Moriz,
ein kleiner Roman

von
Friedrich Schulz

dritte verbesserte Ausgabe

Weimar 1892
in der Hoffmannischen
Buchhandlung

An
den Herrn Hauptmann
von Blankenburg
in Leipzig

Ohne Ihnen persönlich bekannt zu seyn, Hochwohlgebohrner Herr, ohne ein anderes Recht zu einer Annäherung an Sie zu haben, als dasjenige, welches Lernbegierde und Dankbarkeit dem Schüler an seinen Lehrer gewähren können, wage ich es, Ihnen dies kleine Werk zu widmen, das seine Existenz und das Gute, was es vielleicht haben könnte, ganz allein Ihrem vortreflichen Versuch über den Roman verdankt, und das ganz vollkommen hätte werden müssen, wenn es in seines Urhebers Kräften gestanden hätte, die Vorschriften, welche jener Codex der Romanendichtung mit so viel Scharfsinn, Deutlichkeit und Eleganz entwickelt, in ihrem ganzen Umfange zu befolgen.

Vielleicht bin ich bey einem zweyten Versuch in dieser Dichtungsart, die eine der schwersten ist, und doch eine der leichtesten scheinen muß, so glücklich, mich Ihren Regeln noch näher anzuschließen; und meine Bemühungen hierin werden desto ernstlicher seyn, je fester ich überzeugt bin, daß jedes Ihrer Gesetze, dessen Geist ich zu fassen und mir eigen zu machen vermag, eine Stuffe sey, auf welcher meine Arbeit zur Klarheit, Natur und Vollkommenheit emporsteigen werde.

Ich verharre mit unumschränkter Achtung

Ew. Hochwohlgebornen

Weimar, den 3. April 1787.

ergebenster
Friedrich Schulz.

Moriz.
Erstes Buch.

Erstes Kapitel.
Mysterien.

»Er darf es noch nicht wissen, Martha,« sagte mein Papa zu seiner Haushälterin: »Du weißt, daß der Junge, so klein er ist, schon einen gewaltigen Nagel im Kopfe hat. Er gehorcht mir jetzt schon nicht mehr, wie er sollte, was würde daraus werden, wenn er erführe, daß ich nicht sein Vater bin? Laß Du nur noch einige Jahre hingehen. Es wird sich schon eine Gelegenheit finden, wo wir's ihm mit Manier beybringen können. Und vielleicht stirbt der Alte bald, dann erfährt er's auf einmal. Er hört's doch wohl nicht?« setzte er leise hinzu: »Geh hin, und sieh einmal zu, ob er noch schläft!«

Martha kam und sahe zu, ob ich noch schliefe. Ich hatte mich auf Papa's Bette hingestreckt. Mein rechter Arm trug den Kopf und der linke lag unbeweglich auf dem Deckbette. Meine Augen waren fest zu, der Mund halb offen, und der Athem flog mit Geräusch durch Mund und Nase aus und ein. Ich machte den Schlafenden so natürlich, daß Martha sogleich zum Papa zurückging und ihm versicherte: ich schliefe wie eine Ratze.

»Nun, es ist gut,« sagte Papa: »wenn ich zurückkomme, wollen wir weiter davon sprechen. Jetzt laß mir mein Pferd satteln, ich will fort!«

Martha ging und Papa zog sich an.

Mir war es sehr unangenehm, daß diese Unterredung, die mir so merkwürdig vorkam, aber höchst dunkel und geheimnißvoll war, so plötzlich abgebrochen wurde. Ich war so boshaft, zu wünschen, daß Papa's Brauner auf der Stelle lahm werden möchte, damit Papa gezwungen würde, zu Hause zu bleiben, und das Gespräch da wieder anzufangen, wo er es abgebrochen hatte. Aber mein Wünschen half nichts! Martha kam zurück und meldete, der Braune wäre gesattelt. Papa nahm seine Reitgerte, umarmte Marthen und gab ihr einen Abschiedskuß, daß die Stube wiederhallte. »Adje, Martchen!« rief er und ging zur Thür hinaus.

Martha trat ans Fenster, machte es auf, sah meinem Papa eine Weile nach, schlug darauf das Fenster zu, und kam langsam und auf den Zehen zu mir vor das Bette. Ich schlief immer noch so fest als vorher.

Zweytes Kapitel.
Martha: ein Monolog.

»Morizchen, Morizchen,« rief sie leise und tippte mit ihrem eißkalten Finger mir auf den linken Backen: »schläfst du noch?«

Ich schlief dicht und fest.

»I, du lieber Goldjunge! (Sie bückte sich zu mir herunter und drückte ihre Lippen sanft auf die meinigen) Ach, wie warm die Lippen des kleinen Schlingels sind! – Noch einmal (sie küßte mich von neuem) Noch einmal! und – noch einmal!«

Ich schlief dicht und fest.

»Und, die kleinen rothen Bäckchen,« rief sie wie entzückt, »die kleinen rothen Bäckchen, so voll, so fest!«

Sie rückte leise einen Stuhl vors Bette, setzte sich darauf, und legte ihren rechten Backen auf meinen linken. Mein Backen brannte wie Feuer, und erhitzte nach und nach den ihrigen, der anfangs sehr kalt war. So blieb sie eine Weile liegen, ohne einen Laut von sich zu geben.

Mir ward diese Lage in die Länge beschwerlich, und ich war einigemal im Begrif, zu erwachen; aber die Besorgniß, daß ich ein plötzliches Erwachen nicht natürlich und unverdächtig würde machen können, hielt mir die Augen zu. Nach einigen Minuten richtete sie sich auf und krabbelte mir sanft und leise um Hals und Kinn.

»Alles so fein, so fleischigt, so glatt!« sagte sie mit leiser zitternder Stimme: »Ich möchte den Jungen aufessen vor Liebe! – Wenn ich meinen alten Ernst dagegen ansehe, der hat eine Haut wie Elefantenleder. Aber hier? Wie fein, wie glatt die Stirn ist? Wie prall und rund die Backen! Der alte Ernst hat hundert Millionen Runzeln vor dem Kopfe, und seine Backen sind so dick, so aufgedunsen und kirschbraun! Und das kleine Mäulchen hier – so frisch, so roth, so klein! – Warum kann ichs denn so lange ansehen?«

Sie bückte sich von neuem zu mir herunter, und gab mir einen Kuß. Diese kleinen Späße gefielen mir, und ich schlief mit jeder Minute fester ein.

»Der alte Ernst,« fuhr sie fort: »hat ein Maul wie ein Thorweg, und riecht immer nach Taback, daß mir möchte schlimm werden. Laß einmal sehen, Morizchen (sie bückte sich so weit herunter, daß ihre Lippen die meinigen berührten) nein, du riechst nicht nach Taback. – Ach! (sie schnupperte, als wenn man den Geruch einer Sache unterscheiden will) Ach, Schelm, warte, ich will dich kriegen. Du bist mir über den Malagga gewesen! (sie schnupperte wieder) Ja, der pure klare Wein! Warte, Schelm, warte!«

Ich fühlte, daß mir über und über warm ward. Ich war wirklich über ihrem Malagga gewesen.

»Darum war dir auch der Kopf so schwer,« fuhr sie fort: »darum warst du so schläfrig, so müde! – Ha, ha, Vogel, komme ich so darhinter? Aber warte, ich will ihn schon besser verstecken!«

Es ward mir immer wärmer und wärmer, und plötzlich stieg mir die Hitze ins Gesicht. Ich schlug die Augen auf und drehete mich um. Martha trat hurtig ein paar Schritte zurück und sagte ganz gleichgültig: »Nun, Moriz, hast du ausgeschlafen?«

Ja, Mamsell! sagte ich und sprang aus dem Bette. Ich hatte nicht das Herz, ihr ins Gesicht zu sehen, und in drey Sprüngen war ich an der Thür, riß sie auf und fort. Sie rief hinterdrein, aber ich fürchtete eine Untersuchung über den Wein und kam nicht.

Drittes Kapitel.
Ernst – erste Schilderey.

Als ich im Freyen war, kam mir das geheimnißvolle Gespräch zwischen Papa und Marthen ins Gedächtniß zurück. Aber ich nahm es auf die leichte Achsel und überredete mich, daß es nicht mir gegolten habe, ob ich gleich deutlich genug gehört hatte, daß es auf keinen andern, als auf mich gehen konnte. »Wenn auch Papa nicht mein Vater ist, dachte ich, schadet nichts! Ich habe Essen und Trinken; Papa ist mir gut, Martha auch; und erfahren soll ichs ja mit der Zeit, wer mein Vater ist. Mag's seyn, wer's will! Heissa!«

Und hiermit drehete ich mich dreymal auf dem Absatz herum und suchte meine Spielkameraden.

Meinen Lesern ist es gleichgültig, ob ich Ball, oder sonst etwas gespielt habe; aber nicht so gleichgültig ist es ihnen, wer Papa und seine Wirthschafterin Martha wohl gewesen seyn möchten.

Mein Papa hieß Ernst. Es war ein kurzer, dicker Mann. Sein Gesicht glühete beständig wie ein Kohlfeuer. Er trug gewöhnlich eine Perücke von altfränkischem Stutze, die von der Scheitel bis auf die Schultern herab mit breitgedrückten Pferdehaarlocken übersäet war. Wenn er Gala machte, so zierte er sie mit einem Haarbeutel, der wenigstens achtzehn Quadratzoll lang und breit war; wenn er aber ausritt oder mit Marthen spazieren ging, so wackelte ein kleines, fingerlanges Zöpfchen auf dem breiten Rücken, das sich immer einige Zoll hob, wenn er sich bückte. Ein paar kleine graue Augen hatten sich unter dicken, buschigten Augenbraunen verkrochen, und warfen aus ihrem Verstecke ziemlich muntre Blicke über die vorstehenden Backen herüber. Wenn ihn Martha küßte, weg waren die Augen! Denn sie hatte die Gewohnheit, ihn dabey zärtlich unter das Kinn zu fassen, und da alles, was bey minder genährten Leuten Muskel ist, bey ihm aufgedunsenes, weiches Milchfleisch war, so schob sich dies hinauf und vergrub seine Augen. Seine Nase war klein, in der Mitte etwas eingedrückt, und über und über mit kleinen hochrothen Hügelchen bestreut, deren Spitzen, wenn er des Morgens aufstand, ins Blaue schattirten, sich aber, sobald er seine erste Flasche Malagga getrunken hatte, in weisse und hellrothe Tippchen verwandelten. Ein dünner, röthlicher Bart zog sich von den Ohren über Mund und Kinn, und einen Theil des kurzen Halses herüber. Er barbierte sich selbst, nicht aus Knauserey, sondern weil er in seiner Jugend die Ehre gehabt hatte, dem Kammerpräsidenten von Lemberg in aller Unterthänigkeit den Bart zu nehmen und sich dieses Geschäftes zu Höchstdesselben Zufriedenheit zu entledigen. Darum bildete er sich auch viel darauf ein, und wenn er jemand unumschränkt liebgewinnen sollte, so mußte er, außer dem Talente, daß er eine gute Hand schrieb, auch die Fähigkeit besitzen, sich selbst den Bart zu scheeren.

Sein Hals war, wie gesagt, ungemein kurz. Wenn er zu Hause war, so schlug er eine schmale, weisse Binde um selbigen; wenn er aber in die Kirche ging, oder nach der Stadt ritt, so zierte er ihn mit einer langen, blaugestärkten Halsschärpe, welche Martha sehr zierlich in Falten zu legen wußte. Unter dem Kinne ward sie leicht zugeschlungen, und die beyden Enden, die mit feinen Spitzen besetzt waren, flatterten auf der Brust.

Sein Leibrock war von blauem Plüsch, unter welchem er bald hellrothe, bald schwarze manchesterne Beinkleider und Weste trug. Er war nach einer uralten Mode geschnitten, hatte eine sehr kurze, aber erschrecklich breite Taille, ellenlange Aufschläge, und war über und über, hinten und vorne, von oben herab bis unten aus, mit langen, blinden Knopflöchern ausstaffirt. Die Weste reichte ihm bis auf die Kniee, und deckte mit ihren Flügeln die kurzen Beinkleider, auf welchen sich Falte an Falte drängte. Die Beingürtel daran waren entsetzlich lang und steif. Er zog sie durch eine schmale silberne Schnalle und steckte sie nicht unter, sondern ließ die Enden steif hintenweg stehen. Dazu trug er schwarzwollene Strümpfe, die er wie Kamaschen aufschlug. Seine Schuhe waren von Rauchleder und vorne aufgestülpt; die Riemen derselben waren überaus schmal und durch ein paar Schnallen gezogen, die von eben der Form, und nur ein wenig größer waren, als die Beingürtelschnallen.

Seine Füße waren hölzern und dünne und trugen mit Mühe einen Bauch, den zwey lange Männer kaum umspannt haben würden.

Bis hieher das leibliche Konterfey meines Papa, nun das geistige.

Sein erstes und vorzüglichstes geistiges Talent war: daß er eine Hand schrieb, wie in Kupfer gestochen. Dieser Fähigkeit hatte er alles, was er war und besaß, zu verdanken. Durch sie ward er Kammerdiener des Präsidenten von Lemberg; durch sie in der Folge Kammerkoncipist, und nicht lange darauf erster Kammersekretair, und als solcher kam er durch mancherley erlaubte Wege, immer die Feder in der Hand, zu einem Vermögen, wovon er sich ein Guth, fünf und zwanzig tausend Thaler an Werth, kaufen konnte, und noch übrig behielt. Aber er war auch nicht undankbar gegen die Feder, die ihn zum Manne gemacht hatte. Auf seinem Petschaft, das wohl anderthalb Zoll im Durchmesser hatte, lag eine Hand, die eine lange buschigte Feder hielt; über dieselbe ging die Sonne auf und warf ihre Strahlen auf sie herunter; rund um das Petschaft standen die Worte aus der Bibel:[1] Aus Machir sind Regenten kommen und von Sebulon sind Regierer worden durch die Schreibfeder.

[1]: Buch der Könige, Kap. 5, v. 14.

Leute, die nicht so gut schrieben, aber studiert hatten, machten ihn zwar dieses Wappens wegen, bey jeder Gelegenheit lächerlich, blieben aber doch nur Koncipisten, die sich mit höchstens zwey hundert Thalern jährlich durch die Welt schleppen mußten.

Der Neid bekam meinem Papa. Er ward von Tage zu Tage dicker und fetter und seine Zufriedenheit nahm mit jeder Flasche Wein, die mit Mißgunst eingesegnet war, wundersam zu.

Ueberhaupt war der Wein das Oel, welches seiner Verstandeslampe Nahrung gab. Wenn er des Morgens aufstand, so klagte er gewöhnlich, daß ihm der Kopf ausserordentlich leer sey, und das war für Marthen der Wink, in den Keller zu laufen und eine Flasche Malagga zu holen. Wenn er das erste Glas in die Hand nahm, zitterte er zum Erstaunen; beym zweyten nur halb so; beym dritten fast gar nicht, und das vierte zog er so fest und rasch zu Munde, daß auch nicht ein Tröpfchen auf die Erde fiel. Alsdann setzte Martha die Flasche weg und brachte Kaffee und Pfeife. Nun war er auf einmal wieder der muntre, beredte, tiefdenkende und witzige Papa, der gestern Abend zu Bette ging, und nun ließ er sich von mir erzählen, was ich gehört, gesehen und gelernt hatte. Wenn dies geschehen war, bestellte er das Mittagessen und dann mußte ich mein Schreibebuch hernehmen und schreiben. Vor allen meine bitterste, mühseligste Stunde! Bey dem ersten falschen Strich, den ich machte, schüttelte er den Kopf; beym zweyten legte er seine Pfeife hin, nahm die Feder und sagte: so mußt du es machen! Beym dritten stieß er mich ganz sanft mit der Nase auf die Vorschrift und sagte gelassen: Morizchen, sieh doch nur, wie es da gemacht ist! Beym vierten rief er: Sudeley und kein Ende! und dabey vergrub er mich in Tabacksdampf. Beym fünften: Junge, ich bitte dich, sieh auf die Vorschrift! und beym sechsten und letzten sprang er hitzig auf, zeigte nach der Thür und sagte: Moriz, aus dir wird nimmermehr 'was!

Das waren dann tröstliche Worte für mich! Ich ging und erholte mich bey meinen Spielkameraden.

Wenn ich fort war, hatte Mamsell Martha Audienz. Er besprach sich mit ihr über die vorigen Zeiten; über den Bestand des Weinkellers, der Räucherkammer etc. etc. ersann und schuf neue leckerhafte Gerichte; erzählte, wie er bey dem Präsidenten von Lemberg in Gnaden gestanden und noch stände; von diesem kam das Gespräch auf mich; auf meinen Leichtsinn und auf meine geringe Lust zum schreiben. Wenn mir dann die gute Martha in diesem Punkte das Wort reden wollte; so sprang er hurtig auf, zog seine goldene Uhr heraus, zeigte ihr sein Petschaft und sagte: Lies, lies, lies! – Dies war die letzte Instanz. Wenn sie ihn nicht böse machen wollte, so durfte sie von der Minute an kein Wort zu meiner Vertheidigung mehr sagen.

Sodann entfernte sich Martha und bestellte die Küche. Er nahm unterdessen die Zeitungen, und alle erdenkliche politische Blätter, die stoßweise auf seinem Tische lagen; las und überdachte; prophezeite und warnte, und ward bedenklich und schrieb andre Gesetze und Hülfsmittel vor, die er diesem oder jenem Staate als sehr heilsam dringendst anempfahl. Dabey hielt er sich so lange auf, bis seine Flasche rein ausgeleert war, und dann ging er zum Pastor und unterhielt sich mit ihm, bis ich ihn zu Tische rief.

Er aß wenig, aber gut. Wir beteten jedesmal alle drey zugleich und laut, selbst wenn wir Fremde hatten. Ein junger Accessist hatte sich einmal unterfangen, über den seltsamen Zusammenklang unsrer Stimmen zu lächeln – er bat ihn nie wieder zu Tische und konnte ihn von dem Augenblick an nicht mehr leiden.

Nach Tische legte er sich auf das Kanapee und schlief bis um zwey Uhr. Mit dem Schlage mußte ihn Martha wecken und mit Kaffee und Pfeife zur Stelle seyn. Während er schmauchte und trank, ward sein Pferd gesattelt, und sobald er fertig war, ritt er nach der Stadt. Hier wandte er eine Stunde an, um die Arbeiten seines Substituten durchzusehen, und sobald dies geschehen war, ritt er in den goldenen Hecht, wo sie den besten Wein hatten. Da blieb er bis gegen Abend; man half ihm aufs Pferd, und es schritt mit ihm langsam und wohlbedächtig zu Hause. Die Leute, die ihn tagtäglich vorbeyreiten sahen, nannten ihn nur immer Silen, und sein Pferd, Silen's Eselein. Zu Hause stieg, oder sank, oder fiel er, je nachdem ihm der Wein geschmeckt hatte, seiner Martha in die Arme, die ihn auszog und zu Bette brachte.

So lebte er einen wie alle Tage, Sommer und Winter hindurch, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß er in der strengern Jahrszeit in einer Kutsche nach der Stadt fuhr.

Viertes Kapitel.
Martha – zweyte Schilderey.

Martha war eine Jungfer von wenigstens acht und vierzig Sommern. Ihren Familiennamen habe ich nie erfahren, denn so lange ich sie kannte, hatte ich sie nie anders, als Mamsell Martha nennen hören. Es war eine lange, hagre Gestalt, von einem so dünnen, geschmeidigen Wuchse, daß sie einer Spinne um ein Haar ähnlich war, wenn sie, ihrer Gewohnheit nach, drey Röcke über einander gezogen hatte. Wenn sie neben Papa herging, so gab es den seltsamsten, lächerlichsten Kontrast: Er, roth, gemästet, vierschrötig und satt – Sie, blaß wie der Tod, dürr wie eine Schindel, dünne wie ein Windspiel, schnurgrade, wie auf Drath gezogen. Papa hing in seinen Kleidern, und sie war in die ihrigen mit Gewalt hineingepreßt.

So unähnlich sich ihr Aeußeres war, so ähnlich ihr Inneres. Sie sprach eben so gern von vergangenen Zeiten, wie er, trank eben so gern Wein, war eben die sorglose, unschuldige Haut, sie aß, wenn sie hungerte, trank, wenn sie dürstete, schlief gern und plauderte gern.

Ihr Lieblingsthema war das Kapitel vom Heirathen. Dies hatte sie, trotz ihrer Jungfrauschaft, so überdacht, geprüft und von allen Seiten beleuchtet, daß sie vier und zwanzig Stunden in einem Zuge davon schwatzen, und, soviel ich damals davon verstand, nicht uneben schwatzen konnte. Den Eingang dazu machte gewöhnlich eine genaue Schilderung aller der Freyer, die sich um sie beworben hatten. Jeder derselben hatte seinen Hauptfehler. Der eine war zu arm, der andre zu reich; der eine zu groß, der andre zu klein; dieser zu dick, jener zu dünne; jener zu höflich, dieser zu grob gewesen; ein andrer hatte ihr vor der Hochzeit Dinge zugemuthet, die sie nicht nannte, ohne sich vorher dreymal zu räuspern; ein andrer hatte sich nicht undeutlich vermerken lassen, er würde ihr im Ehebette nicht sehr beschwerlich fallen; und mit Einem war es schon bis zur Verlobung gekommen, aber, o Jammer! ein altes Weib, das ihn gerne für sich weggekapert hätte, that ihm 'was an, und er starb! Nie sprach sie von ihm, ohne die bittersten Thränen zu vergießen, wobey sie sich in einen Strom von Verwünschungen auf die alte neidische Hexe ergoß. Bey seinem Grabe hatte sie gelobt, nie zu heirathen, und sie hat dies feyerliche Gelübde unverbrüchlich gehalten, denn er war der letzte, der sich um sie bewarb.

Uebrigens war es die gutherzigste Seele unter der Sonne. Was sie meinem Papa und mir an den Augen absehen konnte, that sie mit unermüdeter Willigkeit. Wenn er unbaß war, wurden ihre Augen nicht trocken, und wenn ich zu einer Näscherey Appetit zeigte, so ruhete sie nicht eher, bis sie mir dieselbe verschafft hatte, und wenn es mir dann recht wohl schmeckte, so hielt sie sich für ihre Mühe hundertfach belohnt.

Sie war in allen erdenklichen Wirthschaftskünsten ausgelernt. Sie kochte gut, buck vortrefliches Brod, machte köstlichen Kaffee und noch köstlichere Schokolate. Wenn mein Papa ein neues leckeres Gericht ergrübelt hatte, so stand es in kurzer Zeit schmackhaft und appetitlich vor ihm. Niemand verstand besser, glühenden Wein zu machen, niemand herrlichere Torten. Kein Koch in der ganzen Christenheit spickte einen Hasen fertiger, künstlicher und geschmackvoller, und keiner wußte ihm seine neun Felle, so sauber, so behutsam abzuziehen – kurz, sie war die Krone aller Köche und Köchinnen, die auf Erden lebten und je leben werden.

Ihre hauptsächlichsten Geschäfte waren Küche und Wäsche, und nächst diesen lag ihr die große Pflicht ob, meinem Papa das Bette zu machen. Wie die Küssen unter ihren Händen aufschwollen! Wie geschmackvoll sie das weisse, glänzende, feine Bettuch in Falten, gleich breit, gleich abgemessen zu legen wußte! – Bis über die Ohren plumpte dann mein guter Papa in die Flaumfedern, und er pflegte sein Bette immer das irdische Paradies zu nennen.

Auf ihr eignes Bette wandte sie nicht so viel Fleiß. Woher das kam? Ich habe es mir immer aus dem Umstande erklärt, daß es manchmal acht Tage dastand, ohne eine Spur, daß jemand darin gelegen hätte.

Bey allen diesen belobten Gaben hatte Mamsell Martha ein paar kleine unbedeutende Fehler, die sich um so eher entschuldigen lassen, da sie beyde Naturfehler waren: sie putzte sich manchmal zu lange, und konnte die Buchstaben k. r. sch. und g. nicht aussprechen.

»Mohizchen,« sagte sie immer des Abends zu mir: »wilt du nicht zu Bette ehn?«

Fünftes Kapitel.
Moriz – dritte Schilderey.

Ich war um die Zeit ein Junge von dreyzehn Jahren. So lange ich denken konnte, hatte ich mich unter den Augen meines Papa und Marthens befunden, und wußte nicht anders, als daß ich Papa's Sohn sey, meine Mutter aber in früher Kindheit verloren habe. Munter und lustig, wie man in diesen Jahren immer ist, war ich im höchsten Grade, und vielleicht manchmal zu lustig; denn alle Augenblicke lief Klage über mich ein. Bald traf ich mit der Schleuder so gut und geschickt in die Fenster unsers Nachbars, daß ihm die Scheiben auf die Nase sprangen; bald kletterte ich in seinen Garten und machte mich über seine Blumen, Aepfel, Birnen und Kirschen; bald hatte ich Pastors Wilhelmchen links und rechts geohrfeigt, und bald unsern Kantor einen Saufaus geheissen.

Alles das blieb freylich nicht verschwiegen, aber doch kam es selten bis vor meinen Papa. Niemand konnte zu ihm, wenn er sich nicht vorher bey Marthen gemeldet hatte, und diese war mir zu gut, als daß sie solche Hiobsbothen hätte vor ihn lassen sollen. Sie machte den Schaden entweder mit guten Worten, oder mit einem Glase Wein, oder mit Geld wieder gut, und ich trug höchstens ein: Fi häme dich, Mohizchen! davon.

Aber dies war der geradeste Weg, mich zum wildesten, unbändigsten Jungen zu machen. Alle vier Wochen brauchte ich ein Paar neue Schuh, und wenn neue Stiefeln an meine Füße kamen, so wadete ich in allen Pfützen umher, um herauszubringen, ob sie Wasser hielten. Wenn ich Beinkleider bekam, (sie waren gewöhnlich von Plüsch und schrieben sich aus Papa's Kleiderschrank her) so war es mir tödlich zuwider, daß sie so rauch waren, und ich rutschte und kroch so lange im Grase herum, bis sie kahl wurden und sich grün färbten. Ueberdies hatte ich einen unsäglichen Abscheu gegen alles, was weiß war. Wenn ich des Morgens ein Paar weisse baumwollene Strümpfe anziehen mußte, so konnte ich die Zeit nicht erwarten, bis ich damit zum Hause hinaus kam; dann ging es schnurstracks auf einen ziemlich breiten Graben zu, an welchem ich mich im Springen übte. Ich sprang so lange herüber und hinüber, bis ich hineinplumpte, und dann war es um die weissen Strümpfe gethan.

Kein Gebüsch war mir zu dicke, kein Baum zu hoch. Ich kroch und kletterte so lange, bis man Morizen stückweise auf den Hecken und Aesten hangen sah.

Mit allen Jungen aus der Nachbarschaft balgte ich mich herum, sagte aber kein Wort, wenn sie mich weidlich zerprügelt hatten, sondern trug mein Kreutz geduldig; aber, wenn ich den Sieg davontrug, so mußt' es alle Welt wissen. Je größer der Junge war, desto lieber schlug ich mich mit ihm. Die Kleinen konnten mich necken wie sie wollten, ich war zu stolz, um sie dafür abzubläuen.

Mein beständiger Gefährte war ein großer englischer Hund. Weil ich mit ihm aufgewachsen war, so hatte ich seine Freundschaft in dem Grade, daß sich niemand unterstehen durfte, mich anzugreifen, wenn er nicht mit zerrissenem Rocke nach Hause gehen wollte. Balgte ich mich mit einem meiner Spielkameraden und lachte dazu, so blieb er ruhig, entfuhr mir aber ein Laut, der weinerlich klang; so nahm er meinen Gegner beym Rockzipfel, oder war er groß, bey der Wade, und zerrte ihn unter Brummen und Murren einige Schritte rückwärts. Bis in mein zwölftes Jahr ritt ich auf ihm, aber nach der Zeit wurde ich ihm zu schwer, und wenn ich ihm einen Ritt zumuthen wollte, legte er sich nieder, und schlug mit allen Vieren um sich, aber nicht grimmig, sondern mit freundlichen Manieren. Von dieser Zeit an ging ich zu Fuße.

Um mein Wissen stand es damals nicht sonderlich. Ich konnte ein bischen lateinisch decliniren, ein bischen rechnen und ein paar Worte französisch. Mit der Feder wußte ich noch am besten umzuspringen, und das war, nach dem, was ich oben gesagt habe, kein Wunder. Mit dem Katechismus stand es so so! Das Vaterunser und die gewöhnlichen Tischgebete, konnte ich, wenn ich nicht gerade recht hungrig war, ohne Anstoß; aber die fünf Hauptstücke und was dazu gehört, konnte ich nicht so gut. Mamsell Martha nahm sich zwar dann und wann die Mühe, mich darin zu examiniren, aber was half es, da es blos auf mich ankam, ob ich mich wollte examiniren lassen oder nicht.

Dicht an unser Guth stieß ein andres, das einem Edelmanne gehörte, der als Husaren-Oberster seinen Abschied genommen hatte. Er hatte drey Kinder, zwey Töchter und einen Sohn, für die er einen Hofmeister hielt. Weil er mich meiner Munterkeit wegen lieb gewonnen hatte, so erlaubte er mir, die Stunden zu besuchen, die der Hofmeister seinen Kindern gab, räumte mir auch sonst noch vielerley Freyheiten ein, die mir ein andrer schon darum, weil ich schlechtweg Ernst hieß, nicht eingeräumt haben würde.

Der junge Herr, sein Sohn, war ein Pinsel, aber die beyden Fräulein waren desto munterer. Er war der ewige Gegenstand unsres Spottes und unsrer Neckereyen, lernte aber in einer Stunde mehr, als wir andre zusammen genommen, in acht Tagen. Dafür war er der Liebling unsres Hofmeisters: eine Ehre, um die wir nicht eine taube Nuß gaben. Sein Vater glaubte, daß meine natürliche Wildheit, seine Träumerseele ein wenig aufheitern sollte, und sah mir deshalb bey vielen Gelegenheiten durch die Finger; aber er blieb in seinem Seelenschlafe, und ging immer und ewig langsam, wenn wir andre uns ausser Athem liefen.

In den Stunden lernte ich, was ich wollte und konnte, und es war mir so wenig Ernst, als den beyden wilden Mädchen. Ich konnte sie nicht ohne Lachen ansehen, und sie mich nicht. Der Hofmeister durfte auch nicht viel sagen, denn die eine war das Schooßkind der Mama, die andre des Papa, und ich der Liebling beyder, und der Liebhaber von Malchen. So hing eins an dem andern wie Kletten, und der künftige Stammhalter der Familie durfte nicht mucksen.

So jung ich damals auch war, so viel Ehrgeitz hatte ich. Aber war es anders möglich? Papa und Martha trugen mich auf den Händen; Fräulein Malchen nannte mich beständig: lieber Moriz! Fräulein Louischen: Wildfang! Ihre Mama: kleiner Flachskopf! Der Papa: sappermentscher Springinsfeld. Dieses, und der Umstand, daß die ganze junge Mannschaft in unsrer Gegend, Respekt vor mir hatte, spornte meinen Ehrgeitz, und machte mich dreist und ausgelassen.

Zudem hatte man mich öfter, als es gut war, hören lassen: ich sey ein hübscher Junge. Dies schmeichelte mir nicht wenig, hatte aber den Nachtheil, daß ich früher anfing, mich bemerkbar zu machen, als andre Kinder. Sonderbar genug waren zuweilen die Mittel, wodurch ich diesen Endzweck erreichte. Wenn Fremde bey meinem Papa oder auf dem Schlosse waren, und sie bemerkten mich nicht auf dem ersten Blick, so packte ich den ersten den besten vorübergehenden Jungen oder Hund an und suchte Händel mit ihm; oder ich sprang über breite Graben und fiel hinein; oder kletterte auf Bäume, und warf die darunter weggingen, mit Aepfeln oder Birnen – wenn man mich nur bemerkte, das war mir genug.

Es war natürlich, daß ich über dem Ehrgeitz, bemerkt zu werden, selbst bemerkte. Daher kam es, daß der allgemeine, unverdringliche Trieb der Natur sich sehr früh in mir regte. Aber konnte dies ausbleiben, da ich so oft sehen mußte, daß Papa Marthen küßte; da mich die beyden wilden Fräulein täglich hundertmal beym Kopfe nahmen und abherzten, und da mir ihre Mama, statt der Hand, jedesmal den Mund reichte, wenn ich auf das Schloß kam?

Sechstes Kapitel.
Die Geschichte geht zurück.

Ich war hoch erfreut, daß ich einer genauern Untersuchung über den Wein glücklich entgangen war, denn ich kam nicht auf die erlaubteste Art dazu. Martha hatte in ihrer Kammer ein Schränkchen, worein sie ihren Wein verschloß. Der Dunstkreis um dasselbe war unendlich süß, und auch einen größern und ältern würde die Neubegierde geplagt haben, zu wissen, was darin verborgen wäre. Ich besah es hinten und vorne, faßte es oben und unten an, rückte und schob, aber es war und blieb zu. Meine Neugier, oder genauer gesagt, mein Appetit auf den süßen Wein, ward mit jedem Hindernisse größer. Ich wußte, daß Martha ein Schlüsselchen dazu hatte, und daß sie es nicht immer bey sich trug, sondern es zu verstecken pflegte, wenn sie es gebraucht hatte. Ich rückte einen Stuhl herzu, suchte auf allen Gesimsen und Schränken, fand aber nichts. Trostlos, die Hände in einander geschlagen, den Hut auf einem Ohre, stellte ich mich mitten in die Stube und sah mit herzlicher Sehnsucht nach dem Schränkchen. Unter diesen Bewegungen blickte ich von ungefähr seitwärts, und auf einmal fiel mir einer von Marthens Unterröcken in die Augen. Ich springe hin, durchsuche die erste Tasche, finde nichts; rasch zur andern, hineingefahren, umgewandt, und siehe da! aus der einen Ecke fällt mir das Schlüsselchen entgegen. Ich sprang ellenhoch, nahm es, probirt' es, und es schloß den Schrank glücklich. Ohne mich zu bedenken, griff ich nach der ersten der besten Flasche – gluck! gluck! ging es, in Ermangelung eines Glases.

Der Wein ward mit jedem Schlucke süßer, und ich hätte mich sicher zu Boden genippt, wenn mir nicht noch zu rechter Zeit eingefallen wäre, daß Martha ein paar erschreckliche Augen machen würde, wenn sie eine von ihren Flaschen leer fände.

Jeder Dummkopf ist ein Genie, wenn er Wein getrunken hat, und jedes Genie kann in eben dem Fall ein Dummkopf werden. Mir wenigstens ging es jetzt so. Ich war sonst nicht der dümmste Junge, aber diesmal betrug ich mich unbeschreiblich albern; denn ich fing von ganzem Herzen an zu weinen, als ich die Flasche gegen den Tag hielt und fand, daß sie fast zur Hälfte leer war. Eine Thräne jagte die andre. Ich machte mir sonst sehr wenig aus einem Verweise, und diesmal stand mir gewiß kein außerordentlicher bevor, aber der Umstand, daß ich dies Verbrechen so heimlich und so diebisch begangen hatte, schlug mich völlig darnieder.

In der Angst hatte ich einen Einfall, der mir in meiner damaligen Bestürzung sehr glücklich schien, aber im Grunde nicht der glücklichste war: ich füllte die halbleere Flasche aus den übrigen wieder an, setzte sie an Ort und Stelle, und war nun fest überzeugt, daß Martha, um den Abgang zu bemerken, ein wenig allwissend seyn müßte; denn ich hatte längst vergessen, daß ich die andern Flaschen, um die eine anzufüllen, bis auf die Hälfte ihrer Hälse ausgeleert hatte.

Wie ruhig ich den kleinen Schlüssel wieder in Marthens Tasche steckte! Wie unbesorgt ich die Kammer verließ, um frische Luft zu schöpfen! Mit welcher Zuversicht ich Marthen ins Gesicht sah, als sie aus der Stadt zurückkam! Unmöglich, unmöglich kann sie etwas merken! rief ich laut und fiel längelang auf eine Rasenbank, die vor unserm Hause angebracht war. Martha kam dazu, und wollte wissen, was mir fehlte? Ich bin müde! sagte ich. Sie nahm mich bey dem Arm und führte mich zu Papa's Bette.

Ich schlief bald ein, und erwachte gerade, als jene dunkle Unterredung, die mich betraf, zu Ende ging. Und nun wäre der Leser wieder an dem Orte, von wo ich ihn wegführte, um ihm drey Schildereyen zu zeigen.

Siebentes Kapitel.
Die Geschichte rückt fort.

Mit drey Sprüngen war ich auf dem Schlosse. Ich suchte Fräulein Malchen, und fand sie im Garten, wo sie Blumen pflückte und Kränze flocht. Ich stahl mich ganz leise hinzu. Sie hatte sich ins Gras gesetzt, pflückte alles, so weit sie mit der Hand erreichen konnte, um sich weg, und war so ämsig damit beschäftigt, daß ich mich ihr bis auf ein paar Schritte unbemerkt nähern konnte. Anfangs war ich Willens, ihr von hinten die Augen zuzuhalten, und sie rathen zu lassen, wer es wäre, aber ich hörte, daß sie etwas für sich sprach, und das wollte ich gerne wissen. Ich horchte und vernahm folgendes:

»Es ist bald um drey und er kömmt nicht! Wenn es drey geschlagen hat, muß ich in die Schule, und dann können wir nicht noch vorher ein bischen spielen. Wenn er nur wüßte, daß ich allein hier bin, er käme gewiß. Er spielt doch lieber mit mir, als mit Louisen. Wenn er dummes Zeug macht, und ich sage: lieber Moriz, laß doch das bleiben! so läßt ers; aber wenn es Louise haben will, thut ers nicht!«

Mir fing das Herz an zu schlagen, und ich weiß nicht, wie es kam, ich wünschte weit weg zu seyn, um nichts zu hören, und doch blieb ich.

»Den großen Kranz soll er haben,« fuhr sie fort: »aber wenn er ihn gleich zerreißt, werde ich böse und flechte ihm in meinem Leben keinen wieder. Er wird ihn aber wohl nicht zerreißen. Wenn wir zum Magister müssen, so kann er ihn so lange hinlegen, bis die Stunden aus sind, dann kann er ihn auf den Kopf setzen, und mit zu Hause nehmen.«

Ich fing merklich an zu zittern, und setzte den Fuß zurück, um zu gehen, blieb aber doch.

»Aber – – Herr Gott!« fuhr sie fort und legte den Zeigefinger der rechten Hand auf den Mund: »Ich muß den Kranz lieber zerreißen! Wenn ich ihm 'was schenke, will er mir immer ein Mäulchen dafür geben, und Mama sagt, davon bekäme ich einen langen, schwarzen Bart! Aber es ist doch so hübsch! Mama kriegt ja auch keinen schwarzen Bart, wenn sie der Papa küßt, und Papa hat doch einen rechten scharfen, schwarzen Bart! Er reibt Louisen immer die Backen damit, wenn sie wild ist. Aber Moriz hat doch keinen scharfen Bart. Er hat mir auch schon oft ein Küßchen gegeben, wenn Mama nicht da war, und ich habe doch keinen gekriegt!«

Es war mir, als wenn ich lachen sollte, konnte aber vor Angst und Zittern nicht dazu kommen. Mein sehnlichster Wunsch war, unvermerkt fortzuschleichen, und doch machte ich keine Anstalt dazu.

»Eins – zwey – drey – Viertel auf drey, und er kömmt nicht!« fuhr sie fort: »Das ist doch recht schlecht! Was wär' es denn mehr, wenn er einmal eine halbe Stunde früher vom Hause wegginge? Heute ist es gerade so hübsch! Louise ist nicht da, Fritze auch nicht, wir könnten recht hübsch mit einander spielen. Ach! (sie streute die Blumen umher) ich bin böse!«

Meine Angst stieg auf den höchsten Grad. Alle mein Leichtsinn, meine Dreistigkeit war fort. Ich stand da, wie ein armer Sünder. Und was hatte ich zu fürchten? Jetzt weiß ich wohl, weß Geistes Kind diese Erscheinung war, aber damals noch nicht. Wenn es Louise gewesen wäre, so wäre ich hervorgesprungen und hätte sie ausgelacht; aber bey Malchen fiel mir dies nicht ein. Jeden Augenblick fürchtete ich, daß sie aufspringen, mich sehen und erschrecken würde; aber es geschah nicht, sondern sie nahm ihre Blumen wieder zusammen und flocht an ihrem Kranze fleißig fort, indem sie zuweilen nickte, wenn sie eine Blume nach Wunsch angelegt hatte. Ich zog mich mit möglichster Behutsamkeit zurück, und als ich ungefähr hundert Schritte von ihr war, fing ich auf einmal an zu springen und zu jauchzen, und lief auf sie zu.

Achtes Kapitel.
Schon Heuchlerin?

Sie erschrack, sprang auf und kam mir entgegen. Ihre kleinen Wangen wurden über und über roth.

»Kömmst Du schon Moriz? Ist es denn schon um drey?«

Noch nicht, aber es wird bald schlagen!

»Hast Du nach der Uhr gesehen, oder hast Du es schlagen hören?«

Nein!

»Nun, woher weißt Du es denn?«

I, i, i, – es muß wohl noch nicht geschlagen haben. – Wir wollen noch ein bischen spielen, eh es drey schlägt. Nicht wahr, Malchen?

»Wir allein?«

Warum nicht?

»Wenn Louise, oder mein Bruder da wäre – Aber so – was wollen wir denn beyde allein anfangen?«

Ein bischen abjagen!

»Nein, ich habe heute keine rechte Lust zu laufen!«

Klettern!

»Vollends nicht! Weißt Du 'was, wir wollen uns hier ins Gras setzen und Blumen pflücken. Aber Du magst nicht gerne sitzen!«

Sehn Sie? (ich setzte mich rasch nieder)

»Au! (ich sprang eben so rasch wieder auf) O, weh!«

Was denn, was denn?

»Du hast Dich auf meinen Kranz gesetzt. Ich habe mir so viel Mühe damit gegeben! Nun hast Du ihn zu Schanden gedrückt!«

Liebes, liebes Malchen, ich hab' es nicht gerne gethan!

»Ja, man müßte Dich nicht kennen!« (sie sah böse aus)

Wahrhaftig nicht, liebes Malchen! Soll ich schwören? (sie wandte sich lächelnd um, ich nahm sie bey der Hand) Sind Sie noch böse?

»Ja!«

Aber Sie lachen doch!

»Wer? Ich? (sie stellte sich ernsthaft) Das Lachen ist mir nicht so nahe!«

Sie platzte auf einmal in ein helles Gelächter aus, und ich stimmte mit ein, und wälzte mich im Grase umher. Sie setzte sich.

»Louise würde sich recht über den Kranz gefreuet haben,« sagte sie, »wenn Du ihn nicht verdorben hättest. Nun darf ich ihn ihr nicht einmal anbieten. Sieh hier – hier fehlt eine Blume – da hat er eine zerknickt – die hier, hängt nur noch – Ach! ich will auch in meinem Leben nichts mehr machen, wenn ich weiß, daß Du nicht weit bist!«

Liebes, liebes Malchen, nicht mehr thun!

»Ja, dann denkt er, damit ists ausgemacht!«

Flechten Sie der Louise einen andern und geben –

Ich machte mit Augen und Händen eine Bewegung, daß sie ihn mir geben sollte.

»Ey, ja doch! Nein, nein!«

Bitte, bitte recht schön!

»Nichts!«

Ich fühlte eine kleine Regung von Unwillen in mir aufsteigen, denn ich hatte doch deutlich gehört, daß der Kranz für mich geflochten war.

Wollen Sie nicht?

»Nein!«

Nun, so lassen Sie's bleiben!

»Das will ich auch!«

Ich pflücke mir selbst Blumen und flechte mir einen.

»Du kannst es doch nicht so hübsch, wie ich!«

Spaß!

»Aber solche hübsche Blumen wie diese, wirst Du doch nicht finden!«

Hm! wo diese gestanden haben, stehen mehr!

Ich entfernte mich einige Schritte von ihr, setzte mich nieder und pflückte, was mir unter die Hände kam. Sie sah ein paarmal verstohlen nach mir her und besserte immerfort an dem zerdrückten Kranze. Nach einer kleinen Pause sagte sie zu mir:

»Steht nicht da bey Dir ein Tausendschönchen?«

So erbittert ich war, so rasch und willig drehete ich mich um, und sah nach einem Tausendschönchen. Ich fand eins, pflückt' es und bracht' es ihr, ohne eine Sylbe zu sagen.

»Ich danke Dir, Moriz! Siehst Du, hier fehlt es!«

So?

Ich ging stillschweigend fort und setzte mich wieder an meinen alten Platz. Sie machte sich sehr viel mit dem Kranze zu schaffen; im Grunde besserte sie aber nichts daran, konnte auch nichts daran bessern, denn er war nicht im mindesten beschädigt. Nach einer kleinen Weile fing sie wieder an:

»Ach, Morizchen, nur noch eins!«

Ich stand brummend auf, und pflückt' es. Das Morizchen that mir unendlich sanft, aber mein Verdruß ließ nicht zu, daß ich es mir eingestund.

Da ist es, Malchen.

In dem Augenblicke schlug es drey. Sie sprang auf, faßte mit ihrer Linken meine Rechte, und mit ihrer Rechten setzte sie mir in vollem Laufe, den Kranz auf den Kopf. So jagten wir völlig versöhnt auf das Schloß zu.

Neuntes Kapitel.
Das Liebespfand.

Wir rauschten in die Stube hinein, wo wir den Magister Fink, den jungen Herrn, und Fräulein Louisen schon antrafen.

»Man gehe hübsch sachte auf ein andermal,« sagte der Magister, »man könnte fallen. Ueberhaupt aber schickt es sich nicht, wenn man in ein Zimmer gleichsam hereinbrauset, um so weniger, da ich diese Stunde unserer allerheiligsten Religion gewidmet habe. Man nehme die Katechismos!«

Wir setzten uns lachend zu den Andern und thaten, als wenn wir von der Strafpredigt nichts hörten.

»Monsieur Ernst, wo hat man seinen Katechismum?«

Ich hab' ihn vergessen!

»Proh Deum, über die unerhörte negligentiam!«

Ich kann ja mit in Malchens Buch sehen!

»Man mache sich keine Hoffnung! – Aber – was erblicke ich! – einen Kranz? Man nehme hurtig den Kranz vom Kopfe, man würde nur die Andern in ihrem Fleiße stören!«

Bitte, Herr Magister!

»Man bitte hin und bitte her – man wird nichts damit ausrichten. Man nehme hurtig den Kranz vom Kopfe!«

Ich will recht stille seyn, liebster Herr Magister!

»Nun ist man der liebste Herr Magister! Man mache sich keine Hoffnung, ihn mit Schmeicheleyen auf seine Seite zu bringen.«

Liebster, bester Herr Magister!

»Nun, wird es bald? Ich sehe wohl, man muß nicht anstehen, ihm den Kranz mit eignen Händen herunter zu reißen!«

Ich sprang auf und lief zur Thür.

»O, Herr Magister,« riefen Malchen und Louise zugleich, »lassen Sie ihm doch den Kranz!«

Man halte das Maul! sagte Fink zornig.

Malchen und Louise hielten sich mit beyden Händen den Mund zu.

Bey dem Lärmen kann man auch gar nichts lernen! brummte der junge Herr, machte sein Buch zu und schob es von sich. Als Fink sahe, daß sein Liebling böse wurde, stieg sein Zorn auf den äußersten Grad. Er lief auf mich zu, aber ich war in einem Sprunge zur Thür hinaus. Malchen that einen lauten Schrey, als er seine Hand ausstreckte, um mich zu packen.

»Verstockter Bösewicht!« rief er hinter mir her und machte die Thüre zu.

Mir war nicht am besten zu Muthe. Ganz fort zu gehen, und dem Magister für heute nicht wieder zu nahe zu kommen, dazu hatte ich nicht Herz genug. Meinen Kranz abzulegen, und dadurch dem ganzen Streit ein Ende zu machen, fiel mir nicht ein, denn er kam von einer Hand, für die ich durch Feuer und Wasser gelaufen wäre.

So stand ich eine Weile auf dem Saale, unschlüßig, ob ich umkehren sollte, oder nicht. Wenn die Geschichte mit Marthens Weinschränkchen nicht vorgefallen wäre, so würde ich den geradesten Weg nach Hause genommen haben; aber eine Untersuchung über die verstohlne Näscherey fürchtete ich eben so sehr, als den Zorn des Magisters.

Ich näherte mich der Thür einigemal und streckte die Hand aus, um sie aufzumachen, aber der fürchterliche Gedanke: Fink könne an derselben stehen, und mir, so wie ich den Kopf herein steckte, den Kranz herunter reißen – jagte mich immer wieder zurück. Endlich wagt' ich es, aber mit Vorsicht. Ich nahm den Kranz herunter, hielt ihn in der linken Hand und mit der rechten machte ich die Thür auf. Als ich den Magister am Ende des Zimmers auf seinem Stuhle sitzen sah, kam ich dreist herein und zog mich hinten herum gerade zu Malchen. Der Kranz saß wie vorher auf dem Kopfe.

Des Magisters Hitze schien sich abgekühlt zu haben. Er examinirte Louischen im Katechismus, und that, als ob er mich nicht sähe. Aber einige gierige Blicke, die er von Zeit zu Zeit auf meinen Kranz schießen ließ, machten mich mißtrauisch. Bey der kleinsten Bewegung von seiner Seite, fuhr ich zusammen, und dabey legte ich meine rechte Hand jedesmal auf den Kopf, um den Kranz zu schützen, wenn er etwa einen Hauptsturm auf denselben wagen sollte. Blut und Leben hätte ich seiner Vertheidigung aufgeopfert, und Malchen hätte nicht einmal nöthig gehabt mir ins Ohr zu sagen: Laß ihn dir nicht nehmen!

Es vergingen wohl zehn Minuten, ohne daß von feindlicher Seite etwas unternommen wurde. Ich hielt mich am Ende schon für sicher, und gab deswegen nicht mehr so fleißig auf den Magister Achtung. Plötzlich sprang er auf, und fuhr mit seinem langen Arm nach meinem Kopfe; meine Hände fanden sich zur Vertheidigung ein; ich bog den Kopf weit zurück, aber doch nicht weit genug, als daß er den Kranz nicht hätte erreichen können. Ich schrie was ich konnte, aber er ließ sich nicht irre machen. Endlich riß ich mich los und er behielt ein Stück des Kranzes in Händen. Mit rasendem Grimme sprang ich zur Thür, machte sie weit auf, sah mich erst um, ob auch jemand in der Nähe wäre, der mich halten und dem Magister ausliefern könnte; als ich aber niemand bemerkte, stellte ich mich, roth wie ein Truthahn, in die Thür, und rief mit einer fürchterlichen Anstrengung: Alter Schlingel! und nun über Hals, über Kopf die Treppe hinunter, und zum Hause hinaus.

Zehntes Kapitel.
Furcht und Unruhe gebären einen sehr kecken Entschluß.

Als ich im Freyen war, und sich meine Hitze gelegt hatte, stieg eine peinvolle Besorgniß in mir auf. Ich konnte leicht vermuthen, daß der Magister »den alten Schlingel« nicht auf sich sitzen lassen, und daß er zum gnädigen Herrn und von da zu meinem Papa gehen und mich verklagen würde. Bey dem erstern würde es die Folge haben, daß er mir von stundan das Haus verböthe, unter dem Vorwande, daß ich seine Kinder mit meiner Gottlosigkeit ansteckte; und bey dem letztern die, daß ich nach Befinden wohl gar die Ruthe davon trüge. Es wäre mir nicht halb so bange gewesen, wenn ich an Marthen eine gnädige Schutzheilige gehabt hätte, aber bey ihr, besorgte ich, durch die Unternehmung auf das Weinschränkchen, alles verdorben zu haben, und dieser Gedanke machte mich muthlos. Ich warf mich, in einer Verzweiflung, die so stark war, als sie in jenen Jahren seyn kann, nicht weit vom Schlosse nieder, und wälzte mich voll einer Angst, die am Ende in helle Thränentropfen ausbrach, Kopf oben, Kopf unten im Grase herum.

Mein erster Gedanke war, in alle Welt zu gehen. Vom Schlosse gejagt zu werden und die Ruthe zu bekommen, waren ein paar Umstände, die mich in einem Zuge bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung würden gehetzt haben, und die um so heftiger auf mich wirkten, da es ganz ausser Zweifel war, daß sie Malchen zu Ohren kommen würden. Hätt' ich in meinem Leben wieder die Augen zu ihr aufschlagen können, wenn ich mich wie ein ABC-Schütz hätte hinlegen müssen, um mir den St** mit der Ruthe malen zu lassen?

Wenn die Angst erst den kleinen Finger hat, nimmt sie bald die ganze Hand.

Besorgnisse, die mich in meinem gewöhnlichen Zustande nicht angefochten haben würden, waren mir jetzt unsäglich quälend. Ich stellte mir unter allen argen Gerichten, die über mich ergehen würden, gerade das allerärgste vor, und wenn sich auch mein sonstiger Leichtsinn von Zeit zu Zeit einmal rührte, war er doch nicht fähig, die ängstlichen Grillen zu verjagen. Ruthe und Malchen, waren zwey Begriffe, die sich durchaus nicht vertrugen, und die allein schon fähig gewesen wären, meinen Entschluß, in alle Welt zu gehen, mit jeder Minute fester zu machen; aber es kam noch ein dritter hinzu, der mir vollends keinen andern Weg übrig ließ.

Mein Papa hatte jährlich drey- oder viermal einen Besuch, auf welchen unser ganzes Haus, wie auf eine frohe Erscheinung vom Himmel, wartete. Ein Neffe des Präsidenten von Lemberg, der als Legationsrath in D** stand, kam jährlich einigemal zu seinem Onkel, und da er meinen Papa als einen alten vertrauten Freund in der Nähe hatte, so machte er ihm bey der Gelegenheit jedesmal seinen Besuch. Wenn er in die Stube trat, war ich der erste, der in seine Arme lief. Er umschloß mich dann mit allem Feuer einer väterlichen Zärtlichkeit, nannte mich seinen guten Moriz, oder auch (was mir unendlich süßer klang) seinen lieben Sohn. Er unterhielt sich mit meinem Papa nicht halb soviel, als mit mir. Ich mußte ihm erzählen, was ich seit seinem letzten Besuche gelernt, gethan und geschwärmt hatte, und ob ich artig oder unartig, folgsam oder ungehorsam gewesen? Bey diesem letztern Artikel wurden auch Papa und Martha vernommen, und sie verschwiegen ihm nichts. Manche Dinge, die für den Papa bis dahin ein Geheimniß geblieben waren, kamen dann an den Tag; denn Martha schien es sich zu einer strengen Regel gemacht zu haben, meinem Papa alles, aber dem Legationsrath nichts zu verbergen, was ich Böses oder Gutes die Zeit über vorgenommen hatte. Woher es kam, daß sie diesem Manne keine einzige meiner großen und kleinen Sünden verschwieg, konnte ich mir aus keinem andern Umstand erklären, als daß sie, so lange er bey uns war, (und das dauerte zuweilen vier bis fünf Tage) täglich eine oder zwey Stunden geheime Konferenz mit ihm hielt, und wenn er abreisete, jedesmal einen neuen Anzug oder ein paar Louisd'or, auch öfters beydes zugleich bekam. Durch dieses Mittel hatte er sie, wie es mir schien, so auf seine Seite gezogen, daß sie ihre ganze sonstige Nachsicht gegen mich vergaß und alles haarklein beichtete, was sie von mir wußte.

Eine Hauptregel, die er mir bey seiner Ankunft und Abreise jedesmal dringend ans Herz legte und anpries, war diese:

Hab' Ehrfurcht und Gehorsam gegen deinen Vater und Lehrer, und mache dir niemand, auch den Geringsten nicht, zum Feinde.

Verstoßungen gegen diesen Grundsatz ahndete er sehr scharf, nicht mit harten Ausdrücken, sondern mit Ton und Worten einer zärtlichen Rührung, die lieber weinen als schelten möchte.

Nun denke man sich, was ein Blick auf diesen Mann und diesen Grundsatz für eine Zerstöhrung in meinem Herzen anrichten mußte. Papa hatte schon seit acht Tagen gesagt, daß der Legationsrath ehestens kommen würde. »Vielleicht ist er schon da!« sagte mein beklommenes Herz: »Wenn du nach Hause kömmst, läuft er dir mit offnen Armen entgegen, drückt dich an seine Brust, nennt dich seinen lieben Sohn, und mitten unter diesen Ergießungen der Zärtlichkeit, tritt der Magister in die Stube, und erzählt, wie gottlos du ihn behandelt hast!«

»Nein, du kannst nicht nach Hause gehen!« war der erste und nächste Gedanke, der aus jenem entsprang, und sich meiner mit solcher Gewalt bemächtigte, daß ich aufsprang und ein paar hundert Schritt in größ'ter Eile fortlief. Aber, so rüstig ich auch vorwärts jagte, holten mich doch zwey Gedanken ein, die mich anfangs fest, wie angenagelt hielten, und bald nachher mich auf das Schloß und von da auf unser Gut zurückschoben. Der eine war: willst du fortlaufen, ohne Malchen etwas davon zu sagen? und der andre: du mußt deinen guten Phylax mitnehmen, damit dir unterweges niemand etwas zu Leide thun kann.

Ich ging einigemal verstohlen um das Schloß herum, und hoffte Malchen zu sehen, aber vergebens. Ich ward zehnmal ungeduldig und wieder geduldig, eh' es mir einfiel, daß ich sie vor Endigung der Schule nicht würde zu sehen bekommen. Also entschloß ich mich, unterdessen meinen Phylax zu holen. Nicht ohne Furcht, der Martha in die Augen zu fallen, stahl ich mich auf unsern Hof, und fand meinen künftigen Reisegefährten in seiner Hütte schlafend. Ich nahm ihn beym Ohr und er riß die Augen und seinen großen Rachen gähnend auf. Als er sahe, daß ich es war, machte er beydes wieder zu, und steckte den Kopf unter, um wieder einzuschlafen. »Nein, nein, komm!« sagte ich voller Ungeduld und zupfte ihn beym Ohre. Nun stand er auf und ging mit.

Ich kam glücklich ohne bemerkt zu werden vom Hofe herunter. Es war mir unbeschreiblich weh um das Herz, als ich noch einmal nach dem Hause meines Papa zurücksah; aber diese aufsteigende Wehmuth änderte meinen Entschluß nicht. Ich ging gerade nach dem Schlosse und versteckte mich in dem Baumgarten, wo wir gewöhnlich zu spielen pflegten, wenn wir der Zucht des Magisters entgangen waren.

Eilftes Kapitel.
Die Gewalt des Naturtriebes.

»Der arme Moriz!« sagte Malchen, als sie in den Garten trat: »Es wird ihm übel gehn! Aber ich bin an allem Schuld!« Sie nahm die Schürze vor die Augen.

Er wird sich schon durchbeißen! sagte Louischen.

»Ja, durchbeißen!« brummte der Junker: »Er wird seinen Theil schon kriegen! Der Herr Magister will es dem Papa sagen!«

Ach, der dumme Magister auch! sagte Malchen.

»Ey warte, das sag' ich ihm wieder!« unterbrach sie ihr Bruder.

Sags, sags, sags! riefen die beyden Mädchen, und fuhren auf ihn zu, eine nahm ihn bey der linken, die andre bey der rechten Hand, und so sprangen sie mit ihm zum Garten hinaus, und warfen ihm die Thür hinter dem Rücken zu.

Nun bekam ich Muth. Bis jetzt hatte ich mich nicht hervorgewagt, weil ich besorgte, der Junker möchte sich davon stehlen und den Magister rufen. Aber von den beyden Mädchen hatte ich nichts zu fürchten.

Als sie mich sahen, kamen sie gesprungen und nahmen mich bey der Hand.

»Du hast wieder 'was Schönes gemacht!« sagte Louise.

»Du armer Moriz,« sagte Malchen schluchzend: »wenn sie dir 'was thun wollen, so schieb die Schuld auf mich!«

Auf Sie? fiel ich hitzig ein. Warum?

»Ich habe dir doch den Kranz aufgesetzt!«

Der Magister wird's dem Papa sagen! fuhr Louise fort.

»Glaub' es nicht, Moriz,« unterbrach sie Malchen: »sie will dir nur bange machen. Er wird wohl nicht hingehen.«

Bey diesen Worten blinkte sie mit den Augen auf Louisen. Diese verstand den Wink und verschluckte die Betheurung, daß er ganz gewiß zum Papa gehen würde. Ich bemerkte dies und wurde um nichts ruhiger.

So fest ich mir vorgenommen hatte, Malchen nur mit zwey Worten zu sagen: ich will fort! so wenig fähig war ich dazu. Der Vorsatz lag mir centnerschwer auf dem Herzen! Alle Augenblicke wollt' ich ihn herabwälzen, aber, wenn es dazu kam, fehlten mir Worte und Muth.

Ich schlenderte stumm und unentschlossen neben den beyden Mädchen her, und je fester ich mir vornahm, mein Herz auszuschütten, desto schwerer ward es mir. Zuletzt glaubte ich, meine Unschlüßigkeit rühre von Louischens Gegenwart her; aber auch daran lag es nicht, denn sie entfernte sich bald nachher, um zu horchen, ob es Papa schon wüßte, und doch blieb ich so unruhig und unentschlossen, als vorher, wurde es sogar mit jeder Sekunde immer mehr und mehr. Ich bekümmerte mich wenig darum, ob Louischen eine freudige oder fürchterliche Nachricht zurückbringen würde, und Malchen, wie es schien, eben so wenig. Wir waren beyde gleichtief mit uns beschäftigt. Sie, mit ihrem mitleidigen Herzen und mit ihren Augen, die in Thränen schwammen, und ich zunächst mit dem Entschlusse, ihr meine Flucht zu entdecken.

Wir kamen unvermerkt aus dem Garten und gingen Hand in Hand auf ein kleines Gebüsche zu, das an denselben stieß. In der Mitte war ein Rasenplatz; hier setzte sich Malchen nieder und ich mich zu ihr. Sie schlug ihren rechten Arm fest um meinen Nacken, ich meinen linken eben so fest um den ihrigen.

Ich weiß nicht, was für eine wunderseltsame Empfindung sich meiner bemächtigte. Ich dachte weder an Magister, noch Papa, noch Marthen. Alles, was mir heute begegnet war, kam mir wie ein Traum vor, dessen Figuren mit jedem Blick auf Malchens rothe Wangen, sich weiter und weiter entfernten. Ich war meiner Zunge nicht mächtig, sie eben so wenig. Ich umschloß sie mit jedem Athemzuge inniger, sie mich, und so sanken wir in das blumigte Gras zurück. Ich sah nicht, und hörte nicht, und eine Thräne nach der andern lief mir über die Backen. Die Empfindungen, die mir dieselben erpreßten, waren nicht traurig, nicht bitter: sie waren so himmlisch, so unaussprechlich süß! Mein Mund begegnete dem ihrigen, Lippe heftete sich auf Lippe fest und innig: es war ein ewiger Kuß!

Malchens Herz pochte dem meinigen durch die Schnürbrust fühlbar entgegen, und ihre Augen fielen langsam zu. Die meinigen blieben halb offen, und ließen nur einen schwachen Schimmer herein. Vor meinen Ohren flüsterte ein leises Lispeln und Schwirren, wie wenn man im Begriff ist einzuschlummern. Manchmal war mirs, als wenn sich ein kältlicher Schauer auf meiner Scheitel entspönne; er floß hinab bis zum Herzen, von da schoß er brennend zurück zum Kopfe, und von da, wie ein Feuerstrom, durch die innersten meiner Nerven und Fibern. Ich zitterte, Malchen noch stärker. Dann und wann machte sie eine kleine Bewegung, sich aufzuraffen; aber während des Entschlusses erstarb die Hand, die mich sanft auf die Seite schieben sollte.

Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser Lage geblieben seyn würden. Ich ward ihrer nicht überdrüßig, und Malchen, wie es schien, eben so wenig. O! sie wurde mit jedem Augenblick entzückender! Ewig und ewig hätte ich so liegen bleiben mögen, aber –

Zwölftes Kapitel.
Die Reise geht fort.

Urplötzlich rief eine bekannte Stimme: »Wollt ihr auseinander!« – Wir erschracken heftig, sprangen aber nicht auf – »Junge,« rief es von neuem: »willst du die Hand da weg thun!« und in eben demselben Augenblicke brannte eine kräftige Maulschelle auf meinem Backen.

Und wenn ich sterben soll, so weiß ich diese Stunde noch nicht, wo meine Hand gelegen hat. Ich war ausser mir in jenen Augenblicken; ich wußte nicht, daß ich Hände hatte, ich wußte nicht einmal, daß ich lebte.

Wir sprangen beyde mit gleichen Füßen auf, rieben uns die Augen, und vor uns stand – Malchens Mama. Ich wollte ausreißen, aber sie erhaschte mich beym Fittig und zog mir über den andern Backen noch so eine Schelle.

»Gottloser Junge,« rief sie dabey, »auf ein andermal steck die Hand da wieder hin!«

Ich stand mit offnen Munde da, und zitterte am ganzen Leibe. Malchen hatte keinen Athem und drehete an ihrer Schürze.

»Wo du dich wieder hier sehen lässest« – rief ihre Mama und wollte von neuem auf mich los; aber mein Phylax stand neben mir und wies ihr seine großen Zähne.

Sie zog sich zurück, ergriff Malchen beym Arm und puffte sie zum Garten hinaus. »Du sollst deinen Lohn auch bekommen!« rief sie drohend zurück, und verschwand.

Ich stand wie versteinert. Das war für mich ein Tag der Angst und des Schreckens! Was für Verbrechen ich heute eins auf das andre häufte! Und da sollte ich Muth genug gehabt haben, nach Hause zurückzugehen?

Komm Phylax, sagte ich zu meinem Gefährten, und die Thränen liefen mir über die Backen: hieher kommen wir nicht wieder! – Du armes Malchen! Nun hab' ich dirs doch nicht sagen können!

Ich drückte den Hut tief in die Augen und ging. Phylax watschelte hinter mir her.

Moriz.
Zweytes Buch.

Erstes Kapitel.
Nachwehen.

Sobald ich drey oder vierhundert Schritt vom Schlosse entfernt war und glauben konnte, daß mich von daher niemand mehr beobachtete, setzte ich mich in Galopp. Dörfer und Menschen vermied ich mit vieler Behutsamkeit, weil ich in jedem Dorfe einen Spion vermuthete, der mir auflauren, und in jedem Menschen einen Nachsetzer sah, der mich einholen und zu meinem Papa zurückbringen würde. Selbst wenn ein Hund kam, um meinen Phylax anzuschnautzen, oder um ihm, wenn er von höflichern Manieren war, nach Hundesart sein Kompliment zu machen, hatte ich Angst, denn ich hielt ihn für einen Spürer; und wenn er dann zu seinem Herrn zurücklief, so war dies ein Bewegungsgrund für mich, noch ärger zu laufen als er, weil ich keinen Augenblick zweifelte, daß er nur darum zurückliefe, um seinem Herrn, auf seine Art zu verstehen zu geben, er habe den Flüchtling aufgespürt.

In dieser Angst und Eile vergaß ich, daß es Nacht werden, und eine Zeit kommen würde, wo mir Kraft, Athem und Muth ausgehen müßten. Nicht eher dachte ich an diese fürchterlichen Hindernisse meiner Flucht, als bis sie hereinbrachen. Auf einmal stutzt' ich, und kaum konnte ich vor Herzensbeklemmung und Mattigkeit den Fuß vorwärts setzen. Es schien, als wenn mich alle Schrecknisse, die mir bis jetzt nur immer noch im Rücken gewesen waren, nun auf einmal eingeholt hätten.

Leiden der Seele und des Körpers bemächtigten sich meiner, und ich weiß nicht, welche von beyden mich am grausamsten quälten. Ich setzte mich am Eingange eines Gebüsches nieder, und Phylax legte sich stöhnend an meine Seite, indem er seinen Kopf auf meinem Schenkel ruhen ließ.

»Was wird Malchen sagen, wenn sie hört, daß man nicht weiß, wo ich bin!« Dieser traurige Gedanke ergriff mich jetzt: »Und ach, ihre Mama war so böse, als sie uns überraschte! Sie wird es ihrem Papa sagen, und der nimmt die Hetzpeitsche und prügelt« –

Ein kalter Schauer lief mir bey diesem Gedanken durch alle Glieder. Ich wollte aufspringen und fiel wie ohnmächtig zurück.

»O, meine Füße, meine Füße!« winselte ich dann wieder: »Ach, was soll ich anfangen? Ich muß liegen bleiben! Ich kann nicht gehen, nicht stehen! Ach, wenn Papa und Martha wüßten, wie elend und krank ich hier liege, sie würden« –

Wieder ein unerträglicher Gedanke! Ich wollte von neuem aufspringen und fiel von neuem zurück.

»Wenn sie es wüßten, sie holten mich gewiß zurück – und ich ginge auch gern« –

In dem Augenblick hörte ich das Gerassel eines Wagens. Ich sprang auf und wäre darauf gestorben, daß es Papa's Kutsche sey. Ob ich gleich keinen Blick zurück gewagt hatte, glaubte ich doch Marthen, den Papa und den Magister leibhaftig in derselben erblickt zu haben.

Jetzt fühlte ich keine Mattigkeit mehr. Ich brach über Hals über Kopf in das Gebüsche, fand einen Fußsteig, lief ihn eine gute halbe Stunde endlang und es dauerte keine kleine Zeit, ehe die Vernunft meiner Furcht bewies, daß eine Kutsche den schmalen Fußsteig, der von beyden Seiten mit Gebüsch überwachsen war, unmöglich befahren könne.

Ich ging noch eine Weile auf dem Wege fort, und er ward nach und nach immer lichter und geräumiger. Auf einmal hörte ich Trompeten und Pauken. Es war ein lustiger Klang, der meine Bekümmerniß zum Theil vertrieb. Unschlüßig, ob ich dem Schalle nachgehen, oder die Nacht im Gebüsche zubringen sollte, setzte ich mich nieder. Beyde Wege schienen mir gefährlich. Suchte ich den Ort auf, wo die Musik war, so konnte sich zum Unglück ein Bekannter daselbst finden und mich anhalten; und blieb ich im Gebüsche – wer gab mir Brot, wenn mich hungerte? Wasser, wenn mich dürstete? Wer ein Obdach, wenn es regnete? – Mein Magen meldete sich ungestüm und meine Zunge lechzte nach einem Trunke.

Zweytes Kapitel.
Eine Erscheinung.

Ich saß unter einem Eichbaum, und ein Wiesenplan, hundert Schritt lang und breit, mit Bäumen und Gebüsch umkränzt, breitete sich vor mir aus. Mein Auge schwamm in Thränen. Es war alles still; nur ein kleiner leiser Abendwind, bewegte die äußersten Spitzen der Bäume und rauschte in den Blättern der Gebüsche. Der Mond lächelte rein und heiter herab und spiegelte sein sanftes Antlitz in Millionen Regentropfen, die von einem Spatregen an den Grashalmen zurückgeblieben waren und an den Spitzen derselben flimmernd zitterten. Die ganze Wiese war ein sanftwallender, bebender Silberstrom, auf welchem (so schien es meinem nassen, zitternden Blicke) ungeheure Gestalten, bald Riesen, bald Felsen, bald mächtige Thiere umherwandelten, so wie der Wind die umstehenden großen Eichen bewegte und ihren Schatten hin und her trieb.

Mir ward unbeschreiblich bange, und mein ganzes Wesen schmolz in eine beklemmende Wehmuth zusammen, die sich in großen Thränen über meine Backen ergoß. Endlich legte ich mich nieder und drückte die Augen fest zu. Mein rechter Arm diente mir zum Kopfküssen und der linke ruhete auf meinem Phylax, der sich dicht neben mir niedergelegt hatte.

Ich verlor mich bald. Alles, was mir heute begegnet war, schwamm ununterscheidbar und wie in Dämmerung meiner Seele vorüber. Nur dann und wann fuhr ein fürchterlicher Gedanke, schnell wie ein Blitzstrahl, durch mein Inneres, und es war mir dann immer, als wenn ich einen lebhaften Stich durch die linke Seite fühlte. Ich fuhr mit der Hand nach dem Orte, wo ich zu leiden wähnte, und darüber wiegte mich von neuem eine Art von betäubendem Schlummer in ruhige Vergessenheit ein.

Wau! Wau! schallte es auf einmal, und ich fuhr bebend aus meinen Träumereyen auf. Was mir zuerst in die Augen fiel, war die Gestalt eines Frauenzimmers, die einige Schritte von mir stand, und über das Bellen meines Hundes erschrocken schien. Ich wußte nicht, was ich zu dieser Erscheinung sagen, ob ich laufen oder bleiben sollte – denn sie hatte Marthens Größe.

Als sie sah, daß ich nicht minder erschrocken war, als sie, und da mein Phylax näher kam, und mit dem Schwanze wedelte, (gegen Frauenzimmer, Kinder und kleine Hunde war er sehr höflich) faßte sie Herz und trat zu mir.

Ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen, und doch hätt' es nur eines halben Blickes bedurft, um mich zu überzeugen, daß es nicht Martha war, die mich bey der Hand nahm.

»Wer bist du, Kleiner,« sagte sie, »wie kömmst Du in der späten Nacht hieher?«

Wenn es Martha wäre – so schloß ich nun erst – würde sie wohl nicht diese Frage an mich thun. Und nun drehete ich mich um und sah ihr ziemlich herzhaft ins Gesicht. Ihre sanfte Mine schloß mein ganzes Herz für sie auf, und schon schwebte ein pünktliches Bekenntniß auf meinen Lippen, als sie fortfuhr und mich fragte, ob ich mich verirrt hätte? Ja! sagte ich, und nun war an kein Geständniß mehr zu denken, da sie mir selbst den Mittelweg zwischen Wahrheit und Lügen eröfnet hatte. Ich betrachtete sie aufmerksam von der Seite – und mit eins! glaubte ich Malchens Mama vor mir zu sehen, denn ihr Haar war mit einem Rosenbande umwunden, gerade so, wie ihn jene trug als sie uns im Gebüsche überraschte.

Mir ward wieder bange, und meine Blicke wurden schüchterner, als vorher.

Sie nahm mich von neuem bey der Hand, und zog mich halb wider meinen Willen mit fort. Ich faßte Muth und sah sie noch einigemal herzhaft von der Seite an, bis ich mich endlich fest überzeugte, es sey nicht Malchens Mama, sondern ein Frauenzimmer, die ich nicht kannte, so wenig, als sie mich.

Wir kamen der Musik, die ich vorhin gehört hatte, immer näher, und ich ward immer unschlüßiger, ob ich mich losreißen, und ins Gebüsche zurückkriechen, oder mit meiner Begleiterin nach Hause gehen sollte. Diese hatte an mir zu ziehen und zuzureden, daß ich mich nicht scheuen, sondern dreist mitgehen sollte: Essen, Trinken, Nachtlager, einen Bothen, der mich nach Hause brächte, alles sollt' ich haben. Die erstern Punkte gefielen mir ausserordentlich, aber nicht im mindesten der letztere.

Nach einigen Minuten standen wir vor einem Hause, dessen erster Stock um und um erleuchtet war. Es gab da Musik, Tanz und ein großes Getümmel von Zuschauern. Schon hatten wir den Fuß auf die Treppe gesetzt, als eine starke Stimme, wie im Zorn und Unmuth, herunter rief: Kar'line! Kar'line! Wo hat dich denn

Drittes Kapitel.
Wie Moriz empfangen wird.

Hier, hier bin ich schon! rief meine Begleiterin ängstlich, und sprang hurtig die Treppe hinauf. Kaum nahm sie sich Zeit, mir in aller Hast zu sagen: ich sollte nur nachkommen und mich so lange an die Thür des Saales stellen, bis sie mich abholte.

»Nachtgespenst!« rief die rauhe Stimme droben: »Bist du schon wieder auf dem Hofe oder im Busche umhergespukt?«

Liebster Papa, sagte Karoline, ich wollte nur ein wenig frische Luft schöpfen.

So viel konnte ich nur von ihrer sanften Stimme hören. Ich hatte das gute Mädchen jetzt tausendmal mehr liebgewonnen, da sie so hart angefahren wurde.

»Landjägers Sohn,« fuhr ihr Vater fort: »hat schon vor einer Stunde mit dir tanzen wollen, und du – aber, ich will dir noch das Buschkriechen abgewöhnen, oder nicht dein Vater heißen.«

Diese Unfreundlichkeit flößte mir wenig Vertrauen zu dem Vater, aber desto mehr zu der Tochter, ein. Ich stieg zitternd die übrigen Stufen hinan und stellte mich in die Thür des Saales.

Jetzt erst fühlte ich, was ich vorher so deutlich nicht bemerkt hatte: daß mich gewaltig hungerte. Auf einem Seitentische standen Braten, Butterschnitte, Wein und Gebackenes. Gegen Einen Blick, den ich auf meine sanfte Begleiterin warf, die am äußersten Ende des Saals tanzte, warf ich Zehn auf die Lebensmittel, die mir so nahe standen; und ich war mehr als einmal willens, den ersten den besten um ein paar Bissen anzusprechen. Aber Furchtsamkeit oder Stolz, oder beydes zusammen, drückte von Zeit zu Zeit meinen aufsteigenden Appetit nieder.

Mein Phylax war nicht so bettelstolz. Kaum witterte er Braten, so ging er der Spur nach. Er hatte nicht einmal nöthig, sich auf die Hinterfüße zu stellen, um eine ganze Schöpsenkeule mit einem Ruck vom Tische zu holen. Der Tisch krachte, die Gläser klirrten und die Weinflaschen stürzten eine über die andre und kollerten Schlag auf Schlag vom Tisch herunter, während eine Fluth von Wein den ganzen Saal überströmte.

Ich hatte einen tödtlichen Schreck, aber Phylax legte sich gelassen unter dem nächsten Tische nieder und schmauste still und dummdreist von seiner Keule.

Alles, was im Saale war, stürzte herzu.

»Hagel! Wer hat das gekonnt?« rief die Stimme, die ich schon dreymal mit Entsetzen gehört hatte. Ein kleines Mädchen, das bey mir stand, zeigte mit dem Finger auf meinen Phylax. Er nahm ein Licht, beleuchtete den Hund und rief mit schallendem Gelächter: »Ey! prosit die Mahlzeit!« – Nerr–r–r – machte Phylax, indem er ihn ansah und ihm die Zähne wies. – »Nu, nu!« fuhr der Mann fort, »nur nicht so böse! Ich will dir deine Keule nicht nehmen. – Karline, Gottlob, Friedrich! Andern Braten, andern Wein her!«

Mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen, aber bald drückte mich die Frage: wem in aller Welt gehört denn das Vieh? zehnmal schwerer.

Karoline war über dem Lärm auch herzugekommen und stand bey mir. Ihr Vater trat näher. »Der Hund gehört mir!« rief ich etwas zu vorlaut und zitterte am ganzen Leibe dabey. »So?« sagte der Vater und nahm mich dabey schärfer aufs Korn: »Ich kenne dich und deinen Hund nicht. Wer bist du? Wo kömmst du her?«

Karoline nahm für mich das Wort, und erzählte, wo und wie sie mich gefunden hätte. »Ich will wissen,« fuhr er sie an, »wie er heißt!« und mit den Worten nahm er mich beym Fittig und zog mich ans Licht – »Ich heiße Ernst, Ernst!« rief ich ängstlich. – »Ist das dein Vorname, oder heißt dein Vater so?« – Mein Vater heißt so! – »Bist du ein Sohn von dem dicken Ernst?« – Ja! sagt' ich. – »Da, Pursche!« rief er und schleuderte mich unfreundlich zur Thür hinaus: »Geh, wo du hergekommen bist!«

Karoline that einen lauten Schrey, aber ihr Vater – brüllte, denn Phylax hatte ihn bey der Wade. Dieser hatte trotz seinem Appetit den Braten verlassen, um mir zu Hülfe zu kommen. Er schützte mich vor einer gewaltsamern Behandlung und ließ den groben Mann nicht eher los, bis ich die Treppe hinunter war.

Als dieser sahe, daß mich Phylax so kräftig in Schutz nahm, wagt' er es nicht, mich zu verfolgen, sondern blieb oben an der Treppe stehen, schimpfte auf meinen Papa und erzählte, was ihm dieser Alles zu Leide gethan hätte.

»Und der Bastart,« so schloß er: »Es weiß ja doch kein Mensch, wo der alte dicke Esel den Jungen her hat, er hat sich ja immer mit M** beholfen – Das H**kind, kann hieher kommen, um mich in meiner Freude zu stöhren; kann seinen Hund über meinen Braten schicken, daß er alles um und um reißt, und mich selber am Ende bey der Wade packt – Wart', Junge, nun will ich dich hetzen!«

Auf einmal kam er die Treppe herunter gestürmt, pfiff auf dem Finger und schrie: Spitz, Sultan, Diane, faß, faß! Plötzlich stürzten drey Hunde herzu; aber Phylax warf einen hierhin, den andern dorthin, und deckte mir den Rücken. So kam ich unversehrt vom Hofe.

Viertes Kapitel.
Findet er nun ein Obdach?

Ich wußte nicht, ob ich weinen, oder mich erboßen sollte. Bald trocknete ich mir die Thränen ab, bald bückte ich mich, mit festaufeinandergebissenen Zähnen, und suchte Steine, um dem Barbaren die Fenster einzuwerfen. Aber allmählig legten sich Wehmuth und Ungestüm, und der Gedanke: was ich nun beginnen, wohin ich mich wenden, und wo ich Nachtlager und Brot hernehmen sollte? drückte eins wie das andre, völlig nieder.

Als ich einige Schritte in tiefen Gedanken fortgegangen war, begegnete mir ein Mann. Ich faßte Muth und bat ihn, mich mit nach Hause zu nehmen, ich wüßte nicht, wo ich über Nacht bleiben sollte; aber er entschuldigte sich damit, daß er selbst nur ein Knecht sey, nichts Eignes besitze, und selbst im Pferdestalle schlafen müsse. »Ich will ja auch gern im Pferdestall schlafen,« rief ich, und hängte mich ängstlich an seinen Arm, um seinen raschen Schritt aufzuhalten: »Nehm' Er mich nur mit!« – Junge! erwiederte er halb unwillig: Ich kann Dich nicht mitnehmen! Wer weiß denn, was an Dir ist? Da (indem er auf ein dabeystehendes Haus zeigte) da ist die Schenke. Geh!

Ich ließ ihn langsam los und ging unter bittern Thränen auf das Haus zu. Ein Mann stand in der Thür und sah mich freundlich an; aber ich konnte vor Schluchzen mein Anliegen nicht herausbringen.

»Was weinst Du, Kind?« sagte der Mann, indem er sich zu mir herunter bückte und mir die Hand von den Augen nahm: »Wo kömmst Du her? Wem gehörst Du an?«

Ich konnte noch nicht reden. Er nahm mich bey der Hand und führte mich in die Stube.

»Nu, was bringt er da 'mal wieder geschleppt?« fing eine Weibsperson an, die in einer Ecke am Tische saß und bey einer düstern Lampe Strümpfe ausbesserte: »Und das große L** von Hund? Willst du 'naus!«

Frau, sagte der gütige Mann, der Hund gehört dem kleinen Jungen hier!

»Ey was! Ich will von dem Jungen und seinem Hunde nichts wissen! Fort aus dem Hause, alle beyde!«

Sag' mir nur, wo das arme Kind über Nacht bleiben soll? Denk' doch christlich!

»Christlich? Christlich? (Sie trat, beyde Arme in die Seite gestämmt, vor ihn, sprang darauf fort und suchte nach Knittel und Peitsche.) Ist das christlich, wenn ich mir selbst im Lichte steh, und solch Gesindel beherberge, wie der lumpigte Bediente vorhin, und füttre sie, und noch obendrein Hunde? Warte, großes L**, wenn ich nur erst die Peitsche habe, ich will dich und deinen« –

Sie fand einen Dornknittel und ging auf Phylaxen los. Als dieser sah, daß es ihr Ernst war, sprang er auf (er hatte sichs, so wie er herein kam, bequem gemacht, und mitten in der Stube alle Viere von sich gestreckt) und wies ihr mit schrecklichem Knurren die Zähne. Sie prallte erschrocken, und vor Zorn ausser Athem, zurück.

»Du E – du E–sel, hab' ich dich darum aus dem Stall gezogen, gekleidet und geschuhet, daß du große Hunde auf mich hetzest, und liederliche Bengel herbringst, die ihren Eltern entlaufen sind.«

Frau, sagte der Mann gelassen und setzte sie sanft auf einen Schemmel: du bist ausser dir! Erhole dich! Laß uns nur erst hören, wie das Kind hieher kömmt und wem es angehört. Er ist nicht von schlechten Eltern. Sieh 'mal die weiße Haut –

»Ich mag nichts sehen!« rief sie und drehete das Gesicht rasch nach dem Ofen.

Während dieses Wortwechsels stand ich stumm und zitternd da und fing endlich an zu beichten. Daß ich dem Papa entlaufen sey, sagte ich nicht, daß mich aber der Mann, dessen Tochter Karoline hieße (so beschrieb ich ihm jenen unfreundlichen Mann) zur Thür hinausgeworfen, und mit Hunden vom Hofe gehetzt habe, das gestand ich, um sie zum Mitleid zu bewegen.

Aber kaum hörte das Weib diesen letzten Umstand, so sprang sie wüthender als vorher auf, warf alles um und um, und wollte ihrem Manne zu Leibe.

Wie ich hörte, so hatte sie die Schenke von Karolinens Vater in Pacht, und fürchtete, er möchte sie verjagen, wenn er erführe, daß sie mich beherbergt hätte. Sie rechnete ihrem Manne alles vor, was Jener für sie gethan hätte, und drang hiermit und mit wiederholten Drohungen, sich morgen des Tages von ihm scheiden zu lassen, so lange und nachdrücklich in ihn, bis er mich bey der Hand nahm und zum Hause hinaus führte.

»Sey nur still, Kleiner!« sagte er, als ich laut zu weinen anfing: »Du sollst doch über Nacht hier schlafen. Halt dich nur so lange in der Nähe auf, bis sie zu Bette ist, da will ich dich holen!«

Ich ging um das Haus herum und setzte mich unter bittern Thränen hinter einem Zaune nieder. Nach einer halben Stunde ungefähr kam er zurück, nahm mich bey der Hand und führte mich durch eine Hinterthür über den Hof auf seinen Heuboden. Hier verließ er mich, und brachte mir nicht lange nachher ein Butterbrot und ein Kopfküssen, doch mit dem Bescheid, daß ich mich morgen in aller Frühe, wenn seine Frau noch schliefe, auf den Weg machen müßte.

Fünftes Kapitel.
Schrecken und Graus.

Unter Seufzen und Stöhnen fing ich an mein Butterbrot zu bearbeiten. Phylax bekam nichts davon, weil er Braten gegessen hatte. Je länger ich aß, desto weiter flohen von mir Besorgniß und Furcht, und als ich es rein aufgezehrt hatte (es war nicht klein) wickelte ich mich in mein Küssen, um einzuschlafen.

Auf einmal hörte ich nicht weit von mir ein starkes, zischendes Athemholen. Ich fuhr erschrocken zusammen, erholte mich aber bald wieder, weil ich wußte, daß die Eulen zur Nachtzeit auf Heuböden und in Scheunen auf Raub ausgehen, und öfters darüber einzuschlafen pflegen. Eben wollte ich mich fester in mein Küssen vergraben, und auf nichts mehr horchen und hören, als ich eine Stimme vernahm, halb laut, halb leise, halb ängstlich. Ich horchte, obgleich ich nicht horchen wollte.

Halsabschneiden – flüsterte diese schreckliche Stimme – Halsumdrehen!Pack ihn! Pack ihn! fügte sie etwas stärker hinzu. Messer her! Mein Messer her! rief sie laut und vernehmlich.

Ich fuhr auf, durch und durch in Todesschweiß gebadet. Angstvoll und bebend sah ich mich nach der Thür um, und als ich vor mir ein lichteres Fleckchen bemerkte, sprang ich auf und wollte dahin.

Indem ich forttappte, raschelte es vor mir im Heu, und Phylax stand neben mir und schnupperte. Ich wußte nicht, ob ich vorwärts gehen, oder umkehren sollte. Endlich faßte ich Muth und wollte zur Thür. Ich streckte meinen Fuß aus, trat behutsam zu und fühlte, daß ich nicht auf Heu träte. Die Angst ließ mich nicht untersuchen, was es war, und als ich fester auftrat, um den linken Fuß nachzuholen – Jesus! was ist das? schrye eine menschliche Stimme, und in dem Augenblick stolperte und fiel ich. Dabey stämmten sich zwey Hände gegen meine Brust und stießen mich gewaltsam von sich.

Halsabschneiden, pack' ihn und Messer her! Diese drey fürchterlichen Ideen raubten mir Sinne und Bewußtseyn. Aber in eben dem Augenblicke rief die Stimme: Gnade! Gnade! und ich kam wieder soweit zu mir selbst, daß ich bemerkte, wie sich Phylax mit dem vermeynten Mörder herumbalgte. Nun stellte sich ein nothgedrungener Muth bey mir ein, ich drückte die Augen fest zu und rief herzhaft: Wer da? – »Gnade, Barmherzigkeit!« rief die Stimme von neuem: »Der Hund zerreißt mich!« Ich lockte meinen Phylax, und er kam aufs Wort zu mir. Nun beschloß ich, den Mörder förmlich zu vernehmen, um zu sehen, ob gütlich mit ihm auszukommen sey, wo nicht, so war Phylax immer noch da!

Es kam etwas auf allen Vieren näher gekrochen und bat nur immer, den großen Hund nicht loszulassen. Nach und nach richtete es sich auf. Des Mörders demüthige Stimme machte mir Muth, und auch er erholte sich, als er hörte, daß ich Phylaxen von Zeit zu Zeit das Murren verboth.

Allmählig öfneten wir uns wechselsweise das Verständniß. Es war ein herrenloser Bedienter, der kurz vor mir auf den Heuboden gekrochen war, und sich niedergelegt hatte. Was er von Halsabschneiden und Messern gesprochen hatte, war nicht sein Ernst, sondern ein fürchterlicher Traum gewesen. Ich faßte ein großes Vertrauen zu ihm (welches er wohl hauptsächlich meiner Freude zuzuschreiben hatte, daß er kein Mörder war) und erzählte ihm meine Geschichte der Länge nach. Anfangs rieth er mir, zu meinem Papa umzukehren; als er aber meinen Widerwillen sah, schlug er mir vor, mit ihm zu gehen, ich sollte Brot und Unterkommen finden. Ich versprach es ihm, und darauf legten wir uns nieder und schliefen ein.

Sechstes Kapitel.
Sie wandern.

Kaum war ich recht eingeschlafen, als ich die Stimme des gutherzigen Wirths hörte. Er rüttelte mich, und als ich die Hände auseinander schlug, um mich noch einmal von ganzem Herzen zu dehnen, steckte er mir in die rechte Hand ein dickes Butterbrot, und in die linke einen Kupferdreyer. »Nun komm, mein Sohn,« sagte er dabey: »ehe meine Frau aufsteht. Sag mir aber erst, wo du zu Hause bist, mein Junge soll dich hinbringen.« – Ich gehe den Weg, unterbrach ihn der Bediente und ersparte mir dadurch ein Geständniß, das mir auf der Zunge schwebte: er hat mir gesagt, wo seine Eltern wohnen. Ich denke ein kleines Trinkgeld von ihnen zu erhalten.

Ich konnte es dem Wirth ansehen, daß er gerne gewußt hätte, wer meine Eltern wären; aber in dem Augenblick hörte er die Stimme seiner Frau, die mit Toben und Schelten die Mägde weckte. Er sagte uns nur noch in Eil, wir sollten durch den Garten gehn, und uns nicht sehen lassen, sonst hätte er in vierzehn Tagen keine ruhige Stunde.