[[Inhalt]]
[[Inhalt]]
DIE MÄRCHEN
DER
WELTLITERATUR
HERAUSGEGEBEN VON
FRIEDRICH VON DER LEYEN UND PAUL ZAUNERT
[[Inhalt]]
[[Inhalt]]
TÜRKISCHE
MÄRCHEN
HERAUSGEGEBEN VON FR. GIESE
VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS IN JENA
1925
[[Inhalt]]
BUCHAUSSTATTUNG VON F. H. EHMCKE
ERSTES BIS FÜNFTES TAUSEND
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Copyright 1925 by Eugen Diederichs Verlag in Jena [[1]]
[[Inhalt]]
EINLEITUNG
Die türkischen Märchen, die dieser Band bietet, sind zweierlei Art: Volksmärchen und Kunstmärchen. Die ersteren umfassen die Nummern 1 bis 21, die zweiten die Nummern 22 bis 66. Die letzteren sind die Märchen, die, in der Hauptsache aus Indien stammend, ihren Weg über die ganze Welt gemacht haben und auch durch Vermittlung des Persischen nach der Türkei kamen. Sie sind in den Märchensammlungen der Qyrq vezir, dem Humajunname und dem Tutiname enthalten.
Diese genannten Sammlungen sind keine sklavischen Übersetzungen, sondern kunstvolle Umarbeitungen, die als Produkte der türkischen Literatur ihren eigenen Wert und ihre Bedeutung haben. Einfluß auf das Volk haben sie nur indirekt ausgeübt, da sie ihres künstlichen Stiles wegen dem Ungebildeten nicht verständlich waren. Trotzdem finden wir auch in den Volksmärchen viele Stoffe aus diesen Sammlungen.
Türkische Volksmärchen sind zuerst in größerem Umfange von Ignác Kúnos gesammelt und herausgegeben worden. Ich nenne nur seine Hauptsammlungen:
1. Osmán-török népköltési gyűjtemény (2 Bände), Budapest 1887–1889.
2. Band VIII von Radloffs Proben der Volksliteratur der türkischen Stämme, Petersburg 1899.
3. Ada-Kalei török népdalok, Budapest 1906.
4. Materialien zur Kenntnis des rumelischen Türkisch (mit deutscher Übersetzung), Leipzig 1907.
Er hat auch einen Band: Türkische Volksmärchen aus Stambul. Leiden ohne Jahr, in deutscher Sprache herausgegeben, die aber mehr eine freie Bearbeitung als eine Übersetzung sind.
In der Türkei sind verhältnismäßig sehr wenige solcher Sammlungen gedruckt worden. Abgesehen von einzelnen Erzählungen sind in den früheren Jahren nur zwei Sammlungen erschienen. Erstens das Billur kjöschk, so genannt [[2]]nach dem Titel des ersten Märchens dieser Sammlung, und zweitens Horos kardasch. Von diesen ist das letztere von Georg Jacob übersetzt und in der Türkischen Bibliothek, Band V, Berlin 1906, erschienen. Von dem ersteren, über das man Georg Jacob, Die türkische Volksliteratur, Berlin 1901, S. 5 ff. vergleiche, war schon oft eine deutsche Übersetzung gewünscht worden. Die in Amerika erschienene englische Übersetzung: Told in the Gardens of Araby (untranslated till now) by Izora Chandler and Mary Montgomery, Neuyork 1905, ist mir unzugänglich geblieben. Ich habe daher die ganze Sammlung übersetzt. Es sind die ersten 14 Märchen dieses Bandes. Inzwischen ist nun noch eine Übersetzung von Theodor Menzel erschienen in Beiträge zur Märchenkunde des Morgenlandes, herausgegeben von Georg Jacob und Theodor Menzel, Band II, Hannover 1923.
In neuester Zeit hat man auch in der Türkei angefangen, sich mehr für das Märchen zu interessieren. Davon gibt zunächst ein Band: Türk Masallary (Türkische Märchen) von K. D. in Konstantinopel, Druckerei Mahmud Bej 1329/1911, und die Veröffentlichungen des Türk Yurdu der letzten Jahre Kunde.
Die Türk Masallary enthalten eine sehr hübsche Sammlung bekannter und unbekannter Märchen, die recht geschickt erzählt sind. Sie sind zwar im allgemeinen in einem einfachen Stil gehalten, aber sehr häufig finden sich doch Wendungen, die dem Volke nicht verständlich sind. Sie wenden sich mehr an den Durchschnittsgebildeten, dem sie diese Märchen in etwas verfeinerter und veredelter Gestalt darbieten. Da der gebildete Türke über diese Gattung Literatur im allgemeinen die Nase rümpft, so ist dies Bestreben durchaus anzuerkennen, aber von ihrer schlichten Einfachheit haben sie doch viel verloren. Von diesen Märchen ist bis jetzt das erste von Beck in dem Korrespondenzblatt der Nachrichtenstelle für den Orient Nr. 9, Berlin 1917, übersetzt. Der türkische Text ist von ihm in der [[3]]Sammlung: Der islamische Orient, Heidelberg 1917, veröffentlicht. Ich habe in meiner Übersetzung eine Probe in den Nummern 19 bis 21 gegeben.
Die Publikationen des Türk Yurdu wenden sich an die Jugend. Sie sind in reinem Türkisch geschrieben. Leider sind neben echt türkischen auch allerhand moderne europäische Stoffe übernommen. Ich habe aus dieser Sammlung das Märchen: In der Jugend oder im Alter?, das von Ömer Sēfüddīn verfaßt ist, übersetzt.
Neben diesen Märchen, die aus türkischen gedruckten Sammlungen entnommen sind, habe ich dann die Märchen übersetzt, die ich in Kleinasien aus dem Munde gänzlich ungebildeter Leute gesammelt und in meinem Werke: Materialien zur Kenntnis des anatolischen Türkisch, Halle 1907, veröffentlicht habe. Es sind dies die Nummern 15 bis 19. Stilistisch stehen sie natürlich am tiefsten, denn es sind eben keine Erzähler von Beruf, die sie mir mitgeteilt haben. Aber gerade in ihrer Unberührtheit von jeder Kunst der Darstellung geben sie ein Bild der türkischen Märchen in ihrer primitivsten Form.
Von den Kunstmärchen stammen 22 bis 40 aus dem Tutiname oder Papageienbuch, 41 bis 63 aus dem Humajunname und 64 bis 66 aus dem Qyrq vezir. Wie schon vorher gesagt, sind dies Übersetzungen, die in letzter Linie auf indische Vorbilder zurückgehen. Ich verweise hierfür auf den bibliographischen Wegweiser in Georg Jacob, Beiträge zur Märchenkunde des Morgenlandes, Band I, Hannover 1923, und auf Johannes Hertel, Das Pañcatantra. Seine Geschichte und seine Verbreitung, Leipzig und Berlin 1914.
Vom Tutiname gibt es eine vollständige deutsche Übersetzung von Georg Rosen (Tuti-nameh. Das Papageienbuch. Eine Sammlung orientalischer Erzählungen. Nach der türkischen Bearbeitung zum ersten Male übersetzt von Georg Rosen, Leipzig 1858). Aus dieser Übersetzung habe [[4]]ich die Verse und auch hier und da besonders glückliche Verdeutschungen des Prosatextes beibehalten.
Die Qyrq vezir hat Walter Fr. Adolf Behrnauer (Die vierzig Veziere oder weisen Meister, Leipzig 1851) übersetzt. Ich habe Nr. 64 bis 66 daraus übernommen mit gelegentlichen Verbesserungen.
Von dem Humajunname existiert bis jetzt keine deutsche Übersetzung, denn die von Suby Bey: Fabeln und Parabeln des Orients, Berlin 1903, herausgegebene ist nur eine inhaltliche Wiedergabe einiger ausgewählter Stücke. Ebendasselbe gilt von der französischen Bearbeitung Gallands und Cordonnes und der aus ihr geflossenen deutschen. Es sind alles selbständige Umarbeitungen des Inhaltes. Allerdings ist nun eine wörtliche Übersetzung für ein nicht orientalisch gebildetes Publikum eine Unmöglichkeit. Das Humajunname ist nämlich in einem so gekünstelten, mit Koranstellen und Versen geschmückten Stil geschrieben, der eine Menge Anmerkungen und Erklärungen nötig machen und den Leser ermüden würde. Ich habe daher das überflüssige Beiwerk ausgelassen und die Weitschweifigkeiten gekürzt, aber sonst, soweit es anging, übersetzt.
So dürfte dieser Band einen guten Überblick über das türkische Märchen in seinen verschiedenen Darstellungen geben. Verwandte Stoffe der Volksliteratur, wie den Volksroman, das Karagöz usw., hielt ich nicht für angebracht, in dieser Sammlung zu vereinigen. Es ist auch schon mancherlei davon in deutschen Übersetzungen vorhanden. Ich nenne nur die schöne Übersetzung des Köroglu von Szamatolski in der wissenschaftlichen Beilage zum Jahresberichte der sechsten städtischen Realschule zu Berlin, Ostern 1913, sowie die Karagözübersetzungen Georg Jacobs und verweise für die letzteren auf seine Türkische Literaturgeschichte in Einzeldarstellungen: Heft I, Das türkische Schattentheater, Berlin 1900.
Bei der Übersetzung habe ich mich im Gegensatz zu Kúnos möglichst an das Original gehalten, um dessen Einfachheit [[5]]nicht zu zerstören. Nur da, wo sich der türkische Satzbau nicht wiedergeben ließ, habe ich mir Freiheiten erlaubt. Jedenfalls kann die Übersetzung, soweit das möglich ist, eine wörtliche genannt werden. Die Weitschweifigkeiten, die Wiederholung derselben Wörter und die Unebenheiten im Stile, z. B. im Subjektswechsel, fallen dem Original zur Last. [[7]]
[[Inhalt]]
1. DIE GESCHICHTE VON DEM KRISTALLPALAST UND DEM DIAMANTSCHIFF
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. Die Kinder eines Padischahs blieben in der Welt nicht am Leben und starben immer. Eines Tages kam dem Padischah ein weiblicher Nachkomme in dieser Welt zum Leben. Zu dieser Zeit sagten ihm der Arzt und der Hodscha[1], nachdem sie Untersuchungen angestellt hatten: „Padischah, wir wollen für deine Tochter unter der Erde eine Grube machen lassen, dort mag sie dann aufwachsen, da es keinen anderen Ausweg gibt.“
Dem Padischah der Welt gefiel diese Rede. Es wurde dann unter der Erde eine an allen vier Ecken bewachte Grube hergestellt. Man brachte das Kind in die Grube, bestimmte eine Kinderfrau, die ihm morgens und abends sein Essen brachte. Um es kurz zu sagen: das Kind kam so hier in sein vierzehntes oder fünfzehntes Lebensjahr. An Schönheit hatte es nicht seinesgleichen.
Eines Tages langweilte sie sich an diesem Orte und stellte alle Stühle, die in der Grube vorhanden waren, übereinander und stieg darauf. Sie brach die Glasdecke entzwei, steckte den Kopf hinaus und sah hinaus. Da sah sie ein weites Meer. Als die Sonne darauf leuchtete, glänzte es so, daß man nicht hinschauen konnte. Ach, sagte sie: „Wenn die Erde ein Unten hat, muß sie auch ein Oben haben“, und war einige Zeit in Staunen versunken. Dann stieg sie herab und blieb, wo sie war. Danach kam ihre Kinderfrau. Die sah auf einmal, daß die Glasdecke zerbrochen war. Jetzt fragte sie das Mädchen: „Wer hat das Glas zerbrochen?“ Da fing die Prinzessin an zu sagen: „Führe mich von hier fort oder ich bringe mich selber um.“
Die Kinderfrau ging von dort zum Padischah und erzählte alle die Worte, die die Prinzessin gesagt hatte, eins nach dem andern. Der rief wieder die Ärzte zusammen. Die sagten nach wiederholter Prüfung: „Padischah, hole [[8]]sie heraus, aber nicht sofort. Bis sich ihr Auge gewöhnt hat, mag sie etwas spazieren gehen, und dann bringe sie wieder in die Grube.“ Die Wärterin ging und führte die Prinzessin aus der Grube in einen Rosengarten. Als sie (die Prinzessin) dort spazieren ging, sah sie den Ozean und verfiel in Nachdenken. Sie ging von dort zu ihrem Vater und sagte: „Vater, laß mir sofort auf dem Meere, das wir dort sehen, einen Glaspalast machen, darinnen sollen auch Diamant- und Goldstühle und schöngestickte Möbel sein. Wenn du ihn nicht machen läßt, bringe ich mich sofort um.“
Der Padischah sagte: „Aber mein Kind, der Palast soll sein, wie du ihn dir wünschst.“ Dann gab er den Glasmachern Befehl. Sie fingen sofort an, auf dem Meere einen Palast zu machen. Genau in einem Jahre wurde er fertig. Dann gaben sie dem Padischah Kunde. Er ging an das Gestade des Meeres und sah ihn sich an. Das war ein solcher Glaspalast, daß jeder, der ihn sah, geblendet wurde. Mit Worten ihn zu beschreiben, ist unmöglich. Sein Glanz erfüllte die Welt.
Die Prinzessin kam und küßte ihrem Vater die Hand. Der Padischah sagte: „Mein Kind, der Glaspalast, wie du ihn gefordert hast, ist fertig geworden. Nimm dir einige Sklavinnen, geh hinein und wohne darin mit Vergnügen.“
Darauf nahm die Prinzessin, da sie jung war, einige Sklavinnen zu sich und betrat in feierlichem Zuge mit ihnen den Palast. Sie zogen ein und gingen dort spazieren.
Die mögen sich nun Tag und Nacht vergnügen, wir kommen jetzt zum Dschihan-i-alem[2]. Manche kamen zu Schiffe und manche zu Boot und sahen sich den Palast an. Eines Tages, als der Sohn des Padischahs von Jemen von diesem Palast hörte, wunderte er sich. Sofort ging er zu seinem Vater und sagte: „Mein mächtiger Vater, der Padischah von Stambul hat auf dem Meere einen Glaspalast bauen lassen, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt. Wenn Sie erlauben, möchte ich hinreisen und ihn ansehen. [[9]]Nach ungefähr drei bis vier Monaten komme ich wieder.“ Da gab sein Vater die Erlaubnis.
Er nahm einige Gefährten zu sich, bestieg ein Schiff und machte sich auf den Weg. Tag und Nacht fuhren sie, ohne sich aufzuhalten. Nach einiger Zeit erschien in der Ferne etwas Wunderbares. Sein Glanz erfüllte die Welt. Der Prinz sagte zu seinen Gefährten: „Das, was dort erscheint, muß das erwähnte Schloß sein.“
Endlich nach einigen Tagen kam er an das Schloß heran und umfuhr es von allen vier Seiten. „Sehe ich ein Luftschloß oder träume ich?“ sagte er und verfiel in Nachdenken. Schließlich als es Abend wurde, ging er dort vor Anker.
Der Prinz mag nun auf dem Verdeck liegen; wir wollen uns jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Sie ging vor das Vestibül, blickte nach draußen und sah, daß vor dem Palast ein Schiff lag. Als sie noch sagt: „Wem gehört das wohl?“, sieht sie den Prinzen. Das war ein Jüngling, gleich dem Monde am Vierzehnten. Sofort verliebt sie sich in ihn bis über die Ohren. Auch der Prinz, als er die Prinzessin sieht, wird bewußtlos und fällt ohnmächtig auf die Erde. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu sich und steht auf. Er blickt auf das Fenster, kann aber das Mädchen nicht sehen. Während er sagt: „Ach, einmal möchte ich sie noch sehen!“ und hinblickt, verfällt er in Schlaf. Jetzt kommt die Prinzessin an das Fenster und sieht, daß der Prinz eingeschlafen ist. Da seufzt sie und aus ihren Augen fließt statt Tränen Blut. Während sie weint, fällt auf das Gesicht des Prinzen ein Tropfen. Sofort wacht er auf und sieht, daß aus den Augen der Prinzessin statt Tränen Blut fließt. Jetzt sagt der Prinz zum Mädchen: „Da ist das Schiff und da ist ein günstiger Wind nach Jemen!“ Das Schiff setzt sich in Bewegung und er fuhr in sein Land. Eines Tages kam er nach Jemen und blieb dort. Wir wollen uns jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Ihre beiden Augen waren eine Quelle (d. h. sie weinte andauernd in Strömen). Sie ging zu ihrem [[10]]Vater und sagte: „Vater, ich wünsche von dir ein Schiff von reinen Diamanten, dessen Kabinen mit Edelsteinen geschmückt und dessen Masten aus Rubinen sein und in dessen Innern sich vierzig weiße, junge, schöne Sklaven befinden sollen. Wenn du mir das nicht machst, werde ich mich töten.“ Er sagte: „Schön, mein Kind, das Schiff soll sein, wie du es wünschest.“ Dann rief er die Goldschmiede zusammen und gab ihnen Befehl. Noch an jenem Tage fingen sie mit dem Schiff an. Nach genau zwei Jahren war es fertig. Jetzt kam die Prinzessin zu ihrem Vater, küßte seine Hand und sagte: „Vater, gib mir Erlaubnis, ich werde einen Luftwechsel vornehmen und, wenn Gott will, bald wiederkommen.“ Da ihr Vater auf der Welt nur eine teure Tochter hatte, so tat er, was sie wollte, und gab ihr gezwungenerweise wohl oder übel die Erlaubnis und sagte: „Mein liebes Kind, laß mich nicht lange auf dich warten! Allah möge Heil geben!“
Das Mädchen nahm dann vierzig weiße Sklavinnen und vierzig weiße Sklaven zu sich und außerdem eine Palasteinrichtung, ging auf das Diamantschiff und blieb dort die Nacht. Am nächsten Morgen, als es Tag wurde, wurden zweiundzwanzig Kanonenschüsse auf der rechten und auf der linken Seite des Schiffes gelöst. Dann fuhr man ab.
An jenem Tage lobte sie die ganze Welt und Hunderttausende priesen sie mit den Worten: „Was ist das für eine geschickte Prinzessin!“ Die Prinzessin war der Kapitän, ihr Gehilfe ein alter Kapitän und die Sklaven und Sklavinnen in ihrer Begleitung wurden als Soldaten gebraucht und von ihr befehligt. Eines Tages kamen sie nach Jemen. Sie lief in den Hafen ein, ging dort vor Anker und blieb jene Nacht dort.
Der dortige Aufsichtsbeamte hörte davon und kam es sich anzusehen. Als er es sah, sagte er: „Wer ist das wohl? Solch ein Schiff habe ich in meinem Leben nicht gesehen, Allah möge es vor dem bösen Blick bewahren!“ Dann ging er sofort zum Schloß und machte Meldung: „Mein Padischah, [[11]]gestern ist ein Schiff angekommen, das unbeschreibbar ist. Reiner Diamant und Juwelen! Es lohnt sich, es einmal anzusehen.“ Da schickte der Schah seinen Lala[3] und sagte: „Forsche nach und komme wieder mit der Nachricht, wer es ist.“
Dann bestieg sein Adjutant eine Schaluppe und fuhr nach dem Diamantschiff. Als nun die Prinzessin sah, daß der Adjutant kam, kleidete sie ihre Mannschaft vom Kopf bis zu den Füßen in rote Kleider. Als endlich die Schaluppe sich der Landungstreppe näherte, ging die gesamte Mannschaft ihm entgegen und führte ihn nach oben geradeswegs zur Kabine des Kapitäns. Er setzte sich auf einen Stuhl und wurde freundlich begrüßt. Er sagte: „Aber mein Bej, ich möchte noch gern länger bleiben, aber der Schah erwartet mich, ich bin gekommen, um Kunde einzuholen. Wenn Sie mir Ihren schönen Namen sagen würden, würde ich den Padischah benachrichtigen.“
Der Kapitän sagte: „Ich bin ein Kaufmannssohn und bin auf die Reise gegangen, um mich zu vergnügen.“ Da ging er dann zum Padischah und sagte: „Padischah, das angekommene Schiff ist ein Handelsschiff, sein Kapitän ist ein junger Mann ohne Schnurr- und Backenbart, schön wie ein Mond am Vierzehnten. Seine Mannschaft ist ihm ganz entsprechend. Ja, mein Herr, es lohnt sich wirklich, es einmal anzusehen.“ Der Padischah bekam Lust und wünschte hinzugehen. Dann bestieg er eine Schaluppe mit sieben Doppelrudern und ging mit seinem ganzen Hofstaat auf das Schiff.
Als der Kapitän sah, daß der Herrscher kam, ließ er die ganze Mannschaft gelbe Kleider anziehen. Als der König sich der Landungstreppe näherte, gingen sie ihm alle entgegen und führten ihn nach oben. Als er in die Kabine des Kapitäns kam, empfingen sie ihn mit Ehren und bewirteten ihn mit Kaffee und Tabak. Der Padischah war erstaunt. Danach brach er wieder auf und ging in sein Schloß. [[12]]
Als der Prinz das hörte, verstand er sofort die Sache. Dann bestieg er eine Schaluppe und fuhr nach jenem Schiffe.
Wir wollen jetzt wieder zum Kapitän kommen. Wie das vorige Mal, ließ er die ganze Mannschaft grüne Gewänder anziehen. Jetzt legte der Prinz an dem Schiffe an. Sie gingen ihm alle mit Ehrerbietung entgegen. Schließlich kam er in die Kabine des Kapitäns und verweilte dort. Jetzt fragte der Prinz den Kapitän eingehend nach allem. Der Kapitän gab sich nicht zu erkennen. Der Prinz verliebte sich in den Kapitän und konnte sein Auge nicht von seinem Auge trennen. Als es schließlich Abend wurde, mußte der Prinz wohl oder übel aufstehen und in sein Schloß fahren.
Wir wollen uns nun wieder zum Kapitän wenden. Er schickte zu dem Aufsichtsbeamten der dortigen Gegend. Unter seiner Vermittlung legten sie das Schiff ins Dock. Vor dem Schloß war ein großer Palast. Den mieteten sie und ließen es sich gut gehen. Wir wollen uns jetzt zum Prinzen wenden. Am nächsten Morgen, als es Tag wurde, kam er an die Stelle, wo das Schiff gewesen war, und sieht, daß keine Spur davon da ist. „Ach, Gott“, sagte er, und schlug mit seinem Kopf auf den Boden. Er kam zu seinem Lala und fragte ihn. Der Lala erklärte ihm alles, eins nach dem anderen, und das Herz des Prinzen wurde wieder froh. Dann ging er ins Schloß. Als er vom Gartenhaus in das Fenster des erwähnten Palastes sah, fällt sein Blick auf das Mädchen. Der Prinz wurde verwirrt. Wer ist das wohl? Sollte es die Frau des Kapitäns sein? vermutete er bei sich. Es war eine Schönheit, die in der Welt nicht ihresgleichen hatte; die Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt.
Als jetzt das Mädchen auch den Prinzen sah, schloß sie das Fenster und zog sich ins Innere zurück. Da verliebte sich der Prinz von neuem in sie, und indem er den Palast von allen vier Seiten umging, sagte er: „Ach, ob ich wohl noch einmal diese Schöne wieder sehen kann?“ Als es schließlich Nacht wurde, zog er sich in sein Zimmer zurück und weinte. [[13]]
Am nächsten Morgen kam er in das Gartenhaus und sieht, daß niemand am Fenster ist. Als er es nicht mehr aushalten konnte, ging er zu seiner Mutter und sagte: „Ach, Mutter, in diesem Palaste uns gegenüber wohnt die Frau des Kapitäns, ich habe sie am Fenster gesehen und mich in sie verliebt, nimm diese diamantbesetzten Holzschuhe und bringe sie ihr als Geschenk. Ich möchte noch einmal ihr Gesicht sehen, sonst bringe ich mich um.“ Die Mutter stand wohl oder übel auf und ging sofort zum Palast des Kapitäns. Nachdem sie eingetreten und gegrüßt hatte, gab sie die genannten Holzschuhe dem Mädchen. Das Mädchen nahm auch die Schuhe und gab sie den Sklavinnen in der Küche. Die arme Dame wunderte sich und sagte zu dem Mädchen: „Meine Prinzessin, der Prinz grüßt Sie besonders und wünscht Ihr gesegnetes Gesicht zu sehen, aber wie denken Sie darüber?“ Das Mädchen gab keine Antwort. Nachdem sie noch einige Zeit gesessen, ging sie in das Schloß und sagte zornig zum Prinzen: „Ich habe jenem Mädchen die Schuhe gegeben. Sie nahm sie und gab sie den Sklavinnen in der Küche. Ich war sehr ärgerlich, und obgleich ich ihr deine Sache auseinandergesetzt habe, gab sie überhaupt keine Antwort. Dann stand ich auf und ging hierher. Wenn dein Kummer auch noch so groß ist, so mußt du dich damit abfinden.“
Jetzt ging der Prinz wieder in ein Zimmer und weinte bis zum Morgen. Dann ging er zu seiner Mutter, küßte ihr die Hand und sagte: „Ach, liebe Mutter, nur du kannst helfen, denke über ein Mittel nach.“
Die Dame hatte eine sehr kostbare Perlenkette. Die kam ihr ins Gedächtnis. Sie sagte: „Ich habe im Kasten eine Perlenhalskette, ein Familienerbstück. Dir zu Liebe werde ich sie ihr geben. Wollen einmal sehen, was sie tut.“ Der Prinz war erfreut und küßte wieder seiner Mutter die Hände.
Die Dame ging vom Schloß in den Palast des Mädchens. Nachdem sie eingetreten, bestellte sie den Gruß des Prinzen und gab jene Perlen dem Mädchen. [[14]]
Das Mädchen hatte einen Papagei, der in einem Käfig an der Decke hing. Sie nahm die Perlen der Dame und gab sie anstatt Futter dem an der Decke hängenden Papagei. Das Tier fraß sie auf, indem es sie zerknackte. Da öffnete die Dame ihren Mund vor Erstaunen und sagte zu sich: „Sieh, der Papagei dieses Frauenzimmers frißt Perlen statt Futter.“
Dann stand die Dame auf und ging ins Schloß. Als der Prinz eiligst seine Mutter fragte: „Was hast du erreicht?“, sagte sie: „Ach, mein Sohn, ich habe die Perlen dem Mädchen gegeben. Sie nahm sie auch und hat sie einem an der Decke hängenden Papagei statt Futter gegeben. Das Tier hat sie auch vor meinen Augen aufgefressen. Als ich das sah, wurde ich traurig. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich weiß nicht, wie das mit uns wird.“
Der Prinz sagte zu seiner Mutter: „Es ist Dummheit von ihr, trag es ihr nicht nach.“ Auch in dieser Nacht schlief der Prinz bis zum Morgen nicht und weinte. Am Morgen ging er wieder zu seiner Mutter und sagte: „Ach, liebe Mutter, ich habe einen Koran, den bringe ihr. Vielleicht hat sie diesmal aus Ehrfurcht vor ihm Mitleid mit mir und handelt billig.“ Kurz, er überredete seine Mutter und schickte sie wieder hin.
Die Dame geht wieder bei Gelegenheit in den Palast. Die Prinzessin kommt herunter, geht ihr mit Ehrfurcht entgegen und holt sie nach oben. Die Dame war erstaunt. Schließlich holt sie von ihrer Brust den Koran heraus und gibt ihn dem Mädchen. Das Mädchen nimmt ihn auch artig, küßt ihn dreimal und legt ihn auf das Bücherbrett. Die Dame sagt zu ihr: „Mein Kind, der Prinz weint Tag und Nacht andauernd, schließlich wird er sich töten. Ach, mein Kind, da kannst nur du helfen. Zeige dem Prinzen doch nur einmal dein Gesicht, damit er dich sehen kann und für einige Zeit Freude hat.“ Darauf antwortet das Mädchen: „Mutter, ich zeige mich nicht für etwas Geringes.“ Die Dame sagte: „Ach, mein Kind, wir wollen tun, [[15]]was du verlangst.“ Darauf antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will es dir geradeaus sagen, laß jetzt eine goldene Brücke machen, schmücke sie rings herum mit echten Rosen. Der Prinz soll dann an dem einen Ende sein Lager machen und sich dort hineinlegen, dann werde ich dorthin gehen, und dort mag er mich sehen.“
Danach stand die Dame auf und ging ins Schloß. Der Prinz fragte: „Ach, Mutter, was hast du erreicht?“ Sie sagte: „Mein Sohn, jenes Mädchen antwortete sehr bestimmt: ‚Eine goldene Brücke sollst du machen und rings herum mit echten Rosen schmücken, und der Prinz soll an dem einen Ende sein Lager bereiten und mich erwarten. Ich werde dorthin kommen und er kann mich sehen.‘ Wenn du das vermagst, laß es machen.“
Kurz, der Prinz ließ eine Brücke, wie das Mädchen sie beschrieben hatte, machen und schmückte sie ringsherum mit Rosen. Der Prinz machte an dem einen Ende der Brücke sein Lager und verweilte dort. Man schickte dem Mädchen Nachricht. Jetzt schmückte sich das Mädchen und ging mit seinem Gefolge zur Brücke. Als sie über die Brücke ging, stach sie sich an einem Rosendorn. Da rief sie: „Ach, mein Gesicht!“ und kehrte wieder in ihren Palast zurück. Der Prinz schaut aus und sagt: „Sie kommt, ich werde sie sehen.“ Als er sieht, daß das Mädchen umkehrt und weggeht, sagt er zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, ich habe sie nicht sehen können.“ Die Dame geht sofort in das Haus des Mädchens und sagt zu ihr: „Meine Tochter, warum bist du nicht zum Prinzen gegangen?“ Das Mädchen antwortete: „Mutter, ein Rosendorn hat mir das Gesicht zerstochen, nun könnt ihr die Brücke und auch den Prinzen behalten.“
Die Dame sagte: „Meine Tochter, was sollen wir tun? Du hast in allem eine List.“ Da antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will dir die Wahrheit sagen. Jetzt laß eine goldene Brücke machen, stelle auf der einen Seite einen goldenen und auf der anderen einen silbernen Leuchter auf. [[16]]Danach soll der Prinz sterben und ihr sollt ihm auf dem anderen Ende der Brücke sein Grab graben und ihn hineinlegen, dann will ich kommen und ihm zu Häupten ruhen. Da kann er mich nach Herzenslust ansehen.“
Die Dame stand zornig auf, ging ins Schloß und sagte: „Mein Sohn, ein Dorn hat das Mädchen ins Gesicht gestochen, darauf ist sie umgekehrt und in ihr Schloß gegangen.“ Als er fragte: „Was sollen wir jetzt tun?“, sagte sie: „Mein Sohn, das Mädchen gab ihre letzte Antwort. So wie das vorige Mal sollst du eine goldene Brücke machen lassen und auf beiden Seiten einen goldenen und einen silbernen Leuchter stellen. ‚Danach soll der Prinz sterben und auf dem einen Ende der Brücke soll man sein Grab machen, und dann mag er mich darin erwarten. Ich werde dann kommen und ihm zu Häupten verweilen. Dann mag er mich nach Herzenslust ansehen.‘ So antwortete sie.“
Der Prinz sagte: „Mutter, ich werde vor den Augen der Welt sterben, ins Grab gehen und sie erwarten. Wollen sehen, was sie diesmal für Listen hat.“ Das beschlossen sie.
Am folgenden Tage stellten sie auf der einen Seite der Brücke einen goldenen Leuchter und auf der anderen Seite einen silbernen auf, der Prinz ging ins Grab. Das Mädchen beobachtete alles.
Wir wenden uns nun wieder zu dem Mädchen. In jener Nacht ließ sie das Schiff aus dem Dock ziehen und alles, was an Möbeln in dem Palast war, mit den Sklavinnen auf das Schiff bringen. Als alles fertig war, ging das Mädchen zur Brücke zu dem Grabe, wo der Prinz war, und sagte: „Da ist ein Schiff und da ist günstiger Wind nach Stambul.“ Dann bestieg sie das Schiff und fuhr ab.
Der Prinz stand sofort auf und sieht, daß das Schiff unverzüglich abfährt. Der Prinz erhob ein Geschrei und ging sofort zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, was ich getan habe, habe ich mir selber zuzuschreiben. Die Schuld liegt an mir.“ Da verstand er die Handlungsweise des Mädchens. Er ging zu seinem Vater, küßte ihm die Hand und sagte: [[17]]„Lieber Vater, gib mir die Erlaubnis, ich möchte ins Ausland gehen!“ Der sagte: „Sehr schön, mein Sohn!“ und gab ihm die Erlaubnis. Dann küßte er auch die Hand seiner Mutter und sagte: „Mutter, mir ist ein Ausweg erschienen, ich muß gehen.“ Er erhielt von seiner Mutter die Erlaubnis, ging aus dem Schloß, bestieg ein Schiff und machte sich auf den Weg. Nachdem er das Schiff verlassen, betrat er den erwähnten Palast. Die Prinzessin ging ihm mit ihren Sklavinnen entgegen. Sie führten ihn nach oben. Er sagte zu ihr: „Meine Prinzessin, ist es nicht schade um mich, daß du mir soviel angetan hast?“ Das Mädchen erwiderte: „Mein Prinz, du vergißt, was du mir angetan hast. Du bist mit dem Schiff angekommen, hast mich in Feuer gesetzt. War es da vor Gott zu verantworten, daß du wieder gingst?“ Da sagte er: „Ach, meine Prinzessin, verzeih’ mir mein Vergehen, trage es mir nicht nach! Die Schuld liegt an mir.“ Da umarmten sie sich und die beiden Verliebten erreichten glücklich ihre Absicht.
Danach ging die Prinzessin zu ihrem Vater, und erzählte ihm ihre Abenteuer eins nach dem andern. Der Vater war auch erfreut und sagte Gott Dank. Am folgenden Tage wurde die Ehe eingegangen und vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag betraten sie das Brautgemach und die beiden Verliebten hatten einander. Hiermit endigt unsere Geschichte und damit Schluß.
[[Inhalt]]
2. DIE GESCHICHTE VOM SCHÖNEN HALWAVERKÄUFER[4]
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau in der Welt einen teuren Sohn und eine Tochter. Die ließ sie nie auf die Straße gehen. Eines Tages faßte ihr Mann die Absicht, mit seinem Sohn nach dem Hedschas zu gehen und sagte: „Ich vertraue dich und meine Tochter dem Müezzin[5] an. Wenn du etwas [[18]]brauchst, erhältst du es vom Müezzin.“ Dann brachte er alles mit ihr in Ordnung, und Vater und Sohn gingen nach dem Hedschas.
Wir kommen nun zu dem Müezzin. Eines Tages stieg er auf das Minaret, und während er den Gebetsruf rief, sah er das ihm anvertraute Mädchen im Garten Wasser schöpfen. Da verliebte er sich in das Mädchen und konnte es nicht mehr aushalten. Dann ging er in sein Haus und verhielt sich ruhig. In jener Nacht rief er eine alte Nachbarin und sagte zu ihr: „Da, Mutter, nimm diese zehn Goldstücke. Ich will von dir die Tochter des N. N., der nach dem Hedschas gegangen ist.“ Die Frau sagte: „Mein Sohn, ihre Mutter läßt sie nie auf die Straße. Es ist etwas schwer.“ Er sagte: „Ach, Mutter, nur du kannst helfen.“ Sie antwortete: „Mein Sohn, hast du einen Platz, wo ich sie hinführen kann, falls ich sie überrede?“ Der Müezzin sagte: „Mutter, morgen werde ich an dem und dem Orte ein Bad mieten. Führe sie dorthin. Da werde ich euch erwarten. Nimm du morgen zum Schein ein Bündel[6] unter den Arm und gehe zum Hause der Frau. Wenn du sie überredet hast, führe das Mädchen zu mir.“ So verabredeten sie sich.
Als es Morgen wurde, nahm die Frau zum Schein ein Bündel unter den Arm und ging zum Hause der Frau. Sie sagte zu der Mutter des Mädchens: „Mutter, heute wird an dem und dem Orte ein Bad eröffnet und schönsingende Tänzerinnen und schöne Mädchen werden kommen, sich baden und den Tänzerinnen zuschauen. Ich habe besonders Euer Hochwohlgeboren besucht, um Ihre Tochter in das Bad zu führen, damit sie mit ihresgleichen und ihren Altersgenossen sich amüsiert und sich belustigt. Wenn es Abend wird, bringe ich Ihre Tochter wieder ordentlich zurück.“
Die Dame antwortete: „Mutter, meine Tochter ist bis jetzt noch nie irgendwohin gegangen. Außerdem ist es, seitdem ihr Vater nach dem Hedschas gegangen ist, heute [[19]]gerade zwei Tage her. Da werden die Leute uns nachsagen: ‚Der Vater des Mädchens ist gegangen, und gleich laufen sie auf die Straße‘.“ Die alte Hexe sagte: „Mutter, ich führe ja Ihre Tochter in ein Bad, nicht an einen andern Ort, daß die Nachbarn Ihnen Vorwürfe machen könnten. Die Töchter von so vielen Nachbarinnen gehen hin. Ihre Tochter braucht sich nicht zu schämen. Wenn Sie die Erlaubnis geben, gehe ich mit Ihrer Tochter hin.“ Schließlich überredete sie die Dame. Sie nahm das Mädchen mit sich und sie gingen in das Bad, das der Müezzin gemietet hatte.
Als sie eingetreten waren, sah sich das Mädchen nach allen vier Seiten um. Niemand war da. Da sagte sie: „Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Es ist ja niemand da.“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Kind, es ist noch früh. Nunmehr werden sie kommen. Treten Sie ein und suchen Sie sich einen Platz aus, solange noch nicht so viele Leute da sind.“
Das Mädchen hielt das für wahr, zog sich aus und ging hinein. Die Frau ging nach Hause.
Wir kommen nun zu dem Mädchen. Als sie in den Schwitzraum tritt, sieht sie, daß der Müezzin ihres Viertels dort ist. Als das Mädchen ihn sieht, wird sie ohnmächtig. Sie nahm sich jedoch sofort zusammen und sagte: „Herr Müezzin, wir haben gehört, daß in diesem Bade Tänzerinnen spielen sollen. Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Noch ist niemand da.“
Der Müezzin antwortete: „Meine Prinzessin, wenn niemand kommen sollte, wollen wir uns beide baden und uns vergnügen.“ Das Mädchen antwortete: „Bade du mich zuerst, nachher werde ich dich baden.“ Damit war der Müezzin einverstanden.
Der Müezzin nahm das Mädchen und badete sie ordentlich am Wasserbecken.
Dann sagte das Mädchen: „Komm’, jetzt werde ich dich baden.“ Der Müezzin setzt sich davor und das Mädchen fängt an ihn zu baden. Sie seifte seinen Kopf gehörig ein, [[20]]so daß er die Augen geschlossen halten mußte. Dann geht sie an das Becken, läßt alles Wasser auslaufen und verstopft alle Wasserhähne mit einem Lappen. Indem sie sagt: „Sieh, wie ein Mensch gebadet wird“, geht sie in das Abkühlzimmer des Bades und nimmt alles, was an Holzschuhen vorhanden ist, in ein Schurztuch, geht wieder zum Müezzin und schlägt ihm die um den Kopf und die Augen. Des Müezzins Geschrei drang bis zum Himmel. Um es kurz zu machen. Der Müezzin fiel auf den Boden und wurde ohnmächtig. Dann ging das Mädchen hinaus, zog sich ihre Kleider an und kam nach Hause. Als ihre Mutter fragte: „Nun, meine Tochter, wie war das Bad?,“ da verrät sie ihre Absicht nicht und sagt: „Sehr gut, Mutter, es war ein Bad ohnegleichen.“
Die wollen wir nun ruhen lassen und uns zum Müezzin wenden. Als er nach einer Zeit wieder zu sich kommt, sind seine Augen voll Schaum. Er geht zum Wasserbecken, taucht die Wasserschale hinein. Auch nicht eine Spur von Wasser ist da. Er öffnet den Wasserhahn, er sieht, daß kein Wasser kommt. Um es kurz zu machen. Er geht zu allen Wasserbecken, findet in keinem Wasser. Darauf kommt der Badewärter. Als er den Müezzin so sieht, sagt er: „Herr Müezzin, was ist dir geschehen, daß dein Kopf so voll Schaum ist.“ Der Müezzin antwortete: „Ach, Badewärter, um mir den Kopf mit dem in dem Becken befindlichen Wasser zu waschen, ging ich mit den eingeseiften Augen. Wie sehr ich aber auch Wasser suchte, konnte ich doch nichts finden. Ich muß wohl vorher vergessen haben, den Hahn zu öffnen.“ Dann öffnete der Badewärter einen Hahn. Der Müezzin wusch sich und ging hinaus, zog sich die Kleider an und ging nach Hause. Er legte sich übelgelaunt schlafen, da sein ganzer Körper so zerschlagen war, daß er sich nicht rühren konnte.
Um sich an dem Mädchen zu rächen, schrieb er eines Tages an den Vater des Mädchen einen Klagebrief und schrieb darin: „Deine Tochter ist eine Hure geworden und [[21]]läßt sogar die Hunde über sich.“ Den Brief schickte er an den Vater. Als er den Vater erreichte, öffnete er ihn sofort, las ihn und sagte: „Ach, meine Tochter ist eine Hure geworden. Ist das nicht eine Schande für mich?“ Dann sagte er voll Zorn zu seinem Sohne: „Geh sofort nach Hause, schlage meiner Tochter den Kopf ab und bringe mir schleunigst ihr blutbeflecktes Hemd.“
Sein Sohn stand auf und machte sich auf den Weg. Eines Tages kommt er in sein Stadtviertel. Indem er von Anfang bis zu Ende bei allen Nachbarn herumfragt und sich zu vergewissern sucht, bestätigten sie ihm alle: „Nein, mein Sohn, wir haben nie gesehen, daß deine Schwester auf die Straße gegangen ist.“ Schließlich kommt er nach Hause und klopft an die Tür. Die Schwester sagte: „Ach, mein Bruder“, eilt die Treppe nach unten, öffnet die Tür und führt ihn nach oben und fragt: „Wo ist mein Vater?“ Ihr Bruder sagt: „Er ist unterwegs, komm, wollen ihm entgegengehen.“ Sofort legt das Mädchen ihren Mantel an und geht mit ihrem Bruder aus dem Hause. Der führte sie auf einen Berg und sagte: „Schwester, man hat dem Vater einen Brief geschrieben: ‚Deine Tochter ist eine Hure geworden, sie läßt jedermann über sich‘. Als der Vater dies gehört, wurde er zornig und sagte zu mir: ‚Du mußt meiner Tochter den Kopf abschlagen und ihr blutbeflecktes Kleid mir bringen‘. Dies ist der Grund meines Kommens, Schwester.“
Als die Schwester davon hörte, klärte sie ihn nicht auf. Schließlich sagte ihr Bruder: „Meines Vaters Versprechen muß ausgeführt werden.“ Er nahm einen jungen Hund, tötete das Tier und befleckte das Hemd seiner Schwester mit Blut und sagte: „Schwester, nun heißt es Abschied nehmen. Gehe jetzt in ein anderes Land, Gott möge dir helfen.“ Dann trennten sie sich für ewig. Dann entwich das Mädchen und ging weinend von Berg zu Berg.
Der Junge nahm das blutige Hemd seiner Schwester und machte sich auf den Weg. Eines Tages kam er nach dem Hedschas, ging zu seinem Vater und sagte: „Da, Vater, [[22]]habe ich dir das blutige Hemd deiner Tochter gebracht“ und übergab es ihm. Der sagte: „Gott sei Dank, nun bin ich aus dem Gerede der Leute gekommen.“
Die wollen wir nun hier lassen und wieder zum Mädchen gehen. Das Mädchen ging von Berg zu Berg und kam schließlich an ein Wasserbecken. Dort trank sie klares Wasser. Neben dem Becken war ein Baum. In den Schatten des Baumes setzte sie sich und ruhte sich etwas aus. Es gab dort aber sehr viel reißende Tiere. Nach einiger Zeit überlegte sie: „Es ist Abend geworden, wohin soll ich gehen?“ Schließlich kam ihr dieser Baum in den Sinn. Sie sagte: „Ich will wenigstens auf jenen Baum steigen und mich vor den Tieren schützen.“ Dann kletterte sie auf den Baum. Jene Nacht blieb sie auf dem Baum.
Als es Morgen wurde, war nun gerade der Sohn des Padischahs dieses Landes auf Jagd ausgezogen. Sein Pferd war sehr durstig und kam schließlich an das Becken. Der Prinz faßte das Pferd am Halfter und führte es an das Wasser. Das Pferd nun, während es sein Maul dem Wasser nähert, scheut, als es trinken will, und ist nicht zum Trinken zu bewegen. Die Sonne hatte nämlich das auf dem Baume befindliche Mädchen getroffen und ihr Bild auf das Wasser geworfen. Wie sehr auch der Prinz das Tier quält, es geht nicht ans Wasser. Auf einmal hebt der Prinz seinen Kopf nach oben. Als er das Mädchen sieht, verliert er das Bewußtsein. Er redet sie an: „Bist du ein Geist oder was bist du?“ Das Mädchen sagte: „Ich bin ein Mensch.“ Schließlich ließ er das Mädchen heruntersteigen und sagte: „Das war also meine heutige Jagdbeute.“ Dann nahm er das Mädchen und ging ins Schloß. Dann brachte er seinem Vater die Kunde und heiratete nach Allahs Anordnung und nach dem hehren Brauch des Propheten jenes Mädchen.
Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten Tage betrat er das Brautgemach. Nach einiger Zeit hatte der Prinz von diesem Mädchen drei Nachkommen. [[23]]
Diese Kinder mögen nun in der Wiege aufwachsen! Eines Tages kam dem Mädchen seine Mutter ins Gedächtnis und aus ihren Augen flossen Tränen so groß wie Regentropfen. Darüber kam der Prinz hinzu. Als er sah, daß das Mädchen geweint hatte, sagte er: „Meine Prinzessin, warum weinst du so?“
Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Herr, als ich heute dasaß, kam mir meine Mutter in den Sinn. Aus Sehnsucht nach ihr weine ich.“ Als der Prinz fragte: „Meine Prinzessin, lebt deine Mutter oder ist sie tot?“, sagte sie: „Ach, mein Herr, sie lebt. Es ist schon lange her, daß ich Sehnsucht nach ihr habe. Jetzt habe ich Verlangen nach ihr.“ Da sagte der Prinz: „Meine Prinzessin, warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte ich dir sonst nicht die Erlaubnis gegeben? Entweder wollen wir deine Mutter hierher holen oder du gehst zu deiner Mutter und siehst sie wieder. Sieh, wie du willst, so wollen wir es tun.“
Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, möge Gott Ihnen langes Leben und Gesundheit geben. Wenn Sie Ihrer Dienerin die Erlaubnis geben, so möchte ich morgen mit meinen Kindern zu meiner Mutter gehen und sie noch einmal in dieser Welt wieder sehen und ihr meine Kinder wieder zeigen.“ Der Prinz sagte: „Meine Prinzessin, sehr schön. Es soll so sein. Morgen sollst du in Begleitung einiger Leute mit deinen Kindern gehen und deine Mutter besuchen.“ Schließlich schliefen sie diese Nacht.
Am nächsten Morgen rief der Prinz seinen Hofmeister und vertraute die Prinzessin und ihre Kinder dem Hofmeister an. Die Prinzessin stieg mit ihren Kindern in einen Wagen, der Hofmeister bestieg ein Pferd und nahm als Begleitung ein Bataillon Soldaten mit. Sie fuhren vom Schlosse fort und machten sich auf die Reise.
Nach einiger Zeit steckte der Vezir seinen Kopf in den Wagen und sagte zum Mädchen: „Entweder gibst du dich mir hin oder ich töte deine Kinder.“ Das Mädchen wurde verwirrt und sagte: „Was ist das für eine Sache! Das ist [[24]]ja unmöglich.“ Der Vezir sagte: „Ja, meine Prinzessin, du mußt dich mir hingeben.“ Das arme Mädchen wollte ihm nicht willfährig sein und gab ihm eins ihrer Kinder. Der Vezir nahm es, erwürgte es und warf es auf die Erde. Nach einiger Zeit steckte er wieder den Kopf in den Wagen und sagte: „Mädchen, du mußt mir willfährig sein, oder soll ich auch diese Kinder töten?“ Das Mädchen sagte: „Nein, ich werde mich dir nicht hingeben, da töte die Kinder.“ Der Vezir streckte seine Hand aus, nahm eins von den Kindern und tötete es. Kurz nach einiger Zeit erwürgte er auch das andere Kind. Als keine Kinder mehr da waren, blieb die Prinzessin allein im Wagen. Nachdem sie etwas gereist waren, zog der Vezir am Kopf seines Pferdes und hielt an, steckte seinen Kopf in den Wagen und sagte: „Heh, Mädchen, deine drei Kinder habe ich getötet. Auch dich werde ich töten oder du gibst dich mir hin.“ Das Mädchen antwortete: „Gib mir eine halbe Stunde Zeit, daß ich die Waschung vollziehe und zwei Gebete bete, dann will ich mich dir hingeben.“
Der Vezir gab dem Mädchen eine halbe Stunde Erlaubnis. Das Mädchen stieg aus. Der Vezir band ihr, damit sie nicht entfliehen konnte, einen Strick um den Leib und ließ sie frei. Das Mädchen ging etwas weiter, löste den Strick von ihrem Leibe und band das Ende an einen Baum und entfloh. Nachdem sie von Berg zu Berg gelaufen war, zieht der Vezir am Strick, sieht, daß er nicht los ist, und denkt: „Das Mädchen vollzieht die Waschung“, und wartet. Dann überlegt er: „Seitdem dies Mädchen weggegangen ist, ist eine halbe Stunde verflossen. Das ist ja eine endlose Waschung. Ich will doch einmal hingehen und nach dem Mädchen sehen.“ Als er etwas gegangen ist, sieht er auf einmal, daß das Ende des Strickes an einen Baum gebunden ist und sie selbst entflohen ist. Er sagte: „Da habe ich sie mir doch entwischen lassen“ und raufte sich die Haare. Dann kehrte er zu den Soldaten zurück und sie gingen wieder in das Schloß. [[25]]
Als er zum Prinzen kam, sagte er: „Mein Prinz, als wir unterwegs waren, nahm die Prinzessin ihre Kinder, warf sie, ohne daß wir es sahen, aus dem Wagen und entfloh. Und mein Prinz, ein Mädchen, das von den Bergen kommt, schafft nichts Gutes. Vom Berge ist sie gekommen und wieder auf den Berg gegangen.“ Als der Prinz das hört, wird er bewußtlos, fällt auf der Stelle auf den Boden und wird ohnmächtig. Man besprengte sein Gesicht mit Rosenwasser, und er kam wieder zu sich. Dann trauerte er um das Mädchen.
Die wollen wir nun verlassen und sehen, wie es dem Mädchen ergangen ist. Sie war weinend von Berg zu Berg gegangen und war schließlich in ihres Vaters Land gekommen. Sie wechselte ihre Kleider und ging auf den Basar. Sie kam zum Laden eines alten Halwahändlers, dessen Laden verfallen war. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, sagte sie zu dem Alten: „Willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Halwahändler antwortete: „Ach, mein Sohn, ich kann kaum das Geld für mein Abendbrot verdienen. Wenn ich dich als Lehrling nehme, wie sollte ich dir Lohn geben? Außerdem habe ich auch die Halwazubereitung vergessen.“ Das Mädchen antwortete: „Vater, ich verlange von dir nichts. Gib mir nur die Kost. Dafür arbeite ich. Wir ernähren uns von dem, was Gott gibt.“ Als der Alte diese angenehmen Worte hörte, widersprach er nicht und sagte: „Gut, mein Sohn, komm.“ Dann küßte das Mädchen seinem Meister die Hand, trat ein und setzte sich in dem Laden hin. Nach einigen Tagen streifte das Mädchen seine Ärmel auf, ging an den Herd und fing an Halwa zu bereiten. Sie machte ein schönes Halwa und setzte ihrem Meister eine Probe vor. Ihr Meister langte zu, und nachdem er etwas gegessen hatte und der angenehme Geschmack auf der Zunge geblieben war, sagte er: „Mein Sohn, du hast ein sehr gutes Halwa gemacht. Möge deine Hand dir gesund erhalten bleiben! Möge Allah sie vor dem bösen Blick bewahren.“ Dann wusch sie den Stein (auf dem Ladentisch) ab und legte [[26]]das Halwa, das schön klar wie Mastix aussah, darauf. Als die Kunden kamen und den schönen Jüngling sahen, gerieten sie in Erstaunen. Selbst wenn sie eigentlich kein Halwa kaufen wollten, so kamen sie doch in den Laden und kauften es. Und wer schon einmal gekauft hatte, kehrte um und kaufte noch einmal Halwa. Von diesem schönen Halwaverkäufer wurde überall gesprochen.
Wir wollen den schönen Halwaverkäufer bei seiner Arbeit lassen und uns wieder zum Prinzen wenden. Als ihm eines Tages dies Mädchen und seine Kinder ins Gedächtnis kamen, seufzte er und aus seinen Augen flossen Tränen so groß wie Regentropfen. Dann rief er seinen Hofmeister und sagte: „Ich will die Prinzessin wieder haben. Ich will sie suchen, ich muß sie finden, sonst töte ich mich.“ Der Vezir sagte: „Mein Prinz, das Mädchen wollte dich nicht und ist in die Berge geflohen. Wie willst du es jetzt finden?“ Alle diese Worte nützten nichts. Jedenfalls nahm der Prinz den Vezir zu sich. Sie verließen das Schloß und gingen in die Berge, um das Mädchen zu suchen. Sie kamen in das Land, wo sich das Mädchen befand. Da sie sehr hungerten, fragten sie ein Kind: „Mein Sohn, ist hier nicht irgendwo ein Garkoch?“ Das Kind antwortete: „Mein Herr, hier ist keine Garküche, aber etwas weiter ist der Laden des schönen Halwaverkäufers. An dem Halwa, das er macht, kann man sich gar nicht satt essen. Er macht sehr schönes Halwa.“ Als der Prinz das Lob dieses Halwahändlers hörte, konnte er sich nicht länger halten und ging mit dem Vezir zu dem Laden des schönen Halwaverkäufers. Als jetzt das Mädchen den Prinzen mit dem Vezir kommen sah, erkannte es sie, aber gab sich nicht zu erkennen. Als der Prinz sagte: „Gib uns einige Stück Halwa“, antwortete das Mädchen: „Meine Herren, wenn Sie diese Nacht hierbleiben, werde ich Ihnen ein sehr schönes Halwa bereiten und sie mit einer sehr merkwürdigen Geschichte unterhalten.“ Als der Prinz die freundlichen Worte des schönen Halwaverkäufers und seine liebenswürdige Begrüßung [[27]]hörte, sah er ihm ins Gesicht, erstaunte, konnte nicht mehr an sich halten und sagte: „Sehr schön, junger Mann, wir bleiben.“ Dann traten der Prinz und der Vezir in den Laden und setzten sich.
Die mögen nun dort sitzen, wir wollen uns jetzt zu den Leuten aus dem Viertel wenden. Die wollten an jenem Tage eine Halwagesellschaft machen. Der eine sagte: „Aber von wem wollen wir das Halwa machen lassen? An der und der Stelle ist ein schöner Halwajüngling. Der macht sehr schönes Halwa, von dem wollen wir es machen lassen.“ Einige von ihnen standen auf, gingen zum Laden dieses Halwahändlers und sagten: „Kannst du heute zu uns kommen und uns ein schönes Halwa machen? Denn wir haben die Leute des Viertels eingeladen und wollen heute nacht eine Halwagesellschaft geben.“
Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Sehr gern, meine Herren, aber ich habe Gäste. Da kann ich nicht weggehen, sonst sind sie allein.“ Da sagten sie: „Aber bringe sie doch mit. Über uns ist Platz.“ Der schöne Halwaverkäufer wandte sich zu seinen Gästen und sagte: „Meine Herren, man hat mich zu einer Halwagesellschaft gerufen. Wollen, bitte, zusammen gehen, dort werden wir uns unterhalten.“ Der Prinz sagte: „Sehr schön!“ Die drei verließen zusammen den Laden und gingen mit den Leuten in das Haus, das sie angaben, und stiegen die Treppe hinauf. Der Prinz und der Vezir blieben in einem Zimmer. Der schöne Halwajüngling machte sich daran, unten das Halwa zu bereiten. Nachdem er schließlich das Halwa fertig hatte, bewirtete er zuerst die Gäste unten in dem Zimmer und verabschiedete sich. Nun kam die Reihe an die im oberen Zimmer. Dann nahm er die Kasserolle und das Kohlenbecken und ging nach oben, trat ein und sieht, daß die Leute des Viertels, sein Vater und Bruder, der Müezzin, der Prinz und der Vezir alle in dem Zimmer anwesend sind. Sofort stellt der schöne Halwaverkäufer das Kohlenbecken in die Mitte des Zimmers und fängt an Halwa zu bereiten. Dann [[28]]sagte er: „Meine Herren, Sie sind ja so still. Ein jeder möge eine Geschichte erzählen, die ihm passiert ist, damit wir uns unterhalten, denn dazu sind wir ja zusammengekommen.“ Die nichtsahnenden Einwohner fingen an. Jeder erzählte eine Geschichte, die ihm passiert war. Als sie fertig waren, sagten sie zu dem schönen Halwaverkäufer: „Wir haben erzählt, nun erzähle du uns auch eine Geschichte, damit wir zuhören.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Meine Herren, wenn ich eine Geschichte erzähle, habe ich die Gepflogenheit, keinen aus der Tür hinauszulassen. Wer hinausgehen will, mag jetzt hinausgehen.“ Die Gesellschaft sagte: „Nein, es ist keiner da.“ Dann setzte sich der schöne Halwaverkäufer an die Tür und fing an seine Geschichte zu erzählen. Als er zuerst die Geschichte, die ihm im Bade passiert war, erzählte, hörte der Müezzin aufmerksam zu. Als er sie hörte, rief er: „Ach, mein Bauch, mein Bauch schmerzt mir.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Setz’ dich nur hin.“ Als er dann die Geschichte von der Ermordung der Kinder auf der Reise erzählte, seufzte der Prinz und seine Augen wurden voll Tränen. Da begriffen der Vater, der Bruder, der Prinz, der Vezir und der Müezzin die ganze Sache. Dann sagte das Mädchen: „Die Gesellschaft soll wissen, daß meine Feinde hier der Müezzin und der Vezir sind. Dies hier ist mein Vater, mein Bruder und mein Gatte, der Prinz.“ Darauf ging sie zu ihm und setzte sich unter den Saum seines Kleides. Der Prinz bedeckte das Mädchen und die ganze Gesellschaft biß sich auf den Finger[7] und war still. Am nächsten Morgen töteten sie den Müezzin und den Vezir unter verschiedenen Martern. Dann trennten sie sich. Das Mädchen küßte ihrem Vater und ihrer Mutter die Hand und zog mit dem Prinzen wieder auf sein Schloß, und sie heirateten sich von neuem. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten betrat der Prinz das Hochzeitsgemach. Sie erreichten, was sie wollten und damit Schluß! [[29]]
[[Inhalt]]
3. DER SCHÖNE KAFFEESCHENK
Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten lebte ein erwachsener Jüngling in sehr ärmlichen Verhältnissen. Eines Tages verkleidete er sich und machte sich auf die Reise. Nach langem Reisen kam er in ein Land. Er kam an ein altes Kaffeehaus und fragte den Wirt: „Meister, würdest du mich als Lehrling annehmen?“ Der Wirt sagte: „Ach, mein Sohn, meine Kaffeeschenke ist alt. Am Tage kommen ein paar Kunden. Fünf bis zehn Para nehme ich ein, davon kaufe ich das Brot für den Abend und gebe es für meinen Unterhalt aus.“ Der Jüngling sagte: „Vater, ich verlange von dir nichts. Ich will nur meinen Kopf hier ein wenig einstecken und verweilen.“ Dagegen sagte der Kaffeewirt nicht: „Es ist unmöglich“, sondern: „Sehr schön, mein Sohn, was Gott schenkt, nimmt man hin.“ Darauf küßte der Jüngling dem Meister die Hand, trat ein und verblieb im Kaffeehaus. Als es Abend wurde, sagte sein Meister: „Mein Sohn, ich gehe jetzt nach Hause, schließe du das Kaffeehaus ordentlich zu und schlafe darin.“ Sein Meister ging nach Hause weg.
Wir wenden uns nun zu dem Jüngling. Dieser verschloß ordentlich das Kaffeehaus, legte sich auf die Bank und schlief ein. Ungefähr um vier oder fünf krachte die Türe des Kaffeehauses, öffnete sich, und ein Derwisch trat ein und grüßte. Der schlafende Jüngling wachte auf und erwiderte höflich den Gruß des Derwisches. Jetzt sagte der Derwisch: „Steh auf, junger Mann, koche mir einen Kaffee umsonst.“ Der Jüngling stand auch auf und kochte dem Derwisch einen Kaffee umsonst und reichte ihm den. Der Derwisch trank den Kaffee und ging, ohne ein Wort zu sagen, hinaus. Der Jüngling sagte: „Hoffentlich ist es eine gute Vorbedeutung“, schloß die Türe der Kaffeeschenke, setzte sich wieder auf die Bank und blieb die Nacht dort. Als es Morgen wurde, sagte er nichts dem Meister davon. Als es wieder Abend wurde, schlief er wieder wie das erstemal [[30]]ein. Genau um vier oder fünf ungefähr krachte wieder die Türe und öffnete sich. Da kamen zwei Derwische herein, grüßten und sagten: „Koche uns zwei Kaffee umsonst.“ Der Jüngling stand auf, kochte ihnen zwei Kaffee umsonst und gab sie ihnen. Sie tranken den Kaffee und gingen weg. Er schloß wieder die Türe des Kaffeehauses und verblieb die Nacht auf der Bank. Als es Morgen wurde und der Meister kam, sagte er ihm nichts von den Geschehnissen. Als es Abend wurde, schloß er wieder das Kaffeehaus und stellte alles, was an Dingen vorhanden war, hinter die Tür, legte sich auf seine Bank und schlief ein. Genau gegen vier oder fünf erhob sich ein sehr starker Lärm, die Tür krachte und öffnete sich, und herein traten drei Derwische. Nachdem sie gegrüßt hatten, sagten sie: „Steh auf, junger Mann, und koche uns drei Kaffee umsonst.“ Der arme Jüngling stand auf, kochte den Kaffee und gab ihnen den. Sie tranken ihren Kaffee und standen auf. Der eine sagte: „In der Kaffeeschenke, in der sich dieser junge Mann befindet, soll nie in der Kaffeebüchse an Kaffee und Zucker Mangel sein; sie sollen immer bis an den Rand voll sein.“ Der zweite sagte: „In die Kaffeeschenke, in der sich dieser junge Mann befindet, sollen Kunden wie Ameisen kommen.“ Der dritte sagte: „Dieser junge Mann soll alle Löcher zum Sprechen bringen können.“ Schließlich gingen alle drei Derwische auf einmal davon.
Der Jüngling schloß wieder wie das erstemal die Türe des Kaffeehauses, legte sich auf die Bank und schlief ein. Als es Morgen wurde, stand er auf, öffnete das Kaffeehaus und sieht, daß vor dem Kaffeehaus die Kunden wie Ameisen gedrängt stehen. Er sagte: „Es ist tatsächlich geschehen, was die Derwische in der Nacht sagten“, und dankte Gott. Danach ging er an den Herd und als er nach dem Kaffee und Zucker sieht, um den Kunden Kaffee zu kochen, ist die Büchse bis zum Rande voll. Er sagte: „Die Derwische waren doch nicht so ohne.“ Dann verfiel er in Nachdenken. Doch kochte er andauernd Kaffee und setzte [[31]]ihn den Gästen vor. Schließlich kommt sein Meister und sieht, — na, was siehst du?[8] — der Platz vor dem Kaffeehaus und drinnen ist voller Menschen. Er sagt zu sich: „Das ist ja ein reines Wunder“, steckt den Finger in den Mund[7] und bleibt stehen. Er denkt: „Jeden Tag kommt sonst nur der eine oder der andere Kunde. Dahinter muß etwas stecken.“ Er geht umher und findet keinen Platz zum Sitzen. Dann fragt er den Jüngling: „Hast du Kaffee und Zucker in dem Kasten?“ Der Jüngling antwortete: „Ja, Meister, ich habe welchen gekauft. Setze dich nur hin und vergnüge dich.“ Da setzte sich sein Meister irgendwohin.
Der junge Mann kochte andauernd Kaffee. Als es schließlich Abend wurde, ging sein Meister an die Schublade, öffnet sie und sieht, — na, was siehst du? — die Schublade ist bis zum Rande voller Geld. Als der Meister das sieht, wäre er beinahe ohnmächtig geworden. Dann sagte er: „Bravo, mein Junge, dein Fuß war glückbringend!“ und küßte den jungen Mann auf die Augen. Dann steckt er das Geld in den Beutel und trug es nach Hause.
Der junge Mann verblieb einige Monate im Kaffeehause und an jedem Tage kamen viele Kunden. Sie wurden nun so reich, daß sie keinen Platz finden konnten, wo sie das Geld hinlegen konnten. Schließlich sagte der junge Mann eines Tages zu seinem Meister: „Meister, ich möchte in meine Heimat reisen, gib mir die Erlaubnis.“ Der Meister wollte sich zwar nicht von ihm trennen, notgedrungen sagte er aber wohl oder übel: „Sehr schön, mein Sohn, Allah möge dir Heil geben, geh!“ Dann küßte der junge Mann seinem Meister die Hand, und der Meister gab ihm ein paar Kleider, wie es in der Welt nicht Ähnliches gibt, ganz mit Goldstickerei und mit Juwelen. Er zog sie an und machte sich auf den Weg.
Eines Tages kam er in ein anderes Land; dort mietete er sich ein Kaffeehaus und fing an zu arbeiten. Wieder kamen wie vorher so viel Kunden, daß sie sich nicht zählen ließen. [[32]]Kurz, dieser schöne Kaffeeschenk wurde in dieser Stadt bekannt.
Als eines Tages einer von den Reichen der dortigen Gegend davon hörte, konnte er es nicht mehr aushalten, stand auf und ging sofort in das Kaffeehaus, wo der schöne Kaffeeschenk war. Er setzte sich dort hin und verblieb dort, konnte aber sein Auge nicht von dem jungen Manne wenden. Er war so schön, als wenn er aus Wachs geformt wäre. — Der Reiche riß vor Erstaunen seinen Mund auf.
Der junge Mann kochte einen ganz besonders leckeren Kaffee und setzte ihm den vor. Dieser Reiche streckte seine Hand aus und trank ihn. Als er den Genuß ganz ausgekostet hatte, sagte dieser Reiche zu dem schönen Kaffeeschenk: „Schöner Kaffeeschenk, ich habe eine Tochter. Nach Allahs Bestimmung werde ich sie dir geben. Wirst du sie nehmen?“ Der schöne Kaffeeschenk sagte: „Mein Herr, da Sie Ihre Tochter für mich passend ansehen, warum sollte ich sie nicht nehmen?“ Schließlich führte dieser Reiche den schönen Kaffeeschenk in sein Haus, rief die Gemeinde zusammen und verheiratete seine Tochter mit dem Kaffeeschenk. Es wurde Scherbet getrunken und an jeden verteilt. Den schönen Kaffeeschenk geleitete man in dieser Nacht ins Brautgemach. Der schöne Kaffeeschenk ging zu dem Mädchen und sagte: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Das Loch schrie: „Mich hat mein Vetter durchstochen.“
Am Morgen schied er sich von diesem Mädchen und ging in sein Kaffeehaus. Als sie das sahen, wunderten sie sich: „Was ist das für eine Sache, an einem Tage heiraten und am nächsten scheiden?“ Alle waren verwundert und bedenklich.
Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Der schöne Kaffeeschenk nahm die Tochter eines anderen reichen Mannes. Als es Morgen wurde, entließ er sie wieder. Am folgenden Tage nahm er anderswoher ein Mädchen, auch die entließ er. [[33]]
Als dieser schöne Kaffeeschenk eines Tages am Meeresgestade ging, begegnete er einem Hirten, bei ihm war seine Tochter. Er redete ihn an: „He, Hirte, ist dies deine Tochter?“ Der Hirte antwortete: „Ja, mein Herr.“ Als er sagte: „Ach, Hirte, mein lieber Hirte, dies Mädchen werde ich nach Gottes Anordnung und nach dem hehren Brauch des Propheten heiraten“, antwortete der Hirte: „Ach, mein Herr, ist denn ein Hirtenmädchen Ihrer würdig?“ Da sagte der schöne Kaffeeschenk: „Ich halte dies Mädchen meiner für würdig.“ Schließlich nahm er den Hirten und dies Mädchen mit in sein Haus. Dann rief er die Gemeinde zusammen und heiratete das Mädchen.
Als es Nacht wurde, ging er zum Mädchen und rief: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Das Loch fing an zu sagen: „Ich bin arm, keiner hat sich zu mir herabgelassen. Ich bin so, wie ich von der Mutter geboren bin. Bis jetzt hat noch niemand Hand daran gelegt.“
Als der schöne Kaffeeschenk dies hörte, freute er sich und sagte: „Da habe ich endlich die Frau gefunden, die ich suchte.“ Dann näherte er sich dem Mädchen und wohnte ihr bei.
Als es Morgen wurde, stand er auf, ging ins Bad, wusch sich, kaufte Sahne und ging wieder ins Haus, wo das Mädchen war, verweilte bei dem Mädchen und sie liebten sich.
Die mögen nun hierbleiben, wir kommen jetzt zu den Reichen. Die hatten einen nahen Nachbarn. Eines Tages versammelten sie sich und er sagte: „An dem und dem Orte ist ein schöner Kaffeeschenk. Der nahm meine Tochter und am Morgen verließ er sie. Gestern hat er ein Hirtenmädchen genommen. Das heißt, daß ihm meine Tochter nicht gefallen hat. Kommt, wollen alle einmütig daraus einen ehrenrührigen Prozeß machen und ihn bestrafen lassen.“
Dies Wort gefiel allen. Darauf schicken sie Nachricht an den schönen Kaffeeschenk. Schließlich sagte er: „Wenn Allah will, ist es so gut“, verließ sein Haus und kam zu [[34]]ihnen, setzte sich und verweilte. Sie sagten zu ihm: „He, schöner Kaffeeschenk, nach Allahs Anordnung hast du unsere Töchter geheiratet und am Morgen wieder verlassen. Was ist der Grund? Schließlich hast du ein Hirtenmädchen genommen und bei der bleibst du. Schämst du dich nicht? Gehört sich so etwas für dich? Was hatten unsere Töchter für einen Fehler? Jetzt wollen wir dir einen ehrenrührigen Prozeß machen. Laß dir das gesagt sein!“
Da antwortete der schöne Kaffeeschenk: „Meine Herren, jetzt ruft eure Töchter, wir wollen die Sache erklären, damit, wenn die Schuld an mir liegt, der schöne Kaffeeschenk verderben möge.“ Sie sagten: „Sehr schön, mein Sohn, wollen sie rufen, sie mögen kommen.“ Dann sandten sie Nachricht in ihre Häuser und die genannten Mädchen bestiegen ihre Droschken und kamen in die Versammlung.
Eins von den Zimmern wurde abgesondert und der schöne Kaffeeschenk trat mit einem Mädchen ein. Er ging zu dem Mädchen und rief: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Das Loch sagte: „Mein Vetter hat mich durchstochen.“ Sie horchten hinter der Tür. Der schöne Kaffeeschenk sagte zu ihnen: „Nun, habt ihr es gehört, meine Herren?“ Sie standen da und bissen sich auf den Finger.
Darauf ging das Mädchen aus dem Zimmer und sagte zu ihren Genossinnen: „Ach, Schwestern, steckt in eure Löcher einen Lappen.“ Das taten sie und eine andere ging in das Zimmer. Der schöne Kaffeeschenk ging zu dem Mädchen und rief: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Von dem Loch kam keine Antwort. Er sagte zu dem anderen Loch: „Warum kommt keine Stimme heraus?“
„Ach, mein Herr, wie soll es sprechen, sie hat es verstopft.“
Darauf ging das Mädchen hinaus und sagte zu ihrer Gefährtin: „Fräulein, verstopfe deine beiden Löcher, denn deine Sache steht schlecht.“
Die glaubte ihr und verstopfte beide Löcher. Dann kam sie herein und setzte sich. Der schöne Kaffeeschenk ging [[35]]zu ihr und sagte: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Vom Loch kam keine Antwort. Er sagte zum andern Loch: „Warum kommt keine Stimme heraus?“ Auch dort keine Antwort. Dann ging er an das Ohr des Mädchens und rief: „Loch, warum antworten nicht die unteren Löcher?“ Das Loch antwortete: „Ach, mein Herr, wie sollten sie antworten, sie sind beide verstopft.“ Da sagte der schöne Kaffeeschenk: „Nun, meine Herren, habt ihr eure Töchter gehört, wie sie es eingestanden haben? Ihr hättet sie auch nicht genommen, wie sollte ich sie nehmen?“ Die waren still und sagten keinen Ton.
Dann sagte er wieder: „Nun, meine Herren, ich will auch eure Löcher zum Sprechen bringen, damit kein Zweifel sei.“ Sie sagten: „Ach, mein Sohn, bringe nicht unsere Löcher zum Sprechen, da, nimm diese Goldstücke, geh und lebe ruhig, wo du bist.“
Da stand der schöne Kaffeeschenk auf, ging in sein Haus. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Sie erlangten, was sie wollten.
[[Inhalt]]
4. DIE GESCHICHTE VON DER WEINENDEN GRANATE UND DER LACHENDEN QUITTE
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alter Zeit hatte ein Padischah neun Töchter. Als er eines Tages bei der Königin saß, dachte er nach und sagte: „Wenn ich sterbe, habe ich keinen Sohn, der meinen Thron besteigen wird. Wenn du diesmal wieder ein Mädchen bekommst, werde ich dich töten.“ Schließlich brachte die Königin nach einigen Monaten wieder ein Mädchen zur Welt. Da machte die Königin und die Hebamme aus Wachs ein männliches Glied und ließ es dem Kind an der Scheide befestigen. Als der Vater eintrat und es sah, freute er sich und war froh. Die Hebamme sagte: „Mein Padischah, Ihre Augen mögen glänzen! Sie haben einen Sohn.“ Vorsichtig zeigte man das Glied des Kindes. Da war nun kein Zweifel mehr. [[36]]
Das Kind wuchs heran. Als die Zeit der Beschneidung herankam, zog sich die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu weinen. Das Mädchen ging zu seiner Mutter, und als es sie weinen sah, sagte es: „Mutter, was ist passiert, daß du so weinst?“ Die Mutter sagte: „Ach, mein Mädchen, wenn ich nicht weine, wer sollte dann weinen! Denn als du ein Kind warst, haben wir dich deinem Vater als Jungen angegeben. Obgleich du ein Mädchen bist, hält dich dein Vater für einen Jungen. Jetzt ist die Zeit der Beschneidung für dich gekommen. Wenn er sieht, daß du ein Mädchen bist, wird er mich töten. Deswegen weine ich.“ Das Mädchen sagte zu seiner Mutter: „Darüber rege dich nicht auf. Ich werde zu meinem Vater gehen und ihn bitten, dann beschneidet er mich dies Jahr nicht.“ Am nächsten Morgen ging das Kind zu seinem Vater, küßte ihm die Hand und fing an zu weinen. Der Padischah sagte: „Mein Sohn, warum weinst du so?“ Das Kind antwortete: „Vater, Sie wollen mich beschneiden, deswegen weine ich, denn ich bin noch klein.“ Sein Vater sagte: „Mein Sohn, weine nicht, wollen es dies Jahr lassen. Im nächsten Jahr wirst du beschnitten.“ Es küßte wiederum seinem Vater die Hand und ging froh zu seiner Mutter und sagte: „Ich habe meinen Vater überredet. Im nächsten Jahr wird die Beschneidung sein.“ Die Mutter freute sich auch, nahm das Kind auf den Schoß und küßte es auf die Augen.
Im nächsten Jahre zog sich die Mutter wieder in ein Zimmer zurück und fing an zu weinen. Das Mädchen ging zu ihr, und als es die Mutter weinen sah, sagte es: „Mutter, warum weinst du?“ Die Mutter antwortete: „Ach, meine Tochter, auch dies Jahr ist vorüber, ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Das Mädchen ging wieder wie das erstemal zu seinem Vater, machte ihm wieder etwas vor. Auch in diesem Jahre wollte der Vater seinem Kinde nicht weh tun und unterließ die Beschneidung auch in diesem Jahre.
Darauf ging es erfreut zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, auch dies Jahr habe ich meinen Vater überredet. Nun [[37]]weine nicht mehr.“ Inzwischen verging reichlich Zeit. Das zweite Jahr war auch vorüber. Wieder zog sich die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu schluchzen. Als das Mädchen aus der Schule kam und seine Mutter weinen sah, konnte es es nicht aushalten und fing an mit seiner Mutter zusammen zu weinen. Die Mutter sagte: „Ach, meine Tochter, zweimal hast du deinen Vater davon abhalten können, die Beschneidung zu vollziehen, aber jetzt ist auch dies Jahr um. Jetzt bist du jedoch erwachsen und nun gibt es keinen Ausweg mehr. Morgen wird mich dein Vater töten. Heute ist der letzte Tag meines Lebens.“ Das Mädchen antwortete: „Liebe Mutter, wenn mich morgen mein Vater ruft, um die Beschneidung zu vollziehen, werde ich zu ihm gehen und ihn um die Erlaubnis bitten, eine halbe Stunde spazierengehen zu dürfen, dann werde ich in den Stall gehen ein schnelles Pferd besteigen und entfliehen. Weine nicht um mich. Ich werde in andere Länder flüchten. Ich werde mich für dich opfern.“ So beschlossen sie.
Am nächsten Morgen kamen viele Leute zusammen, die da sagten: „Es werden große Zelte aufgeschlagen, der Ort für die Beschneidung wird hergerichtet und der Prinz wird beschnitten.“ Der König rief den Prinzen und sagte: „Mein Sohn, du bist nun genau dreizehn bis vierzehn Jahre. Sage nun nicht mehr nein. Heute wirst du sogleich beschnitten.“ Das Mädchen sagte: „Vater, gib mir noch eine halbe Stunde, ich will hier noch etwas herumreiten, danach mag man mich beschneiden. Ich bin damit einverstanden.“ Der Vater sagte: „Sehr wohl, mein Sohn“ und gab dem Prinzen die Erlaubnis. Der ging sofort in den Stall und sieht ein rabenschwarzes, fleckenloses Pferd, geht zu ihm und fängt an zu weinen. Das Pferd fängt an zu sprechen und sagt: „Mein Prinz, warum weinst du so?“ Das Mädchen wundert sich und sagt: „Ach, mein Pferdchen, wenn ich nicht weine, wer soll dann weinen? Mein Vater hält mich seit meiner Geburt für einen Jungen. Jetzt will er mich beschneiden. Wenn er [[38]]dann merkt, daß ich ein Mädchen bin, wird er meine Mutter töten. Ich habe von meinem Vater eine halbe Stunde Erlaubnis erhalten und bin hierhergekommen, damit ich ein Pferd besteige und fliehe.“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, deswegen rege dich nicht auf. Ich werde dich zunächst mit Gottes Erlaubnis in andere Länder bringen, aber ich rate dir: wenn du auf mir sitzest, mußt du mir den Zügel völlig frei lassen, dich fest am Halfter halten und für dich sorgen; denn ich laufe wie der wehende Wind. Selbst wenn man hinter mir mit Kugeln schösse, so würden sie mich nicht erreichen. Dementsprechend richte dein Verhalten ein.“ Schließlich bestieg das Mädchen das Pferd, ritt zu dem Platze und tummelte sich dort. Die dort befindlichen Soldaten betrachteten den Prinzen. Nach einer halben Stunde ging das Pferd mitten durch die Soldaten und enteilte wie ein wehender Wind. Als die Anwesenden dies sahen, gingen sie zum Vater und erzählten es ihm. Sofort wurden Leute nach ihm ausgeschickt, fanden aber keine Spur von ihm. Sie kehrten wieder um und erzählten es dem Vater. Der Padischah und das ganze Volk trauerten um den Prinzen. Die dort aufgestellten Soldaten wurden wieder an ihren Platz, wo sie stationiert waren, entlassen.
Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Als das Pferd ihn mit sich genommen, brachte es ihn an einem Tage in ein sechs Monate entferntes Land, stand still und sagte zum Mädchen: „Meine Prinzessin, nun habe ich dich soweit gerettet. Jetzt gehe, wohin du willst, und sorge für dich.“ Das Mädchen stieg vom Pferde, fing an zu weinen und sagte: „Ach, mein Lieblingspferd. Zuerst sei Allah, dann dir gedankt. Jetzt will ich von hier gehen, aber wenn mir ein Unglück zustößt, was soll ich da tun?“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, ich werde dir drei Haare von mir geben. Bewahre sie bei dir, damit du, wenn dir etwas passiert, die Haare nimmst und eins an dem andern reibst. Dann werde ich dir Hilfe bringen.“ [[39]]
Die Prinzessin sagte: „Sehr schön“, nahm von dem Pferde drei Haare und steckte sie in ihren Busen. Dann trennte sich das Mädchen von dem Pferde und machte sich auf den Weg. Auch das Pferd verschwand spurlos.
Auf seiner Wanderung kommt das Mädchen in ein Land und sieht vor sich ein großes Schloß und dabei eine schöne Küche. Es war Abend geworden. Sie wechselte sofort ihre Kleider und ging in die Küche des Schlosses. Da sieht sie, daß die Köche eilig eine Mahlzeit kochen. Sie geht zu ihnen und sagt zu ihnen: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling annehmen?“ Die fuhren sie an: „Siehst du nicht, daß wir unsere Arbeit haben? Was sollen wir mit dir anfangen?“ Schließlich flehte und überredete sie sie, daß sie einwilligten. Das Mädchen tat im Hause von unten bis oben Dienste. Schließlich redete sie einen an: „Meister, warum kochst du so eilig?“ Die sagten: „Mein Sohn, in dieses Land kommt in sechs Jahren einmal in der Nacht ein Dev[9]. Der frißt die Leber des Padischah und geht wieder. Morgen ist die Zeit, da er kommt. Deswegen sind wir heute so aufgeregt.“ Als das Mädchen das hörte, biß es sich auf den Finger vor Erstaunen.
Diese Nacht schlief das Mädchen nicht und kochte mit den Köchen bis zum Morgen. Als es Morgen wurde, ging das Mädchen in das Schloß, stieg nach oben, kommt in ein Zimmer und sieht eine Prinzessin sitzend, vom Kopf bis zu den Zehen in schwarzen Kleidern. Dann geht sie in ein anderes Zimmer und sieht eine Prinzessin gleichfalls wie die erste in Schwarz. Die Einrichtung des Zimmers war ebenfalls schwarz. Darauf geht sie in ein anderes Zimmer und sieht mitten in dem Zimmer auf einem Bette eine Prinzessin vom Kopf bis zu den Zehen in roten Kleidern. Danach kommt sie in das Zimmer des Padischah und sieht, daß man dem Padischah, der bewußtlos in einer Ecke lag, Essenzen zu riechen gibt.
Es wurde Abend und die Ankunft des Devs stand bevor. Sogleich zog das Mädchen aus seinem Busen die Haare, [[40]]welche das Pferd ihm gegeben hatte, heraus und reibt eins am andern. Sofort erscheint das Pferd und sagte: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „Ich will von dir ein Schwert, welches einen großen Dev in dem Augenblick, da ich ihn geschlagen habe, in zwei Teile spalten muß.“ Das Pferd antwortete: „Da, meine Prinzessin, hast du ein Schwert. Schlage aber nicht zum zweiten Male auf die Stelle, wo du einmal hingeschlagen hast.“ Dann verschwand das Pferd spurlos.
Das Mädchen nahm das Schwert, ging in das Zimmer, wo der Padischah war, trat leise hinein und verbarg sich an einer Stelle. Als es Mitternacht war, kam ein Geräusch vom Himmel. Die Luft wurde pechschwarz. Danach geschah ein Gepolter und ein großer Dev stand im Zimmer. Sogleich sagte das Mädchen: „Mit Gottes Hilfe!“ und schlug mit dem Schwerte, das sie bei sich hatte, auf den Kopf des Devs einen solchen Schlag, daß der Kopf vom Körper getrennt wurde. Da schrie der Dev: „Jüngling, ich möchte wissen, ob du ein Mann bist. Schlage doch noch einmal!“ Das Mädchen erinnerte sich an die Mahnung des Pferdes, war still und schlug nicht zum zweitenmal. Da entschwand die Seele des Devs und fuhr in die Hölle.
Das Mädchen ging dann zum Dev, schnitt ihm ein Ohr ab und steckte es in die Tasche. Darauf ging sie zu den Köchen und machte wie vorher ihren Dienst im Hause von unten bis oben. Schließlich am Morgen kam der Padischah wieder zu sich und sagte: „Bin ich nicht gestorben?“ Er sieht mitten in das Zimmer und erblickt einen scheußlichen, schwarzen Dev. Wer ihn sah, wurde ohnmächtig. Er überlegte sich: „Wer kann wohl diesen Dev getötet haben?“ und dankte Gott. Als er hinausging und alle Leute des Palastes den Schah sahen, waren sie alle verwundert und sagten: „Bei Gott, unser Padischah ist am Leben“ und dankten Gott. Als der Padischah rief: „Wer hat diesen Dev in dieser Nacht getötet?“ da sagten sie, indem einer nach dem anderen vortrat: „Padischah, wir haben [[41]]ihn getötet.“ Da gab der Padischah ihnen reichlich Geschenke; bis zu den Köchen herab erhielten sie Geschenke. Das Mädchen trat nicht vor. Die Köche sagten zu dem Mädchen: „Lehrling, wir haben von dem Padischah ein Geschenk erhalten. Was wartest du, geh hin und hol’ dein Geschenk.“ Das Mädchen sagte: „Wenn ich zum Padischah gehe, jagt er mich davon.“ Sie sagten: „Nein, warum sollte er dich wegjagen, er gibt dir ein Geschenk.“ Sie drangen in das Mädchen, so daß es aufstand und zum Padischah ging und sagte: „Mein Padischah, diesen bösen Dev habe ich getötet.“ Der Padischah wies das Mädchen zurück und sagte: „Wie hättest du die Kraft, ihn zu töten!“
Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, wenn du es nicht glaubst, werde ich dir das Ohr des Devs zeigen.“ Dann zog das Mädchen das Ohr des Devs aus der Tasche, gab es dem Padischah und sagte: „Wenn Sie es nicht glauben, gehen Sie und sehen den Kopf des Devs an.“ Dann ging man zum Dev und sah, daß tatsächlich ein Ohr fehlte. Der Padischah antwortete: „Mein Sohn, fordere von mir, was du willst.“ Das Mädchen antwortete: „Ich wünsche nur deine Gesundheit.“ Als er noch einmal fragte, sagte es wieder so. Als er zum dritten Male fragte, sagte es: „In jenem Zimmer ist ein Mädchen in roten Kleidern, das wünsche ich.“ Er sagte: „Mein Sohn, dieses Mädchen habe ich schon so viel schönen jungen Männern geben wollen. Sie gefielen ihr aber nicht und sie hat sie nicht genommen. Was willst du mit der Hure machen. In dem anderen Zimmer sind meine Lieblingstöchter in schwarzen Kleidern, die werde ich dir geben.“ Das Mädchen sagte: „Mein Padischah, mein Herz liebt diese, wenn du sie mir geben willst, gib sie mir, eine andere will ich nicht.“ Darauf befahl der Padischah und rief das Mädchen in roten Kleidern. Die kam auch und blieb mit übereinandergelegten Händen stehen. Der Padischah sagte: „Meine Tochter, dieser junge Mann wünscht dich, nimmst du ihn an?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, erlaube mir, daß ich [[42]]diese Nacht noch schlafe, damit ich einen Traum habe. Morgen werde ich Antwort geben.“ Er gab die Erlaubnis und das Mädchen ging in ihr Zimmer.
In der Nacht ging das Mädchen, das den Dev getötet hatte, an die Tür des Zimmers, in der das Mädchen mit den roten Kleidern war, und spähte durch das Schlüsselloch. Da sah es, daß das Mädchen in die Mitte des Zimmers ein goldenes Becken stellte und reines Wasser hineingoß. Dann kam durch das Fenster eine Taube, wusch sich in dem Becken, schüttelte sich und wurde ein mondgleicher Jüngling. Darauf stieg er auf das Lager des Mädchens, umarmte das Mädchen und sie pflegten der Liebe. Das Mädchen sagte: „Ach, mein Augenstern, heute hat mich mein Vater gerufen und will mich einem armseligen Manne geben. Ich habe ihn um Erlaubnis gebeten, daß ich diese Nacht auf meinen Traum warten dürfte. Ich habe es nur getan, um mich mit dir zu beraten.“ Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel, den zu holen niemand wagt. Morgen trage es dem Jüngling auf und sage ‚Wenn du ihn holst, werde ich dich heiraten.‘ “ Das hörte das Mädchen draußen. So einigten sie sich. Am Morgen wurde der Jüngling wieder wie vorher ein Vogel und flog davon. Das Mädchen ging aus dem Zimmer zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel. Wenn er den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Danach rief der Padischah diesen Jüngling und sagte: „Mein Sohn, sagte ich dir nicht, daß dies Mädchen ihr Spiel mit uns treibt. Da gibt es jetzt einen Spiegel, den will sie von dir.“ Er sagte: „Mein Padischah, wenn Sie erlauben, hole ich ihn.“ Der Padischah erwiderte: „Sehr schön, mein Sohn.“ Schließlich ging das Mädchen aus dem Schloß, holte aus seinem Busen die Haare, welche das Pferd ihm gegeben hatte. Als es sie aneinandergerieben hatte, erschien das Pferd und sagte: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte ist bei Deven ein Spiegel, den will ich [[43]]haben.“ Das Pferd sagte: „Sehr schön, meine Prinzessin, steige auf meinen Rücken.“ Das Mädchen stieg auf und wie der wehende Wind ging es auf die Reise. Nach einiger Zeit kam es an einen großen Berg, machte halt und sagte: „Meine Prinzessin, bis hierhin habe ich dich gebracht, jetzt gehe du auf den Berg, der vor dir liegt, dort ist der Platz der Deve. Sieh sie dir an. Wenn ihre Augen geschlossen sind, schlafen sie nicht, wenn sie offen sind, schlafen sie. Geh leise hinein. Ihnen zu Häupten hängt der Spiegel. Nimm sofort den Spiegel, nimm ihn und kehre zu mir zurück, ohne dich umzusehen.“ Das Mädchen sagte: „Sehr schön“, stieg auf den Berg und ging an den Platz, wo die Deve waren. Es sieht, daß die Augen der Deve geöffnet sind, und weiß daraus, daß sie schlafen. Sofort tritt es ein, nimmt den Spiegel, der ihnen zu Häupten hängt, kehrt, ohne sich umzusehen, schleunigst zu dem Pferde zurück. In diesem Augenblick wachen die Deve auf und schreien hinter dem Mädchen her: „Jüngling, bringe uns unseren Spiegel wieder“ und werfen Steine von der Größe von Bergblöcken hinter ihm her. Das Mädchen läßt sich nicht halten, kommt zu dem Pferde und besteigt es. Das Pferd macht sich kraft seiner Hufe wie ein wehender Wind davon und die Deve sehen ihm nach. Schließlich kommen sie nach einiger Zeit wieder vor das Schloß. Das Mädchen steigt vom Pferde und sieht, daß das Pferd spurlos verschwunden ist.
Dann betritt das Mädchen das Schloß, ging zum Padischah und sagte: „Da, mein Padischah, habe ich den verlangten Spiegel gebracht.“ Der Padischah rief sofort das Mädchen mit den roten Kleidern und sagte: „Da, dieser Jüngling hat den von dir verlangten Spiegel gebracht.“ Das Mädchen nahm den Spiegel und sagte: „Vater, gib mir diese Nacht Erlaubnis, morgen werde ich euch Antwort geben.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön.“ Dann zog sich das Mädchen in sein Zimmer zurück. Der Jüngling ging auch aus dem Zimmer und verbarg sich irgendwo. [[44]]Schließlich in der Nacht ging er wieder an die Tür des Zimmers, wo sich das Mädchen befand, und spähte wieder durch das Schlüsselloch. Das Mädchen stellte wieder wie das erstemal in die Mitte des Zimmers ein goldenes Becken. Sofort kam eine Taube durch das Fenster, flog in das Becken, schüttelte sich, wurde ein löwengleicher Jüngling und legte sich in das Bett des Mädchens. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte das Mädchen: „Du Freude meines Herzens, du Glanz meines Auges. Dieser elende junge Mann hat den von dir beschriebenen Spiegel den Deven entrissen und hergebracht. Ich habe mir für diese Nacht Erlaubnis erbeten, damit ich die Sache mit dir berate und einen Ausweg finde.“ Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin, darüber rege dich nicht auf. An dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein, den niemand holen kann. Morgen fordere du diesen von dem Jüngling. Den kann er nicht bringen und wir bleiben für uns.“ Das Mädchen an der Tür hörte dies. Am Morgen wird der Jüngling, wie das erstemal, wieder ein Vogel und flog durch das Fenster davon.
Das Mädchen ging sofort aus dem Zimmer zum Padischah und sagte: „Vater, an dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Wenn der Jüngling den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Er rief den jungen Mann zu sich und sagte: „Mein Sohn, an dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Das Mädchen wünscht ihn, bringe ihn ihr.“ Der Jüngling sagte: „Mein Herr hat nur zu befehlen!“ ging aus dem Schlosse und rieb die Haare aneinander. Sofort erschien das Pferd und sagte zum Mädchen: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „An dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Den verlange ich.“ Das Pferd sagte: „Sehr schön, meine Prinzessin.“ Das Mädchen bestieg das Pferd. Das Pferd wurde ein Feuer und jagte wie ein Drache davon. Nach einiger Zeit kamen sie an einen großen Berg. Dort hielt es an. Nachdem das Mädchen herabgestiegen war, [[45]]sagte das Pferd: „Meine Prinzessin, gehe auf diesem Wege geradeaus. Vorne ist eine Höhle der Deve. Da tritt ein. In der Höhle ist der Karfunkelstein. Den nimm und komm, ohne dich aufzuhalten, sonst ist es dein Todestag. Jeder Fluch, den sie dir nachrufen, erfüllt sich.“ Das Mädchen ging auf dem vom Pferde beschriebenen Wege, betrat die Höhle, wo die Deve wohnten, trat ein, nahm den in der Höhle befindlichen Karfunkelstein, kehrte um und kam zum Pferde. Währenddessen wachten die Deve auf und verfolgten das Mädchen. Da sie das Mädchen nicht erreichen konnten, fingen sie an zu schreien: „Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein Mädchen werden, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann werden.“ Das Mädchen kam eiligst zum Pferde und sagte: „Da habe ich ihn.“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, haben sie Verwünschungen hinter dir ausgestoßen? Wenn sie es getan haben, so steht es schlimm. Das läßt sich nicht mehr bessern.“ Das Mädchen sagte: „So haben sie mir nachgerufen: ‚Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein Mädchen sein, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann sein.‘ “ Dann befühlt sich das Mädchen und sieht, — was siehst du? — regelrecht wie beim Mann hat sie ein Glied. Als das Pferd sieht, daß es dem Mädchen so ergangen ist, wurde es sehr froh. Das Mädchen sagte zu sich: „Das war es ja, was ich mir immer gewünscht hatte. Gott sei Dank, ich habe meinen Wunsch erreicht.“ Das Pferd sagte: „Prinz, was du jetzt noch wünschst, werde ich dir zuliebe tun, denn du bist ein Mann geworden.“ Das Mädchen bestieg das Pferd. Das Pferd machte sich wie ein wehender Wind auf den Weg. Nach einiger Zeit kam es vor das Schloß und hielt an. Der Prinz stieg vom Pferde und das Pferd verschwand spurlos. Der Prinz ging sofort ins Schloß zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, ich habe den gewünschten Karfunkelstein gebracht.“ Sofort rief der Padischah das Mädchen und sagte: „Meine Tochter, dieser Jüngling hat den von ihm verlangten Karfunkelstein [[46]]gebracht. Was wirst du jetzt für eine Finte vorbringen?“ Das Mädchen antwortete: „Vater, gib mir um Gottes willen diese Nacht Erlaubnis. Morgen werde ich endgültig Antwort geben.“ Er sagte: „Sehr schön, meine Tochter, morgen soll es sein.“ Dann ging das Mädchen aus dem Zimmer. Der Prinz ging auch aus dem Zimmer, verbarg sich irgendwo, ging an die Tür des Zimmers, wo das Mädchen war, und spähte wieder wie das erstemal durch das Schlüsselloch. Das Mädchen setzte wieder ein goldenes Becken in die Mitte des Zimmers. Sofort kam die bekannte Taube, flog ins Becken, wusch sich, wurde ein mondgleicher Jüngling und legte sich neben das Mädchen. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte das Mädchen: „Mein Herzblatt, dieser elende Jüngling hat den von dir beschriebenen Karfunkelstein gebracht. Wie wird es uns nun gehen?“ Der Jüngling sagte: „Darüber rege dich nicht auf. Ich sollte der Sohn eines Padischahs der Peris[10] sein und nicht einen Ausweg finden? In unserem Hofgarten ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Wenn jemand an diesen Baum geht und seine Hand danach ausstreckt, fängt die Granate zu weinen und die Quitte, wenn sie sie weinen sieht, zu lachen an. Niemand kann an sie herankommen. Morgen wird mein Vater alle Soldaten, die er hat, bewaffnen und wir werden Tag und Nacht unter dem Baum in Bereitschaft stehen. Wenn der Jüngling dann kommt, werden wir ihn töten. Morgen verlange du von jenem Jüngling diesen Baum. Er wird dann gehen, um diesen Baum zu holen. Wenn wir ihn dort sehen, werden wir ihn mit Gewehren und Kanonen beschießen und töten.“ Als das Mädchen das hörte, wurde es froh. So beschlossen sie es mit dem Baum. Schließlich wurde der Jüngling wie früher wieder eine Taube, flog durch das Fenster und ging in sein Schloß. Dort bewaffnete er die Soldaten und sie stellten sich unter dem Baume auf.
Wir kommen nun wieder zu dem Mädchen. Am Morgen verließ sie ihr Zimmer, ging zum Padischah und sagte: [[47]]„Mein Padischah, an dem und dem Orte ist in dem Garten des Padischahs der Peris eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Wenn dieser Jüngling jenen Baum brächte, würde ich nicht mehr nein sagen und ihn heiraten.“ Der Padischah rief sofort den Jüngling vor sich und sagte: „Jüngling, an dem und dem Orte im Schlosse des Padischahs der Peris ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Wenn du sie auch noch bringst, werde ich eigenhändig dir meine Tochter geben.“ Der Jüngling sagte: „Ich habe alle die geforderten Dinge gebracht. Wenn Gott will, werde ich auch diese Bäume bringen.“ Er nahm die Erlaubnis vom Padischah, ging aus dem Schloß, zog aus seinem Busen die Haare und rieb sie eins an dem andern. Sofort erschien das Pferd und sagte: „Was willst du, mein Prinz?“ Der Prinz sagte: „Ach, mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte im Garten des Padischahs der Peris ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Die verlange ich.“ Das Pferd antwortete: „Mein Prinz, das ist etwas schwer. Aber für dich will ich mich opfern. Wollen gehen und sehen, wie es wird.“
Sofort bestieg der Prinz es. Das Pferd blies aus Maul und Nüstern Feuer wie ein Drache und machte sich auf den Weg. Nach einiger Zeit kamen sie in ein Land. Auf dem Wege waren drei Kinder und vor ihnen ein Fell, eine Derwischmütze, eine Reitpeitsche und ein Pfeil. Diese vier Dinge waren als Erbschaft von den Vorfahren der Kinder übriggeblieben. Die drei Brüder konnten diese Dinge nicht teilen und stritten darüber. Als das Pferd sie so sah, sagte es: „Mein Prinz, diese Dinge sind dir sehr nötig. Geh, überrede die Kinder, daß du die Dinge von ihnen bekommst.“ Der Prinz sagte: „Sehr gut“, ging zu den Kindern und sagte: „Meine Kinder, warum streitet ihr euch so? Wartet, ich werde sie euch einteilen.“ Er nahm den Pfeil vom Boden und sagte: „Ich werde diesen Pfeil abschießen. Wer ihn holt und zuerst herbringt, dem gehört die Erbschaft.“ Die Kinder waren damit einverstanden. Der Prinz schoß mit Armeskraft [[48]]den Pfeil ab und die Kinder liefen nach der Stelle, wo der Pfeil hingeflogen war. Der Prinz nahm das vor ihm liegende Fell, die Derwischmütze und die Reitpeitsche, legte an ihrer Stelle je eine Handvoll Goldpfunde, ging zum Pferde und bestieg es. Das Pferd machte sich, ohne zu säumen, auf den Weg. Als die Knaben zurückkamen, sahen sie, daß an der Stelle der Sachen je eine Handvoll Goldpfunde da war. Sie freuten sich und nahmen sie. Schließlich kam der Prinz und das Pferd allmählich zum Schlosse des Padischahs der Peris. Das Pferd sagte: „Die Derwischmütze, die du genommen hast, setze dir auf, steige auf das Fell und schlage dies Fell mit der Reitpeitsche. Dann mußt du dich in die Lüfte erheben, bei dem genannten Baum heruntergehen und mit einem Schlage die Bäume mit der Wurzel ausreißen und mir bringen.“ Da setzt der Prinz die Derwischmütze auf, geht in das Schloß, betritt das Zimmer, wo der Padischah der Peris und sein Sohn sind, und sieht, daß das Mädchen in roten Kleidern und jener Jüngling dort sitzen und der Liebe pflegen. Der Prinz geht sogleich zu ihnen, setzte sich zu ihnen, aber niemand sieht ihn. Danach kamen Speisen. Während das Mädchen und der Jüngling sitzen und essen, setzt sich der Prinz auch an eine Seite und fängt an zu essen. Sie sehen, daß auf der anderen Seite auch die Speisen weniger werden. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, dies ist mein Platz, das ist dein Platz. Aber wessen Platz ist das?“ Das Mädchen wunderte sich auch. Nachdem sie die Speisen gegessen hatten und fertig waren, setzten sie sich auf das Polster vor dem Fenster. Vorher hatte das Mädchen dem Sohne des Padischahs der Peris ein Tuch als Geschenk gegeben. Der Prinz hatte dies Tuch vom Polster weggenommen und in seinen Busen gesteckt. Sie sehen, daß das Tuch nicht auf dem Polster ist. Obgleich sie überall im Zimmer suchen, finden sie es nicht.
Der Prinz setzte sich auf das Fell, schlug es mit der Peitsche und fuhr in die Lüfte. Mittlerweile war es Abend geworden, [[49]]sofort fuhr er über die weinende Granate und über die lachende Quitte, faßte den Baum mit aller Kraft und zog ihn mit der Wurzel aus. Da weinte der eine Baum und der andere lachte. Er nahm sie und fuhr gen Himmel. Als die dort befindlichen Soldaten sahen, daß der Baum verschwand, sagten sie: „Schießt ohne Säumen.“ Bei dem Kampf kamen die Soldaten in Verwirrung, riefen: „Der Feind ist da!“ und erschlugen sich gegenseitig. Der Jüngling und das Mädchen sahen aus dem Fenster. Als sie sahen, daß der Baum verschwand, riefen sie: „Um Gottes willen!“ und merkten die Sache. Der Sohn des Padischahs der Peris sagte: „Meine Prinzessin, er hat das Tuch, das du mir als Geschenk gegeben hast, genommen und auch den Baum. Jetzt gebe ich dich frei, nun heirate, wen du willst.“ Das Mädchen verließ weinend den Palast, ging zu ihrem Vater und blieb dort.
Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Nachdem er den Baum genommen hatte, ging er wieder zum Pferde, bestieg es und sie machten sich auf den Weg. Eines Tages betraten sie das Schloß. Der Prinz stieg vom Pferde und ging zum Padischah, pflanzte den Baum in die Erde und sagte: „Mein Padischah, da habe ich ihn gebracht.“ Der Padischah antwortete: „Bravo, mein Sohn, du warst sehr tüchtig. Wie könnte ich wohl einen Besseren finden, dem ich meine Tochter geben könnte.“ Dann verheiratete er sie.
Vierzig Tage und Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Danach nahm der Prinz das Mädchen mit sich und ging zum Schlosse seines Vaters zu seinem Vater und seiner Mutter, küßte den Saum ihres Kleides, setzte sich und erzählte alles, was ihm passiert war, eins nach dem andern. Sein Vater und seine Mutter verwunderten sich sehr. Schließlich verheiratete (der Vater) die angekommene Dame noch einmal mit dem Prinzen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten, und sie erlangten, was sie wünschten. [[50]]
[[Inhalt]]
5. DIE GESCHICHTE VON DER SCHÖNEN, DIE DAS ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE
Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte eine alte Frau eine sehr liebenswürdige Tochter, die an Schönheit nicht ihres gleichen in der Welt hatte. Dies Mädchen saß in ihrem Zimmer und stickte. Eines Tages am Abend kam durch das Fenster ein Vogel und sprach sie in wohlgesetzter Rede an: „Meine Prinzessin, vierzig Tage wirst du einen Toten bewachen und dann das erreichen, was du willst.“ Dann flog er weg. Das Mädchen legte sich am Abend schlafen und schlief ein. Am nächsten Tage, am Abend, kam wie das vorige Mal der Vogel, sprach wieder zu ihr und flog weg. Das arme Mädchen erzählte ihrer Mutter die Worte des Vogels. Die Mutter sagte: „Ach, mein Mädchen, wann kommt der Vogel?“ Das Mädchen sagte: „Heute Abend kommt er wieder.“
Am Abend verbarg sich die Mutter in einem Schranke. Der Vogel kam wieder und sagte: „Meine Prinzessin, vierzig Tage wirst du einen Toten bewachen und danach das erreichen, was du willst.“ Dann flog er wieder fort. Als die Mutter dies hörte, sagte sie: „Ach, mein Mädchen, komm, wir wollen uns vor dem Vogel retten und flüchten.“ Darauf nahmen sie ihre Sachen, die an Last leicht, an Wert schwer waren, und machten sich auf den Weg. Sie kamen an ein anderes Schloß, wohnten in einem Teile außerhalb des Schlosses. In der Nacht legten sie sich schlafen und schliefen ein. Der Vogel kam wieder, ergriff leise das Mädchen und führte es in ein Zimmer innerhalb des Schlosses. Dann flog der Vogel weg. Als das Mädchen seine Augen öffnete und sich umschaute, sah sie sich in dem Schlosse, und in der Mitte des Zimmers lag in einem Bette ein Toter. Als das Mädchen das sah, wäre sie beinahe ohnmächtig geworden und sagte: „Ach, nun hat der Vogel doch recht. Das ist von Gott; ich werde ertragen, was mir auf die Stirne geschrieben ist[11]. Das Ende wird ja gut, so Gott will.“ [[51]]
Wir wollen das Mädchen hier lassen und uns zur Mutter wenden. Am Morgen erwachte die Mutter aus dem Schlaf und sieht, daß das Mädchen nicht dort ist. Sie sagt: „Ach, während ich meine Tochter vor dem Vogel retten wollte, habe ich sie mit eigener Hand zugrunde gerichtet“, schrie und weinte, kehrte in ihr Haus zurück und trauerte um ihr Kind. Nun kommen wir wieder zu dem Mädchen. Tag und Nacht schlief sie nicht und weinte. Schließlich am neununddreißigsten Tage saß sie am Fenster und sah traurig auf das Meer. Da kam von Persien ein Schiff und fuhr vor dem Schlosse vorbei. Sie gab dem Kapitän mit der Hand Zeichen und sagte: „Nimm diese zehntausend Piaster und gib mir eine Sklavin.“ Das Mädchen ließ einen Strick hinab und zog die Sklavin nach oben und hing ihr eine goldene Kette um den Hals. Das Mädchen freute sich und sagte: „Gott sei Dank, nun habe ich eine Gefährtin gefunden.“ Genau am vierzigsten Tage sagte sie zu der Sklavin: „Du, bleibe hier, ich werde ein wenig die Zimmer ansehen und wiederkommen.“
Das Mädchen ging weg. Die Sklavin bleibt allein. Während sie sich nach allen vier Ecken umsieht, niest der dort liegende Tote, steht auf, wird lebendig, öffnet die Augen, sieht die Sklavin und sagt: „Mädchen, hast du mich bewacht?“ Das Mädchen sagte: „Ja, ich habe dich bewacht.“ Dieser dort liegende Prinz hatte nämlich früher geschworen: „Wenn mich jemand vierzig Tage bewacht, so werde ich, wenn ich sie bei meinem Aufstehen sehe, heiraten.“ So hatte er beschlossen.
Dann nahm er die Sklavin und fragte sie: „Ist außer dir noch jemand sonst hier?“ Da antwortete sie: „Ja, in jenem Zimmer ist meine Sklavin. Ich habe sie um Geld gekauft und die Goldstücke, die sie am Halse trägt, habe ich ihr auch gegeben.“ Dann rief sie ihre Herrin: „Komm Mädchen, der Herr verlangt nach dir.“ Als das Mädchen eintritt und sieht, daß die Sache ganz anders geworden ist, sagt sie: „Auch das ist von Gott. Man muß es mit Geduld [[52]]tragen.“ Das Mädchen zog Dienerkleider an und tat im Hause oben und unten ihren Dienst. Eines Tages sagte der Prinz zur Herrin: „Ich werde auf die Reise gehen, was wünschst du dir von mir?“ Die Herrin antwortete: „Ich wünsche mir von dir eine Menge Diamanten und Türkise.“ Als er die Dienerin fragte: „Was wünschest du dir?“ sagte sie: „Ich wünsche mir den Geduldstein. Wenn du ihn vergißt, soll bei deiner Rückkehr das Vorderteil des Schiffes pechschwarzer Rauch sein.“
Darauf ging der Prinz weg nach Jemen. Einige Monate blieb er dort und erledigte seine Geschäfte, kaufte den Auftrag der Herrin und vergaß den Auftrag der Sklavin. Als er abfuhr, sah er, daß vor dem Schiffe pechschwarze Dunkelheit und hinter ihm Helligkeit ist. Das Schiff konnte nicht fahren. Der Kapitän rief die Soldaten und sagte: „Wenn unter euch ein Verfluchter ist, so soll er hinausgehen.“
Als der Prinz dies hörte, kam ihm der Auftrag der Sklavin in den Sinn. Es war tatsächlich so geworden, wie sie gesagt hatte. Dann kehrte das Schiff um, und der Prinz stieg aus, kaufte den Geduldstein wie ihm aufgetragen und kam zum Schiffe zurück. Da war das Vorderteil des Schiffes hell und sein Hinterteil Nebel. Mit Gottes Gnade fuhr es wie ein Vogel in kurzer Zeit nach seinem Lande. Er stieg aus und betrat das Schloß. Die Herrin und die Dienerin stiegen die Treppe hinab, begrüßten ihn und führten ihn nach oben. Er gab der Herrin den von ihr verlangten Auftrag und der Dienerin den Geduldstein. Sie waren zufrieden. Am Abend ging das Mädchen in ihr Zimmer und blieb dort. Der Prinz und die Herrin legten sich schlafen. Als sie schlief, kam es dem Prinzen in den Sinn: „Was mag die Sklavin wohl mit dem Geduldstein anfangen?“ Da die Herrin schlief, erhob er sich, ging leise an das Zimmer, in dem die Sklavin war, und beobachtete durch das Schlüsselloch das Mädchen.
Wir kommen jetzt zu dem Mädchen. Der sogenannte Geduldstein war ein Stein von der Größe einer Linse. Das [[53]]Mädchen legte ihn auf den Boden und sagte: „Ach, Geduldstein, einst war ich ein liebes Kind meiner Mutter. Als ich einmal stickte, kam ein Vogel und sagte in wohlgesetzter Rede zu mir: ‚Du wirst vierzig Tage einen Toten bewachen und danach erreichen, was du willst.‘ Dann kam ich durch ein Wunder in dieses Schloß. Neununddreißig Tage bewachte ich diesen Jüngling. Wenn du an meiner Stelle gewesen wärest, was tätest du, Geduldstein?“ Der Geduldstein machte puh puh und schwoll an. „Als an jenem Tage ein Schiff vorbeifuhr, kaufte ich mir für Geld eine Sklavin. Am vierzigsten Tage ließ ich die Dienerin im Zimmer und ging ein wenig hinaus. Da wachte der Jüngling auf, und als er die Sklavin sah, heiratete er sie und wohnte mit ihr zusammen. Wenn du an meiner Stelle wärest, was tätest du?“ Der Geduldstein machte puh und schwoll wieder an. „Ich wurde ihre Sklavin. Geduldstein, wie würdest du das ertragen?“ Der Geduldstein machte puh und platzte. „Ja, Geduldstein, du hast es nicht aushalten können und bist geplatzt, wie soll ich es denn aushalten? Ich werde mich an der Decke aufhängen.“ Sie stellte einen Schemel unter ihre Füße. Als sie sich aufhängen wollte, zerbrach der Prinz die Tür, trat ein, umarmte das Mädchen, setzte sie auf die Erde und sagte: „Meine Prinzessin, wenn du mich bewacht hast, warum hast du es mir so lange nicht gesagt?“ Dann ging er in das Zimmer des Mädchens, stieß und schlug sie, ließ sie aufstehen und sagte: „Willst du vierzig Maultiere oder vierzig große Messer?“ Da antwortete sie: „Ach, die vierzig Messer mögen über meinen Feind kommen, ich will vierzig Maultiere und in meine Heimat gehen.“ Dann band er das Mädchen vierzig Maultieren an den Schwanz und ließ sie los. Auf jedem Berge blieb ein Stück von ihr. Dann nahm er die Herrin und heiratete sie. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. Die haben erreicht, was sie wollten. Damit Schluß. [[54]]
[[Inhalt]]
6. DIE GESCHICHTE VON DER DILBER, DIE NICHT ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte ein armer Mann eine Frau. Sie waren sehr arm und hatten keinen Platz zum Wohnen. Diese Frau wurde von ihrem Manne schwanger, und als ihre Zeit herankam, sagte sie zu ihrem Manne: „Geh zu der Badbesitzerin Aische Molla und sage ihr: ‚Meine Frau hat keinen Platz, wo sie gebären könnte. Wenn im Bade ein leeres Zimmer ist, laß sie dort gebären‘.“ Darauf ging der Mann zu der Aische Molla und erzählte ihr die Sache. Sie antwortete: „Schön, mein Sohn, morgen mag sie kommen und hier bleiben.“ Dann kehrte der arme Mann wieder nach Hause zurück und erzählte es seiner Frau. Am nächsten Tage stand die Frau auf und ging ins Bad. Sofort führte die Aische Molla sie in eine Kabine und sagte: „Meine Prinzessin, dort können Sie gebären.“ Die Frau trat ein, bekam die Wehen und brachte ein wunderschönes Kind zur Welt. Es war so schön, daß man es nicht fertig brachte, ihm ins Gesicht zu sehen. Da spalteten sich die Wände des Bades und drei Derwische traten ein. Der erste sagte: „Dieses Kind soll die ihren Wunsch nicht erreichende Dilber heißen.“ Der andere sagte: „Wenn dies Mädchen sich wäscht, sollen von ihrem Kopfe Goldstücke fallen, wenn sie lacht, sollen auf ihren Wangen Rosen blühen, und wenn sie weint, sollen aus ihren Augen Perlen fallen, und da, wo sie geht, soll Rasen wachsen.“ Der dritte sagte: „Sie soll dies Armband an ihren Arm legen. Wenn sie es abnimmt, stirbt sie, aber so lange sie das Armband nicht abnimmt, soll ihr nichts passieren und sie wird jahrelang leben.“ Dann ließ er sein Armband im Bade zurück und die drei Derwische verschwanden.
Die Mutter legte ihrer Tochter das Armband um, und wusch das Mädchen ordentlich. Immer, wenn sie ihr Wasser auf den Kopf goß, fielen Goldstücke herunter. Dann [[55]]gab die Frau der Badbesitzerin eine Anzahl Goldstücke, nahm ihre Tochter und kehrte in ihr verfallenes Haus zurück. Nach einigen Tagen ließ sie ein großes Haus bauen mit Gartenhaus und schön mit Goldverzierung, daß es sich nicht beschreiben läßt. Die Frau brachte das Mädchen in dieses Gartenhaus und dort lebten sie. Wenn das Mädchen weinte, fielen Perlen herab, wenn sie lachte, blühten Rosen auf ihren Wangen, wo sie ging, sproßte Rasen. Schließlich wurden sie durch das Mädchen so reich, daß sie den Wert von weißen und schwarzen Sklavinnen und vom Gelde nicht kannten. Die Zeit verging, das Mädchen kam in ihr vierzehntes Jahr. Sie hatte nicht ihresgleichen in der Welt, schlank wie eine Gerte, mit Rehaugen, geschweiften Augenbrauen, Lippen wie Zucker, mit einem Geruch wie Ambra, von liebenswürdigem Wesen. Sie war so schön, daß man unfähig war, es zu beschreiben. Ein Wunder der Welt. Wer sie ansah, wurde geblendet. Es war, als ob in ihrem Zimmer die Sonne aufgegangen war und strahlte. In allen Stadtvierteln war sie bekannt und man fand sie schön.
Die wollen wir nun lassen und uns zum Sohne des Padischahs von Jemen wenden. Eines Nachts sah er im Traum dieses Mädchen und trank aus ihrer Hand den Becher der Liebe. Morgens stand er auf, ging zu seiner Mutter und sagte: „Liebe Mutter, Gott möge es zum Guten wenden! Im Traume habe ich ein Mädchen gesehen. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor. Nur die will ich.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, was willst du mit ihr anfangen. An dem und dem Orte ist ein Mädchen. Wenn sie sich wäscht, fallen Goldstücke von ihrem Kopfe, wenn sie lacht, blühen Rosen auf ihren Wangen, wenn sie weint, fallen Perlen herab, und wo sie geht, blüht Rasen.“ Der Sohn sagte: „Ach, Mutter, ist das, was du sagst, ein Traum? So etwas gibt es ja nicht.“ Die Mutter antwortete: „Mein Sohn, wenn du mir nicht glaubst, so laß es dir anderweitig bestätigen, ob es vielleicht falsch ist.“ [[56]]
Man rief die Makler und fragte sie. Die wunderten sich; aber einer unter ihnen hatte gerade das Mädchen gesehen, trat vor und sagte: „Mein Prinz, ich habe sie mit eigenen Augen gesehen, sie ist vorhanden.“ Da blieb nunmehr dem Prinzen kein Zweifel. Er ging zu seiner Mutter und sagte: „Liebe Mutter, besteige morgen ein Schiff und fahre als Brautwerberin zu dem Mädchen. Wenn es sich wirklich mit dem Mädchen so verhält, so verlobe sie mir sofort und bringe sie hierher.“ Am Morgen bestieg die Dame ein Schiff und machte sich auf den Weg. Nach einigen Monaten kam sie in dem Lande, wo das Mädchen war, an, verließ das Schiff und betrat die Stadt. Als sie dort jemand gefragt hatte, zeigte man ihr das Haus des Mädchens. Die Dame ging hin und klopfte an die Tür. Als die Tür geöffnet wurde, trat sie ein. Man holte sie nach oben, und sie kam zu dem Landhause, wo das Mädchen war. Nachdem sie sich gesetzt hatte, fing sie an, sich ausgiebig mit ihrer Mutter zu unterhalten. Ihre Absicht war es, zunächst zu erproben, ob es sich wirklich mit dem Mädchen so verhielte, und sagte: „Meine Tochter, würde es dir Mühe machen, mir ein Glas Wasser zu bringen?“ Das Mädchen stand sofort auf. Als sie Wasser holte, wuchs an der Stelle, die sie betrat, eine Spanne weit Rasen. Als die Dame das sah, verwunderte sie sich. Als die Dame die Schale nahm und trank, drückte sie das Mädchen an einer Stelle leicht. Das Mädchen war nahe daran zu weinen, und ehe sie anfing, fielen Perlen herab. Als die Dame dann eine lustige Geschichte erzählte, konnte das Mädchen sich nicht halten, lachte, und sofort blühten Rosen auf ihren Wangen. Schließlich goß sie zufällig dem Mädchen Wasser auf den Kopf, sofort fielen ihr vom Kopfe Goldstücke. Da blieb ihr nun in ihrem Herzen kein Zweifel mehr und sie sagte zu der Mutter: „Den schönen Namen Ihrer Tochter habe ich gehört, nach Gottes Anordnung und dem heiligen Brauch des Propheten möchte ich Ihre Tochter mit meinem Prinzen verheiraten. Was denken Sie dazu?“ Da sagte die Dame: „Meine Königin, [[57]]sollte ich meine Tochter solchen Leuten, wie Sie es sind, vorenthalten? Nach Ihrem Belieben. Gott möge Segen geben!“ Dann wurde die Verlobung gemacht und die Königin sagte: „Ich werde nun gehen. Nachher bringen Sie Ihre Tochter, denn wir wollen dort nun alles zur Hochzeit herrichten.“ Dann stand die Königin auf und machte sich auf den Weg. Schließlich kam sie eines Tages nach Jemen, ging in den Palast, rief den Prinzen und sagte: „Mein Sohn, ich bin hingegangen und habe das Mädchen gesehen. Es verhält sich mit ihr wirklich so. Wer sie einmal sieht, sagt: „Ich möchte sie noch einmal sehen.“ So schön ist sie. Sofort habe ich die Verlobung abgeschlossen und bin hierher gekommen.“ Als der Prinz das hörte, wurde er ganz verwirrt und seine Hände und Arme fingen an zu zittern. Dann küßte er seiner Mutter die Hand und blieb dort.
Die fingen nun mit den Hochzeitsvorbereitungen an, und der Prinz sah sehnsüchtig nach dem Mädchen aus. Die wollen wir nun lassen und uns wieder dem Mädchen zuwenden. Die Mutter machte ihrer Tochter kostbare Kleider und richtete eine kostbar ausgestattete Aussteuer her. Als die Reisevorbereitungen fertig waren, rief sie die Amme des Mädchens und sagte: „Du wirst auf meine Tochter ordentlich acht geben und sie nach Jemen führen. Nach einigen Tagen komme ich auch.“ Dann nahm die Amme die Tochter der Dame und ihre eigene Tochter und etwas Nahrungsmittel mit, bestieg ein Schiff und machte sich mit ihnen auf den Weg. Als es Abend wurde, hungerte die Braut und sagte: „Mutter, gib mir etwas Brot.“ Die Amme schnitt entsprechend der List, die sie sich ausgedacht hatte, ein Stück gesalzenes Pasdyrma[12] ab und gab es dem Mädchen. Als das arme Mädchen das Pasdyrma gegessen hatte, bekam es nach einer halben Stunde großen Durst und sagte: „Mutter, gib mir etwas Wasser.“ Die Frau sagte: „Wenn du eins von deinen Augen herausreißt und mir gibst, gebe ich dir Wasser, sonst nicht.“ Das arme [[58]]Mädchen weinte und nahm ein Auge heraus und gab es ihr. Nach einiger Zeit hatte das Mädchen wieder Durst und sagte zu der Frau: „Mutter, mich dürstet.“ Die Frau antwortete: „Du schweinisches gemeines Mädchen, wenn du das eine Auge herausreißt, werde ich dir Wasser geben.“ Was soll das arme Mädchen tun? Ihr Inneres war ganz von Durst verbrannt, gezwungenerweise riß sie es aus und gab es der Frau. Die Frau gab ihr etwas Wasser, und das Mädchen trank, aber sie war auf beiden Augen blind. Als sich dann das Schiff einem Lande näherte, zog die Frau der Braut die Kleider aus, und führte die Arme auf einen Berg und ließ sie dort. Darauf zog sie ihrer Tochter die Kleider an, schmückte sie, und sie gingen in das Schloß des Königs von Jemen. Aus dem Palast ging man ihnen entgegen und führte sie nach oben. Die Mutter des Prinzen betrachtete das Mädchen genau, wunderte sich und überlegte innerlich: „Das ist nicht das Mädchen, das ich dort gesehen. Dahinter steckt sicherlich etwas. Wollen einmal sehen, worauf das hinauslaufen wird.“ Sie setzten sich und fingen an zu erzählen. Am Abend wurde die Hochzeit mit dem Prinzen gefeiert und Scherbet getrunken. In dieser Nacht führte man den Prinzen in das Brautgemach. Der Prinz sagte zu dem Mädchen: „Lache doch ein wenig!“ Obgleich das Mädchen zu lachen anfing, geschah nichts von dem Wunder. Der Prinz wunderte sich. Wenn dies Mädchen lacht, sollen doch Rosen blühen, wenn sie weint, Perlen fallen, und auf der Stelle, wo sie geht, soll Rasen wachsen. Ist dies das so gepriesene Mädchen? Bei diesem Mädchen geschieht nichts derartiges. Nach solchen langen Überlegungen redete er das Mädchen an: „Meine Prinzessin, wenn du lachst, sollen Rosen auf deinem Gesicht blühen. Aber du hast gelacht und keine ist aufgeblüht. Was heißt das?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, sie blühen nur einmal im Jahre.“
Kurz, am Morgen führte die Mutter des Prinzen das Mädchen ins Bad und fing an sie zu baden. Die Dame goß [[59]]ihr, um sie zu erproben, Wasser auf den Kopf, aber keine Goldstücke fielen herab. Die Dame war verwundert. Darauf kleidete sie schließlich das Mädchen an und schmückte sie und man führte sie in das Schloß. Das Mädchen setzte sich in einen Winkel.
Die mögen nun dort sitzen, wir wenden uns jetzt zu dem Mädchen, das sie auf dem Berge gelassen hatten. Mit ihren beiden blinden Augen weinte sie andauernd und von ihrem Weinen hatte sich vor ihr ein Haufen Perlen angesammelt. Da kam ein Karawanenführer und, als er das Mädchen in dieser Lage sah, seufzte er, und sein Herz blutete. Er ging zu ihr und sagte: „Meine Tochter, welcher Teufel hat dich in solche Verfassung gebracht?“ Das Mädchen antwortete: „Ach, Vater, frage nicht. Gott hat es so bestimmt, man muß es tragen.“ Darauf faßte er das Mädchen an der Hand und nahm auch die Perlen und brachte sie in sein Haus und sagte zu seiner Frau: „Quäle nicht dieses Mädchen, wasche sie ordentlich. Es ist ein gutes Werk.“ Schließlich fragten sie das Mädchen nach ihren Erlebnissen. Das Mädchen erzählte ihnen die Geschichte von Anfang bis zu Ende. Sie sagten zu der Unglücklichen: „Ach, das ist schade.“ Als das Mädchen lachte, wuchsen sofort Blumen auf ihren Wangen. Da schnitt sie sie mit der Schere ab und sagte: „Vater, nimm diese Rose, lege sie in einen Korb, geh vor das Schloß des Prinzen und rufe: ‚Ich verkaufe Rosen außer der Jahreszeit.‘ Dann wird man dich rufen und dir sagen: ‚Für wieviel Para gibst du sie?‘, dann sage du: ‚Ich verkaufe sie nicht für Geld, nur für ein Auge‘.“ Der Vater antwortete: „Sehr wohl, mein Mädchen.“ Diese Nacht legte er sich schlafen. Am Morgen packte er die Rosen in einen Korb, stand auf und machte sich auf den Weg.
Als er vor das Schloß kam, rief er: „Ich verkaufe Rosen außer der Jahreszeit.“ Als das Mädchen aus dem Schlosse das hörte, sagte es zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, da werden Rosen außer der Jahreszeit angeboten. Wollen sie kaufen und dem Prinzen zeigen und ihm sagen: „Siehe, [[60]]heute ist diese Rose auf meiner Wange erblüht.“ Da liefen sie zu der Tür und riefen: „Komm hierher.“ Der Karawanenführer kam sofort an die Tür des Schlosses, nahm den Korb von der Schulter und stellte ihn auf die Erde. Das Mädchen sagte: „Gärtner, um wieviel Piaster gibst du die Rose?“ Da antwortete er: „Mein Mädchen, für Geld nicht, ich gebe sie für ein Auge.“ Da wandte sich das Mädchen um und sagte zur Mutter: „Wollen ihm die Augen des Mädchens, die im Kasten liegen, geben und die Rose nehmen.“ Das Mädchen ging zu dem Kasten, nahm beide Augen, brachte sie und gab sie dem Gärtner. Der nahm die Augen, gab die Rosen und ging ohne Verweilen nach Hause, trat ein, ging zu dem Zimmer, wo sich das Mädchen befand, und sagte: „Meine Tochter, ich habe deine beiden Augen.“ Da stand das Mädchen auf, vollzog eine schnelle Waschung und, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, zwei Gebetsbeugungen, stand auf, erhob die Hände und betete. Ihr Gebet wurde erhört. Als sie ihre Augen wieder an die Stelle setzte, wurden mit Gottes, des Höchsten, Erlaubnis ihre Augen geöffnet, sodaß sie die Welt wieder sah. Sie leuchteten heller wie vorher. Sie dankte Gott und ging in dem Zimmer auf und ab. Wenn das Mädchen lachte, blühten die Rosen, und wenn sie sich wusch, fielen von ihrem Kopfe Goldstücke. Kurz, das Mädchen sah in dem Karawanenführer ihren Vater und umarmte ihn innig. Sie wurden auch durch dieses Mädchen so reich, daß sie sich Häuser bauen und paarweise Sklavinnen und Sklaven hielten. Das Mädchen hatte auch für sich ein außergewöhnliches Zimmer. Jeden Tag setzte sie sich dorthin und vergnügte sich. Eines Tages sagte das Mädchen: „Vater, ich wünsche von dir eine Türbe[13] ganz aus Karfunkelstein und im Inneren einen Kasten von Gold. Die Türen der Türbe sollen einmal von selbst in der Stunde schreien: ‚Die Dilber, die nicht ihren Wunsch erlangt hat‘ und sich nach beiden Seiten öffnen. So sollen die Türen rufen.“ Der Karawanenführer sagte: „Meine Tochter, du [[61]]sollst eine Türbe, wie du sie wünschst, haben. Mit Gottes Hilfe will ich sie dir machen.“ Schließlich erhob er sich, ging auf den Berg, ließ nach der Beschreibung des Mädchens aus Karfunkelstein eine Türbe machen und im Inneren auch einen Kasten. Die Türen öffneten sich von selbst und riefen: „Die Dilber, die ihren Wunsch nicht erreicht hat.“ Als die Türbe fertig war und bereit stand, ging der Karawanenführer nach Hause und sagte: „Da habe ich dir die gewünschte Türbe machen lassen, gräme dich nicht.“
Die wollen wir nun lassen und uns zu dem im Schlosse weilenden Mädchen wenden. Als sie dem Prinzen die Rose gegeben hatte, nahm er sie, roch daran und sagte: „Deine Rose ist gekommen. Du selbst wirst auch bald kommen.“[14] Als das Mädchen aus der Rose gemerkt hatte, daß die andere lebe, sagte sie zu ihrer Mutter: „Mutter, dies Mädchen ist am Leben; sie muß irgendwo in der Nähe leben. Komm, wollen ihr eine Zauberin schicken. In der Nacht soll sie ihr den Armring ausziehen, dann wird sie sterben.“
Darauf schickte die Mutter eine Zauberin mit Maßregeln an das Mädchen. Die Zauberin fragte nach dem Mädchen, ging sofort in das Haus, wo sich das Mädchen befand und klopfte an die Tür. Als sie geöffnet wurde, stieg sie auf der Treppe nach oben, trat in das Zimmer des Mädchens ein und setzte sich. Da es spät geworden, sagte sie zu der Frau: „Ach, Mutter, ich bin von weit her gekommen; es ist spät, und ich fürchte mich zu gehen. Ich bin nur hierhergekommen, daß ihr mich als Gottesgast aufnehmt.“ Da sagte die Frau: „Sehr schön, Mutter. Da ist ein Zimmer, schlafe dort ruhig.“ Später wird zu Abend gegessen. Danach geht die Zauberin in ihr Zimmer und legt sich schlafen. Das Mädchen und die Mutter gehen in ihre Zimmer und schlafen ein. Genau zwischen sieben und acht verläßt die Zauberin ihr Zimmer, geht in das Sommerhaus des Mädchens und tritt sofort ein. Als sie eintrat, schlief das Mädchen fest. [[62]]Die Zauberin näherte sich, zog dem Mädchen leise den Armring vom Arm, nimmt ihn mit, geht hinunter in das Zimmer, nimmt ihren Mantel, zieht ihn an, verläßt das Haus und geht sofort zum Schloß. Nachdem sie eingetreten, gibt sie der Mutter des Mädchens den Armring. Die nimmt ihn freudig in Empfang und bewahrt ihn.
Die wollen wir nun verlassen und uns zu der Dame wenden. Am Morgen steht sie auf, geht in das Zimmer, wo die alte Frau schlief und sieht, daß sie nicht da ist. Sie wundert sich: „Wohin kann sie wohl gegangen sein? Sie ist weggegangen.“ Sie sieht nach dem Mantel. Auch der ist nicht da. Dann geht sie in das Zimmer des Mädchens, und sieht, daß es schläft. Sie kann es nicht übers Herz bringen, sie zu wecken. Darauf kehrt sie um, geht in ihr Zimmer. Schließlich wird es gegen vier und fünf Uhr. Das Mädchen steht nicht auf. Die Dame denkt bei sich: „Das Mädchen pflegte jeden Tag früh aufzustehen. Warum bleibt sie heute so lange? Ich werde sie aufwecken.“ Sie geht nach oben, tritt in das Zimmer, wo das Mädchen liegt und sagt: „Hollah, meine Tochter, man ruft zum Mittagsgebet. Stehe auf!“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Sie ruft nochmals. Wieder kein Laut. Da sieht sie nach dem Atem des Mädchens. Auch nicht der geringste Atem ist zu spüren. Sie faßt die Füße an. Sie sind kalt wie Eis. Als sie das sieht, fängt sie zu jammern und wehklagen an: „Ach, meine Tochter ist gestorben; nun will ich von der ganzen Welt nichts wissen“ und fällt auf den Boden. Der Mann der Frau kommt. Als er sie sieht, fragt er: „Was ist geschehen, Frau, warum weinst du so?“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Herr, diese unsere Tochter ist diese Nacht gestorben. Bis zum jüngsten Tage werde ich mich nach ihr sehnen.“ Als der Karawanenführer dies hörte, fielen aus seinen Augen Tränen wie Regentropfen. Schließlich wuschen sie das Mädchen, vollzogen das Gebet und begruben es in der Türbe, die es sich hatte machen lassen. Dann trauerten sie um das Mädchen. [[63]]
Die wollen wir nun verlassen und uns zur Mutter des Mädchens in dem Palaste wenden. Als sie hörten, daß dies Mädchen gestorben war, gehörte die Welt ihnen, und sie sagten: „Ach, Gott sei Dank, nun sind wir das Mädchen los.“ Als der Prinz hörte, daß dies Mädchen draußen gestorben sei, seufzte er und sein Herz blutete. Danach mochte er nun nicht mehr bei diesem Mädchen im Schlosse bleiben. Eines Tages zog er ärgerlich andere Kleider an, stand auf und zog mit einem Hofmeister von Berg zu Berg, brennend von dem Feuer der Sehnsucht, nach dem (anderen) Mädchen. Nachdem sie einige Zeit gewandert sind, kommen sie an einen großen Berg. Um sich auszuruhen, setzten sie sich. Da hörte der Prinz eine leise Stimme: „Dilber, die ihren Wunsch nicht erlangt hat.“ Als der Prinz das hört, steht er ohne Zaudern auf und steigt auf den Berg. Da sieht er eine Türbe aus Karfunkelsteinen, die jeden Beschauer blendete. Die beiden Türen öffnen sich von selbst und sagen schmerzlich: „Dilber, die ihren Wunsch nicht erreicht hat.“ Als der Prinz das sieht, sagt er: „Wessen Türbe ist das wohl?“ Nachdem er eine Zeitlang in Erstaunen dagestanden hat, tritt er in die Türbe ein und sieht einen goldenen Kasten, in dem er ein Jammern hört. Der Prinz ist sehr neugierig, hebt den Deckel des Kastens auf und sieht, daß dort ein junges Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten, liegt und neben ihr ein allerliebstes, blondes, schönes Kind sitzt, das anstatt an der Brust, an den Fingern der Mutter saugt. Als er das sieht, füllen sich seine Augen mit Tränen, und er sagt Gott für seine Güte Dank. Dann nimmt er das Kind und geht erfreut mit seinem Hofmeister in das Schloß. Als er in das Zimmer des Mädchens kommt, setzt er sich, legt das Kind aus seinem Arm auf ein Polster. Das Kind fängt an zu spielen. Der Prinz sagt zu dem Mädchen: „Hüte dich, dieses Kind zum Weinen zu bringen.“ Dann geht er hinaus, um sich zu waschen. Das Kind kommt während des Spielens an eine Schublade und findet den Armring, der der [[64]]Talisman ihrer Mutter war. Das Kind hält ihn für ein Spielzeug und nimmt ihn in die Hand. Als das Mädchen den Ring in der Hand des Kindes sieht, kommt es und will ihn ihm aus der Hand ziehen. Das Kind hält fest, läßt nicht los und fängt an zu weinen. Als der Prinz das Kind weinen hört, tritt er sofort ein, geht auf sie zu und fragt: „Warum haben Sie das Kind zum Weinen gebracht?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, das Kind hatte mein Amulet in seiner Hand. Ich will es ihm wegnehmen, deswegen weint es.“ Der Prinz sagte: „Laß es doch spielen. Es ißt doch nicht das Amulet auf.“ Dann fängt das Kind derart an zu weinen, daß es sich nicht beruhigt. Der Prinz nimmt das Kind, geht zur Türbe und legt es neben seine Mutter. Als der Ring in der Hand des Kindes den Körper der Mutter berührt, fangen die Glieder der Mutter zu zittern an und der Unterkörper wird wieder lebendig. Als der Prinz das sieht, sagt er zu sich: „Ist das ein Wunder oder hat es mit diesem Amulet eine besondere Bewandtnis?“ Dann sieht er auf den Arm des Mädchens. Dort ist der Platz des Ringes. Sofort nimmt er dem Kinde das Amulet aus der Hand und legt es an den Arm des Mädchens. Das Mädchen nieste, stand auf, wird lebendig, aus ihrer Brust kommt Milch, und das Kind fängt an, an der Mutter Brust zu saugen. Als der Prinz das sieht, sagt er: „Meine Prinzessin, wessen Tochter bist du? Wessen Kind ist dies?“ das Mädchen sagte: „Mein Prinz, ich habe meine Mutter in Stambul gelassen. Während ich mit meiner Amme zu dir als Braut fuhr, hat sie mich unterwegs beide Augen herausreißen lassen, meine Kleider ihrer Tochter angezogen und dann mich auf einem Berge ausgesetzt. Eines Tages kam ein Karawanenführer vorbei und nahm mich mit in sein Haus. Da ließ ich auf meinem Gesichte eine Rose sprossen und nahm dafür meine Augen, steckte sie wieder an ihre Stelle und mit Gottes gnädiger Hilfe wurden meine Augen wieder sehend. Schließlich gab das Mädchen dir die Rose, die ich geschickt hatte. Sie haben daran gerochen [[65]]und von dieser Stärke des Riechens wurde ich schwanger. Schließlich kam eines Nachts eine Frau und stahl mir den Armring vom Arm. Dann starb ich. Man begrub mich und ich gebar das Kind. Das gehört jetzt dir.“
Als der Prinz das hörte, weinte er blutige Tränen. Als er wieder ruhig wurde, umarmten sie sich und liebten sich unbeschreiblich. Dann standen sie auf und gingen ins Schloß. Der Prinz rief die Mutter mit ihrer Tochter und sagte: „Ihr Verfluchten, ihr macht derartige Dinge?“ Dann schlug er sie, daß ihre Knochen kurz und klein geschlagen wurden. Ihre Seele verließ sie, ging in die Hölle, und sie selbst warf er den Hunden vor und sagte: „Gott sei Dank, bin ich jetzt vor diesen Teufeln sicher. Nun habe ich meine Kraft wieder.“ Dann rief er die eigentliche Mutter des Mädchens und die Frau des Karawanenführers und verheiratete sich mit dem Mädchen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. Danach ging er in der Nacht auf den Freitag ins Brautgemach, erlangte, was er wünschte, und gewährte, was verlangt wurde.
[[Inhalt]]
7. DIE GESCHICHTE VON DEM KUMMERVOGEL
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte ein gerechter Padischah eine Tochter. Diese Prinzessin lebte immer mit ihrer Lehrerin in Liebe zusammen. Eines Tages verfiel die Lehrerin in Nachdenken. Die Prinzessin sagte: „Frau Lehrerin, woran denkst du?“ Sie sagte: „Ich habe einen Kummer.“ „Aber, Frau Lehrerin, was ist ein Kummer für ein Ding. Kaufe mir doch einen.“ Da antwortete sie: „Jawohl, meine Prinzessin.“ Sie läßt sich von der Prinzessin fünf bis sechs Goldstücke geben, geht auf den Markt, kauft einen Kummervogel in einem Käfig und bringt ihn der Prinzessin mit den Worten: „Da, meine Prinzessin, das ist der Kummervogel.“
Die Prinzessin vergnügte sich Tag und Nacht mit dem Vogel. Nach einigen Tagen geht sie mit den Sklavinnen in [[66]]ihren Garten an den Teich und hängt den Vogel an einem Baume auf. Der Vogel fängt an zu sprechen und sagt: „Meine Prinzessin, laß mich ein wenig frei. Ich möchte mit den Vögeln die Umgebung ansehen, dann komme ich wieder.“ Die Prinzessin hielt das für richtig und läßt ihn frei. Der fliegt zu den anderen Vögeln. Während das Mädchen sich am Teich ergeht, kommt der Kummervogel nach zwei Stunden wieder, ergreift die Prinzessin und fliegt in die Luft. Nach einigen Stunden läßt er sie auf einem hohen Berge nieder und sagt: „Da hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch mehr derartigen Kummer bereiten.“ Damit fliegt er in die Luft.
Wir kommen nun zur Prinzessin. Sie war hungrig und hilflos auf den Bergen. Nach längerem Wandern findet sie einen Hirten. Sie sagt zu dem Hirten: „Gib mir deine Kleider. Ich werde dir die meinigen geben.“ Sogleich zieht der Hirte seine Kleider aus und gibt sie der Prinzessin. Die Prinzessin zieht sie an und geht weiter. Schließlich kommt sie an ein Kaffeehaus. Sie tritt ein und sagt: „Vater, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Kaffeewirt sagt: „Ich suche gerade solchen Lehrling“, und behält sie bei sich. Eines Tages sagt der Kaffeewirt zu ihr: „Heute Abend werde ich nach Hause gehen. Du kannst im Kaffeehaus schlafen und aufpassen, daß niemand etwas stiehlt.“ Mit diesen Ermahnungen geht er weg.
Am Abend schließt das Mädchen das Kaffeehaus, legt sich in eine Ecke und schläft ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles was an Nargileh und Tassen vorhanden ist. Dann kommt er zu ihr, weckt sie auf. Das Mädchen wacht auf und sieht, daß alles kurz und klein geschlagen ist. Der Vogel sagt: „Hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch weiteren Kummer bereiten.“ Damit fliegt er weg. Am Morgen dachte das Mädchen: „Was soll ich jetzt meinem Meister sagen?“ Währenddessen kommt der Wirt, sieht, — was soll er sehen — alle Dinge sind kurz und klein geschlagen, verprügelt das [[67]]Mädchen ordentlich, nimmt es bei dem Kragen und wirft es aus dem Kaffeehaus.
Das Mädchen geht weinend und kommt zu einem Schneiderladen. Da in diesen Tagen das Beiramfest war, hatte man aus dem Schloß Kleider bestellt. Die Schneider nähten und schnitten ununterbrochen zu. Das Mädchen geht zu den Meistern und sagt: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling annehmen?“ Die sagten: „Sehr wohl!“ Es ging in den Laden und setzte sich. Nach einigen Tagen geht ihr Meister nach Hause und das Mädchen bleibt im Laden. Um Mitternacht kommt der Vogel wieder und zerreißt alles, was an Kleidern im Laden ist. Dann weckt er das Mädchen auf. Als das Mädchen aufwacht, sieht es, daß alles, was an Kleidern vorhanden ist, zerrissen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch manchen Kummer machen.“ Dann fliegt er weg. Am Morgen kommt der Meister und sieht, daß alle aus dem Schloß bestellten Kleider und die noch nicht zugeschnittenen Stoffe zerrissen sind. Als er das sieht, schlägt er mit dem Kopf auf die Steine, und sagt: „Ach, nach so vieler Arbeit! Und soviele Tuchballen sind auch zerrissen.“ Dann verliert er die Besinnung, fällt ohnmächtig auf den Boden. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu sich, geht zornig auf den Lehrling und fragt: „Wer hat das zerschnitten?“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Er sagt sich: „Geld hat er nicht, damit ich es nehmen könnte. Soll ich ihm das Leben nehmen?“ Dann verprügelt er es ordentlich und jagt es aus dem Laden.
Während das Mädchen weinend dahin geht, kommt es an den Laden eines Kronleuchterhändlers und fragt: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der sagt: „Mach, daß du fortkommst, du grindiger Bursche. Was soll ich mit dir anfangen! Ich habe nicht genug, um für mich zu sorgen.“ Schließlich läßt er sich erweichen und nimmt ihn als Lehrling an. Eines Tages will sein Meister auf Hochzeit gehen und überläßt den Laden dem grindigen [[68]]Jungen und ermahnt ihn: „Paß ordentlich auf, daß nichts zerbrochen wird.“ Dann geht er weg. Als es Abend wird, schließt der grindige Junge den Laden und schläft in einer Ecke ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles, was an Kronleuchtern vorhanden ist, und weckt den grindigen Jungen auf. Als der aufsteht, sieht er, daß alles, was an Kronleuchtern im Laden vorhanden ist, zerbrochen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du den Kummer gesehen? Von der Art werde ich dir noch manchen Kummer bereiten.“ Dann fliegt er fort. Am Morgen öffnet der grindige Junge den Laden. Dann kommt sein Meister und sieht — was siehst du? —, alles was an Leuchtern im Laden vorhanden ist, ist zerbrochen. Vor Zorn war er nahe daran, sich aufzuhängen. Dann nimmt er einen Stock, verprügelt ordentlich den grindigen Jungen und wirft ihn aus dem Laden.
Das Mädchen denkt weinend: „In welchen Laden ich auch bis jetzt gekommen bin, soviel Schaden habe ich von dem Vogel gehabt und soviel Prügel habe ich bekommen. Jetzt will ich mich aufmachen und in die Berge gehen.“ Als sie einige Zeit herumgegangen ist, bleibt sie hungrig und durstig auf den Bergen und sieht, daß wilde und reißende Tiere in Menge dort sind. Dann steigt sie auf einen Baum und bleibt dort in der Nacht. Am Morgen als es dämmert, kommt der Sohn des Padischah dieses Landes der gerade auf Jagd gegangen war, und sieht den grindigen Jungen auf dem Baume. Er hält ihn für einen Vogel, zielt und schießt den Pfeil ab. Der Pfeil bleibt im Baum haften. Als er an den Baum kommt, sieht er, daß es ein Mensch ist. Der Prinz fürchtet sich und sagt: „Bist du ein Geist oder was sonst?“ Der grindige Junge sagt: „Ich bin kein Geist, ich bin ein Mensch.“ Schließlich nahm der Prinz ihn herab und brachte ihn ins Schloß. Nachdem er den grindigen Jungen im Bade hatte ausziehen und waschen lassen, ließ er ihm Frauenkleider anziehen. Sofort wird er ein Liebchen wie der Mond am vierzehnten, das in der Welt [[69]]nicht seinesgleichen hatte. Es erinnerte einen an die schönen Jünglinge im Paradiese.
Als der Prinz sie so sieht, verliebt er sich gleich in sie und wird wie berauscht. Als er nach ein bis zwei Stunden wieder vernünftig ist, ging er zu seinem Vater und sagte: „Vater, neulich war ich auf die Jagd gegangen, und während ich jagte, sah ich in einem Baume ein Mädchen und brachte es hierher. Die ist nun mein Schicksal. Ich will nur sie heiraten.“ Der Padischah sagte: „Was ist das für eine Sache? Die will ich mir einmal ansehen.“ Sofort rief er sie, und als er sie sah, hielt er sie für passend für seinen Sohn.
Er verheiratete das Mädchen mit dem Prinzen und machte vierzig Tage und vierzig Nächte Hochzeitsfeierlichkeiten. Am einundvierzigsten Tage in der Nacht auf den Freitag betrat der Prinz das Brautgemach. Infolge dieser Nacht wurde die Prinzessin schwanger und nach neun Monaten und zehn Tagen gebar sie dem Prinzen eine Tochter.
Das Kind mag nun in der Wiege heranwachsen. Als eines Nachts der Prinz und die Prinzessin schlafen, kommt um Mitternacht der Vogel, nimmt die Tochter der Prinzessin, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut, weckt sie auf und sagt: „Dein Kind nehme ich mit; da hast du deinen Kummer. Hiernach werde ich dir noch ähnlichen Kummer bereiten.“ Darauf fliegt er weg.
Am Morgen sieht der Prinz, daß das Kind nicht da ist und daß der Mund der Prinzessin blutig ist. Als er das sieht, wendet er sich, geht zu seinem Vater und setzt ihm die Sache auseinander. Der sagt: „Mein Sohn, woher hast du das Mädchen geholt?“ Er antwortete: „Von den Bergen.“ Der Padischah fährt fort: „Das Mädchen ist ein wildes Mädchen, es frißt sicherlich Menschen.“
Wir wollen uns kurz fassen. Die Sache geht so weiter. Nach einiger Zeit bringt die Prinzessin eine zweite Tochter zur Welt. Wie das erste Mal kommt der Vogel, nimmt das Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut und geht wieder weg. Das Mädchen wacht auf, schlägt sich und [[70]]wirft sich auf den Boden. Am Morgen wacht der Prinz auf und sieht, daß das Kind wieder nicht da ist und daß der Mund der Prinzessin blutig ist. Sofort benachrichtigt er den Padischah. Der Padischah befiehlt, ihr sofort den Kopf abzuschlagen. Da der Prinz das Mädchen sehr liebt, geht er zu seinem Vater und bittet ihn für sie, und der schenkt sie diesmal noch dem Prinzen.
Im Laufe der Zeit nach einigen Monaten wird sie wieder schwanger, und nach neun Monaten zehn Tagen bringt die Prinzessin einen Knaben zur Welt. Der Prinz fängt an zu überlegen: „Wenn sie diesmal das Kind verzehren sollte, wird der Vater sie ohne weiteres töten.“ Während dieser Überlegung kommt ihm in den Sinn: „Ich will diese Nacht nicht schlafen und sie heimlich beobachten.“ Die Prinzessin mag nun schlafen, der Prinz nimmt eine Nadel in die Hand, hält die Spitze der Nadel an das Kinn und faßt das andere Ende mit der Hand. Wenn der Schlaf über ihn kommt, drückt er auf die Nadel, sticht sich ins Kinn und wacht auf. Schließlich fällt ihm die Nadel aus der Hand auf den Boden und er schläft ein. Da kommt zwischen vier und fünf Uhr der Vogel, nimmt das Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut, weckt sie auf und sagt: „Da, dein Kind nehme ich mit. Da hast du deinen Kummer. Hernach werde ich dir noch anderen Kummer bereiten.“ Mit diesen Worten fliegt er weg. Die Prinzessin kann es nicht mehr aushalten und weint bis zum Morgen. Als der Prinz aufwacht und sieht, — was siehst du? — daß das Kind nicht da ist und der Mund und die Nase der Prinzessin blutig ist, benachrichtigt er den Vater. Der Henker wird befohlen. Der Henker bindet dem Mädchen die Hände auf den Rücken und führt sie auf einen großen Platz, um sie zu enthaupten. Das Mädchen war von einzigartiger Schönheit und der Henker konnte es nicht übers Herz bringen, sie zu töten und sagte: „Vorwärts, geh, meine Prinzessin, komme nicht wieder ins Schloß, geh, wohin du willst. Gott möge dir Heil geben!“ und entläßt sie. Die [[71]]Prinzessin geht weinend in die Berge. Da kommt der Vogel, packt die Prinzessin und fliegt davon. Nach einiger Zeit läßt er sie in dem Garten eines Schlosses aus Edelsteinen, wie es das Auge noch nicht gesehen hat, und das sich nicht beschreiben läßt, nieder. Wer es ansah, wurde geblendet. Als sie auf den Marmorsteinen angekommen sind, schüttelt sich der Vogel einmal und wird ein Jüngling, schön wie der Mond am vierzehnten. Die Prinzessin sieht hin und wundert sich. Als sie die Treppe hinaufsteigen, waren dort eine Sklavin und drei liebliche Kinder von sieben bis acht Jahren. Sie kommen herunter und gehen der Prinzessin entgegen. Ihr Blut kommt in Wallung und die Augen füllen sich mit Tränen. Dann gehen sie mit dem Jüngling nach oben. Da kommt ein Platz aus Edelsteinen, ein Zimmer mit gestickten Vorhängen. Sie heben den Vorhang, treten ein, setzen sich und wenden ihre Augen nicht von der Prinzessin. Jetzt sagt der Jüngling: „Meine Prinzessin, soviel Qualen habe ich dir zugefügt. Deine Kinder habe ich dir entführt, dann hat man dich hinrichten wollen. Du hast alles ertragen und mich nicht verraten und hast ausgeharrt. Jetzt habe ich dir auf Gottes Befehl ein großes Schloß bauen lassen. Das ist nur für dich. Mit deinen Kindern bin ich davongegangen und habe sie mit Milch groß gezogen. Diese drei Kinder vor dir sind die Deinigen und ich bin von jetzt ab dein Sklave.“
Da umarmte die Prinzessin die Kinder, küßte sie auf beide Augen und drückte sie an die Brust, und die Kinder umarmten die Mutter und weinten Blut statt Tränen. Die waren nun bei einander und die Welt gehörte ihnen. Tag und Nacht trennten sie sich nicht.
Sie alle mögen mit den Kindern im Schlosse wohnen und sich lieben. Wir wenden uns nun zu dem Prinzen. Er mag nun traurig entweder darüber sein, daß die Kinder tot sind oder daß seine Gemahlin, die er so sehr geliebt hatte, vom Henker hingerichtet ist. Tag und Nacht seufzte er vor Sehnsucht und weinte. Er hatte einen alten Opiumraucher, [[72]]der kam jeden Tag zum Prinzen und unterhielt ihn mit Geschichtenerzählen. Dem Opiumraucher war eines Tages sein Opium ausgegangen, hatte vom Prinzen eine halbe Stunde Urlaub bekommen und war auf den Markt gegangen. Auf einmal sieht er ein großes Schloß. Er sagt sich: „Wann ist dieses Schloß gebaut? Ich komme hier jeden Tag vorbei, niemals war es da. Ist es Traum oder Phantasie?“ Er denkt bei sich: „Ich will doch einmal dies Schloß besichtigen“ und geht zum Schlosse. Während die Prinzessin in dem Schlosse und der Jüngling im Schlosse sitzen und sich vergnügen, sehen sie von Ferne den Opiumraucher. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, da kommt der Opiumraucher des Prinzen. Mit dem wollen wir unsern Spaß treiben.“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben.“ Der Opiumraucher kommt. Als er um das Schloß wendet, wirft der Jüngling aus dem Fenster eine verzauberte Rose hinab. Der Opiumraucher nimmt die fallende Rose auf, riecht daran und sagt: „Ach, wie schön riecht deine Rose! Wie schön mußt du erst selber riechen.“ Dies wiederholt er immer und kehrt um. Unterwegs spricht er immer so zu sich. Die Leute, die ihn sehen, folgen ihm und sagen: „Ist der Mensch verrückt?“ Fünfzig bis sechzig Leute sammeln sich um ihn und sehen ihn an.
Wir wenden uns zu dem Prinzen. Er sieht, daß zwei Stunden vorüber sind und der Opiumraucher immer noch nicht kommt. Er langweilt sich und befiehlt seinem Hausmeister: „Geh, wo du den Opiumraucher findest, bringe ihn hierher.“ Der Hausmeister geht nach dem Opiumraucher aus. Auf einmal sieht er auf dem Platze eine Menschenmenge. Indem er sagt: „Was ist das wohl?“ geht er hin. Er sieht — was siehst du? — unsern Opiumraucher. Sofort geht er zu ihm und sagt: „Der Prinz verlangt nach dir.“ Der Opiumraucher sagt: „Ach, wie schön riecht deine Rose. Wie schön mußt du erst selber riechen.“
Zum Hausmeister sagt er: „Wenn sie aus diesem Schloß Rosen werfen, hüte dich, nimm sie nicht.“ Der sagt: „Ich [[73]]will doch hingehen und sie einmal sehen.“ Als sie zum Schlosse kommen, sieht der Jüngling sie und sagt zur Prinzessin: „Der Hausmeister des Prinzen kommt, soll ich ihn empfangen?“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben, mein Herr.“ Der Jüngling läßt sofort die Türen des Schlosses aufmachen und der Hausmeister tritt durch die Türen ein. Sofort kommen Sklavinnen, gehen ihm entgegen und führen ihn nach oben. Der Jüngling sagt: „Er soll seine Kleider ausziehen und so kommen.“ Der Hausmeister geht in ein anderes Zimmer und zieht sich aus. Als er die Hand an seine Mütze bringt und an ihr zieht, geht die Mütze nicht ab. Wie sehr er sich auch müht, er kann sie nicht abbekommen. Die Sklavinnen gehen zu ihrem Herrn. Als sie sagen: „Der Hausmeister kann seine Mütze nicht herunterbekommen,“ sagte er: „Was ist das für ein Mensch, der seine Mütze nicht herunterbekommen kann!“ und treibt ihn hinaus. Sofort als der Hausmeister unter der Tür des Schlosses sich bückt, um seine Stiefel anzuziehen, fällt ihm seine Mütze vom Kopf auf die Erde. Der Hausmeister nimmt die Mütze und sagt: „Drinnen wolltest du nicht abgehen, was gehst du draußen gleich ab?“, wirft die Mütze auf den Boden und geht zu dem Opiumraucher. Als der Opiumraucher ihn sieht, wundern sie sich beide sehr.
Wir wollen uns nun zu dem Prinzen wenden. Er hatte den Hausmeister nach dem Opiumraucher ausgeschickt. Auch der war nicht wieder gekommen. Danach schickt er den Schatzmeister Aga hinter ihnen her. Kurz, als der Schatzmeister Aga sie so sieht, wundert er sich, geht zu ihnen und sagt: „Was ist euch geschehen?“ Der Opiumraucher sagt: „Wenn man aus diesem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Wenn du auch in dieses Schloß gehst, tue es nur, indem du vorher deine Mütze abnimmst.“ Der Schatzmeister Aga geht ins Schloß. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, der Schatzmeister Aga des Prinzen kommt. Auch dem will ich einen Streich spielen.“ Sie antwortet: [[74]]„Nach Belieben.“ Als der Schatzmeister das Schloß betritt, sagt der Jüngling: „Auch den zieht aus. Er soll sein Nachtgewand anziehen und so kommen.“ Sie ziehen ihm die Kleider aus, aber seine Hose geht nicht aus. Wie sehr er auch Gewalt anwendet, er kann sie nicht ausbekommen. Sogleich berichten die Sklavinnen dies. Der Jüngling sagt: „Was ist das für ein Mensch, der seine Hosen nicht ausziehen kann.“ Darauf treibt man auch den Schatzmeister Aga aus dem Schlosse. Als er einen Schritt durch das Tor gemacht hat, fallen seine Hosen von selber herunter. Da sagt er zu den Hosen: „Drinnen konntet ihr nicht ausgehen, wozu könnt ihr es draußen?“ und schlägt sie auf den Boden. Dann geht er zu den beiden anderen. Der Prinz ist zornig und sagt zu sich: „Was ist das wohl mit denen?“ Er geht aus dem Schloß, trifft sie und fragt sie: „Was ist denn euch geschehen?“ Der Opiumraucher antwortet: „Wenn man aus dem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Mütze abgenommen hast.“ Der Schatzmeister Aga sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Hosen ausgezogen hast.“ Als sie das sagten, wird der Prinz verwirrt, sagt: „Was soll das bedeuten?“ und geht ins Schloß. Als er eintritt, gehen die Prinzessin, der Jüngling, die drei Kinder und alle Sklavinnen ihm mit Ehrfurcht und Höflichkeit entgegen. Sie führen ihn nach oben, setzten sich in einem Zimmer nieder und begrüßen ihn. Das älteste der Kinder hat in der Hand einen Schemel, das mittelste ein Handtuch, das kleinste einen Servierteller mit einem Teller und darinnen Birnen und daneben einen Löffel. Das älteste stellt den Schemel hin, das mittelste legt dem Prinzen das Handtuch vor, das jüngste stellt den Servierteller hin. Der Prinz verwundert sich und sagt zu den Kindern: „Ißt man Birnen mit Löffeln?“ Als die Kinder antworteten: „Ißt ein Mensch Menschen?“ schweigt der Prinz und denkt nach. Da sagten sie: „Hier, wir sind deine Kinder, das ist unsere Mutter.“ Der Jüngling tritt [[75]]hinzu und sagt: „Prinz, mögen deine Augen leuchtend sein. Das ist die Prinzessin, das da sind deine Kinder.“
Da kommen die Kinder, hängen sich ihrem Vater an den Hals und die Prinzessin umarmt ihren Gatten, und sie freuen sich aus vollem Herzen. Der Jüngling sagt: „Prinz, ich bin ihr Sklave. Die Prinzessin hatte mich für Geld gekauft, und ich war ein Gefangener. Meine Mutter hatte mich so verflucht. Das war meine Lage. Wenn Sie mir gütigst die Erlaubnis geben, werde ich in meine Heimat gehen und meinen Vater und meine Mutter wieder sehen, da sie Sehnsucht nach mir haben.“ Er erhielt die Erlaubnis und ging weg. Die machten von neuem Hochzeit. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Festlichkeiten. Sie erreichten, was ihr Wunsch war. Gott möge auch uns unsern Wunsch erreichen lassen. Amen, o Helfer.
[[Inhalt]]
8. DIE GESCHICHTE VOM SMARAGDENEN ANKAVOGEL[15]
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In früheren Zeiten hatte ein Padischah in seinem Privatgarten einen Apfelbaum. Alljährlich brachte er drei Äpfel hervor. Wenn sie reif waren, kam um Mitternacht ein siebenköpfiger Dev, pflückte die Äpfel ab und ging weg. Der Padischah bekam nichts von ihnen zu essen. Der Padischah hatte auch drei Söhne. Eines Tages kommt der älteste, küßt den Boden und bleibt vor dem Vater stehen. Der Padischah fragt: „Was wünschst du mein Sohn?“ Er antwortet: „Wenn Euer Majestät erlauben, werde ich diese Nacht den Apfelbaum bewachen, den Dev töten und die Äpfel abpflücken.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön, mein Sohn, aber wie willst du den Dev töten? Nachher stößt dir etwas zu. Wenn du ihn bestrafen kannst, töte ihn.“ Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging in den Privatgarten und verbarg sich. Um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe. Der Himmel war mit schwarzem [[76]]Nebel bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger Dev hervor und ging zum Baum. Als der Prinz ihn sah, verließ ihn die Besinnung. Er erhob ein Geschrei und lief ins Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Am nächsten Morgen rief der Padischah den Prinzen vor sich und fragte: „Mein Sohn, was hast du gemacht? Hast du den Dev getötet und die Äpfel pflücken und herbringen können?“ Der Prinz küßte den Boden und antwortete: „Mein Padischah, ich habe nur das Leben retten können. Das ist ein Dev, daß jeder, der ihn sieht, die Besinnung verliert.“ Im nächsten Jahre ging der mittlere Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, mein älterer Bruder hat den Dev nicht töten können. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich diesmal hingehen und den Dev töten.“ Der Padischah antwortete: „Dein älterer Bruder hat den Dev nicht töten können; wie willst du ihn töten?“ Da antwortete er: „Ich kenne das Mittel.“ Da er sehr bat, wollte ihn sein Vater nicht erzürnen und gab ihm die Erlaubnis. Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging in den Garten und verbarg sich. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe, rabenschwarzer Nebel bedeckte die Erde und den Himmel. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein großer Dev und ging zum Baum. Als der Prinz das Gesicht des Devs sah, fürchtete er sich; seine Hände und Füße begannen zu zittern und er flüchtete eiligst in das Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Auch in diesem Jahre gab es kein Mittel gegen den Dev. Als das dritte Jahr um war, ging diesmal der jüngste Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, wenn Sie erlauben, werde ich diesmal hingehen.“ Der Padischah sagte: „Deine Brüder konnten ihn nicht töten. Wie willst du ihn töten?“ Da er sehr bat und flehte, erhielt er die Erlaubnis von seinem Vater, ging in sein Zimmer, nahm einen vergifteten Pfeil, steckte einen Koran in seinen Busen und ging aus seinem Zimmer in den Privatgarten. Nachdem er sich im Gartenhause hingesetzt hatte, öffnete er den Koran und [[77]]fing an schön darin zu lesen. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe und die Erde und der Himmel wurden mit schwarzem Nebel bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger großer Dev. Als er auf den Baum zuging, spannte der Prinz den Bogen und schoß mit den Worten: „Mit Gottes Hilfe“ den Pfeil auf den Kopf des Drachen ab. Er drang an einem Kopfe ein, ging durch alle sieben Köpfe hindurch und kam wieder heraus. Der Drache erhob ein Gebrüll, daß die ganze Erde und der Himmel erdröhnte. Sein Blut floß und er machte, daß er davon kam. Der Prinz pflückte sofort die Äpfel, ging ins Schloß und sagte: „Mein Padischah, ich habe den Drachen getötet und die Äpfel mitgebracht.“ Da war der Padischah sehr erfreut und sagte: „Bravo, mein Sohn, du hast dich sehr tapfer gezeigt.“ Der Prinz küßte die Erde und sagte: „Mein Herr, wenn Sie erlauben, werde ich dahin gehen, wohin der Drache gegangen ist, und die Erde von ihm befreien.“ Der Padischah sagte: „Mein Sohn, gehe nicht hin, es möchte dir ein Leid vom Drachen geschehen.“ Aber es nutzte nichts. Am nächsten Morgen geht der Prinz mit den beiden anderen Brüdern der blutigen Spur des Drachens nach.
Nach einigen Tagen finden sie an der Öffnung eines Brunnens viel Blut. Die Öffnung des Brunnens war mit einem großen Stein verschlossen. Wie sehr sich auch die älteren Brüder bemühten, sie konnten ihn auch nicht das geringste aufheben. Der jüngste Prinz faßte ihn mit seinem kleinen Finger, hebt ihn auf und wirft ihn auf einen Berg. Als sie das sehen, wundern sie sich. Jetzt sagt der jüngste Prinz: „Ich werde in den Brunnen hinabsteigen und den Drachen töten.“ Der Älteste sagt: „Bruder, ich bin der Älteste, es kommt dir nicht zu, während ich hier bin.“ Sie waren damit einverstanden. Schließlich banden sie ihm einen Strick um die Hüfte und ließen ihn in den Brunnen hinab. Kaum ist der Prinz in den Brunnen gestiegen, da schreit er: „Ach, ich verbrenne, zieht mich nach oben!“ [[78]]Sofort zogen sie ihn nach oben. Dann banden sie dem Mittleren den Strick um den Leib und ließen ihn hinab. Während er hinunter steigt, schreit er: „Ach, ich erfriere, zieht mich hinauf!“ Sogleich zogen sie ihn hinauf. Da sagte der jüngste Prinz: „Brüder, bleibt hier, ich werde in den Brunnen steigen. Auch wenn ich sage: ‚Ach, ich verbrenne‘, laßt den Strick nach, ebenso, wenn ich sage: ‚Ich erfriere.‘“ Die sagten: „Sehr wohl“, banden ihm den Strick um den Leib und ließen ihn in den Brunnen. Als der Prinz sagte: „Ach, ich brenne,“ ließen die den Strick nach, als er sagte: „Ach, ich erfriere,“ ließen sie nach. So kam der Prinz bis auf den Grund des Brunnens. Er löste den Strick von seinem Leibe, ging geradeaus, kam an ein Zimmer, trat ein und sah am Stickrahmen ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten. Von dort kommt er in ein anderes Zimmer, tritt ein und sieht, — was siehst du? — dies Mädchen ist noch schöner als das erste. Es saß gleichfalls am Stickrahmen. Darauf kommt er in ein anderes Zimmer und sieht — was siehst du? — ein Mädchen, das schönste Wesen der Welt und der Zeit. So schön war es. Seine Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt. Es war, als ob die Sonne in dies Zimmer gefallen war und denjenigen, der es ansah, blendete. Man konnte es nicht aushalten hinzusehen. Als der Prinz dieses Mädchen sah, verlor er fast die Besinnung und verliebte sich von ganzem Herzen in dieses Mädchen. Er redete sie an: „Mädchen, bist du ein Geist oder was sonst?“ Das Mädchen antwortete: „Ich bin ein Mensch. Aber mein Held, wie bist du hierher gekommen? Denn hier in diesem Brunnen ist ein großer Dev. Wenn er dich merkt, gibt er keine Gnade und tötet dich.“ Da antwortete der Prinz: „Meine Prinzessin, ich bin gerade gekommen, um ihn zu töten. Zeige mir, welches Zimmer das des Devs ist.“ Das Mädchen zeigte ihm das Zimmer, in welchem der Dev war. Der Prinz tritt in das Zimmer ein und sieht — was siehst du? — einen häßlichen Dev, so groß wie ein Minaret. Jeder, der ihn sieht, verliert die Besinnung. Als der Dev den Prinzen [[79]]sieht, nimmt er seine Wurfkeule von tausend Batman in die Hand, brüllt so, daß die Erde und der Himmel dröhnt, und wirft die Keule auf den Prinzen. Der Prinz deckte sich. Als der Dev fertig war, sagte der Prinz: „Mit Gott“, schlug mit dem Schwerte nach dem Kopfe des Verfluchten und schnitt ihm den Hals ab. Sogleich fiel der Verfluchte auf die Erde und schickte seine Seele in die Hölle.
Dann geht der Prinz in das Zimmer des Mädchens, nimmt die drei Mädchen und an Wert schwere, an Last geringe Diamanten, Juwelen, Rubinen, Hyazinthen und derartige andere viele wertvolle Sachen mit sich und geht mit ihnen an den Grund des Brunnens. Dort ruft der Prinz seinen obenstehenden Brüdern zu. Die lassen den Strick herunter. Der Prinz bindet den Strick dem ersten Mädchen um den Leib und sagte: „Mein ältester Bruder, dies ist dein Anteil.“ Die zogen auch das Mädchen nach oben. Dann lassen sie den Strick wieder hinunter. Der Prinz bindet das andere Mädchen an und sagte: „Da, mittlerer Bruder, das ist dein Anteil.“ Sie ziehen das Mädchen nach oben und lassen den Strick nach unten. Das Mädchen, das die Geliebte des Prinzen war, sagte zu ihm: „Mein Prinz, erst steige du nach oben, danach ich. Denn wenn deine Brüder mich oben sehen, werden sie neidisch werden, den Stick abschneiden und dich im Brunnen lassen.“ Der Prinz hörte aber nicht auf die Worte des Mädchens und sagte: „Nein, zuerst steigst du nach oben, dann ich.“ Das Mädchen antwortete: „Ich werde dir drei von meinen Haaren geben. Falls sie den Strick abschneiden, so reibst du sofort die Haare aneinander und auf dem Grunde des Brunnens erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Wenn du auf das weiße fällst, kommst du nach oben auf die Erde, wenn du auf das schwarze fällst, gehst du noch sieben mal so tief unter die Erde.“ Der Prinz nahm die drei Haare vom Mädchen, steckte sie in seinen Busen, band das Mädchen an den Strick und sagte: „Meine Brüder, das ist mein Anteil.“ [[80]]
Die ziehen das Mädchen nach oben, sehen, daß es wie der Mond am Vierzehnten ist, und sagen: „Aber uns hat er die schlechtesten gegeben und für sich das schönste genommen.“ Da werden sie neidisch auf ihn. Sie ziehen den Prinzen hoch. Als er an die Öffnung des Brunnens kommt, schneiden der ältere und mittlere Bruder den Strick mitten durch, sodaß der Prinz kopfüber, kopfunter nach unten rollt. Sofort reibt er die Haare, die ihm das Mädchen gegeben hat, aneinander und unten auf dem Brunnen erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Er fällt auf das schwarze und sinkt sieben mal so tief unter die Erde.
Da mag er nun bleiben. Wir wenden uns jetzt zu den anderen Brüdern. Die nehmen die drei Mädchen und gehen ins Schloß. Sie gehen zum Vater und sagen: „Vater, unseren jüngsten Bruder hat der Dev im Brunnen getötet. Wir haben dann diese Mädchen mitgenommen und sind hierher gekommen.“ Als der Vater das hörte, seufzte er, weinte blutige Tränen und trauerte um den Prinzen.
Die wollen wir nun verlassen und uns zum Prinzen wenden. Er war sieben Lagen tief unter der Erde. Da sieht er auf einmal eine Welt. Nachdem er etwas gegangen war, kam er in eine Stadt. Am Abend klopfte er an eine Haustür. Eine alte Frau kam. Er sagte: „Mutter, nimm mich als Gast auf.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, ich habe nicht einmal Platz zum Lager für mich. Wie soll ich dich da aufnehmen.“ Der Prinz nahm aus seiner Tasche drei Goldstücke und gab sie der Frau. Sie sagte: „Komm, mein Sohn, ich werde dir ein Lager suchen“ und nahm den Prinzen hinein. Sie stiegen nach oben, gingen in ein Zimmer und setzten sich. Da der Prinz sehr durstig war, bat er die Frau um Wasser. Die Frau ging an den Schrank. In einem Kruge war jahrealtes, mit fingerlangen Würmern angefülltes Wasser. Die Frau goß das Wasser in ein Glas und gab es dem Prinzen. Der Prinz nahm es und sah, — was siehst du? —, daß es Wasser war, das selbst die Tiere nicht trinken. Er empfindet Ekel, trinkt es nicht und sagt: [[81]]„Mutter, was ist das für Wasser? Da sind ja fingerlange Würmer drin.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, wir trinken jeden Tag dieses Wasser. Denn in dieses Land kommt jedes Jahr einmal ein Drache und schneidet das Wasser ab. In jedem Jahre wird ihm ein Mädchen gegeben. Bis er das zerrissen und aufgefressen hat, kommt Wasser in die Quelle. Dann streiten wir uns alle, zerschlagen uns die Köpfe, und die ganze Bevölkerung holt sich Wasser. Danach wird das Wasser wieder abgeschnitten. Mit diesem Wasser müssen wir uns ein Jahr einrichten. Hier ist große Not an Wasser. Wir leiden sehr an dem Wassermangel. Dies Jahr ist nun auch zu Ende. Morgen wird man die Tochter des Padischah dem Drachen geben. Wenn man sie nicht gibt, werden wir alle sterben.“
Als der Prinz das hörte, dachte er etwas nach. Am Morgen ging er aus dem Hause zur Quelle und sieht eine große Menschenmenge. Ein jeder wartete mit einem Kruge in der Hand. Jetzt hatten sie die Tochter des Padischahs in rote Kleider gekleidet und geschmückt. Neben ihr waren einige Dienerinnen, die sie unter den Armen stützten. Sie brachten das Mädchen an den Mittelpunkt des Wassers und ließen das Mädchen dort stehen. Die Dienerinnen gingen wieder weg. Das Mädchen fängt an zu weinen. Als der Prinz das Mädchen so sieht, seufzte er und sein Herz blutete. Die Ankunft des Drachen stand nahe bevor. Der Prinz ging zu dem Mädchen und sagte: „Meine Prinzessin, umarme mich von hinten und halte dich fest, fürchte dich nicht.“ Der Prinz spannte seinen Bogen, stellte sich vor das Mädchen und hielt sich still bereit. Nach einiger Zeit kam von Westen ein siebenköpfiger Drache mit Brausen, wirbelte Staub und Nebel auf und sprühte Feuer aus Rachen und Nase. Als der Drache sie beide sieht, sagt er: „Ah, bis jetzt hatte ich nur einen Anteil, jetzt habe ich zwei Anteile.“ Atemlos von dem halbstündigen Wege fing er an, sie zu zerren. Der Prinz stand fest auf seinen Füßen. Der Drache zog so, daß er sie, selbst wenn sie ein Berg gewesen wären, [[82]]in seinem Maule hätte davon tragen können. Aber wie sehr er auch zog, es glückte ihm nicht. Da kam der Drache näher und fing an, keuchend zu ziehen. Da setzte der Prinz seine Füße fest in den Boden, spähte nach dem Maule des Drachen und schoß seinen Pfeil mit den Worten: „Im Namen Gottes“ ab. Dieser Pfeil flog wie eine Flintenkugel, drang in das Maul des Drachen ein und kam aus dem Nacken wieder heraus. Der Drache schrie gräßlich, erhob sich dreimal und warf sich in die Luft. Die Erde an der Stelle, wo er fiel, ließ er wie auf der Tenne geworfelt in die Luft steigen. Aus dem Maule und der Nase des Drachen floß so viel Blut, daß die Eigenschaft des Wassers nicht zu erkennen war. Kurz, der Drache warf sich immer wieder auf die Erde und starb. Das Mädchen tauchte ihre fünf Finger in das Blut und drückte leise ihre Hand, als wollte sie ihn streicheln, auf den Rücken des Prinzen mit den Worten: „Bravo, mein Held!“ Dann trennte sie sich von ihm und ging ins Schloß.
Als der Padischah das Mädchen sah, tadelte er sie und sagte: „Meine Tochter, warum bist du weggelaufen? Wenn man es merkt, wird man kommen und mich töten“, und sagte seiner Tochter alle Worte, die ihm in den Mund kamen. Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, Ihre Sklavin ist nicht weggelaufen. Dort war ein junger Mann, der tötete den Drachen und rettete mich. Dann kam ich wieder hierher. Wenn du es nicht glaubst, gehe auf den Berg und sieh dir den Leichnam des Drachen an.“
Sofort ging der Padischah an die Stelle, wo der Drache lag, und sah, — was siehst du? — daß es ein so häßlicher großer Drache ist, daß jeder, der ihn sieht, besinnungslos wird. Niemand ging nahe an ihn heran und alle schauten ihn aus der Ferne an. Da ging der Padischah wieder ins Schloß und sagte zum Mädchen: „Wenn du den Jüngling sähest, würdest du ihn wieder erkennen?“ Das Mädchen antwortete: „Er trägt mein Zeichen auf dem Rücken. Ich erkenne ihn sofort wieder, wenn ich ihn sehe.“ Da wurden [[83]]Ausrufer ausgeschickt und dem ganzen Lande bekannt gegeben, daß alle Leute vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre, männlich und weiblich, Kind und Kegel vor dem Schloß vorbeiziehen sollten.
Wir kommen zum Prinzen. Als er den Drachen getötet hatte, ging er in das Haus der Frau von vorher und setzte sich hin. Da sagte die Frau: „Mein Sohn, heute hat der Padischah befohlen, daß vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre alles am Schlosse vorbeiziehen soll. Was sitzt du hier, zieh auch am Schlosse vorbei.“
Der Prinz verließ das Haus und machte sich auf den Weg, da sieht er, daß der Zug zu Ende ist. Während er jetzt vorüber geht, sieht ihn das Mädchen vom Fenster und wirft, als sie ihn erkennt, ein Tuch auf ihn. Die Posten sehen dies, fassen den Prinzen leise an und führen ihn in das Schloß zu dem Padischah.
Als der Padischah den Jüngling sieht, sagt er: „Mein Sohn, hast du den Drachen getötet?“ Da antwortete er: „Ja, mein Padischah, Ihr Sklave hat den Drachen getötet.“ Er sieht auch das Zeichen auf dem Rücken des jungen Mannes, sodaß kein Zweifel war. Da sagte er: „Mein Sohn, bitte von mir, was du willst.“ Der Prinz antwortete: „Ich bitte nur um Ihre Gesundheit.“ Als er ihn weiter drängte, sagte er wieder: „Ich bitte nur Ihre Gesundheit.“ Da sagte der Padischah: „Mein Sohn, was hast du für Nutzen von meiner Gesundheit. Bitte von mir, was du willst.“ Da sagte der Bursche: „Mein Padischah, gib mir drei Tage Bedenkzeit, dann will ich es mir überlegen und dir dann Antwort geben.“ Danach stand er auf und ging in das Haus der alten Frau.
Während er dort wohnte, langweilte er sich eines Tages, nahm seinen Pfeil und Bogen und ging auf den Berg. Da es Sommer war, wurde er sehr müde, legte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein. Auf dem Baume waren nun gerade die Jungen des Smaragd-Ankavogels. In jedem Jahre kam zu ihnen eine große Schlange, fraß sie [[84]]auf und ging weg. Die Ankunft der Schlange fiel gerade auf diesen Tag. Als der Prinz schlief, kam eine große Schlange. Während sie den Baum hinaufklettert, erschrecken sich die Jungen, als sie sie sehen, und fangen an zu schreien. Der Prinz wacht auf und springt auf, als er das Schreien der Vögel hört. Da sieht er — was siehst du? — eine lange schwarze Schlange die Cypresse hinaufklettern. Als der Prinz die Schlange sieht, nimmt er den Pfeil von der Hüfte, sagt: „Mit Gottes Hilfe!“, schießt den Pfeil ab und nagelt die Schlange in ihrer Mitte an den Baum, so daß die beiden Enden der Schlange, der Kopf nach unten, herunter hängen. Der Prinz schläft wieder ein. Nach einiger Zeit entsteht ein Geräusch und vom Himmel her erscheint der Smaragd-Ankavogel. Als er den Prinzen sieht, denkt er: „Ach, der hat meine Jungen getötet.“ Während er aus der Luft mit einem Flügelschlag wie eine Flintenkugel auf ihn herabschießt, sagen die Jungen: „Mutter, Mutter, dieser schlafende Jüngling hat uns gerettet. Sieh dir einmal die Cypresse an.“ Als der Vogel das hört, steigt er leise herab und sieht eine große Schlange an den Baum festgenagelt. Als er das sieht, freut er sich, geht zum Prinzen, hat nicht das Herz ihn aufzuwecken, öffnet seinen einen Flügel und deckt ihn über den Prinzen, damit er nicht von der Sonne verbrannt wird. Nach einiger Zeit wacht der Prinz auf und sieht, daß über ihm ein Zeltdach ist. Als der Vogel sieht, daß er aufgewacht ist, zieht er leise seinen Flügel ein und sagt: „Mein Held, fordere von mir, was du willst.“ Als er ihn dreimal aufgefordert hatte, sagte der Prinz: „Ich bitte, daß du mich wieder auf die Erde zurückbringst.“ Der Vogel sagte: „Mein Held, das ist ein bißchen schwer. Aber du hast meine Jungen von ihrem Feinde gerettet. Dir zuliebe will ich mich opfern. Aber ich verlange von dir vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein. Die mußt du mir bringen, und wenn ich unterwegs ‚Gak‘ sage, mußt du mir das Fleisch, und wenn ich ‚Guk‘ sage, den Wein geben. So werde ich dich wieder auf die Erde bringen.“ [[85]]
Der Prinz geht zum Padischah und sagt: „Mein Herr, ich bitte von Ihnen vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein.“ Der Padischah befiehlt vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein zu bringen. Nachdem er an der Stelle, wo der Vogel ist, angekommen ist, legt er die vierzig Schafe auf den einen Flügel und die Weinschläuche auf den anderen. Er selbst setzt sich in die Mitte.
Als der Vogel dies auf sich genommen hat, fliegt er in die Luft. Nach Anordnung des Vogels gab er ihm, wenn er Gak sagte, Fleisch, und wenn er Guk sagte, Wein. Auf der Reise war eines Tages das Fleisch zu Ende und als der Vogel Gak sagte, war nichts mehr da. Als er wieder Gak sagte, war nichts da. Als er noch einmal Gak sagte, schneidet der Prinz seine Wade ab und gibt sie dem Vogel. Der Vogel sieht, daß es Menschenfleisch ist, frißt es nicht und behält es im Maule. Dann kommen sie an die Öffnung des Brunnens. Der Vogel sagt: „Da, mein Prinz, nun habe ich dich wieder auf die Erde gebracht. Nun geh du weiter, Gott möge dir Heil geben.“ Der Prinz sagte: „Geh du zuerst, dann werde ich gehen.“ Der Vogel nimmt das Fleisch, das er im Schnabel hatte, heraus, drückt es an die Wade und sie wird besser als vorher.
Nachdem der Prinz: „Gott befohlen“ gesagt hatte, macht er sich auf den Weg, kommt in sein Land und geht zu einem Schlächterladen. Er kauft sich eine Haut und zieht sie sich über den Kopf.[16] Unterwegs trifft er einen Hirten und sagt zu ihm: „Ach, Hirte, gib mir deine Kleider, ich werde dir meine geben.“ Der Hirte gibt seine und nimmt die des Prinzen. Der Prinz geht zum Privatgarten seines Vaters und sagt zum Obergärtner: „Ach, Obergärtner, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Wie sehr der Gärtner auch sagt: „Es ist unmöglich“, nimmt er ihn schließlich wohl oder übel als Lehrling. Nach einigen Tagen pflückt der Obergärtner einen Strauß Rosen und sagt, als er weggehen will: „Mein Sohn, ich gehe jetzt aus. Passe ordentlich auf den Garten auf.“ Der Prinz reibt die Haare, [[86]]die ihm das Mädchen gegeben hatte, aneinander und ein Mohr erscheint und sagt: „Befehle, mein Prinz“. Der Prinz sagt: „Ich verlange von dir einen Falben und rote Kleider und eine Waffenausrüstung.“ Er antwortet: „Mein Herr hat nur zu befehlen“, geht weg, bringt alle die Sachen, die der Prinz verlangt hatte und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz steigt aufs Pferd und zerbricht dann alles, was an Bäumen und Blumen im Garten vorhanden ist. Darauf gibt er das Pferd und die Kleider dem Mohren wieder und bleibt ruhig an seiner Stelle. Darauf kommt sein Meister und sieht, — was soll er sehen? — im Garten ist nichts geblieben und der grindige Junge sitzt in einer Ecke und weint. Als sein Meister sich auf ihn stürzen will, rufen die Mädchen, die aus dem Fenster sehen, dem Obergärtner zu: „Schlage nicht den Jungen, denn von draußen ist ein Mann auf einem Falben gekommen und hat den Garten verwüstet. Es ist nicht die Schuld des Jungen.“ Da muß der Gärtner wohl oder übel den Garten in Ordnung bringen. Nach Verlauf einiger Tage, pflückt er wieder einen Rosenstrauß. Als er weggeht, ermahnt er den Jungen dringend, ordentlich auf den Garten acht zu geben und geht weg. Der grindige Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten und setzt sich irgendwo still hin. Als die Prinzessinnen diesen Jungen sehen, wissen sie, daß der Prinz wieder auf der Erde ist, danken Gott und fassen sich in Geduld.
Als der Obergärtner kommt, sieht er, daß die Verwüstung noch größer als das vorige Mal ist. Während er sich auf den Jungen stürzen will, um ihn zu schlagen, rufen die Prinzessinnen ihm zu und ermahnen ihn, den Jungen nicht zu schlagen. Nach einigen Tagen nimmt der Obergärtner wieder einen Strauß Rosen und ermahnt den Jungen gehörig und geht weg. Der Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten, sodaß kein Zweig im Garten bleibt. Der Obergärtner kommt wieder und sieht, daß im Garten nichts ist. Sofort ruft er den Jungen und jagt [[87]]ihn aus dem Garten. Der Junge macht, daß er davon kommt, geht zu einem Goldarbeiterladen und sagt: „Ach, Meister, nimm mich als Lehrling an.“ Der Goldschmied sagt: „Mach, daß du davon kommst, grindiger Junge, was sollte ich mit dir anfangen.“ Der Junge sagt: „Ach, Meister, laß mich wenigstens Kohlen auf dein Kohlenbecken legen.“ Da er so fleht, nahm der Meister ihn als Lehrling an und ließ ihn dort wohnen.
Als vorher die Mädchen ins Schloß gekommen waren, war die Zeit für die Hochzeit angesetzt, aber sie waren damit nicht einverstanden und sagten: „Wir haben alle vierzig Tage Trauer.“ Deswegen war die Hochzeit verschoben. Als sie merkten, daß der Prinz wieder auf der Erde war, wurde wieder der Befehl zur Hochzeit gegeben, aber da die Mädchen noch nicht ganz sicher waren, ob der Prinz gekommen wäre, sagte die eine: „Ich verlange einen goldenen Stickrahmen und eine goldene Nadel, die von selber sticken kann.“ Die andere sagte: „Ich verlange eine goldene Platte, auf der ein goldenes Huhn und vierzig Küchlein goldene Gerste fressen und umherlaufen.“ Die dritte sagte: „Ich verlange eine goldene Platte, auf der ein goldener Jagdhund und ein goldener Hase ist, der erstere muß den anderen verfolgen.“
Der Padischah rief die Goldarbeiter und befahl ihnen dies anzufertigen. Die Goldarbeiter dachten nach und verlangten vierzig Tage Bedenkzeit. Der Padischah gab ihnen auf ihr Verlangen vierzig Tage Zeit und sagte: „Wenn ihr am einundvierzigsten Tage die Sachen nicht bringt, töte ich euch“ und entläßt sie in ihre Läden.
In ihren Läden angekommen, mögen sie nun einen Rat abhalten. Wir kommen jetzt zu dem grindigen Jungen. Er fragte: „Meister, warum denkst du nach und bist so besorgt?“ Der Meister sagte: „Ach, geh, grindiger Junge, wenn ich nicht nachdenken soll, wer soll denn nachdenken?“ Er bat: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach, sage mir es doch.“ Der Meister antwortete: [[88]]„Frage mich nicht mehr, unsere Sache steht bei Gott. Nämlich die Söhne des Padischahs haben drei Mädchen mitgebracht. Eine jede verlangt etwas. Wie wir das machen sollen, weiß ich nicht.“ Der grindige Junge fragte: „Ach, Meister, was ist es? Sage es doch mal.“ Da sagte er: „Ach was, die eine verlangt einen goldenen Stickrahmen und die andere einen goldenen Hasen und die dritte eine goldene Henne. Alle sollen lebendig sein. Wie ist das möglich?“ Darauf antwortete er: „Aber Meister, ich glaubte, es handele sich um etwas Unmögliches. Darum habe ich gefragt. Wegen solcher Sache sei doch nicht bekümmert. Gib mir einen Zentner Haselnüsse und einen Zentner Rosinen und vierzig Okka Lichte, dann werde ich dir in vierzig Tagen das, was du verlangst, machen.“ Sein Meister sagte sich: „Das Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde meinen Kopf und meine Augen für ihn hingeben.“ Dann kaufte er die Sachen und gibt sie ihm.
Der Junge geht in sein Zimmer, läßt keinen zu sich herein, bleibt dort vierzig Tage, ißt die Haselnüsse und Rosinen, verbrennt die Lichte und lebt vergnügt. In der Nacht auf den vierzigsten Tag reibt er wieder die Haare an einander. Ein Mohr kommt und sagt: „Befiehl, mein Prinz. Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange den in dem Laden befindlichen Stickrahmen, den goldenen Hasen und den goldenen Jagdhund und die goldene Henne.“ Auf diesen Befehl hin geht der Mohr, holt die Dinge und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz nimmt die Sachen und verwahrt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagt: „Was hast du gemacht, grindiger Junge?“ Der grindige Junge sagt: „Was fragst du mich, öffne den Schrank und sieh zu.“ Sogleich öffnet der Meister den Schrank und sieht, daß alles vorhanden ist. Da sagt er: „Ach, mein Sohn“ und fällt ihm um den Hals. Schließlich nimmt er alles und bringt es in das Schloß und liefert es ab. Als die Mädchen das sehen, glauben sie, daß der Prinz wieder auf die Erde gekommen ist, und danken Gott. [[89]]
Wir wenden uns nun zu dem grindigen Jungen. Als sein Meister in den Laden kommt, sagt er: „Meister, gib mir Urlaub, ich möchte gehen.“ Obgleich der Meister damit nicht einverstanden war und obgleich er noch so sehr bat, so gab er ihm doch den Urlaub, da er keinen Ausweg fand. Der grindige Junge geht von dort zu einem Schneiderladen und sagt zu dem Schneider: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Schneidermeister sagt: „Ich brauche keinen Lehrling. Mach, daß du fortkommst.“ Da er ihn jedoch nicht forttreiben kann, nimmt er ihn, weil er sich nicht anders zu helfen weiß, als Lehrling an.
Wir wenden uns nun zu den Mädchen. Sie senden dem Padischah Nachricht: „Wir wünschen ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Der Padischah ruft die Schneider und sagt: „Ich verlange von euch ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Die Schneider überlegten und erbaten eine Frist von vierzig Tagen. Der Padischah sagte: „Ich gebe euch eine Frist von vierzig Tagen. Wenn es nicht am einundvierzigsten Tage kommt, schneide ich euch den Hals ab.“ Damit entläßt er sie. Sie gingen in ihre Läden und berieten sich. Da sagte der Junge: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach?“ Der antwortete: „Grindiger Junge, mach, daß du fortkommst, belästige mich nicht.“ Das Reden nützte ihm aber nichts, der Junge bat, es ihm zu sagen. Da kein Ausweg war, sagte er: „Der Padischah hat uns ins Schloß gerufen und verlangt von uns ein Kleid, das mit keiner Schere geschnitten und mit keiner Nadel genäht werden soll und in eine Haselnußschale hineingehen soll. Wenn wir es nicht machen, wird er uns alle töten.“ Der grindige Junge sagte: „Ist das eine Sache, über die du nachdenkst? Gib mir vierzig Zentner Haselnüsse und vierzig Zentner Rosinen und vierzig Okka Lichte, so werde ich es dir am einundvierzigsten Tage machen und [[90]]bringen.“ Der Meister sagte: „Das Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde mein Auge und meinen Kopf ihm geben.“ Dann kauft er sie und gibt sie ihm. Der Junge nahm sie, trat in das Zimmer, blieb dort und aß die Haselnüsse und Rosinen. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag rieb er die Haare an einander. Der Mohr kam und sagte: „Mein Prinz möge befehlen. Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange die Kleider in der Haselnußschale im Laden.“ Sofort holt der Mohr sie. Der Prinz nimmt sie und verbirgt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagte: „Grindiger Junge, was hast du gemacht? Na, ich bin neugierig.“ Der grindige Junge sagte: „Was fragst du mich, sieh in den Schrank.“ Der Meister sieht in dem Schrank, was nicht seinesgleichen in der Welt hat. Sofort trägt er sie ins Schloß und gibt sie dem Padischah. Der Padischah nimmt sie und befiehlt die Hochzeit herzurichten.
Damals pflegten die Bräutigams, wenn eine Hochzeit hergerichtet wurde, auf einem offenen Platz mit dem Bogen zu schießen. Deswegen ging der älteste Prinz am ersten Tage auf den Platz und alles, was an Leuten vorhanden war, kam zum Zuschauen. Der Schneider sagte: „Vorwärts, mein Sohn, heute wollen wir uns zusammen das Polospiel vom ältesten Sohne des Padischah ansehen.“ Der grindige Junge sagt: „Ach, Meister, gehen Sie nur hin, mein Kopf ist grindig. Wenn meinem Kopf in dem Gedränge etwas passiert, was soll ich dann machen?“ Er bleibt im Laden. Nachdem der Meister weggegangen ist, reibt er die Haare an einander. Der Mohr erscheint und sagte: „Mein Prinz möge befehlen.“ Er sagt: „Ich verlange von dir einen Falben, einen Satz sauberer Pfeile und schwarze Kleider.“ Sofort bringt der Mohr ihm alles. Der Junge zieht die Kleider an, besteigt das Pferd und geht auf den Schießplatz. Er sieht, daß der Prinz Polo spielt. Der grindige Junge betritt den Platz, verfolgt den Prinzen und schlägt ihm bei Gelegenheit auf den Arm und verwundet ihn. Als [[91]]der Prinz auf die Erde gefallen ist, verschwindet der Junge vom Platz, geht schnell in den Laden, gibt Pferd und Bogen dem Mohren und bleibt im Laden. Da kommt sein Meister und sagt: „Mein Sohn, es ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, was ist geschehen?“ Er antwortet: „Ein Jüngling auf einem Falben kam und schlug den Prinzen, aber er ist nicht gestorben.“ Der Junge sagt: „Meister, es ist gut, daß ich nicht hingegangen bin. Wenn meinem Kopfe etwas geschehen wäre, was hätte ich anfangen sollen?“
Am zweiten Tage steigt der mittlere Prinz auf das Pferd und geht auf den Platz. Der Meister geht wieder hin. Der Jüngling bleibt im Laden und reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange einen Pfeil und ein gelbes Pferd.“ Sofort bringt ihm der Mohr alles. Der Junge besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da sieht er, daß sein mittlerer Bruder Polo spielt. Bei Gelegenheit trifft er ihn mit dem Pfeil in den Schenkel, sodaß er vom Pferde fällt. Dann geht der Junge wieder in den Laden, gibt dem Mohren Pfeil und Pferd und bleibt ruhig an seinem Platze. Dann kommt sein Meister und sagt: „Es ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, Meister, was ist denn heute geschehen?“ Der Meister antwortet: „Ein Reiter auf einem gelben Pferde kam, hat den mittleren Sohn des Padischah am Schenkel getroffen und auf die Erde geworfen.“ Der grindige Junge dankte Gott dafür, daß er nicht hingegangen war. Am nächsten Tage zieht der Sohn des Vezirs auf den Platz, um zu spielen. Der Meister läßt wieder den grindigen Jungen im Laden und geht hin. Der grindige Junge reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange von dir einen Pfeil und einen Schimmel.“ Sofort bringt der Mohr alles. Der Junge nimmt den Pfeil, besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da sieht er, daß der Sohn des Vezirs Polo spielt. Er schießt bei Gelegenheit einen Pfeil ab, der ins Herz eindringt, aus dem Rücken [[92]]wieder herauskommt und ihn tötet. Er selbst fängt an auf dem Platze herumzureiten. Sofort ergreift man den Jüngling und führt ihn vor den Padischah. Der Padischah befiehlt, ihn zu töten. Da sagt der Prinz: „Ach, mein mächtiger Padischah, meine Brüder haben mich im Brunnen gelassen, willst du mich auch töten?“ Darauf sagte der Padischah: „Ach, bist du es, mein Sohn?“, fiel ihm um den Hals, weinte und sagte: „Ach, mein Sohn, was willst du, soll ich deine Brüder töten?“ Der Prinz antwortete: „Ich bin mit dem zufrieden, was Gott bestimmt hat, aber gib jedem einen Palast und dem ältesten Bruder das älteste Mädchen, dem mittleren das mittlere und die jüngste verheirate mit mir.“ Sofort wurden die zwei Brüder aus dem Schloß, jeder in einen besonderen Palast gebracht und das jüngste Mädchen mit dem Prinzen verheiratet. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. Am einundvierzigten Tage in der Nacht auf den Freitag betrat er das Hochzeitsgemach. Sie erlangten und gewährten, was sie wünschten. Damit ist auch diese Geschichte aus und somit Schluß.
[[Inhalt]]
9. DIE GESCHICHTE VON DEM VATER SPINDELHÄNDLER
Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In früheren Zeiten lebten in einem Hause drei Schwestern. Eines Tages geht unvermutet auf der Straße ein Spindelhändler mit seinem Korbe auf dem Rücken vor dem Hause der drei Schwestern vorbei und ruft: „Spindeln zum spinnen.“ Die Mädchen rufen: „Was verlangst du, Vater? Pack doch aus. Hast du gute Spindeln?“ Der Alte legt die Spindeln, die er in seinem Korbe hatte, auf die Erde. Die Mädchen sehen sich die Spindeln an, keine gefiel ihnen. Sie fragen: „Vater, hast du noch andere?“ Er sagte: „Fräulein, zu Hause habe ich welche. Komm mit mir und suche dir die schönsten aus.“ Sie sagten: „Sehr schön.“ Das älteste [[93]]Mädchen steht auf und macht sich mit dem Alten auf den Weg. Nach einiger Zeit kommen sie auf die Höhe eines Berges. Nachdem sie noch etwas weiter gegangen sind, kommen sie in eine Höhle. Sie treten ein und das Mädchen blickt sich nach den beiden Seiten um und sieht, daß die zwei Wände mit Menschenleichnamen bedeckt sind, die in der Mitte aufgeschnitten und an die Wand gehängt sind.
Als das Mädchen diese sah, verlor es die Besinnung. Nach einiger Zeit geht sie mit dem Alten weiter. Sie treten in ein Zimmer. Als es Abend wird, sagt der Alte: „Mädchen, koche etwas von dem dort aufgehängten Fleisch, wir wollen essen.“ Das arme Mädchen steht auf, nimmt einen von den aufgehängten Leichnamen, kocht ihn, legt ihn dem Alten vor. Der fängt an zu essen und sagt zu dem Mädchen: „Warum ißt du nicht?“ Das Mädchen antwortet: „Ich liebe kein Fleisch.“
„Ja, was willst du denn essen? Willst du meinen Finger essen?“
Das Mädchen denkt, daß er sich nicht den Finger abschneiden wird, und sagte: „Ja, ich werde ihn essen.“
Sofort schnitt sich der Alte seinen Finger ab, wirft ihn dem Mädchen hin und sagte: „Da, iß!“
Das Mädchen, das sehr erstaunt war, fürchtete sich und warf bei Gelegenheit den Finger unter den Tisch.
Der Alte sagte: „Hast du den Finger gegessen?“
Das Mädchen sagt: „Ja.“
Der Alte: „Soll ich dich töten, wenn du ihn nicht gegessen hast?“
Das Mädchen denkt bei sich, wie sollte er es wissen, und sagt: „Ja, töte mich.“
Der Alte schreit: „Finger, wo bist du?“
Der Finger antwortet: „Ich bin unter dem Tisch.“
Da steht der Alte auf, schneidet das Mädchen vom Ohr bis nach unten in zwei Teile und hängt es an die Wand. Am nächsten Morgen geht der Alte zum Hause der zwei [[94]]Schwestern. Die fragen: „Vater Spindelverkäufer, wo ist unsere Schwester?“
Der Alte antwortet: „Unterwegs hat sie ein Prinz gesehen und mit sich genommen. Die lebt jetzt bequem. Kommt mit, ich werde euch führen und euch einem reichen Mann geben.“
Die hielten das für Wahrheit, und die Mittlere stand auf und machte sich mit dem Alten auf den Weg, kam an die Höhle, trat ein und sieht auf beiden Seiten viele Menschen aufgehängt und ihre Schwester auch mitten durchgeschnitten dort hängen.
Als sie das sieht, seufzt sie und verliert die Besinnung. Ihr Herz blutet. Sie gehen weiter und betreten das Zimmer. Er läßt das Mädchen wie das erste Mal Fleisch kochen. Das Mädchen sagt auch: „Ich esse nicht.“
Er sagt: „Ich werde dir meinen Finger geben, ißt du den?“
Das Mädchen sagt: „Ich werde ihn essen.“
Der Alte schneidet seinen Finger ab und wirft ihn dem Mädchen zu.
Das Mädchen nimmt leise den Finger und wirft ihn in den Garten.
Er sagt: „Mädchen, hast du den Finger gegessen?“
Das Mädchen sagt: „Ich habe ihn gegessen.“
Der Alte fragt: „Finger, wo bist du?“ Der Finger schreit: „Ich bin im Garten auf dem Kehrichthaufen.“
Wie das erste Mal steht er auf, zerschneidet das Mädchen und hängt es an die Wand.
Am nächsten Tage steht er auf, geht wieder in das Haus. Das jüngste Mädchen schreit: „Wo sind meine Schwestern? Wohin hast du sie gebracht?“
Der Alte sagt: „Die eine habe ich einem Prinzen gegeben, die andere einem reichen Manne. Deine Schwestern sind gut untergebracht. Ich werde dich auch mitnehmen und einem schönen Jünglinge geben.“
Das Mädchen hatte im Hause eine gelbe Katze, die nahm sie unter dem Arm mit und ging mit dem Alten. Sie kommen [[95]]an die Höhle und treten ein. Das Mädchen sieht nach beiden Seiten, — was siehst du? — ihre beiden Schwestern sind mitten durch gespalten und hängen an der Wand. Das Mädchen sagt: „Ach, meine Schwestern sind tot“ und aus ihren Augen fließt Blut anstatt Tränen. Sie sagt: „Du gottloser Kerl, ich werde dich bestrafen“ und geht weiter.
Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Der Alte kommt in sein Zimmer und, wie das vorige Mal, sagt er zum Mädchen: „Ich hungere, koche deine Schwester, wir wollen essen.“ Das Mädchen steht auf, nimmt einen Leichnam, kocht die eine Hälfte im Herde, die andere nicht und setzt sie vor. Der Alte nötigt das Mädchen, das Mädchen sagt: „Ich esse kein Menschenfleisch.“
„Ja, was ißt du denn? Ißt du meinen Finger?“
Das Mädchen sagt: „Ich werde ihn essen.“
Sofort schneidet er seinen Finger ab und wirft ihn dem Mädchen vor. Das Mädchen gibt ihn leise der unter dem Tisch liegenden Katze. Die Katze verschluckt ihn. Wie das vorige Mal fragt er: „Mädchen, hast du den Finger gegessen? Wenn du ihn nicht gegessen hast, werde ich dich töten.“
Das Mädchen sagt: „Du kannst mich töten.“
Der Alte fragt: „Finger, wo bist du?“ Der Finger sagt: „Ich bin in einem warmen Magen.“
Der Alte sagt: „Bravo, mein Mädchen, jetzt bist du mein Mädchen.“
Schließlich gewöhnt das Mädchen dem Alten das Menschenfleisch ab, holt von draußen ein Lamm und sie essen es zusammen.
Eines Tages sagt der Alte: „Mädchen, damit du dich nicht langweilst, nimm diese vierzig Schlüssel, öffne die vierzig Zimmer und wandere ordentlich drin herum. Aber das einundvierzigste darfst du nicht öffnen.“ Nach diesen Ermahnungen geht er aus. Das Mädchen steht auf, öffnet die vierzig Zimmer und sieht, daß darin Diamanten, Juwelen, Rubinen und allerlei Dinge sind. Sie sieht sich diese [[96]]an. Dann war sie aber neugierig auf das Zimmer, von dem er gesagt hatte: „Öffne es nicht“, und sagte: „Ich will auch das öffnen.“ Sie kommt an das Zimmer, öffnet es, tritt ein und sieht an der Decke einen Jüngling an den Haaren aufgehängt, schön wie der Mond am vierzehnten. Man konnte es nicht aushalten ihn anzusehen. Solch eine Schönheit hatte nicht ihresgleichen. Als das Mädchen ihn sieht, wird sie bewußtlos und fragt: „Bist du ein Geist oder etwas derartiges?“ Der Jüngling sagte: „Ich bin ein Mensch.“
„Wer hat dich hier aufgehängt?“
Der Jüngling: „Der Zauberer hier wollte mich töten, er besiegte mich und hängte mich, um es kurz zu sagen, hier an meinen Haaren auf.“ Das Mädchen erzählte auch genau ihre Abenteuer und sagte: „Mein Held, gibt es ein Mittel, ihn zu töten?“
Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin. Wenn jetzt der Zauberer kommt, geh und sage: ‚Komm, ich will dir den Kopf nachsehen‘, schneide ihm dann leise einige Kopfhaare ab. Dann fällt er in Schlaf. Das dauert vierzig Tage. Am einundvierzigsten steht er wieder auf. Das mußt du tun, dann lassen wir ihn hier und entfliehen zusammen. Dann sollst du mein und ich dein sein.“ So beschließen sie. Das Mädchen schließt leise ab und kehrt in das Zimmer des Zauberers zurück. Nach einiger Zeit kommt der Zauberer und sagt zum Mädchen: „Hast du die Zimmer angesehen?“ Das Mädchen sagt: „Ja, ich habe sie mir angesehen und mich daran erfreut.“ Dann sagte sie: „Komm, ich will dir den Kopf nachsehen.“ Der Zauberer legte seinen Kopf in den Schoß des Mädchens und sie schnitt ihm leise seine Haare ab und nahm sie mit. Der Zauberer schläft ein. Sofort legt das Mädchen seinen Kopf von seinem Schoße auf die Erde und geht zu dem Zimmer, wo der Jüngling ist, löst ihm die Haare, läßt ihn herunter und sagt: „Jetzt bist du mein und ich dein. Wir dürfen nun nicht verweilen. Wollen fliehen.“ Sie nehmen noch von [[97]]dort alles, was leicht an Last und schwer an Wert ist, machen sich auf den Weg und nach einundvierzig Tagen kommen sie in die Stadt und gingen in das Haus des Mädchens. Dort pflegten sie der Liebe.
Diese wollen wir nun lassen und uns zum Zauberer wenden. Als für ihn der einundvierzigste Tag war, wachte er auf und sieht sich nach allen vier Seiten um. Als er das Mädchen nicht sieht, geht er nach oben in das Zimmer, wo der Jüngling aufgehängt war. Weder der Jüngling noch das Mädchen ist vorhanden. Er sagt: „Ach, du gottloser Bummler, hast das Mädchen mit dir genommen und bist entflohen!“
Er macht sich voller Wut auf den Weg. Nachdem er einen Weg von vierzig Tagen an einem Tage gemacht hat, kommt er in die Stadt, verkleidet sich als Armer und geht vor die Tür des Mädchens und sagt: „Ach Mädchen, nimm mich um Gottes willen auf.“ Das Mädchen hielt ihn für einen Armen und nahm ihn auf. Der Jüngling war außerhalb eingeladen. Nach einer Stunde kommt er und merkt die Geschichte, als er diesen Armen sieht. Der Jüngling stellt sich, als ob er nichts merkte, und geht in sein Zimmer. Als es Abend wird, essen sie und geben dem Armen auch etwas. Kurz, wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. In der Nacht schläft das Mädchen ein. Dem Jüngling kommt kein Schlaf in die Augen. Um vier oder fünf hat der Zauberer auf die in dem Viertel wohnenden Leute Totenerde gestreut und zog rings einen Kreis. Er ging zu dem Jüngling und stellte ihm zu Häupten eine große Flasche mit Totenerde. Der Jüngling fiel auch in Schlaf, so wie ein Toter. Dann ergriff der Zauberer das Mädchen und schlug sie so mit einem Stocke, daß ihr Schreien zum Himmel drang. Da sie keinen Platz zum Entfliehen fand, so drehte sie sich, wie das Himmelsgewölbe um den Jüngling. Der Zauberer lief ihr ohne Verweilen nach. Dem Mädchen blieb keine Kraft mehr. In diesem Spektakel spaltete sich die Wand und eine Stimme rief: „Mädchen, [[98]]was säumst du? Zu Häupten des Jünglings steht eine Flasche, zerbrich sie, und der Jüngling steht auf.“ Als das Mädchen dies hörte, zerbrach sie die Flasche mit dem Fuße. Sofort wacht der Jüngling auf und sieht, daß das Mädchen von dem Schlagen ganz blau ist und zum Himmel schreit. Er sagte: „Bei Gott“, faßt den verfluchten Zauberer, hebt ihn hoch und wirft ihn auf die Erde. Dann stößt er ihm einen Pfahl durch den Nabel und verbrennt ihn ordentlich.
Danach verheiratet er sich mit dem Mädchen, und sie erreichten ihr Verlangen. Damit ist unsere Geschichte zu Ende und somit Schluß.
[[Inhalt]]
10. DIE GESCHICHTE VOM DIEBE UND VOM TASCHENDIEBE
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau zwei Männer, der eine war ein Dieb, der andere ein Taschendieb. Diese hatten einander noch nie gesehen.
Eines Tages will der Dieb verreisen und läßt sich von seiner Frau ein Blech Pastete machen. Die Frau gibt die Hälfte dem Diebe. Als er sie bekommen hat, macht er sich auf den Weg. Jetzt kommt der Taschendieb nach Hause und sagt zu seiner Frau: „Frau, morgen werde ich verreisen.“ Die Frau gibt ihm die andere Hälfte der Pastete. Er nimmt sie und macht sich auf den Weg. Nach einiger Zeit begegnet er dem Taschendiebe und sagt: „Kamerad, wohin gehst du?“ Der Dieb antwortet: „Ich gehe nach Aleppo, wollen Kameradschaft halten.“ Der ist auch damit einverstanden, und sie machen sich gemeinschaftlich auf den Weg. Nach einiger Zeit hungerten sie und sagten: „Komm, Kamerad, wollen ein wenig essen“ und setzen sich hin. Der Dieb holt aus seinem Sack eine Pastete und legt sie hin. Der Taschendieb holt auch aus seiner Tasche eine Pastete und legt sie hin. Da sieht der Dieb, daß beide eine Pastete sind, auf einem Bleche gebacken. Darauf sagt [[99]]der Dieb: „Diese Pastete hat meine Frau gemacht.“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau hat sie gemacht.“ Der Dieb fragt: „Wie heißt deine Frau?“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau heißt Nasime.“ Der Dieb sagt: „Das ist meine Frau.“ Der andere sagt: „Das ist meine Frau.“ Sie erhitzen sich im Streit, und gehen in ihr Haus. Jetzt sagt der Dieb: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau sagt zu ihm: „Ja.“ Der Taschendieb sagt: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau sagt zu ihm: „Ja.“ Da sagt der Dieb: „Seit so langer Zeit hast du zwei Männer gebraucht, du Herumtreiberin! Sieh mal, hat sie es mir wohl gesagt?“ Sie stehen auf, gehen zum Gericht und erzählen die Sache, wie sie sich verhält, dem Herrn Richter. Der Richter antwortet: „Ihr müßt beide eine Prüfung ablegen. Wer gewinnt, dem gehört die Frau.“ Die gehen wieder in ihr Haus. Eines Tages sagt der Dieb zu seiner Frau: „Gib deine Brosche her, wollen sie beim Goldarbeiter verkaufen und uns Lebensmittel dafür kaufen.“ Der Taschendieb kam von draußen dazu. Der Dieb nimmt die Brosche. Während er auf den Markt geht, gibt ihm der Taschendieb einen Stoß, stiehlt ihm die Brosche und bringt sie nach Hause. Der andere ahnt davon nichts, kommt zum Goldarbeiter, will sie herausholen und zeigen. Da sieht er, daß die Brosche nicht da ist. Er denkt: „Ich habe sie zu Hause gelassen“ und kehrt nach Hause um. Er sagt: „Frau, ich habe die Brosche hier wohl vergessen, gib mir die Brosche.“ Er nimmt sie, und während er geht, stiehlt sie ihm der Taschendieb wieder bei Gelegenheit aus dem Busen und bringt sie nach Hause. Der andere ahnt wieder nichts davon und bringt sie zum Goldarbeiter. Als er sie geben will, sieht er, daß die Brosche nicht da ist. Wieder denkt er: „Merkwürdig, ich muß sie wieder zu Hause vergessen haben“ und kehrt wieder um, Zu Hause sagt er: „Frau, ich habe wieder die Brosche vergessen. Gib sie, ich will sie ordentlich verstecken.“ Er nimmt sie, während der Taschendieb aufpaßt, und bindet sie ums Gesäß und geht auf den Markt. Währenddessen [[100]]kommt der Taschendieb, nimmt ihm den Fes weg und wirft ihn auf das Dach eines Ladens. Der Dieb sieht ihn an: „Was tust du da, du ungebildeter Kerl?“ Der sagte: „Ach, Verzeihung, mein Herr, mir fiel meine Jugend ein. Komm, ich werde auf deine Schulter steigen und ihn herunterholen.“ Der Dieb sieht, daß seine Schuhe schmutzig sind und sagt: „Deine Schuhe sind schmutzig. Ich werde auf deine Schulter steigen und ihn herunterholen.“ Als dieser auf seine Schulter steigt, nimmt er ihm leise die Brosche von seinem Gliede und steckt sie in seinen Busen. Der Dieb kommt zum Goldarbeiter. Als er sie ihm geben will, sieht er, daß die Brosche nicht da ist und ruft aus: „Nanu, was ist denn das mit mir!“
Der Goldschmied sagt: „Willst du dich über mich lustig machen?“ Da wird der Dieb zornig, geht nach Hause und sagt: „Hallo Frau, ich habe die Brosche ordentlich verborgen; jetzt ist sie nicht da. Was ist das wohl mit mir?“ Da kommt der Taschendieb und sagt: „Nun Bruder, hast du es jetzt gesehen. Das ist meine Kunst. Nun zeige mir deine Kunst.“
Der Dieb sagt: „Folge mir.“ Sie stehen auf, gehen auf den Markt, kaufen einen Korb Nägel und einen Hammer, gehen zur Nacht in das Schloß des Padischahs, schlagen Nägel in die Wand, steigen hinauf und auf der anderen Seite der Mauer hinunter. Im Garten war eine Gans. Der Dieb ergreift sie, schlachtet sie und sagt zum Taschendieb: „Ich gehe jetzt in das Zimmer des Padischahs und stehle alles, was dort an wertvollen Gegenständen vorhanden ist. Du mache hier Feuer und brate die Gans.“
Der Dieb geht in das Zimmer, wo der Padischah ist. Da sieht er, daß der Padischah auf seinem Bett liegt und sein Hofmeister zu seinen Füßen ihm die Kniee reibt und gleichzeitig Mastix kaut, damit er nicht einschläft. Der Dieb tritt unbeachtet ein, reißt sich ein Haar aus, steckt es dem Hofmeister in den Mund und nimmt ihm leise den Mastix aus dem Munde. Dann schläft der Hofmeister ein. Sofort [[101]]legt er ihn in den Korb und hängt ihn an der Decke auf, dann geht er hin und reibt die Kniee des Padischahs und sagt zum Padischah: „Mein Padischah, ich werde dir eine Geschichte erzählen, aber du darfst mir nichts tun.“ Der Padischah befiehlt: „Erzähle.“ Er erzählt:
„Mein Padischah, einst gab es einen Dieb und einen Taschendieb. Beide hatten eine Frau. In der Nacht gebrauchte sie den einen und am Tage den andern. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt.[17] — Als die Sache bekannt wurde, kam sie vors Gericht. Dort sagte man: ‚Ihr müßt eine Prüfung ablegen.‘ Der Taschendieb führte seine Sache aus. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt und unser Padischah es merkt! — Der Dieb kommt in dies Schloß. Der Taschendieb briet die Gans, der Dieb steckte den Hofmeister des Padischahs in einen Sack und hängte ihn an die Decke. Er selbst ging zum Padischah und fing an ihm die Kniee zu reiben. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!“ — Als der Taschendieb dies draußen hört, sagt er: „Wenn der Padischah merkt, daß ich die Gans brate, dann schlägt er uns beiden den Hals ab“, und seine Hände und Füße fangen an zu zittern. Der Padischah sagt: „Hofmeister, was soll das heißen: ‚Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!‘ “ Er antwortete: „Mein Herr, das ist eine Redensart. Dann, mein Padischah, kamen sie hierher, verlangten weiter nichts, haben nur Ihre Gans gegessen und aus Ihrem Schlosse nichts genommen und der Dieb hat soviel Mut gezeigt. Wem fällt nun die Frau zu?“ Der Padischah sagte: „Dem Diebe.“ Schließlich schlief der Padischah ein.
Sie gingen wieder in ihr Haus. Als der Padischah aufwachte, rief er seinen Hofmeister. Es war nichts von ihm zu hören. Er fragte nochmals: „Hofmeister, wo bist du?“
Er antwortete: „Ach, mein Herr, an der Decke bin ich.“
Da sagte der Padischah: „Ach, dann war der, der mir in der Nacht die Geschichte erzählt hat, wohl der Dieb.“ [[102]]
Dann ließ der Padischah den Hofmeister herunterholen und sie merkten die ganze Sache. Der Padischah befahl, daß Ausrufer von Viertel zu Viertel gingen. Als der Taschendieb und Dieb dies sahen, sagten sie: „Ja, wir sind es.“ Sofort brachte man sie vor den Padischah. Der Padischah sagte: „Wer von euch ist der Dieb und wer der Taschendieb?“ Der Dieb sagte: „Mein Herr, ich bin der Dieb. Der Taschendieb ist mein Kamerad.“
Der Padischah fragte: „Mein Sohn, warst du es, der in der Nacht neben mir die Geschichte erzählt hat?“
Er antwortete: „Ja, mein Herr, das war ich.“
Man sah im Schlosse nach, nichts fehlte.
Der Padischah sagte: „Ich nehme dich als Diener an. Die Frau gehört dir.“ Er gab dem Diebe und dem Taschendiebe tausend Piaster. Sie gingen in ihr Haus. Der Taschendieb trennte sich von ihnen und ging in ein anderes Land. Der Dieb heiratete von neuem seine Frau, und sie lebten ruhig miteinander. Unsere Geschichte ist auch aus. Damit Schluß.
[[Inhalt]]
11. DIE GESCHICHTE VON DSCHEFA UND SEFA
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten war ein gerechter Padischah. Dieser Padischah hatte keine Nachkommen. Eines Tages verkleidete er sich mit seinem Hofmeister und ging aus. Als sie an einer Quelle die Waschung vollzogen und das Gebet verrichteten, kam von ungefähr ein Derwisch, ging zu ihnen und sagte: „Friede sei über dir, mein Padischah.“ Da sagte er: „Auch über dir Friede, Vater Derwisch. Da du weißt, daß ich ein Padischah bin, so kennst du auch mein Verlangen.“ Der Derwisch sagte: „Mein Padischah, du hast keine Nachkommen auf der Welt.“ Er nahm einen Apfel aus seinem Busen und sagte: „Mein Padischah, nimm diesen Apfel, schäle ihn und iß ihn mit der Königin. Die eine Hälfte gib ihr und die andere Hälfte gib der Amme. Dann [[103]]erhältst du einen Sohn. Aber hüte dich, ihm einen Namen zu geben, bevor ich komme.“
Als der Padischah seine Hand in die Tasche steckt, um dem Derwisch Geld zu geben, sieht er, daß der Derwisch verschwunden ist. Dann geht er ins Schloß, schält den Apfel, gibt die Hälfte der Königin und die andere Hälfte der Amme. Sie essen ihn und legen sich am Abend schlafen. Sie bekommen Nachkommen. Nach neun Monaten und zehn Tagen bekommt der Padischah einen Sohn, und auch die Amme bringt einen Knaben zur Welt. Der Padischah gab den Armen viele Geschenke. Als schließlich der Prinz und sein Gefährte vier oder fünf Jahre alt sind, schickt man sie zur Schule, um etwas zu lernen. In der Schule nannte man ihn den namenlosen Prinzen.
Eines Tages ärgerte sich der Prinz darüber, geht zu seinem Vater und sagt: „Mein Vater, ich habe keinen Namen. Warum hast du mir keinen Namen gegeben?“ Er antwortete: „Mein Sohn, du bist durch einen Derwisch entstanden. Bevor der Derwisch kommt, kann ich die Angelegenheit mit deinem Namen nicht ordnen.“
Die Minister hielten eine Sitzung ab und sagten: „Padischah, wer weiß, wann der Derwisch kommt? Wollen die Angelegenheit ordnen.“ Da antwortete er: „Sehr schön.“ Als man die Sache ordnen will, kommt der Derwisch und sagt: „Mein Padischah, der Name des Prinzen soll Sefa, und der des Gefährten Dschefa sein.“ Danach geht er weg. Die setzen nun ordnungsgemäß ihren Unterricht fort.
Als eines Tages Sefa und Dschefa[18] in den Hofgarten gehen, sagt Dschefa zu Sefa: „Ich will die Waschung vollziehen“ und geht weg. Als Sefa sich nach allen Seiten umsieht, erscheint ein Derwisch, zieht aus seinem Busen ein Bild und gibt es dem Prinzen. Der sieht, daß es ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten, ist. Sofort verliebt er sich in dieses Bild, fällt auf den Boden und wird ohnmächtig. Als er nach einiger Zeit wieder zu sich kommt, geht er mit Dschefa ins Schloß. [[104]]
Der Prinz wird krank und wird von Tag zu Tag bleicher und schwächer. Obgleich Ärzte und Hodschas ihn behandeln, finden sie kein Mittel. Der Padischah denkt: „Wenn jemand das Leiden des Prinzen kennt, so ist es Dschefa.“ Er ruft ihn. Dieser steht ehrfürchtig mit übereinandergeschlagenen Händen vor ihm. Der Padischah sagt: „Dschefa, sage mir, was die Krankheit meines Sohnes ist. Ich gebe dir vierzig Tage Frist, am einundvierzigsten schlage ich dir den Kopf ab.“
Dschefa geht zu Sefa und sagt: „Mein Prinz, Ihr Vater hat mir vierzig Tage Frist gegeben. Sagen Sie mir, was Ihre Krankheit ist, denn am einundvierzigstenTage wird er mich töten.“ Wie sehr er auch flehte, er erhielt keine Antwort.
Am einundvierzigsten Tage sagte er: „Mein Prinz, heute ist der Abschiedstag. Wollen uns gegenseitig verzeihen, was wir einander getan haben.“ Dann umarmte er ihn, und aus seinen Augen floß Blut statt der Tränen. Als Dschefa „Gott befohlen“ sagte und sich wandte, rief der Prinz ihn zurück und sagte: „Komm, Dschefa, nimm dies Bild und gib es meinem Vater.“ Dschefa nahm erfreut das Bild, ging zum Vater und sagte: „Mein Padischah, eine frohe Botschaft! Der Prinz hat mir dies Bild eines Mädchens gegeben.“ Er sieht, daß es die Tochter des Padischahs von Jemen ist. Er geht zu Sefa und sagt: „Mein Sohn, warum hast du mir nicht gesagt, daß du in die Tochter des Padischahs von Jemen verliebt bist. Sollte ich ein Padischah sein und meinem Sohn nicht helfen können?“ Dann rief er Dschefa und befahl: „Ich verlange von dir die Tochter des Padischahs von Jemen.“ Sefa sagt: „Wo Dschefa ist, bin ich auch. Wenn Sie erlauben, gehe ich mit Dschefa.“ Darauf verabschiedeten sie sich von seiner Mutter, treffen die Vorbereitungen zur Reise, besteigen die Pferde und machen sich auf den Weg. Allmählich kommen sie an eine Quelle, lassen die Pferde auf der Wiese frei, und ruhen sich etwas aus. Auf einmal sehen sie, daß eine alte Frau mit einem Kruge in der Hand, um Wasser [[105]]zu holen, kommt. Sie fragten die Mutter: „Mutter, wie heißt dies Land?“ Sie antwortet: „Mein Sohn, dies Land heißt Jemen.“ Als sie fragen: „Mutter, kannst du uns diese Nacht als Gäste aufnehmen?“ antwortet sie: „Mein Sohn, ich habe kein Lager.“ Der Prinz holt aus seiner Tasche eine Handvoll Goldstücke. Die Frau sagt: „Mein Sohn, ich habe ein Lager, für die Pferde habe ich auch einen Stall.“ Sie gehen mit ihr ins Haus, binden die Pferde im Stalle an und steigen nach oben.
Als sie in einem Zimmer verweilten, rief der Prinz die Mutter und sagte: „Mutter, du fragst gar nicht, wie es mit uns steht.“ Sie sagte: „Mein Sohn, erzähle doch.“ Er erzählte: „Ich bin der Sohn des Padischahs von Stambul und habe mich in die Tochter des Padischahs von Jemen verliebt. Deswegen bin ich in die Fremde gezogen. Ist sie vielleicht hier?“ Sie antwortete: „Ja, mein Sohn, ich bin ihre Lehrerin, in dieser Woche verheiratet sie sich mit dem Sohne des Padischahs von Indien.“ Da seufzt er und alles verfinstert sich vor ihm.