Pfarre und Schule.
Eine Dorfgeschichte
von
Friedrich Gerstäcker.
Dritter Band.
Leipzig,
Georg Wigand's Verlag.
1849.
Inhalt des dritten Bandes.
| Seite | |
| Erstes Kapitel. | |
| Die Treibjagd | [1] |
| Zweites Kapitel. | |
| Der Oberpostdirector | [32] |
| Drittes Kapitel. | |
| Fritz Holkes Flucht | [51] |
| Viertes Kapitel. | |
| Pastor und Schulmeister | [59] |
| Fünftes Kapitel. | |
| Die Zeichnenstunde | [80] |
| Sechstes Kapitel. | |
| Der heilige Abend | [91] |
| Siebentes Kapitel. | |
| Sylvesternacht | [114] |
| Achtes Kapitel. | |
| Pollers Rache | [139] |
| Neuntes Kapitel. | |
| Der Brandstifter | [158] |
| Zehntes Kapitel. | |
| Der Letzte der Strohwische | [180] |
| Elftes Kapitel. | |
| Des alten Schulmeisters Lohn | [205] |
| Zwölftes Kapitel. | |
| Schluß | [223] |
Erstes Kapitel.
Die Treibjagd.
Eben hatte der alte Holke angefangen, zu einem neuen Treiben ablaufen zu lassen; die »Herrschaften« standen in kleinen Gruppen, etwas abgesondert von den übrigen Schützen und Treibern, zusammen, und die Bauern und Jäger, Verwalter, Controleure etc. etc., die den großen Pulk der mit Gewehren Versehenen bildeten, mußten von Anfang an wieder den weiten Bogen um den ganz abzujagenden Plan umlaufen.
Da übrigens wohl der größte Theil der Leser, möglicher Weise nicht eine einzige der Leserinnen, einen richtigen Begriff von einem Treiben und besonders von einem sogenannten »Kesseltreiben« (ja nicht zu verwechseln mit »Schüsseltreiben«, das Frühstück oder Nachtessen) hat, so wäre es vielleicht gut, wenn ich, zu besserem Verständniß des Ganzen, eine kurze Beschreibung hier vorangehen ließe.
Die Treibjagd wird im Spätherbst und Winter, und zwar zu einer Zeit veranstaltet, wo der Hase nicht mehr hält – das heißt, vor dem nahenden Jäger über Schußweite aufgeht, und man deshalb nun das ganze Revier abtreiben, oder mit anderen Worten: das Wild darin den Jägern zutreiben muß. Die gewöhnlichen Anlegetreiben sind die einfachsten; die Jäger werden dabei auf zwei Seiten gewöhnlich vorgelegt, und die Treiber kommen nun in einer Linie von der Grenze des beabsichtigten Treibens langsam auf diese zu. Die nachher zwischen Treibern und Schützen aufgehenden Hasen laufen meistens, durch den Lärm der ersteren erschreckt, auf die letzteren zu, und fallen hier den ruhig in Anschlag Liegenden zur ziemlich sicheren Beute.
Interessanter sind dagegen die sogenannten Kesseltreiben, wo gewisse Felder, die man mit seinen Leuten gerade umzingeln zu können glaubt, von diesen vollkommen eingekesselt werden. Dies Einkesseln geschieht folgendergestalt: Der Jäger oder Jagdliebhaber läßt von irgend einem Punkte an der Grenze des beabsichtigten Treibens abgehn. Er schickt erst zwei Männer rechts und links aus, die mit den Grenzen genau bekannt sein und auch wissen müssen, welche Richtung sie zu nehmen haben, um auf den ihnen angegebenen Punkt wieder zusammen zu kommen, und dadurch den Ring den ihnen nachfolgenden Jägern zu schließen.
War das ein Schütze, so kommt nach diesem in etwa siebzig bis achtzig Schritt Entfernung, je nachdem man viel oder wenig Leute hat, ein Treiber, dann wieder in eben der Entfernung ein Schütze, und so fort. Diese folgen genau in derselben Bahn, wie die ersten, und beschreiben also einen ziemlich bedeutenden Bogen, dem ihnen gerade gegenüber liegenden Theile zu. Treffen die beiden Ersten, die zu gleicher Zeit links und rechts abgingen, zusammen, so wird ein Zeichen gegeben, der »Kessel« ist geschlossen, und Alles rückt nun so rasch als möglich nach dem Mittelpunkte zu, um die aufgehenden Hasen vorerst dorthin zu treiben, und zugleich gegenseitig so nahe zusammen zu kommen, daß kein Hase durchgehen kann, ohne wenigstens einem Schützen in richtige Schußnähe zu kommen. Hat man das erreicht, so rückt der Kessel etwas langsamer weiter vor, und Jeder schießt, was ihm am nächsten kommt, nur nicht nach anderen Schützen zu, damit kein Unglück geschieht. Ist man endlich ziemlich zusammengekommen, so deutet ein anderes Zeichen, gewöhnlich mit dem Horn, an, daß nicht mehr in's Treiben, sondern nur auf die Hasen, die schon durch die Schützen gegangen sind und jetzt dem freien Felde entgegen laufen, geschossen werden darf.
Es war an diesem Tage das sechste Treiben und die Leute natürlich etwas ermüdet; so sehr sich die Schützen daher auch sonst im Anfang, und besonders bei recht kaltem Wetter, herandrängen, die Ersten beim Ablaufen zu sein, so sehr hielten sie sich jetzt zurück, und Einer drückte sich hier, ein Anderer da, hundert oder zweihundert Schritte vom Ablaufplatze entfernt, an Rain oder Wegweiser an, um nicht gleich wieder mit unter den Ersten fortgeschickt zu werden und dann auch den weitesten Bogen beschreiben zu müssen.
Der alte Holke hatte alle Hände voll zu thun und war noch dazu in der übelsten Laune von der Welt, er fluchte und wetterte die Treiber an, daß ihm Keiner auf zehn Schritte zu nahe kommen mochte, und sah aus, als ob er den ersten Besten mit Haut und Haare hätte verschlingen können.
»Treiber da! Donnerwetter, hört und seht Ihr nicht, Ihr verdammtes, faules, hundsföttisches Lumpenpack, Ihr – müßt Ihr's denn immer so machen wie andere Leute – halt da, zur Schock-Schwerenoth, jetzt laufen wieder viere auf einmal – daß Euch ein Gewitter verschlage. – Hier ein Schütze – ach –« (und mit ganz verändertem Ton aber nur mühsam unterdrückten Aerger, wandte er sich rasch an einen der Officiere, der sich eben bei einem anderen eine Cigarre anzündete) »dürfte ich Sie wohl bitten, Herr Lieutnant – wenn's gefällig wäre.«
»Ach bitte, Holke, lassen Sie mich noch einen Augenblick warten, ich bin beinah immer der Erste gewesen« – es war ihm nämlich nicht eingefallen – »ich möchte auch gern nachher hier unten herein abgehn.«
»Zu Befehl – daß Dich ein heiliges Donnerwetter in den Erdboden 'neindrücken möge, Du verdammter, milchbärtiger – näsiger Hallunke Du,« murmelte er dabei hinter her, und wandte sich an einen der Nebenstehenden:
»Wenn's gefällig wäre, Herr Baron.«
»Ja wohl, Holke, ja wohl – ach, der Rittmeister ist noch nicht da – ach, lieber Holke, wir möchten gern zusammen gehn – lassen Sie mich noch ein paar Minuten hin.«
»Zu Befehl, Herr Baron« – er biß die Pfeifenspitze, die er im Munde hielt, kurz und klein, und frug noch, mit einem wachsenden, aber auch immer verhaltenen Grimm vier oder fünf andere, bis er endlich einen Gutwilligen fand, der mit einem:
»Herr Gott, ich muß auch immer der Erste sein,« der Aufforderung Folge leistete.
»S'ist ein Glück, daß die Jagd nun bald ganz beim Teufel ist,« brummte der Alte endlich halblaut vor sich hin und schnitt sich dabei den oberen Theil des zerkauten Horns an der Pfeife ab – »mit solchen Schützen, und nachher auch noch keine Hasen, nu da kann Einer Freude erleben – wenn er eben Geduld hat und nicht vorher zu Grunde geht – Jetzt seh Einer, was der Mensch für ein Loch macht – geht, als ob er alle Augenblicke einschlafen wollte, und bleibt dann auch noch alle hundert Schritte stehen und – ei so schlag doch ein Himmelsackerment in das Kesseltreiben. Zurücken da hinten – zum Donnerwetter zurücken!«
Das Zeichen war gegeben, und von allen Seiten drückten Schützen und Treiber, wie sich das auch gehörte, herein, wie aber hier und da ein Hase aufging, und seine Richtung nach einer oder der anderen Fronte nahm, blieben die immer stehen, um Lampen nicht irre zu machen, und hier und da drückte sich auch wohl noch ein Schütze, ganz gegen Jägersitte und sehr zum Aerger seiner Nachbarn, auf die Erde nieder, und glaubte dadurch Hasemann jedenfalls zu bethören, bedachte aber nicht, daß seine beiden nächsten Treiber in der Zeit die Arme ruhig hin und her schlenkerten, und alle seine Bemühungen dadurch vollständig annullirten.
Dabei wurde noch schmählich geschossen, überall gingen die Hasen durch, und hier und da, wo irgend ein armer Lampe mit zerschossenem Hinter- oder wüthend schlenkernden Vorderlauf seinen »Quälern« zu entkommen suchte, brachen überall aus heimlichen Verstecken und Hinterhalte Gesindel, das in den Dörfern herumlungerte, ja selbst Bauern vor, und suchten die kranken Geschöpfe selbst hinter der Fronte und vor den Hunden wegzustehlen.
Holke war außer sich.
»Ei Du blutiger Herrgott!« schrie er und schleuderte dabei die grüne, mit weißem Pelz gefütterte Mütze auf den Sturzacker nieder, als wenn sie dort für ewige Zeiten liegen bleiben sollte, »jetzt wird's erst hübsch hier draußen. Erst dämmeln sie Einem in dem Treiben herum, machen die Hasen rebellisch und jagen hinaus, was nicht ganz niet- und nagelfest liegt und sich auf den Kopf treten läßt und nachher mausen sie auch noch am hellen lichten Tag die paar angekrepelten Kreaturen – und da darf man nicht hineinschießen in die Hunde – Gott verdamm mich, Hektor, nimm's nicht übel, daß ich das Gesindel Hunde genannt habe – die Aasjäger die!«
Das Treiben war beendet, hier und da knallte noch, meist ohne Erfolg, ein Schuß hinter einem bis dahin liegen gebliebenen und nun plötzlich und unerwartet herausprellenden Hasen her, die paar Geschossenen – funfzehn Stück im Ganzen, wurden an den nächsten Weg gelegt, wo sie der nachfahrende Wagen leicht abholen konnte, und der Ruf:
»Letztes Treiben, letztes Treiben, Schützen vor!« ging von Mund zu Mund.
»Das war nun ein Treiben, in dem wir voriges Jahr neun und sechszig schossen, und heuer funfzehn,« sagte Holke, als sein Sohn die Erlegten eben gezählt und in sein Taschenbuch eingetragen hatte, »und dabei soll man noch einen grünen Rock auf dem Leibe tragen. – Und kein Huhn – nicht ein einziges – und was waren für schöne Hühner drinne! Die Kerle schießen aber wie die Schulbuben, immer eine halbe Meile zu kurz – und wie haben Sie mir die Hasen zerlästert – hol sie der Teufel!«
»Jetzt kummt das Schkorditzer Treiben?« frug ein Bauer, der mit einer alten langen einläufigen Entenflinte auf dem Rücken, die Hände in der Tasche, und das eine Bein rechts, das andere links hinauswerfend, als ob er hinter dem Pfluge her die Erde von den Stiefeln schlenkern wolle, auf den Jäger zukam.
»Ja,« sagte dieser mürrisch, die antiwaidmännische Gestalt mit finsteren Blicken musternd – »'s wird das große nicht drin sitzen.«
»Ne,« lachte der Bauer und zog das Maul von einem Ohr bis zum andern, daß es ordentlich aussah, als ob sich die beiden Mundwinkel die Flinte hinten auf dem Rücken betrachten wollten – »ne – sehre nich – die Schkorditzer sin Luderkerle, die han's faustdicke hinger den Uahren. Vurgestern han se ooch schunst getriaben.«
»Die Skorditzer?« frug der Jäger, erstaunt stehen bleibend, »hier auf den Feldern?«
»Ne, hinger dem Dorfe driben, uff dem Polswitzer Revier!« meinte der Bauer.
»So? – recht schön das, und was haben die Herrn geschossen?«
»Nu 's mächtige niche,« sagte der Bauer und die Mundwinkel gingen wieder hinter – »zwee Hasen un en Schneider un ene zahme Gans, der so en Racker von en Karnickel zwischen de Beene durch wulle – der Schmidt uffem Dorfe hat se geschossen – das Karnickel hot er aber gefählt.«
»Na, gebe nur Gott, daß sich die Hälfte von jeder Gemeinde erst einmal todtgeschossen hat,« seufzte der Jäger seinen frommen Wunsch, »nachher werden sie die Jagd ja wohl satt bekommen.«
»Vater,« unterbrach da Fritz, zum alten Jäger tretend, das Gespräch, »komm einmal her!«
»Nun was giebts wieder – sind die Hasen fort?«
»Ja – alle, hör einmal,« und er ergriff ihn am Arm und zog ihn ein Stück bei Seite – »Dahlens Karl sagte mir eben, daß in Skorditz die Bauern schon alle mit Flinten, Flegeln, Sensen und Mistgabeln bereit stehen, und so wie wir auf die Skorditzer Fluren kommen, soll Generalmarsch geblasen werden.«
»Unsinn!« brummte der Alte – »die Jagd ist noch nicht frei, und wenn sie in Frankfurt zehnmal dem Bauer das auch noch in den Hals geschoben haben; wer sich auf dem Felde von den Canaillen mit einer Flinte blicken läßt, dem wird sie weggenommen, und er kann nachher auch noch Strafe obendrein zahlen.«
»Aber wenn sie nun Alle miteinander kommen, Vater, man darf ja doch nicht zwischen sie hinein schießen. Es wäre vielleicht besser, wir riefen die Treiber zurück, und zeigten die Sache lieber erst an. Der Herr von Gaulitz ist zwar schon auf's Gut hinein gegangen, der Rittmeister wird das aber auch abmachen können, und dann haben wir keine Verantwortung.«
»Ah was!« rief der Alte, »daß die Lumpe nachher prahlen und sagen, ›hoho, wir brauchen uns nur hier im Dorfe aufzustellen, dann wissen sie schon, was die Glocke geschlagen hat‹, nein, das geht nicht – lassen wir's dem Einen zu, dann können wir schon morgen lieber ganz zu Hause bleiben, oder dürfen uns wenigstens nur auf den gottsleeren Rittergutsfeldern herumtreiben, denn das machen sie augenblicklich in Horneck und all' den übrigen Nestern ebenfalls nach. – Na, was steht Ihr da, und habt Maulaffen feil, he?« fuhr er ein paar lange Treiberjungen an, die neugierig und mit ziemlich albernen Gesichtern den ärgerlichen Worten des Försters lauschten – »macht, daß Ihr fort kommt, oder ich will Euch Beine machen.«
»Wenn Du nur einmal mit dem Rittmeister sprächst,« meinte der Sohn nach kurzer Pause – »vielleicht will der selbst nicht, daß –«
»Laß mich zufrieden,« erwiederte ihm mürrisch der Alte – »wir stehen jetzt schon mit der Nase vor'm Skorditzer Revier, ich werde doch wahrhaftig nicht noch umlenken sollen? Lauf Du nur gleich mit Peter rechts ab, Du kennst ja die Grenze, und die Saatspitze, die nach dem Birnbaum hinunter geht, läßt Du liegen, da sitzt doch nichts darauf, und sie bringt uns sonst das Treiben nur in Unordnung.«
»Herr Förster – Herr Förster!« kam in dem Augenblick ein Treiber angekeucht –
»Nun, was giebt's – was ist?«
»Sie sollen emal glaich zun gnädigen Härrn Rittmeester kummen,« sagte der Mann, »en paar Schkorditzer Bauern sprechen mit emm.«
»Na, da haben wir die Geschichte,« sagte Fritz.
»Die wollen wir heim schicken,« knurrte der Alte, »die kommen mir g'rade recht.«
Er schritt rasch auf die Gruppe zu, um die sich schon die meisten Schützen gesammelt hatten, und das Gespräch, das im Anfang ziemlich ruhiger Natur gewesen, artete bald in eine etwas hitzigere Unterredung, ja endlich in förmlichen Zank aus. Das Endresultat blieb denn auch natürlich, daß die beiden Bauern, die von ihrer Gemeinde abgeschickt waren, den Jägern zu sagen, daß sie auf ihren Feldern nicht schießen dürften, keine Vernunft annehmen, von publicirten oder nicht publicirten Gesetzen nicht das mindeste Wort hören, und selber keinen Vorschlägen Raum geben wollten, sondern immer nur erklärten, sie möchten weiter Nichts wissen, als das: ob die Herren auf ihren Feldern zu schießen beabsichtigten oder nicht. Als dieß nach einem kurzen Wortwechsel endlich bejaht worden, zeigten sie sich soweit zufrieden, daß sie die Unterhaltung augenblicklich abbrachen, und nun querfeldein, direct auf ihr Dorf wieder zusteuerten.
»Ablaufen!« rief der Rittmeister von Gaulitz dem Jäger zu –
»Fritz – Peter – geht ab!« sagte dieser. »Du, Wendler – geh Du einmal links herum – Du kennst ja auch die Grenze – Du brauchst auch nicht bis dicht an's Dorf zu gehen – wo der Fuhrweg herüberläuft, schneidest Du ab!«
Die Schützen folgten diesen, und etwa zwölf von ihnen hatten auf jeder Seite das Skorditzer Revier betreten, als plötzlich im Dorfe drinn die Allarmhörner tönten, und eine große schauerliche Trommel ihre dumpfen Wirbel hören ließ.
»Bei Gott, die machen Ernst,« sagte der Herr Baron, der gerade ebenfalls ablaufen wollte, zum Lieutnant von Ebersfeld, und blieb stehen – »das wollen wir hier lieber erst abwarten, man kann sich doch nicht mit der Canaille herumprügeln.«
»Auf Ehre, nein,« meinte Herr von Ebersfeld und strich sich den Schnurrbart – »das ist doch impertinentes Volk!«
»Bauer bleibt Bauer!« versicherte der Baron.
»Nun, darin haben Sie recht!« rief der Jäger, ganz den sonstigen Respect vergessend, und im ingrimmigsten Zorn dazwischen hinein, »und der Bauer ist ein niederträchtig, halsstörrisches, harthirniges Lumpenpack, mit dem man in größter Leichtigkeit die Wände einrennen, aber kein vernünftiges Wort reden kann. Ueberzeuge einmal Einer so einen Bauer, daß er in irgend etwas unrecht gehabt oder habe – da möcht' ich dabei sein. Doch die kriegen auch noch ihren Lohn, und dann – dann möcht' ich auch dabei sein – straf mich Gott!«
Das Treiben war durch das Lärmblasen im Dorfe in's Stocken gerathen; die Schützen, die noch nicht abgelaufen waren, wollten nicht weiter vor, und die im Feld draußen blieben ebenfalls stehen, aus dem Dorfe aber kam ein bunter Schwarm von Bauern und Tagelöhnern mit allem möglichen sonst friedlichen, jetzt aber zu grausen Waffen erhobenen Handwerkszeug quer über die Felder, gerade nach rechts und links in zwei ziemlich gleiche Haufen auszweigend, auf die vorgerückten Colonnen der Schützen zu. Auch von diesen zogen sich einige auf den Jägertrupp, wo sie sich wahrscheinlich gesicherter fühlten, zurück, die meisten aber behaupteten ihre Plätze, und erwarteten ruhig das Kommen der Herren der Fluren.
Die Ansprache lautete kurz und bündig, »short and sweet« wie der Engländer sagt:
»Wullt er machen, daß er vun die fremmen Fälder kummt, Ihr Himmelsackerloter?« schrie der Führer der einen Schaar, und legte den fragenden Accent wunderbarer Weise mit besonderem und pathetischen Nachdruck auf die erste Sylbe »Wullt«.
»Auf den Feldern hier hat der Oberpostdirector von Gaulitz die Jagd gepachtet,« erwiederte hier aber Fritz, ohne die drohende Stellung der Gegner zu erwiedern, und mit der Flinte auf dem Rücken, »noch ist das Gesetz, das jedem verstattet auf eigenem Grund und Boden zu jagen, nicht heraus, und bis dahin, wenigstens bis zu Ablauf der Jagdzeit, hat der Herr Oberpostdirector sein Recht mit gutem Gelde bezahlt.«
»Papperlapp, Mosje,« fiel ihm aber hier der Sprecher der Schaar, und zwar ein alter Bekannter von uns, Krautsch aus Skorditz, in die Rede – »Ihar macht jetzt daß Ihar mit Eiren olen Schießpriegeln heeme kommt, oder mer schlagen se Eich im de Keppe, daß die Schlesser drinn herim flegen. Das hier sin unse Fälder, un wär da druffen en Hasen schießt, den sperren mer in, un bringen en in de Residenz als en Wilddieb – verstanden?«
»Ich habe Euch gesagt, was Ihr zu wissen braucht,« entgegnete ihm Fritz, ohne von dem frechen Burschen weitere Notiz zu nehmen, entschlossen, »mit Euch hab' ich überdieß Nichts zu schaffen, denn Ihr seid gerade Einer von denen, die Jagd auf fremder Leute Eigenthum am stärksten treiben, zu gleicher Zeit am unverdrossensten dagegen schrein, und dann nicht einmal einen Fuß breit Land im Vermögen haben, um ein Schwein darauf zu halten. Treiber vorwärts – wenn die Herren im Kessel bleiben wollen, dürfen sie sich auch nicht nachher beklagen, wenn sie vielleicht ein paar Schrote in die Beine kriegen – vorwärts, Treiber!«
Die Treiber gingen schon, die hatten, wie sie recht gut wußten, ohne Flinten Nichts zu fürchten, die Schützen aber glaubten es, allem Anschein nach, ihrer eigenen Haut schuldig zu sein, sich in die Streitigkeiten zwischen Oberpostdirector und Bauern nicht zu mischen, und blieben entweder stehn, oder hingen auch ihre Flinten, mit niedergelassenen Hähnen über die Schultern und schritten langsam und pfeifend, als ob sie diese retrograde Bewegung nicht etwa der Drohungen der Bauern wegen, sondern einzig und allein aus freiem Antrieb machten, langsam zurück und der Stelle zu, wo der Rittmeister von Gaulitz noch immer, des Resultats harrend, stand.
Fritz that sein möglichstes, um das Treiben in Ordnung zu halten, er bat und schimpfte und suchte die Schützen für jetzt nur wenigstens auf ihrem Stand zu behaupten, damit er sich erst einmal beim Rittmeister eine Ordre holen könne, dem förmlichen Angriff dann auch wieder mit Gewalt zu begegnen, aber umsonst.
»Ich werde mich hier doch nicht prügeln sollen« lautete die stete und fast allgemeine Antwort und die Schützen hatten sich damit, besonders ihrer eignen Meinung nach, vollkommen gerechtfertigt. Die Bauern sahen aber auch ihrerseits bald, wie sie mehr und mehr Terrain gewannen, und schöpften, je feiger sich die Gegenpartei bewies, desto mehr Muth aus dem überaus günstigen Erfolg ihres Auftretens.
»Siaht' ersch, se han kain gut Gewissen – se kneifen aus!« riefen sie sich Einer dem Andern ermuthigend zu, und es dauerte nicht lange so kamen sie im vollen Laufe heran, schnitten einen Theil der früher Ausgeschickten ab, und erklärten hier nun unverschämt genug der ihnen, wenn auch nicht an Zahl, doch an Waffen weit überlegenen Jagdgesellschaft, die jetzt schon wieder größtentheils auf Hornecks Felder zurückgekehrt war, augenblicks sich »heeme zu schären« und es sich nicht etwa einfallen zu lassen, je im Leben wieder auf Skorditzer Fluren zu kommen, wenn sie nicht »das Blaue vom Himmel 'runger besähn wullten.«
Der Rittmeister suchte den Leuten den jetzt noch existirenden Rechtsstand vernünftig auseinander zu setzen, ja aber Du lieber Gott – »ein Bauer und Vernunft annehmen,« wie Holke verächtlich meinte – das blieb fruchtlos. Die Burschen behaupteten, es wäre gar kein Recht weiter, als daß sie in Frankfurt ausgemacht hätten, von jetzt an könne jeder auf seinen Feldern jagen, und wie sie früher nicht auf der Herrschaft Fluren mit der Flinte gedurft, so solle die Herrschaft auch, in Wechselwirkung, nicht auf ihre mit der Flinte kommen dürfen. Das war einfach genug, und wenn die »eenlitzigen Härren,« die da noch »hingen 'rumstiefelten« nicht bald machten, daß sie fortkämen, so sollten sie einmal sehn, was die Skorditzer Flegel für hartes Holz hätten.
Der Rittmeister schien jetzt übrigens – so sehr er sich bis dahin auch selbst gehütet hatte auf das, als feindlich bezeichnete Revier hinüber zu treten – selber etwas wärmeres Blut zu bekommen. Der hartnäckige und von gar keinen Gründen, sondern nur von der rohen Gewalt unterstützte Widerstand, erweckte den alten soldatischen Geist in ihm und das:
»Meine Herrn, wollen Sie gefälligst abgehn – Holke lassen Sie doch ablaufen«, zeigte, wie er wenigstens gesonnen sei, es einmal auf rohe Gewalt auch ankommen zu lassen.
»Aber die Leute, die aus dem Dorf da noch alle herüber kommen, sind ja mitten im Treiben d'rin –« demonstrirte ein etwas ängstlich umschauender Aktuar aus der Residenz.
»Wenn sie im Treiben bleiben wollen,« sagte der Rittmeister achselzuckend, »so können wir's ihnen nicht verwehren – es ist Geschmackssache und ihre eigene Schuld, daß ihnen vielleicht die Beine vollgeschossen werden.«
Die Bauern, die hier auf einmal hörten, daß die Jagd doch, trotz ihres Ausrückens beginnen solle, und wirklich lief auch Fritz schon wieder zum zweiten Mal mit seinen Treibern ab, rotteten sich dicht auf einen Haufen zusammen und Krautsch und Müllers Friede, die beiden vorragenden Charaktere der Gruppe, die sich gegen das Jagen auf fremdem Gebiet aussprachen, reizten zum vollen Aufruhr an.
Hätten die Schützen Alle so gedacht wie der Rittmeister von Gaulitz und der alte Holke, es wäre vielleicht hier schon zu einer recht bösen Scene gekommen, so aber war die Mehrzahl doch gegen einen wirklichen Zusammenstoß, bei dem sie keine Ehre, sondern höchstens nur Beulen erndten konnten. Die Meisten erklärten dem Rittmeister, sie würden das Treiben, unter solchen Umständen, nicht mitmachen, und dieser sah sich endlich genöthigt, die Jagd für heute aufzuheben, erklärte übrigens, daß er sich an das Ministerium wenden werde, um diese Sache und ihre Anstifter genau untersuchen und bestrafen zu lassen. Er wünsche, wie er versicherte, kein Blutvergießen, aber so viel sei doch bestimmt, daß dieser Zustand nicht länger fortdauern könne, ohne ernste Folgen nach sich zu ziehn.
Die rohe Schaar höhnte, pfiff und lachte; unter ihrem Spott und Jauchzen verließ die Jagdgesellschaft die Skorditzer Grenze und schritt, denn der Abend war ebenfalls nicht mehr fern, Horneck oder doch wenigstens dem oberen Theil der Felder zu, um dort die Straße zu erreichen und auf ihr bequemeren Weg zu haben.
Die Bauern blieben noch lange zurück und fingen endlich, da viele von ihnen Flinten mitgebracht hatten, gerade selber ein wenig an zu treiben, als oben aus dem jetzt schon fast nicht mehr sichtbaren Schützentrupp, ein Schuß fiel. Ein Hase, der sich irgendwo in ein kleines, schmales Rapsstück, dicht hinter einem Feldstein, hineingedrückt gehabt, war durch einen, ihm doch etwas zu nahe gekommenen Jäger aufgescheucht, und dieser dadurch so überrascht worden, daß er nur schnell die Flinte noch von der Schulter reißen konnte, aufzog und hinter dem nicht schlecht Haken werfenden Lampe herhielt.
Beim Schuß knickte das arme Thier zusammen, floh aber dann wieder rasch, mit zerschossenem rechten Hinterlauf gerade auf den noch ziemlich dicht stehenden Knäul der Skorditzer Bauern zu.
Fritz löste rasch seinen Hund und dieser würde den »Angeflickten« auch bald genug eingeholt haben, wäre er nicht durch das wilde Brüllen der Treiber und Schützen »hab Acht, hab Acht!« gleich im Anfang irre gemacht worden. – Wie er den Hasen endlich sah, hatte der schon einen tüchtigen Vorsprung gewonnen und es ließ sich kaum anders erwarten, als daß er ehe ihn der Hund fassen konnte, die Bauern erreicht haben müßte. Fritz suchte den Hektor abzupfeifen, die Entfernung war aber schon zu groß, und der sonst ungemein folgsame Hund hörte nicht im Geringsten auf das so wohlbekannte Zeichen.
Mehr aus Besorgniß um diesen als um den Hasen, den er den Bauern gern gelassen hätte, knüpfte jetzt Fritz rasch seine Leine vom Ring der Jagdtasche los, und folgte so schnell er konnte dem Hund; die übrigen Jäger gingen aber indessen ruhig ihren Schritt weiter, nur ein paar blieben stehn, um zu sehn, ob Hektor den Hasen, dem einige der Bauerburschen schon den Weg abzuschneiden suchten, wirklich bringen werde oder nicht, und wandten sich dann auch, als sich die Sache in die Länge zu ziehn schien, ab von dem so oft gesehenen Schauspiel.
Fritz war der Einzige, der von der ganzen Jagdgesellschaft mit seinem Hund zwischen den Skorditzer Bauern zurückblieb.
Hektor hatte sich indessen durch all das Schreien und Rennen der Skorditzer, unter denen es sogar der Schulze des Dorfe für passend gehalten, als Hasendieb aufzutreten, keineswegs abschrecken lassen und ruhig und unverdrossen den armen flüchtigen Lampe im Auge behalten, der seiner Seits durch Hakenschlagen den Dauerlauf in die Länge zu ziehn und seinen, ihm an Kräften so weit überlegnen Feind zu ermüden suchte. Hektor war jedoch nicht der Hund, sich durch einen Hasen ein x für ein u machen zu lassen, er paßte mit unverwüstlicher Geduld auf, in welcher Richtung Lampe die Absicht hatte auszustreichen, ließ sich nie durch eine plötzlich fingirte Richtung beirren, rannte nicht toll und blind in's Zeug hinein, sondern hielt lieber seine Distance, wo ihm die Beute doch über kurz oder lang werden mußte, und überzeugte bald den armen gehetzten Hasen, daß er in seinem ganzen Leben noch nie einen schlimmeren Feind hinter sich gehabt, und auch wohl nie einen anderen wieder hinter sich haben werde. Seine Laufbahn war beendet, und an einem schmalen Streifen hochgeackerten Sturzlandes, den er mit dem kranken Lauf nicht so schnell überspringen konnte, faßte ihn Hektor, endete mit einem Biß seine Leiden, und hob ihn dann, mit dem Schwanze freundlich dazu wedelnd, stolz aus, seinem Herrn das so mühsam errungene Stück zu überbringen.
Hektor sollte sich aber in seinen, doch wahrlich nur gerechten Erwartungen, getäuscht sehn – die Bauernschaar, die durch den Anblick des angeschossenen Lampe zu voller Erwartung auch auf den Braten selber gebracht und dadurch erst recht hitzig geworden war, hatte den Hund jetzt umzingelt und warf sie von allen Seiten auf den überrascht und erstaunt stehen bleibenden.
So unerwartet Hektor aber auch ein solcher Angriff, der ihm in seiner ganzen Praxis noch gar nicht vorgekommen war, sein mochte, dachte er doch gar nicht daran, seine Beute auch nur einen Augenblick aufzugeben und als Einer der Bauerburschen endlich, seiner Meinung nach so »glücklich« war, den Hasen an einem Lauf zu erwischen und ihn nun den Hund aus den Fängen reißen wollte, ließ dieser, der wohl fühlen mochte, daß er dem vollen Gewicht des Angreifers nicht ganz gewachsen sei, plötzlich los, fuhr dem erschreckt Aufschreienden mit kräftigem Biß in die Wade, griff dann den Hasen wieder auf und wollte seinen Weg ruhig fortsetzen.
Wie aber einem alten Sprichwort nach, »viele Hunde des Hasen Tod« sind, so waren hier viele Bauern des Hasen, nicht gerade Retter, aber doch Rächer an seinem Sieger.
»Luderkriate, willst de baißen?« schrie ein vierschrötiger Knecht und schlug nach dem armen Thiere mit einer Mistgabel und zwar so gut gemeint, daß, hätte er ihn so getroffen, wie seine Absicht gewesen, Hektor wohl sein ganzes übriges Leben hindurch kreuzlahm geblieben wäre.
»Laßt den Hund gehn,« schrie da der herbeieilende junge Jäger und riß in allem Eifer und in Besorgniß um seinen armen Hektor, die Doppelflinte von der Schulter, »laßt den Hund gehen, sag' ich – verdammte Canaillen Ihr.«
»Hoho, ist das Fritzchen auch wieder hier?« rief Müllers Friede, durch die Stimme erst auf den Herbeieilenden aufmerksam gemacht – »jetzt haben wir einmal die Karten in Händen, und wollen sehn, ob wir nicht Trumpf spielen können. Luderkröte!« schrie er dann, und trat dabei das arme Thier, das sich jetzt, da sein Herr in der Nähe war, jedes weiteren Selbstschutzes enthoben glaubte, dermaßen in die Rippen, daß es laut aufheulend gegen die Beine ein paar anderer Bauerburschen auflog und wie todt und nach Luft schnappend, den Hasen aber jetzt natürlich loslassend, auf dem Platze liegen blieb – »warte Beest – willst Du beißen.«
»Schuft!« schrie Fritz und sprang in wilder Wuth auf den Buben zu, der seinen treuen Hund auf so niederträchtige Weise mißhandelte, und den er, ehe es die Umstehenden verhindern konnten, mit kräftigem gutgemeinten Faustschlag in's Gesicht traf.
»Hollo Ferschterchen!« riefen aber Krautsch und Andere dazwischen springend, »hier wird nischt gereecht – Euer Handwerk is Uech gelegt, un jetzt braucht er nich mehr dumm zu thun. – Uff uns Bauern sidd er lange genug herim getrappelt, jetzt wullen mer emol e Wailchen oben uf sitzen.«
»Hund verdammter!« brüllte aber jetzt auch Müllers Friede, der von dem Schlag betäubt zurücktaumelte, und sein rechtes Auge im Nu fast aufschwellen fühlte – »er hat mich geschlagen.«
»Ei Du Wetterkriate!« schrie Krautsch und wollte auf den Jäger zuspringen, dieser aber trat rasch einen Schritt zurück, wo er rings um sich her einen kleinen Raum frei hatte, und rief, die Flinte im Anschlag, die Schaar mit finsterem drohenden Blicke überfliegend:
»Wer mich anrührt, ist ein Kind des Todes – zurück da – oder beim ewigen Gott, ich mache eine Leiche aus ihm.«
»Ah, Papperlapapp,« lachte Krautsch, »'s wird nich gleich so gefährlich sin – här mit 'er Muschkete, Mosjechen, Ihr sidd hier uf fremmen Grund un Boden, un hat mer meine ooch weggenommen – Wurscht wieder Wurscht.«
Es hatte sich indessen um den Jäger, den in seiner drohenden Stellung doch keiner, selbst Krautsch nicht, anzugreifen wagte, ein Kreis von Bauern gebildet, als Müllers Friede, durch den erhalten Schlag, wie durch den Schmerz seines Auges zur wildesten Wuth angestachelt, ausrief:
»Der Hund darf nicht gesund wieder fort, so lange ich noch ein Glied am Leibe rühren kann, aber erst wollen wir ihn einmal nackt durch Skorditz jagen, wie sie's dem Jäger in Hohenbuchen auch gemacht haben – nehmt ihm das Schießeisen ab und reißt ihm die grünen Fetzen vom Leibe und nachher soll er Spießruthen laufen!«
»Zurück da!« schrie Fritz, die Hand am Drücker, obgleich aber jetzt von allen Seiten die jungen kräftigen Bursche, die auch selbst nicht recht glaubten, daß er wirklich schießen würde, zusprangen, konnte er es nicht über's Herz bringen, abzudrücken – es war ein Menschenleben, das auf dem Spiele stand, und hier wehrte er sich vielleicht seiner eignen Haut auch noch so. Die Flinte also hoch haltend, um sie den Händen der danach Greifenden zu entziehen, schlug er mit der Rechten so tüchtig und kunstgerecht um sich her, daß er für wenige Momente die Andrängenden kräftig im Schach hielt und mit nur einiger Hülfe von Außen den Leuten wohl zu schaffen genug gemacht hätte; so aber konnte er gegen die Uebermacht doch nicht lange ankämpfen. Von hinten fielen sie ihm in die Arme, entrissen ihm das Gewehr, faßten ihm die Ellbogen, und hielten ihn so, daß er sich nicht regen und rühren konnte.
»Nun 'runter mit den Kleidern!« schrie Müllers Friede, der in dem letzten Kampfe noch einen Schlag bekommen hatte, vor Wuth schäumend – »runter damit und dann die Canaille durch's Dorf gejagt.«
»Runger mit den Lumpen!« rief die rohe Schaar jubelnd, in den niederträchtigen Vorschlag eingehend, und da das Ausziehn der Kleider mit zu viel Umständen verknüpft gewesen wäre, trennte ein Schnitt mit einem Genickfänger die grüne Piquesche über den Rücken herunter in zwei Hälften und von allen Seiten niedergezerrt, hing ihm das Kleidungsstück augenblicklich in Fetzen vom Leibe herunter.
»Laßt mich gehn!« rief da Fritz, der den Wüthenden doch jetzt am Ende die Ausführung ihrer schändlichen Drohung zutrauen mochte, »laßt mich gehn, oder beim – ewigen – Gott!«
»Hoho Birschchen,« lachte Krautsch, der ihm hinten die Ellenbogen mit Riesenkräften zusammenhielt – »nur nich so schtrampeln, das hilft doch niche – nur hibsch dusemang – so – nu halt emal de Beene.«
»Hülfe!« schrie der Jäger, der in wüthender Kraftanstrengung sich vergebens den Händen seiner Henker zu entziehen suchte – »Hülfe – Hülfe – Hülfe!«
Das rohe höhnische Lachen der Schaar war die einzige Antwort, die er erhielt, die ganze Schützengesellschaft, die ihn unverantwortlicher Weise den Händen dieser Brut überlassen, war längst hinter den höher liegenden Feldern verschwunden – sein Vater mußte bei dem Hasenwagen bleiben und keine Rettung schien für ihn aus der Gewalt dieser entmenschten Bauern.
»Nackigd muß er dorch's Dorf!« schrie Müllers Friede und riß mit einem Ruck seiner starken Faust die Halsbinde entzwei und das Hemd hinten von einander – »nachens kann er springen.«
Fritz erwiederte kein Wort, aber mit einem plötzlichen Stoß gelang es ihm, seinen rechten Arm frei zu bekommen, und ehe die Nächststehenden diesen erfassen konnten, fuhr er in die rechte Tasche seiner weiten hellfarbenen Beinkleider, aus denen er mit glücklichem Griff den dort bewahrten Genickfänger riß, die Scheide flog im Herausziehen ab, und Krautsch, der ihn jetzt an der Gurgel gefaßt hielt, mit scharfem Strich das Messer durch's Gesicht ziehend, daß dieser laut aufschreiend zurücktaumelte, schwang er es hoch und brachte dadurch seine Henker zu einem plötzlichen fast unwillkürlichen Rücksprung.
Mit raschem kundigen Blick überflog aber jetzt der, zur Verzweiflung getriebenen Jäger das Terrain; gerade dort an der lichtesten Stelle stand ein kleiner Junge, der die ihm selbst genommene Flinte halten mußte; auf den flog er, ehe nur Einer sein Vorhaben ahnen oder gar verhindern konnte, zu, riß, indem er ihn zu Boden schlug, das Gewehr an sich und wandte sich zur Flucht.
»Halt ihn!« schrie da Müllers Friede und warf sich ihm mit heiserem, wüthenden Zornesruf entgegen – und noch ein Moment und er hatte ihn ergriffen – dann aber –
Ein Schuß schmetterte mitten in die entsetzt zurückfahrende Schaar hinein.
»Ich bin getroffen!« schrie da Müller – lief mit ausgestreckten Armen wohl fünf Schritte hinter dem jetzt in flüchtigen Sätzen entspringenden Jäger her und stürzte dann – eine Leiche – auf das Gesicht nieder.
»Faßt ihn – haltet ihn!« rief Krautsch, dem durch den Schnitt über's Gesicht das Blut in die Augen gelaufen war, daß er diese nicht einmal öffnen konnte.
Aber keiner regte sich von der Stelle – der Tod war zu plötzlich und entsetzlich zwischen sie getreten, als daß sie in diesem Augenblicke Lust zu weiterer Gewaltthat gehabt, oder auch nur an Verfolgung gedacht hätten.
Fritz entsprang dem Walde zu, um dort den Feinden, falls sie ihm nachsetzen sollten, am leichtesten zu entgehn, da er aber keinen derselben hinter sich sah, änderte er seine Richtung und floh jetzt, so rasch er konnte, dem unteren Theile von Horneck, in dem das Rittergut lag, zu.
Zweites Kapitel.
Der Oberpostdirector.
»Der Herr Oberpostdirector sind eben von der Jagd zurückgekommen, aber sogleich zu sprechen – wenn der Herr Doctor sich nur einen Augenblick gedulden, und hier gefälligst eintreten wollten,« sagte der alte Poller, und öffnete mit einem knechtischen unterthänigsten Diener die Thür des nächsten Zimmers.
»Gut – schön,« sagte Wahlert zerstreut, nahm den Hut ab, und betrat das Gemach, wo er, als er Niemanden darin erblickte, rasch und ungeduldig hin und wieder schritt – manchmal am Fenster stehen blieb, in den Hof hinabsah, wieder umkehrte, und seine Wanderung von Neuem begann.
Endlich ging die aus dem Nebenzimmer hereinführende Thür auf, und der Herr von Gaulitz betrat mit höflicher, mild freundlicher Verbeugung das Zimmer. Doctor Wahlert erwiederte kalt und förmlich den Gruß.
»Ah, Herr Doctor Wahlert,« sagte, als ob er einen lieben, lange nicht gesehenen Freund ganz plötzlich wieder erkannt hätte, der Oberpostdirector – »ei, das freut mich ja doch ganz ungemein, daß Sie mir die Ehre geben. Es waren allerdings ganz eigenthümliche Verhältnisse, unter denen wir uns das letzte Mal sahen, aber die Zeit – die Umstände – Sie werden – Sie haben gewiß – Sie tragen mir gewiß keinen Groll deshalb nach, nicht wahr, mein guter Herr Doctor – ganz eigenthümliche Verhältnisse. – Was – wenn ich fragen darf, – verschafft mir denn jetzt eigentlich das so ganz unerwartete Vergnügen? – aber bitte, wollen Sie sich denn nicht setzen?«
»Wunderbarer Weise führen mich eben so eigenthümliche Verhältnisse, auch durch die Zeit geboten, zu Ihnen her,« erwiederte ihm, die Einladung zum Sitzen mit leiser Handbewegung ablehnend, Wahlert. »Herr Oberpostdirector, ich komme nicht für mich, sondern für ein anderes unglückseliges Geschöpf, das Sie elend gemacht haben, hierher, Gerechtigkeit zu verlangen – Gerechtigkeit zu fordern, und wenn ich sie nicht erlangen kann, sie im schlimmsten Fall zu – erzwingen. Es ist besser, daß wir uns ohne weiteres auf den Standpunkt stellen, auf dem wir zusammen stehen müssen, wir ersparen dabei eine Menge Umstände, die uns im anderen Falle nur die kostbare Zeit rauben würden.«
»Sie sind ungemein aufrichtig und ungenirt,« lächelte der Herr von Gaulitz in süßer Verlegenheit den jungen Mann an – »spannen aber doch, wie ich wirklich gestehen muß, und trotz Ihrer lobenswerthen Eile, um zur Sache zu kommen, meine Neugierde in peinlichster Weise auf die Folter. Dürfte ich Sie wohl ersuchen, mir zu sagen, was dieser langen, schönen Rede kurzer Sinn eigentlich ist, und ob Sie auch in der That den Oberpostdirector von Gaulitz gesucht haben, um an ihn all' diese wunderbaren, und durch ein so treffliches Vorwort eingeleiteten Anforderungen zu stellen?«
»Herr Oberpostdirector,« sagte Wahlert, der sarkastischen Kälte wiederum ernste Ruhe entgegenstellend, »die Sache geht Sie tiefer an, als Sie vermuthen, und ich erbitte für wenige Minuten mir Ihre volle Aufmerksamkeit.«
»Aber bitte, wollen Sie sich denn nicht setzen?«
Wahlert ließ sich, ohne etwas darauf zu erwiedern, dem Oberpostdirector dicht gegenüber auf einem Stuhle nieder, und sagte mit leiser, absichtlich halb unterdrückter Stimme:
»Kennen Sie Marie Meier?«
Der Oberpostdirector entfärbte sich leicht, sammelte sich aber bald wieder, sah eine kurze Zeit, wie über etwas nachdenkend vor sich nieder, und antwortete dann:
»Hm, hm – ich dächte – ich dächte, eine Marie Meier wäre einmal vor einiger Zeit Wirthschafterin bei mir gewesen – ich kann mich aber doch nicht mehr so recht darauf besinnen.«
»Herr Oberpostdirector,« sagte Wahlert aufstehend, »ich kenne Ihr ganzes Verbrechen, Verstellung – Leugnen, helfen Ihnen nichts mehr – Marie hat mir Alles gestanden, und Sie wissen, was Ihnen bevorsteht, wenn ich diese Thatsachen der Oeffentlichkeit übergebe.«
»Mein Herr –« sagte von Gaulitz, der noch immer hoffte, durch eine kecke Stirn dem jungen unerschrockenen Mann zu imponiren – »Sie vergessen, mit wem Sie reden – ich bin ein Mann, dessen frommer Wandel der Welt bekannt ist, und den ehrenschänderische Gerüchte nicht im Stande sind, weder vor den Augen des Publicums, noch vor Gericht zu verdächtigen. Ich ersuche Sie in meinen eigenen vier Pfählen um die Achtung, die ich in meiner Stellung erwarten und beanspruchen kann.«
»So zwingen Sie mich denn,« erwiederte mit finsterem Blick und Ton Wahlert, »zu einem Schritt, den ich Ihretwegen gern vermieden hätte. – Herr Oberpostdirector, ich kenne Ihren ganzen Charakter – mein Vater ist, wie Sie wissen, Generalsuperintendent, und Ihnen, wenn auch nicht befreundet, doch bekannt – durch ihn erfuhr ich diese sogenannte Frömmigkeit, mit der Sie vor den Augen der Welt den Ruf eines gottesfürchtigen ehrlichen Mannes zu behaupten wußten.«
»Herr Doctor Wahlert!« rief von Gaulitz, seinen aufsteigenden Zorn kaum unterdrückend.
»Hierdurch aufmerksam gemacht,« fuhr aber Wahlert, den aufwallenden Grimm des Mannes gar nicht beachtend, fort, »und den Interessen des Volkes meine Zeit widmend, nahm ich mir die Mühe, mich näher nach Ihnen zu erkundigen – meine Menschenkenntniß wollte ich mit dem Resultat bereichern, ob ein Mann von Ihrer Bildung, in Ihrer Stellung und von – Ihren Zügen – denn ich gebe etwas auf Physiognomie – wirklich so fromm und gottesfürchtig sein, und doch stets mit leeren Bibelsprüchen um sich her werfen, und seine Briefe und Gespräche damit würzen könnte. Ich fand daß ich mich nicht geirrt.«
»Diese Unverschämtheit ist so originell,« sagte endlich der Oberpostdirector mit einem erzwungenen Lachen »daß sie wirklich interessant wird – fahren Sie fort,« und er biß seine Lippen fest zusammen, verschränkte die Arme, und stand, die Augen mit einem recht boshaft tückischen Ausdruck auf das offene Angesicht des ihm gegenüber Stehenden geheftet, still und schweigend dem weiteren Verlauf der Rede lauschend, da.
»Das ist meine eigene individuelle Meinung,« fuhr Wahlert fort, »und die braucht Sie wenig zu kümmern; andere Thaten aber ruhen im Mund Ihrer Untergebenen, und nur an einem unerschrockenen Auftreten hat es bis jetzt gefehlt, ihnen Worte zu geben. – Die Sünde, die Sie an Marien begangen, brauche ich Ihnen nicht zu wiederholen – sie allein wäre hinreichend, tausendfältigen Fluch auf ihr schuldbeladenes Haupt herab zu rufen – andere Verbrechen sind es aber noch, deren Sie bezüchtigt werden, und soll mir Gott in meiner letzten Stunde beistehen, wie ich auftreten will gegen Sie, fügen Sie sich nicht dem, was ich jetzt von Ihnen fordere.«
»Was wissen Sie von mir, Herr?«
»Gut denn, wenn Sie es nicht anders wollen,« sagte Wahlert, mit düsterer Entschlossenheit im Blick, »so hören Sie, und urtheilen Sie dann selber, ob ich im Stande wäre, Ihnen gefährlich zu werden. – Auf dem Verbrechen, das Sie an Marien begangen, steht Eisenstrafe, daß Sie Ihnen freundlich gesinnte Dirnen an Ihre Untergebenen verheirathet, und diese dann ungerechter Weise bevorzugend, in höhere Stellen einrücken ließen, wie vor gar nicht langer Zeit auf solche Art einen Postillon, der schurkisch genug war, sich Ihrem Willen zu fügen, in eine Secretariatsstelle, glaub' ich – das sind Nebensachen. Das vornehme ›Gesindel‹ in den Städten liebt dergleichen Unterhaltungen, und lohnt stets auf anderer Leute Kosten; aber ich weiß auch, daß Sie des Ehebruchs, selbst in neuster Zeit überführt sind, und kann Ihnen die – falschen Zeugen vor Gericht bringen, die Sie gegen Ihr armes Weib gedungen. Jetzt also, Herr Oberpostdirector, frage ich Sie zum letzten Mal, wollen Sie es, mir gegenüber, zum Aeußersten kommen lassen; wollen Sie Alles leugnen, und dann versuchen, wie weit ich die Sache treibe?«
Der Oberpostdirector schwieg, und schaute, an den Nägeln der linken Hand kauend, stier vor sich nieder.
»Gut – es steht in Ihrer Gewalt!« sagte Wahlert plötzlich nach einer langen Pause, in der er auf eine Antwort gewartet zu haben schien – »thun Sie, was Sie für sich selber als das Beste halten – aber bedenken Sie auch, daß wir nicht mehr das alte System haben, unter dem die ›Großen des Reichs‹ wie fast unverletzliche Personen standen, und Einer durch den Anderen beschützt wurden – Gerechtigkeit herrscht jetzt im Lande, Herr Oberpostdirector, und denken Sie sich Ihr fürchterliches Loos, wenn Ihnen Gerechtigkeit würde.«
»Sie häufen Beleidigungen auf Beleidigungen,« sagte Herr von Gaulitz mit leiser, heiserer Stimme, verließ seinen Platz am Tisch, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab –
»Und Ihre Antwort?« frug Wahlert ernst.
Der Gutsherr, dessen Gesicht eine Leichenfarbe angenommen hatte, blieb plötzlich stehen, sah den jungen Mann mit einem Blick des tiefsten, bittersten Hasses an, den dieser jedoch mit einem trotzigen Lächeln erwiederte, und sagte schnell:
»Sie können mir Nichts beweisen, Herr, nicht das Mindeste – alle Ihre Beschuldigungen sind falsch – falsch, wie die Hölle, in der sie gebraut wurden. – Wagen Sie es, mit solchen Klagen gegen den Oberpostdirector von Gaulitz vor Gericht zu treten – wagen Sie es, aber ›der Herr wird seine Feinde vernichten, und die in den Staub werfen, so wider Ihn die Waffen ergreifen – das Licht des Gottlosen wird verlöschen, und der Funke seines Feuers wird nicht leuchten.‹«
»Herr Oberpostdirector,« erwiederte ihm leise der junge Mann, »ich könnte Sie vielleicht selbst mit Bibelversen schlagen, läge mir daran, einen Wortstreit mit Ihnen zu haben. ›Ein falscher Zeuge bleibt nicht ungestraft, und wer Lügen frech redet, wird nicht entrinnen‹ – was sagen Sie z. B. zu der Stelle. – Doch genug der Worte – Thaten will ich jetzt, und die letzte Frage möchte ich hiermit an Sie richten – wollen Sie sich meiner Forderung fügen?«
»Was wollen Sie von mir!« sagte der Oberpostdirector, die Nägel seiner linken Hand noch immer mit den Zähnen beschneidend, während er sich halb von dem jungen Manne abwandte, als ob er den Blick desselben nicht ertragen könnte – »was ist es – was fordern Sie?«
»Nichts für mich,« entgegnete ihm Wahlert ruhig, »nur die Unterschrift dieser Zeilen.«
Der Oberpostdirector nahm sie schweigend aus seiner Hand, und überflog sie rasch mit dem Blick –
»Sind Sie wahnsinnig?« frug er da rasch und plötzlich – »halten Sie mich für einen Crösus?«
»Ich weiß, daß der Herr Oberpostdirector gute Geschäfte mit Geld auf Zinsen zu leihen nicht verschmäht, und arme Teufel, die von ihm ein Capital geborgt, plötzlich sehr geschickt und zur rechten Zeit um ein halbes oder ganzes Procent zu erhöhen weiß – natürlich nur der ›schlechten Zeiten‹ wegen, aber stets unter Androhung der Aufkündigung des Capitals. Was sind dreihundert Thaler jährlich für ein armes Mädchen, deren Lebensglück auf das Schändlichste, Nichtswürdigste zerstört und vernichtet wurde, und die dieser Summe nur eigentlich zu Nichts weiter bedarf, als – um nicht auch noch betteln zu gehn.«
»Es thut mir leid, daß sich Marie Meier in so traurigen Umständen befindet,« versicherte der Oberpostdirector – »und ich will gern Alles thun, was –«
»Wollen Sie dieses Papier unterschreiben?« frug ihn Wahlert eintönig.
»Was in meinen Kräften steht, will ich thun,« sagte von Gaulitz – »aber das – das ist zu viel.«
»Zu viel für ein Menschenleben,« lachte der Doctor im zornigen Unmuth – »es wäre wahrlich eine Verlockung, sich dem Teufel zu verschreiben, wenn man nur vermuthen müßte, daß solche Menschen einst in den Himmel kämen. Doch genug der Worte, ich habe Sie nicht aufgesucht, um mit Ihnen zu feilschen und zu handeln und um Procente zu streiten. Meine Frage gilt einfach dem Mann, dem ich als Mann gegenüber stehe, und die Alternative ist die, daß ich mich von hier aus auf ein Pferd werfe und morgen früh schon in der Residenz die Klage gegen den Oberpostdirector von Gaulitz beim Criminalgericht eingebe, und daß ich die Zeugen stelle, darauf können Sie sich verlassen. Einfach also Ihre Antwort – hier ist das Papier – dort steht Feder und Dinte – wollen Sie, oder nicht?«
»Mit der Pistole auf der Brust« – sagte verlegen der Gutsherr.
»Bitte um Verzeihung, Herr von Gaulitz,« erwiederte mit besonderem Nachdruck der junge Mann »ich bin unbewaffnet – die Pistole wäre nur – Ihr Gewissen, die Ihnen hoffentlich geladen und gespannt bis zu Ihrer letzten Todesstunde vor den Schläfen stehen soll. – Ich bitte um Ihre Entscheidung.«
»Dreihundert Thaler jährlich? –«
»Bis zu ihrem Tod – in dem Fall aber hundert Thaler an ihren Vater.«
Der Oberpostdirector ging mit verschränkten Armen wohl fünf Minuten lang rasch und schweigend im Zimmer auf und ab; Wahlert lehnte an der Ecke eines Spieltisches und sprach kein Wort, störte sein Nachdenken durch keinen Laut, durch keine Bewegung, nur sein Auge haftete mit seiner Adlerschärfe auf ihm, und folgte ihm, wohin er sich wandte, und es schien fast, als ob der Gutsherr das wisse, und der Blick gerade es sei, der ihn so unruhig herüber und hinüber jage, denn nicht ein einziges Mal schlug er das Auge zu dem so unwillkommenen Besuch empor. Endlich, doch wohl einsehend, daß ihm hier wirklich nur die Wahl zwischen öffentlicher Schmach und einem, wenn auch bedeutenden Geldopfer liege, schien sein Entschluß gefaßt. Er trat an den Tisch auf dem, neben dem Dintenfaß das Dokument lag, ergriff die Feder – und noch zögerte seine Hand.
Wahlert schaute mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf ihn hinüber – plötzlich zuckte ein triumphirendes Lächeln über seine Züge – das Kritzeln der hastig geführten Feder kündete ihm seinen Sieg. Im nächsten Augenblick reichte ihm der Oberpostdirector das Blatt hinüber – er warf einen Blick darauf, verbeugte sich, faltete es zusammen, schob es in seine Brusttasche und öffnete eben die Thür, das Zimmer wieder zu verlassen, als draußen eine wildverstörte, blutbedeckte, von Lumpen umhangene Gestalt mit der aufgezogenen Jagdflinte in der Hand in die Thüre sprang, und eine heisere Stimme in kaum hörbaren Lauten frug –
»Heiliger Gott!« rief Wahlert und trat, entsetzt über den schaurigen Anblick, auf den Vorsaal hinaus, der Oberpostdirector aber, durch den Ausruf aufmerksam gemacht, folgte ihm rasch, sah zuerst die Gestalt, die er wahrscheinlich nicht einmal gleich erkennen mochte, erstaunt an und rief dann, mehr überrascht als bestürzt: –
»Fritz Holke – was machst Du in dem Aufzug hier? – Mensch wie siehst Du aus?«
»Retten – Schützen Sie mich!« war aber Alles, was der arme Teufel vor Erschöpfung und Angst und Aufregung über die Lippen bringen konnte – »ich habe – ich habe einen Menschen – erschossen – den Müllerburschen aus – aus der Rauschenmühle – sie werden – sie werden gleich hier sein – großer allmächtiger Gott, ich bin ein Mörder!«
Wahlert war an die Seite und etwas zurückgetreten, und ein schweigender aber wachsamer Zeuge der folgenden Scene.
»Ein Mörder?« rief der Gutsherr jetzt wirklich bestürzt, und blickte die Leidensgestalt, in deren Antlitz jeder Zug die Wahrheit der Worte bestätigte, forschend an, »Mensch, Du siehst fürchterlich aus!«
Fritz erzählte jetzt mit flüchtigen Worten, und so gedrängt als möglich, den ganzen Vorfall, wie er von den Bauern mishandelt, mit was er bedroht worden, und endlich nur in letzter Verzweiflung, seiner selbst fast unbewußt, nach der Waffe gegriffen und die Mündung dem vorspringenden Feind drohend vorgehalten habe – dann war der Schuß gefallen – der Mann – als er sich nach ihm umschaute, gestürzt, und weiter wußte er selber Nichts mehr, weder von sich selbst noch von der ihn umgebenden Welt – Flucht war sein einziger Gedanke gewesen, Flucht, vor dem Erschlagenen fast mehr als den verfolgenden Menschen, und er, der Gutsherr, der ihm selber befohlen habe, streng gegen alle Wildfrevler zu verfahren, sei der Mann, der ihn schützen werde, schützen müsse vor der Rache der Bauern.
»Nun das hätte mir noch gefehlt!« rief jetzt der Herr von Gaulitz, der in dem Interesse, das er an der athemlosen Erzählung seines Jägerburschen nahm, die Anwesenheit des dritten Mannes ganz vergessen zu haben schien. – »Ich soll mich in deine Streitigkeiten mit dem Bauergesindel mischen, und wohl gar noch einen Mörder und Todtschläger in meinem Hause beherbergen, daß sie mir nachher das Dach über dem Kopf anstecken? – nein wahrhaftig nicht – wer hieß Dich gleich abdrücken, der, der Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden, steht in der heiligen Schrift – ›wo Jemand an seinem Nächsten frevelt und ihn mit List erwürget, so sollst Du denselben vor meinen Altar nehmen, daß man ihn tödte‹ und ›Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule!‹«
»Herr des Himmels« stöhnte da Fritz in Todesangst, – »Sie sagen das, Sie, der Sie mir hier an dieser Stelle, wo wir jetzt bei einander stehn, zuriefen – ›Schieße die Wildfrevler nieder – und auf meine Verantwortung?‹ An mich gehalten hab' ich und Alles ertragen, um nicht ein Mörder zu werden, die Feindschaft aller Bauern dabei durch den Eifer auf mich gelenkt, den ich in Ihrem Dienst bewiesen, und jetzt – jetzt, wo ich in Selbstvertheidigung vielleicht mein Leben, oder was noch mehr ist, meine Ehre retten mußte – jetzt, wo ich den ärgsten Wilddieb, der je auf Hornecker Revier mit der Flinte herumgezogen, auf Hornecker Revier, niedergeschossen habe, jetzt bin ich ein ruchloser Mörder und soll allein, elend in die Welt hinausgestoßen werden. Gut, ich will gehen, den Bauern will ich entgegengehn und sagen hier – hier Ihr Schurken – hier nehmt Rache an dem vergossenen Blut – Auge um Auge, Zahn um Zahn – aber mein Blut kommt über den Gutsherrn drinn und Gott möge ihm einst in seiner letzten Stunde –«
»Poller – Poller!« rief der Oberpostdirector, in voller Aufregung zu der schmalen steilen Treppe gehend, die in die Bedientenstube hinunterführte – »Poller!«
»Zu Befehl Euer Gnaden!« antwortete die bereite Stimme des Dieners, der unten an der Treppe gehorcht, sich aber wohl gehütet hatte, seinen Kopf oben blicken zu lassen.
»Ruf mir den Christoph und Dietrich – schnell – sie sollen mir den Burschen da aus dem Hause prügeln.«
»Prügeln!« rief der arme mishandelte und in den Staub getretene Jägerbursche, und wie unwillkürlich fuhr er mit der gewohnten Waffe empor.
Der Oberpostdirector wandte sich in diesem Augenblick nach ihm um, sah die drohende Bewegung des so schon zur Verzweiflung getriebenen Jägers, der mit flatternden Haaren und blutbedecktem Antlitz, wie ein zum Sprung bereiter Panther vor ihm stand, und trat, mit einem nur halblaut ausgestoßenen Schrei einen Schritt zurück. Dicht hinter ihm aber waren die Stiegen, er verfehlte die oberste Stufe, glitt aus, griff nach dem Geländer – der schwere Körper gewann aber das Uebergewicht und polternd, und Hülfe rufend, stürzte er die wohl zwanzig Fuß tiefe, sehr steile Treppe, mit dem Kopf voran, unaufhaltsam hinunter.
»Gebe Gott, daß er den Hals gebrochen hat!« sagte Wahlert ruhig, während Fritz in stummem Entsetzen zur Treppe sprang, um nach zu sehn, ob sich der Gutsherr wirklich Schaden gethan. Wahlert aber ergriff seinen Arm, zog ihn mit sich nach der Thür und sagte hier rasch und leise:
»Jetzt fort mit Ihnen – überlassen sie den Cadaver seinem Schicksal – ob er todt oder lebendig ist, braucht uns wenig zu kümmern – es wäre ein Gottesgericht gewesen – aber auch zu milde, denn wenn es überhaupt Gerechtigkeit in der Welt giebt, hatte ich immer noch gehofft den Schurken einmal hängen zu sehn. Für Sie ist aber kein Bleibens mehr im Ort – auch drüben bei Ihrem Vater können Sie sich nicht aufhalten, Sie würden jedenfalls, dem souverainen Volk jetzt gegenüber, eingezogen – vielleicht gestraft, und doch sagt mir Ihr ganzes Aeußere, daß Sie recht gehandelt.«
»Aber wo soll ich hin?« rief Fritz verstört und unschlüssig – »in diesem Aufzug –«
»Dazu kann Rath werden« erwiederte Wahlert – »hier« – und er zog seinen Burnus aus, hing ihn dem Jägerburschen über und drückte ihm dann den eignen Hut in die Stirn. – »So, hier drinn steht eine Flasche mit Wasser, da – nehmen Sie dieß Taschentuch, so – über dem Auge ist noch etwas – oh das ist eine Wunde, nun die wird schon heilen; ziehen Sie den Hut ein wenig in's Gesicht und gehn Sie jetzt geraden Wegs nach Bachstetten hinüber zum Schullehrer – halt – der ist heute Abend hier in Horneck – desto besser – so kann er Sie selbst mitnehmen – jetzt nur fort. Oben wo der Graben in den Wald läuft, in welchem ich damals von gewissen Leuten verfolgt, heraus und nach der Pfarre zu kroch, treffen wir uns – fort – die Leute kommen mit dem Gestürzten herauf.«
»Aber meine Flinte? –«
»Nehme ich unterdessen und werde dafür sorgen, daß sie wieder in Ihre Hände kommt.«
»Und mein Vater?«
»Soll durch mich erfahren, daß Sie in Sicherheit sind.« –
»Und –«
»Und wer?« – Fritz antwortete nicht – »Fort denn,« sagte Wahlert, »Sie haben keine Secunde mehr zu verlieren!«
Er zog den Jäger mit sich aus der Thür, die er hinter sich wieder schloß, brachte ihn vor das Gut hinaus und sah dort noch eine Weile hinter ihm drein, als er nach flüchtigem aber herzlichen Dank in der mehr und mehr einbrechenden Dämmerung auf schmalen dunkeln, ihm aber wohlbekannten Gartenpfaden durch das Dorf hinauf und wahrscheinlich direkt der ihm von Wahlert bezeichneten Stelle zufloh, wo er später einen sicheren Versteck sollte angewiesen bekommen.
Drittes Kapitel.
Fritz Holke's Flucht.
Die Aufregung, die durch den Tod Müller Friedens in all' die umliegenden Ortschaften kam, war entsetzlich. – Das Gerücht ging, der Horneck'sche Jäger habe den Mann blos deshalb erschossen, weil er einen kranken Hasen hätte fangen wollen. Krautsch, der den Schnitt durch's Gesicht davon getragen, that ebenfalls sein Möglichstes, die Wuth gegen den ihm ohnedies verhaßten Jäger noch zu schüren und zu erhöhen, und die Gerichte, von allen Seiten bestürmt, mußten wohl auf den flüchtigen, seit jenem Abend aber verschwundenen Mörder fahnden, wollten sie nicht besorgliche Auftritte heraufbeschwören, die doch am Ende die Ruhe der hochweisen Polizei vielleicht gestört hätten.
Und der Postdirector von Gaulitz?
Der lag drei Tage besinnungslos auf seinem Bett – und phantasierte, als er endlich wieder zu sich kam, von entsetzlichen Sachen, die den Umstehenden das Haar zu Berge sträubten. Die Frau von Gaulitz ließ auch endlich gar Niemanden weiter in's Krankenzimmer, als den Arzt, dem überhaupt gleich ein kleines Gemach im Gute eingeräumt worden war, damit er, wenn sein Aufenthalt nicht ganz unumgänglich nothwendig in der Residenz war, hier bleiben und schlafen konnte, denn das Leben des Postdirectors schwebte lange in höchster Gefahr.
Im Anfang hieß es dabei sogar, der Jägerbursche, dessen drohende Stimme Poller unten in seiner Stube gehört haben wollte, hätte den alten Mann, der dem Mörder seinen Schutz verweigert, die Treppe hinabgeschleudert, Wahlert trat dagegen aber augenblicklich und auf das nachdrücklichste als Zeuge auf, und sagte aus, wie er dabei gestanden habe, als der Postdirector, die Stufe verfehlend, hinabgestürzt sei, ohne daß ihm der Jäger auch nur auf sechs Schritte zu nahe gekommen wäre. Das rechtfertigte diesen allerdings von der Anklage, half aber dem Postdirector nur wenig, der sich auch noch, wie eine spätere, allerdings zu späte Untersuchung, darthat, die Hüften ausgerenkt und zwei Rippen gebrochen hatte.
Der Jäger war indessen glücklich in seinen Versteck entkommen, durfte aber gar nicht daran denken, selbst in späterer Zeit nach Horneck zurückzukehren, und mußte sich nun einen Ort in der weiten Welt suchen, wo er sich einen Heerd, eine neue Heimath gründen könne. Ohne Abschied von Lieschen zu nehmen, war er aber, selbst an dem Abende nicht, von Horneck geschieden; trotz der Gefahr, in der er sich befand, schlich er von hier zur Schulwohnung hinüber, das bekannte Zeichen rief sein darüber zum Tod erschrockenes Mädchen, der das entsetzliche Gerücht schon zu Ohren gekommen, vor die Thür hinaus, und dort gelobten sich die beiden armen Kinder noch einmal – unter dem freien hellbestirnten Himmelszelt, ewige Liebe und Treue, wie das Schicksal auch ihre Bahnen werfen, ihr Leben gestalten möge. Fritz war dabei schon fest entschlossen, was seinen künftigen Plan betraf – er wollte nach Amerika, dort sich mit Fleiß und Sparsamkeit so viel verdienen, um eine kleine Farm kaufen zu können, und dann sein Lieschen, sein liebes gutes Lieschen, nachholen. Dazu schüttelte aber diese gar traurig den Kopf, den armen Vater hier in all seinem Elend, in seiner Krankheit allein zurück lassen – nein, das ging unmöglich an. – Aber der Vater bekam bald Zulage – eine Unterstützung vom Ministerium – und der Pastor hatte ihm ja ebenfalls Hülfe zugesagt – Das waren Alles fremde Menschen, wie das arme Mädchen mit recht traurigem Ausdruck in den Zügen sagte, die versprachen Alle, aber sie hielten Nichts, und dann blieb der arme Vater doch nur immer wieder allein und ganz allein auf sie angewiesen, und hätte sie den Greis in dem Zustande verlassen können, Fritz selbst würde ihr das, bei kaltem Blute und ruhiger Ueberlegung, nicht zugemuthet, ja wenn sie selbst wollte, es nicht gestattet haben.
Dagegen half keine Einsprache – Fritz nahm Abschied von ihr, mit dem ausdrücklichen Versprechen jedoch ehe er das Vaterland verließ, jedenfalls noch einmal zu ihr zu kommen, um den gemeinschaftlichen künftigen Lebensplan zu bereden, und als Lieschen weinend am Gartenzaune stand und mit ängstlichen Blicken, mit fieberhaft schlagenden Pulsen den mehr und mehr in der Ferne verhallenden Schritten des Geliebten horchte, eilte dieser, so schnell ihn seine Füße trugen, dem ihm von Wahlert bezeichneten, wohlbekannten Versteck zu, und blieb dort, bis ihn Abends spät der Bachstettener Schullehrer – der Wahlert zu Liebe noch an dem nämlichen Abende in sein Dorf zurückkehrte – abholte und mit sich zu Hause nahm.
Mehrere Tage vergingen so, und trotz des gegen Fritz Holke, Jägerburschen aus Horneck erlassenen Steckbriefs, war keine Spur des total von der Erde Verschwundenen aufgefunden worden. Fritz Holke war aber nicht der Einzige, dessen Aufenthalt ganz urplötzlich nicht mehr ermittelt werden konnte, auch Marie Meier und der alte Musikant hatten – Niemand wußte wohin, in derselben Nacht das Dorf verlassen und Wahlert bot vergebens Alles auf, um die Spuren der Entflohenen zu finden. Selbst der Wirth, bei dem sie gewohnt, schien gar Nichts von ihrer Abreise vorher erfahren zu haben, denn nicht eine mal die paar Thaler Miethzins hatte der alte Mann bezahlt und der Hausbesitzer, ein reicher Bauer aus Horneck, der zwei kleine Häuser einmal um eine Schuldforderung angenommen, fluchte und wetterte über das »Gesindel«, bis ihm Wahlert den rückständigen Zins in die Hand drückte und den Zürnenden dadurch zum Schweigen brachte.
Was konnte er jetzt thun, um die Unglücklichen wieder aufzufinden? – Er schrieb augenblicklich in die Residenz, sandte Boten auf alle umliegenden Dörfer aus und versprach Gensdarmen und Forstläufern ansehnliche Summen, wenn sie ihm Kunde von dem alten Musikanten brächten, oder gar seinen Aufenthalt anzugeben wüßten, doch Alles ohne Erfolg.
So sicher sich jene Beiden aber auch ihr Versteck gewählt hatten, so viel unsicherer wurde mit jedem Tage des armen Jägerburschen kaltes Dachstübchen, in dem er jetzt, bei plötzlich eintretendem Frost, besonders in der ersten Nacht fast erfroren wäre. Dort konnte er nicht länger bleiben, als ihn aber der gutmüthige Kraft die nächste Nacht herunter in seine eigene Kammer nahm, war es die Magd gewahr geworden, und auf rasche Entfernung, sollte nicht die Entdeckung die übelsten Folgen nach sich ziehen, mußte so schnell als möglich gedacht werden.
Fritz verließ am nächsten Abend bei Dunkelwerden Bachstetten und floh – natürlich augenblicklich nach Horneck in die Schule, wo ihn der jetzt davon in Kenntniß gesetzte Hennig zwei Tage, mit größter Gefahr für sich selbst, zu verbergen wußte. Indessen hatten sie aber auch nun den Plan entworfen, den sie künftig verfolgen wollten, Lieschen ward sogar mit in den Kriegsrath gezogen und der Beschluß gefaßt, daß Fritz jetzt ohne Weiteres voraus nach Amerika überfahren und dort das Land einige Monate durchziehen solle. Zum Frühjahr, wo er schon einen Platz zur Ansiedlung ausgewählt haben konnte, kam Wahlert mit seiner jungen Frau nach.
Und Lieschen? – Ach dem armen Kinde standen die großen hellen Thränen in den Augen, daß es nicht mit ziehen konnte in das freie herrliche Land, wo es keine Noth mehr gab und – keine Nahrungssorgen, wo der Arbeitsame und Ehrliche sein Brod fand, und nicht wie hier in Kummer und Elend verderben mußte. Aber – es ging nicht – Vater und Geschwister durfte, konnte sie hier nicht allein zurücklassen und wehmüthig nickte sie nur mit dem Köpfchen, als ihr Fritz versicherte, wie er bald, recht bald so viel verdient haben werde, um sie und die Ihrigen zu ernähren und sie dann alle mit einander nachholen zu können.
Noch in derselben Nacht verließ er, von Wahlert hinlänglich mit Geld unterstützt, und mit ein paar Briefen nach Havre versehen, Horneck, setzte nach der Rauschenmühle über, nahm dort von seinem Vater, den er auch in späterer Zeit noch in Amerika zu sehen hoffte, herzlichen traurigen Abschied, und wanderte dann getrosten Muthes nach der Residenz. Wahlerts Rathe nach sollte er hier Post nach Coblenz nehmen – auf der Post frug ihn kein Mensch nach einem Paß, und von dort aus erreichte er schnell die französische Grenze und Havre de Grace.
Lieschen schwebte indessen in Todesangst – jedes fremde Gesicht, das ihr begegnete, schien zu sagen: sie haben Deinen Fritz erwischt und er wird jetzt in Ketten wieder zurück transportirt. – Keine derartige Kunde wurde ihr aber, im Gegentheil mußte sie jetzt, da der Steckbrief nicht erledigt wurde, der Entflohene also auch nicht eingefangen sein konnte – hoffen, daß er glücklich entkommen sei – dennoch war ihr die Ungewißheit, ach, so peinlich, und die Tage schlichen ihr lang und traurig dahin.
Viertes Kapitel.
Pastor und Schulmeister.
Der neunte December brach trübe und düster an; im Nordwesten hatten sich dunkle, drohende Wolkenmassen gebildet, und mit der Tagesdämmerung sah es fast so aus, als ob an diesem Tage der erste Schnee fallen müsse. Auch waren schon mehrere Züge wilder Gänse schnatternd und schwirrend dicht über Horneck weg, vom Norden herunter kommend, dem wärmeren Süden zugestrichen – ein ziemlich sicheres Zeichen des nahenden Winters – um neun Uhr aber, der Stunde der Wetterscheide, drehte sich der Wind mehr nach Süden herum, und ein kalter, dünner Regen, der im Anfang wie Staub auf den Kleidern lag, um später desto sicherer einzudringen, fiel geräuschlos auf die feuchte lehmige Erde nieder.
Selbst den Enten schien es in dem, unten gleich am Pfarrhügel liegenden Teich zu naß geworden zu sein, und sie watschelten schnatternd in ihrem schwerfälligen Marsch – eine hinter der anderen genaue Linie haltend – unter die Pflaumenbäume, wo sie erst eine ganze Weile die Köpfe schüttelten, als ob sie selbst nicht wüßten, was sie über den dießjährigen Herbst denken sollten, dann sich die Flügel und das bewegliche Schwänzchen putzten, und zuletzt ganz ehrbar und bedächtig still saßen, die Köpfe hinten in den Nacken drückten, und mit halb geschlossenen Augen träumend nach den grauen unbehaglichen Wolken in die Höhe schauten.
Der Gänsejunge stand dabei unten am Teich, und wusch sich die bloßen Füße in der kalten, schmutzigen Flut, und ein kleines dralles Bauermädchen im bloßen Kopf, das ein Gefäß in der Hand trug, und von seiner Mutter wahrscheinlich in den nächsten Kaufmannsladen geschickt war, um Essig, oder sonst eine Flüssigkeit zu holen, schien Gefallen an dem Fußbad zu finden. Sie trat dicht zu dem gleichgültig nach ihr sich umschauenden Jungen heran, tauchte erst ganz sorgfältig die eine Spitze des sauber geschmierten Schuhes in das Wasser, und freute sich, wie die Fluth in trüben Perlen auf dem schwarzen Fett hängen blieb – dabei wurde sie aber immer kecker und kecker, nahm jetzt den anderen Fuß, und dann diesen wieder, bis sie es endlich einmal versah, und sehr zum Ergötzen des schadenfrohen Gänsejungen zu tief trat, so daß das Wasser ihr den Strumpf netzte und in den Schuh lief. Ei, wie rasch hob sie da das kleine Bein, und rannte, dann und wann einmal stehen bleibend und den nassen Strumpf betrachtend, spornstreichs den schmuzigen Fahrweg entlang in die schmale Gasse, die zum Kaufmann führte.
Hier und da schaute ein mißmuthiges Gesicht aus den Fenstern der benachbarten Bauernhäuser heraus, und der Knecht, der sonst immer pfeifend neben seinem Geschirr herging, zog heute verdrossen und dicht in seinen alten grauen Regenmantel gewickelt, hinter dem Mistwagen her, während selbst die Pferde, dann und wann die Ohren schüttelnd, und nicht rechts noch links schauend, wie verdrießlich in den Deichselketten hingen, daß der schwergeladene Wagen nicht zu rasch den Abhang hier hinunter rolle, und ihnen etwa in die Hacken käme.
Aus den Scheunen tönte das monotone Dreschen herüber, immer trüber und trüber umzog sich der Himmel, und die ganze Natur sah aus, wie der Bauer in seinem Regenmantel.
Es war wieder an einem Sonnabend, und Hennig, froh endlich einmal der dunstigen Schulatmosphäre enthoben zu sein, ging in die Pfarre hinüber, wo er den Kindern Musik, und Sophien – o wie er sich die ganze lange Woche hindurch auf die eine selige Stunde freute – Zeichenstunde gab. Am letzten Sonnabend war ihm auch diese Freude, wenigstens zum großen Theil verbittert worden, denn der Fremde, Doctor Wahlert, der in der Pfarre wohnte, ging die ganze Stunde nicht aus dem Zimmer, und es kam ihm da gerade so vor, als sei ihm der Tag – der einzige Erholungstag der ganzen Woche, auf solche Art ganz schändlich und heimtückisch gestohlen worden. Heute konnte ihm das nicht widerfahren – Wahlert war gestern Abend erst fortgeritten, und kam keinesfalls vor der Zeichenstunde zurück, und Hennig hatte die Zeit kaum erwarten können, so daß er eine volle halbe Stunde – sehr zum Entsetzen der »jungen Pastors,« die gar noch nicht an's Clavier dachten, hinüber in die Pfarre ging.
Dort war aber erst gestern Abend der frühere Diaconus Brauer, jetzt Pastor zu Kloneck, eingetroffen, um mehreres mit seinem Collegen, dem Pastor Scheidler zu bereden, und es schien fast, als ob ihm auch heute die liebste Stunde geraubt werden sollte; als Vorbedeutung wurde wenigstens – und wie lachten die »junge Pastors« – die Clavierstunde ausgesetzt. Als sich jedoch Hennig, um die Unterredung nicht zu stören, wieder entfernen wollte, bat ihn Pastor Scheidler, zu bleiben, da sie Manches mit einander zu besprechen hätten.
»Manches zu besprechen? Lieber Gott,« dachte Hennig – »die alte Geschichte; wenn sich ein Pastor dazu herabläßt, mit dem Schulmeister etwas zu besprechen, so bedeutet das gewöhnlich weiter gar nichts, als er will ihm wieder einmal den Text lesen – und das nennt er nachher besprechen.« Hennig hatte sich auch nicht geirrt, die Kinder waren noch nicht einmal hinaus, als Pastor Scheidler, der Hennig gewinkt hatte, einen Stuhl zu nehmen, anfing, ein paar Mal im Zimmer auf und ab zu gehen – ein sicheres Zeichen, daß irgend ein Sturm im Anzug sei – dann nach einigen Hm's und mehrmaligem Räuspern zum Tisch trat, und ein Zeitungsblatt – die Probenummer eines neu zu erscheinenden Blattes, »die Leuchte« in die Hand nahm.
Hennig lächelte, denn er wußte jetzt Wort für Wort, was kommen würde, wunderte sich aber doch darüber, den Pastor einer solchen Sache wegen so ernst zu finden.
»Lieber Hennig,« nahm Pastor Scheidler nach einigem Zögern und einem, scharf auf den Lehrer gerichteten Blick, das Wort – »Sind Sie wirklich der Redacteur dieses Blattes, das vom ersten Januar 1849 an regelmäßig erscheinen, und die hier vorn angegebene Tendenz verfolgen soll?«
»Allerdings, Herr Pastor,« erwiederte ihm Hennig, »und mit Gott hoff' ich, zum Nutzen und zur Aufklärung der Menschen recht viel Gutes damit zu wirken.«
»Ich dächte, Sie hätten sich immer beklagt, daß Ihnen so wenig Zeit zu Ihren Studien bliebe?« frug mit etwas bitterem Ton der Geistliche – »hiernach scheint es doch fast, als ob Sie weit mehr Zeit hätten, als ein Lehrer, der eine schon übergesetzliche Zahl von Kindern zu unterrichten hat, haben sollte.«
»Lieber Herr Pastor,« antwortete ihm Hennig mit wehmüthigem Lächeln – »das Gesetz verstattet aber auch in seiner grenzenlosen Milde dem Lehrer neun bis zehn volle Stunden Schlaf und Ruhe, und von denen, die doch mein Eigenthum sind, benutze ich drei an jedem Abend zu solchen Arbeiten, die meinem Geist eine angemessene Beschäftigung gewähren, meinen Gefühlen und Gesinnungen entsprechen, und mir zu gleicher Zeit eine, ich kann wohl sagen nöthige Unterstützung geben sollen, ohne die ich am Ende nicht einmal auskommen könnte.«
»Nicht auskommen könnte, lieber Hennig?« frug der Diaconus erstaunt; »wenn ich nicht irre, haben Sie fast den doppelten Gehalt jetzt, den Sie damals, als ich in Horneck noch Diaconus war, hatten? – davon sollten Sie doch leben können.«
»Ja, – wenn ich den armen alten Kleinholz dabei verhungern lassen will,« sagte Hennig ruhig.
»Verhungern?« rief aber jetzt Pastor Scheidler auffahrend – »Herr Hennig, in meinem Dorfe ist noch nie ein Mensch verhungert – am wenigsten der Schullehrer, und es klingt – Sie nehmen mir das nicht übel, wenn ich aufrichtig zu Ihnen spreche – fast ein wenig – wie soll ich denn gleich sagen – ein wenig – anmaßend von Ihnen, zu thun, als ob Sie allein der Erhalter des alten Kleinholz wären. Bekommt er nicht etwa regelmäßig seinen Gehalt als emeritirter Lehrer? – Wir müssen Alle sehen, daß wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen, es thut aber auch ein Jeder, was in seinen Kräften steht, mein guter Hennig, ein Jeder.«
»Herr Pastor,« erwiederte Hennig ruhig – »dürfte ich Sie wohl fragen, wie viel Ihr jährliches Einkommen beträgt? – bitte, beantworten Sie mir das.«
»Das ist eine sehr merkwürdige und hier gar nicht her gehörende Frage,« sagte Pastor Scheidler, durch den Absprung aber doch etwas außer Fassung gebracht.
Pastor Brauer schüttelte mit dem Kopfe, erwiederte aber gar nichts.
»Sie könnten mir aber doch, wenn ich Sie darum bitte, die Frage beantworten,« beharrte Hennig.
»Es kommt ja hier gar nicht auf hohen oder geringen Gehalt an, lieber Hennig,« eilte hier der frühere Diaconus dem bedrängten Collegen zu Hülfe – »lassen wir das – dieß neue Blatt war es ja wohl, weshalb Herr Pastor Scheidler mit Ihnen zu sprechen wünschte.«
»Bitte, lassen Sie mich, Herr Pastor,« sagte ruhig der Lehrer – »es ist besser, wir machen erst die eine Frage ab, sie hilft mir zugleich zur Erledigung der zweiten – Sie, Herr Pastor Scheidler, haben circa zwölf bis vierzehnhundert Thaler Gehalt, und sagen dabei, wir müssen Alle sehen, daß wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen – und der alte Kleinholz – großer allmächtiger Gott, mit funfzig Thalern, die Sie, Herr Pastor, alle vierzehn Tage beziehen, soll der arme unglückselige Greis das ganze Jahr mit seinen sieben Kindern auskommen. Ist das möglich.«
»Sie vergessen, daß ich selbst um Zulage für ihn eingekommen bin,« entgegnete ihm, die indirecte Anklage parirend, der Pastor – »ich habe meinen ganzen Einfluß angewandt, es durchzusetzen.« (Er hatte eine ganz gewöhnliche Eingabe gemacht, da er nur kurz vorher ein dringendes Gesuch an das Ministerium, einem Neffen zu Liebe gestellt, und doch nicht gleich zweimal hinter einander mit dringenden Bitten kommen wollte.)
»Gebe Gott, daß jenes Gesuch erfolgreich sei,« sagte Hennig seufzend – »sonst kommt es zu spät.«
»Ist Kleinholz so krank?« frug Brauer besorgt – »ich will doch nachher einmal hinüber gehen.«
»Sie werden ihm viele Freude damit machen,« sagte Hennig – »er spricht viel und gern von Ihnen – Sie waren sonst immer so freundlich gegen ihn.«
»Also nur um ihr Einkommen zu vergrößern, haben Sie die Redaction dieses Blattes übernommen?« frug, auf den ersten Punkt jetzt wieder zurückkommend, der Pastor Scheidler – »ist dem so?«
»Nein,« erwiederte ihm Hennig kopfschüttelnd, »dem ist nicht so, Herr Pastor – nicht allein des Geldes wegen, wenn auch, Gott sei es geklagt, ein armer Dorfschulmeister der Letzte sein sollte, der von Geld verächtlich spräche – bin ich dazu gekommen, mir die Zeit am Schlaf abzusparen, und als Schriftsteller mit meinen geringen Kräften in die Welt zu treten – das Bedürfniß war es, über das, was mir so heiß und heilig am Herzen lag, über die Schulreform, über das Verhältniß der Schullehrer zu einander, über das, was den Kindern nützt oder schadet, und in dieser verschiedenen Wirkung Einfluß auf ihr ganzes künftiges Leben ausübt, mich einmal so recht tüchtig und gründlich aussprechen zu können. Die sächsische Schulzeitung verfolgt denselben Zweck, ist aber in unserem Ländchen viel zu wenig gelesen, und mein kleines Blatt dringt da vielleicht als helle, trostbringende Leuchte in manches arme düstere Lehrerherz, und ruft es mit auf zum heiligen Kampf für Wahrheit, Licht und – Gerechtigkeit. Selbst die gutgesinnten Geistlichen werden uns darin nicht entgegen sein, denn ihnen ist sicherlich mehr daran gelegen, gute, freudig wirkende und eifrige Schullehrer zur Seite zu haben, die mit ihnen Hand in Hand an dem schönen Werke der Volkserziehung arbeiten, als Menschen zu beaufsichtigen, denen man nur mittelbar das Stundenhalten anvertraute, die aber, wie das Gesetz angenommen zu haben scheint, fortwährend unter strenger Controle gehalten sein wollen, um nur nicht lässig und faul in ihrem Dienst zu werden.«
»Dann rechnen Sie mich also nicht mit zu den gutgesinnten Geistlichen,« sagte Herr Pastor Scheidler, und zog die Brauen, den Lehrer scharf dabei ansehend, hoch herauf.
»Nein, nein, nein, nein, Herr Hennig, nein und nochmals nein,« sagte der geistliche Herr, sich mehr und mehr ereifernd, »ich muß Ihnen, da wir endlich einmal auf das Kapitel gekommen sind, auch meine Meinung, wie sich das gehört, frisch und frei heraussagen. Im Anfang, und im Beginn der politischen Bewegung – oder nennen wir es lieber mit dem richtigen Namen – des Aufruhrs in Deutschland, mochte ich diesem Emancipationsstreben nicht so schroff entgegentreten, die Gemüther waren überdieß aufgeregt, und ich hielt es nicht für gut, solche Stimmung noch mehr zu reizen, jetzt aber hat das Wühlen, denn das allein ist der richtige Ausdruck dafür, lange genug gewährt, und ich bin nicht gesonnen, es länger selbst unter meinen Augen zu dulden!«
»Herr Pastor?« sagte Hennig erstaunt.
»Nein, nicht zu dulden, Herr!« fuhr aber der Geistliche, der jetzt das lang gesuchte Bett für die Stromflut seines Zornes gefunden – eifrig fort – »Was müssen die anderen Geistlichen, was müssen meine Collegen denken, wenn hier, ich möchte sagen, in meinem eigenen Hause, die Waffen geschmiedet würden, mit denen man sie – und warum denn überhaupt auch nur sie, nein auch mich selbst, eben so gut mich selbst – fortwährend angreift und bekämpft. Ich sage Ihnen noch einmal, Herr Hennig – treiben Sie mich nicht zum Aeußersten – ich kann Ihnen allerdings, unseren jetzigen liebenswürdigen Gesetzen nach – die Herausgabe eines solchen Blattes nicht officiell verbieten – und werde das auch nicht – geben Sie es aber doch heraus, achten Sie das, was ich darüber denke, so gering, und wollen Sie der ganzen Geistlichkeit, und also auch mir feindlich gegenüberstehen, so messen Sie sich auch die Folgen bei, die das für Sie haben würde. Noch sind wir die Herren – noch gelten unsere Berichte, und die Schlußfolge können Sie sich selber daraus ziehen. – – Ich hoffe aber,« fuhr er nach ziemlich langer Pause, in der keiner der übrigen Männer ein Wort erwiederte, etwas ruhiger fort – »daß Sie über das oben Gesagte – über Ihre Stellung, etwas nachdenken werden. Ich will Ihnen wohl, Hennig, ich dächte sogar, ich hätte Ihnen das schon mehr als einmal bewiesen. Hab' ich Sie z. B. je in der Schule belästigt, ist die nicht allein Ihrem Wirken und Fleiße überlassen? – Was Anderen geschieht, geht Sie aber Nichts an, um das mögen sich auch Andere kümmern. Und das alte Verhältniß ändern? – Lieber Hennig, glauben Sie nur, ich habe darin mehrfache Erfahrung, und sehe vielleicht weiter in die Weltgeschichte hinein, als Sie glauben möchten – die Umsturzpartei hätte das vielleicht gekonnt, sie hatte wenigstens das Heft in Händen; jetzt aber ist es zu spät – mit dem Bade schütteten sie das Kind heraus, die ganze Welt traten sie auf den Fuß, und wollten sich dann nicht einmal entschuldigen; nun – stehen wir aber wieder fester, als wir, möcht' ich fast sagen, vorher gestanden haben. Also überlegen Sie sich das, lieber Hennig – denken Sie an das Gleichniß mit der Mauer – ein Kopf ist viel welcher als eine Mauer, und ein vernünftiger Mann darf nichts Unmögliches versuchen wollen.«
Er nickte dem Schullehrer freundlich zu, und verließ das Zimmer – als ihm Hennig wie träumend nachschaute, bemerkte er erst, daß Sophie Scheidler indessen ebenfalls eingetreten war; sie stand am Fenster, und ihr Blick, der mit stiller Theilnahme auf ihm, dem armen Schullehrer haftete, begegnete dem seinen, senkte sich aber dann auch schnell – er glaubte scheu – zu Boden nieder.
Hennig stützte den Kopf in die Hand, und sah lange still und sinnend vor sich nieder.
»Hennig« sagte da Pastor Brauer und ergriff des Freundes Hand – »Sie wissen, daß ich in früherer Zeit in gar manchen Sachen Ihre Meinung getheilt habe.«
»In früherer Zeit?« frug Hennig erstaunt und blickte zu dem Manne auf – »haben Sie sich da verändert, oder ich mich, daß das nicht mehr der Fall sein sollte?«
»Wir sind noch hoffentlich Beide die Alten geblieben« lächelte da Brauer, »aber die – Zeiten haben sich geändert – in der Welt selber ist vieles Anders – manches schlechter geworden, als es früher war, und dem Menschen ward deshalb der überlegene Geist gegeben, daß er nicht schroff und blind seine einmal begonnene Bahn fortgehe, sondern überlege, prüfe, forsche, und dann erst wie er es am Besten erfunden, handele, Sie wissen ich bin der Lehreremancipation nicht entgegen gewesen.«
»Und sind es auch hoffentlich noch nicht« rief Hennig in erschrecktem, fast bittenden Ton – »es wäre hart gerade jetzt im schwersten Kampf einen solchen Freund zu verlieren.«
»Ich bin es noch nicht« bestätigte Pastor Brauer, »aber doch auch nicht in so ausgedehntem Maaße, wie Sie vielleicht zu vermuthen scheinen. Der Lehrer muß in seinem Einkommen, in allem, was seine pecuniären Verhältnisse betrifft, unbedingt besser gestellt und ferner befreit werden von den lästigen Küster- und Glöcknerdiensten, deren Ertrag er dann auch nicht, wenn ihm sein Gehalt erst vom Staat ausgezahlt wird, zu vermissen braucht – was aber die Inspection des Geistlichen betrifft, lieber Hennig, da weiß ich doch nicht, ob es nicht – in den meisten Fällen natürlich nur, denn eine Ausnahme davon sind Sie zum Beispiel – nicht doch besser wäre, wenn es –«
»Eben beim Alten bliebe –« ergänzte Hennig monoton, und schaute voll und klar zu dem Geistlichen auf.
»Nun Gott ja, wenn Sie's so, –« sagte etwas verlegen lächelnd, Brauer, während er mit dem Frühstücksmesser spielte, und auf dem Teller einzelne kleine Brodkrummen zu zerschneiden suchte, »wenn auch das Wort, ›beim Alten lassen‹ im letzten Jahre etwas verpönt geworden ist. – Ich will übrigens gar nicht, daß es ganz beim Alten gelassen werden soll, der Herr Pastor Scheidler hat Ihnen früher schon selber einen trefflichen Vorschlag, gründliche Reform betreffend gemacht, und wenn Sie in einem Schulvorstand zur Majorität die Lehrer haben, dann, lieber Hennig, bin ich doch fest überzeugt, daß Sie sich nicht darüber beklagen dürfen und thäten Sie es doch, wären Sie ungerecht.«
»Uebrigens wird Ihnen nicht unbekannt sein« fuhr Pastor Brauer, als Hennig kein Wort darauf erwiederte, nach einem kurzen Stillschweigen fort, »daß sich mehrere Lehrerconferenzen schon ebenfalls in diesem Sinne ausgesprochen haben – Sie wissen ja sogar was die Hornecker darüber gesagt; die Lehrer selber sehen ein, daß sie wohlgesinntere Inspectoren kaum mehr unter ihren Collegen, als unter den Geistlichen zu hoffen haben. Die Schulmänner sind nicht selten – ich spreche hier von den alten starren Fachleuten – anmaßend und pedantisch, und würde Ihnen das, lieber Hennig, nicht weit peinlicher sein von Jemandem beaufsichtigt, überwacht zu werden, der mit Ihnen auf einer Stufe steht, der aus demselben Stand ist wie Sie selbst, und nur durch die Wahl einer, vielleicht sehr geringen Majorität zu ihrem Vorgesetzten gemacht wurde? – Der Geistliche kann auch am kräftigsten dahin wirken, bei seiner Gemeinde die Theilnahme für die Schule zu wecken und zu erhöhen. Wo sich der Geistliche die Liebe und Achtung seiner Kirchkinder erworben hat, gilt auch sein Wort viel, und leicht wird er dann dem Lehrer in die Hand arbeiten, den Lehrer schützen und stützen können gegen Unannehmlichkeiten und Aerger, und ihm ein treuer Freund und Hüter werden.«
»Ein Hüter – das war das richtige Wort« sagte Hennig rasch, aber mit einem recht wehmüthigen Ausdruck in den Zügen – »›auch Du mein Sohn Brutus‹ – sehen Sie Herr Pastor, das thut mir recht in der Seele weh, daß wir Beiden wenigstens nicht mehr so freudig Hand in Hand gehen können wie bisher. Die Zeiten haben sich nicht geändert – die Zeiten ändern sich nie – die Menschen nur sind es, die Menschen und ihre Ansichten, und es ist traurig, daß die stets durch ihre Verhältnisse bestimmt werden. Wäre das freilich nicht, so würden wir vollkommen sein. So wird, zum Beispiel die Religion noch gelehrt und gepredigt, wie sie vor sechs Monaten gelehrt und gepredigt wurde, der Pastor scheint sich aber in das gefügt zu haben, was den Diaconus als unerträglich drückte. Doch ich will hier nicht den alten Kampf gegen geistliche – nicht geistige Inspection beginnen, mein Ziel hab ich mir gesteckt, und dem streb' ich mit frohem Muthe entgegen. – Sagen Sie mir lieber, was Ihnen Herr Pastor Scheidler noch aufgetragen hat – ich bin bereit, es zu hören.«
»Aufgetragen?« frug Pastor Brauer leicht erröthend, »aufgetragen in der That Nichts, aber auch ich wollte Ihnen als alter Freund rathen, die Zeitung, wenigstens nicht in dem Sinne, wie es die Probenummer kündet erscheinen zu lassen. – Sie machen sich viele Feinde und richten dadurch wahrlich Nichts, weder für sich noch ihre Standesgenossen aus. Lassen Sie Geistliche und Lehrer vereint an die Reform der Schule gehn, dann werden Sie den wachsenden Baum schöne und herrliche Früchte tragen sehn, wollen Sie aber unbedingten Kampf, dann, guter Hennig, zerstören Sie gerade das, was Sie zu wecken wünschen.«
Pastor Brauer stand auf und schien im Begriff das Zimmer zu verlassen, Hennig aber ergriff seine Hand und sagte herzlich, aber dennoch mit einem leisen Vorwurf im Ton:
»Es gab eine Zeit, wo wir Beide Hand in Hand einem schönen Ziele entgegen strebten, wo wir als Freunde handelten, als Freunde dachten, und Gott wolle verhüten, daß die Zeit, die schöne Zeit vorüber sei. Hier aber handelt es sich um das Höchste was der Mensch in seinem Innern erkennen sollte – um seine Ueberzeugung – hier handelt es sich um das, wonach ich mit allen meinen schwachen Kräften getrachtet und gestrebt – hier handelt es sich allein noch darum, den Sieg gewinnen oder verzweifelnd jede Hoffnung aufgeben zu müssen – von einem Rücktritt kann da keine Rede sein. Ich sehe in der Selbstständigkeit des Lehrers die einzige Möglichkeit einer freien Entwickelung des Volks und in dieser wieder nur die Aussicht auf eine mögliche Selbstständigkeit desselben – sollten geknechtete Menschen im Stande sein Freie heranzubilden? Und ist der Lehrer etwa nicht geknechtet, liegt nicht jetzt sein freier Wille in der Hand des Geistlichen und duldet er nicht die schmählichste Knechtschaft durch die Nahrungssorgen, die seinen Geist niederbeugen müssen? Nein, wohl weiß ich, daß sich viele Lehrerconferenzen gegen die Trennung der Kirche von der Schule ausgesprochen haben, die armen verblendeten Menschen wissen aber nicht, daß sie sich den Stahl in das eigene Fleisch rennen – sie begreifen nicht, wie alle die Uebelstände, die sie jetzt aus einer Ueberwachung der Schulen durch Schullehrer selber entstehn zu sehn glauben, durch das Aufhören des Pastorzwanges auch in sich selbst zusammenstürzen müßten. Das aber spricht ebenfalls nur wieder mehr für mich, und ein Schritt weiter zurück, kündet uns auch hier die Ursache. Wie werden die Seminaristen schon, die doch einst Lehrer werden sollen, behandelt – wie erbärmlich ist meistens die Kost, mit der sie auf den autokratischen Willen des ›Hausmanns‹ angewiesen sind – wie gedrückt ihre Behandlung – das Alles muß anders werden, der Lehrerposten muß ein Ehrenposten werden im Staat, und daß er das werde, dahin geht mein Streben. Ueberzeugen Sie mich, daß ich den falschen Weg gehe und ich will umkehren, das, was Sie bis jetzt gesagt, überzeugt mich nicht.«
»Aber der Herr Pastor Scheidler.«
»Meint es sonst gut mit mir, und wird mir da, wo er einsehn muß, ich handele aus Ueberzeugung, nicht feindlich entgegentreten. Uebrigens habe ich Nichts zu scheuen, und die heimlichen Conduitenlisten – das Vehmgericht des Schulvorstandes – werden hoffentlich auch bald ihr Ende erreichen.«
»Ich sehe, wir überzeugen einander doch nicht,« sagte Brauer lächelnd – »Sie sind einmal unverbesserlich – doch, Sie haben wohl auch gar hier Stunde zu geben, da will ich nicht stören.«
»Es hat erst eben zehn Uhr geschlagen,« sagte Sophie, die bis dahin, dem Gespräch still aber aufmerksam lauschend, an ihrem Nähtisch gesessen hatte.
»Kann ich den alten Kleinholz jetzt sehn?« frug Pastor Brauer den Schulmeister.
»Er wird sich herzlich freuen« – erwiederte dieser – »wir haben ihn heute, wo die Schulstube doch nicht gebraucht wird, herunter in diese geschafft, damit oben nur einmal gelüftet werden kann. Er ist übrigens um vieles besser, und ich denke, wir werden ihn wohl durchbringen.«
Pastor Brauer nahm seinen Hut, verbeugte sich gegen Fräulein Scheidler, nickte Hennig freundlich zu und verließ das Zimmer. –
Fünftes Kapitel.
Die Zeichnenstunde.
Als Pastor Brauer die Thür hinter sich zugezogen hatte, räumte das Mädchen die noch vom Frühstück dastehenden Teller und Gläser hinaus, und Sophie trug das Papier und die Zeichnenapparate herbei, um die Stunde zu beginnen.
Hennigs Wangen glühten von der gehabten Unterredung in fieberhafter Aufregung und seine Augen leuchteten von einem ganz ungewöhnlichen Feuer. Er sprach aber kein Wort, und bereitete sich ruhig vor, die gewöhnlichen Stunden auf gewöhnliche Art zu beginnen. Nur im Herzen war's ihm leicht und hell geworden – das klare Bewußtsein, der feste Wille, sein schönes Ziel im Auge, sich durch kein Hinderniß, keine Drohung abschrecken zu lassen, verlieh seinem ganzen Wesen eine größere Elasticität, eine edlere Festigkeit, als er sie noch je in sich gefühlt und empfunden.
Sophie legte die Vorzeichnung vor sich hin, spitzte die Kreide, schob sich Gummi und Wischer zurecht und schaute erst, wie zerstreut, ein paar Secunden vor sich nieder. Hennig sah von der Seite zu ihr auf – der ganze schöne Traum seines Lebens flog in lieblichen lockenden Bildern zauberschnell an seiner Seele vorüber und wie von Seraphsklängen durchschauert, hörte er den süßen zitternden Laut, der in heiligen, ahnungbelebten Accorden durch seine Seele schwoll.
»Herr Hennig!« sagte da die leise Stimme der Jungfrau, und Hennig fuhr, wie von einem elektrischen Schlag getroffen, zusammen. Selbst Sophien entging, obgleich sie, während sie sprach, die Augen auf das Papier geheftet gehalten, dieser schnelle Schreck nicht, und sie blickte erstaunt den Lehrer an. Hennig sammelte sich aber rasch wieder.
»Fräulein Scheidler –«
»Ist Ihnen nicht wohl?« frug Sophie, der die plötzliche Blässe des jungen Mannes auffiel – »Sie sehen so bleich aus.«
»Nein – ich danke tausendmal – es ist wahrlich Nichts – nur die Aufregung vorher, vielleicht – ich war in der Vertheidigung meiner Lieblingsidee warm geworden, ich fühle mich jetzt schon wieder ruhiger.«
»Herr Hennig,« wiederholte da, die Blicke aufs Neue gesenkt, Sophie – »sein Sie mir nicht böse, wenn ich vielleicht eine kindische Frage an Sie thue.«
»Mein Fräulein. –«
»Nun gut – sehn Sie – Sie – Sie meinen es mit der Schule und Ihrem Stande gewiß recht gut, und – sollte ich so recht frei vom Herzen weg reden – und wäre ich nicht gerade eines Pastors Tochter, ich glaube, ich könnte Ihnen vollkommen beistimmen, aber weshalb opponiren Sie gerade dem Vater immer so? Ich weiß, Sie haben ihn gern, oft schon, wenn Sie beide zusammen über das leidige Kapitel stritten, habe ich Thränen in Ihren Augen gesehn, und sie nahmen nie ein herzlicheres ›Gute Nacht‹ von ihm – als wenn Sie einander recht die Meinung gesagt. Mein Vater wird aber alt und ein wenig krittlich, und da müssen Sie schon etwas nachsehn – überhaupt – und nicht wahr, Herr Hennig, mir werden Sie über die Frage nicht so böse, wie dem Pastor Brauer –«
»Fräulein Scheidler –«
»Also will ich's wagen – ist es denn gar so etwas Erschreckliches,« und Sophie lächelte dem armen Hennig recht freundlich bittend dabei von der Seite an – »wenn der Geistliche, von dem man doch vernünftiger Weise erwarten muß, daß er ein guter Mensch sei, die Oberaufsicht über die Schule führe? – und wär es denn gar nicht möglich, daß Sie – nur ein ganz klein wenig von Ihren Ansichten – abweichen – wenigstens die häßliche Zeitung aufgeben könnten, über die sich der Vater, wie ich Ihnen im Vertrauen gestehen will, gestern Abend wirklich recht geärgert hat. Ich kann Sie wahrhaftig versichern, daß es für Sie besonders recht gut sein wird, wenn Sie sich den Vater zum Freund behalten, er hat wirklich – aber das nur unter uns, denn ich soll eigentlich kein Wort davon sagen – die besten Absichten mit Ihnen. – Es steht Ihnen eine ganz gute Stelle von zweihundert und zwanzig Thalern bevor – nur ein klein wenig nachgeben müssen Sie. Es ist ja doch nur um Ihrer selbst willen,« fuhr das holde Kind, als Hennig Nichts darauf erwiederte, sondern nur still und wehmüthig vor sich niedersah, fort – »es ist wahrlich zu Ihrem künftigen Glücke, wenn es so bleibt, und wir haben Sie Alle so gern, und möchten Ihnen gern wohl.«
»Auch Sie, Fräulein Scheidler?« sagte Hennig leise und ohne die Augen vom Boden zu heben, aber mit einem so eigenthümlichen Ausdruck im Ton, daß Sophie im Anfang nicht gleich recht wußte, ob diese Frage auf ihre letzte Aeußerung sich bezog, oder ob es wieder ein leiser Vorwurf sein sollte.
»Auch ich,« erwiederte sie deshalb nach kurzer Pause, leicht erröthend – »warum ich weniger?«
»Und zu meinem künftigen Glücke, sagen Sie, wäre es?« frug Hennig, jetzt voll und fest zu ihr aufschauend, und den zum Theil verlegenen Ausdruck im Antlitz des Mädchens bemerkend, fort – »mein Glück soll damit gesichert sein, wenn ich, abhängig wie bisher, kaum so gestellt, um allein in der Welt dastehn und leben zu können – viel weniger denn daran denken zu dürfen, auch an meinen Heerd ein trautes Weib einst heimzuführen, wenn ich nicht des alten Kleinholz schaudererregendes Bild Tag und Nacht vor Augen haben will – mein Glück soll gesichert sein, wenn ich willig das neue, um wenige Pfunde leichtere Joch auf den Nacken nehme und dafür Alles – Alles – doch nein,« brach er plötzlich ab, »Sie können nicht wissen, nicht ahnen, wie es in einem solchen vater-, mutter- und freundelosem Herzen aussieht – wie sich dessen ganzes Streben dann, einmal erwärmt, auch nur auf einen Brennpunkt seiner Seele hindrängt und dem Ziel mit allen – allen – mit den letzten Kräften entgegenwirkt. Darin getäuscht, und es müßte rettungslos untergehn, denn für ein zweites blieb ihm kein Blutstropfen, nicht die Kraft einer einzigen Sehne mehr.«
»Aber ich verstehe Sie nicht,« sagte Sophie, von den dunklen Worten, sie wußte selbst nicht warum, beängstigt.
»Halten Sie es nicht für möglich, Fräulein Scheidler,« sagte da Hennig, durch Zeit und Aufregung, ja selbst durch des Mädchens wunderbar befangenes, sich aber doch so freundlich zu ihm neigendes Wesen, unwiderstehlich zum letzten entscheidenden Schritt – entscheidend, denn er sollte den Urtheilsspruch über sein ganzes künftiges Leben sprechen – hingezogen, »halten Sie es nicht für möglich, daß ein armer, bis jetzt schon durch seine Verhältnisse unterdrückter Schullehrer auch in seinem Inneren sich ein höheres – das höchste Ziel gesteckt haben könnte? Würden Sie dem armen Mann da zürnen, wenn er Stolz und Selbstgefühl genug in sich trüge, sich selbst des Höchsten für werth zu halten?«
»Ich verstehe Sie wahrlich nicht,« flüsterte Sophie, aber eine unbestimmte Ahnung drang mit schmerzlicher Wehmuth an ihr Herz und gab der Lippe kaum Raum, die wenigen Worte zu flüstern.
»Ich habe neulich,« sagte da Hennig plötzlich, den Kopf dabei in die Hand stützend und stier vor sich nieder auf den Tisch schauend – »ein kleines Märchen gelesen – darf ich es Ihnen erzählen?«
»Ja,« flüsterte Sophie – »aber – aber unsere Zeichnen–« Stirn und Wangen glühten ihr, während Hennigs Gesicht von Todtenblässe überzogen war. Dieser begann – die letzten Worte überhörend – mit ruhiger Stimme:
»Weit entfernt von hier, in einem schönen herrlichen Lande, wo der ewig blaue Himmel reizende palmbeschattete Thäler überspannt, da wohnte ein fleißiges, arbeitsames, aber sonst unterdrücktes und geknechtetes Volk. Ein ungeheurer mächtiger Riese hauste auf dem Gebirgsrücken, durch dessen Schluchten der einzige Weg in das freie niedere Land führte, und brandschatzte die Bewohner des Thales und duldete nicht, daß sie gediehen und glücklich wurden. Selbst der König war nicht im Stande, das zu hindern, wenn er es auch gewollt, und sein Volk schmerzte ihn – er schämte sich aber auch seines Volkes, daß kein einziger Held genug darunter sei, den Kampf wenigstens mit dem Ungeheuer zu wagen, und das Land – die kommenden Generationen – von dieser Geißel zu befrein.«
»Der König, Fräulein Scheidler,« fuhr Hennig mit etwas leiserer, bewegterer Stimme fort – »hatte ein einziges holdes Töchterlein, und hoch erhaben stand sie über den armen niedergedrückten Unterthanen des Reichs – Einer aber von denen, Einer, dem hatte es lange am Herzen genagt, daß sich ein ganzes Volk von einem einzigen solchen Wesen – und wenn es selbst ein Riese gewesen wäre – sollte knechten lassen, und er gürtete oft sein Schwert um und ging aus, den Kampf zu wagen – immer aber fehlte ihm das Höchste dazu, um glücklichen Erfolg und Sieg sich zu versprechen. – Nicht der Muth etwa – er war voll hohen Muthes und kannte keine Furcht – nicht die Ausdauer – sein in der Schule des Leidens und Entsagens gestähltes Herz verließ ihn nicht in Sturm und Noth – aber noch fehlte ihm die Begeisterung – die Begeisterung für das Herrlichste, die uns auch noch im Tode einen Sieg erblicken läßt.«
»Da sah er des Königs Töchterlein – es war nur ein Blick in das treue seelenvolle Auge, aber er zündete wie ein Strahl aus himmlischen Höhen. Und sie des Königs Kind? Schreckte ihn nicht der Glanz und Schimmer, der ihren Thron umgab, und durfte er, aus niederem Stamme geboren, es wagen, die Augen zu ihr zu erheben? – Und weshalb nicht? – was adelte in alten Zeiten den kühnen Mann, als eben die kühne Mannesthat? – was schnallte dem armen Knappen den goldnen Sporn an die Ferse, und hing das Wappenschild an seinen Arm, als der Muth – der treue unerschütterte Muth in Kampf und Gefahr? – Mit Gott – war sein Wahlspruch – mit Gott dem Feinde die frei Stirn geboten – mit Gott den ungleichen Kampf gegen Uebermacht und Gewalt begonnen, und blüht Dir dann der Sieg Du armer treuer Knappe – prangt dann in Deinem Haar der lohnende Lorbeerkranz und legt sich um Deine Brust die Ehrenkette, dann – dann – ach wer darf es dem armen Manne verdenken, daß er, berauscht von solchem Traum, keine Möglichkeit des Mißlingens dachte.«
»Wenn das ein Gleichniß sein soll, das den Kampf der Schule mit der Kirche darstellt,« sagte Sophie, der das Herz in seinem wilden Pochen vor Angst und Unruhe die Brust zu sprengen drohte, und die in all ihrer Noth gar nicht wußte, wie sie die nur zu wohl verstandene Meinung abwenden – eine weitere Erklärung wenigstens verzögern solle – mit erzwungenem Lächeln, »so ist das wahrlich nicht schmeichelhaft für meinen Vater – der wäre ja denn auch wohl mit unter dem ›Riesen‹, dem ›Ungeheuer‹ verstanden – aber Sie – Sie haben das wohl nicht so bös gemeint.«
»Sophie,« sagte da Hennig, nicht mehr im Stande, seiner gewaltigen Bewegung Meister zu bleiben – »Sophie,« flüsterte er, mit kaum hörbarer Stimme und ergriff die zitternde Hand der Jungfrau, die ihm nicht entzogen wurde – »bleibt dem Armen die Begeisterung? – lacht ihm in jenes königlichen Kindes Augen der herrliche Lohn für Tapferkeit und Muth, und darf er hoffen, wenn er, nicht mehr als unterdrückter Bewohner des Thals, nein als freier, selbstständiger – als befreiter Mann sein Knie vor der Jungfrau beugt – wird ihm der Lorbeer- und der Myrtenkranz?«
Sophie entzog ihm ihre Hand – barg einen Augenblick ihr Antlitz darin und sagte dann, vom Tische aufstehend, mit leiser, aber fester Stimme:
»Ich würde unrecht handeln, wollte ich mich stellen, als verstände ich den Sinn Ihrer Rede nicht, lieber Hennig, und ich kann wohl sagen, daß mich ihr Inhalt tief ergriffen hat – ich hatte keine Ahnung von solchen Gefühlen – konnte sie nicht haben – und es bleibt mir nur eine Erwiederung. – Wenn nun – wenn nun der kühne Kämpfer auf des Königs Schloß käme – und fände – und fände, daß indessen ein Fremder – ein Gast ihres Vaters – die Liebe – die Hand des Mädchens erhalten?«
Hennig erhob sich still von seinem Platze – er schaute lange und fest auf die Jungfrau, die mit gesenkten Blicken vor ihm stand, hinüber, dann ergriff er langsam ihre Hand – zog sie an seine Lippen – drückte einen leisen, leisen Kuß darauf – und verließ das Zimmer.
Sechstes Kapitel.
Der heilige Abend.
Hui, wie der eisige Nord über die düstere eherne Erde pfiff und brauste; wie er die Gräser und Blüthen knickte, die der milde Herbst noch geschont und gehegt, wie er die letzten gelben Blätter von den Bäumen riß, und sie im tollen Spiel über die Haide trieb, und die spröden staubigen Schneeflocken dann in dünnen durchsichtigen Nebelschleiern an Hängen und Halden vorüberjagte. Hui, wie das tobte und sauste, und die alte knarrende Wetterfahne auf dem grauen Hornecker Kirchthurm fast zur Verzweiflung brachte, hui, wie das durch die Bergschluchten strich, und die Bäche und Quellen faßte, und in stählerne Banden schlug.
Winter; die Oefen glühten, und dicht verschlossene Thüren hielten den kalten, unwillkommenen Gast vor der Schwelle draußen – Winter – in Mäntel und Pelze gehüllt, schritt der Wanderer die öden hartgefrorenen Pfade entlang – Winter – die dünnen Lumpen fest um sich hergezogen, lag der Arme fröstelnd und zusammengekrümmt auf seinem harten, kalten Lager, und träumte von geheizten Stuben und warmen Kleidern – träumte – bis ihn der Frost wieder weckte, und zu neuem qualvollen Dasein in Leben und Bewußtsein rief.
Der Winter war in aller Kraft und Stärke, und zwar ganz auf einmal und urplötzlich hereingebrochen; und nicht etwa wie ein silberhaariger Greis kam er, mit dem entlaubten Stab in der Hand, und dem gelben Eichenkranz im Haar – sondern toll, wild, wie ein roher, wüster Kriegsgesell, der mit Morgenstern und starrer Pickelhaube, in die friedliche Wohnung der Menschen einbricht, und was er nicht plündern kann, zerstört und in Stücke schlägt, – nicht deckte Felder, Wald und Dorf die stille, reinliche, warme Schneedecke, unter der die Saaten friedlich schlummern, und des kommenden Frühjahrs harren, die dem Wald jene großartige stille Ruhe verleiht, und den Dörfern ein so sauberes, ja selbst hübsches Aussehen giebt; wo die weichflockigen Massen die Fenster von außen halb umschließen, daß der Wind die Ritzen nicht findet, durch die er sonst muthwillig in die Stube dringt – wo die festen Decken auf den Strohdächern liegen, und in Massen, oft wie drapirt davon herunterhängen, und hohe schloßenweiße Haufen, welche die vor den Thüren gekehrte »Bahn« umdämmen – wo die rothbackigen Kinder auf kleinen schmalen Schlitten mit ängstlich fröhlichen Gesichtern den steilen Kirchberg herunter schießen, und mit Freuden zehn und zwanzigmal wieder bergan keuchen, um nur wieder mit Blitzesschnelle auf's Neue niederfahren zu können – wo die Hecken und Obstbäume darein schauen, als ob sie, in schützende wollene Decken gehüllt, mit ruhigem Vertrauen jetzt einer etwa schärfer hereinbrechenden Kälte entgegensehen würden.
Nein, starr und eisern brach er an; die tiefen Wagengleise der Straße bannte er in ihre Form, die Sturzäcker blieben unerbittlich hart und schroff – dem grünen Raps auf den Feldern draußen, wo der Hase Nachts sein Mahl hielt, und das Rebhuhn Schutz gegen den schneidenden Nord fand, brach er das Herz, daß er gelb und abgestorben dahin welkte – den Pflug, den noch der nachlässige Knecht im Acker gelassen, hielt er mit unerschütterlicher Gewalt und felsenfest an seine Stelle gebannt – die Gräser starben, die Bäche standen, und knarrende, ächzende Wagen führten in geschäftiger Eile die so nöthige Feuerung aus dem starr und trübselig dem gestrengen Winter in's Antlitz schauenden Wald herein.
Es war Weihnachten – und dieser auf der Pfarre als Sonntag ein dreifacher Feiertag – Sophie, des Pastors Töchterlein wurde heute, am 24. December, zum dritten und letzten Male von der Kanzel herunter, der freundlich zusammenflüsternden Gemeinde als ehrsame Braut des Franz Hermann Wahlert, Dr. phil. und Sohn Sr. etc. etc. des Herrn Generalsuperintendenten Wahlert etc. etc. – verkündet, und das holde Kind selber saß, tief das Köpfchen gesenkt, daß Niemand das rosig übergossene, frommen Dank athmende Angesicht mit neugierigen Blicken entweihen und zu noch höherer Röthe treiben könne, auf ihrem stillen versteckten Plätzchen, schräg der Kanzel gegenüber.
An dem Tag ging es hoch her in der Pfarre, und Pastor Scheidler hatte, um das schöne Fest so recht mit allem Pomp zu feiern, auch den Schullehrer und das Gemeindeoberhaupt dazu einladen wollen. Sophie bat aber so lange, an dem Tag gar keine Gäste sehen und ihn ganz allein und still in der Familie verbringen zu dürfen, bis der Pastor endlich nachgab, und nur kopfschüttelnd meinte, das sei wieder einmal eine der wunderlichen Launen seines lieben Töchterleins, der sich Vater und Mutter, sie möchten nun wollen oder nicht, fügen müßten. Es geschah aber doch so, und nur das ließ sich der Pastor nicht nehmen, daß den beiden Schulmeistern, jedem eine Flasche Wein und eine tüchtige Portion Kuchen hinübergesandt würde, und Sophie mußte das selber besorgen.
Der Tag verfloß so in der Pfarre in stiller häuslicher Glückseligkeit, und der Plan für den Tag war folgendermaßen bestimmt. Nach der Predigt wollte der Pastor bei den Seinen bleiben, die Betstunde konnte der Schulmeister heute in der Kirche halten, Abends aber, vor der Bescheerung, und mit hereingebrochener Dunkelheit, wenn die Lichter angezündet standen, und die Herzen der Kinder in ängstlicher freudiger Ungeduld an zu pochen und zu schlagen fingen, dann legte Pastor Scheidler am Altar drüben seines ältesten Töchterleins Hand in die des Mannes, der ihr für ihr ganzes künftiges Leben Schutz und Hort sein sollte, und zum Christbaum hinüber führte der glückliche Bräutigam die erwählte liebe, traute Gattin.
So glücklich und froh es aber in der Pfarre aussah, so trübe und traurig stand es in der Schule drüben, Kleinholz war heute einmal recht schwach und elend geworden, klagte fortwährend über Kälte, trotzdem daß sie ihn unten in der Schulstube neben dem derb geheizten Ofen sein Bett gemacht, und wollte Luft – Luft – Luft haben. Das aber war nicht gut möglich, denn hätten sie Fenster oder Thüren geöffnet, so wäre der kaum erwärmte Raum augenblicklich wieder durchkältet worden, und jener eigenthümliche feine, durchdringende Dunst, der niedrigen, feuchtgelegenen Schulstuben stets eigen ist, legte sich dem armen Kranken nur immer drückender auf die Brust, und verstattete ihm nicht einmal ordentlich und frei aufathmen zu können.
Lieschen wich nicht von seinem Bett, und reichte ihm mit treuer Sorgfalt und wirklich ängstlicher Genauigkeit die verordnete, und von Hennig selbst gestern aus der Residenz besorgte Medicin. Dabei mußte sie in demselben Raum und an der anderen Seite des Ofens die Kinder reinigen und anziehen, in der Röhre das spärliche Mahl kochen, und das Geschirr am Morgen, wozu ihr bis jetzt noch keine Zeit geworden war, aufwaschen. Dennoch war dem armen Kinde das Herz dabei froh und leicht – heute Morgen am Geburtstage des Herrn, hatte sie Nachricht – die erste Nachricht von dem Geliebten erhalten, um den sie sich die ganze Zeit abgesorgt und gequält – heute kam der Freudenbote, der ihr einen Brief, eine ausführliche und genaue Beschreibung seiner Flucht brachte. Und selbst auf dem Schiff, das ihn hinüber in das Land der Freiheit führen sollte, war er geschrieben, schon in der See draußen erst vollendet und zugesiegelt worden, und der »Lootse« (Lieschen wußte freilich nicht, was das für ein Mann war, und was er bedeute, hatte ihn aber doch dafür von ganzer Seele lieb) nahm ihn mit zurück an's Land, wo er versprochen, ihn richtig zu besorgen. Und wie mußte der sein Wort gehalten haben – aus einem ganz fremden Land her, wo sie eine andere, fremde Sprache redeten, wo die See bis dicht an die Stadt kam, wie ihr Fritz schrieb, und die Leute ganz anders gekleidet gingen, und gar wunderlich aussähen, kam der Brief, und brachte ihr Trost und Frieden für das arme so übervolle Herz. Und was versprach er nicht alles für die Zukunft, wie wollte Fritz in Amerika arbeiten und fleißig sein, und viel, viel Geld verdienen, bis er so viel habe, daß er sich ankaufen, und die Lieben dann alle, alle hinüberholen könne – und wie herrlich wollten sie dann in Frieden und Seligkeit zusammen leben, und Leid und Freud' so gern, o so unendlich gern gemeinschaftlich ertragen.
Lieschen las den Brief wohl fünf sechsmal durch, und trug ihn dann auch noch in der Tasche herum, daß sie dann und wann darnach fühlen, und sich immer überzeugen könne, es sei wirklich wahr, ihr Fritz habe ihr den Brief geschickt, und er segle jetzt, frei und glücklich, jeder Gefahr entronnen – nur dem bösen Wasser nicht, an das sie manchmal mit Angst und Grausen dachte – dem schönen, herrlichen Amerika – jetzt dem gelobten Lande ihres Sehnens, ihrer Träume, entgegen.
Die Kirche war aus, und Hennig kam zum Mittagsessen in die Schule. Er hatte heute, als am heiligen Abend, oben in der Schenke, wo sie ein fettes Schwein geschlachtet, einen Braten bestellt, und ein so leckeres Mahl hatte die Tafel der armen Leute lange nicht geziert – ei, wie die Kinder mit der braunen Kruste schon vorher, ehe sie zufahren durften, liebäugelten, und wie Karl, der dritte, ein siebenjähriger blondhaariger, aber etwas bleich aussehender Bursche zweimal in dem jeden Tag gehaltenen Tischgebet so stecken blieb, daß ihn der Vater, vom Bett aus, mit schwacher, aber unwilliger Stimme unterstützen mußte.
Schweinebraten – Du lieber Gott – wann war auf Schulmeister Kleinholzes Tisch Schweinebraten zum letzten Mal gewesen – und zwei Flaschen Wein – nein, da hörte alles auf. – Eine Flasche wurde übrigens gleich in den verschlossenen Eckschrank gelegt, denn so hatte es Hennig angeordnet – und aus der anderen schenkte er jetzt in die wenigen Gläser, und als die nicht ausreichten, in Tassenschälchen, das hellblinkende flüssige Gold ein.
»Und Sie selbst wollen nicht mittrinken?« frug Lieschen erstaunt und bittend – »o guter Herr Hennig, das dürfen Sie uns nicht zu leide thun.«
Hennig hatte Kopfschmerzen – der Wein bekam ihm überhaupt nicht, und heute, wo er am Nachmittag noch obendrein Betstunde zu halten hatte, wollte er es jedenfalls unterlassen – vielleicht morgen. Weiteres Zureden half nichts, und das Mahl – und wie fettig sahen die Kinder danach aus – ging still und ruhig vorüber.
Die Betstunde war gehalten – die rothglühende Sonne, die den ganzen Tag hell, aber nicht erwärmend geschienen, sank hinter die dunkelgrünen Fichtenwände, und der Abend brach mehr und mehr herein.
Weihnachten dämmerte, o Du lieber, lieber heiliger Abend Du, mit Deinen frohen Kindergesichtern, und den eifrig sorgenden und emsig geschäftigen Eltern, mit den flammenden Kerzen, und dem grünen zackigen Baum, mit den goldfunkelnden Aepfeln und Nüssen, dem köstlichen Zuckerwerk, und all' Deiner darunter ausgebreiteten Herrlichkeit. – Mit Deinem geheimnißvollen verschwiegenen Zauber, mit dem Du der Kinder Herzen in heiliger Scheu und Ehrfurcht erfüllst. – Und jetzt – jetzt – endlich tönt das, o wie lang, wie heiß ersehnte Klingeln – die Thür wird aufgerissen – der Glanz der Lichter blendet die erst so ungeduldige, und jetzt doch so scheu und schüchtern zögernde Schaar der Kleinen. Endlich aber ist die erste Ueberraschung besiegt – überwunden – das Jüngste wird auf dem Arm seinem Plätzchen mit dem kleinen winzigen Baum für sich allein, entgegengetragen, und ihm nach drängen, dadurch Muth gewinnend, die älteren Knaben und Mädchen, und jetzt –
O Leser, wie unglücklich müßtest Du sein, wenn Du nicht, auch ohne das Heraufbeschwören des theuren Bildes, die Lust und Wonne selbst empfändest, an der Eltern Hand zu Deinem Christbaum geführt zu sein – hast Du das aber – glühte Dir nun einmal der helle funkelnde Kerzenglanz in's Thränen gefüllte Auge, dann giebt es keine Macht auf dieser Erde – den Wahnsinn vielleicht ausgenommen – die Dir so lange Du lebst und athmest, die Erinnerung – die selige Erinnerung an jene Zeit, rauben könnte. Ja, je ärger Noth und Sorge auf Dich einstürmt, je weiter Du von Deinen Lieben entfernt, in fremden Ländern einsam, freundlos irrst, mit desto lebendigeren, desto glühenderen Farben tritt das Andenken an jene selige glückliche Zeit in den trüben Rahmen Deiner Gegenwart, und nur dann zerfließen die Gebilde in ihr ödes trauriges Nichts, wenn Du sehnend, verlangend die Arme ausstreckst, sie zu erreichen.
Weihnachten brach an, Pastors Kinder saßen, in die Hinterstube gebannt, ungeduldig um den runden Tisch und versuchten mit allerlei altem, aus Ecken und Winkeln vorgekramten Spielwerk die schleppende Zeit zu kürzen – doch vergebens. Immer und immer wieder sprang eins oder das andere auf und stürmte der Thüre zu, dort das Auge an das Schlüsselloch zu pressen, und zu sehn, ob denn die Mutter nun endlich mit dem längst erwarteten Rufe käme.