Die
Räuber
ein Schauspiel
von
Schiller.
Neue verbesserte Auflage.
Tübingen,
in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung.
1805.
Hippocrates.
Quæ medicamenta non sanant, ferrum sanat, quæ ferrum non sanat, ignis sanat.
Personen:
| Maximilian, regierender Graf von Moor. | ||
| Karl, | } | seine Söhne. |
| Franz, | ||
| Amalia, von Edelreich. | ||
| Spiegelberg, | ⎫ | Libertiner, nachher Banditen. |
| Schweizer, | ||
| Grimm, | ||
| Razmann, | ⎬ | |
| Schufterle, | ||
| Roller, | ⎭ | |
| Kosinsky, | ||
| Schwarz, | ||
| Herrmann, Bastard von einem Edelmann. | ||
| Daniel, Hausknecht des Grafen von Moor. | ||
| Pastor Moser. | ||
| Ein Pater. | ||
| Räuberbande. | ||
| Nebenpersonen. | ||
(Der Ort der Geschichte ist Teutschland, die Zeit ohngefähr zwei Jahre.)
Vorrede.
Man nehme dieses Schauspiel für nichts anderes, als eine dramatische Geschichte, die die Vortheile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen, benutzt, ohne sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder nach dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu geitzen. Man wird mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumuthung ist, binnen drei Stunden drei ausserordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Thätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget, so wie es in der Natur der Dinge unmöglich kann gegründet seyn, daß sich drei ausserordentliche Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner innerhalb vier und zwanzig Stunden entblössen. Hier war Fülle in einander gedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzuengen Pallisaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.
Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein Inhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben machte es nothwendig, daß mancher Charakter auftreten mußte, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt, und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Nothwendigkeit gesetzt, wenn er anders eine Kopie der wirklichen Welt, und keine idealischen Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattirt werden, und die Tugend im Kontraste mit dem Laster das lebendigste Kolorit erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen, und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren Feinden zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nakten Abscheulichkeit enthüllen, und in seiner kolossalischen Grösse vor das Auge der Menschheit stellen — er selbst muß augenblicklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, — er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.
Das Laster wird hier mit samt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es lößt in Franzen all die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstraktionen auf, skeletisirt die richtende Empfindung, und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so weit gebracht hat, (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden) seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht heilig mehr — dem ist die Menschheit, die Gottheit nichts — beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Mißmenschen dieser Art ein treffendes lebendiges Konterfey hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinander zu gliedern — und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr's gelungen hat — Ich denke, ich habe die Natur getroffen.
Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leser in Verlegenheit setzen möchte. Ein Geist, den das äusserste Laster nur reitzet um der Grösse willen, die ihm anhänget, um der Kraft willen, die es erheischet, um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Katilina zu werden. Unglückliche Konjunkturen entscheiden für das zweyte, und erst am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem ersten. Falsche Begriffe von Thätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mußten sich natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen von Größe und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so war der seltsame Donquixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst anmerken dörfen, daß ich dieses Gemählde so wenig nur allein Räubern vorhalte, als die Satyre des Spaniers nur allein Ritter geisselt.
Auch ist itzo der grosse Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr passirt, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der Schrift muß sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen mißhandeln, und ins Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so heilig und ernsthaft, das, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann? — Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese muthwillige Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.
Aber noch mehr. Diese unmoralische Charaktere, von denen vorhin gesprochen wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des Herzens verlieren. Hierin habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem, auch dem Lasterhaftesten ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen Ebenbilds aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto weiter und ungeheurer ihre Verirrung, desto imputabler ihre Verfälschung.
Klopstok's Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung in Abscheu schmilzt. Milton's Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei all ihren Greueln noch ein großes staunenswürdiges Weib, und Shakespear's Richard hat so gewiß am Leser einen Bewunderer, als er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es mir darum zu thun ist, ganze Menschen hinzustellen, so muß ich auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem Bösesten nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tyger gewarnt haben will, so darf ich seine schöne blendende Fleckenhaut nicht übergehen, damit man nicht den Tyger beim Tyger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst, und äussert eine zurückstossende Kraft, statt daß er die Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das Gekrizel eines Messers auf Glas.
Aber eben darum will ich selbst mißrathen haben, dieses mein Schauspiel auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu: bei jenem, daß er das Laster nicht ziere, bei diesem, daß er sich nicht von einer schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schätzen. Meinerseits entscheide ein Dritter — aber von meinen Lesern bin ich es nicht ganz gesichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt, (unter uns gesagt) weit um, und gibt zum Unglück — den Ton an. Zu kurzsichtig, mein Ganzes auszureichen, zu kleingeistisch, mein Grosses zu begreifen, zu boshaft, mein Gutes wissen zu wollen, wird er, fürcht' ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich stürze, darin zu finden meynen, und seine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Es ist das ewige Dacapo mit Abdera und Demokrit, und unsre guten Hippokrate müßten ganze Plantagen Nießwurz erschöpfen, wenn sie dem Unwesen durch ein heilsames Dekokt abhelfen wollten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu seyn, und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht hätt' ich, den Schwachherzigen zu frommen, der Natur minder getreu seyn sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß Feuer verbrannt, und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle — Feuer — und Wasser konfiscirt werden?
Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe, mit Recht einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Geleise der Gesetze. Die Tugend geht siegend davon. Wer nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er — nicht den Dichter bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschätze.
Geschrieben in der Ostermesse.
1781.
Der Herausgeber.
Erster Akt.
Erste Scene.
Franken.
Saal im Moorischen Schloß.
Franz. Der alte Moor.
Franz. Aber ist euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.
Der alte Moor. Ganz wohl, mein Sohn — was hattest du mir zu sagen?
Franz. Die Post ist angekommen — ein Brief von unserm Korrespondenten in Leipzig —
D. a. Moor. (Begierig.) Nachrichten von meinem Sohne Karl?
Franz. Hm! hm! — So ist es. Aber ich fürchte — ich weiß nicht — ob ich — eurer Gesundheit? — Ist euch wirklich ganz wohl, mein Vater?
D. a. Moor. Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? — wie kommst du zu dieser Besorgniß? Du hast mich zweymal gefragt.
Franz. Wenn ihr krank seyd — nur die leiseste Ahnung habt, es zu werden, so laßt mich — ich will zu gelegnerer Zeit zu euch reden, (halb vor sich.) Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen Körper.
D. a. Moor. Gott! Gott! was werd' ich hören?
Franz. Laßt mich vorerst auf die Seite gehn, und eine Thräne des Mitleids vergiessen um meinen verlornen Bruder — ich sollte schweigen auf ewig — denn er ist euer Sohn: Ich sollte seine Schande verhüllen auf ewig — denn er ist mein Bruder. — Aber euch gehorchen, ist meine erste traurige Pflicht — darum vergebt mir.
D. a. Moor. O Karl! Karl! wüßtest du wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! Wie eine einzige frohe Nachricht von dir meinem Leben zehen Jahre zusetzen würde — mich zum Jüngling machen würde — da mich nun jede, ach! — einen Schritt näher ans Grab rückt!
Franz. Ist es das, alter Mann, so lebt wohl — wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über eurem Sarge.
D. a. Moor. Bleib! — Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu thun — laß ihm seinen Willen, (indem er sich niedersetzt.) Die Sünden seiner Väter werden heimgesucht im dritten und vierten Glied — laß ihns vollenden.
Franz (nimmt den Brief aus der Tasche.) Ihr kennt unsern Korrespondenten! Seht! Den Finger meiner rechten Hand wollt ich drum geben, dürft' ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer giftiger Lügner — — Faßt euch! Ihr vergebt mir, wenn ich euch den Brief nicht selbst lesen lasse — Noch dörft ihr nicht alles hören.
D. a. Moor. Alles, alles — mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.
Franz (liest.) »Leipzig vom 1sten May. — Verbände mich nicht eine unverbrüchliche Zusage, dir auch nicht das geringste zu verhelen, was ich von den Schicksalen deines Bruders auffangen kann, liebster Freund, nimmermehr würde meine unschuldige Feder an dir zur Tyranninn geworden seyn. Ich kann aus hundert Briefen von dir abnehmen, wie Nachrichten dieser Art dein brüderliches Herz durchbohren müssen, mir ists als säh ich dich schon um den Nichtswürdigen, den Abscheulichen« — — (Der alte Moor verbirgt sein Gesicht.) Seht, Vater! ich lese euch nur das Glimpflichste — »den Abscheulichen in tausend Thränen ergossen,« ach sie flossen — stürzten stromweis von dieser mitleidigen Wange — »mir ist's, als säh ich schon deinen alten, frommen Vater todtenbleich« — Jesus Maria! ihr seyd's, eh' ihr noch das Mindeste wisset?
D. a. Moor. Weiter! Weiter!
Franz. »Todtenbleich in seinen Stuhl zurücktaumeln, und dem Tage fluchen, an dem ihm zum erstenmal Vater entgegengestammelt ward. Man hat mir nicht alles entdecken mögen, und von dem Wenigen, das ich weiß, erfährst du nur weniges. Dein Bruder scheint nun das Maas seiner Schande gefüllt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über dem, was er wirklich erreicht hat, wenn nicht sein Genie das meinige hierin übersteigt. Gestern um Mitternacht hatte er den großen Entschluß, nach vierzig tausend Dukaten Schulden — ein hübsches Taschengeld, Vater — nachdem er zuvor die Tochter eines reichen Banquiers allhier entjungfert, und ihren Galan, einen braven Jungen von Stand, im Duell auf den Tod verwundet, mit sieben andern, die er mit in sein Luderleben gezogen, dem Arm der Justiz zu entlaufen« — Vater! Um Gotteswillen, Vater! wie wird euch?
D. a. Moor. Es ist genug. Laß ab, mein Sohn!
Franz. Ich schone eurer — »man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt, die Beleidigten schreyen laut um Genugthuung, ein Preiß ist auf seinen Kopf gesetzt — der Name Moor« — Nein! Meine armen Lippen sollen nimmermehr einen Vater ermorden! (zerreißt den Brief.) Glaubt es nicht, Vater! glaubt ihm keine Sylbe!
D. a. Moor (weint bitterlich.) Mein Name! Mein ehrlicher Name!
Franz (fällt ihm um den Hals.) Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahnete mirs nicht, da er noch ein Knabe den Mädels so nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und Bergen sich herumhezte, den Anblick der Kirche, wie ein Missethäter das Gefängniß, floh, und die Pfennige, die er euch abquälte, dem ersten dem besten Bettler in den Hut warf, während daß wir daheim mit frommen Gebeten und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? — Ahnete mirs nicht, da er die Abentheuer des Julius Cäsar und Alexander Magnus und anderer stockfinsterer Heiden lieber las, als die Geschichte des bußfertigen Tobias? — Hundertmal hab' ichs euch geweissagt, denn meine Liebe zu ihm war immer in den Schranken der kindlichen Pflicht, — der Junge wird uns alle noch in Elend und Schande stürzen! — O daß er Moors Namen nicht trüge! daß mein Herz nicht so warm für ihn schlüge! Die gottlose Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal vor Gottes Richterstuhl anklagen.
D. a. Moor. O — meine Aussichten! Meine goldenen Träume!
Franz. Das weiß ich wohl. Das ist es ja, was ich eben sagte. Der feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet ihr immer, der ihn für jeden Reiz von Größe und Schönheit so empfindlich macht; diese Offenheit, die seine Seele auf dem Auge spiegelt, diese Weichheit des Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt, dieser männliche Muth, der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen treibet, und über Gräben und Pallisaden und reissende Flüsse jagt, dieser kindische Ehrgeitz, dieser unüberwindliche Starrsinn und alle diese schönen glänzenden Tugenden, die im Vatersöhnchen keimten, werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem treflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem grossen, grossen Manne machen — seht ihrs nun, Vater! — der feurige Geist hat sich entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen. Seht diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat, seht diese Weichheit, wie zärtlich sie für Koketten girret, wie so empfindsam für die Reitze einer Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie es das Oel seines Lebens in sechs Jährgen so rein weggebrannt hat, daß er bei lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute, und sind so unverschämt und sagen: c'est l'amour qui a fait ça! Ah! seht doch diesen kühnen unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt, vor denen die Heldenthaten eines Kartouches und Howards verschwinden! — Und wenn erst diese prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen — was läßt sich auch von einem so zarten Alter Vollkommenes erwarten? — Vielleicht, Vater, erlebet ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residiret, und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert — vielleicht könnt ihr noch, eh' ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach seinem Monumente thun, das er sich zwischen Himmel und Erden errichtet — vielleicht, o Vater, Vater, Vater — seht euch nach einem andern Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fingern auf euch, die euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Portrait gesehen haben.
D. a. Moor. Und auch du, mein Franz, auch du? O meine Kinder! Wie sie nach meinem Herzen zielen!
Franz. Ihr seht, ich kann auch witzig seyn, aber mein Witz ist Skorpionstich. — Und dann der trockne Alltagsmensch, der kalte, hölzerne Franz, und wie die Titelgen alle heissen mögen, die euch der Contrast zwischen ihm und mir mochte eingegeben haben, wenn er euch auf dem Schoose saß, oder in die Backen zwickte — der wird einmal zwischen seinen Gränzsteinen sterben, und modern, und vergessen werden, wenn der Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt — Ha! mit gefaltnen Händen dankt dir, o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne Franz — daß er nicht ist, wie dieser!
D. a. Moor. Vergib mir, mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der sich in seinen Planen betrogen findet. Der Gott, der mir durch Karln Thränen zusendet, wird sie durch dich, mein Franz, aus meinen Augen wischen.
Franz. Ja Vater, aus euren Augen soll er sie wischen. Euer Franz wird sein Leben dran setzen, das eurige zu verlängern. Euer Leben ist das Orakel, das ich vor allen zu Rathe ziehe, über dem, was ich thun will, der Spiegel, durch den ich alles betrachte — keine Pflicht ist mir so heilig, die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn's um euer kostbares Leben zu thun ist. — Ihr glaubt mir das?
D. a. Moor. Du hast noch große Pflichten auf dir, mein Sohn — Gott segne dich für das, was du mir warst und seyn wirst!
Franz. Nun sagt mir einmal — Wenn ihr diesen Sohn nicht den euren nennen müßtet, ihr wär't ein glücklicher Mann?
D. a. Moor. Stille, o stille! da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel, und rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?
Franz. Das sagtet ihr. Nun habt ihr's gefunden? Ihr beneidet den schlechtesten eurer Bauren, daß er nicht Vater ist zu diesem — Ihr habt Kummer, so lang ihr diesen Sohn habt. Dieser Kummer wird wachsen mit Karln. Dieser Kummer wird euer Leben untergraben.
D. a. Moor. O! er hat mich zu einem achtzigjährigen Manne gemacht.
Franz. Nun also — wenn ihr dieses Sohnes euch entäussertet?
D. a. Moor (auffahrend.) Franz! Franz! was sagst du?
Franz. Ist es nicht diese Liebe zu ihm, die euch all den Gram macht? Ohne diese Liebe ist er für euch nicht da. Ohne diese strafbare, diese verdammliche Liebe ist er euch gestorben — ist er euch nie gebohren. Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen. Liebt ihr ihn nicht mehr, so ist diese Abart auch euer Sohn nicht mehr, und wär' er aus eurem Fleische geschnitten. Er ist euer Augapfel gewesen bisher, nun aber, ärgert dich dein Auge, sagt die Schrift, so reiß es aus. Es ist besser einäugig gen Himmel, als mit zwei Augen in die Hölle. Es ist besser kinderlos gen Himmel, als wenn beide, Vater und Sohn, in die Hölle fahren. So spricht die Gottheit!
D. a. Moor. Du willst, ich soll meinen Sohn verfluchen?
Franz. Nicht doch! Nicht doch! — Euren Sohn sollt ihr nicht verfluchen. Was heißt ihr euren Sohn? — dem ihr das Leben gegeben habt, wenn er sich auch alle ersinnliche Mühe gibt, das eurige zu verkürzen?
D. a. Moor. O das ist allzuwahr! das ist ein Gericht über mich. Der Herr hat's ihn geheissen!
Franz. Seht ihr's, wie kindlich euer Busenkind an euch handelt. Durch eure väterliche Theilnehmung erwürgt er euch, mordet euch durch eure Liebe, hat euer Vaterherz selbst bestochen, euch den Garaus zu machen. Seyd ihr einmal nicht mehr, so ist er Herr eurer Güter, König seiner Triebe. Der Damm ist weg, und der Strom seiner Lüste kann itzt freyer dahinbrausen. Denkt euch einmal an seine Stelle! Wie oft muß er den Vater unter die Erde wünschen — wie oft den Bruder — die ihm im Lauf seiner Excesse so unbarmherzig im Weg stehen. Ist das aber Liebe gegen Liebe? Ist das kindliche Dankbarkeit gegen väterliche Milde? Wenn er dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre eures Lebens aufopfert? wenn er den Ruhm seiner Väter, der sich schon sieben Jahrhunderte unbefleckt erhalten hat, in einer wollüstigen Minute aufs Spiel setzt? Heißt ihr das euren Sohn? Antwortet! heißt ihr das einen Sohn?
D. a. Moor. Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch!
Franz. Ein allerliebstes, köstliches Kind, dessen ewiges Studium ist, keinen Vater zu haben — O daß ihr's begreifen lerntet! daß euch die Schuppen fielen vom Auge! aber eure Nachsicht muß ihn in seinen Liederlichkeiten bevestigen; euer Vorschub ihnen Rechtmäßigkeit geben. Ihr werdet freilich den Fluch von seinem Haupte laden, auf euch, Vater, auf euch wird der Fluch der Verdammniß fallen.
D. a. Moor. Gerecht! sehr gerecht! — Mein, mein ist alle Schuld!
Franz. Wie viele Tausende, die voll gesoffen haben vom Becher der Wollust, sind durch Leiden gebessert worden! Und ist nicht der körperliche Schmerz, den jedes Uebermaas begleitet, ein Fingerzeig des göttlichen Willens? Sollte ihn der Mensch durch seine grausame Zärtlichkeit verkehren? Soll der Vater das ihm anvertraute Pfand auf ewig zu Grunde richten? — Bedenkt, Vater, wenn ihr ihn seinem Elend auf einige Zeit preiß geben werdet, wird er nicht entweder umkehren müssen und sich bessern? oder er wird auch in der großen Schule des Elends ein Schurke bleiben, und dann — wehe dem Vater, der die Rathschlüsse einer höheren Weisheit durch Verzärtlung zernichtet! — Nun, Vater?
D. a. Moor. Ich will ihm schreiben, daß ich meine Hand von ihm wende.
Franz. Da thut ihr recht und klug daran.
D. a. Moor. Daß er nimmer vor meine Augen komme.
Franz. Das wird eine heilsame Wirkung thun.
D. a. Moor (zärtlich.) Bis er anders worden!
Franz. Schon recht, schon recht — Aber, wenn er nun kommt mit der Larve des Heuchlers, euer Mitleid erweint, eure Vergebung sich erschmeichelt, und morgen hingeht und eurer Schwachheit spottet im Arm seiner Huren? — Nein, Vater! Er wird freywillig wiederkehren, wenn ihn sein Gewissen reingesprochen hat.
D. a. Moor. So will ich ihm das auf der Stelle schreiben.
Franz. Halt! noch ein Wort, Vater! Eure Entrüstung, fürchte ich, möchte euch zu harte Worte in die Feder werfen, die ihm das Herz zerspalten würden — und dann — glaubt ihr nicht, daß er das schon für Verzeihung nehmen werde, wenn ihr ihn noch eines eigenhändigen Schreibens werth haltet? Darum wird's besser seyn, ihr überlaßt das Schreiben mir.
D. a. Moor. Thu' das, mein Sohn. — Ach! es hätte mir doch das Herz gebrochen! Schreib ihm — —
Franz (schnell.) Dabei bleibt's also?
D. a. Moor. Schreib ihm, daß ich tausend blutige Thränen, tausend schlaflose Nächte — Aber bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.
Franz. Wollt ihr euch nicht zu Bette legen, Vater? Es griff euch hart an.
D. a. Moor. Schreib ihm, daß die väterliche Brust — Ich sage dir, bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.
(Geht traurig ab.)
Franz (mit Lachen ihm nachsehend.) Tröste dich, Alter, du wirst ihn nimmer an diese Brust drücken, der Weg dazu ist ihm verrammelt, wie der Himmel der Hölle — Er war aus deinen Armen gerissen, ehe du wußtest, daß du es wollen könntest — da müßt' ich ein erbärmlicher Stümper seyn, wenn ich's nicht einmal so weit gebracht hätte, einen Sohn vom Herzen des Vaters los zu lösen, und wenn er mit ehernen Banden daran geklammert wäre — Ich hab' einen magischen Kreis von Flüchen um dich gezogen, den er nicht überspringen soll — Glück zu, Franz! Weg ist das Schooskind — Der Wald ist heller. Ich muß diese Papiere vollends aufheben, wie leicht könnte jemand meine Handschrift kennen? (er liest die zerrissenen Briefstücke zusammen.) — Und Gram wird auch den Alten bald fortschaffen, — und ihr muß ich diesen Karl aus dem Herzen reissen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen bleiben sollte.
Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu seyn, und bei meiner Ehre! ich will sie geltend machen. — Warum bin ich nicht der Erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der Einzige? Warum mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen? gerade mir? Nicht anders, als ob sie bei meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte? Warum gerade mir die Lappländersnase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen? Wirklich, ich glaube, sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf einen Haufen geworfen, und mich daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht gegeben, jenem dieses zu verleihen, und mir vorzuenthalten? Könnte ihr jemand darum hofiren, eh' er entstund? Oder sie beleidigen, eh' er selbst wurde? Warum gieng sie so partheylich zu Werke?
Nein! Nein! Ich thu' ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans, Welt — Schwimme, wer schwimmen kann, und wer plump ist, geht unter! Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Grösten und Kleinsten, Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb, und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Ueberwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze.
Wohl gibt es gewisse gemeinschaftliche Pakta, die man geschlossen hat, die Pulse des Weltcirkels zu treiben. Ehrlicher Name! — Wahrhaftig eine reichhaltige Münze, mit der sich meisterlich schachern läßt, wer's versteht, sie gut auszugeben. Gewissen, — o ja, freilich! ein tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschröcken! — auch das ein gut geschriebener Wechselbrief, mit dem auch der Bankerotirer zur Noth noch hinauslangt.
In der That sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiden es desto bequemer haben. Ohne Anstand, recht schnackische Anstalten! Kommen mir für, wie die Hecken, die meine Bauren gar schlau um ihre Felder herumführen, daß ja kein Haase drüber setzt, ja beileibe kein Haase! — Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn, und galoppirt weich über der weiland Aerndte.
Armer Haase! Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Haase seyn müssen auf dieser Welt — Aber der gnädige Herr braucht Haasen!
Also frisch drüber hinweg! Wer nichts fürchtet, ist nicht weniger mächtig, als der, den alles fürchtet. Es ist itzo die Mode, Schnallen an den Beinkleidern zu tragen, womit man sie nach Belieben weiter und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach der neuesten Façon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen, wie wir zulegen. Was können wir dafür? Geht zum Schneider! Ich habe Langes und Breites von einer sogenannten Blutliebe schwatzen gehört, das einem ordentlichen Hausmann den Kopf heiß machen könnte — Das ist dein Bruder! — das ist verdollmetscht: Er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist — also sey er dir heilig! — Merkt doch einmal diese verzwickte Consequenz, diesen possierlichen Schluß von der Nachbarschaft der Leiber auf die Harmonie der Geister; von eben derselben Heimath zu eben derselben Empfindung; von einerley Kost zu einerley Neigung. Aber weiter — es ist dein Vater! Er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut — also sey er dir heilig. Wiederum eine schlaue Consequenz! Ich möchte doch fragen, warum hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir, der erst ein Ich werden sollte? Hat er mich gekannt, ehe er mich machte? Oder hat er an mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte? Wußte er, was ich werden würde? das wollt' ich ihm nicht rathen, sonst möcht' ich ihn dafür strafen, daß er mich doch gemacht hat? Kann ich's ihm Dank wissen, daß ich ein Mann wurde? So wenig, als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir gemacht hätte. Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung gegen mein Selbst gründet? Konnte Achtung gegen mein Selbst vorhanden seyn, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Voraussetzung seyn muß? Wo stickt dann nun das Heilige? Etwa im Aktus selber, durch den ich entstund? — Als wenn dieser etwas mehr wäre, als viehischer Proceß zur Stillung viehischer Begierden? Oder stickt es vielleicht im Resultat dieses Aktus, der doch nichts ist, als eiserne Nothwendigkeit, die man so gern wegwünschte, wenn's nicht auf Unkosten von Fleisch und Blut geschehen müßte. Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben, daß er mich liebt? das ist eine Eitelkeit von ihm, die Schoossünde aller Künstler, die sich in ihrem Werk kokettiren, wär' es auch noch so häßlich. — Sehet also, das ist die ganze Hexerey, die ihr in einen heiligen Nebel verschleyert, unsre Furchtsamkeit zu mißbrauchen. Soll auch ich mich dadurch gängeln lassen, wie einen Knaben?
Frisch also! muthig an's Werk! — Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, daß ich nicht Herr bin. Herr muß ich seyn, daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht. (ab)
Zweite Scene.
Schenke an den Gränzen von Sachsen.
Karl von Moor (in ein Buch vertieft.) Spiegelberg (trinkend am Tisch.)
Karl v. Moor (legt das Buch weg.) Mir eckelt vor diesem Tintenkleksenden Seculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen.
Spiegelberg (stellt ihm ein Glas hin, und trinkt.) Den Josephus mußt du lesen.
Moor. Der lohe Lichtfunke Prometheus ist ausgebrannt, dafür nimmt man itzt die Flamme von Berlappenmehl — Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules, und studiren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sey, das er in seinen Hoden geführt hat? Ein französischer Abbé docirt, Alexander sey ein Haasenfuß gewesen, ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschgen Salmiakgeist vor die Nase, und liest ein Collegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals — feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Kannä, und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponiren müssen.
Spiegelberg. Das ist ja recht Alexandrinisch geflännt.
Moor. Schöner Preiß für euren Schweiß in der Feldschlacht, daß ihr jetzt in Gymnasien lebet, und eure Unsterblichkeit in einem Bücherriemen mühsam fortgeschleppt wird. Kostbarer Ersatz eures verpraßten Blutes, von einem Nürnberger Krämer um Lebkuchen gewickelt — oder, wenn's glücklich geht, von einem französischen Tragödienschreiber auf Stelzen geschraubt, und mit Drahtfäden gezogen zu werden. Hahaha!
Spiegelberg (trinkt.) Lies den Josephus, ich bitte dich drum.
Moor. Pfui! Pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert, zu nichts nütze, als die Thaten der Vorzeit wiederzukäuen, und die Helden des Alterthums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.
Spiegelberg. Thee, Bruder, Thee!
Moor. Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmakten Conventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen — beleken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen, und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. — Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare — fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können — wenden kein Aug von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisirt ist. — Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht — — So warm ich ihnen die Hand drückte — »nur noch einen Tag« — Umsonst! — Ins Loch mit dem Hund! — Bitten! Schwüre! Thränen (auf den Boden stampfend.) Hölle und Teufel!
Spiegelberg. Und um so ein paar tausend lausige Dukaten —
Moor. Nein, ich mag nicht daran denken. Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust, und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freyheit brütet Kolosse und Extremitäten aus. Sie verpallisadiren sich ins Bauchfell eines Tyrannen, hofiren der Laune seines Magens, und lassen sich klemmen von seinen Winden. — Ah! daß der Geist Herrmanns noch in der Asche glimmte! — Stelle mich vor ein Heer Kerls, wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster seyn sollen. (Er wirft den Degen auf den Tisch, und steht auf.)
Spiegelberg (aufspringend.) Bravo! Bravissimo! du bringst mich eben recht auf das Chapitre. Ich will dir was in's Ohr sagen, Moor, das schon lang mit mir umgeht, und du bist der Mann dazu — sauf Bruder, sauf — wie wär's, wenn wir Juden würden, und das Königreich wieder auf's Tapet brächten?
Moor (lacht aus vollem Halse.) Ah! Nun merk' ich — nun merk' ich — du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?
Spiegelberg. Daß dich, Bärenhäuter! Ich bin freylich wunderbarerweis schon voraus beschnitten. Aber sag, ist das nicht ein schlauer und herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgehen in alle vier Enden der Welt, und citiren nach Palästina, was kein Schweinefleisch ißt. Da beweis ich nun durch triftige Dokumente, Herodes, der Vierfürst, sey mein Großahnherr gewesen, und so ferner. Das wird ein Viktoria abgeben, Kerl, wenn sie wieder in's Trockene kommen, und Jerusalem wieder aufbauen dörfen. Itzt frisch mit den Türken aus Asien, weil's Eisen noch warm ist, und Cedern gehauen aus dem Libanon, und Schiffe gebaut, und geschachert mit alten Borten und Schnallen das ganze Volk. Mittlerweile —
Moor (nimmt ihn lächelnd bei der Hand.) Kamerad! Mit den Narrenstreichen ist's nun am Ende.
Spiegelberg (stutzig.) Pfui, du wirst doch nicht gar den verlorenen Sohn spielen wollen? Ein Kerl, wie du, der mit dem Degen mehr auf die Gesichter gekritzelt hat, als drei Substituten in einem Schaltjahr in's Befehlbuch schreiben! Soll ich dir von der großen Hundsleiche vorerzählen? ha! ich muß nur dein eigenes Bild wieder vor dich rufen, das wird Feuer in deine Adern blasen, wenn dich sonst nichts mehr begeistert. Weißt du noch, wie die Herren vom Collegio deiner Dogge das Bein hatten abschiessen lassen, und du zur Revange liessest ein Fasten ausschreiben in der ganzen Stadt. Man schmollte über dein Rescript. Aber du nicht faul, lässest alles Fleisch aufkaufen in ganz L.., daß in acht Stund kein Knoch mehr zu nagen ist in der ganzen Rundung, und die Fische anfangen im Preiße zu steigen. Magistrat und Bürgerschaft düsselten Rache. Wir Pursche frisch heraus zu siebzehnhundert, und du an der Spitze, und Mezger und Schneider und Krämer hinterher, und Wirth und Barbierer und alle Zünfte, und fluchen, Sturm zu laufen wider die Stadt, wenn man den Purschen ein Haar krümmen wollte. Da gieng's aus, wie's Schiessen zu Hornberg, und mußten abziehen mit langer Nase. Du lässest Doktores kommen ein ganzes Concilium, und botst drei Dukaten, wer dem Hund ein Recept schreiben würde. Wir sorgten, die Herren werden zuviel Ehr im Leib haben und Nein sagen, und hattens schon verabredt, sie zu forciren. Aber das war unnöthig, die Herren schlugen sich um die drei Dukaten, und kam's im Abstreich herab auf drei Bazen, in einer Stund sind zwölf Recepte geschrieben, daß das Thier auch bald drauf verreckte.
Moor. Schändliche Kerls!
Spiegelberg. Der Leichenpomp wird veranstaltet in aller Pracht, Carmina gab's die schwere Meng' um den Hund, und zogen wir aus des Nachts gegen tausend, eine Laterne in der einen Hand, unsre Raufdegen in der andern, und so fort durch die Stadt mit Glockenspiel und Geklimper, bis der Hund beigesetzt war. Drauf gab's ein Fressen, das währt bis an den lichten Morgen, da bedanktest du dich bei den Herren für das herzliche Beileid, und liessest das Fleisch verkaufen ums halbe Geld. Mort de ma vie, da hatten wir dir Respekt, wie eine Garnison in einer eroberten Vestung —
Moor. Und du schämst dich nicht damit groß zu prahlen? Hast nicht einmal so viel Schaam, dich dieser Streiche zu schämen?
Spiegelberg. Geh, geh. Du bist nicht mehr Moor. Weißt du noch, wie tausendmal du, die Flasche in der Hand, den alten Filzen hast aufgezogen, und gesagt: Er soll nur drauf los schaben und scharren, du wollest dir dafür die Gurgel absaufen. — Weißt du noch? he? weißt du noch? O du heilloser, erbärmlicher Prahlhans! das war noch männlich gesprochen, und edelmännisch, aber —
Moor. Verflucht seyst du, daß du mich dran erinnerst! Verflucht ich, daß ich es sagte! Aber es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz hörte nicht, was meine Zunge prahlte.
Spiegelberg (schüttelt den Kopf.) Nein! nein! nein! das kann nicht seyn. Unmöglich, Bruder, das kann dein Ernst nicht seyn. Sag, Brüderchen, ist es nicht die Noth, die dich so stimmt? Komm, laß dir ein Stückchen aus meinen Bubenjahren erzählen. Da hatt' ich neben meinem Haus einen Graben, der, wie wenig, seine acht Schuh breit war, wo wir Buben uns in die Wette bemühten, hinüber zu springen. Aber das war umsonst. Pflumpf! lagst du, und ward ein Gezisch und Gelächter über dir, und wurdest mit Schneeballen geschmissen über und über. Neben meinem Haus lag eines Jägers Hund an einer Kette, eine so bißige Bestie, die dir die Mädels wie der Blitz am Rockzipfel hatte, wenn sie sichs versahn, und zu nah' dran vorbey strichen. Das war nun mein Seelengaudium, den Hund überall zu necken, wo ich nur konnte, und wollt' halb krepiren vor Lachen, wenn mich dann das Luder so giftig anstierte, und so gern auf mich losgerannt wär', wenn's nur gekonnt hätte. — Was geschieht? Ein andermal mach' ich's ihm auch wieder so, und werf' ihn mit einem Stein so derb an die Ripp', daß er vor Wuth von der Kette reißt, und auf mich dar, und ich, wie alle Donnerwetter, reiß aus, und davon — Tausend Schwernoth! Da ist dir just der vermaledeyte Graben dazwischen. Was zu thun? Der Hund ist mir hart an den Fersen und wüthig, also kurz resolvirt — ein Anlauf genommen — drüben bin ich. Dem Sprung hatt' ich Leib und Leben zu danken; die Bestie hätte mich zu Schanden gerissen.
Moor. Aber wozu itzt das?
Spiegelberg. Dazu — daß du sehen sollst, wie die Kräfte wachsen in der Noth. Darum laß ich mir's auch nicht bange seyn, wenn's auf's äusserste kommt. Der Muth wächst mit der Gefahr; die Kraft erhebt sich im Drang. Das Schicksal muß einen großen Mann aus mir haben wollen, weil's mir so queer durch den Weg streicht.
Moor (ärgerlich.) Ich wüßte nicht, wozu wir den Muth noch haben sollten, und noch nicht gehabt hätten.
Spiegelberg. So? — Und du willst also deine Gaben in dir verwittern lassen? Dein Pfund vergraben? Meynst du, deine Stinkereyen in Leipzig machen die Gränzen des menschlichen Witzes aus? Da laß uns erst in die große Welt kommen. Paris und London! — wo man Ohrfeigen einhandelt, wenn man einen mit dem Namen eines ehrlichen Mannes grüßt. Da ist es auch ein Seelenjubilo, wenn man das Handwerk in's Große prakticirt. — Du wirst gaffen! Du wirst Augen machen! Wart, und wie man Handschriften nachmacht, Würfel verdreht, Schlösser aufbricht, und den Koffern das Eingeweid ausschüttet — das sollst du noch von Spiegelberg lernen! Die Kanaille soll man an den nächsten besten Galgen knüpfen, die bei geraden Fingern verhungern will.
Moor (zerstreut.) Wie? du hast es wohl gar noch weiter gebracht?
Spiegelberg. Ich glaube gar, du setzest ein Mißtrauen in mich. Wart, laß mich erst warm werden; du sollst Wunder sehen, dein Gehirnchen soll sich im Schädel umdrehen, wenn mein kreisender Witz in die Wochen kommt. — (steht auf, hitzig.) Wie es sich aufhellt in mir! Große Gedanken dämmern auf in meiner Seele! Riesenplane gähren in meinem schöpfrischen Schedel. Verfluchte Schlafsucht! (Sich vor'n Kopf schlagend.) die bisher meine Kräfte in Ketten schlug, meine Aussichten sperrte und spannte; ich erwache, fühle, wer ich bin — wer ich werden muß!
Moor. Du bist ein Narr. Der Wein bramarbasirt aus deinem Gehirne.
Spiegelberg (hitziger.) Spiegelberg, wird es heissen, kannst du hexen, Spiegelberg? Es ist Schade, daß du kein General worden bist, Spiegelberg, wird der König sagen, du hättest die Oestreicher durch ein Knopfloch gejagt. Ja, hör' ich die Doktors jammern, es ist unverantwortlich, daß der Mann nicht die Medizin studirt hat, er hätte ein neues Kropfpulver erfunden. Ach! und daß er das Kamerale nicht zum Fach genommen hat, werden die Sully's in ihren Kabinetten seufzen, er hätte aus Steinen Louisd'ore hervorgezaubert. Und Spiegelberg wird es heissen in Osten und Westen, und in den Koth mit euch, ihr Memmen, ihr Kröten, indeß Spiegelberg mit ausgespreiteten Flügeln zum Tempel des Nachruhms empor fliegt.
Moor. Glück auf den Weg! Steig du auf Schandsäulen zum Gipfel des Ruhms. Im Schatten meiner väterlichen Haine, in den Armen meiner Amalia lockt mich ein edler Vergnügen. Schon die vorige Woche hab' ich meinem Vater um Vergebung geschrieben, hab' ihm nicht den kleinsten Umstand verschwiegen, und wo Aufrichtigkeit ist, ist auch Mitleid und Hilfe. Laß uns Abschied nehmen, Moriz. Wir sehen uns heut und nie mehr. Die Post ist angelangt. Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb dieser Stadtmauren.
Schweizer. Grimm. Roller. Schufterle. Razmann (treten auf.)
Roller. Wißt ihr auch, daß man uns auskundschaftet?
Grimm. Daß wir keinen Augenblick sicher sind, aufgehoben zu werden?
Moor. Mich wundert's nicht. Es gehe, wie es will! sah't ihr den Schwarz nicht? sagt er euch von keinem Brief, den er an mich hätte?
Roller. Schon lang sucht er dich, ich vermuthe so etwas.
Moor. Wo ist er, wo, wo? (will eilig fort.)
Roller. Bleib! wir haben ihn hieher beschieden. Du zitterst? —
Moor. Ich zittre nicht. Warum sollt' ich auch zittern? Kameraden! dieser Brief — freut euch mit mir! Ich bin der Glücklichste unter der Sonne, warum sollt' ich zittern?
Schwarz (tritt auf.)
Moor (fliegt ihm entgegen.) Bruder, Bruder, den Brief! den Brief!
Schwarz (giebt ihm den Brief, den er hastig aufbricht.) Was ist dir? wirst du nicht wie die Wand?
Moor. Meines Bruders Hand!
Schwarz. Was treibt denn der Spiegelberg?
Grimm. Der Kerl ist unsinnig. Er macht Gestus wie beim Sanct Veits-Tanz.
Schufterle. Sein Verstand geht im Ring herum. Ich glaub' er macht Verse.
Razmann. Spiegelberg! He Spiegelberg! — Die Bestie hört nicht.
Grimm (schüttelt ihn.) Kerl! träumst du, oder? —
Spiegelberg (der sich die ganze Zeit über mit den Pantomimen eines Projektmachers im Stubeneck abgearbeitet hat, springt wild auf.) La Bourse ou la vie! (und packt Schweizern an der Gurgel, der ihn gelassen an die Wand wirft, — Moor läßt den Brief fallen, und rennt hinaus. Alle fahren auf.)
Roller (ihm nach.) Moor! wonaus, Moor? was beginnst du?
Grimm. Was hat er, was hat er? Er ist bleich wie die Leiche.
Schweizer. Das müssen schöne Neuigkeiten seyn! Laß doch sehen!
Roller (nimmt den Brief von der Erde, und liest.)
»Unglücklicher Bruder!« der Anfang klingt lustig. »Nur kürzlich muß ich dir melden, daß deine Hoffnung vereitelt ist — du sollst hingehen, läßt dir der Vater sagen, wohin dich deine Schandthaten führen. Auch, sagt er, werdest du dir keine Hoffnung machen, jemals Gnade zu seinen Füssen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig seyn wollest, im untersten Gewölb seiner Thürme mit Wasser und Brod so lang traktirt zu werden, bis deine Haare wachsen wie Adlers-Federn, und deine Nägel wie Vogelsklauen werden. Das sind seine eigene Worte. Er befiehlt mir, den Brief zu schliessen. Leb wohl auf ewig! Ich bedaure dich —
Franz von Moor.«
Schweizer. Ein zuckersüsses Brüdergen! In der That! — Franz heißt die Kanaille?
Spiegelberg. (sachte herbey schleichend.) Von Wasser und Brod ist die Rede? Ein schönes Leben! Da hab ich anders für euch gesorgt! Sagt' ichs nicht, ich müßt' am Ende für euch alle denken?
Schweizer. Was sagt der Schafskopf? der Esel will für uns alle denken?
Spiegelberg. Haasen, Krüppel, lahme Hunde seyd ihr alle, wenn ihr das Herz nicht habt, etwas Grosses zu wagen!
Roller. Nun, das wären wir freylich, du hast recht — aber wird es uns auch aus dieser vermaledeyten Lage reissen, was du wagen wirst? wird es? —
Spiegelberg (mit einem stolzen Gelächter.) Armer Tropf! aus dieser Lage reissen? hahaha! — aus dieser Lage reissen? — und auf mehr raffinirt dein Fingerhut voll Gehirn nicht? und damit trabt deine Mähre zum Stalle? Spiegelberg müßte ein Hundsvott seyn, wenn er mit dem nur anfangen wollte. Zu Helden, sag ich dir, zu Freyherrn, zu Fürsten, zu Göttern wirds euch machen!
Razmann. Das ist viel auf einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl eine halsbrechende Arbeit seyn, den Kopf wirds wenigstens kosten.
Spiegelberg. Es will nichts als Muth, denn was den Witz betrifft, den nehm ich ganz über mich. Muth, sag ich, Schweizer! Muth, Roller, Grimm, Razmann, Schufterle! Muth! —
Schweizer. Muth? Wenn's nur das ist — Muth hab ich genug um baarfuß mitten durch die Hölle zu gehn.
Schufterle. Muth genug, mich unterm lichten Galgen mit dem leibhaftigen Teufel um einen armen Sünder zu balgen.
Spiegelberg. So gefällt mir's! Wenn ihr Muth habt, tret einer auf, und sag: Er habe noch etwas zu verlieren, und nicht alles zu gewinnen! —
Schwarz. Wahrhaftig, da gäb's manches zu verlieren, wenn ich das verlieren wollte, was ich noch zu gewinnen habe!
Razmann. Ja, zum Teufel! und manches zu gewinnen, wenn ich das gewinnen wollte, was ich nicht verlieren kann.
Schufterle. Wenn ich das verlieren müßte, was ich auf Borgs auf dem Leibe trage, so hätt' ich allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren.
Spiegelberg. Also denn! (Er stellt sich mitten unter sie mit beschwörendem Ton.) Wenn noch ein Tropfen deutschen Heldenbluts in euren Adern rinnt — kommt! Wir wollen uns in den böhmischen Wäldern niederlassen, dort eine Räuberbande zusammen ziehen, und — Was gafft ihr mich an? — ist euer Bisgen Muth schon verdampft?
Roller. Du bist wohl nicht der erste Gauner, der über den hohen Galgen weggesehen hat — und doch — Was hätten wir sonst noch für eine Wahl übrig?
Spiegelberg. Wahl? Was? nichts habt ihr zu wählen! Wollt ihr im Schuldthurm stecken, und zusammenschnurren, bis man zum jüngsten Tag posaunt? Wollt ihr euch mit der Schaufel und Haue um einen Bissen trocken Brod abquälen? Wollt ihr an der Leute Fenster mit einem Bänkelsänger-Lied ein mageres Allmosen erpressen? oder wollt ihr zum Kalbsfell schwören — und da ist erst noch die Frage, ob man euren Gesichtern traut — und dort unter der milzsüchtigen Laune eines gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum voraus abverdienen? oder bey klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spatzieren gehn, oder im Gallioten-Paradies das ganze Eisen-Magazin Vulkans hinterherschleifen? Seht, das habt ihr zu wählen, da ist es beysammen, was ihr wählen könnt!
Roller. So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht. Ich hab auch meine Plane schon zusammen gemacht, aber sie treffen endlich auf eins. Wie wär's, dacht' ich, wenn ihr euch hinsetztet, und ein Taschenbuch oder einen Almanach, oder so was ähnlichs zusammensudeltet, und um den lieben Groschen recensirtet, wie's wirklich Mode ist?
Schufterle. Zum Henker! ihr rathet nah zu meinen Projekten. Ich dachte bey mir selbst, wie wenn du ein Pietist würdest, und wöchentlich deine Erbauungsstunden hieltest?
Grimm. Getroffen! und wenn das nicht geht, ein Atheist! Wir könnten die vier Evangelisten auf's Maul schlagen, liessen unser Buch durch den Schinder verbrennen, und so gieng's reissend ab.
Razmann. Oder zögen wir wider die Franzosen zu Felde — ich kenne einen Doktor, der sich ein Haus von purem Quecksilber gebauet hat, wie das Epigramm auf der Hausthüre lautet.
Schweizer. (Steht auf und gibt Spiegelberg die Hand.) Moriz, du bist ein grosser Mann! — oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden.
Schwarz. Vortreffliche Plane! honnete Gewerbe! Wie doch die grossen Geister sympathisiren! Izt fehlte nur noch, daß wir Weiber und Kupplerinnen würden, oder gar unsere Jungferschaft zu Markte trieben.
Spiegelberg. Possen, Possen! Und was hinderts, daß ihr nicht das meiste in einer Person seyn könnt? Mein Plan wird euch immer am höchsten poussiren, und da habt ihr noch Ruhm und Unsterblichkeit! Seht arme Schlucker! Auch so weit muß man hinausdenken! Auch auf den Nachruhm, das süsse Gefühl von Unvergeßlichkeit —
Roller. Und oben an in der Liste der ehrlichen Leute! Du bist ein Meister-Redner, Spiegelberg, wenn's drauf ankommt, aus einem ehrlichen Mann einen Hollunken zu machen — Aber sag doch einer, wo der Moor bleibt? —
Spiegelberg. Ehrlich, sagst du? Meynst du, du seyst nachher weniger ehrlich, als du izt bist? Was heist du ehrlich? Reichen Filzen ein Drittheil ihrer Sorgen vom Hals schaffen, die ihnen nur den goldnen Schlaf verscheuchen, das stockende Geld in Umlauf bringen, das Gleichgewicht der Güter wieder herstellen, mit einem Wort, das goldne Alter wieder zurückrufen, dem lieben Gott von manchem lästigen Kostgänger helfen, ihm Krieg, Pestilenz, theure Zeit und Doktors ersparen — siehst du, das heiß ich ehrlich seyn, das heiß ich ein würdiges Werkzeug in der Hand der Vorsehung abgeben, — und so bey jedem Braten, den man ißt, den schmeichelhaften Gedanken zu haben: den haben dir deine Finten, dein Löwenmuth, deine Nachtwachen erworben — von groß und klein respektirt zu werden —
Roller. Und endlich gar bey lebendigem Leibe gen Himmel fahren, und trotz Sturm und Wind, trotz dem gefrässigen Magen der alten Urahne Zeit unter Sonn und Mond und allen Fixsternen schweben, wo selbst die unvernünftigen Vögel des Himmels, von edler Begierde herbeygelockt, ihr himmlisches Koncert musiciren, und die Engel mit Schwänzen ihr hochheiliges Synedrium halten? Nicht wahr? — und wenn Monarchen und Potentaten von Motten und Würmern verzehrt werden, die Ehre haben zu dürfen, von Jupiters königlichem Vogel Visiten anzunehmen? — Moriz, Moriz, Moriz! nimm dich in Acht! nimm dich in Acht, vor dem dreybeinigten Thiere!
Spiegelberg. Und das schröckt dich, Hasenherz? ist doch schon manches Universal-Genie, das die Welt hätte reformiren können, auf dem Schind-Anger verfault, und spricht man nicht von so einem Jahrhunderte, Jahrtausende lang, da mancher König und Kurfürst in der Geschichte überhüpft würde, wenn sein Geschichtschreiber die Lücke in der Successions-Leiter nicht scheute, und sein Buch dadurch nicht um ein paar Oktavseiten gewönne, die ihm der Verleger mit baarem Gelde bezahlt — Und wenn dich der Wanderer so hin und her fliegen sieht im Winde — der muß auch kein Wasser im Hirn gehabt haben, brummt er in den Bart, und seufzt über die elenden Zeiten.
Schweizer. (klopft ihn auf die Achsel.) Meisterlich, Spiegelberg! Meisterlich! Was, zum Teufel, steht ihr da, und zaudert?
Schwarz. Und laß es auch Prostitution heissen — Was folgt weiter? Kann man nicht auf den Fall immer ein Pülverchen mit sich führen, das einen so im stillen übern Acheron fördert, wo kein Hahn darnach kräht! Nein, Bruder Moriz! dein Vorschlag ist gut. So lautet auch mein Katechismus.
Schufterle. Blitz! Und der meine nicht minder. Spiegelberg, du hast mich geworben!
Razmann. Du hast, wie ein anderer Orpheus, die heulende Bestie, mein Gewissen, in den Schlaf gesungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin.
Grimm. Si omnes consentiunt ego non dissentio. Wohlgemerkt ohne Komma. Es ist ein Aufstreich in meinem Kopf; Pietisten — Quacksalber — Rezensenten und Gauner. Wer am meisten bietet, der hat mich. Nimm diese Hand, Moriz.
Roller. Und auch du Schweizer? (gibt Spiegelberg die rechte Hand.) Also verpfänd ich meine Seele dem Teufel.
Spiegelberg. Und deinen Namen den Sternen! was liegt daran, wohin auch die Seele fährt? Wenn Schaaren vorausgesprengter Kuriere unsere Niederfahrt melden, daß sich die Satane festtäglich herausputzen, sich den tausendjährigen Ruß aus den Wimpern stäuben, und Myriaden gehörnter Köpfe aus der rauchenden Mündung ihrer Schwefel-Kamine hervorwachsen, unsern Einzug zu sehen? Kameraden! (aufgesprungen) frisch auf! Kameraden! was in der Welt wiegt diesen Rausch des Entzückens auf? Kommt Kameraden!
Roller. Sachte nur! Sachte! wohin? das Thier muß auch seinen Kopf haben, Kinder.
Spiegelberg. (Giftig.) Was predigt der Zauderer? Stand nicht der Kopf schon, eh noch ein Glied sich regte? folgt Kameraden!
Roller. Gemach sag ich. Auch die Freyheit muß ihren Herrn haben. Ohne Oberhaupt gieng Rom und Sparta zu Grunde.
Spiegelberg. (Geschmeidig.) Ja — haltet — Roller sagt recht. Und das muß ein erleuchteter Kopf seyn. Versteht ihr? Ein feiner politischer Kopf muß das seyn. Ja! wenn ich mir's denke, was ihr vor einer Stunde waret, was ihr izt seyd, — durch Einen glücklichen Gedanken seyd — Ja freylich, freylich, müßt ihr einen Chef haben — Und wer diesen Gedanken entsponnen, sagt, muß das nicht ein erleuchteter politischer Kopf seyn?
Roller. Wenn sich's hoffen ließe — träumen ließe — Aber ich fürchte, er wird es nicht thun.
Spiegelberg. Warum nicht? Sag's kek heraus, Freund! — So schwer es ist, das kämpfende Schiff gegen die Winde zu lenken, so schwer sie auch drückt die Last der Kronen — Sag's unverzagt, Roller — Vielleicht wird ers doch thun.
Roller. Und lek ist das Ganze, wenn er's nicht thut. Ohne den Moor sind wir Leib ohne Seele.
Spiegelberg. (Unwillig von ihm weg.) Stockfisch!
Moor. (tritt herein in wilder Bewegung, und läuft heftig im Zimmer auf und nieder, mit sich selber.)
Moor. Menschen — Menschen! falsche, heuchlerische Krokodilbrut! Ihre Augen sind Wasser! Ihre Herzen sind Erz! Küsse auf den Lippen! Schwerter im Busen! Löwen und Leoparde füttern ihre Jungen, Raben tischen ihren Kleinen auf dem Aas, und Er, Er — Bosheit hab ich dulden gelernt, kann dazu lächeln, wenn mein erboster Feind mir mein eigen Herzblut zutrinkt — aber wenn Blutliebe zur Verrätherinn, wenn Vaterliebe zur Megäre wird; o so fange Feuer, männliche Gelassenheit, verwilde zum Tyger, sanftmüthiges Lamm, und jede Faser recke sich auf zum Grimm und Verderben!
Roller. Höre Moor! Was denkst du davon? Ein Räuberleben ist doch auch besser, als bey Wasser und Brod im untersten Gewölbe der Thürme?
Moor. Warum ist dieser Geist nicht in einen Tyger gefahren, der sein wüthendes Gebiß in Menschenfleisch haut? Ist das Vatertreue? Ist das Liebe für Liebe? Ich möchte ein Bär seyn, und die Bären des Nordlands wider dies mörderische Geschlecht anhetzen — Reue, und keine Gnade! — Oh ich möchte den Ocean vergiften, daß sie den Tod aus allen Quellen saufen! Vertrauen, unüberwindliche Zuversicht, und kein Erbarmen!
Roller. So höre doch, Moor, was ich dir sage!
Moor. Es ist unglaublich, es ist ein Traum, eine Täuschung — So eine rührende Bitte, so eine lebendige Schilderung des Elends und der zerfliessenden Reue — die wilde Bestie wär' in Mitleid zerschmolzen! Steine hätten Thränen vergossen, und doch — man würde es für ein boshaftes Pasquill auf's Menschengeschlecht halten, wenn ich's aussagen wollte — und doch, doch — oh daß ich durch die ganze Natur das Horn des Aufruhrs blasen könnte, Luft, Erde und Meer wider das Hyänen-Gezücht in's Treffen zu führen!
Grimm. Höre doch, höre! vor Rasen hörst du ja nicht.
Moor. Weg, weg von mir! Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das Weib nicht gebohren? — Aus meinen Augen du mit dem Menschengesicht! — Ich hab ihn so unaussprechlich geliebt! so liebte kein Sohn, ich hätte tausend Leben für ihn — (schäumend auf die Erde stampfend.) ha! — wer mir itzt ein Schwerdt in die Hand gäbe, dieser Otternbrut eine brennende Wunde zu versetzen! wer mir sagte: wo ich das Herz ihres Lebens erzielen, zermalmen, zernichten — Er sey mein Freund, mein Engel, mein Gott — ich will ihn anbeten!
Roller. Eben diese Freunde wollen ja wir seyn, laß dich doch weisen!
Schwarz. Komm mit uns in die böhmischen Wälder! Wir wollen eine Räuberbande sammeln, und du — (Moor stiert ihn an.)
Schweizer. Du sollst unser Hauptmann seyn! du must unser Hauptmann seyn!
Spiegelberg (wirft sich wild in einen Sessel.) Sklaven und Memmen!
Moor. Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! (indem er Rollern hart ergreift) das hast du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt! wer blies dir das Wort ein? Ja, bey dem tausendarmigen Tod! das wollen wir, das müssen wir! der Gedanke verdient Vergötterung — Räuber und Mörder! — So wahr meine Seele lebt, ich bin euer Hauptmann!
Alle (mit lärmendem Geschrey.) Es lebe der Hauptmann!
Spiegelberg (aufspringend, vor sich.) Bis ich ihm hinhelfe!
Moor. Siehe, da fällts wie der Staar von meinen Augen! was für ein Thor ich war, daß ich in's Keficht zurückwollte! — Mein Geist dürstet nach Thaten, mein Athem nach Freyheit, — Mörder, Räuber! — mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt — Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellirte, weg dann von mir Sympathie und menschliche Schonung! — Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir jemals etwas theuer war! — Kommt, kommt! — Oh ich will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen — es bleibt dabey, ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister unter euch, der am wildesten sengt, am gräßlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll königlich belohnet werden — tretet her um mich ein jeder, und schwöret mir Treu und Gehorsam zu bis in den Tod! — schwört mir das bey dieser männlichen Rechte.
Alle (geben ihm die Hand.) Wir schwören dir Treu und Gehorsam bis in den Tod!
Moor. Nun und bey dieser männlichen Rechte! schwör ich euch hier, treu und standhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den soll dieser Arm gleich zur Leiche machen, der jemals zagt oder zweifelt, oder zurücktritt! Ein gleiches widerfahre mir von jedem unter euch, wenn ich meinen Schwur verletze! Seyd ihr's zufrieden? (Spiegelberg läuft wüthend auf und nieder.)
Alle (mit aufgeworfenen Hüten.) Wir sind's zufrieden.
Moor. Nun dann, so laßt uns geh'n! Fürchtet euch nicht vor Tod und Gefahr, denn über uns waltet ein unbeugsames Fatum! Jeden ereilet endlich sein Tag, es sey auf dem weichen Kissen von Pflaum, oder im rauhen Gewühl des Gefechtes, oder auf offenem Galgen und Rad! Eins davon ist unser Schicksal!
(Sie gehen ab.)
Spiegelberg (ihnen nachsehend, nach einer Pause.) Dein Register hat ein Loch. Du hast das Gift weggelassen. (Ab)
Dritte Scene.
Im Moorischen Schloß, Amaliens Zimmer.
Franz. Amalia.
Franz. Du siehst weg, Amalia? verdien ich weniger, als der, den der Vater verflucht hat?
Amalia. Weg! — ha des liebevollen barmherzigen Vaters, der seinen Sohn Wölffen und Ungeheuern Preis gibt! daheim labt er sich mit süssem köstlichem Wein, und pflegt seiner morschen Glieder in Kissen von Eider, während sein groser herrlicher Sohn darbt — schämt euch, ihr Unmenschen! schämt euch, ihr Drachenseelen, ihr Schande der Menschheit! — seinen einzigen Sohn!
Franz. Ich dächte, er hätt ihrer zween.
Amalia. Ja, er verdient solche Söhne zu haben, wie du bist. Auf seinem Todbett wird er umsonst die welken Hände ausstrecken nach seinem Karl, und schaudernd zurückfahren, wenn er die eiskalte Hand seines Franzens faßt — oh es ist süß, es ist köstlich süß, von deinem Vater verflucht zu werden! Sprich Franz, liebe brüderliche Seele! was muß man thun, wenn man von ihm verflucht seyn will?
Franz. Du schwärmst, meine Liebe, du bist zu bedauren.
Amalia. O ich bitte dich — bedauerst du deinen Bruder? — Nein Unmensch, du hassest ihn! du hassest mich doch auch?
Franz. Ich liebe dich wie mich selbst, Amalia.
Amalia. Wenn du mich liebst, kannst du mir wohl eine Bitte abschlagen?
Franz. Keine, keine! wenn sie nicht mehr ist als mein Leben.
Amalia. O, wenn das ist! Eine Bitte, die du so leicht, so gern erfüllen wirst (stolz.) — Hasse mich! Ich müßte feuerroth werden vor Scham, wenn ich an Karln denke, und mir eben einfiel, daß du mich nicht hassest. Du versprichst mir's doch? — Itzt geh, und laß mich, ich bin so gern allein!
Franz. Allerliebste Träumerinn! wie sehr bewundere ich dein sanftes liebevolles Herz, (ihr auf die Brust klopfend.) Hier, hier herrschte Karl wie ein Gott in seinem Tempel, Karl stand vor dir im Wachen, Karl regierte in deinen Träumen, die ganze Schöpfung schien dir nur in den einzigen zu zerfliessen, den einzigen wiederzustralen, den einzigen dir entgegen zu tönen.
Amalia. (bewegt.) Ja wahrhaftig, ich gesteh es. Euch Barbaren zum Trutz will ich's vor aller Welt gestehen — ich lieb ihn!
Franz. Unmenschlich, grausam! Diese Liebe so zu belohnen! Die zu vergessen —
Amalia. (auffahrend.) Was, mich vergessen?
Franz. Hattest du ihm nicht einen Ring an den Finger gesteckt? einen Diamantring zum Unterpfand deiner Treue! — Freylich nun, wie kann auch ein Jüngling den Reitzen einer Metze Widerstand thun? Wer wird's ihm auch verdenken, da ihm sonst nichts mehr übrig war wegzugeben, — und bezahlte sie ihn nicht mit Wucher dafür mit ihren Liebkosungen, ihren Umarmungen?
Amalia (aufgebracht.) Meinen Ring einer Metze?
Franz. Pfui, pfui! das ist schändlich. Wohl aber, wenn's nur das wäre! — Ein Ring, so kostbar er auch ist, ist im Grunde bey jedem Juden wieder zu haben — vielleicht mag ihm die Arbeit daran nicht gefallen haben, vielleicht hat er einen schönern dafür eingehandelt.
Amalia. (heftig.) Aber meinen Ring — ich sage meinen Ring?
Franz. Keinen andern, Amalia — ha! solch ein Kleinod, und an meinem Finger — und von Amalia! — von hier sollt' ihn der Tod nicht gerissen haben — nicht wahr, Amalia? nicht die Kostbarkeit des Diamants, nicht die Kunst des Gepräges — die Liebe macht seinen Werth aus — Liebstes Kind, du weinest? Wehe über den, der diese köstliche Tropfen aus so himmlischen Augen preßt — ach, und wenn du erst alles wüßtest, ihn selbst sähest, ihn unter der Gestalt sähest? —
Amalia. Ungeheuer! wie, unter welcher Gestalt?
Franz. Stille, stille, gute Seele, frage mich nicht aus! (wie vor sich, aber laut.) Wenn es doch wenigstens nur einen Schleyer hätte, das garstige Laster, sich dem Auge der Welt zu entstehlen! aber da blickts schrecklich durch den gelben bleyfarbenen Augenring; — da verräth sichs im todenblassen eingefallenen Gesicht, und dreht die Knochen heßlich hervor — da stammelts in der halben verstümmelten Stimme — da predigts fürchterlich laut vom zitternden hinschwankenden Gerippe — da durchwühlt es der Knochen innerstes Mark, und bricht die mannhafte Stärke der Jugend — da, da sprizt es den eitrichten fressenden Schaum aus Stirn und Wangen und Mund und der ganzen Fläche des Leibes zum scheußlichen Aussatz hervor, und nistet abscheulich in den Gruben der viehischen Schande — pfui, pfui! mir eckelt. Nasen, Augen, Ohren schütteln sich — du hast jenen Elenden gesehen, Amalia, der in unserem Siechenhause seinen Geist auskeuchte, die Schaam schien ihr scheues Auge vor ihm zuzublinzen — du ruftest Wehe über ihn aus. Ruf diß Bild noch einmal ganz in deine Seele zurück, und Karl steht vor dir! — Seine Küsse sind Pest, seine Lippen vergiften die deinen!
Amalia (schlägt ihn.) Schaamloser Lästerer!
Franz. Graut dir vor diesem Karl? Eckelt dir schon vor dem matten Gemälde? Geh, gaff ihn selbst an, deinen schönen, englischen göttlichen Karl! Geh, sauge seinen balsamischen Athem ein, und laß dich von den Ambrosia-Düften begraben, die aus seinem Rachen dampfen! der blose Hauch seines Mundes wird dich in jenen schwarzen todähnlichen Schwindel hauchen, der den Geruch eines berstenden Aases und den Anblick eines Leichenvollen Wahlplatzes begleitet.
Amalia (wendet ihr Gesicht ab.)
Franz. Welches Aufwallen der Liebe! Welche Wollust in der Umarmung — aber ist es nicht ungerecht, einen Menschen um seiner siechen Aussenseite willen zu verdammen? Auch im elendesten Aesopischen Krüppel kann eine grose liebenswürdige Seele, wie ein Rubin aus dem Schlamme glänzen, (boshaft lächelnd.) Auch aus blattrichten Lippen kann ja die Liebe —
Freylich, wenn das Laster auch die Festen des Karakters erschüttert, wenn mit der Keuschheit auch die Tugend davon fliegt, wie der Duft aus der welken Rose verdampft — wenn mit dem Körper auch der Geist zum Krüppel verdirbt —
Amalia (froh aufspringend.) Ha! Karl! Nun erkenn ich dich wieder! du bist noch ganz! ganz! alles war Lüge! — weist du nicht, Bösewicht, daß Karl unmöglich das werden kann? (Franz steht einige Zeit tiefsinnig, dann dreht er sich plötzlich, um zu gehn.) Wohin so eilig, fliehst du vor deiner eigenen Schande?
Franz (mit verhülltem Gesicht.) Laß mich, laß mich! — meinen Thränen den Lauf lassen — tyrannischer Vater! den besten deiner Söhne so hinzugeben dem Elend — der ringsumgebenden Schande — laß mich, Amalia! ich will ihm zu den Füssen fallen, auf den Knieen will ich ihn beschwören, den ausgesprochenen Fluch auf mich, auf mich zu laden — mich zu enterben — mich — mein Blut — mein Leben — alles —
Amalia (fällt ihm um den Hals.) Bruder meines Karls, bester, liebster Franz!
Franz. O Amalia! wie lieb ich dich um dieser unerschütterten Treue gegen meinen Bruder — Verzeih, daß ich es wagte, deine Liebe auf diese harte Probe zu setzen! — Wie schön hast du meine Wünsche gerechtfertigt! — Mit diesen Thränen, diesen Seufzern, diesem himmlischen Unwillen — auch für mich, für mich — unsere Seelen stimmten so zusammen.
Amalia. O nein, das thaten sie nie!
Franz. Ach sie stimmten so harmonisch zusammen, ich meynte immer, wir müßten Zwillinge seyn! und wär der leidige Unterschied von aussen nicht, wobey leider freylich Karl verlieren muß, wir würden zehnmal verwechselt. Du bist, sagt' ich oft zu mir selbst, ja du bist der ganze Karl, sein Echo, sein Ebenbild!
Amalia (schüttelt den Kopf.) Nein, nein, bey jenem keuschen Lichte des Himmels! kein Aederchen von ihm, kein Fünkchen von seinem Gefühle —
Franz. So ganz gleich in unsern Neigungen — die Rose war seine liebste Blume — welche Blume war mir über die Rose? Er liebte die Musik unaussprechlich, und ihr seyd Zeugen, ihr Sterne! ihr habt mich so oft in der Todenstille der Nacht beym Klaviere belauscht, wenn alles um mich begraben lag in Schatten und Schlummer — und wie kannst du noch zweifeln, Amalia, wenn unsere Liebe in einer Vollkommenheit zusammentraf, und wenn die Liebe die nemliche ist, wie könnten ihre Kinder entarten?
Amalia (sieht ihn verwundernd an.)
Franz. Es war ein stiller, heiterer Abend, der letzte, eh er nach Leipzig abreiste, da er mich mit sich in jene Laube nahm, wo ihr so oft zusammensaßet in Träumen der Liebe — stumm blieben wir lang — zuletzt ergriff er meine Hand und sprach leise mit Thränen: ich verlasse Amalia, ich weiß nicht — mir ahnets, als hieß es auf ewig — verlaß sie nicht, Bruder! — sey ihr Freund — ihr Karl — wenn Karl — nimmer — wiederkehrt — (Er stürzt vor ihr nieder und küßt ihr die Hand mit Heftigkeit.) Nimmer, nimmer, nimmer wird er wiederkehren, und ich hab's ihm zugesagt mit einem heiligen Eide!
Amalia (zurückspringend.) Verräther, wie ich dich ertappe! In eben dieser Laube beschwur er mich, keiner andern Liebe — wenn er sterben sollte — siehst du, wie gottlos, wie abscheulich du — geh aus meinen Augen.
Franz. Du kennst mich nicht, Amalia, du kennst mich gar nicht!
Amalia. O ich kenne dich, von itzt an kenn ich dich — und du wolltest ihm gleich seyn? Vor dir sollt er um mich geweint haben? Vor dir? Ehe hätt' er meinen Namen auf den Pranger geschrieben! Geh den Augenblick!
Franz. Du beleidigst mich!
Amalia. Geh, sag ich. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem Leben abgezogen.
Franz. Du hassest mich.
Amalia. Ich verachte dich, geh!
Franz (mit den Füssen stampfend.) Wart! so sollst du vor mir zittern! mich einem Bettler aufopfern? (Zornig ab.)
Amalia. Geh, Lotterbube — itzt bin ich wieder bey Karln — Bettler, sagt er? so hat die Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und Könige sind Bettler! — Ich möchte die Lumpen, die er anhat, nicht mit dem Purpur der Gesalbten vertauschen — der Blick, mit dem er bettelt, das muß ein groser, ein königlicher Blick seyn — ein Blick, der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Grosen und Reichen zernichtet! In den Staub mit dir, du prangendes Geschmeide! (Sie reißt sich die Perlen vom Hals.) Seyd verdammt, Gold und Silber und Juwelen zu tragen, ihr Grosen und Reichen! Seyd verdammt, an üppigen Maalen zu zechen! Verdammt, euren Gliedern wohl zu thun auf weichen Polstern der Wohllust! Karl! Karl! so bin ich dein werth — (Ab.)
Zweyter Akt.
Erste Scene.
Franz von Moor.
(nachdenkend in seinem Zimmer.)
Es dauert mir zu lange — der Doktor will, er sei im Umkehren — das Leben eines Alten ist doch eine Ewigkeit! — Und nun wär freye, ebene Bahn bis auf diesen ärgerlichen zähen Klumpen Fleisch, der mir, gleich dem unterirdischen Zauberhund in den Geistermährchen, den Weg zu meinen Schätzen verrammelt.
Müssen denn aber meine Entwürfe sich unter das eiserne Joch des Mechanismus beugen? — Soll sich mein hochfliegender Geist an den Schneckengang der Materie ketten lassen? — Ein Licht ausgeblasen, das ohnehin nur mit den letzten Oeltropfen noch wuchert — mehr ist's nicht — Und doch möchte ich das nicht gern selbst gethan haben um der Leute willen. Ich möchte ihn nicht gern getödtet, aber abgelebt. Ich möchte es machen wie der gescheide Arzt, (nur umgekehrt.) — Nicht der Natur durch einen Queerstreich den Weg verrannt, sondern sie in ihrem eigenen Gange befördert. Und wir vermögen doch wirklich die Bedingungen des Lebens zu verlängern, warum sollten wir sie nicht auch verkürzen können?
Philosophen und Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des Geists mit den Bewegungen der Maschine zusammen lauten. Gichtrische Empfindungen werden jederzeit von einer Dissonanz der mechanischen Schwingungen begleitet — Leidenschaften mißhandeln die Lebenskraft — der überladene Geist drückt sein Gehäuse zu Boden — Wie denn nun? — Wer es verstünde, dem Tod diesen ungebahnten Weg in das Schloß des Lebens zu ebenen? — den Körper vom Geist aus zu verderben — ha! ein Originalwerk! — wer das zu Stand brächte? — Ein Werk ohne gleichen! — Sinne nach Moor! — das wär' eine Kunst, die's verdiente, dich zum Erfinder zu haben. Hat man doch die Giftmischerey beynahe in den Rang einer ordentlichen Wissenschaft erhoben, und die Natur durch Experimente gezwungen, ihre Schranken anzugeben, daß man nunmehr des Herzens Schläge Jahr lang vorausrechnet, und zu dem Pulse spricht, bis hieher und nicht weiter![1] — Wer sollte nicht auch hier seine Flügel versuchen?
Und wie ich nun werde zu Werk gehen müssen, diese süße friedliche Eintracht der Seele mit ihrem Leibe zu stören? Welche Gattung von Empfindnissen, ich werde wählen müssen? Welche wohl den Flor des Lebens am grimmigsten anfeinden? Zorn — dieser heißhungrige Wolf frißt sich zu schnell satt — Sorge? — dieser Wurm nagt mir zu langsam — Gram? — diese Natter schleicht mir zu träge — Furcht? — die Hoffnung läßt sie nicht umgreiffen — was? Sind das all' die Henker des Menschen? — Ist das Arsenal des Todes so bald erschöpft? — (tiefsinnend.) Wie? — Nun? — Was? Nein! — Ha! (auffahrend.) Schreck! — Was kann der Schreck nicht? — Was kann Vernunft, Religion wider dieses Giganten eiskalte Umarmung? — Und doch? — Wenn er auch diesem Sturm stünde? — Wenn er? — O so komme du mir zu Hülfe, Jammer, und du, Reue, höllische Eumenide, grabende Schlange, die ihren Fraß wiederkäut, und ihren eigenen Koth wiederfrißt; ewige Zerstörerinnen und ewige Schöpferinnen eures Giftes, und du heulende Selbstverklagung, die du dein eigen Haus verwüstest, und deine eigene Mutter verwundest — Und kommt auch ihr mir zu Hülfe, wohlthätige Grazien selbst, sanftlächelnde Vergangenheit, und du mit dem überquellenden Füllhorn blühende Zukunft, haltet ihm in euren Spiegeln die Freuden des Himmels vor, wenn euer fliehender Fuß seinen geitzigen Armen entgleitet — So fall ich Streich auf Streich, Sturm auf Sturm dieses zerbrechliche Leben an, bis den Furientrupp zuletzt schließt — die Verzweiflung! Triumph! Triumph! — Der Plan ist fertig — Schwer und Kunstvoll wie keiner — zuverläßig — sicher — denn (spöttisch) des Zergliederers Messer findet ja keine Spuren von Wunde oder korrosivischem Gift.
(Entschlossen.) Wohlan denn, (Herrmann tritt auf.) Ha! Deus ex machina! Herrmann!
Herrmann. Zu euren Diensten, gnädiger Junker!
Franz (gibt ihm die Hand.) Die du keinem Undankbaren erweisest.
Herrmann. Ich hab' Proben davon.
Franz. Du sollst mehr haben mit nächstem — mit nächstem, Herrmann! — Ich habe dir etwas zu sagen, Herrmann.
Herrmann. Ich höre mit tausend Ohren.
Franz. Ich kenne dich, du bist ein entschloß'ner Kerl — Soldaten Herz — Haar auf der Zunge! — Mein Vater hat dich sehr beleidigt, Herrmann!
Herrmann. Der Teufel hole mich, wenn ich's vergesse!
Franz. Das ist der Ton eines Mann's! Rache geziemt einer männlichen Brust. Du gefällst mir, Herrmann. Nimm diesen Beutel, Herrmann. Er sollte schwerer seyn, wenn ich erst Herr wäre.
Herrmann. Das ist ja mein ewiger Wunsch, gnädiger Junker, ich dank euch.
Franz. Wirklich, Herrmann? wünschest du wirklich, ich wäre Herr? — aber mein Vater hat das Mark eines Löwen, und ich bin der jüngere Sohn.
Herrmann. Ich wollt', ihr wär't der ältere Sohn, und euer Vater hätte das Mark eines schwindsüchtigen Mädgens.
Franz. Ha! wie dich der ältere Sohn dann belohnen wollte! wie er dich aus diesem unedlen Staub, der sich so wenig mit deinem Geist und Adel verträgt, an's Licht emporheben wollte! — Dann solltest du, ganz wie du da bist, mit Gold überzogen werden, und mit vier Pferden durch die Strasen dahinrasseln, wahrhaftig das solltest du! — aber ich vergesse, wovon ich dir sagen wollte — hast du das Fräulein von Edelreich schon vergessen, Herrmann?
Herrmann. Wetter Element! was erinnert ihr mich an das?
Franz. Mein Bruder hat sie dir weggefischt.
Herrmann. Er soll dafür büßen!
Franz. Sie gab dir einen Korb. Ich glaube gar, er warf dich die Treppen hinunter.
Herrmann. Ich will ihn dafür in die Hölle stoßen.
Franz. Er sagte: man raune sich einander in's Ohr, du seyst zwischen dem Rindfleisch und Meerrettig gemacht worden, und dein Vater habe dich nie ansehen können, ohne an die Brust zu schlagen und zu seufzen: Gott sey mir Sünder gnädig!
Herrmann (wild.) Blitz, Donner und Hagel, seyd still!
Franz. Er rieth dir, deinen Adelbrief im Aufstreich zu verkaufen, und deine Strümpfe damit flicken zu lassen.