TAHITI.

Roman aus der Südsee

von

Friedrich Gerstäcker.

Zweite unveränderte Auflage.

Dritter Band.

Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.

Leipzig,

Hermann Costenoble.

1857.


Inhalt des dritten Bandes.

Seite
Cap. 1. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen [1]
" 2. Pomare und Du Petit Thouars [54]
" 3. Die Tahitische Flagge [80]
" 4. Die Conferenz [122]
" 5. Susanna [143]
" 6. Jim O'Flannagan in Thätigkeit [178]
" 7. Consul Pritchards Gefangennahme [230]
" 8. Pomare's Flucht [259]
" 9. Der erste Kampf [292]
" 10. Der Abschied [310]

Capitel 1.
Alte Erinnerungen und neue Schmerzen.

Ueber die See strich der Morgenwind leise und feucht, kräuselte die Wogen, die spielend, neckend nach ihm auflangten, und glitt dann rasch zwischen die Palmen am Ufer und in den fruchtschweren Wald, in dem er rauschte und flüsterte und Thau und Blüthen niederschüttelte aus dem blitzenden Laub. Bleigrau lag noch das Meer, und nur dunkle Schatten flogen über seine Fläche, wo der Wind sie faßte, herüber und hinüber drängend und oft im raschen Zug darüber hinstreichend. Nur am Himmel kündete der lichte Streif den nahenden Morgen, und sandte seine zuckenden Strahlen weit aus über den noch sternfunkelnden Himmelsdom, vor denen die Kinder der Nacht erblichen und scheu und furchtsam zurückwichen, dem Sonnengott Raum zu geben.

Und heran kam der, auf schnaubenden Rossen, wie vom Sturm getragen, und nicht langsam und zögernd, wie bei uns im kalten Nord — dem ersten Angriff folgend mit starker mächtiger Hand, scheuchte er die Nacht vor sich her, und seinem ersten dämmernden Nahen folgte auch schon der Siegeszug, mit dem er den flüchtigen Feind zu Paaren trieb.

Dunkel und blau lag das Meer, als der erste zündende Strahl darüber zuckte und die kleinen Wellen neugierig die Köpfe hoben, zuerst dem nahenden Gott in's Auge zu schauen; und ein blinkendes Netz warf er über sie aus, Gold und Purpur strahlend, und wie von einem Zauberstab berührt, glühte plötzlich das weite wogende Meer, jede Welle den blauen schlanken Nacken mit Diamanten überstreut und von Gold- und Silberadern dicht und leuchtend durchzogen. Und die Berge strahlten den Widerglanz zurück, die thaubedeckten Palmenkronen warfen den silbernen Regen nieder in Thal und Schlucht, und wie aufathmend in unendlicher Wonne und Seligkeit, strömte der Duft aus von all den Blüthenhainen, die tief versteckt im dunklen Laube ruhten, den Seewind rückwärts treibend, mit sanfter liebender Gewalt.

Ueber die Berge aber schaute der Sonnengott freundlich in's Thal, und grüßte die friedlichen Dächer alle, die tief versteckt im schattigen Laub lagen und ihn fürchteten den Gewaltigen. Nicht täuschte sie dabei der leise Kuß den er ihnen zuwarf wie er nur den Hain erreicht; — höher steigend und wachsend an Macht und Gewalt wäre der Kuß zum giftigen sengenden Pfeil geworden, der zündet was er erreicht und dorrt und brennt, und die Palmen hatten dann alle Hände voll zu thun, und mit allen Fasern den kühlen Lebenssaft aus dem feuchten Strand heraufziehen, das ihnen anvertraute Gut, die Wohnungen der stillen Menschen vor dem glühenden Strahl zu schützen und zu schirmen.

Und wie freundlich er da unten auf dem gelben Laub spielte, das hie und da den Boden bedeckte, wie er sich durch jede Zweigesspalte durchstahl und den saftigen Blättern schmeichelte und mit ihnen kos'te, ihn nur durchzulassen, ein kleines kleines wenig nur durchzulassen zu den Blüthen und Früchten unten, denen er Zucker bringen wollte und ein goldenes Kleid, und dann wunderliche Figuren mit ihren Schatten formte, und ihnen Zeichen und Bilder in die Haut grub zum Angedenken.

Welch freundliches Leben und Treiben in dem herrlichen Wald, und daß die Axt da kommen sollte mit gierigem Zahn, und die Palmen niederschlagen und Bäume, Felder zu bilden mit langen geraden Reihen, viereckige, eingezäunte Felder, dem Sonnenstrahl preisgegeben, der dann nicht spielend mehr zwischen den Zweigen kost, sondern verlangend sich an den Boden saugt und ihn hart und trocken zieht in gieriger Lust.

Aber fort mit dem traurigen Bild; noch rauschen die Bäume, noch flüstert der Morgenwind, der flatterhafte Geselle, den Blüthen allen seinen tollen Liebesunsinn vor, und unter dem Laub, die schönste Zierde des Hains, der Blumen eine die das Land gebar und die zu ihnen gehörte, zu den schlanken Palmen und duftenden Blüthen saß Sadie, und wie an den wehenden, raschelnden, wispernden Blättern der Banane, die ihre grünen Fächer schützend über sie breitete, der Thau in großen hellen Tropfen blitzte und funkelnd niederfiel in ihren Schoos, so hing an ihren Wimpern ein klares Thränenpaar und schwer und langsam sank es nieder zu dem Thau — anderen, schwereren Perlen Raum zu geben.

Sie war allein — nur das Kind spielte zu ihren Füßen, haschte nach den wechselnden Schatten die ein neckischer Strahl über ein hin- und herwehendes Blatt warf, oder suchte sich kleine blitzende Muscheln aus dem Korallenkies, der sich hier mit dem Boden vermengte — René hatte seine Heimath — zum ersten Mal seit sie mit ihm vermählt — schon vor Tag, und zwar durch Bertrand abgeholt, verlassen, in einer Stimmung verlassen, die ihr das Herz mit Sorge füllte — sie wußte selber nicht warum, und jetzt schnürte ihr eine Angst, der sie nicht Worte zu geben wußte, die Brust zusammen und die Thränen, die ihren Wimpern entfielen linderten den Schmerz nicht, der sie erzeugt, sondern brannten nur weiter in zündender, quälender Lohe.

So saß sie da, lange, lange Minuten, in ihrem Gram, die brennenden Augen in der Hand geborgen und die klaren Tropfen preßten sich gewaltsam Bahn, zwischen den zarten, zitternden Fingern durch, hinaus ins Freie. Aber immer ängstlicher wurde ihr dabei ums Herz, ein merkwürdig stechendes Gefühl zog ihr durch Scheitel und Hirn — sie athmete schwer und wie von einer heranprassenden Gefahr bedroht, die sie umgab und wenn auch unsichtbar bedrohte, schaute sie endlich verstört und bleich empor und sprang mit einem jähen Schrei auch auf von ihrem Sitz, denn vor ihr stand, mit auf der Brust gekreuzten Armen, den ernsten aber jetzt nicht strengen Blick fest und forschend auf sie geheftet, der Mann, der einst mit kalter starrer Hand hineingreifen wollte in ihre Liebe, in ihr Leben, und dem sie sich seit jenem Tag nicht mehr gegenüber gesehen — der Missionair Rowe.

Und was führte ihn jetzt zu ihr? — Sorge? Theilnahme? hatte sein starres unduldsames Herz verziehen? oder — wie Fieberfrost zog es ihr durch Mark und Bein wenn sie des fernen Gatten dachte und den stillen wehmüthig ernsten Blick des finstern Mannes so fest, so entsetzlich fest auf sich gerichtet sah.

»Um Gott! — was ist geschehen?« flüsterte sie endlich in kaum hörbaren, angstdurchzitterten Tönen — »wo ist René? — was ist vorgefallen ehrwürdiger Herr?« und das Kind, das auf dem Boden neben ihr gespielt und die schmerzlichen Laute der Mutter hörte, ihre Thränen sah, sprang auf und klammerte sich schreiend an ihr Knie, sich nur wieder beruhigend als es den Schutz fühlte, den ihre Nähe gab. Aber der ehrwürdige Mr. Rowe schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst:

»Wenn Du eine Unglücksbotschaft fürchtest, meine Tochter, so beruhige Dich, denn sie kann nicht von mir ausgehen — ich weiß von keinem fleischlichen Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben könnte. Aber nicht dem auch sind Deine Thränen geflossen,« setzte er wehmüthiger hinzu — »nicht die Furcht vor Krankheit oder Tod hat diese Wangen gebleicht, diese Augen geröthet — o Prudentia, sind das die Früchte unserer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die wir, Dein Pflegevater und ich auf Dein Wachsen und Aufblühen setzten? — ist das Versprechen Wahrheit geworden, das uns Dein kindlich frommer Sinn in früher Jugend gab, und pflegst Du so das Wort Gottes, das Dir, ein heiliger tröstender Stern hätte vorleuchten sollen auf der schweren Bahn der Prüfung die Du, nach dem Willen des Höchsten betreten, und der Du, ach, nach so kurzer, so entsetzlich kurzer Zeit schon erliegst?«

Sadie schwieg — das Herz war ihr schon überdies voll und schwer, und die Worte des Geistlichen schnitten nur noch tiefer ein in die Wunden. Auch der wehmüthige, fast liebende Ton den sie an ihm nie gewöhnt, drang ihr mit scharfem Schmerz in die Seele und wie das, was ihr in früher Jugend gelehrt und ihr Herz damals in voller ungetheilter Kraft erfüllt hatte, jetzt wieder, vielleicht stärker noch durch die Gestalt des damaligen strengen Lehrers, durch die Stimme selber zu Tag gerufen worden, deren Klänge in ihrer Erinnerung nie verwischt, nur geschlummert hatten, so stieg auch mit den Worten der mahnende finstere Geist auf und hob warnend die Hand und der Gedanke ich habe gesündigt wuchs, ein Furcht- und Schreckensbild, mit riesenhafter Schnelle vor ihrem inneren Auge empor und gab der Angst und Qual die sie an diesem Morgen schon gefühlt einen entsetzlichen und doch ihr unbewußt so falschen Ausdruck.

»Ach, ehrwürdiger Herr« flüsterte sie leise — »nicht aus eigenem Antrieb — Gott weiß es — betrat ich jenen Ort, und nicht wohl hab' ich mich darin gefühlt, zwischen den fremden Menschen.«

»Aber Du hast mit ihnen getanzt!« sagte traurig der Missionair und sein Auge haftete in ernster Wehmuth auf den bleichen Zügen der armen jungen Frau — »ihrer wilden zügellosen Lust mit der sie sich im Kreise schwingen, fremde Frauen in den Armen fremder Männer, hast Du beigewohnt, hast Theil daran genommen und wenn Du da glaubst, und Dir vorsprichst vielleicht, Dich vor Dir selber zu entschuldigen, Dein Herz sei noch frei von böser Absicht, bösen Wünschen — glaube es nicht! — Der Feind hat die Hand nach Dir ausgestreckt, die Du ihm, statt ihn mit frommem inbrünstigem Gebet und fleißigem Lesen in der heiligen Schrift, abzuwehren, willig — ja Prudentia — willig geboten hast. Der erste Schritt dazu war, als Du einem Manne folgtest, der dem wahren Glauben abhold, nie in das stille Heiligthum Deines Herzens hätte eindringen dürfen, eindringen können, wäre nicht grobe Sinnlichkeit und fleischliche Lust stärker in Dir gewesen als die Liebe zu Gott.«

»Ehrwürdiger Herr« bat Sadie.

»Es schmerzt mich« fuhr der Geistliche mit fast weicher Stimme fort »es schmerzt mich tief Dir weh thun zu müssen, Prudentia, denn ich habe Dich lieb gehabt, schon als kleines Kind, und Dein Wachsen und Gedeihen in so Gott wohlgefälliger Weise mit inniger Freude angesehen. Ich hielt es damals für meine Pflicht Dir entgegenzutreten als Du den ersten Fehltritt thun wolltest — der Herr hat es anders gelenkt, Sein Name sei gepriesen. — Aber nur eine Prüfung wollte er Dir auflegen, ob Du, das Kind dieser Inseln, die Du die Herrlichkeit Seines Namens von Seinen Dienern selber gehört, und sorgfältig aufgezogen warst, Sein Wort weiter zu verbreiten auf diesen Inseln, auch bestehen würdest auf dem rauhen Pfad des Lebens, wenn keine treue und sichere Hand Dich mehr führte und leitete auf Seinen Wegen zu wandeln. Alle, alle diese Hoffnungen sind dahin gestoben, wie Spreu im Winde — der erste Lufthauch der Lust, der Verführung, und Jahrelange Arbeit und Müh schwand dahin, als ob es ein Nichts gewesen wäre, ein todtes Blatt im Herbststurm, das dem Meere der Vernichtung entgegenweht. Und noch — jetzt noch ist es Zeit Dich zurückzuhalten, jetzt noch ist Rettung nicht unmöglich, wenn Du die mahnende Freundesstimme — die Stimme Gottes hören wolltest, die bittend, flehend zu Dir spricht, durch meinen Mund. Noch ist die elfte Stunde nicht vorüber — noch lacht Dir das Licht der Verheißung und es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der reuig zurückkehrt in die Arme des Allliebenden, als über tausend Gerechte die da eingehn zur himmlischen Herrlichkeit.«

»Was kann ich thun?« klagte die arme Frau und faltete verzweifelnd die Hände auf dem Schooße »mein Gatte, mein Kind fordern mein Leben — ihnen gehört es, ihnen muß ich bleiben und sagt nicht selbst Gott in seinem Wort: Du sollst Vater und Mutter verlassen, und dem Manne folgen?«

»Dem Manne, aber nicht dem Feind« rief der Missionair zum ersten Mal wieder den alten unversöhnlichen Haß im Blick — »nicht dem Feind, Prudentia, der Dich mit süßen Liedern und rauschenden Klängen lockt. Du sollst dem Mann, der nun doch einmal Dein Mann geworden, in allem Guten folgen, aber nicht in Sünde und Finsterniß — und das nicht allein, Du sollst, Du mußt all Deine Kraft, all Deine Macht über ihn anwenden, ihn selber zurückzuhalten von dem, was ihm Verderben droht.«

»Was würde Vater Osborne sagen« fuhr er wieder mit weicherer leiserer Stimme fort, »wenn er Dich gestern in ihren Reihen, die Fröhlichste unter den Fröhlichen noch hätte sehen können?«

Sadie schüttelte traurig mit dem Kopf und seufzte tief auf.

»Wenn er Zeuge gewesen wäre, wie Du ihre Tänze tanztest und in ihren Armen den Abend verbrachtest, der in Gebet um Deinen Gatten, um Dein Kind hätte verfließen sollen. Prudentia — kannst Du noch beten?«

»Aus voller inniger Seele zu meinem Gott!« rief aber das arme Weib jetzt, dem bei den Worten eine Last von der Seele wälzte — »der Schein mag wider mich sein, und der Ausspruch der Menschen; aber Gott der mein Herz sieht und kennt, weiß mit wie wehmüthigem Gefühl ich dem Befehl, dem Wunsch meines Gatten gehorchte, Theil zu nehmen an den Lustbarkeiten der Fremden. Mir war nicht freudig dabei zu Muthe und nicht froh; ich passe nicht zwischen sie mit ihren fremden Sitten und Gebräuchen — mit ihren fremden Gedanken von recht und gut — mir ist nur wohl in meiner Heimath, bei meinem Kind und hätt' ich mein freundliches Atiu nicht verlassen dürfen, wie froh, wie glücklich, wie Gott dankbar hätte ich leben wollen.«

»Ich komme jetzt von Atiu« sagte Mr. Rowe leise.

»Von Atiu?« rief Sadie rasch und bewegt die Hände faltend — »von — von Atiu;« setzte sie langsamer und mit kaum hörbarer Stimme hinzu — »von meinem Atiu — und haben sie meiner freundlich noch gedacht?«

»Bruder Ezra hat mich begleitet« sagte der Missionair ohne direkt auf ihre Frage zu erwiedern — »denn der jetzigen inhaltschweren Verhältnisse wegen ist eine Zusammenkunft von allen solchen Männern wenigstens nöthig geworden, die irgend eine vorragende Stellung auf den verschiedenen Inseln einnehmen, dort etwa auftauchendem Französischem Einfluß zu begegnen. Die Mutterkirche in England scheint theilnahmlos unserem Kampfe zuschauen zu wollen, und wir müssen ihr jetzt zeigen über welche Kräfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige wenige, der christlichen Religion gewonnene Häuptlinge ihren Schutz verlangten, oder ein starkes zahlreiches Volk, das ein Recht hat, ihre Hülfe zu beanspruchen.«

»Mi-to-na-re« flüsterte die junge Frau, unter Thränen lächelnd leise vor sich hin — »Mi-to-na-re.«

»Ja Prudentia — dort allerdings war eine schöne Zeit für Dich« sagte der Geistliche, mit ernster Theilnahme den Faden auffassend, der an ihre Erinnerung knüpfte — »und Gottes Hand lag liebend auf Deiner Heimath, seinen Segen spendend zu jeder Stunde die mit Glück und heiliger Ruhe Deine Brust erfüllte. Keine Reue über eine einzige verfehlte Stunde — keine Furcht vor einem einstigen Strafgericht erfüllte da Dein Herz — der aufkeimenden Sünde wehrten die Männer, die ihre Lieben daheim, ihr Vaterland verlassen hatten, Dich und die Deinen einem ewigen Leben einer einstigen Glückseligkeit zu gewinnen, indem sie die heidnischen Gräuel zerstörten, die diese Wälder und die Herzen ihrer Bewohner füllten, und Gottes Vaterhuld spannte seinen blauen Himmelsdom liebend über ein glückliches Land. Da kam der Versucher und Du erlagst.«

»Ehrwürdiger Vater« bat Sadie.

»Fürchte nicht, mein Kind, daß ich in dieser Stunde gekommen bin Dir Vorwürfe zu machen über Vergangenes; es ist geschehen — ich streckte meine Hand aus Dich zu retten, aber Du stießest sie zurück, und wenn ich Dich auch, durch die Verhältnisse gezwungen, eine Zeitlang Deinem Schicksal überlassen mußte, habe ich Dich doch nicht einen Tag nur aus den Augen verloren Prudentia, und keineswegs die Hoffnung aufgegeben, Deine Seele ihrem Erlöser zu retten — ja ich fürchte fast, wieder zu gewinnen.«

»Aber was kann ich — darf ich thun?« frug Sadie in peinlicher Angst — »meinem Gatten gehört mein Leben, mein Glück — selbst unsere Religion gebietet uns ihm zu gehorchen.«

»Willst Du seinen Leib oder seine Seele retten?« frug der Priester mit finsterer, fast tonloser Stimme.

»Seinen Leib?« rief Sadie — der mit Blitzesschnelle der neue Gedanke an Gefahr des Gatten durch die Seele zuckte — »seinen Leib? was droht ihm? — was soll ich retten — o sprecht um des Heilands Willen, was ist geschehen?«

»Thörichtes Kind« sagte aber der fromme Mann kopfschüttelnd und seufzend auf sie nieder schauend — »thörichtes blindes Kind, das hoffend und träumend, in sündhafter Sorglosigkeit in die Welt hineingelebt hat, und die wetterschwangere Wolke, die droben furchtbar am Himmel droht, nicht sieht — oder nicht sehen will. Nicht von dem Einzelnen spreche ich, der leichtsinnig die Rache seines Gottes herausfordert durch verstocktes Anhängen am Götzendienst, mit dem sich die Frevler hier Bahn gebrochen haben durch der Waffen Gewalt — nicht der Einzelne ist es, der den strafenden Schlag des Allmächtigen zu fürchten hat — »Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen,« spricht der Herr — »und mein Schwert soll Fleisch fressen über dem Blut der Erschlagenen, und über dem Gefängniß und über dem entblößten Haupt des Feindes. — Jauchzet Alle, die Ihr sein Volk seid, denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und wird sich an seinen Feinden rächen und gnädig sein dem Lande seines Volks — Nun will ich mich aufmachen spricht der Herr — nun will ich mich erheben, nun will ich hoch kommen, denn die Völker werden zu Kalk verbrannt werden, wie man abgehauene Dornen mit Feuer ansteckt — Und der Herr ist zornig über alle Heiden, und grimmig über Alles ihr Herr — er wird sie verbannen und zum Schlachten überantworten und ihre Erschlagenen werden hingeworfen werden daß der Gestank von ihren Leichnamen aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut fließen.«

»Allerbarmer!« rief Sadie und barg zusammenschaudernd ihr Antlitz in den Händen, dem furchtbaren Bilde zu entgehen, das der finstere Mann vor ihr heraufbeschworen.

»Allerbarmer ja!« sagte der Priester in langsamem und tiefem Ton — »ja, bis zum letzten Faden seiner Gnade und Barmherzigkeit — dann aber auch der Rächer und furchtbare Richter, mit dem Schwert seines gewaltigen Zornes und dem Eisen seiner Allmächtigkeit. Sein Arm ist furchtbar und die Welt zittert wenn er den Finger hebt.«

»Aber Gott kann nicht den Untergang Aller wollen« bat Sadie — »er sieht die Herzen und weiß die Schuldigen von den Schuldlosen zu trennen — o wäre Vater Osborne hier, daß er seinem armen Kinde Trost spendete und Rath in der entsetzlichen Noth.«

»Nur im Gebet liegt Beides« erwiederte streng und ernst wie je, der Geistliche — »bete Tochter, verlorenes Lamm der Heerde — bete. Bete zu dem Allmächtigen daß er Deiner Stimme Kraft verleiht, zu dem Ohr des Gatten zu dringen, daß er Deinem Herzen die Stärke giebt, auszuhalten in dem schweren Werk und Seinem Pfad zu folgen, trotz allen Irrgängen des Versuchers. Noch ist der Böse mächtig in Dir, aber der Herr wird Dich beugen und niederwerfen in den Staub, wenn Du Dich am sichersten glaubtest vor Seinem Arm — so bete, bete daß Er die Fasern Deines Herzens zum Lichte wende und Seine Hand über Dich halte, Dich zu schirmen und schützen in dem nahen Kampf.«

Und wie von dem Geist berührt von dem er sprach, warf er sich plötzlich neben der Trauernden, die mechanisch seinem Beispiel folgte, auf die Knie nieder, und die Augen schließend und die fast krampfhaft zusammengefalteten Hände zum Himmel aufhebend rief er mit lauter wehdurchschauerter und das Herz des Weibes wie mit scharfer Waffe treffender Stimme in dem Psalm Assaphs:

»Herr es sind Heiden in Dein Erbe gefallen — die haben Deinen heiligen Tempel verunreinigt und aus Jerusalem Steinhaufen gemacht.

»Wir sind unseren Nachbarn eine Schmach geworden, ein Spott und Hohn denen, die um uns sind.

»Herr wie lange willst Du so gar zürnen, und Deinen Eifer wie Feuer brennen lassen?

»Schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden, die Dich nicht kennen, und auf die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen.

»Denn sie haben Jacob aufgefressen und seine Häuser verwüstet.

»Gedenke nicht unserer vorigen Missethat, erbarme Dich unserer bald, denn wir sind fast dünne geworden;

»Hilf uns Gott, unser Helfer, um Deines Namens Ehre willen; errette uns und vergieb uns unsere Sünde um Deines Namens willen.

»Warum lässest Du die Heiden sagen »Wo ist nun ihr Gott?

»Laß unter den Heiden vor unseren Augen kund werden die Rache des Blutes Deiner Knechte, das vergossen ist.

»Laß vor Dich kommen das Seufzen der Gefangenen; nach Deinem großen Arm behalte die Kinder des Todes,

»Und vergilt unsern Nachbarn siebenfältig in ihren Busen ihre Schmach, damit sie Dich, Herr, geschmähet haben.

»Wir aber, Dein Volk und Schaafe Deiner Weide, danken Dir ewiglich und verkündigen Deinen Ruhm für und für!«

Langsam erhob sich der Priester nach dem Gebet der Rache an den Allerbarmer und stand noch viele Minuten lang, mit fest auf der Brust gefaltenen Händen neben der knieenden Frau; aber Sadie regte sich nicht — das Antlitz in den Händen über den Stuhl hingebeugt, lag sie in heißem brünstigen Gebet und nur das heftige Wogen ihrer Gestalt, der heiße rasche Athem der sich ihrer Brust entrang, verrieth das Leben, das Leiden der Armen.

Der ehrwürdige Mr. Rowe schaute mit ernstem fast wehmüthigem Blick auf die Betende nieder und legte dann seine beiden Hände leise und wie segnend auf ihr Haupt. Sadie fühlte die Berührung und zuckte unter ihr zusammen, aber sie blieb regungslos in ihrer Stellung.

»Prudentia« sagte Bruder Rowe leise — »Prudentia!« — aber keine Antwort wurde ihm, und nur fester schien die Weinende das Antlitz in ihren Händen begraben zu wollen. »So sei Gott mit Dir!« sagte der fromme Mann, seinen Hut ergreifend, den er daneben auf den Tisch gestellt — »so sende er Dir sein Licht und seine Gnade — er lasse sein Angesicht leuchten über Dir und gebe Dir seinen Frieden!«

Sich dann wendend, verließ er mit leisen Schritten das Haus, ging langsam durch den Garten, an dessen Thüre ein Insulaner halb auf der Lauer, halb auf ihn wartend, gestanden hatte und folgte der Broomroad, die nach Papetee hinunter führte.

Seine etwas lange und hagere Gestalt war aber noch nicht ganz hinter den, diesen Theil der Hecke bildenden Papayen verschwunden, als aus der ziemlich dichten Orangenlaube die nahe zum Hause stand, eine kleine wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil des mageren Geistlichen, vortauchte, und dessen Entfernung mit augenfälliger Aufmerksamkeit und fast wie mißtrauisch beobachtete. Der hier jedenfalls versteckt Gewesene schien sich auch gar nicht damit zu beruhigen daß der also Bewachte seinen Weg die Straße entlang bis außer Sicht fortsetzte, sondern er verließ ebenfalls den Garten und folgte dem Andern zuerst eine kurze Strecke auf dem Weg, und dann, als er eine kleine Anhöhe erreichte, von der er einen ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeitlang mit den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne hinter einer Biegung der Straße verschwunden war. Erst dann schien er sich vollkommen sicher zu fühlen und eilte jetzt mit raschen Schritten und Freude strahlenden Augen zum Haus zurück, dessen Thüre noch, wie sie der Geistliche verlassen, halb geöffnet stand. An der Schwelle aber blieb er wie scheu und unschlüssig stehen — er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken — er setzte den Fuß vor, und zog ihn fast ängstlich wieder zurück; endlich aber faßte er sich ein Herz — die Sonne stieg mit jedem Augenblick höher und er durfte die kostbare Zeit nicht länger versäumen, und die Hand der Thüre nähernd klopfte er, mit einem jedenfalls gewaltsam gesammelten Entschluß laut und herzhaft an.

Keine Antwort; — drinn im Zimmer rührte und regte sich Nichts und der Klopfer blieb kopfschüttelnd und unschlüssig in seiner lauschenden Stellung an der Thür. Endlich, und nach augenscheinlicher Ueberwindung klopfte er zum zweiten Mal, und zwar etwas stärker als vorher, und als auch diesmal seine Anmeldung so unbeantwortet blieb als vorher, gewann die Ungeduld bei ihm so weit die Oberhand, daß er, vielleicht auch halb mit der Ueberzeugung es sei Niemand mehr im Haus, den Knöchel seines dritten Fingers laut und heftig an die Thür anpochte, in demselben Augenblick aber auch mit einem kaum unterdrückten Schrei zurücksprang, als das leise aber doch so deutliche und ihm so wohlbekannte »hare mai« einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Sein erstes Gefühl schien auch wirklich unbedingte Flucht, aber die Töne hatten zugleich alte und oh so liebe Erinnerungen in ihm geweckt, und fast instinktartig und jedenfalls unbewußt nach seinen Füßen hinunterfühlend, ob er die Schuhe auch, wie es sich gehöre, daran habe, und nicht etwa wieder barfuß als roher Wilder zwischen den cultivirten Menschen herumlaufe in der Welt, schob er die Thüre langsam auf und trat hinein.

Sadie hatte sich eben, als sie das Klopfen gehört, vom Boden erhoben und stand der Thüre zugedreht, kaum aber auch die kleine, so lang befreundete Gestalt des Eintretenden erblickt als sie mit dem Freudenruf »Mitonare — mein guter, lieber Mitonare,« auf ihn zusprang und seine, nach ihr ausgestreckte Hand ergriff.

»Pu-de-ni-a!« stammelte der kleine Mann, und riß die Augen weiter und weiter auf, den mehr und mehr füllenden und vorquillenden Thränen, die er nicht zurückpressen konnte in ihr Bett, einen Blick abzugewinnen auf das Wesen, das ihm das Liebste gewesen war auf der Welt, fast seit dem Tag an, wo er es zuerst auf seinem Arm gewiegt und mit allen Schmeichelnamen genannt hatte die er wußte — »Pu-de-ni-a — es — es freut mich recht — recht sehr — Sie — Sie — Dich —« Er kam nicht weiter — die großen hellen Thränen rollten ihm die Backen hinunter und die nicht widerstrebende Frau an sich ziehend, rieb er — den höchsten Ausdruck innigster, herzlichster Zärtlichkeit den er kannte, seine Nase an der ihrigen, zog sie dann fester an sich, streichelte ihr mit beiden Händen die Schläfe, drehte ihr Köpfchen zu sich hin, ihr in die Augen zu sehen und nannte sie dabei mit allen alten Schmeichelnamen die er kannte und ihr, o wie viel tausend Mal schon, in früheren Jahren liebkosend gegeben hatte; Sadie aber barg ihr Köpfchen an seiner Brust und ihre Thränen strömten ungehindert an dem Herzen des treuen ehrlichen Freundes.

Bruder Ezra war auch wirklich der Erste der sich wieder sammelte, und das geliebte Kind auf Armes Länge leise von sich schiebend, daß er eben die bleichen, thränenfeuchten Züge erkennen und überblicken konnte, sagte er flüsternd und mit recht weicher, wehmüthiger Stimme, doch nicht in seinem gebrochenen Englisch, sondern der ihm geläufigen Muttersprache:

»Aber was ist das? — ist Pudenia — meine kleine, liebe Pu-de-ni-a nicht mehr das fröhliche leichtherzige Kind von A-ti-u? — sind die klaren Augen schon so trüb geworden in der kurzen Zeit, und die Wangen so fahl? und ist der böse böse Wi-Wi etwa gar schlecht gewesen mit meinem Lieb, meinem süßen herztröstenden Lieb?«

Unter ihren Thränen vor lächelte Sadie und seine Hand fassend und streichelnd schüttelte sie leise mit dem Kopf und sagte, mit wieder fast dem vollen Strahl vorigen Glücks in den schönen Zügen:

»Nein Mi-to-na-re — nein er ist gut und lieb wie je und mein Herz ist sein bis zum Tod, und weit, weit darüber hinaus — zanke mir nicht den Wi-Wi —«

»Dann hat Dir der »schwarze Mann« wieder das Herz schwer gemacht mit seinen Worten, die Einem wie Messer einschneiden in die Brust und nur immer brennen und schmerzen« sagte Bruder Ezra, und der scheue aber zürnende Blick den er aus dem Fenster die Straße entlang warf, verrieth nur zu deutlich wen er damit gemeint. »Wenn ich eine Zeitlang mit ihm zusammen bin, und ihn beten und predigen höre, dann komme ich mir immer vor wie der entsetzlichste furchtbarste Sünder, der noch ein besonderes Feuer in der Hölle haben müßte, seine Sünden vollständig abzubüßen — und wenn ich sonst mit Vater Osborne sprach, war mir's dagegen, als ob mir der eine Last von der Brust gewälzt und mir Balsam in die frischen Wunden gegossen hätte. Es ist doch eine ganz erschreckliche Geschichte, wenn man so gar nicht gewiß erfahren kann ob man ein nichtswürdiger Sünder oder ein guter Christ ist, und ich bin bei mir noch nicht im Stande gewesen dahinter zu kommen.«

»Aber wie siehst Du aus, Mitonare« — rief Sadie, indem sie lächelnd einen Schritt zurücktrat, seine Gestalt und Kleidung, die sich allerdings seit sie ihn nicht gesehen um ein Wesentliches verändert hatte, besser überschauen zu können — »segne mich, wie Du Dich gekleidet hast, und wie stattlich Du einher gehst jetzt, und wie ehrwürdig.«

Bruder Ezra schüttelte mit dem Kopf, und sich selber, mit einem keineswegs sehr selbstgefälligen Blick von oben bis unten betrachtend, sagte er leise und traurig:

»Es ist Nichts, Pudenia — gar Nichts; die Hosen machen einen Menschen höchstens unbequem aber noch nicht zum Christen, und die steifen Dinger hier unter den Ohren — der Weiße hatte gestern recht der mir sagte wenn ich mich einmal rasch und plötzlich bückte, schnitt ich mir die Ohren ab, wie mit dem Rasirmesser.«

»Die Kleider machen allerdings den Christen nicht, Mi-to-na-re« lächelte Sadie, »aber das treue Herz in der Brust hat Dich dem reinen schönen Glauben gewonnen und Dein Herz erfüllt mit Seinem Ehr und Preis.«

Der kleine Mitonare seufzte recht aus schwerem Herzen tief auf, und es war augenscheinlich daß ihn dort etwas drückte, mit dem er sich scheute an Tageslicht zu kommen. Sadie fühlte das mehr als sie es sah, denn des Mitonare veränderte Kleidung hatte ihre Aufmerksamkeit bis jetzt in der That zu sehr in Anspruch genommen. Erst jetzt bemerkte sie auch eigentlich, ihm voll in's Angesicht schauend, daß nicht Alles so mit dem kleinen, sonst so freundlichen Manne stehe als es wohl solle, und irgend etwas vorgefallen sein müsse, das ihn drücke und quäle, und nicht zu Ruhe kommen lasse. Mit seinen Schwächen und Eigenschaften aber auch wieder bekannt, lächelte sie, denn nicht unwahrscheinlich kam ihr der Gedanke, die neue außergewöhnliche und unbequeme Kleidung die ihm der Missionair jedenfalls wenn nicht aufgenöthigt doch angerathen (bei Mr. Rowe so gut wie ein Befehl) drücke ihn und nehme ihm das Freie, das Zutrauliche seiner Bewegungen.

Mi-to-na-re sah aber auch wirklich verzweifelt aus, denn nicht allein daß er die Weste fest und eng zugeknöpft trug über dem seit einiger Zeit wieder gediehenen Bauch, und die Knöpfe derselben in wirklich gefährlicher Spannung hielt, nicht allein daß ihm das weiße dicke Tuch dreimal in dichten Falten um den Hals lag und dem Kopf das Ansehen gab, als ob er mit dem steif und starr gestärkten Hemdkragen oben eben nur hinausgeschnürt sei; nicht allein daß seine Füße wie früher in den breiten unbequemen Schuhen standen, und er bei jedem Schritt auftrat, als ob er den Fuß irgendwo eingeklemmt hätte, und ihn wieder herauszuziehen wünsche, so war ihm auch jetzt das, sonst doch wenigstens bequeme und luftige Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine staken in so engen, strammen Hosen, daß es ein Wunder schien wie er überhaupt hineingekommen und den kleinen schüchternen Mann veranlaßt hatte einen kurzen Pareu, trotz den Einreden des Geistlichen, noch über diesem neuen und jedenfalls unpassenden Kleidungsstück zu tragen, das nun einmal durchaus nöthig sein sollte auch den letzten heidnischen Anstrich von ihm zu entfernen. Und selbst das war nicht genug gewesen, denn sogar der hohe trostlose Europäische Hut durfte nicht fehlen ihn elend zu machen, und so oft war er schon damit in jedem Guiavenbusch, jeder Banane, in der Thür jeder Hütte, in den Zweigen jedes Baumes hängen geblieben, daß er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den schmalen Rand seines Peinigers zu fassen und sich zu bücken.

Solcher Art, und noch mit dem Zusatz eines dicken und schweren Gebetbuchs, das er in die linke und enge Fracktasche hineingezwängt trug, während es ihm in dem schmalen Zipfel fortwährend in die Kniekehlen schlug, war Mitonare aufgeputzt, und es läßt sich denken daß er sich, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, an das freie Leben seiner Inseln gewöhnt, nicht hätte leicht und behaglich fühlen können. Aber dem armen kleinen Mann drückten auch noch andere Sorgen.

»Die schöne Zeit ist vorbei« sagte er traurig, »wo nur die Sterne die Augen Gottes waren, und ich hineinschauen konnte, durch die funkelnden Lichter bis tief in sein herrliches Reich. Mitonare ist unglücklich, sein Glaube ist wankend geworden, und nun hat er den Weg verloren und weiß nicht ob er gerade durch über die Berge und durch die Thäler weg steigen und klettern, oder ein Canoe nehmen, und im seichten Binnenwasser der Riffe langsam hinsteuern soll.«

»Armer Mitonare« lächelte Sadie, die noch immer nicht den ernsten Sinn seiner Worte begriff — »aber wer hat Dich nur so herausgeputzt in der fremden Tracht, die Dir nicht paßt und zusagt?«

»Wer?« murmelte Bruder Ezra finster vor sich hin — »wer? — er hat noch andere Sachen gethan. Wir sind arge Sünder und müssen jetzt entsetzlich viel beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir gehen Alle rettungslos zu Grund — Mitonare kennt das halbe dicke Buch, und die andere Hälfte hat er auch gekannt aber wieder vergessen; nun muß er noch einmal von vorn anfangen und — und sein Vater und Großvater bleibt doch in der — da unten — tief da unten.«

Der kleine, sonst so freundliche Mann schüttelte finster mit dem Kopf und Sadie, seine Hand ergreifend sagte mit leiser unendlich rührender Stimme:

»Es wird schon noch Alles gut gehen, Mi-to-na-re — und Gott ist ja der Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von Deinem Haupte fällt — so erzähle mir von Atiu — von meinem Atiu — was sie dort treiben und thun und — ob sie meiner noch manchmal freundlich da gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken nicht neide die da hinüberziehn, und mit meinen Gedanken, meinen Wünschen ihnen doch noch so weit, so weit voraus bin.«

»Atiu« wiederholte der kleine Mann, langsam und freundlich mit dem Kopfe nickend — »mit dem stillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche — wo die nahuitarava ia mere[A] Abends gerad über unserem Dache stehn und ihr mildes Licht auf uns heruntergießen; wo — aber es ist auch manches anders geworden auf Atiu« setzte er sinnend, und fast wie mit sich selber redend, hinzu — »die Leute werden zu klug und zu reich, und dann ist's mit dem Frieden vorbei und dem Glück. — Wie schön war Atiu als es nur seine Palmen hatte und seine Pandangedeckten Hütten.«

[A] Nahuitarava ia mere, das Gestirn des Orion.

»Wie schön war Atiu« wiederholte seufzend die junge Frau.

»Und vielen Besuch haben wir drüben gehabt« setzte der kleine Mitonare mit noch fast ernsterer Stimme hinzu — »lauter Leute die es gut mit uns meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren unsere Seelen zu retten, und die uns entsetzlich viel versprachen wenn wir nur gerade da hineinspringen wollten, wo die Anderen sagten daß es lichterloh mit Pech und Schwefel brenne.«

»Waren Missionaire von Frankreich auf Atiu?« frug Sadie rasch und fast erschreckt.

»Ich weiß nicht wo sie herkamen,« sagte der kleine Mann traurig, »aber Wi-Wis waren darunter und Andere auch — und — sie haben uns wenigstens das Herz schwer gemacht, mit ihren Versprechungen und drohenden Reden.«

»Und weiß Mr. Rowe daß die Fremden da gewesen?«

Mitonare lächelte fast wieder wie in alter Zeit und sagte schmunzelnd:

»Ob er es weiß; und Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebeten für die — die Götzendiener — und der Himmel blieb blau« setzte er unheimlich lachend hinzu — »und dann kamen die anderen Männer und sprachen vom lieben Gott, den sie ganz genau kennen wollten und der ihr bester Freund sein sollte, und riefen auch wieder einen Feuerregen von Pech und Schwefel nieder auf die Häupter ihrer Gegner — und der Himmel blieb blau!«

So scharf und grell stieß er dabei das letzte Wort aus, daß die kleine Sadie, die bis jetzt ruhig und unbeachtet am Boden gespielt, erschreckt in die Höhe fuhr und einen leisen Schrei ausstieß. Bruder Ezra drehte sich rasch danach um und das Kind kaum am Boden erblickend, warf er, mit Mißachtung jedes Unfalls, den Hut von sich auf die Erde, fiel neben dem noch immer furchtsam zu ihm emporschauenden Kinde auf die Knie nieder und rief mit, vor innerer Rührung fast erstickter aber auch jubelnder, jauchzender Stimme:

»Iti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.«[B]

[B] Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein kleines Mädchen.

Und die Kleine, die ihn erst staunend betrachtet hatte, streckte die Händchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen, und der gute kleine Mitonare griff sie auf, nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend mit ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie wüthend über solches Betragen schlenkernde Buch zum Einhalten zwang, so sehr sie sich Beide darüber freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles vergessen, was ihn bis dahin gedrückt oder weh gethan, und das Mädchen nur herzend, das sich wunderbarer Weise Alles von ihm gefallen ließ, was er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewußt hätte daß ihr von dem Manne sicher nichts Uebeles drohe, plauderte er mit ihr das tollste wildeste Zeug, nannte sie bei allen Schmeichelnamen und fing endlich sogar an mit ihr in seinem gebrochenen Englisch, von dem er aber in den letzten Jahren noch viel mehr vergessen als dazu gelernt hatte, zu schwatzen und lachen und Geschichten zu erzählen aus Bibel und Heidenzeit, von Meer und Land, wie es ihm durch den Sinn zuckte, dem lieben lächelnden Kind gegenüber. Und Sadie stand daneben, die linke Hand auf den Tisch gestützt und mit der rechten in den Locken des Kindes spielend und seinen Scheitel streichend, während die kleine Sadie jauchzte und lachte über den neuen wunderlichen Spielgefährten, ihre Aermchen um seinen Nacken legte und ihn an den steifen Hemdkragen und Halstuchspitzen zupfte. Und Mitonare ließ sich das Alles ruhig gefallen, und hatte tausend und tausend Fragen und Liebkosungen für das Kind.

»Und wie lange bleibst Du auf Tahiti, Mitonare?« sagte da Sadie — »hast Du auch Atiu verlassen, und willst nicht wieder zurückkehren nach dem lieben Land?«

Da wurde der kleine Mann plötzlich ernsthaft, setzte das Kind, das ihn noch gar nicht lassen wollte nieder auf den Boden und sagte, recht herzhaft mit dem Kopfe schüttelnd und einen scheuen Blick nach der Thür werfend:

»Wär' es auf mich angekommen, hätt' ich die Insel nicht verlassen mein Lebelang, außer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzusuchen und — wenn es anging, zurückzuholen zu Deinen alten Lieblingsstellen; aber es ist jetzt eine schlimme Zeit — die Leute sind irre geworden an ihrem Gott und mit Gewalt wollen sie die Liebe bringen, und mit Blut den Glauben begießen, daß er wachse und gedeihe.«

»Aber ich verstehe Dich nicht« sagte Sadie.

»Sie haben was vor hier auf Tahiti!« fuhr der Bruder Ezra leise fort, als ob er sich fürchte irgend ein Geheimniß zu verrathen, »was es ist, weiß ich noch nicht, aber die Bibelstellen die Vater Rowe gepredigt riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsschiffe hier, wie ich sehe, aber die Wi-Wis sind auch nicht müßig, und vorgestern waren zwei große Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo behauptet, daß sie den Feranis gehörten und viel Kanonen an Bord hätten mit Pulver und schweren Kugeln.«

»Und was können unbewaffnete Menschen dagegen thun?« frug Sadie wehmüthig mit dem Kopfe schüttelnd.

»Unbewaffnete, Nichts« erwiederte Bruder Ezra rasch, »aber Bewaffnete desto mehr; Bibeln waren nicht in den Kisten, die sie vom Bord desselben Wallfischfängers, der jetzt, wenn mich nicht Alles täuscht, hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und zu sicheren Verstecken in die Berge schafften.«

»Die Missionaire werden nie die Hand reichen zu Gewalt und Blutvergießen« rief Sadie.

»Wenn ich 'was nicht sehen mag, dreh' ich den Kopf weg,« sagte der Mitonare trocken — »es giebt Leute genug überall, die, einen Dollar zu verdienen, leicht ein schlechtes Werk thun, wie viel eher denn nicht ein gutes — ihre Landsleute mit Waffen zu versehen, daß sie sich selbst beschützen können.«

»Du nanntest erst Raiteo, Mitonare?« frug Sadie — »wie geht es ihm und was treibt er jetzt — ist er ein besserer Mensch geworden?« —

»Was er in diesem Augenblicke treibt weiß ich wahrlich nicht«, sagte der kleine Mann finster, »aber als ich kam stand er draußen auf Posten, und ging dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die Stadt zurück; — ist nicht das erste Mal daß sie in einem Joche ziehn.«

»Raiteo hier auf Tahiti?« rief Sadie erstaunt.

»Raiteo Mitonare« erwiederte Bruder Ezra trocken.

»Mitonare? — Raiteo? der seinen Vater verrathen würde um ein Stück Kattun zu verdienen oder ein Stück Geld?«

»Raiteo Mitonare« bestätigte aber auf das Bestimmteste der kleine Mann und setzte, langsam dabei mit dem Kopfe nickend hinzu — »Menschen sind einmal bös, und dann wieder gut — Raiteo hat seine Sünden eingesehen und ist frommer Mann geworden — aber trägt noch keine Hosen« fügte er, trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewissen Grad von Eifersucht hinzu; »hat noch sein Lendentuch und seine nackten Beine und bloßen Kopf — und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack — kann nicht gut ohne Frack in die Kirche kommen.«

»Raiteo Mitonare« wiederholte aber wiederum Sadie, die sich noch immer nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte — »und das auf Atiu — wo sie ihn kennen.«

Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu eigentlich nicht, der Wahrheit die Ehre zu geben, denn wenn auch sein frommer christlicher Sinn dort gerade bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch Manches wieder, gerade in der Erinnerung der Bewohner der Insel, gegen ihn gesprochen und Bruder Rowe, der sich von seiner wirklichen Sinnesänderung überzeugt, hätte ihn eben nur mitgenommen, um ihn vielleicht mit bei der, in den nächsten Tagen zu haltenden Versammlung von »Kirchenältesten« zu wissen und dann auf irgend eine der Nachbarinseln, auf denen er nicht gerade persönlich bekannt sei, zu versetzen.

Sadie blickte erstaunt auf den kleinen Mann, denn eine wunderbare Veränderung war jedenfalls in dessen ganzem inneren Wesen vorgegangen. Er, der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der Missionaire in frommer, furchtsamer Scheu gelauscht, und weit eher an seiner eigenen Existenz, als an der Wahrheit ihrer Sätze und Glaubensformeln gezweifelt hätte, sprach jetzt, selbst von dem strengsten ihrer Schaar, gleichgültig; ja Sadie konnte sich über den Ausdruck in seinen Zügen und Worten nicht länger täuschen, fast ironisch, und das bittere Lächeln das um seine Lippen spielte mochte der Furcht noch den Platz gönnen, aber strafte die Ehrfurcht Lügen.

Bruder Ezra schaute noch eine Zeit lang gerade vor sich nieder, er fühlte daß Sadiens Blick auf ihm haftete — daß sie die Veränderung entdeckt die in ihm vorgegangen, und scheute sich auch gerade ihr vielleicht das zu gestehen, was in ihm arbeitete — was ihm den Schlaf raubte und den Frieden und ihn manchmal wie eine furchtbare Sünde drückte und doch auch wieder mit jedem Tage, in seiner nächsten Umgebung selbst, die neue Nahrung fand. Als er aber einmal scheu und flüchtig den Blick zu ihr aufschlug, und die zärtliche, liebende Angst sah die aus diesen treuen Augen leuchtete, da mochte es ihm wohl durch das Herz zucken, daß sie — seine Pu-de-ni-a, sein liebes liebes Kind das er gehegt und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt — ja das zu ihm bis jetzt mehr wie zu einem zweiten Vater als einem Freunde aufgesehen, Schlimmes — Schlimmeres von ihm denken könne als er ertragen mochte, und in der Furcht die Hand bittend gegen sie ausstreckend sagte er leise:

»Mitonare ist kein böser Mensch geworden, Pu-de-ni-a; er liebt seinen Gott und — thut auch — thut Alles was in der Bibel steht aber — andere Männer, Männer die auch sagten daß sie der liebe Gott geschickt — sind zu ihm gekommen und haben ihm, wo er in Verzweiflung war, Trost gebracht — wo er weinte, seine Thränen getrocknet, wo er unschlüssig stand, einen neuen Pfad gezeigt und — wenn er sich auch bis jetzt noch nicht getraute den neuen Pfad zu wandeln — hat er doch bis jetzt —«

Er stockte, als ob er sich nicht mehr getraue weiter zu reden, und Sadie fuhr langsam und traurig seine Hand ergreifend fort:

»Den alten Pfad seiner Religion verlassen und nur die äußere Form beibehalten, seinen Gott damit zu täuschen.«

»Aita Pudenia, aita« — rief aber der kleine Mann da rasch und ängstlich vielleicht, weil er die Wahrheit wenigstens eines Theils des Vorwurfs fühlte — »nein Kind, nicht meinethalben bin ich wankend geworden im rechten Pfad, nein die Mitonares selber tragen die Schuld, die einander anfeinden und schimpfen, und Heiden- und Götzenanbeter nennen, während sie Alle allein behaupten, den rechten und auch alleinigen Glauben zu haben, dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen und von der Erde vertilgen müsse. Was mir aber am Herzen nagte, das Schicksal von altem Mann Vater — von der Mutter, die noch gar Nichts von einem anderen Glauben gewußt, ja ihn kaum nennen gehört, und die nun doch rettungslos sollten verloren sein und verdammt, das that mir weh, und als der andere Priester kam und mir die Aussicht stellte, ich könne durch fleißiges Beten und frommen Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem allbarmherzigen Gott, und als Bruder Aue dagegen donnerte mit allen Waffen der heiligen Schrift, da zuckte und zog es mir im Herz, und böse Gedanken stiegen auf in mir, und ließen mich nicht rasten und ruhn, und jetzt weiß ich nicht — hat der Eine recht und sind sie unrettbar verdammt zu ewigem Feuer, oder der Andere und ich begehe eine entsetzliche Sünde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Rettung weihe wo ich die Mittel dazu vielleicht in Händen habe. Armer Mitonare« setzte er dann traurig hinzu — »ist recht bös daran, soll anderen Kanakas den Glauben bringen und weiß selber nicht — Und wenn der alte Mann nun doch am Ende recht hätte.«

»Was für ein alter Mann, Mitonare?« frug Sadie erstaunt. Bruder Ezra aber hob rasch und erschreckt den Finger an die Lippen und sich scheu umsehend, sagte er langsam und vorsichtig:

»Pst — Pudenia, pst, das war ein wunderbarer, furchtbarer alter Mann und er kam und ging in einem Sturm.«

»Und was that er bei Euch auf Atiu?«

»Wie er sagte kam er von den Inseln zu Leewärts, Handel zu treiben und Cocosöl und Perlmutterschaalen einzukaufen in seinen kleinen Cutter, aber er sprach furchtbare Sachen und mich schauderts wenn ich daran denke — wenn ich darüber nachsinne.«

»Aber was sprach er so Entsetzliches?« drängte die Frau.

»Pu-de-ni-a,« sagte da Mitonare, der Frage jetzt noch ausweichend, oder sie durch eine andere beantwortend — »hast Du schon einmal an einem Abgrund — am äußersten Rand einer schwindelnden Höhe gestanden, und ist Dir da nicht das Gefühl gekommen, als ob Du hinunterspringen möchtest in die Tiefe, daß Du den Platz nur schnell verlassen mußtest in Furcht und Grauen?«

Sadie nickte, noch in der Erinnerung schaudernd.

»Siehst Du, so war es mir, wenn ich den Worten des alten weißen Mannes lauschte,« flüsterte der kleine Indianer und nickte still vor sich hin. »Er trug einen langen weißen spitzen Bart, und die kleinen blitzenden Augen lagen wie zwei glühende Kohlen unter den buschigen Brauen — Sein ganzes

Gesicht hing dabei in dichten Falten, die kein Alter mehr erkennen ließen auf der Haut, und er mußte sehr alt sein, denn er hatte die Welt gesehn von dem Theil wo das Wasser zu Stein wird in grimmiger Kälte, bis zu wo die Sonne Abends in ihr Lager sinkt, und er sprach von Gott und den Sternen als ob er da oben zu Hause gehöre und zwischen den Sternen gewandelt hätte wie in einem Garten.«

»Aber er glaubte an Gott?« frug Sadie leise und scheu.

»Er hatte denselben Namen dafür wie wir — Jehovah,« sagte der kleine Mitonare, »aber er verleugnete« — setzte er leise, fast flüsternd hinzu — »er verleugnete den Heiland.«

»Gütiger Gott!«

»Er leugnete Jesus Christus« bestätigte da Mitonare »und mir lief's wie Fieberfrost durch die Adern, als ich mit ihm allein in dem stillen Haus saß und der Weststurm um das Dach heulte, daß die flackernden Oelflammen hoch aufschlugen in rother Gluth, und der magere alte bärtige Mann mir von dem Heiland erzählte der nur ein Mensch gewesen sei wie wir Alle — aber ein guter Mensch, und von seinen Neidern und den reichen Leuten, die fürchteten daß er durch seine Reden das Volk gegen sie aufwiegeln würde, an das Kreuz geschlagen wurde, da elendiglich umzukommen.«

»Er verleugnete Gottes Sohn,« sagte Sadie schaudernd.

»Ja, und er trieb Spott über Alles, was selbst die Wi-Wis für heilig halten« nickte der Kleine »und doch, doch lauschte ich ihm gern, denn sein Gott war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle Menschen waren seine Kinder, alle, alle nahm er auf zu sich, Kanakas und Weiße, Beretanis und Feranis, wenn sie gut und redlich lebten und seinem Worte folgten; und mein Vater und meine Mutter — ach Pudenia es war wohl recht sündhaft daß ich seinen Worten so gerne horchte — aber mein Vater und meine Mutter waren auch eingegangen zu seiner Herrlichkeit, wenn sie nicht sonst recht schlechte und böse Menschen gewesen. Seit der Zeit nun sind meine Gedanken nicht mehr mein eigen« fuhr der kleine Mann trübselig fort; »seit der Zeit härm' ich mich und gräm' ich mich und mache mir Sorge und Kummer, und Nachts kommt der Böse und lockt mich mit seinen Schmeicheltönen, und am Tag seh ich, wo ich auch bin, den Alten neben mir, wie er sich den Bart streicht und mit den scharfen abgestoßenen Worten mir doch Trost und Hoffnung in die Seele gießt. Seit dem Tag ist der kleine Mitonare ein anderer verzweifelter Mensch geworden, der mit dem dicken Gebetbuch in der Tasche herumläuft, und nicht den Muth hat hineinzusehen, dem das Blut in den Adern gerinnt wenn er an den zornigen Gott denkt, wie ihn die weißen Mitonares lehren, und der demselben Gott doch immer wieder, und trotz allen Schilderungen zu Füßen fallen, und ihn Vater, Jehovah nennen möchte, wie ein Kind seinen eigenen Vater ruft, den es nicht fürchtet, aber von Herzen, recht von Herzen liebt.«

»Du armer, armer Mitonare« sagte da Sadie mit ihrer weichen Stimme, mitleidig des alten kleinen Mannes Hand ergreifend, und sie leise streichelnd; »bete Du armes geprüftes Herz, bete recht aus tiefster Seele zu Deinem Heiland daß er Dich führen und schützen möge auf Deiner Bahn, und den rechten Pfad durch Nacht zum Licht — bete daß er Dir die Wahrheit zeige zu Seinem Preis, und Dich eingehn läßt zu Seiner Herrlichkeit. Aber verzage nicht, fürchte Dich nicht, denn gerade in der tiefsten Noth ist er Dir ja auch am nächsten und hört die Stimme Seines Kindes die zu ihm ruft, und die Hand ausstreckt nach ihm, um Schutz und Hülfe.«

»Was ist das?« sagte da plötzlich der Mitonare, dessen Blick in tiefem schmerzlichem Sinnen hinausschweifte über die See, und der jetzt das Boot eines Kriegsschiffes, von acht Matrosen gerudert, um die nächste Landspitze kommen und gerade auf das Haus zu halten sah. Hinten am Heck wehte die französische Flagge.

»Ein Boot der Feranis« sagte Sadie ruhig, »das wahrscheinlich nach Papara hinunter will und sich dicht an der Küste, des ruhigen Wassers wegen hält — sie kommen oft hier vorüber.«

»Dann hätten sie die Korallenspitze vermeiden müssen, die jetzt zwischen ihnen und dem Fahrwasser der Binnenriffe liegt« sagte der Mitonare, der mit einem Blick den Charakter der Bai überschaut hatte, und jetzt aufmerksamer als vorher hinüberblickte. »Sie können nur hierherwollen, wie auch ihr Bug zeigt, oder sie müßten die ganze Strecke wieder zurück. Hinten neben dem steuernden Mann sitzen zwei Officiere der Wi-Wis und neben ihnen —«

»Heiliger Gott — neben ihnen liegt Jemand auf der Bank« rief aber auch in diesem Augenblick Sadie in Todesangst, der die böse Ahnung, die ihr den ganzen Morgen die Brust erfüllt, mit mächtiger Kraft zurück zum Herzen drängte — »René!«

»René?« rief Bruder Ezra erschreckt — »was hat der tollköpfige Wi-Wi wieder angestellt, daß ihn die eigenen Landsleute gefangen haben sollten? — aber das Boot dreht doch vielleicht ab von hier —«

Sadie antwortete ihm nicht — in sprachloser Angst und Erwartung hing ihr Blick an dem rasch näher kommenden Fahrzeug, das von den elastischen Rudern getrieben rauschend durch die Wellen schäumte — schon glaubte sie die Züge des Officiers zu erkennen, der hinten lehnte und auch sie war jetzt von den im Boote Befindlichen erkannt worden. Die auf dem Sitz liegende Gestalt richtete sich halb empor und winkte herüber, und mit lautem Aufschrei flog sie hinaus an den Strand, flog, ihre Europäischen Kleider vergessend, hinein in die klare Fluth dem Boot entgegen, denn darin lag, bleich und blutend, wenn er auch freundlich jetzt herüberwinkte — ihr Gatte — lag René.

Im nächsten Moment schoß das Boot heran, die Matrosen der Backbordseite warfen ihre Riemen mit einem Schlag empor und Bertrands Hand streckte sich dem armen Weib entgegen, dessen stierer und entsetzter Blick nur an dem bleichen Antlitz des Verwundeten hing. In demselben Moment fast berührte das Boot den Strand, und ein Theil der Matrosen sprang über Bord ihn an Land zu tragen.

»Aber Sadie« flüsterte René halb vorwurfsvoll, halb verlegen der jungen Frau die Hand hinüberreichend — »was machst Du für tolle Streiche, wildes Mädchen?«

»Du bist verwundet« war Alles was die Frau in fast athemloser Angst über die Lippen bringen konnte.

»Unsinn« lachte aber dieser, »eben nur die Haut geritzt, und hergehn hätt' ich können, hätte nicht Bertrand hier in übergroßer Besorgniß darauf bestanden mich her zu fahren.«

»Die Wunde ist unbedeutend, Madame« bestätigte aber auch jetzt der junge Officier, der an Land gesprungen war und eine fast unwillkürliche Bewegung machte die junge Frau hinauf und zum Haus zurückzuführen, wohin jetzt vier kräftige Matrosen auf einer der Boot Doften den Verwundeten trugen. Sadie aber ließ des Gatten Hand nicht los und während sie sich ängstlich an ihn schmiegte, fuhr der junge Officier fort: »Ich fürchtete nur eine mögliche Entzündung, wenn er den langen Weg in der Sonnenhitze hätte zu Fuß zurücklegen sollen; wenige Tage werden ihn wieder hergestellt haben.«

»Aber was ist geschehn, um des Heilands Willen« bat Sadie.

Bertrand biß sich auf die Lippen und René sagte finster:

»Nichts von Bedeutung Kind; ein doppelter Aderlaß einer neckischen Göttin zum Opfer gebracht — das Fleisch heilt bald — aber — wer ist das da drüben? — Mi-to-na-re? — bei Allem was da lebt — in Hosen und Strümpfen — Mitonare« und dem kleinen, auf ihn zueilenden Mann die Hand entgegenreichend schüttelte er sie fest und herzlich und — wandte den Kopf zur Seite, denn gerade in diesem Augenblick traf ihn die Erinnerung an Atiu wie ein Stich in's Leben, und trieb ihm das Wasser hinauf in die Augen, das er den Seeleuten bergen wollte.

»Böser Wi-Wi!« rief aber auch jetzt der kleine Missionair wieder in seinem tollsten Englischen Kauderwelsch, das er mit dem Europäer glaubte sprechen zu müssen, »aita maitai — macht ole manni viel Sorge — leichtsinniger Kopf der in dicken Bambus fährt und durchwill — läßt kleine Pu-de-ni-a zu Haus und kommt nachher angefahren, blutig und blaß und jagt ihr den Todesschreck in die Glieder, daß sie auch krank wird und stirbt.«

»Pu-de-ni-a!« sagte leise René und drückte die Hand des treuen Weibes, die in der seinen ruhte, »und Du lieber wackerer Freund,« wandte er sich dann plötzlich im reinsten Tahitisch zu dem, darüber aufs Aeußerste erstaunten Mitonare »wo kommst Du her, was treibst Du, wie geht es Dir? — und willst Du bei uns bleiben jetzt auf Tahiti?«

Ehe aber der Mitonare die rasch hintereinander an ihn gerichteten Fragen beantworten konnte, verbot der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere Aufregung, bis er die, allerdings nicht gefährliche aber in einem heißen Klima doch immer zu beachtende Wunde erst nochmals untersucht und wieder verbunden hätte. Vor allen Dingen müsse der Verwundete in ein kühles Zimmer geschafft werden, dort die nöthige Pflege zu finden.

Sadie besorgte das Alles mit zitternder Hast, häufte Matte auf Matte, ihm ein kühles und weiches Lager zu bieten, und wechselte erst ihre eigenen, durchnäßten Kleider, als sie den Gatten mit allem versorgt, was ihre liebende Hand für ihn bereiten konnte. Die Wunde war allerdings nicht gefährlich, ja nicht einmal bedeutend, und die Kugel ihm eben nur durch den oberen Theil des Armes dicht an der Schulter durchgegangen, ohne den Knochen weiter zu verletzen, Blutverlust und Ermattung hatten ihn aber doch erschöpft und als der zweite Verband mit Sadiens Hülfe angelegt war, fiel der Leidende in einen sanften aber festen Schlaf, in dem ihn der Arzt nicht gestört haben wollte, und selbst Sadie bat das Zimmer zu verlassen. Nur Mataoti mußte bei ihm zurückbleiben, um zu rufen sobald er wieder erwachen würde.

Am Strande lag unterdessen das Boot schon wieder zur Abfahrt gerüstet, und Bertrand wollte eben Abschied nehmen von Sadie, an Bord zurückzukehren, als diese seinen Arm ergriff und ihn mit leiser, aber dringender Stimme bat, ihr die Ursache der Verwundung anzugeben, die sie mit peinlicher Angst, sie wisse selber eigentlich nicht recht, warum? erfülle. Der junge Mann zögerte erst verlegen mit der Antwort, aber er fühlte auch, wie er ihr dieselbe eigentlich nicht verweigern durfte, und erzählte ihr jetzt mit so kurzen und schonenden Worten als möglich, wie jener Officier, nach den gestrigen Vorgängen, nicht umhin gekonnt habe, Europäischen Begriffen von Ehre nach, René zu fordern, und wie sie sich heut Morgen, unfern der Stadt mit ihren Secundanten getroffen und geschossen hätten. Rodolphe, sein Gegner, habe zuerst gefehlt und eine leichte Streifwunde bekommen, aber dann hartnäckig darauf bestanden den zweiten Schuß zu thun. Die Secundanten konnten ihm den nicht weigern und von beiden, ziemlich zugleich gefeuerten Kugeln sei René in die Schulter, Rodolphe durch die Brust getroffen. Der Gegner lebe zwar noch, aber die Wunde sei ziemlich gefährlich; René habe übrigens für seine Sicherheit nicht das Mindeste zu befürchten, setzte er rasch hinzu, denn selbst im unglücklichsten Fall stehe er gerechtfertigt da. Er hatte nichts Anderes gethan als sich vertheidigt.

Sadie wurde todtenbleich — ihr Gatte verwundet, vielleicht ein Mörder — ihrethalben, mit dieser Last auf seiner Seele, und zugleich der irdischen Gerechtigkeit für blutige That verfallen, denn mit Entsetzen dachte sie daran, wie gerade jetzt die englischen Schiffe die Obermacht im Hafen hätten und kaum einen Fall vorübergehn lassen würden, einen aus dem ihnen feindlichen Stamm zu Rechenschaft zu ziehen vor ihr Gericht. Bertrand schüttelte aber bei der laut gewordenen Besorgniß lachend mit dem Kopf.

»Die englische Herrschaft ist vorbei« rief er, trotzig den Kopf emporwerfend; »Großbritannien erkennt das Französische Protectorat an, und zieht seine Schiffe zurück — ja noch mehr, in der Nähe einer der Nachbar-Inseln sind schon zwei Französische Kriegsschiffe — jedenfalls Du Petit Thouars mit seiner Flotte im Aufkreuzen gesehen worden, und die Tricolore herrscht von jetzt an auf Tahiti.«

»Zwei französische Schiffe sind gesehen worden? — und von wem habt Ihr die Nachricht?« frug Sadie rasch, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte ihr Hirn.

»Kleine Fahrzeuge kreuzen herüber und hinüber« antwortete der Officier — »wir haben überall unsere Wächter; aber sehn Sie Madame daß ich recht hatte? — dort über den Riffen draußen segelt der Talbot vor dem Wind, diese Küsten zu verlassen, und ha — dort kommt auch der Vindictive, schwerfällig seine weiten Segel entfaltend. Halt meine Burschen — Ruhe bis wir draußen in See sind,« unterbrach er sich rasch, dem eben ausgebrochenen Jubelruf seiner Leute zu wehren — »der Kranke schläft und Ihr dürft ihn nicht wecken durch Euer Hurrah. Doch jetzt auch nach Papetee zurück, denn wir werden dort alle Hände voll zu thun bekommen, und heute Abend, wenn es geht, komm' ich einen Sprung herüber, mich nach dem Befinden unseres lieben Kranken zu erkundigen. So Adieu Madame, auf ein froheres Wiedersehen«, und sich freundlich gegen sie neigend sprang er auf den Rand des hinangezogenen Bootes und hinein, wo der Arzt schon seinen Sitz wieder eingenommen hatte, die Leute liefen damit hinaus in tieferes Wasser, folgend, sobald sie das schwanke, scharfgebaute Fahrzeug flott fühlten, und wenige Minuten später zischte und preßte der Bug wieder gegen die crystallene Fluth an, sie in leichten Kräuselwellen zur Seite werfend, der nächsten Landspitze zu, um die es bald darauf verschwand.

»Was sagte der Wi-Wi von den Schiffen da draußen?« frug aber jetzt der Mitonare, der dem ihm unverständlichen Gespräch besonders so erstaunt gelauscht, weil seine kleine Pudenia die fremde ihm unbegreifliche Sprache so geläufig sprach, und dem dabei die zwei großen Schiffe die jetzt erst in Sicht gekommen und augenscheinlich von der Insel fortsegelten, ebenfalls aufgefallen waren.

»Es sind die Englischen Kriegsschiffe, die den Hafen verlassen« sagte Sadie.

»Den Hafen verlassen?« wiederholte erstaunt der kleine Mann — »und Bruder Aue hat uns davon ganz andere Geschichten erzählt — puh, puh, und die Wi-Wis kommen mit großen Schiffen angesegelt — böse Sachen, böse Sachen — wo bleibt da unser Gott?«

Sadie hörte gar nicht was er sprach — vor ihrem inneren Auge lag der verwundete Gatte, lag sein blutendes Opfer, und während die hellen Thränen ihr still und schwer die Wangen niederträuften, murmelte sie mit leiser, schmerzerfüllter Stimme:

»Verloren — verloren — Glück und Frieden dahin — oh armer armer Vater Osborne, wie gut daß Du still und ruhig in der kühlen Erde liegst — wenn nicht der frühere Gram — der Tag hätte Dein treues Herz gebrochen.«

»Ja, Vater O-no-so-no,« seufzte der kleine Mann, seinen Hut wieder ergreifend und aufsetzend, unter dem das breite, dunkle, gutmüthige Gesicht gar so komisch und widernatürlich aussah — »Vater O-no-so-no war ein guter Mann, und wären sie alle so gewesen wie er — Aber ich muß in die Stadt hinüber,« unterbrach er sich selbst, »denn die Versammlung soll heut' Morgen sein und Mitonare Ezra und Mitonare Raiteo sind von Atiu geschickt und sollen keine Wi-Wis haben wollen. Gu-bei Pudenia, gu-bei — Nach der Versammlung kommt Mitonare wieder hierher zurück und bleibt bei tollen Wi-Wi, bis er gesund ist und bei kleine Pudenia iti iti —«

Damit wandte er sich und verließ den Garten; das schwere Gebetbuch aber in dem langen schmalen Frackzipfel fing wieder an zu schlenkern, und er nahm den Zipfel bedächtig in den linken Arm und verfolgte langsam seinen Weg, ohne sich weiter umzusehen. Und Sadie schaute ihm schwer aufseufzend nach, als sie die kleine komische in so entsetzliche Kleiderformen gezwängte Gestalt den Weg hinabgehen sah, und daran dachte was für ein einfach natürliches Herz unter den unnatürlichen Stoffen schlage; aber der Ernst des Augenblicks wandte ihre Gedanken bald wieder dem ab, und dem Gatten zu, und nur wenige Minuten später saß sie am Bett des Schlafenden, ihr Kind auf dem Schoos, den Schlummer des Kranken bewachend und von seiner fieberheißen Stirn Mosquito und Fliege fern zu halten.

Auch nach Aumama hatte sie hinübergeschickt, ihr beizustehn, wenn sie irgend einer Hülfe bedürftig sein sollte; Aumama war aber früh am Morgen nach Hause zurückgekehrt, und hatte ihre Kinder geweckt und mit fortgenommen, Niemand wußte wohin; Lefévre war ebenfalls nirgends zu sehen und zu finden, und das Nachbarhaus lag wie ausgestorben.


Capitel 2.
Pomare und Du Petit Thouars.

Papetee war in furchtbarer Aufregung; schon am frühen Morgen liefen dumpfe Gerüchte durch den kleinen Ort, die Englischen Kriegsschiffe machten sich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nähe wäre dafür schon La Reine Blanche, mit dem gefürchteten Admiral Du Petit Thouars an Bord, gesehen worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das kleine Häufchen Protestantischer Christen preisgegeben sein würde.

Die Capitaine der beiden Englischen Fahrzeuge waren am vergangenen Tag lange Zeit an Land und der Capitain des Talbot sogar mehrere Stunden mit dem zurückgekehrten Englischen Consul und früheren Missionair Pritchard zusammen gewesen, und dieser also allein konnte wirkliche Aufklärung über das sonst unbegreifliche Zurückziehn der Englischen Streitmacht geben. Zu dessen Haus strömte nun auch die Masse, Erklärung fordernd, wo die britische Hülfe, der britische Schutz bliebe, der ihnen den Uebergriffen der Franzosen gegenüber so fest war versprochen worden — offene Erklärung, was der nach England gesandte Missionair dort ausgerichtet, und welchen Beistand die Königin von England der in ihren Rechten gekränkten Pomare zugesichert und zugesagt habe.

Mr. Pritchard tröstete sie mit dem Beistand Gottes, der die Seinen nicht zu Schanden werden lasse, und berief eine Versammlung der Geistlichen von Papetee, die nächsten und nöthigsten Schritte zu berathen, falls eine Französische Flotte Tahiti wirklich aufs Neue heimsuchen würde.

Darüber sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, nur wenige Tage später lief allerdings wieder ein kleines Englisches Kriegsschiff, eine sogenannte catch von nur 200 Tons ein, aber nur um die anderen Schiffe abzulösen und sich ruhig und ohne weitere Demonstration in der Bai vor Anker zu legen (es war der Basilisk) und bald danach wurden von den Höhen Schiffe signalisirt, die auf Tahiti zuhielten. Zwei zusammen kreuzende Segel erschienen in Sicht, und die Angst vor der Reine blanche gab dem größten der Schiffe schon lange ihren Namen, ehe nur Takelage und Bau des Fahrzeuges so weit erkennbar wurden, den schlimmsten Verdacht zu bestätigen.

Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in der Bai von Papetee, von ihrem Heck flatterten die französischen Nationalfarben und das Echo der Berge gab den donnernden Eisengruß der Fremden dumpf und grollend zurück, wie zürnend, die ungebetenen Gäste auf's Neue in seiner Nähe zu wissen.

Herzlicher gemeint waren aber die Freudensalven der Jeanne d'Arc, die den in so trotziger Stärke einlaufenden Landsleuten entgegenjubelten. — Ihre Lage, von den Englischen Schiffen überwacht, war ihnen schon lange eine drückende ja unerträgliche geworden, noch dazu da ein Theil des Volks schon bei mancher Gelegenheit — ob dazu aufgereizt oder nicht — die Feranis suchte fühlen zu lassen, daß man weder ihren Gott noch ihre Regierung wolle und sich unter dem Schutz der Beretanis sicher genug fühle, ihren Uebergriffen nun etwa trotzen zu können. Der von England zurückkehrende Consul und Missionair hatte dabei in seiner zuversichtlichen Haltung ihren schlimmsten Befürchtungen noch eine Art von Bestätigung gegeben, und die Mannschaft der Jeanne d'Arc ersehnte unter solchen Umständen den Augenblick, wo sie den Befehl zum Rückzug erhalten würde, die schon halb occupirten Inseln wieder ihrem früheren Oberherrn, oder vielmehr der Herrschaft der Missionaire zu überlassen.

Welchen Unterschied hatten da die letzten wenigen Tage hervorgerufen; die stolzen Englischen Fregatten, die bis jetzt die Interessen der Tahitischen Königin überwacht, ließen den Feind derselben, der schon öfter die Hand nach dem ganzen Reiche ausgestreckt, und nur immer die vielleicht bösen Folgen zu gierigen Zulangens gefürchtet, jetzt im ruhigen unbestrittenen Besitz der ganzen Inseln, und während die Missionaire in Bestürzung und Zorn gerade die Schiffe in dem entscheidenden Moment absegeln sahen, deren Feuerschlünde sie als von England gesandt proklamirt hatten, den wahren Glauben wie seine Vertreter zu schützen, wagten sie es noch nicht einmal den Tahitiern den ganzen Umfang ihrer Befürchtungen mitzutheilen, und von ihnen ausgehend lief bald darauf das beruhigende Gerücht durch Papetee: die Engländer seien blos ausgesegelt die Marquesas-Inseln ebenfalls von dem Druck des Französischen Joches zu befreien, und wenige Wochen später würden sie mit Verstärkung zurückkehren die Macht der Christlichen Protestantischen Kirche, wenn es sein müßte, mit Gewalt der Waffen aufrecht zu erhalten. — Es war das ihre letzte Hoffnung.

Mißtrauisch beobachtete vor allen Andern Aimata, die Königin dieser Inseln, die Bewegungen der Feranis, die sie nun schon seit einer Reihe von Jahren als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das stolze Blut der Pomaren schoß ihr zornig in die Schläfe, als sie die Banner Frankreichs wieder so keck und trotzig in der Brise flattern sah, und den Kanonendonner hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen Bai entgegenschallte.

Sie stand an dem Fenster ihres, ziemlich in Europäischem Geschmack eingerichteten und mit einer Masse von Putz und Geschenken ausgestatteten oder besser überfüllten Hauses, die heiße Stirne fest gegen die Glasscheibe gepreßt und der ehrwürdige Mr. Pritchard ging mit auf der Brust fest zusammengeschlagenen Armen in dem Gemach auf und ab, und blieb nur manchmal an dem zweiten Fenster stehen, die Bewegungen der eben eingekommenen Schiffe zu beobachten, aber ohne ein Wort zu sprechen sein oder der Königin Nachdenken im Mindesten zu stören. Die Fenster dröhnten dabei von den gewaltigen Saluten der bewaffneten Schiffe und die lockeren Scheiben klapperten und klirrten in ihren Rahmen.

Auf dem einen Tisch, entrollt und über einem Globus, einem Kaffeeservice, mehreren Blumenvasen und einigen geschmackvoll eingebundenen englischen Bilderbüchern lag die Tahitische rothe Flagge mit dem einzelnen weißen Stern, und oben über demselben mit einer goldenen von Palmzweigen umgebenen Krone frisch hineingestickt.

»Das sind nun Euere Versprechungen!« sagte die Königin endlich nach langer Pause, sich halb gegen den Missionair der zugleich die Stelle eines Englischen Consuls versah, herumdrehend — »das ist Euer Prahlen von dem Schutz der mächtigen Beretanis — des mächtigen Gottes der Weißen — Weit draußen in Lee schwimmen die Schiffe die man mir über und über erzählt daß sie mich und mein Volk beschützen sollten, und mitten in meinem Reich darf mir der stolze landgierige Ferani die eigene Flagge trotzig entgegenhissen, und unter dem Schutz seiner Kanonen vielleicht neue Erpressungen fordern — wie kann ich sie jetzt ihm weigern?«

»Er darf nicht weiter gehn als er bis jetzt gegangen ist« entgegnete finster der Missionair — »die neue Flagge hier, mit dem Emblem der Majestät wird ihm beweisen, welche Ansprüche Pomares England unterstützt, und mit dem ganzen Volk gegen sich, und dem Bewußtsein daß Englische Kriegsschiffe in dieser See kreuzen und jeden Tag wieder einlaufen können in die Bai, deren Bewohner sie durch die Bande der Religion und Freundschaft verpflichtet sind zu schützen, ist Du Petit Thouars zu klug einen trostlosen Feldzug zu eröffnen, der den Zorn und die schwere Hand eines mächtigen Volkes auf ihn und den Thron der ihn beschützen würde, herabziehn könnte.«

»Und wer schützt mein armes Volk jetzt vor ihren Kugeln, wenn ich die Flagge hisse und ihren Zorn reize?« frug Pomare.

»Du bist hier Königin« sagte der Missionair ernst und feierlich, »wie Englands Königin daheim ihr Banner kann wehen lassen über dem Schloß das sie bewohnt, ein Zeichen ihrer königlichen Gegenwart, so steht dasselbe Recht Dir zu, in Deinem Reich; der Franke darf es Dir nicht wehren, wenn er auch möchte, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn er, nach dem Vorhergegangenen, nicht sogar klug genug wäre schon das Aufhissen dieser Flagge mit einer Salve seiner Kanonen zu ehren. Die Franzosen sind höflich« — setzte er trocken hinzu, »wenn man ihnen auch sonst gerade nichts Gutes nachsagen kann.«

Pomare sah ihn forschend an — ihre Fahne, durch Kanonenschüsse der gefürchteten Feranis geehrt — der Gedanke hatte einen unsagbaren Reiz für sie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, so sehr sie auch noch kurze Zeit vorher einem so entschiedenen Schritt entgegen gewesen sein mochte.

»Und Du hissest zugleich die Englische Flagge vor Deinem Haus?« frug sie rasch, des Priesters Arm ergreifend.

»Als Gruß der Königlich Tahitischen in jedem Fall« erwiederte der Missionair — »ich bin sogar dem Amt nach, das ich vertrete, dazu verpflichtet.«

»So sei es — gut!« rief die Königin und ein eigenes Lächeln belebte ihre schönen, sprechenden Züge und gab dem raschen ausdrucksvollen Blick einen höheren Glanz. »Der Wi-Wi soll mir die Krone grüßen müssen, die er nicht berühren darf, und Dein Gott mag mir jetzt beweisen ob er, wie Ihr uns oft erzählt, mit Wohlgefallen auf diese Inseln niederschaut, deren Bewohner ihre alten Götter und Gesetze in den Staub geworfen haben, das Kreuz des Heilands aufzurichten, und seinen Namen zu ehren, oder ob er gleichgültig die Erfolge betrachtet, die sein Wort hier auf Erden hat, dem Götzendienst des anderen Volkes gegenüber. Ruf mir die Häuptlinge die schon den ganzen Morgen draußen gewiß ungeduldig meiner Befehle harren — ich will Königin sein, und eine Königin wie sie über dem großen Wasser drüben auf der Insel Deines Vaterlandes herrscht, nicht ein Spott nur und Fratzenbild aus einem Spiel der Areois, dem jeder fremde Freibeuter die Krone abnehmen und bespötteln darf.«

»Und Du wirst sehn, Pomare, daß Du Nichts zu fürchten hast,« sagte der Geistliche — »in Deinem Reiche darf keine fremde Macht die Hand an Deine Flagge legen, die Zugeständnisse zu denen man Dich zwang sind ungültig, eben weil sie erzwungen waren, und Dein Volk ist stark und mächtig in der Begeisterung des Herrn, selbst einem also gewappneten Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf seine Schiffe mit blutigem Kopf zurückzuweisen. Ich schicke Dir die Häuptlinge, Deine Befehle zu erfüllen, und gehe selbst jetzt hinüber in mein Haus, das königliche Signal zu beantworten, sobald es in der Brise flattert. Indessen aber sei der Herr mit Dir in dieser Stunde und gebe Dir seinen Segen und Frieden in Jesu Christo.«

Und freundlich seine Hände gegen sie, wie zum Segen ausstreckend, blieb er einen Moment mit zum Himmel gerichteten Blicken stehen, und verließ dann langsam das Gemach.

Pomare, die sich dem Segen erst leise geneigt hatte blieb, als der ernste Mann ihr Zimmer verlassen, mit fest in beide Hände gepreßter Stirne stehen; ihr Busen wogte heftig, ihre ganze Gestalt zitterte vor innerer Aufregung, und sie bedurfte einer kurzen Zeit, ehe sie sich wieder vollständig sammeln konnte. Kaum aber hörte sie die Schritte der nahenden Männer, als sie auch mit der Energie, die ihrem ganzen Wesen und Charakter eigenthümlich war, jede Schwäche von sich abschüttelte, und die Lippen fest aufeinander gebissen, wenn auch noch mit klopfenden Schläfen, die Häuptlinge empfing, die rasch und ebenfalls in Aufregung, in ihrer Gegenwart erschienen.

»Joranna Pomare« riefen Aonui und Potowai, »Joranna, und schütze Dich Gott in dem nahen Kampf.«

»Dem nahen Kampf?« frug Pomare, erstaunt zu ihnen aufsehend, »wer spricht von einem Kampf?«

»Der fromme Mann der Dich verließ ermahnte uns standhaft auszuhalten selbst gegen die Uebermacht des Feindes draußen« sagte Aonui, »und so mit Gott, was brauchen wir da irdische Waffen zu scheuen oder zu fürchten.«

»Hier ist von keinem Kampf die Rede« entgegnete Pomare ernst — »nur unsere Landesflagge sollt Ihr aufziehen an meinem Haus — ich will keinem Menschen Böses, und unsere Religion ist eine Religion des Friedens und der Liebe — sagt das den Leuten draußen. Sie sollen keinen Zank anfangen mit den Feranis, sondern sie freundlich behandeln, und ihnen Alles verschaffen, was sie an Nahrungsmitteln brauchen — Pomare hat keinen Zorn gegen sie und will in Frieden mit ihnen leben.«

»In Frieden mit ihnen leben?« wiederholte kopfschüttelnd Potowai — »das ist ein schweres Ding. Ein Frieden mit den Feranis ist wie der durchsichtige Stein den sie uns gebracht und in unsere Häuser gesetzt haben, das Licht hineinzulassen, Du rührst ihn an und er bricht und splittert und verwundet die Hand, die sich freundlich, ohne Arges zu denken, nach ihm ausstreckt — trau dem Ferani. Aber was thuts« — setzte er rasch und freudig hinzu, die Fahne aufgreifend und die goldene Krone betrachtend, die von Cocosblättern umgeben gar künstlich und zierlich von frommen weißen Frauen gestickt war — »wir haben die Bibel auf unserer Seite und unser gutes Recht, und zehntausend Mal lieber seh ich dabei den Tahitischen Stern im Winde flattern, als irgend ein anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott, und das Volk wird Dir zeigen, Pomare, wie dankbar es sein kann für diesen Beweis Deiner Liebe.«

Und von dem frommen Aonui gefolgt verließ er rasch das Haus, die Fahne an dem nahen Flaggenpfahl zu befestigen, um den sich indeß schon ein zahlreicher Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wichtigkeit der Demonstration begreifend, versammelt hatte. Ja die meisten sahen eben nichts weiter darin, als eine sehr gewöhnliche Handlung, vielleicht sogar der Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen wehen ließen — weshalb konnten sie nicht dasselbe mit der ihrigen thun?

Noch ein Schiff war indeß in Sicht gekommen, und wie ein Theil der Tahitier es schon mit froher Zuversicht als eines der zurückkehrenden Englischen Kriegsschiffe ausrief, schwuren die einzeln zwischen den Eingebornen zerstreuten, meist Englischen oder Amerikanischen Matrosen, das Schiff habe so wenig Englischen Kiel unter sich, wie die im Hafen liegende Reine blanche oder Danae und trage so gut die Tricolore wie sie alle Beide. Unter der Masse bildeten sich denn auch bald einzelne Gruppen, die das für und gegen eifrig besprachen, und dabei, wenigstens die Eingebornen, mit einer Art von Stolz auf ihre stattliche Fahne blickten, die lustig im Winde hinauswehte, und nach den Schiffen hinüber zu grüßen schien.

Unser alter Bekannter, Bob Candy war unter ihnen und schien gewissermaßen eine Autorität, was die Natur des fremden, eben einsegelnden Schiffes betraf, auszuüben, denn einestheils verstanden ihn nur wenige in seinen gebrochenen Tahitischen Ausdrücken, und dann erklärten Andere wieder, die ein wenig die Englische Sprache gelernt hatten, daß er jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wisse warum es da, und wo es gemacht sei; sein Sieg war auch vollkommen als die Fregatte endlich ihre Flagge zeigte und an ihrem Heck, wie an den anderen Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefürchteten, jedenfalls gehaßten Französischen Nationalfarben sichtbar wurden.

»Segne mich!« sagte da aber Teraitane, der Häuptling, der sich der Gruppe eben zugesellt hatte, »uns hat der ehrwürdige Bruder Mi-ti (Smith) immer gesagt, die Feranis hätten nur ein einziges Kriegsschiff in ihrem ganzen Reich, und das schickten sie her bald so, bald so angemalt, und bald mit dem, bald mit jenem Namen, Geld zu erpressen, und jetzt liegen drei schon im Hafen und das vierte segelt eben ein, und eines immer größer als das andere — der ehrwürdige Bruder Mi-ti muß geträumt haben.«

»Bruder Mi-ti träumt aber gewöhnlich mit den Augen offen« bemerkte Bob, trocken; »merkwürdig kluge Erzählungen die sich die Leute machen, nur daß die Farbe abgeht, wenn sie naß werden. Die Feranis könnten eine ganze Woche hintereinander jeden Tag vier andere Kriegscanoes herschicken, und behielten immer noch so viel zu Hause.«

Während sich die Eingeborenen, denen ein Anderer das von Bob gesagte übersetzte, um diesen drängten, der unwillkommenen Mähr von der Macht eines Feindes zu lauschen, der ihnen bis jetzt eher als unbedeutend geschildert war, hatte die Reine blanche mit dem neu einkommenden Fahrzeug rasch Signale gewechselt, aber die erwartete und von der Königin erhoffte Begrüßung ihrer Flagge, der gegenüber jetzt, von dem Pritchard-Haus, die Englische wehte, blieb aus, und die Kriegsschiffe lagen still und ernst in der Bai — ob Freund ob Feind — erst die Zukunft sollte das entscheiden.

Von der Reine blanche kam jetzt ein Boot ab, mit der wehenden Tricolore am Heck, und hielt, von sechzehn Riemen pfeilschnell über die spiegelglatte Fluth dahergetrieben, gerade dem Hause Pomarens zu, vor dem sich eine Masse Volk jedes Geschlechts, wie jeder Farbe fast, versammelt hatte.

Der im Stern des Bootes sitzende Officier war aber Du Petit Thouars selber und ehe nur Einzelne der Umstehenden ihn, von seinem früheren Besuch noch in der Erinnerung, erkannt hatten, sprang er an Land, rief dem ihn begleitenden Officier einige Worte zu und schritt dann, allein und unangemeldet, rasch dem Hause zu, vor dessen Schwelle die mit der Krone gezierte Flagge der Pomaren stolz ausflatterte.

Einen Augenblick blieb er daneben stehn, und es war fast, als ob ein spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte, als er zu dem flatternden Banner hinaufschaute, und den Blick von da zu den Englischen Farben schweifen ließ — wenn so, ging das aber eben so rasch vorüber als es gekommen, und mit flüchtigen Schritten sprang er die wenigen Stufen zu der Verandah der Königin empor.

Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm freilich den Eintritt weigern, eine aber erkannte ihn wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer Herrin, denn Du Petit Thouars war, ob verdient oder unverdient, der Popanz der Inseln geworden, mit dem man die Kinder furchtsam machte und die Mädchen.

Pomare erschrak — was wollte der Befehlshaber der Kriegsschiffe da draußen von ihr, daß er, ohne angemeldet, ohne um förmliche Audienz einzukommen, wie das üblich gewesen war von jeher, das ihr von den Missionairen und Consuln eingeprägte, und für unumgänglich nöthig geschilderte Ceremoniell soweit außer Augen setzte, sie allein aufzusuchen. Einen Augenblick stand sie unschlüssig und zögernd da; aber sie hörte schon die lachende Stimme des Französischen Befehlshabers dicht vor ihrer Thür, wie er sich, durch die ihm den Weg versperrenden Mädchen Bahn zu brechen suchte mit scherzhafter Gewalt, vielleicht nicht einmal böse über den Widerstand.

»Ruf mir den ehrwürdigen Bruder Pi-ri-ta-ti«[C] sagte sie da schnell, und das Mädchen öffnete kaum die Thür, dem Befehl Folge zu leisten, als der Admiral auch, ängstlich von den Frauen Pomares umstanden, auf der Schwelle erschien, und den Hut abziehend mit, Pomaren entgegengestreckter Hand ihr sein freundliches Joranna entgegenrief.

[C] Pritchard.

»Joranna Peti-Tua« sagte die Königin ernst, ihm die Hand nicht versagend, aber immer noch in einer eigenen Mischung von beleidigter Eitelkeit und Verlegenheit zu ihm aufschauend — »bringst Du mir Frieden oder Krieg jetzt, in Deinen großen Schiffen mit denen Du die Bai füllst, und bist Du den weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme schwache Frau zu kränken, oder hat Dich Dein König geschickt mit freundlichem Wort, und ist das Joranna treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von den Lippen?«

»Ich bringe Dir Frieden, Pomare,« sagte Du Petit Thouars freundlich, und hielt die Hand die sie ihm gereicht, immer noch in der seinen — »Frieden und Freundschaft, wenn Du eben nicht selber trotzig das Alles von Dir weist und mich förmlich dazu zwingst Dir weh zu thun — und das wirst Du hoffentlich nicht.«

»Du willst wieder Geld von mir haben auf Deine Schiffe zu nehmen?« sagte Pomare rasch und mißtrauisch — »aber ich habe Nichts mehr — das letzte was ich hatte haben die Missionaire von mir bekommen, unglückliche Heiden in Australien und Afrika zu bekehren.«

Der Admiral biß sich die Unterlippe und ein leichtes, halb verlegenes Lächeln zuckte über seine Züge.

»Nein« sagte er endlich nach kleiner Pause, »Du irrst, Pomare, und ich verzeihe Dir gern Deine Unerfahrenheit in solchen Dingen; ich will auch Nichts von Dir haben, als was Du uns freiwillig schon gegeben hast — nur nichts nehmen möcht' ich mir lassen, und deshalb komme ich her. Noch aber liegt das Alles zwischen uns Beiden, und ich hoffe wir werden es mit wenigen Worten auch leicht und freundlich lösen. Ich meine es gut mit Dir Pomare, und möchte Dich nicht kränken noch betrüben.«

»Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort« sagte Pomare, den herzlichen Worten des Feranis immer noch mißtrauend.

»So will ich denn kurz zur Sache kommen« sagte der Admiral und seinen Hut auf den Tisch, zwischen den Wirrwarr von wunderlichen staubbedeckten Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und Spielereien legend, warf er sich selber in den nächsten Stuhl und fuhr, das rechte Bein über das linke legend, und die Hände darüber faltend ernster fort: »Ich brauche Dir nicht erst die während meiner Abwesenheit passirten Vorgänge ins Gedächtniß zurückzurufen — eine Rotte unnützes Volk, wie ich gern glauben will, mit Priestern und weggelaufenen Matrosen an der Spitze, denen der Henker daran liegt ob Krieg ob Frieden hier auf den Inseln ist, und welche Folgen ein so unüberlegter thörichter Schritt für Dich und das Land mit sich führen könnte, haben die Französische Flagge beleidigt und die Verträge gebrochen, die Du selber mit uns eingegangen bist. Die Römisch-katholischen Priester sind wieder klagbar geworden — bitte laß mich erst ausreden und höre Alles was ich Dir zu sagen habe — sie behaupten wieder in ihren Rechten gekränkt zu sein und viel Schaden durch das willkürliche und widerrechtliche Benehmen der Protestantischen Geistlichen erlitten zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, daß Dir jene Vorgänge selber leid thun, und Du sie nur nicht hindern konntest. Ich will Alles vergessen und vergeben, und ich verlange nicht einmal eine Entschuldigung von Dir für das Vorgefallene, aber Du mußt mir dann auch beweisen daß es Dir jetzt wenigstens Ernst ist Se. Majestät, den König von Frankreich zum Freund zu behalten und nicht in starrem Trotz die Hand von Dir zu schleudern, die Dir den Frieden bringt.«

»Und was verlangst Du?« frug Pomare ungeduldig, »denn etwas willst Du doch von mir, das fühl' ich klar.«

»Du sollst nur den Vertrag halten den Du eingegangen« sagte der Admiral ernst, »Du sollst, mit einem Wort, das Französische Protektorat anerkennen, dessen Annahme Du selber, wie Deine ersten Häuptlinge, unterschrieben, und dem zu Folge Du den bunten Schmuck auch in der vor Deinem Hause wehenden Flagge, die selbstständige Krone, wegnehmen mußt, die Dir nicht gebührt.«

»Wem anders, wenn nicht mir?« rief Pomare aber jetzt gereizt, und das Blut schoß ihr in vollem Strom in Stirn und Schläfe — »wem anders, stolzer Ferani, als der eingeborenen Königin dieses Landes?«

»Bah, bah« sagte der Officier kopfschüttelnd und mit zusammengezogenen Brauen, »das sind Redensarten, die Dich Deine frommen Missionaire gelehrt haben, und sie hätten, beiläufig gesagt, etwas gescheuteres thun können. Du verkennst Deinen Rang, Pomare, denn es ist bei Gott ein Unterschied zwischen der Pomare wahine einer kleinen Insel, und der Fürstin eines mächtigen Reiches, im alten Vaterland; wenn man Dir also das nicht früher klar gemacht hat, geschah es nur Deine Eitelkeit nicht in einer Sache zu kränken, auf die eigentlich damals nicht viel ankam. Anders wird das jedoch, wenn Du unter dem Schutz eines anderen Staates stehst, dessen Oberherrschaft Du selber anerkannt; dann gebührt Dir die Krone nicht mehr, noch dazu wenn Du Dich in solchen falschen Ansprüchen von einer uns feindlichen Macht unterstützen läßt, wie das Wehen der Englischen Flagge da drüben beweist, und ich muß Dich bitten, Deinetwegen bitten, sie selber und in aller Stille wieder nieder und nicht wieder aufzuziehn — es soll mir das ein Zeichen sein, daß Du meinen vernünftigen und ruhigen Vorstellungen Gehör gegeben, und nicht wie früher mit dem starren Weibestrotz einer Unmöglichkeit die Stirne bieten willst.«

»Die Königin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehn und Niemand darf es ihr verwehren,« rief Pomare, der Argumente ihres Geistlichen gedenkend.

»Ach, Kinderspiel,« sagte Du Petit Thouars, ärgerlich den Kopf herüber und hinüber werfend — »was haben wir hier mit der Königin Viktoria zu thun — sie ist mächtig genug sich selbst zu schützen, und hat das Recht eine Krone zu führen! — Wer überhaupt hat Dich auf den tollen Einfall gebracht, der Dir nichts nützt und Dich nur wieder in Fatalitäten bringen kann, Dich mit der Königin Viktoria zu vergleichen?«

»Peti Tua« erwiederte Pomare gereizt — »es sind auch noch andere Europäer auf der Insel, die wissen was sich für eine Königin schickt — wärest Du allein da, müßte ich Dir glauben.«

Wieder preßte der Admiral seine Unterlippe zwischen die Zähne und mit einem leise gemurmelten Fluch zischte er:

»Dacht' ich's mir doch, daß die Schwarzröcke in ihrem Uebermuth wieder die Hand dabei im Spiel gehabt« und er sprang auf und ging ein paar Mal, mit auf den Rücken gelegten Händen rasch im Zimmer auf und nieder; dann aber, wie sich besinnend, strich er sich über die Stirn, blieb einen Augenblick, still vor sich niedersehend stehn, und ging dann plötzlich, mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen auf Pomare zu, ergriff mit der Linken ihre Rechte und mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die Höhe hebend sagte er lächelnd, ja fast herzlich:

»Sei vernünftig, Pomare, und horche dies eine Mal nur auf den Rath eines Mannes der, trotz allem was sie Dir mögen dagegen gesagt haben, es wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeschen sind schon in Frankreich angekommen, nach denen Dein Reich unter dem Protektorate meines Königs steht, und ich dürfte dem nicht mehr zuwider handeln, wenn ich wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem, was Dir die Englischen Priester sagen; Du hast schon oft gefunden, daß sie sich irrten. Sie wollen nur Macht hier im Land gewinnen und die Alleinherrschaft haben, und wir Franzosen passen ja doch wahrhaftig besser zu Euch wie die Kopfhänger.«

In diesem Augenblick öffnete sich leise die Thür, Pomare entzog dem Admiral rasch ihre Hand und trat einen Schritt von ihm zurück, und eine der Einanas meldete, den Kopf zur Thür hereinsteckend, den »boda Piritati« der draußen stände und die Königin zu sprechen wünsche.

»Schick ihn fort, wahine« rief aber Du Petit Thouars ärgerlich — »wir haben hier wichtige, weltliche Dinge zu reden und brauchen den Pfaffen nicht — schick ihn fort« —

»Ich habe ihn rufen lassen« entgegnete Pomare, während das Mädchen unschlüssig erst auf den direkten Befehl ihrer Herrin wartete, »auch ist er nicht allein ein Mitonare, sondern ebenfalls der Consul der Beretanis.«

»Ein Zwitterding« erwiederte der Franzose, »ich habe mit ihm weder als das eine noch andere etwas zu schaffen; schick ihn fort, oder ich gehe, und Du hast Dir die Folgen dann selber zuzuschreiben.«

»Er wird warten, denn ich muß mit ihm sprechen« sagte Pomare, »und weiter hast Du mir ja doch nichts mehr zu sagen.«

»Nichts mehr zu sagen?« rief der Admiral erstaunt — »Frau das ist gerade genug, denn es betrifft Dein ganzes Reich —«

»Du darfst es mir nicht nehmen,« rief die Königin und ihre Augen blitzten — »Piritati hat mir selber gesagt, daß mich England beschützen wird gegen meine Feinde.«

»Gebe Gott daß Du nur Deine Feinde erkennen lerntest« warnte sie, mit gehobenem Finger, der Franzose, »aber meine Zeit ist gemessen, so antworte mir denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen willst, einfach auf meine Frage, und sage mir ob Du Dich dem, was ich jetzt von Dir noch Auge in Auge verlange, fügen willst oder nicht.«

»Und was ist das, in klaren einfachen Worten?« frug Pomare.

»Einfach die Anerkennung unseres Vertrags,« entgegnete Du Petit Thouars, »und zum Zeichen ziehst Du die Flagge mit der Krone nieder, und hissest die Tricolore, die ich im Boot für Dich mitgebracht.«

»Nie im Leben!« rief Pomare, und stampfte mit dem Fuß den Boden.

»Du zwingst mich denn Deine Flagge mit Gewalt zu streichen und Frankreichs Banner dafür aufzupflanzen — bedenke Pomare daß von dem Augenblick, wo das durch meine Hand geschieht, Du aufgehört hast zu regieren, denn das Land steht dann nicht mehr nur unter Frankreichs Schutz, nein es ist erobert, und der Sieger verfügt darüber wie es ihm gut dünkt.«

»Ich verstehe nicht, was Du mit den fremden Worten willst,« entgegnete finster Pomare, »aber Du darfst mir mein Land nicht nehmen; die Englischen Schiffe leiden es nicht.«

»Wer Dir das sagt ist Dein Feind« entgegnete rasch der Admiral — »denke an mich, Pomare, und was ich Dir gerathen; aber meine Zeit ist auch verflossen und ich fürchte fast nutzlos, denn der Missionair wird Dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.«

»Ich lasse mir nicht drohen« rief die Königin.

»Ich habe Dich darum gebeten, Pomare« sagte, noch einmal zu ihr tretend, mit leiser gedämpfter Stimme der Admiral, »Deinethalben gebeten, weil ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines schönes Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit einem Schlage vernichten möchte; zwinge mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und ziehe meines Landes Farben auf, und Du bleibst was Du bist, wenn nicht unbeschränkt, doch Königin dieses Landes.«

»Und wenn nicht?«

»Trotzkopf« murmelte der Franzose ärgerlich sich auf dem Absatz herumdrehend — »so nimm denn die Folgen. Und doch geb' ich Dir noch Zeit zum Nachdenken bis morgen früh,« setzte er nach kurzem Sinnen hinzu — »überleg' es Dir wohl und handle danach, und Gott leite Dich, daß Du den rechten Weg gehst; wenn aber nach dem Morgenschuß nicht die Tricolore von Deinem Hause weht, dann komm' ich nicht mehr zu Dir hinüber, sondern schicke Dir rauheren Besuch, und Du hast die Folgen Dir selber zuzuschreiben.«

Und damit rasch das Zimmer verlassend, rannte er fast gegen den Missionair, der gerade im Begriff schien es zu betreten. Mr. Pritchard grüßte ihn, und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden wolle, der Französische Admiral war aber keineswegs in einer Stimmung sich mit ihm einzulassen, berührte einfach seinen Hut, und ging mit raschen Schritten wieder der Landung zu, wo indessen seine Leute, von den Indianern umlagert, doch dem gemessenen Befehl nach nicht den mindesten Verkehr mit diesen haltend, das Boot weit genug vom Strand abgestoßen hatten flott, und außer Verbindung mit dem Ufer zu bleiben. Rasch griffen aber die Riemen wieder ins Wasser, als sie ihren Vorgesetzten zurückkehren sahen — ein kurzer Befehl und einer der Leute sprang mit einem vorn im Boote liegenden Pakete — der zusammengerollten Französischen Flagge — die Uferbank hinauf, dem Hause Pomares zu, sie dort für die Königin dem ersten Mädchen gebend das er traf; wenige Minuten später kam er in raschem Lauf zurück, das Boot flog herum und schnitt wieder, zischend und schäumend, wie ein verfolgter Fisch die Oberfläche theilend, der Reine blanche entgegen, die in all ihrer dunklen furchtbaren Majestät vielleicht eine Kabelslänge davon vor Anker lag.


Capitel 3.
Die Tahitische Flagge.

Sadie hatte indessen gar trübe, angsterfüllte Tage verlebt; Renés Wunde war allerdings nicht gefährlich, ja sogar viel leichter als sie im Anfang gefürchtet, gewesen und heilte so rasch, daß er schon am nächsten Tage wieder sein Lager verlassen und mit dem Arm in der Binde sich ziemlich frei umherbewegen konnte, aber Renés Gegner war an seiner Wunde gestorben, und so sehr sich auch Bertrand jetzt Mühe gab, die Kunde dem Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Hütte und füllte ihr Herz mit unermeßlichem Weh. —

René ein Mörder — ihrethalben, und Alles was ihr der Geistliche erst vor wenigen Tagen von Schmach und Sünde und Gottes Zorn gesagt, traf ihr die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und schrieb ihr den bitteren furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zügen tief in das angstgequälte Herz. — René ein Mörder — Blut an der Hand, die sie in Glück und Liebe tausendmal geküßt — Blut an der Hand, in die sie die ihrige vor Gottes Altar einst gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben traf, und ihr das Blut fast starren machte in den Adern — und René? Als sie zu ihm stürzte, sich an seinen Hals warf und ihn trösten wollte mit einem Herzen, dem jeder Trost gebrach, als sie da vor ihm auf die Knie fiel, und ihn nieder ziehn wollte zu sich, in brünstigem Gebet Linderung zu finden für das Entsetzliche, und nur Thränen hatte in ihrem ersten furchtbaren Schmerz, nur Thränen die ihr Blut schienen wie sie ihr von den Wimpern niederbrannten — da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl seine Wangen verlassen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen, kein Muskel seines Angesichts verrieth daß er fühle was er gethan, und Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und suchte umsonst sein Herz zu seinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu erflehn vor dem Thron des Allliebenden den er schwer beleidigt ja mit Brudermord.

»Laß das, laß das Kind,« sagte er finster, sich ihrem Griff entziehend — »das sind Sachen die Du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen, nicht beurtheilen kannst.«

»Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getödtet« weinte Sadie, ohne sich zu erheben — »hast Abschied an dem Morgen von mir genommen und Deinem Kind — hast uns geküßt und geliebkost, und bist mit ruhiger heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.«

»Sadie« bat René sie jetzt leise und weicher als vorher, als er sah, welchen furchtbaren Eindruck die That auf sie machte, die nur in ihrem nackten Erfolg starr und gräßlich vor ihr stand, während sie die Triebfedern solcher Handlung in Europäischen Begriffen wurzelnd, in ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verstehen konnte — »thörichtes Kind, hab' ich Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus meinem Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht anders rächen kann, als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst wenn wir Beide das Geschehene schon von ganzem Herzen bereut und gern vergessen hätten?«

»Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an,« klagte Sadie, »und vergaßest das Gesetz Gottes — nein, vergaßest es nicht, sondern stießest es mit Füßen von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn — oh René, René, Du hast meinen Frieden zerstört auf ewige Zeiten.«

»Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen Reden« bat sie da, kurz abbrechend, René — »die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn gesetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht ertragen.«

»Oh daß Du die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hören wolltest« klagte das arme Weib, die Hände ringend und das Haupt gesenkt, starr und trostlos vor sich niedersehend — »daß Dir Gottes Wort zum Herzen spräche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor Dir selber und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken und seiner Finsterniß, dem Du mit starrem trotzigem Sinn entgegeneilen willst. Oh der ehrwürdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte, mit heißen brünstigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von dem was Dir Verderben droht — aber konnte ich es denn? — ward mir armen schwachen Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, René, und den Heiland bitten, Dich vor Dir selber zu schützen und Geduld mit Dir zu haben in seiner Allbarmherzigkeit.«

»Rowe?« sagte René aufmerksam werdend und sah Sadie rasch und scharf an — »was weißt Du von dem Schleicher? — ich will doch nicht hoffen, daß er meine Schwelle betreten?«

»Er war hier« hauchte Sadie, unfähig eine Lüge zu sagen, aber das Blut schoß ihr in Strömen in Stirn und Schläfe.

»Hier? — und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen?« — rief René, seinen erwachenden Aerger, überdies schon gereizt, nur mit Mühe bändigend — »zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was trieb ihn her?«

»Die Sorge um mich« sagte leise Sadie — »er war mein Lehrer in der Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein Recht dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge um meiner Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch überging?«

René biß sich auf die Lippen — es drängte ihn, seinem Zorn über den Mann den er alle Ursache hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber er fühlte auch wie weh er der armen Frau dadurch thun würde, und nur die Stirn heftig mit der rechten Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer auf und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer knieenden Stellung verharrte und das sorgenschwere Haupt an der Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm stützte, stehn, und seine Hand auf ihre Stirn legend flüsterte er mit freundlicher liebender Stimme:

»Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer lastet das Blut auf meiner Seele, daß ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen könnte. Ich bin mir nichts Böses bewußt, denn diese That fällt nicht mir, sie fällt der Gesellschaft zur Last die sie billigt, ja fordert — Nichts hilft es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu sträuben. Komm, schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und laß die Grillen — geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern, und Du brauchst die Hand nicht zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schützte.«

Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Händen bergend flüsterte sie:

»Bete — René — bete zu Gott daß er Dir die That vergeben möge und ich will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Höchsten —«

»Sadie«

»Neige Dein Ohr Allmächtiger« flehte die Frau, inbrünstig seine Hand fassend und die Augen zur Decke erhebend, »verwirf mich nicht von Deinem Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. — Tröste mich wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geist enthalte mich — denn ich will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu Dir bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.«

»Komm, komm Sadie« sagte aber René ihr leise doch entschlossen seine Hand entziehend, »das ist genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig. Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich will dann suchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist schwül und heiß geworden bei Deinen Reden.«

Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst weitern Abschied von ihr oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Straße nach Papetee hinunter.

Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß und brünstig für den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei daß René zurück — reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am Thron des Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das Verbrechen; aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und ließ ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr daß er den Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über ihn zu wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen Hafen zu.

Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch größtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wußten auch, daß sich in Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten dessen Zeuge — ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer und Mitwirkende sein.

Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der zwischen Pomare und Du Petit Thouars stattgehabten Unterredung bald, wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend bekannt geworden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die Berge zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich zu kommen.

Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand versammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der Insel herzuströmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der fremden Kriegsschiffe, der Französischen wie der Englischen Catch Basilisk die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt, die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschuß war vom Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne daß irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die Flagge geschehen wäre, denn der Admiral Du Petit Thouars hatte während der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist für Pomare bis zum Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er außerdem nach allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen mochte; wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen werden würde.

Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen mit dem Englischen Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklärung für ihre Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und Du Petit Thouars durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum Aeußersten treiben wolle der Französischen Macht zu trotzen, und den früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu verleugnen.

Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden, und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen von den Schiffen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten bei ihren Geschützen ständen.

Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden überschritten haben, als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlaßt werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so trefflichen Schatten boten; er hatte Du Petit Thouars sowohl wie Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Häusern Pomares wie einzelner Häuptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug.

Die schwarzgekleideten bleichen Männer, mit den gezwungen milden und doch heute so eilfertigen Zügen konnten nicht dazu dienen Renés überdies gereizte Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu gestalten, und finster und schweigend erwiederte er ihren Gruß, wenn sie an ihm vorüberschritten, oder gar ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollten in ihrer Art.

Gedanken- und ziellos schlenderte er so am Strande hin, die Arme auf der Brust ineinandergeschlagen, und den Hut fest und verdrossen in die Stirn gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbekannter Stimme seinen Namen rufen hörte, und aufschauend sich gerade vor Mr. Belards Hause fand, dessen Fenster eines breiten Hintergebäudes diesen ganzen Theil des Strandes überschauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der erwarteten Vorfälle zu sein.

Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber er schrak förmlich zusammen, und fühlte wie ihm das aufschießende Blut die Stirnadern zu sprengen drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht der jungen hübschen Frau, die engelschönen lächelnden Züge Susannens erkannte, die ebenfalls zu ihm niedergrüßte.

»Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne wieder so frisch und wohl zu sehen,« rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und Verlegenheit nur eben flüchtig grüßte und vorüberstürzen wollte — »aber hat er nicht einmal so viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und zu sehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geschäfte fortrufen, haben wir hier ein prächtiges Plätzchen für Sie das Schauspiel, einer friedlichen Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie mögen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in Französischen Grund und Boden verwandelt.«

»Und darf ich?« frug René, und die Frage galt diesmal dem jungen Mädchen, das bis dahin nur lächelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt fröhlich ausrief:

»Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres früheren Capitains fürchten — ich wüßte keinen anderen Grund weshalb nicht« — und wenige Minuten später stand René in dem kleinen Gemach an Susannens Seite, die Frauen zu begrüßen.

»Großer Gott, wie bleich sehn Sie aus« rief aber hier das junge Mädchen, als er ihr die Hand gereicht und das Blut, die erste unnatürliche Aufregung vorüber, wieder in seinen alten Canal zurückdrängte — »Ihre Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt — guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.«

»Und würden Sie mich betrauern?« frug René, ihr forschend ins Auge schauend.

Susanne erröthete, aber Madame Belard enthob sie einer Antwort, denn den jungen Mann dem Lichte zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklärte, Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden Todten, als einem Lebenden, und je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto besser sei es für ihn — zu früh könne es aber gar nicht mehr geschehen, und ihre Schlüssel aufgreifend, von denen sie den Kellerschlüssel ihrer Indianischen Dienerschaft nicht anvertrauen durfte, verließ sie rasch das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich selber zu holen und einzugeben, wie ein guter, sorgsamer Arzt.

Susanne und René waren allein, und der Letztere wollte sich eben mit seiner Wunde für sein, vielleicht unfreundlich scheinendes Betragen von vorhin entschuldigen, als diese für ihn selber sprach; die ungewohnte Anstrengung, da es das erste Mal gewesen war nach seiner Verwundung daß er einen solchen Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause — jetzt, und beide ach wie so verschiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn — er mußte von dem rasch zuspringenden Mädchen unterstützt, zu einem Stuhl taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren Schleier er aber glücklich bezwang, stützte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand, sich wieder zu sammeln, zu erholen.

»Sie böser, böser Mann« flüsterte das schöne Mädchen, ihr weiches Tuch rasch in kalt Wasser tauchend und um seine Stirn legend — »was laufen Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend sind — weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelassen?«

Sadie — René athmete tief und schwer und seine Stirn fassend traf er der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte wenn es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden in dieser Stellung und Susanne fuhr wie bestürzt zurück, als sich die Thür rasch öffnete in der Madame Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder erschien, und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche Antlitz ihres Gastes bemerkte.

»Hallo, was ist hier vorgefallen,« rief sie halb lachend halb bestürzt, »werden die Herren ohnmächtig und müssen ihnen die Damen beistehn? — schöne verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um so mehr am Platz. Hier Monsieur« fuhr sie fort, ihm ein volles Glas einschenkend, aber zugleich einen flüchtigen Blick nach Susannen hinüberwerfend setzte sie neckend hinzu: »und die Dame da scheint mir auch ein Glas vertragen zu können, Ihr habt Euch Beide alterirt — Wie steht es mit Ihrer Wunde, Delavigne?«

»Besser — gut« sagte er rasch.

»Sie haben von Ihrem Gegner gehört?« frug Susanne leise.

»Ja« hauchte René.

»Er hat es nicht anders haben wollen« beruhigte ihn aber die Französin — »wäre er mit der ersten Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache abgemacht und Niemandem ein Schade geschehn — es soll das siebente Duell gewesen sein, das er gehabt. Aber reden wir von etwas Angenehmerem« setzte sie rasch hinzu, »wissen Sie daß unsere junge Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? — der alte Seewolf muß doch gar kein so übler Mann sein.«

»Und ist der Delaware glücklich zu Hause angekommen?« frug René lächelnd zu Susanne gewandt.

»Oh schon lange« erwiederte Susanne, »und hat eine ausgezeichnete Reise gemacht« setzte sie dann mit komischem Ernst hinzu — »Sie haben sich sehr im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu sein. Sie könnten jetzt ihren Thran zu höchst annehmbaren Preisen — Papa hat mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich für ihn Geschäfte machen sollte — an die Firma Bornholm Watts & Comp. verkaufen und hätten noch immer Zeit genug übrig behalten sich zu einer neuen so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen und zu rüsten. Sie werden mir zugeben daß Einem auf einer solchen Fahrt höchst interessante Sachen begegnen können.«

»Sie werden mir zugeben Mademoiselle, daß Sie grausam sind« sagte René — »Sie wissen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten thun.«