Nach Amerika!
Ein Volksbuch
Zweiter Band

von

Friedrich Gerstäcker.


Inhalt des ersten Bandes.


[pg 001]

Capitel 1.

Die Seestadt.

Am 29. August Abends zehn Uhr rasselten zwei Droschken durch die engen, noch ziemlich belebten Straßen Bremens, und hielten, dicht hintereinander, vor dem offenen Thorweg des »Hannoverschen Hauses« aus dem ein paar geschäftige Kellner sprangen, die Neuangekommenen in Empfang zu nehmen.

»Um wie viel Uhr fährt morgen früh die Haidschnucke ab?« frug ein ältlicher Herr, der in einen weiten Mantel gewickelt hastig aus dem ersten Wagen stieg, indeß aus dem anderen ein paar Damenhüte schauten, als ob sie noch unschlüssig wären hier auszusteigen oder weiter zu fahren.

»Haidschnucke?« sagte der Oberkellner etwas verblüfft den Fremden und dann den ebenfalls herzugekommenen Hausknecht anschauend — »Haidschnucke?«

»Weet ick nich« erwiederte dieser, kurz angebunden, und [pg 002]fing an, ohne weiter zu fragen die verschiedenen, vorn auf dem Bock aufgehäuften Koffer und Hutschachteln von diesem herunter zu ziehen.

»Das Schiff Haidschnucke, Capitain Siebelt, nach New-Orleans bestimmt,« erklärte der Fremde — ein alter Bekannter von uns, Professor Lobenstein — dem Kellner indeß; »der Abgang war auf morgen früh bestimmt, und ich wollte schon gestern hier sein, bin aber um einen Tag aufgehalten worden.«

»Ach Sie meinen ein Seeschiff,« sagte der Kellner beruhigend, »da brauchen Sie keine Angst zu haben; die gehen selten so pünktlich — befehlen Sie zwei oder drei Zimmer?«

»Ja selten so pünktlich,« wiederholte der Professor ungeduldig — »darauf kann ich mich nicht einlassen — He! — Sie da — wo laufen Sie denn mit den Sachen hin? lassen Sie mir das erst Alles einmal auf der Hausflur stehn, bis Sie weiteren Bescheid bekommen. Wo wohnt denn wohl der Rheder der Haidschnucke?«

»Der Rheder der Haidschnucke?« wandte sich der Oberkellner wieder fragend an den Hausknecht — »wer hat denn die Haidschnucke eigentlich?«

»Weet ick nich« sagte der Hausknecht wieder wie vorher kurz angebunden.

»Ferdinand Hessburg« kam ihm der Professor hierbei zu Hülfe, »die Firma heißt, glaub' ich, Hessburg und Sohn.«

»Ach ich weiß schon« erwiederte der zweite Kellner jetzt — das Geschäft ist in der Seemannsstraße, aber Hessburgs wohnen am Wall.«

»Kann ich Jemand bekommen der mich dorthin begleitet?« frug der Professor.

»Es ist zehn Uhr vorbei« sagte der zweite Kellner, achselzuckend.

»Ich muß Jemanden aus dem Geschäft noch diesen Abend sprechen« beharrte aber der Professor in der einmal gefaßten Furcht, daß er die Abfahrt des Schiffs versäume, »können Sie nur Jemand von hier mitgeben, so mögen meine Damen so lange in das Gastzimmer gehn und sich ein wenig restauriren. Ist es dann nöthig, so nehmen wir nachher Extrapost und fahren nach Bremer Hafen hinaus.«

Die Damen waren indeß ausgestiegen, und die verschiedenen Collis in dem Gastzimmer, an dessen Abendtafel es ziemlich lebhaft herging, neben dem Ofen aufgethürmt worden zu augenblicklicher Weiterbeförderung, falls diese nöthig werden sollte, bereit zu sein. Der Professor Lobenstein aber ging raschen Schrittes, mit dem einsylbigen Hausknecht als Führer, die Straßen entlang, dem bezeichneten Stadtviertel zu, bis Jahn, wie der Hausknecht hieß, vor einem sehr eleganten Hause Halt machte und dort auch, ohne weiter ein Wort zu sagen, mit solcher Gewalt an dem Messinggriff der Klingel riß, daß das ganze Haus von dem so plötzlich geweckten Geläute wiederschallte.

»Aber um Gottes Willen« rief der etwas rücksichtsvolle Fremde erschreckt.

»Dat sollen se woll 'hört hebben« meinte aber Jahn ruhig und schob seine Hände, wie vollständig mit sich zufrieden in [pg 004]die Taschen, während drinnen im Haus ängstlich bestürzte Stimmen laut wurden, und Leute hin und wieder liefen. Oben in der ersten Etage öffnete sich aber auch gleich darauf ein Fenster, und eine ziemlich ärgerliche Baßstimme frug herunter wer da wäre, und wo es brenne?

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung« sagte aber der Professor, unwillkürlich in der Dunkelheit seinen Hut abnehmend, »mein Führer hier hat so entsetzlich an der Klingel gerissen.«

»Zu wem wollen Sie?« frug der Baß oben, die Entschuldigung unten kurz abschneidend — »hier wohnt kein Doktor.«

»Habe ich das Vergnügen mit Herrn Hessburg zu sprechen?« frug aber der Professor zurück.

»Mein Name ist Hessburg,« sagte der Baß.

»Dann sind Sie wohl so freundlich mir zu sagen, um welche Tageszeit die Haidschnucke morgen segelt« sagte der Professor, froh endlich an den rechten Mann gekommen zu sein, »und ob ich noch zur rechten Zeit komme, wenn ich jetzt Extrapost nehme und die Nacht durch nach Bremerhafen fahre — ich habe mich um einen Tag verspätigt und möchte das Schiff nicht versäumen.«

»Extrapost nehmen?« frug die Stimme oben erstaunt; »morgen früh um sechs und Mittags um elf geht ja ein Dampfboot nach Bremerhafen, warum wollen Sie denn nicht mit dem fahren?«

»Aber komme ich dann noch zur rechten Zeit?«

Die Stimme oben murmelte etwas, das der Professor unten nicht verstehen konnte — »sind Sie ein Passagier der Haidschnucke?« sagte es dann wieder lauter.

»Aufzuwarten — Professor Lobenstein aus Heilingen.«

»Ah — bitte um Entschuldigung Herr Professor, daß ich Sie habe so lange da unten stehen lassen. Marie machen Sie einmal unten die Thüre auf.«

»Bitte, bitte« rief aber der Professor — »ich will Sie keineswegs mitten in der Nacht belästigen — also komme ich noch früh genug wenn ich morgen um sechs Uhr mit dem ersten Boot abfahre?«

»Die Haidschnucke wird wohl kaum vor Abend in See gehn — der Wind ist noch nicht ganz günstig« sagte der Baß oben — »wenn Sie um 11 Uhr fahren haben Sie vollkommen Zeit — das Schiff liegt vor Brake und wird morgen früh noch einige verspätete Fracht an Bord nehmen.«

»Vor Brake?« wiederholte der Professor, mit der Geographie der Weser noch nicht so weit bekannt.

»Der Hafen diesseit Bremerhafen« sagte der Baß — »die Leute auf dem Dampfboot kennen den Ort und das Schiff —«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden —«

»Bitte Herr Professor — Sie werden entschuldigen —«

»Bitte sehr — ich habe um Entschuldigung zu bitten —, Sie in so später Nachtzeit noch gestört und belästigt zu haben.«

»Oh — war mir sehr angenehm Ihre werthe Be —« das übrige verschwamm in einem dumpfen, unverständlichen[pg 006] Murmeln, unter dem sich das Fenster oben langsam wieder schloß, und der Professor bedeutete seinen Führer, ihn so rasch als möglich, zu dem Hotel zurückzubringen.

Lobensteins hatten dort indessen, so gut das in dem ziemlich besetzten Speisesaal eben gehen wollte, einen der Ecktische in Besitz und Platz daran genommen, und sich Thee und Butterbrod geben lassen, auf eine mögliche Nachtfahrt mit Extrapost wenigstens in etwas vorbereitet zu sein. Die beiden jüngsten Kinder, Carl und Gretchen mußten dabei im Schlaf in die Stube getragen und konnten kaum munter erhalten werden, noch etwas zu sich nehmen, und legten sich dann mit den Köpfchen, Carl auf den Tisch und Gretchen in Mutters Schooß — weiter zu schlafen.

Der Aufenthalt in dem großen, heißen Saale, mit den vielen Menschen, dem lauten Reden und Lachen und dem fast undurchdringlichen Tabacksqualm, die ganze fremde Umgebung dazu mit dem unbestimmten Gefühl das Schiff, mit dem ihre sämmtlichen Sachen befördert worden, am Ende gar schon versäumt zu haben, auch das übernächtige einer späten Fahrt, auf der mit bleierner, peinlicher Schwere der kaum überstandene Abschied aus der Heimath lag, das Alles vereinigte sich sie niederzudrücken und ernst und traurig zu stimmen, und das einfache Abendbrod wurde still und schweigend verzehrt. Jedes war mit seinen eigenen Gedanken viel zu sehr beschäftigt sich dem Andern mitzutheilen.

Nur Eduard, Professor Lobensteins ältester Sohn, der einzige vielleicht von der ganzen Familie, der sich wirklich auf [pg 007]die Reise freute und gern das regelmäßige, ihm entsetzlich langweilig vorkommende Schulwesen verlassen hatte, einem anderen, freieren Lebensberuf zu folgen, gab sich in dem Reiz der Neuheit, der die Jugend über so Manches hinwegsetzt, den fremdartigen Eindrücken selbst mit einigem Behagen hin. Die Rücklehne seines Stuhles gegen die Wand lehnend, überschaute er die bunten, sich vor ihm wie auf einem aus der Erde heraufbeschworenen Theater bewegenden Gruppen, und lauschte den sich fast sämmtlich um Amerika und die Reise drehenden Gesprächen der ihm nächsten Gäste und Fremden, bis sein Blick endlich auf einen kleinen Mann fiel, der ihnen gerade gegenüber und das Gesicht ihnen zugewendet, seinen Platz genommen hatte, und sie auf das aufmerksamste zu betrachten schien.

Der Fremde saß verkehrt auf seinem Stuhl, die Arme auf die Lehne desselben und sein Kinn wieder auf diese stützend, und schien sich in der That von der übrigen Gesellschaft ganz zurückgezogen oder abgewandt zu haben, und die neuangekommene Familie auf das Genauste zu betrachten.

Es schien übrigens, wie er so da saß, ein kleines schmächtiges Männchen von vielleicht vierzig bis vierundvierzig Jahren, mit grauer runder Mütze und schwarzem vorn fast spitz zulaufendem Schild, grauem Frack, grauer Hose, grauer Weste, grauem Halstuch und grauen Zeugstiefeln, in der linken Hand, lang zusammengefaltet, ein paar graue Zwirnhandschuh. Die kleinen lebhaften Augen funkelten dabei scharf und forschend unter dem spitzen ziemlich tief niedergezogenen Mützenschilde vor, und [pg 008]hafteten so lang und so forschend erst auf dem jungen Mann, dann auf der Mutter und auf den Töchtern, bis er Eduards Auge ebenfalls auf sich zog und dann, als ob er fühle daß sein Betragen vielleicht auffällig wäre, sich weiter mit seinem Stuhl zurückzog und sich mehr seitwärts setzte. Seine Blicke schweiften aber dennoch fortwährend, und wie fast unwillkürlich, nach dem Tische hinüber, an welchem die fremden Damen saßen, und hafteten dann hauptsächlich — Eduard, als er erst einmal aufmerksam wurde, konnte das deutlich erkennen — auf seiner Mutter.

Die Frau Professorin war jedoch viel zu sehr mit ihren Kindern und der Sorge um ihr Gepäck beschäftigt, den kleinen grauen Mann auch nur zu bemerken, viel weniger denn zu finden daß sie selber von ihm so scharf beobachtet wurden, bis sie Eduard endlich darauf aufmerksam machte und sie frug, ob sie den Fremden vielleicht schon früher einmal gesehen habe. So wie sie aber zu dem hinüber sah, stand er, wie verlegen, von seinem Sitze auf, zog die Mütze vorn womöglich noch weiter herunter, steckte dann beide Hände hinten in seine Fracktaschen, und verließ, leise vor sich hin pfeifend, das Zimmer.

»Sie, Kellner!« rief aber jetzt Eduard, den der Mann an zu interessiren fing, einem der um sie beschäftigten aber ebenfalls ziemlich schläfrig aussehenden Kellner zu — »kennen Sie den Herrn der da eben hinausging?«

»Eben hinausging?« sagte der Kellner, einen faulen Blick nach der Thür werfend — »ich habe nicht darauf geachtet.«

»Der mit der grauen Mütze und dem grauen Rock.«

»Ach — die Nachtigall?« sagte der Kellner, und ein breites, etwas dummes Lächeln zog ihn den Mund fast von einem Ohre bis zum andern.

»Die Nachtigall?« wiederholte Eduard etwas verdutzt.

»Nun Sie meinen doch den kleinen grauen Mann mit dem spitzen Mützenschilde?« lachte der Kellner.

»Ja wohl, denselben.«

»Nun ja, das ist ein sonderbarer Kautz, der schon acht Tage bei uns wohnt. Er heißt Schultze und will mit der Haidschnucke nach Amerika.«

»Mit der Haidschnucke? — mit der wollen ja auch wir fort« — rief Eduard rasch — »also segelt sie noch nicht morgen in aller Früh?«

»Ich glaube nicht« sagte der Kellner, »sonst wäre die Nachtigall doch schon längst nach Bremerhafen hinauf — auf wann war sie denn angezeigt?«

»Auf morgen früh — bestimmt.«

»Ah da haben Sie noch Zeit genug,« gähnte der Kellner — »unter acht Tagen gehn Sie dann gewiß noch nicht in See.«

»Acht Tage?« rief Eduard erschreckt — »das wäre eine schöne Geschichte wenn wir hier noch acht Tage im Wirthshaus liegen sollten.«

»Lieber Gott« meinte der Kellner, eine Parthie abgegessener Teller von einem der Nachbartische aufnehmend und da[pg 010]mit fortgehend — »die Auswanderer liegen hier manchmal vier und sechs Wochen, ehe ihr Schiff segelt.«

»Das wären traurige Aussichten« sagte Anna, die nicht weit von Eduard saß, und des Kellners Bemerkung gehört hatte — »da hätten wir uns freilich die letzten Tage in Heilingen nicht so entsetzlich abzuhetzen brauchen.«

»Was weiß der Kellner davon« tröstete sie aber Eduard; »apropos, der kleine graue Mann, der uns da gerade gegenübersaß und Mutter immer so anstarrte, geht auch mit der Haidschnucke nach New-Orleans?«

»Um Verzeihung,« fiel hier ein anderer Fremder, der an einem benachbarten Tisch saß, ein, sich im Stuhl etwas zurückbiegend — »habe ich recht gehört und gehen Sie wirklich mit der Haidschnucke nach New-Orleans?«

»Allerdings« erwiederte ihm Eduard — »wir haben unsere Passage auf dem Schiff genommen.«

»Ah, das ist mir doch ungemein angenehm« erwiederte der Fremde sich rasch vollständig gegen die Damen herumdrehend; »da bin ich so frei mich Ihnen als künftigen Reisegefährten gehorsamst vorzustellen.«

Die Damen verbeugten sich leicht gegen den sich selber Einführenden, und Frau Professor Lobenstein wollte ihn eben fragen ob er etwas Bestimmtes über die Abfahrt des Schiffes wisse, er ließ sie aber gar nicht zu Worte kommen, und fuhr rasch, seinen Stuhl jetzt vollständig zu ihrem Tische rückend, fort:

»Ist mir doch wirklich sehr angenehm; wunderbares Zu[pg 011]sammentreffen das, ebenfalls, eh? — wie sich die Leute doch so auf der Welt finden; kommen hier in einem Gasthaus, an einem Tisch zusammen und sind, unbewußt, im Begriff eine so ungeheure Reise mit einander zu machen und die Gefahren des Oceans zu theilen. Liegt ungeheuer viel Poesie in dem Gedanken.«

Der gesprächige Fremde machte hier zum ersten Mal eine Pause, indem er seine ziemlich geleerte Weinflasche und sein Glas von dem Tisch an dem er vorher gesessen, herüber nahm, und vor sich hinstellte, und sein Glas dabei wieder füllte und mit einer Verbeugung gegen die Damen trank.

Es war ein Mann ziemlich hoch in den Dreißigen, sehr sorgfältig angezogen, mit einem großen Siegelring an dem Zeigefinger der rechten und drei oder vier anderen Ringen an dem kleinen Finger der linken Hand. Er trug sein Haar dabei à la malconte, vollkommen kurz abgeschnitten, und wie es schien dem Bart zu Liebe, dem er desto volleres und unbeschränkteres Wachsthum gestattete. Die Tuchnadel, die seine schwarzseidene, kunstgerecht gefaltete Cravatte zusammenhielt, war ein kleiner goldener Bacchus auf einem Faß, der einen, wahrscheinlich unächten Diamant als Glas in die Höhe hielt und sein ziemlich starkes Uhrgehänge bestand aus einer Unmasse kleiner goldener oder vergoldeter Werkzeuge, Hammer, Korkzieher, Pistolen, Flaschen, Musikinstrumente &c. &c. Sein Gesicht machte dabei gerade keinen angenehmen Eindruck; die Stirn war sehr niedrig und etwas zurückgehend, mit einer ziemlich tiefen Falte queer darüber hinziehend, und die kleinen [pg 012]blauen Augen flogen unruhig umher, während er sprach, indeß der Zug um den Mund eine merkwürdig stark ausgeprägte Zuversichtlichkeit, wie vielleicht auch Eigenliebe verrieth; dennoch ließ sich ein gutmüthiger Ausdruck darin nicht verkennen, und das ganze Gesicht war entschuldigt, sobald man erfuhr, daß es einem Weinreisenden gehörte.

»Und können Sie uns vielleicht genau die Abfahrt des Schiffs sagen?« frug die Frau Professorin endlich, die erste mögliche Pause benutzend; »es hieß daß es schon morgen früh in See gehen sollte.«

»Wind und Wetter permitting wie die Engländer sagen« lächelte der Weinreisende, sehr zufrieden dadurch zugleich seine nautischen wie auch sonstigen Kenntnisse der englischen Sprache gezeigt zu haben.

»Was heißt das?« sagte die Frau Professorin, etwas verlegen.

»Ah, daß ein Schiff nicht segeln kann, wenn der Wind nicht günstig ist,« lächelte der Weinreisende nach den beiden jungen Damen hinüber. »Uebrigens wird die Haidschnucke keineswegs vor morgen Abend in See gehn« setzte er beruhigend hinzu; »ich bin mit dem Capitain sehr eng befreundet — wir haben schon manche Flasche zusammen ausgestochen, und er hat mich versichert daß er morgen Abend um sechs Uhr, mit eintretender Ebbe, seinen Anker lichten und seine Segel spannen würde. Sie wissen wohl, gnädige Frau — »Segel gespannt und den Anker gelichtet,« wie wir Seeleute singen.«

»Also vor morgen Abend nicht? oh das ist mir sehr[pg 013] lieb« sagte die Frau beruhigt; »dann brauchen wir auch nicht die Nacht durchzureisen und ich kann die Kinder zu Bett bringen, sobald der Vater zurückkommt. Sie wissen es doch ganz gewiß?«

»Parole d'honneur!« sagte der Weinreisende, sich, mit der rechten Hand und den Siegelring auf dem Herzen, verbeugend. »Uebrigens« fuhr er lebhafter fort, »wird, nach Goethe, wie bekannt, durch zweier Zeugen Mund, überall die Wahrheit kund, und hier an dem Tisch sitzt noch ein Reisegefährte von uns, der ebenfalls seine Passage auf der Haidschnucke genommen hat und erst wahrscheinlich morgen früh um elf Uhr mit dem zweiten Dampfboot nach Brake fahren wird, an Bord zu gehn — Herr Mehlmeier, dürfte ich Sie bitten sich einen Augenblick hierherüber zu bemühen und — Sie erlauben mir doch daß ich ihnen Herrn Mehlmeier vorstellen darf?«

»Wird uns sehr angenehm sein« sagte die Frau Professorin etwas verlegen; es war ihr eben nicht angenehm, in der Abwesenheit ihres Mannes mit so vielen fremden Menschen hier zu verkehren.

Herr Mehlmeier, der indessen still und regungslos, und ohne auch nur den Kopf nach jemand Anderem umzuwenden, vor seinem wieder und wieder gefüllten Glas Bier gesessen hatte, war bei dem Ruf seines Namens aufgesprungen, als ob ihn was mit einer Stecknadel an irgend einem empfindlichen Theil gestochen hätte. Es war eine große, fast übermäßig starke Gestalt, die des Herrn Mehlmeier, mit einem vollen runden gutmüthigen Gesicht, sehr breiten Schultern und [pg 014]stattlichem, etwas bauchigem Körper, Marie aber sowohl wie Eduard, und selbst Anna konnten sich kaum eines Lächelns erwehren, als er den Mund öffnete, und mit einer ganz feinen weichen, fast weiblichen Stimme ausrief:

»Was befehlen Sie Herr Steinert?«

»Ach lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Herr Steinert — »ich wollte mir vor allen Dingen die Freiheit nehmen, Sie den Damen hier, die wir so glücklich sind künftige Reisegefährtinnen von uns zu nennen, nach aller Form vorzustellen — Herr Christian Mehlmeier von Schmalkalden — und — aber ich weiß wahrhaftig Ihren eigenen Namen noch nicht, meine Damen —«

»Die Familie des Professor Lobenstein aus Heilingen« nahm hier Eduard das Wort, der sich jetzt besonders für den dicken Mann mit der feinen Stimme interessirte.

»Professor Lobenstein?« rief Herr Steinert, rasch nach dem jungen Mann herumfahrend — »Familie des Professor Lobenstein — corpo di Bacho! da sind wir ja alte Bekannte — habe das Vergnügen schon früher gehabt mit Ihrem Herrn Vater in einer sehr angenehmen Geschäftsverbindung zu stehn — ich machte in Weinen für das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt am Main — und der Herr Professor machten ebenfalls die Reise mit.«

»Wir erwarten ihn jeden Augenblick« sagte die Frau Professorin, sich dabei ungeduldig nach der Thüre umsehend, denn die Bekanntschaft des Herrn Steinert, der mit seiner lauten[pg 015] Stimme schon die Aufmerksamkeit sämmtlicher übrigen Gäste auf sie gezogen hatte, fing an ihr drückend zu werden.

»Er ist eben fortgegangen sich über die genaue Abfahrt des Schiffes Gewißheit zu holen,« ergänzte Eduard.

»Ah ja, unser Schiff« rief Herr Steinert, sich plötzlich wieder der Sache erinnernd, wegen der er Herrn Mehlmeier eigentlich herbeigerufen. »Sie haben ja selber heute mit den Rhedern gesprochen, nicht wahr lieber Mehlmeier?«

»Ja wohl« sagte der dicke Mann mit seiner feinsten Stimmlage, während er dabei stark mit dem Kopf schüttelte.

»Dann ist also keine Gefahr daß wir das Schiff versäumen, wenn wir bis morgen früh hier bleiben?« frug die Frau Professorin. Herr Mehlmeier nickte ihr aber sehr bedenklich zu und sie frug rasch — »Sie glauben doch?«

»Bitte um Verzeihung — Gott bewahre« sagte der dicke Mann erschreckt. — Das Gespräch wurde aber hier durch den Professor selber unterbrochen, der in diesem Augenblick den Saal betrat und noch unter der Thür zwei Zimmer für sich und die Seinen mit den nöthigen Betten, bestellte. Der Oberkellner war ihm darin aber schon zuvorgekommen, und trotzdem daß Herr Steinert jetzt mehre Anläufe nahm ein Gespräch mit Professor Lobenstein anzuknüpfen, und sich ihm als alten Bekannten vorzustellen, hatte dieser doch zu wenig Zeit sich, außer einigen höflich gewechselten Worten, mit ihm näher einzulassen. Die Frauen waren müde und erschöpft, und das Gepäck mußte nach oben geschafft werden, wo der Professor selber seinen Thee trinken wollte; so jede weitere Unterhaltung [pg 016]auf den nächsten Morgen verschiebend, empfahlen sich die Neugekommenen, und verschwanden gleich darauf mit den voranleuchtenden Kellnern in den Gängen der ersten Etage.

In dem Gastzimmer des Hannöverschen Hauses begann aber jetzt erst, trotz der späten Stunde, ein reges geselliges Leben. Viele der Passagiere der Haidschnucke, wie noch mehrer anderer Schiffe deren Abreise theils auf morgen, theils auf die nächsten Tage angekündigt worden, hatten sich hier zusammengefunden und feierten unter Lachen und Singen, mit Bier oder Champagner, und lustigen fröhlichen Plänen für »da drüben,« den »letzten Tag in der Heimath« wie sie's nannten.

»Den letzten Tag in der Heimath« — wie leicht, wie lustig sie das sprachen, und wie laut und fröhlich die Gläser dazu klirrten, und die Stimmen einfielen in den donnernden rauschenden Chor ihrer heimischen Lieder. Den letzten Tag in der Heimath; und für wie Viele war es der letzte Tag — wie Wenige von allen denen, die jetzt jauchzend das neue fremde Leben begrüßten, und die Erinnerung in Strömen Weins verschwemmten, sollten die Heimath wirklich wiedersehn, nach der doch alle Fasern ihres Herzens zurück sich sehnten viele Jahre lang. »Der letzte Tag in der Heimath« oh es denkt sich leicht, mit all den wundertollen Bildern, die unsere Phantasie sich aufgebaut, gewissermaßen schon in Sicht — in Arms Bereich. Mit dem alten Leben abgeschlossen hinter sich, voll Ungeduld dem Augenblick entgegensehend wo sie [pg 017]das neue beginnen dürfen und können, ist ihnen das Vaterland nur noch das letzte Sprungbret, von dem aus sie mit keckem fröhlichem Satz einer neuen Welt in die Arme fliegen, und sie feiern den Tag und die Stunde, vor deren Nahen sie Jahre lang gebebt — oh daß sie nie den Tag beweinen müßten.

Die Fröhlichkeit der Auswanderer ist aber in solchen Fällen auch selten eine ruhige, meist eine wilde, ausgelassene, wie das auch wohl kaum anders der Fall sein kann; sie wollen nicht zurückdenken an das was hinter ihnen liegt, und das Nöthigste was sie dabei zu thun haben, ist die Gedanken zu betäuben, die ihnen oft dennoch ins Hirn steigen, sie mögen sie eben haben wollen oder nicht.

Eine Menge der jungen Leute waren an dem Abend noch einmal im Theater gewesen, in der fremden Stadt irgend ein altes bekanntes Stück aufführen zu sehen, und saßen jetzt bei ihrem Abendessen und Wein, und sprachen und stritten sich über die Aufführung, als ob sie nur eben deretwegen allein nach Bremen gekommen wären. Dort in der Ecke rechneten ein paar, die wahrscheinlich gemeinsame Casse mit einander hatten, und jetzt ihre gehabten und zu habenden Auslagen wohl durchsahen; die meisten aber lachten und plauderten mit einander und tranken und sangen noch, heimische Weine und Lieder bis spät in die Nacht hinein.

Ganz still und geräuschlos war indessen ein alter polnischer Jude in seiner Nationaltracht, dem langen schwarzen schmutzigen seidenen Kastan, mit einem Knaben von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren hinter sich, ebenfalls in das Gast[pg 018]zimmer gekommen, und hatte sich an einem der leer gewordenen Seitentischchen ein Glas Bier geben lassen, von dem er in langsamen, durstigen Zügen trank. Der Knabe trug ein, in ein rothbaumwollenes Tuch eingeschlagenes Packet unter dem linken Arme, das er neben sich auf den Tisch legte und sich dann zurück auf seinen Stuhl setzte, den Kopf auf die Lehne desselben lehnte, und die Augen ermüdet schloß. Das grelle Licht der Lampen fiel voll auf die bleichen, von schwarzen vollen Locken umwogten Züge, und der sonst wirklich schöne Kopf des Kindes bekam, auch vielleicht mit in der unnatürlichen zurückgeworfenen Lage, etwas unheimlich Krankhaftes, ja fast Leichenartiges.

»Komm Philipp« sagte der Alte, als sie eine Weile so gesessen hatten, mit unterdrückter Stimme, indem er den jungen Burschen mit dem Fuße anstieß — »es werd spät, pack die Harmonika aus und laß uns anfange. Die Leut' hoben hier viel getrunken und sind guter Laune; werd auch 'was für uns dabei abfalle.«

Der Knabe öffnete die großen schwarzen Augen und sah den Mann ein paar Secunden starr an, als ob er nicht recht begriffen hätte was er sagte.

»Na, werd's bald?« rief aber dieser, ärgerlich aufbrausend, aber doch so leise daß es selbst die an den nächsten Tischen Sitzenden nicht verstehen konnten — »ist es dem jungen Herrn gefällig, oder soll ich ihn etwa aufwecken?«

»Ja ja, Vater!« rief der Knabe jetzt, rasch und erschreckt emporfahrend — »wollen wir denn noch singen heute[pg 019] Abend?« setzte er aber langsamer und fast wie ängstlich hinzu.

»Wolle wir denn noch singen?« wiederholte der Alte spöttisch und ärgerlich, »Gottes Wunder, glaubt der junge Herr daß ich ihn Abends in die Wirthshäuser führe zu seinem Vergnigen? — wolle wir denn noch singen? Abraham und Jacob, was ist das for a Frog.«

Der Knabe war übrigens schon bei den ersten ärgerlichen Worten des Alten von seinem Stuhle aufgesprungen, und sich die Locken aus der Stirn streichend, machte er sich eifrig daran, das auf dem Tisch liegende Packet aufzuknüpfen, und den Inhalt auf der Tafel desselben auszubreiten. Hierbei war ihm der Alte behülflich, und ordnete jetzt selber eine Masse mit einander leicht verbundener Stöcke oder Stäbe von weichem Holz, die, manche stärker, manche schwächer, mit einer Unterlage von dünn- aber festgedrehten Strohseilen auf den Tisch an beiden Enden auf- und in der Mitte hohlzuliegen kamen.

»Hallo was ist das?« rief Steinert, der dem Tische zunächst saß und die wunderlichen Vorbereitungen bemerkte — »eine Holzharmonika, wahrhaftig — ah, meine Herren, jetzt werden wir etwas zu hören bekommen; die klingt famos, wenn sie der alte Bursche da nur zu spielen versteht.«

»Werd' er sie nicht zu spielen verstehn — spielt sie schon fünfundzwanzig Jahr« schmunzelte der Alte vergnügt vor sich hin — »nu Philippche, mei Jingelche jetzt paß auf, und fall mer ein zur rechten Zeit mit der Flöte.« Zugleich die beiden, ihm zur Hand liegenden Klöppel ergreifend, fuhr er mit rascher [pg 020]geübter Hand über die eigenthümlichen Tasten hin, denen er dabei einen nicht zu lauten, aber wunderbar harmonischen vollen Ton entlockte. Wie Glockenspiel klangen die Laute, die entfernteren Räume mit ihrem Wohlklang füllend, und die Gäste, nach allen Richtungen hin horchten hoch auf, vergaßen von was sie gesprochen, und kamen heran, den Tisch umdrängend, an dem der alte Jude spielte.

»So Philippche, nu fang an!« nickte er aber jetzt dem Knaben zu, der bis dahin still und regungslos neben dem Tisch gestanden und sich kaum der Leute hatte erwehren können, die ihn umpreßten; dabei fiel er in die englische Volkshymne God save our gracious queen ein, die der Knabe jetzt in der zweiten Stimme mit der Kehle, aber so täuschend den vollen weichen Laut der Flöte nachahmend, begleitete, daß die Zuhörer wirklich in den ersten Minuten ganz die Harmonika vergaßen und noch näher hinanwollten, nur um zu sehen ob der junge Bursche nicht wirklich eine Flöte habe auf der er spiele, und das Alles allein aus der eigenen Kehle herausbringe.

Der alte Mann, den der Zudrang freute, denn er bewies ihm die Theilnahme der Hörer und ließ ihn auf gute Einnahme rechnen, fuhr dabei mit großer Leichtigkeit und Sicherheit über die fibrirenden Tasten, und seine ganze, erst so ruhige in sich gesunkene Gestalt schien mit den Tönen Leben zu gewinnen, und aus sich herauszugehn. Es war eine kleine schmächtige, aber zähe und knochige Gestalt, der Mann in dem schwarzen, schmutzigen Kastan; über die scharf gebogene[pg 021] Nase zog sich ihm eine tiefe dunkle Falte, und zwei schwarze Gruben in den hohlliegenden Wangen hoben die dunkelglühenden, unstet umherblitzenden Augen nur noch mehr hervor, und verloren sich in dem fuchsigen, sorgfältig gekämmten langen und spitzen Bart, der nur am Kinn in den schon weiß gewordenen Haaren das Alter des Mannes verrieth.

Der Knabe war, wie schon gesagt, etwa zwölf bis dreizehn Jahre alt, trug aber nicht die polnische Tracht, sondern einen gewöhnlichen Rock und eine blaue Mütze, die er neben sich auf dem Tisch liegen hatte, während der Mann sein altes schmutziges abgegriffenes Sammetmützchen aufbehielt. Das zwar bleiche doch wirklich schöne asiatische regelmäßige Gesicht des Kindes — denn es konnte kaum über die Kinderjahre hinaus sein, blieb aber kalt und theilnahmlos bei den weichsten, ergreifendsten Tönen seiner eigenen Brust und, ohne Seele, beherrschte er mit wunderbarer Gewalt fast, die mächtige Stimme, die sich oft zu einer Stärke hob, daß die Umstehenden ihr lautes Erstaunen nicht zurückhalten konnten, und dann in stürmischen, donnernden Beifall ausbrachen. Mit unnatürlicher Gewalt mußte der Knabe dabei seine Stimme, die Töne der Flöte nachzuahmen, zu ihrer höchsten Lage hinaufzwingen, und der Schweiß stand ihm auf der weißen Stirn in großen Tropfen, solche Anstrengung kostete es ihm. Aber der Alte spielte unverdrossen fort — jetzt »Lützow's wilde verwegene Jagd« wie es Einzelne der Gesellschaft wünschten, und dann »des Deutschen Vaterland« nach Anderer Ruf; dann den Jägerchor, und die neueste Polka, und Trinklieder zuletzt, [pg 022]zu denen sie ihm und dem Knaben Wein brachten, bis spät in die Nacht hinein.

Zuletzt konnte aber der Knabe nicht mehr — die Stimme schlug ihm mehrmals über, und wenn ihn gleich der Alte ärgerlich dabei ansah, ließ es sich nicht erzwingen. Philipp schaute bittend zu ihm auf und schüttelte mit dem Kopf, und der Alte legte plötzlich seine Klöppel bei Seite und fing an die Hölzer wieder zusammenzupacken, während welcher Zeit der junge Bursch einen Teller nahm und in dem Zimmer sammelnd umherging. Die Gäste schienen allerdings mit dem frühen Aufbruch, wie sie's nannten, gar nicht zufrieden, und Steinert besonders verlangte noch einige Lieblings- Trink- und Weinlieder, die kein Mensch weiter kannte, der alte Mann schüttelte aber mit dem Kopf und meinte es sei genug, sein Junge würde ihm sonst krank und könnte nicht mehr pfeifen, und der Ertrag der Sammlung fiel dabei über alles Erwarten reich und günstig aus.

Auswanderer, vorzüglich die in den Hotels wohnenden, haben meist immer noch eine Menge »deutsches Geld« in den Taschen, das sie, wie sie sagen »doch nicht mit auf das Schiff nehmen können« und sind gewöhnlich sehr freigebig mit dieser kleinen Münze, so lange sie eben dauert. Sehr zu ihrem Erstaunen müssen sie dann aber auch freilich nicht selten schon eingewechseltes amerikanisches Geld wieder »in den Markt« bringen, und die ewige Klage ist nachher »oh die theueren Seestädte.«

»Von woher seid Ihr denn, Alter?« frug ihn jetzt Stei[pg 023]nert, der, noch am sparsamsten, nur einige Grote auf den Teller geworfen hatte — »doch nicht aus Bremen?«

»Gott der Gerechte, nein!« lächelte der Gefragte, mit einem flüchtigen aber zufriedenen Blick den Haufen eingesammelter Münzen, unter denen sich nicht ein einziges Kupferstück befand, überfliegend — »bin ich doch von Bromberg.«

»Von Bromberg? Donnerwetter das ist weit« sagte der Weinreisende — »und was thut Ihr hier in Bremen?«

»Was wir in Bremen thun?« frug der Jude, die Augenbrauen in die Höhe ziehend — »Gottes Wunder was thun Sie in Bremen?«

»Ei wir wollen auswandern, Alter« lachte der Reisende, einen vergnügten Blick im Kreis herumwerfend.

»Als ich aach nicht hierbleiben mag, werd' ich aach auswandern« erwiederte aber der Israelit, die Schultern in die Höhe ziehend.

»Was? — auch auswandern?« riefen aber viele der Umstehenden wie aus einem Mund.

»Na?« — sagte aber der Jude, sich erstaunt im Kreise umsehend — »ist's etwa wohl zu hibsch hier für uns Jüden, heh? wer sollen uns wohl glicklich schätze, daß mer derfe unsere Steuern zahle und nachher getreten werden wie die Hunde?«

»Aber wo geht Ihr hin?« rief Einer der Umstehenden, »nach New-York?«

Der Alte schüttelte mit dem Kopf.

»Nach New-Orleans.«

»Und mit welchem Schiff?« rief Steinert schnell.

»Mit der Haidschnucke.«

»Hurrah der Alte soll leben« jubelten aber die Passagiere der Haidschnucke um ihn her — »das ist prächtig, das ist ein Reisegefährte der uns die Zeit vertreiben wird,« und von verschiedenen Seiten wurden noch Flaschen Wein bestellt den Spielmann zu traktiren, der jetzt kaum hörte wie die Sache stand, und das Viele der Anwesenden auf ein und demselben Schiff die Ueberfahrt mit ihm machen würden, als er auch augenblicklich sein erst halbgeleertes Glas Bier zurückschob und sich mit augenscheinlichem Behagen dem Genuß des wahrscheinlich lange entbehrten Weines hingab. Der Knabe aber trank sein Glas aus, und setzte sich dann still und weiter nicht beachtet, in die eine Ecke, lehnte den Kopf zurück gegen die Wand, und schloß die Augen — vielleicht schlief er — bis die späte Nachtstunde auch die Uebrigen mahnte aufzubrechen, und ihn sein Vater abrief, ihr eigenes Lager in einem kleinen billigen Wirthshaus in der Neustadt aufzusuchen.


[pg 025]

Capitel 2.

Der Weserkahn.

Der nächste Tag war ein gar geschäftiger für die Passagiere zweier Seeschiffe, die noch an demselben Abend expedirt zu werden hofften, und — der Aussage der Rheder wenigstens nach — segelfertig und bis auf einige unbedeutende Kleinigkeiten vollständig gerüstet, vor Anker lagen. Tausenderlei Sachen mußten noch besorgt und eingekauft werden, die man theils für nöthig, theils selbst für unentbehrlich hielt; Wein und Branntwein wurde dabei angeschafft, Zucker und Zwieback, eine ganze Ladung von Heringen und Sardellen eingelegt, den schlimmsten Feind der Reisenden, die Seekrankheit, wenn nicht zu bannen, doch damit in ihren Wirkungen zu schwächen. Auch mit Blech und anderem Geschirr, mit Messer, Löffeln und Gabeln als auch verschiedenen Gewürzen, hatten sich besonders die Zwischendeckspassagiere zu versehn, denen etwas Aehnliches vom Schiffe aus nicht geliefert wurde. Und wie [pg 026]viel vergaßen sie noch, was sie nachher gern auf dem Schiff mit dem Doppelten bezahlt hätten, wo es freilich nicht mehr zu bekommen war, und wie viel auch wurde überflüssig als geglaubtes Bedürfniß mitgeschleppt, nachher eine Weile unbenutzt im Weg herumzufahren und zu verderben, und dann über Bord geworfen zu werden.

Wer aber kann es den Leuten verdenken, daß sie nicht gleich wissen und verstehn, sich auf eine so lange mühselige und mit Entbehrungen und Gefahren verknüpfte Reise in wenigen Tagen, oft fast nur Stunden ordentlich und vollständig vorzubereiten? Meist aus dem inneren Land, mit der See kaum dem Namen nach bekannt, schwimmt ihnen Alles was sie vielleicht über eine erste Einschiffung gelesen, nur wie in wirren Bildern im Hirn herum, die sie dann nicht fassen und halten können, sobald sie das zum ersten Mal jetzt praktisch ausführen sollen, was sie sich Monate vorher vielleicht schon einstudirt.

Der Deutsche ist überhaupt, wo es ins praktische Leben eingreift, das ungeschickteste Menschenkind auf der weiten Gottes Welt. Viel thut freilich dabei die Erziehung, und gegängelt und am Leitseil geführt nicht allein bis ins Schwabenalter, sondern oft auch bis ins Grab, wird ein so vortrefflicher Staatsbürger aus ihm (den alle anderen, fremden Regierungen nicht genug zu rühmen wissen) daß er eben zu Nichts weiter zu brauchen ist, und eben nur so verbraucht werden muß. Reißt er sich aber einmal los aus den alten Verhältnissen, läßt er die Leute die bis dahin so aufmerksam und väterlich für ihn gesorgt — zurück, dann macht er auch im An[pg 027]fang gewiß eine Menge dummer Streiche, tritt anderen Leuten auf die Zehen oder wird von ihnen getreten (in beiden Fällen regelmäßig um Entschuldigung bittend) und verstößt gegen Alles was ihm in den Weg kommt, am meisten aber gewiß gegen sich selbst. Später wird er gescheut, aber es dauert eine lange Zeit.

Hier aber hat er noch manche Entschuldigung für sich; eben erst aus seinem heimischen Boden gerissen, die Augen noch von, wenn auch heimlichen, Thränen roth, das Herz zum Brechen voll und den Kopf wüst und wirr in der Erinnerung an das kaum überstandene; was Wunder daß er da die Tage gerade, wo er die Sinne recht beisammen haben sollte, wie im Traume herumgeht, und trotz allen Büchern und Rathgebern die er vorher gelesen, erst wieder an das Nöthigste denkt wenn er »zu Ruhe kommt«, d. h. wenn das Schiff in See und die Seekrankheit vorüber ist — weit weit draußen im Ocean — allerdings etwas zu spät.

So sieht man Schaaren von Auswanderern die Straßen der Seestädte den ganzen Tag über durchziehn in Gesellschaft und einzeln, die Männer mit ihren grauen Filzhüten auf und Blousen über die Röcke gezogen, die kurzen Pfeifen im Mund — die Frauen Kinder an der Hand und auf dem Arme, in kleinen schüchternen Trupps vor jedem aufgeputzten Laden stehen bleibend und die Sachen darin bewundernd, oder weiter schlendernd und die Aushängeschilder buchstabirend, die über den verschiedenen Thüren hängen. Es ist das die »leere Zeit« in ihrem Leben, der erste Ruhepunkt vielleicht, so lange sie [pg 028]denken können, eine Zeit in der sie Nichts zu thun haben — Nichts weniges für andere Leute, wenn auch eigentlich genug für sich selbst. Wie eine Reihe von Sonntagen, jeder immer länger werdend als der Vorgänger, schleichen die Stunden an ihnen hin und bieten erst wieder Stoff zu Gedanken und Betrachtungen draußen in See.

Die Cajütspassagiere, wie solche der Zwischendeckspassagiere, die noch über einiges Geld zu verfügen hatten, wohnten indessen in den besseren Gasthöfen Bremens, und benutzten zum Hinausfahren nach ihrem Bestimmungsort, wo das Schiff vor Anker lag auf dem sie ihre Ueberfahrt bedungen, eines der kleinen Dampfboote, die täglich zweimal in wenigen Stunden nach Bremerhafen hinausfahren, und überall an den Zwischenstationen anlegen; die meisten der Zwischendeckspassagiere aber, und besonders solche, die von den Rhedern auf einen gewissen Tag angenommen waren, von dem aus sie beköstigt werden mußten, waren schon an Bord gegangen,[1] ihr Geld nicht weiter in der theueren Stadt zu verzehren. Die jedoch, die sich noch in der Stadt befanden und auf freie Passage nach Bord zu mit ihrem Gepäck, Anspruch machten, da sie sich das gleich in ihrem, mit früheren Agenten abgeschlossenem Schiffscontrakt festgestellt hatten, waren am 20sten Morgens um sechs Uhr an die Ausmündung einer bestimmten Straße, unten an die Weser bestellt, wo der Kahn Nr. 67 — Kahnführer [pg 029]Meinert — lag, von diesem gratis an Bord der Haidschnucke geschafft zu werden.

Dort versammelte sich denn auch an dem schönen sonnigen Morgen, dem nur im Westen dunkel aufsteigende Wolken ein kurzes Ende zu machen drohten, eine Masse Menschen verschiedenartigsten Alters und Geschlechts, um sich mit dem, versprochener Maßen »bedeckten Flußschiff« an den Ort ihrer Bestimmung baldmöglichst befördert zu sehn. Kisten und Kasten, an denen Karrenführer schon seit zwei Stunden herbeigeschafft, lagen an der bezeichneten Landung bunt aufgestapelt, und Hutschachteln, Reisesäcke, Körbe mit Victualien &c. &c. wuchsen von Minute zu Minute an Masse und Gewicht.

Die buntgemischteste Gesellschaft, die sich dabei nur denken läßt, sammelte sich um die Effecten, junge und alte Männer, ihren Taback in die freie Luft hinausqualmend und ungeduldig dabei am Ufer auf- und abgehend, und Frauen und junge Mädchen, fest in ihre Umschlagetücher eingehüllt, die doch etwas frische Morgenluft abzuhalten. Die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden; die Gespräche drehten sich bis jetzt nur um das Gepäck und das »bedeckte Flußschiff« das sich noch immer nicht zeigen wollte. Damit hatten sie aber auch vor der Hand übrig genug zu thun, denn dem fehlte ein Koffer, dem war ein Schloß von seiner Kiste abgerissen, oder der Deckel eingedrückt worden; der Eine hatte noch dies in der Stadt vergessen einzukaufen und mochte nicht mehr hinauslaufen, aus Furcht die Abfahrt zu versäumen, der Andere das im Gasthaus liegen lassen und die[pg 030] Menschenmenge wogte und drängte durch einander hin, schimpfend und fluchend hier, lachend und pfeifend oder singend da, während neue Karren mit Gepäck noch jeden Augenblick dazu kamen, die Verwirrung, wenn das überhaupt möglich gewesen wäre, zu vergrößern.

Die einzige, vollkommen unbewegliche Person in diesem Chaos von Menschen und Gepäck saß auf einem Haufen von Kisten die zuerst hergeschafft und übereinander gethürmt waren, mit unterschlagenen Beinen regungslos oben darauf, und schien die Confusion unter und um sich mit ordentlichem Wohlgefallen, jedenfalls mit vollständiger Gemüthsruhe zu betrachten.

Es war eine, was man so von unten erkennen konnte, vierschrötige derbe und untersetzte Gestalt, jedenfalls den unteren Volksklassen zugehörig, und doch auch wieder mit einem gewissen Selbstbewußtsein in den rauhen, nichts weniger als schönen Zügen, als auch in der ganzen Haltung, wie man es nicht immer bei diesen findet. Der Mann mochte ungefähr fünf- bis achtundvierzig Jahre alt sein, und der Ausdruck seines lederartigen faltigen Gesichts hatte, gleich auf den ersten Blick eine so merkwürdige und auffallende Aehnlichkeit mit einem großen Affen, der mit unerschütterlichem Ernst vor einer Menagerie sitzt, und das Wogen und Treiben der Menge unter sich betrachtet, daß wenige der Passagiere, so viel sie heut Morgen mit sich selber zu thun haben mochten, an ihm vorübergingen, ohne überrascht ein paar Secunden vor ihm stehn zu bleiben und ihn zu betrachten, oder sich gegenseitig [pg 031]ein paar erstaunte Bemerkungen zuzuflüstern. Die Mädchen besonders warfen oft verstohlene Blicke zu ihm hinauf, und kicherten dann miteinander. Jedenfalls mußte er das bemerken, aber er verzog keine Miene, oder wandte auch nur einmal den Kopf nach einer der Gruppen um, sondern paffte in kurzen, regelmäßigen Zügen den Rauch aus einer kleinen schmutzigen, abgegriffenen Pfeife, mit einem großen Porcellankopf, und glich, dies einzige Lebenszeichen abgerechnet, wirklich einer ausgestopften und dort oben zur Verzierung des Ganzen hingesetzten Figur. Er trug dabei einen einmal grün gewesenen, Ziemlich abgescheuerten Rock, der besonders auf den Schultern ordentlich grau und glänzend aussah, als ob er da oben ganz vorzüglich benutzt worden; eine erbsgelbe, bis an den Hals hinauf zugeknöpfte gesprenkelte Weste, ein schwarzes Halstuch, das eifersüchtig auch den geringsten Schimmer von Wäsche verdeckte, braun und grün gewürfelte Hosen, große nägelbeschlagene Schuh und einen, in eine Unzahl von Formen hineingedrückten alten haarlosen und an den Rändern hellgrau gescheuerten Filzhut, unter dem nur hie und da dünne, straffe und blonde Haare hervorschauten. Rasirt hatte er sich ebenfalls, wahrscheinlich seit seinem Entschluß nach Amerika auszuwandern, nicht, und die weißgesprenkelten Stoppeln die sein breites vorgehendes Kinn umgaben, paßten vollkommen zu der flachen, wie eingedrückten Nase, den kleinen grauen Augen, vorgehenden Backenknochen und der niederen Stirn, die sich scharf nach rückwärts, wie scheu unter den Hut hinunterzog.

So ruhig und anscheinend theilnahmlos aber auch dies Individuum dem allgemeinen Wirrwarr zuschaute und sich vollkommen geduldig in Zeit und Umstande geschickt hatte, so ungeduldig wurden die übrigen Passagiere, als es jetzt vom Dome her sechs Uhr dröhnte und das, eine Strecke weiter oben liegende Dampfboot, sein Deck mit Passagieren gefüllt, an ihnen vorbeipuffte. Dabei ließ sich noch nicht die Spur von einem »verdeckten Flußschiff« wie es sich die Passagiere gedacht, an der Landung blicken, und nur ein kleiner Weserkahn, wie sie dort überall zum Waarentransport gebraucht werden, lag gerade quervor an der bezeichneten Straße, dem Platz genau gegenüber wo ihre Waaren aufgestapelt worden, und der Kahnführer, ein hagerer dünner Gesell, mit furchtbar langen Armen und großen Händen, von denen man gar nicht begriff wie er sie je durch die Aermel seiner Jacke gebracht oder, da sie nun einmal darin waren, wie er sie wieder herausbringen wollte, ging auf dem Deck seines kleinen Fahrzeugs auf und ab. Mehrmals versuchte er dabei die Hände in die Taschen seiner dunkelblauen sogenannten Lootsenjacke zu bringen, aber umsonst, sie gingen nicht hinein, und er schlenkerte sie dann wieder »zu beiden Borden« herunter und spuckte, seinen Taback dabei kauend, den braunen ekelhaften Saft regelmäßig einmal über Stürbord und dann über Backbord ins Wasser hinüber.

Capitel 2

»Sie da — lieber Freund« redete ihn endlich Einer der Passagiere an, der, in einen grauen weiten Ueberrock geknöpft, bis jetzt seiner Ungeduld in einer verwirrten Masse von Flüchen [pg 033]und Verwünschungen Luft zu machen gesucht, und das kleine Fahrzeug schon lange ärgerlich betrachtet hatte.

Der Matrose, oder was er sonst war, warf einen Blick über die Schulter nach ihm hinüber, aber ob er nun glaubte daß die Anrede ihm nicht gelte, oder sie nicht beachten wollte, kurz er setzte seinen Spatziergang an Deck ruhig fort und gab keine Antwort.

»Sie da — heh — Sie Langer mit der blauen Jacke und der hübschen Mütze — hören Sie nicht?«

»Und?« sagte der Mann jetzt und blieb, den Kopf halb über die Schulter zurückgedreht, stehn, während er jedoch den Frager nicht dabei an-, sondern nach den Dächern der nächsten Häuser hinaufsah, als ob ihn von dort her Jemand gerufen hätte.

Steinert, denn der Mann in dem grauen Ueberrock war Niemand anderes als unser alter Bekannter, der Weinreisende von gestern Abend, der übernächtig und mit schwerem Kopf gerade übler Laune genug schien sich über die geringste Kleinigkeit zu ärgern, murmelte etwas von »Dickschädel« und »Holzkopf« in den Bart, fuhr aber doch in der begonnenen Anrede fort und rief, nur noch mit lauterer Stimme als vorher:

»Sie da — Sie werden mit Ihrem Dings da von einem Schiff aus dem Weg fahren müssen, wenn das andere Schiff kommt, unsere Sachen und uns selber an Bord zu nehmen. Sie hätten sich wohl nirgends anderswo grad' in den Weg hinlegen können?«

Der Matrose oder Kahnführer glitt mit seinen Augen langsam vom dritten bis zum zweiten und von da bis zum ersten Stock und dann quer über die Hausthür weg nach dem Fremden nieder, der ihn angeredet hatte und öffnete dann den Mund — aber blos um ein neues Priemchen Taback hineinzustecken, wonach er, ohne auch nur eine Sylbe zu erwiedern, seinen Spatziergang an Deck in der alten Weise und Ruhe fortsetzte. Steinert übrigens, der sich jetzt ernstlich an zu ärgern fing, war nicht gesonnen sich so leicht abfertigen zu lassen, und bis an den Wasserrand hinangehend, bis wohin eine schmale Planke vom Bord des niederen Fahrzeuges aus reichte, schritt er diese hinan und stieg keck an Deck des »fremden Schiffes« wie die Uebrigen meinten.

»Guten Morgen« sagte er hier vor allen Dingen, als er sich auf dem fremden Boden fand, und doch fühlte daß er mit Höflichkeit bei dem sonderbaren, einsylbigen Mann weiter kommen würde, als mit Grobheiten.

»Morgen« sagte der Schiffer übrigens, ohne, gerade wie vorher, weitere Notiz von ihm zu nehmen.

»Sagen Sie einmal Freund« nahm aber hier Steinert wieder das Wort, und suchte sich dem Mann auf seinem Spatziergang entgegenstellen — »wie ist denn das eigentlich, wollen Sie heute hier liegen bleiben?«

»Nee!« sagte der Schiffer.

»Und wann fahren Sie ab?«

»Sobald wie laden hebben« lautete die Antwort.

Steinert, der nur einen unbestimmten Begriff von Platt[pg 035]deutsch hatte, begriff nicht recht was der Mann sagte, und suchte ihm selber jetzt begreiflich zu machen, wie sie mit jedem Augenblick ein »verdecktes Flußschiff« erwarteten, das sie und ihre Sachen an Bord der Haidschnucke schaffen sollte.

»Hm — wo sall'n dat herkomen?« frug der Schiffer aber jetzt mit einem verschmitzten Lächeln nach dem Frager hinüberblinzelnd.

»Herkommen?« wiederholte Steinert erstaunt — »nach unserem Contrakt mit dem Rheder müssen wir unentgeltlich mit unserem Gepäck von hier aus an Bord des Seeschiffes geschafft werden.«

»Op en Flußschiff?« sagte der Matrose mit starker und etwas humoristischer Betonung des hochdeutschen Wortes.

»Jawohl« sagte Herr Steinert.

»Un wie heet dat hier?« sagte der Matrose auf das eigene Fahrzeug niederdeutend, auf dem sie standen.

Ein böser Verdacht stieg in dem Weinreisenden auf, daß sie etwa gar in einem solchen »Kasten« transportirt werden sollten. Dessen Bestätigung blieb auch nicht lange aus, denn nach ein paar Fragen herüber und hinüber stellte es sich wirklich heraus, daß dies kleine unansehnliche Fahrzeug das identische »bedeckte Flußschiff« Nr. 67, und der lange Matrose der Kahnführer Meinert sei, mit dem sie und ihre sämmtlichen Sachen »nach See zu« geschafft werden sollten. Ein wilder Ausruf des Erstaunens, den der erschreckte Weinreisende nicht unterdrücken konnte, zog einen Theil der übrigen Passagiere herbei, und das Deck des kleinen Fahrzeugs schwärmte plötzlich [pg 036]von einer Masse verblüffter und wirr durcheinander schreiender Menschen, daß die Leute oben in der Straße stehen blieben oder auch mit zum Ufer herunterkamen, in der freundlichen Hoffnung, einer möglichen Prügelei der Auswanderer beiwohnen zu können.

Kahnführer Meinert, denn diese würdige Person war es wirklich selbst, ließ sich indessen nicht im Mindesten aus seiner Fassung bringen, und beantwortete alle Fragen seiner neuen ungeduldigen Passagiere mit einer Ruhe und Gleichgültigkeit, die diese fast zur Verzweiflung brachte.

»Wie viel mal er zu fahren gedächte bis er die Masse Gepäck und Menschen im Stande sei an Bord abzuliefern.«

»Ein Mal.«

»Ein Mal? — und wenn er sie Einer über den Andern packe gingen sie nicht Alle hinein.«

»Noch einmal so viel, mit Bequemlichkeit, wenn es sein müßte.«

»Wie lange die Reise dauere?«

»Mit gutem Wind sechs Stunden.«

»Und mit schlechtem?«

»Unbestimmt.«

Manche der Passagiere hätten jetzt gern Passage auf dem Dampfboot genommen, das aber war schon fort — das nächste ging erst um elf Uhr ab und kam erst Nachmittag nach Brake, bis dahin konnten sie lange dort sein, und sie fingen an sich in das Unvermeidliche zu fügen. Aber weshalb wurde da nicht wenigstens ihr Gepäck eingeladen? — auf was war[pg 037]teten sie noch, da die Abfahrt doch auf sechs Uhr bestimmt worden.

Kahnführer Meinert, oder »Capitain« Meinert wie er sich gern nennen ließ, wartete noch auf »seine Mannschaft,« einen Matrosen, den er in die Stadt hinaufgeschickt hatte ihm einen frischen Vorrath von Taback, Rum und einigen anderen Kleinigkeiten einzuholen — sobald der kam, um die Sachen im »unteren Raume fortzustauen« konnte die Sache beginnen.

Endlich kam der Bursche, ein schmutzig aussehendes, theerbeschmiertes Individuum, mit einem Arm voll Packeten und zwischen den Zähnen eine Anzahl Papiere haltend. Diese nahm ihm sein Principal vor allen Dingen heraus, wischte den Tabackssaft davon ab und schob sie dann, ohne sie weiter eines Blicks zu würdigen, in seine eigene Tasche.

Die Passagiere wurden jetzt aufgefordert »ihre Sachen an Bord zu liefern« und folgten diesem Aufruf mit lobenswerther Bereitwilligkeit. Sie glaubten nämlich nicht daß der kleine unansehnliche »Kahn« Alles würde einnehmen können, und Jeder wollte wenigstens sein Eigentum mit der ersten Fahrt befördert haben. Ein paar der stämmigsten, oldenburger Bauern, die auch die größten Kisten hatten, wurden dabei ersucht »im Raum« ein wenig mit zu helfen, »damit sie auch sähen daß nichts beschädigt würde,« und diese unterstützte der Matrose, während »Capitain Meinert« an Deck stand, die Kisten oder Koffer mit einem Tau umschlang, und in den unteren Raum, oder vielmehr nur unter Deck, hinunterließ, denn das kleine Fahrzeug hatte nur den einen Raum.

Während die Leute aber solcher Art beschäftigt waren, trafen immer noch andere, verspätete Passagiere ein, die ebenfalls mit befördert werden wollten und mußten. Unter ihnen der alte polnische Jude mit seinem Knaben, der jetzt auch mit Hand anlegen sollte das Gepäck an Bord zu schaffen. Der alte Bursche schien aber kein Freund von solcher Beschäftigung und merkte kaum wie die Sachen standen, als er an zu hinken fing, und die rechte Hand vorn in seinen Kaftan legte — er wollte sich an dem Morgen weh daran gethan haben, und konnte sie nicht gebrauchen.

Das Gepäck wurde übrigens rascher beseitigt als man im Anfang geglaubt hatte, und merkwürdiger Weise faßte dabei das kleine unansehnliche Fahrzeug eine solche Unmasse von Sachen, die in seinem Bauch ordentlich verschwanden, daß, wenn auch gerade kein bequemer Platz, doch Raum genug blieb, auch die Passagiere aufzunehmen, die sich schon ein paar Stunden solcher Art glaubten behelfen zu können. Lieber Gott, man ging ja jetzt in See, und da konnte man nicht Alles haben wie zu Hause. Vor acht Uhr erklärte aber »Capitain Meinert« nicht im Stande zu sein abzufahren, da dann erst die Ebbe einträte, mit deren ausströmender Fluth er bei dem schwachen Winde hoffen durfte vorwärts zu kommen, und es blieb den Passagieren, die Anfangs allerdings darüber murrten, aber sich in das Unvermeidliche fügen mußten, noch etwa eine halbe Stunde Zeit sich zu beschäftigen wie es ihnen gerade gefiel. Schon vor acht Uhr waren sie aber sämmtlich wieder am Ufer, jetzt ernstlich auf endliche Abfahrt ihres »Schiffs« dringend.

Ein junger Bursche, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, der auch an denselben Morgen, mit einem ledernen Tornister auf der Schulter und einem leinenen zerrissenen Staubhemd über einem sehr abgetragenen Röckchen, an das Ufer gekommen war und sein »Gepäck« zu dem übrigen gestellt hatte, war dann noch einmal fortgelaufen und in Schweiß gebadet wiedergekommen, und schien über irgend etwas in großer Angst und Sorge. Die Leute hatten aber sämmtlich zu viel mit sich selber zu thun, der Noth und Sorge eines ihrer vermutlichen Mitpassagiere nachzufragen, und der arme junge Bursch, als schon sämmtliches Gepäck an Bord geschafft worden, saß noch immer auf seinem Tornister am Ufer, das bleiche Antlitz in die Hand gestützt, und schien wirklich in stummer Verzweiflung der Einschiffung der Uebrigen zusehn zu wollen, ohne selber daran Theil zu nehmen.

Unter den Juden war Einer Namens Wald, ein Mann in den vierzigen, mit einer ansetzenden Glatze, aber scharfgeschnittenem klugen Gesicht und lebhaften schwarzen Augen, der sich bis dahin von den Uebrigen ziemlich fern gehalten. Neugierig gemacht übrigens, durch das Wesen des jungen Burschen, ging er jetzt zu diesem hin, und frug ihn was er hätte oder was ihm fehle. Der arme Teufel klagte ihm da mit Thränen in den Augen sein Leid — es fehlten ihm wirklich noch fünfzehn Thaler an seiner Passage nach Amerika, und die Rheder wollten ihn nicht mitnehmen, ehe er die volle Summe gezahlt habe; aber er müsse mit fort, und wenn ihn das Schiff nicht mitnähme sei er rettungslos verloren.

Wald wollte ihn trösten, daß er denn wohl noch ein anderes fände, der junge Mensch schien aber so in Angst, und überhaupt noch etwas anderes auch auf dem Herzen zu haben, worüber er nicht recht mit der Sprache herauswollte, sah aber dabei so treuherzig und fast noch kindlich aus, daß der Mann den Kopf herüber und hinüber schüttelnd, endlich sagte:

»Nu Gottes Wunder, sind wir doch Menschen hier genug die paar Thaler zusammenzubringen — wart einmal a Bisle, ich werd' an zu sammeln fangen.«

»Aber das Schiff fährt fort —«

»Wird nich so schnell fahren« sagte der Mann gutmüthig, und zu dem polnischen Juden gehend hielt er dem seine Mütze hin und sagte:

»Kamerad, ich brauch ein paar Thaler Geld für einen armen Teufel, den wir nich dürfen zurücklassen in Deutschland.«

»Armer Teufel?« sagte der Israelit — »wie haißt? bin ich doch selbst en armer Teufel — wo ist er her?«

»Kann Dir einerlei sein wenn er arm ist« meinte Wald.

»Der Mann hat Recht« sagte aber jetzt der Alte, und griff in seine Tasche.

»Wie viel braucht's?«

»Je mehr desto besser« sagte Wald — »funfzehn Thaler Geld müssen werden.«

»Hier is a Thaler« sagte der Alte und warf das Geld in die Mütze.

Der nächste zu diesem war Steinert, an den sich Wald [pg 041]mit seiner Sammlung wandte. Dieser zeigte sich aber nicht so rasch mit Geldgeben wie der alte Jude, sondern wollte erst genau wissen wozu und weshalb, wer der Bursche sei, wo er herkomme, wo er wohne und was er treibe. Wald rief ihn herbei, als er sah daß er auf keine andere Art zu seinem Zweck kommen könne, und der junge Bursch gab jede nur mögliche Auskunft, bis Steinert endlich in seine Tasche griff, einige Groote herausnahm und dem Alten, nachdem er sie mehrmals durchgesehn, zwölf davon reichte.

»Aber wir brauchen fünfzehn Thaler« sagte dieser, »und zweiundsiebenzig machen erst einen.«

»Leider« erwiederte ihm Steinert, »ich brauche aber noch mehr wie fünfzehn Thaler und mir giebt Niemand etwas.«

Wald sah daß alles weitere Zureden umsonst sein würde, um deshalb nicht mehr Zeit zu versäumen ging er weiter, und einige der jungen Mädchen, die der arme Bursch dauerte, nahmen sich jetzt auch der Sache an, legten selber zusammen so viel sie konnten, und collectirten bei den Anderen. Es war gut für sie daß sich viele Juden unter den Passagieren befanden; diese gaben fast alle und — so geizig sie sonst sein mochten — gaben reichlich, ohne weiter zu fragen wie der Mann heiße und woher er sei, während die Christen, von denen Viele es dem Anschein nach weit eher entbehren konnten — erst Alles auf das Genaueste wissen wollten, und dann noch jede Ausflucht suchten, wenigstens mit einigen Groten abzukommen.

Nichtsdestoweniger brachte Wald, von den jungen Mäd[pg 042]chen unterstützt, das Geld in kaum einer halben Stunde richtig zusammen; der junge Bursch, jetzt überglücklich seine Reise gesichert zu sehn, flog mehr als er ging, in die Stadt zurück, seinen Schein zu bekommen.

Der einzige der sich bei der ganzen Sammlung nicht betheiligt, denn alle übrigen hatten wenigstens eine Kleinigkeit gegeben, war der wunderliche alte Bursche, den wir im Anfang auf den Kisten sitzend fanden, und der auch nur erst in der That seinen Platz geräumt hatte, als die weit ungeduldigeren Reisegefährten das Gepäck anfingen unter ihm selber wegzuziehen. Er aber war auch wieder der Erste, der sich eine gute Stelle an Bord aussuchte, dort eine der überall herumliegenden Matratzen, die fast Jeder bei sich führte, aufrollte, und sich, keine Rücksicht auf etwa später Nachkommende nehmend, behaglich unter Deck darauf ausstreckte.

Das Segel wurde jetzt, von den beiden Seeleuten, die noch eine Art Schiffsjungen bei sich hatten, gehißt, und die mit schwarzer Farbe darauf gemalte Nummer 67 sichtbar. Das galt den Passagieren aber auch als Zeichen der Abfahrt, und Alles drängte an Bord, einen bequemen Platz für die Hinausfahrt zu bekommen.

Unter den Passagieren, die mit dem Weserkahn befördert werden wollten, befand sich auch ein alter Bekannter von uns; ein junger sehr anständig und reinlich gekleideter Mann in schwarzem Tuchrock und eben solchen Hosen, mit blankgewichsten Stiefeln und Glacéhandschuhen, ein reizendes Frauchen, ganz einfach aber höchst geschmackvoll gekleidet, am Arm und [pg 043]einen Knaben, einen lieben kleinen Burschen von kaum mehr als drei Jahren an der Hand. Der Mann mußte sich aber wohl schon früher genau nach der Abfahrt des Kahnes erkundigt haben, denn er war erst kurz vor acht Uhr gekommen und mit Frau und Kind, ohne sich mit Einem der Uebrigen in ein Gespräch einzulassen, am Ufer auf- und abgegangen.

Der Violinist Eltrich hatte das Geld zur Ueberfahrt für sich und die Seinen, nachdem er vergebens gesucht seine Passage abarbeiten zu dürfen, mit schweren Opfern und besonders durch den Verkauf fast aller seiner Habseligkeiten, zusammengebracht, und war im Begriff sich ebenfalls mit der Haidschnucke nach Amerika einzuschiffen — freilich im Zwischendeck, und das Herz schlug ihm recht weh und ängstlich, wenn er die Leute sah mit denen er gemeinschaftlich, in einem Raum die lange Reise machen sollte, und der Entbehrungen, der Beschwerden dann gedachte, denen sein zartes junges Weib, denen sein Kind dabei ausgesetzt sein mußten. Adele aber, die liebe kleine Frau, die in dem gramumwölkten Blick des Gatten wohl all die Sorge, all den Kummer lesen mochte, den er sich ihretwegen machte, und ihretwegen doch auch gerade wieder sein ganzes Leben daran setzte, sie aus den Sorgen zu reißen, in denen sie im alten Vaterland gelebt, hing sich an seinen Arm und lachte ihm die Falten von der Stirn. Auf all die komischen wunderlichen Gestalten machte sie ihn dabei aufmerksam, die sie umgaben; auf den langen Kahnführer mit seinem spitzen Gesicht und den polnischen Juden mit dem schönen bleichen Knaben, und freute sich wie ein Kind über das rege Leben [pg 044]und Treiben, das um sie her drängte und wogte, und sie jetzt mit fortnehmen sollte in eine neue Welt. Sie hatte Nichts das sie hier zurückließ, und das sie an das alte Vaterland noch hätte fesseln können; eine Waise stand sie in der Welt und ihr Mann, ihr Kind war die für sie.

Und dennoch schrack sie fast unwillkürlich zurück, als sie, an des Gatten Arme, der den Knaben selber jetzt aufgenommen hatte ihn an Bord zu tragen, das kleine Fahrzeug betrat das sie stromab führen sollte, dem Seeschiffe zu. Der warme Dunst der sie von unten herauf anwehte, der Theergeruch, das feuchte schmutzige kleine Fahrzeug selber — sie schmiegte sich fester an den Gatten an, wie um Hülfe zu suchen gegen dies erste peinliche Gefühl, und nur erst als dieser leise aber tief und schmerzlich aufseufzte und die Scene vor sich mit ängstlich forschendem Blick überflog, denn er sah nicht ein stilles, geschütztes Plätzchen, wo er Weib und Kind hätte unterbringen können, der ungewohnten Umgebung nur in etwas zu entgehn, da zwang sie mit Gewalt jedes andere Gefühl zurück. Die Notwendigkeit gebot hier daß sie sich fügte; nicht durfte und wollte sie des Gatten Herz noch schwerer machen als es schon war, und selbst mit einem Lächeln auf den bleichen Lippen sagte sie, sich flüsternd zu ihm biegend.

»Ach Schade, Paul, daß Du kein Maler bist; das wäre ein Stoff hier für ein prachtvolles Genrebild.«

»Arme Adele« flüsterte Eltrich leise.

»Arme Adele?« wiederholte aber die junge Frau, jetzt ernstlich entschlossen das Unvermeidliche auch fest und freudig [pg 045]zu ertragen — »wie Viele gäben Gott weiß was darum dies nur zu sehn, und da wir endlich, wonach wir die langen Jahre und immer umsonst gestrebt, erreicht, bedauerst Du mich?«

»Wie wirst Du es nur ertragen auf dem Schiff?« seufzte der junge Mann.

»Wie ertragen es so viele Tausend?« entgegnete ihm aber die kleine wackere Frau, »und bin ich nicht jung und gesund? — was Andere können kann auch ich.«

»Aber Du warst von je ein anderes Leben gewohnt.«

»Und Du nicht? — Ach Paul, quäle Dich doch um Gottes Willen nicht jetzt unnützer Weise mit solchen Gedanken, und sieh lieber daß Du ein Plätzchen irgendwo für uns findest, die paar Stunden hinzubringen. Ich glaube wir blieben am Besten an Deck.«

»Ich traue dem Wetter nicht« sagte Eltrich kopfschüttelnd — »dort im Westen liegt es dunkel und schwer, und kommt mit Macht herauf. Jetzt ist auch für uns noch Hoffnung einen Platz unter Deck zu bekommen, denn Viele scheuen sich hinunter zu gehn, ehe sie müssen; nachher drängt denn Alles hinein und die Leute hier sehen mir gerade nicht aus, als ob sie viel Rücksicht auf einander nehmen würden.«

»So such' uns ein Plätzchen« sagte die junge Frau, »und wir richten uns dann häuslich ein, ich und Luz, und wenn wir einmal wieder auf festem Grund und Boden sind, in Amerika drüben, dann werden wir noch oft über die Zeit lachen die wir hier verlebt, und was wir da Alles gesehn und gehört.«

»Und gerochen« seufzte Eltrich in komischer Verzweiflung — »lieber Gott, qualmen die Leute einen nichtsnutzigen Taback.«

»Man gewöhnt sich an Alles« sagte die kleine Frau; »aber geh nun hinunter und sieh Dich um, ich bleibe dann noch oben an der freien Luft bis es wirklich an zu regnen fängt.«

In dem Kahn sah es indessen in der That wild und wunderlich genug aus. Die Erstgekommenen hatten sich, nach Umständen, vortrefflich eingerichtet und alle vorgefundenen und meist noch zusammengebundenen Matratzen benutzt, Lager- oder Sitzplätze für sich herzurichten, und die später Eintreffenden suchten jetzt ihre »Betten«, über Alles dabei hinwegsteigend was ihnen im Wege lag. Jeder that zugleich sein Bestes den Nachbar zu überschreien, nur um selber gehört zu werden, und Steinert besonders, der sich aus irgend einer unbegreiflichen Ursache für schändlich behandelt und hintergangen hielt, machte einen Heidenlärm.

»Das also nennen diese Herren Rheder ein »verdecktes Flußschiff« — einen Aufenthalt für Menschen — für Auswanderer? Ein Kasten ist's, mit einem Loch darin, Mehlsäcke etwa wegzupacken und Fleischfässer — eine Vorbereitung zur Galeere für Mörder und Diebe — ein schwimmendes Zuchthaus. »Verdecktes Flußschiff.« — daß sie der Böse einmal später in einem solchen »verdeckten Flußschiff« nach seinen höllischen Regionen abführe, dort mit des Geschickes Mächten einen ew'gen Bund zu flechten.«

»Ach was« unterbrach ihn da Einer vom Stamme Juda — »lassen Sie das Geschwafele und gehn Se mit Ihre dreckige Fißche von meine Matratze herunter — Gott der Gerechte wo sieht der Mensch um die Fiße aus und stellt sich mich Nichts dich Nichts auf's Bettzeug!«

»Meine Herren!« — rief Steinert dagegen, konnte aber seine Rede nicht zu Ende bringen, da der Mann den einen Zipfel der also mißhandelten Matratze mit beiden Händen gefaßt hatte, und sie dem Weinreisenden mit einem plötzlichen Ruck so rasch unter den Füßen fortriß, daß dieser das Gleichgewicht verlor und rückwärts in einen Korb voll Blech und anderes Geschirr hineinfiel, den die Familie Rechheimer, Mann, Frau und zwei erwachsene Töchter eben zu etwas genauerer Inspection hervorgezogen. Der Lärm wurde jetzt allgemein, denn Steinert wollte thätliche Rache nehmen, und bat die Umstehenden daß sie ihn halten möchten, weil er sonst den Elenden über Bord würfe.

»Frieden, lieben Freunde« sagte da eine tiefe aber sehr weiche, fast etwas singende Stimme, und ein junger Mann von vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahren mit vollem Bart und langen glatt herunterhängenden, in der Mitte gescheitelten Haaren, modern, wenn auch etwas vernachlässigt gekleidet, trat zwischen die Streitenden und fing an ihnen zu beweisen daß sie Beide Unrecht hätten, daß sie nicht verständen das Romantische ihrer Lage zu begreifen und anstatt, wie die Biene aus jeder Blume Honig zu ziehen, sich von dem ersten bitteren Geschmack abschrecken und verblenden ließen.

»Ja — eine kleine Biene flog« rief Steinert noch immer entrüstet dazwischen, »aber ziehn Sie einmal hier Honig heraus, wenn ich bitten darf — das wäre ein Kunststück.«

»In einem solchen Kunststück bewährt sich gerade der Mann!« entgegnete die kleine schmächtige Gestalt des Passagiers mit der tiefen Stimme — »das Edle wollen und das Gute thun!«

»Ich brauche mir aber meine Matratze nich einschmieren und mich schimpfen zu lassen — brauch ich nich —« schrie jedoch der Israelit, noch keineswegs beruhigt, dazwischen, und Steinert wollte ebenfalls wieder heftig erwiedern, als von einer anderen Ecke des halbdunklen Raumes her ein neuer Lärm vorbrach, dessen Mittelpunkt diesmal der Mann mit dem affenähnlichen Gesicht zu sein schien. Dieser hatte ebenfalls, wie es sich jetzt herausstellte, auf einer fremden Matratze Platz genommen und weigerte sich nicht sowohl ihn zu räumen, als daß er ihn, ohne auch nur ein einziges Wort zu erwiedern, ruhig gegen einen ganzen Schwarm von Frauen und Mädchen behauptete. Die einzige Antwort die man aus ihm herausbringen konnte, war eine ordentliche Wolke des schändlichsten ordinärsten Tabacks der sich nur denken ließ, und je ärger der Lärm um ihn her wurde, desto mehr verschwand er in dem, immer dicker aufsteigenden Nebel, und nur die kleinen grauen, von dichten und dunklen borstigen Brauen beschatteten Augen blitzten daraus hervor, daß es den Frauen ordentlich unheimlich zu Muthe wurde, wenn sie den Mann anschauten.

Wer sich übrigens um all den Lärm da unten nicht be[pg 049]kümmerte war der Kahnführer selber, »Capitain Meinert«, der indessen, da die Ebbe jetzt wirklich eintrat, mit seines Matrosen Hülfe den leichten Anker an Bord, und vorn auf den Bug hob, und als das kleine Fahrzeug, nicht mehr vorn gehalten, mit der Strömung langsam herumschwang, an's Steuer trat und es weiter hinaus in den Fluß lenkte, klar von den übrigen Kähnen zu werden und freies Fahrwasser zu bekommen.

Die Passagiere waren übrigens hierbei selber zu sehr interessirt, es so ganz gleichgültig mit anzusehn, wie sie, zum ersten Mal in ihrem Leben »flott« wurden, und kaum fühlten sie unten die Bewegung des »Schiffs« wie sie den Kahn unverdrossen nannten, als auch die Mehrzahl rasch an Deck kletterte. Viele von ihnen hatten dabei eine unbestimmte Ahnung daß sie jetzt bald das Land »aus Sicht« verlieren und direkt in die offene See hineinsteuern würden, das große Schiff nach irgend einer gegebenen, unbekannten Richtung aufzusuchen; Andere glaubten daß Brake wahrscheinlich um die nächste Landspitze herum läge, und sie dort spätestens zum Mittagsessen eintreffen müßten; jedenfalls gewann Eltrich indessen unten Zeit ein Eckplätzchen für Frau und Kind herzurichten, wo er eine von seinen Matratzen ausbreitete, und die andere, gegen die Kahnwand hin hoch aufstellte, als Rücklehne zu dienen. Adele hatte auch kaum mit dem Knaben darauf Platz genommen, als die Wolken, die sich den ganzen Morgen schon hoher und höher gezogen, begannen Ernst zu machen. Es fing gegen neun Uhr an erst zu tröpfeln und dann ordentlich zu regnen, und die Passagiere drängten wieder mit Macht nach [pg 050]unten, unter Dach. Nur Einzelne von den Männern blieben oben, die, in ihre Mäntel gehüllt, oder mit Regenschirmen, die Nässe, dem Dunst und der Hitze unten vorzogen.

So scharf und frisch die Luft aber auch im Anfang, mit dem ersten Regen einsetzte, und so rasch das kleine, ziemlich gut segelnde Fahrzeug dabei die Fluth durchschnitt und die Thürme Bremens bald zurückließ, so bald schlief der Wind wieder ein, und wenig mehr als die ausfluthende Strömung trieb den Kahn zuletzt noch weiter, der kaum mehr seinem Steuer gehorchte, und langsam und schläfrig an dem grünen Ufer niederschwamm. Die Luft war dabei schwül und drückend, und der Regen goß dermaßen in Strömen nieder, daß selbst die Luke, wenn auch nicht dicht verschlossen, doch mit getheerter Leinwand verhangen werden mußte, und die Luft in dem beengten Raum nur noch dumpfiger und schwüler machte.

Ein Theil der Passagiere amüsirte sich indeß ganz gut — hie und da hatten sich kleine Gruppen gesammelt und spielten, mit einer Kiste zwischen sich als Tisch, Karten; dort machten ein paar junge Burschen — und der Mann mit der tiefen Stimme und den gescheitelten Haaren befand sich leider zwischen ihnen — den jungen Mädchen die Cour und suchten auf solche Weise nicht allein ihre Zeit zu vertreiben, sondern auch gleich Bekanntschaften für die Reise anzuknüpfen. An rohen Scherzen der Ungebildeten fehlte es dabei nicht, über die ein Theil ein wieherndes Gelächter aufschlug, während es den anderen verletzte, und Eltrich seufzte oft tief und schwer auf, seine arme Frau in solche Umgebung jetzt vielleicht Monate [pg 051]lang gebannt zu wissen, und nicht im Stande zu sein sie daraus zu befreien.

Adele beschäftigte sich indessen theils mit dem Kind, theils suchte sie, den Knaben im Arm und den Kopf gegen die Matratze zurückgelehnt, dem häßlichen Aufenthalt nur kurze Zeit Schlaf abzuringen; aber der Lärm war zu groß, die Luft zu schwül und ungewohnt, und besonders der häßliche Tabacksqualm zu nah und scharf, daß sie kaum im Einnicken, immer wieder husten mußte und munter wurde.

So schlich der Vormittag langsam und schläfrig hin; die Brise wurde gegen zwölf Uhr etwas frischer, aber der vielen Biegungen des Stromes wegen war sie ihnen fast eben so oft entgegen als zu Gunsten, und um zwei Uhr, als »Todt Wasser« wie es die Schiffer nennen, eintrat, d. h. die Zeit des Stillstandes zwischen Ebbe und Fluth, wenn die eine aufhört und die andere noch nicht begonnen hat, setzte Capitain Meinert seine Passagiere ungemein in Erstaunen, als er seinen Anker plötzlich fallen ließ und sogar erklärte, hier wieder sechs volle Stunden liegen bleiben zu wollen, »bis die Fluth hinauf sei.«

Wie weit Brake noch sei, war an dem Morgen wohl tausendmal gefragt worden, und der Schiffer, der es endlich müde wurde wieder und wieder darauf zu antworten, sagte dem Einen fünf und dem Andern eine Meile, kurz Jedem verschieden, und unten stritten sich dann die Partheien darüber, weil jede behauptete, ihre Nachricht aus bester Quelle zu haben.

Der größte Aerger stand aber den Passagieren noch bevor als auch das zweite, um elf Uhr von Bremen abgegangene Dampfboot, kurz vorher ehe sie wieder Anker geworfen, an ihnen vorbeirauschte. Jetzt kam auch noch die Angst dazu daß sie das Schiff am Ende zu spät erreichten, und wenn sie auch der Schiffer darüber beruhigte, sahen sie ihm doch, oh wie sehnsüchtig nach.

Um acht Uhr wurde der Anker nun allerdings wieder »gelichtet«, wie Steinert mit etwas heiser gewordener Stimme sang, aber wie es vollkommen dunkel wurde mußten sie dennoch wieder beilegen, und zwar jetzt wieder in der trostlosen Hoffnung nicht vor acht Uhr nächsten Morgens auf's Neue unter Wegs gehn zu können. Capitain Meinert hatte sich aber vorgesehn noch ein Dorf zu erreichen, ehe er seinen Anker wieder auswarf, und stellte den Passagieren sein kleines Boot zur Verfügung an Land zu gehn und dort zu übernachten, wo sie allerdings mehr Bequemlichkeit haben würden als an Bord. Die Meisten machten auch wirklich davon Gebrauch und traten, mit aufgespannten Regenschirmen, durch Schmutz, Wasser und Dunkelheit, die Reise nach dem flachen Ufer an, wo sie in einem Nichts weniger als freundlichen und fast eben so dumpfigen Saal ihr theueres Geld für etwas schlechtes Essen und eine Streu bezahlen mußten. Die Passage auf dem Dampfboot hätte sie nicht mehr, wenn gar so viel gekostet.

Eltrich wollte seine Frau auch, trotz allen jedenfalls daraus erwachsenden Kosten, an Land nehmen, sie weigerte sich aber entschieden den Kahn zu verlassen, verzehrte lächelnd mit [pg 053]ihm ihr frugales Abendbrod, und wickelte sich dann mit dem Kind in ihre wollene Decke, in der jetzt wenigstens eingetretenen Ruhe der Nacht so viel Schlaf als möglich abzugewinnen.

Und es war eine traurige unfreundliche Nacht; der Wind heulte in den einzelnen Bäumen am Ufer, der Regen schlug prasselnd auf Deck, und der Mast und das Takelwerk knarrte und ächzte, den Passagieren an Bord nur wenig Ruhe gönnend, in den fremden, ungewohnten Lauten. So kalt und häßlich der Morgen aber auch hereinbrach, so freudig wurde er von den an Bord Befindlichen, die ihn wie lange schon ersehnt, begrüßt. Jede Stunde hatten die so oft gezählt, jede Minute fast, und das Morgengrauen herbeigewünscht unzählige Mal. Ein trüber Anfang war das auch für ihre Seefahrt, und Mancher, der sich am vorigen Tag damit getröstet, welche Strapatzen und Beschwerden er im Stande wäre zu ertragen, saß jetzt kalt und fröstelnd, niederschlagen und mißmuthig in einer Ecke, und überlegte vielleicht jetzt schon, freilich etwas früh, die Gründe die ihn eigentlich zu einer Auswanderung bewogen. Wunderliche Gedanken steigen da in dem Menschenherzen auf, und eine einzige solche Nacht, wenn sie nur etwas früher gekommen wäre, hätte manche romantische Erzählung, manchen glühenden Bericht über Amerika, weit, weit aus dem Felde geschlagen.

Jetzt war das freilich zu spät und ein Rücktritt nicht mehr gut möglich; mit den Effekten und dem Passagegeld hätte es sich vielleicht noch einrichten lassen; lieber Gott, ein kleiner[pg 054] Verlust zur rechten Zeit ist oft ein großer Gewinn für's ganze Leben, aber das Lachen zu Hause, das böse, böse Lachen — viele Menschen wollen lieber, wenn sie die Wahl haben, verachtet oder bemitleidet als ausgelacht und verspottet werden, und die Wenigen deshalb, an deren Grundsätzen die kalte unfreundliche Nacht doch gewaltig gerüttelt, bissen die Zähne fest aufeinander und gingen dem Unvermeidlichen — eben weil es unvermeidlich war — entgegen.

Aber solch ein Morgen, auf einem solchen Weserkahn! Erst in solchen Verhältnissen merkt auch der Mensch an wie viel Bequemlichkeiten er gewöhnt ist, wie viel Bedürfnisse er schon hat, mag er sonst noch so einfach leben das ganze Jahr hindurch. Schon das erste Gefühl des Aufstehens widert ihn an. Ungestärkt, unerquickt, und schon fertig angezogen, hebt man sich von seinem Lager; man möchte sich jetzt ausziehn und sich waschen — aber wo? — Wasser ist da im Ueberfluß, aber kein Waschbecken, kein Handtuch, weder Seife noch Zahnbürste — nicht einmal ein Platz die unentbehrlichste Abwaschung von Gesicht und Händen vorzunehmen, denn im innern Raum ist jeder Zoll breit besetzt, und draußen an Deck schütten die Wolken wieder Ströme Regens nieder. Wie grau und bleiern da der dämmernde Morgen auf der Welt liegt, und wie still und einsylbig selbst die Lautesten und Unruhigsten der Schaar geworden sind. Nur die Kinder schreien — rücksichtslose kleine Gesellschaft, die die Welt nur erst von der einen Seite kennt und jetzt auf das eifrigste dagegen protestirt auch auf der anderen ihre Bekanntschaft zu machen.

Selbst Steinert war ruhig geworden und saß, durch das Weinen eines solchen kleinen ungeduldigen Nachbars aus einem leichten und unerquicklichen Morgenschlaf geweckt, fröstelnd in seine wollene Decke gehüllt auf der Ecke einer fremden Matratze und blickte finster und verdrossen um sich her.

»Eine Tasse Kaffee — ein Königreich für eine Tasse Kaffee« brummte er zuletzt indem er den Hut abnahm, einen kleinen Taschenkamm aus seiner Brusttasche hervorholte, und langsam die kurzen Haarstummel und den etwas struppig gewordenen Bart zu ordnen begann — »Himmeldonnerwetter, daß ich des pipigen Mehlmeiers Rath nicht folgte und mit auf das Dampfboot ging; jetzt sitz ich hier zwischen heulenden Bälgern und schnarchenden anderen Individuen und blase Trübsal in alle vier Winde. »Verdecktes Flußschiff« — daß dich die Pest hole mit deinen »verdeckten Flußschiffen.««

Hie und da hob sich jetzt ein Kopf in die Höh, schaute sich schlaftrunken um und sank wieder in die alte Lage zurück, noch eine Weile die Augen schließen zu können und gar nicht sehn zu müssen was vorging in dem ungemütlichen Aufenthalt. Nur der Mann mit der tiefen Stimme und den mitten auf dem Haupt gescheitelten Haaren erhob sich jetzt ebenfalls und sagte, kopfschüttelnd die um ihn her gelagerten Gruppen überschauend:

»Guten Morgen Herr Steinert — ausgeschlafen?«

»Ja — danke — auf der einen Seite wenigstens« brummte Steinert, »denn die andere schläft noch und die Sehnen und Muskeln sind mir ordentlich verklommen — Himmel [pg 056]war das eine Nacht. Und sehn Sie sich einmal den Platz hier an — Wallensteins Lager, beim Zeus, und die Hälfte Marketenderinnen. Apropos — Sie sind ja wohl Literat, wie Sie mir gestern gesagt haben — da ist Stoff für Sie eine ganze Bibliothek zu schreiben — da ziehn Sie sich Ihren Honig heraus, wenn Sie so gut sein wollen; wäre mir lieb zuzusehn wo Sie ihn finden?«

Der junge Schriftsteller schien aber heute Morgen keine Lust zu haben über derlei Sachen zu debattiren; ihm war selbst zu unbehaglich zu Muthe seine gestrige Aeußerung zu vertheidigen, und mit ein paar leise gemurmelten Worten, die recht gut irgend eine höchst unromantische Verwünschung sein konnten, brummte er:

»Ich möchte nur wissen wer sich da ein Vergnügen gemacht und die halbe Nacht an Deck bei dem Wetter Holz gesägt hat — die Leute wählen eine vortreffliche Zeit ihren Winterbedarf einzulegen.«

»Holz gesägt?« entgegnete aber Steinert erstaunt — »meinen Sie etwa meinen Nachbar hier, den dicken Unbeweglichen, der über Tag den guten Taback raucht, und seit ein Uhr geschnarcht hat, als ob er im Akord arbeitete?«

»Das ist ein Schnarcher?« rief der Literat im höchsten Erstaunen aus — »aber warum stoßen Sie ihn da nicht einmal in die Rippen?«

»Weil ich mit keinem passenden Werkzeug versehen bin, auch bis jetzt, in dieser egyptischen Finsterniß, nur nach der ungefähren Richtung zu hätte stoßen können« sagte Steinert — »Sie [pg 057]da, Herr Moses oder Aaron wie Sie gerade heißen — bitte knuffen Sie da doch einmal Ihren Nachbar in meinem Namen, und fragen Sie ihn ob er nicht Meier hieße und aus Stollberg sei.«

»Gottes Wunder, so frih?« sagte der eben Angeredete, der auch gerade munter geworden und den Kopf in die Höhe gehoben hatte. Nichtsdestoweniger leistete er dem Wunsche Folge, und der Schnarcher fuhr, ziemlich unsanft angestoßen, erschreckt in die Höh.

»Habe ich nicht das Vergnügen mit Herrn Meier zu sprechen?« wandte sich Steinert jetzt verbindlich gegen ihn, die Antwort aber die er bekam, benahm ihm jede weitere Lust zur Conversation mit dem Manne, der sich, noch innerlich knurrend, seinen abgefallenen Hut in die Stirn zog, und dann auch ohne weiteren Zeitverlust wieder zurückfiel, noch einmal einzuschlafen.

Wie das plötzliche Stillstehn einer Mühle die müden Knappen weckt, so fuhr ein großer Theil der übrigen Passagiere in die Höh, als das regelmäßige donnernde Schnarchen des Mannes aufhörte, und schlaftrunkene Gesichter frugen nach der Zeit und dem Wetter und wo sie wären, und murmelten halblaute Flüche in den Bart, als sie sich ihres Zustandes klarer bewußt wurden.

Eltrich war einer von den Ersten an Deck, zog sich Wasser in einem Eimer herauf, und badete sich Gesicht und Hände darin, das eigene Taschentuch zum ersten Mal als Handtuch gebrauchend. Den Schiffsjungen fand er dabei beschäftigt auf [pg 058]einem kleinen, an Deck befindlichen verdeckten Heerde, Wasser zu kochen, zu eigenem Gebrauch, und hatte die Genugtuung von diesem, für ein paar Grote, einen Theil desselben zur Mitbenutzung zu erwerben. Etwas Kaffee und Zucker führte er selber bei sich, auch eine Flasche Milch für den Knaben, und seine kleine Frau lächelte ihm dankbar entgegen, als er sie weckte und ihr den einladend dampfenden Blechbecher zum Morgengruße brachte.

»Kaffee — bei Gott!« rief es jetzt aber auch von mehren Seiten des engen Raumes, als der aromatische Duft des heißen Trankes ihre Nasenlöcher traf — »da oben giebt's Kaffee!« und was keine Ueberredung sonst vielleicht vermocht hätte, war der Glaube im Stande. Allerdings sahen sie sich getäuscht, und nur Einigen gelang es noch für Geld und gute Worte von dem mürrischen Burschen einen halben Becher gemachten Kaffee's zu erlangen, die Uebrigen mußten mit dem Boot an Land, dort eine Erfrischung zu erhalten, und Andere suchten den Capitain, die Abfahrt des Kahnes von ihm zu verlangen. Capitain Meinert ließ sich aber erst kurz vor acht Uhr, wo die Fluth sich staute, blicken, tröstete übrigens seine ungeduldigen Passagiere mit der guten Nachricht, daß sie, wenn der Wind so günstig bliebe, Brake in etwa zwei bis drei Stunden erreichen würden.


[pg 059]

Capitel 3.

Das Schiff.

Weit besser befanden sich die Passagiere, die mit den, die Weser befahrenden Dampfbooten ihrem Ziele rasch und bequem entgegeneilten. So hatte die Familie des Professor Lobenstein, mit dem größten Theil der im Hannöverschen Haus einquartirten und für die Haidschnucke bestimmten Auswanderer, schon um sechs Uhr Morgens Bremen verlassen, und der kleine rasche Dampfer legte sich bald nach 9 Uhr an Bord des mächtigen Seeschiffes, dem sie ihre Leben für die weite Fahrt anvertrauen wollten. Dort wurden schon Kisten und Kasten, Schachteln und Koffer rasch an Deck gehoben, und die Reisenden sahen sich plötzlich wie mit einem Schlage, aus allen ihren bisherigen Verhältnissen herausgerissen, in einer neuen unbekannten, fremden Welt.

Das Schiff! Wie viel hatten sie darüber gelesen, wie viel sich davon erzählen lassen: von den Cajüten und Decks, [pg 060]von den Masten und Segeln, von den Matrosen selbst, und dem Leben an Bord; wie hatten sie doch, als sie erst einmal den Gedanken an Auswanderung fest gefaßt, und mit den Verhältnissen im alten Vaterlande zerfallen, ihre ganze Hoffnung auf das neue gesetzt, den Augenblick herbeigesehnt, in dem sie an den hohen Seitenwänden des Schiffes, das sie nach Amerika hinüber bringen sollte, hinaufklettern, und die Hüte schwenken würden, den stolzen Bau zu begrüßen. Tausend wunderliche und bunte Bilder hatten sie sich dabei ausgemalt, Jeder in seiner Art, auf seine Weise. Der Capitain stand dann auf seinem Deck und winkte dem nahenden Boot schon von weitem seinen Willkommen zu, die Matrosen jubelten und ein paar Böller wurden gelöst, den Passagieren zu Ehren. Die Flaggen und Wimpel wehten dabei, und im Hintergrund rauschte das Meer mit seinen mächtigen Wogen gewaltig darein, in die Harmonie dieses einen seligen Augenblicks —

So hatte sich die Phantasie eben diesen Augenblick gemalt, und jetzt? gerade vor neun Uhr fing es, höchst prosaischer Weise, an zu regnen, als ob sie da oben die Wolken mit Eimern ausschöpften und ohne richtige Ortspolizei das Wasser mitten in die Welt hineingössen. Das auf Deck liegende Gepäck war freilich mit getheerter Leinwand überspannt, wie aber das Boot an das Schiff hinanrauschte, wurde dieselbe hinweggezogen, und die Sorge der Auswanderer nahm das so ausschließlich in Beschlag, daß sie fast an weiter nichts Anderes dachten, oder denken konnten, und Jeder nur das[pg 061] Seinige so rasch als möglich unter Dach und Fach zu bringen suchte.

Das Tau, das ein Matrose vorn am Bug des Dampfbootes zum Wurf zusammengerollt in der Hand trug, flog aus und wurde an Bord der Haidschnucke, von rasch zuspringenden Leuten befestigt, die Räder arbeiteten langsam vorwärts, das Boot eben gegen die Strömung, gegen die es aufgedreht war, festzuhalten, und eine von Bord niedergelassene, bequeme Treppe, mit niederhängenden Tauen (fallreeps) an der Seite sich festzuhalten, diente den Passagieren zum Aufsteigen auf das höhere Deck.

Dort befand sich aber schon ein Theil der Frühergekommenen, die es für zweckmäßig gefunden hatten sich zeitiger einzufinden, und dadurch die Wahl eines Platzes zu haben. In der Cajüte waren nun allerdings die einzelnen staterooms oder Cajütenplätze schon von den Rhedern selber für die Passagiere nach ihrer Anmeldung bestimmt, und eine Beschlagnahme des einen oder anderen Platzes konnte da nicht stattfinden; im Zwischendeck gab es aber dafür desto verschiedenere Plätze, die allerdings den Erstgekommenen zur Wahl frei lagen, und die Cojen unter den beiden Luken nach vor und aft wären jedenfalls zuerst vor allen anderen belegt worden, hätte der Steuermann, die zweite Person an Bord, den zuerst gekommenen Passagieren nicht dadurch die Wahl wieder schwergemacht, und Manche sogar dazu bestimmt sich einen Mittelplatz zu wählen, daß er ihnen sagte die, welche sich gerade in der Mitte des Schiffes befänden, wären der Bewegung desselben [pg 062]auch am wenigsten ausgesetzt, und würden deshalb auch am wenigsten von der Seekrankheit zu leiden haben.

Es hat das etwas für sich; die Bewegung des Schiffes ist dort allerdings am geringsten, aber trotzdem noch stark genug dem, der nur irgend zu diesem Leiden inclinirt, nicht den geringsten Schutz zu gewähren, und der davon verschont bleibt wird sie auch an den entfernteren Enden nicht bekommen. Jedenfalls haben die Plätze unter den Luken die meiste frische Luft, und wer je zur See war, wird die zu schätzen wissen.

Einige, wie schon gesagt, ließen sich aber doch dazu bereden Mittelplätze zu belegen; unter diesen Mehlmeier, der von Steinert beauftragt worden, falls er früher an Bord kommen sollte, einen Platz für ihn aufzuheben, und der selber die Seekrankheit mehr als Cholera und gelbes Fieber fürchtete. Zu diesem hatte sich noch der kleine graue Herr mit dem spitzen Mützenschild gesellt, den der Kellner in Bremen die »Nachtigall« genannt und der ebenfalls seine Passage im Zwischendeck genommen; Drei und Drei bekamen eine Coye zusammen, von denen immer zwei übereinander lagen, Steinert war also »im Bunde der Dritte« wie er sich ausdrückte, als er die Einrichtung erfuhr, und der kleine graue Herr, der Schultze hieß, hatte sich, wogegen Mehlmeier allerdings im Anfang protestirte, dann aber nachgab, die obere Coye ausgesucht. Die untere Coye nahm der polnische Jude mit seinem Knaben ein, dem später noch der junge Bursche, für den an der Landung in Bremen gesammelt worden, zugegeben wurde, da[pg 063] Niemand Anderes ein Logis mit dem langbärtigen, nicht eben reinlich aussehenden Manne inne haben wollte.

Im ersten Augenblicke wußte aber Niemand wohin er gehöre, noch sah irgend Jemand die Möglichkeit ein sich oder sein Gepäck an irgend einem nur erträglichen Ort unterzubringen. Alles schrie und lief durcheinander; sämmtliche Bagage wurde vorläufig an Deck aufgestapelt, und dann durch die Matrosen, nur um die Sachen aus dem Regen fortzubekommen, in das Zwischendeck hinuntergelassen, wo in der Dunkelheit des Raumes an ein Sortiren der verschiedenen Eigentumsrechte nicht zu denken war. Vergebens blieben auch alle Protestationen der Passagiere, die diese Kiste nicht auf den Kopf gestellt, jene nicht gedrückt oder gestoßen haben wollten; die Matrosen thaten gerade so, als ob sie eine ganz andere Sprache redeten, und kein Wort von allen Bitten und Vorwürfen verständen, schlugen ein Tau um das erste beste Stück, das ihnen unter die Hände kam, und mit einem »heave!« und »lower away« den englischen Ausdrücken des Einladens, hoben sich die Kisten in die Luft, schaukelten einen Moment hin und her, und verschwanden dann in der Tiefe, unten zu einem Chaos von Dingen aufgestapelt zu werden, in dem Niemand mehr das Mein und Dein unterscheiden konnte. Auch von den Cajütspassagieren wurden eine Menge Sachen dort versenkt, und diese ebenfalls protestirten vergeblich dagegen. Die Sachen mußten »aus dem Weg geschafft werden« — wie es die Matrosen nannten, indem sie es den Zwischendeckspassagieren gerade in den Weg warfen — und wer nicht zufällig einen[pg 064] Theil seiner Sachen oben auf entdeckte und selber faßte und wegtrug, konnte dann sehn wie und wo er es später wiederfand.

Die Cajütspassagiere bekamen indessen, sobald sie sich bei dem Steuermann meldeten, ihre resv. Plätze sofort angewiesen; in der That waren die verschiedenen Thüren, die alle nach innen in den großen Saal führten, schon mit den verschiedenen Namen bezeichnet worden, und die Lobenstein'sche Familie, die drei nebeneinanderliegende Räume, die Hälfte der Cajüte einnahm, sah sich bald, so gut es den Umständen nach nur irgend ging, in zwar kleinen aber ziemlich geräumigen und besonders nett und reinlich gehaltenen Cajüten untergebracht. Der Vater und Eduard bewohnten eine von diesen, Anna und Marie die zweite und die Mutter mit den beiden jüngsten Kindern die dritte.

Ihnen gegenüber war die eine Eckcoye oder Cajüte von Herrn Henkel und seiner jungen Frau, die übrigens noch nicht eingetroffen, belegt worden, die zweite hatten zwei fremde Herren in Besitz, ein Baron von Benkendroff und ein Herr von Hopfgarten, die mittlere bewohnte schon seit acht Tagen, sehr zum Aerger des Steuermanns der dadurch vielfältig genirt worden, ein Fräulein von Seebald mit einer alten würdigen Dame (einer Frau von Kaulitz), die ungemein gern Whist spielte und die ersten Tage in einem gelinden Grad von Verzweiflung gelebt hatte, nicht den dritten »Mann« zu einer Parthie bekommen zu können. Die beiden Herren Hopfgarten und Benkendroff erschienen ihr als eben so viele Engel in der[pg 065] Noth, und Herr von Hopfgarten besonders, war, seitdem er an Bord gekommen, erst im Stande gewesen sich einen einzigen Nachmittag der unausweichlichen Parthie zu entziehen.

Noch war, der Cajüte der beiden Steuerleute gerade gegenüber, ein anderer, etwas schmalerer stateroom frei, dessen unterer Theil von Schiffswegen zu einer Art Vorratskammer für neues Segeltuch und Garn benutzt wurde. Der obere Theil war dagegen einem Mittelding zwischen Passagier und Schiffsoffizier, dem »Doktor« wie er kurzweg genannt wurde, zugetheilt, sich darin, so gut wie das eben gehen wollte, häuslich niederzulassen.

Im Zwischendeck befanden sich indessen die Leute fast eben so behaglich und zufrieden wie in der Cajüte. Nachdem nur der erste Sturm der eintreffenden Mitpassagiere abgeschlagen, und diese mit ihrem Gepäck beseitigt worden, hatten sich die Leute in den verschiedenen Coyen vertheilt und Raum übrig genug. Allerdings ging das Gerücht daß noch Passagiere mit einem Weserkahn eintreffen würden, und fünf oder sechs konnten, ihrer Meinung nach, auch noch mit Bequemlichkeit untergebracht werden, — einige Coyen standen sogar noch ganz leer, — vielleicht kamen die aber auch nicht, trösteten sich Andere, und dann versprachen sich die Meisten eine sehr angenehme Reise. Lieber Gott, das Zwischendeck versagte ihnen manche am Land gewohnte Bequemlichkeit, aber dafür war man ja doch auch an Bord, und mußte sich die kurze Zeit schon behelfen. Die Belohnung lag über dem Wasser drüben, und hieß Amerika.

So verging der zur Einschiffung bestimmt gewesene Tag, der 20ste August, an dem noch, trotz dem Regen, fortwährend Fracht in Fässern, Kisten und Ballen eintraf, und in den unteren Raum weggestaut wurde. Die erste Nacht an Bord ging auch ruhig und ohne weitere Störung vorüber; das Schiff, ein großes stattliches Fahrzeug, lag still und regungslos auf der glatten Wasserfläche, und in dem weiten Raum des Zwischendecks, mit den beiden Luken geöffnet, über die ein Dach von getheerter Leinwand gespannt worden, während ein Windfang den Tag über noch frische Luft hinunter führte, ließ es sich schon aushalten — die Leute waren auf Schlimmeres vorbereitet gewesen. Auch die Provisionen waren leidlich, Butter und Schwarzbrod konnte sogar gut genannt werden, und mit dem frischen Fleisch und grünen Gemüse, was sie, so lange sie an Bord lagen, statt der Schiffskost geliefert bekamen, durften sie wohl zufrieden fein; Viele von ihnen hatten es in der eigenen Heimath lange nicht so gut gehabt.

Nur das Wetter wollte und wollte nicht besser werden, der Himmel hing in düsteren Wetterwolken über der schon vollgesogenen Erde, und der Herbst meldete sich in den kalten, unfreundlichen Schauern als ein viel zu zeitiger, unwillkommener Gast. So verging der Morgen des 21sten, und während ein großer Theil der schon an Bord befindlichen Passagiere einsah, daß er sich keineswegs hatte so zu übereilen gebraucht, wurde ein anderer schon ungeduldig, behauptete das Versprechen der Abfahrt für den 20sten zu haben, und verlangte vom Capitain die Abfahrt. Sie hielten ihren[pg 067] Contrakt, und meinten deshalb, daß der Capitain den seinigen ebenfalls halten müsse. Die Erwiederung der Seeleute daß ein großer Theil der Passagiere noch gar nicht an Bord sei, hielt ebenfalls nicht Stich. »Wer nicht da wäre dem würde der Kopf nicht gewaschen« meinte Herr Schultze, »und wenn die Leute bis Weihnachten nicht kämen, sollten sie wohl auch daliegen bleiben und auf sie warten? — Alle Vögel« setzte er dabei hinzu — »hielten die richtige Zeit in ihrer Wanderung, und sie wollten die ihrige ebenfalls nicht unnöthig versäumen.«

So rückte der Mittag heran, und der Koch hatte eben zum »Schaffen« gerufen, ein eigenes wunderliches Wort, das in unserer norddeutschen Sprache »Essen« bedeutet, als der Steuermann, der schon den ganzen Morgen oft und ungeduldig den Fluß hinaufgeschaut hatte, nach der Nummer des Segels und der aufgezogenen kleinen Privatflagge des Rheders, den so lang erwarteten Kahn mit dem Rest der Passagiere erspähte, und die Ordre gab das Deck für den Empfang der neuen Gäste klar zu machen. Glücklicher Weise hatte, seit einer Stunde etwa, der Regen wenigstens nachgelassen, und die Nachricht verbreitete sich rasch über Deck, daß ihre neue Einquartierung anrücke. Eben so stand das ganze Deck des kleinen Weserkahns gedrängt voll Menschen, die sehnsüchtig ihrer endlichen Erlösung von dem trostlos engen Fahrzeug entgegensahen und das Schiff jetzt, dem sie sich rasch näherten, mit einem dreimaligen donnernden Hurrah begrüßten. Keineswegs so freudig wurden sie hier empfangen.

»Den Schwarm Menschen sollen wir hier noch an Bord [pg 068]bekommen?« lief der Schreckensruf durch das ganze Schiff — »wo wollen sich die denn unterbringen? — das ist ja gar nicht möglich!« — und kein einziger Zuruf antwortete dem grüßenden Hurrah. Aber der Steuermann hatte indessen die Bremer Flagge am Heck und des Rheders Zeichen am Fockmast, wie ein Tuch, mit dem weit auswehenden Namen des Schiffs am Top des großen Mastes gehißt, als Merkmal für den Kahn, der auch jetzt direkt auf das Schiff zulief, scharf gegen den Wind anluvte, und als er seinen Bug ziemlich nahe zum Bugspriet der Haidschnucke gebracht hatte, voll in den Wind hineindrehte. Während das Segel niederfiel fing »Capitain Meinert« ein nach vorn ihm zugeworfenes Tau, das er rasch an seinem eigenen Bord befestigte; der Matrose hatte im Hintertheil des Kahns ein anderes zugeworfen bekommen, und wenige Minuten später lag er wohlbehalten langseit der Haidschnucke seine »lebendige und todte Fracht« an deren Bord zu löschen.

Unmöglich wäre es jetzt die Verwirrung, den Lärmen zu schildern, der in diesem Augenblick entstand — der Steuermann schrie seine Befehle über Deck, aber die ganze Mannschaft, wie sämmtliche Passagiere schrien mit, und der Mann hätte sich eben so gut ruhig in die Cajüte setzen und seinen Teller voll Suppe essen können der drinnen auf dem Tische kalt wurde, als hier zu versuchen Ordnung in dies Babel von Stimmen und Koffern und Hutschachteln, Matratzen, Kisten, wollenen Decken, kleinen Kindern und Körben mit Provisionen zu bringen.

Capitel 3

Jeder der Passagiere wollte natürlich seine Sachen zuerst hinaufgereicht haben, Jeder wollte aber auch zuerst an Bord des Schiffes sein, und die Einen schrieen hinauf, die Anderen hinunter, bis sich die Mannschaft der Haidschnucke endlich in einer festen Masse sammeln und das Uebertragen des Gepäckes selber in die Hand nehmen konnte. Hei wie die Schachteln und Körbe da flogen, und wie die Frauen kreischten wenn irgendwo in einem Korb eine Flasche zerbrach und auslief, oder irgend ein Topf oder Geschirr knackte und splitterte.

»Nehmen Sie sich in Acht da ist Glas drin — Sie stehn ja in meiner Hutschachtel — passen Sie auf, das Bett fällt über Bord — Herr Gott da sind meine sämmtlichen Provisionen drinnen!« — und tausend ähnliche Aufkreische der Angst und Sorgfalt, eben so oft vergebens, denn die Seeleute kümmerten sich den Henker um alle Warnungen und Ermahnungen, füllten die Luft, bis die Unmasse Gepäck, indeß die Passagiere ihre eigenen Personen wenigstens in Sicherheit brachten, glücklich an Deck gelandet war, und jetzt eben so rasch und rücksichtslos in das Zwischendeck hinunter befördert wurde. Da hinein regnete es ordentlich Hutschachteln, Reisesäcke und Matratzen, mit riesigen kistenähnlichen Holzkoffern, und um die Verwirrung, wenn das irgend möglich gewesen wäre, noch größer zu machen, riß inmitten dieser Beschäftigung der eiserne Henkel eines solchen Colli's aus, die Kiste fiel auf der Lukenwand auf, brach, und streute jetzt ein Hagelwetter von Kleidern, Wäsche, Schuhwerk, Zwieback, Würsten und allen möglichen und unmöglichen anderen Effekten über die unten schon [pg 070]aufgehäuften Sachen über die sich der glückliche Eigenthümer jetzt mit einem lauten Gebrüll der Verzweiflung warf, um gleich darauf von nachfolgenden Hutschachteln und Matratzen im wahren Sinn des Worts bedeckt zu werden.

War die Verwirrung aber an Deck schon groß gewesen, so wurde sie es jetzt im inneren Raume des Zwischendecks noch weit mehr. Die Neugekommenen wollten natürlich gleich auch ihre Coyen wissen und belegen, fanden aber alle besetzt, wenn auch hie und da nur von einzelnen Personen, die sich jedoch hartnäckig weigerten noch irgend Jemanden in einem Raume aufzunehmen in dem sie, wie sie erklärten, kaum selber Platz hätten. Hier wie überall sollte der Steuermann entscheiden, von allen Seiten aber gerufen und gequält, ging dem sonst ruhigen Mann auch endlich die Geduld aus. Er fluchte und schwor er wolle verdammt sein wenn er solch ein Gelärm schon in seinem ganzen Leben gesehn, und erklärte endlich sie möchten sich erst einmal ordentlich durcheinander schütteln und würgen, und wenn sie dann ein wenig zu Verstande gekommen, wolle er hinuntergehn — eher aber keinen Schritt.

Er that auch zuletzt, was er gleich zu allem Anfang hätte thun können und ging, so wie nur erst einmal sämmtliches Gepäck an Bord genommen und der Lichter klar geworden war, in die Cajüte zurück, sein Mittagsessen zu verzehren. Unterdessen kam ein Bote nach dem andern, daß sie sich unten im Zwischendeck prügelten und mit Messern und Pistolen drohten; er ließ sich nicht stören und antwortete nur vollkommen [pg 071]gleichmüthig, es wäre das Beste wenn sie erst eine Weile einander todtschlügen, denn dann bekämen die Anderen gewiß Platz — die Todten würfen sie über Bord, und die Mörder steckten sie ins Zuchthaus. Der Mann hatte aber derlei Einschiffungen schon in den letzten zwölf Jahren, jedes Jahr wenigstens zweimal mit durchgemacht, und wußte daß eine gewisse Zeit dazu gehörte bis sich die Masse erst setzen und ordnen konnte. Der erste Ansturm mußte vorüber sein, eher war kein vernünftiges Wort mit ihnen zu reden, dann ging aber auch Alles leicht und ruhig von statten, und da für Jeden Platz da war, fand sich auch für Jeden zuletzt der rechte.

Im Zwischendeck sah es indessen wirklich bös aus, und einen ernstlichen Zusammenstoß der verschiedenen Partheien verhinderte wohl nur der Umstand, daß Niemand einen bestimmten Gegner fand an den er sich halten konnte. Dann war der Capitain selber nicht an Bord, der ein Endurtheil fällen sollte, und der Steuermann hatte, wie schon gesagt, noch nicht bewogen werden können hinunter zu gehn. Zugleich hinderte das, einem Wall gleich aufgeschichtete Gepäck die freie Bewegung der Leute, von denen sich die, die schon Coyen inne hatten, nicht daraus zu entfernen wagten, weil sie wußten daß sie augenblicklich von Anderen in Besitz genommen würden, während die Neugekommenen ihr Augenmerk auf eine oder die andere bestimmte Coye gerichtet hielten, und diese förmlich belagerten.

Nur einige Wenige der Letztgekommenen waren so glücklich gewesen schon einen Platz für sich zu erbeuten. Zu diesen [pg 072]gehörte Eltrich, der trotz seiner sonstigen Bescheidenheit hier doch für Frau und Kind zu sorgen, und diese gleich im Anfang mit seinem Gepäck auf dem Kahn zurückgelassen hatte, vor allen Dingen eine gute Coye für sie zu finden. Daß immer drei Personen eine Coye bekommen mußten wußte er, sein Kind bezahlte halbe Passage, mußte aber einen ganzen Schlafplatz erhalten, und eine untere Schlafstelle, in der Nähe der Luke noch frei findend, legte er sich ohne weiteres vorn in diese hinein und blieb da liegen, bis seine kleine Frau mit dem Kind, die er vorher ermahnt hatte sich aus jedem Gedränge fern zu halten, den Weg zu ihm finden würde. Es war das Klügste was er hätte thun können.

Steinert fand ebenfalls den für ihn belegten Platz, und zu gleicher Zeit, und so wie er nur den Fuß in das Zwischendeck gesetzt, hatte sich auch der wunderliche Mann mit dem affenähnlichen Gesicht, sein Gepäck ganz rücksichtslos im Stich lassend, eine obere Coye ausgefunden, in der allerdings schon Betten lagen, die er aber doch für sich geeignet hielt, und wohinein er auch augenblicklich kletterte. Allerdings ertappte ihn noch, im Akt des Hineinsteigens die Besitzerin der Coye, Rebecca, Frau des ehrsamen Krämers Moses Löwenhaupt, am Rockschooß, und wollte ihn, mit einer Fluth von Verwünschungen zurückziehn, der Mann wandte aber nur den Kopf nach ihr um, und blitzte sie mit seinen kleinen stechenden grauen Augen unter den buschigen Brauen vor so feindlich an, und zeigte ihr dabei die beiden Reihen weißglänzender und fehlerfreier Zähne, daß sie ihn erschreckt wieder losließ. Der Usurpator [pg 073]saß denn auch, keine halbe Minute später, mit untergeschlagenen Beinen und etwas nach vorn gebogenem Kopf, der niedrigen Coye wegen, gerade in deren Mitte, und blies den Qualm aus seiner kurzen Pfeife, die er jedenfalls schon brennend mußte in der Tasche gehabt haben, in solchen Stößen um sich her, daß ihn derselbe in kurzer Zeit ganz verhüllte, und wie eine Wolke, unheimlich und schwer die Coye füllte.

In fast gleicher Zeit hatte sich der Mann mit den gescheitelten Haaren in die andere Coye, dicht unter den Raucher hineingebohrt, ohne jedoch von dem Besitzer derselben, einem kurzhaarigen mürrischen und finsteren Gesell, der ihm schweigend dabei zusah, weiter belästigt zu werden. Der Mann schien sogar mit dem neuen Einzug vollkommen zufrieden; drehte sich wenigstens auf die andere Seite, und ließ ihn sogar ungehindert einen kleinen Handkoffer den er bei sich führte, und in der ersten Eile vor die Coye gestellt hatte, nachziehn. Der Mann mit den gescheitelten Haaren hatte dadurch vollständig Besitz ergriffen.

»Nun sind wir aber genug hier drin und nehmen keinen mehr herein« brummte der Erstbewohner des Schlafplatzes übrigens, als der junge Literat, der sich Theobald nannte, nach außen hin mit einigen seiner Bekannten vom Kahn her ein Gespräch anknüpfte.

»Also bekommen immer zwei und zwei eine Coye?« frug dieser rasch, und wie es schien sehr befriedigt.

»Nein, drei —« erwiederte der Mann.

»Drei? — und wer ist der Dritte hier drin?«

»Meine Frau!« lautete die lakonische Antwort, die aber auch jedes weitere Gespräch abschnitt, denn Theobald war zu bestürzt darüber, auch nur noch eine Sylbe erwiedern, oder weiter fragen zu können.

Endlich, nach einem Zeitraum der den dabei Betheiligten eine Ewigkeit geschienen, kam der Steuermann, in Abwesenheit des Capitains die oberste Behörde an Bord eines Schiffs, langsam die neben dem großen Mast in das Zwischendeck führende Treppe hinunter, blieb aber noch auf den mittleren Stufen stehn, als ihm hier schon sämmtliche Passagiere mit ihren Klagen und Forderungen laut durcheinander schreiend entgegendrängten.

»Hier Herr Obersteuermann — die wollen mich in keine Coye lassen — Herr Obersteuermann wir haben unsern Platz so gut bezahlt wie die Anderen — Und meinen Koffer haben sie wieder raus geworfen — ich schlage dem Hund ein Bein entzwei, wenn ich nur erst zu ihm komme — Und meine Frau ist krank und muß einen guten Platz haben — Gottes Wunder was geht uns die Frau an, wir haben Alle gleiche Rechte auf einen guten Platz; wie haißt kranke Frau — Hier Herr Obersteuermann kommen Sie nur einmal her und sehn Sie, wie sie meine Hutschachtel zertreten haben — Mir muß der Capitain den Schaden ersetzen, meine Hemden liegen im Schmutz, und mein Taback und mein Zwieback sind alle untereinander gekommen.«

So schrie und tobte es um ihn her, und der Steuermann hielt sich die Ohren zu und schloß die Augen und blieb, halb [pg 075]abgedreht von den Wüthenden, so lange regungslos stehn, bis diese doch einsahen daß sie auf solche Art ihren Zweck unmöglich erreichen konnten, und sich wenigstens in etwas beruhigten.

»So —« sagte der Steuermann, als er endlich hoffen durfte den Lärm mit der eigenen Stimme übertönen zu können; »hat nun Jeder seinen Platz?«

»Nein — nein!« schrie es wieder von allen Seiten.

»Gut, dann haltet auch einmal zum Teufel die — Frieden« lautete die Antwort — »oder ich gehe an Deck zurück und Ihr mögt Euch hier meinethalben die Köpfe blutig schlagen, nach Herzenslust.«

Die Passagiere, denen daran gelegen war daß der Steuermann ihre Angelegenheit in Ordnung bringe, sahen endlich selber ein, daß sie ihn gewähren lassen müßten, machten ihm also Platz, und Einzelne, die Vernünftigeren der Schaar, baten ihn, ihnen eine Stelle anzuweisen wo sie ihre Matratzen unterbringen, oder die, die Familie hatten, mit diesen zusammen einquartirt werden konnten. Das war nicht mehr als billig, und der Steuermann, auf dessen Wink jetzt noch zwei Matrosen mit Laternen herunterstiegen, trat die wenigen Stufen noch nieder, und begann die verschiedenen Coyen, an der rechten Seite anfangend, zu visitiren.

»Wen haben wir hier?« begann er gleich mit der ersten, Eltrichs Coye, in welche dieser jetzt die junge Frau mit dem Kind placirt hatte, und so lange Wache davor hielt, bis Alles geregelt sein würde.

»Mann, Frau und Kind!« erwiederte der junge Mann — »ich heiße Eltrich.«

»Alles in Ordnung!« sagte der Steuermann, mit einem Stück Kreide das er in der Hand hielt eine 1 über die Coye malend — »So, und nun wollen wir die Geschichte gleich einmal richtig in Ordnung bringen« setzte er hinzu, seine Brieftafel mit der Passagierliste aus der Tasche nehmend, und zu dem Licht der Laternen haltend — »Coye 2 — wer ist hier drin?« —

Auch diese Coye war durch die Familie des Tischlermeister Leupold besetzt. Anders sah es aber mit Nr. 3 aus, wo sich zwei Oldenburger Bauern einquartirt hatten, und keinen weiteren Zuspruch gestatten wollten. Der eine, ein breitstämmiger Bursch, mit ledernen Hosen und nägelbeschlagenen Schuhen, der vornweg der Länge lang darin lag erklärte auch dabei ganz ruhig und bestimmt das sei ihr Platz, sie wären zuerst gekommen, brauchten was sie hätten, und gedächten es zu behalten.

»Wer hat noch keinen Platz?« frug der Steuermann ohne weiter etwas darauf zu erwiedern, die Passagiere — »halt nicht Alle auf einmal schreien — es muß eine einzelne Person sein.«

Wald meldete sich und der Steuermann sagte ruhig, nachdem er sich den Namen des neu Zutretenden bemerkt:

»So, da rückt einmal zu, Ihr da; drei und drei gehören immer in eine Coye, und dann habt Ihr noch übrig Platz.«

»Wenn der nirgendwo anders unterkommen kann, nachens is es noch immer Zeit;« erwiederte aber der eine Bauer trotzig.

»Wollt Ihr in Frieden Platz machen?« frug der Steuermann vollkommen freundlich.

»Ne« lautete die einzige Antwort.