Ehstnische Märchen.
Aufgezeichnet
von
Friedrich Kreutzwald.
Aus dem Ehstnischen übersetzt
von
F. Löwe,
ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akad. d. Wissenschaften.
Nebst einem Vorwort von Anton Schiefner und Anmerkungen von Reinhold Köhler und Anton Schiefner.
Halle,
Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses.
1869.
Vorwort.
Im dritten Bande der Kinder- und Hausmärchen hat Wilhelm Grimm auf S. 353 der Ausgabe von 1856 auf die ihm bis zu der Zeit bekannt gewordenen ehstnischen Märchen hingewiesen, und auf S. 385 namentlich die zuerst von Fählmann im Jahre 1842 in dem ersten Bande der Verhandlungen der gelehrten ehstnischen Gesellschaft zu Dorpat veröffentlichte anmuthige Dichtung Koit und Ämmarik hervorgehoben. In ausführlicherer Fassung ist die letztere später (1854) von Dr. Friedrich Kreutzwald mir mitgetheilt und von mir im Bulletin der St. Petersburger Akademie T. XII. Nr. 3, 4 (auch in den Mélanges russes T. II. S. 409) in dem Aufsatz »zur ehstnischen Mythologie« abgedruckt worden. Ebendaselbst habe ich auch auf die Möglichkeit einer Entlehnung dieser Dichtung von einem Nachbarvolke aufmerksam gemacht. An solchen Entlehnungen sind die Ehsten nicht ärmer als andere Völker, und es gewährt ein eigenthümliches Interesse, mehr oder minder anderswoher bekannte Stoffe in ihrer ehstnischen Einkleidung zu betrachten. Allein nicht bloß die Freude an der poetischen Behandlung der einzelnen Märchen ist es, was uns auffordert, denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knüpfen sich eine ganze Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die Betrachtung ihres Inhalts.
Der Uebersetzer hat es für angemessen erachtet, auf so manche Züge hinzuweisen, welche die einzelnen Märchen mit der von Dr. Kreutzwald ins Leben gerufenen Dichtung »Kalewipoëg« gemein haben. Manches ist allerdings aus den nicht bloß bei den Ehsten in Umlauf befindlichen Märchen erst in die Sage und daraus in die epischen Lieder gewandert, anderes bietet uns aber treulichst erhaltene Spuren altscandinavischer Mythen dar. Habe ich bereits im Jahre 1860 bei Gelegenheit der Besprechung des Kalewipoëg (Bulletin B. II. S. 273-297 = Mélanges russes B. II. S. 126-161) darauf aufmerksam gemacht, wie im Kalewipoëg vielfach Nachklänge des alten Thor-Cultus vorliegen, so kann man das mit gleichem Recht von den in vorliegender Sammlung dargebotenen Märchen behaupten. Man berücksichtige außer dem von Herrn Löwe S. 2 angeführten z. B. S. 113 die dem Donnerer gehörige Gerte aus Ebereschenholz, sowie auch S. 137 das Ruder aus demselben Holze. Vgl. über die auch S. 18 vorkommende Eberesche als dem Donnerer heilig Mannhardt Germanische Mythen S. 13 f.
Als ich im Jahre 1855 über den Mythengehalt der finnischen Märchen (Bullet. hist. philol. T. XII. Nr. 24) kurz berichtete, waren von den ehstnischen Märchen nur sehr wenige bekannt, und die ganze reiche Märchenliteratur der Russen, von der uns die von Afanasjew in den Jahren 1855-1863 erschienene Sammlung in acht Bänden eine Ahnung giebt, war nur in wenigen Proben zugänglich. Bei einem eingehenden Studium der ebengenannten Sammlung dürften nicht allein die finnischen Märchen in einem andern Lichte erscheinen, sondern auch die ehstnischen richtiger gewürdigt werden können. Sicher ist es wenigstens, daß, wenn wir die ehstnischen Märchen betrachten, wir es mit den Einflüssen der verschiedensten Zeiten und Völker zu thun haben.
Manche Züge weisen unverkennbar auf litauische Berührungen hin, andere zahlreichere und wohl auch jüngere auf russische Elemente; da die Küstenstriche Ehstlands und namentlich die zunächst liegenden Inseln schwedische Bevölkerung gehabt und zum Theil auch noch gegenwärtig haben, ist der letzteren nebst manchem Märchen auch mancher aus der ältesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste Zeit hat aus der Kinderstube der deutschen Familien sowohl in der Stadt als auf dem Lande so manches Märchen in die Bauerhütten verpflanzt. Nicht minder haben die aus dem Kriegsdienste heimkehrenden Ehsten so manche Erzählung, die sie früher im schwedischen oder später im russischen Heere vernommen hatten, den hörlustigen Leuten in der Heimath zugetragen.
Außer den von W. Grimm a. a. O. namhaft gemachten Sammlungen sind verschiedene ehstnische Märchen veröffentlicht worden, namentlich in den Jahrgängen 1846, 1848, 1849, 1852 und 1858 des »Inlands«, im illustrirten revalschen Almanach 1855 und 1856 und anderswo; eine ziemlich genaue Aufzählung derselben wird man in Dr. Winkelmanns nun im Druck befindlicher Bibliotheca Livoniae historica S. 39 f. finden. Am beachtenswertesten sind die von den auch sonst um die Literatur der Ehsten hochverdienten beiden Männern Heinrich Neus in Reval und Friedrich Kreutzwald in Werro mitgetheilten Märchen. Der letztere der beiden genannten Herren erhielt auch von der finnischen Literaturgesellschaft in Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine umfassende Sammlung von ehstnischen Märchen herauszugeben. Diese Sammlung, welche auf 368 Seiten 43 größere und 18 kleinere Stücke umfaßt, erschien im Jahre 1866 zu Helsingfors im Verlage der Literaturgesellschaft mit Bewilligung der letzteren und des Herrn Kreutzwald hat Herr Löwe, welcher sich während seines Aufenthalts in Ehstland anerkennenswerthe Kenntnisse der ehstnischen Sprache erworben hat, vorliegende Uebersetzung unternommen, die sich durch sich selbst so sehr empfiehlt, daß eine Empfehlung von meiner Seite überflüssig sein dürfte. Die Leser dieser freundlichen Schöpfungen der Volkspoesie werden es nicht minder als ich wünschen, daß baldigst eine Fortsetzung der Uebersetzung erscheine.
Schließlich kann ich die erfreuliche Nachricht mittheilen, daß in kurzer Zeit die Veröffentlichung mehrerer durch die Herren Hurt und Jakobson aus dem Volksmunde aufgezeichneter ehstnischer Märchen in den Schriften der gelehrten ehstnischen Gesellschaft in Dorpat zu erwarten ist.
St. Petersburg, den 8. (20.) Februar 1869.
A. Schiefner.
Inhalt.
| Seite | ||
| 1. | Die Goldspinnerinnen | [1-24] |
| 2. | Die im Mondschein badenden Jungfrauen | [25-31] |
| 3. | Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge | [32-58] |
| 4. | Der Tontlawald | [59-76] |
| 5. | Der Waise Handmühle | [77-81] |
| 6. | Die zwölf Töchter | [82-91] |
| 7. | Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand | [92-101] |
| 8. | Schlaukopf | [102-121] |
| 9. | Der Donnersohn | [122-132] |
| 10. | Pikne's Dudelsack | [133-140] |
| 11. | Der Zwerge Streit | [141-147] |
| 12. | Die Galgenmännlein | [148-159] |
| 13. | Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen | [160-173] |
| 14. | Der dankbare Königssohn | [174-202] |
| 15. | Rõugatajas Tochter | [203-211] |
| 16. | Die Meermaid | [212-229] |
| 17. | Die Unterirdischen | [230-240] |
| 18. | Der Nordlands-Drache | [241-261] |
| 19. | Das Glücksei | [262-272] |
| 20. | Der Frauenmörder | [273-284] |
| 21. | Der herzhafte Riegenaufseher | [285-297] |
| 22. | Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs | [298-317] |
| 23. | Dudelsack-Tiidu | [318-340] |
| 24. | Die aus dem Ei entsprossene Königstochter | [341-355] |
| Anmerkungen | [356-365] | |
| Berichtigungen und Zusätze | [366] | |
1. Die Goldspinnerinnen.[1]
Ich will euch eine schöne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzählen, welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der Weisheit-Sprache der Vierfüßer und der Befiederten wiederhallten.
Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit drei frischen Töchtern: ihre Hütte lag im Dickicht versteckt. Die Töchter blühten schönen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf; besonders war die jüngste Schwester schön und zierlich wie ein Bohnenschötchen. Aber in dieser Einsamkeit gab es keine andern Beschauer als am Tage die Sonne, und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne.
»Brennend heiß mit Jünglingsaugen
Schien die Sonn' auf ihren Kopfputz,
Glänzte auf den bunten Bändern,
Röthete die bunten Säume.«
Die alte Mutter ließ die Mädchen nicht müßig gehen, noch säumig sein, sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie saßen Tag für Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen Dingern wurde weder Donnerstag noch Sonnabend[2] Abend Muße gegönnt, den Gabenkasten zu bereichern,[3] und wenn nicht in der Dämmerung oder im Mondenschein verstohlener Weise die Stricknadel zur Hand genommen wurde, so blieb der Kasten ohne Zuwachs. War die Kunkel abgesponnen, so wurde sofort eine neue aufgesetzt, und überdies mußte das Garn eben, drall und fein sein. Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloß und Riegel in einer geheimen Kammer, wohin die Töchter ihren Fuß nicht setzen durften. Von wo der Goldflachs in's Haus gebracht wurde, oder zu was für einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen nicht bekannt geworden; die Mutter gab auf solche Fragen niemals Antwort. Zwei oder drei Mal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise, man wußte nicht wohin, blieb zuweilen über eine Woche aus und kam immer bei nächtlicher Weile zurück, so daß die Töchter niemals erfuhren, was sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, theilte sie jedesmal den Töchtern auf so viel Tage Arbeit aus, als sie auszubleiben gedachte.
Jetzt war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung unternehmen wollte. Gespinnst auf sechs Tage wurde den Mädchen ausgetheilt, und dabei abermals die alte Ermahnung eingeschärft:»Kinder laßt die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit der Faden in der Spule nicht reißt, sonst würde der Glanz des Goldgarns verschwinden und mit eurem Glücke würde es auch aus sein!« Die Mädchen verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung; ehe noch die Mutter auf ihrer Krücke zehn Schritte weit vom Hause gekommen war, fingen sie alle drei an zu höhnen. »Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt wird, hätten wir nicht nöthig gehabt,« sagte die jüngste Schwester. »Der Goldgarnfaden reißt nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen.« Die andere Schwester setzte hinzu: »Eben so wenig ist es möglich, daß der Goldglanz sich verliere.« Oft schon hat Mädchen-Vorwitz Manches voreilig verspottet, woraus doch endlich nach vielem Jubel Thränenjammer erwuchs.
Am dritten Tage nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter Vorfall, der den Töchtern anfangs Schrecken, dann Freude und Glück, auf lange Zeit aber Kummer bereiten sollte. Ein Kalew-Sproß,[4] eines Königs Sohn, war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefährten abgekommen, und hatte sich im Walde so weit verirrt, daß weder das Gebell der Hunde noch das Blasen der Hörner ihm einen Wegweiser herbeischaffte. Alles Rufen fand nur sein eigenes Echo,[5] oder fing sich im dichten Gestrüpp. Ermüdet und verdrießlich stieg der königliche Jüngling endlich vom Pferde und warf sich nieder, um im Schatten eines Gebüsches auszuruhen, während das Pferd sich nach Gefallen auf dem Rasen sein Futter suchen durfte. Als der Königssohn aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne schon niedrig. Als er jetzt von neuem in die Kreuz und in die Quer nach dem Wege suchte, entdeckte er endlich einen kleinen Fußsteig, der ihn zur Hütte der lahmen Alten brachte. Wohl erschracken die Töchter, als sie plötzlich den fremden Mann sahen, dessen Gleichen ihr Auge nie zuvor erblickt hatte. Indeß hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in der Abendkühle mit dem Fremden befreundet, so daß sie gar nicht einmal zur Ruhe gehen mochten. Und als endlich die älteren Schwestern sich schlafen gelegt hatten, saß die jüngste noch mit dem Gaste auf der Thürschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen.
Während die Beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne sich ihr Herz öffnen und süße Gespräche führen, wollen wir uns nach den Jägern umsehen, die ihren Anführer im Walde verloren hatten. Unermüdlich war der ganze Wald nach allen Seiten hin von ihnen durchsucht worden, bis das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ziel setzte. Dann wurden zwei Männer in die Stadt zurückgeschickt, um die traurige Botschaft zu überbringen, während die Uebrigen unter einer breiten ästigen Fichte ihr Nachtlager aufschlugen, um am nächsten Morgen wieder weiter zu suchen. Der König hatte gleich Befehl gegeben, am andern Morgen ein Regiment zu Pferde und eins zu Fuß ausrücken zu lassen, um seinen verlorenen Sohn aufzusuchen. Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tage aus; dann erst wurden in der Frühe Fußstapfen gefunden, die man verfolgte und dadurch den Fußsteig entdeckte, der zur Hütte führte. Dem Königssohne war in Gesellschaft der Mädchen die Zeit nicht lang geworden, noch weniger hatte er Sehnsucht nach Hause gehabt. Ehe er schied, gelobte er der Jüngsten heimlich, daß er in kurzer Zeit wiederkommen und dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, sie mit sich nehmen und zu seiner Gemahlin machen wolle. Wenn gleich die ältern Schwestern von dieser Verabredung nichts gehört hatten, so kam die Sache doch heraus und zwar in einer Weise, die Niemand vermuthet hätte.
Nicht gering war nämlich der jüngsten Tochter Bestürzung, als sie, nachdem der Königssohn fortgegangen war, sich an den Rocken setzte und fand, daß der Faden in der Spule gerissen war. Zwar wurden die Enden des Fadens im Kreuzknoten wieder zusammengeknüpft und das Rad in rascheren Gang gebracht, damit emsige Arbeit die im Kosen mit dem Bräutigam verlorene Zeit wieder einbrächte. Allein ein unerhörter und unerklärlicher Umstand machte das Herz des Mädchens beben: das Goldgarn hatte nicht mehr seinen vorigen Glanz. — Da half kein Scheuern, kein Seufzen und kein Benetzen mit Thränen; die Sache war nicht wieder gut zu machen. Das Unglück springt zur Thür in's Haus, kommt durch's Fenster herein und kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein altes weises Wort; so geschah es auch jetzt.
Die Alte war in der Nacht nach Hause gekommen. Als sie am Morgen in die Stube trat, erkannte sie augenblicklich, daß hier etwas Unrechtes vorgegangen sei. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie ließ die Töchter eine nach der andern vor sich kommen und verlangte Rechenschaft. Mit Leugnen und Ausreden kamen die Mädchen nicht weit, Lügen haben kurze Beine; die schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem Rücken der jüngsten Tochter in's Ohr gekräht hatte. Das alte Weib fing nun an so gräulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren Verwünschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem Jüngling den Hals zu brechen und sein Fleisch den wilden Thieren zur Speise vorzuwerfen, wenn er sich gelüsten ließe, noch einmal wieder zu kommen. —Die jüngste Tochter wurde roth wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag keine Ruhe und konnte auch die Nacht kein Auge zuthun; immer lag es ihr schwer auf der Seele, daß der Jüngling, wenn er zurück käme, seinen Tod finden könnte. Früh am Morgen, als die Mutter und die Töchter noch im Morgenschlummer lagen, verließ sie heimlich das Haus, um in der Thaueskühle aufzuathmen. Zum Glück hatte sie als Kind von der Alten die Vogelsprache gelernt, und das kam ihr jetzt zu Statten. In der Nähe saß auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder zurechtzupfte. Das Mädchen rief. »Lieber Lichtvogel, klügster des Vogelgeschlechts! willst du mir zu Hülfe kommen?« »Was für Hülfe begehrst du?« fragte der Rabe. Das Mädchen erwiederte: »Flieg' aus dem Walde heraus über Land, bis dir eine prächtige Stadt mit einem Köuigssitz aufstößt. Suche mit dem Königssohn zusammenzukommen und melde ihm, was für ein Unglück mir widerfahren ist.« Darauf erzählte sie dem Raben die Geschichte ausführlich, vom Reißen des Fadens an bis zu der gräßlichen Drohung der Mutter, und sprach die Bitte aus, daß der Jüngling nicht mehr zurückkommen möchte. Der Rabe versprach, den Auftrag auszurichten, wenn er Jemand fände, der seiner Sprache kundig wäre und flog sogleich davon.
Die Mutter ließ die jüngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn abzuwickeln. Diese Arbeit wäre dem Mädchen leichter gewesen als die frühere, aber das ewige Fluchen und Zanken der Mutter ließ ihr vom Morgen bis zum Abend keine Ruhe. Versuchte die Jungfrau, sich zu entschuldigen, so wurde die Sache noch ärger. Wenn einem Weibe einmal die Galle überläuft, und der Zorn ihre Kinnladen geöffnet hat, so vermag keine Gewalt sie wieder zu schließen.
Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenwipfel her kraa, kraa! und das gequälte Mädchen eilte hinaus, um den Bescheid zu hören. Der Rabe hatte glücklicherweise in des Königs Garten eines Windzauberers[6] Sohn gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Ihm meldete der schwarze Vogel die von der Jungfrau ihm anvertraute Botschaft, und bat ihn, die Sache dem Königssohn mitzutheilen. Als der Gärtnerbursche dem Königssohn alles erzählt hatte, wurde diesem das Herz schwer, doch pflog er mit seinen Freunden heimlich Rath über die Befreiung der Jungfrau. »Sage dem Raben,« so unterwies er dann des Windzauberer's Sohn — »daß er eilig zurückfliege und der Jungfrau melde: sei wach in der neunten Nacht, dann erscheint ein Retter, der das Küchlein den Klauen des Habichts entreißen wird.« Zum Lohn für die Bestellung erhielt der Rabe ein Stück Fleisch, um seine Flügel zu kräftigen, und dann wurde er wieder zurück geschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel für seine Besorgung, verbarg aber das Gehörte in ihrem Herzen, damit die andern nichts davon erführen. Aber je näher der neunte Tag kam, desto schwerer wurde ihr das Herz, wenn sie bedachte, daß ein unvorhergesehenes Unglück alles zu Schanden machen könnte.
In der neunten Nacht, als die alte Mutter und die Schwestern sich zur Ruhe gelegt hatten, schlich die jüngste Schwester auf den Zehen aus dem Hause, und setzte sich unter einen Baum auf den Rasen, um des Bräutigams zu harren. Hoffnung und Furcht erfüllten zugleich ihr Herz. Schon krähte der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her war weder ein Geräusch von Tritten noch ein Rufen zu hören. Zwischen dem zweiten und dritten Hahnenschrei drang von weitem ein Geräusch wie leises Pferdegetrappel an ihr Ohr. Sie ließ sich durch dies Geräusch leiten und ging den Kommenden entgegen, damit deren Annäherung die im Hause Schlafenden nicht wecken möchte. Bald erblickte sie die Kriegerschaar, an deren Spitze der Königssohn selbst als Führer ritt, denn er hatte, als er von hier fortgegangen war, an den Bäumen heimliche Zeichen gemacht, durch die er den rechten Weg erkannte. Als er die Jungfrau gewahr wurde, sprang er vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin, damit sie sich an ihn lehne und dann ging es schleunig heimwärts. Der Mond gab zwischen den Bäumen so viel Licht, daß der bezeichnete Pfad ihnen nicht verloren ging. Das Frühroth hatte überall der Vögel Zungen gelöst und ihr Gezwitscher geweckt. Hätte die Jungfrau auf sie zu achten und aus ihrer Zwiesprach Belehrung zu schöpfen gewußt, es hätte den Beiden mehr genügt als die honigsüße Schmeichelrede, welche aus des Königssohnes Munde floß und das Einzige war, was in ihr Ohr drang. Sie hörte und sah nichts Anderes als den Bräutigam, der sie bat, alle eitle Furcht aufzugeben und dreist auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als sie in's Freie kamen, stand die Sonne schon ziemlich hoch.
Zum Glück hatte die alte Mutter am Morgen früh der Tochter Flucht nicht gleich bemerkt; erst etwas später, als sie die Garnwinde nicht abgewickelt fand, fragte sie, wohin die jüngste Schwester gegangen sei. Darauf wußte Niemand Antwort zu geben. Aus mancherlei Zeichen ersah jetzt die Mutter, daß die Tochter entflohen war; sofort faßte sie den tückischen Vorsatz, der flüchtigen die Strafe auf dem Fuße nachzusenden. Sie holte vom Boden herunter eine Handvoll aus neunerlei Arten gemischter Hexenkräuter, schüttete Salz, das besprochen war, dazu und band Alles in ein Läppchen, daß es ein Quast wurde; dann hauchte sie Flüche und Verwünschungen darauf und ließ nun das Hexenknäuel mit dem Winde davon ziehen, während sie sang:
»Wirbelwind! verleihe Flügel!
Windesmutter! deinen Fittig!
Treibet dieses Knäulchen vorwärts,
Daß es windesschnell dahin saust,
Daß es todverbreitend hinfährt,
Seuchenbringend weiter fliege!«
Zwischen Mittmorgen und Mittag gelangte der Königssohn mit der Kriegerschaar an das Ufer eines breiten Flusses, über welchen eine schmale Brücke geschlagen war, so daß die Männer nur einzeln herüber konnten. Der Königssohn ritt eben mitten auf der Brücke, als mit dem Winde das Hexenknäuel daher fuhr und wie eine Bremse auf das Pferd traf. Das Pferd schnaubte vor Schreck, stellte sich plötzlich hoch auf die Hinterbeine, und eh' noch jemand zu Hülfe kommen konnte, glitt die Jungfrau vom Sattel herab jählings in den Fluß. Der Königssohn wollte ihr nachspringen, aber die Krieger verhinderten ihn daran, indem sie ihn festhielten; denn der Fluß war grundlos tief und menschliche Hülfe konnte dem Unglück, das einmal geschehen war, doch nicht mehr abhelfen.
Schrecken und tiefe Betrübnis hatten den Königssohn ganz betäubt; die Krieger führten ihn gegen seinen Willen nach Hause zurück, wo er Wochen lang in stiller Kammer über das Unglück trauerte, so daß er anfangs nicht einmal Speise noch Trank zu sich nahm. Der König ließ aus allen Orten von nah und fern Zauberer zusammenrufen, aber keiner konnte die Krankheit erklären, noch wußte einer ein Mittel dagegen anzugeben. Da sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der in des Königs Garten Gärtnerbursch war: »Sendet nur nach Finnland, daß der uralte Zauberer komme, der versteht mehr als die Zauberer eures Landes.«
Alsbald sandte der König eine Botschaft an den alten Zauberer Finnlands, und dieser traf schon nach einer Woche auf Windesflügeln ein. Er sagte zum König: »Geehrter König! die Krankheit ist vom Winde angeweht. Ein böses Hexen-Knäuel hat des Jünglings bessere Herzenshälfte hingerafft, und darüber grämt er sich beständig. Schicket ihn oft in den Wind, damit der Wind die Sorgen in den Wald treibt.«[7]
So kam es auch wirklich; der Königssohn fing an sich zu erholen, Nahrung zu nehmen und Nachts zu schlafen. Zuletzt gestand er seinen Eltern seinen Herzenskummer; der Vater wünschte, daß der Sohn wieder auf die Freite gehen und ein junges Weib nach seinem Sinne heim führen möchte, aber der Sohn wollte nichts davon wissen.
Schon über ein Jahr war dem Jüngling in Trauer verstrichen, als er eines Tages zufällig an die Brücke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden hatte. Als er sich das Unglück in's Gedächtniß zurückrief, traten ihm bittere Thränen in die Augen. Mit einem Male hörte er einen schönen Gesang anstimmen, obwohl nirgends ein menschliches Wesen zu sehen war. Die Stimme sang:
»Durch der Mutter Fluch beschworen
Nahm das Wasser die Unsel'ge,
Barg das Wellengrab die Kleine,
Deckte Ahti's[8] Fluth das Liebchen.«
Der Königssohn stieg vom Pferde und spähte nach allen Seiten, ob nicht Jemand unter der Brücke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte, war nirgends ein Sänger zu sehen. Auf der Wasserfläche schaukelte zwischen breiten Blättern ein Teichröschen, das war der einzige Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blümchen konnte doch nicht singen, dahinter mußte irgend ein wunderbares Geheimniß stecken. Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die Brücke und lauschte, ob Auge oder Ohr nähere Auskunft geben würden. Eine Zeitlang blieb Alles still, dann sang wieder der unsichtbare Sänger:
»Durch der Mutter Fluch beschworen
Nahm das Wasser die Unsel'ge,
Barg das Wellengrab die Kleine,
Deckte Ahti's Fluth das Liebchen.«
Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Königssohn dachte: wenn ich ungesäumt zur Waldhütte reite, wer weiß, ob mir nicht die Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten können. So stieg er zu Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den früheren Zeichen hoffte er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er hatte über einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fußsteig gelangte. In der Nähe der Hütte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen herauskommen würde. Früh Morgens kam die älteste Schwester zur Quelle, um sich das Gesicht zu waschen. Der Jüngling trat näher, erzählte das Unglück, welches sich voriges Jahr auf der Brücke zugetragen, und was für einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehört habe. Die alte Mutter war glücklicher Weise gerade nicht daheim, deßwegen lud die Jungfrau den Königssohn in's Haus. Als die Mädchen die ausführliche Erzählung angehört hatten, begriffen sie ohne Weiteres, daß das Unglück des vorigen Jahres durch ein Hexenknäuel der Mutter entstanden war, und daß die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden liege. Die älteste Schwester fragte: »Ist euren Blicken auf dem Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang hätte können ertönen lassen?« »Nichts,« erwiederte der Königssohn. »So weit mein Auge reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein gelbes Teichröschen zwischen breiten Blättern, aber Blümchen und Blätter können doch nicht singen.« Die Töchter muthmaßten sogleich, daß das Teichröschen nichts Anderes sein könne, als ihre in den Wellen versunkene und durch Hexenkunst in ein Blümchen verwandelte Schwester. Sie wußten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknäuel hatte fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tödtete, in jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermuthung sagten sie indeß dem Königssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rath wußten zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die Rückkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie Zeit sich zu berathen.
Die älteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehörig gemischter Zauberkräuter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jüngling zu essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Königssohn hatte in der Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vögeln lebte und die einem jeden derselben eigene Sprache verstünde. Als er am Morgen seinen Traum den Jungfrauen erzähle, sagte die älteste Schwester: »Zur guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen buck und zu essen gab, war mit Zauberkräutern gefüllt, welche euch in den Stand setzen, Alles zu verstehen, was die klugen Vögel unter einander reden. In diesen Männlein im Federkleide steckt viel verborgene Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, deßhalb gebt scharf Acht, was die Vögelschnäbel verkünden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorüber ist, so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen Kerker am Rocken sitzen.«
Der Königssohn dankte den Mädchen für ihre gute Gesinnung und versprach, sie später aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es für ein Lösegeld oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rückreise an. Die Mädchen freuten sich, als sie sahen, daß ihnen der Faden nicht gerissen und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie heim kam, ihnen nichts vorwerfen.
Um so spaßhafter ging die Sache mit dem Königssohne, der im Walde wie mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das Gezwitscher der Vögel ganz verständlich wie Worte an sein Ohr schlugen. Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch unbekannt bleibt, daß er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht fassen; es wurde über vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert, aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er plötzlich auf einem hohen Föhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren Unterhaltung auf ihn gemünzt war.
»Die Dummheit der Menschen ist groß,« sagte die Drossel. »Sie wissen auch die geringfügigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben der Brücke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorübergehenden ihre Noth, aber Niemand kommt sie zu erlösen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger Bräutigam über die Brücke, und hörte den sehnsüchtigen Gesang der Jungfrau, war aber auch nicht klüger als die Andern.« Die Elster erwiederte: »Und gleichwohl muß das Mädchen um seinetwillen von der Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine größere Weisheit zu Theil wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt das Mädchen ewig ein Blümlein.« »Des Mädchens Befreiung würde eine Kleinigkeit sein,« sagte die Drossel, »wenn die Sache dem alten Zauberer von Finnland gründlich dargelegt würde. Er könnte die Jungfrau leicht aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.«
Dieses Gespräch machte den Jüngling nachdenklich; indem er weiter ritt, ging er mit sich zu Rathe, wo er wohl einen Boten hernähme, den er nach Finnland schicken könnte. Da hörte er über seinem Haupte, wie eine Schwalbe zur andern sagte: »Komm, laß uns nach Finnland ziehen, dort ist besser nisten als hier!«
»Haltet, Freunde!« rief der Königssohn in der Vogelsprache. »Bringt dem alten Zauberer in Finnland tausend Grüße von mir und bittet ihn um Bescheid, wie es wohl möglich wäre, eine in eine Teichrose verwandelte Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen.« Die Schwalben versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon.
Als er an's Ufer des Flusses kam, ließ er sein Pferd verschnaufen und blieb auf der Brücke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich wieder hören lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts zu hören, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes. Unmuthig setzte sich der Jüngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer.
Eine Woche später saß er eines Tages im Garten, und dachte, die Schwalben müßten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein großer Adler hoch in den Lüften über seinem Haupte kreiste. Allmählich stieg der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast in der Nähe des Königssohnes niederließ. »Der alte Zauberer in Finnland,« so ließ der Adler sich vernehmen, »sendet euch viele Grüße, und bittet es ihm nicht zu verübeln, daß er nicht früher Antwort ertheilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte. Um die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlösen, ist nur dies nöthig: Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch den Körper über und über mit Schlamm ein, so daß kein weißer Fleck bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: »»Aus dem Mann ein Krebs!«« Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befürchten. Drängt euch dreist unter die Wurzeln des Teichröschens, und löset sie von Schlamm und Schilf, so daß sie nirgends mehr fest sitzen. Hängt euch dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das Wasser sammt dem Blümchen auf die Oberfläche heben. Dann treibet mit dem Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit beblätterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche steht ein Stein von der Höhe einer kleinen Badstube. Beim Steine müßt ihr die Worte ausstoßen: »»Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs der Mann!«« In demselben Augenblick wird es so geschehen.« Als der Adler geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jüngling sah ihm eine Weile nach und wußte nicht, was er davon halten sollte.
Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm über eine Woche; er hatte weder Muth noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen. Da hörte er eines Tages aus dem Munde einer Krähe: »Was zögerst du, der Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen. Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtsthränen der Jungfrau.« Die Rede der Krähe machte dem Jünglinge Muth; er dachte: Größeres Unglück kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter ist der Tod als unaufhörliches Trauern. Er setzte sich zu Pferde und ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brücke kam, hörte er den Gesang:
»Durch der Mutter Fluch beschworen
Muß ich hier im Schlummer liegen,
Muß das junge Kind verwelken,
In der Wellen Schoos hinsiechen.
Feucht und kalt das tiefe Bette
Decket jetzt die zarte Jungfrau.«
Der Königssohn legte seinem Pferde die Fußfessel an, damit es sich nicht zu weit von der Brücke entfernen könnte, warf die Kleider ab, schmierte den Körper über und über mit Schlamm, so daß nirgends ein weißer Fleck blieb, faßte sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem Rufe: »Aus dem Mann ein Krebs!« Einen Augenblick zischte das Wasser auf, dann war Alles wieder still wie zuvor.
Das in einen Krebs verwandelte Männlein begann die Wurzeln der Teichrose aus dem Flußbette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die Würzelchen saßen im Schlamm und Schilf fest, so daß der Krebs sieben Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmännlein seine Scheeren in ein Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blümchen auf die Oberfläche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und Teichrose nur allmählich vorwärts, und wiewohl Bäume und Sträuche genug am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem großen Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit seinem Laube und den rothen Beerenbüscheln, und etwas weiterhin stand auch der Fels, der die Höhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stieß das Krebsmännlein die Worte aus: »Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebse der Mann!« — Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei Menschenhäupter, ein männliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie an's Ufer, aber Beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen.
Die verschämte Jungfrau bat nun: »Lieber Jüngling, ich habe keine Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen.« — Der Jüngling bat dagegen: »Tretet an's Ufer unter die Eberesche, ich mache so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume berget. Dann eile ich zur Brücke, wo ich mein Pferd und meine Kleider ließ, als ich in den Fluß sprang.« Die Jungfrau hatte sich unter der Eberesche verborgen, und der Jüngling eilte zur Brücke, wo er Kleider und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das Andere. Daß sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wußte er nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prächtige mit sechs Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles Nöthige, sowohl für sich, wie für die aus dem Wasserkerker erlöste Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche angekommen. Den Diener behielt der Königssohn für sich, das Mädchen schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes Liebchen unter der Eberesche harrte. Es verging über eine Stunde, da kam die hochzeitlich geschmückte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo der Königssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prächtig als Bräutigam gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs zur Stadt und vor die Kirchenthür. Der König und die Königin saßen in Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten über den theuren verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und Kleider am Ufer gefunden hatte. Groß war der Eltern Freude, als der für todt beweinte Sohn lebend an der Seite einer schönen Jungfrau vor sie trat, beide in Prunkgewändern. Der König führte sie selbst zum Altar und sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte.
Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu fließen als die Stunden der Trübsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann kam Frost und Schnee, so daß das junge Paar nicht viel Lust hatte, den Fuß aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frühling wiederkehrte und neue Freuden brachte, ging der Königssohn mit seiner jungen Gattin im Garten spazieren. Da hörten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab rief: »O du undankbares Geschöpf, das in den Tagen des Glücks seine hülfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der Mädchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Sünden sind groß, sie verdient keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wäre für sie das beste Gericht; sonst würde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem Hexenknäuel verfolgen.«
Jetzt fiel es dem Königssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin, wie er zur Waldhütte gegangen sei, die Schwestern um Rath zu fragen, dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Die Gattin bat mit Thränen in den Augen, den Schwestern zu Hülfe zu eilen. Als sie den andern Morgen erwachte, sagte sie: »Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte Mutter war von Hause gegangen und hatte die Töchter allein gelassen; jetzt wäre gewiß die rechte Zeit ihnen zu Hülfe zu kommen.«
Der Königssohn ließ sofort eine Kriegerschaar sich rüsten und zog mit ihnen zur Waldhütte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mädchen waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus für die Alte ein Gericht zu kochen, so daß, wenn sie nach Hause käme und sich daran satt äße, ihr die Lust am Essen für immer verginge. Sie blieben zur Nacht in der Waldhütte und machten sich am andern Morgen in der Frühe mit den Mädchen auf den Weg, so daß sie Abends die Stadt erreichten. Der Schwestern Freude war groß, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder vereinigt fanden.
Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit großer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann in's Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Königssohn eine Woche später einen zuverlässigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache anzusehen, fand man die Alte todt. In der heimlichen Kammer wurden funfzig Fuder Goldgarn aufgehäuft gefunden, welche unter die Schwestern vertheilt wurden. Als der Schatz weggeführt war, ließ der Hauptmann den Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen rothen Kamm zum Rauchloch[9] heraus, als eine große Katze mit glühenden Augen vom Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vögelchen gab von einem Baumwipfel herab die Weisung: »Heftet der Katze eine Falle an den Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen!« Die Männer thaten es.
»Peinigt mich nicht, ihr Männer!« bat nun die Katze. »Ich bin ein Mensch wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt bin. Es war der Lohn für meine Schlechtigkeit, daß ich in eine Katze verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Königsschlosse Haushälterin, und die Alte war der Königin erste Kammerjungfer. Von Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des Königs drei Töchter und außerdem einen großen Schatz zu stehlen und dann zu entfliehen. Nachdem wir allmählich alle goldenen Geräthe bei Seite geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen wir die Kinder, deren ältestes drei Jahre, das jüngste sechs Monate alt war. Die Alte fürchtete dann, daß ich bereuen und anderen Sinnes werden möchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in ihrer Todesstunde die Zunge gelöst, aber die frühere Gestalt habe ich nicht wieder erhalten.« Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze ausgesprochen hatte: »Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die Alte!« und ließ sie in's Feuer werfen.
Die beiden Königstöchter aber bekamen bald, wie ihre jüngste Schwester, Königssöhne zu Männern, und das von ihnen in der Waldhütte gesponnene Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern blieben unbekannt. Man erzählt sich, daß das alte Weib noch manches Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die Stelle angeben.
2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen.
Es lebte einmal ein Jüngling, der nirgends Ruhe hatte, sondern sich abmühte, alle verborgenen Dinge zu erforschen, die andern Leuten unbekannt geblieben waren. Als er die Vogelsprache und andere geheime Weisheit genugsam erlernt hatte, hörte er zufällig, daß unter der Decke der Nacht sich Manches zutragen solle, was den Augen Sterblicher zu schauen verwehrt sei. Jetzt sehnte er sich darnach, solche Heimlichkeiten der Nacht zu ergründen, und mochte sich nicht eher zufrieden geben, als bis ihm diese verborgene Kunde geworden wäre. Wohl ging er eine Zeit lang von einem Zauberer zum andern, und lag ihnen an, ihm zu seinem Zwecke die Augen zu schärfen, aber keiner konnte helfen. Da kam er durch einen glücklichen Zufall endlich mit einem Mana-Zauberer[10] aus Finnland zusammen, der über diese verborgenen Dinge Auskunft zu geben wußte. Als er diesem seinen Wunsch kund gethan hatte, sagte der Zauberer warnend: »Söhnlein! jage nicht allerlei leerer Weisheit nach, welche dir kein Glück bringen kann, wohl aber Unglück. Manches ist den Augen der Menschen verhüllt, weil es dem Frieden des Herzens ein Ende machen müßte, wenn es erkannt würde. Wer alle geheimen Dinge schauen lernt, der findet keine Freude mehr an dem, was ihm die Alltagswelt vor Augen bringt. Dies bedenke, ehe du später bereuest. —Dennoch will ich, falls du meiner Abmahnung nicht achtest und dein Unglück wünschest, dich unterweisen, wie du die unter der Decke der Nacht geschehenden Dinge gewahr werden kannst. Aber du mußt mehr als Mannesmuth haben, sonst kannst du nie geheimer Weisheit inne werden.« Darauf gab ihm der Zauberer aus Finnland einen Ort an und nannte ihm die, zum Glück nahe bevorstehende Nacht,[11] wo der Schlangenkönig immer nach sieben Jahren mit seinem Hofstaat zusammenkommt, um ein großes Festgelage zu halten. »Der Schlangenkönig hat ein Goldschüsselchen mit Himmelsziegenmilch vor sich; wenn es dir nur gelingt, ein Stückchen Brot in diese Milch zu tunken und den eingetunkten Bissen in den Mund zu stecken, ehe du dich wieder auf die Flucht begiebst, so kannst du alles Geheime schauen, was unter der Decke der Nacht geschieht, ohne daß die Menschen Kunde davon haben. Als einen glücklichen Zufall kannst du es ansehen, daß des Schlangenkönigs Fest gerade in dieses Jahr fällt, sonst hättest du sieben Jahre auf die Wiederkehr desselben warten müssen. Sei aber dreist, beherzt und rasch, sonst geht die Sache schief.« — Der Jüngling dankte für diese Belehrung und ging mit dem festen Vorsatz, derselben nachzukommen, und müßte er auch dabei sein Leben einbüßen. Als nun die bezeichnete Nacht herangekommen war, ging er Abends auf ein großes Moor, wo der Schlangenkönig mit seinen Unterthanen zusammenkommen sollte, um das Fest zu feiern. Obwohl aber der Jüngling seine Augen nach allen Seiten scharf umhergehen ließ, so sah er doch im Mondenschein nichts weiter, als eine Anzahl Rasenhügel, die unbeweglich da lagen. Schon wurde ihm die Zeit lang, Mitternacht konnte nicht mehr fern sein, als plötzlich mitten auf dem Moor ein heller Feuerschein aufstieg, etwa wie wenn ein Stern des Himmels auf einem der Rasenhügel schimmerte. In demselben Augenblicke, wo der Feuerschein aufglänzte, fingen sämmtliche Rasenhügelchen an zu krimmeln und zu wimmeln, und von jedem derselben kamen Hunderte von Schlangen herunter und krochen alle auf den Feuerschein zu — und jetzt war nur noch flaches Moor vorhanden. Die vermeintlichen Hügelchen waren nichts weiter als Haufen lebendiger Schlangen gewesen, die hier ihren König erwartet hatten. Als nun sämmtliche Schlangen sich an der Stelle, wo der Feuerschein glänzte, versammelt und sich dort zu einem Haufen zusammengeknäult hatten, war dieser so hoch und breit wie ein kleiner Heuschober geworden, und auf der Spitze desselben hielt sich der helle Feuerschein. Das Gewirre und Geschwirre in dem Schlangenhaufen war so groß, daß der Jüngling vor Furcht keinen Schritt näher zu treten wagte, sondern lange von weitem stehen blieb, und das Wunder betrachtete. Allmählich aber faßte er sich ein Herz, und ging fein sachte Schritt vor Schritt auf den Zehen vorwärts. Was er da sah, war gräulicher als gräulich, und ging über alle Begriffe. Tausende von Schlangen, groß und klein, von allen Farben, waren hier wie in einem Traubenbündel um eine große Schlange gelagert, deren Körper die Dicke eines tüchtigen Balkens zu haben schien, und die auf dem Kopfe eine prächtige goldene Krone[12] trug, von welcher jener Glanz ausstrahlte. Hunderte und Tausende von Schlangenhäuptern, die aus dem Haufen hervorragten, züngelten und zischten wie böse Gänse und machten ein so arges Geräusch, daß es zum Taubwerden war. Der Jüngling hatte lange nicht das Herz, an den Schlangenhaufen heranzugehen, wo jeder Augenblick ihm Tod drohte; als er aber plötzlich das Goldschüsselchen, von dem er gehört hatte, vor dem Schlangenkönig erblickte und an den daran geknüpften Gewinn dachte, durfte er nicht länger zaudern. Obwohl ihm die Haare zu Berge standen und das Blut im Herzen erstarrte, so stachelte ihn doch sein Verlangen und trieb ihn vorwärts. — O was für ein Gewirr und Geschwirr sich jetzt in dem Schlangenhaufen erhob! Alle die Tausend Köpfe sperrten die Mäuler weit auf und suchten den Mann zu stechen, aber zum Glück konnten sie ihre Leiber nicht so schnell aus dem Knäuel los wickeln. Der Jüngling hatte mit Blitzesschnelle einen Bissen Brot in das Goldschüsselchen getunkt, ihn in den Mund gesteckt und dann Fersengeld gegeben, als ob Feuer hinter ihm drein jagte. Aber der Verfolger war schlimmer als Feuer, darum ließ er sich nicht Zeit, hinter sich zu blicken, obgleich ihm war, als ob Tausende von Feinden ihm auf der Ferse wären und er stets das Geräusch derselben zu hören glaubte. Endlich stockte ihm der Athem und seine Kraft erlahmte; er fiel ohne Bewußtsein auf den Rasen und blieb starr wie ein Todter liegen. Wohl war er in Schlaf gefallen, aber schreckliche Traumbilder ließen die Gefahr noch viel größer erscheinen. So träumte ihm, als wäre der Schlangenkönig mit der funkelnden Goldkrone auf ihn gefallen und wollte ihn verschlingen. Mit lautem Geschrei sprang er auf und zur Seite, um dem Feinde zu entkommen und sah, daß der Strahl der aufgehenden Sonne ihn geweckt hatte. Er riß die Augen weit auf, sah aber nirgends die nächtlichen Feinde, und das Moor, wo er in so großer Gefahr gewesen, mußte zum mindesten eine Meile weit entfernt sein. Sicherlich hatte die Himmelsziegenmilch seine Kraft gestählt, daß er so weit hatte laufen können. Als er dann seine Gliedmaßen prüfte, fand er sie unversehrt; und nun war seine Freude groß, daß er mit heiler Haut davon gekommen war.
Nach Mittag ruhte er mehrere Stunden vom Schrecken und der Ermüdung der vergangenen Nacht aus, dann beschloß er, noch in dieser Nacht in den Wald zu gehen, um den Nutzen der Himmelsziegenmilch zu erproben, ob ihm nun wirklich verborgene Dinge offenbar werden würden. Im Walde sah er alsbald, was noch kein sterbliches Auge gesehen hatte und auch gewiß nicht wieder sehen wird. Unter den Baumwipfeln zeigten sich goldene, röthlich schimmernde Badebänke, silberne Quäste und silberne Eimer fehlten nicht, aber nirgends waren lebende Wesen sichtbar, welche hätten baden wollen. Der Vollmond glänzte und gab so viel Licht, daß der Mann Alles deutlich sehen konnte. Nach einiger Zeit hörte er ein Geräusch im Laube, als ob ein Wind sich erhoben hätte, dann kamen von allen Seiten nackte Jungfrauen, viel schöner und stattlicher anzuschauen, als sie irgendwo in unsern Dörfern aufwachsen. Sie waren alle des Waldelfen und der Rasenmutter[13] Töchter und kamen, um zu baden. Der hinter dem Gebüsch spähende Jüngling hätte sich diese Nacht hundert Augen gewünscht, denn seine zwei konnten all' die Schönheit nicht erschauen. Endlich, als es schon gegen Morgen ging, verlor der Schauende Badegerüste und badende Jungfrauen aus dem Gesichte, als wären sie in Nebel verschwommen. Er blieb noch, bis die Sonne aufging; dann erst ging er wieder heim. Wohl dehnte sich seinem Sehnen der Tag länger als ein Jahr, bis wieder Abend und Nacht hereinbrachen, wo er hoffte, der im Mondschein badenden Jungfrauen abermals ansichtig zu werden; doch endlich war auch diese Zeit des Sehnens verstrichen. Aber im Walde fand er nichts mehr, weder Badegerüst noch Jungfrauen. Dennoch wurde er nicht müde, Nacht für Nacht hinzugehen, aber jeder Gang war vergeblich. Jetzt nagte der Kummer an ihm, es gab nichts mehr auf der Welt, was ihm hätte Freude machen können; er nahm weder Speise noch Trank zu sich, sondern verzehrte sich vor Sehnsucht. Gewiß ist es für den Menschen ein Glück, wenn er dergleichen Geheimnisse nimmer schaut.
3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge.
Es lebte einmal ein wohlhabender Bauerwirth mit seinem Weibe; es mangelte ihnen an Nichts, vielmehr hatte Gott sie mit Allem reichlich gesegnet, so daß sie in den Augen der Menschen als glücklich galten. Aber eins fehlte ihnen doch, was kein Reichthum geben konnte, sie waren kinderlos, wiewohl ihre Ehe schon über zehn Jahre dauerte.
Da geschah es eines Abends, als der Mann von Hause gegangen war und die Frau allein im Zimmer saß, daß ihr die Zeit lang wurde und Unmuth sie überfiel. »Da sind doch die Nachbarweiber viel glücklicher als ich,« dachte die Frau. »Sie haben das Zimmer voll Kinder, um sich die Zeit zu vertreiben; ist auch der Mann einmal von Hause, so brauchen sie doch nicht allein zu sitzen. Ich aber habe Niemand weiter, den ich mein nenne, wie ein verdorrter Baumstamm muß ich allein im leeren Gemache hausen.« Während sie so dachte, traten ihr die Thränen in die Augen, und ich weiß nicht, wie lange die Frau schon so kummervoll da gesessen hatte, ohne zu bemerken, daß ein unerwarteter Gast in's Zimmer getreten war. Plötzlich fühlte sie, daß etwas ihre Fußknöchel kitzele und meinte, es sei die Katze, als sie aber die Augen an den Boden heftete, sah sie einen zierlichen Zwerg zu ihren Füßen. »Ach!« rief sie erschreckt und wollte aufspringen und fliehen, aber des Zwergleins Hände hielten sie fest wie mit eisernen Zangen, so daß sie nicht von der Stelle konnte. »Erschrick nicht, liebes junges Weib!« sagte der Zwerg freundlich — »daß ich ungerufen kam deinen Sinn zu erheitern und deinen Gram zu stillen; du bist allein, der lange Abend schleicht dem Menschen so träge hin, dein Mann ist verreist und kommt erst nach einigen Tagen zurück. Liebes junges Weib.« — Die Frau unterbrach ihn unwillig: »Spotte nur nicht, die Haube, welche ich bei der Hochzeit trug, schimmelt schon über zehn Jahre in der Truhe und beweint, verwaist, die frühere bessere Zeit.«[14] »Was thut's,« erwiederte der Zwerg, »Wenn die Frau noch keinen Schweif hinter sich hat, und noch jugendlich und frisch ist wie du, dann ist sie immer noch »junges Weib«, und du hast ja bis jetzt keine Kinder gehabt, darfst dich also auch so nennen lassen.« »Ja,« sagte die Frau, »das ist es eben, was mich oft so bekümmert, daß mein Mann mich schon längst gering achtet, da er mich fruchtlos umarmt wie einen dürren Stamm, der keine Zweige mehr treibt.« Der Zwerg aber sagte tröstend: »Sorge nicht, du stehst noch nicht am Abend deiner Tage, und ehe du ein Jahr älter geworden bist, werden deinem Stamm, den du für vertrocknet hältst, drei Zweige entsprießen und den Eltern zur Freude aufwachsen. Du mußt nun aber Alles so machen, wie ich dir jetzt anzeigen werde. Wenn dein Mann wieder nach Hause kommt, so mußt du ihm drei Eier von einer schwarzen Henne sieden und Abends zu essen geben. Wenn er dann schlafen geht, so mache dir etwas auf dem Hofe zu schaffen und verweile dort einige Zeit, bevor du an die Seite deines Mannes ins Bette schlüpfst. Wenn die Zeit da ist, daß meine Worte in Erfüllung gehen, so komme ich wieder. Bis dahin bleibe mein heutiger Besuch Allen ein Geheimniß. Leb' wohl, liebes junges Weib, bis ich wiederkehre und: Mutter! sage.« Darauf entschwand der Zwerg den Blicken der Frau, als wäre er in die Erde gesunken. Das junge Weib — ihr war der Name kränkend — rieb sich lange die Augen, als ob sie hinter die Wahrheit kommen und sehen wollte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen sei. Wonach der Mensch sich sehnt, das hält er meist für wahr, und so war es auch mit der Frau. Der seltsame Vorfall mit dem Zwerge kam ihr nicht mehr aus dem Sinn, und als der Mann nach einigen Tagen heimkehrte, sott die Frau drei Eier von einer schwarzen Henne gab sie ihm am Abend zu essen und that sonst, wie ihr vorgeschrieben war.
Nach einigen Wochen traf ein, was der Zwerg vorausgesagt hatte. Mann und Frau waren froh und konnten zuletzt kaum die lange Frist abwarten, binnen welcher sich ihr Verlangen erfüllen sollte. Zur rechten Zeit kam die Frau in die Wochen und brachte Drillinge zur Welt, lauter Knaben, schön und gesund. Als die Wöchnerin schon wieder in der Genesung und der Mann eines Tages von Hause gegangen war, um Taufgäste und Gevattern zusammen zu bitten, kam der glückbringende Zwerg, die Wöchnerin zu besuchen. »Guten Tag, Goldmutter!« rief der Zwerg in's Zimmer tretend. »Siehst du jetzt, wie Gott deinen Herzenswunsch mit einem Male erfüllt hat? Du bist Mutter dreier Knaben geworden. Da siehst du, daß meine Prophezeiung keine leere war, und du kannst jetzt um so leichter glauben, was ich dir heute sagen werde. Deine Söhne werden weltberühmte Männer werden und werden dir noch viele Freude machen vor deinem Tode. Zeige mir doch deine Bübchen!« Mit diesen Worten war er wie eine Katze auf den Rand der Wiege geklettert, nahm ein Knäulchen rothen Garns aus der Tasche und band dem einen Knaben einen Faden um beide Fußknöchel, dem andern wieder um die Handgelenke und dem dritten über die Augenlieder um die Schläfen herum. »Diese Fäden,« so lautete des Zwerges Vorschrift, mußt du so lange an ihrer Stelle belassen, bis die Kinder zur Taufe geführt werden; dann verbrenne die Fäden, sammle die Asche in einem kleinen Löffel und netze sie, wenn die Kinder nach Hause gebracht werden, mit etwas Milch aus deiner Brust. Von dieser stärkenden Aschenmilch mußt du jedem Knaben ein Paar Tropfen auf die Zunge gießen, ehe du ihm die Brust reichst. Dadurch wird jeder von ihnen da stark werden, wo der Faden haftete, der eine an den Füßen, der andere an den Händen und der dritte an den Augen, so daß ihres Gleichen nicht sein wird auf der Welt. Jeder wird schon mit seiner eigenen Glücksgabe Ehre und Reichthum finden, wenn sie aber selbdritt etwas unternehmen, so können sie Dinge ausrichten, die man nicht für möglich halten würde, wenn man sie nicht vor Augen sähe. Mich wirst du nicht mehr wiedersehen, aber du wirst dich wohl noch manches Mal dankbar meiner erinnern, wenn deine Knäblein zu Männern herangewachsen sind und dir Freude machen werden. Und jetzt sage ich dir zum letzten Male Lebewohl, liebe junge Mutter! — Mit diesen Worten war der Zwerg wieder, wie das erste Mal, plötzlich verschwunden.
Die Wöchnerin that sorgfältig Alles, was ihr in Betreff der Kinder vorgeschrieben war. Sie verbrannte am Tauftage die rothen Fäden zu Asche, ließ, als die Kinder aus der Kirche nach Hause gebracht wurden, Milch aus ihrer Brust auf die Asche fließen und goß von dieser Kraftmilch jedem Kinde ein Paar Tropfen auf die Zunge, ehe sie ihm die Brust reichte. Doch sagte sie Anfangs weder ihrem Manne noch sonst jemanden ein Wort von den wunderbaren Dingen, die ihr mit dem Zwerge begegnet waren.
Die Kinder wuchsen alle drei blühend heran und gaben, als sie fest auf ihren Füßen standen, Proben großer Klugheit. Doch zeigte sich schon von früh auf, daß bei jedem die durch den Wunderfaden gekräftigten Glieder am tüchtigsten waren: bei dem einen die Augen, bei dem andern die Hände und bei'm dritten die Füße. Deßhalb nannten die Eltern sie später je nach ihrer Hauptstärke, den ersten Scharfauge, den zweiten Flinkhand und den dritten Schnellfuß. Als nach einigen Jahren die Brüder in's Jünglingsalter getreten waren, beschlossen sie, im Einvernehmen mit ihren Eltern, in die Fremde zu ziehen, wo jeder durch seine Stärke und Geschicklichkeit Dienste und Lohn zu finden hoffte. Und zwar wollte jeder der Brüder für sich allein den Weg zum Glücke antreten, der eine gen Morgen, der andere gen Mittag und der dritte gen Abend; nach drei Jahren aber wollten sie alle drei wieder zu den Eltern zurückkommen und melden, wie es ihnen in fremden Landen ergangen sei.
Schnellfuß nahm den Weg gen Morgen, von ihm müssen wir nun zuerst erzählen. Daß er mit seinen mächtigen Schritten viel rascher vorwärts kam als seine Brüder, das kann Jeder leicht ermessen, denn wo die Meilen einem Manne unter den Füßen schwinden, ohne daß diese ermüden, da wird ihm das Wandern nicht beschwerlich. Gleichwohl sollte er die Erfahrung machen, daß flinke Beine wohl überall einen Menschen aus einer Gefahr befreien können, aber nicht so leicht zu Amt und Brod verhelfen: denn Hände sind aller Orten nöthiger als Füße. Schnellfuß fand erst nach geraumer Zeit bei einem Könige in Ostland einen festen Dienst. Der König besaß große Roßherden, unter denen viele stätische Renner waren, die kein Mensch fangen konnte, auch nicht einmal zu Roß. Aber mit Schnellfuß konnte kein Pferd Schritt halten, der Mann war immer schneller als das Roß. Was früher funfzig Pferdehirten zusammen nicht ausrichten konnten, das besorgte er ganz allein und ließ nie ein Pferd von der Herde wegkommen. Darum zahlte ihm der König unweigerlich den Lohn von funfzig Hirten, und machte ihm außerdem noch Geschenke. Die flüchtigen Schritte des neuen Roßhirten hatten Windesschnelle, und wenn er vom Abend bis zum Morgen die ganze Nacht durch oder vom Morgen bis zum Abend den Tag über gelaufen war, ohne auszuruhen, so war er doch nicht müde, sondern konnte am andern und am dritten Tage wieder eben so viel laufen. Es geschah oft, daß die Rosse, bei heißem Wetter von Bremsen gestochen, nach allen Seiten hin auseinander fuhren und viele Meilen weit rannten: aber dennoch war am Abend die ganze Herde wieder beisammen. Da gab einst der König ein großes Gastmahl, zu welchem viele vornehme Herren und Fürsten geladen waren. Während des Festes hatte der König seinen Gästen viel von seinem schnellfüßigen Roßhirten erzählt, so daß alle den Wundermann zu sehen begehrten. Manche meinten, es dürfe wohl nicht Wunder nehmen, wenn die in der Herde aufgezogenen und an den Hirten gewöhnten Rosse sich einfangen ließen; das allerstörrigste Pferd höre auf des Herrn Wort und komme auf dessen Ruf. Aber gebt ihm einmal ein Pferd aus einem fremden Stalle, das ihn nicht kennt, dann werden wir sehen, wie weit die Schnelligkeit des Mannes gegen die des Rosses kommt. Da ließen einige fremde Herren die bestgefütterten und feurigsten Rosse aus ihren Ställen herführen und dann ins Freie treiben, auf daß Schnellfuß sie einfange. Das war dem Hirten mit den beflügelten Füßen eine Kleinigkeit, denn auch ein gestandennes, wohlgenährtes Pferd kann doch nicht mit Einem um die Wette laufen, der wie ein Vogel des Waldes gewohnt ist, Nacht und Tag sich zu rühren. Die fremden Herrschaften priesen die Schnellfüßigkeit des Mannes und schenkten ihm viel goldene und silberne Münzen, versprachen auch daheim von ihm zu reden, damit man erfahre, wo solch' ein Mann zu finden sei. Bald darauf war im ganzen Ostlande der Name Schnellfuß berühmt geworden, und wenn irgend ein König einmal einen schnellen Boten brauchte, so wurde Schnellfuß gemiethet, der dann reichen Lohn und außerdem noch Geschenke erhielt, damit er sich ein anderes Mal wieder willig finden ließe. Als er nach drei Jahren sich aufmachte um in die Heimath zurückzukehren, hatte er soviel Geld und Schätze gesammelt, daß er zwanzig Pferde damit beladen konnte, welche ihm der König geschenkt hatte.
Der zweite Bruder, Flinkhand, der gen Mittag gezogen war, fand aller Orten lohnenden Dienst; alle Meister brauchten seine Arbeit, weil kein anderer Gesell so geschickt war und so viel fertig machte wie er. Obwohl er nicht in einer Zunft ein bestimmtes Handwerk erlernt hatte, so gerieth in seiner geschickten Hand doch jegliche Arbeit; er war Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Gold- und Grobschmied, oder was sonst dergleichen, und es war auf der Welt kein Meister zu finden, dem er nicht zum Gesellen getaugt hätte. Einmal war er bei einem Schneidermeister auf Stücklohn in Arbeit und nähte in einem Tage zwanzig Paar Hosen, ein anderes Mal machte er für einen Schuster in eben der Zeit ebensoviel Paar Stiefel fertig. Dabei war Alles, was er machte, so vollkommen, daß, wer einmal seine Arbeit kennen gelernt hatte, von derjenigen anderer Meister und Gesellen nichts mehr wissen wollte. Flinkhand hätte bei jedem Handwerk ein reicher Mann werden können, wenn er irgendwo längere Zeit hätte aushalten können, allein er sehnte sich darnach, die weite Welt zu sehen und streifte deßhalb gewöhnlich von einem Ort zum andern. So kam er auch einmal in eine Königsstadt, wo er Alles in großer Bewegung fand. Es sollten Truppen gegen den Feind ausgesandt werden, aber es mangelte an Kleidern, an Fuß- und Kopfbedeckung und auch an Waffen. Und obgleich überall Meister und Gesellen von früh Morgens bis Mitternacht eifrig arbeiteten und sogar Sonntags und Montags nicht feierten, so konnten sie doch in der kurzen Zeit nicht soviel anfertigen, wie der König wollte. Zwar wurde nah und fern nach Gesellen gesucht, die helfen sollten, aber des Fehlenden war so viel, daß all' die Arbeit nicht hinreichend schien, es herzustellen.
Eines Tages nun trat Flinkhand in des Königs Schloß und wünschte den König zu sprechen. Dann sagte er: »Geehrter König! ich höre von den Leuten, daß ihr sehr eilige Arbeiten braucht. Ich bin ein weitgereister Meister und kann vielleicht die Arbeiten übernehmen, wenn wir Handels einig werden und ihr mir die Frist nennt, binnen welcher sie fertig sein müssen.« Als der König die Frist genannt hatte, sagte Flinkhand: »Lasset alle Meister der Stadt zusammenrufen und befragt sie, ob sie bis zu dem genannten Tage mit den Arbeiten fertig werden können, wenn das nicht der Fall ist, so übernehme ich Alles, aber den Arbeitslohn habt ihr dann mir allein zu zahlen.« — »Das wäre schon recht,« erwiederte der König, »wenn ihr so viele Gesellen bekommen könntet, aber das ist ja eben, was unsern städtischen Meistern fehlt, sie finden nicht genug Arbeiter.« — »Das sei meine Sorge,« erwiederte Flinkhand. Den andern Tag wurden alle Meister der Stadt in das Schloß gerufen und gefragt, wann Jeder mit seiner Arbeit fertig zu werden glaube, worauf einige vier und fünf Monate, andere noch mehr Zeit verlangten. »Nun,« sagte Flinkhand zum Könige, »wenn ihr mir für drei Monate den doppelten Lohn versprecht, so will ich allein all' die Arbeit übernehmen, mit der die Andern wohl erst in einem halben Jahre zu Stande kämen.« Das schien indeß dem Könige so wunderbar und so unglaublich, daß er besorgte, man wolle ihm einen Possen spielen und deßhalb fragte: »Was für eine Bürgschaft kannst du mir geben, daß du deine Versprechungen erfüllen wirst?« Flinkhand erwiederte: »Geld und Kostbarkeiten, die ich als Schadenersatz bieten könnte, habe ich freilich nicht, aber wenn ihr mein Leben zum Pfande wollt, so ist unser Handel bald geschlossen. Damit ihr aber auch nicht die Katze im Sack zu kaufen braucht, will ich euch morgen eine Probearbeit bringen.« Das war der König zufrieden. Die Gesellen aber meinten untereinander, wenn er doppelte Zahlung erhält, so muß er uns auch doppelten Arbeitslohn geben, sonst werden wir ihm nicht helfen. Als der König am folgenden Tage die Probearbeit gesehen hatte, war er sehr zufrieden damit, und obwohl alle übrigen Meister vor Neid bersten wollten, konnte doch keiner die Arbeit tadeln. Jetzt machte sich Flinkhand wie ein Mann an's Werk. War ihm auch früher schon alle Arbeit von der Hand geflogen, so war doch die Hurtigkeit, die er jetzt von früh bis spät entfaltete, mehr als wunderbar; kaum nahm er sich soviel Zeit, um zu essen und in der Nacht ein wenig, wie ein Vogel auf dem Ast, zu ruhen. Zwei Wochen vor der bedungenen Frist war aller Bedarf für die Soldaten fertig und dem Könige abgeliefert. Der König zahlte den für drei Monate bedungenen Preis doppelt, und fügte fast eben soviel noch als Geschenk hinzu. Dann sagte er: »Lieber kluger Meister! ich möchte mich von dir nicht so schnell trennen. Hast du nicht Lust mit dem Heere gegen die Feinde zu ziehen? Wer so geschickt alle Arbeiten anzufertigen weiß, aus dem kann sicher auch der allerbeste Kriegsmann werden.« Flinkhand erwiederte: »Vielleicht verhält sich die Sache so, wie ihr, geehrter König, meint, aber aufrichtig gesagt: ich habe, so lang ich lebe, das Kriegshandwerk noch nicht versucht, sondern bis jetzt nur unblutige Arbeit gethan. Ueberdieß rückt auch die Zeit heran, wo die Eltern mich zu Hause erwarten; nehmt es darum nicht übel, wenn ich eurem Verlangen diesmal nicht entsprechen kann.« So schied er von der Königsstadt, wo er in kurzer Zeit zum reichen Manne geworden war. Er hatte noch über ein halbes Jahr bis zur Heimreise, darum streifte er von einem Orte zum andern und wenn er sich irgendwo länger aufhielt, so arbeitete er, um das Reisegeld zusammenzubringen, denn er wollte sein angesammeltes Vermögen nicht angreifen.
Der dritte Bruder, Scharfauge, der seinen Weg gen Abend genommen hatte, schweifte lange von einem Orte zum andern, ohne einen passenden und lohnenden Dienst zu finden. Als geschickter Schütze konnte er zwar allenthalben soviel erwerben, um seinen täglichen Unterhalt zu bestreiten, aber was hatte er dann bei der Heimkehr mit nach Hause zu bringen? Mit der Zeit war er auf seiner Wanderung in eine große Stadt gerathen, wo man nur von dem Unglück sprach, das den König schon drei Mal getroffen hatte, und das Niemand zu begreifen, geschweige zu verhüten vermochte. Die Sache verhielt sich so. Der König hatte in seinem Garten einen kostbaren Baum, der wie ein Apfelbaum aussah, aber goldene Aepfel trug, von denen manche so groß waren wie ein großes Knäuel Garn, und viele tausend Rubel werth sein mochten. Es läßt sich denken, daß ein solches Obst nicht ungezählt blieb, und daß Nacht und Tag Wachen rings umher standen, um jeden Diebstahl zu verhüten. Trotzdem war schon drei Nächte hintereinander immer einer der größeren Aepfel gestohlen worden; man schätzte den Werth eines solchen auf sechstausend Rubel. Die Wachen hatten weder den Dieb gesehen noch seine Spur gefunden. Scharfauge dachte sich gleich, daß hier eine ganz besondere List obwalte, die er mit seinem durchdringenden Blick wohl herausbringen könnte. Er meinte, wenn der Dieb nicht körperlos und unsichtbar zum Baume kommt, so wird er meinem scharfen Auge nicht entgehen. Er bat deßhalb den König um die Erlaubniß, sich in den Garten begeben zu dürfen, um ohne Vorwissen der Wächter seine Beobachtungen anzustellen. Als er die Erlaubniß erhalten hatte, machte er sich im Wipfel eines hohen Baumes, der nicht weit von dem Goldapfelbaume stand, ein Versteck zurecht, wo Niemand ihn gewahr werden konnte, während sein scharfes Auge überall hin reichte und Alles, was vorging, sehen konnte. — Brotsack und Milchfäßchen nahm er mit sich, damit er nicht genöthigt wäre seinen Schlupfwinkel zu verlassen, falls das Wachen sich in die Länge zöge. Den Goldapfelbaum und was rings um denselben vorging, behielt er nun unausgesetzt im Auge. Die Wachtsoldaten hatten um den Baum herum drei so dichte Kreise geschlossen, daß kein Mäuslein unbemerkt hätte durchschlüpfen können. Wenn der Dieb nicht etwa Flügel hatte, auf dem Boden konnte er nicht an den Baum gelangen. Den ganzen Tag über bemerkte Scharfauge nichts, was einem Diebe ähnlich gesehen hätte. Bei Sonnenuntergang flatterte ein kleiner gelber Schmetterling um den Apfelbaum herum, bis er sich endlich auf einen seiner Zweige niederließ, an welchem gerade ein sehr schöner Apfel hing. Daß ein kleiner Schmetterling keinen goldenen Apfel vom Baume fortbringen konnte, begreift Jeder so gut wie Scharfauge, allein da dieser nichts Größeres gewahr wurde, so verwandte er kein Auge von dem gelben Schmetterling. Die Sonne war längst untergegangen und auch die Abendröthe verschwand allmählich vom Horizont, aber die um den Baum herum aufgestellten Laternen gaben so viel Licht, daß man Alles sehen konnte. Der gelbe Schmetterling saß immer noch unbeweglich auf seinem Zweige. Es mochte um Mitternacht sein, als dem Wächter auf dem Baume die Augen ein wenig zufielen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, als aber seine Augen wieder auf den Apfelbaum fielen, sah er, daß der gelbe Schmetterling nicht mehr auf dem Zweige saß, — noch mehr erschrak er, als er entdeckte, daß auch der herrliche Goldapfel von diesem Zweige verschwunden war. Ein Diebstahl war geschehen, daran war nicht zu zweifeln, allein wenn der geheime Wächter die Sache erzählt hätte, so würden die Leute ihn für verrückt gehalten haben, denn soviel konnte ein Kind einsehen, daß ein Schmetterling nicht im Stande war, den Goldapfel weg zu tragen. Am Morgen gab es wieder großen Lärm, als man fand, daß ein Apfel fehle, ohne daß einer der Wächter eine Spur vom Diebe gesehen hätte. Da trat Scharfauge abermals vor den König und sagte: »Ich habe zwar den Apfeldieb ebensowenig gesehen wie eure Wachen, aber wenn ihr in der Stadt oder in der Nähe derselben einen zauberkundigen Mann habt, so weiset mich zu ihm, mit seiner Hülfe hoffe ich künftige Nacht des Diebes habhaft zu werden.« Als er erfahren hatte, wo der Zauberer zu finden sei, ging er unverzüglich zu ihm. Die Männer rathschlagten dann, wie sie die Sache wohl am besten anfangen könnten. Nach einiger Zeit rief Scharfauge »Ich habe einen Plan! kannst du durch Zauber einem Spinngewebe solche Festigkeit geben, daß die Fäden auch das stärkste Geschöpf festhalten, dann legen wir den Dieb in Fesseln, so daß er uns nicht wieder entrinnt.« Der Zauberer sagte, das sei möglich; nahm drei große Kreuzspinnen, machte sie durch Hexenkraft so stark, daß kein Geschöpf sich aus ihrem Gewebe losmachen konnte, that sie in ein Schächtelchen und gab sie dem Scharfauge. »Setze diese Spinnen, wohin du willst, und zeige ihnen mit dem Finger an, wie sie ihr Netz ziehen sollen, so spinnen sie alsbald einen Käfig um den Gefangenen, aus welchem nur Mana's[15] Weisheit erlösen kann; übrigens eile ich dir zu Hülfe, wenn es dessen bedarf.«
Scharfauge schlüpfte mit dem Schächtelchen im Busen wieder auf seinen Baum, um den Verlauf der Sache zu überwachen. Zu derselben Zeit wie gestern sah er den gelben Falter wieder um den Apfelbaum her schweben, aber es dauerte heute viel länger als gestern, ehe sich der Schmetterling auf einen Zweig setzte, an welchem ein großer Goldapfel hing. Sofort ließ sich Scharfauge von seinem Baume herunter, näherte sich dem Goldapfelbaum, ließ eine Leiter anlegen, kletterte sachte hinauf, um den Schmetterling nicht zu scheuchen, und setzte seine kleinen Weber je auf drei Zweige. Eine Spinne kam so einige Spannen über dem Schmetterling, die andere zu seiner Rechten, die dritte zu seiner Linken zu sitzen; dann beschrieb Scharfauge mit dem Finger eine Linie in die Kreuz und die Quer um den Schmetterling herum. Dieser saß mit aufgerichteten Flügeln unbeweglich da. Mit Sonnenuntergang war der Wächter wieder in seinem Baumversteck. Von da aus sah er zu seiner Freude, wie die drei Gesellen um den Schmetterling her von allen Seiten ein Gehege machten, aus welchem das Männlein nicht hoffen durfte zu entkommen, wenn anders die Kraft, deren der Zauberer sich gerühmt hatte, sich bewähren würde. Wohl suchte unser Mann auf seinem Baume sich vor dem Einschlummern zu hüten, aber dennoch waren ihm mit einem Male die Augen zugefallen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, aber ein großer Lärm hatte ihn plötzlich aufgeweckt. Als er hinsah, nahm er wahr, daß die Wachtsoldaten wie die Ameisen um den Goldapfelbaum herum liefen und tobten; auf dem Baume aber saß ein alter graubärtiger Mann, einen Goldapfel in der Faust, in einem eisernen Netze. Hurtig stieg Scharfauge von seinem Wipfel herunter, aber ehe er den Goldapfelbaum erreicht hatte, war auch schon der König da, der bei dem Lärm der Wachen aus dem Bette gesprungen und herbeigeeilt war, um zu sehen, was sich Unerwartetes in seinem Garten zutrug. Da saß nun der Dieb im Eisenkäfig und konnte nirgends hin »Geehrter König,« sagte dann Scharfauge: »jetzt könnt ihr euch ruhig niederlegen und bis zum hellen Morgen schlafen, der Dieb entkommt uns nicht mehr. Wäre er auch noch so stark, so kann er doch die durch Hexenkraft entstandenen Maschen seines Käfigs nicht zerreißen.« Der König dankte und befahl dem Haupthaufen der Wachtsoldaten ebenfalls schlafen zu gehen, so daß nur noch einige unter dem Baume auf Wache blieben; Scharfauge, der zwei Nächte und zwei Tage gewacht hatte, ging ebenfalls um auszuschlafen.
Am andern Morgen ging er mit dem Zauberer in des Königs Schloß. Der Zauberer war froh, als er den Dieb im Käfig fand und wollte ihn auch nicht eher herauslassen, als bis das Männlein seine wahre Gestalt gezeigt haben würde. Zu dem Ende schnitt er ihm den halben Bart unter dem Kinne ab, ließ Feuer bringen und fing an die Barthaare zu sengen. O der Pein und Qual, welche der Vogel im Eisenkäfig jetzt auszustehen hatte![16] Er schrie jämmerlich und überschlug sich vor Schmerz, aber der Zauberer ließ nicht ab, sondern sengte immer mehr Haare, um den Dieb mürber zu machen. Dann rief er: »Bekenne, wer du bist?« Das Männlein antwortete: »Ich bin des Hexenmeisters Piirisilla Knecht, den sein Herr ausgeschickt hat zu stehlen.« Der Zauberer begann wieder die Barthaare zu sengen. »Au, au!« schrie der Hexenmeister, »laßt mir Zeit, ich will bekennen! Ich bin nicht der Knecht, ich bin des Hexenmeisters Sohn.« Abermals wurden Haare gesengt, da rief der Gefangene heulend: »Ich bin der Hexenmeister Piirisilla selbst.« »Zeige uns deine natürliche Gestalt — oder ich senge wiederum,« befahl der mächtige Zauberer. Da begann das Männlein im Käfig sich zu strecken und auszudehnen, und war in wenig Augenblicken zu einem gewöhnlichen Manne angewachsen, der die Entwendung der Goldäpfel ohne Umschweife eingestand. Jetzt wurde er sammt dem Käfige vom Baume heruntergenommen und gefragt, wo das Gestohlene versteckt sei? Er versprach die Stelle selbst zu zeigen, aber Scharfauge bat den König, den Dieb ja nicht aus dem Käfig zu lassen, denn sonst könnte er sich wieder in einen Schmetterling verwandeln und ihnen entkommen. Ehe er aber alle Diebslöcher angab, mußte er noch manches Mal gesengt werden, und als endlich alle Goldäpfel herbeigeschafft waren, wurde der böse Dieb im Käfig verbrannt und seine Asche in die Luft gestreut.
Als der König seinen Schatz wieder hatte, zahlte er dem Scharfauge einen sehr großen Lohn, so daß er auf ein Mal wohl noch reicher ward als seine beiden Brüder. Der König hätte ihn gern in seine Dienste genommen, aber Scharfauge sagte: »Ich kann jetzt keinen Dienst mehr annehmen, sondern muß nach Hause, um meine Eltern zu sehen.« Darauf schenkte ihm der König Pferde, Wagen und Diener, welche ihm seine Reichthümer nach Hause brachten.
Als nun die Brüder im elterlichen Hause wieder beisammen waren, fanden sie sich so reich, daß sie mehr als ein halbes Königreich hätten kaufen können. Die Mutter erinnerte sich jetzt, wie der glückbringende Zwerg das Alles zu Wege gebracht hatte, aber sie verschwieg den wunderbaren Vorfall. Reichthum war jetzt in solchem Maße vorhanden, daß die Söhne gewiß nicht nöthig gehabt hätten sich einen neuen Dienst zu suchen; aber wo fände man wohl auf der Welt den Reichen, der mit seiner Habe zufrieden wäre und dieselbe nicht immer noch zu mehren suchte? Als die Brüder später erfuhren, daß eines überaus reichen Königs Tochter im Nordlande demjenigen zu Theil werden sollte, der drei besonders schwierige Dinge ausführen könnte, die bis dahin noch keinem möglich gewesen waren — beschlossen sie einmüthig, die Sache zu versuchen. Es waren schon Leute genug von weit und breit erschienen, um sich daran zu versuchen, aber Keiner war im Stande gewesen die Aufgaben zu lösen, denen ihre Kräfte nicht gewachsen waren. Einem Einzelnen zumal war es ganz unmöglich das Verlangte zu vollbringen. Als die Brüder den Entschluß gefaßt hatten, machten sie sich selbdritt auf den Weg, und damit sie rascher vorwärts kämen, trug Schnellfuß die beiden Andern von Zeit zu Zeit auf seinem Rücken weiter. Weil nun aber die Arbeit von einem Manne gethan werden sollte, so konnten sie nicht alle drei zugleich vor den König treten. Schnellfuß wurde ausgesandt, Erkundigungen einzuziehen. Die drei Probestücke, welche der künftige Schwiegersohn des Königs ausführen sollte, waren folgende: Erstens sollte er einen Tag mit einer großen Rennthierkuh auf die Weide gehen und Sorge tragen, daß ihm das windschnelle Thier nicht davon laufe; Abends mit Sonnenuntergang sollte er es wieder in den Stall bringen. Zweitens sollte er Abends das Schloßthor verschließen. Das dritte Probestück erschien als das schwerste. Er sollte nämlich mit seinem Bogen einen Apfel wegschießen, dessen Stiel ein Mann auf einem hohen Berge im Munde hielt, ohne daß der Mann Schaden nähme, und so, daß der Pfeil mitten durch den Apfel ginge. Die beiden ersten Arbeiten schienen wohl nicht so schwer, doch hatte Niemand sie bisher ausführen können, und zwar deßhalb, weil es nicht mit rechten Dingen zuging. Die Rennthierkuh besaß nämlich eine so wunderbare Schnelligkeit, daß sie in einem Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die ganze Welt hätte laufen können. Wie konnte ein Mensch mit ihr aushalten? Bei dem zweiten Probestück war Hexerei im Spiel. Eine Hexe hatte sich in den eisernen Pfortenriegel verwandelt, und wenn der Mann die Leiter hinanstieg, um den Riegel anzufassen, so packte sie mit höllischer Kraft die Hand des Unglücklichen, und keine Gewalt konnte sie befreien, bis die Hexe selber los ließ. Das war aber noch nicht Alles — in demselben Augenblicke, wo die Hand festgeklemmt war, fing der Pfortenflügel an, wie vom Winde geschüttelt hin und her zu tanzen. So mußte der an der Hand festgehaltene Mann bis zum Morgen wie ein Glockenschwengel hin und her baumeln, und wenn er endlich losgelassen wurde, war er mehr todt als lebendig. Obendrein lachten der König und die Leute über sein Unglück und er mußte mit Schande abziehen; auch hatten sich Viele die Schultern so verrenkt, daß sie zeitlebens nicht mehr arbeiten konnten. Die dritte Aufgabe konnte nur einem geschickten Schützen gelingen, dessen Hand und Auge gleich fest und sicher waren. Als Schnellfuß dies Alles erfahren hatte, ging er nicht gleich zum Könige, sondern suchte erst seine Brüder wieder auf, die ihn vor der Stadt erwarteten. Nachdem sich die Männer berathen hatten, fanden sie, daß sie zu Dreien diese Dinge wohl zu Stande bringen könnten, das Verdrießliche war nur, daß sie in den Augen des Königs als Einer erscheinen mußten, wenn sie den versprochenen Kampflohn erringen wollten. Die schlauen[17] Brüder beschnitten also ihre Bärte auf gleiche Weise, so daß keinem weder auf der Oberlippe noch unter dem Kinn die Haare dichter standen als dem andern; und da sie als Söhne einer Mutter und als Drillinge an Körperbildnug und Geberde wenig verschieden waren, so konnte ein fremdes Auge den Betrug nicht herausfinden. Sie ließen sich dann einen gar prächtigen fürstlichen Anzug machen, der aus Seide und dem kostbarsten Sammet bestand und mit Gold und blitzenden Edelsteinen verziert war, so daß Alles glänzte und schimmerte, wie der Sternenhimmel in einer klaren Winternacht. Ehe sie sich anschickten, die Probearbeiten zu unternehmen, gelobten sich die Brüder mit einem Eide, daß nur das Loos entscheiden solle, wer von ihnen des Königs Schwiegersohn werden sollte. Da nun die starken Brüder auf diese Weise allen künftigen Mißhelligkeiten vorgebeugt hatten, schmückten sie eines Tages Schnellfuß mit den prächtigen Kleidern und schickten ihn zum Könige, damit er die Rennthierkuh auf die Weide führe. Ging die Sache nach Wunsch, so war der erste große Stein hinweggewälzt, der bis jetzt alle dreier verhindert hatte, die Brautkammer zu betreten.
Schnellfuß trat so stolz vor den König hin, als wäre er ein geborener Königssohn, grüßte mit Anstand und bat um Erlaubniß, das Probestück am andern Morgen zu versuchen. Der König gab sie, fügte aber hinzu: »Gut wäre es, wenn ihr schlechtere Kleider anzöget, denn unsere Rennthierkuh läuft unbekümmert durch Sumpf und Moor, immer gerade aus, da könntet ihr die theuren Kleider verderben.« Schnellfuß erwiederte: »Wer eure Tochter freien will, was macht sich der aus Kleidern?« und ging dann zur Ruhe, um den andern Tag desto munterer zu sein. Des Königs Tochter, die heimlich durch eine Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht hatte, sagte seufzend: »Wenn ich doch dem Rennthier Fußfesseln anlegen könnte, ich thäte es, um diesen Mann zum Gemahle zu erhalten.«
Als den andern Morgen die Sonne aufgegangen war, band Schnellfuß der Rennthierkuh einen Halfterstrang[18] um den Hals und nahm das andere Ende in die Faust, damit die Kuh sich nicht zu weit entfernen könnte. Als die Stallthür geöffnet wurde, schoß die Kuh wie der Wind davon, der Hirte aber lief den Halfter festhaltend neben ihr her, und blieb keinen Schritt zurück. Der König und die Zuschauer aus der Stadt erstaunten über die wunderbare Schnelligkeit des Mannes, denn bis hierzu hatte noch Keiner auch nur ein paar hundert Schritt weit neben der Kuh herlaufen können. Wiewohl Schnellfuß sobald keine Ermüdung zu fürchten hatte, so hielt er es doch für gerathen, die Kuh zu besteigen, sobald er den Leuten aus den Augen war. Er sprang auf den Rücken des Thieres, hielt sich am Halfter fest und ließ sich weiter tragen. Es war noch früh am Morgen, als die Rennthierkuh schon merkte, daß von diesem Hirten nicht loszukommen sei; sie hielt den Schritt an und rupfte das Gras vom Boden. Schnellfuß sprang ab und warf sich unter einen Busch, um auszuruhen, hielt aber den Halfter fest, damit die Kuh nicht davon liefe. Als die Sonne um Mittag brannte, legte sich auch die Kuh neben ihn in den Schatten und fing an wiederzukäuen. Nach Mittag versuchte das Thier noch einige Mal die Schnelligkeit seiner Beine, um dem Hirten zu entkommen, aber dieser war wie der Wind wieder auf dem Rücken der Kuh, so daß er seine Beine nicht anzustrengen brauchte. Sehr groß war das Erstaunen des Königs und der Leute, als sie bei Sonnenuntergang sahen, wie die störrige Rennthierkuh gleich dem frömmsten Lamme mit ihrem Hirten heim kehrte. Schnellfuß führte sie in den Stall, verschloß die Thür und speiste dann auf Einladung des Königs an dessen Tafel. Nach dem Abendessen verabschiedete er sich, indem er sagte, er wollte zeitig zur Ruhe gehen, um die Ermüdung des Tages los zu werden.
Allein er ging nicht zur Ruhe, sondern begab sich zu seinen Brüdern, die seiner im Walde harrten. Den anderen Tag sollte Flinkhand die prächtigen Kleider anziehen und zum Könige gehen, um das zweite Probestück auszuführen. Der König, welcher ihn für den Mann von gestern hielt, lobte seine Hirtenarbeit und wünschte ihm Glück zu seiner heutigen Aufgabe, nämlich am Abend die Pforte zu verschließen. Des Königs Tochter hatte wieder durch die Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht und sagte seufzend: »Wenn ich könnte, ich schaffte die böse Hexe von der Pforte fort, damit diesem theuren Jünglinge kein Leid geschähe, den ich mir zum Gemahl wünsche.«
Flinkhand, der genau wußte, wie es sich mit dem Pfortenriegel verhielt, ging vom Könige gerades Wegs zum Schmied und ließ sich eine starke eiserne Hand machen. Als am Abend alle Welt im Schlosse zur Ruhe gegangen war, machte er Feuer an und ließ darin die Eisenhand rothglühend werden. Darauf stellte er eine Leiter gegen die Pforte, denn seine Körperlänge reichte nicht hinan. Von der Leiter aus legte er die glühende Eisenhand an den Riegel, und in demselben Augenblick hatte die Hexe, die darin steckte, zugepackt und die Hand ergriffen, welche sie für eine natürliche hielt. Als sie aber den brennenden Schmerz fühlte, fing sie so an zu brüllen, daß alle Wände bebten und viele Schläfer im Schloß durch den Lärm aufgeweckt wurden. Aber Flinkhand hatte in demselben Augenblick, wo die Eisenhand ihn selbst vor dem Griffe der Hexe geschützt hatte, den Riegel vorgeschoben, so daß die Pforte verschlossen war. Gleichwohl blieb er wach, bis der König am Morgen aufstand und die Sache selbst in Augenschein nahm. Die Pforte war noch verriegelt. Der König lobte die Geschicklichkeit des Jünglings, der schon zwei schwierige Arbeiten ausgeführt hatte und lud ihn zu Mittag zu Gaste. Flinkhand aß sich an des Königs Tafel satt und wußte sich auch angenehm zu unterhalten, bis er endlich um Erlaubniß bat, nach Hause zu gehen, und auszuruhen, da er die ganze vorige Nacht kein Auge zugethan, auch noch mancherlei Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen habe. Er ging dann in den Wald, wo die Brüder ihn längst erwarteten und wissen wollten, wie das Probestück abgelaufen wäre. Da nun die starken Brüder sich einander nicht beneideten und keiner voraus wissen konnte, wen endlich das Glück treffen würde, Schwiegersohn des Königs zu werden, so freuten sie sich gemeinschaftlich des gelungenen Werkes.
Am folgenden Morgen wurde Scharfauge mit dem prächtigen königlichen Anzuge bekleidet und ausgeschickt, um das dritte Probestück auszuführen. Nicht minder stolz und anmuthig wie die beiden andern Brüder trat er vor den König, und bat um die Erlaubniß, das letzte Probestück zu unternehmen. Der König sagte: »Ich freue mich sehr, daß es euch möglich gewesen ist zwei Arbeiten zu vollbringen, welche bis auf den heutigen Tag noch Keiner ausführen konnte, so viel ihrer auch von allen Seiten zusammenströmten, um den Versuch zu machen. Dennoch fürchte ich, daß ihr die dritte Arbeit nicht zu Stande bringen werdet, denn das Ziel, welches ihr treffen müßt, steht sehr hoch und ist ein kleiner Körper.« Scharfauge erwiederte: »Wer euer Schwiegersohn werden will, der darf nichts für schwer achten, denn so großes Glück fällt Niemanden im Schlafe zu.« Darauf gab der König die Erlaubniß, am folgenden Morgen das Probestück zu unternehmen. Aber des Königs Tochter, welche wiederum durch die Thürspalte nach dem Jüngling gespäht hatte, seufzte mit Thränen in den Augen: »Könnte ich etwas für diesen Jüngling thun, daß er morgen zum dritten Male Sieger bliebe, ich gäbe Hab' und Gut dafür —um ihn zum Gemahl zu erhalten.«
War schon das erste und zweite Mal eine große Menge Volks von allen Seiten herbei gekommen, um die Wunderwerke zu sehen, so waren heute die Tausende gar nicht mehr zu zählen. Auf dem Gipfel eines Berges stand der Apfelträger, der in solcher Höhe nicht viel größer aussah als eine Krähe, und ihm sollte Scharfauge den Apfel vom Munde weg schießen, so daß der Pfeil ihn in der Mitte spaltete. Niemand hielt die Sache für möglich. Gleichwohl fürchtete der Mann oben, der den Apfel am Stiele im Munde zu halten hatte, der Schütze könnte doch vielleicht in's Ziel treffen, darum beschloß er in seinem mißgünstigen Sinne, dem Schützen die an sich schwere Aufgabe noch schwerer zu machen. Er faßte nicht, wie vorgeschrieben war, den Apfel mit den Zähnen am Stiele, sondern steckte den halben Apfel in den Mund und dachte: je kleiner ich den Gegenstand mache, auf den er zielen muß, desto weniger kann er sehen und treffen. Aber für Scharfauge war der halbe Apfel nicht minder deutlich als der ganze. Er zielte einige Augenblicke mit seinem durchdringenden Blicke, schnellte den Pfeil vom Bogen und o Wunder! der Apfel war mitten durchgespalten, so daß beide Hälften genau gleiche Größe hatten. Der neidische Apfelhüter hatte zugleich den verdienten Lohn für seine Bosheit erhalten, denn da Scharfauge gerade auf die Mitte des Apfels gezielt hatte, der Mann aber dessen größere Hälfte im Munde hielt, so hatte der Pfeil von beiden Seiten des Mundes ein Stück Fleisch mit weggerissen. Als der entzwei geschossene Apfel dem Könige zum Beweise überreicht wurde, brach die Menge in ein Freudengeschrei aus. Ein solches Wunder hatte sich noch nicht begeben. Des Königs Tochter vergoß Freudenthränen, da ihres Herzens Wunsch in Erfüllung gegangen war; der König aber lud Scharfauge ein, zu ihm zu kommen, damit er ihn sofort seiner Tochter verloben könne. Scharfauge lehnte es ehrfurchtsvoll ab mit den Worten: »Vergönnt mir, den heutigen Tag mich nach der Arbeit zu erholen! morgen wollen wir uns der Freude ergeben!« Er wollte sich nämlich keines Fehls gegen seine Brüder schuldig machen, welche gleich ihm ihren Theil der Arbeit gethan hätten: das Loos mußte entscheiden, welchem von ihnen der Lohn zufallen sollte.
Als Scharfauge zu seinen Brüdern kam, erzählte er ihnen den Hergang, und sie freuten sich erst noch mit einander wie die Kinder, ehe sie das Loos warfen. Nach Gottes Fügung brachte das Loos dem Scharfauge Glück; er sollte nun des Königs Schwiegersohn werden. Noch einmal schliefen die Brüder beisammen, dann schlug die bittere Trennungsstuude, Scharfauge begab sich in die Königsstadt, Schnellfuß und Flinkhand machten sich in die Heimath zu ihren Eltern auf.
Nach ihrer Rückkehr kauften die beiden reichen Brüder sich viele Güter und Ländereien, so daß ihr Gebiet bald einem kleinen Königreiche glich. Scharfauge hatte Alles seinen Eltern und Brüdern geschenkt, da er, als Schwiegersohn des Königs, seines eigenen Vermögens nicht mehr bedurfte. Die Eltern freuten sich über das Glück ihrer Kinder, nur war der Mutter das Herz oft schwer, weil ihr dritter Sohn so weit von ihnen in der Fremde lebte, daß sie nicht hoffen durfte ihn wieder zu sehen. Als aber die Eltern später gestorben waren, da hatten Schnellfuß und Flinkhand keine Ruhe mehr in der Heimath, sie verpachteten ihre Besitzungen und streiften wieder in fremden Landen umher, um neue Reichthümer und Schätze durch ihre Gaben zu erwerben. Wie weit ihre Wanderung reichte, was für Thaten sie auf derselben verrichteten und ob sie später wieder in die Heimath zurückkehrten, darüber kann ich euch nichts weiter melden. Aber Scharfauge's Geschlecht muß noch heutiges Tages in dem Lande wohnen, wo der Stammvater einst das Glück hatte, Schwiegersohn des Königs zu werden.
4. Der Tontlawald.
Zu alten Zeiten stand in Allentacken[19] ein schöner Hain, der Tontlawald hieß, den aber kein Mensch zu betreten wagte. Dreistere, die zufällig einmal näher gekommen waren und gespäht hatten, erzählten, sie hätten unter dichten Bäumen ein verfallenes Haus gesehen und um dasselbe herum menschenähnliche Wesen, von denen der Rasen wie von einem Ameisenhaufen wimmelte. Die Geschöpfe hätten rußig und zerlumpt ausgesehen wie die Zigeuner, und es wären namentlich viel alte Weiber und halbnackte Kinder darunter gewesen. Als einst ein Bauer, der in finsterer Nacht von einem Schmause nach Hause ging, etwas tiefer in den Tontlawald hineingerathen war, hatte er seltsame Dinge gesehen. Um ein helles Feuer war eine Unzahl Weiber und Kinder versammelt, einige saßen am Boden, die andern tanzten auf dem Plan. Ein altes Weib hatte einen breiten eisernen Schöpflöffel in der Hand, mit welchem sie von Zeit zu Zeit die glühende Asche über den Rasen hinstreute, worauf die Kinder mit Geschrei in die Luft hinauf fuhren und wie Nachteulen um den aufsteigenden Rauch flatterten, bis sie zuletzt wieder herabkamen. Dann trat aus dem Walde ein kleiner alter langbärtiger Mann, der auf dem Rücken einen Sack trug, der länger war als er selbst. Weiber und Kinder liefen dem Männlein lärmend entgegen, tanzten um ihn herum und suchten ihm den Sack vom Rücken zu reißen, aber der Alte machte sich von ihnen los. Jetzt sprang eine schwarze Katze, so groß wie ein Fohlen, die mit glühenden Augen auf der Thürschwelle gesessen, auf des Alten Sack und verschwand dann in der Hütte. Weil aber dem Zuschauer schon der Kopf brannte und es ihm vor den Augen flimmerte, so blieb auch seine Erzählung unsicher, und man konnte nicht recht dahinter kommen, was daran wahr und was falsch sei. Auffallend war es, daß von Geschlecht zu Geschlecht solche Dinge vom Tontlawalde erzählt wurden; aber Niemand wußte genauere Auskunft zu geben. Der Schwedenkönig hatte mehr als einmal befohlen, den gefürchteten Wald zu fällen, aber die Leute wagten es nicht den Befehl zu vollziehen. Einmal hieb ein dreister Mann mit einer Axt in einige Bäume, da floß sogleich Blut und man hörte Jammergeschrei wie von gequälten Menschen.[20] Der erschreckte Holzfäller nahm zitternd und bebend die Flucht; seitdem war kein noch so strenger Befehl, kein noch so reichlicher Lohn im Stande, wieder einen Holzfäller in den Tontlawald zu locken. —Sehr wunderbar erschien es auch, daß weder ein Weg aus dem Walde heraus noch einer hinein führte; auch sah man das ganze Jahr durch keinen Rauch aufsteigen, der das Dasein menschlicher Wohnstätten verrathen hätte. Groß war der Wald nicht, und rings um ihn her war flaches Feld, so daß man freien Ausblick auf den Wald hatte. Hausten wirklich hier von Alters her lebende Wesen, so konnten sie doch nicht anders in dem Walde ein- und ausgehen als auf unterirdischen Schlupfwegen, oder sie mußten auch wie die Hexen bei nächtlicher Weile, wo Alles ringsum schlief, durch die Luft fahren. Das Letztere ist, dem Erzählten zufolge, das Wahrscheinlichere. Vielleicht erhalten wir über diese Wundervögel mehr Auskunft, wenn wir den Wagen der Erzählung etwas weiterlenken und im nächsten Dorfe ausruhen.
Einige Werst vom Tontlawalde lag ein großes Dorf. Ein verwittweter Bauer hatte unlängst wieder ein junges Weib genommen und, wie das wohl oft vorkommt, ein rechtes Schüreisen in's Haus gebracht, so daß Verdruß und Zank kein Ende nahmen. Das von der ersten Frau nachgebliebene siebenjährige Mädchen, mit Namen Else, war ein kluges sinniges Geschöpf. Dieser Armen machte aber die böse Stiefmutter das Leben ärger als die Hölle, sie puffte und knuffte das Kind vom Morgen bis zum Abend und gab ihm schlechteres Essen als den Hunden. Da die Frau die Hosen anhatte, so konnte die Tochter sich auf ihren Vater nicht stützen: der Hansdampf mußte ja selbst nach des Weibes Pfeife tanzen. Länger als zwei Jahre hatte Else dieses schwere Leben ertragen und hatte viele Thränen vergossen. Da ging sie eines Sonntags mit andern Dorfkindern aus, um Beeren zu pflücken. Schlendernd, nach Kinderart, waren sie unvermerkt an den Rand des Tontlawaldes gekommen, wo sehr schöne Erdbeeren wuchsen, so daß der Rasen ganz roth davon war. Die Kinder aßen von den süßen Beeren und pflückten noch soviel in ihre Körbchen, als jedes konnte. Plötzlich rief ein älterer Knabe, der die gefürchtete Stelle erkannt hatte: »Fliehet, fliehet! wir sind im Tontlawalde!« Dies Wort war schlimmer als Donner und Blitz, alle Kinder nahmen Reißaus, als wären ihnen die Tontla-Unholde schon auf den Fersen. Else, welche etwas weiter gegangen war als die Andern, und unter den Bäumen sehr schöne Beeren gefunden hatte, hörte wohl das Rufen des Knaben, mochte sich aber nicht von dem Beerenfleck trennen. Sie dachte wohl: Die Tontla-Bewohner können doch nicht schlimmer sein als meine Stiefmutter daheim. Da kam ein kleiner schwarzer Hund mit einem silbernen Glöcklein um den Hals bellend auf sie zu. Auf dies Gebell eilte ein kleines Mädchen in prächtigen seidenen Kleidern herbei, verwies den Hund zur Ruhe und sagte dann zur Else: »Sehr gut, daß du nicht mit den andern Kindern davongelaufen bist. Bleibe mir zur Gesellschaft hier, dann wollen wir gar schöne Spiele spielen und alle Tage miteinander gehen Beeren zu pflücken; die Mutter wird es mir gewiß nicht abschlagen, wenn ich sie darum bitte. Komm, laß uns sogleich zu ihr gehen!« Damit faßte das prächtige fremde Kind Else bei der Hand und führte sie tiefer in den Wald hinein. Der kleine schwarze Hund bellte jetzt vor Vergnügen, sprang an Elsen herauf und leckte ihr die Hand, als wären sie alte Bekannte.
Ach du liebe Zeit, was für Wunder und Herrlichkeit tauchten jetzt vor Else's Augen auf. Sie glaubte sich im Himmel zu befinden. Ein prächtiger Garten, mit Obstbäumen und Beerensträuchern angefüllt, stand vor ihnen; auf den Zweigen der Bäume saßen Vögel, bunter als die schönsten Schmetterlinge, manche mit Gold- und Silberfedern bedeckt. Und die Vögel waren nicht scheu, die Kinder konnten sie nach Belieben in die Hand nehmen. Mitten im Garten stand das Wohnhaus, aus Glas und Edelsteinen aufgeführt, so daß Wände und Dach glänzten wie die Sonne. Eine Frau in prächtigen Kleidern saß vor der Thür auf einer Bank und fragte die Tochter: »Was bringst du da für einen Gast?« Die Tochter antwortete: »Ich fand sie allein im Walde und nahm sie mir zur Gesellschaft mit. Erlaubst du, daß sie hier bleibt?« Die Mutter lächelte, sagte aber kein Wort, sondern musterte Else mit scharfem Blick vom Kopf bis zu den Füßen. Dann hieß sie Else näher treten, streichelte ihre Wangen und fragte freundlich, wo sie zu Hause sei, ob ihre Eltern noch lebten, und ob sie den Wunsch habe, hier zu bleiben? Else küßte der Frau die Hand, fiel vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und erwiederte dann unter Thränen: »Die Mutter ruht schon lange unter dem Rasen.
Mutter ward hinweg getragen
Liebe zog mit ihr von dannen![21]
Der Vater lebt wohl noch, aber was hilft mir das, die Stiefmutter haßt mich und schlägt mich unbarmherzig alle Tage. Nichts kann ich ihr recht machen. Bitte, Goldfrauchen, laßt mich hier bleiben! Laßt mich die Herde hüten, oder gebt mir andere Arbeit, ich will Alles thun und euch gehorchen, aber schickt mich nur nicht zur Stiefmutter zurück! Sie schlüge mich halb todt, weil ich nicht mit den anderen Dorfkindern gekommen bin.« Die Frau lächelte und sagte: »Wir wollen sehen, was mit dir zu machen ist.« Dann erhob sie sich von der Bank und trat in's Haus. Die Tochter aber sagte zur Else: »Sei getrost, meine Mutter ist freundlich! Ich sah an ihrem Blicke, daß sie unsere Bitte gewähren wird, wenn sie die Sache näher überlegt hat.« Sie ging dann ihrer Mutter nach und hieß Else warten. Diese bebte zwischen Furcht und Hoffnung, und ungeduldig harrte sie des Bescheides, den die Tochter bringe würde.
Nach einer Weile kam die Tochter mit einem Schächtelchen in der Hand zurück und sagte: »Die Mutter will, daß wir heute mit einander spielen, derweil sie deinetwegen Weiteres beschließen wird. Ich hoffe, du bleibst uns, ich möchte dich nicht mehr von mir lassen. Bist du schon zur See gefahren?« Else machte große Augen und fragte dann: »Zur See? was ist das? davon habe ich noch nie etwas gehört.« »Du sollst es sogleich sehen,« erwiederte das Fräulein und nahm den Deckel vom Schächtelchen. Da lagen ein Blatt von Frauenmantel, eine Muschelschale und zwei Fischgräten; auf dem Blatte schimmerten ein Paar Tropfen, diese schüttete das Kind auf den Rasen. Augenblicklich waren Garten, Rasen und was sonst noch da gestanden hatte, verschwunden, als hätte die Erde es verschlungen: und soweit das Auge reichte, war nur Wasser sichtbar, das in der Ferne mit dem Himmel zusammenzustoßen schien. Nur unter ihren Füßen war ein kleiner Fleck trocken geblieben. Jetzt setzte das Fräulein die Muschelschale auf's Wasser und nahm die Fischgräten zur Hand. Die Muschelschale schwoll an, und dehnte sich zu einem hübschen Nachen aus, worin ein Duzend Kinder und wohl noch mehr Platz gehabt hätten. Die Kinder setzten sich nun selbander in den Nachen, Else mit Zagen, das Fräulein aber lachte; die Gräten, welche sie hielt, wurden zu Rudern. Von den Wellen wurden die Mädchen fortgeschaukelt, wie in einer Wiege; nach und nach kamen andere Kähne in ihre Nähe, in jedem saßen Menschen, welche sangen und fröhlich waren. »Wir müssen ihren Gesang beantworten,« sagte das Fräulein, aber Else verstand nicht zu singen. Um so schöner sang das Fräulein. Von dem, was die andern sangen, konnte Else nicht viel verstehen, nur ein Wort kehrte immer wieder, nämlich »Kiisike.« Else fragte, was es bedeute, und das Fräulein antwortete: »Das ist mein Name.« Ich weiß nicht, wie lange sie so spazieren gefahren waren, da hörten sie rufen: »Kinder, kommt nach Hause, es wird Abend.« Kiisike nahm ihr Körbchen aus der Tasche, in welchem das Blatt lag, und tauchte es in's Wasser, so daß einige Tropfen daran hängen blieben, — augenblicklich waren sie in der Nähe des prächtigen Hauses, mitten im Garten; Alles ringsum erschien trocken und fest wie zuvor, Wasser war nirgends. Die Muschelschale und die Fischgräten wurden sammt dem Blatte in's Körbchen gelegt, und die Kinder gingen in's Haus.
In einem großen Gemache saßen um einen Eßtisch vier und zwanzig Frauen, alle in prächtigen Kleidern, als wären sie auf einer Hochzeit. Oben am Tische saß die Herrin auf einem goldenen Stuhle.
Else wußte nicht, woher die Augen nehmen, um all die Herrlichkeit zu betrachten, die ihr hier entgegenschimmerte. Auf dem Tische standen dreizehn Gerichte, alle in goldenen und silbernen Schüsseln; ein Gericht aber blieb unberührt und wurde abgetragen, wie es aufgetragen war, ohne daß man den Deckel gelüftet hätte. Else aß von den köstlichen Speisen, die noch besser schmeckten als Kuchen, und es kam ihr wieder vor, als müßte sie im Himmel sein; auf Erden konnte sie sich dergleichen nicht denken. Bei Tische wurde leise gesprochen, aber in einer fremden Sprache, von der Else kein Wort verstand. Die Frau sagte jetzt einige Worte zu einer Magd, die hinter ihrem Stuhle stand; die Magd eilte hinaus und kam bald mit einem kleinen alten Manne wieder, dessen Bart länger war als er selber. Der Alte machte einen Bückling und blieb am Thürpfosten stehen. Die Frau deutete mit dem Finger auf Else und sagte: »Betrachte dir dieses Bauermädchen, ich will es als Pflegekind annehmen. Forme mir ein Abbild von ihr, welches wir morgen statt ihrer in's Dorf schicken können.« Der Alte sah Else scharf an, als wolle er das Maaß nehmen, verbeugte sich dann wieder vor der Frau und verließ das Gemach. Nach Tische sagte die Frau freundlich zu Else: »Kiisike hat mich gebeten, ich möchte dich ihr zur Gesellschaft hier behalten und du selbst sagtest, du hättest Lust hier zu bleiben. Ist dem nun wirklich so?« Else fiel auf die Kniee, und küßte der Frau Hände und Füße zum Dank für die barmherzige Rettung aus den Klauen der bösen Stiefmutter. Die Frau aber hob sie vom Boden auf, streichelte ihr den Kopf und die thränenfeuchten Wangen und sagte: »Wenn du immer ein folgsames gutes Kind bleibst, so wird es dir gut gehen, ich will für dich sorgen und dir allen nöthigen Unterricht geben lassen, bis du erwachsen bist und dich selbst fortbringen kannst. Meine Fräulein, welche Kiisike unterrichten, werden auch dir behilflich sein, alle feinen Handarbeiten zu erlernen und dir andere Kenntnisse zu erwerben.«
Nach einem Weilchen kam der Alte zurück mit einer langen mit Lehm gefüllten Mulde auf der Schulter, und einem kleinen Deckelkörbchen in der linken Hand. Er setzte Mulde und Körbchen an die Erde, nahm ein Stück Lehm und machte daraus eine Puppe, welche Menschengestalt hatte. In den Leib, der hohl geblieben war, legte der Alte drei gesalzene Strömlinge und ein Stückchen Brot. Dann machte er in der Brust der Puppe ein Loch, nahm aus dem Korbe einen ellenlangen schwarzen Wurm und ließ ihn durch das Loch hineinkriechen. Die Schlange zischte und wand sich mit dem Schwanze, als sträubte sie sich, aber sie mußte doch hinein. Nachdem die Frau die Puppe von allen Seiten betrachtet hatte, sagte der Alte: »Jetzt brauchen wir nichts weiter als ein Tröpflein von dem Blute des Bauermädchens.« Else wurde blaß vor Schrecken, als sie das hörte; sie meinte ihre Seele damit dem Bösen zu verkaufen.[22] Aber die Frau tröstete sie: »Fürchte nichts! Wir wollen dein Blut nicht zu etwas Bösem sondern lediglich zu etwas Gutem und zu deinem künftigen Glücke.« Dann nahm sie eine kleine goldene Nadel, stach damit der Else in den Arm und gab die Nadel dem Alten, der sie in das Herz der Puppe bohrte. Darauf legte er diese in den Korb, damit sie darin wachse und versprach, am nächsten Morgen der Frau zu zeigen, was für ein Werk aus seinen Händen hervorgegangen sei. Man ging hernach zur Ruhe, und auch Else wurde von einer Stubenmagd in ihre Schlafkammer gebracht, wo ihr ein weiches Bett bereitet wurde.
Als sie am andern Morgen in dem seidenen Bette auf weichem Pfühl erwachte und ihre Augen weit auf machte, fand sie sich mit einem feinen Hemde bekleidet und sah reiche Gewänder auf einem Stuhle vor dem Bette liegen. Dann trat ein Mädchen in's Zimmer und hieß Else sich waschen und kämmen, worauf es sie vom Kopf bis zum Fuß mit den schönen Kleidern schmückte, als wäre sie das stolzeste deutsche Kind. Nichts machte Elsen so viel Freude als die Schuhe. Sie war ja bis jetzt fast immer barfuß gegangen. Nach Else's Meinung konnten auch des Königs Töchter keine schöneren Schuhe haben. In ihrer Freude über die Schuhe hatte sie nicht Zeit die übrigen Stücke des Anzugs zu beachten, obschon Alles prachtvoll war. Die Bauernkleider, welche sie mitgebracht hatte, waren in der Nacht fortgenommen worden, weshalb? das sollte sie später erfahren. Ihre Kleider waren nämlich der Lehmpuppe angelegt worden, welche an ihrer Statt in's Dorf gehen sollte. Die Puppe war in der Nacht in ihrem Behälter angeschwollen und am Morgen ein vollständiges Ebenbild der Else geworden, und ging einher wie ein von Gott geschaffenes Wesen. Else erschrack, als sie die Puppe erblickte, die ganz so aussah, wie sie selbst gestern ausgesehen hatte. Als die Frau Else's Erschrecken bemerkte, sagte sie: »Fürchte dich nicht, Kind! Das Lehmbild kann dir keinen Schaden zufügen, wir jagen es zu deiner Stiefmutter, damit es ihr als Prügelklotz diene! Mag sie es schlagen, so viel sie will, das steinharte Lehmbild fühlt keinen Schmerz. Aber wenn das böse Weib nicht andern Sinnes wird, so kann dein Ebenbild einmal die verdiente Strafe an ihr vollziehen.«
Von diesem Tage an lebte Else so glücklich wie ein verwöhntes deutsches Kind, das in goldener Wiege geschaukelt worden; sie hatte weder Sorge noch Mühe; das Lernen wurde ihr von Tag zu Tage leichter und das vorige harte Leben im Dorfe erschien ihr nur noch wie ein böser Traum. Aber je tiefer sie das Glück dieses Lebens empfand, desto wunderbarer erschien ihr auch Alles. Auf natürliche Weise konnte es nicht zugehen — es mußte eine unbekannte unerklärliche Macht hier walten. Auf dem Hofe stand ein Granitblock etwa zwanzig Schritt vom Hause. Wenn die Essenszeit heranrückte, ging der Alte mit dem langen Barte an den Block, zog ein silbernes Stäbchen aus dem Busen und klopfte damit dreimal an, so daß es hell wiederklang. Dann sprang ein großer goldener Hahn heraus und setzte sich auf den Block. So oft er in dieser Stellung mit den Flügeln schlug und krähte, kam aus dem Block etwas hervor, zuerst ein langer gedeckter Tisch, auf dem so viel Teller standen als essende Personen waren; der Tisch ging von selbst in's Haus, als trügen ihn des Windes Flügel. Wenn der Hahn zum zweiten Male krähte, kamen Stühle dem Tische nachgegangen; darauf eine Schüssel mit Speise nach der andern — Alles sprang aus dem Block heraus und flog wie der Wind zum Eßtisch. Desgleichen Methflaschen, Aepfel und Beeren; Alles schien beseelt, so daß Niemand zu heben noch zu tragen brauchte. Wenn Alle sich satt gegessen hatten, klopfte der Alte zum zweiten Male mit dem Silberstäbchen an den Block, und dann krähte der goldene Hahn Flaschen, Schüsseln, Teller, Stühle und Tisch wieder in den Block hinein. Wenn aber die dreizehnte Schüssel kam, aus welcher niemals gegessen wurde, so lief eine große schwarze Katze der Schüssel nach, und beide blieben auf dem Block neben dem Hahn, bis der Alte sie forttrug. Er nahm die Schüssel in die Hand, die Katze in den Arm und den goldenen Hahn auf die Schulter, und verschwand mit ihnen unter dem Block. Nicht nur Speisen und Getränke, sondern auch alle übrigen Bedürfnisse des Haushalts, selbst Kleider kamen auf das Krähen des Hahns aus dem Block hervor. — Obwohl bei Tische wenig und immer in einer fremden Sprache gesprochen wurde, welche Else nicht verstand, so wurde dafür desto mehr geredet und gesungen, wenn die Frau mit ihren Fräulein in Zimmer und Garten weilte. Allmählich lernte Else auch die Sprache ihrer Gefährtinnen auffassen; sie verstand fast Alles, was gesagt wurde, aber Jahre verstrichen, ehe ihre eigne Zunge sich den fremden Lauten gewöhnte. Einst hatte Else die Kiisike gefragt, warum die dreizehnte Schüssel täglich auf den Tisch komme, da doch Niemand daraus esse, aber Kiisike konnte es ihr nicht erklären. Sie mußte es aber ihrer Mutter gesagt haben, denn nach einigen Tagen ließ diese Elsen zu sich rufen und sprach zu ihr mit ernstem Ausdruck: »Beschwere dein Herz nicht mit unnützen Grübeleien. Du möchtest wissen, warum wir niemals aus der dreizehnten Schüssel essen. Sieh, liebes Kind, das ist die Schüssel verborgenen Segens; wir dürfen sie nicht anrühren, sonst würde es mit unserem glücklichen Leben zu Ende sein. Auch mit den Menschen würde es auf dieser Welt viel besser stehn, wenn sie nicht in ihrer Habsucht alle Gaben an sich rissen, ohne dem himmlischen Segenspender irgend etwas zum Danke zu lassen.[23] Habsucht ist der Menschen größter Fehler!«
Die Jahre verstrichen Elsen in ihrem Glücke pfeilgeschwind, sie war zur blühenden Jungfrau herangewachsen und hatte Vieles gelernt, womit sie in ihrem Dorfe ihr Leben lang nicht bekannt geworden wäre. Kiisike aber war immer noch dasselbe kleine Kind wie an dem Tage, wo sie das erste Mal mit Elsen im Walde zusammen getroffen war. Die Fräulein, welche bei der Frau vom Hause lebten, mußten Kiisike und Else täglich einige Stunden im Lesen und Schreiben und in allerlei feinen Handarbeiten unterweisen. Else begriff Alles gut, aber Kiisike hatte mehr Sinn für kindliche Spiele als für nützliche Beschäftigung. Wenn ihr die Laune kam, so warf sie die Arbeit weg, nahm ihr Schächtelchen und lief in's Freie, um See zu spielen, was ihr Niemand übel nahm. Manchmal sagte sie zu Elsen: »Schade, daß du so groß geworden bist, du kannst nun nicht mehr mit mir spielen.«
Als jetzt neun Jahre in dieser Weise verflossen waren, ließ die Frau eines Abends Else in ihr Schlafzimmer rufen. Else wunderte sich darüber, denn um diese Zeit hatte die Frau sie noch niemals zu sich kommen lassen. Das Herz schlug ihr so heftig, daß es zu springen drohte. Als sie über die Schwelle trat, sah sie, daß die Wangen der Frau geröthet waren, ihre Augen voll Thränen standen, welche sie rasch trocknete, als wollte sie dieselben vor Elsen verbergen. »Liebes Pflegkind,« begann die Frau, »die Zeit ist gekommen, wo wir scheiden müssen.« »Scheiden?« rief Else und warf sich schluchzend der Frau zu Füßen. »Nein, theure Frau, das kann nimmermehr geschehen, bis uns einst der Tod trennt. Ihr habt mich einmal huldreich aufgenommen, darum verstoßt mich nicht wieder!« Die Frau sagte beschwichtigend: »Kind, sei ruhig! Du weißt ja noch gar nicht, was ich für dein Glück thun will. Du bist herangewachsen und ich darf dich hier nicht länger in Haft halten. Du mußt wieder unter Menschen gehen, wo Glückspfade deiner warten.« Else aber bat flehentlich: »Theure Frau, verstoßet mich nicht. Ich sehne mich nach keinem anderen Glücke, als bei euch zu leben und zu sterben. Macht mich zur Stubenmagd oder gebt mir andere Arbeit, nach eurem Belieben, aber schickt mich nicht fort in die weite Welt. Da wäre es besser gewesen, ihr hättet mich bei der Stiefmutter im Dorfe gelassen, als daß ihr mich auf so viele Jahre in den Himmel brachtet, um mich jetzt wieder in die Hölle zu stoßen.« »Still, liebes Kind!« sagte die Frau — »du begreifst nicht, was ich zu deinem Glücke zu thun verpflichtet bin, wie sehr es mich auch schmerzt. Aber Alles muß so sein, wie ich es mache. Du bist ein sterbliches Menschenkind, deine Jahre nehmen zu ihrer Zeit ein Ende und deshalb darfst du nicht länger hier bleiben. Ich und die mich umgeben haben wohl Menschengestalt, aber wir sind nicht Menschen, wie ihr, sondern Geschöpfe höherer Art und euch unbegreiflich. Du wirst in der Ferne einen lieben Gemahl finden, der für dich geschaffen ist, und wirst glücklich mit ihm sein, bis eure Tage sich zu Ende neigen. Die Trennung von dir wird mir nicht leicht, aber es muß sein, und deßhalb mußt du dich ruhig darein fügen.« Dann strich sie mit ihrem goldenen Kamme durch Elsens Haar und hieß sie zu Bette gehen; aber wo sollte die arme Else in dieser Nacht den Schlaf hernehmen? Das Leben kam ihr vor wie ein dunkler sternenloser Nachthimmel.
Während wir Else ihrem Kummer überlassen, wollen wir uns ins Dorf begeben, um zu sehen, wie die Sachen auf dem väterlichen Hofe gehen, wo das Lehmbild an ihrer Statt der Prügelklotz ihrer Stiefmutter war. Daß ein böses Weib im Alter nicht besser wird, ist eine bekannte Sache; man erfährt wohl, daß aus einem hitzigen Jünglinge im Alter ein frommes Lamm wird, aber kommt ein Mädchen, das kein gutes Herz hat, unter die Haube, so wird sie auf die alten Tage wie ein reißender Wolf. Wie ein Höllenbrand quälte die Stiefmutter das Lehmbild Tag und Nacht, aber dem starren Geschöpfe, dessen Körper keinen Schmerz empfand, schadete es nicht. Wollte der Mann einmal dem Kinde zu Hülfe kommen, so setzte es für ihn gleichfalls Prügel, zum Lohn für seinen Versuch Frieden zu stiften. Eines Tages hatte die Stiefmutter ihre Lehmtochter wieder fürchterlich geschlagen und drohte ihr dann, sie umzubringen. Wüthend packte sie das Lehmbild mit beiden Händen an der Gurgel, um es zu erwürgen, siehe, da fuhr eine schwarze Schlange zischend aus des Kindes Munde, und stach der Stiefmutter in die Zunge, so daß sie todt niederfiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Mann Abends nach Hause kam, fand er die todte Frau dick aufgeschwollen am Boden liegen; die Tochter war nirgends zu finden. Auf sein Geschrei kamen die Dorfbewohner herbei. Die Nachbarn hatten wohl um Mittag einen großen Lärm im Hause gehört, aber da so etwas fast täglich dort vorfiel, war Niemand hingegangen. Nachmittags war Alles still geblieben, aber Niemand hatte die Tochter erblickt. Der Körper der todten Frau wurde nun gewaschen und gekleidet, und es wurden für die Todtenwächter zur Nacht Erbsen in Salz gekocht. Der müde Mann ging in seine Kammer, um zu ruhen, und dankte sicherlich seinem Glücke, daß er diesen Höllenbrand los war. Auf dem Tische fand er drei gesalzene Strömlinge und einen Bissen Brot, verzehrte Beides und legte sich zu Bette. Am andern Morgen wurde er todt auf dem Platze gefunden, und zwar ebenso aufgeschwollen wie die Frau. Nach einigen Tagen wurden beide in ein Grab gelegt, wo sie einander kein Leid mehr anthun konnten. Von der verschwundenen Tochter erfuhren die Bauern seitdem nichts weiter.
Else hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan, sie weinte und beklagte die harte Notwendigkeit, so schnell und unerwartet von ihrem Glücke scheiden zu müssen. Am Morgen steckte ihr die Frau einen goldenen Siegelring an den Finger und hing ihr eine kleine goldene Schachtel an einem seidenen Bande um den Hals, rief dann den Alten, zeigte mit der Hand auf Else, und nahm darauf mit betrübter Miene von ihr Abschied. Eben wollte Else danken, als der Alte dreimal mit seinem Silberstäbchen sanft ihren Kopf berührte. Else fühlte alsbald, daß sie zum Vogel geworden war; aus den Armen wurden Flügel und aus den Beinen Adlerfüße mit langen Klauen, aus der Nase ein krummer Schnabel, Federn bedeckten den ganzen Leib. Dann hob sie sich plötzlich in die Luft und schwebte ganz wie ein aus dem Ei gebrüteter Adler unter den Wolken dahin. So war sie schon mehrere Tage gen Süden geflogen und hatte wohl zuweilen gerastet, wenn die Flügel ermatteten, aber Hunger hatte sie nicht gefühlt. Da geschah es, daß sie eines Tages über einem niedrigen Walde schwebte, wo Jagdhunde sie anbellten, die freilich dem Vogel nichts anhaben konnten, weil ihnen Flügel fehlten. Mit einem Male fühlte sie ihr Gefieder von einem scharfen Pfeile durchbohrt und fiel zu Boden. Vor Schrecken war sie ohnmächtig geworden.
Als Else aus ihrer Ohnmacht erwachte und die Augen weit öffnete, fand sie sich in menschlicher Gestalt unter einem Gebüsche. Wie sie dahin gekommen und was ihr sonst Seltsames begegnet war, lag wie ein Traum hinter ihr. Da kam ein stolzer junger Königssohn daher geritten, sprang vom Pferde und bot Elsen freundlich die Hand, indem er sagte: »Zur glücklichen Stunde bin ich heute Morgen ausgeritten! Von euch, theures Fräulein, träumte mir ein halbes Jahr lang jede Nacht, daß ich euch hier im Walde finden würde. Obschon ich den Weg wohl hundert Mal umsonst gemacht hatte, ließ doch meine Sehnsucht und meine Hoffnung nicht nach. Heute schoß ich einen großen Adler, der hierher gefallen sein mußte; ich ging der erlegten Beute nach und fand statt des Adlers — euch.« Dann half er Elsen auf's Pferd und ritt mit ihr zur Stadt, wo der alte König sie freudig empfing. Einige Tage später ward eine prachtvolle Hochzeit gefeiert; am Morgen des Hochzeitstages waren funfzig Fuder mit Kostbarkeiten angekommen, welche die liebe Pflegemutter Elsen geschickt hatte. Nach des alten Königs Tode wurde Else Königin und hat dann im Alter die Ereignisse ihrer Jugend selbst erzählt. Aber vom Tontlawald hat man seitdem Nichts mehr gesehen noch gehört.
5. Der Waise Handmühle.
Ein armes elternloses Mädchen war allein nachgeblieben wie ein Lamm, und dann als Pflegekind in eine böse Wirthschaft gekommen, wo es keinen andern Freund hatte als den Hofhund, dem es zuweilen eine Brotrinde gab. Das Mädchen mußte vom Morgen bis zum Abend für die Wirthin auf der Handmühle mahlen, und stand einmal die Mühle stille, weil die müde Hand ausruhen wollte, so war gleich der Stock da, um das arme Kind anzutreiben. Des Abends waren die Hande der Waise so starr wie die Klötze. Das Gnadenbrot, welches die Waisen essen, muß fast immer mit Schweiß und Blut bezahlt werden. Gott im Himmel allein hört die Seufzer der Waisen und zählt die Thränen, die von ihren Wangen rollen! — Eines Tages, als das schwache Mädchen wieder die schwere Mühle drehte und voller Unmuth war, weil die Wirthin sie den Morgen nüchtern gelassen hatte, kam ein hinkender einäugiger Bettler in zerlumpten Kleidern heran. Es war aber kein wirklicher Bettler, sondern ein berühmter Zauberer aus Finnland, der sich, um nicht erkannt zu werden, in einen Bettler verwandelt hatte. Der Bettler setzte sich auf die Schwelle, sah sich die schwere Arbeit des Kindes an, nahm ein Stück Brot aus seinem Schultersack, steckte es dem Kinde in den Mund und sagte: »Mittag ist noch weit, iß etwas Brot zur Stärkung.« Die Waise nahm den trockenen Bissen und er schmeckte ihr besser als Weißbrot, auch fühlte sie gleich ihre Kräfte wieder zunehmen. Der Bettler sagte dann: »Dir Armen müssen wohl von dem ewigen Umdrehen der schweren Mühle die Hände recht müde sein?« Das Mädchen sah den Alten ungewiß an, wie um zu forschen, ob seine Frage ernsthaft oder spöttisch gemeint sei. Da sie aber fand, daß sein Antlitz einen liebreichen und ernsthaften Ausdruck hatte, so erwiederte sie: »Wer kümmert sich um die Hände einer Waise? Das Blut dringt mir immer unter die Nägel, und der Stock fährt mir über den Rücken, wenn ich nicht so viel arbeiten kann, als die Wirthin verlangt.« Der Bettler ließ sich nun ausführlich erzählen, was für ein Leben das Kind führe. Als die Waise geendigt hatte, nahm der Alte aus seinem Sacke ein altes Tuch, gab es ihr und sagte: »Wenn du dich heut Abend schlafen legst, so binde dies Tuch um deinen Kopf und seufze aus der Tiefe des Herzens: »Süßer Traum, trage mich dahin, wo ich eine Handmühle finde, welche von selbst mahlt, so daß ich mich nicht mehr abmühen darf!« Die Waise steckte das Tuch in ihren Busen und dankte dem Alten, der sich sogleich entfernte. Als sich das Waisenkind Abends schlafen legte, that es nach Vorschrift des Bettlers, band das Tuch um den Kopf und stieß unter Seufzern und Thränen seinen Wunsch aus, obgleich es selber nicht viel Hoffnung darauf setzte. Dennoch schlief es leichteren Herzens ein, als sonst. Ein wunderbarer Traum führte das Mädchen in weite Fernen und ließ es auf seiner Wanderung viel seltsame Dinge erleben. Zuletzt kam es tief unter die Erde, und da mochte wohl die Hölle sein, denn alles sah schauerlich und fremd aus. Die Hofthore standen weit offen und kein lebendes Wesen rührte sich. Als das Mädchen weiter ging, ließ sich ein Geräusch vernehmen, wie wenn eine Handmühle gemahlen würde. Dem Geräusch folgend ging das Waisenkind schüchternen Schrittes vorwärts, bis es unter dem Abschauer einer Klete[24] einen großen Kasten fand, aus welchem das Geräusch einer Mühle an sein Ohr drang. Das Kind war nicht stark genug den Kasten zu rühren, geschweige denn von der Stelle zu bringen. Da sah es im Stalle ein weißes Pferd an der Krippe und kam auf den guten Einfall, das Pferd aus dem Stalle zu ziehen, es mit Stricken vor den Kasten zu spannen, und ihn so fortzuführen. Gedacht, gethan: die Waise schirrte das Pferd an, setzte sich auf den Deckel des Kastens, ergriff eine lange Ruthe und jagte in vollem Galop nach Hause.
Als sie am andern Morgen erwachte, fiel ihr der bedeutsame Traum wieder ein, und zwar stand er so lebendig vor ihr, als wäre sie wirklich eine Strecke weit auf dem Deckel gefahren. Als sie die Augen aufriß, erblickte sie den Kasten an ihrem Lager. Sie sprang auf, nahm ein halbes Loof (Scheffel) Gerste, das vom Abend nachgeblieben war, schüttete es in die Oeffnung, die sie im Deckel des Kastens fand und siehe das freudige Wunder: die Steine fingen augenblicklich an zu lärmen. Es dauerte nicht lange, so war das fertige Mehl im Sacke.[25] Jetzt hatte die Waise einen leichten Stand; die Mühle im Kasten mahlte Alles, was man ihr bot, und das Mädchen hatte weiter keine Mühe, als das Getraide oben hineinzuschütten und das Mehl unten herauszunehmen. Den Deckel des Kastens durfte sie aber nicht öffnen, der Bettler hatte es ihr streng verboten, indem er hinzufügte: das würde dein Tod sein!
Die Wirthin kam bald dahinter, daß der Kasten dem Waisenkinde beim Mahlen half, sie beschloß daher das Mädchen aus dem Hause zu jagen und dafür den Mahlkasten zu behalten, der kein Futter verlangen würde. Zuerst wollte sie sich aber mit dem Dinge näher bekannt machen, um zu sehen, wo denn der Wundermüller eigentlich stecke. Die Begierde, das Geheimniß herauszubringen, stachelte das Weib Tag und Nacht. An einem Sonntag Morgen schickte sie das Waisenkind zur Kirche, und sagte, sie selbst wolle da bleiben, um das Haus zu hüten. Ein so freundliches Anerbieten hatte die Waise noch niemals vernommen; vergnügt zog sie ein reines Hemd und etwas bessere Kleider an, und machte sich eilig auf den Weg. Die Wirthin lauerte so lange hinter der Thür, bis ihr das Mädchen aus dem Gesichte war, dann nahm sie aus der Klete ein halb Loof Getraide und schüttete es auf den Deckel, damit der Kasten es mahle, aber der Kasten that es nicht. Erst als eine Hand voll in das Loch des Deckels kam, machten sich die Steine an's Werk; aber nun kostete es dem Weibe noch viel Mühe und Arbeit, den schweren Kastendeckel los zu machen. Endlich ging er so weit auf, daß die Alte den Kopf hineinzustecken wagte, — aber o weh! eine lichte Lohe schlug aus dem Kasten heraus und verbrannte die Wirthin, als wär's eine Hedekunkel; es blieb nichts weiter von ihr übrig als eine Handvoll Asche.
Als der Wittwer späterhin eine andere Frau nehmen wollte, fiel ihm ein, daß sein Pflegekind, die Waise, vollständig erwachsen war, so daß er nicht erst anderswo auf die Freite zu gehen brauche. Die Hochzeit wurde still gefeiert, und als sich die Nachbaren am Abend entfernt hatten, ging der Mann mit seiner jungen Frau zu Bette. Als diese den andern Morgen in die Klete ging, war der Kasten mit der Handmühle verschwunden, ohne daß man die Spuren eines Diebes fand. Obgleich nun überall gesucht und nah und fern angefragt wurde, ob der vermißte Gegenstand irgend Jemanden zu Gesicht gekommen sei, so hat man doch bis auf den heutigen Tag nichts entdeckt. Der wunderbare Handmühlen-Kasten, den einst ein Traum aus der Tiefe der Erde herausgeholt hatte, mußte wohl in eben so wunderbarer Weise dahin zurückgekehrt sein.
6. Die zwölf Töchter.
Es war einmal ein armer Käthner, der zwölf Töchter hatte, unter ihnen zwei Paar Zwillinge. Die hübschen Mädchen waren alle gesund und frisch und von zierlichem Wesen. Da die Eltern es so knapp hatten, mochte es manchem unbegreiflich sein, wie sie den vielen Kindern Nahrung und Kleidung schaffen konnten; die Kinder waren täglich gewaschen und gekämmt und trugen immer reine Hemden, wie deutsche Kinder. Einige meinten, der Käthner habe einen heimlichen Schatzträger,[26] Andere hielten ihn für einen Hexenmeister, wieder Andere für einen Windzauberer,[27] der im Wirbelwinde einen verborgenen Schatz zusammen zu raffen wußte. In Wahrheit aber verhielt sich die Sache ganz anders. Die Frau des Käthners hatte eine heimliche Gegenspenderin, welche die Kinder nährte, säuberte und kämmte. Als sie nämlich noch als Mädchen aus einem fremden Bauerhofe diente, sah sie drei Nächte hinter einander im Traume eine stattliche Frau, welche zu ihr trat und ihr befahl,[28] in der Johannisnacht zur Quelle des Dorfes zu gehen. Sie hätte nun wohl auf diesen Traum nicht weiter geachtet, wenn nicht am Johannisabend ein Stimmchen ihr immerwährend wie eine Mücke in's Ohr gesummt hätte: »Geh zur Quelle, geh zur Quelle, wo deines Glückes Wasseradern rieseln!« Obgleich sie den heimlichen Rathschlag nicht ohne Schrecken vernahm, faßte sie sich doch endlich ein Herz, verließ die andern Mädchen, die bei der Fiedel um das Feuer herum lärmten und schritt auf die Quelle zu. Aber je näher sie kam, desto bänger wurde ihr um's Herz; sie wäre umgekehrt, wenn ihr das Mückenstimmchen Ruhe gelassen hätte; unwillkürlich ging sie weiter. Als sie hinkam, sah sie eine Frau in weißen Kleidern, die auf einem Steine an der Quelle saß. Als die Frau des Mädchens Furcht gewahrte, ging sie demselben einige Schritte entgegen, bot ihm die Hand zum Gruß und sagte: »Fürchte dich nicht, liebes Kind, ich thue dir ja nichts zu Leide! Merke auf und behalte genau, was ich dir sage. Auf den Herbst wird man um dich freien; der Mann ist so arm wie du, aber mach' dir deshalb keine Sorge, sondern nimm seinen Branntwein an.[29] Da ihr beide gut seid, will ich euch Glück bringen und euch forthelfen; aber lasset darum Sorgsamkeit und Arbeit nicht dahinten, sonst kann kein Glück Dauer haben. Nimm dieses Säckchen und stecke es in die Tasche, es sind nur einige Steinchen darin.[30] Nachdem du das erste Kind zur Welt gebracht hast, wirf ein Steinchen in den Brunnen, damit ich komme dich zu sehen. Wenn das Kind zur Taufe geführt wird, will ich zu Gevatter stehen. Von unserer nächtlichen Zusammenkunft laß gegen Niemanden etwas verlauten — für dieses Mal sage ich dir Lebe wohl!« Mit diesen Worten war die wunderbare Fremde dem Mädchen entschwunden, als wäre sie unter die Erde gesunken. Vielleicht hätte das Mädchen auch diesen Vorfall für einen Traum gehalten, wenn nicht das Säckchen in ihrer Hand das Gegentheil bezeugt hätte; sie fand darin zwölf Steinchen.
Die Prophezeiung traf ein, das Mädchen wurde im Herbst verheirathet und der Mann war ein armer Knecht. Im folgenden Jahre brachte die junge Frau die erste Tochter zur Welt, besann sich auf das, was ihr in der Johannisnacht begegnet war, stand heimlich aus dem Bette auf, ging an den Brunnen und warf ein Steinchen hinein. Plumps fiel es in's Wasser! Sofort stand die freundliche Frau weiß gekleidet vor ihr und sagte: »Ich danke dir, daß du mich nicht vergessen hast. Sonntag über vierzehn Tage laß das Kind zur Taufe bringen, dann komme ich auch in die Kirche und will beim Kinde Gevatter stehen.« Als an dem bezeichneten Tage das Kind in die Kirche gebracht wurde, trat eine fremde Dame hinzu, nahm es auf den Schoos und ließ es taufen. Als dies geschehen war, band sie einen silbernen Rubel in die Windel des Kindes und sandte es der Mutter zurück. Ganz ebenso geschah es später bei jeder neuen Taufe, bis das Dutzend voll war. Bei der Geburt des letzten Kindes hatte die Frau zur Mutter gesagt: »Von heute an wird dein Auge mich nicht mehr schauen, obwohl ich ungesehen täglich um dich und deine Kinder sein werde. Das Wasser des Brunnens wird den Kindern mehr Gedeihen bringen als die beste Kost. Wenn die Zeit herankommt, daß deine Töchter heirathen, so mußt du einer Jeden den Rubel mitgeben, den ich zum Pathengeschenk brachte. So lange sie ledig sind, sollen sie keinen größeren Staat machen, als daß sie Alltags und Sonntags saubere Hemden und Tücher tragen.«
Die Kinder wuchsen und gediehen, daß es eine Lust war anzusehen; Brot gab es im Hause zur Genüge, auch zuweilen dünne Zukost, doch am meisten wurden Eltern und Kinder offenbar durch das Brunnenwasser gestärkt. Die älteste Tochter wurde dann an einen wohlhabenden Wirthssohn verheirathet. Wiewohl sie ihm außer der nothdürftigsten Kleidung nichts zubrachte, so wurde doch ein Brautkasten gemacht und Kleider und Pathen-Rubel hineingelegt. Als die Männer den Kasten auf den Wagen hoben, fanden sie ihn so schwer, daß sie glaubten es seien Steine darin, denn der arme Käthner hatte doch seiner Tochter sonst nichts Werthvolles mitzugeben. Weit mehr aber war die junge Frau erstaunt, als sie im Hause des Bräutigam's den Kasten öffnete, und ihn mit Stücken Leinewand angefüllt und auf dem Grunde einen ledernen Beutel mit hundert Silberrubeln fand. Dasselbe wiederholte sich nachher bei jeder neuen Verheirathung; und die Töchter wurden bald alle weggeholt, als es bekannt geworden war, welch' einen Brautschatz eine jede mitbekam.
Einer der Schwiegersöhne war aber sehr habsüchtig und mochte sich mit der Mitgift seiner Frau nicht zufrieden geben. Er dachte nämlich: die Eltern müssen wohl selbst noch vielen Reichthum besitzen, wenn sie schon jeder Tochter so viel mitgeben konnten. Er ging daher eines Tages zu seinem Schwiegervater und suchte ihm den Schatz abzuzwacken. Der Käthner sagte ganz der Wahrheit gemäß: »Ich habe Nichts hinter Leib und Seele, und auch meinen Töchtern konnte ich nichts weiter mitgeben als den Kasten. Was jede in ihrem Kasten gefunden hat, das rührt nicht von mir her, sondern war die Pathengabe der Taufmutter, welche jedem Kinde an seinem Tauftage einen Rubel schenkte. Diese Liebesgabe hat sich im Kasten vervielfältigt.« Der habsüchtige Schwiegersohn glaubte indessen den Worten des Schwiegervaters nicht, sondern drohte vor Gericht die Anklage zu erheben, daß der Alte ein Hexenmeister und ein Windbeschwörer sei, der mit Hülfe des Bösen einen großen Schatz zusammengebracht habe. Da der Käthner ein reines Gewissen hatte, so flößte ihm die Drohung seines Schwiegersohnes keine Furcht ein. Dieser aber klagte wirklich. Das Gericht ließ darauf die andern Schwiegersöhne des Käthners vorfordern und befragte sie, ob jeder von ihnen dieselbe Mitgift erhalten habe. Die Männer sagten aus, daß Jeder einen Kasten voll Leinewand und hundert Silberrubel erhalten habe. Das erregte große Verwunderung, denn die ganze Nachbarschaft wußte recht gut, daß der Käthner arm war und keinen andern Schatz hatte als zwölf hübsche Töchter. Daß diese Töchter von klein auf stets reine weiße Hemden getragen hatten, wußten die Leute wohl, aber Niemand hatte sonst einen Prunk an ihnen bemerkt, weder Brustspangen noch bunte Halstücher. Die Richter beschlossen jetzt, die wunderliche Sache näher zu untersuchen, um herauszubringen, ob der Alte wirklich ein Hexenmeister sei.
Eines Tages verließen die Richter, von einer Häscherschaar begleitet, die Stadt. Sie wollten das Haus des Käthners mit Wachen umstellen, damit Niemand heraus und kein Schatz auf die Seite gebracht werden könne. Der habsüchtige Schwiegersohn machte den Führer. Als sie an den Wald gekommen waren, in welchem die Hütte des Käthners stand, wurden von allen Seiten Wachen aufgestellt, die keinen Menschen durchlasse sollten, bis die Sache aufgeklärt sei. Man ließ hier die Pferde zurück und schlug den Fußsteig zur Hütte ein. Der Schwiegersohn mahnte zu leisem Auftreten und zum Schweigen, damit der Hexenmeister nicht aufmerksam werde und sich auf Windesflügeln davon mache. Schon waren sie nahe bei der Hütte, als plötzlich ein wunderbarer Glanz sie blendete, der durch die Bäume drang. Als sie weiter gingen, wurde ein großes schönes Haus sichtbar; es war ganz von Glas und viele hundert Kerzen brannten darin, obgleich die Sonne schien und Helligkeit genug gab. Vor der Thür standen zwei Krieger Wache, die ganz in Erz gehüllt waren und lange bloße Schwerter in der Hand hielten. Die Gerichtsherrn wußten nicht, was sie denken sollten, Alles schien ihnen mehr Traum als Wirklichkeit zu sein. Da öffnete sich die Thür: ein schmucker Jüngling in seidenen Kleidern trat heraus und sagte: »Unsere Königin hat befohlen, daß der oberste Gerichtsherr vor ihr erscheine.« Obgleich dieser einige Furcht empfand, folgte er doch dem Jüngling in's Haus.
Wer beschriebe die Pracht und Herrlichkeit, die sich vor seinen Augen aufthat. In der prächtigen Halle, welche die Größe einer Kirche hatte, saß auf einem Throne eine mit Seide, Sammet und Gold geschmückte Frau. Einige Fuß tiefer saßen auf kleineren goldenen Sesseln zwölf schöne Fräulein, ebenso prächtig geschmückt wie die Königin, nur daß sie keine goldene Krone trugen. Zu beiden Seiten standen zahlreiche Diener, alle in hellen seidenen Kleidern, mit goldenen Ketten um den Hals. Als der oberste Gerichtsherr unter Verbeugungen näher trat, fragte die Königin: »Weßhalb seid ihr heute mit einer Schaar von Häschern gekommen, als hättet ihr Uebelthäter einzufangen?« Der Gerichtsherr wollte antworten, aber der Schrecken band ihm die Zunge, so daß er kein Wörtchen vorbringen konnte. »Ich kenne die boshafte und lügnerische Anklage,« fuhr die Frau fort, »denn meinen Augen bleibt nichts verborgen. Lasset den falschen Kläger hereinkommen, aber legt ihm zuvor Hände und Füße in Ketten, dann will ich ihm Recht sprechen. Auch die übrigen Richter und die Diener sollen eintreten, damit die Sache offenkundig wird und sie bezeugen können, daß hier Niemanden Unrecht geschieht.« Einer ihrer Diener eilte hinaus, um den Befehl zu vollziehen. Nach einiger Zeit wurde der Kläger vorgeführt, an Händen und Füßen gefesselt und von sechs Geharnischten bewacht. Die anderen Gerichtsherren und deren Diener folgten. Dann begann die Königin also:
»Bevor ich über das Unrecht die verdiente Strafe verhänge, muß ich euch kurz erklären, wie die Sache zusammenhängt. Ich bin die oberste Wasserbeherrscherin,[31] alle Wasseradern, welche aus der Erde quillen, stehen unter meiner Botmäßigkeit. Des Windkönigs ältester Sohn war mein Liebster, aber da sein Vater ihm nicht erlaubte eine Frau zu nehmen, so mußten wir unsere Ehe geheim halten, so lange der Vater lebte. Da ich nun meine Kinder nicht zu Hause aufziehen konnte, so vertauschte ich jedesmal, wenn des Käthners Frau niederkam, sein Kind gegen das meinige. Des Käthners Kinder aber wuchsen als Pfleglinge auf dem Hofe meiner Tante auf. Kam die Zeit, daß eine von den Töchtern des Käthners heirathen wollte, so wurde ein abermaliger Tausch vorgenommen. Jedesmal ließ ich die Nacht vor der Hochzeit meine Tochter wegholen und dafür des Käthners Kind hinbringen. Der alte Windkönig lag schon lange krank darnieder, so daß er von unserem Betruge nichts merkte. Am Tauftage schenkte ich jedem Kinde ein Rubelstück, welches die Mitgift im Kasten hecken sollte. Die Schwiegersöhne waren denn auch alle mit ihren jungen Frauen und dem, was sie mitbrachten, zufrieden, nur dieser habgierige Frevler, den ihr hier in Ketten seht, unterfing sich, falsche Klage gegen seinen Schwiegervater zu führen, in der Hoffnung sich dadurch zu bereichern. Vor zwei Wochen ist nun der alte Windkönig gestorben und mein Gemahl zur Herrschaft gelangt. Jetzt brauchen wir unsere Ehe und unsere Kinder nicht länger zu verheimlichen. Hier vor euch sitzen meine zwölf Töchter, deren Pflegeeltern, der Käthner und sein Weib, bis an ihren Tod bei mir das Gnadenbrot essen werden. Aber du verworfener Bösewicht, den ich habe fesseln lassen, sollst sogleich den verdienten Lohn erhalten. In deinen Ketten sollst du in einem Goldberge gefangen sitzen, damit deine gierigen Augen das Gold beständig sehen, ohne daß dir ein Körnchen davon zu Theil wird. Siebenhundert Jahre sollst du diese Qual erdulden, ehe der Tod Macht erhält dich zur Ruhe zu bringen. Das ist mein Richterspruch.«
Als die Königin bis dahin gesprochen hatte, entstand ein Gekrach wie ein starker Donnerschlag, so daß die Erde bebte und die Richter sammt ihren Dienern betäubt niederfielen. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie sich zwar in dem Walde, zu welchem der Führer sie geleitet hatte, aber da, wo eben noch das gläserne Haus in aller Pracht gestanden hatte, sprudelte jetzt aus einer kleinen Quelle klares kaltes Wasser hervor. — »Von dem Käthner, seiner Frau und dem habsüchtigen Schwiegersohne ist später nie mehr etwas vernommen worden; des letzteren Wittwe hatte im Herbst einen anderen Mann geheirathet, mit dem sie glücklich lebte bis an ihr Ende.
7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand.
Einmal lebte ein armer Tagelöhner, der sich mit seiner Frau kümmerlich von einem Tage zum andern durchbrachte. Von drei Kindern war ihnen das jüngste, ein Sohn, geblieben, der neun Jahr alt war, als man erst den Vater und dann die Mutter begrub. Dem Knaben blieb nichts übrig, als vor den Thüren guter Menschen sein Brot zu suchen. Nach Jahresfrist gerieth er auf den Hof eines wohlhabenden Bauerwirths, wo man gerade einen Hüterknaben brauchte. Der Wirth war nicht eben böse, aber das Weib hatte die Hosen an und regierte im Hause wie ein böser Drache (»Schüreisen«). Wie es dem armen Waisenknaben da erging, läßt sich denken. Die Prügel, die er alle Tage bekam, wären dreimal mehr als genug gewesen, Brot aber wurde nie soviel gereicht, daß er satt geworden wäre. Da aber das Waisenkind nichts Besseres zu hoffen hatte, mußte es sein Elend ertragen. Zum Unglück verlor sich eines Tages eine Kuh von der Herde; wohl lief der Knabe bis Sonnenuntergang den Wald entlang, von einer Stelle zur andern, aber er fand die verlorene Kuh nicht wieder. Obwohl er wußte, was seinem Rücken zu Hause bevorstand, mußte er doch jetzt nach Sonnenuntergang die Herde zusammentreiben. Die Sonne war noch nicht lange unter dem Horizont, da hörte er schon der Wirthin Stimme: »Fauler Hund! wo bleibst du mit der Herde?« Da half kein Zaudern, nur rasch nach Hause unter den Stock. Zwar dämmerte es schon, als die Herde zur Pforte hereinkam, aber das scharfe Auge der Wirthin hatte sogleich entdeckt, daß eine Kuh fehle. Ohne ein Wort zu sagen, riß sie den nächsten Staken aus dem Zaun und begann damit den Rücken des Knaben zu bearbeiten, als wollte sie ihn zu Brei stampfen. In der Wuth hätte sie ihn auch zu Tode geprügelt oder ihn auf Zeit Lebens zum Krüppel gemacht, wenn der Wirth, der das Schreien und Schluchzen hörte, dem Armen nicht mitleidig zu Hülfe gekommen wäre. Da er die Gemüthsart des tückischen Weibes genau kannte, so wollte er sich nicht geradezu dazwischen legen, sondern suchte zu vermitteln. Er sagte halb in bittendem Tone: »Brich ihm lieber die Beine nicht entzwei, damit er doch die verlorene Kuh suchen kann. Davon werden wir mehr Nutzen haben, als wenn er umkommt.« »Wahr,« sagte die Wirthin, »das Aas kann auch die theure Kuh nicht ersetzen,« — zählte ihm noch ein Paar tüchtige Hiebe auf und schickte ihn dann fort, die Kuh zu suchen. »Wenn du ohne die Kuh zurückkommst,« — setzte sie drohend hinzu, —»so schlage ich dich todt.« Weinend und stöhnend ging der Knabe zur Pforte hinaus und geradeswegs in den Wald, wo er Tages mit der Herde gewesen war, suchte die ganze Nacht, fand aber nirgends eine Spur von der Kuh. Als am andern Morgen die Sonne sich aus dem Schoße der Morgenröthe erhoben hatte, war des Knaben Entschluß gefaßt. »Werde aus mir, was da wolle, nach Hause gehe ich nicht wieder.« Mit diesen Worten nahm er Reißaus und lief in einem Athem vorwärts, so daß er das Haus bald weit hinter sich hatte. Wie lange und wie weit er so gelaufen war, wußte er selber nicht, als ihm aber zulegt die Kraft ausging und er wie todt niederfiel, stand die Sonne fast schon in Mittagshöhe. Als er aus einem langen schweren Schlafe erwachte, kam es ihm vor, als ob er etwas Flüssiges im Munde gehabt habe, und er sah einen kleinen alten Mann mit langem grauen Barte vor sich stehen, der eben im Begriffe war, den Spund wieder auf den Lägel (Milchfäßchen) zu setzen. »Gieb mir noch zu trinken!« bat der Knabe. »Für heute hast du genug,« erwiederte der alte Vater, »wenn mein Weg mich nicht zufällig hierher geführt hätte, so wäre es sicher dein letzter Schlaf gewesen, denn als ich dich fand, warst du schon halb todt.« Dann befragte der Alte den Knaben, wer er wäre und wohin er wollte. Der Knabe erzählte Alles, was er erlebt hatte so lange er sich erinnern konnte, bis zu den Schlägen von gestern Abend. Schweigend und nachdenklich hatte der Alte die Erzählung angehört, und nachdem der Knabe schon eine Weile verstummt war, sagte jener ernsthaft: »Mein liebes Kind! dir ist es nicht besser noch schlimmer ergangen als so Manchen, deren liebe Pfleger und Tröster im Sarge unter der Erde ruhen. Zurückkehren kannst du nicht mehr. Da du einmal fortgegangen bist, so mußt du dir ein neues Glück in der Welt suchen. Da ich weder Haus noch Hof, weder Weib noch Kind habe, so kann ich auch nicht weiter für dich sorgen, aber einen guten Rath will ich dir umsonst geben. Schlafe diese Nacht hier ruhig aus; wenn morgen die Sonne aufgeht, so merke dir genau die Stelle, wo sie emporstieg. In dieser Richtung mußt du wandern, so daß dir die Sonne jeden Morgen in's Gesicht und jeden Abend in den Nacken scheint. Deine Kraft wird von Tage zu Tage wachsen. Nach sieben Jahren wird ein mächtiger Berg vor dir stehen, der so hoch ist, daß sein Gipfel bis an die Wolken reicht. Dort wird dein künftiges Glück blühen. Nimm meinen Brotsack und mein Fäßchen, du wirst darin täglich soviel Speise und Trank finden, als du bedarfst. Aber hüte dich davor, jemals ein Krümchen Brot oder ein Tröpfchen vom Trank unnütz zu vergeuden, sonst könnte deine Nahrungsquelle leicht versiegen. Einem hungrigen Vogel und einem durstigen Thiere darfst du reichlich geben: Gott sieht es gern, wenn ein Geschöpf dem andern Gutes thut. Auf dem Grunde des Brotsacks wirst du ein zusammengerolltes Klettenblatt finden; das mußt du sehr sorgfältig in Acht nehmen. Wenn du auf deinem Wege an einen Fluß oder einen See kommst, so breite das Klettenblatt auf dem Wasser aus, es wird sich sofort in einen Nachen verwandeln und dich über die Flut tragen. Dann wickele das Blatt wieder zusammen und stecke es in deinen Brotsack.« Nach dieser Unterweisung gab er dem Knaben Sack und Fäßchen und rief: »Gott befohlen!« Im nächsten Augenblick war er den Augen des Knaben entschwunden.
Der Knabe hätte Alles für einen Traum gehalten, wenn nicht Sack und Fäßchen in seiner Hand die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt hätten. Er ging jetzt daran, den Brotsack zu prüfen und fand darin: ein halbes Brot, ein Schächtelchen voll gesalzener Strömlinge, ein anderes mit Butter und dazu noch ein hübsches Stückchen Speckschwarte. Als der Knabe sich satt gegessen hatte, legte er sich schlafen, Sack und Fäßchen unter dem Kopfe, damit kein Dieb sie wegnehmen könne. Den andern Morgen wachte er mit der Sonne auf, stärkte seinen Körper durch Speise und Trank und machte sich dann auf die Wanderung. Wunderbarer Weise fühlte er gar keine Müdigkeit in seinen Beinen; erst der leere Magen mahnte ihn daran, daß die Mittagszeit gekommen war. Er sättigte sich mit der guten Kost, that ein Schläfchen und wanderte weiter. Daß er den rechten Weg eingeschlagen hatte, sagte ihm die untergehende Sonne, die ihm gerade im Nacken stand. So war er viele Tage in derselben Richtung vorwärts gegangen, als er einen kleinen See vor sich erblickte. Hier konnte er die Kraft seines Klettenblattes prüfen. Wie es der alte Mann vorausgesagt hatte, so geschah es: ein kleines Boot mit Rudern lag vor ihm auf dem Wasser. Er stieg ein, und einige tüchtige Ruderschläge führten ihn an's andere Ufer. Dort verwandelte sich das Boot wieder in ein Klettenblatt, und dieses ward in den Sack gesteckt.[32]
So war der Knabe schon manches Jahr gewandert, ohne daß die Nahrung im Brotsack und im Fäßchen abgenommen hätte. Sieben Jahre konnten recht gut verstrichen sein, denn er war zu einem kräftigen Jüngling herangewachsen; da sah er eines Tages von weitem einen hohen Berg, der bis in die Wolken hinein zu ragen schien. Es verging aber noch eine Woche, ehe er den Berg erreichte. Dann setzte er sich am Fuße des Berges nieder, um auszuruhen und zu sehen, ob die Prophezeiungen des alten Mannes in Erfüllung gehen würden. Er hatte noch nicht lange gesessen, als ein eigentümliches Zischen sein Ohr berührte: gleich darauf wurde eine große Schlange sichtbar, welche mindestens zwölf Klafter lang war und sich dicht bei dem jungen Manne vorbeiwand. Schrecken lähmte seine Glieder, so daß er nicht fliehen konnte; aber im Nu war auch die Schlange vorüber. Dann blieb ein Weilchen Alles still. Darauf schien es ihm, als käme aus der Ferne ein schwerer Körper in einzelnen Sätzen herangehüpft. Es war eine große Kröte, so groß wie ein zweijähriges Füllen. Auch dieses häßliche Geschöpf zog an dem Jüngling vorüber, ohne ihn gewahr zu werden. Sodann vernahm er in der Höhe ein starkes Rauschen, als wenn ein schweres Gewitter sich erhebe. Als er hinauf sah, flog hoch über seinem Haupte ein großer Adler in derselben Richtung, welche vorher die Schlange und die Kröte genommen hatten. »Das sind wunderbare Dinge, die mir Glück bringen sollen!« dachte der Jüngling. Da sieht er plötzlich einen Mann auf einem schwarzen Pferde auf sich zu kommen. Das Pferd schien Flügel an den Füßen zu haben, denn es flog mit Windesschnelle. Als der Mann den Jüngling am Berge sitzen sah, hielt er sein Pferd an und fragte, »Wer ist hier vorübergekommen?« Der Jüngling erwiederte: »Erstens eine große Schlange, wohl zwölf Klafter lang, dann eine große Kröte von der Größe eines zweijährigen Füllens und endlich ein großer Adler hoch über meinem Kopfe. Wie groß er war, konnte ich nicht abschätzen, aber sein Flügelschlag rauschte wie ein Gewitter daher.« — »Du hast recht gesehen,« sagte der Fremde, »es sind meine schlimmsten Feinde, und ich jage ihnen jetzt eben nach. Dich könnte ich in meinem Dienste brauchen, wenn du nichts Besseres vor hast. Klettere über den Berg, so kommst du gerade in mein Haus. Ich werde dort mit dir zugleich anlangen, wenn nicht noch früher.« — Der junge Mann versprach zu kommen, worauf der Fremde wie der Wind davon ritt.
Es war nicht leicht, den Berg zu erklimmen. Unser Wanderer brauchte drei Tage, ehe er den Gipfel erreichte, und dann wieder drei Tage, ehe er auf der andern Seite an den Fuß des Berges gelangte. Der Wirth stand schon vor seinem Hause und erzählte, daß er Schlange und Kröte glücklich erschlagen habe, des Adlers aber nicht habhaft geworden sei. Dann fragte er den jungen Mann, ob er Lust habe, als Knecht bei ihm einzutreten. »Gutes Essen bekommst du täglich, soviel du willst, und auch mit dem Lohne will ich nicht geizen, wenn du dein Amt getreulich verwaltest.« Der Vertrag wurde abgeschlossen und der Wirth führte den neuen Knecht im Hause umher, und zeigte ihm, was er zu thun habe. Es war dort ein Keller im Felsen angebracht und durch dreifache Eisenthüren verschlossen. »In diesem Keller sind meine bösen Hunde angekettet,« sagte der Wirth, »du mußt dafür sorgen, daß sie sich nicht unterhalb der Thür mit den Pfoten herausgraben. Denn wisse: wenn auch nur einer dieser Hunde frei würde, so wäre es nicht mehr möglich, die beiden anderen fest zu halten, sondern sie würden nacheinander dem Führer folgen und alles Lebendige auf Erden vertilgen. Wenn endlich der letzte Hund ausbräche, so wäre das Ende der Welt da, und die Sonne hätte zum letzten Male geschienen.« Darauf führte er den Knecht an einen Berg, den Gott nicht geschaffen hatte, sondern der von Menschenhänden aus mächtigen Felsblöcken aufgethürmt war. »Diese Steine« — sagte der Wirth — »sind deßwegen zusammengetragen, damit immer wieder ein neuer Stein hingewälzt werden kann, so oft die Hunde ein Loch ausgraben. Die Ochsen, welche den Stein führen sollen, will ich dir im Stalle zeigen, und dir auch alles Uebrige mittheilen, was du dabei zu beobachten hast.«
Im Stalle fanden sie an hundert schwarze Ochsen, deren jeder sieben Hörner hatte; sie waren reichlich zwei Mal so groß wie die größesten Ukrainer Ochsen. »Sechs Paar Ochsen vor die Steinfuhre gespannt, führen einen Stein mit Leichtigkeit weg. Ich werde dir eine Brechstange geben, wenn du den Stein damit berührst, rollt er von selbst auf den Wagen. Du siehst, deine Arbeit ist so mühsam nicht, desto größer muß deine Wachsamkeit sein. Drei Mal bei Tage und ein Mal bei Nacht mußt du nach der Thür sehen, damit kein Unglück geschieht, der Schade könnte sonst größer sein, als du vor mir verantworten könntest.«
Bald hatte unser Freund Alles begriffen und sein neues Amt war ganz nach seinem Sinne: alle Tage das beste Essen und Trinken, wie es ein Mensch nur begehren konnte. Nach zwei bis drei Monaten hatten die Hunde ein Loch unter der Thür gekratzt, groß genug, um die Schnauze durchzustecken, aber sogleich wurde ein Stein davor gestemmt, und die Hunde mußten ihre Arbeit von neuem beginnen.
So waren viele Jahre verstrichen und unser Knecht hatte sich ein hübsches Stück Geld gesammelt. Da erwachte in ihm das Verlangen, ein Mal wieder unter andere Menschen zu kommen; er hatte so lange in kein anderes Menschenantlitz gesehen, als in das seines Herrn. War der Herr auch gut, so wurde dem Knecht doch die Zeit entsetzlich lang, zumal wenn den Herrn die Lust anwandelte, einen langen Schlaf zu halten. Dann schlief er immer sieben Wochen lang ohne Unterbrechung und ohne sich sehen zu lassen.
Wieder war einmal eine solche Schlaflaune über den Wirth gekommen, als eines Tages ein großer Adler sich auf dem Berge niederließ und so zu sprechen anhub: »Bist du nicht ein großer Thor, daß du dein schönes Leben für gute Kost hinopferst? Dein zusammengespartes Geld nützt dir nichts, denn es sind ja keine Menschen hier, die es brauchen. Nimm des Wirthes windschnelles Roß aus dem Stalle, binde ihm deinen Geldsack um den Hals, setze dich auf und reite in der Richtung fort, wo die Sonne untergeht, so kommst du nach wenig Wochen wieder unter Menschen. Du mußt aber das Pferd an einer eisernen Kette fest binden, damit es nicht davon laufen kann, sonst kehrt es zu seiner gewohnten Stätte zurück und der Wirth kann kommen, um dich anzufechten. Wenn er aber das Pferd nicht hat, so kann er nicht von der Stelle.« »Wer soll denn hier die Hunde bewachen, wenn ich weggehe, während der Wirth schläft?« fragte der Knecht. »Ein Thor bist du, und ein Thor bleibst du!« erwiederte der Adler. »Hast du denn noch nicht begriffen, daß der liebe Gott ihn dazu geschaffen hat, daß er die Höllenhunde bewache? Es ist reine Faulheit, daß er sieben Wochen schläft. Wenn er keinen fremden Knecht mehr hat, so wird er sich aufraffen und seines Amtes selber warten.«
Der Rath gefiel dem Knechte sehr. Er that, wie der Adler gesagt hatte, nahm das Pferd, band ihm den Geldsack um, setzte sich auf und ritt davon. Noch war er nicht gar weit vom Berge, als er schon hinter sich den Wirth rufen hörte: »Halt an! Halt an! Geh' in Gottes Namen mit deinem Gelde, aber laß mir mein Pferd.« Der Knecht hörte nicht darauf, sondern ritt immer weiter, bis er nach einigen Wochen wieder zu sterblichen Menschen kam. Dort baute er sich ein hübsches Haus, freite ein junges Weib, und lebte glücklich als reicher Mann. Wenn er nicht gestorben ist, so muß er noch heute leben; aber das windschnelle Roß ist schon längst verschieden.
8. Schlaukopf.[33]
In den Tagen des Kalew-Sohnes lebte im Kungla-Lande[34] ein sehr reicher König, der seinen Unterthanen alle sieben Jahre in der Mitte des Sommers ein großes Gelage gab, das jedesmal zwei, auch drei Wochen hintereinander dauerte. Das Jahr eines solchen Festes war wieder herangekommen und man erwartete den Beginn desselben binnen einigen Monaten; aber die Leute schienen dies Mal noch unsicher in ihren Hoffnungen, weil ihnen nämlich schon zwei Mal, vor vierzehn und vor sieben Jahren, die erwartete Freude zu Wasser geworden war. Von Seiten des Königs war beide Male hinlänglich für die nöthigen Vorräthe gesorgt worden, aber keines Menschen Zunge war dazu gekommen, sie zu kosten. Wohl schien die Sache wunderbar und unglaublich, aber es fanden sich aller Orten viele Menschen, welche die Wahrheit derselben als Augenzeugen bekräftigten. Beide Male, — so wurde erzählt — als die Gäste der hergerichteten Speisen und Getränke warteten, war ein unbekannter fremder Mann zum Oberkoch gekommen und hatte ihn gebeten, von Speise und Trank ein paar Mundvoll kosten zu dürfen; aber das bloße Eintunken des Löffels in den Suppenkessel und das Heben der Bierkanne zum Munde hatte hingereicht, um mit wunderbarer Gewalt alle Vorrathskammern, Schaffereien und Keller leer zu machen, so daß auch kein Körnchen und kein Tröpfchen übrig blieb.[35] Köche und Küchenjungen hatten alle den Vorfall gesehen und beschworen; gleichwohl war des Volkes Zorn über die zerstörte Festfreude so groß, daß der König, um die Leute zu besänftigen, vor sieben Jahren den Oberkoch hatte aufhängen lassen, weil er dem Fremden die verlangte Erlaubnis gegeben hatte. Damit nun jetzt nicht abermals ein solches Aergerniß entstünde, war von Seiten des Königs demjenigen, der die Herstellung des Festes übernähme, eine reiche Belohnung zugesichert worden: und als gleichwohl Niemand die Verantwortlichkeit auf sich nehmen wollte, versprach der König endlich dem Uebernehmer seine jüngste Tochter zur Gemahlin; wenn aber die Sache unglücklich ausfiele, sollte er mit seinem Leben für den Schaden büßen.
An der Grenze des Reichs, weit von der Königsstadt, wohnte ein wohlhabender Bauer mit drei Söhnen, von denen der jüngste schon von klein auf einen scharfen Verstand zeigte, weil die Rasenmutter[36] ihn aufgezogen und ihn gar oft heimlich an ihrer Brust gesäugt hatte. Der Vater nannte diesen Sohn deshalb Schlaukopf. Er pflegte zu seinen Söhnen zu sagen: »Ihr, die beiden älteren Brüder, müsset durch Körperkraft und Händearbeit euch das tägliche Brod verdienen; du, kleiner Schlaukopf, kannst durch deinen Verstand in der Welt fortkommen und dich einmal über deine Brüder emporschwingen.« — Vor seinem Tode teilte er Aecker und Wiesen zu gleichen Theilen unter seine beiden älteren Söhne. Dem jüngsten gab er so viel Reisegeld, daß er in die weite Welt gehen konnte, um sein Glück zu versuchen. Noch war des Vaters Leiche auf dem Tische nicht kalt geworden, als auch die älteren Brüder ihrem jüngsten Alles bis auf den letzten Kopeken wegnahmen, dann warfen sie ihn zur Thür hinaus und riefen ihm höhnisch nach: »Du schlauer Kopf sollst dich über uns erheben und blos durch deinen Verstand in der Welt fortkommen, drum könnte das Geld dir lästig sein!«
Der jüngste Bruder schlug sich die Mißgunst seiner beiden Brüder aus dem Sinne und machte sich sorglos auf den Weg. »Gott giebt wohl schon Glück!« den Spruch hatte er sich zum Trost und Begleiter aus dem Vaterhause mitgenommen; er pfiff die trüben Gedanken fort und ging leichten Schrittes weiter. Als er anfing Hunger zu verspüren, traf er zufällig mit zwei reisenden Handwerksgesellen zusammen. Sein angenehmes Wesen und seine Scherzreden gefielen den Gesellen, sie gaben ihm, als Rast gehalten wurde, von ihrer Kost ab, und so brachte Schlaukopf den ersten Tag glücklich zu Ende. Er trennte sich vor Abend von den Gesellen und ging vergnügt fürbaß, denn das Gefühl der Sättigung ließ keine Sorge für den nächsten Tag aufkommen. Ein Nachtlager bot sich ihm überall, wo der grüne Rasen die Diele unter ihm und der blaue Himmel das Dach über ihm bildete; ein Stein unter dem Haupte diente als weiches Schlafkissen. Am folgenden Tage kam er Vormittags an ein einsames Gehöft. Vor der Thür saß eine junge Frau und weinte kläglich. Schlaukopf fragte, was sie so sehr bekümmere, und erfuhr Folgendes: »Ich habe einen schlimmen Mann, der mich alle Tage schlägt, wenn ich seine tollen Launen nicht befriedigen kann. Heute befahl er mir, ihm zur Nacht einen Fisch zu kochen, der kein Fisch sein dürfe, und der wohl Augen, aber nicht am Kopfe habe. Wo auf der Welt soll ich ein solches Thier finden?« — »Weine nicht, junges Weibchen« — tröstete sie Schlaukopf: »dein Mann will einen Krebs, der zwar im Wasser lebt, aber kein Fisch ist, und der auch Augen hat, aber nicht im Kopfe.«[37] Die Frau dankte für die gute Belehrung, gab ihm zu essen und noch einen Brotsack mit auf die Reise, von dem er manchen Tag leben konnte. Da ihm nun diese unvermuthete Hülfe geworden war, beschloß er sogleich in die Königsstadt zu gehen, wo Klugheit am Meisten werth sein müsse, und wo er sicher sein Glück zu finden hoffte.
Ueberall, wohin er kam, hörte er von nichts Anderem sprechen, als von dem Sommerfeste des Königs. Als er erfuhr, was für ein Lohn demjenigen verheißen war, der das Fest herstellen werde, ging er mit sich zu Rathe, ob es nicht möglich sei, die Sache zu übernehmen. Gelingt es — so sprach er zu sich selbst — so bin ich mit einem Male auf dem Wege zum Glücke. Was sollte ich wohl fürchten? Im allerschlimmsten Falle würde ich mein Leben verlieren, allein sterben müssen wir doch einmal, sei es früher oder später. Wenn ich's beim rechten Ende anfange, warum sollte es nicht gehen? Vielleicht habe ich mehr Glück als die Andern. Und gäbe mir dann auch der König seine Tochter nicht, so muß er mir doch den versprochenen Lohn an Gelde auszahlen, der mich zum reichen Manne macht. Unter diesen Gedanken schritt er vorwärts, sang und pfiff wie eine Lerche, ruhte zuweilen im Schatten eines Busches von des Tages Hitze aus, schlief die Nacht unter einem Baume oder im Freien, und langte glücklich an einem Abend in der Königsstadt an, nachdem er am Morgen seinen Brotsack bis auf den Grund geleert hatte. Am folgenden Tage erbat er sich Zutritt zum Könige. Dieser sah, daß er es mit einem gescheuten und unternehmenden Menschen zu thun hatte und so wurde man leicht Handels einig. Dann fragte der König: »Wie heißt du?« Der Mann von Kopf erwiederte: »Mein Taufname ist Nikodemus, aber zu Hause wurde ich immer Schlaukopf genannt, um anzudeuten, daß ich nicht auf den Kopf gefallen bin.« »Ich will dir diesen Namen lassen,« — sagte der König, — »denn dein Kopf muß mir für allen Schaden einstehen, wenn die Sache schief geht!«
Schlaukopf bat sich vom Könige siebenhundert Arbeiter aus und machte sich ungesäumt an die Vorbereitungen zum Feste. Er ließ zwanzig große Riegen[38] aufführen, die nach Art gutsherrlicher Viehställe im Viereck zu stehen kamen, so daß ein weiter Hofraum in der Mitte blieb, zu welchem eine einzige große Pforte hineinführte. In den heizbaren Räumen ließ er große Kochgrapen und Kessel einmauern, und die Oefen mit Eisenrosten versehen, um darauf Fleisch, Blutklöße und Würste zu braten. Andere Riegen wurden mit Kesseln und großen Kufen zum Bierbrauen versehen, so daß oben die Kessel, unten die Kufen standen. Noch andere Häuser ohne Feuerstellen wurden aufgeführt, um zu Schaffereien für kalte Speisen zu dienen, die eine um Schwarzbrot, die andere um Hefenbrot[39], die dritte um Weißbrot u. s. w. aufzubewahren. Alle nöthigen Vorräthe, wie Mehl, Grütze, Fleisch, Salz, Fett. Butter u. dgl. wurden auf dem Hofraum aufgestapelt, und dann wurden funfzig Soldaten als Wache vor die Pforte gestellt, damit kein Diebesfinger etwas antasten könnte. Der König besichtigte alle Tage die Zurüstungen und rühmte Schlaukopfs Geschick und Klugheit. Außer dem wurden noch einige Dutzend Backöfen im Freien erbaut, und vor jedem Ofen eine eigene Abtheilung Wachtsoldaten aufgestellt. Für das Fest wurden geschlachtet tausend Mastochsen, zweihundert Kälber, fünfhundert Schweine und Ferkel, zehntausend Schafe und noch viel anderes Kleinvieh, das herdenweise von allen Seiten zusammengetrieben wurde. Auf den Flüssen sah man Kähne und Böte, auf den Landstraßen Frachtwagen unaufhörlich Proviant zuführen, und zwar waren die Fuhren nun schon seit Wochen in Bewegung. An Bier allein wurden siebentausend Ahm gebraut. Wiewohl die siebenhundert Gehülfen von früh bis spät arbeiteten, und ab und zu auch noch Tagelöhner angenommen wurden, so lastete doch die meiste Sorge und Mühe auf Schlaukopf, weil seine Einsicht die Andern in allen Stücken leiten mußte. Den Köchen, Bäckern und Brauern hatte er aufs strengste eingeschärft, nicht zuzulassen, daß ein fremder Mund von den Speisen und Getränken koste; wer gegen diesen Befehl handle, dem war der Galgen angedroht. Sollte sich aber irgendwo so ein naschhafter Fremder zeigen, so müsse derselbe augenblicklich vor den obersten Anordner des Festes gebracht werden.
Am Morgen des ersten Festtages erhielt Schlaukopf Nachricht, daß ein unbekannter alter Mann in eine Küche gekommen sei und den Koch um Erlaubniß gebeten habe, aus dem Suppengrapen mit dem Schöpflöffel ein wenig zu kosten, was ihm der Koch nun also auf eigene Hand nicht gestatten durfte. Schlaukopf befahl, den Fremden vorzuführen, und bald erschien ein kleiner alter Mann mit grauen Haaren, welcher demüthig um Erlaubniß bat, die Festspeisen und das Getränk schmecken zu dürfen. Schlaukopf hieß ihn in eine der Küchen mitkommen, dort wolle er, wenn es möglich sei, den ausgesprochenen Wunsch erfüllen. Während sie gingen, sah er scharf hin, ob an dem Alten nicht irgend etwas Absonderliches zu entdecken sei. Da erblickte er einen glänzenden goldenen Ring an dem Ringfinger der linken Hand des Alten. Als sie in die Küche getreten waren, fragte Schlaukopf: »Was für ein Pfand kannst du mir geben, daß kein Schaden entsteht, wenn ich dich die Speise kosten lasse?« »Gnädiger Herr,« — erwiederte der Fremde — »ich habe dir nichts zum Pfande zu geben.« Schlaukopf zeigte auf den schönen goldenen Ring und verlangte ihn zum Pfande.[40] Dagegen sträubte sich der alte Schelm, indem er versicherte, der Ring sei ein Andenken seiner verstorbenen Frau und er dürfe ihn einem Gelübde zufolge niemals aus der Hand geben, weil sonst Unglück kommen könnte. »Dann ist es mir auch nicht möglich, dein Verlangen zu erfüllen,« sagte Schlaukopf — »ohne Pfand kann ich Niemanden weder Festes noch Flüssiges schmecken lassen.« Den Alten stachelte die Lüsternheit so sehr, daß er endlich seinen Ring zum Pfande gab. Als er jetzt den Löffel in den Kessel tunken wollte, versetzte ihm Schlaukopf von hinten mit dem Rücken eines Beiles einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, daß der stärkste Mastochse davon umgefallen wäre, aber der alte Schelm sank nicht, sondern taumelte nur ein Bischen. Schlaukopf packte ihn jetzt mit beiden Händen am Barte und ließ starke Stricke bringen, mit denen dem Alten Hände und Füße festgebunden wurden, worauf er bei den Beinen an einem Balken in die Höhe gezogen wurde. Schlaukopf rief ihm spottend zu: »Da warte nun, bis die Festtage vorüber sind, dann wollen wir weiter miteinander abrechnen. Der Ring, in welchem deine Kraft steckt, bleibt mir inzwischen als Pfand.« Der Alte mußte sich wohl oder übel zufrieden geben; er konnte, gefesselt wie er war, nicht Hand noch Fuß bewegen.
Jetzt begann das Gelage, zu welchem die Leute zu Tausenden von allen Seiten herbeigeströmt waren. Obwohl die Gasterei volle drei Wochen dauerte, so mangelte es doch weder an Speise noch an Trank, vielmehr blieb von Allem noch ein gut Theil übrig.
Das Volk war voll Dank und Preis für den König und den Hersteller des Festes. Als der König diesem den bedungenen Lohn ausbezahlen wollte, sagte Schlaukopf: »Ich habe noch mit dem Fremden ein kleines Geschäft abzumachen, ehe ich meinen Lohn in Empfang nehme.« Dann nahm er sieben starke Männer mit sich, die er mit tüchtigen Knütteln versorgen ließ, und führte sie dahin, wo er den Alten vor drei Wochen an einen Balken aufgehängt hatte. »Ihr Männer! Fasset die Knüttel fest in die Faust und verarbeitet mir den Alten, daß er dieses Bad und unser Gastgebot in seinem Leben nicht vergesse!« — Die Männer begannen nun alle sieben den Alten greulich durchzugerben, so daß sie ihm fast das Leben genommen hätten; aber von ihren harten Schlägen riß endlich der Strick. Das Männlein fiel herunter und verschwand im Nu unter der Erde, hinterließ aber eine breite Oeffnung. Schlaukopf sagte: »Ich habe ein Pfand, mit welchem ich ihm folgen muß. Bringet dem Könige viele tausend Grüße und saget ihm, er möge, wenn ich nicht zurück kommen sollte, meinen Lohn unter die Armen vertheilen.«
Er kroch nun durch dasselbe Schlupfloch, durch welches der Alte verschwunden war, in die Tiefe. Anfangs fand er den Weg sehr eng, aber einige Klafter tiefer wurde er viel breiter, so daß man leicht vorwärts kommen konnte. Eingehauene Stufen bewahrten den Fuß davor, daß er trotz der Finsterniß nicht glitt. Schlaukopf war eine Weile gegangen, als er an eine Thür kam. Er lugte durch eine kleine Oeffnung und sah drei junge Mädchen sitzen und den ihm wohlbekannten Alten, dessen Kopf dem einen der Mädchen im Schooße lag. Das Mädchen sagte: »Wenn ich noch ein Paar Mal die Beule mit der Klinge presse, so vergeht Geschwulst und Schmerz.« Schlaukopf dachte, das ist gewiß die Stelle, die ich vor drei Wochen mit dem Rücken des Beils gezeichnet habe. Er nahm sich vor, so lange hinter der Thür zu warten, bis der Hausherr sich schlafen gelegt habe und das Feuer ausgelöscht sei. Der Alte bat: »Helft mir in die Kammer, daß ich mich zu Bette lege, mein Körper ist ganz aus den Gelenken, ich kann nicht Hand noch Fuß regen.« Darauf wurde er in die Schlafkammer geführt. Während der Dämmerung, als die Mädchen das Gemach verlassen hatten, schlich Schlaukopf herein und fand ein Versteck hinter dem Biertönnchen.[41]
Die Mädchen kamen bald zurück und sprachen leise miteinander, um den alten Papa nicht aufzuwecken. »Die Kopfbeule hätte nichts zu sagen,« meinte die eine, — »und der verrenkte Körper würde sich auch schon wieder herstellen, aber der verlorene Kraftring ist ein unersetzlicher Schade, und der quält den Alten wohl mehr als sein körperlicher Schmerz.« Als man später den Alten schnarchen hörte, trat Schlaukopf aus seinem Versteck hervor und befreundete sich mit den Mädchen. Anfangs sahen diese wohl erschrocken drein, aber der verschlagene Jüngling wußte ihre Furcht zu beschwichtigen, so daß sie ihn zur Nacht da bleiben ließen. Er hatte von den Mädchen herausgebracht, daß der Alte zwei ganz besondere Dinge besitze, ein berühmtes Schwert und eine Gerte vom Ebereschenbaum,[42] und er gedachte beides mit zu nehmen. Die Gerte schuf auf dem Meere eine Brücke vor ihrem Besitzer her, und mit dem Schwerte ließ sich das zahlreichste Heer vernichten. Den folgenden Abend hatte sich Schlaukopf richtig des Schwertes und der Gerte bemächtigt, und war vor Tagesanbruch mit Hülfe des jüngsten Mädchens entkommen. Aber vor der Thür fand er das alte Schlupfloch nicht mehr, sondern einen großen Hofplatz und weiterhin wogte das Meer hinter der Koppel.
Unter den Mädchen hatte sich nach seinem Scheiden ein Wortwechsel erhoben, der so heftig wurde, daß der Alte von dem Lärm erwachte. Aus ihrem Zanke wurde ihm klar, daß ein Fremder hier verkehrt hatte, er stand zornig auf und fand Schwert und Gerte entwendet. »Mein bester Schatz ist mir geraubt!« brüllte er, vergaß allen Körperschmerz und stürmte hinaus. Schlaukopf saß noch immer am Meeresufer und sann darüber, ob er die Kraft der Gerte erproben oder sich einen trockenen Weg suchen solle. Plötzlich hört er hinter sich ein Sausen wie von einer Windsbraut. Als er sich umsieht, erblickt er den Alten, der wie toll gerade auf ihn los rennt. Er springt auf und hat eben noch Zeit, mit der Gerte auf die Wellen zu schlagen und zu rufen: »Brücke vorn, Wasser hinten!«[43] Kaum hat er das Wort gesprochen, so befindet er sich auf einer Brücke im Meere, schon eine Strecke vom Ufer entfernt.
Der Alte kommt ächzend und keuchend an's Ufer und bleibt stehen, als er den Dieb auf der Brücke über dem Meere sieht. Schnaufend ruft er:[44] »Nikodemus, Söhnchen! wo willst du hin?« — »Nach Hause, Papachen!« war die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! du hast mir mit dem Beil auf den Kopf geschlagen und mich bei den Beinen am Balken ausgehängt?« — »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du mich von sieben Mann durchprügeln lassen und meinen goldenen Ring geraubt?« — »Ja, Papachen!« »Nikodemus, Söhnchen! hast du dich mit meinen Töchtern befreundet?« — »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du das Schwert und die Gerte gestohlen?« — »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! willst du zurück kommen?« — »Ja, Papachen!« gab Schlaukopf wieder zur Antwort. Inzwischen war er auf der Brücke so weit gekommen, daß er des Alten Rede nicht mehr hören konnte. Als er über das Meer hinübergelangt war, erfragte er den nächsten Weg zur Stadt des Königs und eilte dahin, um seinen Lohn zu fordern.
Aber siehe da! er fand hier Alles ganz anders als er gehofft hatte. Seine Brüder standen beide im Dienste des Königs, der eine als Kutscher, der andere als Kammerdiener. Beide lebten gar lustig: sie waren reiche Leute. Als Schlaukopf sich vom Könige seinen Lohn ausbat, sagte dieser: »Ich hatte dich ein ganzes Jahr lang erwartet, da aber nichts von dir zu hören noch zu sehen war, so hielt ich dich für todt, und wollte deinen Lohn unter die Armen vertheilen lassen nach deinem Geheiß. Da kamen aber eines Tages deine älteren Brüder, um diesen Lohn zu erben. Ich übergab die Sache dem Gericht, welches ihnen den Lohn zuerkannte, wie sich's auch gebührte, weil man glaubte, du seiest nicht mehr am Leben. Später traten deine Brüder in meinen Dienst, und stehen noch darin.« Als Schlaukopf diese Rede des Königs hörte, glaubte er zu träumen, denn seines Bedünkens war er nicht länger als zwei Nächte in der unterirdischen Behausung des Alten gewesen, und hatte dann einige Tage gebraucht, um heimzukehren; jetzt zeigte sich's aber, daß jede Nacht Jahreslänge gehabt hatte. Er wollte seine Brüder nicht verklagen, ließ ihnen das Geld, dankte Gott, daß er mit dem Leben davon gekommen war und sah sich nach einem neuen Dienste um. Der königliche Koch nahm ihn als Küchenjungen an, und er mußte jetzt alle Tage den Braten am Spieße drehen. Seine Brüder verachteten ihn wegen dieser geringen Handthierung und mochten nicht mit ihm umgehen, er aber hatte sie doch lieb. So hatte er ihnen auch eines Abends Manches von dem erzählt, was er in der Unterwelt gesehen hatte, wo die Gänse und Enten goldenes und silbernes Gefieder trugen. Die Brüder hinterbrachten das Gehörte dem Könige und baten ihn, er möge ihren jüngsten Bruder doch hinschicken, damit er die seltenen Vögel herbringe. Der König ließ den Küchenjungen rufen und befahl ihm, sich am nächsten Morgen aufzumachen, um die Vögel mit dem kostbaren Gefieder zu holen.
Mit schwerem Herzen machte sich Schlaukopf auf den Weg, nahm aber Ring, Gerte und Schwert, die er heimlich bewahrt hatte, mit sich. Nach einigen Tagen kam er an den Meeresstrand und sah an der Stelle, wo er auf seiner Flucht an's Land gestiegen war, einen alten Mann an einem Steine sitzen. Als er näher trat, fragte ihn der Mann, der einen langen grauen Bart hatte: »Weßhalb bist du so verdrießlich, Freundchen?« Schlaukopf erzählte ihm den schlimmen Handel. Der Alte hieß ihn gutes Muths und ohne Sorge sein und sagte: »So lange der Kraftring in deiner Hand ist, kann dir nichts Böses geschehen.« Dann erhielt Schlaukopf eine Muschel von ihm und wurde bedeutet, mit der Zaubergerte die Brücke bis in die Mitte des Meeres zu schlagen; alsdann solle er mit dem linken Fuße auf die Muschel treten, so werde er dadurch in die Unterwelt gelangen, wo das Gesinde gerade schlafen werde. Weiter hieß er ihn aus Spinnegewebe[45] einen Sack nähen, um die silber- und goldgefiederten Schwimmvögel hineinzuthun; dann solle er unverzüglich zurück kommen. Schlaukopf dankte für die erwünschte Anleitung und eilte fort. Die Sache ging so, wie vorhergesagt war; aber kaum war er mit seiner Beute bis an's Meeresufer gelangt, so hörte er den alten Burschen hinterdrein keuchen und vernahm auch, wie er auf die Brücke trat, wieder dieselben Fragen als das erste Mal: »Nikodemus, Söhnchen! Du hast mir mit dem Rücken des Beils auf den Kopf geschlagen und hast mich bei den Beinen am Balken aufgehängt?« u. s. w. bis zuletzt noch die Frage hinzukam, welche den an den Schwimmvögeln verübten Diebstahl betraf. Schlaukopf antwortete auf jede Frage »ja« und eilte weiter.
So wie ihm der Freund mit dem grauen Barte vorausgesagt hatte, kam er am Abend mit seiner kostbaren Vogellast in der Stadt des Königs an; der Sack aus Spinnegewebe hielt die Thiere so fest, daß keines heraus konnte. Der König schenkte ihm ein Trinkgeld und befahl ihm, am folgenden Tage wieder hinzugehen, denn er hatte von den älteren Brüdern gehört, der Herr der Unterwelt besitze sehr viele goldene und silberne Hausgeräthe, und diese begehrte der König für sich. Schlaukopf wagte nicht sich dem Befehle zu widersetzen, aber er ging unmuthig von dannen, weil er nicht vorher wissen konnte, wie die Sache ablaufen würde. Am Meeresufer aber kam ihm der Mann mit dem grauen Barte freundlich entgegen und fragte ihn nach der Ursache seiner Betrübniß. Alsdann erhielt Schlaukopf wiederum eine Muschel und noch eine Handvoll kleiner Steinchen nebst folgender Anweisung: »Wenn du nach Mittag hin kommst, so liegt der Wirth im Bette, um zu verdauen, die Töchter spinnen in der Stube, und die Großmutter scheuert in der Küche die goldenen und silbernen Gefäße blank. Klettere dann behend auf den Schornstein, wirf die in ein Läppchen eingebundenen Steinchen der Alten an den Hals, folge selbst schleunigst nach, stecke die kostbaren Geräthe in den Sack von Spinnegewebe und dann lauf', was die Beine halten wollen.« Schlaukopf dankte und machte es ganz, wie vorgeschrieben war. Als er aber das Läppchen mit den Steinchen fahren ließ, dehnte es sich zu einem sechslöfigen mit Kieselsteinen gefüllten Sacke aus, der die Alte zu Boden schmetterte. Flugs hatte Schlaukopf alle goldenen und silbernen Gefäße in den Sack von Spinnegewebe gepackt und war davon gejagt.[46] Der »alte Bursche« meinte, als er das Gepolter des Sackes hörte, der Schornstein sei eingestürzt und getraute sich nicht gleich nachzusehen. Als er aber die Großmutter lange vergeblich gerufen hatte, mußte er endlich selbst gehen. Als er das Unglück entdeckte, eilte er, dem Diebe nachzusetzen, der noch nicht weit sein konnte. Schlaukopf war schon auf dem Meere, als der Verfolger ächzend und keuchend an's Ufer kam. »Nikodemus, Söhnchen!« u. s. w. wiederholte der alte Bursche alle früheren fragen der Reihe nach. Die letzte Frage war: »Nikodemus, Söhnchen! hast du mir mein Gold- und Silbergeräth gestohlen?« »Freilich, Papachen!« war die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! versprichst du noch wiederzukommen?« — »Nein, Papachen!« antwortete Schlaukopf und lief auf der Brücke vorwärts. Obwohl der alte Bursche hinter dem Diebe her schimpfte und fluchte, so konnte er seiner doch nicht habhaft werden, weil alle Zauberwerkzeuge in den Händen des Diebes waren.
Schlaukopf fand den Alten mit dem grauen Barte wieder am Strande, warf den schweren Sack mit den Gold- und Silbersachen, den er nur mit Hülfe des Kraftringes hatte fortbringen können, ab, und setzte sich dann, um die müden Glieder auszuruhen. Im Gespräch erfuhr er nun von dem alten Manne Manches, was ihn erschreckte. Der Alte sagte: »Die Brüder hassen dich und trachten, dir auf alle Weise das Garaus zu machen, — wenn du ihrem bösen Anschlag nicht zuvorkommst. Sie werden den König hetzen, dir solche Arbeit aufzutragen bei der du leicht den Tod finden kannst. Wenn du nun heute Abend mit der reichen Last vor den König trittst, so wird er freundlich gegen dich sein, dann erbitte dir als einzigen Gnadenlohn, daß die Tochter des Königs Abends heimlich hinter die Thür gebracht werde, um zu hören, was deine Brüder untereinander sprechen.«
Als Schlaukopf darnach mit der reichen Habe, die man wenigstens auf zehn Pferdelasten schätzen konnte, vor den König trat, fand er diesen sehr freundlich und gütig. Schlaukopf bat nun um den von dem Alten angegebenen Gnadenlohn. Der König war froh, daß der Schatzbringer keinen größeren Lohn verlangte und befahl seiner Tochter, sich Abends heimlich hinter die Thür zu begeben, um zu hören, was der Kutscher und der Kammerdiener miteinander sprächen. Durch das Wohlleben übermüthig geworden, prahlten die Brüder mit ihrem Glücke, und was noch einfältiger war, sie beschimpften dabei lügenhafter Weise des Königs Tochter. Der Kutscher sagte: »Sie ist viele Mal des Nachts zu mir gekommen, um bei mir zu schlafen.« Der Kammerdiener erwiederte lachend: »Das kam daher, weil ich sie nicht mehr wollte und meine Thür vor ihr zuschloß, sonst würde sie jede Nacht in meinem Bette sein.« Roth vor Scham und Zorn kam die Tochter zu ihrem Vater, erzählte weinend, welche eine schamlose Lüge sie mit ihren eigenen Ohren von den Dienern hatte aussprechen hören, und bat, die Frevler zu bestrafen. Der König ließ die Beiden alsbald in's Gefängniß werfen und am andern Tage, nachdem sie vor Gericht ihre Schuld eingestanden hatten, hinrichten. Schlaukopf wurde zum Rathgeber des Königs erhoben.
Nach einiger Zeit fiel ein fremder König mit einem großen Heere in's Land, und Schlaukopf ward gegen den Feind in's Feld geschickt. Da zog er sein aus der Unterwelt geholtes Schwert[47] zum ersten Mal aus der Scheide und begann das feindliche Heer niederzumähen, bis nach kurzer Zeit Alle auf der blutigen Wahlstatt den Tod gefunden hatten. Der König freute sich über diesen Sieg so sehr, daß er Schlaukopf zum Schwiegersohn nahm.
9. Der Donnersohn.[48]
Der Donnersohn schloß mit dem Teufel einen Vertrag auf sieben Jahre, laut dessen der Teufel ihm als Knecht dienen und unweigerlich in allen Stücken des Herrn Willen erfüllen sollte; zum Lohn für treue Dienste versprach ihm der Donnersohn seine Seele zu geben. Der Teufel that seine Schuldigkeit gegen seinen Herrn, er scheute nicht die schwerste Arbeit und murrte nimmer über das Essen, denn er wußte ja, was für einen Lohn er nach sieben Jahren von Rechtswegen erhalten sollte. Sechs Jahre waren vorüber, und das siebente hatte begonnen, aber der Donnersohn hatte durchaus keine Lust, dem bösen Geist seine Seele so wohlfeilen Kaufes zu überlassen, und hoffte deshalb durch irgend eine List den Klauen des Feindes zu entrinnen. Schon beim Abschluß des Vertrages hatte er dem alten Burschen den Streich gespielt, daß er ihm statt des eigenen Blutes Hahnenblut[49] zur Besiegelung gab, und der kurzsichtige hatte den Betrug nicht gemerkt. Und doch war eben dadurch das Band, welches die Seele des Donnersohns unauflöslich verstricken sollte ganz locker geworden. Obgleich indeß das Ende der Dienstzeit immer näher rückte, hatte der Donnersohn sich immer noch keinen Kunstgriff ersonnen, der ihn frei machen konnte. Da traf es sich, daß an einem heißen Tage von Mittag her eine schwarze Wetterwolke aufstieg, die den Ausbruch eines schweren Gewitters drohte. Der alte Bursche verkroch sich sogleich in der Tiefe der Erde, zu welchem Behuf er immer ein Schlupfloch unter einem Steine bereit hatte. »Komm Brüderchen, und leiste mir Gesellschaft, bis das Ungewitter vorüber ist!« bat der Teufel seinen Herrn mit honigsüßer Zunge. »Was versprichst du mir, wenn ich deine Bitte erfülle?« fragte der Donnersohn. Der Teufel meinte, darüber könne man sich unten einigen, denn hier oben mochte er die Bedingungen nicht mehr besprechen, da die Wolke ihm jeden Augenblick über den Hals zu kommen drohte. Der Donnersohn dachte: heute hat die Furcht den alten Burschen ganz mürbe gemacht; wer weiß, ob es mir nicht glückt, mich von ihm los zu machen. So ging er denn mit ihm in die Höhle. Das Gewitter dauerte sehr lange, Krach folgte auf Krach, daß die Erde zitterte und die Felsen erbebten. Bei jeder Erschütterung drückte sich der alte Bursche die Fäuste gegen die Ohren und kniff die Augen fest zu; kalter Schweiß bedeckte seine zitternden Glieder, und er konnte kein Wort hervorbringen. Gegen Abend, als das Gewitter vorüber war, sagte er zum Donnersohn: »Wenn der alte Vater nicht dann und wann so viel Lärm und Getöse[50] machte, so könnte ich mit ihm schon durchkommen und könnte ruhig leben, da mir seine Pfeile unter der Erde nicht schaden können. Aber sein gräßliches Getöse greift mich so an, daß ich gleich die Besinnung verliere und nicht mehr weiß, was ich thue. Denjenigen, der mich von diesem Drangsal befreite, würde ich reichlich belohnen.« Der Donnersohn erwiederte: »Da ist kein besserer Rath, als dem alten Papa das Donnergeräth heimlich wegzunehmen.« »Ich würde es schon entwenden,« antwortete der Teufel, »wenn die Sache möglich wäre, aber der alte Kõu[51] ist stets wachsam, er läßt weder Tag noch Nacht das Donnerwerkzeug aus den Augen, wie wäre da ein Entwenden möglich?« Der Donnersohn blieb aber dabei, daß sich die Sache wohl machen ließe. »Ja, wenn du mir helfen würdest,« rief der Teufel, »dann könnte der Anschlag vielleicht gelingen, ich allein komme damit nicht zu Gange.« Der Donnersohn versprach nun sein Helfershelfer zu werden, verlangte aber dafür keinen geringeren Lohn, als daß der Teufel den Seelenkauf rückgängig mache. »Meinethalben nimm drei Seelen, wenn du mich von dieser gräßlichen Noth und Angst befreist!« rief der Teufel vergnügt. Nun setzte ihm der Donnersohn auseinander, in welcher Weise er die Entwendung für möglich halte, wenn sie sich Beide einmüthig und mit vereinten Kräften an's Werk machten. »Aber,« so schloß er, »wir müssen so lange warten, bis der alte Papa sich wieder einmal so sehr ermüdet, daß er in tiefen Schlaf fällt, denn gewöhnlich schläft er ja wie der Hase mit offenen Augen.«
Einige Zeit nach dieser Berathung brach ein schweres Gewitter aus, das lange anhielt. Der Teufel saß wieder mit dem Donnersohn in seinem Schlupfwinkel unter dem Steine. Die Furcht hatte den alten Burschen so betäubt, daß er kein Wort von dem hörte, was sein Gefährte sprach. Am Abend aber erstiegen Beide einen hohen Berg, wo der alte Bursche den Donnersohn auf seine Schultern hob und sich dann selber durch Zauber immer weiter in die Höhe reckte,[52] wobei er sang:
»Recke, Brüderchen, dich aufwärts,
Wachse, Freundchen, in die Höhe!«
bis er zur Wolkengrenze hinaufgewachsen war. Als der Donnersohn über den Wolkenrand[53] hinüber spähte, sah er den Papa Kõu ruhig schlafen, den Kopf auf zusammengeballte Wolken gestützt, aber die rechte Hand lag quer über das Donnergeräth ausgestreckt. Man konnte das Instrument nicht fortnehmen, weil das Berühren der Hand den Schlafenden geweckt haben würde. Der Donnersohn kroch nun von der Schulter des alten Burschen in die Wolken hinein, schlich leise wie eine Katze näher und suchte sich durch List zu helfen. Er holte hinter seinem Ohre eine Laus hervor und setzte sie dem Papa Kõu zum Kitzeln auf die Nase. Der Alte nahm alsbald die Hand, um seine Nase zu kratzen, in demselben Augenblick aber packte der Donnersohn das frei gewordene Donnerwerkzeug und sprang vom Wolkenrand auf den Nacken des Teufels zurück, der mit ihm den Berg hinunter rannte, als hätte er Feuer hinter sich. Der alte Bursche hielt auch nicht eher an, als bis er die Hölle erreicht hatte. Hier verschloß er seinen Raub in eiserner Kammer hinter sieben Schlössern, dankte dem Donnersohn für die treffliche Hülfe und leistete auf dessen Seele völlig Verzicht.
Jetzt aber brach über die Welt und die Menschen ein Unglück herein, welches der Donnersohn nicht hatte vorhersehen können: die Wolken spendeten keinen Tropfen Feuchtigkeit mehr, und Alles welkte in der Dürre hin. — Habe ich leichtsinniger Weise dieses unerwartete Elend über die Leute gebracht, so muß ich suchen, die Sache, soweit möglich, wieder gut zu machen, — dachte der Donnersohn und überlegte, wie der Noth abzuhelfen sei. Er zog gen Norden an die finnische Grenze, wo ein berühmter Zauberer wohnte, entdeckte ihm den Raub und gab auch an, wo das Donnerwerkzeug gegenwärtig versteckt sei. Da sagte der Zauberer: »Zunächst muß dem alten Vater Kõu Kunde werde, wo sein Donnergeräth festgehalten wird, er findet dann selbst wohl Mittel und Wege, wieder zu seinem Eigenthume zu gelangen.« Und er schickte dem alten Wolkenvater Botschaft durch den Adler des Nordens. Gleich am folgenden Morgen kam Kõu zum Zauberer, um ihm dafür zu danken, daß er die Spur des Diebstahls nachgewiesen hatte. Sodann verwandelte sich der Donnerer in einen Knaben, suchte einen Fischer auf und verdingte sich bei demselben als Sommerarbeiter. Er wußte nämlich, daß der Teufel häufig an den See kam, um Fische zu raffen, und hoffte ihn dort einmal zu treffen. Wiewohl nun der Knabe Pikker[54] Tag und Nacht kein Auge von seinen Netzen verwandte, so verging doch eine Weile, ehe er des Feindes ansichtig wurde. Dem Fischer war es längst aufgefallen, daß oftmals die bei Nacht in den See gelassenen Netze am Morgen leer heraufgezogen wurden, aber er konnte die Ursache nicht erklären. Sein Knabe wußte freilich recht gut, wer der Fischdieb sei, aber er wollte nicht früher sprechen, als bis er seinem Herrn den Dieb auch zeigen könnte.
In einer mondhellen Nacht, als er mit seinem Herrn an den See kam, um nach den Netzen zu sehen, traf es sich, daß der Dieb gerade bei der Arbeit war. Als sie über den Rand ihres Kahnes in's Wasser blickten, sahen sie Beide, wie der alte Bursche aus den Maschen des Netzes Fische heraus holte und in seinen Schultersack stopfte. Am folgenden Tage ging der Fischer einen berühmten Zauberer um Hülfe an und bat ihn, den Dieb durch seine Kunst dermaßen an das Netz zu bannen, daß er ohne Willen des Besitzers sich nicht los machen könne. Das geschah denn auch ganz nach des Fischers Wunsch. Als man am folgenden Tage das Netz aus dem See herauf wand, kam auch der alte Bursche mit an die Oberfläche und wurde an's Ufer gebracht. Hei! was er da vom Fischer und Fischerknaben durchgegerbt wurde! Da er ohne Willen des Zauberers vom Netze nicht loskommen konnte, so mußte er alle Hiebe ruhig hinnehmen. Die Fischer zerschlugen ihm wohl ein Fuder Prügelstecken auf dem Leibe, ohne hinzusehen auf welchen Körpertheil die Schläge fielen. Des alten Burschen Kopf blutete und war dick aufgeschwollen, die Augäpfel traten aus ihren Höhlen, — es war ein gräßlicher Anblick — aber der Fischer und sein Knabe hatten kein Erbarmen mit dem gemarterten Teufel, sondern ruhten nur von Zeit zu Zeit aus, um von neuem darauf los zu dreschen. Als klägliches Bitten nicht half, bot der alte Bursche endlich ein hohes Lösegeld, ja er versprach dem Fischer die Hälfte seiner Habe und noch mehr, wenn der Bann gelöst würde. Der erzürnte Fischer ließ sich aber nicht eher auf den Handel ein, als bis ihm die letzte Kraft ausging, so daß er keinen Stock mehr rühren konnte. Endlich kam, nachdem ein Vertrag geschlossen worden, der alte Bursche mit Hülfe des Zauberers vom Netze los, worauf er den Fischer bat, er möge nebst seinem Knaben mit ihm kommen, um das Lösegeld abzuholen. Wer weiß, ob er nicht hoffte, sie noch durch irgend eine List zu betrügen.
Im Höllenhofe wurde den Gästen ein prächtiges Fest bereitet, das über eine Woche dauerte und bei welchem es an nichts fehlte. Der alte Wirth zeigte den Gästen seine Schatzkammern und geheimnisvollen Geräthe, und ließ von seinen Spielleuten dem Fischer zur Erheiterung die schönsten Weisen aufspielen. Eines Morgens sprach der Knabe Pikker heimlich zum Fischer: »Wenn du heute wieder bewirthet und geehrt wirst, so bitte dir aus, daß man das Instrument bringe, welche in der Eisenkammer hinter sieben Schlössern liegt.« Bei Tische, als die Männer schon einen halben Rausch hatten, bat der Fischer, man möge ihm das Instrument aus der geheimen Kammer zeigen. Der Teufel zeigte sich willig, holte das Instrument herbei und fing selbst an darauf zu spielen. Allein obgleich er aus Leibeskräften hineinblies und die Finger an der Röhre auf und ab bewegte, so war der Ton, den er herausbrachte, doch nicht besser als das Geschrei einer Katze, die in den Schwanz gekniffen wird, oder das Gequieke eines Ferkels, das man auf die Wolfsjagd nimmt.[55] Lachend sagte der Fischer: »Quälet euch nicht umsonst ab! ich sehe wohl, daß aus euch doch kein Dudelsackbläser mehr wird. Mein Hüterknabe wurde es besser machen.« »Oho!« rief der Teufel. — »Ihr meint vielleicht, das Blasen auf dem Dudelsack sei ungefähr wie das Flöten auf einem Weidenrohr, und haltet es für ein Kinderspiel? Komm, Freundchen, versuch' es erst, und wenn du oder dein Hüterknabe etwas wie einen Ton auf dem Instrumente hervorbringen könnt, so will ich nicht länger der Höllenwirth heißen.« »Da versuch's!« rief er und reichte das Instrument dem Knaben hin. Der Knabe Pikker nahm es, als er aber den Mund an die Röhre setzte und hineinblies, da erbebten die Wände der Hölle, der Teufel und sein Gesinde fielen ohnmächtig hin und lagen wie todt da. Plötzlich stand an Stelle des Knaben der alte Vater Donnerer selbst neben dem Fischer, dankte für geleistete Hülfe und sagte: »Künftig, wenn mein Instrument wieder aus den Wolken ertönt, soll deinen Netzen reiche Gabe beschieden sein.« Dann trat er eilig die Heimkehr an.
Unterwegs kam ihm der Donnersohn entgegen, fiel auf die Knie, bereute seine Schuld und bat demüthig um Verzeihung. Der Vater Kõu sagte: »Oft genug vergeht sich des Menschen Leichtsinn gegen die Weisheit des Himmels; danke drum deinem Glücke, Söhnchen, daß ich wieder Macht habe, die Spuren des Elends zu vertilgen, welches deine Thorheit über die Leute gebracht hat.« Mit diesen Worten setzte er sich auf einen Stein und blies das Donnerinstrument, bis die Regenpforten sich aufthaten und die Erde tränkten. Den Donnersohn nahm der alte Kõu als Knecht zu sich, und da muß er noch sein.
10. Pikne's Dudelsack.
In der Urzeit hatte Altvater gar viel zu thun, die Welt in Ordnung zu bringen, und das nahm ihm vom Morgen bis zum Abend alle seine Zeit, so daß er Manches nicht beachtete, was hier und da hinter seinem Rücken vorging. Riesen standen schon von Anbeginn der Welt wider einander, was gar oft die Ruhe störte. So hatten Pikne und der alte Tühi[56] eine Zeitlang ihre Kraft aneinander versucht und darum gekämpft, wer von Beiden die Oberhand gewänne. Obwohl die Männer Tag und Nacht einander auflauerten und sich schier die Köpfe zerbrachen, ob sie einen Gewaltstreich verüben oder List anwenden sollten — so hatten sie doch noch nicht den passenden Augenblick zur Ausführung ihrer Anschläge gefunden. Da traf es sich einmal, daß Pikne, von dem beständigen Wachen müde geworden, eingenickt war und bald wie ein Sack schlief; unglücklicherweise hatte er vergessen, sich seinen Dudelsack zu Häupten zu legen, wo das Instrument sonst immer seinen Platz fand. Der tiefe Schlaf verschloß ihm Augen und Ohren so fest, daß der Mann weder sah noch hörte, was in seiner Nähe vorging. Der alte Tühi, der dem Feinde fast immer auf Schritt und Tritt nachspürte, fand den Pikne schlafend, trat sachte auf den Zehen heran, nahm den Dudelsack von der Seite des Schlafenden und machte sich mit seinem Raube auf die Socken. Dadurch hoffte er jetzt des Donnerer's Vater am meisten zu ärgern und die Macht desselben zu schwächen, daß er das Werkzeug versteckte, welches bis dahin das schlimmste Züchtigungsmittel für die Bewohner der Hölle gewesen war. Als nun Pikne, aus dem Schlafe erwachend, die Augen weit aufsperrte, sah er alsbald, welch einen Verlust ihm, derweil er schlief, der Feind verursacht hatte. Daß kein Andrer als der alte Tühi den Dudelsack hatte stehlen können, das war ihm gleich klar; allein wie sollte er es anfangen, das ihm gestohlene Eigenthum den Klauen des Diebes wieder zu entreißen? Wohl hätte er Altvater die Sache mit den Diebstahl klagen und ihn um Hülfe bitten können, aber dadurch hätte er seine eigene Sorglosigkeit verrathen, und Altvater hätte ihn im Zorn noch obendrein gezüchtigt. Diese Gedanken machten dem Pikne eine Zeitlang viel Sorge, und er flüchtete sich meist an einsame Orte, wo Niemand ihn zu Gesicht bekam. Der alte Tühi nun, der sonst ungeschlacht wie ein Kalb und in allen Stücken einfältig war, hatte doch seine Haut immer vor Pikne zu wahren gewußt. Sonst fürchtete er Pikne's Dudelsack wie die Pest, so daß er schon von weitem davon lief; jetzt aber konnte er schon etwas mehr wagen. Er kannte manches heimliche Schlupfloch, wo Pikne's Pfeile ihm nichts anhaben konnten: auf dem Meeresgrunde konnte er vor Pikne ohne Sorge sein. Pikne dachte gleich, als er des alten Tühi Tagelang nicht ansichtig wurde, daß er irgendwo unter dem Wasser versteckt säße, doch fand er immer keinen zweckmäßigen Plan, wie er des Feindes habhaft werden und ihm den Dudelsack wieder abnehmen könnte. Da hatte er eines Tages plötzlich einen prächtigen Einfall, mit dessen Ausführung er auch nicht säumte. Er nahm die Gestalt eines kleinen Knaben an, ging früh Morgens in ein Dorf am Strande und forschte dort nach, ob es nicht möglich sei, irgendwo bei einem Fischer in Dienst zu treten.
Ein wohlhabender Fischer, Namens Lijon, sagte, nachdem er des feinen Knaben Rede angehört: »Eine Viehherde habe ich nun zwar nicht, wo ich deinesgleichen brauchen könnte, aber ich will dich auf Probe nehmen, ob man aus dir nicht mit der Zeit einen Gehülfen beim Fischfang machen kann. Du siehst mir ganz aus wie ein Geschöpf von klugem Geiste, wenn du nun auch fleißig und folgsam sein wirst, so können wir leicht Handels einig werden.« Als er am folgenden Morgen an den See ging, nahm er den Knaben mit, und lehrte ihn mit Angel und Netzen umzugehen und alle übrigen Obliegenheiten eines Fischers zu besorgen. Schon nach einigen Tagen fand er, daß ihm der muntere Lehrling von Nutzen war, der alle Handgriffe leicht auffaßte und seinem Herrn auf jedem Schritt behülflich zu sein wußte. Allmälig wurde der Knabe gleichsam seine rechte Hand, so daß der Fischer gar nicht mehr allein auf den Fischfang ging. Die anderen Fischer nannten den Knaben spöttisch Lijon's Pudel. Der Knabe aber nahm den Spitznamen gar nicht übel, sondern freute sich des unverhofften Glückes, daß er jetzt täglich vom Morgen bis zum Abend auf dem Wasser fahren konnte, wo der Feind sich doch sicher irgendwo auf dem Grunde versteckt hielt.
Jetzt traf es sich, daß der alte Tühi seinem Sohne Hochzeit machen und den Hochzeitsgästen prächtige Feste geben wollte, so daß die Leute noch lange von seinem Reichthum zu erzählen hätten; — Eitelkeit ist für den Teufel der schlimmste Kitzel! Der alte Höllenvater streckte die Pfoten überall hin, wo er einen Fang zu thun hoffte, am meisten aber trachtete er, das Getreide von solchen Feldern zu schneiden, auf welchen Andere gesäet hatten, so daß er keine weitere Mühe hatte, als den Fleiß Anderer einzusacken. So gerieth er eines Tages auch an den See, dahin, wo der Fischer in der Nacht seine Netze ausgelegt hatte. Er holte sich eben gemächlich die Fische aus den Maschen heraus, als der Fischer mit dem Knaben kam, um die Netze herauszuziehen. Des Knaben Luchsauge hatte mit Blitzesschnelle schon von weitem den Feind unter dem Wasser erblickt. Er zog seinen Herrn bei Seite und flüsterte ihm in's Ohr, woran es läge, daß ihr Fang in den letzten Tagen so schlecht ausgefallen sei. »Eine Diebshand fuschelt jetzt eben am Netze herum« — sagte er, indem er mit ausgestrecktem Finger des Wirths Auge auf den Dieb lenkte, der eben auf dem Grunde des See's bei der Arbeit war und die Kommenden nicht bemerkte. Aber Lijon war ein gewiegter Zauberkünstler, der eine Diebspfote auf frischer That zu bannen wußte, so daß der Dieb nicht hoffen konnte, ohne ihn wieder loszukommen. Als er alle geheimen Bräuche der Ordnung nach vollzogen hatte, ging er mit dem Knaben wieder heim und sagte scherzend: »Mag er bis morgen früh die Fische zahlen, wie viel ihrer in's Netz gegangen sind!« Als man am andern Morgen an den See kam, um die Netze herauszuziehen, wurde Altväterchen Tühi in der Schlinge festgemacht gefunden, und konnte sich nicht losmachen, sondern war genötigt, dem Fischer unter die Augen zu treten. Als nun sein Kopf mit dem Netze auf die Oberfläche des Wassers stieg, versetzte ihm der Fischer mit dem Ruder von Ebereschenholz gleich einige Hiebe zum Gruß, daß dem Männlein die Ohren sausten. Am Ufer nahmen dann Beide, der Fischer und sein Knabe, die Knüttel zur Hand und machten sich daran, dem Diebe seinen Lohn auszuzahlen. Obgleich der Knabe von schmächtigem Körperbau zu sein schien, so schmeckten doch seine Hiebe so bitter, daß sie dem alten Tühi durch Mark und Bein gingen und ihm den Athem zu benehmen drohten. Da begann Tühi zu schreien und zu flehen: »Vergieb mir diesmal, Brüderchen, und höre nur meine Entschuldigung an. Noth treibt den Ochsen an den Brunnen, und Noth trieb auch mich Armen jetzt an dein Netz. Mir steht zu Hause des Sohnes Hochzeit bevor, die, wie du wohl weißt, sich ohne Fische nicht ausrichten läßt. Und da ich selbst keine Netze hatte, mußte ich schon einige Fische aus deinen Netzen auf Borg nehmen. Dies war mein erstes Vergehen gegen dich und soll auch mein letztes bleiben. Ich will mein Lebtag das Bad nicht vergessen, das ihr mir heute eingeheizt habt. Dein Knabe hat mich so wacker gequästet, daß ich meine Knochen nicht fühle und nicht Hand noch Fuß regen kann.« Der Fischer erwiederte: »Mag denn unser Handel diesmal abgemacht sein. Du kennst jetzt meine Netze und wirst dich sicherlich ein ander Mal vor ihnen zu hüten wissen. Nimm den Fischsack auf den Rücken, und dann geh mir flink aus den Augen, daß ich deine Fersen nicht mehr sehe, oder aber —!« Bei diesen Worten zeigte er ihm den Stock. Der alte Tühi küßte dem Fischer die Füße zum Dank dafür, daß er so leichten Kaufes losgekommen war. Obwohl er aber schon über ein Fuder fremder Fische im Sacke hatte, so gelüstete es ihn doch, noch einen Fisch zu fangen, den er für das allerköstlichste Gericht hielt. Mit Honigworten begann er den Fischer zu bitten, auf seines Sohnes Hochzeit zu Gast zu kommen, denn er hoffte dort mit Gewalt oder mit List der Seele des Fischers habhaft zu werden. Der Fischer versprach zu kommen, wenn er auch den Knaben mitbringen könnte. Der alte Tühi dachte: »Vortrefflich, das Glück scheint mir günstiger zu sein, als ich mir vorstellte, hier werden mir zwei für einen geboten.« »Meinethalben bringe den Bengel mit, wenn du allein nicht kommen willst!« rief er Abschied nehmend und schleppte seine vor Schmerz steif gewordenen Glieder weiter.
Obwohl der alte Tühi nun gewöhnlich durch und durch ein Filz ist, so richtete er doch seinem Sohne eine prächtige Hochzeit aus, wo es an Nichts fehlte, sondern Ueberfluß, Glanz und Jubel auf Schritt und Tritt sich vor den Augen der Gäste entfalteten. Tühi zeigte ihnen seinen unermeßlichen Reichthum an Geld und Schätzen, womit in seinen Speichern Kisten und Kasten bis zum Rande angefüllt waren. Er ließ auch mancherlei wundersame Instrumente spielen und noch wundersamere Tänze aufführen, wie es Niemand sonst verstand, als eben nur sein Hausgesinde. »Bitte ihn doch, daß er den Dudelsack herausnimmt, der hinter sieben Schlössern liegt, und uns darauf eine Weise vorspielen läßt!« sagte der Knabe heimlich zu seinem Herrn. Der Fischer kam seinem Wunsche nach und begann sofort dem Höllenvater anzuliegen, daß er ihnen seinen wunderbaren Dudelsack zeige und den Hochzeitsgästen zur Lust ein Stücklein darauf spielen lasse.
Der alte Tühi ging, ohne etwas zu ahnen, zum zweitenmal in die Halle. Er holte des Himmelsdonnerers Dudelsack hinter sieben Schlössern hervor, legte seine fünf Finger an den Hals desselben und fing an aus Leibeskräften zu blasen. Aber sein Spiel gab einen gräulichen Klang. »Werdet nicht böse und nehmt es nicht übel, wenn ich euch geradeaus sage, daß aus euch kein Meister auf dem Dudelsack mehr wird; mein Hirtenknabe könnte es wohl besser machen. Ja ihr könntet bei ihm noch alle Tage in die Lehre gehen.« Tühi, der keinen Betrug witterte, gab dem Knaben den Dudelsack in die Hand. Ob man da ein Wunder sah! Statt des Knaben steht plötzlich der alte Pikne selber da und bläst den Dudelsack so gewaltig, daß der böse Geist mit sammt seinem Gesinde zu Boden stürzt. Pikne eilte darauf mit dem Fischer von dannen, sehr erfreut, daß ihnen die List so vortrefflich gelungen war.
Als sie eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, setzten sie sich Beide auf den Rand eines breiten Steines, um auszuruhen. Hier begann Pikne zur Lust den Dudelsack zu blasen, worauf er dann dem Fischer erzählte, was für Listen er angewandt, um seinen Dudelsack dem alten Tühi wieder abzunehmen. Während des Gespräches fiel plötzlich Regen, welcher die ausgetrocknete Erde nach sieben Monden wieder erfrischte. Pikne dankte, als er schied, seinem gewesenen Brotherrn und versprach, dessen Gebet immer zu erhören. Von der Zeit an ist Lijon der Mittelsmann zwischen Göttern und Menschen geworden und bis auf diesen Tag in diesem Ehrenamte geblieben.
11. Der Zwerge[57] Streit.
Es ging einmal ein Mann durch einen Wald und stieß auf eine kleine Lichtung, wo drei Zwerge in argem Streite miteinander begriffen waren. Sie schlugen, stießen, bissen einander, traten sich mit Füßen und packten sich an den Haaren, daß es gräulich anzusehen war. Der Mann trat näher und fragte, worüber ihr Zank sich entsponnen. »Sehr gut, Bauer, daß du gekommen bist,« schrieen die Zwerge — »du kannst Richter sein und unsern Zank schlichten!« Der Mann sagte: »Erst erzählt mir die Ursache eures Streites, damit ich Recht sprechen kann. Aber schreit nicht Alle zugleich, sondern Einer rede zur Zeit und deutlich, damit ich aus dem, was ihr vorbringt, klug werde.« — »Sehr wohl,« erwiederte Einer der Zwerge. »Ich will dir den Ursprung unserer Streitigkeit erklären. Sieh! Gestern starb unser Vater und wir drei Brüder wollten jetzt seine Erbschaft untereinander theilen; und daraus entstand der Zank.« Der Mann fragte: »Was für eine Erbschaft hinterließ euch denn der Vater?« — »Hier ist seine ganze Verlassenschaft,« erwiederte der wortführende Zwerg, und zeigte dem Manne einen alten Filzhut, ein Paar Bastschuhe und einen tüchtigen Knüttel.
»Seid doch nicht unvernünftig,« sagte der Mann, »sind denn diese unnützen Dinge des Zankes werth? Ein Klügerer würde sie alle zusammen auf einen Misthaufen werfen. Da ihr das aber nicht wollt, so theilt denn. Ihr seid eurer drei und drei Dinge hat der Vater hinterlassen, also nehme Einer den Hut, der Andere die Bastschuhe und der Dritte den Stock, so ist die Sache in Ordnung.« »Das geht nicht!« schrieen die Zwerge. »Diese Dinge darf Niemand theilen, sonst schwindet die geheime Kraft daraus; die Dinge müssen ungetrennt bleiben.« Der Mann erkundigte sich nun weiter, warum man diese unnützen Dinge nicht trennen dürfe, und Einer der Zwerge gab ihm folgenden Bescheid:
»Der alte unscheinbare verknitterte Hut, den ihr da sehet, ist für den, der ihn trägt, der größte Schatz.[58] Wenn er den Hut auf hat, so sieht er Alles, was auf der Welt vorgeht, es sei nah oder fern, sichtbar oder unsichtbar; — ja der Besitzer des Hutes erkennt dann sogar die Gedanken der Menschen. Legt er dann noch die Bastschuhe an und sagt: Ich will nach Kurland oder Polen, so braucht er nichts weiter zu thun, als den Fuß aufzuheben: augenblicklich gelangt er an die gewünschte Stätte. Nimmt der Träger des Hutes und der Bastschuhe dann den Stock in die Hand und schlägt damit durch die Luft, so muß Alles vor ihm schmelzen, es sei Freund oder Feind. Ja starre Felsen, Berge und selbst böse Geister müssen vor diesem Stocke schwinden, denn er ist noch mächtiger als der Donnerkeil, Pikne's Pfeil. Ihr sehet nun selbst, daß man diese drei Dinge nicht trennen darf, sondern wir müssen uns ihrer der Reihe nach bedienen, der Eine heute, der Andere morgen und der Dritte übermorgen.«
»Die Sache scheint spaßhaft genug,« sagte der Mann, dem beim Anhören dieser Erzählung ein guter Gedanke aufstieg. »Wenn ich aber euren Erbschaftsstreit schlichten soll, so muß ich erst probiren, ob auch Alles wahr ist, was ihr sagt.« — »Das kannst du thun,« riefen die Zwerge wie aus einem Munde, »aber beeile dich. Heute wird in Kurland gerade eine prächtige Hochzeit gefeiert, und unsere ganze Freundschaft und Sippschaft hat sich dort versammelt. Wir möchten auch dahin.« Der Mann erwiederte: »Das könnt ihr ja leicht machen, wenn die gerühmte Zauberkraft wirklich in den Dingen steckt.« Darauf nahm er zuerst den alten verknitterten Hut zur Hand, und sah, daß derselbe nicht aus Filz gemacht war, sondern vielmehr aus menschlichen Nägelschnitzeln[59] bestand. Als er den Hut aufsetzte, ward er die prächtige Hochzeit in Kurland gewahr und Alles, was sonst noch in der weiten Welt geschah. Drauf sagte er zu den Zwergen: »Legt mir nun die Bastschuhe an und gebt mir den Stock, dann stellt euch alle drei in eine Reihe, den Rücken zu mir und das Gesicht gegen Morgen gewendet, aber seht euch nicht eher um, als bis ich euch den Bescheid ertheile, wie ihr eure Zauberdinge dem Willen des Vaters gemäß theilen müsset.« — Die einfältigen Zwerge erfüllten ohne Widerrede des Richters Geheiß, kehrten das Gesicht nach Morgen und wandten ihm den Rücken zu. Als der Mann den Hut auf dem Kopfe und die Bastschuhe an den Füßen hatte, schwang er den Knüttel ein paar Mal in der Luft um und ließ ihn dann hart auf die Zwerge fallen. Augenblicklich waren diese wie weggefegt, und es war keine Spur weiter von ihnen geblieben, als drei Tropfen Wasser auf dem Frauenmantel-Blatt,[60] auf welchem die Männlein gestanden hatten.
Da ihm das erste Probestück so gut gelungen war, beschloß der Mann sich nach Kurland zur Hochzeit zu begeben. Mit diesem Wunsche hob er den Fuß auf und rief: »Zur kurischen Hochzeit!« und war in demselben Augenblicke auf dem Feste angekommen. Da fand er eine große Menge Menschen versammelt, Hohe und Niedere, denn der Hochzeitgeber war ein vielgenannter reicher Wirth. Da der Mann mit dem Zauberhute Verborgenes eben so gut gewahrte, wie Offenbares, so sah er, als er die Augen zur Decke emporhob, daß sich an derselben und auf den Dörrstangen[61] ein Schwarm kleiner Gäste befand, deren Menge viel größer zu sein schien, als die der eingeladenen Gäste unten. Außer ihm aber konnte niemand das kleine Volk sehen. Die Kleinen flüsterten: »Seht doch! der alte Ohm ist auch zur Hochzeit gekommen.« — »Nein!« riefen andere dagegen, — »der fremde Mann hat wohl des Ohms Hut, Bastschuhe und Stock, aber der Ohm selbst ist nicht hier.« Inzwischen wurden die Schüsseln mit den Speisen aufgetragen, und zwar lagen Deckel darauf. Da sah der Allsichtige, was von den Uebrigen niemand bemerkte, daß mit einer wunderbaren Geschwindigkeit die guten Speisen aus den Schüsseln herausgenommen und schlechtere dafür hineingethan wurden.[62] Eben so ging es mit den Kannen und Flaschen. Jetzt fragte der Allsichtige nach dem Hausherrn, trat mit schicklichem Gruß zu ihm und sagte: »Nehmt es nicht übel, daß ich als unbekannter Fremder unerwartet zu eurem Feste gekommen bin.« »Seid willkommen,« entgegnete der Wirth —»Speise und Trank haben wir genug, so daß uns ein und der andere ungeladene Gast nicht lästig fallen kann.« Der Allsichtige versetzte: »Ich will es glauben, daß ein Gast mehr oder weniger hier nicht lästig fällt, wenn aber die Zahl der ungebetenen Gäste die der gebetenen übersteigt, da kann doch auch der reichste Wirth zu kurz kommen.« »Ich verstehe eure Rede nicht,« sagte der Wirth. Der Fremde gab ihm seinen Hut und sagte: »Setzet meinen Hut auf und hebt die Augen zur Decke hinauf, da werdet ihr schon sehen.« Der Wirth that es, und als er sah, was für Streiche die kleinen Gäste mit der Mahlzeit verübten, wurde er todtenbleich und rief mit zitternder Stimme: »Ei, Freundchen! von diesen Gästen hat meine Seele nichts gewußt; und da ich euren Hut wieder abnehme, sind sie verschwunden. Wie könnte ich sie wohl los werden?« Der Eigner des Hutes erwiederte: »Ich will euch die kleinen Gäste bald vom Halse schaffen, wenn ihr die geladenen Gäste auf kurze Zeit hinausführen, Thüren und Fenster sorgfältig verschließen und dafür sorgen wollt, daß nirgends ein Astloch oder ein Spalt in der Wand unverstopft bleibt.« Obwohl der Festgeber dem Dinge nicht recht traute, so that er doch was der Fremde gewünscht hatte, und bat ihn, die kleinen Windbeutel hinauszujagen.
Nach einer kleinen Weile war das Gemach von den geladenen Gästen geräumt, Thüren, Fenster und andere Oeffnungen sorgfältig verschlossen, und der Allsichtige war mit den kleinen Gästen allein. Da begann er seinen Knüttel gegen die Decke und in den Zimmerecken zu schwingen, daß es eine Lust war zu sehen! In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar der kleinen Gäste vernichtet, und an der Diele lagen so viele Wassertropfen, als wenn es stark geregnet hätte. Nur ein Bohrloch war zufällig unverstopft geblieben, dahinaus schlüpfte eins der Zwerglein, wiewohl der Knüttel den Flüchtling noch gestreift hatte. Dieser stöhnte auf dem Hofe: »Ai, ai, was für ein Schmerz! Schon manches Mal habe ich die Pfeile des alten Papa Pikne geschmeckt, aber das war nichts gegen diesen Knüttel.«
Als der Wirth mit Hülfe des Wunderhutes sich überzeugt hatte, daß das Gemach von den Zwerglein gereinigt war, bat er die Gäste wieder einzutreten. Bei Tische durchschaute der Allsichtige die geheimen Gedanken der Hochzeitsgäste, und erfuhr Manches, wovon die Andern nichts ahndeten. Der Bräutigam trug mehr Verlangen nach der Habe seines Schwiegervaters, als nach seiner jungen Frau; diese, welche als Mädchen mit dem Junker des Gutes zu thun gehabt hatte, hoffte durch ihren Mann und ihre Haube ihre Schande zu bedecken. — Jammerschade, daß in unsern Tagen solche Hüte nirgends mehr zu finden sind.
12. Die Galgenmännlein.
Ein Prediger suchte schon seit einiger Zeit einen Knecht, der neben seinen andern Geschäften auch die Verpflichtung übernehmen sollte, allmitternächtlich die Kirchenglocke zu läuten. Zwar hatten schon viele und zum Theil sehr brauchbare Männer den Dienst angenommen, allein sobald sie sich aufgemacht hatten, um das nächtliche Läuten zu besorgen, waren sie plötzlich wie in die Erde gesunken; kein Glockenschlag war zu hören, und kein Glöckner kam zurück. Der Prediger hielt die Sache sehr geheim, aber das plötzliche Verschwinden so vieler Menschen wurde doch allmählich ruchbar, und es wollte Niemand mehr bei ihm dienen.
Je bekannter die Sache wurde, desto bedenklicher schüttelten die Leute den Kopf, und es fehlte auch nicht an bösen Zungen, welche aussprengten, daß der Prediger selber die Knechte umgebracht habe. Nothgedrungen hatte er jetzt verdoppelten Lohn nebst guter Kost angeboten. Monate lang hatte er jeden Sonntag nach der Predigt von der Kanzel herab verkündet: »Ich brauche einen tüchtigen Knecht, verspreche reichlichen Lohn, gute Nahrung u. s. w.« — es war aber immer erfolglos geblieben. Da kommt eines Tages der schlaue Hans und bietet sich an; er hatte zuletzt bei einem geizigen Herrn gedient, darum zog ihn das Versprechen guter Nahrung zu dem Geistlichen, und er wollte den Dienst gleich antreten. »Ganz wohl, mein Sohn,« sagte der Prediger: »wenn es dir an Muth und Gottvertrauen nicht fehlt, so kannst du schon diese Nacht dein Probestück ablegen. Morgen wollen wir dann den Dienstvertrag abschließen.«
Hans war damit zufrieden, ging in die Gesinde-Stube und machte sich um seinen neuen Dienst keine Sorge. Der Prediger war ein Geizhals und ward immer verdrießlich, wenn das Gesinde zu viel aß, deßhalb kam er meist während der Mahlzeit herein, weil er hoffte, die Leute würden in seiner Gegenwart weniger dreist zulangen. Er ermahnte das Gesinde, zwischen dem Essen recht oft zu trinken, denn er meinte, je mehr Flüssiges Einer im Magen habe, desto weniger Platz werde für Brot und Zukost übrig bleiben. Hans aber war schlauer als sein Herr, er leerte den Krug auf einen Zug und sagte: »Das macht noch einmal so viel Platz für die Speise.« Der Prediger wähnte, daß sich die Sache wirklich so verhalte, und forderte seitdem seine Leute nicht mehr zum Trinken auf. Hans aber lachte innerlich, daß ihm das Schelmstück gelungen war.
Etwa eine Stunde vor Mitternacht ging Hans in die Kirche. Er fand sie inwendig erleuchtet und war ein wenig verwundert, als er beim Eintreten eine zahlreiche Gesellschaft vorfand, welche nicht die Andacht hier zusammengeführt hatte. Die Leute saßen um einen langen Tisch und spielten Karten. Hans empfand keine Furcht, oder, wenn er etwas davon verspürte, so war er doch klug genug, es sich nicht merken zu lassen. Er ging dreist an den Tisch und setzte sich zu den Spielern. Einer derselben bemerkte ihn und fragte: »Freundchen, was hast du hier zu suchen?« Hans sah ihn eine Weile groß an und sagte dann lachend: »Du Naseweis solltest dir lieber das Maul stopfen! Wenn Jemand hier ein Recht hat zu fragen, so meine ich es zu sein. Wenn ich mich meines Rechtes nicht bediene, so wäre es für euch gewiß das Gescheuteste, euer vorlautes Maul zu stopfen!«
Darauf nahm Hans Karten zur Hand und spielte mit den unbekannten Männern, als wären es seine besten Freunde. Er hatte viel Glück, denn sein Einsatz verdoppelte sich ihm, und dadurch wurden manchem seiner Mitspieler die Taschen geleert. Da hörte man einen Hahnenschrei, Mitternacht mußte angebrochen sein, plötzlich erloschen die Lichter und im Nu waren die Spieler sammt Tisch und Bänken verschwunden. Hans mußte in der dunklen Kirche eine Zeitlang herumtappen, bis er endlich den Eingang zur Thurmtreppe fand.
Als er den ersten Absatz hinauf geklettert war, sah er auf der obersten Stufe ein Männlein sitzen, dem der Kopf fehlte. »Hoho, mein Kleiner, was hast du hier zu suchen?« fragte Hans, und versetzte ihm, ohne die Antwort abzuwarten, einen so derben Fußtritt in den Nacken, daß das Männlein die lange Treppe hinunter rollte. Auf der zweiten, dritten und vierten Treppe fand er eben solche stumme Wächter, und ließ sie einen nach dem andern hinunterpurzeln, daß ihnen alle Knochen im Leibe knackten.
Endlich war Hans ungehindert zur Glocke gelangt. Als er hinauf sah, um sich zu überzeugen, daß Alles in gehörigem Stande sei, erblickte er noch ein kopfloses Männlein, das zusammengekauert in der Glocke saß. Es hatte den Glockenklöppel losgemacht und schien darauf zu warten, daß Hans den Glockenstrang anzöge, um ihm dann den schweren Klöppel auf den Kopf zu schmeißen, was dem Glöckner sicher den Tod gebracht hätte.
»Halt, Freundchen!« rief Hans — »so haben wir nicht gewettet. Du hast wohl gesehen, wie ich deine kleinen Kameraden, ohne ihre eigenen Beinchen zu bemühen, die Treppe habe hinunter rollen lassen? Gleich sollst du hinter ihnen her fliegen. Aber weil du am höchsten sitzest, sollst du auch die stolzeste Fahrt machen, ich will dich zur Luke hinauswerfen, daß dir die Lust vergehen soll, wiederzukommen.«
Mit diesen Worten setzte er die Leiter an, um den Kleinen aus der Glocke heraus zu holen und seine Drohung wahr zu machen. Das Männlein erkannte die Gefahr, in der es schwebte, und fing an zu bitten: »Brüderchen! schone mein armes Leben! Dafür will ich dir fest versprechen, daß weder ich noch meine Kameraden dich je wieder beim nächtlichen Läuten stören sollen. Wohl bin ich klein und unansehnlich, allein wer weiß, ob es sich nicht einmal fügt, daß ich dir für deine Wohlthat mehr erstatten kann, als einen Bettlerdank.«
»Du winziger Knirps!« lachte Hans. »Deine Dankesgabe wird eine Mücke auf ihrem Schwanze fortbringen können! Aber da ich heute gerade bei guter Laune bin, so magst du am Leben bleiben. Doch hüte dich, mir wieder in die Quere zu kommen, ich möchte sonst ein zweites Mal nicht mit dir spaßen.« Das kopflose Männlein dankte demüthig, kletterte wie ein Eichhörnchen an dem Glockenstrang herab und lief die Thurmtreppe herunter, als hätte es Feuer in der Tasche. Hans läutete jetzt nach Herzenslust.
Als der Pfarrer um Mitternacht die Kirchenglocke hörte, verwunderte er sich und war froh, daß er doch endlich einen Knecht gefunden, der das Probestück glücklich zu Stande gebracht hatte. Hans ging nach gethaner Arbeit auf den Heuboden und legte sich schlafen.
Der Pfarrer pflegte früh am Morgen aufzustehen, um nachzusehen, ob die Leute bei ihrer Arbeit seien. Alle waren an ihrem Platze, nur der neue Knecht fehlte, und keiner wollte ihn gesehen haben. Als nun Mittmorgen[63] vorüber war, und es eilf Uhr wurde und Hans noch immer nicht erschien, da ward dem Pfarrer bange und er glaubte nicht anders, als daß der Glöckner sein Ende gefunden habe, wie seine Vorgänger. Als aber das Gesinde durch das Klopfbrett zum Mittagessen zusammengerufen wurde, kam auch Hans zum Vorschein. »Wo bist du den ganzen Vormittag gewesen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe geschlafen,« antwortete Hans gähnend.
»Geschlafen!« rief der Pfarrer erstaunt. »Du wirst doch nicht meinen, daß du alle Tage bis Mittag schlafen kannst?«
»Ich meine,« erwiederte Hans, »das ist so klar wie Quellwasser. Niemand kann zweien Herren dienen. Wer Nachts arbeitet, der muß am Tage schlafen, so wie für den Tagarbeiter die Nacht zur Ruhe gemacht ist. Nehmt mir das nächtliche Glockenläuten ab, so bin ich bereit, mit Sonnenaufgang an die Arbeit zu gehen. Wenn ich aber Nachts die Glocke läuten soll, so muß ich am Tage schlafen, zum allermindesten bis Mittag.«
Nachdem sie lange hin und her gestritten hatten, wurden sie endlich über folgende Bedingungen einig. Hans sollte von dem nächtlichen Läuten befreit werden, und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, nach Mittmorgen eine halbe und nach dem Mittagsessen eine ganze Stunde schlafen; den Sonntag aber ganz frei sein. »Aber,« sagte der Pfarrer, »bisweilen könnten doch noch Kleinigkeiten vorfallen, besonders im Winter, wo die Tage kurz sind, und die Arbeit würde dann länger dauern.« —»Mit nichten,« rief Hans, — »dafür sind im Sommer die Tage wieder lang.[64] Ich werde nicht mehr thun, als wozu ich verpflichtet bin, nämlich an Werkeltagen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten.«
Einige Zeit darauf wurde der Pfarrer gebeten, zu einer großen Kindtaufe zur Stadt zu kommen. Die Stadt war nur einige Stunden weit vom Pfarrhof, dennoch nahm Hans den Brotsack mit. »Weswegen thust du das?« fragte der Prediger, »wir werden ja zum Abend in der Stadt sein.« Hans antwortete: »Wer kann Alles vorher wissen? unterwegs kann so Manches vorfallen, was unsere Fahrt verzögert, und ihr kennt unsern Contract, nach welchem ich nur bis Sonnenuntergang verpflichtet bin, euch zu bedienen. Sollte die Sonne untergehen, ehe wir die Stadt erreichen, so müßtet ihr schon allein weiter fahren.«
Da der Pfarrer diese Rede für Scherz hielt, gab er ihm keine Antwort, und sie fuhren ab. Kurz vorher war frischer Schnee gefallen, den der Wind zusammengeweht hatte, so daß der Weg stellenweise verschüttet war und schnelles Fahren unmöglich machte. Unweit der Stadt mußten sie durch einen großen Wald. Als sie ihn erreicht hatten, lag die Sonne schon auf den Wipfeln der Bäume. Die Pferde schleppten sich langsam Schritt für Schritt durch den tiefen Schnee, und Hans drehte sich öfter nach der Sonne um. »Warum siehst du so oft hinter dich?« fragte der Pfarrer. »Weil ich im Nacken keine Augen habe,« erwiederte Hans. »Laß jetzt deine Narrenspossen,« sagte der Pfarrer, »und sieh' zu, daß wir in die Stadt kommen, ehe es ganz finster wird.« Hans fuhr weiter, ohne ein Wort zu verlieren, unterließ aber nicht, von Zeit zu Zeit die Sonne zu beobachten.
Sie mochten etwa in der Mitte des Waldes sein, als die Sonne unterging. Hans hielt die Pferde an, nahm seinen Brotsack und stieg aus dem Schlitten. »Nun Hans, bist du toll geworden? was machst du?« fragte der Seelenhirt. Aber Hans gab ruhig zur Antwort: »Ich will mir hier ein Nachtlager zurecht machen, die Sonne ist untergegangen, und meine Arbeitszeit ist um.« Sein Brotherr that alles Mögliche, er bat und drohte abwechselnd, als aber Alles nichts half, versprach er ihm zuletzt ein gutes Trinkgeld und eine Zulage zum Jahreslohn. »Schämt ihr euch nicht, Herr Pastor!« sagte Hans —»wollt ihr der Versucher sein und mich vom rechten Wege abbringen, so daß ich gegen die Abmachung handle? Alle Schätze der Welt können mich dazu nicht verlocken; man faßt den Mann beim Wort, wie den Ochsen beim Horn. Wollt ihr noch heut Abend zur Stadt, so fahret in Gottes Namen allein, ich kann nicht weiter mit euch kommen, denn meine Dienst-Stunden sind abgelaufen.«
»Mein lieber Hans, Goldjunge!« sagte jetzt der Pfarrer, »ich darf dich hier nicht allein lassen. Blick' nur um dich, so wirst du sehen, in welche Gefahr du dich muthwillig begiebst. Dort ist der Richtplatz mit dem Galgen, es hängen zwei Missethäter daran, deren Seelen in der Hölle brennen. Du wirst doch nicht in der Nähe solcher Gesellen die Nacht zubringen wollen?« »Warum denn nicht?« fragte Hans. »Die Galgenvögel hängen oben in der Luft, ich nehme mein Nachtlager unten auf der Erde, da können wir uns einander nichts anhaben.« Mit diesen Worten kehrte er seinem Herrn den Rücken und ging mit seinem Brotsack davon.
Wollte der Pfarrer die Taufgebühren nicht einbüßen, so mußte er allein zur Stadt fahren. Hier war man nicht wenig erstaunt, ihn ohne Kutscher ankommen zu sehen; als er aber seine wunderliche Unterhaltung mit Hans erzählt hatte, wußten die Leute nicht, wen sie für den größten Thoren halten sollten, ob den Herrn oder den Diener.
Hansen war es gleichgültig, was die Leute von ihm dachten oder sagten. Mit Hülfe seines Brotsacks hatte er die Forderungen seines Magens befriedigt, dann zündete er sich seinen Nasenwärmer (Pfeife) an, machte unter einer breiten ästigen Fichte sein Lager zurecht, wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief ein. Einige Stunden mochte er geschlafen haben, als ein plötzlicher Lärm ihn aufweckte. Die Nacht war mondhell. Dicht neben seinem Lager standen zwei kopflose Männlein unter der Fichte und führten zornige Reden. Hans richtete sich in die Höhe, um besser zu sehen, aber in demselben Augenblick riefen die Männlein: »Er ist es, er ist es!« Der eine trat dann näher an Hansen's Lager und sagte: »Alter Freund! ein glücklicher Zufall führt uns zusammen. Meine Knochen thun mir noch weh von der Thurmtreppe her in der Kirche, du hast wohl die Geschichte nicht vergessen? dafür sollen heute deine Knochen dermaßen bearbeitet werden, daß du Wochenlang an unser Zusammentreffen denken sollst. He! Gesellen! Holt aus und macht euch dran!«
Wie ein dichter Mückenschwarm sprangen nun von allen Seiten die kopflosen Männlein herbei, Alle mit tüchtigen prügeln bewaffnet, die größer waren als ihre Träger. Die Masse dieser kleinen Feinde drohte Gefahr, denn ihre Schläge fielen so hart, daß ein starker Mann kaum bessere hätte führen können. Hans glaubte, sein letztes Stündlein sei gekommen; einem so zahlreichen Feindeshaufen konnte er keinen Widerstand leisten. Sein Glück war es, daß gerade, als das Prügeln im besten Gange war, noch ein Männlein dazu kam. »Haltet ein, haltet ein, Kameraden!« rief er den Seinigen zu. »Dieser Mann war einst mein Wohlthäter und ich bin sein Schuldner. Er schenkte mir das Leben, als ich in seiner Gewalt war. Hat er einige von euch unsanft die Treppe hinunter geworfen, so ist doch glücklicher Weise keiner lahm geworden. Das warme Bad hat die zerschlagenen Glieder längst wieder geschmeidigt, darum verzeiht ihm und geht nach Hause.«
Die kopflosen Männlein ließen sich leicht durch ihren Kameraden beschwichtigen und gingen still fort. Hans erkannte jetzt in seinem Retter den nächtlichen Geist in der Kirchenglocke. Dieser setzte sich nun unter der Fichte neben Hans nieder und sagte: »Damals verlachtest du mich, als ich dir sagte, vielleicht komme einmal eine Zeit, wo ich dir nützlich werden könnte. Heute ist ein solcher Augenblick nun eingetreten, und daraus lerne, daß man auch das kleinste Geschöpf auf der Welt nicht verachten darf.« »Ich danke dir von Herzen,« sagte Hans — »meine Knochen sind von ihren Schlägen wie zermalmt, und ich hätte das Bad leicht mit dem Leben bezahlen können, wenn du nicht zu rechter Zeit dazu gekommen wärest.«
Das kopflose Männlein fuhr fort: »Meine Schuld wäre jetzt getilgt; aber ich will mehr thun und dir für die erhaltenen Schläge noch Schmerzensgeld zahlen. Du brauchst dich nicht länger als Knecht bei einem geizigen Pastor zu quälen. Wenn du morgen nach Hause kommst, so geh' gleich zur nördlichen Kirchenecke, da wirst du einen großen Stein eingemauert finden, der nicht wie die andern mit Kalk getüncht ist. Uebermorgen Nacht haben wir Vollmond: dann brich um Mitternacht den bezeichneten Stein mit der Brechstange aus der Mauer heraus. Unter dem Steine wirst du einen unermeßlichen Schatz finden, an dem viele Geschlechter gesammelt haben: goldenes und silbernes Kirchengeräthe und sehr viel baares Geld wurde hier, als einst eine Kriegsnoth herrschte, vergraben. Diejenigen, welche den Schatz hier verbargen, sind schon vor mehr als hundert Jahren alle gestorben, und keine Seele weiß jetzt um die Sache. Ein Drittel des Geldes mußt du unter die Kirchspiels-Armen vertheilen, alles Andere ist von Rechtswegen dein Eigenthum, womit du verfahren kannst, wie es dir beliebt.« In diesem Augenblicke hörte man aus dem fernen Dorfe den Hahnenschrei und plötzlich war das kopflose Männlein wie weggefegt. Hans konnte lange vor Schmerz in den Gliedern nicht einschlafen und dachte viel über den verborgenen Schatz; erst gegen Morgen verfiel er in Schlummer.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sein Brotherr aus der Stadt zurückkam. »Hans, du warst gestern ein großer Thor, daß du nicht mit mir fuhrst,« sagte der Pfarrer. »Sieh', ich habe gut gegessen und getrunken und überdies noch Geld in der Tasche.« Indem er so sprach, klapperte er mit dem Gelde, um dem Knecht das Herz noch schwerer zu machen. Hans aber erwiederte ruhig: »Ihr, geehrter Herr Pastor, habt für das Bischen Geld die Nacht wachen müssen, während ich im Schlafe hundertmal mehr verdient habe.« »Zeige mir doch, was hast du verdient?« fragte der Prediger. Aber Hans antwortete: »Die Narren prahlen mit ihren Kopeken, aber die Klugen verstecken ihre Rubel.«
Zu Hause angelangt, besorgte Hans rasch, was ihm oblag, spannte die Pferde aus und warf ihnen Futter vor, ging dann um die Kirche herum und fand an der bezeichneten Stelle den nicht getünchten Mauerstein.
In der ersten Nacht des Vollmonds, als die Andern alle schliefen, verließ er heimlich mit einer Brechstange das Haus, brach mit vieler Mühe den Stein heraus und fand in der That die Grube mit dem Gelde, ganz wie das Männlein gesagt hatte. Am Sonntage vertheilte er den dritten Theil unter die Armen des Kirchspiels, kündigte dann dem Prediger auf, und da er für die kurze Zeit keinen Lohn verlangte, so wurde er ohne Widerrede entlassen. Hans aber zog weit weg, kaufte sich einen schönen Bauerhof, nahm ein junges Weib und lebte dann noch viele Jahre glücklich und in Frieden.
Zu der Zeit, als mein Großvater Hüterknabe war, lebten in unserm Dorfe noch viele alte Leute, welche den Hans gekannt hatten und die Wahrheit dieser Geschichte bezeugen konnten.
13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen.
Einmal war eines großen Königs Tochter plötzlich gestorben, und Trauer und Wehklagen erfüllte das ganze Land. An dem Tage, wo die Todte eingesargt werden sollte, kam aus fernen Landen ein weiser Mann (Zauberer) in die trauernde Königsstadt. Er schloß aus der allgemeinen Bekümmerniß, daß hier etwas Besonderes vorgefallen sein müsse und fragte, was denn die Bewohner so sehr drücke. Als er Auskunft erhalten hatte, begab er sich in den königlichen Palast, nannte sich einen weisen Arzt und bat um Zutritt zum Könige. Schon auf der Schwelle rief er mit starker Stimme: »Die Jungfrau ist nicht todt, sondern nur müde, laßt sie eine Zeitlang ruhen.« Als der König diesen Ausspruch gehört hatte, befahl er dem Fremden, näher zu treten. Der Zauberer aber sagte: »Die Jungfrau darf nicht zu Grabe gebracht werden. Ich werde einen Glaskasten machen, darin wollen wir sie betten und ruhig schlafen lassen, bis die Zeit des Erwachens heran kommt.«
Der König war höchlich erfreut über diese Rede und versprach dem Zauberer reichen Lohn, wenn seine Verheißung sich erfüllen würde. Dieser machte darauf einen großen Glaskasten, legte seidene Kissen hinein, bettete die Königstochter darauf, schloß den Deckel und ließ den Kasten in ein großes Gemach tragen, jedoch Wachen vor die Thür stellen, damit Niemand die Schlafende wecke.
Nachdem dies geschehen war, sagte der Zauberer zum Könige: »Sendet jetzt überall hin und lasset allen Glasvorrath aufkaufen, dann werde ich einen Ofen bauen, der größer sein wird als eure Königsstadt, und in welchem wir unser Glas zu einem Berge zusammenschmelzen wollen. Wenn sechs Jahre verstrichen sind, und der Lerchensang den siebenten Sommer ankündigt, dann sendet Boten nach allen Richtungen hin, und lasset bekannt machen, daß es jedem jungen Manne erlaubt sei, sich als Bewerber um eure Tochter einzufinden. Wer von den Freiern dann, sei es zu Pferde, oder auf seinen eigenen Füßen, des Glasberges Gipfel erklimmt, der muß euer Schwiegersohn werden. Wenn nämlich der auserkorene Mann kommt, was binnen sieben Jahren und sieben Tagen geschehen wird, dann wird eure Tochter aus dem Schlafe erwachen und dem Jüngling einen goldenen Ring geben. Wer euch diesen Ring bringt, und wäre es der geringste eurer Unterthanen, ja auch eines Tagelöhner's Sohn, dem müßt ihr eure Tochter zur Gemahlin geben, sonst wird sie in ewigen Schlaf versinken.«
Der König versprach, sich in allen Stücken nach dieser Vorschrift zu richten, und gab sofort Befehl, in allen angränzenden Ländern den Glasvorrath anzukaufen. Als das sechste Jahr ablief, war so viel Glas beisammen, daß es eine Fläche von einer Meile sieben Klafter hoch bedeckte.
Inzwischen hatte der Zauberer seinen Schmelzofen fertig, der so hoch war, daß er fast an die unterste Wolkenschicht reichte. Der König stellte ihm zweitausend Arbeiter zur Verfügung, welche das Glas in den Ofen thaten. Hier schmolz es, und die Hitze wurde so stark, daß Sümpfe, Flüsse und kleine Seen austrockneten, ja selbst in Quellen und tiefen Brunnen eine Abnahme des Wassers zu bemerken war.
Während nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in eine Bauernhütte treten, die nicht weit von der Königsstadt liegt, und wo ein alter Vater mit seinen drei Söhnen wohnt. Die beiden älteren Brüder waren gescheute, gewiegte Bursche, der jüngste aber etwas einfältig. Als der Vater erkrankte und sein Ende herannahen fühlte, ließ er seine Söhne vor sein Lager treten und sprach folgendermaßen: »Ich fühle, daß mein Heimgang herannaht, deßhalb will ich euch meinen letzten Willen kund thun. Ihr, meine lieben älteren Söhne, sollt gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide heirathet. Die Herrschaft zweier Herdesköniginnen würde einen Riß in's Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: »Wo sieben unbeweibte Brüder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen zu eng; sie müssen sich zausen.« Tritt aber dieser Fall ein, so sollt ihr Haus und Felder unter einander theilen. Euer jüngster Bruder aber, der weder zum Wirth noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch beiden meinen Geldkasten. Euer jüngster Bruder ist zwar etwas kurz von Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat.« Die älteren Brüder versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge des Vaters Willen zu erfüllen, der jüngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. »Noch Eins will ich sagen,« fuhr der Vater fort — »wenn ich todt bin und ihr mich begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, daß jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht.« Beide älteren Brüder versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge, des Vaters Willen zu erfüllen, der jüngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer geschlossen.
Die beiden älteren Brüder richteten ein großes Gastmahl an und luden viele Gäste ein, damit der todte Vater mit allen Ehren bestattet werde. Sie selbst waren guter Dinge und aßen und tranken wie auf einer Hochzeit, während ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters stand; als der Sarg dann weggetragen und in's Grab gesenkt wurde, da war dem jüngsten Sohne zu Muthe, als wären nun alle Freuden abgestorben und mit dem Vater begraben.
Spät am Abend, als die letzten Gäste fortgegangen waren, fragte der jüngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die andern sagten: »Wir sind müde von der Besorgung des Begräbnisses, wir können heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu thun, also geh du und halte Wache.«
Der jüngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo Alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tönte:[65]
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Der Sohn verstand die Frage und antwortete:
»Das ist ja dein jüngster Knabe,
Dessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte weiter, warum die älteren Brüder nicht zuerst zur Wacht gekommen seien, worauf der jüngste sie entschuldigte, sie hätten, ermüdet von der Beerdigung, heute nicht kommen können.
Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wünschen wirst, um in die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu können. Dann tritt an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die erste nächtliche Wacht.« Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter heim, frühstückte etwas, um sich zu stärken, und legte sich dann nieder, um zu ruhen.
Als am Abend die Zeit herankam, fragte er bei den Brüdern an, wer von ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die Brüder antworteten spöttisch: »Nun es wird wohl Niemand kommen, um den Vater aus dem Grabe zu stehlen. Wenn du aber Lust hast, so kannst du ja auch diese Nacht dort wachen. Aber mit all deinem Wachen wirst du den Vater nicht wieder ins Leben zurückrufen.« Der jüngste Bruder wurde über diese lieblose Rede noch betrübter und verließ mit Thränen in den Augen das Gemach.
Auf dem Grabe des Vaters war Alles ruhig, wie gestern Nacht, nur die Grille zirpte im Grase. Damit er nicht einschliefe, ging er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte wohl Mitternacht sein, die Hähne hatten schon zweimal gekräht, als eine klagende Stimme aus dem Grabe sich vernehmen ließ:
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen?«
Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:
»Das ist ja dein jüngster Knabe,
Dessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte weiter, warum keiner der älteren Brüder gekommen sei, und der jüngste entschuldigte sie, sie seien von dem Tagewerk zu ermüdet, um zu wachen.
Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, darum werde ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit kommen, wo du dir einen noch besseren Anzug wünschen wirst, als den, welchen du dir gestern verdient hast. Dann tritt nur dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die zweite nächtliche Wacht!« Sofort wirst du einen prächtigeren Anzug und ein schöneres Pferd erhalten, so daß die Leute ihre Augen nicht von dir wegwenden mögen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging er von der Grabeswacht nach Hause, fand die beiden älteren Brüder noch schlafend, frühstückte etwas, um sich zu stärken, streckte sich dann auf die Ofenbank hin und schlief, bis die Sonne schon etwas über Mittag stand.
Als am Abend die Zeit wieder herannahte, fragte er die Brüder, wer von ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde? Sie lachten und antworteten spöttisch: »Wer die wohlfeile Arbeit zwei Nächte gethan hat, der kann sie auch die dritte Nacht thun. Der Vater wird aus seinem Grabe nicht davonlaufen, und noch weniger werden die Leute kommen, ihn zu stehlen. Wäre er noch bei vollem Verstande gewesen, so hätte er einen Wunsch dieser Art gar nicht geäußert.« Der jüngste Bruder war sehr betrübt über ihre lieblose Rede, und ging wieder mit thränenden Augen davon.
Auf dem Grabe des Vaters war Alles still, wie die beiden Nächte zuvor, nur die Grille zirpte im Grase, und die Schnepfe[66] meckerte unter hohem Himmel. Um nicht einzuschlafen, ging der Grabeswächter leisen Schrittes auf und ab. Es mochte Mitternacht sein, die Hähne hatten schon zweimal gekräht, da rief wieder die klagende Stimme aus dem Grabe:
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen?«
Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:
»Das ist ja dein jüngster Knabe,
Dessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte wieder, weßwegen die älteren Brüder nicht gekommen seien, und erhielt dieselbe Antwort wie gestern.
Aber des Vaters Stimme hob wieder an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, ich will dir den deinigen nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit kommen, wo du an dir selbst erfahren wirst, daß der Mensch, je mehr er hat, desto mehr begehrt. Einem guten Sohne aber, der seinem Vater auch nach dem Tode noch Liebe erwies, müssen alle Wünsche erfüllt werden. Anfangs wollte ich meine verborgenen Schätze unter deine Brüder theilen, jetzt bist du mein einziger Erbe. Wenn dir deine prächtigen Kleider und Pferde, die ich dir für die erste und zweite nächtliche Wacht zum Lohne versprach, nicht mehr gefallen, so tritt dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die dritte nächtliche Wacht!« und augenblicklich wirst du die allerprächtigsten Kleider und die allerkostbarsten Pferde erhalten. Alle Welt wird mit Bewunderung auf dich blicken, deine älteren Brüder werden dich beneiden und ein großer König wird dich zum Schwiegersohne wählen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter nach Hause und dachte bei sich selbst: so eine Zeit wird für mich Armen wohl niemals kommen. Als er dann ein wenig gefrühstückt hatte, um sich zu stärken, streckte er sich auf die Ofenbank, schlief ein und erwachte erst, als die Sonne schon in den Wipfeln des Waldes stand.
Während er schlief, sprachen die älteren Brüder untereinander: »Dieser Nachtwacher und Tagschläfer wird uns nie zu was nützen, wozu füttern wir ihn? Wir thäten besser, das Futter einem Schweine zu geben, das wir zu Weihnacht schlachten können.« Der älteste Bruder setzte hinzu: »Werfen wir ihn aus dem Hause, er kann vor fremder Leute Thüren sein Brod betteln.« Da meinte aber der andere, das würde doch nicht gut angehen, und würde ihnen selber Schande bringen, wenn sie, als wohlhabende Leute, den Bruder betteln gehen ließen. »Lieber wollen wir ihm die Brosamen von unserm Tische hinwerfen, satt soll er nicht dabei werden, aber auch nicht Hungers sterben.«
Inzwischen hatte der Zauberer seinen Glasberg fertig geschmolzen, und der König hatte überall bekannt machen lassen, daß jeder junge Mann kommen dürfe, sich um seine Tochter zu bewerben, daß aber nur demjenigen die Jungfrau ihre Hand reichen würde, der zu Pferde oder auf eigenen Füßen den Gipfel des Glasberges erklimmen würde.
Der König ließ nun ein großes Gelage anrichten für alle die Gäste, die sich einfinden würden. Das Gelage sollte drei Tage währen; für jeden Tag wurden hundert Ochsen und siebenhundert Schweine geschlachtet, und fünfhundert Fässer Bier gebraut. Die aufgestapelten Würste ragten gleich Wänden, die Hefenbröte[67] und Kuchen bildeten Haufen, so hoch wie die größten Heuschober.
Die schlafende Königstochter wurde in ihrem Glaskasten auf den Gipfel des Glasberges getragen. Von allen Seiten strömten Fremde herbei, theils um das Wagestück zu versuchen, theils um das Wunder mit anzusehen. Der glänzende Berg strahlte wie eine zweite Sonne, so daß man ihn schon viele Meilen weit aus der Ferne erblickte.
Unsere alten Bekannten, die beiden älteren Brüder, hatten sich Festkleider machen lassen und gingen auch zum Gastmahl. Der jüngste mußte zu Hause bleiben, damit er in seinem elenden Aufzuge den schmucken Brüdern keine Schande mache. Aber kaum hatten sich die älteren Brüder auf den Weg gemacht, so ging der jüngste an des Vaters Grab, that, wie die Stimme ihn gelehrt hatte, und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die erste nächtliche Wacht!« — In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein ehernes Roß da mit ehernem Zaum, und auf dem Sattel lag die schönste glänzende Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.
Um Mittag kam der eherne Mann auf seinem ehernen Pferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen, aber kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte den glatten Berg hinauf zu kommen. Der eherne Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein Drittel des Berges hinauf, als wäre es geschwendetes Land, kehrte dann um, grüßte den König und verschwand wieder. Manche Zuschauer wollten bemerkt haben, daß die schlafende Königstochter ihre Hand regte, als der eherne Mann hinaufritt.
Beide Brüder konnten am Abend nicht genug von der wunderbaren That des ehernen Mannes und seines ehernen Pferdes erzählen. Der jüngste Bruder hörte ihre Reden schweigend an, ließ sich aber nicht merken, daß er selber der Mann gewesen war.
Am andern Morgen gingen die Brüder mit Sonnenaufgang wieder fort, um die Gasterei nicht zu versäumen. Die Sonne stand in Südost, als der jüngste Bruder an das Grab des Vaters kam; er that nach der Vorschrift und sagte: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die zweite nächtliche Wacht!« In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein silbernes Pferd da mit silbernem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die prächtigste glänzendste silberne Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.
Am Mittag kam der silberne Mann mit seinem Silberpferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen; aber kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte auf den glatten Berg hinaufzukommen. Der silberne Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein gut Stück über die Hälfte den Glasberg hinauf, der für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein schien, kehrte um, grüßte den König und war gleich darauf wieder verschwunden. Heute hatten die Leute deutlich gesehen, daß die schlafende Königstochter bei der Annäherung des silbernen Mannes ihren Kopf bewegt hatte.
Die Brüder waren am Abend nach Hause gekommen, und konnten nicht genug Rühmens machen von des silbernen Mannes und seines Silberpferdes wunderbarer That, meinten aber doch zuletzt, es könne kein wirklicher Mensch sein, sondern Alles sei nur ein Zauberblendwerk. Der jüngste Bruder hörte ihren Reden still zu, ließ sich aber nichts davon merken, daß er selbst der Mann gewesen war.
Am andern Morgen waren beide älteren Brüder mit Tagesanbruch wieder fortgegangen. An diesem Tage hatte sich noch mehr Volks versammelt, weil heute die sieben Jahre und sieben Tage um waren, nach deren Ablauf die Königstochter aus ihrem langen Schlafe erwachen sollte. Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als der jüngste Bruder an des Vaters Grab ging. Er that nach der Vorschrift und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die dritte nächtliche Wacht.« In demselben Augenblicke, wo diese Bitte über seine Lippen kam, stand ein goldenes Pferd da mit goldenem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die schönste goldene Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.
Um Mittag kam der goldene Mann mit seinem Goldpferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen, doch kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte den glatten Berg hinaufzukommen. Weder der eherne Reiter noch der silberne hatten Spuren auf dem Berge zurückgelassen, der glatt geblieben war wie zuvor. Der goldene Reiter drängte sich durch die Menge, ritt den Berg hinauf bis zum Gipfel, und der Berg schien für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein. Als er oben angekommen war, sprang der Deckel des Kastens von selbst auf, die schlafende Königstochter richtete sich empor, zog einen goldenen Ring von ihrem Finger und gab ihn dem goldenen Reiter. Dieser aber hob die Jungfrau auf sein Goldpferd und ritt mit ihr langsam den Berg hinunter. Dann legte er sie in des Königs Arme, grüßte anmuthig und war im nächsten Augenblick verschwunden, als wäre er in die Erde gesunken.
Des Königs Freude könnt ihr euch leicht vorstellen. Am andern Tage hatte er, dem Rathe des weisen Mannes zufolge, überall bekannt machen lassen, daß der, welcher der Prinzessin goldenen Ring zurückbringen würde, sein Schwiegersohn werden sollte. Von den Gästen waren die meisten zur Nacht dageblieben, um zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Auch unsere alten Freunde, die älteren Brüder, waren darunter und ließen sich die Bewirthung trefflich munden. Aber ihr Erstaunen war nicht gering, als sie sahen, wie ein schlecht gekleideter Mann, in dem sie bald ihren verschmähten Bruder erkannten, an den König herantrat. Dieser Bettler trug in der That den Ring der Königstochter an seiner Hand. Da bereute der König seine Zusage, denn so etwas hatte er nicht ahnden können.
Aber der Zauberer sagte zum Könige: »Der Jüngling, den ihr seines schlechten Auszuges wegen für einen Bettler haltet, ist der Sohn eines mächtigen Königs, dessen Land weit entfernt liegt. Er wurde drei Tage nach seiner Geburt von einer bösen Frau des Rõugutaja[68] mit einem Bauernsohne vertauscht; dieser starb jedoch schon im ersten Monate, während der gestohlene Königssohn in einer Bauernhütte aufwuchs und seinem vermeintlichen Vater immer gehorsam war.«
Der König war durch diese Auskunft zufriedengestellt, und ließ einen großen Hochzeitsschmaus anrichten, der vier Wochen dauerte. Später vererbte er alle seine Reiche auf seinen Schwiegersohn. Sobald dieser nur die Bauernkleider abgelegt hatte, benahm er sich gar nicht mehr einfältig, sondern seinem Stande gemäß und als kluger Herr. Seine Einfalt war ihm ja nicht angeboren, sondern das böse Weib hatte sie ihm angethan. Sonntags zeigte er sich dem Volke in seiner Goldrüstung auf seinem goldenen Roß. Seine vermeintlichen Brüder waren vor Neid und Wuth gestorben.
14. Der dankbare Königssohn.
Einmal hatte sich ein König des Goldlandes[69] im Walde verirrt und konnte, trotz alles Suchens und hin und her Streifens, den Ausweg nicht finden. Da trat ein fremder Mann zu ihm und fragte: »Was suchst du, Brüderchen, hier im dunklen Walde, wo nur wilde Thiere hausen?« Der König erwiederte: »Ich habe mich verirrt und suche den Weg nach Hause.« »Versprecht mir zum Eigenthum, was euch zuerst auf eurem Hofe entgegenkommen wird, so will ich euch den rechten Weg zeigen,« sagte der Fremde.
Der König sann eine Weile nach und erwiederte dann: »Warum soll ich wohl meinen guten Jagdhund einbüßen? Ich finde mich wohl auch noch selbst nach Hause.« Da ging der fremde Mann fort, der König aber irrte noch drei Tage im Walde umher, bis sein Speisevorrath zu Ende ging; dem rechten Wege konnte er nicht auf die Spur kommen. Da kam der Fremde zum zweiten Mal zu ihm und sagte: »Versprecht ihr mir zum Eigenthum, was euch auf eurem Hofe zuerst entgegenkommt?« Da der König aber sehr halsstarrig war, wollte er auch dies Mal noch nichts versprechen. Unmuthig durchstreifte er wieder den Wald in die Kreuz und die Quer, bis er zuletzt erschöpft unter einem Baume niedersank und seine Todesstunde gekommen glaubte. Da erschien der Fremde — es war kein anderer als der »alte Bursche« selber — zum dritten Male vor dem Könige und sagte: »Seid doch nur kein Thor! Was kann euch an einem Hunde so viel gelegen sein, daß ihr ihn nicht hingeben mögt, um euer Leben zu retten? Versprecht mir den geforderten Führerlohn, und ihr sollt eurer Noth ledig werden und am Leben bleiben.« »Mein Leben ist mehr werth, als tausend Hunde!« entgegnete der König. »Es hängt daran ein ganzes Reich mit Land und Leuten. Sei es denn, ich will dein Verlangen erfüllen, führe mich nach Hause!« Kaum hatte er das Versprechen über die Zunge gebracht, so befand er sich auch schon am Saum des Waldes und konnte in der Ferne sein Schloß sehen. Er eilte hin und das Erste, was ihm an der Pforte entgegen kam, war die Amme mit dem königlichen Säugling, der dem Vater die Arme entgegenstreckte. Der König erschrack, schalt die Amme und befahl, das Kind eiligst hinweg zu bringen. Darauf kam sein treuer Hund wedelnd angelaufen, wurde aber zum Lohn für seine Anhänglichkeit mit dem Fuße fortgestoßen. So müssen schuldlose Untergebene gar oft ausbaden, was die oberen in tollem Wahne Verkehrtes gethan haben.
Als des Königs Zorn etwas verraucht war, ließ er sein Kind, einen schmucken Knaben, gegen die Tochter eines armen Bauern vertauschen, und so wuchs der Königssohn am Herde armer Leute auf, während des Bauern Tochter in der königlichen Wiege in seidenen Kleidern schlief. Nach Jahresfrist kam der alte Bursche, um seine Forderung einzuziehen und nahm das kleine Mädchen mit sich, welches er für das echte Kind des Königs hielt, weil er von der betrügerischen Vertauschung der Kinder nichts erfahren hatte. Der König aber freute sich seiner gelungenen List, ließ ein großes Freudenmahl anrichten, und den Eltern des geraubten Kindes ansehnliche Geschenke zukommen, damit es seinem Sohne in der Hütte an Nichts fehlen möge. Den Sohn wieder zu sich zu nehmen, getraute er sich nicht, weil er fürchtete, der Betrug könnte dann heraus kommen. Die Bauernfamilie war mit dem Tausche sehr zufrieden; sie hatten einen Esser weniger am Tische und Brot und Geld im Ueberfluß.
Inzwischen war der Königssohn zum Jüngling herangewachsen, und führte im Hause seiner Pflege-Eltern ein herrliches Leben. Aber er konnte dessen doch nicht recht froh werden. Denn als er vernommen hatte, wie es gelungen war, ihn zu befreien, war er sehr unwillig darüber, daß ein armes unschuldiges Mädchen statt seiner büßen mußte, was seines Vaters Leichtsinn verschuldet hatte. Er nahm sich daher fest vor, entweder, wenn irgend möglich, das arme Mädchen frei zu machen, oder mit demselben umzukommen. Auf Kosten einer Jungfrau König zu werden, war ihm zu drückend. Eines Tages legte er heimlich die Tracht eines Bauernknechtes an, lud einen Sack Erbsen auf die Schulter und ging in jenen Wald, wo sein Vater sich vor achtzehn Jahren verirrt hatte.
Im Walde fing er laut an zu jammern. »O ich Armer, wie bin ich irre gegangen! Wer wird mir den Weg aus diesem Walde zeigen? Hier ist ja weit und breit keine Menschenseele zu treffen!« Bald darauf kam ein fremder Mann mit langem grauen Barte und einem Lederbeutel am Gürtel, wie ein Tatar, grüßte freundlich und sagte: »Mir ist die Gegend hier bekannt, und ich kann euch dahin führen, wohin euch verlangt, wenn ihr mir eine gute Belohnung versprecht.« »Was kann ich armer Schlucker euch wohl versprechen,« erwiederte der schlaue Königssohn, »ich habe nichts weiter als mein junges Leben, sogar der Rock auf meinem Leibe gehört meinem Brotherrn, dem ich für Nahrung und Kleidung dienen muß.« Der Fremde bemerkte den Erbsensack auf der Schulter des Andern und sagte: »Ohne alle Habe müßt ihr doch nicht sein, ihr tragt ja da einen Sack, der recht schwer zu sein scheint.« »In dem Sacke sind Erbsen,« war die Antwort. »Meine alte Tante ist vergangene Nacht gestorben und hat nicht so viel hinterlassen, daß man den Todtenwächtern nach Landesbrauch gequollene Erbsen vorsetzen kann. Ich habe mir die Erbsen von meinem Wirthe um Gottes Lohn ausgebeten, und wollte sie eben hinbringen; um den Weg abzukürzen, schlug ich einen Waldpfad ein, der mich nun, wie ihr seht, irre geführt hat.« »Also bist du, aus deinen Reden zu schließen, eine Waise,« sagte der Fremde grinsend. »Möchtest du nicht in meinen Dienst treten, ich suche gerade einen flinken Knecht für mein kleines Hauswesen, und du gefällst mir.« »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden,« antwortete der Königssohn. Zum Knecht bin ich geboren, fremdes Brot schmeckt überall bitter, da ist es mir denn ziemlich einerlei, welchem Wirth ich gehorchen muß. Welchen Jahreslohn versprecht ihr mir?« »Nun,« sagte der Fremde, »alle Tage frisches Essen, zwei Mal wöchentlich Fleisch, wenn außer Hause gearbeitet wird, Butter oder Strömlinge als Zukost, vollständige Sommer- und Winterkleidung, und außerdem noch zwei Külimit[70]-Theil Land zu eigener Nutznießung.« »Damit bin ich zufrieden,« sagte der schlaue Königssohn. »Die Tante können auch Andere in die Erde bringen, ich gehe mit euch.«
Der alte Bursche schien mit diesem vorteilhaften Handel sehr zufrieden zu sein, er drehte sich wie ein Kreisel auf einem Fuße herum, und trällerte so laut, daß der Wald davon wiederhallte. Alsdann machte er sich mit seinem neuen Knechte auf den Weg, wobei er bemüht war, die Zeit durch angenehme Plaudereien zu verkürzen, ohne zu bemerken, daß sein Gefährte je nach zehn und funfzehn Schritten immer eine Erbse aus dem Sack fallen ließ. Ihr Nachtlager hielten die Wanderer im Walde unter einer breiten Fichte, und setzten am andern Morgen ihre Reise fort. Als die Sonne schon hoch stand, gelangten sie an einen großen Stein. Hier machte der Alte Halt, spähte überall scharf umher, pfiff in den Wald hinein und stampfte dann mit dem Hacken des linken Fußes dreimal gegen den Boden. Plötzlich that sich unter dem Stein eine geheime Pforte auf, und es wurde ein Eingang sichtbar, welcher der Mündung einer Höhle glich. Jetzt faßte der alte Bursche den Königssohn beim Arm und befahl in strengem Tone: »Folge mir!«
Dicke Finsterniß umgab sie hier, doch kam es dem Königssohne vor, als ob ihr Weg immer weiter in die Tiefe führe. Nach einer guten Weile zeigte sich wieder ein Schimmer, aber das Licht war weder dem der Sonne, noch dem des Mondes zu vergleichen. Scheu erhob der Königssohn den Blick, aber er sah weder einen Himmel noch eine Sonne; nur eine leuchtende Nebelwolke schwebte über ihnen und schien diese neue Welt zu bedecken, in der Alles ein fremdartiges Gepräge trug. Erde und Wasser, Bäume und Kräuter, Thiere und Vögel, Alles erschien anders, als er es früher gesehen hatte. Was ihn aber am meisten befremdete, war die wunderbare Stille ringsum; nirgends war eine Stimme oder ein Geräusch zu vernehmen. Alles war still wie im Grabe; nicht einmal seine eigenen Schritte verursachten ein Geräusch. Man sah wohl hie und da einen Vogel auf dem Aste sitzen mit lang gerecktem Halse und aufgeblähter Kehle, als ob ein Laut heraus komme, aber das Ohr vernahm ihn nicht. Die Hunde sperrten die Mäuler auf, wie zum Bellen, die Ochsen hoben, wie sie pflegen, den Kopf in die Höhe, als ob sie brüllten, aber weder Gebell noch Gebrüll wurde hörbar. Das Wasser floß ohne zu rauschen über die Kiesel des flachen Grundes, der Wind bog die Wipfel des Waldes, ohne daß man ein Säuseln hörte, Fliege und Käfer flogen ohne zu summen. Der alte Bursche sprach kein Wort, und wenn sein Gefährte zuweilen zu sprechen versuchte, so fühlte er gleich, daß ihm die Stimme im Munde erstarb.[71]
So waren sie, wer weiß wie lange, in dieser unheimlichen stillen Welt dahin gezogen, die Angst schnürte dem Königssohne das Herz zu und sträubte sein Haar wie Borsten empor, Schauerfrost schüttelte seine Glieder — als endlich, o Wonne! das erste Geräusch sein lauschendes Ohr traf, und dieses Schattenleben zu einem wirklichen zu machen schien. Es kam ihm vor, als ob eine große Roßherde sich durch Moorgruud durcharbeitete. Nun that auch der alte Bursche seinen Mund auf und sagte, indem er sich die Lippen leckte: »Der Breikessel siedet, man erwartet uns zu Hause!« Wieder waren sie eine Weile weiter gegangen, als der Königssohn das Dröhnen einer Sägemühle zu hören glaubte, in der mindestens ein Paar Dutzend Sägen zu arbeiten schienen, der Wirth aber sagte: »Die alte Großmutter schläft schon, sie schnarcht.«
Sie erreichten dann den Gipfel eines Hügels, und der Königssohn entdeckte in einiger Entfernung den Hof seines Wirthes; der Gebäude waren so viele, daß man das Ganze eher für ein Dorf oder eine kleine Vorstadt hätte halten können, als für die Wohnung eines Besitzers. Endlich kamen sie an, und fanden an der Pforte ein leeres Hundehäuschen. »Krieche hinein,« herrschte der Wirth, »und verhalte dich ruhig, bis ich mit der Großmutter deinetwegen gesprochen habe. Sie ist, wie die alten Leute fast alle, sehr eigensinnig, und duldet keinen Fremden im Hause.« Der Königssohn kroch zitternd in's Hundehäuschen und begann schon seine Ueberkühnheit, die ihn in diese Klemme gebracht hatte, zu bereuen.
Erst nach einer Weile kam der Wirth wieder, rief ihn aus seinem Schlupfwinkel heraus und sagte mit verdrießlichem Gesicht: »Merke dir jetzt genau unsere Hausordnung und hüte dich, dagegen zu verstoßen, sonst könnte es dir hier recht schlecht gehen:
»Augen, Ohren halte offen,
Mundes Pforte stets verriegelt!
Ohne Weigerung gehorche,
Hege, wie du willst, Gedanken,
Rede nimmer, wenn gefragt nicht.«
Als der Königssohn über die Schwelle trat, erblickte er ein junges Mädchen von großer Schönheit, mit braunen Augen und lockigem Haar. Er dachte in seinem Sinne: Wenn der Alte solcher Töchter viele hätte, so möchte ich gern sein Eidam werden! Das Mädchen ist ganz nach meinem Geschmack.« Die schöne Maid ordnete nun, ohne ein Wort zu sprechen, den Tisch, trug die Speisen auf und nahm dann bescheiden ihren Sitz am Herde ein, als ob sie den fremden Mann gar nicht bemerkt hätte. Sie nahm Garn und Nadeln und fing an, ihren Strumpf zu stricken. Der Wirth setzte sich allein zu Tisch, und lud weder Knecht noch Magd dazu, auch die alte Großmutter war nirgends zu sehen. Des alten Burschen Appetit war grenzenlos; binnen Kurzem machte er reine Bahn mit Allem, was er auf dem Tische fand, und davon hätten doch wenigstens ein Dutzend Menschen satt werden können. Nachdem er endlich seinen Kinnladen Ruhe gegönnt hatte, sagte er zur Jungfrau: »Kehre jetzt aus, was auf dem Boden der Kessel und Grapen ist, und sättiget euch mit den Resten, die Knochen aber werfet dem Hunde vor.«[72]
Der Königssohn verzog wohl den Mund über das angekündigte Kesselbodenkehrichtsmahl, welches er mit dem hübschen Mädchen und dem Hunde zusammen verzehren sollte. Aber bald erheiterte sich sein Gesicht wieder, als er fand, daß die Reste ein ganz leckeres Mahl auf den Tisch lieferten. Während des Essens sah er unverwandt das Mädchen verstohlener Weise an, und hätte wer weiß wie viel darum gegeben, wenn er einige Worte mit ihr hätte sprechen dürfen. Aber sobald er nur den Mund zum Sprechen öffnen wollte, begegnete ihm der flehende Blick des Mädchens, der zu sagen schien: »Schweige!« So ließ denn der Jüngling seine Augen reden, und gab dieser stummen Sprache durch seinen guten Appetit Nachdruck, denn die Jungfrau hatte ja doch die Speisen bereitet, und es mußte ihr angenehm sein, wenn der Gast brav zulangte und ihre Küche nicht verschmähte. Der Alte hatte sich auf der Ofenbank ausgestreckt und machte seinem vollen Magen dermaßen Luft, daß die Wände davon dröhnten.
Nach der Abend-Mahlzeit sagte der Alte zum Königssohn: »Zwei Tage kannst du von der langen Reise ausruhen, und dich im Hause umsehen. Uebermorgen Abend aber mußt du zu mir kommen, damit ich dir die Arbeit für den folgenden Tag anweisen kann; denn mein Gesinde muß immer früher bei der Arbeit sein, als ich selber aufstehe. Das Mädchen wird dir deine Schlafstätte zeigen.« Der Königssohn nahm einen Ansatz zum Sprechen, aber o weh! der alte Bursche fuhr wie ein Donnerwetter auf ihn los und schrie: »Du Hund von einem Knecht! Wenn du die Hausordnung übertrittst, so kannst du ohne Weiteres um einen Kopf kürzer gemacht werden. Halt das Maul und jetzt scher' dich zur Ruhe!«
Das Mädchen winkte ihm, mitzukommen, schloß dann eine Thür auf und bedeutete ihn, hineinzutreten. Der Königssohn glaubte eine Thräne in dem Auge des Mädchens quillen zu sehen und wäre gar zu gern noch auf der Schwelle stehen geblieben, aber er fürchtete den Alten und wagte nicht länger zu zögern. »Das schöne Mädchen kann doch unmöglich seine Tochter sein,« dachte der Königssohn, denn sie hat ein gutes Herz. Sie ist am Ende gar dasselbe arme Mädchen, welches statt meiner hierhergethan wurde, und um dessen willen ich das tolle Wagstück unternahm.« Es dauerte lange, ehe er den Schlaf auf seinem Lager fand, und dann ließen ihm bange Träume keine Ruhe; er träumte von allerlei Gefahr, die ihn umstrickte, und überall war es die Gestalt der schönen Jungfrau, die ihm zu Hülfe eilte.