Unter Palmen und Buchen.
Dritter Band.
Unter Palmen und Buchen.
Gesammelte Erzählungen
von
Friedrich Gerstäcker.
Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1867.
Inhaltsverzeichniß.
| Seite | |
| Eine Mesalliance | [1] |
| Der Gevatterbrief | [177] |
| Ein Ausflug in Java | [186] |
| Der Heimathschein | [206] |
| Auf der Eisenbahn | [320] |
Eine Mesalliance.
Erstes Capitel.
Der Ball in Tanunda.
In Tanunda – einem kleinen, fast nur von Deutschen bewohnten Städtchen in Süd-Australien – war Ball, und die ganze weibliche Bevölkerung des Orts befand sich, wie bei all solchen Gelegenheiten, in einer gelinden Aufregung. Kein Wunder auch; jede Dame wünschte doch so anständig als möglich zu erscheinen; wer aber dazu nicht alles Nöthige eigen besaß, gerieth allerdings hier in Verlegenheit, denn in ganz Tanunda existirte kein einziges Modemagazin.
Schmiede gab es genug, Sattler, Schuhmacher, Schneider, Blechschmiede, Drechsler, Schreiner, und wie die verschiedenen Handwerke alle heißen mögen, aber nirgends in einem der Läden flatterten oder hingen hinter großen eleganten Spiegelscheiben bunte seidene Bänder oder künstlich gearbeitete Kränze; nirgends waren neu patentirte Schnürleiber und kostbar gestickte Unterröcke zur Schau ausgehangen – worüber sich auch die praktischen Landbewohner nur lustig gemacht hätten. Kurz es bestand keine einzige Aushülfe für das schöne Geschlecht, seine Reize zu erhöhen. Nur ein Glück, daß die Natur selber mitleidiger war, als die prosaischen Menschen, und ihren Kindern draußen, auf tausend Blüthenbüschen, ihre schönsten und duftendsten Gaben bot.
Und wenn die Damen in der Stadt nur wüßten, wie viel hübscher ein frischer, natürlicher Blumenkranz einem hübschen frischen Gesicht steht, als all der bunte Flitterkram, den kunstfertige Hände zusammenbauen – aber freilich gehören auch hübsche und frische Gesichter dazu, sonst stechen die lebhaften Farben zu sehr gegen den fahlen Teint der Wangen ab, und die Kunst muß dann aushelfen, wo die Natur nicht mehr zu helfen vermag.
In Tanunda wußte man wenig von Kunst; die meisten dortigen Ansiedler gehörten überhaupt dem Arbeiterstande an, und hatten neben dem Gewerk oder dem kleinen Handel, den sie in der Stadt trieben, noch ihre Section Land außerdem. Auch die Töchter waren in dem fremden Lande, und rings von englischen Sitten umgeben, doch immer nur richtige deutsche Bauermädel geblieben, die weder in ihren Gewohnheiten noch in ihrer Tracht eine Aenderung trafen.
Merkwürdig ist überhaupt die Zähigkeit, mit welcher der deutsche Bauer an dem Alten hängt, und wie schwer er zu Neuerungen zu bringen ist. Selbst die Auswanderer, also doch solche, von denen man vermuthen sollte, daß sie gerade mit dem Alten gebrochen hätten, und jetzt bereit wären, in einer neuen Welt ein neues Leben zu beginnen, verrathen das in der sinnlosen Last, die sie in ein fremdes, weit entferntes Land hinausschleppen und oft, an Ort und Stelle angekommen, von der Hafenstadt aus bis zu ihrer Bestimmung, mehr Fracht dafür bezahlen, als der ganze Plunder werth ist. Aber nichts lassen sie daheim, was niet- und nagellos ist, keine irdene Schüssel, keinen hölzernen Napf, keinen Besen, noch Scheuerlappen, ja ich weiß Beispiele, daß sie, besonders nach Australien, ihre irdenen Oefen mitgenommen haben. Kaum ist dann ein halbes Jahr vergangen, so steht dort drüben unter Eucalypten und Banksien ein Bauernhaus, das sich in Nichts von dem daheim verlassenen unterscheidet, mit denselben niederen Zimmern und Fenstern, denselben Tischen und Bänken, denselben alten verstaubten Bildern an den Wänden, denselben bemalten irdenen Schüsseln über dem Heerde, ja mit dem nämlichen dumpfen und ungesunden Geruch in der Stube – genau so wie daheim im Vaterland.
Und der Bauer selber mit seiner Familie hat sich – wie er sich auch vielleicht in seiner sonstigen Lebensweise ändern mußte – wahrlich nicht in irgend etwas geändert, was ihn selbst betrifft. Er trägt noch, mitten zwischen den Engländern und Amerikanern, ob auch von ihnen hundert Mal ausgelacht und verspottet, den nämlichen langen blauen Rock mit schmalem Kragen und riesigen Leinwandtaschen wie daheim – denselben ausgeschweiften Hut, wie er auf seinem Dorfe seit Menschengedenken Mode war, dieselbe alte kurze Pfeife als Begleiter, Zeitmesser, Sorgenbrecher und was sonst Alles, unentbehrlich bei Arbeit und Müssiggang, und nur in der Zeit am Tage unsichtbar, wo er Sonntags in der Kirche sitzt, und die Pfeife dann, vorher sorgfältig ausgegossen, in eine der Leinwandtaschen spurlos verschwindet.
Auch die Frauen hängen hartnäckig an der heimathlichen Tracht und setzen anfangs die Eingeborenen nicht wenig durch ihre kurzen Röcke, blauen Zwickelstrümpfe und riesigen Bänder an den Hauben in Erstaunen; aber zuletzt gewöhnt man sich auch an das Sonderbarste und findet es nicht mehr auffallend.
Wunderbar gemischte Gesellschaft findet man aber in solch deutschen Colonieen in fremden Welttheilen, und Tanunda besonders leistete darin das Außerordentlichste. Engländer gab es, wie gesagt, nur sehr wenige in der Stadt, und die wenigen waren kein besonderer Umgang für die Deutschen. Man würde auch nie geglaubt haben, daß man sich in einer englischen Colonie befände, wenn man durch die Stadt ging und überall nur deutsche Schilder an den Häusern, nur deutsche Trachten sah, nur deutsch reden hörte – aber lieber Gott, wir wissen es ja schon gar nicht anders, als daß wir Deutschen mit unseren tüchtigen Arbeitskräften und unseren fleißigen und dabei gutmüthigen und geduldigen Staatsangehörigen allen anderen Ländern der Welt ihr Land urbar machen, ihre Colonieen bevölkern und heben müssen. Wir selber besitzen, ob unsere vaterländischen Schiffe auch in allen Meeren der Welt getroffen werden, kein einziges eigenes transatlantisches Eigenthum, und kein Wunder denn, daß wir es uns in jenen fremden Plätzen wenigstens gemüthlich zu machen suchen.
In dem Ort waren denn auch zwei ziemlich gute deutsche Wirthshäuser, das eine aber, das Tanunda-Hotel, das besuchteste, und besonders hielten hier die »Honoratioren« ihre Zusammenkünfte, da der Wirth nicht allein ein trinkbares deutsches Bier ausschenkte, sondern auch einen Stolz darein setzte, ächten Rheinwein zu verhältnißmäßig billigen Preisen in seinem Keller zu haben.
Dort war heute Ball und der große Saal in der ersten Etage schon so festlich geschmückt, wie es die bescheidenen Mittel in Tanunda nur erlaubten, und die noch bescheidneren Ansprüche forderten, und dort begannen schon Nachmittags um vier Uhr – um fünf Uhr sollte die Musik »losgehen« – die wunderlichsten Elemente sich zu sammeln, die je ein solches »Tanzvergnügen« besucht und sich darauf amüsirt hatten.
Das junge »Mannsvolk« der ländlichen Bevölkerung war das erste auf dem Platze. Vorher mußte einmal ordentlich getrunken werden, damit sie »Courage kriegten« und die »Mädels« nachher konnten ankommen sehen, und bis es fünf Uhr schlug, hatte sich einer von diesen schon so vollkommen angetrunken, daß er Streit suchte und von den Uebrigen grade in demselben Augenblick hinausgeworfen wurde, als die ersten »Honoratioren« das Hotel betreten wollten.
Es war der Kaufmann Becher mit seiner jungen Frau, einem allerliebsten kleinen Weibchen, sehr einfach, aber doch sehr elegant gekleidet, denn sie hatte andere Zeiten gesehen, und man behauptete, daß sie früher Kammerjungfer bei einer Gräfin gewesen wäre. Jetzt merkte ihr freilich Niemand – als vielleicht in ihrem gewandten und anständigen Wesen, den früheren Stand an, denn sie galt allgemein in Tanunda für eine ebenso vortreffliche Wirthin wie Hausfrau, und hatte sich besonders gut in den Verkauf der Waaren gefunden.
»Holla,« lachte Becher, ein gemüthlicher Norddeutscher, während seine junge Frau vor dem Tumult zurückschrak und sich fester an seinen Arm hing, »das muß doch wahr sein, in dem Australien ist Alles verkehrt. Bei uns in Deutschland werfen sie einander immer erst zum Schluß hinaus, hier fangen sie aber gleich damit an.«
»Haben Sie keine Furcht, Madame Becher,« rief sie aber einer der jungen Burschen an, »wir halten hier Ordnung, darauf können Sie sich verlassen. Der Tanz soll nicht gestört werden – nur immer anständig.«
»Wir haben auch keine Furcht, Braunhofer,« lachte Becher gutmüthig, indem er dem Eingang mit seiner Frau zuschritt, »denn daß Ihr hier vortreffliche Polizei haltet, habt Ihr eben erst noch bewiesen – der thut keinen Schaden mehr – ah, Herr von Benner,« wandte er sich dann an einen jungen Mann, der ebenfalls in diesem Augenblick von der anderen Seite kam und das Hotel betreten wollte, »das ist Recht, daß Sie kommen, solche flotte Tänzer können wir brauchen.«
»Werde doch keinen Ball in dem langweiligen Nest versäumen,« lachte der junge Mann, indem er die beiden Gatten grüßte, – »Frack und Glacéhandschuh fallen freilich bei Unsereinem weg,« schmunzelte er, als sein Blick auf Herrn Bechers Hände fiel, die allerdings in weißen und tadellosen »Glacées« prangten, wie denn auch die junge Frau nicht ohne solche erschienen war.
»Bei Unsereinem, Herr von Benner?« frug Becher.
»Nun,« sagte der junge Mann mit einem bitterironischen und doch humoristischen Zug um die Lippen, »was für Ansprüche werden denn an einen Handlanger bei dem Maurerhandwerke gemacht? Ich muß ja der Gesellschaft noch dankbar sein, daß sie mich zuläßt.«
»Papperlapapp, mein lieber Freund,« rief aber Becher, dem der Spott in der Bemerkung vollkommen entging, gutmüthig aus, »hier in Australien haben wir die alten faulen Standesunterschiede abgeschüttelt, und kehren uns den Henker daran, was Jemand arbeitet, wenn er sich sein Brod nur auf ehrliche Weise verdient, denn das ist die Hauptsache.«
»Danke Ihnen,« sagte Benner mit demselben Lächeln, das aber diesmal der jungen Frau das Blut in die Wangen trieb, denn sie fühlte, was der junge Adelige damit meinte, wenn es ihr Mann auch mit der alten wohlwollenden Herzlichkeit hinnahm und nicht weiter beachtete.
»Bitte,« rief er abwehrend aus, »gar nichts zu danken. Sie stehen hier in Ihrem vollen Recht. Tanzen Sie nur flott und machen Sie sich besonders um einige ältliche Damen verdient, dann sollen Sie einmal sehen, wie willkommen Sie sind.« Und dem jungen adlichen Handlanger vergnügt zulächelnd, betrat er mit seiner Frau das Haus und stieg die Treppe hinauf.
Eduard von Benner, wie der junge Mann hieß, gehörte einem der ältesten und edelsten Geschlechter Deutschlands an; seine Verwandten bekleideten daheim die höchsten Ehrenstellen und gehörten zu den reichsten und vornehmsten Familien, ja gehören noch dazu, während er hier, als Handarbeiter in dem fremden Lande, mit saurem Schweiß sein Brod verdienen mußte. Wenn er sich aber auch in diese Nothwendigkeit gefügt, war ihm doch der alte trotzige Sinn geblieben, der ihn schon daheim aus dem Vaterland getrieben, und ein spöttisches Lächeln zuckte um seine fest zusammengepreßten Lippen, als der kleine vergnügte Mann an ihm vorüberschritt.
»Krämerseele,« murmelte er vor sich hin, während er ihm mit unterschlagenen Armen nachsah, »weil Du die dicken arbeitsharten Fäuste in Glacéhandschuhen herumträgst, und Dir das rothseidene Schnupftuch hinten aus einer Fracktasche heraussieht, protegirst Du den Baron – es wäre bei Gott zum Todtschießen, wenn man nicht eben darüber lachen müßte. – Aber hol der Teufel die Grillen,« setzte er mit zusammengebissenen Zähnen hinzu – »ich bin nun einmal in dies tolle Leben mitten hineingesprungen und will Euch beweisen, daß ich die Kraft habe es durchzuführen. Eduard von Benner, Sohn des Regierungs-Präsidenten, Neffe des Kammerherrn, Enkel des allmächtigen Ministers Sr. Majestät – bah, so viel für all den Narrenkram, den sie daheim zum Ekel treiben, – haben sie's denn anders haben wollen, haben sie mich nicht mit Gewalt der tausend Thaler wegen zum Aeußersten gezwungen? Jetzt mögen sie auch selber die Folgen tragen.«
»Nun, Benner, so finster?« lachte eine fröhliche Stimme und eine Hand legte sich auf des jungen Mannes Schulter. »Sie schneiden wahrhaftig ein Gesicht, das eher zu einem Trauermarsch, als zu dem eben da beginnenden lustigen Rutscher paßt.«
»Ah, Doctor,« nickte ihm der junge Mann zu, – »Sie noch hier? Ich glaubte, Sie wären nach Adelaide.«
»Morgen früh,« sagte der Doctor vergnügt, der aber auch nicht so aussah, als ob er einen Ball besuchen wolle, denn er trug Wasserstiefeln und einen kurzen braunen Rock – »Sie werden wohl schon davon gehört haben; meine Frau ist mir wieder einmal davon gelaufen, und ich will sehen, ob ich sie einfangen kann; aber den heutigen Abend möchte ich nicht versäumen.«
»Sie nehmen's kaltblütig.«
»Bah, was will man machen? – Verwünschte Noth, die man hier in Australien mit dem Frauenvolk hat. Ich habe in meinem Leben nicht so viel von weggelaufenen Frauen gehört, wie hier; es muß ordentlich in der trocknen Luft liegen. – Aber gehn wir nicht lieber hinauf? – Alles drängt schon der Musik zu –«
Er hatte Recht; während die Musik oben begann, kamen die Gäste in Masse von der Straße herein, und ein ganzer Trupp Bauermädel, die draußen, eine die Hand der anderen gefaßt, straßenbreit gegangen waren, drängten jetzt lachend und kichernd, ohne einander aber loszulassen, in die Hausflur, sich wie in einer Kette die Treppe hinaufziehend.
»Alle Wetter,« rief der junge Baron Benner, »da sind prächtige Mädels drunter. Wie ist's, Doctor, wollen wir's riskiren?«
»Verdammt wenig zu riskiren,« brummte der Doctor zurück, »aber zum Tanzen hab' ich keine Lust; unsere Skatpartie wird bald zusammenkommen, und dann bin ich für den Abend besetzt.«
»Mit Ihren langweiligen Karten,« lachte Benner, »da lob' ich mir den Tanz, denn bei dem kann man sich doch einmal tüchtig austoben – kommen Sie.«
»Sie haben wohl noch nicht genug Bewegung, Herr Baron,« lachte jetzt ein Anderer der vorüber Drängenden, der kleine Apotheker Schrader, – »Donnerwetter, ich sollte doch denken, daß das Backsteintragen den ganzen Tag Einem die Lust zum Springen benähme.«
»Sie setz' ich noch mit auf meine Last oben drauf, Schrader,« lachte aber Benner trotzig zurück, – »und spürt' es nicht einmal.«
»Danke schön,« lachte der Abgefertigte und humpelte die Treppe hinauf, während der junge Adlige ärgerlich ein leises, aber doch noch ziemlich vernehmliches »Pillendreher« hinter ihm drein murmelte.
»Sie, Schrader,« redete diesen da ein anderer dicker behäbiger Herr an, der ebenfalls mit ihm hinaufstieg, – einer der Capitaine eines in Adelaide-Port liegenden Kauffahrteischiffes – »wer zum Henker war denn der junge Mensch, den Sie da eben »»Baron«« anredeten? Das Gesicht kam mir so merkwürdig bekannt vor.«
»Ah, Sie meinen den Herrn Baron von Benner,« lächelte der Apotheker. »Während sich sein Papa daheim mit den Regierungssorgen des ganzen Staates abquält, trägt sein Herr Sohn hier derweile Backsteine für die einzelnen Theile desselben.«
»Alle Wetter,« rief der Capitain erstaunt aus, indem er stehen blieb und Schrader's Arm faßte, »das ist doch nicht der Sohn von unserem Regierungs-Präsidenten?«
»Derselbe,« nickte der Apotheker, – »aber kommen Sie, deshalb brauchen Sie doch nicht stehen zu bleiben: da passiren hier viel wunderlichere Geschichten, als daß ein Sohn von einem Regierungs-Präsidenten oder Minister, oder sonst was, Handlanger wird und Backsteine die Leiter hinaufschleppt. – Sehen Sie da oben den jungen Herrn mit dem prachtvollen ungarischen Schnurrbart und den lockigen Haaren?«
»Er sieht aus wie ein Offizier,« nickte der Capitain.
»Ja wohl, war es auch,« nickte der Apotheker, – »jetzt ist er beim Friedensrichter – einem englischen – Kindermädchen.«
»Unsinn,« lachte der Capitain.
»Unsinn?« sagte der Apotheker, – »hat sich was mit Unsinn. In Australien giebt's gar keinen Unsinn, und die merkwürdigsten Geschichten sind hier schon vorgefallen. Da ist dem Härtel, dem Wundarzt sein Mädel, wissen Sie, was die wurde, als den Vater der Schlag rührte? – Barbier!« Der Capitain lachte laut auf.
»Und was treibt der junge Benner hier?« sagte er, als sie jetzt mitsammen den Saal betraten und dem »Büffet« zuschritten, – »doch nicht wirkliche Handlangerdienste?«
»Wirkliche, ordinaire Handlangerdienste,« bestätigte aber Schrader, »und was soll er sonst treiben? Derartige junge Herren haben im alten Vaterland gewöhnlich nichts weiter gelernt, als das ihnen regelmäßig gelieferte Geld so rasch und unregelmäßig als möglich wieder unter die Leute zu bringen. Wachsen sie dann heran, so giebt man ihnen irgend einen fetten und angenehmen Posten, bei einer Gesandtschaft, oder sonst wo, auf dem sie Nichts zu thun haben, und wenn sie der Staat dann eine Weile ernährt hat, erhalten sie für treue Dienste ein halbes Dutzend Orden und Pension. Hier in Australien aber heißt's: Friß Vogel oder stirb – arbeite oder hungere, denn umsonst wird hier Nichts gereicht. Was soll die Art aber nun arbeiten? Um selbst etwas fertig zu bringen, was ein anderer Mensch brauchen kann, dazu sind sie zu ungeschickt, und da bleibt ihnen dann zuletzt Nichts weiter übrig, als anzunehmen was sich gerade bietet, nur um das Bischen Leben zu fristen.«
»Aber ist das nicht aller Ehren werth,« sagte der Capitain, »wenn sie das wirklich thun?«
»Wenn sie nicht müßten, ja,« lachte der Apotheker, »aber es bleibt ihnen keine andere Wahl. Der Knüppel ist eben an den Hund gebunden.«
Ihr Gespräch wurde hier unterbrochen, denn der Tanz hatte begonnen, und die Paare kamen mit solcher Schnelligkeit, und in so rascher Reihenfolge angeflogen, daß die Zuschauer nur suchen mußten aus dem Weg zu kommen, um nicht überrannt zu werden.
Der junge Benner war übrigens mitten dazwischen, und hatte sich schon unter der Gruppe der Mädchen eine der flinksten Tänzerinnen herausgesucht, mit der er sich lustig im Kreise schwenkte. Der frühere Lieutenant, ein Herr von Krowsky, hielt sich dagegen mehr zu den Honoratiorentöchtern, und allerdings hatte man hier die Wahl, denn der Ball glich wirklich weit eher einer Art von Maskerade, als einem gewöhnlichen Tanzvergnügen.
Alle Stände schienen vertreten, und vom feinsten Ballcostüm an, das besonders ein junger, neu eingetroffener Arzt zur Schau trug und mit seiner weißen Weste und Cravatte, wie Strümpfen und Schuhen, wie vollkommen tadellosen Frack Aufsehen erregte, bis zu dem Bauer mit dem dreieckigen Hut, die kurze qualmende Pfeife im Munde oder Doctor Polzig in Wasserstiefeln, war Alles vertreten.
Ebenso bei den Damen; einige der jungen Mädchen und Frauen, unter ihnen Schrader's Tochter und die Frau Becher, hatten wirklich geschmackvolle Balltoilette gemacht, mit der sie in jedem Casino hätten erscheinen können. Nur die um die Taille gebundenen weißen Taschentücher gaben Zeugniß der gemischten Gesellschaft, da die wenigsten Herren Handschuh trugen. Die Bauermädchen dagegen verschmähten selbst diesen Schutz gegen kleine Unbequemlichkeiten des Lebens, und ihre weißen großen Taschentücher an einem Zipfel in den sonngebrannten arbeitstüchtigen Händen haltend und hin und herschlenkernd, prangten sie in all dem Schmuck ihres heimischen Dorfes, mit silbernen Ketten und Ohrringen, mit großen Bändern auf den Hauben, oder auch bunte Tücher um den bloßen Kopf gebunden – aber Alle trugen Strümpfe, obgleich sie die sonst nur Sonntags in der Kirche an die Füße brachten, und Alle sahen vergnügt und glücklich aus. Dazwischen aber bewegten sich auch die Handwerkerstöchter in schlichten Kattunkleidern, mit natürlichen Blumen im Haar, und manche schmucke, niedliche Gestalt war unter ihnen. Ja selbst die Dienstmädchen hatten vollkommen freien Zutritt zu dem Ball und manche »Honoratiorentochter« »schimmelte« an der Wand, während sich ihre jugendfrischere Magd mit den jungen Herren lustig im Kreise schwenkte.
Aber keine Unordnung fiel vor; wenn auch einmal Einer der jungen wilden Burschen einen hellen Juchzer mit »unse Kirmeß« in der Erinnerung an die heimathlichen Freuden ausstieß; sie Alle wußten, daß sie dabei auf Ordnung halten mußten. Der junge Braunhofer, ein Bauernsohn, hatte der Frau Becher nicht zu viel versprochen, wenn er ihr sagte, sie solle keine Furcht haben, und in harmloser Lustigkeit verbrachte das fröhliche Völkchen seinen Abend.
Der englischen Gerichtsbarkeit war das ebenfalls bekannt. Hatte das eine englische Wirthshaus im Ort einmal Tanzmusik, so mußte die ganze Polizei die Nacht auf den Beinen sein und war selbst dann oft nicht im Stande, einen Tumult zu verhüten. Hielten die Deutschen dagegen Ball, so sah man keinen Policisten auf der Straße oder in der Nachbarschaft, und nur zuweilen kam die Behörde selber mit der Cigarre im Munde und einem ganz vergnügten Gesicht, um ein wenig zuzusehen, oder wohl selber einen Tanz zu wagen.
Der junge Benner war übrigens an dem Tage einer der fleißigsten Tänzer gewesen, und dabei nicht etwa wählerisch in seinen Ansprüchen an Rang oder Stand. Am allermeisten tanzte er sogar mit einem jungen Mädchen, einer reizenden Blondine. Sie war ein bildhübsches Kind, aber nur eine Schusterstochter, die bei dem Apotheker Schrader in Dienst stand, und Madame Schrader selber fühlte sich so entrüstet darüber, daß sie ihm, als er auch sie einmal aufforderte, mit gerümpfter Nase den Rücken drehte und meinte, sie »wolle ihre Jette nicht berauben.«
Jetzt war Pause. Benner hatte seine Tänzerin zum Büffet geführt, wo sie ein Glas Punsch mitsammen tranken, und schlenderte dann Arm in Arm mit dem früheren Lieutenant Krowsky im Saal herum.
»Du scheinst Dich zu amüsiren,« sagte dieser, der sich seinerseits ziemlich zurückgehalten hatte. Er war erst kurze Zeit in der Colonie und an das wunderliche Leben noch nicht gewöhnt.
»Und weshalb nicht?« lachte Benner, »zu was Anderem sind wir hier? Mir kommt Australien immer wie so eine Art unterseeische Stadt, wie eine Traumwelt vor, in die uns das Schicksal geworfen hat, und wir machen jetzt den hiesigen Meerweibchen den Hof, wie wir es früher den Baronessen und Comtessen gemacht haben.«
»Ja,« sagte Krowsky, »so würde ich es mir auch gefallen lassen, wenn ich die Gewißheit hätte, daß ich morgen früh in meinem Bett daheim wieder aufwachte, aber – hol' mich der Teufel, Benner, ich glaube, wir haben einen verflucht dummen Streich gemacht, daß wir uns hierher verloren, und ich wenigstens sehe noch gar kein Ende ab, wie wir wieder mit Ehren wegkommen wollen.«
»Wieder wegkommen?« lachte Benner trotzig, »und wer denkt daran? Das frühere Leben haben wir abgeschüttelt – für Deutschland sind wir doch todt und begraben – die Oberwelt will uns nicht wieder und kann uns nicht gebrauchen, so jetzt denn mit beiden Füßen in dies tolle Treiben hineingesprungen und durchgeschwommen – es kann eben Nichts helfen.«
»Ja, das ist Alles recht schön und gut,« seufzte der Lieutenant, »wenn nur eben die Erinnerung nicht wäre.«
»Bah!« lachte der junge Baron trotzig, – »Erinnerung! Kannst Du selber zurück? – Bist Du im Stande, daheim wieder in die alten, einmal verlassenen Verhältnisse einzutreten?«
»Wenn ich's wäre, Benner, bei Gott, ich bliebe keine Stunde länger in dem verwünschten Lande – aber es geht nicht.«
»Nun also,« rief sein Kamerad, »den Kopf hoch und diese holzköpfigen Bauern nicht merken lassen, daß wir uns nur im Geringsten hier außer unsrer Sphäre fühlen. Was die können, können wir auch, und ich wenigstens will ihnen beweisen, daß ich mich nicht vor dem australischen Leben fürchte – ich heirathe und werde australischer Familienvater.«
»Du bist verrückt,« lachte Krowsky – »wen? eine der reichen Bauerstöchter? Da kannst Du erleben, daß Bauer Hinz oder Kunz dem Herrn Baron von Benner kurz ab den Stuhl vor die Thür setzt, weil er seine Tochter nicht will eine Mesalliance machen lassen, – d. h. weil sie Geld hat und Du nichts.«
»Und glaubst Du, daß ich mich dem aussetzen würde? – Ich will das Geld der lumpigen Bauern nicht; ich brauche es nicht und kann ihnen – und denen daheim beweisen, daß ich selber im Stande bin, meinen eigenen Hausstand zu gründen. – Ich heirathe des Schusters Tochter – meine Tänzerin.«
»Du bist toll,« rief Krowsky, – »des Apothekers Dienstmagd? Und glaubst Du, daß Deine Familie das zugeben würde?«
»Meine Familie?« lachte Benner bitter vor sich hin, »die hochadelige Sippschaft, wie sie die Nasen rümpfen und wüthen und schimpfen werden, und die Tante, die Staatsdame, hahaha! Könnte ich nur dabei sein, wenn sie's erführen – wie sie die Hände zusammenschlagen und in ihrem Kaffeeklatsch die entsetzliche Neuigkeit besprechen, daß der Sohn des Regierungspräsidenten, der Enkel des Ministers, ein Dienstmädchen geheirathet hat.«
»Aus Dir spricht der Punsch heute Abend,« sagte Krowsky ruhig, weil er ihn durch weiteren Widerspruch nur noch mehr in der tollen Idee zu bestärken fürchtete, – »morgen reden wir weiter darüber – da beginnt der Tanz wieder; ich habe die tolle Wirthschaft übrigens satt und werde nach Hause gehen und mich schlafen legen. Kommst Du mit?«
»Ich denke gar nicht d'ran,« lachte Benner, »jetzt geht die Lust erst los, und ich bin bei meiner Braut auch auf den Cotillon engagirt.«
»Benner, mach' keinen Unsinn,« sagte Krowsky, »und setz' dem armen Mädel nicht etwa gar tolle Dinge in den Kopf – Du willst doch nicht ewig in Australien bleiben?«
»Will ich nicht?« rief Benner trotzig, »und glaubst Du, daß ich hier solche Arbeit verrichtete, wenn ich nicht fest entschlossen dazu wäre? Sobald ich Geld genug zusammen habe, um mir nur hundert Schafe zu kaufen, werde ich Stationshalter, und in zehn Jahren bin ich ein reicher Mann – aber da beginnt der Tanz.« – Und während sich Krowsky, wirklich des Gewirres müde, der Thür zuarbeitete, um an die frische Luft zu kommen, suchte Benner seine Tänzerin wieder auf und gab sich mit wahrhaft ausgelassener Fröhlichkeit dem Vergnügen hin.
Zweites Capitel.
Jung gefreit; hat's Niemand gereut?
Wochen waren seit dem letzten Ball vergangen und Krowsky und Benner indessen oft zusammengewesen. Beide bedurften auch einander gegenseitig, denn mit wem Anderen hätten sie sich aussprechen können, wer anders hätte sie verstanden oder ihre verschiedenen Lebensansichten getheilt? Aber nie kam der Lieutenant auf jene Andeutung zurück, die ihm Benner am Ballabend gemacht, und die er natürlich für ein nur im halben Rausch gethanes Prahlen hielt. Benner konnte sich solcher Art doch auch wahrlich nicht den Rückweg in die alte Heimath muthwillig und für immer abschneiden, was durch eine solche Heirath jedenfalls geschehen wäre, und je weniger deshalb darüber gesprochen wurde, desto besser.
Ihre Zusammenkünfte in der Woche waren auch wirklich sehr spärlich, und Beide zu sehr und anhaltend beschäftigt; Abends auch viel zu müde, um noch nach vollbrachter Arbeit lange aufzusitzen.
Und was trieben Beide, die daheim nur in der haute volée gelebt, nur in den ersten Cirkeln der Stadt ihre Gesellschaft gesucht und nie davon geträumt hätten, mit dem »gemeinen Mann« in anderer Art, als wie zwischen Dienern und Herren zu verkehren? Womit beschäftigten sie sich hier, nachdem sie, übersättigt von den mißbrauchten Genüssen des Lebens, die Geduld ihrer Verwandten ermüdet, in tollem Jugendtrotz eine neue Welt aufgesucht, um hier herüber wo möglich ihr altes Leben zu tragen? Waren die Träume erfüllt, mit denen sie sich die transatlantische Erde ausgemalt? waren ihre Ideale zur Wirklichkeit geworden? –
Der Apotheker Schrader hatte nicht Unrecht, wenn er behauptete, Herr von Benner sei Handlanger und Herr von Krowsky Kindermädchen geworden.
Benner war nicht im Stande gewesen, in Adelaide irgend eine ihm nur halbweg zusagende Beschäftigung zu finden, denn man konnte ihn eben zu nichts gebrauchen. Daß er eine leidliche Hand schrieb, genügte nicht – es wurde bei Jedem außerdem vorausgesetzt. Und seine übrigen Fähigkeiten zeigten sich sehr geringer Art. Er ritt allerdings ausgezeichnet und spielte vortrefflich Whist und Billard, aber zu alle dem brauchte ihn Niemand. Als das wenige mitgebrachte Geld endlich verzehrt war, wanderte er in Verzweiflung zu Fuß nach Tanunda und fand hier Arbeit bei einem deutschen Maurer, der gerade Tagelöhner brauchte. Er mußte eben leben und war zu stolz zum Betteln. Im ersten Vierteljahr ging es ihm freilich sehr knapp, aber bald arbeitete er sich hinein, so daß er schon im Stande war, eine einfache Mauer aufzuführen und sonstige kleine Arbeiten zu machen. Sein Lohn stieg damit, und da er Abends manchmal und regelmäßig Sonntags, für die deutsche Zeitung in Adelaide – allerdings um ein sehr mäßiges Honorar correspondirte, begannen sich seine Aussichten zu bessern.
Von Krowsky lebte in ganz ähnlichen Verhältnissen; nur hatte er sich nicht dazu bequemen können, bei deutschen Handwerkern in Arbeit zu gehen. Er wollte arbeiten, ja, so hart wie Einer, aber die deutschen Erinnerungen waren ihm noch zu frisch im Gedächtniß, und da er ziemlich gut englisch sprach, fand er endlich im Haus des Friedensrichters ein Unterkommen. Dort wurde er theilweise mit der Feder beschäftigt, mußte aber auch im Garten mit anfassen, und die junge Frau des Richters, wenn sie mit ihrem Mann spazieren ging, verwandte ihn gar nicht etwa so selten dazu, in der Zeit »ein wenig auf das Kind Acht zu geben.« Krowsky war dabei wirklich sehr gutmüthiger Natur und hatte Kinder gern: daß er dann zu Zeiten das Kleine auf den Arm nahm und damit herum tanzte, war natürlich. Der Volkswitz bemächtigte sich aber auch rasch dieser Thatsache und eintreffenden Fremden besonders wurde mit Vorliebe erzählt, daß sie hier einen österreichischen Offizier hätten, der Kindermädchen geworden wäre.
Es war wieder ein Sonntag Abend und Krowsky ging ungeduldig in seinem kleinen Zimmer auf und ab, da Benner versprochen hatte, dort vorzusprechen, aber er kam heute spät, und der junge Mann hatte eben seinen Strohhut aufgegriffen, um selber fortzugehen, als der Freund in der Thür stand und lachend ausrief:
»Du bist ungeduldig geworden, wie?«
»Du bist in der That länger geblieben, als ich dachte.«
»Und wenn Du wüßtest, wo ich gewesen bin,« sagte Benner, »und was ich in der Zeit Alles gethan habe, würdest Du mir doch eingestehen müssen, daß ich mich wacker geeilt?«
»Und wo warst Du?«
»Beim Schuhmacher Peters.«
»Läßt Du bei dem jetzt arbeiten?«
»Natürlich werde ich bei meinem Schwiegervater arbeiten lassen,« lachte Benner, »ich darf ihm doch die Kundschaft nicht aus dem Haus hinaustragen.«
»Deinem Schwiegervater? Mensch, bist Du toll?« schrie Krowsky wirklich erschreckt.
»Die Sache ist abgemacht,« sagte aber Benner in voller Ruhe, »ich habe bei ihm in aller Form um die Hand seiner Tochter Henriette angehalten, und wenn ihm auch im Anfang die Verwandtschaft zu vornehm war, willigte er zuletzt ein.«
»Er hat eingewilligt?« rief der Lieutenant.
»Wundert Dich das?« lachte Benner. – »Anfangs wollte er allerdings nicht. Er fragte mich, ob es wahr sei, daß mein Großvater Minister gewesen und mein Vater noch bei der Regierung wäre, und als ich das nicht ableugnen konnte und wollte, schlug er mir das Mädel rund ab.«
»Weißt Du, daß der Schuhmacher der Vernünftigere von Euch Beiden war?«
»Ich danke Dir. – Traust Du mir nicht zu, daß ich weiß was ich thue?«
»Wenn Du die Schusterstochter wirklich heirathest, nein,« sagte Krowsky finster, – »und zu einem Spiel ist das arme blutjunge Ding zu gut.«
»Krowsky, Du pochst wirklich auf unsere Freundschaft.«
»Weil ich Dir ehrlich die Wahrheit sage? Wie alt bist Du?«
»Sieben und zwanzig Jahre! – Ich denke, ich bin mündig.«
»Leider!« seufzte der junge Offizier. »Und wie willst Du mit der Frau je nach Deutschland zurückkehren?«
»Aber wer sagt Dir denn, daß ich das will?« rief Benner heftig aus. »Meine Seele denkt nicht daran. Mit meiner Familie bin ich fertig – meine Mutter ist todt, mein Vater, ein starrer Büreaukrat und Geldmensch, hat mich mit kaltem Blut, mit eiserner Ueberlegung von seiner Schwelle verstoßen. Glaubst Du, daß ich ihm je wieder bittend nahen würde?« –
»Aber er selber kann Dich zurückrufen.«
»Wenn Du ihn kenntest, würde Dir nie ein solcher Gedanke möglich scheinen. – Nein – aber selbst wenn er es thäte, wenn ihn reute, wie er an dem einzigen Sohn gehandelt, es wäre jetzt zu spät, und er mag nun büßen, was er an mir verbrochen.«
»Aber Benner,« sagte Krowsky treuherzig, »Du sprichst da wahrhaftig wie ein Kind, das seinen Trotzkopf behauptet. Wen strafst Du denn damit am meisten, Dich selber oder ihn? Komm, überleg' Dir die Sache ordentlich, und Du wirst doch am Ende zu einem anderen Entschlusse kommen.«
»Mein guter Krowsky,« sagte der junge Mann, »Du wirst jetzt sentimental, und von einem anderen Entschluß kann keine Rede sein. Ich will und werde in Australien bleiben, denn ich sehe, daß Tausende von Menschen, denen wir Beide an Intelligenz bei Gott nicht nachstehen, hier ihr Glück machen und reich werden. Ich denke aber auch gar nicht daran, ein elendes Junggesellenleben die ganzen langen Jahre zu führen, – ich brauche Jemanden, der sich um mich bekümmert, weil ich das selber noch nie gethan habe, und meine kleine Henriette scheint mir dazu gerade das richtige Wesen; ich hätte keine bessere Wahl treffen können.«
»Nun Gott gebe,« sagte Krowsky mit einem Seufzer, »daß sie das Nämliche auch einmal später von Dir sagen kann. Wenn Du in Dein Unglück hineinrennen willst, ich kann Dich nicht halten, aber meine Meinung ist, daß Du Dich für Lebenszeit unglücklich machst, und das Mädchen besser thäte, den ärmsten Schuhmachergesellen im ganzen Ort zu nehmen, als den Sohn des Regierungspräsidenten von Benner.«
Benner sah finster vor sich nieder; er hatte von dem sonst so leichtherzigen, ja oft leichtfertigen Lieutenant ein anderes Urtheil erwartet; aber das dauerte nicht lange – um seine Lippen zuckte ein spöttisches Lächeln und er sagte endlich:
»Krowsky, ich werde Dich ersuchen die Trauungsrede zu halten, heißt das, wenn Du Dich je wieder einmal in eine so salbungsvolle Stimmung versetzen kannst. Jetzt komm, wir wollen ein wenig ausgehen, und nachher stell' ich Dich meiner Braut vor –«
»Im Hause des Apothekers Schrader?« spottete Krowsky, »sie wird gerade bei ihrer Arbeit sein.«
»Aergere mich nicht,« rief aber Benner; »es versteht sich von selbst, daß sie den Platz noch heute verläßt oder schon verlassen hat.«
»Und wann soll die Hochzeit sein?«
»Sobald als möglich – ich bin das Leben satt und will ein neues beginnen.«
Krowsky antwortete nicht mehr; er sah, daß alle Gegenvorstellungen doch nichts halfen, und nur aufseufzend und mit dem Kopf schüttelnd, nahm er seinen Hut und folgte dem Freund, der ihm voran auf die Straße hinausschritt.
Sie waren noch nicht weit gegangen, als ihnen der Apotheker Schrader begegnete, den beiden jungen Leuten zunickte und vorüber ging. Kaum hatten sie ihn aber passirt, als er stehen blieb und zurückrief:
»Ach, Herr Benner, ich wollte Ihnen gern etwas sagen.«
»Mir, Herr Schrader?« fragte Benner, sich halb nach ihm wendend, ohne Krowsky's Arm aber loszulassen.
»Ja – Sie entschuldigen – aber – ich wollte Sie bitten, mein Mädchen, die Jette zufrieden zu lassen. Es ist ein braves, ordentliches Kind und ihre Eltern haben sie unter meinen Schutz gestellt.«
»In der That, Herr Schrader,« sagte Benner lächelnd.
»In der That, Herr Baron,« erwiderte der kleine Apotheker, durch den höhnischen Ton ebenfalls gereizt.
»Und kommen Sie jetzt von Hause oder gehen Sie dorthin?«
»Und weshalb, wenn ich fragen darf? Ich gehe nach Hause.«
»Oh, bitte, dann sagen Sie doch Henrietten,« fuhr Benner ebenso fort, »daß sie sich mit Einpacken ein wenig eilen möchte. Es wird nachher Jemand vorkommen, der ihre Sachen abholt.«
»Ihre Sachen abholt?« rief der Apotheker, und blieb in größtem Erstaunen auf der Straße stehen.
»Guten Morgen, mein lieber Herr Schrader,« sagte Benner, ihm vertraulich zunickend, und schritt mit Krowsky die Straße hinab, dem Hause des Schuhmachers Peters zu.
Dort herrschte heute keine sonntägige Ruhe, wie sonst immer an einem solchen Tag, wo Mutter und Tochter in die freichristliche Kirche gingen und der Vater indessen, der, wie er meinte, »vom Kirchengehen nichts hielt,« in schneeweißen Hemdsärmeln behaglich hinten in seinem kleinen Garten saß, aus einem großen, nur Sonntags gebrauchten Meerschaumpfeifenkopf rauchte und dazu die eben eingetroffene Adelaide-Zeitung laß.
Henriette, ein junges, wirklich bildhübsches Mädchen, mit blonden Haaren und großen treublauen Augen, saß in der Ecke und weinte; der Vater ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und qualmte, daß der Dampf wie aus einer Locomotive hinter ihm drein zog, und nur die Mutter, eine noch rüstige Frau, mit einem klugen, nur etwas scharf markirten Gesicht, saß am Fenster, strickte und schien die allgemeine Aufregung nicht zu theilen.
»Es thut kein Gut – es thut kein Gut,« brummte dabei der Mann zwischen den Zähnen durch, »Du wirst sehen, Alte –«
»Jetzt sei endlich vernünftig,« sagte aber die Frau, »Du hast einmal eingewilligt, also ist die Sache abgemacht, und daß die Kinder ihr Brod finden werden – lieber Gott, hier in Australien hat Jeder sein Brod, der nur arbeiten will, und ein verheiratheter Mann noch viel eher, als ein lediger, denn er ist nicht aufs Wirthshaus angewiesen, wo die ledigen Burschen das gewöhnlich in einem Tag verjubeln, was sie in sechsen mit schwerer Arbeit verdient haben.«
»Aber aus so vornehmer Familie – Du kennst die Leute daheim nicht, Alte, und wenn –«
»Aber was haben wir mit den Leuten daheim zu thun?« sagte die Frau ungeduldig. »Wir sind hier in Australien, am anderen Ende der Welt, und wer da sitzt der braucht sich wahrhaftig nicht mehr um die deutschen Barone und Grafen und Minister zu kümmern – weiter fehlte gar nichts.«
»Und wenn er wieder einmal dorthin zurückkehren will?«
»Dann wird ihm unser Kind auch keine Schande machen,« sagte die Mutter mit Stolz auf das erröthende Mädchen blickend. »Er kennt doch die Verhältnisse daheim besser und genauer als wir, und wenn's ihm recht ist, dürfen wir auch damit zufrieden sein.«
»Und wenn er sie sitzen läßt?« sagte der Vater störrisch.
»Das wird er nicht thun, Vater,« sagte da das junge Mädchen mit fester, vertrauensvoller Stimme, – »er ist gut und brav, und auch guter und braver Leute Kind, – er wird ein armes Mädchen, das ihn lieb hat, nicht unglücklich und elend machen, wenn er ihr erst gesagt hat, daß er nicht ohne sie leben kann.« –
»Na, denn in Gottes Namen und meinetwegen,« rief der Vater in Verzweiflung aus, »gegen Euch Frauensleute ist doch nicht anzukommen, wenn Euch der Dünkel einmal den Kopf verdreht hat – Baron, – Baron und Frau Baronin, nicht wahr? – ich erleb's noch, daß Du Dich so nennst.«
»Lieber Vater!« bat Henriette.
»Und warum soll sie sich nicht Frau Baronin nennen?« rief da Benners lachende Stimme, der an der Thür die letzten Worte gehört hatte, und ins Zimmer sprang, »wie Jettchen? Klänge für Dich etwa der Titel schlechter, als für irgend ein abgelebtes, pergamenthäutiges Schreckbild der vornehmen Gesellschaft im alten Vaterland?«
»Mein lieber, guter Eduard,« sagte das junge Kind, schüchtern auf ihn zugehend, während er sie in seine Arme schloß und herzlich küßte, »sei dem Vater nicht böse.«
»Und weshalb, Schatz?« rief der junge Mann, »etwa weil er Dich Frau Baronin nannte? – Aber hier ist ein Freund, mit dem ich Euch bekannt machen möchte – Krowsky, wie gefällt Dir meine Braut?«
Krowsky hatte bis jetzt in der Thür gestanden und die Gruppe schweigend überschaut. Seine Blicke hafteten dabei vorzugsweise auf dem jungen Mädchen, und er mußte sich gestehen, seit langer Zeit kein so liebliches Wesen gesehen zu haben.
Sie war noch blutjung – fast in der That ein Kind, und die Schüchternheit, mit der sie ihm in diesem Moment gegenüberstand, machte sie vielleicht noch jünger erscheinen, als sie an Jahren zählte. Die Wahl, wie er sie auch mit kälterem Blute sonst mißbilligen mochte, stellte jedenfalls ein gutes Zeugniß für Benners Geschmack aus – aber würde sich dieser, selbst durch ein so liebliches Wesen, für seine ganze Lebenszeit binden lassen?
Lieutenant Krowsky hatte sich seine ganze Lebenszeit durch einen fast übergroßen Leichtsinn ausgezeichnet und daheim eine so tolle Jugend verlebt und so viele Schulden dabei gemacht, wie vielleicht irgend ein Lieutenant seines Alters in der ganzen Welt. Aber das eine Jahr, das er in Australien zugebracht, schien eine merkwürdige Veränderung in ihm bewirkt zu haben. Wie er sich in diesem Lande keine lebenslängliche Existenz denken konnte, ohne zu verzweifeln, und mit heißer Sehnsucht der Zeit dachte, wo er in das Vaterland zurückkehren könne, glaubte er, daß auch alle anderen Menschen, wenigstens Benner, so denken müßten, und es war ihm dann ein recht wehes, schmerzliches Gefühl, wenn ihm das Schicksal dieses armen, unschuldigen und ahnungslosen Wesens vor die Seele trat. – Doch was konnte er bei der Sache thun? Abgeredet hatte er genug, aber nichts damit erreicht; Benner war fest entschlossen, seinem Kopf zu folgen. – Du lieber Gott, wer weiß, ob er vor einem Jahr nicht noch das Nämliche gethan, und halb verlegen, halb gerührt, und jedenfalls mit weit mehr Herzlichkeit, als ihm sonst eigen war, ergriff er Jettchens Hand und sagte leise:
»Mein liebes Kind, ich will zu Gott hoffen, daß Sie sich immer so froh und glücklich fühlen, wie gerade heute, und daß nie ein Kummer oder eine Sorge die Rosen auf diesen Wangen bleichen mögen.«
»Bravo, Krowsky,« rief Benner lachend, »Du hast heut wieder Deinen salbungsreichen Tag und triffst nach beiden Seiten. Es steht Dir vortrefflich.«
»Weißt Du, mein Junge,« sagte Krowsky ernsthaft, »ein Bischen Salbung könnte Dir ebenfalls nicht schaden, denn Du thust einen verdammt wichtigen Schritt; aber daß ich auch fidel sein kann, will ich Dir auf Deiner Hochzeit beweisen, wozu ich mich hiermit feierlichst einlade.«
Drittes Capitel.
Der Brief.
Anderthalb Jahre waren nach der beschriebenen Scene verflossen, und »Baron Benner« hatte wirklich zum Erstaunen der ganzen Colonie nicht allein »Schrader's Dienstmädchen« geheirathet, sondern auch eine, dem alten Schuhmacher gehörende Section Land bezogen, auf der er sich selber ein kleines Häuschen baute und wacker zu wirthschaften anfing. Er schien in der That nicht zu viel versprochen zu haben, als er damals seinem Freund Krowsky sagte, er wolle ein neues Leben beginnen und mit dem alten vollständig und für immer brechen. Mit eisernem Fleiße hatte er gearbeitet, keine Stunde versäumt, kein Wirthshaus dabei betreten und sich in der kurzen Zeit mit zwei sehr glücklichen Ernten doch schon so viel verdient, daß er es als Grundlage einer künftigen gesicherten Existenz betrachten konnte.
Seine junge Frau hing dabei mit schwärmerischer Liebe an ihm, und Krowsky, der jetzt in Adelaide wohnte, und nach Verlauf eines Jahres noch einmal nach Tanunda hinauskam, um Abschied von Benners zu nehmen, blieb ordentlich überrascht stehen, als ihm das junge blühende Weibchen in all ihrer natürlichen Grazie mit einem prächtigen Jungen auf dem Arm entgegenkam und ihm, wie Purpur erröthend, die Hand reichte.
Krowsky selber verließ Süd-Australien und ging zu Schiff nach Neu-Süd-Wales, er sprach überhaupt davon, Australien vielleicht bald ganz zu verlassen. Er hatte das Leben zum Ueberdruß satt und konnte sich nicht hineingewöhnen – es gab doch nur ein Deutschland.
»Und was hast Du dort drüben?« sagte Benner. »Bist Du im Stande, wieder in die alten Verhältnisse, in die alte Stellung, in die alten Bekanntschaften einzutreten? – Nein, nie. Mittellos, der Spott der früheren Kameraden werden? Bei Gott, das hielte ich nicht aus, und darfst Du denn, mit Deinem Namen – dürfte ich es? – dort arbeiten? Wir wären ausgestoßen aus der Gesellschaft, in die wir dort nun einmal gehören, und würden uns unglücklich und elend fühlen. Nein wahrlich, da bleib' ich lieber hier und gründe mir hier meine eigene Welt, meinen eigenen Kreis. – Geh mir mit Deutschland und seinen schaalen hohlen Begriffen von Stand und Rang, seinen Prätensionen und übertünchten gesellschaftlichen Formen – ich will nichts mehr davon hören.«
Krowsky reiste am nächsten Tag ab, und Benner begleitete ihn bis nach Adelaide auf das Schiff, dann kehrte er nach Hause zurück und nahm das alte Leben wieder auf.
So vergingen noch wieder mehrere Monate; es war in den letzten Tagen des Mai, und Benner mit seiner Flinte in das Maisfeld hinausgegangen, da sich die ersten Kakaduschwärme zeigten und die noch saftigen Maiskolben bedrohten. Die gefräßigen Vögel, ein Schwarm von vielleicht funfzig bis sechszig Stück, die in die benachbarten Gummibäume einfielen, machten auch gleich einen Angriff auf die leckere Beute, flüchteten aber, als sie den Mann aus dem Haus kommen sahen, wieder in die Wipfel der riesigen Bäume hinauf, wo sie ein Schrotschuß gar nicht erreichen, ihnen wenigstens keinen Schaden thun konnte. Dort saßen sie und kreischten und tobten, bis sie richtig den Hauptzug herbeilockten, der gerade von Osten herüberstrich und die Ansiedelungen aufsuchte.
Wie eine weiße mächtige Wolke kam er heran, viele Tausende dieser geselligen Vögel, und mit einem Lärm, der bei stillem Wetter auf Meilen weit hörbar war, fielen sie plötzlich in die benachbarten Bäume ein, daß diese wie beschneit aussahen, so waren sie von ihnen bedeckt.
Benner kannte aber schon die Lebensart der Kakadus und versuchte nicht, an sie anzuschleichen, sondern versteckte sich hinter einen im Feld stehenden alten und abgestorbenen Baum, wo er ruhig und regungslos stehen blieb, bis sich die ziemlich scheuen Vögel endlich überzeugt zu haben glaubten, daß Alles da unten sicher sei. Jetzt löste sich der erste Schwarm aus den Wipfeln ab, vielleicht fünf- bis sechshundert, und strich lautlos in das Feld nieder, gerade über Benner's Kopf weg; da krachte der erste und gleich darauf der zweite Lauf mitten hinein in die Masse, und wie die erschreckten Thiere aufkreischend auseinanderstoben, stürzten zwölf oder vierzehn von ihnen todt oder geflügelt wie ein Regen in das Feld nieder.
Jetzt aber war es, als ob jeder der Vögel sein Bestes thue, den anderen zu überschreien; ein wahrer Höllenlärm entstand, und Hunderte, während die Verwundeten am Boden nicht weniger Spectakel machten, stießen von den Bäumen herab, wie um ihnen beizustehen, oder doch zu sehen, was da vorging.
Der junge Mann hatte indessen in aller Hast seine beiden Läufe wieder geladen, und wie Trupp nach Trupp mit wildem, ängstlichem Geschrei über den Platz wegstrich, suchte er sich wieder den zahlreichsten Schwarm aus und feuerte noch einmal hinein, wieder mit nicht viel schlechterem Erfolg. Das war ihnen zu viel. Daß sie außerdem den Feind nicht sehen konnten, ängstigte sie. Die Gegend kam ihnen zu unsicher vor, von den Bäumen strichen sie ab, kreisten ein paar Mal hoch in der Luft und weit außer Schußweite um den verdächtigen Platz und zogen dann in dichtgedrängtem Schwarm nach Westen hinüber.
Benner war noch damit beschäftigt, die Erlegten zusammenzusuchen und die Verwundeten vollends zu tödten. Die Kakadus haben zwar ein nichtswürdig hartes, dunkelrothes Fleisch und liefern einen nur sehr zweideutigen Braten, geben aber, wie die Ansiedler wenigstens behaupten, eine gute Suppe, und Henriette wußte die auch vortrefflich zuzubereiten. Da hörte er irgend wo im Feld draußen seinen Namen Rufen:
»Herr von Benner! – Herr von Benner!«
»Huhp!« antwortete er, um die Richtung anzugeben, in der er sich befand und richtete sich hoch auf.
»Huhp!« antwortete die Stimme wieder und irgend Jemand arbeitete sich durch den Mais durch nach ihm zu. – »Aber wo stecken Sie denn? Der Teufel kann Sie in dem Gewirr von Stöcken finden.«
»Hier!« antwortete Benner wieder und gleich darauf tauchte das schweißgeröthete Gesicht des kleinen Kaufmanns Becher aus dem Blattdickicht auf und lächelte vergnügt, als er den jungen Mann bei seiner Arbeit entdeckte.
»Hallo!« rief er, »haben Sie aber hier eine Verwüstung im zoologischen Garten angerichtet. Herr der Welt! Was wollen Sie mit all den Kakadus machen?«
»Suppe,« sagte Benner, »und wenn Sie nichts Besseres vorhaben, bleiben Sie bei uns zu Tisch.«
»Danke Ihnen, angenommen!« rief Becher, sich mit einer englischen Flagge dabei die Stirn trocknend. Er hatte nämlich in Deutschland eine bedeutende Quantität baumwollener Taschentücher als solche Flaggen drucken lassen, aber in der deutschen Colonie doch nicht den Absatz dafür gefunden, den er vielleicht erwartete, und nun selber, um damit aufzuräumen, ein Dutzend davon in Gebrauch genommen. »Nach Tanunda käm' ich auch bei der Hitze gar nicht wieder zurück, ohne unterwegs zu schmelzen. Ist das ein Land, dies Australien – Alles verkehrt – rein Alles! Ich habe sogar die Compasse in Verdacht, daß sie heimlicher Weise nach Süden statt nach Norden zeigen, und selbst die Sonne hier im Westen auf und im Osten untergeht – im Stande wär' sie's. – Ha, passen Sie auf, da drüben sitzt noch einer – nehmen Sie sich in Acht, die Racker beißen wie die Teufel – mich hat einmal einer ausgezahlt.«
Benner lachte, zog den bezeichneten Kakadu, der unter einem der dort überall als Unkraut wachsenden Pelargonienbüsche saß, bei einer Flügelspitze vor und schlug ihn vollends todt. Dann raffte er seine, nicht unansehnliche Beute zusammen und machte sich bereit, damit nach Hause zurückzukehren.
»Aber was führt Sie bei der Hitze und Gluth hier in unsere abgelegene Gegend, mein guter Herr Becher?« fragte er, während er neben ihm her dem Haus wieder zuschritt. »Wollen Sie einen neuen Einkauf von Hühnern und Eiern machen, oder werfen Sie sich gar auf die Mehlspeculation, die uns die Preise in die Höhe treibt?«
»Diesmal nicht,« sagte Becher, – »aber bitte, lassen Sie mich doch eine Partie von den Bestien tragen – sie sind doch ordentlich todt?«
»Haben Sie keine Furcht, von denen beißt Keiner mehr. Hier, nehmen Sie die da, wenn Sie sich denn absolut nützlich machen wollen.«
»Danke Ihnen – nein, ich bin nur Ihretwegen heute herausgekommen; ich habe einen Brief für Sie.«
»Einen Brief? Für mich?« rief Benner, erstaunt stehen bleibend, »und woher?«
»Ja, ich weiß es nicht,« sagte der kleine Mann, »er steckt in meiner Satteltasche im Haus – er ist vom ***schen Consulat aus Sydney und nach Adelaide geschickt, von wo er an mich weiter befördert wurde.«
»An Sie?« sagte der junge Mann kopfschüttelnd; »aber was haben Sie denn mit dem ***schen Consulat zu thun?«
»Ja, sehen Sie,« lächelte Becher etwas verschämt, »Sie wissen doch, daß ich aus Anhalt-Köthen bin, und da habe ich schon seit einiger Zeit das Anhalt-Köthensche Consulat für Tanunda bekommen, um die Interessen unserer Staatsangehörigen zu vertreten.«
»Alle Wetter!« rief Benner, »da wird Ihnen verwünscht wenig Zeit für Ihre übrigen Geschäfte bleiben.«
»Ach nein,« meinte der kleine Mann, doch ein wenig verlegen, »eigentlich ist dies die erste Besorgung die ich bekommen, denn unserer Staatsangehörigen haben wir keinen einzigen in der ganzen Colonie. Aber wissen Sie, es hat doch auch manche Annehmlichkeit Consul zu sein und – meine Frau freut sich besonders darüber.«
Sie waren indessen an das Haus gekommen, wo Benner's junge Frau schon, sie erwartend, mit dem Kind auf dem Arm, in der Thür stand und ihnen freundlich zuwinkte. Und wie jubelte der Kleine, als ihm der Vater die erlegten Vögel zeigte und ihm dann einen Flügel zum Spielen abschnitt.
Becher war indessen geschäftig zu seiner Satteltasche gelaufen, um den Brief zu holen, der mit einem großen, aber schon breitgeschmolzenen Consulatssiegel verschlossen war, daß man das Wappen nicht einmal mehr erkennen konnte. Die junge Frau betrachtete dabei mit einem ihr selbst unerklärlichen beängstigenden Gefühl das große, wie amtliche Schreiben, das ihr Gatte noch immer kopfschüttelnd in der Hand hielt.
»Was um Gottes willen kann nur das ***sche Consulat an mich zu schicken haben,« sagte er dabei, als er die Adresse las. »Herrn Freiherrn Eduard von Benner zu Adelaide in Süd-Australien – Freiherrn – ja wahrhaftig, ein Freiherr bin ich im wahren Sinn des Worts, wenn auch wohl nicht in der Art, wie die Adresse meint – und von wem der Brief nur sein kann?«
»Aber warum brechen Sie ihn denn nicht auf?« sagte Becher, »da erfahren Sie ja gleich die ganze Mordgeschichte.«
»Mordgeschichte?« rief die Frau erschreckt.
»Oh Jemine,« lachte Becher abwehrend, »so war es ja nicht gemeint, – ich weiß ja gar nicht was d'rin steht, nicht einmal wo er her ist. Vielleicht ist es ja auch etwas recht Gutes, eine Erbschaftsangelegenheit möglicher Weise, oder ein Lotteriegewinnst – wer kann denn wissen, was in einem solchen Consulatsbrief steht?«
Benner hatte das obere Couvert abgerissen und fand einen anderen, schwarz gesiegelten Brief darin, der sein eigenes Wappen trug.
»Von meiner Schwester,« rief er erschreckt, wie nur sein Auge auf die Adresse fiel.
Er war leichenblaß geworden, und Henrietten's angsterfüllte Blicke hingen an seinen Zügen.
»Hm – sollte mir leid thun, wenn eine unglückliche Nachricht darin stände,« meinte Becher gutmüthig – »aber wer zum Henker kann so was vorher wissen. Vielleicht ist's aber auch nur ein weitläufiger Verwandter, der Sie in seinem Testament bedacht hat, lieber Benner. – Famose Geschichte wenn so ein alter reicher Onkel stirbt, von dem man nur erst durch das Testament erfährt, daß er überhaupt gelebt hat.«
Benner hörte gar nicht mehr was Jener sprach. Er hatte den Brief in ungeduldiger Hast aufgerissen und verschlang die Zeilen der bekannten, lieben Handschrift mit den Blicken.
Endlich ließ er den Brief sinken und starrte still und schweigend vor sich nieder.
»Darf ich wissen, was Dir so weh thut, Eduard?« flüsterte Henriette und legte ihren Arm um seine Schulter.
»Ja, mein Herz,« sagte er leise, und ein paar große helle Thränen perlten ihm in den Bart. »Du darfst und mußt es wissen – bleiben Sie, lieber Becher – es ist überhaupt kein Geheimniß – der Brief enthält die Nachricht von dem Tode meines Vaters.«
»Armer Eduard,« sagte die junge Frau und schmiegte sich fester an ihn – »oh, wie leid mir das Deinetwegen thut!«
»Aber ich denke, Benner,« sagte der kleine Kaufmann, in reiner Verzweiflung, nur irgend einen Trost zu finden, »Sie – Sie haben mit Ihrem Herrn Papa nicht immer ganz harmonirt?«
»Es war mein Vater,« flüsterte der junge Mann, »und ich selber trage auch wohl viel – viel die Schuld jener unseligen Zwistigkeiten.«
Er war auf einen Stuhl niedergesunken und barg das Antlitz eine Weile in der linken Hand. Endlich stand er auf; er sah sehr blaß aus, war aber vollkommen ruhig, und Becher die Hand hinüberreichend, sagte er freundlich:
»Ich danke Ihnen, lieber Becher, daß Sie sich so viel Mühe meinethalben gegeben haben – lassen Sie mich jetzt einen Augenblick allein hinausgehen – es sind viele Dinge, die mir den Kopf kreuzen.«
»Aber, bester Freund, ich komme lieber auf ein ander Mal wieder.«
»Nein – nein – laß ihn nicht fort, Jettchen – nur sammeln möchte ich mich – der Schlag kam zu plötzlich – zu unvorbereitet – mein Vater war noch so rüstig, noch in seinen besten Jahren.«
»So war er nicht lange leidend –«
»Er ist auf der Jagd erschossen worden.«
»Du großer allmächtiger Gott,« sagte sein Weib erschüttert, »das ist ja furchtbar.«
»Ja, die verfluchte Jagd!« rief Becher leidenschaftlich, »was da schon für Unglück geschehen ist! – und das nennen die Leute nun ein Vergnügen, mit geladenen Büchsen im Walde nach allen Richtungen hin herumzuschießen, ob da Menschen stehen, oder nicht, wenn sie nur einen Hasen treffen. Na, ich danke.«
»Willst Du allein gehen, Eduard?«
»Laß mich einen Augenblick, mein Herz – ich muß auch den Brief noch einmal ordentlich überlesen. Es steht so viel, so Verworrenes darin, daß mir der Kopf ordentlich schwindelt – ich bleibe gewiß nicht lange aus.«
Er verließ das Zimmer, und Becher überlegte sich eben im Stillen, ob er nicht besser gethan, wenn er seinen ersten Consulatspflichten weniger treu nachgekommen wäre und den ominösen Brief mit der Post zugeschickt, oder durch einen expressen Boten besorgt hätte! Er hatte auf einen vergnügten Tag gerechnet und kam in ein Trauerhaus; es ließ sich aber jetzt nicht mehr ändern. Seine Gutmüthigkeit trieb ihn auch dazu an, die arme, sehr niedergeschlagene Frau zu trösten, und in seinem Eifer, sie zu zerstreuen, erzählte er ihr jetzt eine Unmasse von anderen, dem ähnlichen, ihm bekannten Unglücksfällen. Da hatte ein guter Freund von ihm einmal einen Schrotschuß in den Unterleib bekommen und nur noch lange genug gelebt, um seiner herbeigeeilten Frau Lebewohl zu sagen. Auf einem Nachbardorfe war dem Pfarrer das eigene Gewehr los und der Schuß durch die Hand gegangen, und ehe sie abgenommen werden konnte, bekam der Mann die Maulsperre und starb. – Und der Herr von Pescow gar, der Gutsbesitzer, wo er zu Hause war, der kommt Abends von der Jagd zu seiner Braut – am nächsten Tage sollte die Hochzeit sein, und er wollte nur noch einen Rehbock dazu schießen, und wie er die Flinte in die Ecke stellt, geht sie los und trifft ihn gerade durch den Kopf, daß er todt in die Stube fällt. – Und dann Schulmeister Lettweilen, ein seelensguter Mensch, wenn auch ein Bischen leichtsinnig –
Henriette ließ ihn nicht weiter erzählen; sie bat ihn, um Gotteswillen mit den Schreckensgeschichten aufzuhören – ihr würde ganz übel und weh dabei zu Muthe, und Becher, dem in diesem Augenblick gar nichts Anderes einfiel, war damit völlig auf's Trockene gesetzt. Aber die Frau hatte auch jetzt viel in der Küche zu thun, um das Essen herzurichten – die Kakadus könnten freilich für heute nicht mehr verwandt werden, denn sie bedurften ihre gehörige Zeit, um gahr zu werden. Becher setzte sich indessen in der Stube auf einen bequemen Rohrstuhl, wo er von der Hitze und dem langen ungewohnten Ritt heut' Morgen in der Sonne bald ermüdet einschlief.
Henriette fand ihn da, störte ihn aber nicht, sondern deckte nur so geräuschlos als möglich den Tisch, damit Eduard, wenn er wieder nach Hause kam, das Essen fertig und Alles bereit fände. Erst als sie ihn kommen sah, weckte sie Herrn Becher und konnte, trotz ihrer trüben Stimmung, kaum ein Lächeln unterdrücken, als sie das verdutzte Gesicht des kleinen, aus dem Schlaf auffahrenden Mannes sah, der mit weit geöffneten Augen ganz bestürzt um sich starrte und um's Leben nicht zu wissen schien, wo er sich eigentlich befand und was mit ihm vorgegangen. Erst nach und nach kam er wieder zu vollem Bewußtsein und versicherte jetzt die junge Frau ganz ernsthaft, er sei so müde gewesen, daß er »beinah' eingeschlafen wäre«.
Benner war still, aber freundlich. Er ging, als er in's Zimmer trat, auf Henrietten zu, nahm sie in den Arm und küßte sie herzlich auf Stirn und Augen; aber er sprach nicht weiter über den Brief oder den Todesfall; ja, als Henriette ihn direct deshalb fragte, sagte er: »Laß das heute, mein Kind; der Schmerz ist für mich noch zu neu, um ihn ruhig zu besprechen. Morgen reden wir darüber; ja, Du sollst selber den Brief lesen und mir Deine Meinung sagen.« Er wurde dann gesprächiger, ja selbst heiter und unterhielt sich lange mit Becher über die jetzigen australischen Zustände, über das Deportationswesen im Norden, über Mehl- und Wollpreise, selbst über die kleinlichen Religionsstreitigkeiten in Tanunda zwischen den Alt-Lutheranern und sogenannten »Weltkindern«, d. h. solchen, die der freien, oder auch wohl gar keiner Gemeinde angehörten.
Es war spät, als Becher endlich den Heimritt aber jetzt in der Kühle des Abends, antrat, und es schien fast, als ob Benner allen weiteren Erörterungen zu Hause noch selber so lange als möglich aus dem Weg gehen wollte, denn er sattelte sein eigenes Pferd und begleitete den kleinen Mann fast bis Tanunda hinein. Erst als sie die Lichter des Städtchens schon von weitem sehen konnten, wandte er sein Thier und kehrte langsam nach Hause zurück.
Viertes Capitel.
Ein schwerer Entschluß.
Am nächsten Morgen wachte Henriette wie gewöhnlich um fünf Uhr auf; aber ihr Gatte hatte sein Lager schon verlassen und als sie angekleidet in die Stube trat, saß er dort – den Brief vor sich, den Kopf in die Hand gestützt, sinnend am Fenster und sah gedankenvoll in den sonnigen Morgen hinaus.
Sie ging leise zu ihm, legte ihren Arm um seine Schulter und sagte herzlich:
»Guten Morgen, Eduard! Grübelst Du noch immer über den bösen Brief? Ach, mir thut's ja auch weh, Schatz, daß Du Deinen Vater verloren hast, wenn ich ihn auch nimmer gekannt habe, und wenn er so weit fort wohnte.«
Benner zog sie nieder zu sich und küßte sie, dann sagte er leise:
»Setz' Dich da her zu mir und lies einmal den Brief.«
»Erst muß ich den Kaffee kochen,« wehrte aber die Frau ab, »denn wenn der kleine Schlingel nachher munter wird, läßt er mir keine Ruh', – komm', lies ihn mir derweil vor.«
Benner seufzte tief auf.
»Willst Du nicht?« fragte sie treuherzig.
»Geh', Kind – thu' Deine Arbeit erst,« sagte der Mann, »wir müssen dann Ruhe haben, um Manches zu bereden.«
Die junge Frau schüttelte mit dem Kopf – sie hatte nie geglaubt, daß ihr Mann so traurig über den Tod eines Vaters sein würde, dem er immer nur Lieblosigkeit und Härte vorgeworfen – aber doch freute sie's. »Er hat ein gutes, braves Herz,« sagte sie bei sich, »und nun der Alte gestorben ist, trauert er um ihn, als ob er den liebsten und besten Verwandten verloren hätte.«
Aber nicht gewohnt, lange über irgend Etwas nachzugrübeln, ging sie rüstig an ihre Arbeit, und während sie den Kaffee kochte, besorgte sie auch das indeß aufgewachte Kind und trat dann mit diesem auf dem Arm, in der rechten das Brett mit dem Frühstück haltend, in's Zimmer zurück.
Er nahm ihr das Kind ab und auf den Schooß, herzte und küßte es und setzte es dann auf den Boden nieder, um erst zu frühstücken. Während dessen wurde auch kein Wort gesprochen, denn die Frau wollte ihn absichtlich in seinen Gedanken nicht stören. Das war ein Schmerz, der eben austoben mußte, und wogegen keine Trostworte halfen. Hatte er seine bestimmte Zeit, so gab er sich von selber, und Sonnenschein kehrte wieder in das Herz des Menschen zurück, so oft auch noch dann und wann flüchtige Wolken vorbeigingen, und ihren Schatten darüber werfen mochten.
»Und nun, Eduard,« sagte sie, als das Frühstück beendet war und Eduard seine Tasse zurückschob, – »laß mich den Brief haben, den ich lesen sollte, denn ich muß nachher gleich wieder an die Arbeit. Heute giebt's viel zu thun – nach dem letzten Regen wächst uns das Unkraut fast über dem Kopf zusammen, und man findet sich nachher gar nicht mehr durch.«
Eduard reichte ihr das Schreiben, ohne ein Wort dabei zu sagen, stand dann auf und ging, während sie las, mit verschränkten Armen und raschen Schritten in dem kleinen Gemach auf und ab.
Henriette studirte ein wenig an dem Brief, denn es dauerte einige Zeit, bis sie sich in die fremde Handschrift hineingefunden hatte, aber es ging doch zuletzt, und nur leise nickte sie manchmal mit dem Kopf oder schüttelte auch wohl, wenn ihr der Inhalt sonderbar erschien.
Eduard unterbrach sie mit keiner Sylbe, aber dann und wann flog sein Blick wie scheu nach ihr herüber, als ob er fürchte, daß sie über irgend etwas erschrecken würde. Der Brief schien jedoch kein solches Gefühl in ihr hervorgerufen zu haben; sie blieb ruhig und unbefangen, und als sie geendet, faltete sie ihn wieder zusammen und sagte herzlich:
»Deine Schwester muß ein recht braves Frauenzimmer sein, Eduard, sie schreibt gar so lieb und gut und meint's auch sicher so. Ich wollt', ich könnt' sie einmal sehen und ihr die Hand drücken. – Das muß ein schwerer Schlag für sie gewesen sein. Ist sie denn verheirathet?«
»Ja.«
»So – und wen hat sie? – Was ist ihr Mann?«
»Ein Graf von Galaz.«
»Ein Graf? Sieh mal an, da ist sie gewiß eine recht vornehme Frau – wer weiß, ob sie da Etwas von mir armem Ding wissen möchte, und es ist vielleicht recht gut, daß wir so weit auseinander wohnen.«
»Und hast Du nicht weiter gelesen, Jettchen?«
»Ei gewiß, Alles bis zum Ende, wo sie schreibt: Deine Dir ewig treue Schwester Alexandrine.«
»Hast Du da nicht gelesen, daß sie mich bittet, der Erbschaft wegen nach Deutschland zu kommen?« sagte Eduard und sah erstaunt zu ihr auf.
»Ei sicher – zweimal schreibt sie's ja sogar, aber was versteht so eine Frau davon; die hat wohl nimmer einen Begriff von der Reise, daß sie da meint, Einer könnte, der paar Thaler wegen, von daheim weg und über's weite Meer hin und zurück. Da kostete ja allein die Reise mehr, wie die ganze Sache vielleicht werth wäre. Laß sie's schicken; der Vater hat ja auch im vorigen Monat eine Erbschaft von 500 baaren Thalern geschickt gekriegt – wenn der deshalb hinüber gegangen wäre, nicht einen Pfennig davon hätt' er wieder mit zurückgebracht.«
»Aber mein liebes Herz,« sagte Benner, »es handelt sich hierbei nicht um ein paar hundert Thaler, sondern um viele Tausende – um ein großes Vermögen, das mein Vater, der bei seinem jähen und unerwarteten Tod ohne Testament gestorben ist, nur seinen beiden Haupterben, mir und meiner Schwester, hinterlassen hat. Mehre Rittergüter sind dabei, viel baares Geld und Silber, liegende Gründe dazu, ein paar Häuser in der Residenz, und Gott weiß, was sonst noch für Dinge, die meine persönliche Gegenwart nicht allein meinet-, sondern auch meiner Schwester wegen dringend nöthig machen.«
»Aber Du denkst doch nicht etwa daran, nach Deutschland zurückzugehen?« sagte Henriette, als ihr plötzlich der erste Gedanke an eine solche Möglichkeit kam, und fast unbewußt und erschreckt setzte sie das Kaffeegeschirr wieder auf den Tisch zurück, das sie eben aufgenommen hatte, um es hinauszutragen.
»Es wird nicht anders zu ordnen sein, mein liebes Kind,« sagte Benner, während er an's Fenster trat und hinaussah. Er mochte in dem Moment seines Weibes Auge nicht begegnen.
»Nicht anders zu ordnen sein, Eduard?« rief aber Henriette, und sie fühlte ordentlich, wie ihr jeder Tropfen Blut zum Herzen zurückströmte, – »und das sagst Du so ruhig und gleichmüthig, als ob es nur eine Trennung von wenigen Tagen wäre?«
»Aber wie kann ich es ändern, Jettchen?« sagte Benner, indem er sich nach ihr umdrehte und selber über das Aussehen der Frau erschrak – »ängstige Dich doch nicht deshalb; all unsere Noth und Sorge und Arbeit hat ja auch jetzt dafür ein Ende, denn wir sind selber damit reich geworden – die Zeit geht ja auch vorüber.«
»Wir waren so glücklich bei der Arbeit, Eduard!«
»Ja, mein liebes Herz, aber wir werden jetzt noch glücklicher werden.«
Die Frau hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und faltete die Hände im Schooße – sie konnte nicht länger stehen, so zitterten ihr die Knie und selbst das Kind achtete sie nicht, das zu ihr hingekrochen war und an ihrem Kleid zupfte.
»Noch glücklicher, Eduard?« sagte sie leise. »Oh, Gott weiß wie ich zu ihm gebetet habe, daß er uns so erhalten möge – noch glücklicher! – wir wollen nicht freveln, daß uns der Himmel nicht dafür straft und uns nimmt, was wir haben.«
»Aber was für trüben Gedanken giebst Du Dich hin, mein Herz,« sagte Benner, – »anstatt daß Du Dich des neuen Glückes freuen solltest, klagst Du, als ob uns ein Unglück betroffen hätte. Ist das recht, oder selbst nur vernünftig?«
»Und droht uns nicht ein Unglück, Eduard?« sagte die Frau weich. »Oh Herr Schrader hat es mir wohl oft gesagt: ein Jahr wird er bei Dir bleiben, vielleicht zwei, dann geht er fort, und Du sitzest mit Deinem Kinde allein in Australien.«
»Schrader ist ein Esel,« sagte Benner ärgerlich, »der alberne Tropf sucht ordentlich was darin, den Leuten Unglück zu prophezeihen, und wenn Einer bei ihm ein Loth Brustthee holt, so zuckt er schon die Achseln und räth ihm, sich sehr in Acht zu nehmen, weil er sichtbare Anlagen zur Schwindsucht hätte.«
Die Frau erwiderte nichts weiter, sie saß still und in einander gebrochen auf ihrem Stuhl und starrte vor sich nieder, und erst als der Kleine zu schreien anfing, weil sich die Mutter gar nicht um ihn kümmern wollte, hob sie ihn zu sich empor und drückte ihn leidenschaftlich an die Brust.
»Sei vernünftig, Jettchen,« sagte da endlich Benner bittend, »überleg' Dir Alles genau – ja, besprich es mit Deinem Vater, und er wird mir selber zugestehen müssen, daß ich nicht anders kann. Ich muß nach Deutschland, denn was hier auf dem Spiele steht, ist zu bedeutend, um es aus Furcht vor einer kurzen Trennung zu gefährden. – Denke Dir auch,« fuhr er nach einer Pause fort, in der ihm Henriette noch immer nichts erwiderte, »wie allein und verlassen meine Schwester jetzt solchen verwickelten Geschäften gegenübersteht. Schon ihretwegen müßte ich hinüber.«
»Ich verstehe das Alles nicht,« sagte die arme Frau kopfschüttelnd, – »ich glaubte, Deine Schwester wäre an einen Grafen verheirathet, und dann steht sie doch nicht allein und verlassen.«
»Aber jener Graf hat doch nichts mit unserer Familienangelegenheit zu thun –«
»Und gehört er nicht mit zu Eurer Familie? – sei mir nicht böse, Eduard,« brach sie aber rasch ab, als sie die tiefe Falte bemerkte, die sich über seine Stirn zog, – »mir ist das Herz so voll und schwer, und der Kopf thut mir so weh, ich weiß kaum noch, was ich rede – Also Du willst wirklich nach Deutschland zurückgehen und Weib und Kind in Australien lassen?«
»Und glaubst Du, daß ich mit leichtem Herzen gehe?« fragte Benner zurück. »Wenn es nicht wäre, daß ich für Euch gerade eine sorgenfreie Zukunft bereiten könnte, ich bliebe wahrlich da. Mir wird der Abschied weh genug thun, sei versichert, Kind, und die ganze Nacht hat mich der Gedanke schon gequält.«
Die Frau schwieg und sah still und sinnend vor sich nieder, endlich flüsterte sie leise: »Wie Gott will!« nahm ihr Kind auf und ging hinaus.
Das war ein trüber und schmerzlicher Tag in der kleinen, sonst so glücklichen Familie, und wenn die Frau auch nicht klagte, oder selbst nur mit einem Wort weiter die beabsichtigte Trennung erwähnte, gab es ihr doch immer einen Stich durch's Herz, sobald der Kleine in wilder Kindeslust aufjubelte und die Mutter umklammerte.
Den Nachmittag ritt Benner in die Stadt. – Er wollte selber mit Henriettens Eltern sprechen, ihnen den Brief zeigen und ihren Rath hören – obgleich er über seinen Entschluß mit sich im Reinen war – aber es würde die Frau beruhigen, wenn die Eltern selber sagten, daß er nach Hause müsse, um Alles in Ordnung zu bringen – in zwölf bis vierzehn Monaten konnte er ja auch recht gut wieder zurück sein.
Zwölf bis vierzehn Monate, Du großer Gott, wie leicht spricht der Mund eine solche Zeit aus, wie rasch verfügt das Menschenherz über einen solchen Zukunftsraum, während ihm doch das Schicksal seiner nächsten Lebensstunde verborgen ist. Aber wir hoffen und harren, bauen Pläne und fassen Entschlüsse, und wenn die vorgesteckte Zeit naht – was ist aus unseren Plänen und Entschlüssen geworden – wo sind wir selber?
Es war eine eigene Berathschlagung in der kleinen Stadt zwischen dem Baron Benner, dem Erben einer halben Million, und den beiden alten Leuten, dem Schuster und seiner Frau. Der Alte saß bei seiner Arbeit, auf dem niederen Schemel, den alten Buschschuh irgend eines derben Bauern unter dem Knieriem, und Ahle und Draht herüber- und hinüberziehend, die Frau selber wirthschaftete dabei in der Stube herum, eine unausweichliche Tasse Kaffee für den lieben Gast und Schwiegersohn herzurichten – aber beide hielten mitten in ihrer Arbeit inne, als Benner ihnen mit kurzen Worten den Inhalt des gestern empfangenen Schreibens mittheilte und ihnen zugleich verkündete, daß er jetzt ein bedeutendes Erbe in Deutschland zu erwarten habe.
»Viele tausend Thaler?« – Die Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und der Schuster schüttelte den seinen still vor sich hin. Er glaubte nie an große Zahlen, und das Ganze kam ihm zu plötzlich und auch zu unwahrscheinlich vor, als daß er sich gleich hätte vollständig hineindenken können. Das Einzige, was ihm klar war, daß der Baron nach Deutschland zurück und seine Frau hier allein lassen wollte, gefiel ihm nicht. – Wenn er nun dort blieb? – Aber die Frau sah weiter – viele Tausend Thaler als Erbschaft, was hätte sich mit denen nicht hier in Australien anfangen lassen, und was für eine vornehme Frau konnte dann ihre Tochter werden. Benner hatte sie im Augenblick auf seiner Seite, und der Alte gab auch endlich nach. Was konnte er auch dagegen machen, wenn sein Schwiegersohn ihm sagte, daß er hinüber müsse, aber recht war's ihm noch immer nicht, und er vergaß ganz Ahle und Draht, schob sich sein schwarzes, fettiges Käppchen auf's eine Ohr und kratzte sich in tiefen Gedanken den Kopf.
Das Resultat der Berathung gestaltete sich denn auch so, wie es Benner vorhergesehen. Die Eltern erklärten sich einverstanden mit der Reise, und ihr Schwiegersohn mußte ihnen nur versprechen, keine Zeit daheim zu versäumen, sondern so rasch als irgend möglich wieder zurückzukehren, schon der Leute wegen, die sicher genug ihre boshaften Bemerkungen darüber nicht unterließen und die arme junge Frau zu sehr gekränkt hätten.
Noch etwas Anderes blieb für ihn in Tanunda zu ordnen, – er brauchte nämlich Reisegeld und wollte seinen Schwiegervater nicht darum bitten; aber Becher war augenblicklich bereit, ihm dasselbe vorzuschießen. Er betrachtete es gewissermaßen als Consulatssache, denn der Brief, der die Erbschaft anzeigte, war durch ihn gekommen, und er versicherte Benner, er würde es ihm übel genommen haben, wenn er sich in dieser Sache an irgend Jemand Anderen gewandt hätte. In einer halben Stunde war Alles geordnet, und zufällig lag auch gerade ein fast segelfertiges englisches Schiff in Port Adelaide, das nur noch Wasser einnehmen mußte, und spätestens übermorgen früh mit der einsetzenden Ebbe auslief. Wenn er mitgehen wollte, mußte er morgen Nacht schon jedenfalls an Bord sein.
Benner ritt in einer eigenthümlich aufgeregten Stimmung nach Hause zurück und sonderbarer Weise war es in diesem Augenblick weniger der Abschied von Frau und Kind, an den er dachte, sondern mehr noch, weit mehr die Aussicht, bald, in wenigen Monden schon, wieder die alte Stätte seiner Jugend zu betreten, die er nie geglaubt hatte wiederzusehen, – noch einmal den Kreis der Freunde aufzusuchen und in ihrer Mitte zu verkehren. Auch die Sehnsucht nach der Schwester beschäftigte ihn, und so ganz füllten diese Bilder seine Gedanken, daß er plötzlich und unerwartet vor seinem eigenen Hause hielt und gar nicht wußte, wie er diesmal so rasch dorthin gekommen.
Und morgen Abend schon wollte er fort? Die Frau wurde leichenblaß, als er es ihr sagte, aber sie erwiderte kein Wort; nur fester drückte sie das Kind an ihre Brust und ging dann schweigend an ihre Arbeit, um dem Gatten Alles herzurichten, was er zu seiner langen Reise brauchte.
Was aus ihr selber in der Zeit wurde? – sie dachte nicht einmal daran; nur bei ihm waren ihre Gedanken, nur bei ihrem Kinde und dem Schmerz der Trennung, und doch that sie sich Gewalt an, daß sie es Eduard nicht merken ließ – hätt' es ihm selber ja doch den Abschied schwerer gemacht, und er konnte es ja nicht mehr ändern – er mußte fort.
Den Abend verbrachten sie zusammen in ihrem Gärtchen und ihr Gatte theilte ihr jetzt mit, daß er sein kleines Grundstück für die Zeit seiner Abwesenheit und um den halben Ertrag an einen jungen Bauerssohn, den er bei Becher traf, verpachtet habe. Sie selber sollte indessen zu ihren Eltern ziehen, bis er zurückkäme. Mit der ersten Post schon versprach er ihr aber Geld zu senden, daß sie sich ein eigenes kleines Quartier miethen und ihre Wirthschaft führen könne. Mit der zweiten Post folgte er dann vielleicht schon selber nach.
Morgens kam der Vater noch heraus, um Manches zu bereden und der Tochter Sachen auf seinem Wagen mit nach Tanunda zu nehmen – gegen Abend sollte ihn die kleine Familie dorthin begleiten und Abends um neun Uhr fuhr die Post ab, mit der er nach Adelaide gehen konnte und dann zur rechten Zeit im Hafen eintraf.
Das war ein schwerer, recht schwerer Tag für die arme Frau, und sie ging wirklich wie in einem Traum herum. Sie that Alles was nöthig war, aber willenlos, maschinenartig, und wäre am liebsten mit ihrem Kind in einen Winkel gekrochen, um sich nur einmal – nur ein einziges Mal recht herzlich auszuweinen. Aber das ging nicht, sie mußte Stand halten; ihr Eduard wäre ihr ja sonst vielleicht noch am letzten Tag böse geworden. Auch konnte sie sich keine Minute mehr von den wenigen Stunden, die sie noch beisammen bleiben sollten, von ihm trennen.
So fuhren sie zusammen nach Tanunda, und so langsam ihr sonst die Stunden manchmal hingegangen, so rasch, so entsetzlich rasch flog der heutige Tag an ihr vorüber. Es war Abend geworden, sie wußte selbst nicht wie, und der Zeiger auf der alten, im Zimmer ihrer Mutter hängenden Schwarzwälder Uhr lief ordentlich von Zahl zu Zahl.
Um neun Uhr ging die Post. Das Gepäck war schon Alles aufgegeben. Vor acht Uhr schon hatte die Mutter noch einmal den Tisch gedeckt, zum letzten Abendbrod, und Henriette saß neben dem Gatten, das Kind auf dem Schooß, den Kopf an seine Schulter geschmiegt, und zuckte nur immer zusammen, wenn die Uhr wieder zum Schlagen aushob. – Und jetzt sollten sie essen? – Oh, wie hätte sie einen Bissen über die Lippen bringen können.
Die Mutter hatte Rouladen gebraten. Eduard aß sie gern – Du lieber Gott, er wollte sich nicht einmal mit zum Tisch setzen, so weh war ihm zu Muthe, und als er endlich dem dringenden Nöthigen der Frau nachgab, quoll ihm der Bissen im Munde.
Und es schlug halb – es schlug drei Viertel auf Neun – er rückte mit dem Stuhl.
»Du gehst in zwei Minuten zu der Post hinüber,« flüsterte ihm die Frau zu und schmiegte sich ängstlich an ihn an. »Sie fahren ja nicht ohne Dich fort.«
»Mein liebes, liebes Weib!«
»Und willst Du recht viel an uns denken, Eduard, – an mich und Dein Kind?«
»Tag und Nacht – Tag und Nacht, Lieb.«
»Und nicht gar so lange fortbleiben?«
»So rasch ich möglicherweise kann, kehr' ich zurück. – Sorge Dich nur nicht um mich – wie bald ist ja der Weg zurückgelegt.«
»Wie bald? Oh, mein Himmel, und fünf Monat hin und fünf Monat zurück nennst Du bald – mir werden es eben so viele Jahre werden.«
»Meine liebe, liebe Henriette!« – und sie hielten sich fest und lange umschlungen.
»Kinder, es wird Zeit – es ist in zwei Minuten neun Uhr,« sagte da der Alte. »Eduard, mit Gott! Machen Sie, daß Sie fortkommen, wir wollen indessen schon auf die Kinder Achtung geben.«
Fester klammerte sich die Frau an ihn an. Der Augenblick war gekommen, vor dem sie so lange gebebt, und erst jetzt erfaßte sie die Angst, das bittere Weh des Scheidens.
»Leb' wohl, mein Herz – sei stark; ich kehre ja bald zu Dir zurück.«
»Küsse noch einmal unser Kind,« flüsterte sie, – »der kleine Bursch ist eingeschlafen; er ahnt ja nicht, daß er den Vater verlieren soll.«
»Er verliert ihn nicht, Herz,« sagte Eduard, indem er sich über das Kind bog und es küßte, während ein paar heiße Thränen auf seine Locken fielen – »und nun leb' wohl!« rief er, sich rasch und entschlossen aufrichtend, – »bleibt hier – geht nicht mit zur Post – macht mir den Abschied nicht schwerer, als er schon ist – Gott schütze Dich, mein süßes, süßes Lieb – Dich und das Kind – leb' wohl – leb' wohl!«
Noch einmal preßten seine Lippen in glühendem Kuß die ihrigen – noch einmal drückte er Vater und Mutter die Hand – draußen in der anderen Straße blies der Postillon, ein Engländer, aber mit den so oft gehörten Melodien längst vertraut, das alte Volkslied: »Muß i denn, muß i denn, zum Städtle 'naus,« – Henriette warf ihre Arme um seinen Nacken und hielt ihn fest und innig umschlungen. – Die erbarmungslose Uhr schlug neun, es war die Abschiedsstunde, und ihr Antlitz in den Händen bergend, sank sie neben dem Sopha, auf dem ihr Kind schlief, in die Knie. – Sie hörte, wie die Thür geöffnet wurde und sich schloß – sie hörte rasche Schritte draußen – dann war Alles still, und das Einzige, was ihr blieb, das Gefühl ihres Jammers – ihres Verlassenseins.
Fünftes Capitel.
Nach Deutschland zurück.
Im Hause der Gräfin Galaz herrschte heute ein geschäftiges Treiben – Zimmer wurden hergerichtet und mit Blumen geschmückt, Boten nach verschiedenen Seiten ausgesandt, und die Gräfin selber befand sich in lebhafter, aber jedenfalls freudiger Aufregung.
Die Gräfin Alexandrine, die Schwester des jungen Eduard von Benner und etwa vier oder fünf Jahr älter als ihr Bruder, war eine jener Erscheinungen, die man, obgleich man sie keine blendende Schönheit nennen konnte, auf den ersten Blick liebgewinnen mußte, eine so ruhige Sanftmuth, eine so Herzen erobernde Freundlichkeit war über ihre Züge ausgegossen, und auf wem auch immer das blaue Auge ruhte, er fühlte dessen Zauber und konnte ihm nicht widerstehen.
So hatte sie ihrem Gatten das Haus zu einem Paradiese umgeschaffen; so war sie die Wohlthäterin und der Schutzgeist aller benachbarten Armen geworden und selbst die Dienerschaft betete sie an und suchte ihr Alles an den Augen abzulesen.
Die Gräfin Alexandrine hatte zwei Kinder – eine Tochter von elf und einen Knaben von fünf Jahren, und lebte mit diesem und ihrem Gatten still und zurückgezogen auf Schloß Galaz. Sie liebte das wilde Treiben der Residenz nicht, und der Graf selber jagte viel lieber in seinen Wäldern und fischte in seinen Seeen, als daß er sich der steifen Etikette des Hofes fügte. Manchmal freilich konnte er sich ihr nicht ganz entziehen, und auch gerade jetzt war er schon wieder seit mehren Tagen dorthin befohlen worden, um an einigen Hofjagden Theil zu nehmen, und gerade jetzt vermißte ihn die Gräfin so schmerzlich, da sie ihren Bruder zurückerwartete, der schon vor mehren Tagen in der Residenz eingetroffen sein mußte und sie trotzdem noch nicht aufgesucht hatte. Heute Morgen aber war ein Brief von ihm angelangt, heute kam er gewiß und eine eigene Unruhe hatte die sonst so stille und ruhige Frau erfaßt, die sie in keinem Zimmer rasten ließ und immer wieder hinaus auf den Söller trieb, um nach ihm auszuschauen.
Endlich – endlich wirbelte weit auf der Straße draußen der Staub auf, und die Töne eines munteren Hornes schallten herüber – es war eine Extrapost. Alexandrine winkte draußen auf dem Balcon mit ihrem Taschentuch – das Zeichen wurde erwidert, und wenige Minuten später rasselte der Wagen in den Hof, und die lange getrennten Geschwister lagen sich in den Armen.
»Mein lieber, lieber Eduard,« sagte die Schwester, als sie endlich oben mit ihm auf ihrem Zimmer saß, seine Hand in der ihren hielt und ihm in die Augen sah, – »oh, Gott sei Dank, daß wir Dich wieder haben aus der weiten fremden Welt – daß Du früher zurückgekommen wärst,« setzte sie leise und wehmüthig hinzu.
»Und der Vater ist im Zorn gegen mich geschieden?« sagte Eduard scheu.
»Nein – nein,« rief Alexandrine rasch, »gerade in der letzten Zeit sprach er oft von Dir und bereute, daß er vielleicht zu hart gegen Dich gewesen. – Ich würde auch schon früher an Dich geschrieben haben, aber wir hatten keine Ahnung, in welchem Welttheil selbst Du Dich befändest, und erst nach des Vaters Tod erzählte ein in der Residenz weilender Fremder, daß er einen Eduard von Benner in Süd-Australien getroffen habe. Nur auf das unbestimmte Gerücht hin schickte ich Dir den Brief. – Böser, böser Bruder, daß Du nicht einmal mir, Deiner Alexandrine, ein Lebenszeichen geben konntest, und daß fremde Menschen es mir bringen mußten.«
»Meine theure Schwester!«
»Wie wir uns hier nach Dir gesehnt, in jener Schreckenszeit – aber jetzt bist Du ja wieder da – bist wieder bei uns und gehst nie und nimmer wieder fort.«