht hat und das im Bottich aufgekoilte Tau abläuft – wobei er jedoch aufpassen muß, nicht in dieses verwickelt zu werden – springt er zurück, um jetzt das Steuer des Bootes zu übernehmen, während der Harpurnier nach vorn steigt und seine lange scharfe Lanze aufgreift, mit der er nun, des tödtlichen Wurfs gewärtig, aufgerichtet vorn im Boot stehen bleibt und nur darauf achtet, daß die rasend schnell ablaufende Leine, an welcher der Fisch hängt, nicht unklar wird.
Der geworfene Fisch schießt indessen mit ungeheurer Schnelle vorwärts, taucht auch wohl einmal unter und kommt wieder nach oben, und hat dabei das Boot fortwährend im Schlepptau. Sobald nämlich die Leine abgelaufen ist, hält sie, mit ihrem unteren Ende um einen festen Krahn befestigt, straff an, und der vorgespannte Fisch macht das Boot nur so durch das Wasser fliegen. Ginge er aber zu tief nach unten, so würde er es auch rettungslos in die Tiefe reißen, und für einen solchen Fall steckt ein scharfgeschliffenes Beil dicht daneben, mit dem die Leine im Nu gekappt oder abgehauen werden kann. Es versteht sich aber von selbst, daß man nur im äußersten Nothfall zu diesem verzweifelten Mittel greift, denn damit ist wohl das Boot befreit, aber zu derselben Zeit Fisch, Harpune und Leine ebenfalls verloren.
Jetzt noch stand der Bootssteuerer vorn im Bug, die Harpune, in welche nur leicht ein kurzer fester Eichenspaken gesteckt ist, in beiden Händen, und in der linken noch ein langes Ende leicht aufgekoilter Leine haltend, um mit dem Wurf gleich nachgeben zu können, damit die Harpune keine falsche Richtung bekommt. – Die Fische sind in Sicht – da und dort steigt der schräge nicht eben hohe Strahl über die Oberfläche der nur leicht gekräuselten See – es müssen zehn oder zwölf verschiedene Cajelots sein, die sich hier spielend in der warmen Fluth herumtreiben – vielleicht sogar noch mehr, und dann und wann kam wohl auch einmal der halbe Kopf einer der mächtigen Burschen zum Vorschein, wie er sich ein Stück aus der Fluth heraushob, das Wasser schnaubend ausblies und dann langsam wieder zurück in sein Element tauchte.
Der erste Harpunier, ein alter Wallfischfänger, der sich seit seiner frühesten Jugend in diesen Meeren herumgetrieben, hatte sein Boot mit dem größten Segel versehen und war den anderen auch wohl um mehrere hundert Schritte voraus. Jetzt flog die Harpune von dessen Bootssteuerer aus, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachteten die anderen Boote den Erfolg. Zog er die Leine wieder ein? – war der Wurf mißlungen? – nein, er sprang in den hinteren Theil des Bootes zurück, er mußte festgekommen sein, und vor Erwartung zitternd standen die übrigen, ob ihnen nicht auch das Glück einen Fang bescheere.
Die Leute im ersten Boot hatten mit Rudern aufgehört und rasch das Segel niedergeworfen, damit es sie nicht, wenn der Fisch in den Wind hineinlief, gefährde – die übrigen Boote näherten sich rasch, denn noch lief die Leine ab, und das kleine Fahrzeug lag verhältnißmäßig still – da kam links ein neuer Fisch auf, dem der zweite und dritte Harpunier folgte, und der vierte, ein noch junger Bursch, wollte sich eben mit zu diesen halten, als plötzlich, unmittelbar vor seinem Boot, ein Wal mit solcher Gewalt an die Oberfläche schoß, daß er mit fast der Hälfte des riesigen Körpers aus dem Wasser herausschnellte, und wieder zurückschlagend die See wogengleich bei Seite drängte.
Aber ein tüchtiger Bootssteuerer stand vorn, mit der Harpune bereit, der sich durch die plötzliche Erscheinung des Ungethüms nicht einschüchtern ließ und auch mit keiner Faser seines Herzens der Gefahr dachte, der sie eben entgangen; denn hätte der Fisch mit dieser Gewalt das kaum verfehlte Boot getroffen, so wäre es in Splittern auseinander gebrochen.
Während die Matrosen erschreckt nach ihren Rudern griffen, um das Boot zurück und aus dem Bereich der Gefahr zu werfen, hob sich seine Harpune, und noch war der Leviathan der Tiefe nicht wieder verschwunden, als auch schon das Eisen ausflog und sich tief in dessen Weichen bohrte.
»Ruder ein! Segel nieder!« – wie eine Schlange glitt er zurück, während der junge Harpunier, der seine erste Reise in dieser Eigenschaft machte, vor Eifer zitternd nach vorn sprang und die schon bereit liegende Lanze aufgriff.
Vor ihnen her flog jetzt der erste Harpunier mit seinem Boot, denn der Fisch hatte die Leine und zog an, und ihr Gefangener schien die nämliche Richtung nehmen zu wollen – die Leine glitt mit Blitzesschnelle aus. Die Leute mußten die Ruder wieder aufnehmen, um ihm ein wenig zu folgen und das Boot in der Richtung zu halten – jetzt plötzlich that es einen Ruck – die Harpune hielt, und fort ging es, daß der Gischt hoch am Bug emporschäumte, hinter dem gefangenen Ungeheuer her – gerade dem andern Boot nach. – Liefen sie aber schneller als dieses? – rasch näherten sie sich ihm, und als sie vorüberflogen, wie von einer Dampfmaschine getrieben, hörten sie nur noch, daß der alte Harpunier darin fluchte und wetterte und seinen Leuten befahl, die Leine einzuholen – die Harpune mußte aus dem Speck gerissen sein, und der Fisch war jedenfalls freigekommen.
Sie aber hatten natürlich keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Im Schlepptau des Wals flogen sie nur so über die wenig bewegte See, immer genau ein und dieselbe Richtung einhaltend, gen Osten zu. Uebrigens sahen sie, daß eines der Boote – es war das des zweiten Harpuniers – sich gewendet hatte und mit vollem Segel hinter ihnen drein kam, um ihnen vielleicht den Fisch sichern zu helfen, denn der erste Harpunier hatte noch eine ganze Weile damit zu thun, um seine Harpune wieder an Bord zu holen.
Und wie der Fisch lief! Ein sogenannter Finnbackwallfisch hat es allerdings in der Gewohnheit, mit der Harpune in solcher Art fortzulaufen, und deßhalb ist sein Fang so schwer und undankbar, und die Wallfischfänger wollen auch Nichts von ihm wissen; giebt er doch auch viel zu wenig Thran für die Mühe, die er kostet, so daß der Gewinn in keinem Verhältniß zu der Gefahr steht. Der Spermwal dagegen läuft gewöhnlich erst eine Strecke gerade aus, und hält dann ein und taucht in nicht zu große Tiefe unter, weil er bald zum Athemholen wieder an die Oberfläche zurückkehrt. Dadurch nun giebt er dem an ihm festgekommenen Boot Gelegenheit, ihm den Todeswurf mit der Lanze hinter eine der beiden Seitenflossen zu versetzen – der einzige Platz, und der nicht einmal sehr große, wo er tödtlich getroffen werden kann.
Die Matrosen des vierten Bootes kümmerten sich aber wenig um das Laufen, denn sie wußten, daß ihr Vorspann damit bald aufhören würde. Sie lachten und jubelten, und besonders war der junge Harpunier ganz außer sich vor Vergnügen, daß er einen Fisch bekommen hatte, während der erste Harpunier, der ihn bis jetzt immer über die Achsel angesehen, mit leerem Boot zum Schiff zurückkehren mußte. Er konnte auch die Zeit nicht erwarten, bis ihnen der Wal in Wurfnähe kommen würde. – Daß er ihn sicher und gut traf, sollte seine Sorge sein.
»Es ist übrigens Zeit,« sagte der eine der Matrosen, »daß wir einmal richtig an einen Fisch festkommen, denn zehn Monate sind wir jetzt aus, mit noch nicht einer einzigen Tonne Thran an Bord – die Butter ausgenommen, die der Holzkopf von Koch für uns eingelegt hat. Das Schiff war bis jetzt wie verbrannt, ordentlich als ob wir verhext gewesen wären. Wenn wir den nur erst wenigstens sicher langseit und eingeschnitten hätten.«
»Keine Noth, mein Bursche,« lachte der Harpunier – »der lockert die Leine schon; er wird müde – holt ein – je eher wir heimkommen, desto besser.«
Zwei der Matrosen sprangen nach vorn und nahmen Hand über Hand die Leine ein; der Fisch schien in der That müde geworden zu sein, denn er lag entweder ganz still, oder schwamm auch vielleicht, wie sie das manchmal thun, in anderer Richtung langsam weiter.
»There she blows,« rief der eine Matrose plötzlich, mit unterdrückter Stimme, als er dicht voraus den Strahl erkannte. Der Fisch war an die Oberfläche gekommen, um Athem zu holen, und sie konnten jetzt deutlich erkennen, daß er noch von ihnen abgewendet lag, also nur einfach im Laufen inne gehalten hatte. Jedenfalls mußten sie so viel wie möglich von der Leine bergen, um ihm das nächste Mal, wenn er wieder einhalten sollte, näher zu sein. Beide Matrosen zogen so rasch ein, als sie konnten, vermochten aber dadurch nicht, das eingenommene Tau auch eben so schnell und ordentlich wieder aufzukoilen.
»Habt Acht da vorn,« sagte der Bootssteuerer, der das bemerkte, »und verwickelt die Leine nicht – wenn er plötzlich wieder anreißt –«
»Da kommt er wieder nach oben!« rief der Harpunier und sprang vorn auf die kleine Bank des Bugs, um besser von da ab ausschauen zu können, aber unvorsichtig genug trat er dabei in ein paar Schlingen des eingeholten Taues, und in dem Moment fast schoß der Fisch nach vorn und in die Tiefe, wobei er die Leine hinter sich herriß.
»Habt Acht da vorn!« rief noch einmal der Bootssteuerer, aber seine Warnung kam für den Harpunier zu spät. Während er mit dem rechten Fuß hinaustreten wollte, schlang sich die auslaufende Leine um diesen, und wie ein Blitz warf es ihn hinaus über Bord. Zu gleicher Zeit hatte sich eine Schlinge um den in der Mitte befestigten Krahn oder Nagelbalken geschlagen, an dem die Leine überhaupt befestigt wird, wenn sie halten soll, und pfeilschnell riß der Wal das Boot hinter sich her.
»Kappt das Tau!« war der erste, unwillkürliche Ruf des Bootssteuerers, der in diesem Augenblick seinen Platz nicht verlassen konnte, wenn er nicht das Boot gefährden wollte, das natürlich umgeschlagen wäre oder sich gefüllt hätte, sobald es die furchtbare Kraft des Wals auf die Seite riß. Ehe aber nur Einer der Leute dem Befehl Folge leisten konnte, schrie er auch schon wieder »Halt! laßt sein!« – denn wie er den Blick zurückwarf, sah er, daß das Boot des zweiten Harpuniers, von der frischen Brise begünstigt, kaum fünfhundert Schritte entfernt hinter ihm drein kam. Außerdem wußte er, daß der Harpunier ein ausgezeichneter Schwimmer war. Jenes Boot mochte ihn deßhalb aufnehmen, und wenn der Wal wieder hielt, konnte es herankommen und den verlorenen Offizier seinem eigenen Boot zurückbringen. Sie durften den gefangenen Fisch nicht so leichtsinnig aufgeben – weshalb hatte auch der Harpunier nicht besser aufgepaßt?
Jetzt ging die Reise wieder fort, rascher als vorher und immer nach Osten zu, und die Matrosen waren dabei eifrig beschäftigt, die fast in Verwirrung gerathene Leine wieder zu ordnen, daß sie das Boot nicht in Gefahr bringe. Das gelang ihnen endlich, und sie sahen zu ihrer Beruhigung, daß das zweite Boot ihren Harpunier gefunden hatte und an Bord nahm. Dadurch wurde jenes freilich in seinem Fortgang sehr aufgehalten, und sie ließen es jetzt weit zurück.
»Die holen uns im Leben nicht wieder ein, Sir,« sagte der eine Matrose, indem er den Kopf zurückwandte.
»Wär' auch kein Unglück, Bob,« lachte dieser trotzig – »weßhalb hält der junge Herr seine Finnen nicht aus der Leine – aber im schlimmsten Fall kannst Du das Boot doch eben so gut an einen Wal hinansteuern als ich, Bob; wie?«
»Sollte denken, Sir,« schmunzelte dieser, »bin wenigstens lange genug dabei und einmal selber eine Jahreszeit Bootssteuerer gewesen, als wir eines unserer Boote mit der Mannschaft verloren.«
»Nun gut,« nickte der Offizier, »sobald der Fisch wieder aufkommt, Bob, nimmst Du das Steuer, und ich denke, ich kann ihm die Lanze eben so gut an der richtigen Stelle beibringen, wie Mister Broom – und vielleicht noch ein verdammt Theil besser,« brummte er leise vor sich hin in den Bart.
Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, und die Bootsmannschaft war dabei so mit ihrem Wal beschäftigt, daß sie gar nicht auf die Tageszeit achtete, und daß die Brise anfing einzuschlafen. Weiter und weiter flogen sie, von dem verwundeten Thier in wilder Hast vorwärts geschleppt, und doch jeden Augenblick erwartend, daß es wieder halten und sie hinanlassen sollte.
»Hol' mich Dieser und Jener,« brummte da einer der Matrosen plötzlich – »da hinten geht die Sonne unter, und wo ist denn eigentlich unsere Martha's-vine-yard?«
Der Bootssteuerer warf den Blick zurück, aber er konnte ebenfalls Nichts mehr von dem Schiff erkennen, da sich noch dazu ein leichter Duft auf den westlichen Horizont gelegt hatte.
»Alle Wetter!« rief er aus – »Kapitän Burker wird doch wahrlich nicht verlangen, daß wir den ganzen Weg mit dem Fisch zurückrudern sollen? Der kann uns gar nicht gefolgt sein.«
»Vielleicht ist noch eins der andern Boote festgekommen, Sir,« sagte Bob, »und er hat sich mit dem aufgehalten.«
»Und was machen wir jetzt?« rief der Bootssteuerer – »wir können doch wahrhaftig jetzt, im letzten entscheidenden Augenblick, den Fisch nicht aufgeben?«
Die Leute schwiegen. Sie wollten den Fisch natürlich auch nicht gern einbüßen, denn es war das Erste, was sie auf ihrer langen Fahrt verdient hatten; dann aber auch kannten sie recht gut selber das Gefährliche ihrer Lage, wenn sie auf offener See ihr Schiff verloren.
»Es ist eine ganz verfluchte Geschichte,« brummte Bob – »und wo steckt denn nur das zweite Boot? vorhin war es doch noch hinter uns!«
»Eben hab' ich es da drüben noch gesehen,« sagte Dick, ein Anderer der Leute – »jetzt müssen sie aber ihr Segel eingenommen haben, ich kann Nichts mehr erkennen.«
»Die Brise ist ganz eingeschlafen,« sagte der Bootssteuerer, indem er sein Gesicht nach Süden wandte – »die See fängt an wieder glatt zu werden.«
»Wenn der verdammte alte Thrankasten nur von der Stelle käme!« knurrte da Bob, »so hätten sie uns gar nicht im Stich lassen können, und jetzt dürfen wir nur ruhig die Leine kappen und uns selbst das Brod vom Munde wegschneiden.«
»Hol's der Teufel, Leute!« rief der Bootssteuerer, »wenn ihr denkt wie ich, so lassen wir unsern Vorspann noch eine Weile ziehen. Lange kann er es nicht mehr aushalten – er hat schon eine etwas andere Richtung genommen und sich ein wenig mehr nach Süden gewandt. Das ist immer ein sicheres Zeichen, daß sie müde werden. Kommen wir dann, bis völlig Nacht, nicht fest – nun denn in Gottes Namen, dann haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit gethan, und sind dann auch nicht viel weiter vom Schiff als jetzt.«
Die Leute erwiederten Nichts, und in unverminderter Schnelle flog indessen der Wal mit ihnen durch die Fluth – aber er hielt nicht an. Die Sonne war im Meer verschwunden, und bleiern lagerte sich die Nacht auf den Ozean.
Der Bootssteuerer hatte Bob das Ruder gegeben und stand vorn an der Leine – plötzlich fühlte er, daß diese schlaffte.
»Beim Himmel, er hält!« rief er vergnügt aus – »so ist's vielleicht doch noch nicht zu spät.«
»There she blows!« rief der eine Matrose.
Der Wal war nach oben gekommen, verschwand aber im nächsten Augenblick wieder, und schon hatten die Leute ein tüchtiges Stück von der Leine eingeholt, als sie ihnen der Wal wieder aus der Hand riß, ohne daß sich ihr Boot aber von der Stelle bewegt hätte.
»Los mit Eurer Leine!« rief Bob, der Erfahrung genug mit diesen Burschen hatte – »nehmen Sie das Beil zur Hand, Mr. Sikes!«
Der Bootssteuerer folgte fast unwillkürlich der Warnung, und der alte Bob hatte nicht unrecht gehabt – der Wal tauchte mit rasender Schnelle. Die letzten Theile des losgeworfenen Taues flogen zischend über Bord, gerade nach unten zu, und mit der letzten Elle hatte der Bootssteuerer kaum noch Zeit, das haarscharfe Beil auf den Bootsrand niederzuhauen. Das Tau schlug ihm ordentlich das Beil fort, als auch im nächsten Moment der Bug ihres Bootes bis auf den Wasserrand niedergestaucht wurde und die salzige Fluth ihre Woge hineinwarf. Glücklicher Weise aber war das Tau schon so weit durchgehauen, um sie nicht ganz hinabzerren zu können – die letzten Fasern rissen, und während das von seiner ungeheuren Last befreite kleine Fahrzeug auf- und niedertanzte, war allerdings die unmittelbare Gefahr beseitigt, aber der Wal auch mit ihrer ganzen Leine verloren.
Zweites Kapitel.
Im Nebel.
»Hell!« sagte Bob lakonisch, indem er sich auf die Bank niedersetzte und einen noch viel wilderen Fluch in seinen Tabak hineinkaute – »ob der alte verbrannte Kasten denn nicht Unglück mit Allem hat, was er anfängt. Da sitzen wir jetzt, den Harpunier nach der einen und den Wal nach der andern Seite, und außerdem noch das ganze Schiff und Leine und Harpune verloren, und keine Tonne Thran für irgend Etwas bekommen. Es ist zum Halsabschneiden.«
»Das nächste Mal mehr Glück, Bob,« sagte der Bootssteuerer, indem er aber selber in nicht viel besserer Laune der Richtung nachsah, in welcher der Spermfisch verschwunden war. »Es ist eine verfluchte Geschichte, ja, läßt sich aber nun doch einmal nicht mehr ändern, und wir haben wenigstens unsere Schuldigkeit gethan. Und nun an eure Ruder, meine Burschen, daß wir wenigstens das Schiff wiederfinden, denn in der Windstille wird es uns wohl nicht weggelaufen sein.«
»Weggelaufen, nein,« brummte Bob, »der alte Kasten läuft schon nicht fort, aber weggetrieben. Und wenn wir's nun nicht finden?«
»Ach was,« sagte der Bootssteuerer, »nicht finden – der Kapitän hat jedenfalls seine bunten Signallaternen aushängen, die man meilenweit leuchten sieht. Vorwärts, ihr Leute, laßt uns keine Zeit mehr versäumen.«
»Und sollten wir nicht erst ein wenig essen, Sir?« frug der alte Matrose – »wir haben eine lange Arbeit vor uns.«
»Ich traue dem Wetter gar nicht,« meinte der Offizier. »Da drüben im Osten lag es schon vor Sonnenuntergang wie eine feste Wolke auf dem Wasser.«
»Das war das Land, Sir,« sagte Bob, – »ich kenne die Küste, da drüben regnet's immer.«
»Na meinetwegen, dann können wir auch eben so gut erst unsere Mahlzeit halten – nachher aber scharf wieder an die Arbeit. Was kann's helfen, es ist ja doch einmal unser Geschäft.«
Die Leute erwiederten nichts. Sie waren ordentlich hungrig geworden, und der Schiffszwieback mit dem Salzfleisch mundete ihnen vortrefflich. Sehr mäßig tranken sie aber dazu von dem mitgenommenen Wasser, denn in einem Boot auf offener See kann man nie wissen, wie lange man gezwungen ist, auszuliegen, und je vorsichtiger man dabei mit dem Wasser umgeht, desto besser.
Der Bootssteuerer versuchte indessen das kleine Spintje zu öffnen, das sich im Boot befand, aber der Schlüssel stak nicht – den hatte der Harpunier in der Tasche. Eine Weile überlegte er es sich – den darin befindlichen Kompaß gebrauchten sie eigentlich noch nicht – aber die Flasche Rum – ein Schluck davon würde ihnen Allen wohlgethan haben. – Es war auch außerdem besser, wenn sie den Kompaß heraus hatten, – und zu der Ueberzeugung gekommen, nahm er ohne Weiteres das kleine Handbeil, schlug mit dem dicken Ende desselben auf das Schloß und sprengte es.
Dadurch brachte er auch die Leute in etwas bessere Laune; denn man glaubt nicht, welche wohlthätige Wirkung, mäßig genossen natürlich, ein Schluck Grog oder auch reiner Rum auf See und in der feuchten Luft ausübt. Wie aber Jeder sein Glas ausgetrunken hatte, mahnte der Bootssteuerer wieder zur Heimkehr an Bord, und die Leute griffen jetzt ihre Ruder auf.
»Merkwürdig, Mr. Sikes,« sagte da Bob, indem er seinen Riemen in die Dolle warf, »was für ein sonderbarer Schein auf dem Wasser liegt. Es sieht ordentlich aus, als ob es rauchte – wenn wir nur keinen Nebel bekommen – das wäre ein schöner Spaß.«
»Hm,« sagte der Angeredete, indem er den Blick nach rechts und links hinüberwarf, »'s ist mir auch schon so vorgekommen – wär' bös, Bob, aber wollen's nicht hoffen. Vorwärts, ihr Leute, wir dürfen keinesfalls mehr Zeit versäumen.«
Die Leute hatten die Ruder eingelegt und fingen an zu arbeiten – aber nicht willig. Die Vordersten flüsterten leise mit einander und ruderten dann wieder schweigend weiter. Was der alte Matrose gefürchtet, sollte sich aber nur zu rasch bewahrheiten, denn trotz der Dunkelheit wurde der über dem Meer lagernde Duft immer bemerkbarer und hob sich dabei höher und höher, so daß sie jetzt schon gar nicht mehr voraus, sondern nur noch einzelne Sterne sehen konnten.
»Mr. Sikes,« sagte Bob, »die Geschichte wird faul. Die Lichter an Bord sind wir nicht mehr im Stande zu erkennen, und wenn wir vorbeifahren, haben wir das blaue Weltmeer vor uns.«
»Aber Bob, wir sind noch lange nicht weit genug gefahren, um das zu ermöglichen,« sagte der Bootssteuerer. »Ein paar Stunden dürfen wir noch immer so fortrudern.«
Bob warf – während die Leute sämmtlich mit Rudern aufgehört hatten – den Blick nach oben. Der Nebel war indessen so hoch gestiegen, daß er schon wie ein Schleier über ihnen lag und nicht einmal die Sterne mehr deutlich erkennen ließ.
»Das thut's nicht, Sir,« sagte er – »wenn wir jetzt irre fahren, reiben wir unsere Kräfte auf und wissen nachher nicht einmal, nach welcher Richtung wir das Schiff suchen sollen.«
»Wenn man nur den Kompaß erkennen könnte,« sagte der Bootssteuerer, selber jetzt unsicher gemacht – »aber es ist ja stockdunkel und nicht einmal eine Laterne in der Spintje – die gehörte eigentlich hinein.«
Die Leute hatten, ohne einen weiteren Befehl abzuwarten, ihre Ruder aufgenommen und in das Boot gelegt. Der Bootssteuerer schaute eine Weile schweigend und unschlüssig vor sich nieder, aber er sah in der That selber keine Möglichkeit, mitten in Nacht und Nebel einen bestimmten Kurs zu halten. Ja wenn sie noch Wind gehabt hätten, so konnten sie eher auf- und absegeln, ohne die Leute zu erschöpfen, und wer wußte denn, ob sie nicht am nächsten Morgen ihre Kräfte nothwendig brauchen würden.
»Es wird nicht anders,« seufzte er endlich leise – »wir müssen jedenfalls den Nebel abwarten. So legt Euch denn schlafen, Leute, und ruht Euch aus – aber eine Wacht müssen wir halten – wir können ja einander ablösen, denn es wäre doch möglich, daß das Schiff in unsere Nähe käme oder einen Schuß feuerte, nach dem wir im Stande sind, die Richtung zu bestimmen.«
»Gut, Sir, dann will ich die erste Wacht nehmen,« sagte Bob, »ich bin doch noch nicht müde, und wenn wir alle zwei Stunden abwechseln, wird ja der Morgen auch da sein.«
»Aber sowie der Nebel sinkt und die Sterne wieder sichtbar werden,« sagte Mr. Sikes, »weckt Ihr augenblicklich.«
»Gewiß, Sir,« nickte der Alte, und zog die neben ihm liegende dicke Jacke an, die er sich in Vorsorge mitgenommen hatte, und um die ihn die Uebrigen jetzt nicht wenig beneideten. Der Nebel fiel recht kalt und naß, und es war eben kein angenehmer Aufenthalt in dem offenen Boot.
Mr. Sikes suchte sich jetzt ebenfalls so gut als möglich wegzustauen, um der Nacht ein paar Stunden Schlaf abzuringen; es war das aber nicht so leicht, und bequem konnte er es sich auch nicht machen. Von der Anstrengung und Aufregung der letzten Stunden erschöpft, schlief er aber doch endlich wirklich ein, und Grabesstille herrschte in dem kleinen Fahrzeug.
Und weshalb schliefen die Leute nicht? – müde hätten sie wohl auch sein können, aber andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, und als sie erst sicher wußten, daß der Bootssteuerer sie nicht mehr hörte, saßen sie vorn im Bug des Bootes gedrängt zusammen und flüsterten leise miteinander.
Bob schien anfangs nicht ganz ihrer Meinung zu sein, denn er schüttelte ein paarmal entschieden mit dem Kopf; endlich hörte er still und schweigend zu, und als sich die Anderen zuletzt zum Schlafen niederlegten, saß er noch lange regungslos auf seinem Bret und starrte in tiefen Gedanken in den Nebel hinaus.
Wie er zwei Stunden gesessen hatte – er konnte auf seiner alten silbernen Uhr den Zeiger fühlen – weckte er die nächste Wacht. Im Wetter hatte sich indessen noch nichts geändert, als daß der Nebel dichter zu werden schien. – Nicht der Schimmer eines Sternes ließ sich mehr erkennen, und ebensowenig regte sich ein Luftzug –
»Phh! – Phh!« hörte die Wacht da dicht neben dem Boot das Schnaufen von zwei Wallfischen, die langsam und behaglich ihre Bahn verfolgten, und so willkommen ihnen Allen gewiß der Ton an Bord ihres Schiffes oder mit ihren Waffen in Ordnung gewesen wäre, so ängstlich horchte der Mann jetzt dem zischenden Laut. Sie hatten nicht einmal mehr eine Leine an Bord, wenn sie wirklich daran denken konnten, einen der Fische zu harpuniren, und rannten die riesigen Thiere jetzt zufällig gegen ihr Boot an, so war es verloren.
»Hallo! hallo!« rief auch der Matrose, als das Schnaufen sich wiederholte, und jetzt zwar in kaum zwanzig Schritten vom Boot selber – »Wallfische! habt Acht! Bootssteuerer, Bob, Bill – auf mit Euch!«
Die Leute sprangen erschreckt empor, und in demselben Moment fast gingen die beiden schwerfälligen Geschöpfe, ohne das Boot zu sehen oder zu beachten, unmittelbar daran vorüber, und zwar das eine rechts, das andere links, daß man sie hätte mit einem Bootshaken erreichen können. Die Mannschaft griff auch in der That erschreckt nach ihren Rudern, obgleich ihnen die Nichts mehr hätten nützen können – aber die Gefahr war schon vorüber und das Boot schaukelte nur etwas stärker in dem aufgeregten Element.
»Das hätte noch gefehlt,« brummte der Bootssteuerer, als er bestürzt und noch halb im Schlaf hinter ihnen drein sah – »und den Nebel dazu – Wie viel Uhr ist's, Bob?«
»Geht auf Elf, Sir,« erwiederte dieser, nachdem er seine Uhr wieder befühlt.
»Elf erst – das wird eine lange Nacht,« seufzte der Seemann und rückte sich wieder auf seiner Bank zurecht.
Die Wachen wechselten, aber in der Witterung änderte sich Nichts. Der Nebel lag zäh und milchweiß auf dem spiegelglatten Meer, und als der Tag anbrach, war die Sonne nicht einmal im Stande durchzudringen. Der Bootssteuerer aber, mit der Verantwortlichkeit, die er für das Boot trug, schien auch nicht gesonnen, längere Zeit zu versäumen, und kaum war es hell genug genug geworden, um den Kompaß zu erkennen, als er sich in der See Gesicht und Hände badete, und dann von den Lebensmitteln unter die Leute vertheilte.
»So, meine Burschen,« sagte er dabei, »jetzt eßt, und dann an die Arbeit. Ihr habt nun ordentlich ausgeschlafen und wir müssen sehen, daß wir die Martha's-vine-yard wiederfinden, Nebel oder keiner. Jedenfalls läuten sie doch die Glocke an Bord und blasen oder schießen wohl auch ein paarmal, und wenn wir nur halbwegs in die Nähe kommen, müssen wir es ja hören.«
Die Leute verzehrten schweigend ihr frugales Frühstück, ohne ein Wort auf die Anrede zu erwiedern. Sie beeilten sich aber auch nicht damit und nahmen dann, als sie fertig waren und keine Entschuldigung mehr hatten, ihre Ruder langsam auf und legten sie in die Dollen. Der Bootssteuerer hatte indessen mit dem Steuerriemen, den kleinen Kompaß neben sich stehend, den Bug nach Westen herumgeworfen.
»Ein mit Euren Riemen, Ihr Leute,« rief er dabei. »Zögern hilft uns Nichts. Je länger wir hier warten, desto später kommen wir an Bord.«
Keiner der Matrosen rührte sich, um dem Befehl zu gehorchen; sie starrten schweigend und finster vor sich nieder, und augenscheinlich mochte Keiner von ihnen zuerst das Wort ergreifen.
»Nun? wird's bald?« sagte der Bootssteuerer, die Stirn runzelnd.
»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Sikes,« übernahm der alte Bob die erste Eröffnung – »die Leute denken, daß wir in dem Nebel das Schiff verfehlen werden und nachher ohne Wasser und Lebensmittel da draußen verschmachten müssen!«
»Und wollt Ihr hier liegen bleiben?«
»Nein – aber das feste Land ist nicht so schrecklich weit. Wir haben gestern Abend schon die Wolken gesehen, die darüber liegen, wenn man auch die Berge noch nicht erkennen konnte, und je weiter wir wieder nach Westen fahren, desto weiter kommen wir vom Lande ab, und sind vielleicht nie mehr im Stande es zu erreichen.«
»Das feste Land?« rief der Bootssteuerer erstaunt aus, »und wißt Ihr nicht, daß Ihr zur Martha's-vine-yard gehört?«
»Das Schlimmste, was uns passiren konnte,« brummte der Eine der anderen Leute, Bill, der Segelmacher; »verdamm' den alten blutigen Kasten; ich wollte, ich hätte ihn mein Lebtag nicht gesehen, denn Alles, was er ergreift, hat Unglück.«
»Auf dem Schiff liegt ein Fluch,« sagte jetzt auch Tom. »An vier, fünf Fischen sind wir schon fest gewesen, aber den ersten Tropfen Thran sollen wir noch zu sehen kriegen. Zehn Monate sind wir jetzt aus und haben nicht einmal genug eingebracht, um uns die Stiefel damit zu schmieren.«
»Ja, und sitzen dabei in Schulden bis über die Ohren,« fiel Dick, der Vierte, ein. »Keinen Cent verdient und dann auch noch vierzig oder fünfzig Dollars der Mann für warme Kleider zu bezahlen, daß uns am Kap die Seele nicht aus dem Leib fror. Ich will von Heuschrecken zu Tode getreten werden, wenn ich wieder einen Fuß auf den verdammten Blubberkasten setze.«
»Also Meuterei?« rief der Bootssteuerer, sich emporrichtend und die vier mürrischen Burschen mit seinem Blick überfliegend – »und wißt Ihr, welche Strafe darauf steht?«
»Ach was, Sir,« sagte aber auch Bob jetzt, »das ist keine Meuterei, wo wir mit dem Boot, im Nebel verloren und Gott nur weiß wie weit vom Schiff entfernt, auf offener See sind. Nur unser Leben wollen wir retten, daß es uns nicht am Ende geht wie den Booten vom Essex, auf denen die Mannschaft zuletzt darum loosen mußte, welchen von ihnen sie fressen wollten, um nur nicht zu verhungern. Jetzt können wir noch an Land kommen, die See ist ruhig und die Küste nicht so weit – morgen vielleicht schon nicht mehr.«
»Aber heute auch nicht, meine Burschen,« schrie da der Bootssteuerer, den der Zorn übermannte, indem er das neben ihm liegende Beil aufgriff; »verdamm' meine Seele, wenn ich nicht dem Ersten, der jetzt noch zu murren wagt, den Schädel einschlage wie einer faulen Robbe! Ein mit Euren Rudern, sag' ich – Ihr wißt –«
»Damn your eyes,« fuhr der Bill empor, »werft oder schlagt und seid verdammt, aber Einen könnt Ihr nur treffen, und daß die Anderen dann die Haifische mit Euch füttern, darauf dürft Ihr Euch verlassen.«
»Wenn's darauf ausgeht,« rief da Tom, der Dritte, indem er sein Ruder einzog und eine der vornliegenden Lanzen aufgriff und wandte, »so spielen wir auch noch mit. Legen Sie Ihr Beil hin, Mr. Sikes, Sie sehen, daß Sie gegen vier Mann Nichts machen können. Wir wollen Ihnen auch kein Leides thun und haben nie daran gedacht, aber verdammt will ich werden, wenn ich Ihnen nicht das alte Eisen mitten in den Leib hineinwerfe, sowie Sie nur den Arm heben.«
Der Bootssteuerer hatte das scharfe Beil krampfhaft festgepackt, und es zuckte ihm im Arm, seine Drohung wahr zu machen – aber er sah die Unmöglichkeit ein, die vier kräftigen Seeleute zu ihrer Pflicht zu zwingen, wenn er sich nicht selber sicherem Verderben aussetzen wollte.
»Meuterei! bei Gott! helle, blanke Meuterei,« knirschte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch; »und wißt Ihr denn, was Ihr an der fremden Küste findet, und ob Ihr da nicht erst recht von wilden Menschenfressern angefallen und todtgeschlagen werdet?«
»Hat keine Noth, Sir,« lachte aber der alte Bob; »an der Küste fressen sie Keinen, und verwünscht wenig Indianer, die wir da antreffen werden. Bill hat aber recht. Ich bin selber schon auf manchem Whaler mein Lebstag gewesen, so erbärmlich ist's mir aber noch auf keinem gegangen, und wenn wir Nichts fangen, wird uns nicht einmal für unsere ganze Arbeit etwas zu Gute gethan, und wir müssen die paar Lumpen etwa zu dem vierfachen Preis von dem, was sie in Edgarton gekostet hätten, aus unserer eigenen Tasche bezahlen.«
»Und habt Ihr das nicht etwa vorher gewußt, Sirrah?«
»Allerdings, Mr. Sikes,« erwiederte Bob ruhig, »aber was wir vorher nicht wußten, war, daß wir in einem solchen alten nichtsnutzigen Wrack auf eine solche Reise geschickt werden sollten. Angemalt hatten sie das alte Ding wieder hübsch genug, aber die Farbe hielt das Seewasser nur nicht heraus, und jeden Tag, ein paar Jahre lang zwei oder drei Stunden an den verdammten Pumpen hängen, ist auch eben kein Vergnügen.«
»Und trägt Euer Kapitän daran die Schuld?«
»Das weiß ich nicht,« sagte Bob vorsichtig; »wir haben es hier aber gar nicht mit dem Kapitän zu thun, wir wissen nicht einmal, wo er mit dem Schiffe steckt, und können ihn nicht suchen, ohne uns der größten Lebensgefahr auszusetzen. Den Nebel hat der liebe Gott geschickt – es ist ein Naturereigniß, gegen das wir nicht im Stande sind anzukämpfen, und wenn wir uns jetzt weigern, auf's Gerathewohl mitten in den Ozean hinauszufahren, um dort vielleicht elend zu Grunde zu gehen, so ist das keine Meuterei, sondern nur einfache Selbsterhaltung. Wüßten wir gewiß, nach welcher Richtung wir die Martha's-vine-yard suchen sollten, und läge der Nebel nicht so dick, es würde Keinem von uns einfallen, seiner Pflicht zuwider zu handeln.«
»Dann macht, was Ihr wollt,« rief der Bootssteuerer, das Beil, das er noch immer in den Händen hielt, ingrimmig auf den Boden des Bootes schleudernd; »ich habe dann aber mit der Führung des Fahrzeugs Nichts mehr zu thun, und betrachte mich als Gefangenen.«
»Das können Sie nun machen, wie Sie wollen,« lachte Bill. Bob aber schüttelte den Kopf und rief: »Nein, Mr. Sikes, Sie sind so wenig ein Gefangener als ich oder Einer der Anderen, aber daß Sie nicht mehr steuern wollen, kann ich Ihnen nicht verdenken. Als Offizier des Boots ist es vielleicht Ihre Pflicht, bis zum letzten Moment auszuhalten, und wenn es später einmal nöthig werden sollte, wollen wir Ihnen gern bezeugen, daß Sie Ihre Schuldigkeit gethan und sich nur gezwungen der Mehrzahl fügten. Wollen Sie mir das Steuer erlauben – wir wechseln nachher ab, Jungens, damit sich Jeder ein wenig ausruhen kann – und drei Riemen bringen uns ziemlich eben so rasch von der Stelle als vier – also vorwärts, meine Burschen. Bis nicht die Sonne so hoch kommt, daß wir sie sehen können, müssen wir uns nach dem Kompaß richten, und wo wir jetzt die Küste zuerst treffen, bleibt sich gleich. Wir rudern nachher so lange daran hinauf, bis wir am Ufer irgendwo eine Landung, oder einen bewohnten Platz finden können.«
Das Boot hatte sich indessen, und während der Verhandlung, langsam wieder gedreht und lag jetzt mit seinem Bug Südosten an. Bob brachte es mit einer einzigen Bewegung seines langen Ruders in den richtigen Kurs und die Matrosen legten sich jetzt aus Leibeskräften in die Riemen, um die Entfernung zwischen sich und dem Schiff nur so viel als möglich zu vergrößern, ehe der Nebel wich, und jeder Gefahr enthoben zu sein, wieder an Bord zurückkehren zu müssen. – An Land! es liegt für den Matrosen, wenn er sich lange Monate auf See herumgetrieben hat, ein eigener Zauber in dem Wort, und daß Keiner von ihnen auch nur einen Cent Geld bei sich trug, was kümmerte es sie, leichtsinniges Volk, das ja doch nur immer in den Tag hinein lebt, und jeden Einzelnen für sich selber sorgen läßt.
Jeder Seemann – überhaupt jeder Mensch, der viel in der freien Natur lebt, wie am Lande der Jäger, der Schäfer, der Hirt, ist abergläubisch. Er verkehrt zu unmittelbar mit den Elementen und ihren gewaltigen Wirkungen und Erscheinungen, und während er die Größe Gottes anstaunt, schleicht sich auch noch ein anderes Gefühl in sein Herz, – das Gefühl seiner eigenen Machtlosigkeit und Kleinheit, die ihn verhindert, gegen die ihn übervoll umgebenden geheimen Kräfte anzukämpfen. Er glaubt dabei an Vorbedeutungen und alle nur erdenkbaren Einflüsse feindlicher Mächte, und das ist schon so weit gegangen, daß in früheren Zeiten Matrosen ein unglückliches und vollkommen unschuldiges Menschenkind von ihrem Schiffe ausgestoßen und einem offenen Boot übergeben haben, weil sie den wahnsinnigen Gedanken gefaßt, daß dessen Anwesenheit an Bord allein verschiedene Unglücksfälle über sie heraufbeschworen habe und dem Schiff zuletzt verderblich werden müßte.
So hatte sich auch, schon vor Wochen, auf der Martha's-vine-yard der Glaube unter den Matrosen festgesetzt, daß ihr Schiff dem Unglück verfallen wäre, und keinen einzigen Fisch langseit bekommen würde – geschähe das aber wirklich, dann käme auch – wie schon damals – augenblicklich ein Sturm und zwänge sie, die schwer erkämpfte Beute wieder loszuwerfen und preiszugeben. Der gestrige Tag mit seinen Widerwärtigkeiten mußte sie denn noch mehr und fester in diesem Aberglauben bestärken, und tausendmal lieber wollten sie sich allen Gefahren aussetzen, die ihnen ein vollständig unbekanntes Land oder eine fremde Küste boten, als daß sie versucht hätten, ihr eigenes Schiff wieder zu finden.
Uebrigens rechtfertigte der nicht weichende Nebel wenigstens zum Theil ihre Flucht, denn so lange dieser anhielt, hatte sie in der That nur ein Zufall ihr Schiff treffen lassen, während sie, in der Irre umherfahrend, ohne Provisionen und Wasser, einer weit größeren Gefahr ausgesetzt waren, als ihnen das fremde Ufer bieten konnte.
Jetzt ruderten sie dem entgegen, und mürrisch, im Bug des Bootes, die Arme ineinander geschlagen und finster in den Nebel hinausstarrend saß der Bootssteuerer, ärgerlich mit sich und der ganzen Welt, und doch auch wieder vielleicht halb und halb zufrieden, daß er eben gezwungen wurde wegzulaufen, da er selber gut genug wußte, was sie erwartete, wenn sie ihr Fahrzeug wirklich in dem Nebel verfehlt hätten. Er konnte aber auch Nichts an der Sache ändern, denn gegen die vier kräftigen Seeleute vermochte er, als Einzelner, nichts auszurichten. Er mußte sie eben gewähren lassen, und Alles kam jetzt darauf an, welchen Punkt der Küste sie gerade erreichten.
Daß sie sich jetzt unter der Linie, oder wohl auch ein paar Grad nördlich davon befanden, wußte Mr. Sikes, weiter aber hatte er sich auch um die Beobachtung, die ihn an Bord des Wallfischfängers gar Nichts anging, nicht bekümmert, das war Sache des Kapitains und des für diesen Zweck angestellten Steuermanns gewesen, und wäre die Sonne wirklich herausgekommen, so führten sie nicht einmal einen Sextanten bei sich, um ihre Berechnung danach zu machen. Was kam auch darauf an! Die Küste lag jedenfalls im Osten, weit gestreckt von Süd nach Norden, und irgendwo mußten sie dieselbe treffen, wenn sie die eingeschlagene Richtung beibehielten. Uebrigens war auch noch eine Möglichkeit, daß sie unterwegs irgend ein anderes Schiff trafen, denn sie kreuzten ja hier eine der belebtesten Fahrstraßen des Ozeans, und das nahm sie entweder auf, oder sie erfuhren doch genau, wo sie sich befanden, und konnten wieder frisches Wasser und Provisionen von ihm bekommen – der Nebel blieb dann auch nicht ewig liegen.
Die Matrosen ruderten indessen ruhig und unverdrossen fort und wechselten nur dann und wann mit Steuern ab. Keiner von ihnen aber sprach ein Wort mit ihrem bisherigen Offizier, und nur, als sie die letzten Provisionen und die letzten Becher Wasser mit ihm theilten, thaten sie, als ob er noch bei ihnen an Bord wäre.
Aber der Nebel wich und wankte nicht, und während sie unausgesetzt fort an den Riemen lagen, hatten sie nicht einmal das Gefühl des Fortbewegens, denn es sah genau so aus, als ob sie in einem engbegrenzten Raum ruhig auf ein und derselben Stelle liegen blieben und keinen Fuß breit weiter rückten. Die Sonne stand, Bob's Uhr nach, im Mittag und über Kopf, aber selbst dann konnten sie keinen Schimmer derselben erkennen, und eben so wenig erhob sich ein Luftzug von irgend einer Seite. Die See sah aus wie geschmolzenes Blei, und schwül und drückend lag die Luft auf ihnen.
Und wie trocken ihnen die Zungen wurden!
»Ist kein Tropfen Wasser mehr im Faß, Bill?« frug Tom den Segelmacher, der gerade am Steuer saß. Bill schüttelte mit dem Kopf.
»Kein Tropfen mehr, Mate, – aber das Land kann ja auch nicht mehr so weit sein und dort giebt's Wasser genug.«
»Ich glaube wahrhaftig, wir sitzen irgendwo fest,« brummte Tom leise vor sich hin; »unser Boot muß rein verhext sein, denn es regt sich nicht vom Platz.«
Der Bootssteuerer, der sich fest vorgenommen hatte, mit der Führung des Bootes selber Nichts mehr zu thun zu haben, stand von seinem Sitz am Bug auf, stieg über die erste Ruderbank hin und ergriff den vierten Riemen, den er in die Dolle brachte und im Takt mit den übrigen einfiel.
Die Seeleute hatten es Alle bemerkt, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort, nur schärfer legten sie sich in die Ruder, denn jede Bootslänge, die sie hinter sich ließen, mußte doch auch die Strecke vermindern, die sie noch vom Ufer trennte.
Und die Sonne sank – zu sehen war sie nicht, aber der Nebel nahm eine immer grauere und dunklere Färbung an, bis der am Steuer sitzende Bob nicht einmal mehr den Kompaß erkennen konnte. Was nun? – es blieb ihnen Nichts weiter übrig, als ihr Boot ruhig treiben zu lassen. Die Strömung setzte sie hier, wie sie recht gut wußten, keinenfalls vom Lande ab, sondern viel eher nach Norden zu, und das war weiter kein Schade oder Verlust. Und dabei befand sich kein Tropfen Wasser mehr im Boot – keine Krume Schiffszwieback – aber die präservirten Töpfe – von den Matrosen hatte noch Keiner daran gedacht, ja vielleicht gewußt, daß sie sich dort befanden. Der Bootssteuerer legte sein Ruder ein, ging zurück zum Spintje, holte die zwei ziemlich großen Blechbüchsen heraus, stellte sie neben das Steuerruder und nahm dann, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Sitz wieder ein.
»God bless you Mate,« sagte der alte Bob, als er die neue unerwartete Hülfe sah, »das kam zur rechten Zeit, um unser Volk bei Kräften zu erhalten. So ein Spintje ist Geld werth – wenn wir nur auch eine Flasche Wasser darin gefunden hätten.«
»Es steht noch eine halbe Flasche Rum drinnen,« sagte der Bootssteuerer.
»Beim Himmel, an den Rum hatte ich gar nicht mehr gedacht,« rief Bob, »und nun kommt, Jungens – morgen früh speisen wir vielleicht Bananen und Kokosnüsse. – Wetter noch einmal, das Wasser läuft mir im Mund zusammen, wenn ich an so eine frischgepflückte Kokosnuß denke.«
Die eine Blechbüchse war bald geöffnet; sie enthielt eingekochten, frischen Hammelsbraten, der sich noch ausgezeichnet gehalten hatte, und wenn er auch für die fünf Männer keine volle Mahlzeit gab, so genügte der Inhalt doch wenigstens, ihren Hunger zu stillen. Ein Schluck Rum, dessen sparsame Vertheilung der alte Bob übernehmen mußte, half den Durst etwas löschen, und die vom langen Rudern ermatteten Seeleute streckten sich dann wieder, so gut es gehen wollte, im Boot aus, um ihre müden Glieder auszuruhen. Wache wurde indessen nicht gehalten, denn bei todter Windstille konnte auch kein größeres Schiff segeln, und es war deshalb unmöglich, daß sie mit einem solchen zusammentrafen. Sie brauchten keine Störung zu fürchten.
Es mochte etwas nach Mitternacht sein, als der Bootssteuerer erwachte. Der Durst peinigte ihn, und er bog sich über den Rand des Bootes und goß sich Wasser mit der Hand über den Kopf, um sich dadurch zu erfrischen und abzukühlen. Wie er noch so da lag und es wieder abtropfen ließ, kam es ihm vor, als ob er in der Ferne ein dumpfes Brausen höre. Was konnte das sein? Er hob den Kopf und horchte – ein Dampfboot vielleicht, das seine Fahrt die Küste entlang hatte? – Doch blieb das Geräusch an der nämlichen Stelle. – Aber er fühlte jetzt auch, daß sich der Wind erhoben hatte – leise zwar noch und kaum bemerkbar, aber es wehte doch ein schwacher Luftzug, dem jetzt auch sicher der Nebel weichen mußte.
»Bob!« rief er leise und schüttelte den neben ihm liegenden alten Mann.
»Ja wohl, Sir,« sagte dieser, noch voll im Schlaf; »halben Strich an Leebug.«
»Bob,« flüsterte der Bootssteuerer aber wieder, denn er wollte nicht gleich die ganze Mannschaft stören. »Der Wind erhebt sich – wir kriegen Brise ...«
»Das wär' recht!« rief der Seemann jetzt völlig munter und vergnügt aus. »Bei George, da ist schon eine Mütze voll, aber die Luft kann noch nicht durch den Nebel durch; sie streift nur darüber hin und drückt ihn immer fester auf die See nieder. Sehen Sie da oben, Mr. Sikes? – Da zuckt richtig schon ein Stern heraus.«
»Hört Ihr das Brausen, Bob?«
»Wo, Sir?«
»Gleich dort drüben hinter unserem Boot, aber ich weiß nicht in welcher Richtung, denn wir haben uns wer kann sagen wie oft herumgedreht.«
Bob horchte eine Weile, ohne ein Wort zu erwiedern, dann griff er in die Tasche und nahm eine alte Blechbüchse heraus, in der er sein Feuerzeug verwahrte. Den Kompaß trug er ebenfalls bei sich, und nachdem er diesen auf die Bank gestellt, schlug er mit Stahl und Schwamm Feuer und brannte dann eines der mitgenommenen Schwefelhölzer an. Im nächsten Moment aber auch, wie nur die Flamme so weit aufflackerte, daß er die Stellung der Nadel erkennen konnte, rief er jubelnd aus: »Die Brandung! Hurrah, Jungens! Auf mit euch, das Wetter klärt auf und Brandung voraus! Hurrah!«
Die Leute taumelten in die Höh' und hörten auch wohl, wie sie nur erst munter geworden, das dumpfe rollende Geräusch, aber es war doch noch zu unbestimmt, um es deutlich unterscheiden zu können; es klang wie aus weiter Ferne und doch wußten sie auch recht gut, wie leicht gerade dieser Laut, besonders bei schwerer, nebliger Luft täuschen kann und wie manches Schiff schon dadurch verloren gegangen ist, daß es die Warnung nicht früh genug beobachtete. Mit einem leichten Wallfischboot aber, das ja danach gebaut ist, um eben so rasch zurück wie vorwärts getrieben zu werden, hatten sie Nichts zu befürchten, und es wurde jetzt beschlossen, ohne Weiteres jener Richtung zuzufahren, damit man sich, wenn der Nebel endlich wich, doch auch sicher in unmittelbarer Nähe des Landes wußte. Im Nebel durften sie natürlich nicht anlaufen.
Die Leute griffen nach den Rudern, und Bob bat den Bootssteuerer, seinen alten Platz wieder einzunehmen – aber er weigerte sich. Er wollte nicht selber die Richtung von ihrem Schiff ab angeben, wenn es die Matrosen thaten, konnte er es nicht ändern – aber er half rudern.
Und die Brise wuchs – je weiter es gegen Morgen vorrückte, desto lebendiger wurde es auf dem Wasser. Deutlich schon kam ein großes Stück blauen Himmels zum Vorschein, und sie konnten sehen, wie die Nebelmassen anfingen nach links hinauf zu rücken. Jetzt endlich tauchte die Sonne aus dem Meer empor – die leichten Wolken, die sich hoch über ihnen erkennen ließen, waren von dem rosigen Licht übergossen, und nun plötzlich fingen die Wellen an sich zu kräuseln, und im Nu warfen die Matrosen mit einem Jubelruf ihre Ruder in's Boot und setzten die Segelstange ein. – Wer hätte noch einen Arm rühren mögen, wo ihnen der Wind jetzt selber vorwärts half!
Aber die Brandung? – Deutlicher und deutlicher unterschieden sie den dumpfen Laut – und wie das um sie her wogte und drängte. Manchmal war es, als ob die Bahn vor ihnen frei würde, und offene Gänge und Wölbungen bildeten sich in den dichten weißen Schwaden – dann plötzlich hüllte es sie wieder in dunkle Nacht, daß der am Steuer Sitzende nicht einmal den vorderen Theil des Bootes erkennen konnte. Die erwachende Brise hatte den Nebel zerrissen und schob ihn in aufgerollten Massen vor sich her, und jetzt plötzlich brach die Sonne hindurch – wie ein Schleier riß es von einander – und vor ihnen, dicht und unmittelbar vor ihnen, daß es aussah, als ob man mit einer Büchsenkugel hinüber schießen könnte, lag das grüne, bewaldete Land, während darunter die Brandung aber nur über niedere Sandbänke schäumte und zischte.
Unwillkürlich lenkte der am Steuer sitzende Bob den Bug des Bootes etwas vom Lande ab, wobei der Wind das Segel besser fassen konnte, und aller Blicke hafteten in gespannter Erwartung an dem Ufer – aber ein Landungsplatz ließ sich dort nicht erkennen, denn so weit das Auge reichte, schäumten die Brandungswellen über den Sand.
»Ja, Boys,« sagte da Bob, »in Amerika wären wir – oder wenigstens dicht bei, aber hier läßt sich auch nichts machen, so viel ist sicher, und da bleibt uns denn keine andere Wahl, als nach Norden aufzulaufen, bis wir die Möglichkeit sehen, irgendwo einzufahren. Nach Süden müßten wir dem Wind gerade in die Zähne laufen.«
»Wenn wir nur Wasser hätten,« stöhnte Bill.
»Da drüben ist genug,« brummte der alte Matrose, »wir können nur noch nicht dazu – aber da – theilt Euch unter den letzten Schluck Rum, ich brauche Nichts – ich halt's schon noch aus, und weit werden wir auch nicht mehr zu fahren haben.«
Die Leute fielen gierig über den Rum her, und das Boot verfolgte indessen, während auch die letzte Blechbüchse zum Frühstück geöffnet wurde, seine Bahn an der Küste hinauf. – Aber das Ufer blieb sich gleich – Wald, undurchdringlicher, unnahbarer Wald, so weit sie voraus schauen konnten; doch sie brauchten wenigstens nicht mehr zu rudern. Der Wind wehte scharf und frisch vom Süden herüber, und mit geblähtem Segel konnten sie rasch und ohne Arbeit ihre Bahn an der Küste hinauf verfolgen.
Ein paar von den Matrosen machten allerdings den Vorschlag, an einer Stelle, wo sich wenigstens keine Brandungswellen erkennen ließen, zu landen und in dem Wald nach Wasser zu suchen – nachher hielten sie es schon wieder eine Weile aus; Bob aber, der das Ufer besser kannte, schüttelte dazu den Kopf, denn er wußte, daß es aus Nichts als Manglaren- oder Mangrovesümpfen bestand, in deren Schlammboden sie nie einen Tropfen trinkbaren Wassers gefunden hätten. Es half Nichts; sie mußten eben aushalten, aber irgendwo im Lauf des Tages mußten sie ja doch eine Stelle höher gelegenen Landes, oder wenigstens eine kleine Flußmündung entdecken, in die sie dann einlaufen konnten. So lange das nicht geschah, waren sie genöthigt, die offene See zu halten.
Und in der Zeit litten sie Tantalusqualen, denn zu verlockend lag das grüne, schattige Ufer an ihrer Seite und es schien ihnen kaum denkbar, daß dort, wo Bäume wuchsen, nicht auch Quellen sprudeln müßten und der Fuß einen festen, trockenen Boden fände. Die Meisten von ihnen kannten freilich noch nicht die trügerischen Ufer tropischer Küsten, und erst als ihnen der Bootssteuerer Bob's Versicherung bestätigte, fügten sie sich seufzend in das Unvermeidliche.
Immer mehr senkte sich die Sonne dabei dem Horizont wieder zu, und noch nicht einmal ein Flußbett hatten sie in der weiten Baumöde entdeckt, das ihnen doch wenigstens verstattet hätte, die offene See zu verlassen, während es stromauf die Gewißheit menschlicher Wohnungen oder doch wenigstens hohen Landes bot. Da fuhr Bob plötzlich von seinem Sitz empor: »Was ist das da vorn?« rief er aus, mit dem Arm der Richtung zudeutend; »dort ist höherer Boden und dort läuft auch eine Bucht in das Land hinein.«
Die Blicke Aller hafteten an der bezeichneten Stelle, aber es ließ sich noch Nichts darüber entscheiden, bis sie näher kamen, und das dauerte noch eine gute Weile. Jetzt endlich öffneten sich die dicht mit Waldung bedeckten Arme der Bucht, und ließen eine Einfahrt wie eine Flußmündung erkennen, und lauter Jubel brach von den Lippen der Leute, als sie plötzlich in gelblich gefärbtes Wasser kamen.
Jetzt durften sie nicht mehr daran zweifeln daß sie sich nahe der Mündung eines Flusses befanden und mit der günstigen Brise hielten sie rasch rechts hinein.
Ueber eine Stunde fuhren sie aber noch, und wurden schon wieder zweifelhaft ob es nicht doch nur blos ein Seearm sei, der dort hinein führte.
»Was ist das da? jener helle Punkt?« rief plötzlich der Bootssteuerer aus, von seinem Sitz emporspringend und mit dem Arm nach vorn deutend.
»Ein Haus – ein Haus!« jubelten da die Leute, die jetzt ihre Leiden geendet sahen und sich wenig darum kümmerten, wer jenen Platz bewohnte, Wasser mußte er ihnen geben. Fast unwillkürlich griffen sie auch nach ihren Rudern, als ob sie mit diesen rascher ihr Ziel erreichen könnten, aber der Wind trieb sie schon schnell genug vorwärts, das Wasser kräuselte unter ihrem Bug und: »da ist noch ein Haus, da noch eines – das ist eine Stadt!« tönte es von Aller Lippen, als sie weiter nach Norden glitten und dadurch den Platz, den die am Ufer südwärts daran stehenden Manglaren bis jetzt verdeckt hatten, mehr in Sicht bekamen.
Jetzt war ihre Noth allerdings mit ihrer Seefahrt beendet, und als »schiffbrüchige Matrosen«, als welche sie sich betrachteten, da sie doch ihr Schiff im Nebel verloren, durften sie auch auf eine freundliche Aufnahme bei der Bevölkerung rechnen.
Indessen hatten sie den Hafen, oder vielmehr die offene Rhede des kleinen Ortes erreicht, und sahen, daß die Häuser, welche sie zuerst bemerkt, auf einer Art Landzunge standen, die sich weiter gegen die See hinaus erstreckte, während die Stadt selber mehr zurück lag und dicht gedrängt eine lange Reihe dunkelgrauer Schilfdächer zeigte. Aber nicht eine der stillen Tropenstädte schien es zu sein, in denen die Bewohner der heißen Zone den Tag verträumen und nur mit untergehender Sonne einen Spaziergang in der kühlen Abendluft suchen. Das wimmelte am Ufer ordentlich von geschäftigen Menschen, die herüber und hinüber liefen, und sonderbarer Weise bemerkten sie auch eine Menge Bewaffneter, deren Musketen in der Sonne blitzten, ja, als sie sich dem ersten Landungsplatz näherten, sahen sie, daß dieselbe fast ausschließlich von Soldaten besetzt sei, als ob ihnen diese die Landung streitig machen wollten.
»Was zum Teufel mag da los sein?« brummte Bob in den Bart, während er aber nichtsdestoweniger den Bug ihres Bootes in der nämlichen Richtung hielt; »ist die Bürgerwehr ausgerückt, oder sind die Indianer losgebrochen? Seh' ein Mensch die Soldaten an.«
»O, hol' sie der Henker,« brummte Bill, »zu trinken wollen wir haben, und wenn wir das Nest mit Sturm nehmen müßten – steht einmal ein Bischen bei den Lanzen vorn, Mates, daß sie uns auf die nicht springen, wenn sie entern wollten – Mitten hinein zwischen die Lumpe, Bob!«
»'S kann nichts helfen,« nickte Bob, »da sind wir einmal! Wenn nur Einer der blutigen Halunken Englisch spricht, daß man ihnen erklären kann, was man will. Hol' mich Dieser und Jener, da hinten kommt noch ein ganzes Bataillon angesetzt. Steht bei den Halyards, Mates, ich glaube wahrhaftig, die Kerls wollen uns zu Leibe,« und von seinem Sitz aufspringend ergriff er selber eine der Lanzen und stellte sich damit keck und unerschrocken vorn in's Boot neben Bill.
Drittes Capitel.
Die Landung.
Bill hatte nicht ganz Unrecht gehabt. Das Boot war so nahe gekommen, daß man schon das Weiße im Auge der am Ufer Stehenden erkennen konnte, die sämmtlich in einer nichts weniger als friedlichen Bewegung schienen. Soldaten – ruppiges Volk, es ist wahr, mit bloßen Füßen und zerlumpten, schmutzigen Uniformen, aber doch mit Seitengewehren und Musketen, oder Lanzen und Messern bewaffnet, sprangen am Ufer hin und wieder, und an der Stelle, auf welche das fremde Boot zuhielt, sammelte sich ein Theil von ihnen und schien in der That, ihre Gewehre im Anschlag, eine Landung der Fremden auf das Entschiedenste verhindern zu wollen. Dazu schrie Alles durcheinander, Keiner hatte da, wie es den Matrosen vorkam, zu gehorchen, Alle nur irgend etwas zu befehlen, und dabei hielten sie die Mündungen der jedenfalls geladenen Gewehre den Seeleuten so drohend entgegen, daß diese, unter anderen Umständen, wahrscheinlich von einer Landung abgesehen und sich irgend einen anderen, friedlicheren Platz dazu ausgesucht hätten. Aber der Durst peinigte sie so furchtbar, daß sie sich eben durch nichts zurückschrecken ließen, und wie nur Bob mit dem Steuerruder Grund fühlte, rief er den Kameraden zu, das Segel niederzuwerfen, und ließ dann, unbekümmert um alle weiteren Folgen, den scharfen Bug ihres Wallfischbootes gerade auf den Sand hinauflaufen. Da waren sie, und eine ganze südamerikanische Armee hätte sie nicht wieder weggebracht, wenn man ihnen nicht vorher zu trinken gab.
Ein rasendes Geschrei entstand jetzt am Ufer, und einen Augenblick war es wirklich, als ob sich die dunkelhäutigen Bursche – von denen die Meisten aber viel mehr vom Neger als vom Indianer hatten – über sie herstürzen wollten, so wie toll geberdeten sie sich, und dabei schwenkten sie ihre Lanzen und Säbel und schossen sogar einige Gewehre in die Luft ab. Niemand wußte freilich, ob das nur geschah, um sich selber Muth zu machen, oder um die kecken Fremden einzuschüchtern. An das Boot wagte sich aber Keiner, denn die beiden Matrosen, die scharfgeschliffenen Wallfischlanzen in der Hand, standen noch immer regungslos, aber drohend genug im Bug desselben, während ihr finster dreinblickendes Gesicht der Waffe überdieß noch Nachdruck gab.
Endlich schüttelte Bill den Kopf und sich halb zur Seite wendend sagte er: »Hat nun schon Jemand im Leben einen solchen Haufen verrückter Kerle auf einem Platz beisammen gesehen? Verdammt will ich sein, wenn sie selber wissen, was sie wollen, und ich glaube, sie sind nur hier herunter gekommen, um sich einmal ordentlich schreien zu hören.«
Der Bootssteuerer hatte sich indessen aufgerichtet, um irgendwo zwischen den Versammelten einen Menschen zu entdecken, der so aussehe, als ob er ihre Sprache reden könnte, denn eine Verständigung mußte erst erfolgen, ehe sie das Land betreten durften. Da war aber auch nicht Einer von Allen, der eine anständig weiße Hautfarbe gehabt hätte, und Alle trugen krauses, rabenschwarzes Haar und entweder Panamahüte oder Soldatenmützen.
Das Hin- und Herlaufen der Leute am Ufer schien aber doch einen bestimmten Zweck gehabt zu haben, denn aus der inneren Stadt heraus – oder wenigstens die Straße herab, in die sie hinein sehen konnten, kamen ein paar Officiere in Begleitung eines kleinen, sehr geschäftigen Mannes, der wenigstens volle Mühe hatte, mit seinen kurzen Beinen ebenso rasch über den weichen Boden fortzukommen, als seine weit längeren und dazu besser eingerichteten Begleiter.
Jetzt endlich legte sich der Lärm etwas, und Bill, der wohl merkte, daß die Neuankommenden eine Entscheidung herbeiführen würden, hob seine Lanze, stellte sie neben sich in's Boot und stützte sich mit dem rechten Arm daran, während er die Nahenden erwartete.
Wie sich auch bald herausstellte, war jener kleine Mann gerade der Dolmetsch – ein geborner Neugranadienser zwar, aber auch der Einzige in der ganzen Stadt, der etwas Englisch sprach – sich wenigstens mit den Fremden verständigen konnte.
Bob wurde indessen von den Matrosen, da er schon einmal an dieser Küste gewesen und deßhalb auch vielleicht in etwas deren Sitten kannte, zum Sprecher gewählt, und nach einigem Hin- und Herschreien am Ufer, aus dem sie natürlich nicht klug wurden, schien man doch endlich wenigstens zu einem Resultat zu kommen.
Der Dolmetsch war eine kleine dicke, kugelrunde Gestalt, der schon seines Fettes wegen entsetzlich schwitzte, und auch wohl in der Aufregung ein wenig gelaufen war; er kam wenigstens wie gebadet am Ufer an und frug hier, während er sich fortwährend die Stirn, den Nacken und die Handknöchel abwischte, in etwas mürrischem Ton und einem schauderhaften Englisch die Matrosen, wo sie herkämen und was sie hier wollten.
»Wasser!« sagte da Bill lakonisch, »bless your old soul, mate, wir sind so verdurstet, daß uns die Zunge am Gaumen klebt.«
Bob nahm hier das Wort und erzählte dem kleinen Mann, während die Soldaten neugierig herbeidrängten, mit kurzen Worten ihre Leidensgeschichte – daß sie nämlich ihr Schiff im Nebel an der Küste verloren hätten und dann an das Ufer angelaufen wären, um nicht in See draußen zu verschmachten. Wo sie sich hier befänden, wüßten sie nicht einmal, eben so wenig wie der Platz hieße. Sie wären friedliche Seeleute und bäten nur um einen Trunk Wasser.
Der Kleine wandte sich jetzt gegen die Uebrigen und theilte ihnen das Gehörte mit, wobei eine lebhafte Unterhaltung entstand, denn augenscheinlich hatte man sie Anfangs für etwas ganz anderes gehalten als verschlagene Matrosen – ja man schien ihnen selbst jetzt noch nicht einmal recht zu glauben, und wieder frug sie der Dolmetscher, wie ihr Schiff hieß und wo es wäre. Jetzt aber riß Bill die Geduld und mit trotziger Stimme rief er aus: »Ei zum Wetter auch, Mate, wenn wir wüßten, wo es wäre, säßen wir nicht hier, und glaubt Ihr, daß Leute, die am Verschmachten sind, sich hier herstellen und eine Stunde lang Eure albernen Fragen beantworten sollen? Hat Keiner von Euch einen Schluck zu trinken bei der Hand?«
»Si, Si, Señor, Si!« sagte der kleine Dolmetscher jetzt geschäftig, »Caramba, daran habe ich gar nicht gedacht – arme Teufel haben Durst,« und er rief dabei etwas auf Spanisch den Umstehenden zu, von denen Einige geschäftig fortgingen, um Wasser und Früchte herbeizuholen. Bob übrigens, der wohl sah, daß sie jetzt nichts mehr für ihre Sicherheit zu fürchten hatten, da die Soldaten sich gar nicht weiter um sie bekümmerten, und nur die Frauen und Kinder herbeidrängten, um sie neugierig zu betrachten, rief Bill zu, seine Lanze in's Boot zu legen. Ein Paar sollten dann als Wache darin zurückbleiben und er selber wollte hinauf in die Stadt gehen, um zu sehen, was sich thun ließe und ob nicht doch irgend ein Landsmann, oder wenigstens ein Engländer aufzutreiben wäre, mit dem sie sich besser verständigen könnten.
»O, Señor,« redete da der Bootssteuerer den kleinen Dolmetscher an; »wie heißt denn der Ort hier eigentlich?«
»Die Stadt!« rief dieser erstaunt; »Caramba, Señor, wissen Sie nicht, daß Sie hier in Buenaventura sind?«
»Buenaventura, hm?« brummte Bill, »jetzt sind wir so gescheidt wie vorher, und wo liegt das?«
»Wo das liegt? – Hier,« sagte der Dicke.
»Holzkopf,« brummte Bill vor sich hin; der Bootssteuerer, der aber etwas mehr geographische Kenntnisse hatte und doch wenigstens die ungefähre Höhe wußte, in welcher sie sich auf der Knote befanden, frug noch einmal: »Und sind wir da auf Ecuadorischem oder Neugranadiensischem Gebiet?«
»Ecuador?« rief aber der Kleine mehr entrüstet als erstaunt. »Caracho, amigo, Ecuador wird bald in Neugranada liegen, aber nicht Neugranada in Ecuador. Sobald wir hier im Lande fertig sind, gehen wir hinüber und nehmen uns so viel von Ecuador, wie wir brauchen – aber da kommt Wasser. Nun trinkt, Ihr Leute, wenn Ihr so durstig seid.«
In der That kamen in dem Augenblick eine Anzahl von Frauen, Negerinnen und Indianerinnen, oder wenigstens Mischlingsrace – braune, nicht unschöne Frauen in sehr leichter Kleidung zum Ufer herunter, und während Einige Calebassen mit Trinkwasser trugen, brachten Andere kleine Körbe mit Früchten, Orangen, besonders Bananen, Papayas und sonstige Erzeugnisse des reichen Landes. Die Seeleute sprangen auch mit Jubelruf aus ihrem Boot hinaus und Bill, der eine der Calebassen erfaßt hatte, hob sie an die Lippen und leerte sie fast auf einen einzigen, mächtigen Zug.
Das schmeckte – wenn auch das Wasser eben nicht besonders war – aber nur der, der sich einmal tagelang auf offener See in einem Boot herumgetrieben, oder in dürrer Sandwüste fast verschmachtet ist, weiß, was so ein Trunk Wasser zu bedeuten hat, und wie das durch alle Adern rieselt und zuckt und ordentlich neues Leben in den Körper gießt. Bill hatte auch – während die Uebrigen just gierig über das gebotene Labsal herfielen – eben nur abgesetzt und sich den Mund mit dem Aermel gewischt, als plötzlich eine der Frauen, ein bildhübsches, junges Weib, lichtbraun von Farbe zwar, aber mit vollen und üppigen Gliederformen und doch dabei so zart gebaut, auf ihn zusprang, seine Schulter mit ihrer Hand erfaßte, ihn etwas zurückschob, und als er sie erstaunt ansah, mit zitternder aber lauter Stimme rief: »Guillelmo! o querido! war es recht, daß Du mich so lange verlassen hast?« – und ehe sich Bill von seinem Erstaunen erholen oder nur ein Wort sagen konnte, um das Mißverständniß aufzuklären, warf sie sich an seinen Hals, umschlang ihn stürmisch und küßte ihn wieder und wieder.
»I'll be damned,« sagte Bill ganz verdutzt, während Tom und die übrigen Matrosen laut herausplatzten vor Lachen. Eine Weile mußte er sich auch die Liebkosungen der noch jungen und ganz hübschen Frau gefallen lassen, weil er sie doch nicht mit Gewalt von sich stoßen wollte; endlich aber, wie er nur einigermaßen Luft bekam und fühlte, daß sie etwas in ihrer fast krampfhaften Umarmung nachließ, nahm er ihren einen Arm herunter und sagte, sich in aller Verzweiflung an den noch neben ihnen stehenden Dolmetsch wendend: »Now you Sir, kommen Sie einmal her und sagen Sie der Frau, daß sie unter einem ganz verkehrten Baume bellt.«
»Daß sie was?« sagte der kleine Neugranadienser erstaunt, da er die Redensart weder begriff noch verstand.
»Ich bin gar nicht ihr Mann,« schrie jetzt Bill, der vielleicht glaubte, er höre nur schwer; »ich kenne sie gar nicht, heiße auch nicht Jelmo oder wie sie sagt, und bin überhaupt in meinem Leben noch nicht in der Nachbarschaft hier gewesen. Nun komm', Schatz, und nimm sie mir einmal vom Halse.«
Die Frau hatte ihn noch immer nicht losgelassen, wie aber der Dolmetsch ihr den Sinn der Worte erklärte, die der Weiße gesprochen, fuhr sie erschreckt zurück, sah ihn mit wild verstörten Blicken an und rief: »Was sagt er? – er will mich nicht mehr kennen – dann verläugnet er wohl auch sein Kind? – O, Guillelmo, habe ich das um Dich verdient?«
Bill verstand die Worte nicht, aber die Bewegung der Frau verrieth nur zu deutlich den Sinn derselben – kaum aber hatte der Dolmetsch das Kind erwähnt, während in diesem Augenblick auch eine Negerfrau mit einem prächtigen, couleurten Jungen von vielleicht acht Monaten auf dem Arm herbeisprang, als die übrigen Matrosen in ein wahrhaft diabolisches Gelächter ausbrachen, und Tom, der gerade eine Apfelsine geschält hatte und in die saftige Frucht hineinbiß, daß ihm der Saft an beiden Seiten in den Bart lief, rief lachend aus: »Avast Bill, old fellow, glücklicher Familienvater, und was für eine hübsche gelbe Puppe. – Wer hätte das in ihm gesucht?«
»Ah picaro!« sagte da der kleine Dolmetsch, indem er Bill mit dem ausgestreckten Zeigefinger an die Schulter stieß, »thut so, als ob er kein Spanisch verstünde und will seine eigene Frau nicht einmal kennen. Schelm – aber ist nicht hübsch,« setzte er kopfschüttelnd hinzu, »gar nicht hübsch.«
»Aber ich bin ja in meinem ganzen Leben noch nicht an dieser Küste gewesen,« rief Bill in Verzweiflung, während die junge Frau das Kind seiner Wärterin abnahm und ihm mit einem bittenden Blick entgegen hielt; »verdammt noch einmal, wenn man doch nun gar nicht verheirathet ist und soll dann auf einen Zug eine braune Frau und ein gelbes Kind kriegen.«
»Picaro, Picaro!« schüttelte aber der kleine Neugranadienser noch einmal, nachdem er ein paar Worte mit der Frau gesprochen: »Wie heißt Ihr?«
»Bill,« sagte der Matrose trocken, »oder William, wenn das deutlicher ist.«
»Gut – gut!« nickte der Kleine, »stimmt! – William ist Guillelmo. – Wo kommt Ihr her?«
»Von einem Wallfischfänger, der noch irgendwo in See herumschwimmt – der Teufel weiß, oder kümmert sich darum, wo.«
»Stimmt auffallend,« wiederholte aber der Neugranadienser, »und ist vollkommen richtig – auch dieser Señora Mann stammt aus einem Wallfischfänger, und wir können natürlich nicht wissen, Señor, was Euch früher bewogen hat, auszukneifen, so viel aber ist sicher: das Meer hat Euch wieder zurück in die Arme Eurer Frau geworfen, und unsere Gesetze sind darin viel zu streng und gewissenhaft, um einen Mann nicht zu verpflichten, auch für Weib und Kind zu sorgen. Nehmt also Euer Weib an den Arm, Freund, und geht ruhig mit ihr nach Hause; es ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«
»Verdammt will ich sein, wenn ich's thue,« rief aber auch Bill jetzt, der ebenfalls ärgerlich wurde; »was zum Henker schiert mich denn die Person? Ich habe mit dem braunen Frauenzimmer nichts zu thun und kann überhaupt gelbe Kinder nicht leiden.«
»Aber Bill,« sagte da Bob, dem die Sache ungeheuren Spaß zu machen schien, »das ist nicht hübsch von Dir, daß Du Deine Frau verläugnest – pfui, schäme Dich.«
»O, geh' zu Gras,« brummte Bill, der Neugranadienser aber rief: »Seht Ihr wohl? Eure eigenen Kameraden finden das schlecht, Señor. Wenn Ihr aber auch ein Fremder seid, sobald Ihr Euch in Neugranada verheirathet, steht Ihr unter unseren Gesetzen, und daß diese mit leichtfertigem Volk nicht spaßen, davon, dächte ich, hätten wir gestern ein Beispiel gehabt, wo hier in Buenaventura drei Mosqueraner erschossen wurden. Die Stadt ist in Belagerungszustand erklärt, und viel Umstände werden eben nicht gemacht.«
Noch während er sprach, hatte sich eine Menge Frauen jeder Farbe um das junge Weib gesammelt und mit Theilnahme ihren Bericht angehört, daß sie hier unter den Fremden ihren verloren gegangenen Mann wiedergefunden habe, der sie aber jetzt verleugne und nichts von ihr wissen wolle. Frauen nehmen unter solchen Umständen natürlich augenblicklich Partei, und es gibt Dinge, in welchen das schwache Geschlecht besonders stark ist.
»Was?« schrieen ein paar Negerfrauen, »so ein schlechter Kerl will nichts von seiner Frau wissen – und mit solch' einer Puppe von einem Kind, und thut auch noch, als ob er sie nicht einmal kennte? Ah, so ein Rabenvater! so ein Scheusal!«
Die Aufregung wuchs unter den Bewohnern; außerdem strömten immer mehr Soldaten hinzu, und das Ganze fing schon an den Charakter eines Volksaufstandes zu tragen, der für die Fremden die schlimmsten Folgen nach sich ziehen konnte. Der Bootssteuerer, der einmal in Panama ein paar Monate »becalmed«[1] gelegen und den hitzigen, jähzornigen Charakter des Volkes kannte, hatte bis jetzt kein Wort darein gesprochen. Nun aber schien es ihm doch Zeit, sich in's Mittel zu legen, und Bill's Arm ergreifend sagte er rasch und leise: »Kennt Ihr die Frau wirklich nicht, Mate?«
[1]: Becalmed, wenn ein Schiff wegen Windstille nicht segeln kann.
»Verdammt will ich sein, wenn ich sie je mit Augen gesehen habe!« rief der Matrose – »ich war ja in meinem ganzen Leben nicht in Südamerika, außer einmal acht Tage in Rio de Janeiro.«
»Dann ist es ein Mißverständniß, das sich lösen wird,« fuhr der Seemann fort, »jetzt aber macht keine Umstände – nehmt die Frau am Arm und geht mit ihr nach Hause; es wird sich Alles finden.«
»Na, das nehme mir aber Keiner übel,« rief Bill erstaunt aus. »Ich soll hier Familienvater spielen – und das mit dem gelben Balg –«
»Es hilft Euch nichts, Kamerad,« lachte aber der Bootssteuerer. »Wäret Ihr an Bord der Martha's-vine-yard geblieben, so hättet Ihr jetzt keine Frau.«
Die Bewegungen der Umstehenden wurden indeß immer drohender. Bill warf einen trotzigen Blick nach seinem Boot hinunter und schien nicht übel Lust zu haben, dort hinein zu springen und eine der Lanzen aufzugreifen; aber von denen waren sie schon abgeschnitten, denn eine Masse Volkes hatte sich zwischen sie und das Boot gedrängt, und wohin er auch den Blick warf, starrten ihm wilde, drohende Blicke entgegen. Den übrigen Matrosen wurde selber nicht wohl bei der Sache; was hätten sie auch, unbewaffnet wie sie waren, und außerdem erschöpft und abgemattet, gegen den Menschenschwarm ausrichten wollen! Selbst Bob redete jetzt dem Kameraden zu, sich in das Unvermeidliche zu fügen, und als sich die Frau, in der Angst, daß sie dem Mann etwas zu Leid thun könnten, jetzt noch einmal an seine Brust warf und ihn dringend bat, mit ihr zu kommen, rief er in komischer Verzweiflung aus:
»Well, ob das nicht zu toll ist – aber meinetwegen denn, Jungens, wenn's nicht anders sein kann. So komm', Alte, und vergiß auch den saffranfarbenen Jungen nicht – es ist nur wegen der Couleur, und eigentlich gefiele er mir noch besser, wenn er grün wäre –.« Damit nahm er den Arm der Frau in den seinen, und während ein Theil der Weiber noch über ihn schimpfte, ein anderer aber ihn lobte, daß er seinen Fehler eingesehen, zog Bill, von einer Schaar halb und ganz nackter Jungen gefolgt, seine neue Frau am Arm in die Stadt hinein.
»Hell!« sagte Tom, als er mit ihr wegging, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Das ist doch rein zum Todtschießen – und er kennt sie gar nicht?«
»I Gott bewahre!« lachte Bob – »das Kind ist höchstens acht oder neun Monat alt, und seit drei Jahren fahre ich jetzt mit Bill zusammen. Ehe wir auf die Martha's-vine-yard gingen, waren wir Beide auf einem Newyorker Packetschiff, das zwischen dort und Southampton fuhr, und ich weiß genau, daß dies seine erste Fahrt in die Südsee ist.«
»Wunderbar!« sagte Tom noch einmal, voller Erstaunen, »wie geschwind ein Mensch zu einer Frau kommen kann, und noch dazu gleich zu einer braunen.«
Es blieb ihnen aber nicht mehr viel Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn sobald sich die Menschenmenge überzeugt hatte, daß der Frau ihr Recht geschehen war, bekümmerte man sich auch um die übrige Mannschaft, die hungrig und durstig an ihre Küste gekommen war. Das gutmüthige Volk wollte sie jetzt erquicken, und man forderte sie nun von allen Seiten auf, mit in die Stadt zu kommen und zu essen und zu trinken. Bob aber wie der Bootssteuerer wollten das nicht eher thun, als bis sie auch ihr Boot, oder wenigstens was darin lag, gesichert hatten, denn Ruder wie Segel sind immer verführerische Dinge zum Stehlen, die man nicht über Nacht frei durfte draußen liegen lassen. Oben an der Landspitze sahen sie aber ein Wachtlokal der Soldaten, und ohne weiter Jemanden um Erlaubniß zu fragen, stiegen sie in ihr Boot, nahmen Ruder, Dollen und Segel heraus, zogen das Boot dann hoch auf den Strand hinauf und trugen das Geräth nun mit dem Uebrigen die Uferbank hinauf und in die Wacht hinein. Dort stellten sie es ein und waren nun bereit, ihren gastlichen Wirthen zu folgen, wohin man sie eben führen würde.
Viertes Kapitel.
Bill »zu Hause.«
Indessen hatte sich aber auch der Himmel dicht umwölkt und der »tägliche Regen« fing an einzusetzen, der in einem soliden Schauer – daß man gar keine Tropfen sah und nur feste Wasserschnüre zur Erde hingen – von oben niederschüttete. Die Straße selber bestand auch eigentlich nur aus weichem Schlamm, in dem sich die Eingebornen – wie die Krabben in ihren Manglarensümpfen – mit ihren bloßen Beinen ganz behaglich herumbewegten und darin zu Hause zu sein schienen; aber die Fremden bemerkten auch, daß selbst die Gebäude einem solchen Klima entsprechend aufgerichtet waren. Es sah aus, als ob die ganze Stadt in dem furchtbaren Morast auf Stelzen herumging, denn alle Häuser standen auf langen dünnen Pfählen und besaßen natürlich nur eine Etage, zu welcher dann eine schmale Leiter oder auch wohl nur ein rechts und links eingekerbter und angelehnter Baumstamm hinaufführte. Uebrigens wimmelte es in dem ganzen kleinen Ort von Soldaten oder wenigstens Bewaffneten, und da ihr Dolmetsch sie jetzt in seine eigene Wohnung führte, um sie dort, wenigstens für die erste Nacht, unterzubringen, erkundigte sich der Bootssteuerer nach der Ursache solch' kriegerischer Bewegung, die ihm auch mit wenigen Worten gegeben wurde.
Das Land war in Aufruhr – wie sich das eigentlich von selbst verstand, denn Neugranada, vor allen südamerikanischen Republiken, scheint die Revolution in Permanenz erklärt zu haben. Der Staat ist außerordentlich ausgedehnt, mit fast keinen Verbindungswegen im Innern, da die ewigen Regen den Boden stets aufgeweicht halten; dadurch scheiden sich die Interessen der Küstenstädte und des innern Landes auf das Schärfste ab, so daß der eine Theil stets Ursache zur Unzufriedenheit behält, sobald man sie unter ein Gesetz bringen will. Hat aber wirklich ein General oder Präsident einmal über die feindliche Partei gesiegt und das Land, wie er glaubt, erobert, und sich eben in einer großen Stadt festgesetzt, so bricht an einem andern Punkt sicher wieder eine neue Revolution los, und der Tanz beginnt von Frischem.
Dießmal hatte Mosquera, während er im Innern die Hauptstadt Bogota eroberte, durch ein paar kleine, zu Kriegsschiffen umgewandelte Küstenschooner die am Meeresstrand gelegenen Hauptplätze Neugranadas, Buenaventura und Tumaco besetzen lassen, und die Fahrzeuge waren dann wieder in See gegangen – angeblich um Panama zu nehmen; in Buenaventura wußte man wenigstens nichts Weiteres darüber. Sobald sich aber die Schiffe entfernt hatten, brachen die Godos oder Adlingen, die Gegenpartei Mosquera's, in einer starken Guerillabande aus dem Innern vor, besetzten Buenaventura, füsilirten eine Anzahl der obersten Beamten Mosquera's und brachten zugleich wieder einen Schwarm von Jesuiten in die Stadt, denen Mosquera das Land verboten hatte.
So standen die Sachen jetzt; die Godos waren Herren in Buenaventura, und als man heute das Boot anrudern sah, hatte sich das Gerücht verbreitet, Mosquera's Schiffe kehrten zurück. Man hielt es ja nur für einen Vorläufer der Flotte und fürchtete natürlich, in einen neuen Kampf verwickelt oder vielmehr zu einer neuen Uebergabe gezwungen zu werden, denn Kämpfe hatten eigentlich noch gar nicht stattgefunden, da die Bewohner von Buenaventura mit ihren schilfgedeckten Häusern weder eine Beschießung noch einen Sturm gegen solch' gefährliches Material abwarten durften.
Ueberhaupt herrschte eine große Unruhe in der Stadt, denn in diesen Zeiten, wo die Sieger oft in einem Monat zwei- oder dreimal wechselten, war Niemand seines Eigenthums, ja seines Lebens sicher, und gern hätten die friedlichen Bewohner der kleinen Stadt Mosquera oder Herran oder irgendwen – es blieb sich ja vollkommen gleich – zum Präsidenten angenommen, wenn damit nur Frieden und Ruhe gewesen wäre. Aber Gott bewahre – was half es ihnen, daß sie dem einrückenden Sieger freundlich entgegenkamen, und weiter nichts von ihm verlangten als Schonung der Stadt? Von der Gegenpartei wurde ihnen das als Verrath und Treubruch ausgelegt, und wenn sie sich wieder oben wußte, hielt sie sich auch in ihrem vollen Recht, Vergeltung zu üben, das heißt zu brandschatzen und zu plündern, ja sogar Einzelne erschießen zu lassen oder in's Gefängniß zu werfen.
Die Südamerikaner sind nun, was Revolutionen anbetrifft, ein außerordentlich langmüthiges Volk und eigentlich auch an Revolutionen so gewöhnt, daß sie dieselben als vollkommen natürliche Ereignisse betrachten. Diesmal aber wurde den Neu-Granadiensern die Sache doch zu arg, denn das Kriegsglück zwischen den beiden Parteien hatte zu oft herüber und hinüber geschwankt, und da Mosquera sich besonders ihre Sympathie gewonnen, so neigten sie schon im Innern weit mehr zu der sonst nicht eben sehr beliebten Militairherrschaft des alten tapfern Generals hinüber. Trotzdem mußten sie sich aber, wenigstens für die nächste Zeit, den Umständen beugen und gegen die gerade siegreichen Godos freundlich sein, wenn sie sich nicht deren Rache und Uebermuth aussetzen wollten.
Die Ankunft der fremden Matrosen war übrigens dem gerade bestehenden Regiment nicht unangenehm, denn fünf kräftige Fremde, die besonders gut mit Schießwaffen umzugehen wußten – wie man das von Europäern oder Amerikanern immer voraussetzt – konnten ihnen in einem vielleicht bald wieder bevorstehenden Kampf von größtem Nutzen sein, besonders wenn je wieder einer der kleinen Schooner ansegeln und die Stadt bedrohen sollte. Deshalb zeigten sich die Behörden auch freundlich gegen sie, und Don Manuel, wie ihr kleiner Dolmetsch genannt wurde, war angewiesen worden, ihnen reichlich Speise und Trank zu geben und ein Haus zum Schlafen anzuweisen. Daß sie bei den Godos Dienste nehmen würden, verstand sich von selbst. Was wollten auch verschlagene Matrosen, mit keinem Real Geld in der Tasche, ohne Kleidung und sonstigen Unterhalt anders machen? Sie mußten froh sein, wenn sie gleich einen Platz fanden, auf dem sie sich ihr Brod verdienen konnten.
In einer höchst wunderlichen Position fand sich indessen Bill, der Matrose, der, wie er glaubte, hier gewissermaßen als Opfer fiel, um die Uebrigen zu retten, und deßhalb seine Gatten- und Vaterschaft ruhig mußte über sich ergehen lassen.
Bill, ein baumstarker Bursche mit ein paar Fäusten, mit denen er einen Ochsen hätte können zu Boden schlagen, besaß übrigens bei einer großen Quantität Gutmüthigkeit, die allen starken Leuten eigen ist, auch eben genug Humor, um das Komische seiner Lage einzusehen, und schien selber neugierig zu sein, wie sich das Ganze entwickeln würde. Wie er vermuthete, so mußte er eine fabelhafte Aehnlichkeit mit jenem Andern haben, der hier seiner Frau davongelaufen war; das schien ihm wenigstens das einzig Wahrscheinliche, wenn es auch ein unendlich wunderlicher Zufall blieb, daß er dann gerade an diesen Punkt der Küste geworfen werden mußte, um der verlassenen Frau in den Weg zu rennen – und nicht einmal verständigen konnte er sich mit ihr.
Indessen sah er sich in einem Geleit von einigen zwanzig Frauen, die ihn alle zu seiner neuen Wohnung begleiten wollten; auch eine Menge Soldaten und andere Neugierige hatten sich dem Zug angeschlossen, und er fühlte dabei recht wohl, daß er gute Miene zum bösen Spiel machen mußte, wenn er sich nicht lächerlich machen wollte. Lange konnte das Mißverständniß ja doch überdies nicht dauern – aber seine neue Frau überraschte ihn noch mit einer frischen Zumuthung. Kaum waren sie nämlich die entsetzlich schlammige Straße etwa zweihundert Schritt hinabgegangen und zu einer Stelle gekommen, wo dieselbe um eine Art Hügel bog, als sie ihren Begleiterinnen einige Worte zurief und ihm dann ohne Weiteres das Kind in den Arm legte.
Dagegen wollte Bill nun allerdings auf das Entschiedenste protestiren, da war es ihm plötzlich, als ob ihm die Frau leise auf Englisch zuflüsterte: be silent (sei ruhig), und ehe er sich von seinem Erstaunen erholen konnte, hatte er richtig den kleinen gelben Jungen auf dem Arm, während die Eingeborne, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, seitab und in eines der Häuser hineinglitt.
»I'll be damned,« murmelte der Matrose wieder in den Bart und blieb verdutzt mitten im Schlamm mit seiner kleinen Last stehen. Er sah sich auch im Kreise um, weil er nicht anders glaubte, er würde jetzt von den Umstehenden auf das Schmählichste ausgelacht werden. Seine Kameraden aber, bei denen ihm das sicherlich geschehen wäre, befanden sich nicht in der Nähe, und die gegenwärtigen Damen schienen das Alles so in der Ordnung zu finden, daß keine von ihnen auch nur eine Miene verzog. Sie bedeuteten ihn, nur ruhig fortzugehen, und gaben ihm durch Zeichen zu verstehen, daß seine Frau augenblicklich wiederkommen und ihnen folgen würde.
»Be silent?« hatte denn die Frau wirklich die Worte gesagt, oder er nur einen ähnlichen Klang der fremden Sprache damit verwechselt? »Be silent?« die Warnung wollte ihm nicht aus dem Sinn, während er, fast ohne zu wissen, was er hielt, das fremde, ihn erstaunt ansehende Kind im Arm die Straße entlang ging. Jetzt stockte der Zug. Vier Geistliche in langen schwarzen Röcken, die sie aber in dem Schlamm hochaufgeschürzt trugen, waren ihnen begegnet und hatten sich jedenfalls erkundigt, was diese wunderliche Prozession bedeute. Die Frauen erzählten denn auch bereitwilligst das Geschehene, und die frommen Herren nickten dazu höchst bedeutungsvoll mit den Köpfen. Einer von ihnen richtete auch ein paar Worte an den Matrosen, fand aber hier wenig Aufmerksamkeit.
»Go to grass!« brummte Bill in den Bart, und ohne Notiz von dem schwarzen Trupp zu nehmen, verfolgte er seinen Weg, dessen Ziel er gar nicht kannte; die Frauen holten ihn aber bald wieder ein, und auch das junge Weib, seine Frau, kam ihnen nachgesprungen und hielt in dem einen Arme ein paar Flaschen, während sie in der andern Hand einen Korb mit allerlei Gegenständen trug, die Bill's Herz viel milder gegen sie stimmten. Er bemerkte da mit einem flüchtigen Blick eine Büchse Sardinen, Früchte, Chokolade mit einem großen Stück Käse, auch feinen Schiffszwieback und noch mehr andere, in Papier gewickelte Dinge, und da er gerade genug Hunger hatte, um einem jungen Wolf keine Schande zu machen, lief ihm schon das Wasser bei der voraussichtlichen guten Mahlzeit im Mund zusammen.
Jetzt schienen sie aber auch das eigentliche Ziel ihrer Wanderung erreicht zu haben, ein kleines ganz neues Haus am äußersten Ende der Stadt, das ebenso wie die übrigen auf neun Pfählen stand, mit eingekerbtem Baumstamm als Leiter, und oben so dünn und luftig gebaut wie nur irgend möglich.
Dort hinauf kletterte auch die junge Eingeborne gewandt hinan, während Bill bedenklich unten am Baumstamm stehen blieb, denn mit seiner kleinen Last und den vom Schlamm schlüpfrigen Schuhen getraute er sich, da der Baumstamm nicht einmal befestigt war, sondern nur locker an dem unteren Balken lehnte, nicht einmal hinauf. Eine der Frauen nahm ihm aber das Kind ab und trug es, und etwas langsamer als sie, folgte er ihr jetzt – immer noch kopfschüttelnd, denn er wußte nicht, wie dies Abenteuer enden würde, und kam sich auch höchst unbehaglich in dem Geleite all' der Weiber vor.
Uebrigens schien die ganze Gesellschaft, die sie hierher begleitet hatte, eingeladen zu sein, denn Eine nach der Andern – wenigstens alle weiblichen Individuen, folgten auf dem schwanken Steg, ja selbst ein paar von den Soldaten, neugierige Bursche, die sich da oben doch auch einmal umschauen wollten, stiegen mit hinan, bis der Raum endlich gedrängt voll Menschen stand, und Bill in der That schon befürchtete, der leichte Boden von gespaltenen jungen Palmen würde die übergroße Last kaum tragen können. Das elastische, wenn auch dünne Holz hielt aber vortrefflich, ob es sich auch unter dem Gewicht bog, und einige der Frauen beschäftigten sich jetzt damit, ein Feuer auf dem kleinen Herd anzumachen, während Andere das Kind in einer von den Dachbalken niederhängenden Hängematte unterbrachten.
Auch der männliche Besuch schien sich nützlich machen zu wollen, denn Einige von ihnen kletterten wieder nach unten und kamen bald darauf mit kleingespaltenem Holz zurück, das sie aber jedenfalls mußten irgendwo gestohlen haben, denn in der unmittelbaren Nähe der Stadt war alles derartige Brennmaterial schon lange verbraucht. Das Feuer loderte auch bald lustig empor und ein Topf, um Chokolade darin zu kochen, war angesetzt.
Und wie das schwatzte und schnatterte um ihn her, und Alles in der unglückseligen Sprache, von der Bill kein Wort verstand. Niemand bekümmerte sich dabei um ihn, und einmal kam ihm wohl der Gedanke, leise und vorsichtig die Leiter wieder hinabzusteigen und den ganzen Schwarm sich selber zu überlassen – aber was hätte es ihm geholfen, sie würden ihn bald wieder überholt und zurückgebracht haben, und Gewalt – wenn er auch die Kraft in sich fühlte, es mit einem oder ein paar Dutzend dieser ausgemergelten braunen Bursche aufzunehmen, gegen die ganze Stadt konnte er ja doch allein nicht ankämpfen, und ein solcher Versuch hätte seine Lage jedenfalls verschlimmert. – Abwarten – es blieb ihm nichts Anderes übrig, und mit Aussicht auf eine gute Mahlzeit beschloß er denn auch, dem Verhängniß ruhig die Stirn zu bieten.
Unbehaglich war es ihm freilich mit den vielen Menschen hier oben, von denen sich nicht einmal einer um ihn bekümmerte. Ja er schien sogar überall im Wege zu sein und wurde bald da- bald dorthin geschoben, ohne daß selbst »seine Frau« auf ihn geachtet oder ein weiteres Wort an ihn gerichtet hätte. Was würde ihm das auch freilich geholfen haben, er verstand sie ja doch nicht – und nicht einmal einen Platz zum Sitzen konnte er finden, denn in der Hängematte lag das kleine gelbe Ding, das sich übrigens in all' dem Lärm und Wirrwarr merkwürdig ruhig verhielt und mit den großen dunklen Augen nur erstaunt umherblickte. Manchmal wurde es auch gestoßen und schaukelte dann eine Weile hin und her, aber es schrie nicht und schien das Ende dieses Lärmens ebenso geduldig und resignirt abzuwarten wie der ihm kürzlich zugetheilte Vater Bill.
Endlich – endlich machte wenigstens ein Theil der zudringlichen Gäste Anstalt zum Gehen. Draußen ertönte ein Trompetensignal, und die Soldaten sprangen die Leiter hinab um zu sehen, was es da gebe. Auch die Mahlzeit war so weit vorgerückt, daß ein kleiner Tisch gedeckt werden konnte. Jetzt nahmen auch die Frauen Abschied, erst einzelne, dann mehrere zusammen – nur eine Negerin, ein großes stämmiges Frauenzimmer von Rabenschwärze, kauerte noch am Herd und machte keine Miene den Platz zu räumen.
Bill's Frau schien sich aber noch immer nicht um ihn zu kümmern und stand, während die Negerin auf den Herd Achtung gab, oben an ihrer »Treppe,« um sich noch mit den unten einen Augenblick verweilenden Damen zu unterhalten, bis ein plötzlich einsetzender Regenschauer jede solche Unterhaltung abbrach. Der Besuch mußte selber eilen, um unter Dach und Fach zu kommen.
Bill hatte indessen Zeit und Gelegenheit gehabt, die junge Frau näher zu betrachten, und mußte sich gestehen, daß es wirklich ein reizendes Wesen sei. Sie war allerdings braun und möglicher Weise eine reine Indianerin, obgleich auch Viele der Mischlingsrasse die nämliche Färbung tragen, aber von zartem und doch vollem Gliederbau, mit langem, weichem, gelocktem, vollkommen schwarzem Haar und großen dunklen Augen, gerade wie sie das Kind auch hatte, die von mächtig langen Wimpern überschattet wurden. Sie ging dabei sehr einfach, ja fast ärmlich in ein dunkles, an vielen Stellen schon zerrissenes Kattunröckchen gekleidet, und doch bewegte sie sich in demselben mit Anstand, und Bill selber war erstaunt über das fast würdevolle Benehmen, mit dem sie ihre zudringlichen Besuche verabschiedete.
Jetzt wandte sie sich zu ihm, und der sonst so kecke und zuversichtliche Matrose gerieth wirklich in Verlegenheit, wie er sich gegen die junge Frau benehmen solle, die er da drunten am Strand nichts weniger als freundlich angelassen hatte – und dann die zwei englischen Worte, die sie ihm zugeflüstert. Sie selber schien aber nicht zuversichtlicher als er, denn noch an der Schwelle blieb sie stehen und warf wie scheu den Blick zurück und umher in dem jetzt leeren Raum, als ob sie sich erst noch einmal überzeugen wolle, daß sie wirklich allein seien. Erst jetzt ging sie auf den Matrosen zu und ihm die Hand entgegenstreckend sagte sie mit vor innerer Bewegung gepreßter Stimme, aber in vollkommen gutem, reinem Englisch: »Was müßt Ihr von mir denken, Fremder, daß ich Euch auf solche Weise in mein Haus geführt?«
»I'll be« – Bill verschluckte das rauhe Wort, das ihm, alter Gewohnheit nach, unwillkürlich herausschlüpfte, denn er war wirklich überrascht. Erstlich erstaunte er über das fertige Englisch, das die braune Frau sprach, und dann wäre es ihm vielleicht nicht einmal so unangenehm gewesen, wenn sie ihn jetzt noch etwas länger als ihren Mann behandelt hätte. Fast ohne daß er es selber wußte, flog auch sein Blick nach der am Herd kauernden Negerin hinüber; die junge Frau aber, der das nicht entging, sagte rasch:
»Wir haben nichts zu fürchten – Sarah ist eine treue Freundin und versteht, was wir sprechen. Aber vor Allem bin ich Euch eine Erklärung über mein wunderliches Verhalten schuldig, und die will ich so kurz fassen, wie nur irgend möglich – Setzt Euch – Ihr werdet von Eurer langen Fahrt hungrig und ermattet sein, und darin wenigstens kann ich Euch helfen – Sarah, laß uns das Essen haben, wenn es fertig ist – Setzt Euch, Freund!«
Bill sah sich etwas verlegen in dem Haus um – es war keine Spur von irgend einem Stuhl zu entdecken, und der gedeckte Tisch, der mitten im Haus stand, höchstens einen Fuß hoch vom Boden. Die junge Frau aber ließ sich ohne Weiteres daneben auf einer kleinen Matte nieder, und der Seemann, mehr um nicht unhöflich zu sein, als weil es ihm etwa bequem gewesen wäre, folgte ihrem Beispiel.
»Aber, Madame,« sagte er dabei, indem er sie selber verlegen halb lächelnd von der Seite ansah, »haben Sie mich denn wirklich für Ihren Mann gehalten?«
Ueber die lieben Züge der jungen Frau flog ein leises, wehmüthiges Lächeln, als sie erwiederte: »Wenn Sie meinen Gatten kennten, würden Sie das nicht für möglich halten, denn er ist viel kleiner wie Sie und hat rabenschwarze Haare und dunkle Augen.«
»Ja, aber da – nehmen Sie es mir doch nicht übel –«
»Ah bitte, hören Sie mich erst an,« bat die Frau, »Sie sollen ja Alles wissen, Alles erfahren und werden mir dann gewiß nicht böse sein.«
»O,« sagte Bill gutmüthig schmunzelnd, »ich – ich bin gar nicht böse und – wenn es nicht anders sein könnte –«
»Ich weiß nicht,« unterbrach ihn aber die Frau, »ob Sie die traurigen Verhältnisse unseres Landes kennen. Der Bürgerkrieg wüthet auf das Furchtbarste darin, Revolution folgt auf Revolution, und während ehrgeizige Menschen unaufhörlich die Leidenschaft des Volkes aufstacheln, fließt unschuldiges Blut in Strömen, und brave, ruhige Menschen werden unglücklich und elend gemacht.«
»Eine schöne Wirthschaft scheint hier zu sein,« nickte Bill, die Erzählung interessirte ihn aber doch nicht so sehr, als daß er nicht auch zugleich einen verlangenden Blick nach dem Herd hinüber geworfen hätte, und die junge Frau, die es bemerkte, sagte rasch: »Wie ist es mit dem Essen, Sarah, unser Gast ist hungrig.«
»Es ist fertig,« erwiederte die Negerin, »wir können anfangen.«
»Wenn Sie denn nichts dagegen haben,« meinte Bill, indem er aufstand, »so darf ich mir wohl den Tisch ein Bischen an die Wand rücken, ich breche mir sonst hier das Kreuz mit Krummsitzen ab – so,« fuhr er fort, indem ihm die Frau rasch willfahrte und er den kleinen Tisch hinüberhob und sich wieder daneben niederließ, »jetzt geht es schon ein ganz Theil besser, wenn man sich anlehnen kann – die Wand wird sich doch nicht hinausdrücken?« – Die elastische Wand hielt aber, und da die Negerin jetzt auch das Essen: Reis mit darin gekochtem Wildpret, Sardinen, Brod, Früchte und Käse auf den Tisch setzte, und die Flasche Wein mit einem Glas dazu stellte, ließ sich Bill nicht lange nöthigen und griff wacker zu.
Die Frau indessen, die, wie es schien, nur aus Artigkeit ein paar Bissen verzehrte, was aber an dem Matrosen spurlos vorüberging, fuhr leise fort: »Wir sind in der That hier recht unglücklich in Neu-Granada, und nur die Hoffnung, daß Mosquera, der schon fast an allen Punkten siegreich gewesen ist, endlich diesem Treiben ein Ende machen würde, hatte uns bis jetzt noch aufrecht erhalten. Wir lebten auch in einem kleinen Städtchen, Karthago genannt, und oben in den Kordilleren so zurückgezogen und entfernt von dem eigentlichen Kriegsschauplatz, daß wir wenig von den steten Unruhen hörten. Mein Mann, ein geborner Venezuele, war Alkalde im Ort und mit der Mehrzahl der Bevölkerung Mosquera ergeben, der nur ein einziges Mal mit seinen Truppen durchzog und von uns auf das Freundlichste empfangen wurde. Da plötzlich, als er sich eben nach Bogota gewandt, um dort den Herd der Rebellion zu ersticken, brach eine starke Guerillabande der Godos aus den Bergen nieder, überfiel Karthago, plünderte und brandschatzte die Stadt, beging außerdem eine Menge Grausamkeiten und schleppte einen Theil der unglücklichen Beamten, unter ihnen meinen Gatten, mit sich fort und hier an der Küste hinunter, wo sie Buenaventura in gleicher Weise überfielen und besetzten.
»Zufällig war ich selber gerade an dem Tag, an welchem Karthago genommen wurde, bei Freunden auf dem Lande. Denken Sie sich mein Entsetzen, als ich zurückkehre und unsere Heimath verwüstet und Leichen überall umher gestreut finde. Es war ein schwacher Trost zu hören, daß mein Gatte nur gefangen sei, denn mit unmenschlicher Grausamkeit hatten sie die Gefangenen behandelt. In rohe Häute genäht – um den Zurückbleibenden Entsetzen einzuflößen – waren sie aus der Stadt hinausgeschleift worden. Ob sie noch lebten, wer konnte es sagen, und in Todesangst um den Geliebten folgte ich den Spuren der Mörder. Welche furchtbare Zeit ich damals durchlebt, ich könnte es nicht schildern, und will auch Ihre Geduld nicht ermüden, aber von Niemanden gekannt, erreichte ich Buenaventura und fand hier nur eine Freundin – meine alte Sarah dort, die früher in dem Haus meiner Eltern gewesen. Mit ihrer Hülfe erfuhr ich auch – während mein Name streng geheim gehalten wurde – daß mein Gatte noch lebe, aber fest im Kerker und geschlossen liege, und die Räuber unter sich nur noch nicht einig seien, ob sie ihn wie Andere, die man mit den Waffen in der Hand ergriffen, erschießen wollten, oder ob er langsam in seinem Kerker verderben solle.«
»Hm,« brummte Bill, dem die Erzählung höchst wunderbar vorkam, während er aber noch immer nicht begriff, was für eine Ursache die junge Frau gehabt haben konnte, ihn vor allen Andern als ihren Mann herauszugreifen und mitzuschleppen. »Das scheint ja recht hübsch hier zuzugehen. Und giebt es denn da gar keine Obrigkeit?«
»Du lieber Gott,« sagte die junge Frau, »die Behörden haben keinen eigenen Willen, und wo die Godos herrschen, setzen sie auch ihre eigenen Beamten ein. Es sind lauter Verräther an ihrem Vaterland, und welche Rücksicht würden sie auf ein armes, schwaches Weib nehmen!«
»Ja aber –« sagte Bill, der jetzt fertig gegessen und getrunken hatte und sich in einer viel wohlwollenderen Stimmung fühlte. Er empfand mit dem Unglück der bildhübschen jungen Frau ihm gegenüber wirkliches Mitleid, wenn er auch nicht recht begriff, wie und auf welche Art er ihr helfen könne – »das ist soweit recht gut – oder eigentlich wollte ich sagen recht niederträchtig, denn das muß ein schönes Gesindel sein, das mit Morden und Rauben im Lande herumzieht; aber was um Gotteswillen kann ich dabei thun? Ja, wenn wir ein amerikanisches Kriegsschiff hier hätten, so ließe sich noch eher ein Wort darüber reden, aber wir paar Matrosen, was wollen wir gegen die ganze, mit Musketen und Lanzen bewaffnete Bande anfangen? Hinausjagen können wir sie doch nicht, und sie schössen uns einfach vor den Kopf.«
»Und doch stehen den Fremden so viel Mittel zu Gebot, die uns vielleicht helfen können,« sagte die junge Frau mit angstbewegter Stimme. – »Ach, als ich Euch an unserer Küste landen sah und dabei wußte, wie ich hier, in meinem eigenen Vaterlande, keinen einzigen Freund, keinen Beschützer hatte, der es wagen würde, sich der Armen, Verlassenen anzunehmen, da war es mir, als ob Gott selber Euch zu meiner Hülfe gesandt, und nicht im Stande, den Fremden zu nahen, ohne Verdacht zu erregen, griff ich zu dem vielleicht unweiblich scheinenden, aber auch verzweifelten Mittel, Eure Hülfe zu erbitten. Darin wußte ich, daß mir die Neu-Granadienser beistehen würden, denn es ist schon oft vorgekommen, daß Fremde an dieser Küste ein Weib genommen und sie dann verlassen haben, um in ihre eigene Heimath zurückzukehren, und nur so konnte ich unverdächtigt mit Euch Verkehr unterhalten und die Mittel bereden, meinen Gatten und Alle, die noch halbverschmachtet in dem hiesigen Kerker ein elendes Dasein fristen, ja in steter Todesgefahr schweben, vielleicht zu befreien.«
»Aber, beste Frau,« sagte Bill jetzt wirklich verlegen, denn sein gutes Herz hätte ihr gern geholfen, wenn er auch nicht die Möglichkeit eines Gelingens sah – »wie in aller Welt sollen wir paar Menschen das erreichen, wenn wir die ganze Stadt dabei gegen uns haben?«
»Aber die ganze Stadt ist nicht gegen uns!« rief die junge Frau rasch – »hier meine treue Sarah hat mich wieder und wieder versichert, daß Buenaventura im Herzen Mosquera anhängt und mit Freuden das Joch der Godos abschütteln würde, sobald sie nur die geringste Aussicht auf Erfolg sähen. Wir sind auch nicht ohne Nachricht von draußen. Sarah's Neffe, ein braver tüchtiger Bursche und ein treuer Anhänger Mosquera's, war nach der Einnahme Buenaventuras zu den Freunden geflohen und hat Mosquera selber die Nachricht von dem feigen Ueberfall der Godos gebracht, wie auch von dem General die Versicherung erhalten, daß er ihm auf dem Fuße folgen würde, um die Stadt zu entsetzen und die Verräther zu züchtigen. Er ist gestern erst zurückgekehrt, um uns die frohe und hoffnungsreiche Kunde zu bringen.«
»Na,« sagte Bill vergnügt, »dann ist ja Alles in Ordnung und die Sache macht sich von selber.«
»Aber die Godos,« fuhr die Frau fort, »müssen durch ihre Spione wohl auch Verdacht geschöpft haben, daß sie in ihrer jetzigen Stellung bedroht werden könnten, denn sie arbeiten seit heute Morgen an festen Verschanzungen, um die Stadt von der Landseite her uneinnehmbar zu machen, und die ersten Opfer, die bei einer Belagerung fallen, sind jedenfalls die unglücklichen Gefangenen, damit diese nicht später als Ankläger gegen sie auftreten können.«
»Dann sind wir wieder so weit wie vorher,« seufzte Bill, »denn wenn uns die Mosquera-Bursche nicht helfen, können wir die verfluchten Kerle doch hier drinnen nicht allein beim Kopf nehmen.«
»So bin ich verloren,« stöhnte die arme junge Frau, und während ihr die großen hellen Thränen an den Wangen niederliefen, senkte sie das Haupt und faltete verzweifelnd die Hände im Schooß.
Bill hatte, wie schon bemerkt, ein gutes, weiches Herz, und er konnte besonders keinen Menschen weinen sehen – die Schiffsjungen vielleicht ausgenommen, die nur auf der Welt zu sein schienen, um schlecht behandelt zu werden – und selbst derer hatte er sich manchmal angenommen. Aber daß das arme junge Wesen da vor ihm Thränen vergießen sollte – Thränen, weil er ihr in ihrer Noth nicht beistehen wollte, schnürte ihm ordentlich die Brust zusammen. Er konnte es auch nicht lange mit ansehen, sondern seine breite, wetterharte Hand ihr über den Tisch hinüberreichend, sagte er gutmüthig: »Weinen Sie nicht, Madame – thun Sie's mir zu Liebe und weinen Sie nicht. Noch ist nicht Alles verdorben und ich weiß jetzt, wo's fehlt. Den Teufel auch – entschuldigen Sie, wenn mir manchmal so ein häßliches Wort herausfährt, an Bord lernt man nicht viel weiter – meine shipmates sind auch noch vier kräftige Bursche, und wer weiß, was sich noch Alles thun läßt. Außerdem haben wir das Boot und – für jetzt freilich kann man nichts versprechen, man muß eben sehen, was kommt. Aber wissen möcht' ich nur, wo das Gefängniß ist, damit man sich im rechten Augenblick nicht erst danach erkundigen muß.«
»Sarah soll Sie nachher, wenn Sie zu Ihren Kameraden zurückgehen, begleiten,« sagte die junge Frau, »und an dem Platz vorüberführen – aber Sie trinken ja gar nicht. Schmeckt Ihnen der Wein nicht?«
»Aufrichtig gesagt bin ich das saure Zeug nicht recht gewöhnt,« sagte Bill etwas verlegen. »Für den Durst ist es wohl gut, es schnürt Einem den Magen zusammen – ein Glas Grog wäre mir lieber.«
Die Frau rief der Negerin Etwas auf Spanisch zu, diese hatte aber schon die andere Flasche ergriffen und geöffnet, und reichte sie jetzt dem Matrosen. Bill roch auch nur daran, als er schon vergnügt ausrief: »Famoser Brandy, by Jingo! Das lass' ich mir gefallen!« und sich ein Glas mischend trank er es auf das Wohl der jungen Frau.
Indessen fing das Kind an zu schreien, mit dem sie sich beschäftigen mußte, und Bill war aufgestanden. Auch die Negerin warf sich ein Tuch um den Kopf, um ihn zu begleiten. Bill hatte aber noch etwas auf dem Herzen – er wollte irgend eine Frage stellen, die er sich jedenfalls scheute auszusprechen – ja er wurde ordentlich verlegen und räusperte sich ein paar Mal, sah auch nach der Frau hinüber und dann wieder nach der Treppe. Die junge Eingeborne merkte es endlich und sagte freundlich: »Sie wollen noch etwas von mir! o bitte, sprechen Sie es aus. Was ich für Sie thun kann, soll ja so gern geschehen.«
»Ja, Madame,« sagte Bill, dadurch nicht gebessert – »zuerst – möchte ich Sie um Ihren Namen bitten. Ich muß doch eigentlich wissen, wie – wie meine Frau heißt.«
»Candelaria,« lautete die Antwort, »mein Vorname, – der Name meines Mannes darf hier nicht genannt werden.«
»Hm, ja – und dann – merkwürdig, wo Sie das gute Englisch gelernt haben – es klingt ordentlich natürlich.«
»Mein Gatte hatte lange mit einer englischen Familie in Venezuela zusammengelebt, und als er später nach Neu-Granada kam und mich kennen lernte, lehrte er mich das Englische. Ja es wurde selbst in Karthago, wo wir einen Franzosen fanden, der ebenfalls desselben mächtig war, fast nur Englisch in unserem Hause gesprochen. Armer Robert – wer weiß, was aus ihm geworden ist, denn er hatte sich, wie ich hörte, den Godos mit den Waffen in der Hand widersetzt und war entweder getödtet oder gefangen genommen.«
»Ja, Madame,« sagte Bill, mit seinen Gedanken aber jedenfalls weit abschweifend, »ja wohl – aber – aber – wenn es nun Abend wird, so – so muß ich doch wieder hierher zurückkommen, denn – denn sonst –«
»Gewiß – gewiß,« sagte die junge Frau unter ihren Thränen lächelnd, während sich aber doch hohe Röthe über ihr liebes Antlitz ergoß – »Sie müssen nun schon mein Gast bleiben. Sarah wird Ihnen Ihr Lager dort in der Hängematte zurecht machen. Die Leute in Buenaventura dürfen keinen Verdacht schöpfen.«
»Gut,« nickte Bill vergnügt vor sich hin, denn es war ihm mit der Erledigung dieser Frage jedenfalls ein Stein vom Herzen genommen – »merkwürdig nur, woher Sie wußten, daß ich Bill hieß –«
»Ich hörte Sie von Ihren Kameraden bei Namen nennen,« lächelte die Frau, »und Ihr Gesicht hatte etwas so Offenes und Ehrliches –«