The Project Gutenberg eBook, Nach Amerika! Sechster Band, by Friedrich Gerstäcker, Illustrated by Carl Reinhardt
Nach Amerika!
Ein Volksbuch
von
Friedrich Gerstäcker
Illustrirt von Carl Reinhardt.
Sechster Band.
| Leipzig, | Berlin, | |
| Hermann Costenoble, | Rudolph Gaertner, | |
| Verlagsbuchhandlung. | Amelang'sche Sort.-Buchhandlung. |
1855.
Inhalt des sechsten Bandes.
Capitel 1.
Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.
Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen verflossen; die heiße Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen gereift, und die Früchte und Beeren des Waldes mit süßem Saft gefüllt; durch die blaue sonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden seine stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich über die Wipfel des grünen Waldesdoms, in dessen Schatten die feisten Hirsche zu Rudeln zusammenstanden, und die jungen Truthühner in die Zweige hinauf flatterten, die ersten jungen Weinbeeren zu versuchen, die sich mit ihren Reben dort empor gerankt.
Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie sich das blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, die ein wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laubmeer ausgegossen, und die jetzt leise klopfend auf die gelbe, noch vorjährige Blattdecke des Bodens niederschlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholisch Lied, das wie das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gellenden Schrei eines aufstiebenden Falken gestört, dem der blaue Heher im Busch spöttisch den Warnungsruf nachäffte.
Wie das summte und schwirrte um Lianenblüthen und frisch aufkeimende Waldesblumen, von Bienen und Käfern, zwischen denen hin hie und da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, ein blitzender gold und grün schimmernder Kolibri gedankenschnell fast herüber und hinüber surrte, über einem duftenden honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren, schattengleich fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden war, daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein Summen an dem nächsten Blüthenbusch verrieth.
Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in der Jahreszeit, den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend Jedes sich die Hände reicht zum schönen Ganzen; wie selbst der morsche umgestürzte Baum, von wilden blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier gehört und nicht fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen von den tausenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme entgegenstrecken, die Lücke würde fühlbar, und der fallende Tropfen selbst schmückt das Blatt das er verließ mit höherem Glanz, und wird zur Perle wo er niederfällt.
Und doch ein Miston in der Harmonie — ein dunkler Fleck der da nicht hingehörte, der sich nicht wohl da fühlte und das Ganze störte — ein nasses, schmutziges, verdrießlich unzufriedenes Menschenbild, mitten im Wald, im freien schönen wundervollen Wald — Zachäus Maulbeere, vom Regen durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur durch bloßes Ansehn zu säuern.
»Ein Gottvermaladeites Land das,« lästerte er, sich erschöpft auf einen umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, das er in der Hand hielt, zusammenrollend und ausringend, »daß mich der Teufel plagen mußte nach diesem Gottvergessenen Staat zu gehn — Bäume — Bäume — Nichts als Bäume in der Welt — gerade in die Höh und gerade über den Weg. — Schönes Vergnügen das, wo man sich erst sein Schnupftuch ausringen muß, daß man sich damit abtrocknen kann — schwabben nannten sie's auf dem Schiff. Und jetzt sitz ich hier — keine Ahnung wo bin — keine Idee von einer Richtung — ein Scheerenschleifer im Wald — Maulbeere, Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? — war Dir zu wohl draußen zwischen den Ansiedlungen im Osten, zwischen dem Waizenbrod und Honig, eh? — mußtest geschwind machen daß Du hierher kamst, zwischen Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein — Schöne Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian — oben in dem verdammten Baum eingeklemmt gesessen, daß ich die Glieder nicht mehr rühren kann, und das Beest was da um mich her in den Bäumen geschrieen hat — daß ich nicht gefressen bin ist ein reiner Zufall. — Romantisch im Wald zu lagern eh? — wenn ich nur wenigstens den verdammten langhaarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem meinen Gift auszulassen — aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht trocken und behaglich in einem warmen Bett geschlafen, und am andern Morgen lügt er dann wie ein Leichenstein, schreibt von »Gesicht im Thau baden« und »Windsbraut die Schläfe kühlen« — na Dir möcht' ich einmal die Schläfe kühlen Du — Du Blattlaus, statt mit sechs, mit zwei schiefen Beinen. — Und der Herr Schultze — der selige Piepvogel mit einem Gesicht — wenn man's auf einen Stock schnitt, könnte man einen Hund damit prügeln, dem hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein müssen — hundemüde auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flügel und mit der wohlthuenden Überzeugung beim ersten Einnicken herunter zu fallen und den Hals zu brechen.«
»Das geschieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, mein Herzchen — was dumm ist muß geprügelt werden, und anstatt lieber den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben müde bin im Lande umherzuschieben, in den Mississippi hineinzufahren und umzudrehen, mußt Du auch noch Fährgeld dafür zahlen und damit herüberkommen, dann Wochenlang durch den heißen nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an einem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn sie Einem wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich und Gotteserbärmlich umzukommen.«
Maulbeere drückte sich nach diesem Selbstgespräch den alten aufgeweichten Hut fester in die Stirn, stemmte beide Ellbogen auf die Knie, stützte den Kopf in die Hände und starrte finster und mit dicht zusammengezogenen Brauen eine ganze Weile vor sich nieder.
Er sah auch traurig aus; — den grünen Rock trug er noch immer. Das Wild im Wald wechselt seinen Pelz oder sein Fell mit der Jahreszeit, der Vogel hat seine Mauser, die Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder säubert dabei ihr Kleid, das ihr der Schöpfer gegeben, nach besten Kräften, streicht Federn oder Haare glatt und fühlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn das geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedürfniß; wie die Katze die Nässe scheut, haßte er, vor allen anderen Elementen, das Wasser; Niemand hatte je gesehen daß er sich wusch; wenn das an Bord geschehen war mußte er es in der Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen Stellen geflickt und ausgebessert, trug er noch bis oben an die schwarze, matt glänzende Pferdehaarhalsbinde fest zugeknöpft, der alte Filz, der keine Façon mehr zu verlieren hatte, lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden befestigten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel, und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hosen niederhingen, schienen das einzig trag- und nutzbare am ganzen Menschen. Auch der blonde starre Bart hatte seit Wochen kein Rasirmesser gesehn, und das kurze semmelblonde struppige Haar hing ihm jetzt naß und in zusammenklebenden Streifen über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den defekten Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen Backen, auf denen sie lange Schmutzstreifen bildeten, in die Halsbinde laufen.
In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener Humor verlassen, und Maulbeere saß neben seinem Karren wie ein wild gewordener, der Civilisation abtrünnig gewordener Scheerenschleifer, Haß und Groll gegen die ganze Welt — die er überhaupt noch nie lieb gehabt — im Herzen.
Ein Schuß! — Zachäus fuhr in die Höh, als ob ihn die Kugel getroffen hätte, und horchte gespannt, nach welcher Richtung hin er das nächste Geräusch jetzt hören würde, als auch der Fall eines Körpers, nur wenige Secunden später, sein Ohr erreichte.
»Hallo! hupih! — hallo!« schrie er jetzt dorthin aus Leibeskräften, »he! hallo! hallo! hu — ih — ahoy!«
Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden Ton, dem gleich darauf der ermunternde Zuruf einer menschlichen Stimme folgte.
»Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur in dieser gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,« brummte Maulbeere vor sich hin, »fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als daß es so eine verdammte Rothhaut wäre, die eben solchen Hunger hätte wie ich. Aber einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie hier madennaß vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch einmal ein Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu bringen.«
Und wieder ließ er den Wald von seinem Geschrei ertönen, und nicht lange, so brach ein grau gestreifter, kräftig gebauter Hund durch die Büsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tüchtige Sätze gegen ihn an, und gab dann Standlaut.
Maulbeere, der seine besonderen Gründe hatte den Hund nicht gegen sich aufzubringen, konnte unter diesen Verhältnissen nichts anderes thun als sich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, so brachen und knackten die Büsche und ein Jäger, die Büchse auf der Schulter, einen eben geschossenen Truthahn, Kopf und Ständer mit Bast zusammengebunden, wie eine Tasche umgehängt, trat aus den Büschen und kam, die wunderliche Gestalt mit dem Karren dabei nicht wenig erstaunt betrachtend, auf Maulbeere zu.
»Hallo Fremder!« rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unser Arkansanischer Freund, »wie zum Henker seid Ihr mit dem Fuhrwerk da in die Gründorn-Flat gerathen?«
»Hineingerathen?« erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren seines hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch gelernt hatte, »fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe — hier in der Gegend wissen die Leute wohl gar nicht was ein Weg ist?«
»Oh doch,« lachte der Mann, der sich nicht satt sehen konnte an dem Fremden, »manchmal haben wir hier so schmale Dinger, die man, in Ermangelung besserer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her? — was habt Ihr da in der wunderlichen Maschine und wo wollt Ihr hin?«
»Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geschlafen habe und ob ich etwas zu essen haben wollte, wäre mehr Sinn d'rin,« brummte Maulbeere verdrießlich. »Wie weit ist's bis zum nächsten Haus?«
»Kaum eine Viertelstunde — wenn Ihr hier übernachtet habt, konntet Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören — wo habt Ihr geschlafen?«
»Wenn's Euch interessirt,« knurrte Maulbeere, »und Ihr den Spuren nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kasten hier aufgewühlt, dann kommt Ihr zuletzt zu einem Baum — irgend ein weitläufiger Verwandter von diesen hier — auf dem hab' ich gesessen!«
»Oben im Baum?« lachte der Jäger.
»Wenn ich drunter gelegen hätte fändet Ihr einen Theil meiner Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den anderen sauber verscharrt für eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.«
»Unsinn Mann — Ihr könnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde schlafen, und wenn Euch die Mosquitos und Holzböcke nicht auffressen, die Panther thun Euch Nichts.«
»So? — es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche Geschichte vorgeheult, heh?«
»Hahahahaha!« lachte Jack, »das wird eine Eule gewesen sein; in dieser Jahreszeit schläft sich's wundervoll im Wald.«
»Eule,« brummte Maulbeere verächtlich zwischen den Zähnen durch, »wundervoll im Wald schlafen — wer eine Leidenschaft dafür hat. Mir ist's lieber ich erfahre es erst am nächsten Morgen, wenn's in der Nacht geregnet hat.«
»Alle Wetter ja,« rief Jack gutmüthig, »Ihr seid durch und durch naß — es hat die Nacht wohl stark geregnet? und wir zu Hause haben nicht einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt es nur hier herüber mir nach.«
»Wenn ich nicht fest damit säße hätte ich mich nicht hier häuslich niedergelassen,« erwiederte der Scheerenschleifer mürrisch — »das Dornenwerk hält wie Ankertaue.«
»Da wollen wir leicht Bahn hauen,« lachte Jack, sein langes schweres Jagd- oder Bowiemesser aus dem Gürtel nehmend, und die Dornen ringsum mit leichten Schlägen durchhauend, »so — so — so — jetzt versucht's einmal, gleich da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den Reitweg kommen, und dann habt Ihr freie Bahn — gehts?«
»Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den Kasten abzukaufen,« sagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Versuch machend, »so gebe ich mein Geschäft auf und gehe unter die Millionaire — hol der Teufel das Scheerenschleifen.«
Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier Ansätzen den schweren eingesunkenen Karren nicht vorwärts brachte, dann ging er rasch auf einen jungen Papaobaum zu, von dem er die Rinde, so hoch er hinaufreichen konnte, mit seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein Seil daraus drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber vorspannte.
»So — nun noch einmal — a hoy — alle zusammen!«
»Ahoy!« rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von den beiden Männern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem schmalen Pfad, und diesen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere allein fortbringen konnte.
Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht auf ein warmes Feuer und Essen, wie auf eine heiße Tasse Kaffee aber gesprächiger, erzählte dem Jäger welcher Art sein Geschäft sei, was er thue und treibe und wie er sein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten schon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten Schilderungen der westlichen Staaten verführt worden sei auch hier sein Glück zu versuchen, wo er sich jetzt die größte Mühe geben werde, so rasch als möglich wieder fortzukommen.
Jack Owen amüsirte sich ungemein über die wunderliche mürrisch-drollige Ausdrucksweise des Mannes, dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte, daß er sich hätte zu keiner glücklicheren Zeit in diese Gegend verirren können, als gerade heute, da sich fast das ganze County in der Nähe der Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer sogenannten Camp-Meeting (eine fromme Zusammenkunft im Freien) versammelt sei, während zu gleicher Zeit von dem Gouvernement des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.
Maulbeere horchte hoch auf — von den Camp-Meetings des Westens hatte er schon so viel gehört, daß er selber gespannt war einer derselben beizuwohnen, und Leute die sich bei einer solchen Versammlung einfanden, führten auch stets Geld bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen verschiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was da sonst noch für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von solcher Gelegenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehn, und daß er sie nicht versäumen würde, fest entschlossen.
Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übrigens keine Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, seine alte Reisegefährtin, mit ihr in so genauer Beziehung gestanden, und eine Masse Menschen lagerten um zahlreiche dort entzündete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an der Gluth, und gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges, fröhliches Aussehn — und wie ernst doch war der Zweck der sie hier versammelt.
Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, galopirte Soldegg nach Little Rock zurück und — klagte nicht etwa gegen die Farmer und Squatter von Arkansas, er war zu klug dazu, und wußte was ihm selber geschehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgültigen von Olnitzki selber gezeichneten Papiere, die den Verkauf seiner Farm wie seines sämmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen sonst schlauen und durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus den östlichen Staaten hierhergekommenen Burschen, für den halben Werth gegen baar Geld, womit er Arkansas verließ.
Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres nach Oaklandgrove hinüber, sein Eigenthum in Besitz zu nehmen, fand sich aber hierin getäuscht, erfuhr daß Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen der Nachbarn etwas zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt habe, die der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn es übernommen hätten die Farm für diese zu bewirthschaften, bis sie den Besitz selber antreten könne, und daß keine Klaue und kein Huf von diesem Eigenthum ihre »range« verlassen solle, in andere Hände überzugehen.
Mr. Kowley sah sich genöthigt unverrichteter Sache nach Little Rock zurückzureiten; aber keineswegs gesonnen sich »in seinem guten Recht« durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie er sie nannte, stören zu lassen, machte er die Sache in Little Rock anhängig, und ein ordentlicher Proceß entstand, von dessen Kosten sich die Squatter schon durch das sie schützende Gesetz[1] freihielten, der aber doch, nachdem er sich über Jahr und Tag hingezogen, gegen die Squatter entschieden und ein Termin zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem Polen Olnitzki gehörende und käuflich an Mr. John Kowley übergegangene Farm, mit den dazu gehörigen und in dem Verkaufsbrief einzeln aufgeführten Pferden, Rindern und Schweinen, öffentlich und an den Meistbietenden verkauft werden sollte.
Der Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche Geistliche, sogenannte circuit riders, die von ihren Consistorien ausgeschickt werden die noch wenig bevölkerten Distrikte, in denen keine Kirchen sind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten sich entschlossen für den nächsten Tag eine schon längst beabsichtigte »Betversammlung im freien Walde« anzusagen, da der Gerichtstermin ja ohnedieß eine Menge Menschen herbeiziehen mußte. Ob gerade diese Gelegenheit eine sonst passende war kümmerte sie wenig, sobald nur viel Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu ihren milden Zwecken — Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung und Erhaltung der Geistlichen — recht reichlich ausfiel.
Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber einen recht ernsten, finsteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die Fremden versammelt waren, und unter diesen eine ziemlich große Zahl städtisch gekleideter Advokaten und Kaufleute von Little Rock, die theils Neugierde, theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den Wald getrieben, erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht gefolgt, seine Büchse über der Schulter, seinen großen Hund hinter sich, ohne zu grüßen, ohne umzusehen, schritt er zwischen der Schaar durch und auf das Haus zu, in dessen Thür ein junges, bildhübsches vielleicht vierzehnjähriges Mädchen stand, und ihm freudig und herzlich beide Hände entgegenstreckte.
»Oh Gott segne Euch Mr. Owen« rief ihm das etwas bleich und angegriffen aussehende Kind entgegen — »wie froh, wie glücklich bin ich daß Sie endlich angekommen sind; ich hatte schon solche Angst Sie — Sie würden —«
»Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?« lachte der Jäger, gutmüthig ihre zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn streichend — »nein mein Kind, wir verlassen Dich nicht, darauf darfst Du bauen; dieß ist deine Heimath und soll es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden verkaufen müßten, sie Dir zu erhalten — wohin es aber nicht kommen wird. Wie geht's Deiner Großmutter, Herz?«
»Schlecht Mr. Owen, recht schlecht — die vielen Menschen da draußen machen ihr Angst — sie hat stärkeres Fieber heute gehabt, und ist vor einer halben Stunde etwa nur erst eingeschlafen.«
»Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny« sagte der Jäger, dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend — »ein junger Truthahn, aber feist wie Butter; die ißt Du ja so gern. Doch dem Mann da, — ein Fremder der sich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat — mußt Du etwas zu essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber draußen in die Sonne legt. Hast Du etwas für ihn?« —
»Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und steht am Feuer, ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen Minuten gebraten.«
»Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich habe überdieß schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, solch einen Vogel für Dich zu suchen, und Dir dabei gleich den Scheerenschleifer gefangen, der die Nacht irgendwo im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich ihr Name? — Mowlbare — wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben — einerlei wie man uns ruft, nur nicht zu spät zum Essen!«
Maulbeere ließ sich nicht zweimal nöthigen — seinen Karren draußen vor der Thür stehn lassend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf, strich sich die nassen struppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene sich ohne Weiteres an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die Kleine eben die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.
»Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht draußen der Eimer und das Becken« sagte Jack, dem es vielleicht so vorkam, als ob ein wenig Seifenwasser der Physiognomie und den Händen des Fremden eben nicht schaden könne.
»Danke« sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe — »ich bin die Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das Wasser verleidet — Kaffee ist mir lieber.«
»Helft Euch selber dann« sagte Jenny freundlich, dem wunderlichen Fremden einen Stuhl zum Tisch rückend — »Ihr seid herzlich willkommen zu Allem was wir haben.«
Die beiden Männer setzten sich und aßen, und eine Weile wurde weiter Nichts gehört, als das Klappern der Messer, Gabeln und Tassen, von denen noch einige aus Olnitzkis Nachlaß übrig geblieben waren und über die sich Maulbeere allerdings den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes, weit anderen Verhältnissen angehörendes Geschirr hierher seinen Weg gefunden haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen sein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkellose und oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm auf ein und demselben Schiffe von Deutschland erst herübergekommen wäre. Die Lebensmittel, besonders der heiße Kaffee nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, sich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern, und wieder und wieder mußte Jenny die Tasse füllen.
»Jenny« sagte da Jack nach langer Pause, in der seine Blicke ernst und sinnend über den kleinen Raum geschweift waren — denn das vergoldete Geschirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen, »wenn das Haus nachher zum Verkauf angekündigt ist, wirst Du mit bieten müssen, Herz.«
»Ich, Mr. Owen?« sagte das arme Kind, wehmüthig lächelnd, »Du lieber Gott, mit was sollt ich wohl bieten; Sie wissen ja recht gut daß wir Nichts haben auf der weiten Welt.«
»Hast Du gar kein Geld, Jenny?« sagte Jack, sie halb erstaunt aber recht freundlich anschauend — »gar Nichts, nicht ein ganz klein wenig?«
»Ein ganz klein wenig, oh ja« lächelte das Mädchen gutmüthig — »einen Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter schon vor langer langer Zeit gegeben.«
»Nun siehst Du wohl, Schatz« lachte der Jäger, »daß Du reicher bist wie Du Dich machst? das ist vollkommen genug.«
»Ein Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.«
»Jawohl, und noch dazu in Silber.«
»Aber was soll ich damit anfangen?«
»Nun die Farm und das Vieh kaufen — ganz Arkansas kannst Du freilich nicht dafür bekommen.«
Das Mädchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende Thräne zu unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der sie nicht kränken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte freundlich —
»Es ist kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, ja noch mehr, Du mußt den Anfang machen. Fürchtest Du Dich wenn ich dabei bin?«
»Nein Mr. Owen« sagte das Mädchen herzlich — »aber ich begreife nur nicht —«
»Wirst das schon Alles noch erfahren — welche Zeit haben wir jetzt?«
»Bald elf Uhr, nach der Sonne.«
»Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versäumen, um elf beginnt die Auktion — wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr. Mowlbare können heut etwas Neues sehn in Arkansas, aber« — setzte er ernster und fast wie drohend hinzu — »wenn ich Ihnen zum Besten rathen soll, so bieten Sie nicht mit.«
»Danke herzlich« sagte Maulbeere verbindlich — »spüre für jetzt noch nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen — aber hinaus darf man doch kommen?«
»Gewiß, gewiß« lachte Jack wieder, »und werden treffliche Gesellschaft da finden;« und seine Büchse schulternd, während er dem Mädchen freundlich zunickte, verließ er rasch das Haus.
Draußen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten sich um die verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, oder besahen auch wohl die aus dem Nachlaß von den Nachbarn selber herbeigebrachten Pferde, die dort ausgehobbelt — d. h. mit zusammengebundenen Vorderfüßen — an hingeworfenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und immer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.
Um den Sheriff, der von Little Rock selber herübergekommen war den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche Anzahl von »Stadtleuten« versammelt; der Platz ging jedenfalls für ein Spottgeld weg, denn der jetzige Eigenthümer Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis los sein, und die Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen guten Werth.
Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie auch nur eines Blicks zu würdigen, und hie und da flüsterte man wohl leise hinter ihm her, daß das der Mann sei, der den frühern Eigenthümer dieses Platzes erschossen. Vor eine Jury damals gestellt war er aber, da es in Selbstvertheidigung geschehen, frei gesprochen worden; Olnitzki hatte zuerst nach ihm geschossen, und der Wille allein wäre genügend gewesen, selbst ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. Die Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; sie wollten mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf eines wilden unzähmbaren Volkes hatten, so wenig als möglich in Berührung kommen, und waren vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie sich auch eigentlich darüber wunderten.
»Gentlemen!« redete da der Sheriff die Versammlung an, »es wird etwa elf Uhr sein, und ich glaube wir können die Auktion beginnen, damit die Herren, die noch gesonnen sind heute nach Little Rock zurückzukehren, Zeit dazu behalten. Wir sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.«
Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, als er diese Worte an die ihm Nächsten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe darauf zu erwiedern, seine Büchse von der Schulter. Zugleich spannte er den Hahn, zielte einen Augenblick nach dem Wipfel einer der nächsten Eichen, und bei dem Krachen des Schusses stürzte ein Rothkehlchen, das sich dort oben im Gefühle völliger Sicherheit niedergelassen, gänzlich von einander geschossen herunter zu Boden.
»Ein famoser Schuß!« riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht wußten was sie aus dieser plötzlichen Schießübung mitten zwischen sich machen sollten — »ein vortrefflicher Schuß!« Der Sheriff nur wandte sich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schützen um, sagte aber Nichts und Jack, ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem zu nehmen, stieß seine Büchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte sie, und lud sie wieder.
Da brachen rings die Büsche, Rosse wieherten, Hunde schlugen an; überall raschelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den schmetternden Hufen einer heranstürmenden Anzahl Pferde, nach denen sich die hier um die Feuer Versammelten kaum überrascht, ja erschreckt umsehen konnten, als auch schon einige dreißig kräftige wilde Gestalten, fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins gekleidet, ihre langen Büchsen über der linken Schulter, ihre Messer an der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne im bloßen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten Filz- oder Strohhüten auf, über umliegende und dort umhergestreute Stämme wegsetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden Thiere parirten. So rasch und plötzlich und so mit einem Mal von allen Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, sämmtlich Nachbarn hier und Squatter dieser Niederungen, herangekommen, daß der Schuß des Einen von ihnen jedenfalls das Signal für Alle gewesen sein mußte, die schon lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen kümmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach einem Entschluß, so war der jedenfalls schon früher verabredet und besprochen, und bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen sich jetzt von den Pferden, hingen die Zügel der scharrenden, stampfenden Thiere an den nächsten schwingenden Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann, ihre Büchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im Kreise umsehend, mitten zwischen die Käufer hinein, so daß sie diese von allen Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen waren der alte Rosemore, Bill Jones, Sam Houston und überhaupt das ganze »settlement« oder die Nachbarschaft — Keiner fehlte.
Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber der Sheriff von Little Rock diese »Demonstration«, für was er sie nicht ganz mit Unrecht hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, ohne freilich dagegen einschreiten oder auch nur etwas dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren Waffen kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie ohne diese, nicht hundert Schritt von seiner Hütte ab, vielweniger eine Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche sie wolle, und das stille ernste Benehmen der Männer ließ ebenfalls auf keine Störung schließen; nichtsdestoweniger gefiel ihm das plötzliche Ankommen der Leute nicht, das auch auf die übrigen Käufer, die schon wußten daß der Verkauf nicht mit dem Willen der »Nachbarn« geschah, einen fatalen Eindruck gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt entgegentreten, und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand schon genommen, hüteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in seinem Amt zu hindern. So also auf einen der zahlreichen dort umherstehenden, kurz abgehauenen Baumstümpfe tretend, die Versammlung besser übersehn zu können, zeigte er dieser mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm jetzt beginnen solle, die er, Zeit und Mühe zu ersparen, und nach dem bestimmt ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. Kowley aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, Pferden, Rindern und Schweinen in einem Gebot an den Meistbietenden losschlagen würden, wonach es dann dem Käufer überlassen bleibe, wenn er es für gut finden sollte, Pferde oder Vieh wieder besonders zu versteigern.
»Ein Wort Mr. Sheriff!« sagte da plötzlich der alte Rosemore mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben seiner Büchse auf einen andern Stumpf stemmte und hinaufstieg; »ich bin als Ältester hier unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an die Versammlung zu richten.«
»Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig sein wird« sagte der Sheriff — aber von allen Seiten rief es »doch, doch! sprecht Sir — was giebt's« und der Sheriff, sich die Unterlippe beißend, schwieg.
»Ich bin gleich fertig« sagte der alte Mann freundlich, »denen nur die es noch nicht wissen, wollte ich hier blos einfach mittheilen daß Farm, Pferde und Vieh von dem früheren Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen anerkannten falschen Spieler und sonst gar verdächtigen Menschen, der es seit der Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im falschen Spiel, wie sich später herausgestellt hat, verloren wurden.«
»Mr. Rosemore« — unterbrach ihn der Sheriff.
»Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende« sagte der alte Mann ernst und fuhr dann langsam fort, »die Frau wie wir Alle hier wissen, die jener Olnitzki schlimmer behandelt hat, als ein Indianer seine Squaw behandeln würde, stammte aus einer edlen und reichen Familie, und hatte mit ihrem Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und Viehstand, von dem Olnitzki schon früher drei Viertheile durchgebracht, gekauft — aber sie besaß keine Papiere darüber. Vor mehren Jahren hat ferner jener Olnitzki, den hier später seine Strafe erreichte, einen armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen Zweikampf erschossen, weil dieser nicht ruhig zusehn wollte, wie er seine arme, kränkliche Frau mishandelte und schlug. Der Mann hieß Riley und hat eine alte kranke Frau, seine Großmutter, und eine jüngere Schwester ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thür der Hütte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit ihrer Schwester nach des Polen Tode uns verließ, die Farm mit dem sämmtlichen Viehstand geschenkt. Wir Nachbarn erklärten dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt habe die Farm, die seiner Frau gehörte zu verspielen, die Gerichte in Little Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff ist heute herübergekommen, Land und Viehstand an den Meistbietenden öffentlich zu versteigern. Das, Mitbürger, ist der Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn« — setzte er mit lauterer Stimme hinzu, »sind der Meinung daß das Kind die Farm, die ihm rechtmäßig schon gehört, erstehen wird.«
»Das kommt auf die Gebote an, Sir!« rief der Sheriff heftig.
»Ei versteht sich, Sir,« sagte der alte Rosemore — »auf die Gebote, und ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen — seid doch so gut und führt das arme Kind einmal hier zwischen die Herren herein — es fürchtet sich sonst näher zu treten; Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und machen ihm Platz!«
»Oh ja wohl — mit dem größten Vergnügen!« riefen die dem Haus zunächst Stehenden bereitwillig, und Jack Owen schritt langsam dem Hause zu, nahm Jenny, der er einige ermuthigende Worte zuflüsterte, an die Hand, und führte das junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine Gasse für sie öffneten.
»Oh Bill!« rief während der kleinen Pause die jetzt entstand, Einer der Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender Bursche einem Andern über den ganzen Kreis hinüber zu — »ich habe die Nacht einen schändlichen, nichtsnutzigen Traum gehabt — mir träumte ein feiner Bursche mit einem Tuchrock an, hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er im Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, häßlichen Fleck mitten auf der Stirn.«
»Ah Unsinn Jim!« lachte der Andere zurück, »Dein Traum hinkt, denn ich habe geträumt es hätte gar Niemand mitgeboten!«
»Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung auf den Verkauf dieses Gutes!« fiel hier der Sheriff hitzig ein, »oder ich sehe mich genöthigt mich unverrichteter Sache zurückzuziehn, und dem Staatsanwalt Anzeige solchen Benehmens zu machen.«
»Thut Euere Pflicht Sheriff!« rief aber der alte Rosemore ruhig — »es wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden — daß sich ein paar junge Burschen ihre albernen Träume erzählen darf Euch nicht kümmern.«
Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth sich in leisem Flüstern mit den ihm nächst Stehenden was zu thun, ein späterer Termin würde aber ebenfalls zu keinem andern Resultat geführt haben, die Käufer hatten jedenfalls das Gesetz und seinen mächtigen Arm auf ihrer Seite, und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten Äcker, der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen, die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, eröffnete er die Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot ein.
Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen drang peinlich deutlich von den nächsten Bäumen herüber, und man konnte das Athmen der Menge hören. Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem jungen Mädchen nieder und flüsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren, blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit nicht lauter, aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden dringend:
»Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.«
»Unsinn!« rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fuße stampfend, »wir haben hier kein Kinderspiel für müssige Leute — ein Viertel Dollar, wo das Gebot in die Hunderte steigen muß, nur den halben Werth zu erreichen.«
»Gebot ist Gebot!« rief es von anderer Seite, »der Verkauf hat begonnen — thut Euere Pflicht Sheriff!«
»Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen zu lassen!« schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte geben durfte, den Männern gegenüber.
»Ein Viertel Dollar ist geboten,« sagte der alte Rosemore ruhig, »Jenny wird es wohl für den Preis bekommen.«
»Wenn kein Gebot geschieht,« rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden Augen, »hebe ich den Verkauf auf!«
»Ein Gebot ist geschehn!« schrie da Einer der jungen Backwoodsmen, derselbe, der vorher seinen Traum erzählt, und trotzig dabei mit der Büchse in den Kreis springend, »wir Männer von Arkansas sind eingeladen worden dem Verkauf heute beizuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein Gebot ist gemacht worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend seid, ob etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung stattgefunden?«
»Nein — Nichts!« schrie es von allen Seiten, »die Advokaten mögen uns Ihre Dintenklexer hier herüberschicken und uns die Farmen unter der Nase ausbieten lassen, wir können und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß sie es wagen unsere Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um einen einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir schicken sie heim, daß ihre Haut keine Maishülsen mehr halten sollte.«
»Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!« rief der alte Rosemore wieder so ruhig wie vorher, »Mr. Sheriff wollen Sie weiter fragen, oder glauben Sie daß der Preis genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir noch zur Campmeeting zu reiten wünschen, möchten doch erst gern zu Hause etwas essen.«
»Gentlemen!« rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, »Sie werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht gelten lassen. Das Gesetz und sein starker Arm schützt Sie in jedem Gebot das Sie machen, und meinen eignen Hals will ich zum Pfande setzen daß der von Ihnen, der dieß Gut zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz desselben gelangen soll.«
»Mein Traum wird doch wahr, Bill,« rief der Backwoodsman wieder über den Kreis hinüber.
»Denkt nicht daran,« lachte der Andere, »der Sheriff hat ja seinen Hals verpfändet, und wird die Farm vielleicht selber kaufen wollen.«
»Ein Viertel Dollar ist geboten,« begann zum dritten Mal der alte Rosemore, »wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann thun wir es — überschreitet Euere Pflicht nicht, denn wir sind hier herbestellt, und verlangen den Zuschlag für den Käufer.«
»Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!« schrie aber der Sheriff, jetzt außer sich vor Wuth, »wer will mich zwingen?«
»Das Gesetz!« tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, »glaubt Ihr, daß Ihr uns hier zum Narren haben könnt, gerad' nach Gefallen, und herbestellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die Farm ist angesetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel Dollar geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann nicht zu, so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Käufer seinen Fuß wieder auf dieses Land setzen soll.«
»Und Keiner bietet einen Cent mehr,« knirschte der Sheriff zwischen den Zähnen durch — wagte aber selber kein höheres Gebot — »Gentlemen ich wiederhole es hier nochmals — das Gesetz schützt Sie in jedem Gebote das Sie thun, und kein Bürger der Vereinigten Staaten darf und wird sich dem widersetzen, denn die Folgen würden schwer und furchtbar auf sein eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals den Verkauf — zwei Bits sind geboten, und ich erwarte daß der zweite Bieter mit eben so viel hundert ganzen Dollarn nachfolgen wird — ich — das Gesetz steht ein für sein gewahrtes Recht.«
Alles schwieg — der Amerikaner läßt selten lange auf sich warten, wo sich die Aussicht auf Gewinn für ihn bietet, aber die dunklen trotzigen Gestalten hier umher — das Blut das schon unter diesen Bäumen geflossen, ohne daß selbst das Gesetz im Stande gewesen war es zu sühnen, die Drohung selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten Traum lag — hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefühle Manches, der doch wohl einsah daß dem Kind — wie das Gesetz auch da geurtheilt — die Farm gehören müsse — Keiner bot.
Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu einem Gebot zu treiben, dem dann leicht andere folgen würden — umsonst und endlich selber gereizt, und wüthender fast über die herübergekommenen Käufer als über die Squatter selbst rief er, während die »Nachbarn« ringsum lautlos standen, denn sie wußten jetzt daß sie gesiegt hatten — mit bleichen Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:
»Gut — wenn Ihr Alle denn zu feige seid Euer Recht zu wahren, und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein ausgelegtes Geld wenigstens für das Land wieder zu bekommen, sich gar nicht dabei blicken läßt, was kümmerts mich. Also,« und seine Hand hob sich dabei sie zum Zuschlag sinken zu lassen, »ein Viertel Dollar ist geboten — ein Viertel Dollar zum ersten — kein Gebot weiter? — ein Viertel Dollar zum zweiten« — eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor dem Hause hören — »ein Viertel Dollar zum zweiten, und —« die Hand kam nieder, und mit der Bewegung das Wort: »zum — Dritten!«
»Hurrah! Hurrah!« tobten und jubelten und jauchzten die wilden Gesellen um ihn her — »piff, paff,« gingen die Freudenschüsse hoch in die Luft, und Jack Owen, in der linken Hand seine abgeschossene Büchse schwingend, griff mit dem rechten, eisernen Arm das junge, ängstlich umherschauende, und seinem Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom Boden auf und trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen die Schaar der Nachbarn hinein. Alle Hände streckten sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen standen Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hause zugetragen, als neue, rechtmäßige Besitzerin.
Capitel 2.
Maulbeere in der Betversammlung.
Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbestand gehörte dem jungen Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, und all die Käufer, die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erstehn, und sich das Alles nun mußten wie ein schönes Traumbild unter den Händen selbst wegschwinden sehen, standen im ersten Augenblick allerdings etwas verdutzt und unbehaglich da, und wußten nicht recht was für ein Gesicht sie dazu machen sollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine solche Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Träume geflochten, wahr machen könnten, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen Grab lag keine tausend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen, und ein Land kaufen das der Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Besitz zu nehmen, wär auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der New-Yorker Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.
»Unter den Umständen durften wir gar nicht bieten,« sagte da der Eine von ihnen zu dem Andern, »der alte Mann hatte ganz recht — man kann doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Füßen wegkaufen, und sie in den Wald setzen? — ich wenigstens möchte das nicht auf meinem Gewissen haben.«
»Ich auch nicht,« rief ein Anderer, »die arme Kleine; was für ein hübsches Mädchen das einmal wird — und wie bleich sie aussah.«
»Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,« sagte ein Dritter, »und ein gutes Wort findet einen guten Ort — die Leute waren klug genug daß sie nicht wirklich drohten.«
»Das wußten sie wohl daß ihnen das Nichts half,« rief der Erste wieder, »was hätten sie machen wollen wenn wir das Haus erstanden? aber so ist's besser und hundert Dollar sind mir nicht so lieb, als daß es die Kleine bekommen hat.«
Maulbeere war ein stiller, aber höchst aufmerksamer Zuschauer des Ganzen gewesen, und so sehr ihn die höchst eigenthümliche Verhandlung interessirt, überlegte er doch eben, ob er nicht besser seinen eigenen Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, und seinen Karren herbeischieben solle, der Versammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen stumpfen Messer und sonstigen Bedürfnisse in's Gedächtniß zurückzurufen, als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel sprangen und mit einem wilden Hupih, von den laut anschlagenden Hunden gefolgt, aber jetzt nach einer Richtung hin, in den Wald hineinsprengten. Nur der alte Rosemore blieb mit Jack Owen zurück und ging mit diesem in das Haus, wo sie die Thüre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben. Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurück, und dem Scheerenschleifer freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er lachend:
»Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?«
»Gut,« erwiederte Maulbeere trocken, »und wenn Sie einmal wieder eine Farm für einen ähnlichen Preis wegzugeben haben —«
»Dann wißt Ihr einen Käufer?« lachte der Jäger, »glaub' es wohl — aber die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, so wollen wir denn den armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder morgen werden sie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es Euch recht ist, gehen wir zur Camp meeting hinüber, nicht weit von hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache schon in Gang, könntet Ihr die Leute selbst hier jauchzen hören.«
»Jauchzen hören?« frug Zachäus verwundert.
»Werdet's schon mit ansehn,« sagte der Jäger ruhig, den zum Verkauf hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erstandenen Pferden die Hobbeln oder Stricke lösend, die ihre Vorderbeine zusammenhielten, daß die Thiere wieder frei zurück in den Wald, und ihren gewöhnlichen Weideplätzen zulaufen konnten, »und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, und wenn Ihr nicht beten wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewiß versprechen.«
Was für ein Leben das war hier mitten in dem sonst so stillen Wald; wie die verscheuchten Vögel ängstlich in den Zweigen herüber- und hinüberflogen, und zwitscherten und riefen; wie der Hirsch, der dort sonst seinen ungestörten Äsungsplatz hatte, als er heute langsam und vertraut wie immer auf seinen Wechsel herankam, rasch den schönen Kopf emporwarf, die von feindlichen Dünsten geschwängerte Luft einzog und schreckend zurück in seine Wildniß floh. Wie die Pferde so freudig wieherten und den Boden stampften, und der grüne Rasen ringsumher auf der kleinen Waldesblöße zertreten war, nach allen Seiten, und wie sich das drängte und schob und durcheinander wogte, von einer bunten fröhlichen Menschenmasse, die hier von allen Enden des County zusammengekommen.
Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nämlich, die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten den heutigen Tag hier zu verbringen, und morgen früh zur Stadt zurückzukehren. Diese schienen aber am wenigsten vertreten, kamen auch nicht aus Religiosität hierher, sondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen und besonders deren Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern der Versammlung; von allen Seiten strömten sie herbei, die Frauen fest im Sattel — und wenn es auch kein Damensattel war — ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor sich auf dem Pferd, die Männer mit Büchse und Messer an der Seite wie immer. Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings im Wald, mit Rinden- oder Deckendach, während Andere dagegen ordentliche Zelte mit herüberbrachten, die sie allein für diesen Zweck bestimmt. Hier waren Männer an der Arbeit einen Baum zu fällen, und aus den abgeschlagenen Stücken rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz, dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder Zweige wurden abgehauen, mit diesen ein flüchtiges Schutzdach gegen Sonne und Nässe herzustellen; aber überall herrschte Leben und Thätigkeit.
Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel brodelten, der blaue Rauch so luftig hinauf wirbelte in die grünen rauschenden Wipfel, und emsige Frauengestalten mit den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf — gleichen Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend — so fleißig an den Töpfen und Pfannen schafften und siedeten.
Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher Camp meeting, und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht hätte hinaus in den Wald zu gehn und die Pferde zu suchen, ließen sie ihm nicht Ruhe, und hatten tausend und tausend Gründe dafür weshalb sie, wenigstens dießmal, unter keiner Bedingung die fromme Versammlung versäumen dürften.
Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar Nichts — sie waren überdieß so lange nicht gebraucht, und Marys colt schon ganz lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens, dieses Mal ganz gewiß der Ehrwürdige Mr. Sweetlip — und was für eine süße Stimme der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen sprach — wer hätte da ungerührt bleiben können.
Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden und Ungläubigen sagte, wie der dem bösen Feind, alias Beelzebub zu Leibe rückte und ihn aus dem Felde schlug.
Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit nicht gesehn — lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zusammen, und ob Bill Norton und Ann Sally wirklich versprochen wären, konnten sie ja auch nur dort erfahren.
Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem letzten halben Jahr selbst gewebt und genäht, wie hätte sie die anders zeigen oder tragen sollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und mußten sie nicht wenigstens einmal erst die »priesterliche Weihe« erhalten?
Die armen Frauen der Wälder sind in dieser Hinsicht auch wirklich übel dran; in dem kleinsten unbedeutensten Städtchen, ja selbst in dem einzelnen Haus, das nur an einer begangenen Straße liegt, kann sich das junge Mädchen nett und geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung, daß sie wenigstens gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind oft liebe, bildschöne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle Gesichtsbildung und die, mit nur sehr seltenen Ausnahmen fast untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten, wo sollen da die armen Mädchen und Frauen ihre Kleider zeigen, und zeigen müssen sie dieselben; bei einem »Klötzeroll-Fest« oder »Quilting frolic?« wie selten kommt das vor, und wenn's geschieht, wie selten ist dann Tanz nachher — einmal, zwei Mal im ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer.
Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's Beste, und welche es irgend von den jungen Mädchen kann, kommt nicht zu einem derartigen Fest ohne wenigstens noch ein anderes Kleid, manchmal drei und vier mitzubringen, die während dem Tanz gewechselt werden können.
Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine Camp meeting, die nicht nur einen einzigen Abend und im günstigsten Fall eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, sondern nicht selten gleich drei und vier Tage hintereinander weg, während die jungen Leute aus der ganzen Nachbarschaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu sehen, miteinander zu plaudern — und mehr als das. Mancher Funke ist bei diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herüber und hinübergeflogen, und hat gezündet für Lebenszeit — wenigstens gebunden; überdieß mußten die jungen Männer dort still und ehrbar auftreten, durften nicht trinken, fluchen und schwören, und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen allerdings gewaltsam in's Herz geschütteten Religiosität den Pfad betreten, der zu der Liebe der Auserwählten führte.
Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, und wenn der Geist dann erst noch über die Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden Hören oft und Sehn.
Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeste Außergewöhnliche; daß hier so viele Menschen auf einen Platz sich versammelt hatten, der sonst eine Wildniß war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildniß, trotz der letztverbrachten Nacht, überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte. Die Lagerfeuer sahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein großes hölzernes Gerüst fiel ihm auf, das seitwärts von dem Platz, am Rande der kleinen Waldblöße, und noch im Schatten einer riesigen Eiche stand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die mit Laub und duftenden Kräutern streuartig ausgeschüttet waren. Für das Vieh schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die Feuer, und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht in den inneren Kreis.
Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich über die Verwendung der Plätze den Kopf zu zerbrechen — vielleicht dienten sie zu Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. Nach einem flüchtigen Überblick über die Vertheilung der verschiedenen Gruppen, schob er seinen Karren, ohne sich weiter um seinen bisherigen Führer zu kümmern, mitten in den Kreis hinein, begann plötzlich mit lauter gellender Stimme, aber natürlich in Englischer Sprache, seine Waaren, Künste und Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten später die Genugthuung, die große Hälfte der Versammlung ihn umdrängen zu sehn. Maulbeere war auch in der That für diese Waldbewohner ein Gegenstand; er war ein Charakter wie sie nicht oft dort herumgezogen, selbst unter den Yankee-Pedlars. Schon sein ganzes Äußere, die wirklich auffallende Ähnlichkeit mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie oft zu lautem Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und vielleicht selbst die Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geistlichen mit diesem Ausbruch lauter Fröhlichkeit einverstanden sein, oder ihn vielleicht gar verdammen würden, erhöhte den Reiz.
Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, und Messer wurden ihm so viele gebracht, daß er sich ihrer kaum erwehren konnte; auch Bestellungen bekam er genug, dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er sich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen. Er war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn auslachten, zärtlich gegen die Frauen und Mädchen, die über ihn kicherten, und sein Rad schwirrte und zischte, während seine Zunge noch viel rascher ging als das Rad.
»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!« — ein freudiges Gemurmel lief durch die ganze Versammlung, und die Frauen besonders, drängten jetzt rasch und eifrig fort von dem Scheerenschleifer, während ihre kleinen lieben Gesichter, die noch vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fröhlich in die blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den frommen Mann, und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren in der Mitte stehen.
Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit Allen, hatte für jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder lobendes Wort; sprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem Vieh und verirrten Schaafen — in der geistigen Bedeutung des Wortes — und seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er der Sünde der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem Menschen.
Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere Geistliche, Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden mit einem Schwerte des Herrn hätte vergleichen können, so war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken aber die Schneide und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls.
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Capitel 2. Click to [ENLARGE] |
Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhörern allerdings ihre geistigen Wunden aufriß, aber Öl hineinträufelte, und es manchmal sogar für eine Sünde zu halten schien, selbst der Hölle sämmtliche gute Eigenschaften abzusprechen, so ging Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und Pfeffer und Salz hinein, rüttelte die sanftschlafenden Sünder aus ihrem bewußtlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem Lächeln und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem sie geschlummert haben sollten, und wenn sie den auch nicht gleich sahen, wurden sie doch ängstlich und verzagt, und streckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne aus, sie zu retten.
Mr. Sweetlip hatte übrigens die »meeting« zu eröffnen und zu begrüßen, und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf das hohe, kanzelartige Gestell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren besonderen Inhalt, an die Versammlung, ermahnte sie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott zu erheben und ihn zu bitten, daß er sie bei ihrer jetzigen freudigen Zusammenkunft erleuchten, die Guten stärken, und die verlorenen Schaafe zurück zu seiner Heerde führen möge, zu deren Bequemlichkeit hier, wie er mit klaren dürren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen angebracht und mit weicher Streu gefüllt waren.
Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieser Sache Scherz treibe; der ernste, wehmüthige Mann sah aber nicht aus wie Scherz, und Thränen standen auch schon in vielen Augen seiner schönen Zuhörerinnen. Um sich dessen aber zu vergewissern, drückte er sich durch die Andächtigen, seinen Karren sich selber überlassend, langsam der Stelle zu, wo er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an einer Eiche lehnen und der Rede horchen sah.
»Könnt Ihr mir sagen Freund« redete er diesen leise an, »was der fromme Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, und ob die nur bildlich dastehn, oder in der »Hitze des Gesprächs« vielleicht wirklich gebraucht werden sollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und möchte mich gern belehren.«
»Es geht mir nicht viel besser, Fremder,« sagte der Backwoodsman seufzend — »ich habe auch keine rechte Idee von dem Wesen und Treiben der Leute; soviel aber ist gewiß, daß sie die Fenzen oder Pferche, wie Ihr sie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da oben die Gemeinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem finsteren Gesicht erst in ordentlichen Schuß und Gang gekommen ist — wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewiß!«
»Und sind das so berühmte Prediger?« frug Maulbeere etwas erstaunt, denn das Äußere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht —
»Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht« sagte Jack mit einem etwas bitteren Lächeln, »war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little Rock, als plötzlich der Geist über ihn kam, wie sie es nennen, und er zu predigen anfing. Er hat eine »sanfte Gabe« wie die Frauen sagen, und wenn er nur anfängt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rührung und Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war früher ein Pedlar, wie man bei uns die »wandernden Krämer« nennt — betrog alle Welt mit seinen Yankee-Uhren und anderem Trödel den er zum Verkauf im Lande herumführte, und — wurde auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit seinen Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu kaufen, um, wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreißen, und fing ebenfalls an zu predigen. Die Beiden sind jetzt die beliebtesten Redner, die wir hier zu hören bekommen, und haben die anderen Circuit-rider wenn nicht ganz weggebissen, doch so in den Schatten gedrängt, daß sie sich kaum noch sehn lassen. Ihre Sammlungen fallen auch — jedenfalls die Hauptsache — immer am reichlichsten aus, und für ihre milden Zwecke nehmen sie Geld und Geldes Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und Honig und Bärenfett. Aber jetzt paßt auf« setzte er, mit dem Kopf nach der Kanzel winkend hinzu — »jetzt kommt Herr Hottenbrocken d'ran — es wird ein heißer Tag werden, denn er schneidet ein furchtbar finsteres Gesicht.«
Jack schulterte, während er die letzten Worte sprach, seine Büchse, drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt langsam hinein in den Wald, während Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern begann, und mit leuchtenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich ruhiger, dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhörern die Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führten. Mit wilden Gesten und rollenden Augen deckte er dabei alle Schrecknisse auf, die dort unten der Ungläubigen, der Tauben die nicht hören, der Blinden die nicht sehen wollten, harrten, und seine Rede floß ihm glühend heiß von den in wilder Aufregung zitternden Lippen.
Maulbeere, so sehr er sich sonst über derlei Sachen lustig machte, war aber plötzlich unendlich aufmerksam geworden, drängte sich, so weit sich das füglich thun ließ, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die sogar mehrmals die Blicke des Geistlichen selber auf ihn lenkte und wohlgefällig auf ihm weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere Krämer gewesen, der Geist genügte — wenn der Geist kam mußte der Körper gehorchen! — Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere hörte sie aber nicht mehr, sein äußeres Ohr war anscheinend offen, sein inneres lauschte dagegen einem Chaos von Speculationen, die sich in dem Gehirn des praktischen Scheerenschleifers entwickelten, und ihm seinen »Gedankenkasten« mit einer Unmasse von Plänen und Ideen füllten.
So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine Vorbereitung zu der morgenden Schlacht gewesen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und seinen Helfershelfern angekündigt hatte; seine »Krieger,« wie er die Frommen und Gläubigen nannte, waren gerüstet und geweiht worden zu dem schweren Kampf, und die nächste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich aus Kampf und Ringen hervorgegangen wären.
Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack Owen schien ihm nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, soviel der Scheerenschleifer bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in der That nur herübergekommen, weil er die Frauen nicht zu Hause halten konnte, und nicht allein ziehn lassen wollte. Frauen sind überhaupt in den meisten Fällen weit besser zu Hause, als bei solchen Campmeetings aufgehoben.
Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand sich eine Familie, die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang durch das viele Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten auf sich gezogen, die sie bei sich führten. Der Mann, wie er sich indessen erkundigt hatte, war Kirchenältester, und ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der oft acht und vierzehn Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und allabendlich in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich Maulbeere noch vor dem Abendessen, enthüllte ihm den Eindruck, den die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine so fabelhafte Rednergabe, mit solchem Feuereifer und solcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott und heiligen Geist empfangen habe.
Der Kirchenälteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mußte sich mit zu seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und erzählte ihnen dafür seine Lebensgeschichte mit einer Phantasie, die seinen alten Schiffsgefährten Theobald glücklich gemacht haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Er erfuhr dafür Alles was er wissen wollte — daß nämlich nicht etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge zu reden, sondern daß solche, die der heilige Geist als Begünstigte ausersehen, oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem sündhaftesten Lebenswandel heraus, zu der hohen Würde eines Seelenhirten sich emporgeschwungen hätten, und Lichter geworden wären, ihren Mitbrüdern und Schwestern auf dem schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der hohen natürlichen Begeisterung, die, für einen monatlichen Gehalt aus einer der frommen Stiftungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen in die Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn. Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten nicht allein gegen die sündhaften Ungläubigen, sondern auch gegen den Antichrist wie eine Menge anderer Sekten anzukämpfen, aber das Ziel war glorreich — sie mußten endlich siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken.
Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteste dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachäus Maulbeere hielt, und wie dieser spät am Abend, wo sich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur Ruhe begeben, seinen Karren zu seinem neuen Beschützer heranschob, und dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrünstig mit einstimmte, schien ein ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen gefahren zu sein. Die Anderen hatten sich längst wieder erhoben, und er kniete immer noch eine Weile allein in still versunkenem Gebet, legte sich dann, in seine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geschnallt mit sich führte, ohne mit irgend Jemandem ein Wort weiter zu wechseln, auf den ihm angewiesenen Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und war bald sanft und ruhig — ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet — eingeschlafen.
Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein früh, und Maulbeere hätte heute keine Zeit bekommen seine Geschicklichkeit zu verwerthen, selbst wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, saß gleich vom Morgengrauen in den vordersten Reihen der Gläubigen, und schien sich wirklich nur zufällig gerade zur Frühstückszeit an dem Feuer des Kirchenältesten wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich und äußerlich einer ordentlichen Reorganisation bedürfe, und die nur allein durch das Wort Gottes erhalten könne. Übrigens sei es ein erfreuliches Zeichen auch unter den Deutschen, die sonst nicht in dem Rufe ständen, viel wirkliche Religiosität zu haben, Einzelne zu finden, die eine rühmliche Ausnahme davon machten.
Zum Frühstück trat eine Pause ein, da die Geistlichen selber, zu ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung bedurften, und es war für Maulbeere ein rührendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu sehn, wie sich die Brüder, in Liebe und Freundschaft darum stritten, die ehrwürdigen Herren an ihrem Frühstückstisch bewirthen zu dürfen, wo ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Küche aus Wald und Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.
Gleich nach dem Frühstück begann die Predigt wieder, die aber bis zum Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein Mischmasch von den allergewöhnlichsten Phrasen, in der allergewöhnlichsten Art vorgetragen; entweder konnten die Leute nichts Besseres liefern, oder sie versparten sich den vollen Eindruck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer überhaupt mehr aufgeregt und für das Übernatürliche mehr empfänglich sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft aus; Manche seiner Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entsetzlich in ihrer Andacht durch seinen alten grünen und wie glasirten Rock gestört worden waren, schliefen sanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem Redenden.
Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem unreinlichen Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch besonders die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; er war auch fremd hier, und konnte nicht ohne Nahrungsmittel gelassen werden. Maulbeere bekam drei Einladungen an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch und einer kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrückte, begann die Predigt auf's Neue — jetzt aber mit einem andern Geist.
Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die Versammlung, als ob die Leute schon eine Ahnung gehabt hätten, wie der Geist heute wirken würde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber saß in den vordersten Reihen.
Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwürdige Mr. Sweetlip seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern die Orte auf dieser Erde zu schildern, wo den armen schwachen Menschen Verführung umlauere, ihn von der Bahn des Guten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den sie auf dieser Welt schon für ein gottgefälliges Leben, aber auch viel größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: in dieser Welt durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das ihnen die Brust mit einer unendlichen Wollust und Seligkeit fülle (und er selber führte sich dabei zum Beispiel auf, wie er, seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in einem wahren Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, so sie hier den sündigen irdischen Lüsten widerstünden, und ihre Augen nur nach dem richteten was Gottes wäre. Auch hierbei ließ er sich in eine nähere und mehr bildliche Beschreibung dieser einstigen Seligkeit, wie er sie sich dachte, ein, und schilderte seinen Zuhörern mit immer glühender und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu Ewigkeit oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah singen würden.
Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken um, denn diese fing plötzlich an zu stöhnen, schloß die Augen, warf den Kopf herüber und hinüber, und gebehrdete sich etwa so, als ob sie einen Anfall von Krämpfen erwartete. Der Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine Hausapotheke die er in dem Karren mit sich führte, an Salmiakgeist und Hofmann'sche Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschluß kommen konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, ähnliche Töne auszustoßen und überall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing es an zu ächzen und zu stöhnen und die Ausrufe — »Oh Loooord — glory — glory — happy — happy — blessed Jesus!« wurden nach allen Seiten hin laut, und kamen in Gestalt von gewissermaßen gewaltsam ausgestoßenen Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schluß der Predigt, die in einem langen Gebet endigte, beruhigten sich die Andächtigen, und die Frauen hielten ihre Taschentücher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das größte Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit geschildert wäre.
Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt, nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip heruntergelassen, auf die Kanzel, übersah mit einem, über die Massen schweifenden finster drohenden Blick die Versammlung, und rief plötzlich, zu voller Höhe aufgerichtet und den rechten Arm von sich streckend, mit donnernder Stimme:
»Brüder und Schwestern — Mitbürger — Mitchristen — Sünder — nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder — der Tag der Rache ist nahe!«
»Oh Loooooord!« schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres Seite, der doch jetzt fand, daß diese verschiedenen Ausrufe keineswegs einem körperlichen Gebrechen, sondern eher einer geistigen Vervollkommnung, einer Empfänglichkeit des Herzens für das Höhere, zuzuschreiben sei. Mr. Hottenbrocken hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er seinen Zuhörern Zeit geben wollte, über diese Verkündigung nachzudenken, und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch herausgenommen und sich vorsichtig geschneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck seine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgültigen Gespräch etwa gesagt hätte — »ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen bekommen.«
»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder und fleißiger Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, liebe Schwestern und Brüder, die Freuden des Elysiums geschildert; er hat Euch mit glühenden lebendigen Farben, wie den höheren heiligen Sphären abgelauscht, die Plätze der Seligen vorgeführt, wohin die Guten einst kommen werden. Es giebt einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brüder, wie ich Euch wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch weiß es — es steht mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und ist daher keine Kunst das zu wissen — Jeder kann das wissen der nur lesen kann, oder einen Bekannten hat, von dem er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der ihm die Geschichte vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten Thatsache, überzeugt, daß es einen Platz giebt, wohin die Guten, die Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unsere Phantasie, geliebte Brüder und Schwestern, verleiht diesem Platz die höhere Wonne, nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über den etwaigen Zustand dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr. Sweetlip geschildert hat — Aber« — rief er plötzlich, und unterbrach damit gewissermaßen seine bis dahin vollkommen ruhige und wie gesprächsweis gehaltene Rede — »aber,« donnerte er noch einmal, mit jetzt tief und dröhnend schallender Stimme, »aber wer sind die Gerechten? — wo sind sie? — wie viele oder wie wenige sind es ihrer? — Wehe, wehe, wehe, mein Auge streift umher, und keinen Frieden, kein Licht findet es, wohin es schweift — mein Ohr lauscht auch dem leisesten Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!«
»Oh Loooooord!« — stöhnte Maulbeere's Nachbarin wieder.
Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er jammerte daß er umsonst das Haupt eines Gerechten suche, es mit der ewigen Glorie zu decken — sie wären Alle Sünder, schlechte, miserabele, elende Sünder vor dem Herrn — keiner, der bestehen würde vor seiner Gerechtigkeit, und nur wenn sie stürben, würden sie es den ersten Tag bequem haben, sie fortwährend bergunter führen, tief tief hinunter zu dem höllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zähneklappen, dann aber — dann —
»Oh gracious Looooord!« stöhnten die Stimmen rechts und links — »merci, merci — merci! Gnade! — sei gut zu uns Herr, sei gut zu uns!« und hie und da standen Einzelne der Mitglieder auf, und taumelten mehr als sie gingen unter dem glory-, glory- und happy-, happy-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers stand, wo sie sich auf die Knie warfen, und laut und brünstig, nur von einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.
Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und sah seine Nachbarn an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, setzte sich aber immer wieder nieder. Das Gestöhne um ihn her wurde dabei immer toller, und je wilder und feuriger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder, dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, und lauter und drohender der ganzen Schaar seiner Zuhörer ein ähnliches Schicksal zu prophezeihen, je mehr er mit den Armen warf und seine langen Glieder umherzuschlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme, vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch und Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie für die Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen sähe, die im ewigen Feuer zuckten und sich krümmten und die Arme umsonst flehend, Hülfe suchend, herausstreckten aus dem knisternden Verderben, da erreichte der Aufruhr und Lärmen einen furchtbaren Grad. Die Leute sprangen und heulten auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon jetzt fürchteten von dem höllischen Feind gefaßt, und nach seinen Regionen niedergeführt zu werden.
In dem links gelegenen Pferch hatten sich indeß die »Böcke« mehr und mehr angesammelt — es waren die, die sich als die größten, nichtswürdigsten Sünder erkannten — und lagen hier auf den Knieen, rangen die Hände, heulten, schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort wie Verrückte. Zwangsjacken wären auch in der That das einzige gewesen, was sie hätte halten können.
Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an zu triumphiren.
»Da kommen sie!« schrie er mit ausgestrecktem Arm und Finger niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrängenden, (Männer und Frauen und Mädchen, Alles durcheinander) und sein Auge schoß Blitze, seine Gestalt hob sich höher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal in sich selbst zusammen, als ob er noch unschlüssig sei, vielleicht mit einem Satz über die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar hineinzuspringen — »da drängen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, der hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, den Einen oder Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurückzureißen in sein Reich der Verdammniß!«
»Oh L—o—o—o—o—o—rd — merci — merci!« schrieen die Frauen wieder, die sich jetzt zwischen den Bänken anfingen ängstlich umzusehn, und sogar manchmal mistrauische Blicke auf den Scheerenschleifer warfen — »habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem Teufel — rette uns vor dem ewigen Feuer!«
»Gnade?« schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner Donnerstimme nieder in den Lärm und Aufruhr — »Gnade wollt Ihr? — Gnade für Euere Sünden? — Gnade für Euern Unglauben? Gnade für Euere verderbten und verstockten Herzen? — der Fluch Gottes wird Euch treffen am jüngsten Gericht — niederschmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch jetzt am stolzesten und höchsten wähnt — niederschmettern in ewige Verdammniß und Nacht und Finsterniß und ewiges Feuer, wo Satan die Macht über Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und dort steht er!« schrie er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen den Wald hinauszeigend — »dort grinst er herüber auf Euch und fletscht die gelben fürchterlichen Zähne! — dort steht er und schüttelt sich vor Lachen und innerer grimmiger Lust, wie er die Heerde sieht, die er bald eintreiben kann in sein höllisches Reich, die Opfer sieht, die ihm verfallen sind durch ihre eigene Sünde und Lust und rettungslos, rettungslos verloren gehn!«
»Merci — merci — glory — glory — oh Looooord!« schrie und stöhnte die Schaar wieder, und ein solches Wüthen und Drängen und Ächzen und Winzeln begann zwischen den Menschen, daß Maulbeere mistrauisch die Leute von der Seite ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie im Ernst waren, oder sich nur verstellten.
Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum höchsten Grade gestiegen. Der Geistliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pause gemacht; es fehlten ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeschwören, das Schlimmste was er hatte aufführen können war geschehn — der Teufel stand mit gekrümmten Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf seine Opfer; der Schrecken mußte jetzt wirken und dann die Möglichkeit der eingeschüchterten Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn.
»Fühlt Ihr Euere Gefahr? — erkennt Ihr den Abgrund an dem Ihr steht?« rief der lange finstere Mann plötzlich wieder mit nicht sehr lauter, aber zu den entfernteren Stellen dringender, bohrender Stimme, »habt Ihr das schwarze Meer, mit seinen stürmenden rollenden Wogen gesehn, das über Euch hereinwälzen will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? — fühlt Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, die schwarz genug ist daß sie die Sonne verfinstern und der Engelein Gnadengebet ersticken könnte? — fühlt Ihr sie? wißt Ihr daß Ihr verloren sein müßtet — rettungslos, erbarmungslos für immer und ewig, wenn Ihr nur das bekämt was Ihr hier verdient? nur dem gerechten Richter gegenüber?«
»Oh Looooooo'od a massy!« schrie eine dicke, vor Maulbeere sitzende Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel von der Bank herunter auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen wäre. Niemand bekümmerte sich aber um sie, und sie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein Glied zu rühren.
»Aber noch ist es Zeit!« donnerte da plötzlich des Redenden Stimme, wie eine schmetternde Posaune Heil verheißend durch den Wald — »noch ist die zwölfte Stunde nicht vorüber, noch hält der Engel der Gnade die Hand ausgestreckt nach den Strauchelnden — noch ist es Zeit Mitbrüder, Mitschwestern, der Himmel ist offen, das Licht des Heilands leuchtet Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch Wahrheit werden — noch ist es Zeit Gentlemen — Brüder, Schwestern, Reisegefährten!« schrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in sein altes Geschäft, das Auktioniren, gefallen wäre und eben noch Raum fand wieder einzulenken — »noch ist es Zeit — kommt, kommt, kommt zu dem Herrn — kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus — kommt — oh kommt in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammniß — kommt!«
»Glory — glory — happy — happy!« brüllte und tobte da plötzlich die Masse — »blessed be de Looo'd Dschisos!« schrie die dicke Negerin mit einem gewaltigen Ruck sich emporrichtend, daß sie gerade vor Maulbeere auf die Erde zu sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber überall zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los — Männer und Frauen sprangen empor, rissen sich die Röcke vom Leib, die Tücher von den Schultern, rauften sich die Haare, schlugen sich die Brust, stöhnten, kreischten, schrieen, den dicken Schaum auf den Lippen, große Schweißtropfen auf der Stirn, und die Augen fast aus ihren Höhlen drängend.
Es wäre überhaupt unmöglich dem Leser auch nur im Entferntesten eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, daß er sich selber hineindenken könnte; etwas Derartiges muß man selber gesehn und erlebt haben, und ist es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es wirklich geschehn sein könne, ob nicht ein toller Fiebertraum uns geneckt, und selbst der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns solch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres, Unnatürlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese Scenen, wo der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen wahnsinniger Schwärmer sprechen soll, und diese sich auf der Erde wälzen, die Fingernägel in den Boden einwühlen, den Rasen beißen und glory, glory! schreien, Ruhm dem Herrn in der Höhe!
Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus irgend einem Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als ob der »Geist« über sie käme, mit den Armen und Beinen werfen, und solcher Art einen sehr billigen Ruf großer Religiosität erlangen, vielleicht Einlaß in manche Familie zu bekommen, deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben wäre. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Viele, sehr viele in Wirklichkeit und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, daß sie nur durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen halb bewußtlosen überspannten Zustand gerathen, in dem sie sich der Erde entrückt und von einem anderen, außer-, und jedenfalls überirdischen Wesen begeistert wähnen.[2] Fieberanfälle folgen nicht selten demselben, und die aufgeregte Einbildungskraft ist nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo sich etwa noch eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte, mit Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie unausweichlich den Eindruck eines Haufens wahnsinniger Menschen, die losgebrochen sind, und die kurze Zeit ihrer Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht tüchtig auszuschrein.
In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drängen, die den heiligen Geist über sich kommen fühlen, geht es zuweilen zu, daß man sich mit Ekel von einem solchen Bilde menschlicher Entwürdigung abwendet, und doch fühlen sich diese verblendeten Menschen auf dem Gipfel menschlicher Erhöhung, und werden natürlich darin von den Geistlichen, die den Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten Schaafe zählen, bestärkt.
Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck »Schaaf« in solchen Fällen hinlänglich und stark genug bezeichnend ist — er genügt mir sehr häufig bei uns nicht einmal.
»Glory! Glory! Hallelujah!« brüllte die Schaar, »heiliger Geist komm — senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns — glory, happy, happy, happy!«
»Uch!« schrie oder kreischte da plötzlich eine einzelne Stimme, so scharf und gellend durch die Mistöne um sie her, daß sich selbst von den augenblicklich Begeisterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend, nach der Stelle umsahen, von wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut ertönte, und hier bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames Schauspiel.
Zachäus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und während die dicke Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie umklammert hielt und abwechselnd Hülfe und Glory! schrie, stand Maulbeere auf der Bank, auf der er bisher gesessen, mit bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren des niedergelaufenen Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme zum Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin erhoben, und tobte ärger als Einer der Anwesenden sein happy — happy — happy dem grünen Waldesdome entgegen.
»Dort ist noch ein Schaaf!« schrie der Geistliche von der Kanzel nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer deutend, und mit funkelnden, fast wie beutelustigen Augen die Wirkung seiner Rede an dem Fremden beobachtend — »dort ist ein verirrtes, abtrünniges Schaaf das zur Heerde zurückkehrt — ein Lamm das sich in den Händen des Herrn vor den Krallen des Teufels bergen will — eine Taube, die den Fängen des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. — Oh komm — komm Lamm Gottes — komm in den himmlischen Pferch — komm in die Arme des Heilands, die sich liebend und sehnsüchtig nach Dir ausstrecken — oh komm — oh komm! —«
»Ich bin ein arger Sünder gewesen!« schrie da Maulbeere, plötzlich seine Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch machend sich von der dicken Schwarzen zu befreien — »ein nichtswürdiger, verstockter Sünder — eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hölle — der rothen, feurigen, flammenden Hölle.«
»Oh do—nt — do—nt — oh Loooood« schrie die Schwarze dazwischen.
»Aber ich fühle die Kraft in mir,« fuhr Maulbeere in seiner Begeisterung fort — »Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten (ausgenommen die Schwarze, die nicht von ihm ließ), ich fühle den Geist kommen — ja Brüder, ja Schwestern, ich fühle den Geist kommen, den heiligen, lieben, gesegneten Geist!«
»Oh glory — glory — glory — happy — happy!«
»Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; das ist das Feuer das die Sünde läutert, das ist der letzte Rest der Sünden die jetzt verkohlen und verfliegen — ich komme — ich komme — heih!«
Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus — Augen schienen aus ihren Höhlen herauszudrängen, die struppigen Haare sahen in diesem Augenblick so aus als ob sie vor Entsetzen emporständen, und mit einer gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn umklammernden Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls glory, glory, happy, happy rufend, arbeitete er sich nach dem schon vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, sprang mitten in den Haufen hinein, und verschwand dort in dem Gewühl und Zucken menschlicher Gliedmaßen, die sich auf dem bestreuten Boden wanden.
Capitel 3.
Der wandernde Krämer.
Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die weiten grünen Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren Flächen, nur hie und da von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd, nach Ost und Westen dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe, üppige Gras in der frischen Westbrise, die darüber hinstrich, und lichte, rasch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, täuschend ähnlich einer ruhigen See, über die ein leiser Passat die leicht gekräußten, eben nur sich hebenden Wogen zieht.
Wie Inseln darin, um die Täuschung noch größer zu machen, lagen einzelne kleine Farmen weit zerstreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und dem Wind sich neigten, und das grüne Wasser darstellen konnten in der Nähe des Landes, während die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dächer der Blockhäuser, mit ihren blauen dünnen Rauchstreifen, die weit über die Fläche zogen; Felsen gleich, an denen sich die Brandung brach, während in den Wogen der Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und Rücken oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen an ihnen vorübertrieb, herumschwammen, oder die breiten gutmüthigen Köpfe witternd und schnüffelnd der frischen Luft entgegenhielten.
Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserähnlichen Grasspiegel einher; vergebens suchte das Auge nach einem lichten Segel, die Täuschung nicht größer zu machen, sondern mehr fast zur Bestätigung, daß dieß nicht Land- und Pflanzenwuchs, sondern wirklich schiffbares, wogendes Wasser sei.
»Ein Kahn!« von den grünen Wellen getragen schwimmt, einen dunklen Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler dunkler Kahn dahin, und ein einzelner Ruderer sitzt darin, still und regungslos sein Forttreiben Wind und Strömung überlassend. Mit Gewalt muß sich das Auge zuletzt zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden Wege folgen, und gerade auf die nächste, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhütte zuhalten.
Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der, langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Hütte endlich erreichte, und dort seinem Pferde kurze Rast zu gönnen beschloß. Die ganze Umgebung des Hauses ließ ihn auch auf Landsleute als Eigenthümer schließen, und den Zügel seines klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die Vorderfüße, nach Landesart zusammen, und ließ es sich sein Futter auf der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thür der Hütte auf, und ein junges, rothwangiges, kräftiges und auch recht hübsches Mädchen von etwa achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.
»Grüß Euch Gott, Kind,« rief ihr dieser freundlich entgegen, »kann man ein Glas Milch hier bekommen? — es ist warm heute und das Wasser in der Prairie schmeckt schlecht.«
»Recht gern und so viel Ihr wollt — grüß Euch Gott,« sagte das Mädchen, rasch in das Haus zurückgehend und bald mit einem großen, bis zum Rand gefüllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend. »Ihr seid wohl von weit her unterwegs?« frug sie dann, als Georg das Gefäß dankend an die Lippen hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.
»Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,« sagte der junge Mann.
»Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein — wir haben viel Freunde drüben, die mit uns über See gekommen sind — wir wollten auch erst dorthin, aber die Schwester wurde hier krank, und da dem Vater die Gegend gefiel, blieben wir da, und ließen die andern weiter ziehn.«
»Und es geht Euch gut hier?«
»Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun, die wir hier sind, recht sparsam gelebt und recht fleißig gearbeitet, und da sieht man doch daß man vorwärts rückt.«
»So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?«
»Ei Gott ja, viel besser; lieber Himmel dort fraßen die Steuern, was wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; wir schafften und schafften, daß uns das Blut unter den Nägeln vorkam, aber nur schlimmer wurd' es, nicht besser; wir konnten nicht erschwingen was wir brauchten, und langsam aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten müssen wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was wir einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, haben keine groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine Taxen und Steuern, die Einem das Mark aus den Knochen saugen. Auch das Land ist vortrefflich; was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem großen Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir bauen, wär's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, daß wir eine Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's schon gut. Wo seid Ihr her, wenn man fragen darf?«
»Aus Waldenhayn.«
»Aus Waldenhayn — Jesus, in unserer Gegend liegt auch ein Waldenhayn, aber s'ist doch wohl nicht das —«
»Und welches ist das?« lächelte der junge Mann.
»Krisheim — und Bachstetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner Pfarr.«
»Der Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,« sagte Georg.
»Und Ihr seid in Krisheim gewesen?« frug das Mädchen und hohe freudige Röthe goß sich ihr über Stirn und Schläfe.
»Oft und oft; es sind ja nur höchstens vier Stunden von unserem Ort.«
Das Mädchen sah dem jungen Mann fest und forschend dabei in die Augen, und dann drehte sie sich plötzlich ab, und die hellen klaren Thränen liefen ihr an den Wimpern nieder.
»Ihr hängt wohl noch recht an daheim?« sagte Georg endlich leise und nach langer Pause, »möchtet Ihr wieder zurück?«
»Ich weiß nicht,« flüsterte das Mädchen, immer noch von ihm abgewandt, »ich hatt' es schon beinah vergessen, und seit dem letzten Weihnacht wenig mehr daran gedacht — wenn ich aber den Ort wieder nennen höre, und nun gar wieder Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich dorthin gehört, dann — dann fängt's freilich wieder an zu stechen, und — und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen könnte. — Wenn ich an den Kirchthurm denke und — und was daneben liegt — und an die großen Linden — nur an den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus dem Kopfe weinen. — Aber der Vater darf's nicht merken,« setzte sie rasch hinzu, »sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist ihm gerade so wie uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn er sich's auch nicht will merken lassen — aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand, und da wird er lieber grob, wenn er's auch nicht so böse meint und — wenn man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur um so lieber d'rum haben.«
Georg war es, als er das Mädchen so plaudern, und selbst den Dialekt aus seiner eigenen Gegend dabei hörte, ebenfalls recht weich um's Herz geworden; ihm selber klang die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und er hätte den lieben Lauten stundenlang lauschen mögen, so wohl, so weh wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herüber tönte da das Knallen einer Peitsche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit seiner andern Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen Mais aus dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen, wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten aber gesunden Gesichtern, und man merkte es ihnen an, daß sie die Arbeit freute die sie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die Nacht zu bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana hinüber, wo er wenigstens hören wollte wie es denen ging, an denen sein Herz, so weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern geliebt hätte, mit festen — er fürchtete unzerreißbaren Banden hing, und je länger er sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drängte und trieb es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder zuwandte.
Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl hier zufriedene, glückliche Menschen zu sehn, die dem Lande ihr Brod sauer genug abverdienen mußten, die aber die Schultern ernst dagegen stemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langsam vorrückten, doch eben sahen, daß sie vorrückten, und sich glücklich dabei fühlten.
»Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund,« sagte der Mann unter Anderem und im Laufe des Gesprächs lächelnd, »wie sie uns manchmal, als wir von Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir so etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen nicht schonen, dann können wir uns doch Tauben braten, und haben dann welche, und in Deutschland ging das eben nicht mehr an. Das erste Jahr haben wir uns freilich tüchtig placken müssen, und sind bei anderen Leuten in Dienst gegangen, alle miteinander — es war ein schweres Jahr, aber es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstück hier gekauft. — Ganz ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich ist's mein, und mit dem Vieh was ich indessen ziehe, und das den Werth der Farm erhöht, können wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.«
Der Mann hatte hundert Preußische Thaler mit herübergebracht, und mit dem dazu was er und seine Familie das erste Jahr verdient, den Stamm gelegt, der ihm eine sorgenfreie Existenz geben konnte.
Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die Hobbeln ab, legte ihm den Zügel wieder an, und ritt nach freundlichem Abschied von den Leuten auf dem ausgeruhten Thiere rascher die etwas staubige Straße entlang, wo er, wie ihm der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche Farm erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißigen Deutschen gehörte. Es waren noch zwölf Englische Meilen bis dorthin, und kein Haus lag dazwischen, kein Baum — unabsehbar mit dem wogenden Gras den Horizont begrenzend, dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.
Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem Wabasch zu, an dessen Ufer dichte Büsche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne Hickorybäume wuchsen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches gaben. Prairiehühner[3] gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen und die kleinen Rebhühner Nord-Amerikas — ein Mittelding zwischen Rebhuhn und Wachtel.
Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das Land erst kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen Erndte wehenden Maises, die Blöcke zu der Hütte frisch gehauen, und sogar das von ihnen übrig gebliebene und dort zum Feuer gelassene Holz noch nicht ganz verbrannt. Ebenso bestand die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und selbst die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, irgend wo eine Lücke in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und diesem einen Besuch abzustatten, die beiden Kühe, die zum Melken nach Hause gekommen waren, sahen aus, als ob sie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen eigentlich bestimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hause spielten und sich herumtummelten, und ein junges Mädchen von etwa vierzehn Jahren schien alle Hände voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf sie aufzupassen.
Heute gab es freilich auch etwas Neues für sie, das die Einförmigkeit ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, denn vor dem Hause hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter Pedlar-Wagen, mit allerlei bunten, wunderhübschen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt, daß er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater und Mutter vom Felde heim kämen, ihnen seine Waaren auszupacken, von denen sie Manches brauchen könnten. Indessen zeigte er ihnen aber allerlei, und gewann ihre Herzen noch überdieß durch ein paar kleine Spielereien, die er ihnen preisgab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit zurück, und während die Frau nach den Kühen ging, diese zu melken, trat der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.
»Guten Tag Landsmann — Ihr seid doch ein Deutscher, wie?« —
»Allerdings,« sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd, »möcht's nicht verleugnen.«
»Möcht' Euch auch schwer werden,« lachte der Bauer, »Euer Gesichtsschnitt würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr seid von »unsere Leut«, wie wir bei uns zu Lande sagen?«
»Na, wie mer's so nimmt,« lachte Wald, denn es war unser alter Reisegefährte von der Haidschnucke, der hier seine Umstände als Pedlar schon so verbessert hatte, mit einem Güterkarren durch's Land fahren zu können, »wir leben wie die Christen, und handeln wie die Christen — der Mensch kann nicht mehr verlangen.«
»Aber Ihr eßt kein Schweinefleisch,« lachte der Bauer.
»Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's nicht thäten,« sagte Wald achselzuckend, »aber setzt mich 'mal auf die Probe, besonders wenn Bohnen dabei sind.«
»Na, ein Mann ein Wort,« rief der Bauer, »das sollt Ihr heut' Abend haben, und Eueren Kasten könnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte mit Melken fertig ist; die hat schon die ganze Zeit lamentirt, daß sie kein Band und keinen Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.«
»Glück muß der Mensch haben,« sagte Wald vergnügt, »da komm ich wieder einmal gerade recht, und was die Frau braucht, steckt da Alles im Karren d'rin.«
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Capitel 3. Click to [ENLARGE] |
»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stäk' um damit zu zahlen — na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie ist's mit dem Kranken drin?« wandte er sich dann an das junge Mädchen das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte Achtung geben müssen.
»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, ist aber vor einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.«
»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, »ich habe kleine Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.«
»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der Bauer, »aber ein Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen, ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken so gut es gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn sein. Wir können den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.«
»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »und wo hat er das Bein gebrochen?«
»Wo? — da hinten von dem Baume herunter,« sagte der Bauer, »seht Ihr die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen? — dort drüben links.«
»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?« frug Wald erstaunt.
»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht — er hat fliegen wollen, und das ist noch nicht recht gegangen.«
»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren habe auf dem ich fahren kann — fliegen, und da ist er von oben heruntergestürzt?«
»Wie ein Mehlsack — er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran,« sagte der Bauer, »woran man sonst so ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch nicht nöthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen wäre — es ist auch ein Deutscher.«
»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche Menschen auf der Welt giebt, und macht er da ein Geschäft d'raus?«
»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher —«
»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell.
»Schultze heißt er allerdings — am Ende kennt Ihr ihn gar.«
»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander über See herübergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann ich ihn einmal sehn?«
»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der Bauer, »und da er die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.«
»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« frug der Pedlar.
»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer.
»Gerade elf, hm — arme Teufel — hat er denn Geld?«
»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, »er kam hier durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie er sagte.«
»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie herumfliegen?«
»Wahrscheinlich so — und er bot mir ein und einen halben Dollar wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen wollte, bis er mit seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei, aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war, und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja. Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder gesund ist und sich selber helfen mag.«
»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier in dem Amerika weiß man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann ich meine Sachen auspacken, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.«
»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm die Hand reichend, »na das ist recht daß endlich einmal Einer von Euch sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr denn da in Euerem Karren drin?«
Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Kästen und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn herdrängenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Städten des Ostens hergeführt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken sollten.
Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden, Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und mußte geschafft werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste.
Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden, und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug bringen, wollte diese doch davon Nichts hören. Sie hätten so Nichts großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld nehmen, das ginge nicht an — »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu, den Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, »ich dächte doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?«
»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang die Kreuz und Queer im Lande herum — hierher bin ich aber doch noch nicht gekommen.«
»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer stärker in's Auge fassend, »es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen — Jesus, Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?«
»Seid Ihr die Leute, die da unten in New-Orleans an der Levée saßen und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug aber nun Wald seinerseits wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig herausgearbeitet in der kurzen Zeit.«
»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' wie ich mich danach gesehnt habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu können.«
»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht kein Aufhebens von der Läpperei — ich wollt' ich hätt' mehr thun können.«
»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand reichend und derb drückend, »Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck, gerade wo's hingehört.«
»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,« sagte, mit Thränen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurückdachte, »wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinste schrie nach Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden ist; wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magst mir die Sünde verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand um uns kümmerte, und es allen Menschen eben ganz gleichgültig zu sein schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk brachte mir zuerst wieder, mit der Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es hätte besser werden sollen.«
»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald.
»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte die Frau, ihn scharf ansehend.
»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld genommen zu haben, was ich nicht verdient hatte,« sagte der Mann, »es war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande sind es mit tausend Dank zurückzuzahlen.«
»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb lachend, »hab' ich's mir doch schon selber wieder geholt — zurückzahlen, was sagen Sie zu dem Mann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschäfte gemacht, und werde den halben nicht dabei haben.«
Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er für einen Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, und der Bauer mußte ihm jetzt erzählen wie es ihm hier so schnell geglückt. Ohne Mittel auf's gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und so langsam fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den nächsten Jahren langsam abzuzahlen, käuflich übernommen.
Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die Straße nieder die zum Hause führte, und hielt neben der Gruppe.
»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier mitten in der Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an.