Tahiti.

Roman aus der Südsee
von
Friedrich Gerstäcker.


Zweite unveränderte Auflage.

Vierter Band.

Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.


Leipzig,
Hermann Costenoble.
1857.

Inhalt des vierten Bandes.

Seite
Cap.1.Die Schlacht von Mahaena[1]
"2.Alte Abrechnungen[55]
"3.Das Lager der Insulaner[103]
"4.Die Flucht[142]
"5.Lefévre und Aumama[170]
"6.Der Angriff auf Papetee[218]
"7.René und Susanna[248]
"8.Schluß[302]

Capitel 1.
Die Schlacht von Mahaena.

»Joranna!« – und die Palmen rauschten dazu ihre leise wehmüthige Weise, und wie grollend, zürnend tönte der dumpfe Donner der Brandung ihm in's Ohr – »Joranna!« – »Und doch ja auch nur für wenige Tage!« rief er dann plötzlich sich abwendend und mit der Hand die Stirne streichend, als ob er da alle die trüben traurigen Ideen fortwischen wolle. »Unsinn, sich das Herz da schwer zu machen mit Sorge und Noth und tollen, trüben Ideen; wie rasch verfliegt die Stunde, und Wochen schwinden, daß man sie kaum zählen kann. Nein, nicht muthwillig mag ich mir das Leben schwer machen, ein tückisches Schicksal quält und neckt uns überdies schon genug, wirft Wermuth in den süßesten Becher, oder giebt der Frucht Stacheln nach der unsere Lippe sich sehnt. Fort; in der Stadt vergeß ich die Grillen und mein Haus mag heute sehen wie es allein fertig wird.«

Und den Hut fest in die Stirn drückend, die Arme über der Brust zusammengeschlagen und den Kopf gesenkt, ging er mit raschen Schritten nach der Stadt zurück und betrat, seine Grillen wie er sie nannte, mit einer Flasche Wein niederzuschwemmen, das erst seit kurzer Zeit etablirte Haus eines Franzosen, Viktor, ließ sich eine Flasche Claret geben, und setzte sich, ein paar Gläser rasch hintereinander hinunterstürzend, den Kopf in die Hand gestützt, allein an einen Tisch, in die entfernteste Ecke der Stube – gedankenvoll auf das vor ihm ausbreitende Meer hinausschauend.

Wohl eine Stunde mochte er so gesessen haben, die Flasche stand geleert vor ihm, und noch immer starrte er düster vor sich hin, als eine Hand ihm derb auf die Schulter klopfte und eine fröhliche Stimme seinen Namen rief:

»René!«

René schaute langsam auf, sprang aber im nächsten Augenblick von seinem Sitz empor und rief, dem Freund beide Arme entgegenstreckend und ihn an's Herz drückend:

»Adolphe! mein lieber, lieber Freund, wo kommst Du her? zehntausendmal willkommen auf Tahiti.«

»Und Dir geht es gut?« frug Adolphe, die ersten herzlichen Begrüßungen vorüber – »es gefällt Dir hier, und Du bereust Dein Weglaufen nicht?«

»Bereuen?« lächelte René, »ich habe Alles hier, was das Menschenherz nur fordern oder verlangen könnte und sollte bereuen? – Doch« – unterbrach er sich plötzlich, den Freund erstaunt betrachtend – »spielst Du Maskerade oder ist es jetzt Sitte hier geworden, französische Uniformen anzulegen? was thut der Wallfischfänger in der Officiersuniform?«

»Peste!« lachte Adolphe, »ich hatte das Leben ebenfalls satt, und da uns gute Kräfte hier fehlen, hielt ich den Zeitpunkt für geeignet, meine alte Carrière wieder aufzunehmen. Hol der Teufel die Freiheit am Bord eines Wallfischfängers; durch Du Petit Thouars selber, von dem ich die Ehre habe schon seit frühern Zeiten gekannt – vielleicht überschätzt zu sein, sind mir die Epauletten wieder auf die Schultern gedrückt, mit denen ich seit langer Zeit fertig zu sein glaubte.«

»Und seit wann bist Du hier?« frug René erstaunt.

»Seit drei Tagen etwa; aber wie mir gesagt wurde, wärst Du zurück nach Atiu gegangen, wo wir Dich damals ließen.«

»Ich habe die Erlaubniß noch nicht erhalten, einer langweiligen Untersuchung wegen.«

»Ich weiß, ich weiß, wegen einer Französischen Schildwache, man hielt das aber für abgemacht – nun desto besser, so hab' ich Dich doch hier noch getroffen, ich wäre aber später jedenfalls einmal hinübergekommen, Dich zu besuchen. Mensch ist es möglich – Du hier verheirathet und Familienvater? – nun die Sache klingt gefährlicher, wie sie ist.«

»Ich fühle mich glücklich darin,« sagte René. –

»Und was willst Du jetzt auf Atiu?«

»Dort bleiben.«

»Bah, Unsinn –«

»Unsinn? – weshalb?«

»Du willst Dich, mit acht und zwanzig Jahren in einem Cocospalmenwald vergraben und mit der Welt fertig sein? – Mensch bist Du denn wahnsinnig oder hast Du die Lektionen am Bord des Delaware noch nicht vergessen? und ein indianisches Mädchen – René, René, ich fürchte fast, Du hast da Dir selber einen recht bösen Streich gespielt, und ich habe Dir am Ende gar keinen so besonderen Dienst geleistet, als ich die Bande durchschnitt die Dich hielten. Das Schlimmste gereicht uns oft zum Glück, und das gerade, was wir armen kurzsichtigen Sterblichen im Anfang für die Krönung unserer Wünsche halten, ist nicht selten der Beginn von – gerade dem Gegentheil.«

»Du kennst Sadie nicht,« lächelte René – »sie ist nur Indianerin von Geburt, sonst aber fast ganz in europäischen Sitten und Gebräuchen auferzogen.«

»Desto schlimmer für sie,« brummte Adolphe kopfschüttelnd. »Ich habe auch darüber schon Manches munkeln hören. Aber was zum Teufel bleibst Du da nicht wenigstens in Papetee? – hier hast Du doch einen Wirkungskreis für irgend eine Thätigkeit; auf Atiu versauerst Du ja doch, und zehn Jahre dort, machen Dich untüchtig für irgend einen menschlichen Beruf.«

»Verhältnisse, lieber Adolphe, bestimmen den Menschen,« lächelte der Freund, wenn auch nicht mehr so ganz unbefangen. »Sadie fühlte sich hier nicht glücklich zwischen den Europäerinnen und –«

»Aber ich denke sie hat eine ganz europäische Erziehung bekommen – wie stimmt das?«

»Ich – ich selber fühlte auch daß wir dort drüben würden viel freier, ungehinderter leben können« entgegnete René ausweichend.

»Ungehinderter? das glaub der Teufel,« lachte Adolphe, »wer sollte Euch dort stören? wenn da nicht einmal zufällig ein vereinzelter Wallfischfänger anlangte – aber apropos René – weißt Du denn, daß Capitain Lewis Tochter hier auf Tahiti und sogar in Papetee ist?«

René fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfe stieg und drehte sich rasch ab, nach einer frischen Flasche Wein zu rufen.

»Ich weiß es,« sagte er gleichgültig – »ich habe sie hier auf einem Ball kennen lernen, sie wohnt jetzt bei Belards; aber Adolphe –« rief er, rascher sich dem Freund wieder zudrehend, der ihn aufmerksam betrachtete – »Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, was Ihr damals mit dem ehrwürdigen Manne gemacht habt, den Ihr statt meiner an Bord nahmt. Was sagte er denn, als er wieder zu sich selber kam?«

»Was er sagte?« lachte Adolphe in der Erinnerung an jenen Abend laut auf, »er war Feuer und Flamme, und wollte augenblicklich an Land gesetzt sein. Mein Glück übrigens wars, daß er behauptete Einer der Bootsleute habe ihn zu Boden geschlagen und gebunden und geknebelt, und unser alter Seehund von Harpunier wußte recht gut, daß ich nicht lange genug oben gewesen war, das möglicher Weise zu Stande zu bringen, wenn er mir's auch zutraute, während keiner der Anderen das Boot verlassen haben wollte, und auch in der That verlassen hatte. So ärgerlich der Alte übrigens auch war, daß wir Dich nicht, trotz aller gemachten Auslagen, wie des Aufenthalts und bösen Beispiels wegen, wiederbrachten, so sehr freute er sich doch jedenfalls heimlich, daß es gerade der Schwarzrock gewesen, der darunter leiden mußte, noch dazu, da er einen Matrosen verrathen, und wir Alle kamen so, wenigstens für den Augenblick, mit einem blauen Auge davon. Nichtsdestoweniger hatten sie gegründete Ursache auf mich den stärksten Verdacht einer Mitwissenschaft zu werfen, und wenn ich mir auch nicht gerade besonders viel daraus machte, wurde doch das Leben an Bord für mich dadurch nach und nach so fatal, daß ich mich zuletzt in Honolulu, als wir von oben wieder herunter kamen, auszahlen ließ und nicht einmal mit dem Schiff zu Hause ging. Ich bin übrigens dem geistlichen Herrn eben heute Morgen hier in der Straße begegnet – und ob er mich nicht wieder erkannte? Wie er nur einen Blick auf mich warf, blieb er im ersten Moment überrascht stehen, – er wußte wahrscheinlich nicht gleich wo er mich hinthun sollte; als ich aber ein, vielleicht etwas malitiöses Lächeln doch nicht verbeißen konnte, und ihm auch wahrscheinlich dabei einfiel bei welcher, für ihn so fatalen Gelegenheit wir uns zum letzten Mal gesehen, quoll ihm das Blut wie eine Springfluth in's Gesicht und er ging rasch, und ohne mich weiter eines Blicks zu würdigen, an mir vorüber, die Straße hinab.«

»Ja, er hat hier seine Mission« sagte René noch in der Erinnerung an heut Morgen, mit zusammengezogenen Brauen, »mir aber ist er bis heute ausgewichen wie dem bösen Feind, und wirklich heute Morgen zum ersten Mal hat er meine Schwelle, in meiner Anwesenheit überschritten, um Abschied von meiner Frau zu nehmen.«

»Will er fort?«

»Nein, meine Frau hab' ich hinüber nach Atiu, mit einem der anderen protestantischen Missionaire geschickt, um später nachzukommen.«

»So so?« sagte Adolphe gedehnt, »Du bleibst jetzt noch allein in Papetee – und wo wirst Du wohnen?«

»Ich wollte eigentlich gern in meinem Haus draußen bleiben, aber ich fürchte es wird nicht gehen – heute Morgen wenigstens kreuzten schon dumpfe Gerüchte von einem wirklichen Aufstand, und was ich hier darüber gehört, bestätigt das nur. Als einzelner Franzose setzte ich mich da draußen doch am Ende Unannehmlichkeiten aus.«

»Nein, Gott bewahre« rief Adolphe rasch – »diese Indianer sind seelensgute Menschen wenn in Frieden gelassen, aber treib' sie erst einmal dazu daß Blut fließt, und sie sind wie die Tiger, unersättlich. – Ich fürchte auch wir bekommen hier noch einen verwünscht schweren Stand, denn die zwei Schiffe sollen, wie ich höre, an allen Inseln zugleich anklopfen, und wenn sie da in Papetee nicht eine recht tüchtige Besatzung zurücklassen, so weht einmal eines Morgens die Tahitische Flagge statt der Französischen, und für unsere Leben, alle mitsammen, möcht' ich dann keinen Franc geben. Die Missionaire thun außerdem was sie können, die Eingeborenen gegen uns aufzuhetzen.«

»Verdenken kann ich's ihnen nicht« entgegnete René, die geleerten Gläser wieder vollschenkend, »haben sie doch meine Landsleute hier vollständig aus dem Sattel gehoben, und jeder wehrt sich seines Brodes so gut er kann.«

»Peste, René, Du vertheidigst die Schwarzröcke wohl gar?« lachte Adolphe. »Wetter mein Bursche, hast Du Dich geändert. Die Luft hier muß anstecken.«

»'Bist im Irrthum, Adolphe, nur den Stand selber vertheidige ich, der hier ein Recht hat zu existiren, sobald wir nur den Schatten eines solchen beanspruchen wollten. Stände ihnen die eigene Bibel nicht dabei im Wege, wären sie gerade die Leute die sich zu Herren des Landes erklären dürften, insoweit sie zuerst hier ihren Wohnsitz, und damit nach dem Rechte der Entdecker, Besitz von dem Lande nahmen. Doch es fällt mir nicht ein ihre Parthei zu ergreifen« setzte er rasch hinzu, »und Gott weiß es, sie haben mir das Leben hier schon manchmal recht verbittert, ja – hätten es mir verleiden können.«

»Haben Sie Dich nicht auch bekehren wollen?« lachte Adolphe.

»Nun ja, im Anfang wohl dann und wann, das gaben sie aber doch bald auf – die Besseren unter ihnen sind auch tüchtige wackere Leute, Menschen die, wenn auch nicht immer den Kopf, doch jedenfalls das Herz auf der rechten Stelle haben, die Mehrzahl aber, mit ihrem ewigen Beten und Psalmensingen, könnte einen Heiligen zu Verzweiflung bringen. Ich glaube wenn ich noch ein Jahr hier in Papetee geblieben wäre, hätten sie mir mein Weib entweder abtrünnig, oder da das nicht ging, verrückt gemacht.«

»Hat Dir der Ehrwürdige Mr. Rowe noch Nichts weiter in den Weg gelegt?« frug Adolphe.

»Er hat noch nichts Anderes gethan fast, als gesucht einen Anhaltepunkt zu finden. Es hieß einmal, er sollte mit einem speciellen Auftrag an die Tafel der Missionaire abgeschickt werden, den hat aber wahrscheinlich Mr. Pritchard mitbekommen, den sie hier fortschicken mußten, wenn sie je hoffen wollten, sich mit den Eingeborenen wieder anders als mit den Waffen in der Hand zu verständigen. Ich wollte übrigens dieser Rowe wäre fort von hier, mir verbittert sein kaltes scheinheiliges Gesicht jedesmal den ganzen Tag, wenn er mir einmal zufällig über den Weg läuft, und ich kann mich des Gedankens kaum erwehren, daß er mir noch irgend einmal feindlich in's Leben greift. Seine Schuld wird's auch in der That nicht sein, wenn er eine, sich ihm vielleicht einmal bietende Gelegenheit unbenutzt vorübergehen ließe. Doch fort mit dem Schleicher, wir haben wahrlich Besseres zu thun, als an ihn zu denken. Und Du bleibst jetzt hier auf den Inseln, Adolphe?«

»Eine Zeitlang wenigstens, und so lange es etwas zu thun giebt,« erwiederte der Freund.

»Wenn Du nur einmal eine kurze Zeit hier bist, wird es Dir auch schon besser gefallen« lächelte René, »vielleicht sogar machst Du mir's nach, und wir werden noch am Ende Nachbarn – Adolphe, diese Inseln sind ein wirkliches Paradies.«

Adolphe schüttelte mit dem Kopf.

»Und doch möchte ich es nicht auf die Länge der Zeit mit Dir theilen« sagte er ernster – »ja, nach einem langen und vielleicht langweiligen Kreuzzug durch die Meere, nach Eis und Schneegestöber da oben in jenen unwirthlichen Regionen, nach Entbehrungen und Strapatzen, wie sie der verweichlichte Landbewohner kaum für möglich halten würde – und in der That auch kaum für möglich hält – thut es Einem wohl, wieder einmal eine kurze Zeit unter Palmen auszuruhn, – und die freundlichen Gesichter der Eingeborenen, wenn erst einmal diese unglücklichen Conflikte vorüber sind, bilden keine unangenehme Zugabe solcher Rast –; aber da bleiben, wohnen, heirathen, und seine Existenz hier beschließen? nein, ich glaube ich hielte das gar nicht aus, ja ich bin fest davon überzeugt daß ich nicht einmal den Versuch machen möchte.«

»Und was könnte das Herz mehr verlangen als es hier findet?« rief René – »was bietet Dir Gottes Welt Schöneres, wohin Dich der unstete Fuß auch trägt, als diese Küsten, wenn Du ein Wesen hier findest, das dieses Glück mit Dir theilt? was würde Dir in diesem Paradiese fehlen?«

»Der Nerv es zu genießen, es zu schätzen« rief Adolphe rasch, »Thätigkeit – Entbehrungen, Leben mit einem Wort, wie es der alte Herr da oben für uns erschaffen, und gar erstaunlich weise eingerichtet hat – ich verginge in dem Müßiggang. Nein René, nein, und tausendmal nein, wenn Du Dir selber vorlügen willst daß Du Dich glücklich darin fühlst. Ich glaube es nicht, weil ich überhaupt nicht an Unmöglichkeiten glauben mag, und Dir noch obendrein so etwas gar nicht wünschen wollte. Du mit Deinem leichten lebensfrischen Herzen, der Abgott Deiner Kreise einst in Paris, der eben nur übermüthig und übersättigt wurde durch das Glück, das überall auf ihn einstürmte. Du, dem noch bis jetzt kein Welttheil vermögend war in seinen Grenzen zu halten, Du solltest jetzt Deine Heimath in einer Bambushütte gefunden haben und mit Deinen Lebensbedürfnissen auf einen Brodfruchtbaum und eine Angel angewiesen sein? – Unsinn René! – hahaha komisch ist's aber doch, wenn ich mir das so denke, und komischer noch daß ich ernstlich dagegen anstreite. Bah! geh Du einfach wieder nach Atiu hinüber, aber mit dem was Dir jetzt durch Herz und Seele zieht, was Dir schon, Du magst es verleugnen wie Du willst, in den Augen mit unvertilgbaren Zügen geschrieben steht, lebst Du noch ein Jahr drüben und springst nachher wieder selbst an Bord eines Wallfischfängers, wenn Du auf keine andere Weise fortkommen kannst, oder – Du bist elend und unglücklich.«

»Nein nein Adolphe, Du hast Unrecht« rief René, aber er war aufgesprungen, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Du hast Unrecht, und ich werde es Dir beweisen; habe ich Dir doch schon früher gezeigt was ich durchsetzen kann, und auch damals hieltest Du es für unmöglich.«

»Armer René« sagte Adolphe – »schon mit den Worten gestehst Du mir Alles ein, ohne es selber vielleicht zu wissen; und doch irrst Du Dich. In tollkühnem Muth, einer Gefahr trotzend, die sich Dir noch so wild und furchtbar entgegenstellt, ja; im kecken Wurfe bist Du im Stande und setzest Dein Leben ein und gewinnst. Ich glaube nicht daß Du Dich durch irgend eine Schwierigkeit oder Gefahr von irgend einem gefaßten Vorsatz, wär er noch so wahnsinnig, zurückschrecken ließest. Du hast mir das mehrfach bewiesen und am schlagendsten durch Deinen Ein- wie Austritt an Bord des Wallfischfängers; hier aber, wo es darauf ankommt durch zähes geduldiges Ausharren ein Ziel zu erreichen, gäbe es keinen unpassenderen Gesellen dazu wie Dich, und zwingst Du Dich hinein, so gehst Du darüber zu Grunde – denk' an mich.«

Wilder Lärm draußen unterbrach sie hier; die Leute sprangen durch einander und verworrene Rufe wurden laut. Die beiden jungen Leute waren der Thür zugeeilt, zu sehn was es gäbe, als draußen die scharfen Schläge einer Trommel ertönten.

»Alle Wetter!« rief Adolphe, »es scheint Ernst zu werden, die Trommel ruft uns auf unsere Sammelplätze. Und wo sehen wir uns wieder, René?«

»Heute Abend hier.«

»Gut denn, und ade so lange!« und mit herzlichem Kuß und Handdruck trennten sich die Freunde, Adolphe seinem neuen Beruf mit all dem lebendigen Feuereifer obliegend, eben in dem Neuen der Sache den Reiz findend der ihn auch für manche Last und Unannehmlichkeit entschädigen mußte, während René in der Thür stehen blieb und ihm die Straße hinab nachschaute, bis ihn eine Biegung derselben seinen Blicken entzog. Tief aufseufzend drehte er sich dann um und wandte sich, theils in das Haus zurück zu gehen und seinen Hut zu holen, theils zu sehen was es gebe, als er seinen Namen gerufen hörte und sich umschauend Lefévre erkannte, der mit ausgestreckter Hand auf ihn zu kam.

Der früher so muntere und leichtherzige Nachbar sah aber gar verändert und angegriffen aus. Er trug den linken Arm in der Binde und war bleich und abgemagert, auch der Blick seines Auges hatte etwas Feindliches, Stieres gewonnen, das er sonst nicht gehabt.

»Hallo Lefévre, wie sehn Sie aus?« rief René erstaunt – »wo wurden Sie denn verwundet, und sind denn unsere Truppen schon mit den Eingeborenen zusammengetroffen?«

»Hier noch nicht« sagte Lefévre, mit einem eignen Lächeln in den scharf ausgeprägten und keineswegs angenehmen Zügen, »wenigstens bis heute Morgen nicht, aber jetzt gerade gehts los, und ich will mir nur eben meinen Säbel und meine Pistolen holen, als Freiwilliger den Spaß mit zu machen.«

»Mit dem Arm in der Binde?« sagte René kopfschüttelnd. »Sie sollten froh sein daß Sie eine Entschuldigung haben nicht gegen die Eingeborenen fechten zu müssen, weshalb das muthwillig herbeiziehen. Gehören wir Beiden nicht zu ihnen?«

»Zu den rothen Hallunken?« rief Lefévre mit einem wilden Fluch – »hol sie der Teufel alle, denn nicht Frieden giebts, bis wir die eine Hälfte von ihnen todtgeschlagen, und die andere in ihre Bergschluchten hineingejagt haben, dort von Feis und wilden Ziegen ihr Mahl zu halten. Daß die Pest zwischen sie fahre!«

»Lefévre?« rief René erstaunt – »was ist denn mit Ihnen vorgegangen? – wo ist Aumama?«

Lefévre lachte höhnisch und rief, den Kopf zurückwerfend:

»Zu ihrem Gesindel zurückgekehrt, aus dem ich ein Thor war sie heraus zu ziehen – nun, ich habe wenigstens meinen Spaß mit ihr gehabt – Sie haben Sadie auch wieder nach Atiu zurückgeschickt, wie ich höre. Gescheut, die Dirnen sind recht gut für eine kurze Zeit, so etwas muß aber nicht zu lange dauern, sonst wird es langweilig.«

»Ich habe sie hinübergeschickt um selber nachzugehn« erwiederte René ernst, »und haben Sie sich so leicht von Ihrer Frau trennen können?«

»Frau trennen können« lachte Lefévre – »wenn es ihr nicht mehr Thränen gekostet hat wie mir, sind wir alle Beide ungemein leicht davon gekommen. Aber wissen Sie daß der Teufel losgegangen ist? die Burschen machen Ernst.«

»Doch nicht hier in Papetee?« sagte René.

»Nicht gerade in der Stadt, aber in Mahaena haben sie sich verbarrikadirt und einen Trupp Soldaten, der sie von dort vertreiben wollte, mit blutigen Köpfen zurückgejagt. Eben ist die Nachricht hier hergekommen, und es soll jetzt gleich ein Bataillon dorthin aufbrechen, den Empörern zu zeigen mit wem sie eigentlich in ihrer Verblendung den Krieg begonnen. Durch diese protestantischen Missionaire aufgehetzt, glauben und hoffen sie immer noch auf die Unterstützung gar nicht vorhandener englischer Schiffe, es wäre ja sonst doch nicht möglich, daß sie nur einen Augenblick daran denken könnten, ernsthaften Widerstand zu leisten. Aber dort rückt schon das Militair heran, kommen Sie mit, René, wir machen uns einen kleinen Spaziergang dahinunter, und helfen die Burschen mit in die Berge jagen.«

René schüttelte mit dem Kopf.

»Ich habe Nichts in dem Kampf zu thun« sagte er ernster, »meine Landsleute mögen das unter sich ausmachen.«

»Bah, Sie werden doch nicht zusehn wollen wie wir uns schlagen?«

»Warum nicht? – so lange ich kein Interesse dabei habe.«

»Und wenn sie uns hier in der Stadt angreifen?«

»Sie schienen ja eben noch nicht einmal zu glauben daß sie einem einzelnen Bataillon Stand halten könnten.«

»Ei, der Teufel traue den Schuften, manchmal sind sie zäh und werfen sich mit ihren nackten Leibern ganz tollkühn und einer besseren Sache werth in die Bayonnette, wie bei Tairabu.«

»Sie vertheidigen ihr Vaterland« sagte René ernst – »das ist die beste Sache, die sie vertheidigen können.«

»Meinetwegen« lachte der Franzose, »ich aber habe nun einmal meine ganz besondere Malice auf sie – also adieu, wenn Sie denn durchaus nicht mitwollen und auf Wiedersehn!« und rasch seinen Säbel umschnallend, den er indeß aus der Ecke geholt, und wobei ihm Einer der hier zur Bedienung gehaltenen indianischen Burschen, da er die linke Hand nicht gebrauchen konnte, helfen mußte, verließ er das Haus mit schnellen Schritten sich dem indeß schon voraus marschirten Trupp anzuschließen.


Die Sonne von Tahiti beschien, zum ersten Mal wieder, seit ihre Feudal- und Religionskriege bei Seite geworfen waren, ein wildes und kriegerisches Bild.

Kaum mehr als etwa zwölf englische Meilen von Papetee entfernt, wo die friedlichen leicht gebauten Bambushütten von Mahaena standen, hinter denen sich die gewaltigen Bergesmassen in steilen kurzen Hängen erheben, hatten sich die Bewohner der benachbarten Distrikte, nach dem Angriff auf Tairabu, zu kurzem Kriegsrath gesammelt, und mit zornig blitzenden Augen und geschwungenen Speeren Rache verlangt für das vergossene Blut der Brüder. Ein Schrei der Entrüstung zuckte durch das ganze Land, und was an waffenfähiger Mannschaft in der Nähe war eilte herbei, seinen Arm der Sache des Vaterlandes anzutragen.

Die am meisten fanatisirten Häuptlinge der Eingeborenen hatten sich hier gesammelt, Aonui und Potowai, Taaniri, Kahuahu und selbst Teraitane, und Boten wurden an Paofai, Tati, Utami, Hitoti und Paraita abgeschickt, diese ebenfalls der vaterländischen Sache zuzuwenden. Einzelne von diesen aber, wie Paofai und Hitoti hatten sich direkt geweigert Pomares Sache zu der ihrigen zu machen, während Paraita, Krankheit vorschützend, ebenfalls in Papetee blieb und nur Tati und Utami, der eine sich nach Papara, der andere nach Papeneeo zurückzog, dabei jedenfalls ihren Rücktritt von den französischen Interessen erklärend.

Nicht müßig aber beriethen nur die Häuptlinge in Mahaena, sondern zu gleicher Zeit wurden an dem einen passendsten Hügelhang, auf den Vorschlag und unter der Anleitung mehrer englischer und irischer Matrosen, Befestigungen aufgeworfen, einem etwaigen Angriff auch die Spitze bieten und abwarten zu können, bis die ganze Insel gemeinschaftlich gegen die Unterdrücker aufstehn würde. Ueberhaupt hatten sich eine ganze Zahl Fremder, die sich früher hier nieder gelassen und den Einfluß der Franzosen fürchteten, den Eingeborenen gleich von allem Anfang angeschlossen, von denen sie, wenigstens von den meisten, gar sehr willkommen geheißen wurden. Es war diesen schon gewissermaßen eine Beruhigung Weiße mit sich gegen Weiße zu wissen und in der Führung der Feuerwaffe, die sie hier zum ersten Mal in die Hände bekamen, brauchten sie auch noch Leute die sie mit den Geheimnissen derselben betraut machten. Die meisten dieser Weißen waren früher entlaufene Matrosen von Wallfischfängern, ja hie und da aber auch sogar von den französischen Kriegsschiffen selber, die sich in den steilen unwirthbaren Bergen nicht halten konnten, und jetzt wohl genöthigt wurden die Waffen aufzugreifen, ihre eigene Freiheit zu vertheidigen.

Unter ihnen befand sich Jack sowohl, wie Jim O'Flannagan, dem der Aufenthalt in Papetee nach seinem letzten Zusammentreffen mit dem Lieutenant der Jeanne d'Arc doch zu heiß geworden war, und der doch auch kein Schiff finden konnte die Insel jetzt gerade, was er mit Vergnügen gethan haben würde, zu verlassen. Auch der Neger war dort, eine herkulische Gestalt, der vor einigen Abenden erst einen Zank mit mehren französischen Soldaten bekommen und vier davon so zugerichtet hatte, daß er sich nur durch die Flucht der blutigen Rache der übrigen entzog. Manche Andere waren durch die Franzosen selber zu diesem letzten verzweifelten Schritt getrieben, die unkluger Weise in jedem Engländer oder Amerikaner einen Verräther ihrer Sache sahen und diese auf Schiffe packen wollten, um sie von Tahiti wenigstens zu entfernen, oder auch möglicher Weise unter Aufsicht zu halten, bis der Conflikt erst entschieden und das tahitische Volk selber vollständig unterworfen gewesen wäre.

Mit dieser Beihülfe war Mahaena, oder vielmehr das Fort von Mahaena, wie man die rohe Verschanzung nannte, gar nicht so schlecht befestigt worden. Ein etwa fünf Fuß hoher und ungemein starker Erdwall sollte sie vor allen Dingen gegen die Kugeln der Kriegsschiffe schützen, die man jedenfalls bei einem Angriff der Franzosen erwarten mußte, während sich das Rücktheil der kleinen Veste an den steilen Hügel selber lehnte und die Zerrissenheit der Schluchten nur einen einzelnen, den Eingeborenen allein bekannten Pfad dort hinaufließ, den wenige Mann hätten gegen eine gewaltige Ueberzahl vertheidigen können. Auf dem Wall aber schützte ein starkes Pallisadenwerk, von den starren zackigen Aesten der Guiaven aufgeschichtet, das kleine Fort fast vollständig gegen einen Bayonnetangriff, und Boten waren indeß schon nach allen Richtungen abgesandt, die Krieger der verschiedenen Stämme herbei zu ziehen und hier zu sammeln und dann einen vereinten Angriff auf Papetee zu wagen.

Die Franzosen wollten ihnen aber da keineswegs so lange Zeit gönnen, weil sie schon des bösen Beispiels wegen suchen mußten die Eingeborenen von jedem Fleck wo sie sich befestigen konnten, zu vertreiben, ihnen vor allen Dingen das Vertrauen zu nehmen, daß sie sich überhaupt einem ihrer ernstlichen Angriffe mit Erfolg entgegenstellen könnten. Die Scharte von Tairabu mußte sobald als möglich wieder ausgewetzt werden.

Am frühen Morgen hatten deshalb auch die beiden dorthin beorderten Schiffe, die Uranie wie der Dampfer Phaeton ihre Truppen gelandet, aber noch keinen wirklichen Angriff unternommen, weil man erst die Ankunft der aus der Stadt herbeigezogenen Truppen erwarten wollte, und es war Mittag geworden bis diese eintrafen; dann aber eröffneten beide Kriegsschiffe auch ihr Feuer auf das kleine Fort. Der Schlag gegen die Empörer sollte mit einem Mal geführt und alle die Frevler vernichtet oder zerstreut werden.

Oben im Fort selber herrschte indessen ein reges Leben. Die Frauen und Kinder hatten sich schon bei Ankunft der Schiffe in die Berge geflüchtet, und nur ein Theil derselben, meist lauter junge kräftige Weiber, waren ihren Männern oder Vätern gefolgt, das Pittoreske der Scene dadurch nur noch erhöhend. Ueberall auf dem weiten geräumigen Plateau kauerten sie über den dampfenden Kochgruben, das Mittagsmahl für die Krieger zu bereiten; mit dem schmalen Holzspaten warfen sie die Erde herab und lüfteten die über saftige Ferkel oder Brodfrucht gedeckten Blätter, zu sehn ob sie bräunen und gahr werden wollten, und breiteten dann die glatten Blätter der Banane oder des Tutuibaumes auf ebene Stellen aus, als Tisch dem leckeren Mahle. Indianer und Europäer saßen dabei wild durcheinander gestreut, und wenn irgend Jemand überhaupt bei der Gasterei ausgezeichnet wurde, bei der nur die Häuptlinge für sich einen etwas erhöhten Platz gewählt hatten, so war es der Neger Pompey, dem die Frauen und Mädchen, vielleicht seiner brillant schwarz glänzenden Farbe wegen, die besten Stücke aussuchten und zuerst die Cocosnuß zum Trinken reichten. »Pompey« ließ sich das auch ganz ruhig, und wie ein Mann, der an etwas derartiges gewöhnt ist, gefallen, und that der Mahlzeit alle Ehre an, während er mit den Männern selber lachte und Geschichten erzählte, und der Ausgelassenste von Allen schien. Dann, in einem förmlichen Paroxismus von Fröhlichkeit, warf er sich nicht selten hintenüber, zwei Reihen der glänzendsten Zähne dabei zeigend, und die Eingeborenen schrieen und jubelten um ihn herum.

Ein gar verschiedenes Bild hiervon zeigte eine andere Gruppe, an einem der entferntesten Theile der Verschanzung, denn dort hatte der ehrwürdige Bruder Dennis, jeder Gefahr von Außen her trotzend und recht gut wissend daß die Franzosen einen Angriff beabsichtigten, eine kleine Schaar seiner Gemeinde um sich versammelt, die in den wunderlichsten und oft nicht immer ehrerbietigsten Stellungen der Predigt lauschten. Die meisten saßen allerdings auf Steinen oder ausgebreiteten Matten, jeder seiner eigenen Bequemlichkeit folgend, ruhig und aufmerksam vor ihm, andere hatten sich aber auch, von den Schanzarbeiten ermüdet, der Länge lang ausgestreckt, und lauschten mit halbgeschlossenen Augen der Predigt, mit leiser Stimme die dann und wann gesungenen Hymnen nachbrummend, während noch Andere emsig dabei beschäftigt waren ihr indeß gahr gewordenes Mittagsbrod mit ihren Holzspaten zu Tag zu fördern, das sie dann auch augenblicklich an Ort und Stelle, und zu gleicher Zeit der körperlichen wie geistigen Nahrung hingegeben, verzehrten.

Ueberall aufgestellte Waffen, Musketen mit und ohne Bayonnette, Speere, ja hie und da sogar noch Bogen und Pfeile, Keulen, Wurfspeere, Cavallerie- und Infanteriesäbel, Aexte und Beile, gaben dabei dem ganzen Bilde ein kriegerisches Aussehn, und wild dazwischen herumtanzende Mädchen, sich weder um die Predigt noch die Essenden kümmernd, vollendeten die Scene. Unordentlich durch einander gewürfelt lag und stand Alles, Niemand schien da, der einen Oberbefehl über das Ganze habe, oder irgend einen Einfluß darauf ausüben könne, und ohne Dach und Fach, nur hie und da mit ein paar rasch und unregelmäßig aufgesetzten Pandanus oder Bananenblatt-Dächern, machte auch das ganze Lager weit eher den Eindruck einer wandernden bewaffneten Caravane, die sich hier zur Mittagszeit eine kurze Rast gegönnt und in der nächsten Stunde wieder aufbrechen würde, als einer wirklichen Befestigung, die bestimmt war einem mächtigen Feinde auf längere Zeit Trotz zu bieten und Widerstand zu leisten.

Und diese Waffen – rostige Musketen und hölzerne Speere, Keulen und Beile, die sich dem furchtbaren Geschütz der Feinde entgegenstellen sollten; wie Spott und grimmer Hohn lehnten die dünnen Lanzen an den Erdwällen und kauerten oder standen die halbnackten Männer daneben, ihrem Geschick verfallen wie es schien, wenn die geschlossenen Colonnen der Feinde anrücken und ihre donnernden Geschütze die Todesboten in die kleine Veste schmettern würden. Und hatten sie keine Ahnung der furchtbaren Gefahr die ihnen drohe? – noch war es Zeit, noch konnten sie, durch Guiaven-Dickichte versteckt die sicheren Berge erreichen, wohin ihnen der schwerfälligere Feind nicht zu folgen vermochte. Auch der finstere Priester dort in der Ecke weckte mit donnernder Stimme die Unglücklichen zu Buße und Reue »in der elften Stunde.« Die offene Bibel im linken Arm, die rechte gegen sie ausgestreckt und das bleiche ausdrucksvolle Gesicht zum blauen Himmel flehend, zitternd emporgewandt, stand er da, ein mahnendes Bild dem Sünder, ein Wegweiser zu dem Thron des Höchsten.

Horch – ein leiser Trommelwirbel vom andern Ende des Lagers – die Betenden wandten den Kopf halb danach um – fürchten sie den anrückenden Feind? – Noch einmal, lauter als vorher und ein gellender Jubelruf der den Ton begleitet –

»Horch!« schrie eine jauchzende Mädchenstimme, fortwerfend was sie gerade in Händen hielt und in der Erregung des Augenblicks, von dem Feind bedroht, selbst die Nähe des sonst so gefürchteten Missionairs nicht achtend.

»Horch

Horch wie der Trommel Schlag

Wirbelt der Brandung nach

Horch

Lauert der Feind auch schon,

Herzchen ich komme schon

Horch!«

Es war Maire, trotz dem noch lange nicht wieder gewachsenen Haar die tollste der Schaar, die den Zwang erst einmal abgeschüttelt dem sie unwillkürlich das Knie gebeugt, jetzt fast gar nicht wußte wie sie die versäumte Zeit am raschesten und wildesten wieder nachholen könne.

»Maire! Maire!« riefen einzelne Stimmen warnend, aber die Trommel wirbelte weit verlockender darein und die tolle Dirne war schon lange, von fünf oder sechs andern jetzt gefolgt, zum Nationaltanz angesprungen, dem sie in seinen wildesten Formen und Stellungen folgte.

Aonui, der fromme Häuptling, und Potowai waren aufgesprungen und schauten mit gerunzelten Brauen auf den Unfug, der selbst im Angesicht des frommen Missionairs verübt wurde, und dieser sprach einige ernste drohende Worte zu den Männern. Aber die Männer waren nicht allein Christen, sie waren auch Häuptlinge, und fühlten recht gut wie sie jetzt gerade, im Begriff einen gefährlichen Kampf zu bestehen, dem jungen Volk nicht den tollen Muth wehren durften, der wohl die Grenzen der Schicklichkeit übertritt, dann aber auch wieder im ernsten Kampf, dem stärkern Feind gegenüber, ihm die starre und kecke Todesverachtung gab, in dem aufgeregten fröhlichen Blut.

»Maire! Maire!« rief Aonui endlich, aber mehr ermahnend als strafend von seinem erhöhten Platze nieder, »wahre Dich Mädchen und denke an Deinen Gott – wer weiß ob Du nicht in der nächsten Stunde schon vor seinem Richterstuhl stehst –«

»Ich?« schrie das tolle Mädchen in jubelnder Lust zurück, während sie das Oberkleid von den Schultern riß und von sich schleuderte »ich? –

Bah!

Heut ist ein Jubeltag

Hörst Du der Trommel Schlag?

Da!

Hei, wie der Wirbel rollt

Betet so viel Ihr wollt.

Da!«

Und jubelnd und jauchzend fiel der Chor ein, Männer und Frauen, denn viele von diesen freute es, daß sich dem sonst so gefürchteten Missionair eines der Mädchen keck entgegengestellt hatte, und die einzelne Trommel, ein altes englisches Instrument, und in früherer Zeit einmal von irgend einem Kriegsschiff gegen wer weiß was für werthvolle Sachen eingetauscht, schlug rasselnd ein in den tobenden Chor, den das zürnende Gebet des Missionairs nicht übertäuben konnte.

Der fromme Aonui kam aber auf einen anderen Ausweg, und mit den um ihn geschaarten Seinen, denen er rasch ein Zeichen gegeben, begann er jetzt ohne Weiteres eines ihrer gewöhnlichen und von allen gekannten Kirchenlieder, das sie im Chor so gern sangen und dem sich auch augenblicklich die Nächsten anschlossen. Weiter und weiter drängte die fromme Melodie hinein in die Masse, den Tanz und Sang der Einzelnen schon halb übertönend, mehr und mehr schwollen die Töne im vollen rauschenden Chor, ein Preis dem Herrn in der Höhe und ein Gebet um seinen Schutz, seine Hülfe in Drangsal und Noth.

Die Tänzer standen still und horchten den Tönen – selbst der Trommler, der im Anfang wie in Schadenfreude nur ärger auf das gespannte Fell losgeschlagen, schwieg mit dem wilden Tanz und folgte leise dem Takte der Hymne mit den Schlägeln – wunderliche Begleitung dem frommen Lied:

Dein sei Lob, Ehre, Preis und Ruhm

Der Liebe höchstes Eigenthum –

Erbarm Dich uns'rer Sünden

Und laß uns, oh Herr Zebaoth

In Leid und Graus in Noth und Tod

Vor Dir Herr, Gnade finden.

Und wenn das letzte Strafgericht

Im Sturm der Erde Vesten bricht

Mit Deinen starken Armen,

»Der Feind – der Feind!« dröhnte da plötzlich ein gellender Schrei selbst über das jetzt zum vollen Chor angewachsene Lied hinaus, das die Landbrise weit weit hin über das Wasser trug, aber die Sänger störte es nicht. Einzelne flüsterten das Schreckenswort nach, »der Feind – der Feind!« und zwei oder drei sprangen auf die Brüstungen nach den erwarteten Colonnen auszuschauen, aber Aonui mit voller kräftiger Stimme, die Arme, wie Hülfe suchend zum Himmel aufgestreckt, erhob seine Stimme nun um so lauter, und donnernd überschallte den Ruf der Schluß des Verses:

»Dann führe uns durch Nacht und Graus

Zu Dir hinein, in's Vaterhaus –

Erbarmen Herr – Erbarmen!«

»Der Feind! der Feind!« schallte es jetzt aber dringender, gellender als vorher – von unten herauf tönten die scharfen schmetternden Töne der Trompeten, und dumpfer Trommelschlag wirbelte d'rein, während die ausgesandten Laufer und Wächter athemlos aus dem, die Umschanzungen begränzenden Holz brachen und die Nachricht brachten, daß der Feind in zwei starken Colonnen anrücke, und sich, wie es schien, zum Sturm rüste auf das Fort.

Oben wirbelte aber auch schon die Trommel den Schlachtenruf, während die Männer nach ihren Waffen sprangen, und noch drängte und trieb Alles durcheinander, in ungeordneten Haufen dem allerdings schon früher durch Teraitane für jeden bestimmten Platze zuzueilen, als der erste Gruß von den Schiffen herüber schmetterte, und die Uranie wie der Dampfer in voller Flankensalve ihre Kugeln theils in dem Wall begruben, theils vor oder hinter ihnen die Guiavenstämme krachend zusammenschlugen.

Einen Augenblick stand die Schaar wie erschreckt; es war bei fast allen das erste Mal, daß sie die furchtbare Wirkung einer solchen Kugel beobachten konnten; Jim O'Flannagan aber, der seine Zeit bis dahin benutzt und während die andern getanzt oder gesungen, auf eine Matte ausgestreckt ein ganz tüchtiges Mittagsschläfchen gehalten hatte, sprang bei dem, ihm gut genug bekannten Lauten empor, und den Hut um den Kopf schwingend, rief er ein donnerndes dröhnendes Hurrah den feindlichen Kugeln keck und furchtlos entgegen.

Die Salve aber, die vollkommen erfolglos gewesen, wie der herausfordernde Ton des Iren, dem sich Pompey jetzt zugesellte und sein zweites Hip hip hip hurra ertönen ließ, fand Anklang in den kecken und muthigen Herzen der Krieger, und der tahitische Schlachtenschrei, der das Echo in diesen Thälern seit langen Jahren nicht geweckt hatte, brach in wilder jubelnder Lust von ihren Lippen.

Es war ein stilles, friedliches Volk, das den Krieg fast ängstlich so lange vermieden hatte, wie es nur irgend eine Aussicht auf gütliche Beilegung seiner Zwistigkeiten sah, das aber jetzt auch, da es die Fremden zu arg getrieben, rücksichtslos auf irgend eine größere Macht die noch vielleicht an ihre Küste geworfen werden könnte, die Waffen aufgriff, und nun mit eben dem kecken, vielleicht unbewußten Muth der Gefahr entgegenging, wie es früher in seine Kirche oder zu seinem Tanz gegangen war.

Nur dieser erste Augenblick der Erwartung war peinlich – die Ungewißheit von welcher Seite der Angriff zuerst geschehen würde, und ob sie es überhaupt wagen würden die Eingebornen in ihrer festen Stellung anzugreifen. Von diesen, mit vielleicht zwanzig oder dreißig Europäern und vierzig oder fünfzig Frauen, waren etwa 1000 Krieger dort versammelt; die Hälfte aber kaum mit ordentlichem Feuergewehr bewaffnet, führten die Anderen noch ihre alten hölzernen Speere von Oros Zeit, und Viele Schleudern und Wurfspeere. Hier aber zeigte sich jetzt ein gewaltiger Nachtheil gegen frühere Zeit, wo eben diese unscheinbaren Waffen selbst in den Händen der nackten Wilden zu furchtbarer Wehr durch die Geschicklichkeit geworden waren, mit der sie sich derselben zu bedienen wußten. Die Zeit war vorbei, denn die Missionaire hatten ihnen ernstlich jede Art solcher »heidnischer« Waffenspiele untersagt gehabt, weil diese ihre Gedanken nur wieder zu dem alten viel zu sehr geliebten Kriegsgott Oro zurückführen mußte, und sie Alles zu vermeiden suchten, was die Erinnerung an jene Zeit ihrem Gedächtniß erhalten konnte. Die wenigen Eingeborenen, die sich noch im Gebrauch der Schleuder – früher eine ihrer gefährlichsten Waffen – tüchtig geübt gehalten, hatten sich nie dem Einfluß der Missionaire unterworfen gehabt, oder es heimlich gethan, und Wurfspeer sowohl, wie Bogen und Pfeil die Hälfte ihrer Gefahr für die Angreifer verloren. Nichtsdestoweniger gab ihnen ihre feste Stellung dafür wieder andere Vortheile, und mit trotzigem, jetzt fast ungeduldigem Muth erwarteten sie den immer noch hinausgezögerten Angriff.

Eine Gefahr existirt nur so lange sie droht, und hat gewöhnlich all ihre Furchtbarkeit verloren, so bald sie erst wirklich einmal in's Leben tritt; das Leben kämpft dann dagegen an, und in dem Ringen gerade liegt die Vergessenheit derselben.

Schmetternder Trompetenschall tönte herauf; von den Schiffen drüben blitzte es wieder in langer zuckender Reihe, und prasselnd hagelte auf's Neue ein eiserner Kugelgruß von da herüber gegen die kleine Veste, von wo sie mit trotzigem Jubelruf begrüßt und beantwortet wurde.

»Dort kommen sie, meine Burschen!« schrie da Pompey, der an der einen Flanke, seiner riesigen Kräfte und vielleicht auch seiner schwarzen Farbe wegen, mit einem Anführerposten betraut war – »da kommen sie, nun hurrah und wahrt Euer Feuer, bis sie aus den Büschen heraustreten und vollkommen draußen im Freien sind – keinen Schuß eher, und keinen Speerwurf, wenn Ihr nicht den Mann schon fast mit der Spitze erreichen könnt – verdamme die hölzernen Dinger« murmelte er dann leise vor sich hin – »s'ist doch nur so, als wenn man sich nach Tisch mit Zahnstochern wirft.«

»Für die Bibel! für die Bibel!« schrie Aonui auf der anderen Seite, wirklich seine Bibel im linken Arm, die er fest an die Brust gedrückt hielt, indeß er mit der rechten Hand seine Muskete schwenkte – »für die Bibel Ihr Streiter Gottes, der Herr ist mit uns und wird die Feinde zerstreuen, wie Spreu vor dem Winde!«

Jim, der nicht weit von ihm stand, brummte etwas in den Bart und sah nach seiner Muskete, während der ehrwürdige Mr. Dennis die meisten der Frauen um sich gesammelt hatte und mit ihnen im brünstigen Gebet auf den Knieen lag, vom Herrn der Heerscharen die Abwendung so schweren Leides zu erflehen, »wenn das noch eben irgend möglich sei, und mit seinen himmlischen Rathschlüssen übereinstimme.«

Näher und näher wirbelten die Trommeln, schmetterten die Hörner der Stürmenden; auf einer kleinen Anhöhe, nicht sehr weit von dem Fort, aber etwas tiefer als dieses liegend, waren mehre Feldstücke aufgepflanzt, die von jetzt ein lebhaftes Feuer auf den Wall begannen, ohne jedoch irgend einen Schaden anzurichten, als hie und da ein paar der aufgeschichteten Guiaven-Pallisaden einzureißen und einige leichte Verwundungen der nächst dabei Stehenden zu verursachen, die aber kaum beachtet und mit nur herausfordernderem Geschrei beantwortet wurden.

Jetzt aber rückten auch in geschlossenen Colonnen die Verstärkungen von Papetee, eine Compagnie Marine-Infanterie mit den Soldaten des Phaeton und der Uranie und den dazu gegebenen Seeleuten, in geschlossenen Colonnen gegen die Verschanzung an, und wo sich ein Kopf irgendwo darüber blicken ließ, wurden gerathewohl Schüsse hinübergefeuert, die Eingeborenen zu schrecken und zurückzuhalten, daß die Stürmenden den Wall erst einmal erreichen und ersteigen konnten. Aber weit furchtbarerer Widerstand erwartete sie hier als sie je vermuthet hatten.

Pompey, der sein dunkles Gesicht einem dichten darübergehaltenen Guiavenbusch anvertraut hatte, unbelästigt die Stürmenden vor allen Dingen beobachten zu können, gab zuerst das Zeichen. Er hatte etwa fünfzig mit Musketen bewaffnete Männer unter seinem Befehl, denen er schon den ganzen Morgen mit größtem Eifer und vielem Erfolg das rasche Laden beigebracht und sie den Werth bequemer Patrontaschen gelehrt hatte, und kaum zeigte sich die erste Colonne im Sturmschritt den steilen Hügel erklimmend, in dem Bereich ihrer Kugeln, als er mit gellendem Schrei seinen Arm, das verabredete Zeichen, emporwarf, seine Büchse aufgriff, und von seinen Leuten redlich dabei unterstützt, eine wirkungsvolle Salve in die anstürmenden Feinde gab, die vor solch unerwartetem Gruß allerdings einen Augenblick stutzten und zurückprallten. Aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn mit einem wilden, zornigen Hurrah, nicht allein jetzt den Feind zu besiegen, sondern auch die gefallenen Kameraden zu rächen, warfen sich die Soldaten, rasch ihre Gewehre abfeuernd, und ohne sich selbst Zeit zu nehmen wieder zu laden, auf die Schanzen, den Wall mit Sturm zu nehmen und den dahinter versteckten Gegner zu vertreiben.

Gleichen Anprall hatte Aonui abzuhalten, der aber den größten Theil der Europäer in seiner Schaar zählte und die Feinde ebenfalls mit wohlgezielten Schüssen empfing. Aber auch hier, nach kaum einmal gewechselter Salve, flogen die Franzosen zum Bayonnetangriff und nachdrängend in keckem Muth, warfen sie sich tollkühn gegen die Schanzen an.

Hier aber zeigte sich der Vortheil des zu Pallisaden benutzten Guiavenholzes, das starr und elastisch, die rauhen knorrigen und doch schwachen Aeste überall hinausstreckte, keinen Halt dem bietend, der sich daran fest klammern wollte, und doch auch wieder dem Druck nachgebend statt zu zerbrechen. Wie in einer Falle gehalten staken die ersten der Stürmer zwischen dem zähen überall auszweigenden Holz und die Speere der dahinter stehenden Wilden suchten und fanden mit leichter Mühe förmlich vertheidigungslose Opfer.

Einzelnes Musketenfeuer prasselte dazwischen – hie und da hatte ein Trupp tollkühner Franzosen in die Lanzen und Bayonnette der Feinde hinein sich seine Bahn erzwungen, und Posto gefaßt auf dem Erddamm, von dem sie vergebens jetzt niederzupressen suchten, die Einzelnen, in die Schaar der Feinde, einem gewissen Heldentod entgegen. Dazu suchten die weiter unten aufgestellten Feldstücke alle die Plätze zu bestreichen, wo kein französisches Militair im Angriff war, die Feinde an dieser Stelle wenigstens von dem Damm zu halten; aber tiefer stehend als das Fort selber, waren sie nicht im Stande irgend einen wesentlichen Schaden zu thun, und die Eingeborenen achteten die Kugeln gar nicht, die draußen harmlos in die Erdwälle oder in den Hügel selber einschlugen.

Wilder und tödtlicher wurde das Handgemenge, besonders da, wo Aonui an Jim O'Flannagans Seite mit wahrem Heldenmuthe focht. Der alte Mann hatte aber doch die Bibel, die er bis dahin unverdrossen im Arm getragen, in der Hitze des Gefechts fallen lassen, ohne es in der That gewahr zu werden, zweimal schon sein Gewehr mit Erfolg auf den Feind abgefeuert, und eben wieder zum dritten Mal geladen. Jim O'Flannagan, der Ire kämpfte neben ihm, und wenn auch nicht mit so kecker Todesverachtung wie der Indianer, vielleicht mit dafür desto günstigerem Erfolg, denn keineswegs gesonnen sein Leben irgend einer unnöthigen Gefahr auszusetzen, hielt er sich immer etwas mehr im Rückhalt, jeden Platz aber dann um so gewandter und auch entschlossener vertheidigend, wo die Franzosen irgend festen Fuß zu fassen drohten. Er wußte genau für was er kämpfe, und hatte überhaupt keine Idee gehabt, daß die »Fremden« einen solchen ernsten Angriff auf das kleine Fort beabsichtigen könnten. Jetzt aber durfte er den Platz nicht gut mehr verlassen, ohne bei den Eingeborenen als feige verschrieen zu werden und die einzige Vorsicht die er nun brauchte, war sein Gesicht so wenig als möglich auf dem Wall zu zeigen, während er doch selber dann und wann einmal einen Blick nach unten zu gewinnen suchte, ob er nicht seinen gefährlichsten Feind und Gegner unter den Stürmenden entdecken und vielleicht unschädlich machen könne.

Die Matrosen der Jeanne d'Arc waren allerdings bei dem Sturm betheiligt, denn Einer von ihnen, der sich zu keck den Uebrigen vorausgewagt, lag von Jims Kugel getroffen todt in dem inneren Wall, der Strohhut war ihm vom Kopf gefallen und das breite schwarze Band darum trug den vollen Namen des Schiffes. Vergebens suchte er aber nach jenem Officier, die Leute der Jeanne d'Arc schienen von Fremden, ihm wenigstens Unbekannten angeführt zu werden, und zwei von diesen hatte er schon, immer nur sein Augenmerk auf die eine Schaar gerichtet, den einen gleich auf dem Fleck erschossen, den andern tödtlich verwundet, daß er fortgetragen werden mußte.

Pompey auf seiner Seite hatte ebenfalls mit den ihm beigegebenen Leuten, Wunder der Tapferkeit gethan, und die nackten Burschen warfen sich mit kaltblütiger Todesverachtung immer auf's Neue dem scharfen Stahl der Bayonnette entgegen, hier mit Schleuder und Wurfspeer, auf die kürzeste Entfernung oft in einem förmlichen Kugelregen ihr Opfer suchend und findend, und dort, unter den drohenden Waffen der Feinde gefallene oder verwundete Kameraden herausholend, als ob sie sicher im Schatten ihrer Palmen lägen.

Teraitane hatte den Oberbefehl des Ganzen, aber weder sein Befehl noch seine Stimme wurde in dem Gewirr von Tönen, dem Schießen und Schreien, Trompeten und Trommeln gehört, während bald darauf, indeß der Wind sich nach dem Zenith der Sonne wieder legte, der Pulverdampf wie ein dichter Schleier auf dem Hügel lag, und ein Feuern von den Schiffen aus ganz unmöglich machte, indem sie von dort nicht mehr Freund und Feind unterscheiden konnten. Und selbst im Einzelkampf war dieser Pulverqualm den Eingeborenen günstig, denn die Franzosen konnten von ihrer Schießwaffe erst in einer Entfernung Gebrauch machen, wo selbst die leichten Wurfspeere tödtlich wirkten und die sicher geschleuderten Steine manches Opfer trafen und zu Boden warfen. Aber auch erbittert durch den unverhofften Widerstand warfen sich die Matrosen besonders, immer auf's Neue gegen den Wall, von ihren Officieren unerschrocken angeführt, einen Eingang zu erzwingen und den Feind in seine Berge zu treiben.

Bertrand führte übrigens wirklich die Seeleute vom Bord der Jeanne d'Arc, wenn ihn Jim O'Flannagan auch noch nicht gesehn, und Adolphe focht mit einer kleinen und schon tüchtig zusammengeschmolzenen Schaar der Marine-Infanterie an seiner Seite, selber aus mehren Wunden blutend, aber unbekümmert darum die Seinen immer zu neuen Anstrengungen treibend.

Die Trompeten und Trommeln waren ihnen dabei mehr zum Schaden als Nutzen gewesen, denn während sie die Leute, die dessen kaum noch bedurften, mehr anfeuern sollten, verriethen sie den Belagerten immer schon im Voraus die genaue Stelle wo der nächste Angriff geschehen sollte, und zogen sie dorthin, den Stürmenden ihre ganze Macht entgegenzuwerfen. Bertrand sandte deshalb jetzt auf Adolphes Rath seine Trommler sowohl wie Trompeter, durch die Guiaven und den Nebel gedeckt, am Hang hinunter, von dort aus, wenn sie das Fort eine kurze Strecke umgangen hatten, einen Scheinangriff zu blasen, während sie dann zu gleicher Zeit auf anderer Stelle das Fort suchen wollten zu forciren. Glücklich und unbemerkt hatten diese auch, von einem jungen Seecadetten geführt, die eben bezeichnete Stelle erreicht, und wie sie dort zum Angriff bliesen und den, von den Eingeborenen jetzt nur zu gut gekannten Sturmmarsch wirbelten, flogen die meisten der Vertheidiger dort hin, dem erwarteten Angriff zu begegnen.

Teraitanes scharfes Ohr hatte aber gleich vom ersten Augenblick mistrauisch den etwas zu ungewöhnlich lauten und herausfordernden Tönen gelauscht, und rasch die Blöße entdeckend, die auf der einen Seite der Verschanzung gegeben wurde, während auf der anderen noch immer kein Schuß fiel, sprang er vor und rief Aonui mit seinen Leuten von dort ab, auf ihrem Posten zu bleiben und ihre Seite des Walles zu vertheidigen. Er brauchte ihnen aber seine Gründe nicht auseinanderzusetzen, denn in demselben Augenblick fast hörten sie den raschen regelmäßigen Schritt einer stürmenden Schaar, die lautlos und drohend heranrückte.

»Wehrt Euch!« rief Teraitane »und Feuer! sobald Ihr sie sehen könnt!« und unter dem Knall der Musketen warfen sich die von Bertrand und Adolphe geführten Seeleute dem kleinen schwachen Corps, das diese Stelle noch besetzt hielt, entgegen, erzwangen den Damm und warfen die Guiavenbüsche, während ein Theil der Truppe die Eingeborenen mit dem gefällten Bayonnette zurückhielt, hinter sich hinab, freie Bahn zu bekommen für sich und die Nachfolger, und drangen dann, während die hinten Stehenden so rasch als möglich nachpreßten, gerad' hinein in die ihnen entgegenstarrenden Speere und Bayonnette.

Die Pistolen der Matrosen thaten hier schlimme Wirkung, und trotz dem daß sich Aonui mit den Seinen in voller Todesverachtung den feindlichen Kugeln aussetzten, und ihnen jeden Zollbreit Raumes mit scharfer Waffe streitig machten, faßten die Franzosen schon mehr und mehr festen Fuß, selbst bis in die Verschanzung selber hinein, wo sie sich auch vielleicht, waren sie in diesem Augenblick von Außen gehörig unterstützt, behauptet hätten. Der Nebel, der ihr Eindringen aber begünstigte, verhinderte auch die Freunde, die errungenen Vortheile zu sehn, während der gellende Schlachtenschrei Teraitanes die Seinen zu sich rief, die jetzt in mehren Trupps, dort Gefahr wissend, herbeistürmten.

Auch Pompey, der sich mit durch den falschen Alarm der Trompeten und Trommeln hatte täuschen lassen und nach dort zu vergebens einen Augenblick hinausgehorcht, den anrückenden Feind in dem Nebel erscheinen zu sehn, hörte jetzt den Schlachtenlärm zu seiner Rechten, und die ihm nächsten Indianer rasch an sich rufend, sprang er mit ihnen der bedrohten Stelle zu.

Bertrand kämpfte hier in den vordersten Reihen, mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit die nach ihm gerichteten Stöße parirend und mit scharfer Klinge sich mehr und mehr Bahn hauend in den Menschenknäul; da fiel sein Blick plötzlich auf eine bekannte Gestalt – er sah die Mündung eines Gewehrs, fast dicht vor sich, auf seinen Kopf gerichtet und behielt eben noch Zeit mit dem Säbel unter das auf ihn zeigende und gerad' erreichbare Bayonnett zu schlagen, als auch die Kugel so dicht über seinem Kopf hinpfiff, daß sie ihm einen Theil der Haut mitnahm!

»Hund!« schrie er in demselben Augenblick und warf sich auf den erkannten Verbrecher, und während er die nach ihm gestoßene Waffe noch einmal parirte, führte er mit dem Säbel einen so gut gemeinten Hieb nach der Stirn des Iren, daß nur eine rasche Wendung von dessen Kopf dem Streich das tödtliche nahm, während die scharfe Waffe an der Seite seines Schädels nieder fuhr, den oberen Theil des linken Ohres mit nahm und auf dem Schlüsselbein abprallte. Zu gleicher Zeit sprang Bertrand zu und den Iren mit der Linken fassend, wollte er ihn eben zurück und nach seinen Leuten zu reißen, als Pompey mit der Verstärkung auf dem Kampfplatz erschien und mit solcher Wucht gegen den Franzosen anprallte, daß dieser seinen Gefangenen loslassen mußte und alle seine Stärke und Gewandtheit gebrauchte, sich gegen den neuen riesigen Feind zu vertheidigen.

Die Soldaten und Matrosen fanden sich aber in diesem Momente auch so von allen Seiten bedrängt, daß an ein Vordringen weiter gar nicht mehr gedacht werden konnte, ja Bertrand fast sogar der Rückzug abgeschnitten wäre, hätte sich nicht Adolphe mit seinen regulären Truppen, die eigene Gefahr misachtend, hineingeworfen, ihn heraushauen zu helfen, während von der andern Seite der erste Lieutenant der Jeanne d'Arc ebenfalls mit einem kleinen Trupp Matrosen einen Scheinangriff machte, die Aufmerksamkeit der Belagerten von dort in etwas abzulenken und den Kameraden Luft zu gönnen.

»Hierher meine Jungen«, rief dieser seinen Leuten zu, »hinein mit Euch, und treibt mir die rothen Schufte da einmal zu Paaren,« und über einen niedergeschossenen Guiavenstamm springend wollte er eben über einen kleinen freien Raum der innern Schanze laufen, von seinen Leuten gefolgt den Kameraden Hülfe zu bringen, als eine pulverrauchgeschwärzte Gestalt auf ihn zusprang die er in dem von Blut entstellten Zügen kaum wieder erkannte, und mit heiserer Stimme ihn anschrie:

»Hallo mein Herzchen, bist Du hierhergekommen uns einmal zu besuchen« und der Bursche richtete dabei, auf kaum zwei Schritt Entfernung ein weitmündiges Sattelpistol auf den Officier –

»Schurke!« schrie dieser, seinen entsprungenen Matrosen in ihm erkennend – »Du meldest Dich gerade zur rechten Zeit,« und zum Hiebe ausholend wollte er auf ihn einspringen, als Jack, der ruhig seine Zeit erwartet hatte, ihm das Pistol so nahe vor den Augen abfeuerte, daß der Pulverblitz seine Augenwimper versengte und die Rehposten mit denen es geladen war den Unglücklichen mit zerschmettertem Hirn zu Boden warf.

»Vergeltung – Rache!« jubelte der Matrose und stieß einen gellenden Freudenschrei aus, der von der anderen Seite des Forts beantwortet wurde, und von dort her stürmte neue Hülfe. Die Seeleute aber, die sich nicht weiter unterstützt sahen und dem neuen Anprall nicht hätten die Stirne bieten können, faßten ihren erschossenen Officier auf, und zogen sich damit, durch vorgehaltene Bayonnette ihren Rückzug deckend, wieder die Schanze hinauf und jetzt, den Hörnern folgend die von allen Seiten den wirklichen Rückzug bliesen, in die Guiaven hinein, dem schon wieder eröffneten Feuer nicht länger und nutzlos ausgesetzt zu sein.

Es wäre unmöglich den Jubel zu beschreiben, der bei dem Rückzug, ja der Flucht der Feinde, in der kleinen so tapfer vertheidigten Veste ausbrach. Im ersten Augenblick konnten sie ihren Sieg noch nicht gleich übersehen, denn der Nebel lag zu dicht auf der ganzen Kuppe, als aber jetzt ein Windstoß von der See herüber die duftigen Schleier faßte und auseinander riß, sie rechts und links in die steilen Schluchten hineinzudrängen, und der Feind, von dem wilden Anprall der Eingeborenen zurückgeworfen, nirgend mehr zu sehen war, ja seine Todten und Verwundeten sogar hatte zurücklassen müssen, da tönte ein gellender, trotziger Jubelschrei aus den Kehlen der Sieger, und der eigenen Wunden nicht achtend sprangen und rannten sie, ihre Speere und Waffen schwingend wild und toll umher.

Während ein Theil aber wieder, rasch um den Missionair gesammelt, zu einer Dankeshymne die Stimme erhob, dem Herrn der Heerschaaren, der seine Hand über ihnen gehalten in der schweren Stunde, flogen die Mädchen und jungen Leute wieder zum kecken ausgelassenen Tanz. Maire vor Allen, auf den blutgetränkten Boden des einen Walles springend, auf dem der Kampf am hartnäckigsten gewesen und wo selbst die Guiavenbüsche von den Stürmenden wie Belagerten zur Seite gerissen waren, freien Spielraum für ihre Waffen zu haben und Auge in Auge den Gegner zu treffen und zu bekämpfen, war die tollste; dort stand und sprang jetzt das halbnackte, bildschöne wilde Mädchen mit blitzenden funkelnden Augen in den wildesten unanständigen Gebärden ihres Tanzes nach den Schiffen hinüber spottend und drohend –

»Kommt!« sang oder schrie sie vielmehr dabei, denn die Adern ihrer Schläfe waren zum Zerspringen angespannt,

Kommt Ihr Feranis her –

Habt Ihr den Muth nicht mehr?

Kommt –

Hei wie Ihr laufen könnt

Hei wie Ihr –

Ein wilder, gar nicht dieser Erde angehörender Schrei endete das kecke Lied, und die Arme emporwerfend, während von einer benachbarten, kaum zugänglichen Felskuppe der Donner der Geschütze ganz in der Nähe herüberschmetterte und die überraschten Eingeborenen erschreckt aufschauen machte nach dem neuen Gegner – flog der von einer Kartätsche zerrissene Körper der jungen Tänzerin – ein furchtbarer Anblick – über den inneren Wall herunter in die Verschanzung.

Einzelne Kugeln schlugen noch außerdem hie und da ein, und zum ersten Mal erkannten die Belagerten jetzt daß die Feinde, während des Nebels jedenfalls, eine bessere und höher gelegene Position für ihre Geschütze eingenommen hatten, und wenn sie auch sich nicht denken konnten wie die Feranis den fast unzugänglichen schmalen Pfad dort hinauf allein gefunden haben konnten, ließ sich doch die Thatsache selber, die ihnen Kugel nach Kugel herüber sandte, nicht verleugnen.

Die Franzosen hatten aber auch in der That den Platz durch Verrath genommen, und zwar von einem »Capitain Henry«, wie behauptet wird dem Sohn eines englischen Missionairs, selber geführt, der dem französischen Commandant zuerst den Angriff auf jenen so vortrefflich befestigten Punkt ganz abgerathen und jetzt, als der Angriff zurückgeschlagen worden, den Sieg dadurch auf Seite der Franzosen zu lenken suchte, daß er ihnen den Pfad zeigte, ihre Geschütze günstiger placiren und damit zum Theil die innere Verschanzung der Eingeborenen beherrschen zu können. Durch den Nebel begünstigt, als abgeschickte Boten den wahrscheinlichen Ausgang des Kampfes gemeldet, wurden die Geschütze an Ort und Stelle hinaufgeschleppt und die erste Ahnung welche die Eingeborenen von der gefährlichen Nähe bekommen, war eben die, von dort herübergefeuerte erste Salve.

»Damn it!« schrie Pompey, als er einen mehr zornigen als überraschten Blick dort hinüber geworfen – »wir stürmen das Nest da oben, und werfen ihnen nachher ihre Kugeln auf die Schiffe zurück! wer geht mit?«

Ein wildes jubelndes Geschrei antwortete ihm, und die trotzigen halbnackten Gestalten griffen ihre Waffen fester und machten sich schon bereit, nur eben der ersten Andeutung folgend, ihre Leiber todesmuthig der Gefahr entgegenzuwerfen. Teraitane aber, der das Terrain dort besser kannte und die Unmöglichkeit einsah, von hier oben die fast steile Wand zu den Kanonen hinaufzulaufen, während sie noch dazu von der Artillerie vertheidigt werden konnte, wollte seine Einwilligung nicht geben und hielt, einen neuen Sturm auf das Fort jetzt, unter dem Schutz jener Kanonen mit Recht erwartend, die Seinen zurück.

Auf diesen sollten sie auch gar nicht so lange zu warten haben; der erste Lieutenant der Uranie, der den Oberbefehl über die Stürmenden führte, konnte von einer kleinen Anhöhe aus den neuen und vortheilhaften Stand ihrer Geschütze erkennen, und die Hörner riefen seine Leute, die Ueberraschung des ersten Augenblicks zu benutzen, schnell wieder zum erneuten Angriff des Forts herbei.

Hier aber fanden sie trotzdem noch immer den alten, hartnäckigen Widerstand, und eine halbe Stunde mochte der erbitterte Kampf, Fuß an Fuß von beiden Seiten gedauert haben, wobei den Eingeborenen die höher stehenden Kanonen der Feinde allerdings wesentlichen Schaden thaten, als Pompey endlich, nach kurzem Kriegsrath mit Teraitane und Aonui einen Rückzug in die Berge beschloß, theils von einer anderen Bergspitze aus die dort stationirte Artillerie im Rücken zu fassen, theils die Franzosen zu verlocken ihnen in das Dickicht nachzufolgen, und sie dann, von den Guiaven geschützt zu umzingeln und abzuschneiden, während ihnen die eignen Kanonen im Dickicht keinen Beistand mehr leisten konnten.

Teraitane war nicht ganz damit einverstanden, denn er fürchtete, daß sich die Franzosen vielleicht in dem Fort fest setzen möchten, wo sie dann gezwungen gewesen wären den Platz, den sie jetzt behaupteten, wieder zu erstürmen, Aonui und die Uebrigen aber, die den Versuch wenigstens gemacht haben wollten die gegen sie spielenden Kanonen wegzunehmen oder zu verjagen, überstimmten den Führer, und die Frauen voranschickend, die einen Moment freier Zeit benutzten über den offenen Platz zu fliehen, folgten die Krieger jetzt in kleinen einzelnen Trupps aus dem Fort hinaus bergan, die Verschanzung für den Augenblick den Feinden vollkommen überlassend.

Unten von den Schiffen aus, und während die Soldaten mit Jubelruf von dem verlassenen Fort Besitz ergriffen, sahen sie aber kaum die hellgekleideten Gestalten hinter den Verschanzungen sichtbar werden, als sie, wo das nur irgend anging, ihre Kugeln darauf richteten, und die Eingeborenen fanden sich plötzlich in einem eisernen Regen, der rechts und links Verderben brachte. Furchtbar war die Wirkung der schweren Kugeln in dem dichten Oberholz der Mapes und Wibäume und einzelne Cocospalmen splitterten im Stamme von einander, und warfen die gewaltige schwere Krone rasselnd in die Tiefe, ihre gewichtigen Früchte auf die Flüchtigen niederhagelnd.

Aber die Franzosen dachten gar nicht daran dem Feind zu folgen, denn ihre Reihen waren selber furchtbar gelichtet, und nur rasch ihre Todten zusammentragend und mit etwas Sand und Erde leicht überwerfend, griffen sie die Verwundeten auf und zogen sich mit ihnen, völlig damit zufrieden den Feind, wie sie glaubten, aus der Schanze geworfen zu haben, rasch zurück auf die Schiffe.

Die Artillerie schlug indessen allerdings den tollkühnen Angriff der Eingeborenen auf ihre, fast uneinnehmbare Stellung zurück, hatte aber ebenfalls, da sie das Fort geräumt sah, keine weitere Veranlassung dort oben zu bleiben und folgte, auf dem Rückzug noch von einzelnen Trupps der durch den Wald zerstreuten Insulaner arg belästigt, der übrigen Mannschaft nach den Schiffen. Die Verwundeten wurden meist Alle auf die Fregatte gebracht, und wenige Stunden später lichteten die beiden Kriegsschiffe, noch auf Alles unverdrossen feuernd was sich am Ufer nur einigermaßen verdächtig zeigte, die Anker und segelten nach Papetee zurück.

Capitel 2.
Alte Abrechnungen.

Noch an demselben Abend liefen die Schiffe, die günstige Seebrise benutzend, wieder in den Hafen ein, wohin sie aber, wenn auch als Sieger zurückgekehrt, keine freudige Nachricht brachten. Der unerwartet kräftige Widerstand den sie gefunden, die Tapferkeit der Eingeborenen, die noch dazu weit besser bewaffnet waren als man vermuthen konnte, der Verlust vieler braver Soldaten und selbst von vier Officieren, warf einen düsteren Schatten über den Siegesmarsch, mit dem die Truppen an der Landung aufmarschirten, und konnte wahrlich nicht durch den langen Trauerzug der Verwundeten, denen man an Land bessere Pflege zu gewähren hoffte, gemildert werden.

Selbst die kleine Stadt, von der man nicht einmal aller Eingebornen sicher war, schien gefährdet, und ausgesandte Spione meldeten auch allerdings, daß sich kleine Trupps bewaffneter Insulaner ganz in der Nähe zeigten und recognoscirten; vielleicht gar mit der Absicht einen Ueberfall zu wagen und die dort aufgespeicherten Vorräthe der Feinde wegzunehmen, wie auch den Feind aus diesem wichtigsten Anhaltepunkt – dem besten Hafen der ganzen Inseln zu verjagen und die Flagge der Pomaren, deren Bedeutung sie erst jetzt ordentlich anfingen einzusehn, wieder an ihrer alten Stelle aufzupflanzen.

René hatte noch an demselben Abend Adolphe aufgesucht, den Verlauf des Tages zu erfahren; er selber war ebenfalls jetzt auf Papetee angewiesen, denn die Eingeborenen streiften überall in kleinen Trupps um die Stadt herum und sein Haus war, mit dem wenigen was er noch darin gelassen, von irgend einer boshaften oder muthwilligen Schaar angezündet worden und bis auf den Grund niedergebrannt; ein Insulaner der dort nicht weit entfernt wohnte und seinen Landsleuten, ebenfalls als es mit den Feranis haltend, bekannt war, hatte, ihren Zorn fürchtend, die Flucht ergriffen und die Nachricht mit nach Papetee gebracht.

Seine Papiere trug er aber bei sich, und seine wichtigsten Effecten waren schon glücklicher Weise mit Sadie nach Atiu hinüber gesandt worden, der Verlust des Uebrigen kränkte ihn deshalb wenig. Er sah übrigens auch daraus wie die Eingeborenen ihm, jedenfalls seiner Abstammung wegen, selber gesinnt wären, und sein baldiger Abschied von Tahiti schmerzte ihn desto weniger.

Die Nacht schlief er mit in dem Bambusschuppen, in dem Adolphe einquartirt lag, und beschloß am nächsten Morgen, als er hörte daß Gouverneur Bruat schon weit früher als man erwartet hatte zurückgekehrt sei, diesem seine Aufwartung zu machen, und die Erlaubniß zur Abreise einzuholen.

Der Gouverneur hatte allerdings, durch den plötzlich ausgebrochenen Krieg auf Tahiti, vor der Hand seine Inspektionsreise nach den Nachbarinseln aufgegeben. Hier mußte vor allen Dingen der Friede wieder hergestellt, mußten die Eingeborenen unterworfen oder wenigstens eingeschüchtert sein, ehe er selber wagen durfte sich von dem Hauptschauplatz zu entfernen.

Bertrand, der übrigens selber mehrfach, wenn auch nur leicht, in dem gestrigen Kampf verwundet war, übernahm es ihn anzumelden und sein Gesuch schon gleich von vornherein zu bevorworten. Gouverneur Bruat empfing ihn auch in der That ungemein freundlich, und seiner Bitte stand nicht das Mindeste mehr im Weg.

»Es thut mir leid, lieber Delavigne, daß ich Sie das nicht habe schon vor einigen Tagen, wenigstens vor meiner Abreise wissen lassen, noch dazu da es Sie in ihren Familienverhältnissen derangirt hat, aber Sie müssen mich wirklich mit dem tollen Treiben unserer Gegenwart entschuldigen, das meinen armen Kopf so entsetzlich in Anspruch genommen. Man möchte jetzt in einem Augenblick überall sein, theils zu mäßigen, theils zu verhüten, und ich weiß wirklich nicht wem man im gegenwärtigen Moment mehr auf die Finger zu sehen hat, eben den Eingeborenen, oder unseren Freunden, den Engländern und Amerikanern.«

»So kann ich also Tahiti verlassen wann ich will, und bin von dem unwürdigen Verdacht der auf mir, wunderbarer Weise ruhte, freigesprochen?« frug René.

»Lieber Delavigne, ich habe Sie noch keinen Augenblick in Verdacht gehabt« lachte der Gouverneur, »und es würde mir nicht eingefallen sein die Sache auf eine, für Sie so unangenehme Weise hinaus zu dehnen, hätten wir nicht, allerdings anonym, eine förmliche Anklage gegen Sie eingeschickt bekommen, die wir schon, um wenigstens spätere Misdeutungen zu vermeiden, nicht ganz ignoriren durften.«

»Eine Anklage gegen mich?« frug René erstaunt.

Monsieur Bruat nickte achselzuckend mit dem Kopf.

»Von einem Landsmann?« frug der junge Mann weiter.

»Wohl schwerlich – der Brief war englisch, die Hand aber jedenfalls verstellt und hie und da mit orthographischen – vielleicht übrigens absichtlichen Fehlern. Doch dem sei wie ihm wolle« brach er rasch ab, »die Sache ist vorbei und jeder Form genügt; außer dem haben wir auch seit einigen Tagen ziemlich gegründete Ursache einen Engländer selber der That in Verdacht zu halten, der schon eines anderen Verbrechens angeklagt steht, und gestern auch eben bei den Empörern gesehen ist. Vielleicht hat auch der den Brief geschrieben.«

»Das glaub' ich schwerlich« sagte René kopfschüttelnd, »den Dienst hat mir vielleicht ein guter Freund geleistet. Kennen Sie den Namen des verdächtigen Engländers?«

»Jim O'Flannagan.«

»Aha, ich kenne den Burschen; es ist ein Ire.«

»So? – möglich, nun von Tahiti fort kann er nicht, und da hoffe ich denn bald seine nähere Bekanntschaft zu machen. Aber wie wollen Sie selber jetzt nach Atiu hinüberkommen? haben Sie irgend eine Gelegenheit?«

»Im Augenblick nicht« entgegnete René, »doch wird sich die schon finden, die Missionscutter kreuzen ja immer dann und wann einmal herüber und hinüber.«

»Die Missionaire entwickeln überhaupt eine wunderbare Thätigkeit in dieser Zeit« entgegnete finster der Gouverneur – »und sie sollten sich doch Mr. Pritchards Beispiel zu Herzen nehmen. Ich werde sie scharf überwachen lassen, und dann unnachsichtlich das an ihnen zur Ausführung bringen, was sie selber, ohne sogar Veranlassung dazu gehabt zu haben, an unseren eigenen Priestern ausgeübt. Daß diese Herren immer das geistliche und weltliche Regiment mit einander verwechseln, und gar so gern aus dem einen in das andere hinüberpfuschen wollen. Doch dem sei wie ihm wolle, wir werden den Herren zu begegnen wissen, und sie haben es sich selber zuzuschreiben wenn sie nachher vielleicht etwas rauher behandelt werden, als ihrer Bequemlichkeit und ihrer Stellung zusagt.«

»Ich glaube daß hie und da ein freundliches Wort zwischen den Eingeborenen und der jetzigen Regierung manches Unglück vermeiden könnte« sagte René nachdenkend – »den Insulanern sind eine Menge falscher Begriffe beigebracht, und mit unsern Sitten und Gebräuchen nicht bekannt, erscheint ihnen theils Manches schroffer als es im Anfang gemeint war, theils haben wir selber Vieles was sie gethan zu streng und ernst genommen. Die aufgezogene Flagge vor dem Haus der Königin z. B. hatte meiner Meinung nach keineswegs die Bedeutung die ihr der Admiral gab; es muß zu Misverständnissen führen, wenn wir denselben Maßstab unserer Handlungen an den der Eingeborenen legen wollen. Ich bin fest überzeugt daß Pomare in der Krone nichts weiter wie ein glänzendes Spielzeug sah.«

»Pomare vielleicht« sagte der Gouverneur, »aber nicht die sie ihr gaben – der Insulanerin gegenüber hätte es vielleicht kaum einer Gegendemonstration bedurft, das geb ich zu, aber die Missionaire wußten recht gut um was es sich handelte, und deren Auslegung wäre allein nach England und Frankreich hinüber berichtet worden.«

»Und die arme Pomare verlor darüber ihr Reich.«

Der Gouverneur zuckte mit den Achseln.

»In einer Hinsicht haben Sie übrigens recht« sagte er nach einer kleinen Pause, in der er einige Mal mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen war; »ich glaube selber daß ein Wort der Verständigung zu seiner Zeit weit mehr wirken würde, als die aufgepflanzten Kanonen und Bayonnette unserer Soldaten. Mir liegt besonders daran weiteres Blutvergießen zu vermeiden, auch sind wir hier gar nicht so stark, viele Siege wie der gestrige gewinnen zu können, der uns vier unserer besten Officiere und – und sehr viel gute Soldaten und Leute gekostet hat. Um so mehr leid thut es mir deshalb jetzt gerade Sie, lieber Delavigne zu verlieren, da eben Sie vor allen Anderen, in Ihrer Stellung zu den Eingeborenen, im Stande wären manches Gute zu wirken, manchen Conflict zu vermeiden. Wir würden Ihnen auch sehr dankbar sein, wenn Sie sich entschließen könnten uns, wenigstens einen kleinen Theil Ihrer Zeit zu widmen. Nicht allein daß sie dadurch den Insulanern selber einen ungemein großen Dienst erweisen, denn auf die Länge der Zeit können sie ja nun doch einmal unseren Waffen nicht Stand halten, während sie von jeder weiteren Hülfe durch unsere Schiffe abgeschnitten sind, Sie würden auch vielleicht manchem Landsmann dadurch das Leben erhalten.«

»Aber in welcher Art glauben Sie, daß ich das im Stande wäre?« frug René, zu ihm aufschauend.

»Sie wissen daß sich die Insulaner, Mahaena nicht für so sicher haltend, an anderen Orten wieder festgesetzt haben, ja noch in diesem Augenblick in Begriff sind zu verschanzen; die steilen Thäler, Schluchten könnte man sie eher nennen, dieses Landes, bieten den Eingeborenen dabei in der Vertheidigung unendliche Vortheile, und ihre Positionen werden immer nur mit großem Verlust an Menschenleben genommen werden können; aber sie werden doch genommen und die Erbitterung muß natürlich nach jeder geschlagenen Schlacht soviel höher steigen, der Riß soviel unheilbarer werden. Jetzt ist dabei vielleicht noch eine Aussöhnung möglich, Pomare mag zurückkehren und unter dem französischen Protectorat nominell, wenigstens den Eingeborenen gegenüber, fortregieren und wir ersparen eine Masse gutes Blut der einen wie anderen Parthei.«

»Die Missionaire werden aber nie in einen Frieden willigen« sagte René, »der die Gewalt ganz in die Hände ihrer Feinde giebt, und sie förmlich aus dem Land verjagt.«

»Es denkt ja aber gar Niemand daran das zu thun« rief der Gouverneur, »als eben ihre eigene starre Unduldsamkeit, die nun einmal keine andere Religion neben sich dulden will und mag. Nur gleiche Berechtigung verlangen wir für unsere Religion, wozu wir ein Recht hätten, selbst wenn es uns unsere Kanonen hier nicht sicherten, und wenn sie von der Vortrefflichkeit ihres Glaubens so vollkommen überzeugt sind, wie sie vorgeben, weshalb fürchten sie denn unter gleichen Verhältnissen mit ihm in die Schranken zu treten?«

»Und glauben Sie, Herr Gouverneur, daß ich im Stande wäre bei einem derartigen Versuch etwas Gutes zu wirken?« frug René – »darf ich den Insulanern wirklich die Versicherungen Ihrer friedlichen Gesinnung bringen und daß Pomare nach Tahiti zurückkehren mag, zwischen ihnen zu leben – ihnen ihre Königin, wie daß ferner keinem in der Ausübung seiner Religion die mindeste Schwierigkeit in den Weg gelegt werden soll?«

»Das Alles, auf mein Ehrenwort,« erwiederte der Gouverneur – »noch mehr – es soll Alles vergessen und vergeben sein zwischen beiden Theilen, was bis jetzt geschehn – den einen Burschen natürlich ausgenommen, der noch alte Rechnung hat – es liegt mir ja nicht daran die Insulaner zu unterwerfen und sie zur Anerkennung unserer Macht zu zwingen – zum Henker nein, wir wollen friedlich und freundlich zwischen ihnen leben, und nicht immer der Gefahr neuer Ausbrüche und Revolutionen ausgesetzt sein. Es ist auch wahrhaftig nicht einmal Ehre mit einem solchen Sieg zu gewinnen, wo uns die ganze civilisirte Welt nachher anschreit, wir hätten einen Haufen nackter Wilden mit hölzernen Speeren und Schwertern durch unsere Kanonen zusammengeschossen, während die Burschen in der That ganz verständig selber schießen können, und viel mehr Gewehre und Munition haben, wie ich eine Ahnung hatte.«

»Gebe Gott daß ich dann einen günstigen Erfolg bringe« sagte rasch René – »gern will ich mich dem Auftrag unterziehn, und wie ich die Eingeborenen kenne, werden sie gern und willig zu ihren Hütten zurückkehren, dort in Frieden zu leben. Sie sind gut und friedlich von Natur, wie Ihnen ihr ganzes Betragen auch schon, selbst nach der Besitzergreifung, bewiesen haben muß, und wären sie nicht gar so arg gereizt, sie würden selbst jetzt nicht daran gedacht haben die Waffen aufzugreifen.«

»Die Waffen waren einmal da« sagte der Gouverneur finster »und mußten gebraucht werden. Es ist auch möglich daß das Einführen derselben eine kaufmännische Speculation gewesen, es sollte mir wenigstens lieb sein das zu glauben; fast aber fürchte ich, daß da auch noch eine andere Hand mit im Spiel gewesen, und war das wirklich, so dürfen wir auch nicht zu viel von einem freundlichen Wort hoffen. Nichtsdestoweniger will ich jedenfalls, mir selber später keine Vorwürfe machen zu können, die Sache versucht haben – ich weiß auch daß ich dadurch im Sinn meiner Regierung handele, die um Alles einen ausgedehnteren Kampf um diese Besitzung zu vermeiden wünscht. Sind Sie also im Stande ein derartiges Uebereinkommen, einen Vertrag oder wie Sie es nennen wollen in Wirklichkeit zu ermöglichen, so rechnen Sie dabei ganz auf meine Unterstützung sowohl, wie wärmste Dankbarkeit.«

»Und wann wünschen Sie daß ich da aufbrechen soll?« frug René.

»Sobald Sie wollen; am Besten gleich morgen früh, denn jeder neue Tag führt dem Feind auch neue Hülfstruppen über die Berge zu, und macht ihn immer nur noch starrköpfiger auf der einmal eingeschlagenen Bahn beharren. Jetzt haben wir auch noch eine Anzahl Kriegsschiffe in der Bai, unter deren Kanonen sich ein Friedensabschluß weit anders ausnimmt, als wenn wir nur hier auf die geringe Zahl unserer Landtruppen, und vielleicht überall vom Feind umgeben, in die Stadt eingeschlossen sind. Sobald Sie zurückkehren statten Sie mir gleich Bericht ab. Gedenken Sie allein zu gehn, oder soll ich Ihnen eine Flagge und Bedeckung mitgeben?«

»Ich glaube ich gehe besser ohne das Alles« sagte René, »die französische Flagge ist in diesem Augenblick nicht beliebt genug eine Empfehlung zu sein, denn die Erinnerung an die erlittene, und jetzt erst eigentlich begriffene Demüthigung liegt noch zu frisch in ihrem Gedächtniß. Allein hab' ich weniger zu fürchten, da mich Manche von ihnen kennen, ja mit mir befreundet sind.«

»Wie Sie denken« erwiederte Mr. Bruat sich die Lippe beißend, »und dann noch eins. – Sind Sie einmal oben, können Sie vielleicht auch etwas über den Schuft Jim O'Flannagan erfahren; Monsieur Bertrand, der sich eben so warm für Sie verwandt, und, wenn ich nicht irre ein Jugendfreund von Ihnen ist, hat mit diesem Burschen ein ganz besonderes Capitel abzumachen, und will ihn gestern über die Stirn gehauen haben, so daß er sogar leicht an seiner Wunde zu erkennen wäre. Außerdem habe ich einen nicht unbedeutenden Preis auf seinen Fang gesetzt; vielleicht sind Sie im Stand, in den Bergen etwas Näheres über ihn zu hören.«

»Ich spreche Bertrand jedenfalls noch heute Abend« erwiederte René, »auch hat er mir schon selber von dem Iren und seinem früheren Leben erzählt; er scheint eine Art von Land- und Seepirat gewesen zu sein, und soll sich hier besonders mit dem Schmuggeln verbotener Spirituosen befassen.«

»Ein gefährlicher Charakter, besonders in jetziger Zeit« sagte Mr. Bruat – »aber wer kommt da unten? was ist das für ein wunderlicher Kauz – kennen Sie den Burschen, Delavigne?«

René war rasch an's Fenster getreten, dem ausgestreckten Arme des Gouverneurs mit den Augen folgend, warf aber kaum einen Blick auf die Gestalt, als er auch lächelnd wieder zurück trat und sagte:

»Das ist Einer unserer originellsten Charaktere in Papetee, und trotzdem dies das erste Mal, daß ich ihn wirklich in der Stadt erblicke. Er ist Schuster und wohnt draußen in den Guiaven in einer gewöhnlichen Bambushütte mit einer alten irischen oder englischen Hexe, die sie »Mütterchen Tot« nennen, und ihre beiderseitige Hauptbeschäftigung soll sein – wenn das Gerücht nicht lügt – Spirituosen an die Eingeborenen auszuschenken.«

»Und hat man das bis jetzt geduldet?« frug der Gouverneur rasch.

»Noch hat ihnen Nichts bewiesen werden können« lachte René, »denn die Alte ist zu schlau sich leicht erwischen zu lassen. Die Sache muß aber auch noch einen anderen Zusammenhang haben, denn selbst die Missionaire dulden sie dort im Busch, trotz dem ziemlich allgemein ausgesprochenen Betrieb. Aber der Schuhmacher kommt wahrlich hier in's Haus; das muß denn etwas ungemein Wichtiges sein, was ihn hierher führt. So viel ich weiß haßt er uns Franzosen wie die Sünde, und soll fast den ganzen ausgeschlagenen Tag in der Bibel lesen.«

»Sie empfehlen mir den Mann immer mehr« lachte der Gouverneur – »er scheint mir übrigens mehr Carricatur als Original, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er sich nicht vielleicht bei den französischen Behörden über seine englische Gattin beklagen und sich mit unter das Protectorat stellen wollte – hahaha, da hätten wir gleich einen praktischen Nutzen für Englische Bürger, die doch im Anfang solches Geschrei darüber erhoben. Aber wahrhaftig, ich glaube er will zu mir.«

Eine Ordonanz trat in diesem Augenblick in's Zimmer und meldete daß ein verdächtig aussehendes Individuum, das halb englisch halb insulanisch spräche, vorgelassen zu werden verlange und in größter Eile zu sein behaupte, auch etwas sehr Wichtiges mitzutheilen habe.

»Dann Herr Gouverneur« sagte René, »erlauben Sie vielleicht daß ich mich entferne.«

»Nein, das erlaube ich nicht« lachte dieser, »dann brauche ich Sie zum Dollmetscher; für ein Gemisch von Englisch und Indianisch halte ich mich nicht sattelfest genug. Oder haben Sie irgend etwas anderes, besonderes vor?«

»Nicht das entfernteste« entgegnete der junge Mann, »es wird mir das größte Vergnügen machen Ihnen dienen zu können.«

»Ich wollte ich dürfte Sie vollständig beim Wort nehmen, Delavigne« sagte Mr. Bruat, der Ordonanz dazwischen ein einfaches »er soll herein kommen« zurufend. »Wir brauchen jetzt Leute, tüchtige Leute, und für solche ist gerade auch wieder der jetzige Zeitpunkt vortrefflich, ihr Glück zu machen. Was haben Sie drüben in Atiu? das läuft Ihnen nicht weg, und der jetzige Moment kehrt vielleicht im Leben nicht wieder. – Aber ich will Ihnen nicht zureden« unterbrach er sich rasch, »Sie mögen sich das noch mit sich selber überlegen; da kommt auch eben unser dringender Besuch – wie heißt der Bursche?«

»Murphy, wenn ich nicht irre.«

»Ein ächt irischer Name, dem das Gesicht keine Schande macht. Sehn Sie nur was für tückisch blitzende Augen der Bursche im Kopfe trägt; etwas Gutes hat den nicht zu mir geführt, soviel ist sicher. Und was wollt Ihr? – ach ich vergaß, bitte Delavigne fragen Sie einmal den Feuerbrand was er von mir will – Peste, wie er aussieht.«

Murphy hatte sich indessen langsam und scheu zur Thür herein geschoben, und stand da, wie eine Fledermaus am Tage, die beiden Männer, die französisch mit einander sprachen, mistrauisch betrachtend. Ein finster drohender Ausdruck legte sich aber in seine Züge und schien sich dort in die Falten und Pockennarben ordentlich festzuhängen, als beide Männer, nicht im Stande beim Anblick der Gestalt ernsthaft zu bleiben, erst an zu lächeln fingen, und dann endlich in ein laut schallendes und anhaltendes Lachen ausbrachen.

Murphy hatte übrigens dazu gar gegründete Ursache gegeben. Zuerst trug er wieder, als die einzig mögliche Zeit, und vielleicht auch andere Mängel zu verdecken, den erbsgelben Rock, bis an den Hals zugeknöpft, mit den Schößen unten an seine nackten Waden, oder wenigstens an einen Klumpen von Sehnen und Muskeln schlagend, der hinter dem Wadenbeine irgendwie befestigt schien. Die Beine staken in sehr defekten, unten wenigstens ausgefranzten Hosen; seine Extremitäten vom Hals ab, Kopf Hände und Füße waren bloß, die letzteren dem eigenen Handwerk zum Trotz, und nur um den linken Fuß, mit dem er vielleicht in eine Glasscherbe oder sonst etwas getreten, hatte er sich ein Stück gelbbrauner Tapa geschlagen und mit Bast befestigt. Nahm man nun noch das wunderlich zusammengezogene, halb boshafte halb komische, von Blatternarben zerrissene Gesicht des kleinen Iren dazu, mit dem brennend rothen struppigen Haar und den kleinen hellgrauen stechenden Augen, so war die Fröhlichkeit der beiden Männer zu entschuldigen, die durch den verlegenen Ausdruck des Mannes eher noch erhöht als vermindert wurde.

Murphy schien aber nicht in der Stimmung vielen Spaß mit sich machen zu lassen, und mit einem mürrischen Seitenblick auf die vor ihm Stehenden und einem halblaut gemurmelten »damned fools ye«[1] wollte er sich eben wieder umdrehn und das Zimmer ohne weitres verlassen, als ihn René in Englisch anrief und ihn frug was er vom Gouverneur Bruat wünsche.

Bei der Englischen Anrede stutzte der Ire, und sah erst René, dann den Gouverneur ein paar Secunden mit seinen stechenden Augen forschend an, dann aber, wie sich besinnend um was er eigentlich hier hergekommen, sagte er im breitesten irischen Dialekte:

»Seid Ihr der Misther Gouverneur?«

»Nicht ich – dieser Herr da.«

»Und kann der nicht für sich selber sprechen?«

»Ich werde dollmetschen, Murphy« erwiederte René lächelnd – »was führt Euch her?«

»Murphy?« wiederholte der Ire erstaunt seinen Namen, »wo bei Jäsus, habt Ihr den Namen her, Sirrah? – aber s'ist einerlei« fuhr er dann rascher fort. »Ihr Franzosen spionirt ja doch überall herum – aber Ihr habt eine Belohnung auf das Einfangen von einem weggelaufenen Mann gesetzt – wollt Ihr die zahlen?«

»Ha – wer ist das?« rief der Gouverneur rasch, der den ungefähren Sinn der letzten Worte verstanden hatte.

»Jäsus mein Herzchen – ob er nicht blos so thut als ob er keine Ohren hätte« sagte Murphy mit einem breiten Grinsen, »aber was sagt er jetzt?«

René wechselte rasch einige Worte mit dem Gouverneur und wandte sich dann wieder an den Iren.

»Und wer ist's den Du zu vergeben hast, mein Bursche? – wenn's der rechte ist kannst Du einen schönen Thaler Geld verdienen – wie heißt er?«

»Jim O'Flannagan – damn his eyes[2] und Jack irgend noch sonst was.«

»Alle Beide?«

»Sitzen jetzt in der Falle.«

»Und wo ist das?«

Wieder verzog sich das Gesicht des Mannes zu einem breiten halb pfiffigen halb höhnischen Grinsen und er knurrte:

»Soll Euch Murphy das Nest nennen eh' er das Silber hat?«

»Das Nest wird Mütterchen Tots Hotel sein« sagte René gleichgültig während der Mann einen überraschten tückischen Blick auf ihn warf – »doch hab' keine Furcht, wenn Du die beiden Burschen in des Gouverneurs Hände lieferst, wird Dir Dein Lohn nicht entgehn. Aber – wie ist mir denn?« frug er sich besinnend und gegen den Gouverneur gewandt – »der eine von ihnen hat doch nur ein Verbrechen verübt, nicht wahr?«

»Der andere ist ein entsprungener Matrose« sagte Mr. Bruat.

»Hm« murmelte René vor sich hin – »doch es liegt Ihnen daran nur den einen zu fassen?«

»Nein, nein alle Beide – sind Sie alle Beide im Haus? – bitte fragen Sie den Burschen einmal.«

»Habt Ihr sie alle Beide im Haus – auf den einen sind fünfhundert, auf den andern nur zwei gesetzt!«

»Alle Beide« bestätigte Murphy, »aber rasch müssen Sie machen, wenn Sie die Vögel noch erwischen wollen – die Sonne ist nicht weit mehr vom Untergehn und jetzt ist die Zeit – später steh ich für Nichts, denn fort wollen sie auch.«

»Fort? – wohin?«

»Wohin? – weiß ich's?« sagte der Kleine mürrisch – »nur ihre Bündel haben sie bei sich, und ihre Waffen, und ein Canoe ist nicht schwer zu finden am Strande, wer Lust dazu hat!«

»Nicht unwahrscheinlich« sagte, mit dem Kopf nickend, der Gouverneur, der aufmerksam dem Gespräch gefolgt war, und jedenfalls so viel Englisch verstand, den ungefähren Sinn zu begreifen. »Dann haben wir keine Zeit zu verlieren, und Sie können den Spaß mit ansehn Delavigne.«

Er klingelte und sagte, als die Ordonanz gleich darauf in militärischer Stellung eintrat:

»Lieutnant Bertrand von der Jeanne d'Arc lasse ich ersuchen augenblicklich zu mir zu kommen – er ist an Land, Du wirst ihn drüben im Café bei Victor finden – es ist eilig.«

Der Soldat verschwand blitzesschnell wieder durch die Thür und vielleicht zehn Minuten später, während der Gouverneur mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen im Zimmer auf und ab ging, Murphy ungeduldig von einem Fuß auf den andern schaukelte und bald nach der Thür bald nach dem Fenster sah, hörten sie die raschen Schritte des jungen Officiers über die hölzerne Verandah kommen; wenige Secunden später betrat er das Zimmer, das Nöthigste jetzt über die rasch auszuführende Expedition zu berathen, das Berathene eben so rasch auszuführen.


Die Bambushütte in der Mrs. Tot ihren Wohnsitz aufgeschlagen, lag, wie sich der Leser erinnern wird, einige hundert Schritt von der äußersten und jetzt von Gräben und Wällen eingeschlossenen Grenze der eigentlichen Stadt Papetee entfernt, tief in den Guiaven und Fruchtbäumen versteckt, und jetzt also von jedem Verkehr mit ihren europäischen Gästen, den Matrosen der Englischen oder Französischen Schiffe, vollkommen abgeschnitten. Französische Matrosen hatten sich überhaupt bei ihr sehr selten, und nur dann und wann einmal von den Mädchen selber dorthin gezogen, sehen lassen, deshalb auch ihre Sympathieen nicht, und ein kleiner Transport ächten holländischen Genevres, eine Parthie versetzten Kartoffelbranntweins, den sie sich in Jims Abwesenheit von einem anderen ungeschickteren Bekannten wollte besorgen lassen, war ihr noch außerdem erst an dem gestrigen Tage von einer französischen Patrouille entdeckt und confiscirt worden, und damit dem Fasse ihrer Geduld der Boden ausgestoßen.

Die Hütte selber lag auch in den letzten Tagen wie leer und verlassen, denn wenn auch gerade jetzt dem verbotenen und so vortheilhaften Einzelverkauf der Spirituosen Nichts im Wege stand, da die Franzosen in ihren Schanzen gewissermaßen eingeschlossen lagen, wenigstens nicht daran dachten nur um dem Schmuggeln zu steuern kleine Patrouillen in das Dickicht hinauszuschicken, die von den Eingeborenen leicht überrascht und aufgehoben werden konnten, so lag doch auch der Platz wieder für diese zu weit von ihrem jetzt eingenommenen Lager entfernt, und sprachen ja einmal Einzelne dann und wann vor, so geschah das meist nur auf Kundschaft, vielleicht irgend wen ihrer abtrünnigen und den Feranis ergebene Landsleute, die sie jetzt fast mehr haßten als die Feranis selber, zu überraschen und aufzuheben. Murphy konnte fast den ganzen ausgeschlagenen Tag ungestört in seiner Bibel lesen, und Mütterchen Tot saß in einem Winkel ihrer Hütte, in einer Stimmung, die nur eine Ursache suchte, Gift und Galle gegen den ersten ihr in den Weg Laufenden auszuspritzen.

Es war spät am Nachmittag als die Stille fast zum ersten Mal durch die Schritte dreier Männer unterbrochen wurde, die den schmalen aus den Bergen niederführenden Pfad herunter kamen und sich der Hütte näherten. Es waren zwei Weiße und ein Insulaner – drei alte Bekannte von uns, Jim O'Flannagan, Jack und Raiteo, der Dollmetscher von Atiu, der mit dem ehrwürdigen Mr. Rowe von dort herübergekommen, und die Verhältnisse hier viel zu interessant und versprechend gefunden zu haben schien, Tahiti so bald wieder mit der stillen Heimathsinsel zu vertauschen. Der Indianer wurde voran in die Hütte geschickt, zu sehen ob die Luft rein und keine Gefahr zu fürchten sei.

»Nun was giebt's?« knurrte die Alte, als der Insulaner den Kopf in die Thür steckte und, Niemanden weiter darin erblickend wie die beiden Besitzer, eben so rasch fast wieder verschwand – »die Pest auf Deinen Kopf, Du rother Hallunke, kommst Du zum Spioniren hierher und weiter Nichts? daß Dich ein Hai packe das erste Mal wo Du den Fuß wieder in Salzwasser setzest, und Du Gift in dem ersten Glase Brandy säufst. Ha? – wer kommt da? – auf mit Dir Du fauler schuftiger Tagedieb dort, oder ich stehe auf und schlage Dir das vermaledeite Buch um die Ohren herum, das ich Dir tausendmal schon hätte verbrennen sollen, wenn meine verfluchte alberne Gutmüthigkeit nicht wäre. Auf mit Dir, sag' ich, und sieh nach – daß ich Dir Beine mache« knurrte sie dann leiser hinterher, als Murphy, innerlich Verwünschungen ausstoßend, denen er sich nur scheute Worte zu geben, aber doch dem Ruf gleichsam instinktartig gehorsam, aufstand, und durch die Stäbe der Bambuswand schaute.

Sie sollten jedoch über den Besuch nicht lange in Zweifel gelassen werden, denn schon wenige Secunden später riß Jim O'Flannagan selber die Thür auf und betrat, immer aber noch einen mistrauischen Blick umherwerfend, und von Jack und Raiteo gefolgt, das Haus, wo ihn Mrs. Tot mit einem halb erstaunten halb mürrischen Gesicht empfing.

»Segne meine Seele Mann, wie seht Ihr aus« kreischte sie aber, als sie einen vollen Blick auf die Gestalt des Iren geworfen, die sie jetzt erst wieder erkannte. »Mensch, haben Euch die Feranis oder die Teufel in den Krallen gehabt, daß sie Euch nicht einen Zollbreit gesundes Fleisch im Gesicht gelassen? – wenn's nicht an Eueren Haaren und Euerer ganzen Gestalt wäre, an Eurer liebenswürdigen Physionomie hätte ich Euch im Leben nicht wieder erkannt. Wo kommt Ihr her und was führt Euch zu mir?«

»Verdammt gastliche Frage« knurrte der Ire, ohne weitres zu ihrem Bett gehend und sich dort, todesmatt und erschöpft, nieder werfend – »hol mir vor allen Dingen eine Cocosnuß, Murphy, – heh – hörst Du Schuft, da in der Ecke, und laß das verdammte Buch liegen – eine Cocosnuß will ich haben zum Trinken.«

»Und ist es meiner Mutter Sohn zu dem Ihr Schuft sagt?« knurrte der kleine Schuhmacher mit einem giftigen Blick nach dem so gefürchteten wie gehaßten Manne – »holt sie Euch selber.«

Jim wollte sich, mit einem wild ausgestoßenen Fluch wieder von seinem Lager emporrichten, den Iren zu zwingen seinem Befehl Folge zu leisten, Mrs. Tot aber, weniger vielleicht dem Gast zu Gefallen als indignirt daß Mr. Murphy überhaupt Jemandem wagen konnte zu widersprechen, hinkte auf den kleinen, in seinen warmen Rock eingeknöpften Mann zu, riß dem, trotzig seinen Platz Behauptenden das Buch, das er auf den Knieen hielt, aus der Hand und es hinter sich schleudernd fuhr sie mit einer solchen Fluth von Schimpfwörtern über ihn her, denen die immer heftiger werdenden Bewegungen noch etwas viel Schlimmeres beizugeben drohten, daß sich Murphy endlich, wie ein bissiger Hund der gefürchteten Peitsche gegenüber, langsam und rückwärts von seinem Stuhl hinunter und der Thüre zu zog, durch die er gleich darauf, dem Befehl Folge zu leisten, verschwand.

»Hol die unnütze tagdiebische Bestie der Henker« geiferte die Alte aber noch hinter ihm her – »sitzt da den lieben ausgeschlagenen Tag auf seinen faulen Knochen und –«

»Na laß das Knurren Alte!« rief sie aber der Ire jetzt ungeduldig an, »ich bin gerade nicht in einer Stimmung Dein Geschwätz anzuhören – Du mein Bursche da springst indessen nach dem Wasser hinunter, und siehst ob unser Canoe in Ordnung ist, daß wir mit Dunkelwerden hier fortkommen, denn nach dem Abendschuß patrouilliren die Boote in der Bai, und Du Mütterchen schaffst uns schnell etwas zu essen herbei, ich bin fast verhungert und brauche Stärke.«

»Mensch, wie seht Ihr aus und wo wollt Ihr hin?« rief aber die Alte dagegen, sich vor ihn hinstellend und ihn aufmerksam betrachtend, »Ihr habt eher Pflaster in Euer Gesicht wie in den Magen nöthig; wer hat Euch denn so zugerichtet.«

»Ein Schuft, dem ich's vielleicht später noch einmal gedenken kann« fluchte der Ire, »jetzt aber wird mir der Platz hier zu warm, und ich muß machen daß ich fortkomme. Das lumpige Indianervolk kann sich doch nicht auf die Länge der Zeit gegen die Franzosen halten, und nachher, wenn sie Alle leer ausgehn, möchte die Geschichte auf mir hängen bleiben. Ich habe überdies mein Theil ab, und könnte auch doch nicht mehr mit schlagen und da oben in den feuchten Bergen sitzen zu bleiben und Feis[3] zu fressen, dazu gebricht mir die Lust. Ich will wieder in See!«

»In See? an Bord eines Kriegsschiffs?« frug die Alte erstaunt.

»Nein, hinüber nach – übrigens wird's wohl einerlei sein ob Ihr's wißt oder nicht – Schwatzen hat schon Manchen gereut, Schweigen selten. Wo der blatternarbige Schuft nur bleibt mit der Cocosnuß – gieb mir einen Schluck Brandy indessen Alte, den Aerger hinunter zu spülen.«

»Mit den Wunden auf Euch?« rief Mrs. Tot kopfschüttelnd, »wenn Ihr jetzt Brandy tränkt, trocknete Euch das Fieber die Adern aus, und schnürte Euch das Herz zusammen.«

»Herz – pah – nur nicht den Hals, Mütterchen, nur nicht den Hals – weiß der Teufel, seit mich gestern der Schuft am Kragen hatte und mich mit fortschleifen wollte, bin ich auf einmal so furchtbar besorgt um meine Luftröhre geworden – s'ist auch eine nichtswürdige Erfindung einen Menschen daran aufhängen zu wollen – Brandy, Alte, Brandy; zum Teufel was geht Dich mein Fieber an.«

»Schrei doch nicht so« sagte Jack jetzt, während Mrs. Tot kopfschüttelnd und innerlich murrend und schimpfend dem Befehle Folge leistete – »Du wirst uns noch einen Besuch auf den Hals ziehn, ehe wir wieder Salzwasser unter dem Kiel haben. Wetter noch einmal, mir wird's auch unheimlich an Land jetzt, und das zerschossene Gesicht von dem Officier will mir nicht aus dem Sinn; nun, ich hatt's ihm lange zugeschworen und er hat's tausendmal an mir verdient.«

»Ich wollte Du hättest den – Anderen so getroffen, das wär für uns Beide besser.«

»Seh ich nicht ein« brummte Jack, – »für Dich vielleicht – aber bis es für uns Beide gut würde, könnten wir noch manche Ladung Pulver gebrauchen. Nein, fort, ich habe das Leben satt, und gäbe jetzt Gott weiß was darum, wenn mich der Teufel nicht geplagt hätte, gerade auf dieser vermaledeiten Insel zu entwischen, wo sie uns beinah gefangen hätten wie die Ratte in der Falle. – Entwischen, als ob ich überhaupt schon entwischt wäre; wer konnte sich aber auch denken daß die Eingeborenen solchen Skandal anfingen.«

»Hah, das thut gut« sagte Jim, sich den Mund wischend, nachdem er das ihm gereichte Glas Brandy auf einen Zug geleert und jetzt ein paar Bissen der hinzugelegten Brodfrüchte förmlich verschlang, von der er sich auch zugleich einen Theil in die Tasche steckte – »das gießt ordentlich wieder Feuer durch die Adern und giebt den Gliedern neue Stärke.«

»Weißer Mann!« sagte in diesem Augenblick die vorsichtig gedämpfte Stimme des Indianers, der den Kopf zur Thür herein steckte – »ist Alles in Ordnung – Canoe flott und dunkel wird's auch bald – in kleiner Zeit können wir auf Wasser sein – kein Boot in Sicht.«

»Gut – komme gleich« sagte Jim, der sich das Glas noch einmal voll geschenkt hatte, aufstehend und es wieder leerend – »bleib draußen am Weg wo ich Dir gezeigt habe, und wenn Jemand kommt weißt Du das Zeichen.«

»Alles fertig« sagte Raiteo erstaunt – »weshalb warten?«

»Weiß schon – weiß schon, komme gleich – mach schnell« erwiederte aber der Ire ungeduldig und der Indianer zog sich zurück.

Jack war indessen zu Jim hinangetreten, und ein paar Worte mit ihm wechselnd, griff er seine Waffe auf und ging zur Thür, während Jim, den Mütterchen Tot indeß etwas mistrauisch beobachtet hatte, sich zu dieser wandte und mit freundlicher Stimme – wenn in den rauhen Laut überhaupt ein freundlicher Ton gelegt werden konnte – sagte:

»Hör, Mütterchen – ich habe noch eine rechte Bitte an Dich, ehe wir gehn – wirst Du sie erfüllen?«

»Bitte? – Bitte?« knurrte aber die Alte – »was hab' ich mit Bitten zu thun – hab noch in meinem Leben Nichts von einem anderen Menschen erbeten – Alles bezahlt. Wo nur der Schuft von Schuster jetzt bleibt bis spät in die Nacht hinein – na komm Du mir zu Hause – und meinen Rock hat er auch mit – heh Murphy – Mur-phy!« Sie betonte die letzte Sylbe des Wortes mit ihrer scharfen kreischenden Stimme, und der Laut drang gellend durch den Wald.