Pfarre und Schule.
Eine Dorfgeschichte
von
Friedrich Gerstäcker.
Erster Band.
Leipzig,
Georg Wigand's Verlag.
1849.
Vorwort.
Wenn der Leser auf kurze Zeit Lust hat mir zu folgen, so will ich ihn auf ein ganz nahe liegendes und ihm doch vielleicht vollkommen fremdes Terrain führen – mag er dann aber nicht zürnen, wenn er die Gestalten, die er sich vielleicht idealisirt gedacht, nicht auch idealisirt wieder findet. Rechts und links habe ich in das Leben hineingegriffen und hingestellt was und wie ich es fand – wir Menschen sind nun einmal keine Ideale, und selbst aus dem Romane müssen diese verschwinden, wenn er der Wirklichkeit gehören soll.
Auch kein vollendetes Ganzes war ich im Stande ihm zu bieten – diese Blätter haben Deutschland zum Schauplatz, und spielen in der Jetztzeit – könnte der Leser da ein vollendetes Ganzes auch nur verlangen? Gewiß nicht, wenn er Wahrheit dabei haben will.
Ich bin aber kein Freund von langen Vorreden, die Einleitung mag daher den Leser auf den Schauplatz vorbereiten, und das Buch selbst ihm sagen, was er zu erwarten hat. Ich habe geschrieben, wie mir's aus dem Herzen kam – möge er es in dem Sinne nehmen und verstehn.
Der Verfasser.
Inhalt des ersten Bandes.
| Seite | |
| Erstes Kapitel. | |
| Einleitung | [1] |
| Zweites Kapitel. | |
| Flucht und Verfolgung | [12] |
| Drittes Kapitel. | |
| Diaconus und Hülfslehrer | [39] |
| Viertes Kapitel. | |
| Parterre und erste Etage | [57] |
| Fünftes Kapitel. | |
| Der alte Jäger | [75] |
| Sechstes Kapitel. | |
| Die Hornecker Schenke | [101] |
| Siebentes Kapitel. | |
| Die Pfarre | [128] |
| Achtes Kapitel. | |
| Jägers Fritz und Schulmeisters Lieschen | [160] |
| Neuntes Kapitel. | |
| Die Schule | [182] |
| Zehntes Kapitel. | |
| Die Schulmeister | [214] |
| Elftes Kapitel. | |
| Des Musikanten Tochter | [245] |
| Zwölftes Kapitel. | |
| Die Gutsherrschaft | [270] |
Erstes Kapitel.
Einleitung.
Der Frühling des Jahres 1848 war gar außergewöhnlich früh und mild durch die starren, kalttrüben Winterwolken hereingebrochen, und hatte Felder und Fluren zu einer Zeit mit Grün bekleidet, wo diese sonst noch gewöhnlich unter bergender Schneedecke gleich sicher gegen bittere Nachtfröste wie eisige Nordweste geschützt lagen. Der Thau reinigte selbst die Gebirgsschluchten, in denen bei anhaltenderen Wintern manchmal wohl bis Anfang Mai frostige und schmutzig braune Schneeschichten gelegen, von jedem Nachzügler nordischen Herrscherthums, und Schneeglöckchen und Primeln küßten sich im Thal, und weinten perlende Freudenthränen, als die Lerche über ihren Häuptern emporstieg und dem sonnigen Himmelsblau ihre schmetternden Jubellieder entgegen wirbelte.
Aus dem Süden kam der ernste Storch und eilte mit raschem und immer rascherem Flügelschlag der Stelle zu, wo er im vorigen Jahre sein Nest gebaut und der jungen Brut das Fliegen gelehrt, und die Staare strichen von allen Seiten herbei, erzählten sich die bestandenen Abenteuer, die überstandenen Gefahren und Beschwerden, und schwatzten und zwitscherten und flatterten und schwirrten, daß die Sperlinge auf den Dächern ganz eifersüchtig wurden, und der ernste Rabe, der oben in der am Weiher stehenden Fichte saß, erst eine lange Weile mit dem Kopfe schüttelte, rechts und links hinunterschaute auf die lärmende Schaar, und dann mit langsam scharfem Flügelschlag dem stilleren Felde zustrebte, wo er mit den Brüdern gravitätisch hinter dem einsamen Pfluge herschritt, und sich aufmerksam die frischgewühlten Furchen betrachtete, was sie ihm neues und wohlschmeckendes zum Mahle böten.
Draußen im Raps lockte mit dem wehmüthigen Rufe das Rebhuhn; über die Raine und Feldflächen jagten sich spielend die Hasen; der Finke sang seine schmelzenden Melodieen im keimenden Wald; Huhn und Taube scharrten sich nicht mehr die kleinen Füße auf dem harten Erdboden wund und blutig, und über die Teichwiesen und den von Felsen umdämmten Fluß strich schwirrend und blitzschnell die Wildente hin, und suchte unter den dichten Zweigen und Dornen, die den kleinen Wald umhingen, Schutz und Verborgenheit.
Aber auch die Pflanzenwelt war nicht müßig; in gewaltiger Kraft brach sich das junge quellende Leben die freie fröhliche Bahn aus dem starren Holze; überall sproßten und schossen Halme und Gräser empor, die Blüthen schwollen in farbenduftiger Fülle und Tulpe und Hyacinthe, das stille Veilchen und die schüchterne Aurikel, und vor allen anderen das neugierig muthige Leberblümchen, das sich mit seinen herzig rothen Lippen oft schon Bahn selbst durch die Schneedecke bricht, erschlossen die würzigen Kelche und sandten Weihrauchopfer zu der freundlich über sie hingebeugten heiligen Pfirsichblüthe empor.
Und der Mensch?
Im Norden und Süden, im Osten und Westen der schönen deutschen Gauen, zwischen der erwachenden lächelnden Natur, unter den duftigen Blüthen und Knospen der Frucht- und Waldesbäume – strömte Blut; Barrikaden füllten die Straßen der sonst so friedlichen Städte, und hemmten den Verkehr – zerfleischte Leichen sahen stieren glanzlosen Blicks in die warme sonnige Luft hinauf, die für ihre Wange keinen fächelnden Hauch mehr hatte, und Verwundete mischten ihr Stöhnen und Schmerzenswinseln mit dem freudigen Jubelrufe der Frühlingsboten. Heeresmassen mit blitzenden Waffen füllten die Straßen, und Flammensäulen lodernder Gebäude leuchteten weit in die Nacht hinaus.
Auch in den Geistern der Menschen war es Frühling geworden, aber der Winter des kalten Zwangs und der starren Willkür hatte so lange, lange Jahre gedauert, daß es Gewalt brauchte, die übereisten Knospen zu brechen und die Banden zu lösen, mit denen die nach Freiheit Strebenden, Drängenden, so fest, ach so gar fest und streng umschlossen waren. Und die Glieder bluteten in der rasenden Kraftanstrengung, mit der sie sich dem, ihnen nur einmal dämmernden Lichte entgegen arbeiteten; aber »durch Nacht zum Sieg« tönte der Freiheitschrei, die Männer der Gewalt erbebten und die eiserne Bande, die Herzen und Arme des Volkes bis dahin gefesselt gehalten – borst.
In Deutschland war Frühling; aus Süden und Westen her wehte die frische belebende Luft herüber und vom nordischen und adriatischen Meer, vom Rhein und von der Donau zogen mit den fröhlichen Farben des Reichs, mit dem so lang verpönten und verschmähten Schwarz, Roth und Gold geschmückt, die Vertreter der Stämme zur Vorberathung des ersten deutschen Parlaments.
In Deutschland war Frühling, und in den Sitzen der bedeutenderen Intelligenz, in den größeren und bevölkerteren Städten, kochte und gährte es in Versammlungen und sich anschließenden Vereinen, in Ausbrüchen des Zorns und Ingrimms gegen verhaßte, des Jubels und Dankes gegen beliebte Bürger; wo die Waffen ruhten, nahm die befreite Presse den Kampf von Neuem auf, und jedes andere Interesse schwand in dem einzigen Worte Politik.
Anders und ruhiger zeigte sich dagegen noch die Wirkung in den kleineren, besonders den vom Hauptverkehr mit der geschäftigen wirkenden Welt mehr abgesonderten Städtchen und Flecken. Die Tagespresse hielt dort nicht den ruhigen Arbeiter in steter peinlicher Spannung des Kommenden, und imponirende Massen vermochten nicht von seinen Geschäften ihn loszureißen; wohl las er die Zeitung, aber meistens fand er hier nur wöchentliche Berichte, die das Geschehene ruhig erzählten, und deren enge Spalten keinen Raum ließen für weitere ausführliche Besprechungen und Pläne. Allerdings drang auch bis zu ihm der Ruf, einen Abgeordneten für das deutsche Parlament zu wählen, um auch ihre Stimme in Frankfurt, wo Deutschland stark und einig tagte, vertreten zu sehen, um auch ihren Wünschen, Forderungen und Beschwerden Worte zu geben, die nicht wirkungslos mehr im Papierkorb der Minister schlummern sollten. Aber sie begriffen größtentheils noch nicht die Wichtigkeit solcher Vertretung, sie wußten nicht, was man in Frankfurt, von woher ihnen bis dahin noch nie etwas Gutes gekommen, großes für sie ausrichten könne, und gleichgültig und schläfrig betrieben sie eine Sache, die ihrer ganzen ausschließlichen Energie bedurft hätte, um nicht als Fluch, statt als Segen auf sie zurückzuwirken.
Desto eifriger wurde aber dafür das, hier so plötzlich dem Ehrgeiz geöffnete Feld von allen denen benutzt, die nun, ob Beruf, oder nicht dafür im Herzen, Hoffnung zu haben glaubten, irgend einen Winkel Deutschlands für ihre Wahl bestimmen zu können. Besonders galt dies von einer Klasse Menschen, die sich gleich von vorn herein in den größeren Städten, oder da, wo man ihre bisherige Thätigkeit kannte, unmöglich wußten; diese stoben nach allen Seiten in kleine Städte und Ortschaften hinaus, stifteten Vereine, hielten Reden, haranguirten das Volk mit den Schlagwörtern des Tages und stürzten in Bierstuben und Tanzsälen Throne um und vernichteten Fürstenthümer.
Und war die Reaction so ganz müßig? That sie gar Nichts, dem Feuereifer der Republikaner entgegen zu wirken? Nein, wahrlich nicht; müßig keinen Augenblick, aber noch zu schüchtern, in der ersten Zeit wilder Begeisterung den Kampf auf offene unerschrockene Art zu beginnen. Der Begriff einer Reaction war auch noch zu wenig festgestellt worden, ja die meisten, dem zu raschen Fortschritt nicht geneigten, schienen sich kaum klar darüber zu sein, wie weit die Männer der Zeit eigentlich zu gehen beabsichtigten, und wie stark daher der Gegendruck sein müsse, sie zurück zu halten, ja ob nicht doch das Ganze am Ende nur ein einfacher Aufstand sei, der von dem Militair bald und rasch wieder unterdrückt werden könne, und dann – aber Berlin – Berlin – die dort umsonst abgefeuerten Kartätschen machten einen höchst unangenehmen Eindruck auf Jeden, der bis dahin an die Wiederherstellung des alten stillen Friedens geglaubt, und die höchst ungewisse Lage, in der man sich befand, ja wo sogar noch der Zweifel aufstieg, ob man die wirklich dagewesene Revolution auch eben so wirklich anerkennen solle oder nicht, vereiteltete jedes entschiedene und planmäßige Handeln. Nur die einzige Hoffnung blieb noch, im Geheimen und mit stillem unbeobachteten Wirken einen künftigen Sieg anzubahnen, und das schien um so nöthiger, da selbst ein großer Theil der Beamten, die große Majorität des Mittelstandes, ja sogar eine nicht unbedeutende Zahl der reicheren und intelligenten Bürger, zwar dem Wühlen der Hitzköpfe und unreifen Politiker nicht geneigt, aber doch zugleich auch fest entschlossen schien, sich die gegenwärtigen Errungenschaften zu wahren und gleich stark der Anarchie von unten wie von oben zu begegnen.
So lebendig nun also die Zeitverhältnisse in der Residenz des kleinen Landes, das ich mir zum Schauplatz dieser Erzählung ausersehen, besprochen wurden, wo Katzenmusiken und Fackelzüge anfingen zu den allergewöhnlichsten Begebenheiten zu gehören, so still und ruhig verhandelte man in dem, nur wenige Stunden davon entfernten Dorfe Horneck die Tagesfragen. Der ganze März war verflossen, und noch kein einziger Verein gegründet worden, die Nachrichten aus den benachbarten Reichen klangen den friedlichen Bewohnern wie Mährchen aus tausend und eine Nacht und sie hätten das Ganze am Ende nur ebenfalls wie eine Fabel und nicht einmal für möglich gehalten, wären nicht der Schulze und Gerichtsschreiber – Beides sonst ein paar sehr ernste und furchtbar strenge Gestalten, plötzlich so ganz unerklärbar freundlich geworden, ja selbst der Rittergutsbesitzer, ein unerhörter Fall, zweimal in eigener Person in die Schenke zu Biere gekommen.
Richtig war's nicht in der Welt, so viel stand fest, und umsonst steckten der Pastor und ihr Gerichtsherr auch nicht immer die Köpfe zusammen und lasen in Zeitungen, die sonst zu Horneck gar nicht gehalten wurden. Die Bauern fingen daher, durch dies Alles neugierig gemacht, selbst ein wenig mehr an, die sonst ziemlich vernachlässigten Berichte »von draußen her«, von Frankreich und Berlin und von Leipzig und der Türkei zu lesen, und in der Schenke gab dann ein Wort das andere. Die Köpfe wurden heiß, die Gemüther erregt, die Worte hitzig – Partheien bildeten sich und Leute traten auf, die mit donnernden Fäusten den erstaunten Zuhörern die Beweise auf den Tisch schlugen. Aber es blieb auch nur bei den hausbackenen einfachen Reden der Leute selber und die konnten weiter keine aufreizende oder bedenkliche Folgen haben, denn besonders der Landmann hält sich gern für eben so klug, als sein Nachbar, und glaubt das, was der ihm sagen kann, erst recht schon, und wer weiß wie lange, besser zu wissen.
Dem konnte auch der Pastor Scheidler, der sich überhaupt gleich von seinem ersten Amtsantritt her, viel um das Familienleben seiner Beichtkinder bekümmert hatte, leicht begegnen, und jedes Unheil und jede Störung durch Predigt und Wort abwenden, und nur erst, als die Zeitungen immer unaufhaltsamer kamen und die »Preßfreiheit« dem guten besorgten Mann doch etwas bedenklich wurde, da gründete er einen »Lesezirkel« und schickte seinen Diaconus hinein, um den Leuten die einzelnen Artikel auszulegen und ihnen, gleich an Ort und Stelle über verfängliche oder solche Sätze, die sie zu längerem Nachdenken zwingen könnten, Aufklärung zu geben.
Der einzige Mann vielleicht im ganzen Orte, der sich gar nicht um Politik bekümmerte und vollkommen damit zufrieden schien, wenn ihm der Hülfslehrer, der ihm im letzten Jahre beigegeben worden, nur manchmal Abends die »Neuigkeiten aus der Stadt« erzählte, das war der alte Schulmeister von Horneck, Sebastian Kleinholz, der seinen Jungen nach wie vor die zehn Gebote und das Ein mal Eins einprägte, und das Jahr 1848 mit einer wahrhaft gründlichen Verachtung behandelte. Mit der Revolution schien er aber nicht besonders einverstanden; der Pastor – sein Vorgesetzter, so lange er denken konnte – schüttelte stets, wenn er davon sprach, sehr bedenklich mit dem Kopfe, und der wußte was er that, denn der las alle Zeitungen von A bis Z und legte die Bibel aus, wie noch keiner vor ihm. Papa Kleinholz kümmerte sich übrigens nur wenig um die Außenwelt und mußte oft förmlich dazu gezwungen werden, wichtige neu eingelaufene Berichte mit anzuhören; ihm genügte es, daß in Horneck die Alten – noch die Alten blieben, und mit den Jungen – ei sapperment, da wollte er allein – heißt das mit dem Hülfslehrer – schon fertig werden.
Zweites Kapitel.
Flucht und Verfolgung.
Horneck lag in einer reizenden Gegend unseres schönen deutschen Gaues, an einem kleinen, aber malerisch gebetteten Strome, den wir die Rausche nennen wollen. Von hoher Bergeskuppe überschaute es weit und breit die benachbarten Thäler und die ausgedehnte Niederung, die sich gen Süden in flache fruchtbare Felder hinabzog, und dichte schützende Kieferkämme umdrängten den kleinen Ort gegen Norden, wo sie festen Schirm und Hort gegen die kalten Winterstürme bildeten. Tief unten aber rauschte und brauste der Strom über künstliches Wehr hinweg in das Bett hinein, das ihn der klappernden Mühle entgegenführte, und drüben am anderen Ufer, wo der Kahn so dicht und schaurig versteckt unter der frisch ausschlagenden Trauerweide lag, stand, von Buchen und jungem Eichenschlag fast verdeckt, die stille kleine Försterwohnung, mit dem blendendweißen Anwurf und dem schindelgrauen Dach, den mächtigen Hirschgeweihen über der Thür, zu denen der alte Forstmann bei jedem eine lange prächtige Geschichte erzählen konnte, und dem schmalen freundlichen Garten vor der Schwelle, in dem schon Tulpe und Aurikel blühte und die duftenden Veilchen das enge Rundtheil in der Mitte mit blauem reizenden Kranz umzogen.
Unten am Fuß des Berges, auf dem Horneck lag, standen von fruchtbaren Feldern und Wiesen gleich umschlossen und von dichten Obstgärten begrenzt, die Wirthschaftsgebäude des Rittergutes, das denselben Namen trug, oben aber, auf der höchsten Kuppe, ja selbst auf einem theilweis als Steinbruch benutzten Felskegel gebaut, der ihr auch großentheils aus seinem eigenen Selbst das Material zu den starken Mauern geliefert, ragte die kleine Kirche mit dem stumpfen abgerundeten Thurme hervor, und gewährte einen Fernblick selbst über die spitzen dunkelgrünen Wipfel des Nadelholzes hin nach den blauen zackigen Gebirgsrücken gen Norden, in denen die Rausche ihren Ursprung fand.
Die Pastorwohnung lag dicht unter der Kirche an der Nordseite, und eine enge in den Stein gehauene Treppe führte zu der kleinen Thür hinauf, durch die der Pastor das heilige Gebäude gewöhnlich betrat; an der Südseite dagegen schmiegte sich die Schulwohnung an und vor dieser vorbei führte auch der breite steile Fuhrweg selbst bis vor die Hauptthür der Kirche.
Der Diaconus wohnte mit in der Pfarre, der Hülfslehrer in einem kleinen Dachstübchen der Schule, das die Aussicht, über die unter ihr liegenden Dächer der Nachbarhäuser hinweg, gerade nach dem schattigen düsteren Schwarzholze hatte. Von der Schulwohnung aus führte ein kleiner schmaler Pfad dicht an einem niederen Kieferdickicht hin, wo sich die stachlichen Nadelzweige fest in einander schoben und ein Durchbrechen derselben fast zur Unmöglichkeit machten.
Auf dem Wege nun, der über die Felder bis weit an die oben gen Norden ziehende Straße lief, schritt, am Morgen des ersten April, wo die Sonne so recht warm und freundlich auf die Erde herniederschien, Vater Kleinholz, einen Spaten auf der Schulter, und für sein Alter noch rüstig genug, vorwärts, und rastete nicht eher, bis er an einen kleinen schmalen Streifen Feld kam in dessen einer Ecke, und dicht am Wege, ein mächtiger Steinblock wohl zwei Schuh hoch aus der Erde emporragte. An diesen lehnte er seinen Spaten, setzte sich selbst auf den Stein, und legte für einen Augenblick, wie ausruhend, die beiden zusammengefalteten Hände in den Schooß; sein Blick schweifte dabei prüfend über das kleine Stückchen Erde hinüber, das er sein nannte, und das noch starr und ungelockert, wie es der Winter gelassen, mitten zwischen den bestellten und wohl hergerichteten Feldern der Nachbarn lag.
»Ja ja,« sagte er da nach langer Pause, während er langsam und bedächtig dazu mit dem Kopfe nickte – »ja ja, ich kann es Meiers Frieden nicht verdenken, daß er mir den Zwickel hier nicht aufpflügen will – oder nicht kann, wie er meint; so mitten in Gräben drinn und hier noch den Stein, und da drüben den Wegweiser, da bleibt in der That kein Plätzchen, wo man Kuh oder Pferd umlenken könnte, und am Rande ist man auch immer gleich wieder. Nun mit Gott, dieß Jahr werden diese alten Knochen wohl noch im Stande sein, das bischen Arbeit zu thun, und im nächsten – na da laß ich vielleicht dem Hülfslehrer seinen Willen, der mich lange d'rum gequält hat – eigene Passion das – wer weiß – hm, ja – wer weiß, ob er's im nächsten Jahr nicht ohnedieß für sich selber bestellen muß.«
Der alte Mann zog seinen schwarzen, schon sehr abgetragenen Rock aus, faltete ihn sauber zusammen und wollte ihn eben neben sich auf den Stein legen, als sein Blick auf die deutlich hervortretenden hellblauen Näthe fiel, die dem sonst ganz schwarzen und ehrwürdigen Kleide ein eigenthümliches Ansehn gaben.
»Hm« sagte er, und betrachtete aufmerksam das abgenutzte Kleidungsstück – »der Färber hat mir die Montur doch nicht so recht ächt in der Kur gehabt, und der Müller guckt überall durch – das Blau muß eine sehr gute Farbe gewesen sein, daß es sich so durch das Schwarz hindurcharbeitet – ich wollte ich hätte den Rock gehabt, wie er neu war; mein Samuel soll mir doch einmal ein Bischen wieder mit Tinte nachhelfen – das hält eine lange Weile und sieht ordentlich gut aus; aber komm Sebastian, komm, der schöne Sonnabend vergeht und ich darf doch nicht wieder zu Hause gehen, ohne mich wenigstens ein Stückchen in die Ecke hier hineingestochen zu haben.«
Und vorsichtig, als ob er bange wäre von dem verwitterten Kleidungsstück vielleicht eine Ecke abzubrechen, legte er den Rock auf den Stein, griff nach dem Spaten, und war bald beschäftigt den, durch den letzten Regen ziemlich locker gewordenen und überdieß etwas sandigen Boden umzustechen.
Noch nicht lange hatte er so, dem Waldpfad den Rücken zukehrend, gearbeitet, als zwei Personen den kleinen Weg entlang kamen, und ruhig, von ihm unbemerkt, den eben erst verlassenen Platz auf dem Steine einnahmen. Es war ein Greis und ein junges Mädchen; beide bleich, und in anscheinend ärmlichen Verhältnissen, – das Mädchen aber auch noch von kränklichem Aussehn, mit blassen eingefallenen Wangen und glanzlosen Augen.
Sie mußte einmal recht schön gewesen sein, die arme Maid, weich und seidendicht schmiegten sich die langen nußbraunen Haare um die weiße, hohe und edelgeformte Stirn, dunkle und lange Wimpern überschatteten den Blick; auch ihre Gestalt war schlank und zart gebaut, und die Hand klein und zierlich wie der Fuß, aber die Elasticität der Jugend war aus der jugendlichen Form gewichen, und ernst und schwermüthig neigte sich das schöne bleiche Haupt.
Keines von beiden sprach ein Wort, der Alte aber, der eine in ein braunes Tuch gewickelte Violine unter dem Arme trug, stemmte diese jetzt vor sich auf den Stein, umklammerte sie mit beiden Händen, stützte dann sein Kinn oben darauf, schaute dem greisen Schulmeister eine ganze Weile schweigend zu und sagte mehr mit sich selbst redend, als zu dem Anderen gewandt:
»Auch ein sauer Stück Brod für weiße Haare – aber doch besser wie gar keins – ich kenne Leute, die recht gern grüben, wenn ihnen nur auch der Boden Kartoffeln trüge.«
Der Schulmeister richtete sich auf, schaute sich um, und blieb, die Rechte auf den Spaten stemmend, in eben der Stellung stehn.
»Guten Morgen, ihr Leute – woher des Weges?« sagte er tief Athem holend – »Ihr müßt früh aufgebrochen sein, wenn Ihr schon von Sockwitz kommt, und es liegt doch kein anderes Dorf mehr da hinüber zu.«
»Wir brauchten nicht zu warten bis der Kaffee fertig war« erwiederte ihm trocken und mürrisch der Alte, »da hält's nicht auf, wenn man morgens rasch fort will, das Frühstück hat uns auch nicht am Gehn gehindert.«
Es lag so viel Bitterkeit in dem Tone, mit dem der Fremde diese Worte sprach, daß der Schulmeister ihn lange mitleidig betrachtete; endlich ging er auf den Stein zu, auf dem sie saßen, nahm seinen Rock herunter, griff in die eine Rocktasche und frug, während er aus dieser irgend etwas in Papier gewickeltes herausnahm:
»Ihr seid wohl noch nüchtern liebe Leute? – ja, die Zeiten sind schlecht, und ein armer Mann muß sehn wie er sich durchschlägt; nun nehmt nur, ich finde was wenn ich wieder zu Hause komme.«
»Ihr seid der Schulmeister?« frug der Bettler, und schaute während er das Dargebotene zögernd annahm, etwas mißtrauisch nach dem schwarzen Rock hinüber, den Jener noch in der linken Hand hielt.
»Von Horneck,« bestätigte der Greis.
»Heißt Ihr Horneck?«
»Seh' ich aus wie ein Adelicher?« lächelte der alte Mann.
»Ih nun« brummte der Fremde, und warf einen finsteren Blick nach der Häusermasse des kleinen Orts hinüber; »nach einer Weile könnte das wahr werden – jetzt ist's freilich noch nicht – wenn Ihr aber der Schulmeister vom Dorfe seid, und uns Euer Frühstück schenkt, so muß ich mich wohl, und das recht herzlich dafür bedanken; die Schulmeister haben sonst auch gewöhnlich nicht viel wegzuschenken.«
»Besonders der von Horneck,« sagte Papa Kleinholz mit einem wehmüthigen Zug um die Lippen, der in diesem Fall wohl eben wieder zu einem Lächeln werden sollte, es aber doch nicht im Stande war, und nur zu einer leisen, kaum bemerkbaren Bewegung der Lippenmuskeln wurde, – »nun, es hat jeder sein Bündel Leid und Noth zu tragen, und da darf man nicht murren, wenn unseres vielleicht ein klein Bischen größer ist, als das des Nachbars; der Eine vermag auch mehr zu tragen, als der Andere, und der liebe Gott theilt das eben jedem nach seinen Kräften zu.«
»Herr Gott, was müssen wir doch für Riesen sein, Marie;« lachte der Alte, und wandte sich nach seiner Tochter um; die aber antwortete Nichts, nahm ihm nur das vom Schulmeister erhaltene Frühstück – ein Stück trockenes Brod – aus der Hand, brach sich einen kleinen Theil davon ab, und verzehrte es schweigend. – Ihr Blick heftete in dem Thale unten an irgend einem Gegenstand – sie sprach kein Wort und verzog keine Miene.
»Eure Tochter ist wohl stumm?« frug mit mitleidigem Blicke der Schulmeister.
»Stumm? nein,« lautete die Antwort, »nur maulfaul – sie denkt wahrscheinlich viel, aber sie hat die Gabe nicht, es von sich zu geben. Schade drum, die Welt wird viel verlieren.«
Ein vorwurfsvoller Blick des Mädchens fiel auf den Vater, als er die Worte sprach, doch es war nur ein Blick, und es wandte rasch wieder den Kopf. Dem Schulmeister fing es aber an unheimlich bei den Beiden zu werden. Das Mädchen hatte augenscheinlich schon bessere Tage gesehn; ihr Anstand war edel und selbst die Züge verriethen einen Grad von Ueberlegenheit, der um so auffallender gegen das gleichgültige Wesen ihres Begleiters abstach. Auch ihr Anzug gab Zeugniß einer besseren Zeit und ganz verschiedener Verhältnisse, wenn nicht die Ueberreste der Kleider von mitleidiger Hand kamen, und jetzt nur, wie zu Spott und Hohn die hageren Glieder mehr verhüllten als bedeckten.
Marie, wie sie der Alte nannte, trug ein zerrissenes, beschmutztes Kleid von schwerer schwarzer Seide, das an mehreren Stellen durch Stücken bunten gewöhnlichen Kattuns, ja über dem linken Aermel sogar mit Bindfaden zusammengehalten wurde. Die bloßen Füße staken in zerrissenen, aber feinen, mit Pelz noch hie und da verbrämten Lederschuhen, und den Kopf bedeckte ein sonngebleichter blauer Atlashut, von dem jedoch jeder Zierrath, der ihn sonst vielleicht bedeckte, heruntergeschnitten war, während darunter einzelne unordentliche Locken des üppigen Haares hervorquollen. Die Arme trug sie bloß, und einen in früherer Zeit vielleicht schön gewesenen Shawl, der aber jetzt durch Straßenschmutz und Regen höchst unansehnlich geworden, hatte sie, als sie mit ihrem Vater an dem jetzigen Ruheplatze angekommen, fest um sich hergeschlagen, jetzt aber, durch was nun auch ihre Aufmerksamkeit abgelenkt sein mochte, nachlässig niederfallen lassen, daß der bleiche Nacken, unter dessen durchsichtiger Haut die blauen Adern schimmerten, und die eine Schulter hervorschaute.
»Nun, kannst du den Mund nicht aufmachen, Mamsell?« fuhr sie nach kurzer Pause der Alte noch einmal an, »oder ist die Madame vielleicht heute Morgen nicht zu sprechen, und läßt sich absagen?«
Das Mädchen erwiederte keine Silbe, schien auch den Hohn, der in den Worten lag, gar nicht zu beachten oder zu bemerken, und deutete jetzt nur schweigend, mit der rechten, abgemagerten Hand nach dem Thale hinunter, wo sich eine Gruppe bewegte, die auch die Aufmerksamkeit der Männer, sobald sie ihrer nur ansichtig wurden, im höchsten Grade fesselte, und jedes weitere Gespräch für den Augenblick abschnitt.
Das Thal, durch welches sich ein schmaler Fußpfad links hinüberwand, und der, nach dieser Richtung hin etwa eine halbe Stunde entfernten, zur Residenz führenden breiten Chaussee zulief, war ziemlich offen und nur größtentheils von nackten Feldern und Wiesenstrichen durchkreuzt; erst gegen den Fuß der Anhöhe hin bildeten sich kleine, der Höhe zustrebende Schluchten, die mit niederem aber dichtem Gebüsch bewachsen, schon gewissermaßen die Vorpostenkette der stattlicheren Waldmassen bildeten, welche nachher von der Kuppe des Berges aus weit hin gen Norden und Osten zogen.
Zwischen diesen Schluchten lagen immer wieder freie Feldstrecken, und gegen den Kamm des Hügels hin, wo wir gerade den Schulmeister mit den beiden Fremden verlassen haben, verschwanden auch die Büsche, so daß hier eine einzige ununterbrochene Fläche diese von dem Walde selber vollkommen abschnitt. Nur ein kleines Weidendickicht lag gerade mitten auf der Kuppe, und dahinter hin dehnte sich, durch mehrere hier kräftig vorsprudelnde Quellen erzeugt, ein schmaler Streifen sumpfigen Moorgrundes aus.
Ueber das offene Feld aber, das noch unterhalb der Schluchten, und von dem Fußpfad durchzogen lag, lief, als die Dreie eben dort hinüberschauten, ein Mann, und schien mit aller nur möglichen Kraftanstrengung den nächsten Büschen zuzustreben. Hinter ihm aber, in kaum zweihundert Schritten Entfernung, sprengte ein Reiter, und trieb mit Peitsche und Sporn sein Pferd zu wildester Eile an, um den Flüchtigen einzuholen, oder ihn doch wenigstens von dem schützenden Dickicht abzuschneiden, wo Verfolgung im Sattel unmöglich gewesen wäre, und ihn aufzuhalten, bis ein anderer Hülfstrupp, der aus vier Fußgängern bestand, und ebenfalls so rasch als möglich, aber schon anscheinend erschöpft, herbeistürmte, die Anstrengungen des Berittenen zu unterstützen vermochte.
Der Flüchtling zeigte übrigens, wenn er Grund und Boden, auf dem er sich befand, nicht schon von früher kannte, einen so richtigen Blick in der Richtung, die er einschlug, und der Bahn, der er folgte, daß er nicht allein die für den Reiter schwierigsten Stellen rasch nach einander benutzte, sondern auch den alten Musikus durch seine Kraft und Gewandtheit zu lauter Bewunderung hinriß.
»Bei Gott!« rief dieser, »das ist nicht das erste Mal, wo der einem Gensdarmen aus dem Wege geht – hurrah mein Junge – nur noch ein paar Minuten ausgehalten, und der Schnurrbart mag nachher sehn, wo er zuerst in den Büschen hängen bleibt – hurrah mein Herzchen – das ist recht – ha ha ha – wie der die kleine Hecke und den Dornenbusch benutzt – jetzt links mein Schatz – noch mehr links, nachher kommen die Steine, und in denen bricht er Hals und Bein, wenn er sich hineinwagt – so brav – so brav, hol' mich der Teufel, das war ein kapitaler Sprung – jetzt hinein in's Dickicht – ha ha ha ha das thuts, das war famos ausgeführt:
»Heißa juchheißa, die Hetze ist aus,
Guten Morgen Herr Förster, itzt gehn mer zu Haus;
Itzt gehn mer zu Haus und itzt gehn mer zu Bett,
Und wer z'erst in den Federn liegt, g'winnet die Wett'!«
Der Alte schwang sein eingewickeltes Instrument jubelnd um den Kopf und sprang dann auf den Stein, um den weiteren Verfolg der Sache besser übersehn zu können.
Der Gehetzte hatte auch wirklich, wie es ihm der Alte in eigenthümlicher Theilnahme, obgleich weit außer Rufsweite, mit lauter ängstlicher Stimme angerathen, eine kleine Spitze dürren Haidelandes, auf dem scharfe Felsblöcke wild zerstreut umherlagen, gewonnen, und endlich, indem er diese zwischen sich und dem Reiter ließ, die Schlucht gerade in demselben Moment erreicht, als der Gensdarm eine Pistole aus der Holfter zog und nach ihm feuern wollte. Gählings aber in das tiefe Geröll hinabspringend tauchte er in dem maigrünen Laube unter, und verschwand den Blicken der auf dem Hügel Stehenden, wie auch wahrscheinlich denen des Gensdarmen, denn dieser wandte sich jetzt nach einigen vergeblichen Versuchen, mit dem Pferde in das Dickicht zu dringen, gegen seine herankeuchenden Genossen, winkte ihnen, den bewachsenen Platz zu umzingeln und sprengte dann selbst, um den Rand des Busches hin, der Höhe zu.
Die Dreie am Stein aber, standen wieder schweigend und in gespannter Erwartung da, und erharreten ängstlich das Resultat dieser merkwürdigen Jagd; ja selbst der Schulmeister, obschon sonst ein abgesagter Feind jeder Ungesetzlichkeit, ertappte sich zu seiner eigenen Ueberraschung auf dem Wunsch, den Menschen, der doch sicherlich irgend ein Verbrechen begangen hatte und Strafe verdiente, entwischen zu sehn – es ist das jenes eigene Gefühl, das unsere Theilnahme stets dem schwachen, anscheinend unterdrückten Theile zuwendet, und der Vernunft nicht Raum gewährt, kalt vorher zu entscheiden, auf welcher Seite das Recht, auf welcher das Unrecht sei.
Die Jagd nahte sich aber auch jetzt ihrer Entscheidung; denn hielt sich der Verfolgte, wie das auch das wahrscheinlichste war, da er jedenfalls einer kurzen Rast bedurfte, in dem Gebüsch, so konnte der Berittene leicht den oberen Theil der Schlucht besetzt halten, und ihm dadurch die Flucht zu dem dichten Wald vollkommen abschneiden; die anderen Verfolger aber hätten zu dreien das noch lichte und durchsichtige Gebüsch mit leichter Mühe abgetrieben, so daß er entweder diesen, die leichte Jagdflinten auf den Schultern trugen, in die Hände gefallen, oder von dem Gensdarmen, hätte er den Ausbruch erzwingen wollen, auf dem nun ebenen Boden eingeholt wäre, und was konnte der arme Teufel dann gegen den vollkommen Bewaffneten ausrichten?
»Wenn er nur nicht in dem verdammten Loch da unten stecken bleibt!« rief der Musikus, und hob sich hoch auf die Fußzehen, um den ganzen Umfang der buschbewachsenen Schlucht so weit als möglich zu übersehn – »Wetter noch einmal! wenn er den Wald erreichte, ehe der Himmelhund von Gensdarmen nachkommt, ich gäb' meiner Seel' –«
Er schwieg plötzlich, denn entweder fiel ihm ein, daß er gar nichts zu geben hatte, oder er war sich auch vielleicht nicht so ganz klar darüber, ob er in der That der Sicherheit eines Anderen, Fremden wegen, irgend etwas geben sollte – wenn er es hätte.
»Vater«, sagte da das Mädchen – »wenn er wirklich bis hier oben her kommt, so fürchtet er sich vielleicht, so lange wir hier stehen, herauszubrechen, weil er nicht wissen kann, ob wir Freunde oder Feinde sind. Sind wir hier nicht gerade zwischen ihm und dem Wald? – wir wollen auf die Seite treten!«
»O, geh' zum Teufel!« brummte der Alte, »da drüben kann man Nichts sehen, und glaubst Du etwa, der würde sich vor uns geniren, wenn er dort hinten in's Dickicht wollte? – Bist Du dumm, das ist ein alter Fuchs, und spürt mit einem Blick, ob wir Ehrenmänner oder Polizeigeschmeiß sind. – Bei Gott, da kommt der vermaledeite Hegereiter um die Spitze herum, wenn er doch den Hals bräche, der Lump!«
»Aber lieber Freund,« fiel ihm hier der Schulmeister, dem das doch zu arg werden mochte, in's Wort, »der Mann ist nur ein Vollzieher des Gesetzes, und was sollte ohne Gesetze aus uns werden? Wer weiß, was der Mensch, den sie da einfangen wollen, verbrochen hat; es sind jetzt schlimme Zeiten, und vieles böse Volk treibt sich im Lande herum.«
Der Musikant warf ihm einen halb verächtlichen, halb ärgerlichen Blick zu.
»Verbrochen?« brummte er – »ja, ein großes Verbrechen wird der begangen haben – vielleicht hat er im Wald ein trockenes Stück Holz abgebrochen, um daheim die Kinder nicht erfrieren zu lassen, oder gar einen hochfürstlichen Hasen erschossen, dem der liebe Gott das erlaubt hatte, was ihm versagt war, in Feld und Wald sein tägliches Brod zu suchen. Schreckliche Verbrechen das, aber – he he he he he – seht den Hegereiter:
»Holter polter alle zwei,
Wir fielen den Berg hinunter,
Das Rößlein streckt die Bein empor,
Der Reiter der liegt drunter,
Das Rößlein streckt sich einmal aus,
Und wie sie den Reiter suchen,
Da liegt er unter Rößleins Bauch
So flach als wie ein Kuchen.«
Sein jubelndes Lied war nicht ohne Grund; das Pferd des Gendarmen mußte mit dem einen Vorderbeine in eins der vielen Löcher, die hier den rauhen Boden überall zerrissen, getreten haben und dadurch plötzlich einknickend, schleuderte es den Reiter weit über sich weg zur Erde. Dieser aber, wenn er auch in die scharfen Steine hinein keineswegs sanft gebettet fiel und an Stirn und Händen blutete, raffte sich doch rasch empor, hob seine Mütze auf, sprang in den Sattel des zitternden schweißtriefenden Thieres und strebte schon nach wenigen Secunden mit fest zusammengebissenen Zähnen und zornfunkelnden Augen seinem Ziele wieder zu. So gering aber auch der Aufenthalt gewesen sein mochte, der durch den Sturz herbei geführt worden, so hatte er doch genügt, dem Verfolgten einen kleinen Vorsprung und so viel Zeit zu geben, das obere Dickicht, das er indessen erreicht, ohne Säumen zu verlassen, um vor allen Dingen den wirklichen Wald zu gewinnen, wo er dann, erst einmal dort, nicht zu fürchten brauchte, so rasch entdeckt zu werden.
Wie der Musikant vermuthet, kümmerte sich jener auch wenig um die drei Menschen, die er bald als harmlos erkannt hatte, ja er floh sogar stracks auf sie zu, da gerade hinter ihnen die ihm nächste Waldecke lag. Seine Lage wurde aber eine sehr mißliche, denn das Pferd war nur noch eine kurze Strecke von dem Kamm des Hügels, der Wald aber wenigstens vierhundert Schritte entfernt, und konnte der Reiter erst den obenliegenden verhältnißmäßig ebenen Grund benutzen, wo er den Verfolgten augenblicklich entdecken mußte, so war nur geringe Hoffnung, daß dieser mit seinen fast erschöpften Kräften aushalten würde gegen das kräftige Thier, das seinen Verfolger trug.
Jetzt flog dieses, mit kühnem Sprung, und von dem Sporn des Reiters gestachelt, auf den letzten, wohl zwei Fuß hohen Rain hinauf, der schräg am Rande des Hügels hinlief und kaum erblickte hier der, durch den Sturz nur noch mehr erbitterte und angereizte Mann den Flüchtigen, der mit raschen Sätzen über das holprige Feld dahin sprang, als er seinem Gaul fast die Schenkel in die Flanken drückte und zugleich, mit lautem Triumphruf den Arm emporwarf; denn auf der offenen Fläche sah er den Flüchtigen schon rettungslos in seine Hand gegeben.
Der also Gehetzte befand sich jetzt kaum funfzig Schritte von da, wo der Schulmeister mit dem Musikanten und seinem Kinde stand, ein niederer, flacher Graben aber, der auf der einen Seite mit Schlehen bewachsen war, und den er hier annahm, um die Sturzäcker zu vermeiden, die seine Flucht aufhalten mußten, entzog ihn auf etwa hundert Schritte ihren Blicken. Als er wieder daraus emportauchte und jetzt von ihnen fortfloh, führte ihn seine Richtung gerade auf den kleinen Weidenbusch zu, der, wie schon erwähnt, inmitten dies offenen Feldes stand, der Schulmeister aber, der, die Hände gefaltet und mit ängstlich klopfendem Herzen diesem eigenthümlichen Schauspiele zugeschaut, sagte halblaut und fast unwillkürlich:
»Großer Gott! in den Weiden ist er verloren – dort sinkt er ein.«
»Vermeidet den Busch!« rief da rasch entschlossen das Weib, und der Flüchtige, der die Worte nicht zu verstehen schien, wandte den Kopf nach ihr um – »in den Weiden ist Sumpf!« wiederholte eben mit noch lauterer Stimme die Frau, und das letzte Wort wenigstens mußte jener begriffen haben, denn ohne Weiteres rechts abbiegend, blieb er auf dem Raine, der die nächste Feldgrenze bildete. Dadurch aber beschrieb er einen kleinen Bogen um den moorigen Busch, und so nah kam ihm dadurch der Verfolger, daß dieser, in voller Hast und der freudigen Gewißheit, den Flüchtigen endlich erreicht zu haben, die eine Pistole wieder aus der Holfter riß, und, mit den Verhältnissen des Bodens hier unbekannt, gerade auf den Busch zu sprengte, über dessen niedere Sträucher hin, und anscheinend dicht vor sich er den nun wieder gerade dem Walde zu Fliehenden sehen konnte.
»Dort ist ein Sumpf!« wollte auch jetzt, fast unwillkürlich, der Schulmeister rufen, die breite Hand des Musikanten lag ihm jedoch bei der ersten Sylbe auf den Lippen, und gleich darauf betrat das Roß den gefährlichen Boden.
Die dem Flüchtenden gegebene Warnung schien aber keineswegs unnütz gewesen; schon bei den ersten Sätzen sprang das Pferd bis über die Fesseln in den weichen Moor; der Gensdarm übrigens, anstatt es rasch herumzuwerfen, glaubte durch Schnelle des Bodens Schwierigkeiten am Besten besiegen zu können, preßte noch einmal mit den Sporen nach, und fand sich wenige Secunden später bis an den Sattelgurt in einem schlammigen Graben, aus dem sich sein erschöpftes Thier nur nach langer mühseliger Anstrengung wieder heraus und auf festen Grund arbeiten konnte.
Der Verfolgte warf, als er das plätschernde Geräusch so dicht hinter sich hörte, einen scheuen Blick zurück, setzte aber seine Flucht ununterbrochen fort. Wohl sprengte der Reiter, als er sein Thier wieder befreit sah, ihm noch einmal nach, und wäre der Wald nur hundert Schritte weiter entfernt gewesen, so müßte er den zum Tode Ermatteten dennoch eingeholt haben, so aber erreichte dieser das schützende Dickicht und verschwand gerade, als der Gensdarme in vollem Ingrimm seinem Pferde in die Zügel griff und beide Pistolen hinter ihm her feuerte, zwischen dem dichten Nadelholzanwuchs, dem sich gleich dahinter ein noch weit undurchdringlicher Eichenschlag anschmiegte.
»Ha ha!« lachte und jubelte aber jetzt der Musikant.
Wirst mer's net so ibel nehme,
Wenn i net zerückkomm heut',
Denn i bin in schenster Arbeit
Und da han i, Schatz, kei Zeit.
»Ha ha ha! Se. Excellenz der Herr Gensdarme haben sich umsonst bemüht; kleine Bewegung schadet dem Pferdchen gar Nichts – wird doch blos gefüttert, um einen Faullenzer zu tragen, daß er keine Hühneraugen kriegt.«
»Ihr werdet uns den Gensdarmen auf den Hals ziehen,« sagte der Schulmeister und schaute sich etwas ängstlich nach dem Reiter um, der auch wirklich jetzt, während er zugleich frische Patronen in seine Pistolen hinunterschob, auf die kleine Gruppe zu trabte.
»Hallo da!« rief er, sobald er sich den Dreien gegenüber sah, und sein in Schweiß gebadetes keuchendes Thier einzügelte, »wer von Euch hat dem entwischten Schuft da etwas zugerufen? – nun? – könnt Ihr die Zähne nicht auseinander bringen? oder soll ich Euch erst gesprächig machen?«
»Ich war's!« sagte das Mädchen, und schaute dabei dem zornigen Soldaten fest und unerschrocken in das finster auf sie niederblickende Auge.
»Und was hast Du mit einem entflohenen Sträfling zu verkehren, Mamsell?« fuhr sie der ingrimmig an – »willst Du gestehen, Du – Ding Du? oder –«
»Bitt' um Verzeihung, Euer Gestrengen,« schnitt hier der alte Musikant rasch, aber mit einem eigenthümlichen Gemisch von Trotz, Unverschämtheit und Scheu der Tochter die Antwort ab – »Sie wissen wohl, die Weiber sind neugierig und wollen immer gern mehr wissen, als sie vertragen und behalten können, und da frug mein dummes Ding von Mädchen da den jungen Menschen, der in solcher Eile war, was er denn so liefe, und weshalb die anderen Herren hinter ihm drein rennten.«
»Du Lügenhund verdammter! hab' ich Dich schon gefragt?« schnauzte der Gensdarme den Alten an – »wer bist Du überhaupt, und wo kommst Du her? wo ist Dein Paß?«
»Hm« brummte der Musikant und fuhr sich langsam mit der rechten Hand in die Brusttasche, »Lügenhund werd' ich eigentlich gewöhnlich nicht gerufen – aber was thuts – hier Herr Lieutenant – bitt' um Verzeihung, wenn die Anrede nicht klappt – am Verdienst wird's nicht fehlen – hier ist der Paß – wird wohl Alles in Richtigkeit sein.«
Der Gensdarme riß das zerknitterte, beschmutzte und vielmal zusammengefaltete Papier, das ihm der Alte reichte, an sich, öffnete und durchflog es mürrisch, denn nicht freundlicher schien ihm das gerade zu stimmen, daß er keinen Halt an dem Musikanten fand, um seinem Zorne Luft zu machen.
»Jacob Meier,« las er halb laut, und verglich dabei mit rasch und mißtrauisch hinüberschweifenden Blicken die Figur mit dem in dem Paß befindlichen Signalement – »Alter 53 Jahr – Haare grau gesprenkelt – Nase kurz – Backenknochen vorstehend – Pockennarben – mit Tochter – Marie Meier – Haare schwarz – Augen dunkel – Zähne vollständig – Gesichtsfarbe gesund – nun, das ist die doch nicht?« und er deutete dabei auf das Mädchen, in deren Wangen bei den rohen Worten ein leichter Hauch stieg und auf wenige Secunden zwei rothe eckige Flecken zurückließ, dann aber eben so rasch wieder verschwand, wie er gekommen.
»Das Kind sieht jetzt krank und angegriffen aus,« sagte hier der Schulmeister, dem es doch weh that, daß die armen und überdies schon so unglücklichen Leute so barsch und rauh angefahren wurden – »es wird ihr nicht wohl sein.«
»Wer ist Er, und was hat er hier d'rein zu reden?« fuhr der gewaltige Mann des Gesetzes grob genug den erschreckt Zusammenfahrenden an.
»Ich bin der Schulmeister aus Horneck,« sagte dieser fast unwillkürlich, aber selbst der schüchterne Greis fühlte sich entrüstet über das Entehrende solcher Behandlung, und mit etwas schärferer Betonung setzte er gleich darauf hinzu: »auch steh' ich hier auf meinem eigenen Grund und Boden und habe keinen Menschen beleidigt, daß ich verdiente, so angefahren zu werden.«
»Dann kümmern Sie sich auch um ihre Schule und stecken Sie die Nase lieber in ihre Bücher und nicht in anderer Leute Geschäfte,« entgegnete ihm, wohl nicht mehr so herrisch, aber doch noch immer ärgerlich und trotzig genug der Gensdarme, und wandte sich wieder von ihm ab. Den Paß dann dem alten Musikanten vor die Füße werfend, und, die Dreie weiter keines Blickes oder Wortes würdigend, sprengte er rasch seitwärts den Hügel hinab und der Stelle zu, wo jetzt seine den Berg heraufklimmenden und nicht berittenen Begleiter sichtbar wurden.
»Ist das ein rauher grober Mensch,« sagte Kleinholz und sah kopfschüttelnd dem Davongallopirenden nach, »und doch eigentlich weiter Nichts als ein berittener Polizeidiener, und das muß man sich gefallen lassen.«
»Wird schon zahm werden, Alterchen,« lachte der Musikant, »wird schon zahm werden, und lange kann's nicht mehr dauern; in Wien und Berlin sind sie mit Kolben gelaufen, und wenn wir hier ihnen noch nicht den Daumen auf's Auge gesetzt, so – aber komm Marie, 'swird spät und ich muß noch gehörig herumlaufen, daß ich auch morgen die Erlaubniß auftreibe – guten Tag Schulmeister, guten Tag, schönen Dank für den Imbiß und bessere Zeiten für den Morgen – Morgen? 'sist ein komischer Trost;
Und wenn wir am Morgen zusammenkommen,
Und denken zurück an das Heute,
Dann finden wir, daß wir zum Nutzen und Frommen
Der alten und jüngeren Leute
Gehofft und geharret, gewünscht und geträumt
Von nächst zu erhaschendem Glücke;
Und was ist uns worden – wir waren geleimt –
Der Bettler behielt seine Krücke.
Der Morgen bleibt morgen, wir aber wir harren
Und hoffen und träumen – wie Allerweltsnarren.«
Und mit dem Liede noch auf den Lippen wandte er sich, von seiner Tochter gefolgt, dem Dorfe zu, und verschwand bald darauf hinter den Hecken und Obstgärten, die dasselbe rings umschlossen.
Drittes Kapitel.
Der Diaconus und der Hülfslehrer.
Es war gegen Mittag desselben Sonnabends, mit dem ich diese Erzählung begonnen, als Pastor Scheidler in seiner Studierstube saß und sich gar eifrig für die morgende Predigt vorbereitete. Um ihn her lagen eine Masse Bücher, Hefte und Zettel, und er selber stand oft auf, ging mit auf den Rücken gefalteten Händen eine Zeit lang rasch im Zimmer auf und ab und memorirte laut und heftig.
Es mußte aber heute etwas ganz Wichtiges sein, was ihm bei seinem Studium so schwere Sorge machte, denn sonst wurden ihm die Predigten gar nicht so sauer, und ein paar Candidaten hatten in der benachbarten Stadt schon ausgesprengt, er wisse genau, wo er in alten staubigen Büchern nagelneue Sermone auffinden und benutzen könne. War das wirklich einmal der Fall, so durfte es sicherlich auf diese keine Anwendung finden, denn die ganze Nacht hatte er geschrieben, wieder ausgestrichen, wieder geschrieben, und endlich schon mit Tagesdämmerung den zu Papiere gebrachten Entwurf auswendig gelernt.
In derselben Etage, aber dicht an der Treppe und nach der Kirchmauer zugewandt, die nur wenig Licht und Wärme in das kleine Gemach ließ, hatte der Diaconus Brauer sein Arbeitszimmerchen, und hier saß er heute mit dem Hülfslehrer Hennig traulich auf dem Sopha, und Beide studierten die eben durch die Botenfrau aus der Stadt gebrachte Zeitung, in der sie des Neuen wohl viel, des Erquicklichen aber gar wenig fanden.
»Ich wollte, ich wäre jetzt Soldat,« seufzte Hennig endlich, und warf das Blatt unmuthig vor sich nieder auf den Tisch, »in der Welt giebt's nichts als Krieg und Aufruhr, und wir sollen hier indessen den Jungen noch die alte Geduld und Christenliebe einbläuen, während ihre Brüder und Vettern draußen, und ohne beides, in's Feld laufen. Es giebt doch in solcher Zeit nichts Elenderes, als einen Schulmeister.«
»Einen Diaconus vielleicht ausgenommen,« sagte Brauer trocken, und blies eine dichte Wolke blauen Tabacksdampfes in Ringeln gegen den Wachsstock hin, der vor ihm auf dem Tische stand.
Hennig sah ihn verwundert an, schüttelte aber dann mit einem halb gezwungenen Lächeln den Kopf und sagte leise:
»Ihr Geistlichen solltet gerade am wenigsten klagen! Ihr spielt hier, und besonders auf dem Lande, immer die erste Rolle, habt Euer gutes Auskommen und geltet bei den Bauern als was ganz Besonderes. Dazu haltet ihr Sonntags einfach Euere Predigt und geht dann die übrige Zeit blos mit feierlichem Ernst in den Zügen im Dorfe herum – es ist 'was Erhebliches, so ein Geistlicher zu sein.«
»Und gerade bei Ihrem Scherz haben sie den wunden Fleck getroffen,« sagte der Diaconus und strich sich mit der Hand ein paar Mal über die Stirn, als ob er Bahn machen wollte den freien Gedanken, die jetzt von Unmuth und Trübsinn umnachtet und verdüstert wurden, »Ihr haltet Sonntags die Predigt und geht dann die übrige Zeit blos mit feierlichem Ernst in den Zügen im Dorfe herum. Ja, ja, in dem feierlichen Ernst liegt Alles, was ich nur gegen Ihr Lob und Preisen erwidern könnte.«
»In dem feierlichen Ernst?« sagte der Hülfslehrer erstaunt, »nun ich dächte doch, das wäre die geringste Unbequemlichkeit, die eine Stellung mit sich bringen könnte.«
»Sehen Sie, Hennig,« fuhr Brauer, ohne des Freundes Einwurf zu beachten, fort und legte ihm die linke Hand leise auf den Arm, »der ›feierliche Ernst‹, von dem Sie sprachen, und den das Landvolk auch im Allgemeinen von einem Geistlichen erwartet, ja fordert, das ist die Heuchelei des Standes, die mir in der letzten Zeit und seit ich darüber zum klaren Bewußtsein gekommen, am Leben nagt und meinen Frohsinn zerstört, die Heuchelei sich zu geben, wie man nicht ist. Und nicht blos im Dorfe und außer der Kirche, das ließe sich ertragen – wenn es mir auch früher ein bischen schwer angekommen ist, nur weil ich ein Geistlicher war, Tanz und Jugendlust entsagen zu müssen, jetzt denk' ich überdies nicht mehr daran – nein, auf der Kanzel oben, da wo ich manchmal so recht aus dem Herzen heraus den Leuten sagen möchte, wie ich mir den lieben Gott denke, wie ich das Leben und Wesen der Religion empfinde, begreife, fühle, da, da müßt' ich mit dem ›feierlichen Ernst‹ zu Dogmen schwören, die ich im Herzen für Unsinn halten muß, von ewigen Strafen sprechen, wo mir die Brust von ewiger Liebe voll ist, muß Jesus Christus zu einem Gott erniedrigen, während er als Mensch so hoch, so unerreichbar stände. Und der Firlefanz dann, der unseren Stand umgiebt, der Priesterrock, die Krause, der bunte Fastnachtstant auf dem Altar, o Hennig, ich schwör' es Ihnen zu, ich komm' mir immer, wenn ich von dem verzerrten Bild des Gekreuzigten, und von all' den Quälereien der Märtyrer und Heiligen, mit ihren Sinnbildern, den Ochsen und Eseln, umgeben stehe, wie ein Indischer Bramine, Buddhapriester, oder sonst ein fremdländisches Ungethüm vor, und muß mich manchmal ordentlich umsehen, ob es denn auch wirklich wahr ist, daß ich als Christ in der ›allein selig machenden Religion‹ einen solchen Rang bekleide, wie der Bramine und Feuerpriester, wie der Bonze und Fetischmacher, und daß nur der einzige Unterschied in dem Fleckchen Erde liegt, auf das uns das Schicksal gerade zufällig hingeschleudert hat.«
»Nun bitt' ich Sie um Gottes Willen,« rief Hennig verwundert, »was fällt Ihnen denn auf einmal ein? Sie wollen doch nicht etwa unsere christliche Religion mit dem wilden Heidenthum der Brama- und Buddha-Anbeter, oder wie die langarmigen Götzen alle heißen, vergleichen? na, wenn das der Pastor hörte, das Bischen Strafpredigt!«
»Ich weiß es« sagte der Diaconus mürrisch, »und das gerade macht mich so erbittert, daß ich hier etwas gegen meine Ueberzeugung für das vorzüglichste ausgeben soll, was, wenn wir das Nämliche nur mit anderem Namen belegen, und in ein anderes Land versetzen, von uns verlacht und verachtet wird. Unsere Religion ist schön und herrlich, Christi Lehre in ihrer Einfachheit und Größe unübertroffen in der Geschichte, aber weshalb dürfen wir sie dem Volk nun nicht so rein und herrlich geben, wie wir sie von ihm empfangen? warum muß sie erst noch, mit alle dem, was spätere Schreiber und Pfaffen dazugethan, unkenntlich und ungenießbar gemacht werden? Die Schriftgelehrten sagen: was thut das, der Kern ist die Hauptsache, der ist gut und vortrefflich, an den wollen wir uns halten, und das was Schaale ist, weiß man zu sondern; ja, aber der gemeine Mann nimmt die Schaale für den Kern; ihm ist der Firlefanz so lange vorgehalten, bis er ihn für die Hauptsache, und das Andere Alles für Nebensache hält. Ein Löffel Cichorie kann, meinem Geschmack nach, den besten Kaffee ungenießbar machen, und hat man nun gar einen ganzen Topf voll Cichorie, und nur ein paar ächte Bohnen darin, so gehört ein Kenner dazu, das herauszufinden. Der Bauer sieht auch die Kirche in der That mehr als etwas Aeußeres an, und wie sollte er anders, da er von Jugend auf darauf hingewiesen wurde. Er geht nicht hinein, weil ihn Herz und Seele hineinzieht, weil er eben nicht draußen bleiben kann, wie es mich in die Natur, unter Gottes freien, herrlichen Tempel zieht, sondern, weil er sich vor dem Pastor fürchtet, und seinen Namen nicht gern, käme er nach längerer Zeit einmal wieder, von der Kanzel herunter hören möchte. Auch die Gewohnheit trägt viel dazu bei; er sitzt gern am Sonntag Morgen, wo er zu Hause doch nichts anderes anfangen könnte, auf seinem Platz im ›Gotteshaus,‹ aber nicht aufmerksam und gespannt den Worten lauschend – dem Sinn der Predigt folgend, sondern mehr in einer Art Halbschlaf, mit nur theilweis hinlänglich wachem Bewußtsein, um einzelne Worte und Sätze zu verstehen. Nur dann, wenn der Pastor von der Kanzel herab über irgend einen Mißbrauch, oder noch lieber über eine bestimmte, ja am liebsten namhaft gemachte Person, die er nur nicht selbst sein darf, loszieht, nimmt er die schlaffen Sinne zusammen, und schon der Beifall, den er solcher Predigt spendet, wenn er zu Hause kommt, beweist, in welchem Geist er das Ganze aufgefaßt. ›Der hat's en aber heute mal gesagt‹ spricht er, und freut sich dabei über seinen Pastor, wie er so tüchtige ›Haare auf den Zähnen‹ hätte.«
»Aber weshalb sind Sie dann, und wenn Sie so denken, überhaupt Geistlicher geworden?« frug ihn Hennig erstaunt.
»Weshalb?« sagte Brauer, »dieselbe Frage könnte ich Ihnen zurückgeben, denn glauben Sie das Alles selber, was Sie Ihrem Amtseid nach gezwungen sind, den Kindern im Religionsunterricht zu lehren? – nein, aber Sie wissen auch, wie wir im Anfang und von Jugend auf erzogen werden, und wie sich unser Leben fast stets so, daß unser freier Wille nur dem Namen nach dabei in's Spiel kommt, gestaltet und heranbildet. Schon mit der Taufe, unserer ersten Aufnahme in den Bund der Christen, fangen wir an; das schreiende Kind wird mit lauwarmem Wasser begossen, und seine Pathen bestätigen in seinem Namen, wohl häufig selbst ungläubig, den ›festen Glauben‹ des neuen Erdenbürgers. Das aber geht noch an; es ist eine symbolische Handlung, und manche Leute hängen am Formellen; aber nun ist der Junge vierzehn Jahr alt, also in den besten Flegeljahren, hat von einem selbstständigen Gedanken noch keine Idee, plappert nach, was ihm vorgebetet wird, und legt nun auf einmal, mit dem ersten Eid, den er leistet, und wie oft ein Meineid, sein Glaubensbekenntniß ab. Welche Erinnerung bleibt ihm in späteren Jahren von dieser so feierlich gehaltenen Handlung? – daß er sich da zum ersten Mal höchst unbehaglich in einem langschössigen schwarzen Frack gefühlt, und ungeheure Angst gehabt habe, die Oblate bliebe ihm auf der Zunge sitzen – weiter Nichts. Entschließt sich nun der Knabe, nach allen diesen Vorbereitungen dazu, Theologie zu studieren, so begreift er gewöhnlich erst dann so recht aus innerster Tiefe heraus, welchen Stand er gewählt – wenn es zu spät ist. Schritt nach Schritt wird er seinem neuen Berufe näher gezogen, das zweite Examen befestigt ihn endlich unwiderruflich darin, und wenn er sich auch mit Sophismen beschwichtigen und einschläfern will, der Geist in ihm wacht doch und ist lebendig, und raunt ihm Tag und Nacht in's Ohr: einen Priester der Wahrheit willst Du Dich nennen, und zweifelst selber an den Worten, die dir die todte Schrift auf die Lippen legt. –
Aber fort mit den Gedanken, sie quälen uns umsonst, und die Sache bleibt doch wie vorher, die Ketten, die unser Leben fest und unerbittlich umschlossen halten.«
»Sie mögen bei Manchen recht haben« sagte Hennig, und schien ebenfalls plötzlich weit ernster geworden zu sein, – »das hat dann freilich Jeder mit seinem Gewissen auszumachen, was aber das äußere Leben betrifft, so sind die Geistlichen doch unbedingt vor uns Lehrern auf das ungerechteste bevorzugt. Sie bilden auf dem Lande die alleinige Aristokratie, und werden von den Bauern geachtet und geehrt; wie aber steht dies dagegen mit dem Schulmeister? – so ein armes Thier von Dorfschul–«
Ein lautes Pochen am Hausthor unterbrach ihn hier, und der Diaconus, der eben aufgestanden, und ein paar Mal im Zimmer auf und abgegangen war, öffnete seine Thür, ging die Treppe hinab, und schob den Riegel zurück, der den Eingang verschlossen hielt.
»Is der Herr Paster uaben?« frug ihn hier eine vierschrötige Bauerngestalt, die einen derben, etwa elfjährigen Jungen an der Hand, gerade vor dem Eingange stand. Der Mann sah böse und gereizt aus, die Pelzmütze stak ihm seitwärts auf dem struppigen blonden Haar, und mit der linken, breiten, sehnigen Faust hielt er fest des Jungen rechten Arm gepackt, der seinerseits ebenfalls dickverweinten Angesichts und Trotz und Angst in den schmutzig geschwollenen Zügen, mit dem anderen freien Ellbogen die Spuren der letzten Thränen zu verwischen suchte.
»Der Herr Pastor studiert« sagte der Diaconus ruhig, »Ihr wißt wohl, es ist heute Sonnabend, und da läßt er sich nicht gern stören.«
»Ich muß ihn aber emol sprächen« beharrte der Unabweisbare – »'sis von wägen mein Jungen do, den hat mir der Schulmaistr verschlahn.«
»Der Schulmeister?«
»Jo, der Ole – blitzeblau is der Junge auf'm ›Setz Dich druff,‹ un der Rücken hat Striemen, wie meine Finger dick; soll mich der Böse bei Nacht besuche, wenn ich mer mein Jungen verschlahn lasse, wenn er keene Schuld nich hat.«
»Keine Schuld? aber woher wißt Ihr das schon? wird der Schulmeister ein Kind unverdient strafen? Vater Kleinholz ist doch sonst nicht so hart und grausam.«
»Ah was, grausam hin un her!« knurrte der gekränkte Vater, »mein Junge hot mer de ganze Geschichte verzählt, und gor nix hot er gethan, sein Hingermann is es gewäsen, der hot die ganze Suppe verdient, denn des is dem Klausmichel sein Crischan, das Raupenluder, un den hab' ich schon lange uff'm Striche.«
»Aber lieber Freund –«
»Ah, papperlapapp, mit dem Pastor will ich räden, wu is er, der hot noch Zeit gening zum Studieren!« und ohne eine weitere Antwort oder Erlaubniß abzuwarten, schleppte er seinen Jungen, der sich übrigens bei der ganzen Sache nicht wohl zu befinden schien, die Treppe hinauf, bis vor des Pastors Zimmer, klopfte hier rasch an, und trat, ohne selbst das gewöhnliche »Herein« abzuwarten, zu ihm ein.
Der Diaconus ging in seine eigene kleine Stube zurück, wo der Hülfslehrer noch sinnend auf dem Sopha saß, und die beiden hörten jetzt, wie der Bauer mit lauter ärgerlicher Stimme wahrscheinlich das ihm, in seinem Sohne widerfahrene Unrecht dem Pastor klagte.
»Hat denn Kleinholz Meinhardts Gottlieb so geschlagen?« frug der Diaconus den Hülfslehrer endlich, als auch jetzt des Jungen winselnde Stimme, sicherlich erst auf gestrenge Aufforderung, laut wurde, »er soll dicke Striemen haben.«
»Der Meinhardt ist ein böser, durchtriebener Bube« sagte mürrisch der Hülfslehrer, »hätte ich hier zu befehlen, die Range bekäme täglich dreimal Schläge, und das derbe, sonst wird aus dem nichts. Der alte Kleinholz hat aber die Kräfte kaum mehr, Striemen zu schlagen. Wenn er den Bengel übrigens doch gezüchtigt, so muß das schon gestern Nachmittag geschehen sein, denn heute Morgen ist er auf sein Feld hinaus, und ich begreife dann nicht, weshalb der Mann nicht gleich auf frischer That herüber kam.«
Des Pastors Thür ging drüben auf, und Sr. Ehrwürden rief heraus:
»Herr Diaconus – Herr Diaconus!«
»Herr Pastor?« sagte der Gerufene, und trat in die Thür.
»Bitte, bestellen Sie doch einmal, daß der Schulmeister herübergerufen werde – er soll aber den Augenblick kommen! Hören Sie?«
Der Diaconus, gerade nicht in der Laune sehr bereitwillig zu sein, brummte eine Art Antwort, schickte unten aus dem Haus das Mädchen nach der Schule hinüber, und kehrte in sein Zimmer zurück, der Hülfslehrer hatte dieses aber indessen verlassen, und war in das Dorf hinunter gegangen.
Etwa zehn Minuten mochten so verflossen sein, als der langsame Schritt des alten Keilholz auf der Treppe gehört wurde, und dieser gleich darauf leise und ehrfurchtsvoll an die Thüre des Herrn Pastors anklopfte. Drinnen die Leute waren aber im eifrigen Gespräch, und hörten nicht, wie der ängstliche Finger des Greises die Thüre berührte, dem geistlichen Herrn mochte aber indessen die Zeit zu lange dauern, der Bauer mit seinem Salbader hatte ihn so zu höchst unwillkommener Stunde in seinem Studium gestört, und rasch und ungeduldig, riß er die Thüre plötzlich auf, so daß er im nächsten Augenblick vor der eben zum Klopfen wieder niedergebeugten und jetzt ängstlich zurückfahrenden Gestalt des greisen Schullehrers stand.
»Halloh Herr, horchen Sie?« frug er scharf und überrascht.
»Bitte – bitte tau – tausendmal um Verzeihung,« stotterte, blutroth vor Schaam über die ungerechte Beschuldigung, der also Angeredete – »ich hatte schon zweimal angeklopft, aber der Herr Pastor –«
»Schon gut, Schulmeister,« fiel ihm der Seelsorger mit Autorität in's Wort, »kommt einmal auf ein paar Minuten herein – bringt nur Euren Hut mit – Schulmeister –« und er zog dabei die Thür hinter dem, durch die ernste Anrede etwas erschreckten kleinen Mann zu. – »Schulmeister, Meinhardt hier beklagt sich, daß Ihr seinen Jungen so unbarmherzig geschlagen haben sollt.«
»Die Striamen werd mer der Junge vier Wochen mit 'rim tragen,« fiel ihm der Bauer heftig in die Rede –
»Herr Pastor« sagte aber Kleinholz, der jetzt wohl merkte, um was es sich handele, »der Gottlieb hat eine kleine Strafe verdient gehabt, und meine Hand ist nicht mehr so schwer, daß sie einem Kinde Schaden zufügen könnte; von Striemen kann da wohl keine Rede sein.«
»Keine Rede sein?« rief der Bauer, »Gottlieb, gleich noch emol mit der Jacke ringer – keene Striemen nich – so? – ei da –«
Der erzürnte Vater legte schon selbst mit Hand an, die geläugnete Thatsache durch das corpus delicti, den geprügelten Körpertheil, zu Tage zu fördern, der Pastor unterbrach ihn aber darin, faßte ihn am Arme, und bat ihn, die Sache ruhen zu lassen, und jetzt still nach Hause zu gehen, er wolle schon mit dem Schulmeister sprechen, »es solle nicht wieder geschehen!«
Der Bauer wollte noch Einiges bemerken, kam aber nicht mehr zu Wort, und verließ bald darauf, den verdrossenen Jungen, wie bei der Ankunft, hinter sich herschleppend, das Zimmer. Draußen aber blieb er stehen, und die Unterredung im Innern wurde, wenigstens von der einen Seite, so laut geführt, daß er deutlich jedes Wort verstehen konnte.
»Schulmeister, Ihr dürft mir die Kinder nicht so mishandeln!« sagte die gereizte Stimme des geistlichen Herrn, »es sind schon mehrfach Klagen eingelaufen, und ich habe denn doch wahrhaftig keine Zeit, mich mit solchen Sachen fortwährend aufzuhalten; die halbe Nacht sitz' ich und arbeite, und muß mich jetzt wegen Euch und Eures unverzeihlichen Betragens wegen, mitten aus meinen Studien herausreißen.«
Es entstand hier eine kleine Pause, und wahrscheinlich erwiederte der Schulmeister etwas, denn der Pastor fiel gleich darauf, und mit fast noch größerer Hitze wieder ein:
»Schulmeister, macht mit Leugnen Euer Vergehen nicht noch schlimmer; ich habe den Rücken des Jungen selbst gesehen, und von drei leichten Streichen kriegt so ein derber Bengel nicht fünf oder sechs Schwielen über die Schultern – schon gut, schon gut, ich habe mehr zu thun, als mich mit Euch hier herum zu streiten – ich bin fest überzeugt, es geschieht mir nicht wieder, oder – ich müßte mich genöthigt sehen, ernstere Maaßregeln zu ergreifen – guten Morgen, Schulmeister, guten Morgen, die Sache ist für heute abgemacht.«
Das Geräusch drinn in der Stube ließ darauf schließen, daß die Unterredung beendet sei, und der Bauer, der doch nicht gern beim Horchen ertappt werden wollte, zog sich rasch nach der Treppe zurück, war aber nicht im Stande sie zu erreichen, ehe Kleinholz heraustrat. Dieser begriff leicht, daß der Mann alles in des Pastors Zimmer Verhandelte, gehört haben mußte, und ein tiefes Roth färbte für einen Augenblick seine Wangen, aber er sagte Nichts, und wollte grüßend an dem Bauer vorüber gehen, Meinhardt gab ihm fast unwillkührlich Raum, als er aber dicht bei ihm war, und er das bleiche abgemagerte Gesicht, und die Schaamröthe auf den fahlen Zügen sah, da fing er selbst an, sich bis in die Seele hinein zu schämen.
Er nahm den Schulmeister, trotz dem daß sich dieser leise dem Griffe zu entziehen suchte, fest bei der Hand, führte ihn die Treppe hinunter, und blieb dort einen Augenblick, wie um einen Anfang verlegen stehen. Endlich, da er das, was ihm eigentlich auf dem Herzen lag, gar nicht recht ausdrücken und zu Tage bringen konnte, ja vielleicht auch fühlte, daß mit Worten, die ihm selten zu Gebote standen, unverhältnißmäßig schwieriger sein würde, als durch die That selber, drehte er sich urplötzlich, und um diesem, ihm fatal werdenden Zustand ein Ende zu machen, nach seinem Jungen um, gab dem auf's Aeußerste Erstaunten links und rechts ein paar tüchtige Ohrfeigen, daß der sich schreiend und zurückprallend mit beiden Händen den mißhandelten Schädel hielt, und rief, indem er noch zum dritten Mal ausholte, was Gottlieb aber gar nicht abzuwarten gedachte, hinter dem jetzt sporenstreichs dem Thor zuspringenden Jungen her:
»Da, Du Kriate Du, Du bist auch su en nixnutziger Bengel, där seinen Lehrer de Galle in eine furt im Ufruhr hält – kumm mer wieder mit Striamen uf'm Hintern haim, un ich mach' der de Quärstriche driber, daß der der ›Setz Dich druff‹ wie'n Damenbrät aussähn sull.«
Jetzt, wo seiner Ansicht nach der Schulmeister eine glänzende Genugthuung erhalten hatte, wandte er sich noch einmal zu diesem, drückte ihm die Hand und sagte lächelnd:
»Där märkt sich's, Schulmeister – Dunnerwätter! was mer seine Noth mit den Kingern hat.«
Und damit schlug er sich den Hut fest in die Stirn, und verließ mit vieler Selbstzufriedenheit rasch, – wenn auch nicht so rasch wie sein ihm vorangegangener Sohn – die Pfarre.
Viertes Kapitel.
Parterre und erste Etage.
In Horneck, und zwar im westlichen Theile des kleinen Fleckens, gerade da, wo Försters Fähre von jenseits landete, und dicht an die malerischen Ufer der toll vorbeisprudelnden Rausche stoßend, stand eine Reihe städtisch aussehender Häuser, die auch größtentheils durch Bewohner der nicht fernen Residenz angelegt worden waren, und den des Stadtlebens Müden im Sommer zum Lieblingsaufenthalt dienten. In diesem Jahre waren sie denn auch wieder, und zwar außergewöhnlich früh, aus der Stadt hier eingetroffen, und hatten die so lang vernachlässigten Wohnungen bezogen; aber nicht das Frühjahr mochte die Ursache sein, obgleich dieses ebenfalls gar ungewöhnlich zeitig seine lieben duftenden Boten gesandt und den Wald mit Grün geschmückt, nicht die warmen Südwinde mochten die Schuld tragen, obgleich sie wie Sommerhauch durch die moosigen Schluchten und Thalgründe strichen, nicht der enteiste Strom schien die Stadtleute hervorgelockt zu haben, aus ihren engen düsteren Straßen, wenn auch er gleich so munter und lebensfroh unter den saftgrünen Weidenruthen und zwischen dem aufkeimenden Wiesensammet, ja von mancher stillen Waldblume geküßt und gegrüßt, vorüber tanzte, sondern die rauhe unruhige Zeit war es, die auf Sturmesfittigen über dem verschlafenen, schlafsüchtigen Deutschland die Lärmglocke erdröhnen machte, daß im Norden und Süden, im Osten und Westen, die Völker zu gleicher Zeit aus dem Traume auffuhren, und nun erstaunt, überrascht erkannten, wie hoch die Sonne stehe, wie lange sie im Schlummer gelegen hätten, und – wie stark, wie furchtbar stark sie selber seien.
Auch in der Residenz hatte nämlich der Schall seinen Wiederklang gefunden, und das sonst so gemüthliche, vergnügungssüchtige Völkchen derselben verließ Bälle und Theater; in unzähligen Vereinen traten donnernde Sprecher auf und hielten stundenlange unverständliche Reden, die so einer endlosen Wüste glichen, daß das Volk, wenn es nur ein einziges Mal zu einer Oase, das heißt, zu einem einigermaßen verständlichen Satz kam, rauschend applaudirte; andere sprangen dann hinter ihnen mit Feuereifer auf die Tribüne, die Schlagwörter des Tages folgten in rascher Reihenfolge, stürmischer Jubelruf begleitete fast jeden einzelnen Satz, das Wort »Freiheit« wurde zu einer Geißel gedreht, mit der man die »Reactionaire« blutig peitschte, das souveraine Volk schrie jeden mißliebigen Redner von dem Rednerstand hinunter, und heitere Katzenmusiken mit obligater Fensterscheibenbegleitung beschlossen dann gewöhnlich die freudig erregten Versammlungen. Um aber auch den ruhigeren oder vielmehr gleichgültigeren Bürgern, die trotz aller Aufmunterungen an solchen Vereinen nicht Theil nehmen wollten, oder gar, was noch weit schlimmer war, anderen, natürlich reactionair gesinnten Vereinen angehörten, eine ihnen höchst zuträgliche Bewegung zu verschaffen, oder auch zu bewirken, daß sie die so wichtigen Tagesfragen ordentlich bedächten, schlug man gewöhnlich, wenn die Männer der Freiheit um 10 Uhr zu Hause gegangen waren, Generalmarsch, und ließ dann die übrigen bis um ½1 Uhr Nachts die Vorgänge des Tages auf dem Marktplatz besprechen.
Sehr Vielen behagte eine solche abwechselnde und gewiß interessante Lebensweise, Andere aber sehnten sich auch wieder nach thatenloser Ruhe, nahmen es übel, daß sie, wenn sie sich kaum um zehn Uhr Abends niedergelegt, gleich wieder von einem Höllenlärm begrüßt wurden, von dem sie nie wußten, ob er ihnen, oder dem Nachbar galt (was sich übrigens auch gleich blieb, da immer Einer wie der Andere denselben Antheil empfing) und verließen, sobald die warme Frühlingsluft Blumen und Gräser aus der starren Erde lockte, die Stadt mit ihrem regen, ruhelosen Treiben.
Dieser Theil nun von Horneck, der sich sowohl an Eleganz der Wohnungen, als auch an Reinlichkeit vor dem übrigen Dorfe sehr vortheilhaft auszeichnete, wurde übrigens nicht von allen Bewohnern mit günstigen Augen angesehen, obgleich gerade die Besitzer desselben viel dazu beigetragen hatten, den Wohlstand des kleinen Ortes zu verbessern. Die »Stadtleute«, wie dessen Insassen in Horneck hießen, galten für entsetzlich »stolz« und die Dorfmädchen steckten immer die Köpfe zusammen und kicherten nach Herzenslust, wenn die »Stadtmamsells« in vollem Glanze durch die Kirchgasse strichen und mit den »Schleppen« den Fußweg »sauber fegten«.
Die Stadtleute kümmerten sich aber ihrerseits wenig um die »guten Bauern«, mit welchem Namen sie alle Landbewohner, trotz des gewaltigen Unterschiedes, den dieselben in solcher Benennung machen, belegten; erfreuten sich an der reizenden Umgegend, an der Lage des ganzen kleinen Ortes, an dem düstern Nadelholze und dem rauschenden Strome, an den wellenförmigen Feldern und »weichen Grasplätzen«, wie sie die Wiesen nannten, an den blökenden Heerden und dem melodischen Getön der Schafglocken, am Springen der Ziegen und dem komischen Gange und Schritten der bedeutenden Gänseheerden, kurz, von Allem was sie umgab, betrachteten sie nur die »Bauern« eben als eine nothwendige Zugabe zu diesem allen, um die landwirthschaftlichen »lebenden Bilder« in Gang zu halten, und verkehrten nicht weiter mit ihnen, als sie nothgedrungen mußten.
Unter den verschiedenen Familien, die ebenfalls und zwar schon Ende März ihre Sommerwohnungen in Horneck bezogen, befand sich auch eine alte Kommerzienräthin Schütte mit ihrer Tochter, die besonders freundlichen Umgang mit Pastors gesucht und gefunden hatte. Anna Schütte, ihre etwa vierundzwanzigjährige Tochter, war besonders die Liebenswürdigkeit selber; der Frau Pastorin hielt sie das Garn und half ihr mit nach den Kühen sehen, setzte sich zu ihr, und erzählte ihr tausend und tausend Geschichten, alle natürlich auf den Buchstaben wahr, aus dem Residenzleben (und wer hätte das nicht besser gekannt, als Anna Schütte, deren ganzes Leben in der Residenz eine ununterbrochene Kaffeevisite bildete) lobte ihre vortreffliche Butter und den delikaten Käse, versicherte selbst, in Itzingen keinen so guten Kaffee getrunken zu haben, und die Kinder – nein die Kinder, so 'was Herziges existirte auf der weiten Gotteswelt nicht mehr, mein himmlisches Louischen, meine Göttermimmi, mein Götterkind, mein Seelenplätzchen, mein Engelsgesichtchen – und wie gelehrig die »lieben herzigen Dinger« waren. Lieder lernten sie singen, merkwürdig schnell brachte sie die Melodie zum »Graf von Luxemburg« dem fünfjährigen Mädchen in drei gewöhnlichen Unterrichtsstunden bei, und zu Gesichterschneiden u. s. w. zeigten die lieben Dinger eine für ihr Alter ungewöhnliche Geschicklichkeit. Besonders in einer Sache wußte sie die »herzigen Kinder« zu wirklicher Vollkommenheit zu bringen, und diese war, daß sie den Namen irgend einer Person über die Straße hinüber, oder Etagen herauf oder hinunter, mit unverwüstlicher Geduld anriefen. Stand z. B. ihr Vater über dem Weg drüben und sprach mit Jemandem, so mußten die Kleinen rufen Va–ter, und die letzte Sylbe immer eine Quinte höher als die erste – Va–ter – Va–ter, bis der Vater, oder wer es nur war, der zu solchem Anruf als Opfer ausersehen worden, in voller Verzweiflung, denn seinem Schicksal entging er nicht, Folge leistete.
Daß das unartig oder unschicklich sei, konnte man den Kindern ebenfalls nicht gut sagen, denn Fräulein Schütte hatte es sie ja gelehrt, und die kleinen Dinger trugen ihr jedes Wort zu, was gesprochen wurde.
Fräulein Schütte hatte aber noch eine andere Eigenschaft – sie sang, und zwar fast stets – auch bei nicht außergewöhnlichen Gelegenheiten – fortissimo, als ob sie auf einer sehr großen Bühne stände und contractlich verpflichtet wäre, bis in die entferntesten Räume der Galerien verständlich hineinzuschreien. Allerdings klang ihre Stimme, bei leisem Gesange, keineswegs unangenehm, bei solchen Kraftanstrengungen wurden die Töne aber scharf und – etwas Entsetzliches bei jedem Gesange – unrein.
In diesem Frühjahr war auch ein junger Mann aus der Residenz ganz allein hier in Horneck eingetroffen, den man früher dort noch nicht gesehen. Es war ein »Schriftsteller«, wie er sich selber nannte, und ein »sunderbares Gestell!« wie ihn die Landleute titulirten. Was er eigentlich in Horneck wolle oder treibe, wußte man nicht, seiner Aussage nach, wünschte er »eine Arbeit zu beenden«, die Bauern schüttelten aber dazu den Kopf und sagten, »wenn der eine Arbeit fertig machen wolle, so müsse er auch erst dazu anfangen, jetzt sei er aber schon vierzehn Tage im Orte, und habe nicht d'ran gegedacht, zu arbeiten, sondern nur in einem fort geschrieben.«
Dieser Literat, Strohwisch mit Namen, wohnte in demselben Hause mit der Commerzienräthin Schütte, und zwar unten Parterre. Anstatt aber mit denen, die gleich ihm hier an »ferne Küste« verschlagen worden, in recht freundschaftlichem Verhältnisse zu stehen, schien er wunderbarer Weise und ohne etwa vorhergegangenen Streit, auf sehr gespanntem Fuße mit den Damen zu leben, ja selber eine Art Ingrimm gegen sie im Herzen zu tragen. Konnte das verschmähte Liebe sein? »Pastors Sophie«, ein liebenswürdiges junges Mädchen von 19 Jahren, hatte ihn deshalb im Anfang stark im Verdacht – heißt das ihn – denn wenn auch Anna die Kinderschuhe schon lange ausgetreten haben mochte, wäre sie doch noch immer zu hübsch für den wirklich häßlichen Fremden gewesen.
Um aber auch unseren jungen Schriftsteller mit wenigen Worten bei dem Leser einzuführen, wird es vielleicht gut sein, ihn kurz und oberflächlich, das heißt sein eigenes liebenswürdiges Aeußeres, zu schildern und abzuconterfeien.
Feodor Strohwisch war ein Mann nahe an sechs Fuß hoch, mit starkem grobknochigen Gestell, sehr hervorstehenden Backenknochen und etwas stumpfer Nase, die Stirne dabei niedrig und eher eingedrückt als vorstehend, die Lippen aufgeworfen, der Teint braun, das Haar struppig braun und ganz kurz, à la malcontent, abgeschnitten, die Augen groß und stier, auch die Gehörsorgane sehr »ausgearbeitet«, einen schmalen dunklen Schnurrbart von der Mitte des Nasenknorpels hoch an der Oberlippe bis zu den Mundwinkeln niederlaufend, kurz ein Gesicht, wie es Jedermann, wenn es ihm in New-Orleans oder Rio de Janeiro begegnete, für einem Mulatten gehörig, oder doch von Negerrace abstammend, halten würde. Dennoch wäre diese merkwürdige Menschengestalt in der gewöhnlich schlichten Modetracht vielleicht unbemerkt vorübergegangen; aber nein, daran lag dem Eigenthümer des Angesichts nichts; er wollte gesehen, und mit dem Sehen auch – bewundert sein. Ein fast weißer, roth gefütterter Burnus floß, afrikanisch gearbeitet, um seine Glieder, großcarrirte Unflüsterbare deckten die langen Unflüsterbaren, an den Stiefeln klirrten ein paar mächtige Sporen, und die Hand trug malerisch eine fischbeinerne Reitgerte mit elfenbeinernem Griff, der einen Fuß und ein zartgebogenes Mädchenknie bildete, was er auf der Straße stets sinnend und schwärmerisch an die dicken Lippen drückte. Papageigrüne Glacéhandschuh vollendeten die Toilette des »Gelehrten«. Feodor Strohwisch war auch musikalisch, spielte gar nicht übel Pianoforte, und schwärmte oft bis tief in die Nacht hinein, wenn – ihn Anna Schütte nicht daran verhinderte – doch davon später.
Feodor saß unten im Parterre in seinem Zimmerchen und schrieb; er mußte augenscheinlich Gedichte machen, denn er kaute sehr viel dabei an den Federn herum, sah manchmal ganz vergnügt vor sich hin, schrieb vier Zeilen, strich drei davon wieder aus, und fing dann mit denselben Experimenten von vorne an. Das Singen aber schien ihn auch nicht zu stören, es hatte wenigstens keinen äußerlichen Einfluß auf seine Bewegungen, und seine Arbeit hatte ihren Fortgang, nur wenn ein falscher Ton kam, fuhr er wie Einer in die Höhe, der plötzlich und unerwartet mit einer Stecknadel gestochen wird, schüttelte dann mit dem Kopfe, biß wie verzweifelt in die Feder hinein, daß die hätte laut aufschreien mögen, und fuhr wieder in seiner Beschäftigung fort.
Anders war es mit dem über die Straße Rufen des Fräuleins – das brachte ihn in der That oft der Verzweiflung nahe, und wenn die hohe Quinte auf der letzten Sylbe manchmal unverdrossen zehn, zwanzig Mal hintereinander durch das Haus schallte, begann er nicht selten die wunderbarsten Experimente, um seinem inneren Grimme Luft zu machen. Wie das aber geschah, werden wir im weiteren Fortgange der Erzählung sehen.
Da glitt plötzlich eine schlanke Mädchengestalt dicht an seinem Fenster vorüber, blitzesschnell fuhr er mit dem Kopfe nach und hinaus, doch – schon zu spät, die Gestalt war in das Haus geschlüpft und Feodor Strohwisch zog sein tief gerunzeltes Haupt wieder unverrichteter Sache zurück. Wenige Minuten später aber klopfte es oben bei Schütte's an und Anna flog mit einem lautschmetternden »Sie ist's – sie ist's, die Flagge der Liebe soll wehen!« das den Dichter unten um so mehr zur Verzweiflung brachte, da er nicht einmal wußte, wer es war, der Freundin, »Pastors Sophiechen«, entgegen.
»Ei du holder süßer Engel, das ist ja prächtig, daß Du mich heute besuchst,« rief sie nach der ersten Begrüßung, »ich habe schon gar nicht gewußt, womit ich den verzweifelt langen Nachmittag heute hinbringen würde; nun bleibst Du ein bischen bei mir und da plaudern –«
»Nein, liebe Anna,« fiel ihr hier lächelnd Fräulein Scheidler in die Rede, »der Nachmittag ist so herrlich, daß wir, so gut es mir bei Euch gefällt, unmöglich hier im engen Stübchen bleiben dürfen; deshalb komm' ich, Dich zu einem kleinen Spaziergang abzuholen.«
»Aber wohin, Soph'chen,« frug Anna, und ließ schon im Geist ihre Garderobe an sich vorbei defiliren, um die »Eingeborenen« wieder mit einer neuen Toilette in staunende Bewunderung zu versetzen; »wohin, unten am Fluß hin und her? Da wohnt ja Niemand, wie drüben über der Rausche etwa Försters.«
»Du närrisches Kind,« lachte das holde Mädchen, »wenn wir blos spazieren gehen wollen, kann es uns auch einerlein sein, ob da Jemand wohnt oder nicht; doch am Flusse sind wir schon so oft gewesen, und ich dächte deshalb, wir wollten heute einmal auf der Straße nach Sockwitz zu durch den Fichtenwald gehen. Du sollst nur einmal dort die herrlichen wunderschönen Bäume sehen, es ist ein reizender Spaziergang. Nur das einzige Unangenehme hat es, daß wir, von hier aus, hin und zurück durch das ganze Dorf der Länge nach durchmüssen, sonst –«
Anna's Zweifel schwanden mit einem Male.
»Das schadet Nichts,« sagte sie rasch, »es ist jetzt trocken und am Sonnabend Nachmittag besonders werden auch nicht die vielen fatalen Düngerwagen hinaus auf's Feld gefahren; ist Dir's also recht, so brechen wir gleich auf, und an mir soll es dann auch nicht liegen, wenn wir lange aufgehalten werden; – ich will mir nur ein anderes Kleid überwerfen.« –
»Ein anderes Kleid?« frug Sophie erstaunt, »aber warum denn das, um draußen im Wald spazieren zu gehen? Liebes Kind, Du bist für das Dorf viel zu hübsch angezogen, das Kleid, versichere ich Dich, ist vollkommen gut genug!«
»Ach bewahre,« lachte Anna naiv, »sieh nur, hier unten hat es ja gar einen kleinen Riß, wo ich neulich einmal an einem von den häßlichen Dingern mit Holzzacken, die an den Häusern aufgerichtet sind, hängen geblieben bin – laß mich nur, ich bin den Augenblick fertig – Friederi–keh – Friederi–keh!« Die hohe Quinte lag wieder auf der letzten Sylbe und der Ton schallte durch das ganze Haus.
»Was soll denn das Mädchen?« frug Sophie, »ich kann Dir ja wohl helfen das Kleid anziehen, wenn es denn einmal sein muß – was hast Du denn?«
»Laß mich nur,« sagte Fräulein Schütte, »weiß der liebe Himmel, wo das Mädchen wieder steckt, immer ist sie nicht da, wenn sie gebraucht wird, und schwatzen thut das Geschöpf, ich sage Dir, Sophie, das ist zum Verzweifeln; der Mund steht ihr nicht einen Augenblick stille. Nein, was man für eine Noth mit den Dienstleuten hat.« Sie trat an's offene Fenster und sah hinaus.
»Ja,« lachte Sophie, »das läßt sich nun nicht ändern und muß ertragen werden; uns ist es kaum besser gegangen, auch wir haben erst heute unser Mädchen abziehen lassen, und wissen nun noch nicht einmal, wie die einschlägt, die heute bei uns angezogen.«
»Das bleibt sich Alles gleich,« sagte Fräulein Schütte, »einen Satan schickt man fort und einen andern kriegt man wieder. Aber ich sehe unsere Friederike auch gar nicht auf der Straße, die muß dort um die Ecke gegangen sein – Friederi–keh! – Friederi–keh!«
Feodor Strohwisch unten that einen herzhaften Biß in die Feder, sprang von seinem Stuhle auf und lief wie ein Besessener in dem engen Zimmer auf und ab. Wunderbare Gesticulationen machte er dabei, und Einer, der ihn nicht näher kannte, wäre, wenn er das hätte unbemerkt beobachten können, sicher auf die sonderbarsten Gedanken gekommen.
In seinem Arbeitszimmer nämlich, und dicht neben dem Ofen, auf einem niederen braunlackirten Eckschranke, stand ein, wahrscheinlich der Wirthin gehörender alter hölzerner Haubenkopf, mit sehr roth gemalten Wangen und sehr dicht anliegenden Locken; einem ganz von Stecknadeln durchlöcherten Scheitel, ein paar dünnen, fest zusammengekniffenen ziegelfarbigen Lippen und sehr großen stieren blauen Augen, denen ein paar hochgestrichene rabenschwarze Brauen einen ganz eigenthümlichen Ausdruck gaben. Es sah fortwährend so aus, als ob der obere Theil des Gesichts ununterbrochen über irgend etwas auf das Aeußerste erstaunt wäre, und der untere Theil sich das unter keiner Bedingung wolle merken lassen.
Dieser Kopf nun war der Gegenstand, mit dem Feodor Strohwisch bei solchen Gelegenheiten, und zwar auf das lebhafteste verkehrte. Zuerst warf er dem Kopfe nur ein paar wüthende Blicke zu, die dieser auf das erstaunteste erwiederte, schoß dann noch einmal durch's Zimmer, und als die Friederi–keh von oben noch immer nicht kam, und der entsetzliche Ruf mit einer fabelhaften Geduld und Ausdauer hernieder schallte, da blieb er endlich vor dem Kopfe stehen, streckte ihm die eine geballte Faust entgegen und sagte mit dumpfer drohender Stimme:
»Fräulein Schütte, ich bin auch nur ein sterblicher sündhafter Mensch, und meine Geduld ist, wenn auch von Gummi elasticum, doch deshalb nichtsdestoweniger zerreißbar; ich hoffe, daß Sie jetzt –«
Feodor sah in grimmer Wuth zu dem Kopfe auf; es war fast, als ob er eine Gewaltthat beabsichtige, so dunkel und drohend glühten seine Augen.
»Fräulein Schütte,« begann er noch einmal, »wenn Sie glauben, daß ich bei solchem Lärm, der Einem wie glühende Schwerter durch Leib und Seele dringt, humoristische Gedichte machen kann, so erlauben Sie mir nur, ihnen die Bemerkung zu Füßen zu legen, daß das eine reine Unmöglichkeit ist: ich kann viel ertragen, ich habe schon viel ertragen, Fräulein Schütte, aber ich verbitte mir von jetzt an alle dergleichen Barbarismen. Schon das Friederike, mit ihrer lauten gellenden Stimme gerufen, ist grausam, das keh aber hinten dran, mit der hohen Quinte, ist kannibalisch. Ich sage Ihnen –«
»Friederi–keh! Friederi–keh!«
Das war zu viel, Feodor Strohwisch schoß, wie aus einer Pistole geschossen, auf den Kopf los, ergriff ihn mit der Linken an dem langen dünnen Halse, und legte ihm die breite Rechte fest und entschlossen auf den Mund. Der Ausdruck des Gesichts, dessen untere Parthien so zugehalten wurden, daß nur der vollständig erstaunte obere Theil desselben sichtbar blieb, nahm einen wahrhaft beunruhigenden Charakter an, der Gereizte blieb aber unerbittlich und sagte nun nach wohl minutenlanger Pause, in der übrigens der Ruf nicht wiederholt wurde:
»Sehen Sie, mein Fräulein, sehen Sie? – Sie haben es nicht anders haben wollen, Sie haben mich förmlich zu Zwangsmaßregeln genöthigt; ich bitte Sie inständigst, ich bitte Sie um ihrer selbst willen, uns Beiden das nächste Mal solche unangenehme Auftritte zu ersparen.«
Und damit schob er den Kopf auf seine Stelle zurück, ging wieder an sein Schreibpult und war bald auf's Neue vollkommen in sein Sinnen und Grübeln vertieft. Aber auch Fräulein Schütte hatte die Genugthuung, daß ihre Friederikeh endlich, nach so unermüdlicher Anstrengung der Lungen, erschien, das gewünschte Kleid wurde gebracht und angezogen, saß ausgezeichnet, und Arm in Arm wandelten die beiden Freundinnen bald darauf den Berg hinauf, an der Pfarre und Schenke, die Sonnabends und Sonntags besonders stark besucht war, vorüber, folgten dabei immer nur dem ziemlich breiten und mit gelbem Kies beworfenen Fuhrweg, der bis zu den letzten Häusern des Dorfes sich erstreckte, und betraten nicht lange nachher den herrlichen grünen Wald, in welchem sich die Straße, allerdings immer schmäler werdend, hinschlängelte, bis sie zuletzt zu einem gewöhnlichen Holzfuhrweg wurde, der durch lange schmale Streifen Gras und alte, lange nicht aufgefrischte Wagenspuren verrieth, wie selten er befahren, wie wenig er überhaupt benutzt wurde, indem der Hauptweg nach Sockwitz schon früher rechts abzweigte, und in die große, im zweiten Kapitel erwähnte Chaussee auslief.
Fünftes Kapitel.
Der alte Jäger.
Indessen war Hennig, aus dessen innerstem Herzensschacht das Gespräch mit dem Diaconus wohl auch manch trüben Gedanken zu Tage gefördert haben mochte, ebenfalls aus dem Dorf heraus und durch den Wald geschlendert. Ihn trieb es, allein zu sein, denn das was ihm auf dem Herzen lag war zu schwer, zu freudlos als daß er es mit dem armen Mann, der schon für sich ein so tüchtiges Bündel zu tragen hatte, hätte theilen mögen. Es wurde Mittag, und er wußte, daß sie daheim auf ihn mit dem Essen warteten, aber er konnte sich jetzt nicht gleich wieder unter Menschen setzen, jetzt nicht gleich wieder über alltägliche Dinge plaudern oder »wichtige Schulberichte« mit anhören, wo ihm das ganze Leben so schal und nichtig vorkam, daß er sich ordentlich nach freier Luft und nach stillen grünen Waldesbäumen sehnte. Denen konnte er sein Leid klagen, ohne von ihnen verhöhnt zu werden, ja die nickten wohl auch mitleidig dazu mit dem Kopfe und schienen in ihrem stillen geheimnißvollen Rauschen mit ihm trauern, mit ihm zu dulden.
Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als er erst wieder an die Rückkehr dachte; lange schon hatte er den Fuhrweg verlassen und die Biegung einer Waldwiese beibehalten, die sich wohl eine gute Stunde Weges lang am Bergeshang hinzog und erst oben wieder durch einen schmalen Fußpfad mit der Straße zusammen hing, die auch die beiden Mädchen eingeschlagen hatten, und die sonst nur gewöhnlich benutzt wurde, um die oben auf dem Bergeskamm gehauenen Stämme hinunter nach der Thalmühle zu schaffen.
Anstatt aber gleich den kleineren Pfad einzuschlagen, wandte er sich ein wenig links drei hohen Eichen zu, die hier stolz aufragend über die niederen düsteren Fichtenstämme emporschauten. Dort quoll aus dem weichen lauschigen Moos ein klarer Quell hervor, und rieselte mit leisem Murmeln durch die weiche, torfige Rasendecke hin in das Thal hinab, wo er sich – anstatt bedächtig, wie es der größere und verständigere Bach that, an der Abdachung hin zu gleiten und unten, in der weidenumgürteten Schlucht langsam in die Rausche hinaus zu treten – in tollem Muthwillen ordentlich die steilsten und schroffsten Felsenhänge aufzusuchen schien und in jähen kecken Sprüngen, über moosigen Stein und starre Lehmbank weg, wild und sprudelnd und weißen Schaum jubelnd um sich her sprühend, in den unten froh vorbeibrausenden Fluß sprang.
Diese Quelle suchte Hennig auf, denn ihn dürstete, als er aber den Fuß der Eichen erreichte, sah er, wie sich dort eine menschliche Gestalt bewegte; gleich darauf schlug ein Hund an und er erkannte näher tretend, den alten Jäger Holke, der hier beschäftigt war, ein anscheinend erst verendetes Reh aufzubrechen. Sobald der aber die Schritte hinter sich und das Bellen des Hundes hörte, hatte er, rasch auffahrend, nach der Flinte gegriffen, jetzt jedoch, als er sah wer es war, lehnte er diese wieder an den Baum, und fuhr, sich nur halb nach Hennig umwendend, in seiner Arbeit fort.
»Halloh Schulmeister« rief er dabei und stieß, um den Schlund des Rehes einzuknüpfen, den Genickfänger neben sich in eine der moosbewachsenen Eichenwurzeln – »was zum Blitz und Hagel treibt Euch denn zur Schulzeit mitten in den Wald hinein? es ist Euch doch nicht irgend ein Junge entlaufen, den Ihr wieder suchen wollt? Das ist schwere Arbeit ohne Spurschnee!«
»Guten Tag, Förster« sagte Hennig und ließ sich langsam zwischen diesem und der Quelle, aber dicht neben der letzteren nieder; er war durch das lange einsame Umherstreifen wieder ruhig, ja fast heiter geworden, und freute sich den alten Mann hier gefunden zu haben, den sie alle im Dorfe lieb hatten und der, wenn auch ein Bischen derb, ja oftmals grob in seinem Wesen, doch treu und aufrichtig war, und Niemandem etwas in den Weg legte oder zu Leide that – »man sieht es daß Ihr schon lange aus der Schule seid, Ihr müßtet sonst wissen, daß die Sonnabende frei sind, und an ihnen keine Schule gehalten wird.«
»Das ist eine neuere Mode,« brummte der Alte, »zu meiner Zeit waren nur die Nachmittage frei, in den Vormittagen quälten sich aber die Lehrer auch ein Bischen mit den Bälgern, und ließen sie nicht den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag den Eltern über dem Hals.«
»Die paar Vormittagsstunden« erwiederte ihm lächelnd der Lehrer, »die wir am Sonnabend Morgen gewinnen, geben wir reichlich in der Woche zu, wo wir mehr Unterrichtsstunden halten, als uns das Gesetz eigentlich für den ganzen Zeitraum der Woche vorschreibt. – Doch wenn habt Ihr denn das Reh geschossen, es scheint noch ganz frisch und es hat doch, seitdem ich hier in der Nähe bin, nicht ein einziges Mal geknallt.«
»Werd' es wohl mit Baumwolle oder Hanfleinen geschossen haben,« brummte der Jäger – »das knallt nicht und macht auch keinen Rauch – ist eine kostbare Erfindung – ich wollte daß die verdammten Stubenhocker in der Stadt, die derlei Geschichten ausbrüten, sich und ihren nichtswürdigen Krimskram bis in die Mitte nächster Woche hineinsprengten, nachher würde die liebe Seele wohl einmal auf eine Weile Ruhe haben.«
»Halloh Förster, Ihr seid ja entsetzlich böse und brummig heute, was ist denn vorgefallen? – wieder einmal Streit mit dem Pastor gehabt? –«
»Der Pastor soll zu – Grase gehn, wie's mir d'ran liegt«, knurrte der Jäger, »hab' ihn Gott sei Dank seit acht Tagen gar nicht zu Gesicht gekriegt. So lange wir so weit auseinander wohnen, sind wir uns auch recht herzlich grün; hm –«
»Ihr seid merkwürdig übler Laune heute« sagte Hennig und richtete sich von der Quelle, an der er eben getrunken wieder auf – »ist denn irgend etwas geschehn, was Euch geärgert hat?«
»Aergern?« wiederholte der Jäger und drückte mit geschickter und starker Hand die feste Klinge in das Schloß des Rehes, »da soll sich auch Einer nicht dabei ärgern, wenn er in der Jahreszeit eine Rikke aufbrechen muß, die ein paar Wochen später das schönste junge Kalb in den Wald gesetzt hätte, das einmal tüchtiges Gehörn getragen. Geärgert? – Das Herz im Leibe drehte sich Einem bei solcher Arbeit um, und man möchte sich wahrhaftig lieber wünschen unter Kannibalen, als unter einer solchen verdammten Aasjägerrace zu leben, die das Kind im Mutterleibe nicht verschonen. Wer in der Jahreszeit nach einer Rikke schießen kann, der schlägt auch seinen eigenen Bruder um acht alte Groschen todt.«
»Also Ihr habt das Reh nicht geschossen?« frug Hennig, der wenig oder gar Nichts von der Jagd verstand, ruhig.
»Wer? – ich?« – schrie der alte Mann, und warf dem Lehrer einen ingrimmig wilden Blick zu, sich plötzlich aber besinnend, daß der da, der eben die Frage an ihn gerichtet, seinem eigenen Ausdruck nach »ein Stück Wild kaum von einer Windmühle zu unterscheiden vermochte,« warf er seufzend das Gescheide mit dem jungen Kalbe bei Seite, hob das jetzt fertig ausgeworfene Reh an die Quelle, wo er es mit dem klaren Wasser derselben rein auswusch, und sagte dann, nachher seine eigenen Hände und den Genickfänger ebenfalls darin abspülend.
»Man darf's Euch nicht so übel nehmen, Ihr verstehts nicht besser. Das laßt Euch aber gesagt sein, und es wäre gut Ihr prügeltet das jetzt schon Eueren Jungen ein, wenn's die Flegel auch später wieder vergessen – daß es Sünde und Mord ist überhaupt eine Rikke, besonders aber noch dazu im Frühjahr, zu schießen. Verstanden?«
»Eine Rikke ist das Weibchen vom Rehbock?« frug der Schulmeister den Jäger.
»Ja!« sagte der Forstmann, und warf einen halb spöttischen, halb mürrischen Blick nach dem Frager – »die Sie'n.«
»Aber wer hat denn die Rikke geschossen?« fuhr Jener, sich überall umschauend, fort, »sind etwa Wilddiebe hier im Holz?«
»Wilddiebe?« wiederholte der alte Jäger mit vieler Bitterkeit, »Wilddiebe? nein bei Gott, der Name ist noch viel zu ehrlich, und klingt zu rechtschaffen für solch nichtsnützige miserable Bande. Ich habe auch gewilddiebt zu meiner Zeit, und ich kenne ganz respektabele Leute, die ebenfalls Wilddiebe sind – wenn ich auch nicht etwa den Schuften das Wort reden will, die heimlicher Weise und bei Nacht und Nebel auf's Revier kommen, und Einem die paar Rehe, die noch dastehen, über den Haufen legen, daß man nicht einmal Schießgeld davon bekommt, die aber, die solch ein armes Geschöpf und zu solcher Zeit mit dünnem lumpigen Hühnerschrot waidewund schießen, oder vielmehr bloß im Wald herum liegen und nach allem plaffen, was rauch ist, und bei denen es nachher heißt, ›krieg ich's so ist's gut; und krieg ich's nicht, so hab' ich nichts verloren,‹ das ist eine gottverfluchte Mörderbande, die man bei den Beinen aufhängen sollte, daß sie nur einmal erfährt, wie es thut, wenn man rothes warmes Blut im Herzen hat.«
»Es scheint als ob das ungesetzliche Schießen jetzt überhaupt hier Ueberhand nehme« sagte Hennig; »die Leute benutzen die im Lande herrschende Aufregung und denken gerade in dieser Zeit am allerleichtesten ungestraft davon zu kommen.«
»Ungestraft? – nun ich wünsche mir nur, daß ich einen von den vermaledeiten Aasjägern einmal zum Schuß bekomme, ob der nachher davon reden wird, daß er ungestraft im Frühjahr eine Rikke angeflickt hätte, daß das arme Geschöpf helle Tage lang mit dem zerschossenen Kalb im Walde herumächzen muß.«
»Wenn die Leute aber nun das Recht dazu bekommen, Förster?« frug der Schullehrer – »wir leben jetzt in einer gewaltigen Zeit, wo der lang Unterdrückte endlich das Haupt erhebt und zu fühlen anfängt, daß er auch ein Mensch ist wie der, der ihm bis dahin die Ferse im eigenen Nacken gehalten; ja wenn sie sich das Recht wirklich nehmen, auf ihrem eigenen Lande jagen zu dürfen, was, ihnen zu verwehren auch, meiner Ansicht nach, eine reine Ungerechtigkeit ist, wie dann? wie wirds nachher mit der Jagd aussehen?«
»Unsinn!« knurrte der alte Jäger und schlug sich rasch wieder Feuer an, was er, während der Schulmeister mit dem eben Gesagten eine Masse höchst fataler Bilder vor ihm heraufbeschworen, indessen eingestellt hatte – »Unsinn – fragt doch lieber wie's im Monde aussehn wird, wenn die Erde einmal aus Versehen zusammenfällt. Ein Recht, hochbeschlagene arme Geschöpfe Gottes krank zu schießen? Ein Mord bliebe das, ob die verdammten Tintenklekser in der Stadt auch ganze Schreibstuben voll Bände und Akten darüber schmierten. – Und dann das Schießen nachher; ei wenn sie Jedem verstatteten auf seinem eigenen Grund und Boden zu schießen – hahahaha – dann möchts nachher schön im Lande aussehen. Wer sollte denn da noch riskiren auf die Landstraße, oder überhaupt in den Busch zu gehn? Wäre man wohl seines Lebens sicher, und könnte einem nicht hinter jeder Hecke so ein blinder Bauer eine Ladung Schrot in den Pelz schicken? Und was würde nachher aus dem Wild, wer sollte denn da schonen, heh, wenn man Nichts wie Grenze hat; und ein Huhn ließe sich ja fast gar nicht mehr auf eignem Lande schießen, das wäre immer und ewig über anderer Leute Feld. Auch – Unsinn, ich habe wohl davon gehört, daß sie in Berlin und Wien, oder wie die Städte heißen, Revolution gemacht und das unterste zu oberst gekehrt haben sollen, und daß jetzt besonders der Bauer und Handwerkerstand an die Reihe kommt, sein Fett oben abzuschöpfen, aber die Jagd frei, ne Schulmeister, da haben sie Euch was aufgebunden, damit wird's Nichts – hoffentlich Nichts, so lange wenigstens diese alten Knochen noch im Walde herumlaufen. Wenn die erst einmal unter der Erde liegen – nun dann meinetwegen, dann mag mein Fritz sehen wie er anders durch die Welt kömmt, mit der Jagd ist's ja auch ohnedieß schon, selbst wenn sie keine Jagdfreiheit geben, vorbei.«
Der alte Mann war ganz schwermüthig geworden, und zog, finster dabei vor sich nieder schauend, die dichten blauen Wolken aus dem kleinen unbeschlagenen Maserkopf.
»Und was wollt Ihr mit dem Reh da jetzt anfangen?« frug Hennig, als der Jäger endlich mit einem plötzlichen Ruck seinen Genickfänger in die Scheide zurückstieß, die Jagdtasche umwarf, die Mütze fester in die Stirn drückte, und nach der neben ihm lehnenden Doppelflinte griff, »werden sie's hier nicht stehlen?«
»Ich werd's ihnen vertreiben;« brummte der Alte, »nein wahrlich, anvertrauen möcht ich's der Bande keinen Augenblick, denn die Schufte wissen gar prächtig, daß ein Rehrücken gut schmeckt, und daß es sich wohl der Mühe lohnte ihn nach Hause zu tragen; aber mein Fritz ist schon nach den Holzschlägern gegangen, die unten im ›Buchentrog‹ die Stöcke ausroden, einer von denen mag das Reh in's ›Stadtviertel‹ tragen, dort wollten sie gern Wild haben, die wissen's auch nicht besser, und ich bin froh wenn ich von dem armen Ding da gar nichts weiter mehr zu sehn bekomme.«
»So geht Ihr also jetzt mit mir nach Horneck zurück?« frug Hennig. –
»Habe Nichts dawider« lautete die Antwort »mit meiner Runde bin ich durch, und – zu schießen giebts auch Nichts mehr im Wald heute, da mag ich eben so gut heimtraben.«
Und damit warf er noch einen halb mitleidigen, halb mürrischen Blick auf das zerwirkte Reh zurück, hing sich die Flinte über die Schulter, und schritt rasch, und von Hennig gefolgt, auf dem schmalen Fußwege hin, der sie der breiteren Straße zuführte. Noch waren sie nicht lange gegangen, als sie diese auch erreichten, und nun langsamer, um die milde Luft besser genießen zu können, die ihnen warm und labend aus Süden her entgegenströmte, ihren Weg dem noch etwa eine gute Stunde entfernten Horneck zu fortsetzten.
»Wie still das hier zwischen den Bäumen,« sagte Hennig endlich, als sie eine ganze Zeit lang schweigend neben einander hingeschritten waren; »es rührt und regt sich Nichts, und wenn nicht manchmal ein Holzhehr oder eine alte Krähe ihre rauhen Laute durch den Wald schickten, so sollte man glauben, der ganze Forst sei ausgestorben. Ich weiß, früher, als ich noch in der Stadt auf der Schule war, da glaubte ich immer, wo Wald sei, da müsse es auch Hirsche und wilde Thiere geben, und in dem kleinen Hölzchen dicht an der Stadt, durch das wir Sonntags Nachmittags immer nach Weinhausen zu spazieren gingen, sah ich mich, sobald wir in den dunkeln Schatten traten, eben so regelmäßig nach irgend einer reißenden Bestie um, und war dann sehr bestürzt, wenn ich ›nicht einmal einen Hirsch‹ zu sehen bekam.«
»Die Zeiten sind vorbei,« sagte der Jäger traurig, und mit einem tiefen Seufzer, »ja vor zwanzig und fünf und zwanzig Jahren, wo Schwarz- und Edelwild hier in jeder Schlucht seine Fährten eindrückte, wo in der Brunftzeit die alten Zwölf- und Sechzehenender wie besessen herumliefen, und ich schon in meinem sechzehnten Jahre mit eigener Hand drei Hauptschweine erschossen hatte, ja da war es noch eine Freude, ein Waidmann zu sein, damals war der Jägerstand auch noch geehrt, und mit Horn, mit Meute und Büchse zog man zur fröhlichen Lust in den Wald. Jetzt – ist der Name Jäger fast nur noch zum Hohne geworden; eine Flinte auf der Schulter und Blei darin, gerade stark genug, Sperlinge zu schießen, hat man weiter auf der Gotteswelt Nichts zu thun, als auf die Holzschläger zu passen, und den Holzdieben allenfalls aufzulauern; vor Wilddieben braucht man sich beinah nicht einmal mehr zu fürchten, denn die Zeit ist gar nicht mehr fern, wo man Hirsche auf der Messe, und Rebhühner zahm in Käfichen zeigen wird.«
Sie hatten jetzt gerade eine der Waldhöhen erreicht, von der sie die Aussicht in eine flache, mit Laubholz bewachsene Abdachung bekamen; auffallend war hier eine niedere breitastige Zwergbuche, die mit sehr starkem Stamme, die Wurzeln fast ganz entblößt von Erdreich, gerade inmitten der Senkung stand, und die knorrigen, aber dafür desto kräftigeren Zweige links und rechts so weit ausstreckte, daß sie den Abhang an beiden Seiten berührte. Hier blieb der Jäger stehen, nahm die Flinte herunter, stützte sich darauf, und schaute eine ganze lange Weile nach der »Delle« hinein, die sich, bald nachher rechts abbiegend, der Rausche zuzog, in die sie, etwas weiter unten, ebenfalls eine Quelle hineinsandte.
Hennig schaute aufmerksam nach derselben Richtung hin, weil er glaubte, der alte Mann bemerke dort irgend ein Stück Wild oder sonst etwas Auffallendes; es ließ sich aber Nichts erkennen, nur die verwachsene Buche streckte die wunderlich geformten Arme wie zornig und trotzig gegen die schlank und stolz auf sie herabschauenden Tannen und Fichten aus.
»Was giebt es denn, was habt Ihr hier: war dort etwas?« frug der Lehrer.
»Ja, – Ihr habt Recht, dort war wirklich etwas,« erwiederte ihm rasch, und sich wieder zum Gehen wendend, der Forstmann, – »aber jetzt ist's vorbei. – Drei und vierzig Jahre sind's nun her, daß ich gerade an der Buche meinen ersten Hirsch schoß – und was für einen capitalen Burschen. Der Schuß war auch die Ursache, daß ich meine Alte, die jetzt lange unter der kühlen Erde schlummert, bekam, denn der Oberförster freute sich unmenschlich über das prachtvolle Geweih, ein ungerader Zweiundzwanzig-Ender. Donnerwetter, das war ein Hirsch, und ich sehe ihn jetzt noch, wie er nach dem Schusse einem Ungewitter gleich durch die Büsche und Zweige rasselte.«
»Ihr hattet Euch an ihn hinangeschlichen,« ermunterte ihn der Lehrer, dem es mehr Freude machte, den alten Mann erzählen zu hören, als daß er sich selbst groß für die Jagd interessirt hätte.
»Hinangeschlichen?« wiederholte der Alte, in der Erinnerung an den schönen Jagdzug schwelgend, »ei ich war damals ein junger gewandter Bursch, aber das Menschenkind hätt' ich sehen mögen, das sich an den alten schlauen Gesellen hätte hinanschleichen mögen; ob der sich gewitzigt zeigte? Das erste, was man von ihm stets zu sehen bekam, war der weiße Spiegel. Nein, Schulmeisterchen, selbst der Oberförster mußte wohl schon mehr als zwanzig Mal dem Stück Wild zu Gefallen gegangen sein, ohne es auch nur ein einziges Mal ordentlich zum Schuß zu bekommen, denn grad hinaufblaffen, wenn sich was Rothes in den Büschen zeigt, wie es die sogenannten Jäger in jetziger Zeit machen, das wollte er auch nicht. Mich wurmte aber die Geschichte, ich konnte nicht schlafen mehr, denn im Wachen wie im Traume sah ich den Hirsch, der mir immer bald auf die eine, bald auf die andere Art entging. Zu der Zeit war ich auch des Revierjägers Tochter gut, der Vater wollte aber von einer Heirath Nichts hören, und meinte nur einmal, aber natürlich auch bloß im Spaß, ich sollte erst versuchen, ob ich nicht den starken Hirsch umlegen könnte, nachher wollten wir wieder davon sprechen.«
»Jetzt war's nun gar mit mir aus, sobald ich mich niederlegte, und die Augen zumachte, stand er vor mir, und äugte nach mir herüber, und dann hatt' ich nie die Büchse geladen, oder konnte die Kugel nicht in den Lauf kriegen, oder das Pflaster hing mit anderen zusammen, oder der Ladestock saß fest, kurz, es haperte beim Laden, und legte ich endlich an, und drückte ab, so konnte ich mich fest darauf verlassen, daß mir das Pulver von der Pfanne brannte, und der Hirsch stolz und ruhig davon zog. Ich härmte mich so ab, daß ich ganz mager und elend wurde; das Essen und Trinken schmeckte mir sogar nicht mehr, und ich beschloß endlich, es koste was es wolle, und sollte ich acht Tage nicht mehr zu Hause kommen, den Hirsch zu schießen.«
»So lange war ich ihm übrigens in den Fährten herumgekrochen, daß ich endlich ziemlich genau wußte, wie und zu welcher Tages- und Nachtzeit er auf den verschiedenen Stellen herüber und hinüberwechselte. So hatte ich auch erspürt, daß er unten an der Schlucht gerade etwa hundert Schritte weiter oben, als wo sich der Bach über die Steine hinweg jäh in die Rausche stürzte, jede Nacht über den Bach hinüber wechselte, und am Bergeshang langsam hinschritt. Das Holz war aber dort viel zu dicht und schattig, um mir auch nur ein erträgliches Büchsenlicht zu gönnen, trotzdem beschloß ich, wenigstens einen Versuch zu machen, und ging eines Abends, es war im August, und eine wundervolle mondhelle Nacht, hier auf der Bergkuppe hin, wo damals noch nicht einmal ein Fußpfad, vielweniger ein Fahrweg hinlief, bis ich gerade an die Schlucht kam, an der wir da oben stehen blieben. In dieser wollte ich mich hinunterpürschen, denn weiter unten, wo der Mond gerade durch das lichte Stangenholz schien, war es eher möglich, daß ich Licht genug auf's Korn bekam, um eines sichern Schusse gewiß zu sein. Langsam und geräuschlos schlich ich dann mich auf dem moosigen Boden bis gerade an jene alte Buche hin, die damals schon eben so stark und knorrig da stand, wie an dem heutigen Tag, und wollte just um sie herumbiegen, als ich – Hennig ich schwörs Euch zu, das Blut kocht mir noch heute in den Adern, wenn ich an den Augenblick zurückdenke, – langsame, schwere aber gemessene Tritte höre. Das Herz fing mir an zu schlagen, als ob's ihm zu eng in der Brust würde, und es sich aus Leibeskräften hinaus in's Freie arbeiten wollte, und ich bekam das wirkliche reguläre Hirschfieber dermaßen, daß mir alle Glieder am Leibe flogen und zitterten.
So stand ich wohl zwei volle Minuten und horchte, konnte aber gar Nichts mehr hören, denn meine eigenen Knochen schlugen so an einander, bis ich auf einmal in dem matten Mondenscheine, und kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die Büsche sich bewegen sah, und heraustrat – will ich mein Leben trocken Brod und Salz essen, wenn's nicht wahr ist – eben der Zwei und zwanzig-Ender, und stellte sich breit und schußgerecht, und so ruhig vor mich hin, als ob ich gar nicht in der Welt wäre, oder nur ein Blasrohr statt einer guten, scharfgeladenen Kugelbüchse in der Hand hielte.«
»Natürlich hatte ich das Rohr schon unwillkührlich und fast in demselben Augenblicke gehoben, wo ich die ersten Schritten im vorjährigen gelben Laub vernahm, aber hin und her flog die Mündung über die helle, vom Mondeslicht beschienene Gestalt, nicht möglich war es mir, den Lauf auch nur eine Secunde lang ruhig zu halten. – Ich mußte wieder absetzen, denn ich fühlte, ich hätte jedenfalls vorbei geschossen. Der Hirsch aber windete hoch gegen den Luftzug hin, der glücklicher Weise gerade aus der Schlucht heranwehte, streckte dann ganz behaglich erst den rechten, und dann den linken Hinterlauf, neigte ein paar mal den schönen Kopf, als ob er mir ordentlich zeigen wollte, ›sieh einmal, was für ein Geweih, was für Stangen ich habe!‹ und zog dann ganz vertraut, kaum funfzehn Schritte entfernt vor mir vorüber.«
»Jetzt aber hielt ich's auch nicht länger aus; hinter der Buche suchte ich mir an einer Stelle des lichten Firmamentes das Korn, kam mit dem Lauf der Büchse rasch herunter, und drückte in demselben Augenblicke ab, als der Hirsch, der vielleicht einen Schein von dem im Mondenlicht blitzenden Rohr erhalten, scheu und schreckend den Kopf emporwarf. Gott sei Dank, der Schuß versagte nicht, wie er mir hundertmal im Traume versagt hatte, und gleich nach dem Knall der Büchse brach der gewaltige Platzhirsch wie ein Ungewitter durch die dünnen Stangen, und rasselte die Schlucht hinunter, daß es eine Lust und Wonne war.«
»Aber Ihr kriegtet ihn?«
»Ich denke,« lachte der alte Jäger, und bließ dichte freudige Wolken aus dem kurzen Pfeifenstummel; »keine hundert funfzig Schritt war er mehr gegangen, und ich brauchte auch nicht einmal nach dem Anschuß zu suchen, einen Spektakel machte er, wie er so in den Stangen lag, und verendend mit den Läufen um sich herhieb, daß man's auf eine halbe Stunde weit hätte hören können. Nun wie gesagt, an dem Abend – alle Hagel!« unterbrach er sich plötzlich, und deutete nach vorn, denn die Biegung der Straße hatte sie gerade zu Zeugen einer eben so merkwürdigen, als ihre Gegenwart anscheinend erfordernden Scene gemacht.
In kaum hundert Schritten Entfernung nämlich, und mitten auf dem, hier gerade von dichten Büschen eng umschlossenen Fahrwege, stand eine Gruppe von drei Menschen, bei deren Anblick Hennig das Blut in den Adern stockte. Es waren zwei Damen, und vor ihnen, den Rücken den beiden Männern zugedreht, die Rechte auf einen starken Knittel gestützt, die Linke – aus welchem Grunde, konnten sie von dort nicht erkennen – gegen die Frauen ausgestreckt, ein etwas abenteuerlich aussehender Mann.
Da stieß die eine Dame plötzlich einen gellenden Schrei aus, und der Hülfslehrer, der in der ersten Ueberraschung wie an seine Stelle gebannt gewesen war, flog jetzt mit dem angstvollen, aber doch nur halblauten Ruf »Sophie!« und rasend schnellen Sätzen dem Orte zu, an dem der Fremde eben im Begriff schien, der Pastors Tochter Arm zu ergreifen, während Fräulein Schütte, ihre bisherige Begleiterin, mit wildem Hülfgekreische dem Dorfe zustob.
Auch der Jäger suchte jetzt so schnell als möglich an den Burschen, der, wie er nicht anders glauben konnte, wehrlose Frauenzimmer auf offener Straße anfiel, hinan zu kommen, und riß dabei die Flinte von der Schulter und in Anschlag. Hatte aber der Fremde Hennigs Ausruf, oder die lauten Schritte gehört, er wandte den Kopf, und erkannte kaum die herabstürmenden Männer, als er auch schon, nur noch einen Blick auf das zitternde Mädchen werfend, blitzesschnell zur Seite und in die nächsten Büsche sprang. In dem Moment blitzte es aus des Jägers Rohr, und während der Schuß noch durch die Waldeswipfel dröhnte, fing auch der junge Mann schon die, durch Angst und Aufregung betäubt niedersinkende Jungfrau in seinen Armen auf.
»Mamsell!« schrie jetzt der Jäger hinter der, in wilder Angst ausstreichenden Dame her, deren Eile der Schuß noch beflügelt zu haben schien – »Mam–sell! – wir sind's ja!« – doch umsonst, ihr eigenes Schreien ließ sie auch schon nicht das des anderen hören, und sie war bald in den Windungen des Pfades den Blicken der Männer entschwunden.
»Ei so lauf Du und der Henker« brummte der alte Waidmann ärgerlich hinter ihr drein, »Donnerwetter, hat das Frauenzimmer eine Courage; na, das sollte meine Tochter sein.«
Hennig befand sich aber indessen in Todesangst, denn noch immer gab die bleiche Jungfrau in seinen Armen kein Zeichen des Lebens von sich, und lag starr und regungslos auf seinem Knie; er rieb ihr die Schläfe und das Innere der Hand, und die Stirn und den Arm – Alles umsonst, es war, als ob er eine Todte umschlossen hielt. –
»Förster, um Gotteswillen helft mir hier!« rief er endlich, und schaute sich in aller Herzensangst nach diesem um, »was sucht Ihr denn dort? – laßt das doch sein, und steht mir hier bei.«
»Hm,« brummte der Alte, der indessen, ohne sich um die Ohnmächtige weiter zu bekümmern, die Büsche und das Gras, wo der Flüchtige hineingesprungen war, sehr sorgfältig und aufmerksam betrachtet hatte, – »ich habe nur einmal nach dem Anschuß gesehen, aber keine Spur von Schweiß – doch das schadet Nichts,« fuhr er, sich aufrichtend und zu der Ohnmächtigen tretend fort: »weiter hin werden wir's schon finden, denn einen Keulenschuß hat er, darauf wollte ich wetten – 's war zwar achtzig oder neunzig Schritt und dünner Schnepfenschrot, so weit trägt meine alte Caroline aber doch noch, und das weiß ich – ah – sehen Sie, die Mamsell kommt schon wieder zu sich – hier, reiben Sie ihr einmal den Rum in die Schläfe, das wird ihr gut thun – nichts besser wie Rum bei Ohnmachten, – wenn man besonders noch einen richtigen Schluck davon nehmen kann.«
Das junge Mädchen erholte sich aber wirklich rasch wieder, athmete ein paar Mal recht schwer und tief, und schlug dann die Augen auf. Zuerst sah sie sich ganz erstaunt, ja fast erschreckt um – augenscheinlich hatte sie das ganze Vorhergegangene vergessen, und die Sinne mußten sich erst wieder zu ihrer vollen Thätigkeit sammeln, dann aber mochte ihr doch wohl wieder einfallen, wie sie in diese Lage gekommen, denn ein leichtes Roth färbte ihre bleichen Wangen, und sich rasch, aber unbefangen emporrichtend, sagte sie, während sie dem jungen, wie mit Purpur übergossenen Lehrer die Hand reichte:
»Ich danke Ihnen, lieber Hennig!«
»Der Schuft wollte Hand an Sie legen!« sagte der Jäger, »Gott soll mich holen, wenn das nicht bald noch über den grünen Klee geht, das verfluchte Wildschützenzeug nimmt ja bald Alles an, was Beine hat.«
»Es war kein Wilddieb,« sagte Sophie, und blickte wie scheu nach den Büschen hinüber, so daß der alte Jäger bei dem Gedanken lächelte, sie könne glauben, der käme noch einmal dahin zurück, wo er stände – »er sah wild, verstört und bleich aus – ich weiß nicht einmal, ob er – ob er uns um etwas ansprechen wollte – nur als Anna Schütte so wild aufschrie, ergriff er meinen Arm – was er wollte, weiß ich nicht – aber so viel erinnere ich mich, sein Rock war von Dornen zerrissen, auch sein Gesicht blutig, und er – er glich eher einem unglücklichen, als einem bösen Menschen.«
»Alle Wetter noch einmal!« sagte da der Jäger, »das wird der Kerl gewesen sein, den die Polizeidiener aus der Stadt heute Morgen gehetzt haben; ein paar Holzschläger von mir haben oben an der Waldecke gestanden, und sich die ganze Geschichte mit angesehen, – der ist vom Felde 'rein in die Haidekiefern gefahren, in den jungen Schlag, und wird sich nun wahrscheinlich im Walde herumtreiben. Warte Canaille, solches Wild könnten wir hier gerade brauchen, weiter fehlte uns gar Nichts. Hören Sie Hennig, Sie gehen ja doch wohl mit dem Fräulein zu Hause.«
»Ich glaube kaum, daß ich noch etwas zu fürchten habe,« sagte Sophie.
»Nein, das glaub' ich auch nicht,« lachte der Jäger, der an seine Schrote dachte, »das bleibt sich aber gleich, allein können Sie doch nicht nach Hause zurückkehren, ich aber will gleich mit meinem Fritz und den Holzschlägern den Wald hier einmal absuchen, wahrscheinlich ist er nach dem Weidicht hinunter, in die dicken Büsche, und wenn er da drinn steckt, da finden wir ihn vielleicht, oder treiben ihn jedenfalls in's Dorf.«
Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, warf der Alte das Gewehr, das er indessen wieder geladen hatte, über die Schulter, und schritt rasch den Weg, den er vorher mit Hennig gekommen, zurück. Dieser aber, der sah, wie erschöpft die Jungfrau durch den vorigen Schreck sein mußte, denn sie hielt sich selbst jetzt noch an einer kleinen Buche, neben der sie stand, aufrecht, bot ihr seinen Arm. Sophie zögerte einen Augenblick, nahm ihn dann, und schweigend schritten die beiden dem noch ziemlich entfernten Dorfe zu.
Sechstes Kapitel.
Die Hornecker Schenke.
Es war Abend; aus dem Feld herein zog pfeifend der Knecht mit den Pferden, und der Gänsejunge trieb ebenfalls seine schnatternde Heerde den heimischen Ställen zu; auf dem Plane vor der Schenke hatte sich eine Schaar wilder Jungen und Mädchen eingefunden, die um die Linden herum und über die steinernen Bänke hin sprangen und jauchzten und tanzten und Haschens spielten, und sich in ihrer lauten herzlichen Lust wenig daran kehrten, daß der Thau schon feucht niederfiel auf die dampfende Erde und nebliche Dünste aus der Niederung herauf nach den Gipfeln der Berge stiegen.
Die Botenfrau, die aus der Stadt kam, keuchte mit dem schwer beladenen Korbe den steilen Hang hinauf, der wohl zwanzig Ellen hoch gerade hinter der Schenke herabführte, und hier und da blitzte schon zwischen den knorrigen Zweigen der Aepfel- und Pflaumenbäume hindurch ein einsam schimmerndes Licht hervor, und der Wanderer, der vorüberging, sah, wie da drinnen um die großen, mit frommem Spruch verzierten Schüsseln, nach ächt patriarchalischer Sitte, der Bauer mit seinen Knechten und Mägden saß, und Löffel nach Löffel aus der dampfenden Suppe herausholte.
Ein ganz besonders reges Leben herrschte aber in der Schenke selbst, denn da wurden Tische und Stühle gerückt und abgestäubt, Flaschen herbeigeschafft und Gläser parat gestellt. Dort in die Ecke kamen drei Tische für die Spielenden, zwei Lichter auf jeden, an die entgegengesetzten Ecken der buntbeklebte Papptrichter mit den geschnittenen Kartenfidibus auf den einen Leuchter. Auch die Markenteller mit den Spielmarken bekamen ihren Platz und die Spucknäpfe wurden zurecht gerückt, der sauber gescheuerten Stube zu Liebe.
»So,« sagte die dicke Wirthin, als sie auf den runden Drath, der am Fensterknopfe hing, frische Bretzeln gereiht, und den rostigen wieder an den alten Platz gehangen hatte, »so, itzt kennen se vor mir kummen, Annegrethe, hast de denn aber ooch des grine Zimmer in Ordnung gebracht? – Blitzmädel, Du weeßt doch, das der Herr Diaconus pinktlich is, un es die Bauern ooch schonst immer nich erwarten kennen.«
Annegrethe, ein derbes dralles Mädchen von achtzehn oder neunzehn Jahren, das, aber nicht nach der Horneck'schen Mode, sondern wie die Dienstleute in der Stadt gekleidet, eben hinter dem Schenkstande die halbgeleerten Glasflaschen (deren Etiketten bezeichneten, ob sie Doppelkümmel, Anis, Pomeranzen oder Kirsch in den flachen Bäuchen trugen) wieder aus großen steinernen Krügen vollfüllte, sagte, indem sie gerade die letzte Flasche mit einem wollenen Tuche abwischte und auf ihren Platz zurückstellte:
»Ei versteht sich, Frau Base, werde doch das beste Zimmer im Hause nicht vergessen; gelüftet habe ich's den ganzen Nachmittag, die Tische sind spiegelblank und von der Erde könnte man zur Nacht essen – wenn kein Sand d'rauf läge.«
»Hot denn die Butenfrau de Zeidungen schonst gebracht; ich habe kenen Zippel von 'er gesiehn.«
»Schon vor einer Viertelstunde.«
»Un die Sammeln?« – frug die Frau rasch und wie erschreckt.
»Alles richtig besorgt,« lachte Annegrethe, »auch Cigarren hab' ich vom Kaufmann mitbringen lassen, und ein Dutzend thönerne Pfeifen.«
»Bist en braves Madel,« sagte die Frau und setzte sich behaglich in ihre Ecke hinter den Ofen, wo ein kleines Tischchen mit ihrer Kaffeetasse stand; in der Röhre oben, dicht daneben brodelte der Kaffee, und dicht in der That mußte das Gedränge und laut der Ruf nach Bedienung in der Schenkstube werden, ehe »Mutter Läsig,« oder die »Mutter,« wie sie ihre Gäste kurzweg nannten, ihr heimliches Plätzchen verließ, um es mit dem geschäftigeren, ruhelosen in der Küche zu vertauschen.
Es dauerte denn auch gar nicht lange, so füllte sich das ziemlich geräumige Zimmer mit Gästen; hier und da über den offenen Platz herüber schlenderte eine lange, mit schwarzem Schafspelz umhüllte, oben in eine weiße Zipfelmütze auslaufende Gestalt, den Hügel herauf, und aus der Seitengasse, die zwischen Obstgärten und Häuslerwohnungen hin nach dem anderen Theile des Dorfes führte; von überall her kamen die Durstigen, den Sonnabend Abend, wie das von jeher Sitte in Horneck gewesen, in gemüthlicher Gesellschaft zu verbringen, und einmal wieder zu hören, »wie's draußen in der Welt eigentlich stehe.«
Auch das »grüne Zimmer« (was aber eigentlich gelb war und nur noch aus früherer Zeit, wo es vielleicht einmal grün gewesen, den Namen trug) füllte sich nach und nach; um die verschiedenen Lichter herum drängten sich neugierige kurzsichtige Gäste und suchten, bald mit bald ohne Brille, dem die Augen schmerzenden Druck Inhalt und Sinn abzugewinnen, bis der Diaconus endlich kam, der am Montag, Mittwoch und Sonnabend, und schon seit Anfang vorigen Monats, wo es auch erst angefangen hatte in Deutschland interessant zu werden, die Zeitungen, oder wenigstens das Wichtigste daraus, vorlas und das Gelesene dann erklärte.
Die Landleute hörten aufmerksam zu, tranken ihr Bier dabei, und schauten, das Kinn auf die beiden Fäuste oder in die aufgestemmten Arme gestützt, dem Diaconus in das wohl etwas bleiche aber ausdrucksvolle Gesicht, wie er ihnen die einzelnen Artikel vortrug, und hie und da bei etwas schwer verständlichen Stellen, eine Erklärung beifügte, die es auch den minder Begabten möglich machte, zu begreifen, was eigentlich die verschiedenen Artikel für eine Bedeutung hätten, und in welcher engen Verbindung die an allen Orten zugleich auftauchenden Unruhen zu einander ständen.