Pfarre und Schule.

Eine Dorfgeschichte
von
Friedrich Gerstäcker.


Zweiter Band.


Leipzig,
Georg Wigand's Verlag.
1849.

Inhalt des zweiten Bandes.

Seite
Erstes Kapitel.
Die Kaffeegesellschaft[1]
Zweites Kapitel.
Plan und Gegenplan[47]
Drittes Kapitel.
Marie und Sophie[61]
Viertes Kapitel.
Die Wilddiebe[79]
Fünftes Kapitel.
Das Gefängniß[96]
Sechstes Kapitel.
Ein Republikaner[115]
Siebentes Kapitel.
Wie es in Horneck aussah [134]
Achtes Kapitel.
Das Geständniß[154]
Neuntes Kapitel.
Die Schulvisitation[170]
Zehntes Kapitel.
Die Verabredung[206]
Elftes Kapitel.
Wahlert und Kraft[220]
Zwölftes Kapitel.
Die Begegnung[251]

Erstes Kapitel.
Die Kaffeegesellschaft.

Die kleine Gesellschaft bestand bis jetzt erst aus vier Personen, und zwar aus der Frau Oberpostdirector von Gaulitz – erst seit wenigen Monaten vermählt – aus des Pastors rosigem Töchterlein Sophie, und den beiden Schwestern des Herrn Geheimeraths Seiffenberger aus der Residenz, und das bis jetzt nur über Putz- und Modesachen geführte Gespräch hatte schon einen recht erfreulichen Aufschwung genommen.

Indessen eilten aber, um den freundlichen kleinen Zirkel zu vermehren, zwei andere Damen rasch dem Rittergute zu – nämlich unsere alte Bekannte »Fräulein Schütte nebst Mutter«, wie sie Poller bald darauf so eigenthümlich als bezeichnend anmeldete.

»Aber Anna,« keuchte die Mutter endlich, die fortwährend ein nicht unbeträchtliches Stück hinter ihrer flüchtigeren Tochter zurückgeblieben war, »Du läufst ja, daß man gar nicht zu Athem kommen kann – wenn Du so rennen willst, so geh' allein, ich bin's nicht länger im Stande.«

»Komm nur, Mutter,« bat aber Anna, als jene, dem Wort die That folgen lassend, wirklich stehen blieb, um nur einmal ordentlich Athem zu schöpfen – »es ist wahrhaftig schon drei Uhr vorbei, und Oberpostdirectors sollen immer so früh Kaffee trinken – die werden gar nicht wissen, wo wir bleiben.«

Die Mutter setzte sich wieder langsam in Bewegung, und Anna, ihren Schritt auch etwas mäßigend, daß sie an ihrer Seite blieb, fuhr – augenscheinlich nur ihre bisherigen Gedanken laut aussprechend – fort:

»Nein Mutter, ich kann mich gar nicht darüber zufrieden geben, daß sich der alte Oberpostdirector doch noch hat von der jungen hübschen Frau scheiden lassen, um das ungebildete Ding, seine Wirthschaftsmamsell, zu heirathen – das ist auch ein alter Sünder, der noch einmal, und hoffentlich auf dieser Welt schon, wenn er es am wenigsten erwartet, seinen Lohn kriegt. Na, die kann sich gratuliren, denn besser wie er seine anderen Frauen behandelt hat, wird er's mit der auch nicht machen. Ueberhaupt die Frommen, das ist so die rechte Art – vor den Leuten beten sie, und zu Hause sind's nachher Tyrannen, und Gott weiß was für Hallunken. – Wenn ich nicht so neugierig wäre, zu sehen, wie sie sich zusammen vertragen, ich käme dem Herrn wahrhaftig mit keinem Fuße über die Schwelle.«

»Hat denn seine Frau ihr jüngstes Kind wirklich hergeben müssen?« frug die Mutter, und griff fast unwillkürlich nach der Tochter Arm, die eben schon wieder in größeren Schritten vorauseilen wollte.

»Nun natürlich,« erwiederte diese, »weißt Du denn das nicht? Nicht des Kindes wegen, denn das wird dem alten Geizhals wohl kaum am Herzen liegen, aber der Welt wegen – der gute Mann, sollen die Leute sagen, kann nicht ohne sein Kind leben – was für eine Vaterliebe – siehst Du Mutter, ich wünsche keinem Menschen gern 'was Böses, aber wenn ich den Schuft könnte hängen sehen –«

»Schrei nur nicht so,« sagte die Mutter, »Deine Stimme hört man so über drei Straßen hinüber – da oben steht wahrhaftig der Oberpostdirector am Fenster.«

Und sich freundlich verbeugend und grüßend traten sie in's Haus, wo ihnen Frau von Gaulitz mit höflichem Willkommen entgegen kam und sie den anderen beiden Damen, Fräulein Melinde und Josephine Seiffenberger, Töchter des Herrn Geheimenraths Seiffenberger, vorstellte.

Gegen diese beiden Damen verneigte sich Anna Schütte auf das Förmlichste, dann flog sie aber, wie aus einer Pistole geschossen, Sophie Scheidler um den Hals, nannte sie ihr liebes herziges Soph'chen und rief, sich darauf im ganzen Zimmer umschauend:

»Nein aber, wie Sie reizend wohnen, Frau Oberpostdirector – das ist zu herrlich, zu göttlich – ach, so einen Stuhl habe ich mir schon lange gewünscht – nein der ist doch zu wonnig – und die Aussicht – ach die Berge da im Hintergrunde – das möcht' ich malen können – und der wunderschöne Flügel – das ist wohl ein Bretschneider? – spielen Sie denn auch?«

Frau von Gaulitz wurde blutroth, antwortete aber nach kurzem Zögern:

»Ein Bischen – nur sehr wenig – aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen? – Louise, schenk doch den Damen ein.«

»Den Augenblick, meine Gnädige,« sagte Anna, ließ sich vor dem geöffneten Flügel nieder und griff einige Accorde – »nein, was das Instrument für einen reizenden Ton hat – wundervoll.«

Und ohne vorherige Warnung legte sie sich plötzlich in die Tasten und raspelte der auf's Aeußerste erstaunten Zuhörerschaft mit unzähligen falschen Griffen – armer Karl Maria – Webers Aufforderung zum Tanz herunter. Die beiden Geheimenrathstöchter und Frau von Gaulitz waren auch über die Ausführung wirklich entzückt, lobten wenigstens das Spiel auf das Angelegentlichste, und fragten nur, ob Fräulein Schütte nicht auch singen könne.

»Nur wenig,« entschuldigte sich diese, »ich bin lange heiser gewesen, und muß mich jetzt noch sehr schonen.«

»Nun nach dem Kaffee erfreuen Sie uns vielleicht mit einem Liede,« sagte der Oberpostdirector, der fest entschlossen war, nach dem Kaffee einige wichtige und unaufschiebbare Geschäfte zu haben.

Die Neuangekommenen nahmen nach dieser Wendung und auf nochmaliges Nöthigen ihre Sitze ein. Fräulein Schütte erhielt den Platz zwischen den beiden Geheimenrathstöchter und Freundschaft war auch bald unter diesen dreien geschlossen. Im Anfange schweifte dabei das Gespräch, da man sich ja doch nicht näher kannte, natürlich nur über allgemeine und ziemlich gleichgültige Dinge hin, Wetter und Jahreszeit, beabsichtigte Lustfahrten und die reizende Lage der hiesigen Gegend mußten den Grundstoff liefern, zu dem die verschiedenen Parteien die Variationen ausarbeiteten; nicht lange dauerte es aber, so fing es an, auf einzelne Individuen oder Punkte seinen Stachel hinzulenken, und wurde dadurch, wie sich das von selbst versteht, nur interessanter.

»Sie sind also voriges Jahr auch in Dresden gewesen?« frug Melinde auf eine von Fräulein Schütte geäußerte Bemerkung.

»Ei ja wohl, beinahe fünf Monate, mein Fräulein – es ist doch eine herrliche Stadt – und so billig – nein Sie glauben gar nicht, wie billig und doch angenehm man dort wohnen kann.«

»Wo haben Sie denn eigentlich gewohnt, es wundert mich, daß uns nie das Vergnügen zu Theil geworden.«

»In der Pirnaischen Gasse, im Ploßfeld'schen Hause – Sie kennen es wohl?«

»Das Ploßfeld'sche Haus? – ei gewiß, das ist dasselbe, Josephine, wo früher Mehlheims wohnten.«

»Ach, die,« sagte Fräulein Josephine mit einem so bedeutungsvollen, wenn auch etwas höhnischen Lächeln, daß es augenblicklich die vollkommene Aufmerksamkeit der Familie Schütte erregte.

»Was sind das für Mehlheims?« frug Anna rasch.

»Kennen Sie die Mehlheims nicht?« sagte Fräulein Melinde erstaunt – »Professor Mehlheims, die erst vor zwei Jahren von Breslau zu uns kamen? – Sie stammen aus Dresden.«

»Nein, von denen habe ich nie gehört«

»Hm, das wundert mich, lieber Gott, sie ist eine Schwester der Regierungsräthin Hertig – die kennen Sie doch.«

»Hertig? Hertig? Sind die etwa mit den Hertigs in Plauen verwandt?«

»Das weiß ich nicht, aber ihre Mutter war eine geborene Jähn, von Assessor Jähn's die Tochter.«

»Ach, die kenne ich ganz gut,« fiel hier die Frau Commerzienräthin ein, »die haben uns einmal ein halbes Jahr lang schräg über gewohnt – also mit denen sind die Mehlheims verwandt; aber was wollten Sie denn vorhin erzählen?«

»O gar nichts von Bedeutung weiter,« sagte Melinde, »ich meine nur, sie hatten alle Ursache aus dem Logis zu ziehen, denn in solchem Schmutz und Unrath hätten sie doch nicht länger fortbestehen können.«

»Aber das begreif' ich gar nicht,« fiel hier der Oberpostdirector, der sich bis dahin am Gespräch mit keiner Sylbe betheiligte, sondern nur manchmal aus dem Fenster nach dem erwarteten Pastor geschaut hatte, ein – »gerade die Professorin Mehlheim ist als eine vortreffliche Frau und gute Wirthin bekannt, und ich selbst bin schon oft bei ihnen gewesen, und weiß, daß ich mich sogar über die dort herrschende Sauberkeit sehr gefreut habe.«

»Lieber Herr Oberpostdirector,« fiel ihm hier die jüngste Fräulein Seiffenberger in's Wort – »Sie können sich darauf verlassen, bei Mehlheims ist eine schauerliche Wirthschaft – ich weiß das aus ganz sicherer Quelle, und was die Professorin selber als Wirthschafterin betrifft, so nehmen Sie mir das nicht übel, davon versteht sie gar Nichts. Nein, die gelehrte Dame will sie gern spielen, den ganzen Tag sitzt sie auf dem Sopha, und liest Bücher und Journale und draußen in Küche und Speisekammer geht's drunter und drüber, und die Kinder dürfen Alles herrichten, wie es ihnen gerade Spaß macht.«

»Unser Mädchen hat auch, ehe sie zu uns zog, bei Mehlheims gedient,« sagte die Schwester, »und uns schöne Geschichten von dort erzählt – den Wein konnte sie nur so wie sie wollte aus dem Keller nehmen, da war sie förmlich daran gewöhnt.«

»Aber die Mädchen reden auch manchmal mehr, als sie sollen und verantworten können,« sagte Sophie Scheidler, »man darf wahrlich nicht Alles glauben, was die sagen; ich weiß, was nur allein hier in Horneck schon für häßliche Sachen aus solchem unbegründeten Nacherzählen entstanden sind.«

»Nun da kommen wir wieder auf unser Kapitel, liebes Sophiechen,« nickte ihr Anna zu – »das weiß der liebe Gott, die Noth, die man mit den Dienstboten jetzt hat, ist entsetzlich – unsere Rieke, das ist soweit ein ganz gutes Mädchen, aber das Klatschen – das liebe Mundwerk steht ihr den ganzen Tag nicht still, und schickt man sie gar einmal aus, so kann man sich nur fest darauf gefaßt machen, daß sie in der ersten Stunde nicht wieder kommt.«

»Das machen sie alle so,« nahm hier Fräulein Melinde die Sache auf, »ich hatte einmal ein Mädchen, das durfte ich Abends gar nicht aus den Augen lassen, und selbst im hellen Sonnenschein verging kaum ein Tag, wo sie nicht irgend ein Bruder aus der Provinz, manchmal Soldat, manchmal Civil, besucht hätte. Und kein Fertigwerden mit ihr; zum Aufwasch brauchte sie manchmal drei volle Stunden.«

»Nun ich dächte« fiel ihr hier Josephine in's Wort, »darin leistete unsere jetzige auch etwas – denken Sie sich, neulich Abends nach dem Essen hatte sie Nichts mehr zu thun, als das Bißchen Messing und Kupferzeug zu putzen, den Vorsaal und die Küche zu scheuern, und uns noch eine Kleinigkeit von Taschentüchern und Kragen zu waschen, und wissen Sie bis wie lange sie dabei das theure Oel verbrannt hat? – bis Morgens um zwei Uhr – das ist denn doch wahrhaftig zum krank ärgern, und da hilft auch kein Reden und Sagen.«

»Der muß es aber bei uns wie im Himmel sein,« nahm hier Fräulein Melinde die Unterhaltung wieder auf, – »denn vorher war sie bei der Frau Hauptmann Kohlwitz in Dienst gewesen, und die sollen Dienstleute wirklich wie die Sclaven behandeln.«

»Nun, den Ruf hat sie wenigstens,« fügte, wenn das irgend noch nöthig gewesen wäre, Fräulein Schütte als Bestätigung hinzu – »wissen Sie, meine Gnädige, – ach, die Frau Oberpostdirector war ja nie in Dresden – wissen Sie, Fräulein Seiffenberger, wie der Hauptmann damals das Duell mit dem alten Bergcommissar hatte – ich war gerade in der Zeit auf ein paar Tage zu Besuch oben, da kam eine gute Freundin von der Frau Hauptmann manchmal zu uns, und die hat uns entsetzliche Geschichten von ihr erzählt –«

»Und kleiden thut sich die Frau,« setzte Fräulein Josephine hinzu – »das ist fabelhaft, man kann ihr doch recht gut nachrechnen, was ihr Mann eigentlich zu verzehren hat, denn das Gerücht mit dem amerikanischen Onkel war doch ein Bißchen gar zu plump, und sollte wahrscheinlich die Gläubiger etwas geduldiger machen, – und trotzdem giebt sie allein mehr für seidene Kleider und Hüte aus, wie – das weiß ich aus ganz sicherer Quelle – ihr monatliches Wirthschaftsgeld beträgt.«

»Wissen Sie denn, wer jetzt – erst etwa vor zwei Stunden, in Horneck eingetroffen ist?« frug Fräulein Schütte plötzlich, aber mit leiser Stimme, als ob sie irgend ein wichtiges Geheimniß mitzutheilen habe. Die Frage verfehlte ihre Wirkung denn auch keineswegs, die Damen fuhren blitzesschnell mit den Köpfen zusammen, und ein erstauntes »wer denn?« lief durch die Reihe.

»Die Frau Ministerin von Herchenthal mit Mutter und Tochter?« rief triumphirend Anna und ein erstauntes »ist es denn möglich?« war ihr Lohn.

»Was muß aber da nur vorgegangen sein?« frug Fräulein Melinde rasch.

»Vorgegangen?« sagte Sophie Scheidler – »weshalb soll da gerade etwas vorgegangen sein; die Frau Ministerin – ist seit drei Jahren jeden Sommer herausgekommen.«

– »Aber nicht mit der Mutter, mein Herz,« fiel ihr Anna Schütte rasch in's Wort – »nicht mit der Mutter und einem Reisewagen voll Koffer, als ob sie ihre Winterquartiere beziehen wollten; und nicht Anfang April, sondern Ende Mai, wenn die Tage ganz warm und schön waren. Nein, richtig ist die Sache nicht, darauf wollte ich mein Leben einsetzen.«

»Das geschieht ihr aber ganz recht« versicherte in's Blaue hinein und ungewiß, auf was sich das »nicht richtig« eigentlich bezöge, Fräulein Josephine und hielt der Wirthschaftsmamsell zum fünften Mal ihre Tasse hin – »einen solchen Hochmuth wie die Leute gehabt haben – nein das ist ganz unglaublich; ich wünsche keinem Menschen etwas Böses, aber das gesteh ich, das könnte mir ordentlich einen frohen Tag bereiten, wenn ich erführe, daß es denen einmal nach Verdienst gegangen wäre.«

»Was will denn die aber auf dem Lande?« frug Melinde – »von der Wirthschaft versteht sie denn doch nicht so viel. Kaskelts, die dicht neben an gewohnt haben, und ihnen gerade in den Hof sehn konnten, versicherten mich oft es sei wirklich traurig wie es bei Denen zu gehe – einen Hasen haben sie einmal drei ganze Wochen vor dem Küchenfenster hängen gehabt, bis er gar nicht mehr zu genießen war, denken Sie sich, den hatten sie rein vergessen und was die allein den vier kleinen Bologneser Hunden füttern, die sich die Frau Ministerin hält, davon könnten zwei arme Menschen anständig leben. Das sollte denn doch wahrhaftig nicht sein, und selbst in der theueren Zeit hat sie nicht einen einzigen abgeschafft.«

Eine kurze Unterbrechung entstand hier durch das Eintreten des Pastors, der übrigens keinen Theil an der Unterhaltung nahm, sondern sich mit dem Oberpostdirector in die Ecke des Zimmers auf ein kleines Seitensopha setzte, und dort mit diesem einiges sehr angelegentlich zu besprechen schien. Das so interessante Gespräch der Damen wurde aber auch jetzt, als ob sie die Gegenwart des geistlichen Herren scheuten, mit etwas leiserer Stimme, sonst jedoch mit keineswegs vermindertem Eifer, fortgesetzt. Die beiden liebenswürdigen Schwestern Seiffenberger schienen sich übrigens der Unterhaltung mehr und mehr zu bemächtigen und Fräulein Schütte wurde einsylbiger als man das sonst wohl von ihr gewohnt war – sie brannte nämlich darauf irgend ein brillantes Gesangstück vorzutragen und hoffte bis jetzt nur noch immer auf eine erneute Einladung als zündende Lunte – obgleich sie im entgegengesetzten Fall dennoch fest entschlossen war, von selber los zu gehn.

Die Dämmerung brach indessen an, es wurde dunkel in dem, von ein paar hohen Kastanienbäumen stark beschatteten Gemach – der Oberpostdirector und Pastor waren in ihrer düsteren Ecke kaum noch zu erkennen, ebenso verschwammen Fräulein Schüttes Umrisse, die vom Tisch aufgestanden – leise zu dem Fortepiano geschwebt war und sich dort schwärmerisch sinnend auf dem kleinen gestickten Sessel niedergelassen hatte, mit dem fahlen Hintergrund der Tapete.

Da öffnete Poller die Thür, schaute herein und sagte:

»Der Herr Schriftsetzer Strohwisch wünschen die gnädige Frau zu sprechen.«

»Schriftsetzer?« riefen Fräulein Melinde und Josephine wie aus einem Athem – »hahaha – das ist göttlich – das ist himmlisch – Schriftsteller meinen Sie – das ist eine reizende Verwechselung – Herr Strohwisch ist humoristischer Schriftsteller – das hätte sich ja gar nicht besser treffen können, der liefert charmante Sachen.«

»Wird mir sehr angenehm sein« sagte, während aus der Ecke in der der Oberpostdirector saß, ein leiser Seufzer emporstieg, Frau von Gaulitz zum Bedienten gewandt. Dieser verschwand – die Thür that sich auf und herein trat, im schwarzen Frack und mit den unausweichbaren papageigrünen Glacéhandschuhen, unter denen hervor ein Stück der derben, fest zusammengepreßten blutrothen Hand sichtbar wurde, in großcarrirten Unaussprechlichen, die Haare allem Anschein nach noch kürzer als gewöhnlich geschnitten, ebenso die Nase, wenn das möglich gewesen wäre, noch stumpfer, die Augenbrauen noch mehr heraufgezogen, die Augen noch stierer und größer, die Stirn noch schmaler, die weit abstehenden Ohren noch feindlicher gegen einander gesinnt – die Sporen noch klirrender, die Reitpeitsche noch graciöser in der Hand, Feodor Strohwisch, mit einem freundlichen Lächeln auf den breiten Zügen.

Die Begrüßung war kurz, Strohwisch schien nicht gewohnt lange Complimente zu machen – ubi bene, ibi patria, ob sich das patria nun eben so wohl um ihn herum fühlte, galt ihm ziemlich gleich.

Fräulein Schütte hatte er übrigens in ihrer dunklen Ecke noch gar nicht erkennen können, und selbst nach dem Sopha, auf dem die beiden Herren saßen warf er, als diese sich aus ihrer Stellung nicht bewegten, einen mistrauischen Blick, ohne jedoch im Stande zu sein, die Identität ihrer Personen zu bestimmen.

Frau von Gaulitz wollte Licht bringen lassen, dem widersetzten sich aber die beiden Damen Seiffenberger »o es war jetzt zu reizend, zu herrlich hier in dem düsteren dämmernden Stübchen, – wie schauerlich schön wehte und rauschte die Kastanie draußen vor dem Fenster, und wie wunderhübsch war das, daß man von einander nur die Umrisse der Gestalten, gar nicht einmal die Gesichtszüge erkennen konnte.« Frau von Gaulitz fügte sich, und Feodor Strohwisch wurde bald der Mittelpunkt des Gesprächs, indem er den Faden der Unterhaltung, den bis dahin die Damen Seiffenberger und Schütte in Händen gehalten, fast allein für sich usurpirte.

Vor allen Dingen berichtete er ziemlich ausführlich über den Zustand des Wetters draußen, und gab seine Vermuthungen an, was er davon für morgen erwarte, wunderte sich über das »famose« Frühjahr und versicherte der älteste Mann in Horneck wisse sich, wie er das aus dessen eigenem Munde vernommen, einer solchen Jahreszeit gar nicht zu erinnern.

»Denken Sie sich« fuhr er dann zur Bestätigung des Gesagten fort, »oben in der Schenke sitzt Alles, bis noch zu diesem Augenblick, im Freien – Anfang April – das ist fabelhaft. – Aber was mir da einfällt – ich habe eben drüben etwas gehört, das ich hier in Horneck wahrlich nicht erwartet hätte.«

»Und das wäre?« frag Fräulein Melinde rasch.

»Eine Sängerin, wie ich sie selbst in den ersten Städten Europas (Schäker – die größte Stadt die er je gesehen, war Dresden) nicht getroffen. Ein Mädchen – zwar, allem Anschein nach in höchst mittelmäßigen Umständen, auch etwas zu bleich und krankhaft von Aussehn, um gerade schön genannt zu werden, aber eine Stimme – famos – glockenrein, und weich wie Sammet – und eine Höhe! – Sie sang zuerst ein paar ernste Sachen – recht brav, das muß man sagen; aber später trug sie ein humoristisches Lied vor – nein, meine Damen, ich habe nie etwas Aehnliches gehört!«

»Aber warum erfährt man das erst jetzt?« frugen Melinde und Josephine »warum giebt sie nicht irgend eine Matinee, ein Concert.« –

»Es ist liederliches Gesindel, das im Lande umherzieht« – mischte sich hier der Pastor in's Gespräch, und Feodor schnellte von seinem Sitze auf, um sich nach der Ecke hin, aus welcher die Stimme tönte, zu verbeugen – »sie wollten auch heute, am Sonntag Morgen schon singen, das hab ich mir aber verbeten; die Welt wird wahrlich immer schlimmer. – Das hätte einmal in einer früheren Zeit einem Christenmenschen einfallen sollen, an einem Sonntag komische Lieder zu singen, – er wäre gesteinigt worden; jetzt findet man das aber ganz in der Ordnung.«

»Und es ist ein böses Zeichen für die gottesfürchtige Gesinnung des Ortes,« pflichtete ihm hier der Oberpostdirector seufzend bei, »daß so etwas auch in unserem Orte einzureißen scheint oder die Menschen nur überhaupt Gefallen daran finden.«

»Bitte um Verzeihung, meine Herrn,« setzte sich aber hiergegen Feodor Strohwisch – der auch nach der zweiten Stimme hin seine Verneigung gemacht, zur Wehr, denn das hieß seine Existenz zugleich angegriffen – »von gemeiner Komik darf und kann hier nicht die Rede sein, der Humor aber ist das Salz und die Würze des Lebens, und eben so wenig wie wir an einem Sonntag das Salz entbehren mögen, eben so wenig ist das glaub ich, mit dem Humor der Fall – hahahahaha!«

Fräulein Schütte hatte sich auf die Tasten niedergebogen, um diese besser erkennen zu können, legte dann die Finger einzeln aber geräuschlos auf, und griff jetzt schwärmerisch einige Moll Accorde. Einer von diesen klang nicht ganz rein und Feodor warf einen mistrauischen Blick nach der, von geheimnißvollem Dämmerschein umflossenen Gestalt hinüber, schien aber gegenwärtig auf ein viel zu interessantes Kapitel gerathen zu sein, um davon so leicht wieder abspringen zu können.

»Ist denn die Sängerin allein oder in Begleitung hier?« frug Sophie.

»Ein alter Mann, wahrscheinlich ihr Vater ist bei ihr« – sagte Feodor, »er trug einzelne Piecen sehr hübsch vor, und accompagnirte besonders das letzte Lied reizend – nun – wo hab' ich es denn eigentlich – hin – gesteckt? – na das wäre ein schöner Spaß« – Er befühlte sich am ganzen Körper in immer größerer Hast, wie Einer, nach dem geschossen ist, und der nur noch nicht recht weiß, ob ihm die Kugel in der Schulter oder im Beine sitzt.

In dem Augenblick ging die Thüre auf, und Poller trat mit der großen Schraubenlampe herein, die er mitten auf den Tisch stellte und zugleich das Kaffeegeschirr mit fortnahm.

»Haben Sie etwas verloren?« frugen die beiden Fräulein Seiffenberger besorgt.

»Bitte – bemühen Sie sich nicht – es muß sich schon wieder finden – es war nur das humoristische Gedicht, das von dem Mädchen so wundervoll vorgetragen wurde – ich glaubte es wäre vielleicht für Sie interessant zu – ah, hier ist es – nein doch nicht – das ist etwas anderes – nun das schadet Nichts – hahahaha – das ist auch ein so kleines scherzhaftes Ding was ein sehr guter Freund von mir gemacht hat – prachtvoller Humor darin – es kommt mir immer, wenn ich es so ansehe vor, wie eine Schachtel voll Knallerbsen – hahaha!«

»Hihihi« kicherten die beiden Fräulein Seiffenberger und die Frau Oberpostdirectorin – und die Mollaccorde wurden weicher und wehmüthiger – Feodor saß übrigens den Rücken dem Clavier zugewandt, und konnte deshalb die Spielende nicht sehn.

»Ach bitte, tragen Sie uns etwas vor« bat Melinde.

»Ich habe schon einiges von Ihnen gelesen« setzte Josephine hinzu – »nein, zu reizend; todt könnte man sich darüber lachen – ›Possen aus Nossen‹ war, glaub' ich, der Titel – ist dieß auch von Ihnen?«

»Von mir? – nein« – lächelte Feodor verlegen, und eine eigenthümliche Bescheidenheitsröthe verlieh seinem Antlitz etwas Zinnoberartiges – »ein sehr guter Freund von mir – er ist noch – er ist noch Dilettant – Sie – Sie werden Nachsicht mit ihm haben müssen.«

»O bitte, bitte lesen Sie« baten die Damen.

»Aber es eignet sich in der That gar nicht zum Vorlesen« versicherte Feodor – »es sind nur einzelne, epigrammatisch gehaltene abgerissene Strophen, ohne Zusammenhang – es sollte – wie mir mein Freund gesagt hat, ein Versuch sein, einen Vers auf das ernsthafteste, tragischeste zu beginnen, und dann urplötzlich ganz humoristisch zu schließen – es ist das eine ungeheuer schwere Aufgabe, und ich weiß wirklich nicht« –

»Oh bitte, bitte« – lautete die einzige Antwort.

»Nun, wenn Sie denn nicht anders wollen, aber zürnen Sie mir nicht, wenn ich Sie langweile – ahem – ahem!« –

»Wollen Sie sich die Lampe nicht etwas weiter hinübernehmen?« frug Frau von Gaulitz.

»Oh ich danke, meine Gnädige – ich kann herrlich hier sehen – also ahem – wenn Sie denn Nachsicht mit mir haben wollen – ahem:«

Feodor rückte noch einige Male räuspernd auf dem Stuhl herum, hielt das Manuscript etwas gegen das Licht und begann dann mit ernster, feierlicher Stimme, die ein ernsthaft schmachtender Blick nach des Pastors Töchterchen hinüber aber Lügen strafte:

»Das Warum wird offenbar

Wenn die Todten auferstehen! – –

Wer versetzt den Mantel muß,

Wenn es kalt, im Fracke gehn!« [1]

»Hahaha.«

»Hahaha« lachten die Damen Seiffenberger und von Gaulitz und auch Poller, der in der Thüre stehn geblieben war, verzog den breiten Mund von einer Seite zur andern. Der humoristische Schriftsteller fuhr fort:

»Zwei Seelen und ein Gedanke

Zwei Herzen und ein Schlag – –

Ich glaube Ritzebüttel

Ist kleiner doch als Prag.«

»Hahahaha – sehr gut vortrefflich!«

»Wo Muth und Kraft in deutscher Seele flammen

Fehlt nicht das blanke Schwert beim Becherklang – –

Rauch nie Cigarrn zwei Stück für einen Dreier

Sie machen sicher nur Gestank.«

»Sehr wahr – sehr wahr« kicherten die Damen Seiffenberger – Feodor lächelte und fuhr fort:

»Alles war im Anfang gut auf Erden.

Alles wird durch Weisheit wieder gut –

Drum versäume ja nicht aufzukrämpeln

Deinen alten abgeschabten Hut.«

Ich will die Geduld des Lesers nicht durch noch mehr von diesen Versen auf die Probe stellen. – Die Damen, Fräulein Scheidler und Schütte ausgenommen, amüsirten sich übrigens vortrefflich und riefen, als der junge Mann das Gedicht seines sehr guten Freundes beendigt, wie im Chor: –

»O, das ist sehr drollig – das ist allerliebst!«

»So abgerissen,« lachte Fräulein Josephine – »erst glaubt man Wunder was für ein ernster wehmüthiger Vers kommt, und dann schließt es so pikant und reizend – ha ha ha ha!«

»Der Ernst verleiht dem Humor gerade den höchsten Reiz,« versicherte Feodor, während er das Gedicht in die Westentasche zurückschob. »So hätten Sie nur zum Beispiel sehen sollen, mit welchem unerschütterlichen Ernst das junge Mädchen heute mein – das humoristische Lied sang – es war zu komisch, und ich – ha wahrhaftig – da ist es – nun hab' ich es doch in allen Taschen gesucht –«

Ein paar angeschlagene Accorde ließen den Sehnsuchtswalzer ahnen – aber kurz abgebrochen wurden sie, als ob ein furchtbarer Schmerz selbst jedes Sehnen unterdrücke.

»Sie wollten uns ja ein Lied singen, mein Fräulein,« sagte aber jetzt der Oberpostdirector, der nicht mit Unrecht eine Fortsetzung solch literarischer Thätigkeit fürchtete.

»Ach ja, liebe Anna,« bat auch Sophie, zu ihr tretend, »Du kannst gewiß irgend ein kleines Lied auswendig, singe nur etwas.«

Feodor hatte die zweite Auflage seiner Humoristik schon wieder zum vollständigen Angriffe bereit, da aber die Bitte zum Singen auch von einer der Damen, noch dazu von Fräulein Scheidler unterstützt wurde, so konnte er dagegen doch nicht gut ankämpfen – er legte das Papier vor sich nieder, und nahm sein Taschentuch heraus.

»Ich weiß nicht – meine Stimme ist heute so belegt,« sträubte sich Anna, und Strohwisch fuhr bei den Lauten blitzesschnell herum – das war seine Hausgenossin mit ihrer gellenden Stimme – ha, selbst bis hierher verfolgte ihn sein Geschick.

»Es wird schon gehen,« ermunterte sie aufstehend der Oberpostdirector, und schien nur eine günstige Gelegenheit abzuwarten, um das Zimmer zu verlassen.

»Vielleicht könnten Sie uns irgend ein geistliches Lied singen?« schlug mit gewinnendem Lächeln der Pastor vor.

Feodor war bei der Nachfrage nach einem Liede fast unwillkührlich wieder mit der Hand an die Tasche gefahren, die aller Wahrscheinlichkeit nach noch einen Schatz von solchen in ihren Falten barg, dieser letzte Vorschlag ließ ihn aber in Verzweiflung davon abstehen. Weiteres Ueberlegen half jedoch auch gar Nichts, denn Fräulein Schütte schien plötzlich zu einem Entschluß gekommen zu sein; sie rückte sich wenigstens den Stuhl zurecht – präludirte ein wenig, und –

»Robert, Robert, mein Geliebter,

Mein Herz lebt nur – lebt allein durch Dich«

schwoll mit steigender Bewegung durch die stillen Räume des Saales.

Die Gnadenarie stöhnte Strohwisch leise vor sich hin, und sank vernichtet in seinen Stuhl zurück. Und die Gnadenarie war es auch wirklich, die Anna, trotz der belegten Stimme, in schmetternden Tönen, bald einen Viertelton zu hoch, bald einen halben zu tief, aber regelmäßig aus dem Tact, und fast bei jedem Satze stecken bleibend, vortrug.

»Wenn ich nur meine Noten hätte,« entschuldigte sie sich fortwährend dabei – Feodor aber nahm gar keine Entschuldigung an – bleich und lautlos saß er am Tisch, und nur einmal flüsterte er leise mit unter der Decke gefalteten Händen: »Ich leide unschuldig!«

Unten im Hof aber war es indessen lebhaft geworden, und der Oberpostdirector an's Fenster getreten, wo er hinter den zur Seite geschobenen Rouleaux hervor hinabsah. Dunkle Männergestalten schritten dicht bei einander über den gelben Kies.

»Sie haben ihn,« sagte er, die Gesellschaft ganz vergessend, gegen den Pastor gewandt, wenn aber auch Sophie Scheidler den Kopf wandte, so schien doch sonst Niemand die Bemerkung gehört zu haben, der Pastor aber verließ rasch mit dem Gutsherrn das Zimmer.

»Sie haben ihn?« flüsterte Sophie, und unwillkührlich überlief ein kaltes Frösteln ihre Glieder – »wen? – großer Gott, wenn es möglich wäre.«

Sie glitt rasch an's Fenster, und sah hinaus – gegenüber, wo das kleine Gebäude stand, in welchem zu Zeiten, obgleich sehr selten, Missethäter eingesperrt wurden, standen eine kleine Gruppe Menschen, ihr Vater trat mit dem Oberpostdirector eben zu ihnen; dieser gab einige Befehle.

»Das ist Tyrannei, und wird seine Strafe finden – der Tag des Gerichts ist nahe!« donnerte eine Stimme vom Hofe aus, daß sie selbst hinter dem geschlossenen Fenster die Worte deutlich verstehen konnte. Auch die Uebrigen mußten etwas davon vernommen haben, denn die Fräulein Seiffenberger drehten sich rasch nach dem Fenster um, und Frau von Gaulitz trat zu Sophien, um hinaus zu sehen. Nur Anna Schütte ließ sich nicht stören.

»Wie? Dein Herz, wie? Dein Herz hat vergessen,

Was Du heiß, was Du heiß einst mir schwurst!«

tönte ihre gellende Stimme durch das ganze Haus; selbst die Mägde, die eben mit den Aeschen, in denen sie ihre Abendsuppe geholt, aus der Küche kamen, blieben erstaunt stehen, und horchten hinauf, »wem denn da oben etwas fehle.« Feodor aber saß noch immer in dumpfes düsteres Brüten versenkt.

Gleich darauf schloß sich die Thür wieder drüben, Schlüssel klapperten, und der Oberpostdirector kam mit dem Pastor in das Haus zurück.

»Ach Gnade, Gnade für Dich selber, für Dich selber,

Und Gnade – und Gnade, Gnade für mich – Gnade – Gnade – Gnade für mich!«

schloß Anna ihre schmetternde Bravourarie, und »herrlich!« »göttlich!« riefen die Fräulein Seiffenberger wie aus einem Munde.

»Wirklich schön!« sagte Herr Strohwisch, und machte einen schwachen Versuch zu applaudiren – »sehr schön, mein Fräulein – ich habe – ich habe auch schon früher das – Vergnügen gehabt, Sie singen zu hören –«

Weitere Complimente wurden unnütz, denn Melinde wie Josephine gingen auf Fräulein Schütte zu, preßten sie in die Arme, küßten sie, und nannten sie einen »süßen melodischen Engel.«

Der Oberpostdirector trat mit dem Pastor in's Zimmer, »so will ich Ihnen das andere kleine Gedicht noch vorlesen – mit Musik macht es sich freilich besser – alle meine Gedichte sind fast componirt – wundervoll – schön!«

»Um Gotteswillen, Vater, was ist da draußen eben geschehen?« frug aber Sophie, die neue Kriegserklärung gar nicht beachtend, in Todesangst ihren Vater, so wie dieser die Schwelle nur überschritten hatte.

»Nichts, mein Fräulein, beruhigen Sie sich,« nahm da Herr von Gaulitz die Antwort auf – »Nichts, was Sie ängstigen dürfte, im Gegentheil etwas Freudiges – wir haben den Burschen aufgespürt, der von der Residenz aus steckbrieflich verfolgt ist, und Sie selber sogar gestern im Walde angefallen hat.«

Sophie hatte eine Stuhllehne erfaßt, und es bedurfte aller ihrer Geistesgegenwart, sich in diesem Augenblick nicht zu verrathen.

»Den haben Sie erwischt?« rief da Anna Schütte fröhlich dazwischen – »Gott sei Dank, jetzt kann man doch wieder vor die Thüre gehen, ohne fürchten zu müssen, angefallen zu werden. Was geschieht nun mit dem erschrecklichen Menschen?«

»Aber er hat uns ja gar nicht angefallen!« betheuerte Sophie, denn gewaltsam raffte sie sich zusammen, da sie recht gut fühlte, wie es jetzt an der Zeit sei, dem Unglücklichen, was er auch sonst immer verbrochen haben mochte, wenigstens von dieser Anklage zu reinigen – »nur vom Waldrand her, wo er wahrscheinlich gesessen, trat er auf uns zu, als ihn auch schon das Blei des Jägers traf – und er ist – er ist verwundet.«

»Der klare Schrot wird ihm nicht viel gethan haben,« meinte der Oberpostdirector; »das bleibt sich aber auch gleich, und es soll mir seinetwegen lieb sein, wenn ihm das nicht härter in's Gewicht fällt. Ich habe bei der Sache aber weiter Nichts zu thun, als daß ich ihn in die Stadt an's Criminalgericht liefere, das mag nachher meinetwegen sehen, was es mit ihm anfängt.«

»Was hat er denn eigentlich verbrochen?« frug Strohwisch, der seufzend den Gedanken aufgab, heute noch und unter solchen Verhältnissen zum Vorlesen zu kommen – »hat er gestohlen?«

»Das kaum,« sagte von Gaulitz, »dem Ministerium scheint nur sehr viel an seiner Gefangennehmung zu liegen, es muß wohl ein sehr gefährlicher Mensch und Demagoge sein – nun, wild genug sieht er aus, und es ist mir lieb, daß wir ihn hinter Schloß und Riegel haben. Aber bitte, meine Damen, setzen Sie sich doch, Sie brauchen sich wirklich nicht mehr zu fürchten, – er ist ganz unschädlich. – Wir haben Sie gewiß in Ihrer Arie gestört, mein Fräulein.«

»Ich hatte sie gerade beendet – aber – bester Herr Oberpostdirector, könnte man den Menschen denn wohl einmal zu sehen bekommen? – ich habe noch nie einen ordentlichen Räuber –« sie zögerte einen Augenblick, und der Pastor fuhr lächelnd fort –

– »in aller Sicherheit hinter einem Gitter wie ein wildes Thier betrachten können.«

»Aber Anna!« sagte Sophie vorwurfsvoll –

»Nun liebes Kind, ich weiß wirklich nicht, ob man mit einem solchen Menschen Mitleiden zu haben braucht,« vertheidigte sich die junge Dame – »wenn Einer einmal erst steckbrieflich verfolgt ist, dann muß es ein schlechter Mensch sein.«

»Bitt' um Verzeihung, mein Fräulein,« fiel hier Strohwisch ein – »das kann in jetziger Zeit dem Besten passiren: ein sehr guter Freund von mir hat einmal auf die politischen Steckbriefe ein Gedicht gemacht, das –« er fing schon wieder an, in den Taschen zu suchen – »das – in – der – That – es wird Sie vielleicht – vielleicht interessiren –«

Es klopfte in dem Augenblick stark an die Thür, und auf ein fast unwillkührliches lautes »Herein« des Dichters, der jedoch erschreckt danach zusammenfuhr, und »tausendmal« um Entschuldigung bat, öffnete sich die Thür, und ein junger Mensch, der Bote, den Herr von Gaulitz heute in die Stadt geschickt hatte, trat herein:

»Nehmen Se's nich vor ungut, Herr Oberpostdirecter,« sagte dieser, »daß ich so g'rad hereinfalle, aber 's war keener nich von den Bedienten da, und da dacht' ich, de Sache hätte Eile.«

»Nun, Christoph, was giebts?« frug der Gutsherr rasch – »bringst Du Briefe?«

»Ja, zwee – eenen an den Herrn Oberpostdirecter, un eenen an den Herrn Paster – es sieht wild in der Stadt aus.«

»Was? – Wie so?« sagte von Gaulitz, indem er an den Tisch trat und den Brief erbrach.

»De Minister haben se fortgejeggt,« lachte der Bursche, »reene fort – eben wie ich zum Thore 'naus wulle, gung der Spectakel los.«

»Um Gott,« fuhr der Oberpostdirector erschreckt auf – »das wäre bös –«

»Ja, Se kennen sich druff verlassen, – in der Schenke han ich's en ooch schonst verzählt – na, die fungen en scheenen Cravall an – herr jes!«

Der Pastor hatte indessen seinen Brief ebenfalls geöffnet, von Gaulitz bat ihn aber mit leiser Stimme, ihm auf sein Zimmer zu folgen, und die beiden verließen nach nur kurzer, hastiger Entschuldigung die Gesellschaft.

Auch Christoph wollte sich mit vielen Bücklingen entfernen, um seine Neuigkeit wahrscheinlich im Dorfe weiter zu tragen, der kam aber schön an. Die drei Damen Seiffenberger und Schütte nahmen ihn in die Mitte, Strohwisch besetzte die Thür, und er mußte nun erzählen, bis er, wie eine total ausgepreßte Citrone, der auch der letzte Tropfen Saft genommen, trotz den gewaltigsten Anstrengungen nichts weiter mehr herausgeben konnte. Erst dann überließen sie ihn, matt und erschöpft seinem Schicksal.

»Herr Pastor,« sagte der Oberpostdirector indessen, als der Bediente das Licht auf den Tisch gestellt, und das Zimmer verlassen hatte – »die Sache in der Residenz scheint allerdings schlimm zu stehen, und die Revolution auch in unser kleines Ländchen ihre Bahn gefunden zu haben; nur von dem Sturz des Ministeriums las ich hier noch kein Wort – ich hoffe, der Bursche hat in all seiner Aufregung die Sache am Ende gar schlimmer angesehen, als sie wirklich war.«

»Auch in meinem Briefe steht keine Sylbe davon,« versicherte der Geistliche, – »für mich aber ist hier eine sehr fatale Nachricht enthalten. Denken Sie nur, unser Gefangener ist der Sohn unseres Generalsuperintendenten Wahlert, der sich freilich, wie mir der Hofprediger Bellmann hier schreibt, nach dessen letzten politischen Umtrieben von ihm losgesagt, und ihm förmlich das Haus verboten hat – aber, Du lieber Gott, Elternliebe läßt sich nicht so ohne Weiteres und mit solchem jungen Menschen zu gleicher Zeit vor die Thüre setzen; die bleibt zu Haus, und nagt und mahnt, und holt ihn am Ende doch wieder herein. Der Generalsuperintendent ist, besonders bei Hofe, außerordentlich einflußreich, und ich weiß in der That nicht, ob er es uns später danken würde, dazu beigetragen zu haben, sein einziges Kind aufzufangen.«

»Aber freigeben kann ich ihn doch wahrhaftig auch nicht wieder,« sagte von Gaulitz nach kurzem Ueberlegen, während er mit schnellen Schritten und verschränkten Armen im Zimmer auf- und abgegangen war; »erstlich ist mir das Sprengen des Ministeriums vollkommen unglaublich; wer weiß, was der holzköpfige Bursche in der Stadt gehört und sich dabei in seinem eigenen vernagelten Gehirn zusammengestellt hat – und dann – wirklich den Fall gesetzt, es wäre dem so, wer bürgt mir nachher dafür, daß die heute Gestürzten nicht morgen schon wieder die Zügel, und dann sicherlich noch viel gewaltiger als vorher in Händen haben? – Ich kann, man mag mir nun sagen was man will, noch immer an keine wirkliche, ordentliche Revolution glauben; der Geist des Militairs ist noch der alte, und läßt man den Regierungen nur Zeit, daß sie sich ein wenig von ihrem ersten Schreck erholen können, so werden sie sicherlich das verlorene, oder hier und da fast muthwillig selber aufgegebene Terrain bald wieder gewinnen. Deßhalb muß ich mir also den Rücken in jedem Fall frei halten, und jetzt vor allen Dingen suchen, authentisch-officielle Berichte über den wahren Stand der Dinge in der Residenz zu erhalten. Daß den Ministern, wären sie wirklich gestürzt, Nichts daran liegen würde, einen unruhigen Kopf mehr oder weniger unter Riegel zu wissen, versteht sich wohl von selbst, sind sie aber nicht gestürzt, und war das ein bloßes, vielleicht absichtlich ausgesprengtes Gerücht, – denn die freie Presse leiht ja jetzt zu jeder Schändlichkeit bereitwillig die Hände – und hätt' ich mich dann verleiten lassen, den Gefangenen wieder frei zu geben – so könnt' ich in schöne Verlegenheit hineingerathen.«

»Frei geben dürften Sie ihn auf keinen Fall«, meinte der geistliche Herr, der eine ganze Weile sinnend am Fenster gestanden und in die dunkle Nacht hinausgeschaut hatte, sich jetzt aber plötzlich wieder gegen den Gutsherrn wandte – »wer würde Sie dagegen tadeln können, wenn der Gefangene, durch die Hülfe irgend eines Anderen, vielleicht guten Freundes, von hier entwischte

Von Gaulitz blieb vor dem Pastor stehen und sah ihn ein paar Minuten forschend und scharf in die kleinen schwarzfunkelnden Augen, schüttelte aber nach kurzem Ueberlegen mürrisch den Kopf, setzte seinen unterbrochenen Spaziergang wieder fort Und sagte:

»Nein – nein – das geht nicht – das geht wenigstens jetzt noch nicht – erst muß ich die gewisse Bestätigung dieser Nachricht bekommen, und mit der – werde ich wohl auch Instructionen über mein künftiges Benehmen erhalten. Das alte Staatennetz ist viel zu vortrefflich und dauerhaft gewebt, als daß es so mit einem Male, und schon bei dem ersten gewaltsamen Ruck aus allen Fugen reißen sollte – eine Masche kann wohl manchmal nachgeben – doch das läßt sich restauriren – und die ausgebesserten Stellen halten nachher gerade am Besten. Ich will ohne Zögern einen zuverlässigen Boten in die Stadt zurückschicken; der kann dann recht gut vor morgen früh wieder hier sein, und nachher weiß ich, wie ich zu handeln, was ich zu thun habe, und woran ich bin.«

»Aber der General-Superintendent.«

»Es ist eine böse Geschichte – aber ich kann's nicht ändern – daß mir auch das alberne Volk den Menschen gerade heute Abend einbringt – das verdank' ich Niemandem, als diesem Ohrwurm, dem Poller – so lange hat der Schuft gebohrt und spionirt und wieder gebohrt, bis ich mich verlocken ließ. Ich weiß nicht, was ich jetzt darum gäbe, mit der ganzen Sache gar Nichts zu thun gehabt zu haben. Doch zum Spioniren ist er gut, und darum soll er mir auch ohne weiteres Zögern in die Stadt hinein.«

Der Oberpostdirector schritt rasch der Thüre zu, als ein wunderlich murmelndes Geräusch sein Ohr traf, und ihn fest an die Stelle bannte – auch der Pastor hob erschreckt den Kopf, trat zum Fenster und öffnete schnell den Flügel.

Draußen wogte und tobte eine wilde, stürmende Menschenschaar in das noch offen stehende Thor des Rittergutes herein, junge Bauerburschen und Handarbeiter aus dem Dorfe, und an der Spitze des Zuges wer anders als Doctor Levi, das gesinnungstüchtige Nordlicht der Freiheit mit bis obenhin zugeknöpftem Rocke und fest und entschlossen in die Stirn gedrücktem Hut.

»Hurrah – Freiheit – Freiheit oder'n Dot – 'raus mit'n Gefangenen – Postdirecter 'raus – Hurrah – Republik soll leben – hoch!!! – Hurrah – Postdirecter abdanken – freien Schnaps – hurrah – alle eine Metze Erdbirn' und zwee Pfund Fleesch – hurrah den Gefangenen 'raus!« Das waren die wildverworrenen Schreie und Ausrufungen, die von dem Menschenhaufen zu den am Fenster Stehenden heraufdrangen. In demselben Augenblicke glitt aber auch schon die bleiche, zum Tode entsetzte Gestalt des jungen Poller in's Zimmer und rief, fast athemlos vor innerer Angst und Aufregung:

»Sie kommen, Herr Oberpostdirector, sie kommen – sie wollen ihn wiederholen – das ganze Dorf ist unten, und sie haben geschworen, sie wollen das Schloß in Brand stecken, wenn sie'n nicht gleich mitkriegen.«

»Unsinn!« sagte Herr von Gaulitz, dem es, was auch seine sonstigen Eigenschaften sein mochten, keineswegs an persönlichem Muth gebrach – »Du bist eine Memme, daß Du gleich beim ersten Lärmschuß das Hasenpanier ergreifst – wer ist unten?«

»Das ganze Dorf!« rief der Erschrockene.

»Sind auch die Eisenbahnarbeiter vom Sellsberge dabei?«

»Es kriwwelt und wimmelt von lauter Gesindel.«

»Das ist ja gar nicht möglich,« sagte der Pastor, »Christoph hat die Nachricht vor kaum einer Stunde mitgebracht und auf die hin ist sicherlich erst die ganze Aufregung entstanden.«

»Herr Oberpostdirector!« rief in diesem Augenblicke der alte Poller, der ohne Weiteres das Zimmer aufriß und herein prallte – »Sie wollen mit dem Herrn Oberpostdirector sprechen – die ganze Gemeinde ist da.«

»Ist denn das ganze Haus verrückt geworden?« sagte der Herr von Gaulitz, dem Alten rasch und zornig entgegen gehend – »was ist das für eine Manier, zu mir in's Zimmer zu kommen – weiß er nicht besser, was sich schickt?«

»Bitt' um Verzeihung, Ew. Gnaden – aber – das Volk – der Schrecken – Besorgniß um Ew. –« stotterte der Alte.

»Wer ist noch draußen auf dem Vorsaale?« unterbrach ihn der Gutsherr rasch und heftig.

»Fritz – der Jäger,« lautete die Antwort.

»Er soll hereinkommen – schnell!«

Wenige Secunden später stand Fritz auf der Schwelle und sein monotones

»Zu Befehl Ew. Gnaden« – machte den jetzt wieder hastig im Zimmer auf- und abgehenden erst auf den Gerufenen aufmerksam. Er wandte sich nach ihm um und frug:

»Wie steht's draußen, Fritz? – Was sind das für Schaaren, die da lärmend und schreiend auf mein Gut ziehen – was wollen sie?«

»Sie scheinen's selber nicht so recht zu wissen,« lachte der junge Jäger – »der Doctor führt sie an und eigentlich wollen sie, glaube ich, den Gefangenen befreien, die wirklichen Bauern aus dem Dorfe sind's aber nicht – eine Parthie junge Bursche meistens und Neugierige, sie wählen unten gerade eine Deputation, um sie herauf zu schicken.«

»Ah gut – laß sie kommen,« sagte der Herr von Gaulitz rasch – »geh' hinunter Fritz, und führe sie herauf zu mir – Du bist doch wenigstens noch vernünftig, und weißt was Du sprichst, das Volk hier scheint aber das Bißchen Verstand vollendes verloren zu haben – hinaus mit Euch – halt da, Du, Karl – Du wartest draußen, ich habe noch einen Auftrag für Dich.«

Die beiden Poller glitten, zwischen Furcht vor ihrem Herrn und den aufgebrachten Volkshaufen draußen schwankend (denn die Bewohner von Horneck haßten sie, wie sie recht gut wußten, gründlich) aus dem Zimmer. Fritz aber führte gleich darauf den Doctor Levi mit zwei anderen »Vertrauensmännern«, dem Schneider aus dem Dorfe und dem Böttcher, in's Zimmer, und Levi hielt denn auch, mit seiner ganzen liebenswürdigen Bescheidenheit und ohne weitere Vorrede eine Ansprache an den Rittergutsbesitzer, in der er diesen darauf aufmerksam machte, wie die Tyrannei gestürzt und ihre Helfershelfer der Spreu gleich in alle Winde »zerstiebt« wären, wie das souveraine Volk jetzt eine Weile selber regieren wolle und ihn, den Reactionair auffordere, den Vorkämpfer der Freiheit, den schändlich und heimtückisch gefangenen Wahlert, augenblicklich wieder in Freiheit zu setzen. Sie – die Deputation – wären einstimmig vom Volke erwählt, das unten auf Antwort harre, und den »Bayonetten« zum Trotz seine Foderung mit seinem Heldenblute unterstützen wolle – er rechne auf unbedingte Unterwerfung.

Der Pastor stand in der einen Fenstervertiefung und rieb sich schmunzelnd die Hände – der Sohn des General-Superintendenten wurde frei und er selber damit jeder Verantwortlichkeit enthoben.

Doctor Levi aber, wie Pastor Scheidler, schienen sich Beide in ihren Berechnungen sowohl, wie in der Person des Gutsherrn etwas getäuscht zu haben – so rasch war dieser nicht eingeschüchtert und auch Menschenkenner genug, um an den noch scheu und unschlüssig dastehenden Gestalten der übrigen Deputationsmitglieder zu erkennen, wie der Geist des Aufruhrs sich nur für den Augenblick kaum weiter erstrecke als auf die Unverschämtheit des Doctor Levi, der, wie er früher ganz uneigennützig die »Emancipation« der Juden gepredigt, jetzt plötzlich ein weiteres Feld für seine Rednergabe fand und der gewöhnlichen Redeweise nach, »in deutscher Politik machte«. Diesen daher keines Blickes oder Wortes würdigend, schritt der Oberpostdirector auf den Schneider und Böttcher zu und sagte, sie bei ihren Namen anredend:

»Schickt Euch das ganze Dorf, Merzbach und Hantlich, oder seid Ihr nur auf eigene Veranlassung oder Aufreizung dieses – Menschen zu mir gekommen?«

»Herr Oberpostdirector!« rief der Beleidigte.

»Ruhig Herr,« sagte aber dieser mit so unerschrockener und finsterer Autorität, daß dem Böttcher und Schneider nur noch unbehaglicher zu Muthe wurde und der erstere endlich mit artigem Tone sagte:

»Die Leute im Dorfe meinen, Herr Oberpostdirector, Sie könnten den armen Teufel nun wohl wieder laufen lassen, der unter der vorigen Regierung 'was verbrochen hätte, denn wir kriegten nun doch wohl andere Herren Minister, die –«

»Das Volk fordert seine Befreiung!« schrie Levi, fuhr aber erschreckt zurück, als sich der Gutsherr rasch nach ihm umwandte, ihn vorn an der Brust faßte, und ausrief –

»Wenn die Einwohner von Horneck etwas verlangen, so werden sie einen solchen Quacksalber nicht zu mir schicken, geschieht das aber doch, so hat sich der auch so ordentlich und anständig zu betragen, wie es – an seiner Stelle – ein Einwohner aus dem Dorfe gethan haben würde – sonst werde ich andere Maßregeln mit ihm ergreifen.«

»Das ist Hand an einen Gesandten des Volks gelegt!« schrie der Doctor entrüstet und auch wohl in etwas um seine eigene Sicherheit besorgt, »ich protestire hiermit feierlichst gegen –«

»Fritz!« rief der Gutsherr dazwischen – »hinaus aus meinem Zimmer mit dem Menschen!«

»– Gegen jede Gewaltthat, die nicht an mir, sondern an dem souverainen Volke geschieht, und ich verwahre mich im Voraus gegen –«

Er konnte seine Rede nicht mehr vollenden; Fritz, der den fatalen Menschen aus mehr als einem Grunde nicht leiden mochte (denn er war in letzter Zeit besonders viel um die Schulwohnung geschlichen und hatte das arme Lieschen schon mehrmals mit seiner zudringlichen Freundlichkeit gequält) faßte ihn einfach, trotz alles Sträubens, beim Kragen und verschwand mit ihm ruhig aus der Thür.

Die übrigen beiden Deputirten wußten indessen gar nicht, wie sie sich bei der Sache verhalten sollten, denn von der Unverletzlichkeit eines Gesandten oder Deputirten hatten sie bis dahin einen nur höchst unvollkommenen Begriff, der denn auch durch das, was eben erst vor ihren leiblichen Augen geschah, keineswegs verstärkt oder bestätigt werden konnte. Herr von Gaulitz trat aber, ohne ihnen lange Zeit zum Ueberlegen zu lassen, rasch auf sie zu, und redete sie nun mit so freundlichen und artigen Worten an, daß sie die Behandlung ihres Wortführers ganz darüber vergaßen.

Er versicherte ihnen, daß der Gefangene nicht auf Befehl der Minister, sondern dem Gesetze nach verhaftet, und vorher auch durch das Gesetz steckbrieflich verfolgt wäre – daß ferner das Gesetz doch fortbestehen müsse, ob sie nun dies oder ein anderes Ministerium hätten – versprach ihnen aber auch, noch in dieser Nacht einen Boten nach der Residenz zu schicken und dort anfragen zu lassen, was der Eingebrachte verbrochen habe – sei dies dann nur politischer Natur, so gebe er ihnen die heiligste Versicherung, daß er augenblicklich in Freiheit gesetzt, und jedem beliebigen Verlangen, daß sie also an ihn stellen könnten, dadurch auch genügt werden würde. Uebrigens sei die Nachricht von der Abdankung des Ministeriums keineswegs gegründet, und sie könnten die Folgen leicht selber ermessen, die, im anderen Falle, aus einem gesetzlosen Auftreten von ihrer Seite entstehen möchten.

Die beiden Männer fanden das ganz vernünftig – sie hätten eben so gesprochen, wenn sie Herr von Gaulitz gewesen wären – der Doctor war überhaupt ein Krakehler, der ihnen nur vorgelogen hatte, was dem armen Gefangenen Alles geschehen solle – der Herr von Gaulitz möchte es nicht »vor übel nehmen«, daß sie so frei gewesen wären, bei ihm anzufragen – sie wollten's den Leuten unten schon sagen, wer recht hätte und wie die Sache eigentlich stände.

Und damit gedachten sie sich höflich grüßend zurückzuziehen – von Gaulitz war aber nicht der Mann, einen einmal gewonnenen Vortheil unverfolgt aufzugeben – eine Flasche mit Wein und Gläser standen auf dem Ecktische – ein paar freundliche Worte von ihm nöthigten die Beiden, nur noch einen Augenblick zu warten – rasch war eingeschenkt und fünf Minuten später verließen der Schneider und Böttcher das Zimmer und waren entzückt über ihren Gutsherrn.

»Nein, was das für ein Mann ist«, flüsterte der Schneider, als sie, von dem Bedienten geleitet, die breite Treppe hinabstiegen – »ich soll morgen mit meinem Maas hinaufkommen.«

»Und wegen der Brauereiarbeit hat er schon mit dem Brauer das Nöthige besprochen«, versicherte schmunzelnd der Böttcher – »die Kröte von einem Doctor fängt doch überall Krawall an.«

Draußen vor der Thüre erwartete sie übrigens noch ein ziemlich stürmischer Auftritt – der Doctor hatte die unten Versammelten durch die Erzählung dessen, was ihm geschehen sei, in nicht geringe Aufregung versetzt, und einen wirklichen Sturm auf das Haus konnte nur die Erscheinung der beiden anderen Deputirten verhindern. Mit dieser änderte sich aber auch freilich der Stand der Dinge um ein Bedeutendes – die beiden Männer berichteten, wie sie empfangen seien und welche Versicherungen man ihnen gewährt hätte – klagten über den Doctor, der gegen den Gutsherrn aufgetreten wäre, als ob er einen Holzhacker vor sich habe, setzten hinzu, der Herr Oberpostdirector wisse es auch ganz bestimmt, daß die Nachricht mit dem Ministerium gar nicht wahr wäre, und nur, wenn der Gefangene gestohlen oder sonst ein fürchterliches Verbrechen begangen hätte, dann sollte er in die Stadt geliefert, sonst aber augenblicklich wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

Ein donnerndes Hurrah, das man dem Gutsherrn brachte, war die Antwort; die rasenden Demonstrationen des auf's Aeußerste empörten Doctors wurden nicht weiter beachtet, ja dieser sogar, als er später eben in der Schenke seine Absicht mit Gewalt durchsetzen wollte und durch Schimpfwörter die Bauerburschen reizte, von diesen gefaßt, geprügelt und hinausgeworfen.

Zweites Kapitel.
Plan und Gegenplan.

Die Nacht war ruhig vorüber gegangen und Horneck lag so friedlich in dem Purpurglanz der heiter und rein aufsteigenden Sonne, als ob keine Leidenschaften in ihm getobt hätten, kein lodernder Funke in seine gemüthliche Stille geschleudert wäre der nun heimlich und versteckt fortglimmen mußte, bis ihn die Zeit – und wie bald vielleicht zu prasselnder Flamme emporfachen sollte.

Auf dem Gute herrschte übrigens keineswegs solche Ruhe, sondern eher belebte eine eigenthümliche, ganz ungewöhnliche Regsamkeit die Herrenwohnung und die daran stoßenden Bedientenstuben. Der Oberpostdirector selbst hatte den ganzen Morgen geschrieben und gesiegelt und der junge Poller war noch in der Nacht wieder in die Stadt geschickt, von wo her er mit Tagesanbruch auf weißschäumendem Roß zurückkehrte, und zugleich mit einer Depesche der Regierung die Nachricht brachte, es sei das beabsichtigte Militair wirklich nach Sockwitz gelegt und der Nachbarstaat auch für den schlimmsten Fall um weitere Hülfe angesprochen worden.

Der Inhalt der Depesche lautete übrigens wie die Sachen jetzt standen, nichts weniger als erbaulich.

Das Ministerium stand noch und jenes Gerücht vom verflossenen Abend bezog sich nur auf eine Demonstration – respektive Katzenmusik – die man den Ministern als Mistrauensvotum gebracht, und wobei der Ruf laut geworden, daß sie zum Besten des Landes abdanken sollten, die Aufregung in der Stadt schien aber eine solche bedenkliche Höhe erreicht zu haben, daß es blos eines Anlasses es bedurfte, um den Ausbruch unvermeidlich zu machen. In der That fehlte es auch nur an einer Persönlichkeit, um dem allgemeinen Strom der Gährung sein richtiges Bett anzuweisen und ihn dorthin zu lenken, wo er dem alten Systeme verderblich werden mußte – die fehlte aber bis jetzt in der Residenz; es war keiner unter den Männern, die sich bis dahin zu Volksrednern aufgeschwungen hatten, denen das Volk auch mit jenem blinden zuversichtlichen Vertrauen geglaubt hätte, das unumgänglich nöthig dazu ist, eine Masse zu begeistern und im wilden Todesverachtenden Sturm mit fortzureißen. Die Kraft lag noch in der weiten Menge zersplittert und wenig Gefahr drohte von den zerstreuten Pöbelhaufen.

Ein solcher Führer aber, wie er diesen Massen gerade fehlte, um sie zu dem gefährlichen Feind zu machen, der dem Absolutismus die trotzige Stirn geboten, wäre eben dieser Wahlert gewesen, den jetzt ein tückischer Zufall der Horneckschen Gerichtsbarkeit in die Hände gespielt; es mußte deshalb aber auch dem Ministerium, das ein rauher Wind hätte umstoßen können, besonders daran liegen, gerade diesen Menschen unschädlich zu machen und deshalb lautete auch der Befehl, den der Oberpostdirector in der durch Erpressen gesandten Depesche erhielt, so bestimmt und unumgehbar, den Gefangenen ohne weiteres Zögern und unter sicherer Bedeckung an das nächst gelegene, in Sockwitz bezeichnete, Militairpiket, spätestens bis zum nächsten Abend abzuliefern. Um Aufregung zu vermeiden, wollte man nicht gern Soldaten nach Horneck hineinschicken, und der Transport des Gefangenen sollte deshalb am liebsten in einer Kutsche bewerkstelligt werden.

Das wie und weshalb war Alles klar genug angegeben, aber wie stand es nachher in Horneck selbst? Würden sich die Bewohner des kleinen Ortes, denen der Gutsherr gestern Abend erst das feste Versprechen gegeben hatte, den Gefangenen nicht auszuliefern, bis seine Schuld als grobes Verbrechen auch wirklich erwiesen wäre, damit begnügen, und ließ sich nicht im Gegentheil erwarten, daß die Befolgung der erhaltenen Instruktionen gerade für den Gutsherrn von sehr fatalen Folgen sein konnte?

Der Herr von Gaulitz saß hier in einer recht unbequemen Klemme und sah auch in der That keinen Ausweg, der ihn hätte beide ihm drohende Schwierigkeiten gleich glücklich vermeiden lassen. Lieferte er den Verhafteten aus, so zog er sich den Haß eines großen Theils des Dorfes zu und in der jetzigen Zeit, wo die Leute doch einmal aufgeregt waren, und überall in der Nachbarschaft das böse Beispiel vor sich hatten, ließ es sich gar nicht bestimmen, wie weit das später führen würde und könnte. Lieferte er ihn aber nicht aus, oder ließ er ihn gar entkommen, so war auch Nichts wahrscheinlicher, als daß er für die Folgen zu haften hätte, die daraus entstünden – und welch fürchterlicher Art konnten diese Folgen sein – der fromme Oberpostdirector schauderte, wenn er daran dachte – Anarchie im ganzen Lande – den Rittergutsbesitzer »fortgejagt« wie der »gemeine Mann« in seiner politischen Unschuld meinte, die Königreiche zu Stücken geschlagen, und in ein großes deutsches Reich geschmolzen, kurz alles Bestehende umgedreht und durchgeschüttelt, wodurch alles Nicht-Bestehende natürlich oben hin kommen mußte, und eine Convulsion, in welcher die Gesetzlichkeit vernichtet und die Masse der »gutgesinnten« Staatsbürger, was gar nicht ausbleiben konnte, zum Besten der schlechteren, d. h. ärmeren, ruinirt wurde.

Es blieb, wie die Sachen einmal standen, wirklich keine Wahl, denn hiergegen erschien der Zorn der Hornecker, und vielleicht noch dazu eines nur kleinen Theils, gering – vielleicht ließen sich aber auch selbst diese noch beschwichtigen, und davon überzeugen, daß die Gefangenhaltung des gefährlichen Menschen selbst zu ihrem eigenen Nutzen mit geschehen sei und sich in ihren segensreichen Folgen offenbaren werde. Jedenfalls blieb der Versuch statthaft, und im allerschlimmsten Fall – ei da lag ja in Sockwitz Militair und zum »Schutz des Eigenthums« konnte das leicht und rasch heran beordert werden.

Herr von Gaulitz hatte seinen Entschluß gefaßt; noch heute – und sobald die einbrechende Nacht des Gefangenen Transport begünstigen konnte, sollte er fort – aber selbst der Geistliche durfte Nichts davon erfahren, denn wer weiß, welche Schritte dieser gethan hätte, um seines General-Superintendenten Sohn zu befreien, oder doch wenigstens jeden Schein der Mitwirkung von seinen Schultern abzuwälzen – der jetzt – und Herr von Gaulitz schien auch deshalb gar nicht böse zu sein, – noch jedenfalls darauf lastete. – Die nöthigen Vorkehrungen zu treffen war also das einzige was ihm vor der Hand übrig blieb, und diese auszuführen rief er den alten Poller zu sich in seine Studierstube und gab ihm dort die nöthigen Aufträge und Befehle.


Hatte sich aber auch am letzten Abend das Dorf mit der vom Rittergutsbesitzer erhaltene Auskunft hinsichtlich des Gefangenen begnügt, und war selbst Levi, der sonst stereotype »Vorkämpfer der Freiheit« wie er sich selber nannte, durch die erlittene Mishandlung außer Stand gesetzt augenblicklich für die gute Sache zu wirken, ja vielleicht auch – und wer hätte ihm das verdenken können, beleidigt ob solchen Undanks des souverainen Volkes, so lebte doch noch ein Wesen in Horneck, das mit thätigem Eifer nach dem Schicksal des jetzt wirklich Bedrohten forschte, und zu seiner Rettung selbst entschlossen schien das Aeußerste zu wagen.

Es war dieß aber Niemand Anderes, als die Tochter des armen alten Musikanten Meier, die bekannter mit den Leuten auf dem Gut, besonders mit dem Charakter des Gutsbesitzers selbst war, als es sich von der armen Tochter eines herumziehenden Spielmanns hätte erwarten lassen sollen. Sie wußte aber auch deshalb, in wie gefährlichen Händen der Unglückliche wäre und daß sie keine Zeit mehr zu versäumen habe, seinem Schicksal nachzuforschen.

Ein Vorwand, auf das Gut hinunter zu gehn, wäre allerdings leicht gefunden gewesen; sie sah sich mit ihrer Existenz überhaupt einzig und allein auf weibliche Arbeiten angewiesen, und hätte leicht eine Entschuldigung gehabt, zu diesem Zweck die Damen des Rittergutes aufzusuchen. Dennoch zögerte sie in eigentlicher Scheu, den Schritt zu thun, ja mied sogar, als sie am nächsten Morgen dort unten vorüber ging, die Nähe des Gutes; als sie Pferdegetrappel hinter sich hörte. Sie trat zur Seite und warf fast unwillkürlich den Blick zurück – es war der Oberpostdirector, der rasch, und ohne auf sie niederzusehn, an ihr vorüber und zwar in das Dorf hineinsprengte, und wie von einem plötzlichen Entschluß bestimmt blieb sie stehn, zögerte sinnend einen Augenblick, schien noch zu schwanken, und kehrte dann, raschen Schrittes, den Weg zurück, den sie eben gekommen, bog links, die erst gemiedene Straße in das Schloß selbst hinein und betrat, immer noch wie furchtsam, aber doch nicht unschlüssig mehr, die herrschaftliche Wohnung. Welche Mühe sie sich aber auch gab, die ersehnten Erkundigungen einzuziehen, es gelang ihr nicht. – Herr von Gaulitz hatte entweder seine Pläne sehr geheim gehalten, oder die arme Fremde fand, selbst bei der Dienerschaft, die sich sonst freundlich genug gegen sie betrug, kein Zutrauen. Auch die gnädige Frau, die sie endlich um Arbeit ansprach, schien ihre versteckten Fragen nicht zu verstehn, und hielt sie dabei mit rasch herbeigeholter Arbeit und verschiedenen Aufträgen weit länger zurück, als sie überhaupt beabsichtigt haben mochte, im Schloß zu weilen.

Da wurden unten, auf dem Pflaster, die klappernden Hufe des rückkehrenden Oberpostdirectors laut – Marie wollte sich rasch entfernen – ehe sie aber einen schicklichen Vorwand fand, hörte sie im nächsten Zimmer eine Thür aufgehn und eine heftige Stimme rief:

»Ich sage Dir, Poller, die Kutsche muß bis heut Abend neun Uhr fertig sein und angespannt im Hofe stehn – Du haftest mir dafür; und jetzt fort – keinen Widerspruch weiter – ich will den Burschen noch in dieser Nacht aus meinen vier Pfählen haben, sonst stürmen sie am Ende das Nest und stecken es mir über dem Kopfe an. Nimm die alten Glieder ein wenig zusammen, und rühre Dich.«

In dem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen, Herr von Gaulitz trat hastig herein und wollte durch das Zimmer seiner Frau gehn, als er nur eben noch sah, wie sich die Gestalt der Fremden rasch aus der gegenüberliegenden Thür entfernte.

»Was für ein Frauenzimmer war das?« frug der gestrenge Herr, indem er, den finsteren Blick auf seine Frau geheftet stehen blieb – »was wollte sie hier, und was hat sie da zu horchen?«

»Es ist das arme unglückliche Geschöpf, von dem uns Herr Doctor Strohwisch gestern Abend erzählte,« erwiederte schüchtern seine Frau – »das arme Kind kam heut Morgen zu mir, mich um Arbeit zu bitten, und da ich gerade viel auszubessern und nachzusehen habe, versprach ich ihr Arbeit. Sie hatte die Thür schon in der Hand als Du hereintratst.«

»Ja – aber sie ging nicht – sie horchte wahrscheinlich nach dem, was ich in der Nebenstube sprach,« brummte in augenscheinlich höchst übler Laune der Herr Oberpostdirector. »Sonderbare Leute suchst Du Dir übrigens zu Deiner Beschäftigung aus – ich sollte doch wenigstens erwarten können, daß Du Dir anständig gekleidete und reinliche Menschen in's Haus nähmst – aber Gott bewahre.«

»Du hättest nur sehen sollen, wie sauber sie ging,« unterbrach ihn Frau von Gaulitz, »wie sorgfältig war ihr Haar gekämmt und geflochten – wie schneeweiß der kleine zerrissene Kragen, den sie um den Hals trug, und ihre Hände sahen ebenfalls fein und zierlich aus – das arme Kind muß jedenfalls früher einmal bessere Verhältnisse gesehen haben.«

»Ach was – Unsinn!« polterte der Oberpostdirector, dem es an einer Gelegenheit fehlte, seinem Unmuth Raum zu geben, so daß er sie endlich vom Zaune brach, – »Gesindel ist's, das sich hier schon seit ein paar Tagen im Dorfe herumtreibt, und das ich durch den Gerichtsdiener wahrscheinlich schon morgen werde wieder hinausschaffen lassen – Lumpenpack ist's, das in die Häuser schleicht, um sich eine Gelegenheit zum Stehlen auszusuchen. Und auf mich hörst Du dabei gar nicht – wie oft hab' ich Dir schon gesagt, Dich nicht mit solchem Pack einzulassen, aber Du scheinst ein ordentliches Wohlgefallen daran zu finden, nicht nur meine Wünsche zu vernachlässigen, sondern Dir auch nach wie vor die möglichst schlechteste Gesellschaft auszuwählen. Dadurch wirst Du Dein eigenes Benehmen wahrhaftig nicht bessern, und nur ein klein wenig mehr Manieren annehmen, und mit solchen Vorbildern mag ich es dann nur ganz aufgeben, eine Frau heranzubilden, die den Kreisen, in die ich sie hineinzog, wenigstens keine Schande macht, und das ist doch beim Himmel das Bescheidenste, was ich in aller Welt verlangen kann.«

»Aber bester Gaulitz!«

»Ach was – das Bitten und Weinen hilft mir Nichts! Wie hast Du Dich gestern Abend wieder betragen, es war ja doch ein Schimpf und eine Schande, und ich habe mich selbst vor dem Pastor bis in meine innerste Seele hinein geschämt.«

»Aber was hab' ich denn in aller Welt gethan?« bat zitternd und hocherröthend die Frau.

»Was Du gethan hast?« wiederholte der Zürnende, der sich jetzt einmal in das rechte Gleis hineingearbeitet hatte, »gar Nichts hast Du gethan, und das ist es gerade was mich so ärgert – wie ein Stock hast Du da gesessen und kein Wort gesprochen, und nur manchmal laut aufgelacht, wenn der – Strohwisch seine faden unanständigen Reime vorlas; wenn Du Dich in gebildeten Kreisen bewegen willst, so mußt Du Dir auch Mühe geben zu lernen, wie man sich in solchen bewegt. Hier auf dem Lande möcht' es noch gehen, denn gewöhnlich wird hier nicht jeder Schritt und Tritt so beobachtet, wie in der Residenz, aber gerade gestern war es mir um so fataler, da diese alten Schachteln, diese Geheimenraths-Fräuleins Seiffenberger Deine Beschreibung haarklein in ihre wässrigen Theegesellschaften hineinbringen – ich sah recht gut, wie sie Dich immer von der Seite betrachteten, dann zusammen flüsterten und mit einander lachten.«

»Lieber Gaulitz,« bat die Frau.

»Sei ruhig und ärgere mich nicht jetzt auch noch mit Deinem Wimmern und Winseln!« rief ihr Gatte, »daß mich doch der« – – Er brach plötzlich ab – riß die Thür auf, verließ das Zimmer und warf sie hinter sich mit wilder Gewalt in's Schloß zurück.

Seine Frau schlich auf's Sopha, sank in die eine Ecke desselben, und barg ihr Gesicht schluchzend in den Händen.


Marie verließ langsam und sinnend den Hof. Die wenigen Worte, die sie von des Gutsherrn Lippen gehört, gingen ihr im Kopfe herum, und es war kaum möglich, daß sie noch eine andere Bedeutung haben konnten, als die eine – »die Kutsche muß bis heute Abend neun Uhr fertig sein und angespannt im Hofe stehen – ich will den Burschen noch in dieser Nacht aus meinen vier Pfählen haben, sonst stürmen sie am Ende das Nest, und stecken es mir über dem Kopfe an!«

Wie mit feurigen Buchstaben waren ihr die Sätze in das Hirn eingebrannt. Wahlert gefangen – noch in dieser Nacht den Gerichten überliefert. – Was, um Gott, konnte der Unglückselige nur so Entsetzliches verbrochen haben? – Aber das durfte nicht geschehen – nimmer, so lange sie noch Kraft zum Denken – Kraft zum Handeln behielt.

Langsam war sie den Weg hinangeschritten, der zur Pfarrerwohnung führte, – dabei mußte sie an des Stellmachers Werkstätte vorüber, und dort – ein eigenes wunderliches Gefühl von Schreck und Freude durchzuckte ihren Körper – dort stand die Kutsche, und der Meister war mit Gesellen und Lehrburschen emsig beschäftigt, neue Speichen in eins der arg mitgenommenen Hinterräder zu setzen, und die sonst schadhaften Stellen wieder auszubessern. – Also hatte sie recht gehört, – in diesem Fuhrwerk sollte der Gefangene seinen Henkern ausgeliefert werden, und doch – doch war es den Männern von Horneck gestern versprochen worden, den Eingebrachten, wenn er nicht ein schweres und bösartiges Verbrechen begangen hätte – ohne Weiteres in Freiheit zu setzen.

Großer allmächtiger Gott – wie ihr das Herz schlug vor Angst und Zagen – wenn nun – wenn sie nun den Wagen so hätte wieder beschädigen können, daß es unmöglich gewesen wäre, ihn zu gebrauchen? – Oder wenn sie jetzt hinauf ins Dorf ging, und den Bauern die Nachricht brachte, daß der Gutsherr sein ihnen verpfändetes Wort im Begriff stehe zu brechen – oder wenn sie gar den Herrn von Gaulitz um Erbarmen – Hilf Himmel, wie ihr die tollen wirren Gedanken im Kopfe herum sausten und schwirrten, und es ihr unmöglich machten, zu einem festen geregelten Entschluß zu kommen – fast ihrer unbewußt und mechanisch verfolgte sie den Weg, den sie früher zu gehen beabsichtigt, und stieg zur Pfarre hinauf, von deren Fenstern ihr die funkelnden Strahlen der Sonne warm und glühend entgegenspiegelten.

Drittes Kapitel.
Marie und Sophie.

Herr Pastor Scheidler saß daheim in seiner Wohnstube, und in dem breitlehnigen, weich gepolsterten Armstuhle, der zwischen dem Ofen und Fenster in warmer, und doch dem Lichte nicht abgeschlossener Nische stand. Nicht weit von ihm entfernt, an dem Fenster, das nach dem gegenüber liegenden kleinen Friedhof hinausschaute, hatte Sophie, des Pastors ältestes Töchterlein, ihren Nähtisch stehen, säumte neues, selbst gesponnenes Tischzeug, oder besserte die Wäsche aus, die unsere alte Bekannte Rieke – oder auch Grethe, wie sie der Pastor noch ziemlich hartnäckig nannte, da ihr letztes Mädchen Grethe geheißen – eben in dem weißgescheuerten Korbe hereingeschafft hatte.

»Aber Vater, was hast Du nur«, brach endlich Sophie das lange, lange Schweigen, denn Vater wie Tochter schienen sich an diesem Morgen beide ihren Gedanken vollständig überlassen zu haben, da keines mit dem anderen, wohl seit einer guten halben Stunde, auch nur ein einziges Wort gesprochen – »Du starrst so still und finster vor Dich hin, ist Dir etwas Unangenehmes widerfahren?«

Der Vater antwortete eine Zeit lang nicht, und es war, als wenn er eben bei sich überlege, ob er der Tochter auch das, was ihn eigentlich drücke, mittheilen solle und könne – endlich schien er aber doch zu einem Entschlusse gekommen, rückte sich das schwarze Käppchen zurecht, wechselte seine Stellung vom linken auf den rechten Ellbogen, und sagte, zur Tochter gewandt, die über ihre Arbeit hinüber seinem Blicke begegnete.

»Du magst's auch wissen, was mir im Kopfe herum geht – hast vielleicht einen guten Rath für mich, wenn's Dich auch selber nicht groß interessiren kann.«

»Nun Väterchen?« sagte die Tochter gespannt.

»Du weißt, daß sie gestern einen Gefangenen eingebracht haben.«

Sophie ließ ihre Arbeit in den Schooß sinken und hätte sie ihr Vater in diesem Augenblicke angesehen, so mußte er bemerken, was für eine Veränderung bei der bloßen Erwähnung jenes Mannes in ihren Zügen vorging – so aber haftete sein Blick schon wieder brütend an dem Sonnenstrahle, der in die Stube zwischen dem am Fenster hinaufschlängelnden Epheu hereinfiel und in den fliegenden feinen Staubkörnern allerlei wolkenartige Gestalten bildete –

»Ja,« flüsterte die Tochter.

»Der Gefangene,« fuhr der alte Pastor fort, »ein junger hitz- und tollköpfiger Bursche, voll überspannter Pläne und Leidenschaften ist der einzige Sohn unseres General-Superintendenten.«

»Ist es möglich?« rief Sophie erstaunt und überrascht.

»Ja – es ist allerdings eine wunderliche Geschichte,« bestätigte der Vater, »aber nichtsdestoweniger wahr und mir um so fataler, da der General-Superintendent weiß, auf welch' vertrautem Fuße ich mit dem hiesigen Gutsherrn und Gerichtshalter stehe, und – welchen Einfluß ich bis jetzt auf ihn ausgeübt. Ich habe den Oberpostdirector aber in meinem ganzen Leben noch nicht so starrköpfig und eigensinnig gefunden, wie gerade in diesem Falle; allen meinen vernünftigen Vorstellungen leiht er ein taubes Ohr und ich komme in der That in die äußerste Verlegenheit, wenn er den jungen Menschen wirklich den Gerichten überliefert und einer Strafe preisgiebt, die er sicherlich verdient hat, deren selbst nur theilweise Ursache ich aber doch unter keiner Bedingung sein möchte – ich wollte lieber den König als den General-Superintendenten zum Feinde haben.«

»Aber er wird ihn nicht ausliefern,« sagte Sophie, und der Ton ihrer Stimme, der Blick, den sie dabei auf ihren Vater heftete, das Alles verrieth, wie sie dennoch das Gegentheil von dem fürchtete, was ihre Lippen sprachen – »er hat es ja erst gestern Abend noch den Leuten aus dem Dorfe, die bei ihm waren, versprochen – er wird nicht wortbrüchig werden, ei denke doch Vater, wie er immer die Bibelsprüche im Munde führt, und oft schon, daß ich es mit eigenen Ohren gehört, zu Leuten, die sich wegen irgend etwas verschworen, sagte: ›Eure Rede sei ja ja und nein nein, und was darüber ist, das ist von Uebel‹ – er dürfte ja nicht einmal seiner eigenen Rede so entgegenhandeln.«

Der Pastor schüttelte, als wenn er an solche Gründe nicht so recht glauben wolle, den Kopf, stand aber endlich auf und sagte:

»Ich werde den heutigen Tag noch abwarten, bis dahin muß sich auch der Zustand in der Residenz entschieden haben und dann – was will die Dirne da draußen – die Grethe läßt mir doch auch Jeden herein, das ist ein Wettermädel.«

»Ach, lieber Vater, das muß die Sängerin – die Tochter des alten Musikanten sein!« rief Sophie, rasch von ihrem Sitze aufstehend – »Herr Hennig hat uns heute Morgen bei der Zeichnenstunde von ihr erzählt – Du lieber Gott, wie elend und ärmlich sie aussieht – das arme Mädchen – und die Kleider, wie abgetragen – was sie nur wollen mag.«

»Ein Almosen,« sagte der Vater mürrisch – »derlei Volk will Nichts als Almosen, darauf kannst Du Dich verlassen – ich gehe jetzt in mein Zimmer hinauf, um noch ein paar Briefe zu schreiben – halt' Dich mit der Dirne nicht lange auf, und schicke sie nur zur Mutter in die Küche – die wird sie schon abfertigen.«

Der Pastor stieg langsam die Stufen hinauf und Sophie öffnete indessen der Fremden, die nur einmal schüchtern angeklopft hatte und dann geduldig harrend vor der Pforte stehen blieb, die Thür.

Die Tochter des armen Musikanten war aber keineswegs, wie der Geistliche so lieblos geurtheilt, hierhergekommen, ein Almosen zu erbitten, nur Arbeit wollte sie, Arbeit im Hause des Wohlstandes, um das karge Leben nothdürftig zu fristen und dem Vater, dem es Mühe kostete, allein durch die Welt zu kommen, nicht auch noch zur Last zu fallen. Ihre Sprache war dabei edel und bescheiden und das ganze Wesen und Benehmen der Unglücklichen machte einen so tiefen und wehmüthigen Eindruck auf das weiche Herz der Jungfrau, daß sie sich lang und freundlich mit ihr unterhielt, ihr endlich Arbeit versprach und in der Stube Brod und eine Tasse Warmbier anbot, »weil es gerade dastand«, wie sie sagte, im Grunde aber, weil die Augen des armen Kindes so glanzlos und tief in ihren Höhlen lagen, daß sie sich des Gedankens nicht erwehren konnte, das Mädchen habe heute noch keine Nahrung zu sich genommen, und hungere, sei aber zu stolz, selbst das zu erbitten, was der erschöpfte Körper, sollte er nicht erliegen, bedurfte.

Marie hatte sich im Anfange der freundlichen Sorge fast theilnahmlos hingegeben, wie aber die süße Blume, die dem starren und stürmischen Nordwest still doch hartnäckig getrotzt und die Blüthe fest und krampfhaft jeder äußeren Gewalt verschlossen hielt, ihren duftenden Kelch rasch und sehnend dem milden wärmenden Sonnenstrahle öffnet, und über den linden Kuß des Zephyrs die thauige Freudenthräne weint, so schmolz endlich die zarte Schonung, die in jedem der an sie gerichteten Worte lag und sich selbst in den Gaben zeigte, die Sophien's Hand ihr bot, jene Rinde um das in Leiden gestählte, erstarrte Herz. Wohl kämpfte sie noch eine Zeit lang gegen jede Schwäche an, die ihren kalten resignirenden Ernst zu bewältigen drohte, und als sie fühlte, wie ihr die verrätherischen Thränen in die Augen traten, wandte sie sich ab und suchte die perlenden Zeugen des Schmerzes vor dem forschenden Blicke Sophiens zu verheimlichen.

Reines und heiliges Mitleid sieht aber scharf, wo es helfen und heilen kann, und Sophie glaubte gar bald den Kummer errathen zu haben, der in der Brust der Fremden so fest verschlossen, aber deshalb wohl noch mächtiger und erschütternder geruht hatte, weil ihr keine Seele lebte, der sie ihr Leiden anvertrauen konnte.

»Marie,« sagte sie nach einer ziemlich langen Pause, und ergriff des Mädchens Hand – »Marie – fehlt Ihnen etwas, das in meinen Kräften stünde, Ihnen zu verschaffen?«

Die Leidende blieb eine ganze Weile stumm und regungslos stehen, dann schüttelte sie leise den Kopf.

»Marie –« fuhr des Pastors Tochter schüchtern fort – »ich meine es gut mit Ihnen – ich meine es wahrlich gut mit Ihnen – wenn ich nur wüßte was – was Ihnen fehlte. – Sie sind – Sie sind nicht glücklich.«

Ein zweites leises Schütteln sollte wieder die einzige Antwort sein, und noch weiter ab drehte sie das bleiche Angesicht, aber nicht länger ließ sich der also heraufbeschworene Schmerz bewältigen – stärker und immer stärker drängte er herauf aus dem vollen, o so übervollen Herzen und endlich – endlich brach er sich mit unwiderstehlicher Gewalt in wildem, aber nicht linderndem Thränenstrom die stürmische Bahn, denn nicht freiwillige Thränen waren es, die den heißen Augenhöhlen entquollen und sie konnten deshalb das Herz auch nicht erleichtern und das Uebermaß der aufgehäuften Fluth drängte sie in's Freie, daß die Gefäße, die sie bis jetzt gehalten nicht vor der gährenden Kraft zerbersten und zertrümmern sollten.

Aber die starre Hülle, die ihr Inneres umschlossen, schien ebenfalls mit den vordringenden Thränen gefallen zu sein; ihre Gestalt zitterte, die Hand, die Sophie in diesem Augenblick ergriff, bebte wie im Fieberfrost, und rasch und plötzlich – dem aufblitzenden Gedanken gehorchend, wandte sie sich, barg ihr Antlitz auf der Hand der erschreckten Jungfrau – und schluchzte laut.

»Marie« flüsterte diese, »mein armes armes Kind, was kann ich für Sie thun – womit Ihnen helfen – sind Sie in so großer Noth? – ach ich will gern –« sie schwieg; denn plötzlich fiel ihr ein, daß sie ja erst am vorgestrigen Abend ihre ganze kleine Baarschaft weggeschenkt hatte und nicht einmal im Stande war auch nur ein Almosen zu geben – »ja – mein Vater wird – er muß helfen,« fuhr sie, rasch sich sammelnd, fort »mein Vater ist auch gut und mildthätig, nur zu viel hat er aber in letzterer Zeit geben müssen und dadurch erscheint er manchmal härter – weinen Sie nicht mehr, liebe Marie, wenn Sie hier in Horneck bleiben, können Sie sich darauf verlassen, daß ich Alles thun werde, was in meinen Kräften steht, Ihnen zu helfen und beizustehn.«

»Ich bin es überzeugt« flüsterte die Fremde mit einem innigen Händedruck – »Sie sind gut und freundlich – aber – verzeihen Sie den Ausbruch eines Schmerzes, den Sie, eben durch Ihre Güte selbst hervorgerufen – es war das erste herzliche Wort, was ich seit langer langer Zeit gehört, und wenn es auch wohl, o so unendlich wohl that, und so süß und tröstend in meine Seele klang, so beschwor es doch wieder Bilder herauf, die besser, o weit besser in tiefster Seele begraben geblieben wären.«

»Sehn Sie« suchte Sophie jetzt die Leidende zu trösten und zu zerstreuen; »wenn Sie hier wohnen bleiben und mit der Nadel gut umzugehen wissen, so kann sich Ihr Leben vielleicht noch ganz glücklich gestalten. Besonders im Sommer hat es uns bis jetzt immer an Näherinnen gefehlt, denn die Stadtleute, die hier herausziehn, brauchen viel neue Kleider und zerreißen sich die alten fortwährend an aufgestellten Eggen, Dornhecken, Disteln und andern ländlichen ›Unbequemlichkeiten,‹ wie sie's nennen. Ich will Sie Schüttens empfehlen – die kommen überall herum und Sie können sich darauf verlassen, daß Sie dann in kurzer Zeit bekannt und was noch viel besser sein wird, auch beschäftigt sind.«

»Wie freundlich Sie sind« sagte, mit herzlichem Dank im Blick, die Fremde – »Sie sollen auch sehn, ich werde sicherlich Alles thun, was in meinen Kräften steht, Ihr gütiges Fürwort zu verdienen; jetzt aber haben Sie mir auch Muth gemacht Ihnen ganz zu vertrauen und – eine Bitte ist es – eine Frage vielmehr, die ich mit aller Kraft meiner schwachen Beredsamkeit an Ihr Herz legen möchte, daß Sie dieselbe bei Ihren Herrn Vater befürworten möchten.«

»Und die lautet?«

»Sie betrifft nicht mich selbst« sagte Marie und schaute dabei mit dem jetzt von einem eigenen Feuer belebten, aber sonst festen und ruhigen Blick in das Auge der Jungfrau – »sondern einen Unglücklichen, der durch eine eigene Verkettung von Umständen gerade in diesem Augenblick so nothwendig der Hülfe fremder Menschen bedarf, denn seine Freunde – waren zu schwach ihm zu helfen.«

»Und wer ist es?« frug Sophie, Mariens Hand ergreifend – »wenn ich nur zu helfen vermag, es soll gewiß mit inniger Freude geschehen – gewiß Ihr Vater?«

»Nein – nicht der – nicht jetzt wenigstens, sondern ein Fremder – jener Unglückliche, der gestern Abend gefangen auf das Schloß – aber um Gott – was ist Ihnen? – Sie werden todtenbleich – Sie – – Sie kennen ihn?«

»Ich? – ja – Sie haben doch wohl von unserem Begegnen im Walde gehört,« sagte des Pastors Tochter rasch gefasst und sich mit Gewalt sammelnd – »er sollte uns räuberisch angefallen haben, hieß es im Dorfe, und der dazu kommende Jäger verwundete noch außerdem den armen Menschen. – Mir hat es recht von Herzen leid gethan, daß das um meinetwegen geschehen war und – es geht mir jedesmal wie ein Stich durch die Seele, wenn ich an jenen Tag denke. – Doch, wie kann ich ihm helfen – was kann mein Vater für ihn thun – wie – ja – wer ist er eigentlich, und – welchen Antheil nehmen Sie an seinem Schicksal?«

Der Fremden forschender Blick hatte fest und unverwandt auf der Sprechenden geruht – erst jetzt senkte sie ihn, und antwortete seufzend:

»Welchen Theil ich an seinem Schicksal nehme? – Er ist unglücklich – unglücklich, weil er den Armen zu nützen suchte, und mit freier und kühner Rede gegen Macht und Reichthum auftrat. Er selbst stammt von achtbaren Eltern – sein Vater ist Generalsuperintendent und ein reicher angesehener Mann; deshalb aber hassen die Großen des Reichs diesen Vorkämpfer der Freiheit so aus Herzensgrund, weil sie ihm nicht den Vorwurf machen können, Mangel und Noth oder ein verfehltes Leben habe ihn zu seiner politischen Meinung getrieben; deshalb sind sie wahrscheinlich so eifrig bemüht, ihn gefangen zu halten, weil sein Beispiel nicht ein zündender Strahl werden soll, der das Verderben bis in die Mitte der Gewaltigen schleudert, und den Thron stürzen könnte, der dem Heile des Volkes den Weg zur Freiheit sperrte. Für das Proletariat wirkte er mit allen Kräften, deren er fähig war, diesem eine menschliche Stellung unter den Menschen einzuräumen, die Aufgabe hatte er sich gestellt. Sollen die Armen da nicht an ihm hängen, die, denen er sein ganzes Leben, seine ganze Existenz geopfert? – Sollten sie ihn in der Noth verlassen, da er nur um sie in Noth gekommen?«

Sophie lauschte schweigend, mit halb weggewandtem Kopfe, aber mit freudigem Lächeln auf den lieben Zügen den Worten, die ihr so hold und süß klangen, weil sie das Lob des – sie wagte den Gedanken noch nicht auszudenken, aber ein Gefühl war es, das sie ergriff, als ob sie in sonniger Morgenstunde den feierlich erhebenden Tönen der Orgel lausche und die Seele ihr von des Chorals Accorden getragen, höher und höher hinauf zu dem lichten Dom des Allliebenden emporschwebe.

Marie verwandte keinen Blick von ihr, und ein eigenthümlicher Ausdruck von Spannung, Erstaunen und Zweifel lag dabei in den Zügen der Fremden. Endlich brach Sophie wieder das Schweigen und sagte leise:

»Und droht dem Manne Gefahr?«

»Ja,« war die rasche Antwort des Mädchens, deren ganzes Streben sich bei der Frage wieder blitzesschnell auf das eine fest und treu gehaltene Ziel geheftet – »ja – noch in dieser Nacht.«

»In dieser Nacht?« rief Sophie erschreckt, und ihre Wangen färbte ein höheres Roth, als sie sich so scharf und forschend beobachtet sah – »aber wie wäre das möglich – der Oberpostdirector –«

»Ist ein Schurke,« erwiederte eintönig die Fremde – »und Niemand kennt das vielleicht besser als ich – doch wie dem auch sei, er wäre zu Allem fähig, wo es den eigenen Nutzen oder Vortheil gilt, und ich weiß, daß sein Plan dahin geht, den Gefangenen heute Abend um neun Uhr an das nächste Militairpiket wahrscheinlich abzuliefern. Das zu vereiteln ist vielleicht nur ihr Herr Vater im Stande – er ist Geistlicher des Ortes – seine Pflicht als solcher geböte ihm schon, ein Menschenleben zu retten, wenn es in seiner Macht steht – sein Herz wird aber diese Pflicht zu einer doppelten machen, – wenn nicht gar – Mitleid für den Sohn seines Vorgesetzten – er kann dem Gefühl den Namen geben, und kein Mensch wird ihn tadeln dürfen, wenn er seine Stimme auch zu Gunsten eines Mannes erhob, den das Gericht verfehmt hatte und dessen Spuren die Häscher, wie der Jäger dem wilden Thiere, folgten.«

»Und noch in dieser Nacht? – Aber der Gutsherr hat ja versprochen ihn in Freiheit zu setzen, sobald er nicht ein schweres Verbrechen begangen – erst muß er hören, was der Unglückliche gefehlt, – eher darf er nicht richten; und ihn jetzt, in dieser Zeit ausliefern, wäre so gut wie ein Richterspruch.«

»Der Herr von Gaulitz hat schon Vieles versprochen aber Lüge ist sein Lächeln, und teuflische Hinterlist sein Wort – aus der Bibel citirt er die Sprüche Jesu, aber schwarz ist das Herz, das unter der gleißnerischen Zunge schlägt.«

»Doch vielleicht – vielleicht ist es ja nicht einmal so gefährlich,« sagte Sophie plötzlich, und ein Hoffnungsstrahl durchglühte dabei ihre Seele – »wer weiß denn ob sie ihn, wie die Sachen jetzt stehen, nicht augenblicklich wieder freilassen, so wie er die Residenz betritt, – möglicher Weise ist es viel besser, er wird dorthin abgeliefert.«

»Sie haben recht,« antwortete das Mädchen, und ihr Blick suchte mit ängstlicher Gier den Ausdruck der ihr halb abgewandten Züge zu erforschen – »vielleicht lassen sie ihn frei, und so mag denn der Gutsherr seinen Willen haben – man kann das wenigstens glauben, und – fällt es anders aus – wird er vielleicht gar – doch nein, das wäre ja nur eine Möglichkeit, und die – haben wir nicht voraussehen können.«

Sophie hatte in peinliches Sinnen versenkt dagestanden – die Worte des Mädchens schnitten ihr wie Messer in die Seele, und immer klarer wurde sie sich bewußt, daß auf Hülfe, wenn einmal in den Händen des wirklichen Gerichts, nicht mehr zu hoffen sei, und eine Rettung des Unglücklichen von hier jedenfalls ausgehen müsse. Aber wie – der Kopf schwindelte ihr von all' dem Sinnen und Denken – überall unübersteigliche Schwierigkeiten, überall gehemmt und beschränkt, und die Zeit mit jeder Secunde dem entscheidenden Momente rasch, furchtbar rasch entgegenstrebend.

»Nein – nein« sagte sie endlich, mit halblauter Stimme – sie schien in diesem Augenblick die Gegenwart der Fremden ganz vergessen zu haben – »es darf nicht sein – darf nicht geschehn? – aber wie es verhüten? – mein Vater muß da helfen. Ja, Marie – Sie haben recht« fuhr sie da plötzlich laut, und sich der Gegenwart der Fremden erinnernd fort. »Mein Vater ist gut – er wird nicht zugeben, daß ein armer Verfolgter ungerecht leiden soll – selbst wenn er nicht der Sohn eines ihm befreundeten Mannes wäre, – ich will mit ihm sprechen – verlaß Dich auf mich, was in meinen – was in seinen Kräften steht, wird er thun und meine Schuld soll es sein, wenn ich die Sache nicht mit Bitten unterstütze – sind Sie nun zufrieden gestellt, Marie?«