Briefe aus Frankfurt und Paris.

Erster Theil.


Briefe
aus
Frankfurt und Paris

1848–1849

von

Friedrich von Raumer.

Erster Theil.

Leipzig:

F. A. Brockhaus.

1849.


Vorrede.

Die Schwierigkeit eine Geschichte der Gegenwart unparteiisch und allseitig zu schreiben, ist mit Recht so oft hervorgehoben worden, daß auch der Kühnste und durch seine Verhältnisse am meisten Begünstigte, von solch einem Unternehmen abgeschreckt werden kann. Wer hingegen Gelegenheit hat, einzelne Steine zu dem künftigen Bau einer allgemeinen Geschichte darzubieten, ist behufs rascher Förderung der Wahrheit, hiezu gewissermaßen verpflichtet.

Als einen solchen, wenn auch unwichtigen Beitrag, betrachte ich die folgenden Briefe. Sehr Vieles ist als unanziehend aus denselben weggelassen, nichts aber (mit Ausnahme einzelner Ausdrücke) geändert, oder gar hintennach im Wesentlichen anders dargestellt worden. Denn diese wohlfeile Weisheit eines vom Rathhause Kommenden hat gar keinen Werth; wohl aber wird selbst der, unverhohlen mitgetheilte, Irrthum lehrreich zur Erklärung der jedesmaligen (aber nach Maßgabe der fortschreitenden Verhältnisse und Ereignisse natürlich wechselnden) Eindrücke, Stimmungen und Beschlüsse. Wenn ich, dieser Rücksicht halber, nicht alles scharf oder herbe Ausgedrückte milderte, oder ganz abschwächte, so hoffe ich (sofern sich Jemand dadurch irgendwie verletzt fühlen sollte) Entschuldigung zu finden.

Den Vorschlag: diese Briefsammlung erst nach vielen Jahren dem Publikum vorzulegen, wies ich zurück. Sie würde bis dahin wesentlich an Interesse verlieren und eine Berichtigung derselben, mit dem Ablaufe der Zeit immer schwieriger werden.

Trotz aller Aufmerksamkeit sind manche Wiederholungen stehen geblieben; eine Folge des Umstandes, daß alle diese Mittheilungen eigentlich nur Variationen über dasselbe Thema sind.

Endlich hoffe ich, man werde es nicht als Eitelkeit bezeichnen, daß ein Briefschreiber seine (in anderer Beziehung unbedeutende) Person oft erwähnt und erwähnen muß.

Berlin, 15. August 1849.


Inhalt des ersten Theils.

Erster Brief. Seite
[Berlin, im März 1848.] 1
[Den 14. Mai.] 14
[Den 17. Mai.] 19
[Den 20. Mai.] 20
[Den 21. Mai.] 21
Zweiter Brief.
[Frankfurt a. M., den 25. Mai.] 22
[Den 26. Mai.]
[Den 27. Mai.] 24
[Den 28. Mai.]
Dritter Brief.
[Frankfurt a. M., den 30. Mai.] 28
Vierter Brief.
[Frankfurt a. M., den 31. Mai.] 33
[Den 1. Junius.] 35
Fünfter Brief.
[Frankfurt a. M., den 2. Junius.] 40
[Den 3. Junius.] 48
[Den 4. Junius.] 53
Sechster Brief.
[Frankfurt a. M., den 5. Junius.] 57
[Den 6. Junius.] 60
Siebenter Brief.
[Frankfurt a. M., den 7. Junius.] 62
[Den 8. Junius.] 65
Achter Brief.
[Frankfurt a. M., den 9. Junius.] 67
[Den 10. Junius.] 70
Neunter Brief.
[Frankfurt a. M., den 11. Junius.] 72
[Den 12. Junius.] 76
Zehnter Brief.
[Frankfurt a. M., den 12. Junius.] 77
[Den 13. Junius.] 79
[Den 14. Junius.] 83
Eilfter Brief.
[Frankfurt a. M., den 14. Junius.] 84
[Den 15. Junius.] 85
Zwölfter Brief.
[Frankfurt a. M., den 15. Junius.] 91
[Den 16. Junius.] 92
Dreizehnter Brief.
[Frankfurt a. M., den 18. Junius.] 96
Vierzehnter Brief.
[Frankfurt a. M., den 18. Junius.] 101
[Den 19. Junius.] 102
Funfzehnter Brief.
[Frankfurt a. M., den 22. Junius.] 110
Sechzehnter Brief.
[Frankfurt a. M., den 23. Junius.] 113
Siebzehnter Brief.
[Frankfurt a. M., den 24. Junius.] 118
Achtzehnter Brief.
[Frankfurt a. M., den 25. Junius.] 121
[Den 26. Junius.] 124
[Den 27. Junius.] 132
[Den 28. Junius.] 138
Neunzehnter Brief.
[Frankfurt a. M., den 29. Junius.] 144
[Den 29. Junius Nachmittags.] 148
Zwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 30. Junius.] 151
[Den 1. Julius.] 153
Einundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 2. Julius.] 156
Zweiundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 4. Julius.] 163
Dreiundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 5. Julius.] 168
[Den 6. Julius.] 170
Vierundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 6. Julius.] 173
[Den 7. Julius.] 175
[Den 8. Julius.] 177
Fünfundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 8. Julius.] 179
[Den 9. Julius.] 181
Sechsundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 10. Julius.] 184
[Den 11. Julius.] 188
Siebenundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 12. Julius.] 191
Achtundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 13. Julius.] 197
[Den 14. Julius.] 202
Neunundzwanzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 15. Julius.] 203
Dreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 15. Julius.] 209
[Den 16. Julius.] 211
Einunddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 17. Julius.] 215
Zweiunddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 20. Julius.] 222
Dreiunddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 21. Julius.] 228
[Den 22. Julius.] 231
Vierunddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 22. Julius.] 233
Fünfunddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 24. Julius.] 235
Sechsunddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 26. Julius.] 239
[Den 27. Julius.] 242
Siebenunddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 28. Julius.] 246
[Den 29. Julius.] 247
Achtunddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 30. Julius.] 251
Neununddreißigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 31. Julius.] 252
Vierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 1. August.] 254
Einundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 1. August.] 256
[Den 2. August.] 257
Zweiundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 4. August.] 260
[Den 5. August.] 261
Dreiundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 5. August.] 264
[Den 6. August.] 265
Vierundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 7. August.] 266
[Den 8. August.] 269
Fünfundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 9. August.] 273
Sechsundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 10. August.] 275
Siebenundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 11. August.] 279
[Den 12. August.] 280
Achtundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 13. August.] 282
[Den 14. August.] 282
[Den 15. August.] 283
Neunundvierzigster Brief.
[Frankfurt a. M., den 16. August.] 284
[Den 19. August.] 285
[Den 20. August.] 287
Funfzigster Brief.
[Brüssel, den 23. August.] 288
Einundfunfzigster Brief.
[Paris, den 24. August.] 290
[Den 25. August.] 292
Zweiundfunfzigster Brief.
[Paris, den 26. August.] 292
[Den 27. August.] 295
[Den 27. August Mittags.] 296
[Den 27. August Abends.] 297
[Den 28. August.] 300
Dreiundfunfzigster Brief.
[Paris, den 29. August.] 300
[Den 29. August Nachmittags.] 301
[Den 30. August.] 302
Vierundfunfzigster Brief.
[Paris, den 31. August.] 305
Fünfundfunfzigster Brief.
[Paris, den 1. September.] 310
[Den 1. September Nachmittags.] 311
[Den 1. September Abends.] 313
Sechsundfunfzigster Brief.
[Paris, den 2. September.] 314
[Den 3. September.] 316
Siebenundfunfzigster Brief.
[Paris, den 4. September.] 319
[Den 5. September.] 320
[Den 6. September.] 322
[Den 7. September.] 323
Achtundfunfzigster Brief.
[Paris, den 8. September.] 325
[Den 8. September Nachmittags.] 327
[Den 9. September.] 330
Neunundfunfzigster Brief.
[Paris, den 10. September.] 333
[Den 11. September.] 334
Sechzigster Brief.
[Paris, den 12. September.] 336
[Den 13. September.] 339
Einundsechzigster Brief.
[Paris, den 14. September.] 342
Zweiundsechzigster Brief.
[Paris, den 15. September.] 345
[Den 15. September Mittags.] 346
Dreiundsechzigster Brief.
[Paris, den 16. September.] 348
[Den 16. September Nachmittags.] 353
[Den 17. September.] 354
Vierundsechzigster Brief.
[Paris, den 18. September.] 356
[Den 19. September.] 359
Fünfundsechzigster Brief.
[Paris, den 20. September.] 360
[Den 21. September.] 361
[Den 22. September.] 363
Sechsundsechzigster Brief.
[Paris, den 23. September.] 367
Siebenundsechzigster Brief.
[Paris, den 25. September.] 373
[Den 26. September.] 377
[Den 26. September Mittags.] 379
[Den 27. September.] 380
Achtundsechzigster Brief.
[Paris, den 28. September.] 385
[Den 29. September.] 385
[Den 30. September.] 388
[Den 1. October.] 389
[Den 2. October.] 390
[Den 3. October.] 392
[Den 4. October.] 396
Neunundsechzigster Brief.
[Paris, den 5. October.] 400
[Den 6. October.] 401
[Den 7. October.] 402
[Den 8. October.] 407
Siebzigster Brief.
[Paris, den 9. October.] 409
[Den 10. October.] 414
[Den 11. October.] 418
Einundsiebzigster Brief.
[Paris, den 12. October.] 422

Erster Brief.

Berlin, im März 1848.

Aus den Zeitungen werdet Ihr vollständige Kunde von den furchtbaren Ereignissen dieser Tage bekommen. Ich will nur einige allgemeine Andeutungen geben, meist mich aber an Das halten was ich selbst sah, und was sich (Eurer Theilnahme bin ich gewiß) auf mich selbst bezieht.

Schon vor den pariser und den sich daran reihenden deutschen Ereignissen hatte sich hier die Mißstimmung sehr gesteigert, und Viele hegten die Überzeugung: „die Regierung könne mit den bisher wirksamen Personen und in der bisherigen Weise und Richtung, unmöglich mehr lange geführt werden. Die Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten, die kirchliche (unter dem Namen neuer größerer Freiheit geübte) Willkür, die endlose Beaufsichtigung der Schulen und Universitäten, die Anstellung einseitiger, die Entlassung würdiger Männer u. s. w. u. s. w. regten täglich mehr auf, und die Berufung des Landtages ward täglich lauter und dringender gefordert. „Die Ausschüsse (das ergab sich immer deutlicher) konnten und sollten ihn nicht ersetzen. Wenn sich die Stadt (in Bezug auf Das, was der König bei Entlassung der Ausschüsse sagte) dankend ausspreche, so könne man (dies hoffte ich) Wünsche und Bitten am besten daran anreihen. Ich entwarf zu diesem Zwecke folgende Erklärung:

„Die königliche Bewilligung einer regelmäßigen Wiederkehr, oder Wiederberufung des allgemeinen Landtages, und die Bestätigung der sehr wichtigen Vorschläge zur Vervollkommnung des preußischen Staatsrechtes, ist ein höchst folgenreiches, beglückendes Ereigniß; — ein Ereigniß, welches finstere Besorgnisse verscheucht, Hoffnungen erfüllt, oder ihre Erfüllung bestimmt in Aussicht stellt, und die Einigkeit zwischen Herrscher und Volk (ohne welche jeder Staat zu Grunde geht) aufs Neue bekräftigt.

„Deshalb erlaube ich mir den Antrag: daß die Stadtbehörden Seiner königlichen Majestät durch eine Schrift, oder Botschaft, den innigen Dank darlegen, zu welchem uns gleichmäßig Kopf und Herz antreiben, und dabei nochmals mit Nachdruck aussprechen mögen: Berlin, die Hauptstadt des Reiches, werde in Unglück und Gefahr, (wie in Zeiten des Glücks und der Ruhe) mit unwandelbarer Treue und dem Aufwande aller Kräfte ihre ehrenvollen Pflichten erfüllen, von der Bahn des gesetzlichen Rechtes niemals abweichen, und die persönliche Anhänglichkeit an Seine Majestät den König und das königliche Haus, (ohne welche dem Staatsrechte einer Monarchie die höchste Verklärung fehlt) wie ein Heiligthum festhalten und bewahren.

Berlin, den 6. März 1848, Abends.

v. Raumer.“

Diese Erklärung hatte ich dem Vorsteher der Stadtverordneten bereits zum Vortrage übergeben, als ich mich überzeugte: die Mißstimmung über das angeblich Ungenügende der Bewilligungen sei bereits so gestiegen, daß der Antrag, Dank auszusprechen, nur Vorwürfe gegen den König hervorrufen würde. Ich nahm deshalb jenen Antrag zurück, schrieb jedoch dem — (mit Bezug auf frühere Gespräche): es sei zu befürchten, daß die Versammlung der Stadtverordneten zu mächtig werde; aber noch ungleich gefährlicher, wenn sie (sehr wahrscheinlich) ohnmächtig werde, und die Entscheidung in schlechtere Hände gerathe.

Die immer dringender werdenden Verhältnisse veranlaßten mich, (nach Abhaltung der ersten Versammlung in den Zelten) Folgendes an — zu schreiben:

„Den Vorschlag, heute in der Stadtverordnetenversammlung ein Dankschreiben an Se. Maj. den König zu beschließen, hat man aufgeben müssen, um nicht Widersprüche und unangenehme Erörterungen hervorzurufen. Nach Dem was sich hier und in andern Städten der Monarchie vorbereitet und in dem ganzen übrigen Deutschland bereits geschehen ist, hat es gar keinen Zweifel, daß eine ganze Reihe von Forderungen an die Stadtverordneten gelangen, und zu einer (vielleicht einstimmigen) Bitte um eilige Berufung des vereinigten Landtages führen wird. Dies ist der mildeste Ausweg um jene Forderungen in den Weg besonnener, gesetzlicher Berathung zu leiten.

„Wenn Se. Maj. der König sich hierüber aus eigener Macht ausspricht und dem Magistrate und den Stadtverordneten eine beim Anfange der Sitzung zu eröffnende Kabinetsordre zuschickt, so wird ihm unermeßlicher Dank zu Theil, es wird die Begeisterung im Innern und gegen das Ausland aufs Höchste steigen; er ist — wie es sein soll — der Leit- und Polarstern für Alle. Geschieht das Unvermeidliche auch nur um einige Stunden zu spät, so verwandelt sich der glänzende Sieg in eine unglückselige Niederlage, und ganz andere Personen werden die Lorberen für sich in Anspruch nehmen. Möchten nicht kleine, förmliche, die Wichtigkeit des Augenblicks verkennende Seelen, durch unentschlossenen Rath, Alles den Händen des Königs entschlüpfen lassen.

„Verzeihen Sie, wenn ich mich in dieser ungewöhnlichen und vielleicht ungebührlichen Weise ausspreche; meine Liebe zu König und Vaterland und meine Kenntniß vaterländischer Angelegenheiten, verbot mir da zu schweigen, wo Kopf und Herz zu reden befehlen.

Berlin, den 9. März 1848, Morgens 7 Uhr.“

An demselben Tage um 4 Uhr begann die Sitzung der Stadtverordneten, über welche die Zeitungshalle am genauesten Bericht erstattet. Die überlauten Zuhörer hatten ohne Zweifel die Absicht: die Stadtverordneten zu zwingen, alle ihre Forderungen auf der Stelle anzunehmen und zu den ihrigen zu machen. Dies Bestreben ward jedoch mit größtem Rechte vereitelt, und auch ich sprach (wie ihr in der Zeitungshalle lesen könnt) für gründliche und ruhige Berathung. Diese fand den 10. von 3–11 Uhr statt, und die Deputation, zu der ich gehörte, vereinigte sich endlich für die bekannt gewordene Eingabe. Sie ward den 11. in der Stadtverordnetenversammlung fast einstimmig angenommen. So weit ich sehen konnte blieben nur die HH. N. und B. verneinend sitzen, weil sie mehr, und minder höflich, fordern wollten. Die Zuhörer, einer bekannten Gattung, waren ebenfalls unzufrieden, und erhoben ein so gränzenloses, unanständiges Geschrei, daß die Sitzung leider mußte aufgehoben werden. Meine Furcht, die Stadtverordnetenversammlung dürfte zu ohnmächtig werden, war nur zu sehr gerechtfertigt.

Des Königs Antwort auf die Eingabe lautete zwar beruhigend, aber bei täglich, ja stündlich steigender Aufregung keineswegs zufriedenstellend.

Über die erste Versammlung in den Zelten erhielt ich einen umständlichen, anonymen Bericht; wenige Tage später kam der Verfasser zu mir, klagend daß die zweite Versammlung sich ungebührlich in falscher Richtung bewegt, und großentheils aus anderen Personen bestanden habe. Ich machte ihn darauf aufmerksam: wie schwer es sei solcher Bewegungen Meister zu bleiben, wie verantwortlich sie hervorzurufen.

Die Minister verloren die kostbarste Zeit, und behandelten das Eiligste in den Formen der alten Geschäftsführung, während aus ganz Deutschland, ja aus Wien Nachrichten von raschern Fortschritten einliefen. Preußen, Berlin müsse sich an die Spitze stellen und die Vorwürfe von Schläfrigkeit und Nichtigkeit widerlegen; — dies war die Ansicht Unzähliger. Planmäßig leiteten aber geschickt vertheilte, laute Demagogen das Ganze und bezweckten leider, daß die Aufregung sich zur Widersetzlichkeit steigere. Andererseits begingen die Kriegsführer Mißgriffe, und die unbedeutenden Unruhen des Montags, nahmen den bösesten Charakter an, als die ungebührlich gereizten und verhöhnten Soldaten, Dienstags an der Brüderstraße, ohne Ansehen der Person Gewalt übten. Man erließ zur Beruhigung eine Bekanntmachung, daß Militair- und Civilpersonen die Sache untersuchen und Schuldige bestrafen sollten. Magistrat und Stadtverordnete schrieben das Nöthige vor zur Bildung unbewaffneter Schutzcommissionen. Als ich in meinem Bezirke zur Vollziehung dieses Beschlusses aufforderte, schrien Mehre: ich wolle (ein alter Thor) Bürger verführen sich verstümmeln und erschießen zu lassen. — Ich rief: wer Muth hat folge mir; so schlossen sich endlich Viele meiner Führung an.

Donnerstag und Freitag (15., 16.) ward die Ruhe in der Stadt erhalten, womit aber viele Begeisterte und viele Böswillige gleich unzufrieden waren. Es verbreitete sich die sichere Kunde: man wolle Sonnabend um 2 Uhr dem Könige eine Bittschrift überreichen; viele Tausende wollten mitziehen zum Schlosse. Mit Bestimmtheit ließ sich voraussehen, daß dies nicht ohne Unordnung, ja Gefahr geschehen dürfte. Deshalb eilte ich Sonnabend früh zum — stellte ihm die üble Lage der Dinge vor, und daß es schlechterdings nothwendig sei, daß bis Mittag 12 Uhr beruhigende, unabweisliche und unausbleibliche Bewilligungen bekannt gemacht würden. — fand dies zweckmäßig und versprach sogleich zum Könige zu fahren und ihm das Nöthige vorzustellen.

Mit einigen Stadträthen und Stadtverordneten (wir fanden uns auf der Straße zusammen) ging ich zum Polizeipräsidenten, zum Kommandanten (wo wir den Minister Bodelschwingh fanden), deren wohlwollende Sorge und Theilnahme, ohne entscheidende Versprechungen nichts helfen konnte. Deshalb ward von den zusammeneilenden Stadtverordneten beschlossen, unverzüglich und gemeinsam mit dem Magistrate, eine Deputation an den König abzusenden. Ich ward mit zu derselben gewählt, und wir fanden im Vorzimmer die mit Orden überdeckten Stützen des Staates, gegen welche wir (einige der Eil halber in Überröcken) sehr gering und unanständig aussahen. Vorgelassen, ward dem Könige die volle, ungeschminkte Wahrheit, mit solcher Kraft und Rührung gesagt, daß Viele sich der Thränen nicht enthalten konnten.

Man bat um Preßfreiheit. — Ist schon bewilligt. — Um Berufung des Landtags. — Desgleichen. — Um Veränderung der Grundsätze über Wahlen und Abstimmungen. — Antwort, günstig, jedoch so bedingt, daß kein bestimmtes Ergebniß hervorging. — Gleichstellung aller Religionsbekenntnisse, ohne staatliche Bevorzugung. — Antwort: ich bin der größte Freund der Religionsduldung; die Leute dürfen sich ja nur aussprechen. — Zwischen E. M. und dem Volke stehen Räthe, welche das Vertrauen des Volkes nicht besitzen. — Antwort: diese Männer meinen es redlich mit dem Volke und der Krone.

Ich hatte mich aus vielen Gründen schweigend im Hintergrunde gehalten, sagte aber, als ich sah daß man zu keinem inhaltsreichen Ergebniß kam: wenn ich S. M. nicht mißverstanden, wollten Sie die von der Stadt Berlin vorgetragenen Wünsche, dem Landtage zur Berathung vorlegen und nach Empfange eines Gutachtens entscheiden. — Auf diesen Antrag ging der König indeß nicht einfach ein, weil ja zu prüfen sei: ob die Wünsche sich zu solch einer Vorlegung eigneten.

Der König sprach nach seiner Weise noch viel, verständig, gemüthlich; hierauf von seiner Macht, seinem Rechte, seinem göttlichen Berufe. — Sagen Sie laut, rief er, daß ich so wahr mir Gott helfe, Alles thun will was zum Wohle meines Volkes gereicht, daß ich aber niemals auch nur einen Fingerbreit von meinen Grundsätzen abweichen werde, daß mich keine Macht der Welt jemals dazu vermögen wird. — — —

Mir vergingen, im hinteren Gliede stehend, von der unbeschreiblichen Gemüthsbewegung fast die Sinne, ich hörte nur, was der König über die Heilsamkeit der Mäßigung und allmäliger Entwickelung sagte, als er auf mich zu ging, mit der Hand auf meine Schulter schlug, und die meine ergreifend und schüttelnd, sagte: dies ist ein alter Professor der Geschichte; er wird bezeugen ob ich Recht habe. Das konnte ich, in Bezug auf seine zuletzt gesprochenen Worte, aus vollem Herzen; auch war mir jener Handschlag ein Zeichen, daß der Zorn des Königs über die akademische Rede ganz verschwunden, und er von meinem rechtlichen Benehmen in der Stadtverordnetenversammlung überzeugt sei. — Alle diese Betrachtungen kamen jedoch erst hintennach; in jenem schweren Augenblicke konnte Niemand an seine eigene unbedeutende Person denken.

Wir stellten endlich das Mildeste und Wesentlichste aus allen Reden des Königs zusammen, sodaß Bewilligungen, Versprechungen und Hoffnungen jeden Gemäßigten befriedigen konnten. Auch that diese von uns vorläufig auf dem Schloßplatze ausgesprochene Verkündigung die beste Wirkung, und die Berathung auf dem kölnischen Rathhause endete mit einem Vivat auf den König, dem selbst die, sonst zu Unruhe und Widerspruch nur zu geneigten Zuhörer, beistimmten. Ich habe bei dieser Gelegenheit auch gesprochen, aber in solcher Aufregung, daß mein Gedächtniß mir den Inhalt nicht vergegenwärtigt, und ich die Zeitungshalle darüber nachlesen muß. Voller Freuden vertheilten wir uns in der Stadt, das Erlangte zu allgemeiner Beruhigung mitzutheilen. Als ich heimkehrend über den Schloßplatz ging, hatte der König vom Balkone gesprochen, die Hüte in der Luft, Hurrahrufen, überall (so schien es) der glücklichste Ausgang. — Kaum aber hatte ich diese Kunde für — dem — mitgetheilt, kaum war ich zu Hause angelangt, als die furchtbare Botschaft von neuem Schießen und Einhauen anlangte. Sogleich legte ich meine Binde als Schutzbeamter um, und forderte mir bekannte, wohlgesinnte Bürger auf mir zu folgen, aber sie warfen mich buchstäblich in einen Laden und beschworen mich mein Leben nicht nutzlos aufzuopfern; es sei ganz unmöglich den Sturm zu beschwören. Gleichzeitig allgemeines Geschrei von Verrath und Errichtung unzähliger Barricaden.

Ueber die Gründe und den Hergang des neuen Angriffs auf dem Schloßplatze lauten die Aussagen, selbst der Augenzeugen, so verschieden, daß schon jetzt kaum die volle Wahrheit aufzufinden ist. Ich will nur das mir Wahrscheinliche zusammenstellen.

1) Die Generale, Officiere u. s. w. hielten es für eine Schmach, sich vor Leuten, welche Forderungen in gesetzwidriger Weise geltend machen wollten, zurückzuziehen und ihnen nachzugeben. —

2) Die gemeinen Soldaten waren durch Spott und Hohn aufs Höchste gereizt.

3) Manche Soldaten und Führer hielten das Vivatgeschrei für ein pereat und fürchteten die Bestürmung des Schlosses.

4) Den revolutionairen Unruhstiftern war ein friedlicher Ausgang durchaus ungelegen; sie thaten alles Mögliche, Unzufriedenheit mit dem Bewilligten hervorzurufen, und bezweckten einen großen, gewaltigen Aufstand.

5) Zu lange glaubte man auf dem Schlosse: man habe nur mit wenigem Pöbel zu thun, den einige Schüsse verscheuchen würden.

Als der König später umherritt und vor dem kölnischen Rathhause still hielt, eilten die Stadtverordneten hinab, und seiner wohlwollenden Anrede folgte ein lautes, ununterbrochenes Hurrah des unzähligen Volkes.

Der an fünf Stunden dauernde Leichenzug ging mit höchster Ordnung und ohne die geringste Störung vor sich. König und Königin sahen vom Balkone herab; alle Hüte beim Vorbeigehen abgenommen, — und doch welche bittere Stellung für jene!

Der Prinz von Preußen ist der allgemeine Sündenbock und Blitzableiter — — — obwohl ganz unschuldig an dem ihm zur Last Gelegten. Es offenbart sich in vielen Gegenden Deutschlands der künstlich berechnete Plan, alle Thronfolger verhaßt zu machen.

Der Oberbürgermeister Krausnick ward auf eine Weise gezwungen, sein Amt niederzulegen, die nach Form und Inhalt gesetzwidrig ist. Insbesondere hatte er gar keinen Theil an Dem, was man ihm vorzugsweise zur Last legt. Er ward des eisernen Bärensprung Nachfolger, weil man seine Verträglichkeit und vermittelnde Milde laut pries; dieselben Eigenschaften unterliegen, bei veränderten Verhältnissen, jetzt dem bittersten Tadel.

„Am schuldigsten (so lauten die zahlreichsten und heftigsten Urtheile) sind die abgegangenen Minister. Hätten sie irgend Scharfsinn und Voraussicht besessen, hätten sie muthig und einstimmig dem Könige Vorstellungen gemacht, hätten sie nicht das Abgestorbene gehätschelt und gepflegt; wir wären in milderem Wege vorwärts gekommen. Die alte, überkluge Bureaukratie hat einen Stoß bekommen, von dem sie sich nicht erholen kann; und die jüngeren Männer werden und sollen sich, minder gefesselt denn zuvor, Bahn machen und einen besseren Wirkungskreis gewinnen.“ — So die Urtheile!

Große Stürme stehen uns noch bevor; geistige Ruhe wird sobald nicht wiederkehren und ein großer Theil des Vermögens geht verloren: wenn wir aber zuletzt doch ein wahres Staatsrecht gewinnen, den niederen Klassen (nicht das Unmögliche, was Louis Blanc verspricht) aber doch einige Hülfe zu Theil wird; wenn Deutschland, neu begeistert, mächtiger nach Ost und West aufzutreten fähig wird; — so ist Leiden und Verlust nur gering, im Verhältnisse zu dem Gewinn. Also: nil desperandum!

An — — — —

— März 1848.

Die Zukunft sahest Du mit Adlerblicke,

Und herzzerreißend waren Deine Schmerzen!

Wo find’ ich, riefst Du, wahrhaft treue Herzen,

Die mich verstehen und der Welt Geschicke?

Wer Dich gekannt, er war Dir treu ergeben,

Und bleibt es selbst in dunkler Nächte Grauen,

Du Bild der Anmuth, edelste der Frauen,

Die gern das Volk geführt zu neuem Leben!

So hoch gestellt, und dennoch fern vom Rathen;

Cassandra unserer Zeit, Dein heilig Glühen

Geopfert ward es unter Spott und Hohne!

Was kann Dich trösten, als wenn neue Saaten,

Die Du ersehnt, wie Keiner, jetzt erblühen

Zu ewigem Schmucke Deiner Dornenkrone!

Den 14. Mai.

Heute werde ich 67 Jahre alt, und bin nun so bejahrt wie der Vater, als er starb. Vor drei Monaten war mein Haus so gut bestellt, daß ich ruhig dahinfahren konnte; es ist nicht meine Schuld, daß es jetzt ganz anders steht. Ein Glück, daß Frau und Kinder darüber ruhiger und gefaßter sind, als viele Andere, die mit Seufzen und Wehklagen nicht das Geringste ändern können und sich und ihren Umgebungen nur das Leben sauer machen.

Heute schreibe ich meinen Mitbürgern, daß ich das Amt eines Stadtverordneten niederlege und nicht wieder gewählt sein will. Dafür sprechen viele — unerfreuliche — Gründe. Alter, Übermaß der Geschäfte, falsche Richtung der Verwaltung, welche die Stadt bankerott und die Besitzlosen zu Herren macht, Unmöglichkeit ohne Gewalt aus der Anarchie zur Ordnung zurückzukehren u. s. w. Wenn man mich endlich bei den Wahlen für die Reichstage als verbraucht (usé) betrachtet hat, und meine gemäßigten Grundsätze feige und ungenügend nennt, so will ich auch andern und jüngeren Kräften überlassen, mit größerer Weisheit den städtischen Augiasstall auszumisten.

Die Frage über die Rückkehr des Prinzen von Preußen hat zu zwei sehr unruhigen Nächten Veranlassung gegeben; die Unruhstifter wünschten die Gelegenheit zu benutzen, in die Republik hineinzuspringen. Siegt das Ministerium, so ist dies ein großer Gewinn; eine Niederlage wäre ein großes Unglück.

Die Zeiten, wo Politik oder Theologie allein herrschen, sind allemal unglücklich; alles Andere wird vergessen und mit der ächten menschlichen Bildung geht es rückwärts. Auch die Studenten vernachlässigen ihre Wissenschaft und wollen Dinge anordnen und beherrschen, die sie nicht verstehen und die gar nicht ihres Amtes sind. Als ich vorgestern nachsehen wollte, ob ich wohl Zuhörer fände, hieß es: Heute sei keine Zeit, Vorlesungen zu hören; die Studenten rathschlagten über den Prinzen von Preußen und die Entlassung des Ministeriums!!!

Ich weiß noch nicht, welche literarische Arbeit ich vorzugsweise unternehmen und ob ich etwas niederschreiben soll. Die Zeit des französischen Terrorismus und Direktoriums erschreckt mich, oder widert mich an. — Vielleicht am besten, ich schreibe gar nichts mehr; dann mag das Büchlein, welches ich anonym und unter dem Titel Spreu ausgehen ließ, für eine Art von Testament gelten. Es würde mir wahrscheinlich einiges Lob und noch mehr Tadel verschaffen, wenn unsere Zeit Zeit hätte, sich um kleine Bücher zu bekümmern.

Bis etwa 14 Tage nach dem 18. März war überall (auch bei den Stadtverordneten) fast nur die Rede von den unsterblichen Barricadenhelden, die ihres Gleichen in der ganzen Weltgeschichte nicht hätten, gegen welche Leonidas und seine 300 Spartaner nur jämmerliche Stümper wären, denen man in Marmor und Erz ewige Denkmale errichten müsse u. s. w. Seit 4–6 Wochen nimmt keiner mehr das Wort Barricade und Barricadenheld in den Mund, der 18. März wird zum noli me tangere; und in vertrauteren Gesprächen wünscht man die Helden, und die polnischen, französischen und deutschen Anordner der „glorreichen“ Nacht, zum Teufel. So ändern sich die Zeiten; und es ist für ein Glück zu achten, wenn die höchlich erzürnten Bürger nicht die Proletarier nächstens (wie in Rouen) niederschießen müssen um Ordnung herzustellen. Sehr natürlich fordern die vergötterten Helden den Lohn ihrer Heldenthaten. Wir, sagen sie, haben euch die Freiheit erkämpft, während ihr furchtsam hinter dem Ofen saßet u. s. w. — Und neben der Faulheit und dem Übermuthe, geht wahre, furchtbare Noth her, entstehend aus dem Stillstande des Verkehrs und der Fabriken. Früher haben die Fabrikherrn meist das Billigste verweigert; jetzt werden sie zum Unbilligsten gezwungen — und dadurch bankerott.

Ich fand soeben bei einem Gange durch die Stadt, Mauern und Pumpen mit Anschlägen gegen den Prinzen von Preußen bedeckt und bestimmte Zeugnisse daß Bürger, Proletarier und Klubs fraternisiren; während Die, welche sich gute Bürger nennen, nichts thun, die Hände in den Schoß legen und abwarten, ob durch sogenannte Volksversammlungen in den Zelten, das Ministerium gestürzt, oder ganz ohnmächtig wird! Es fällt den Verblendeten nicht ein, welchem Schicksale Berlin entgegengeht, das nur vom Hofe, Soldaten, Beamten und einigen Fremden lebte. Man braucht nicht melancholisch, oder hypochondrisch zu sein, um auf den Gedanken zu kommen: in den breiten Straßen könnte dereinst Gras wachsen.

Neben dem jetzt unentbehrlichen stehenden Heere, ist die Bürgerwehr entstanden, welche durch unzählige Übungen und stete Wachtdienste Zeit, und also Erwerb und Geld verliert. Die an sich heilsame Einrichtung strebt nicht der amerikanischen nach, sondern man ergötzt sich bereits im Nachäffen mancher Bocksbeuteleien der europäischen Soldaten. Bei den Stadtverordneten kam eine heftige Klage zur Sprache, daß Soldaten die (ganz unnütze) Wache bei Montbijou besetzt hätten, wodurch die Freiheit in Gefahr gerathe (!!), und die gehorsame Behörde unterstützte das lächerliche Gesuch; während gleichzeitig berichtet wurde: 10 zur Wache berufene Bürger hätten sämmtlich geantwortet: sie würden nicht kommen, denn sie hätten etwas Besseres zu thun, als dort Maulaffen feil zu bieten. — So die Disciplin und die sogenannten Volksansichten. Jeder Haufen von Tagedieben nennt sich Volk, und die lieben Bürger fürchten sich vor den Barricadenhelden!

Den 17. Mai.

Die Stadt ist wieder mehre Tage in Aufregung gewesen, welche das Ministerium wohl hätte vermeiden können. Doch ist es beim Reden geblieben und bei Maueranschlägen. Zuletzt gewannen Gottlob die Besseren die Oberhand, und bis zur Eröffnung des Landtages werden die Böswilligen wenigstens nichts durchsetzen. Charakteristisch daß die Wahlmänner zweimal eine Mehrheit für den Republikaner B. erstritten, und die Bürger ihn bei der Stadtverordnetenwahl unter bittern Vorwürfen haben durchfallen lassen. — Ebenso merkwürdig daß Arbeiter, denen Mitglieder des (fast terroristischen) politischen Klubs vorgestellt hatten, sie möchten faul sein um länger beschäftigt zu werden, die Schändlichkeit des Rathschlags einsahen, in die Versammlung drangen und die Verführer (wie Einige behaupten) selbst mit Schlägen bedienten. All jener Gefahren würden wir gewiß Herr; daß Frankreich aber den edlen, friedliebenden Circourt abruft und Arago hersendet, der seines Terrorismus halber aus Lyon verjagt ward, daß man im Marsfelde die Bildsäule Deutschlands aufstellt, ist eine nur zu bestimmte Hinweisung auf Krieg und Zerrüttung unseres unglücklichen Vaterlandes. — Durch Mittel der ärgsten Art wirken die polnischen Edelleute überall zur angeblichen Herstellung ihres Vaterlandes. Beharren sie auf diesen Wegen, so ist nach 30 Jahren (wie Galizien zeigt) keiner mehr von ihnen übrig; haben sich doch schon im Posenschen die polnischen Führer zu den Preußen retten müssen, um nicht von ihren eigenen Landsleuten erschlagen zu werden.

Den 20. Mai.

Gestern war die Wahl des Abgeordneten für Frankfurt. Die Radikalen stellten den Vierfrager Jacobi mir gegenüber. Als die Wahlzettel verlesen wurden und es hieß: Geh. Rath v. Raumer, oder Professor v. Raumer, oder Friedrich v. Raumer, so erklärte ein Stimmzähler diese Zettel für nichtig; denn es gebe mehre Geh. Räthe, Professoren und Friedriche v. Raumer. Dennoch erhielt Jacobi nicht die Mehrheit; bei der zweiten Abstimmung waren etliche auf meine Seite getreten, und ich ward als Erwählter verkündigt. Jacobi dagegen ward nun zum Stellvertreter erwählt, und die Versammlung aufgehoben. Nachher haben einige Eiferer erklärt: sie protestirten, meine Wahl sei nichtig. Und ich erklärte: erst wenn meine Wahl unbedingt für gesetzmäßig erklärt werde, würde ich nach Frankfurt gehen, keineswegs aber mich der Gefahr aussetzen, durch irgend einen Spruch, mit Spott und Hohn zurückgeschickt zu werden. — Ich wollte mich nicht wieder zum Stadtverordneten wählen lassen. Da aber meine Mitbürger (die sich stets aufs Allerfreundlichste gegen mich benahmen) es dringend wünschten und von 219 Stimmen 205 für mich fielen (während mehre Radikale in anderen Bezirken durchgefallen sind), habe ich, um den Schein feigen Rückzugs in schweren Zeiten abzuwälzen, die Wahl zunächst für ein Jahr angenommen. Helfe Gott weiter!

Den 21. Mai.

In dem Augenblicke, wo ich gestern die Bestätigung meiner, als unantastbar bezeichneten Wahl für Frankfurt erhielt, bekam ich die Nachricht daß ich auch in Quedlinburg und im Ascherlebischen Kreise für den berliner Reichstag sei gewählt worden. Nach ernsten Überlegungen habe ich mich für Frankfurt entschieden und reise heute nach Dessau, dann über Köln nach Frankfurt.


Zweiter Brief.

Frankfurt a. M., den 25. Mai 1848.

Spaziergang durch den sehr schönen Garten von Biberich. Auf der Eisenbahn nach Frankfurt. Ankunft im Weidenbusch, 10 Uhr Abends. Heut war ich zum ersten Mal in der Reichsversammlung. Sehr zahlreich, vom entfernten Platze sehr schlecht gehört. Viel unnütze Anträge, schnell und verständig genug beseitigt. Kein Lärm, Gagern guter Präsident. — Nicht abzusehn wo hinaus, wann und welch Ende! — Melancholisirt. —

Den 26. Mai.

Ich fahre fort in meinem lakonischen Tagebuche. — Gestern Nachmittag ordnete ich Alles in meiner sehr hübschen Wohnung, las die ganz verständige Geschäftsordnung für den Reichstag und ging dann zum pariser Hofe, wo (wie es hieß) die preußischen Abgeordneten sich versammelten. Hier fand ich solch Gedränge der Essenden, Trinkenden, Sprechenden, so unerträgliche Hitze und so verdorbene Luft, daß ich des Reiches Wohlfahrt daselbst nicht berathen konnte, sondern mich auf die Flucht begab.

7 Uhr Abends.

Heute waren, wie auch gestern, sehr viele Zuhörer in der Versammlung, darunter fast die Hälfte Damen, welche meist bis zum Schlusse beharrlich aushielten. Ich hatte mir einen näheren Platz ausgesucht und hörte, wenn auch nicht gut, doch besser wie gestern. Auch fehlte es nicht an Zurufen, lauter zu sprechen. Der Hauptvortrag betraf die mainzer Angelegenheit. Der Bericht der Commission war ruhig und unparteiisch gehalten; desto leidenschaftlicher und theatralischer eine, besonders gegen die Preußen gerichtete, Rede eines mainzer Abgeordneten Zitz. Die ultraliberale Partei, welche am meisten von Deutschlands Einheit spricht, gab Äußerungen den höchsten Beifall, welche es in Wahrheit zersplittern müßten. Lichnowski widerlegte geschickt genug mehre Punkte, nur war auch er zu heftig und überschrie sich so, daß man ihn kaum verstehen konnte. Robert Blum (Mitglied der Commission) sprach über sie, wie Antonius über Brutus. Sehr gut redete der österreichische Bundestagsgesandte. Welcker, der Badener sprach, mir unerwartet, durchaus conservativ. N., immer auf Allgemeinheiten hinsteuernd, ohne besonderen Anklang. Zum größten Verdrusse der radikalen Partei beschloß die große Mehrheit zur Tagesordnung überzugehn, d. h. die Sache in der Erwartung fallen zu lassen, die Regierungen würden von selbst das Erforderliche thun.

Die entgegengesetzte Absicht ging dahin: die Verwaltung und die vollziehende Gewalt, plötzlich oder allmälig an sich zu ziehen. Das wäre ein unbedingter Despotismus, welcher Widerstand und Auflösung, selbst der Versammlung, nach sich ziehen müßte. — Die ganze Verhandlung war sehr anziehend und der Beschluß beruhigend.

Den 27. Mai.

Gestern Abend bin ich bei schönem Wetter fast um die ganze Stadt gegangen. So viele enge, häßliche, winklige Gassen, die sie neben einigen großen und schönen Straßen innerhalb ihrer Mauern zählt; so schön sind die Spaziergänge ringsum, so mannigfaltig die Landhäuser und Gärten. An einigen Stellen (so zwischen dem eschenheimer und bockenheimer Thore) machen sie einen reizenden, man kann sagen poetischen Eindruck.

Den 28. Mai.

Der Anfang der gestrigen Sitzung bezog sich noch einmal auf die mainzer Angelegenheit, wo man (angemessen und England analog) beschloß, am Ende jeder längeren Berathung den Antragsteller und Berichterstatter noch einmal zu hören. Hierauf folgte der dringende Antrag einiger Österreicher, die Versammlung möge eine Erklärung erlassen, daß sie in keiner Weise irgend einer Nationalität (z. B. hinsichtlich der Sprache, Rechtspflege und dergl.) zu nahe treten wolle. Dies sei unumgänglich nöthig für die slavischen Bewohner der österreichischen Staaten, welche in böser Absicht unter obigem Vorwande von Panslavisten aufgeregt und zu Haß gegen die Deutschen verführt würden. Der Antrag ward genehmigt.

Die wichtigste Verhandlung der „constituirenden Nationalversammlung“ (so nennt sie sich) am 27. Mai, reihte sich an einen mit sehr vielen Verbesserungsvorschlägen umkränzten und allmälig geänderten Antrag des Hrn. Raveau. Der Mittelpunkt des Ganzen war die höchst wichtige Frage: über das Verhältniß der Gesammtverfassung Deutschlands zu den Verfassungen der einzelnen Staaten. Die eine Partei hob hervor: beides seien bis jetzt noch unbekannte Größen, über deren gegenseitige Stellung nichts könne festgestellt werden. Die ganze Berathung sei unnöthig und übereilt, und lasse sich erst mit Nutzen und Erfolg anstellen, wenn der Entwurf zur Verfassung Deutschlands fertig sei. Am Schlusse derselben möge man bestimmen, wie sich die besonderen Verfassungen dazu verhalten sollten. Aus diesen Gründen müsse jetzt die ganze Sache beseitigt und zur Tagesordnung übergegangen werden.

Die entgegengesetzte, zahlreichere (und nur über eine strengere oder mildere Fassung uneinige) Partei fürchtete dagegen, daß, wie traurige Erfahrungen vieler Jahre zeigten, auch jetzt wieder nichts für Einigung und Kräftigung Deutschlands zu Stande kommen werde, wenn die Versammlung den günstigen Augenblick versäume und, anstatt sich mächtig hinzustellen und kräftig auszusprechen, feige und thöricht warte, bis sich in den einzelnen Staaten Hindernisse und Widersprüche unüberwindlich erhöben. — Nach langen, schroff sich widersprechenden oder vermittelnden Reden, beschloß endlich die Versammlung, zu erklären: daß alle Bestimmungen in den Verfassungen einzelner deutscher Staaten, welche mit der Gesammtverfassung Deutschlands nicht übereinstimmen, nur nach Maßgabe der letzten gültig sind.

Da sich 90 Redner gemeldet hatten, und die Versammlung auf Abstimmung drang, bevor die Hälfte gesprochen, so werdet Ihr und meine Herren Wähler es sehr billigen, daß ich mich nicht als der 91. meldete; sonst hatte ich allerdings mancherlei auf dem Herzen, was Keiner hinreichend entwickelte. Man hielt sich nämlich immer nur an die förmliche Frage, über das Verhältniß eines Ganzen zu seinen Theilen, man bewegte sich in dem Kreise dieser noch inhaltlosen, allgemeinen Abstraction; während es mir durchaus nothwendig erscheint auf den Inhalt einzugehen, auf das Besondere, Concrete. Da ergiebt sich unwiderleglich: daß die allgemeine Verfassung gewisse Dinge unbedingt feststellen muß, gegen welche keine besondere Verfassung sich erklären darf. Umgekehrt aber giebt es andere Dinge, welche diese besonderen Verfassungen entscheiden, und in welche sich die allgemeine Verfassung oder die centrale Behörde eines Bundesstaates gar nicht einmischen darf. Beide, die allgemeine und die besonderen Verfassungen haben ihre eigenthümlichen Rechte, und ein Hinausgreifen über diese Kreise führt entweder zur Despotie, oder zur Auflösung und Zerbröckelung. Natürlich fürchtet man hier das Letzte mehr wie das Erste; wahre Staatsmänner müssen aber beide Abwege und Gefahren im Auge behalten und ihnen vorbeugen. In dieser Weise sind die Amerikaner vorgeschritten und haben die schwere Aufgabe glücklich gelöset.

Man macht den Einwand: die Nothwendigkeit besonderer Verfassungen verstehe sich von selbst. Dasselbe gilt aber auch von der allgemeinen, und ich will wünschen, daß jene Erklärung des Reichstages nicht als eine Neigung ausgelegt werde, um der Einheit willen, die Mannigfaltigkeit der Entwickelung allzu sehr zu beschränken. Ein anderer Einwand: „jede nähere Bestimmung hätte in unzeitige endlose Erörterungen geführt,“ beruht mehr auf der Voraussetzung, daß die Versammlung dazu geneigt sei, als auf innerer Nothwendigkeit. Eine halbe Zeile reicht hin zur Beruhigung, welche z. B. (wie ich höre) die Luxemburger zum Schutze ihrer Verfassung verlangen. Zuletzt kommt freilich Alles auf den Inhalt der zu entwerfenden allgemeinen deutschen Verfassung an. Sie ist ohne Zweifel schwieriger zu Stande zu bringen, wie jede besondere.


Dritter Brief.

Frankfurt a. M., den 30. Mai 1848.

Gegen Abend nahm ich eine Droschke und fuhr durch Sachsenhausen bis jenseit des nächsten Dorfes, durch zierliche Lustgärten, fleißig bebaute Gemüsegärten und reiche Felder. Alles fruchtbar, anmuthig, an die erfurtsche Gartencultur erinnernd, und wenn nicht erhaben oder hochpoetisch, doch reizend, und den Geist in so heitere Stimmung versetzend, daß man die Reichstagssorgen auf eine Zeit lang vergißt.

In der gestrigen Sitzung ergab sich was ich vorhergesehen: Abgeordnete von Luxemburg und Triest widersprachen dem, Euch mitgetheilten Beschlusse, welcher die Macht des Reichstages, auf Kosten der örtlichen Verhältnisse und Verfassungen, zu weit auszudehnen schien. Dies gab Veranlassung zu der Bemerkung, daß der Ausschuß für Entwerfung der Verfassung so übermäßig beschäftigt sei, daß man ihm Gegenstände, wie die erwähnten, nicht zuweisen möge. Deshalb beschloß man einen besondern Ausschuß für völkerrechtliche und sogenannte internationale Fragen und Aufgaben zu erwählen. Dies geschieht in der Weise, daß jede der funfzehn Abtheilungen, in welche alle Mitglieder des Reichstages verlooset werden, ein Ausschußmitglied erwählt. Die dritte Abtheilung, zu welcher ich verlooset bin, deren Mitglieder mir aber zeither persönlich ganz unbekannt waren, erzeigte mir unerwartet die Ehre, mich mit einer sehr großen Stimmenmehrheit zu erwählen. Meine verspätete Ankunft in Fr. schloß mich von allen bereits früher erwählten Ausschüssen aus und minderte die Arbeitslast wenigstens Nachmittags; jener völkerrechtliche Ausschuß ist aber fast der bedenklichste und eine Art von noli me tangere: denn Schleswig, Polen, Böhmen, Luxemburg, Limburg, Südtirol, Triest u. s. w. dürften daselbst zur Sprache kommen; ohne daß wir Macht haben, die Sprache in That zu verwandeln, ja, ohne die wahre Lage der Verhältnisse hinreichend genau zu kennen.

Hierauf folgte in der gestrigen Sitzung die Berathung über einen neuen (den zweiten) Entwurf einer Geschäftsordnung, und es ließ sich (zu meinem und vieler Andern Schrecken) so an, als werde über unzählige Einzelheiten eine endlose, unnütze Rederei eintreten. Gottlob, daß die Mehrheit dieses zeitvergeudende Uebel dadurch abschnitt, daß sie die, von einer Commission genau geprüfte, Ordnung kurzweg im Ganzen annahm und Berathungen über Einzelnes nur dann zulassen wollte, wenn wenigstens 50 Mitglieder es verlangten. Ich wunderte mich, daß — sich zuerst zum Sprechen gemeldet hatte. Ihr kennt seine Redeweise. Sie machte um so weniger Eindruck, da man Vieles gar nicht verstand, und was ich verstand, bezog sich vorzugsweise auf Allgemeinheiten über die Größe und Schwierigkeiten unserer Aufgabe, wovon sich bei jeder einzelnen Sache etwas sagen ließ, ohne zur Sache zu gehören. Die einzige hervortretende Forderung: „Nichts durch Ausschüsse vorbereiten zu lassen, sondern Alles von Anfang bis Ende allein in der vollen Versammlung zu berathen“; war so unpassend und unpraktisch, daß sie zu Boden fiel, und bei der Mittagstafel in der Mainlust Mehre bemerkten, daß — Rede ihren Erwartungen gar nicht entsprochen habe. — Ich nahm mir das ad notam, schrieb es mir hinter die Ohren, dachte an Splitter und Balken, und zupfte mich an meiner eigenen Nase.

Ungeachtet dieser Fingerzeige sammelt sich der Redestoff, und ich werde mich über kurz oder lang der Gefahr aussetzen, mir die Finger zu verbrennen. Insbesondere wegen der ganz unbegründeten Anklagen oder Verläumdungen, welche unsinnige Eiferer aus Süddeutschland über Preußen aussprechen. Wir kennen unsere Fehler besser als sie; aber wer hat denn nicht gefehlt und gesündigt? Viel Gerede von Deutschlands Macht und Einigkeit, während kaum eine Million, sechzehn Millionen hochmüthig abweiset! Da soll kein preußischer Landtag berufen werden, bevor die frankfurter Versammlung Alles ins Reine und Feine gebracht hat. Dann soll Preußen seinen Handel, ohne Ersatz und Dank, für Schleswig opfern; oder um der Polen willen Rußland bekriegen u. s. w.

Nachdem ich Häring gestern zur Eisenbahn begleitet hatte, hörte ich den ersten Akt des Don Juan.

Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich Euch wohl umständlicher über die Aufführung einen Bericht erstatten, wie das Haus, die Erleuchtung, die Dekorationen, die Bänke beschaffen sind, wie jeder Herr und jede Dame gesungen und gespielt hat u. s. w. Ich konnte diesmal andere Nebengedanken nicht beseitigen. Diese Musik Mozart’s, unsterblich und in stets blühender Jugendkraft, wird die Jahrhunderte siegreich, entzückend und beglückend durchschreiten; — und dagegen das Werk unseres Reichstages (wenn anders eins wirklich zu Stande kommt)! welchen Schmähungen wird es unterliegen, nach wie kurzer Lebensdauer wird es hinsterben, wer wird dann all der Redner und der Reden noch gedenken? Wo bleiben die Barricadenhelden, im Vergleiche zu den Helden der Wissenschaft und Kunst!

Bald aber ging mein Melancholisiren noch viel weiter! Wo sind denn die Meisterwerke griechischer Tonkünstler? Wo die Athene des Phidias, die Aphrodite des Praxiteles, die Trauerspiele des Sophokles und Euripides, die Gemälde des Apelles, die Bücher des Livius und Tacitus? Es giebt auf Erden keine Dauer, selbst nicht für das Würdige, keine Bürgschaft für diese Dauer! Vanitas vanitatum, et omnia vanitas. Ich sah Deutschland in sich zerfallen, und während es von Herstellung des immerdar haltungslosen Polen träumt, eine Beute, getheilt zwischen östlichen und westlichen Feinden. Man wird dereinst streiten über die Lage Frankfurts, wie über die Trojas und Vejis, man wird, eine Hand aus dem Schutte hervorsuchend, streiten, ob sie zur Bildsäule Karl’s des Großen oder Goethe’s gehörte; man wird in Buchbinderpappdeckeln, sowie jetzt Bruchstücke des Livius oder der Nibelungen, so vielleicht ein Stücklein der Ouverture des Don Juan entdecken! Nicht Franzosen, nicht Russen, sondern Gott weiß, welches erdgeborne Volk wird dann den deutschen Boden beherrschen, und gegen Schicksale, wie sie Aegypter, Griechen und Römer erfuhren, schützt politisches Gerede, diese falsche Magie, in keiner Weise! Ich ward glücklicherweise unterbrochen, sonst hätte ich meine Jeremiade wohl noch viel länger ausgesponnen; und doch muß der längsten Nacht, auch die Tag- und Nachtgleiche, und der längste Tag folgen. Darum nach meinem Wahl- und Trostspruche: nil desperandum und zur heutigen Sitzung des Reichstages.


Vierter Brief.

Frankfurt a. M., den 31. Mai 1848.

Ich bezeuge wiederholt meine Freude über deinen Brief; denn so lange Arbeit und Aufregung dauert, hält man sich aufrecht; nochmals aber, wenn man sich wie ein altes Taschenmesser selbst zusammenklappen muß, fühlt man die Einsamkeit doppelt bitter, und daß alles Abgeordnetengerede, immer über dieselben Dinge, kein Wasser vom Brunnquelle des Lebens ist. Allerdings ist hier wenig rein Erfreuliches, man lebt von politischen omelettes soufflées, und merkt nicht daß, wenn Russen, oder Franzosen mit der Gabel hineinstechen, der ganze Rühreiolymp zusammenfällt. So giebts selbst Abgeordnete welche meinen, man müsse Krieg und Hader mit Rußland und England darüber anfangen, ob Hadersleben zu Deutschland gehöre. Und doch will kein Mittel- und Süddeutscher einen Groschen zahlen, oder einen Mann stellen und verba sesquipedalia sollen für Kanonen gelten. Indessen bleibt noch Hoffnung, daß die Vernünftigen und Gemäßigten oben auf bleiben.

Die berliner Straßenskandale sind unter aller Kritik, und werden erst ein Ende nehmen, wenn man Ernst gegen den Pöbel zeigt, und mit Strenge straft. Schneider’s Ausweg ist heiter und führte zum Ziele; aber eine solche Schwalbe, macht keinen Sommer.

Was du über deine Gefühle beim Anblicke der Bildsäule Friedrich’s II. schreibst, stimmt fast wörtlich mit meinen ähnlichen frankfurter Empfindungen.

In der heutigen Sitzung ward zuerst eine Erklärung vorgelesen und angenommen, worin den Einwohnern Deutschlands von anderen Volksstämmen, die Erhaltung aller ihrer volksthümlichen Rechte zugesichert wird. Die übrige Zeit verging mit neuen Wahlen, auf kürzere und längere Zeit. Präsident ward H. v. Gagern mit 434 Stimmen von 513. Erster Vicepräsident v. Soiron mit 408, zweiter v. Andrian aus Wien mit 310 Stimmen. Mittags aß ich in der Mainlust und saß zwischen Grimm und Veit. Nachmittags ordnete sich der schon erwähnte Ausschuß für völkerrechtliche Fragen, wobei ich wieder einem alten Gegner, Stenzel aus Breslau, freundlich und um so mehr die Hand reichte, da wir beide socii malorum waren, das heißt im Ablaufe der Zeit graue Haare bekommen hatten. Ein Versuch, nochmals über die schleswigsche Angelegenheit einen übereilten Beschluß zu fassen, ward für diesmal glücklich vereitelt. Doch drohen noch Gefahren dieser und anderer Art von allen Seiten. So der Plan hier eine vollziehende Gewalt zu begründen und provisorisch zu erwählen; wobei sich wohl nur Wenige etwas Deutliches und Bestimmtes denken. Insbesondere ist zu befürchten, daß dies Provisorium Zwiespalt zwischen der hiesigen Versammlung und den einzelnen Regierungen hervorbringen und später als Beweis für die Tauglichkeit rein republikanischer Formen angeführt werden dürfte.

Eine andere noch größere Gefahr liegt in dem Zerfallen Oesterreichs und den Berathungen aller slavischen Stämme, über eine neue Vereinigung zu einem großen Reiche. So wird Deutschland an allen Seiten durch den, bis zum Aberglauben vorherrschenden Begriff der Nationalität beschnitten, ohne daß Elsaß, Lothringen, Kurland, Liefland u. s. w. gewonnen werden könnte, ja der Verlust des linken Rheinufers, durch eigene Schuld und fremde Habgier, in Aussicht steht.

Den 1. Junius.

Es wird nicht mit Unrecht Klage geführt, daß die preußischen Abgeordneten zu zerstreut sind und ihre Wirksamkeit sich dadurch vermindert. Dem abzuhelfen war zu gestern Abend eine Versammlung im Hirschgraben Nr. 9 angesagt, aber nur schwach besucht, theils weil gleichzeitig Hrn. von Gagern ein Fackelzug und Vivat von den Frankfurtern gebracht ward, theils weil Mancher sich wohl Denen nicht zugesellen wollte, die man hier die äußerste Rechte zu nennen pflegt, und welche den Hauptbestandtheil der Erschienenen ausmachten. Ich läugne die Nothwendigkeit nicht, sich, wohlgeordneten Gegnern gegenüber, auch zu organisiren, habe aber eine Abneigung gegen alles Partei- und Klubwesen, wo man seine Freiheit und Beweglichkeit aufgeben, und einem festen Symbole und (politischen) Glaubensbekenntnisse unterordnen soll. Der Zweck und die Wirkung lebendiger Berathung wird hiedurch oft gestört, das Mögliche nicht vom Unmöglichen geschieden, und eine Niederlage schon dadurch herbeigeführt, daß man die Nothwendigkeit einen Schlachtplan zu ändern, nicht zur rechten Zeit anerkennt. Ich fand in jener Versammlung Lichnowsky, Wartensleben, Arnim, Auerswald, Schubert, Vincke u. A. Man hob zuvörderst hervor: wir müßten bestimmt wissen was wir wollten und bezweckten, wir müßten uns über ein festes „Programm“ (in Berlin „politisches Glaubensbekenntniß“ genannt) einigen. Ein solches lag nicht vor, und ein früher von Mittermaier entworfenes ward zurückgewiesen, weil es viel zu unbestimmt laute; ja, gegen seinen (des Abwesenden) künftigen Vorsitz Widerspruch erhoben. Um nun aber einem anzunehmenden „Programme“ näher zu kommen, fand eine vorläufige Besprechung statt, wobei sich sogleich die größten Meinungsverschiedenheiten selbst unter diesem kleinen Bruchtheile angeblich gleichgesinnter Personen hervorthaten. Einer der ersten, welche ihre Ansichten entwickelten, war Herr v. Vincke, und, kaum weiß ich wie es geschah, daß ich unmittelbar nach ihm (das erste Mal in Frankfurt) sprechen — und ihm widersprechen mußte. Er verlangte nämlich, daß wir an der Spitze unseres Programms feststellen müßten: die Nothwendigkeit eines sogleich auf Preußen zu übertragenden erblichen Kaiserthums. Erst wenn dies durchgefochten sei, lasse sich mit Erfolg von allen anderen Dingen handeln. Hierauf beschrieb er die Zukunft schwärzer, als schwarz, Trennung Deutschlands, Bürgerkrieg, Verlust des linken Rheinufers u. s. w. — Ich ließ mich auf diese zweite Hälfte der Vinckeschen Rede nicht näher ein, sondern sagte im Wesentlichen etwa Folgendes: wenn Preußen sich von Süddeutschland trennt, so geräth es in Abhängigkeit von Rußland, Süddeutschland in die Knechtschaft Frankreichs. Jetzt aber ein erbliches Kaiserthum für Preußen schon erstreiten wollen, ist bei den unläugbar hierüber in diesem Augenblicke noch vorherrschenden Ansichten ganz unmöglich. Wir würden uns dadurch in der Reichsversammlung völlig vereinzeln, ja diese vielleicht auseinandersprengen. Die Frage über das Kaiserthum und über Österreichs Stellung liegt noch so in Dunkel und Verwirrung, daß erst allmälig Einsicht und Verständigung eintreten kann. Deshalb bin ich bestimmt der Meinung, den Thurm nicht von oben zu bauen, sondern zunächst einen breiten festen Grund zu legen. Diese Grundlegung, welche ganz Deutschland zunächst von uns erwartet, besteht in Anerkenntniß, Bestätigung und Durchführung der großen Volksrechte und nationalen Einrichtungen, z. B. Zollverein, Heeresmacht, Münze, Rechtspflege &c. &c., wie sie bereits in dem Dahlmannschen Entwurfe aufgezählt sind. Hierüber wird wenig Streit eintreten, und in Folge so heilbringender, populairer Beschlüsse, mögen wir weiter aufwärts fortschreiten zur Bildung der zweiten, der ersten Kammer. Wie wir dann auch die Spitze aufsetzen und ausschmücken mögen, es ist leichter, als jetzt in der Luft zu bauen; und selbst ohne Spitze behält der Bau seine hohe Wichtigkeit und Bedeutung. — Es schien mir anfangs nicht als wenn meine Worte Eindruck machten, allmälig aber ergab sich daß Lichnowsky, Auerswald, Wartensleben, Schubert, der Vinckeschen eiligen Kaisermacherei nicht beitraten, sondern im Wesentlichen mit meiner Ansicht übereinstimmten.

Die Verfassungsentwürfe wachsen hier so rasch und zahlreich empor, wie Kresse auf einem warmen wollenen Lappen; oder mit denselben Stücklein bemalten Holzes, legt man unzählige Muster zusammen. Da aus der Vergangenheit fast nichts Ordnendes, oder Begränzendes beibehalten werden soll; so drängen sich sehr natürlich unzählige Möglichkeiten hervor, von rein republikanischen Formen, bis zu einem despotisirenden Kaiser. Um nicht Alles in anarchische Willkür auseinanderfallen zu lassen, findet der Gedanke von einem vollziehenden Triumvirat Beifall, wozu Österreich ein, Preußen ein Mitglied ernennen, und das dritte hier erwählt werden soll. Das klingt ganz einfach, wie weit aber der unmittelbare Wirkungskreis dieser Dreieinigkeit, oder Dreiuneinigkeit sich erstrecken soll, ist schwer zu bestimmen. Sollen z. B. Radetzki, Wrangel u. s. w. unmittelbar Befehle aus Frankfurt empfangen, oder theilen sich die Männer das Reich wie die römischen Triumvirn, oder treten sie nur an die Stelle der 17 Stimmen des Bundestages? Ihr seht man hat hier viel zu denken, zu überlegen, zu gestalten. Sind es nur Willkürwolken des Polonius, oder werden daraus Blitze herniederfahren und Deutschland auseinandersprengen, wie es Österreich bereits ist? Gott helfe weiter!


Fünfter Brief.

Frankfurt a. M., den 2. Junius 1848.

An welchen Fäden hängen die Schicksale der Reiche!! Ohne den 18. März, sagt mir Herr v. L., wäre der König von Preußen ohne Zweifel zum Kaiser von Deutschland erhoben worden. Damals hätte Österreich aber wohl schwerlich eingewilligt; und hätte sich Preußen dadurch nicht in unzählige Händel verwickelt und (wie schon jetzt) Undank und Schmähung, statt des Dankes erfahren? Niemals sind die Deutschen ihrem Kaiser sehr unterthan gewesen, und auch heutiges Tages sehe ich dazu noch keine Neigung, obwohl die Nothwendigkeit einer einigen Leitung täglich mehr heraustritt.

Täglich ziehen die Wolken neuer Verfassungsentwürfe am Horizonte auf, und verwandeln ihre Umrisse auf die mannigfachste Weise. Laßt Euch die Zeit nicht lang werden, heut einmal mit mir diese fata morgana anzuschauen.

Gestern hat mir Herr v. L. seinen „Beitrag zu einer künftigen deutschen Reichsverfassung“ übergeben, aus welchem ich Folgendes entnehme. Die Gesammtregierung soll bestehen aus einem hohen Rathe (Oesterreich, Preußen, und ein Dritter aus allen Bundesgliedern auf Lebenszeit vom Parlamente zu erwählender Fürst) und aus zwei völlig gleichberechtigten und mit derselben Stimmenzahl versehenen Volkskammern. Die eine Kammer wird halb aus ländlichen, halb aus städtischen Bewohnern gewählt (wie, ist nicht gesagt); die andere dagegen zu ¼ aus ordentlichen und außerordentlichen Universitätsprofessoren, ¼ aus Sachwaltern, ¼ aus Geistlichen, ¼ aus Kaufleuten und Fabrikanten. (Grundbesitzer sind hier nicht wieder erwähnt.) Bei Meinungsverschiedenheiten beider Kammern entscheidet die aus der vereinigten Abstimmung sich ergebende Mehrzahl. Zu Zeiten des Krieges, oder sonstiger Gefahr, geht die ganze verfassungsmäßige Gewalt des Bundes, mittelst Wahl des deutschen Parlamentes, auf einen der drei, den hohen Rath bildenden Fürsten über, der dann persönlich in Frankfurt residiren muß. — Ueber die allgemeinen Rechte und Einrichtungen im Ganzen das Bekannte. — Ich habe nicht Zeit, mehr mitzutheilen, oder das Mitgetheilte zu beurtheilen, da ich auf die wichtigeren baierischen Vorschläge übergehen will.

Diese lauten im Wesentlichen: Der Zweck des neuen deutschen Bundesstaates ist die Vertheidigung und Vertretung Deutschlands als politischer Einheit nach Außen, und die Einigung Deutschlands in seinen gemeinsamen Interessen und Rechten nach Innen. Die Hauptorgane für Erreichung dieser Zwecke sind: 1) der Reichstag mit einem Direktorium an der Spitze. 2) Das in zwei Kammern getheilte Parlament. (Ueber die allgemeinen Volksrechte, nationale Einrichtungen und Maßregeln finden sich keine erheblichen Abweichungen von dem fast überall Gewünschten. Nachdruck wird indeß auch gelegt auf die gemeinsame Errichtung einer Flotte, das Auswanderungswesen, die Verbürgung der einzelnen Verfassungen und eine selbstständige Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten.) — Durch die allgemeinen Einrichtungen des Gesammtbundes soll das eigenthümliche Recht und die nothwendige Selbstregierung der einzelnen Staaten- und Volksstämme nicht erstickt und verwischt werden. Deshalb sollen diese ihre Vertretung und ihre Gewalt in den Centralorganen des deutschen Bundesstaates finden. (Aehnlicherweise habe ich immer dafür gesprochen, daß sich die Mannigfaltigkeit der Einheit zugesellen müsse, wie in Nordamerika; nicht unbedingte Centralisation wie in Frankreich.) Das Direktorium ist der Ausdruck und Repräsentant der Einheit der deutschen Fürsten und Völker gegen Außen, und der Vertreter und Förderer der Einigung der deutschen gemeinsamen Interessen und Rechte nach Innen. Es ernennt die Mitglieder des Ministeriums und sämmtlicher Centralbehörden aus der Candidatenliste der einzelnen Regierungen. Es eröffnet und schließt, vertagt, beruft das deutsche Parlament nach zu erlassenden Vorschriften. Das Direktorium wird nicht erwählt, es ist nicht erblich, oder stets einer bestimmten Regierung angehörig; sondern es wechselt entweder nach einem festen Cyclus der Regierungen von Nord-, Ost- und Süddeutschland, oder drei Hauptstaaten Deutschlands nehmen gleichzeitig daran Theil. (Der Cyclus unter Vielen ist schwer zu ordnen, und schwerlich wären alle übrigen Staaten damit zufrieden, wenn Baiern allein, ohne Wahl, neben Österreich und Preußen einträte.) — Die eine Kammer des Parlamentes bildet sich aus den unmittelbaren Wahlen des deutschen Volkes, die andere aus denen der deutschen Ständekammern, oder vielmehr aus der ersten Ständekammer und den ihr analogen Bestandtheilen.

Den weiteren baierischen Erklärungen zu den Grundzügen der Verfassung entnehme ich Folgendes: In dem ersten Nationalparlamente ist den Regierungen der deutschen Staaten ihr nothwendiger Antheil an der zukünftigen Constituirung Deutschlands nicht zugesichert. (Sehr wahr! Die Versammlung schwärmt für ihre Allmacht und Souverainetät; so daß, wenn der Inhalt ihrer Beschlüsse nicht gemäßigt ausfällt, Widerspruch der einzelnen Staaten schwerlich ausbleiben wird.) Deshalb mögen alle Regierungen ihre Gesinnungen und Grundsätze durch Bevollmächtigte in Frankfurt darlegen, um zu gemeinsamen, annehmbaren Beschlüssen zu gelangen, und den Regierungen, wie den Volksstimmen ihre nothwendige Lebensfähigkeit neben den Organen des Centralstaates zu sichern. Sonst wird eine Despotie erschaffen, welche die Fürsten und Völker Deutschlands, in dem Keime ihrer Macht, ihrer freien Bewegung und ihres innersten Lebens vernichtet. (Es ist sehr natürlich, nach so bösem Zerfallen Deutschlands in einer mächtigen Centralmacht die beste, ja einzige Hülfe zu sehen. Der wahre Staatsmann muß aber die Verhältnisse nicht blos nach dem letzten Augenblicke beurtheilen, sondern von dem leicht eintretenden Zuviel zurückhalten, und das Unmögliche vom Möglichen unterscheiden.)

Der Entwurf der 17 (fährt Baiern fort) verdient den bestimmtesten Tadel; er bringt so umwälzende Vorschläge, daß (würden sie auch nur von einer Minorität der deutschen Staaten und Völker angenommen) dennoch eine totale Revolution aller bestehenden Verhältnisse, eine totale Verwirrung, ja in der jetzigen aufgeregten Zeit leicht der Bürgerkrieg die Folge derselben sein könnte. — Insbesondere wird eine vollkommene Despotie eines, noch nicht existirenden erblichen Kaisers, eine Vernichtung aller bestehenden constitutionellen Rechte und Freiheiten der einzelnen Volksstämme, eine Richtigkeitserklärung gegen alle constitutionelle Fürsten Deutschlands vorgezeichnet. Ein Wahlkaiserthum ist eine Thorheit, ein erbliches eine Unmöglichkeit. Man schafft kein Kaiserthum, ebensowenig wie eine Republik, mit einigen Federstrichen, oder doctrinairen Phrasen. — Alle Restaurationen vergangener und verrosteter Zeiten tragen den Keim des Todes in sich. — Die nationale Einheit kann nur das Ergebniß freier und wahrhafter Einigung aller verschiedenen Interessen, Gegensätze und Rechte sein. Auf der Grundlage der neu errungenen und alten Freiheiten, wie Rechte, auf der Grundlage unserer bestehenden constitutionellen Staatsformen allein, kann das neue Gebäude des deutschen Bundesstaates auferbauet werden. Diese müssen das Fundament des Gebäudes bleiben; sie müssen den Völkern, wie den Fürsten garantirt werden. — Nicht dem Machtgebote, nicht dem insinuirenden Willen einer Großmacht, unterwirft sich ohne Despotie und Zwang, der freie Wille der deutschen Stämme und Fürsten. (Ihr seht, wie Recht ich hatte, früher schon Bedenken zu erheben und vorauszusetzen, gegen den Beschluß über das unbedingte Voranstellen hiesiger Beschlüsse; mit wie großem Rechte ich mich gegen den Vinckeschen Vorschlag erklärte.)

Die Art, wie der Siebzehner Entwurf eine erste Kammer bilden will, ist untauglich: sie wäre nur ein Zwischending zwischen Schatten und Wirklichkeit, das man eher mit Bedauern, als mit Achtung betrachten könnte. Die Fürsten selbst werden durch Regierungsgeschäfte zu Hause festgehalten; es wird also wieder in solchem Oberhause, der endlose Weg der Instruktionen und der todte Weg der Mandate, wie auch der deutschen Reichstage eingeschlagen, welche dann nur das wiederholen und wiederkäuen, was bereits als Ansicht der Regierungen ausgesprochen ist. Der Reichstag oder Senat besteht aus dem Inbegriffe aller Regierungsbevollmächtigten, und das Nationalparlament bildet den Inbegriff der Volksvertretung und ihrer Rechte. Von dem Reichstage und beziehungsweise von dem Direktorium, empfängt das Ministerium seine Instruktionen über die dem Parlamente vorzulegenden Gesetzentwürfe. Der Reichstag vermittelt die Verbindung der Centralregierung mit den Regierungen der einzelnen Staaten. Er übt das Recht der Sanktion aller Gesetze nach Stimmenmehrheit aus, und stellt in der Gesammtheit der Bevollmächtigten einzelner Staaten, als Vollmachtsträger derselben, mit dem Direktorium, die Collektivsouverainetät des deutschen Bundes dar.

So viel, und für Ungeduldige wohl zu viel, aus den baierischen Vorschlägen. Sie weichen in den wichtigsten Punkten von denen der Siebzehner ab. Das Kaiserthum verworfen, die erste Kammer ganz anders gestaltet, ein Reichstag oder Senat der Bevollmächtigten, mit größerem Gewichte für die einzelnen Staaten aufgestellt, deren eigenthümlichen Rechte vertheidigt u. s. w. Es wäre sehr wünschenswerth, man hätte einen ähnlichen preußischen und österreichischen Entwurf; dann ließe sich besser auf eine Verständigung der Hauptstaaten mit der hiesigen Versammlung hinwirken. Am wenigsten deutlich und einleuchtend ist mir im baierischen Entwurfe das Verhältniß des Reichstages oder Senats, der mir etwas schwerfällig und eine Art Bundestag zu sein scheint. Denn auf einen bloßen Staatsrath oder privy council ist es doch nicht abgesehen.

Heute (2. Juni) erzählte mir Somaruga viel von Wien, wo die Auflösung viel größer und die Anarchie viel ärger ist, als bei uns. Das Ministerium hat nichts von der Flucht des Kaisers gewußt, und man sieht darin allerdings das Werk einer rückläufigen Partei. Für Wien sind die Aussichten noch viel schlimmer, als für Berlin. — Den Grafen D. machte ich darauf aufmerksam: wie übel es sei, daß Ausschuß und Versammlung nichts Sicheres und Amtliches über den Stand des Krieges und der Unterhandlungen in Schleswig wisse, während alle Heftigen auf schnelle und gewiß übereilte Beschlüsse drängen. Dasselbe gilt von der hiesigen Errichtung einer Centralregierung mit oder ohne Theilnahme der bisherigen Regierungen. Beide Sachen kommen in diesen Tagen gewiß zur Sprache, ohne daß man den Gang und Ausgang der Berathung mit Sicherheit voraussehen kann. Wir segeln in unbekannten Gewässern ohne Compaß.

Nachdem ich vorgestern aus der Abendversammlung hinweggegangen war, hat man mir die Ehre angethan, vorzuschlagen: meinen Vortrag, als ein sogenanntes Programm, anzuerkennen. Da ich indessen nicht zur Hand war, es aufzusetzen, hat man den, ohne Zweifel weit bessern Vorschlag angenommen, gar kein allgemeines, bindendes Symbol aufzustellen, sondern sich allmälig immer weiter und weiter zu verständigen. — Das war für einen Tag (2. Junius), ein langer Bericht. Möget Ihr ihn nicht zu langweilig finden.

Den 3. Junius.

Quos deus vult perdere dementat: wen Gott verderben will, den verblendet er! Während Österreich anarchisch in kleine Stücke zerfällt, sagte mir gestern ein österreichischer Abgeordneter: die einzige Rettung Deutschlands sei ein Krieg mit Rußland, wozu Österreich 300,000 Mann stellen werde. Ihr könnt denken, was ich ihm antwortete. — Ebenso verblendet sind unsere Stammbrüder, die Dänen und Schweden, welche mit Rußland ein Schutz- und Trutzbündniß schließen, wie einst die Fürsten des Rheinbundes mit Napoleon. Doch zwang hier die Übermacht, während dort alle Staatsklugheit in Leidenschaft zu Grunde geht. — Heute wird ein neues Nothgeschrei der Schleswiger in der Versammlung erhoben, und ihr Gesuch wohl an den neuen völkerrechtlichen Ausschuß gewiesen werden, wo ich wahrscheinlich das wiederholen muß, was ich schon gestern Abend im Hirschgraben aussprach. Die dasige Gesellschaft hat keinen rechten Fortgang, theils weil man sie als äußerste Rechte bezeichnet, theils wohl, weil man daselbst nicht ißt, trinkt und raucht.

Neben diesen Ergötzlichkeiten geht die Rederei im Weidenbusche ununterbrochen her, wo unter Anderem A. R. vorgestern Abend gesagt hat (à la Marat), man müsse viele Tausend Köpfe abschlagen! Doch ist er darauf aufmerksam gemacht worden, daß der seinige zuerst mit an die Reihe kommen dürfte. — Ich habe mich schon in Berlin an sogenannter Beredtsamkeit dergestalt übernommen, daß ich hier hinter manchem Vielfraß zurückbleiben will und muß; — aber eben deshalb von Einigen wohl für einen untauglichen Abgeordneten gehalten werde. Auf meine Anregung wollen sich jedoch die Herren im Hirschgraben statt um ½9 um 7 Uhr versammeln, was meine Theilnahme hoffentlich erleichtert; — sofern nicht die stets lebendige Erinnerung an das Heupferd und den Heuwagen, störend dazwischentritt. Wiederum hat das Heupferd in seiner Theilnahme und seiner tröstenden Hoffnung auf nützliche Einwirkung, keineswegs so ganz Unrecht. Wo bliebe Begeisterung, Thätigkeit, Arbeitslust, Freundschaft, Liebe, wenn man immer die Goldwage zur Hand hätte, und sich immer zu leicht und unbedeutend fände!!

Als nicht politisches Zwischenspiel, erzähle ich, daß ich Goethe’s und Jacobi’s Briefe theils durchblättert, theils mit großer Theilnahme gelesen habe. Die süßliche Überschwänglichkeit des letzten, weicht oft sehr ab von der heutigen Briefkochkunst; wer weiß aber, welches Gewürz oder Nichtgewürz unserer Tage, den Nachkommen ebenfalls nicht recht schmecken wird! Da ich mit Goethe sage (S. 261): „Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Lebens, nicht an einer Denkweise genug haben“; so verständige ich mich nach meiner Natur mit beiden Männern, ohne deshalb in Jeglichem mit ihnen übereinzustimmen. So nicht mit Goethe, wenn er (S. 162) behauptet: „Geschichte sei das undankbarste und gefährlichste Fach.“ — Und nicht mit Jacobi, welcher (245) fordert: „man solle Platon, oder Spinoza allein anhangen, ihn allein für den Geist der Wahrheit halten.“ — Ich habe mich in beide vertieft, mit Begeisterung hineingedacht, durch beide erhoben und glücklich gefühlt. Die Welt ist reicher als das allein seligmachende Credo irgend einer philosophischen, oder theologischen Schule; und die Wahrheit ist nicht das Monopol einer einzelnen Geistesrichtung.

In der heutigen Sitzung kam ein Widerspruch mehrer Polen zur Sprache, welche nicht im Reichstag erscheinen wollten. Er ward zuvörderst an den völkerrechtlichen Ausschuß gewiesen. Für die Frage über die Bildung einer hiesigen Centralgewalt, beschloß man einen neuen Ausschuß zu wählen. — Als in der dritten Abtheilung, zu der ich gehöre, Einer zum Ausschuß über die Bildung der Centralgewalt gewählt werden sollte, meldeten sich mehre Bewerber. Man verlangte: sie möchten sich über ihre Ansicht der Sache erklären, bei welcher Gelegenheit ein Oberst von Mayeren aus Wien verständig und gemäßigt sprach. Drauf manch Gerede hin und her, zu dem ich um so mehr schwieg, da ich (schon einem beschwerlichen Ausschusse zugesellt) mich nicht thöricht der Gefahr aussetzen wollte, mit neuen Arbeiten übermäßig belästigt zu werden. Doch wäre ich beinahe in diese Gefahr unabsichtlich hineingestürzt. Als nämlich ein mir unbekannter Mann, jene Bildung der Centralgewalt allein der Versammlung in Frankfurt zuweisen wollte, ohne irgend eine Rücksprache mit den Regierungen; als er auf die, aller Freiheit noch immer höchst gefährlichen Umtriebe der Fürsten schalt, oder schimpfte u. dgl., so bat ich (die Geduld ging mir aus) ums Wort und sprach lebhaft: daß man nicht immer auf Zwist, auf unbedingtes Befehlen und Gehorchen hinarbeiten müsse, sondern auf Versöhnung und Verständigung zwischen dem hiesigen Reichstage und allen Regierungen; deren Bevollmächtigte möge man hören, ehe man übereilt beschließe und dann vielleicht lauten Widerspruch finde. Von den behaupteten ganz neuen und verdammlichen Umtrieben der Fürsten sei mir nichts bekannt, oder nichts erwiesen; oder wenn Einzelne noch etwa die Sachen rückwärts schieben wollten, sei dies in diesem Augenblicke kein Gegenstand ernster Furcht. So würde hoffentlich der Verstand und gesunde Sinn der Deutschen ebenfalls des ultraradikalen Geschreis Herr werden. Unsere Aufgabe sei nicht Händel zu suchen, sondern für die Einheit und Mannigfaltigkeit Deutschlands gleichmäßig zu sorgen u. s. w.

Meine Worte fanden vielen Anklang und verschafften mir viele Stimmen, doch ward Mayeren (mir willkommen) gewählt.

Ich habe ein eigenes Schicksal: meine erste Quasirede war gegen ein Mitglied der äußersten Rechten, gegen Hrn. v. Vincke gerichtet; die zweite gegen ein Mitglied der äußersten Linken, gegen — wie ich nachher erfuhr — Hrn. Schlöffel!!

Vergleiche ich die hiesigen Verhandlungen, Alles zu Allem gerechnet, mit den Berlinern, so mögen Sorgen und Hoffnungen gleich groß sein; doch hält Gagern als ein tüchtiger Präsident die Sachen besser zusammen, allmälig wird das Unwichtige kürzer behandelt und immer nachdrücklicher auf die Hauptsachen hingewiesen. Auch lernt man hier mehr interessante Personen kennen, und die Berathungen verbreiten sich über die mannigfachsten und wichtigsten Gegenstände. So reut es mich, trotz der Kehrseiten, der Einsamkeit und der Sehnsucht nach Hause, doch nicht, daß ich hieher gegangen und nicht in die berliner Versammlung eingetreten bin; — so fern Agatho- oder Kakodämon mich nicht ganz in den Ruhestand versetzt. Noch ist meine Wahlangelegenheit indeß nicht zur Sprache gekommen.

Den 4. Junius.

Meine freundliche Wirthin hatte mich gestern Abend zu einem Damenthee eingeladen, den ich gern besucht hätte; aber ich mußte pflichtmäßig in den völkerrechtlichen Ausschuß wandern, um über „Schleswig-Holstein meerumschlungen,“ ein Paar Stunden lang, zu rathschlagen und zu politisiren. Zuvörderst ergab sich, daß, leider, Ausschuß und Versammlung über die kriegerische und diplomatische Lage amtlich gar nicht gehörig unterrichtet waren, mithin (bei aufgeregten Leidenschaften) in der größten Gefahr schwebten, etwas Unpassendes, Übertriebenes und Verletzendes zu beschließen. Es fehlt unglücklicherweise an einem Organ, einer Behörde, durch welche sich die Regierungen mit der Versammlung verständigen; denn der hinsterbende, unbeliebte Bundestag reicht dazu nicht hin, und die einzelnen Gesandten lassen ebenfalls nichts von sich hören. Mein Vorschlag: zu fragen und über die Lage der Dinge Belehrung und Auskunft einzuholen, erregte das Bedenken: es werde eine ablehnende Antwort Mißvergnügen erregen, und eine inhaltsvolle wahrscheinlich die, ihrer Allmacht frohe, Versammlung noch tiefer und gefährlicher in die Sache hineinlocken und verwickeln.

Zwei Sachen wurden vorgetragen: erstens, ein (gemäßigtes) Gesuch der holstein-schleswigschen Abgeordneten ihre Sache nicht aufzugeben, sondern für das zu wirken, was Recht und Ehre verlange. Zweitens, ein jammervoller Hülferuf der Hadersleber, sie, nach Wrangel’s Rückzug, gegen die schreckliche Rach- und Straflust der Dänen zu schützen. Gar viele Punkte kamen nunmehr zur Berathung, z. B. Holstein gehöre gewiß zu Deutschland, und wenn dies in Hinsicht auf Schleswig auch zweifelhaft sei, so gehöre es doch unbedenklich seit Jahrhunderten zu Holstein und könne davon nicht getrennt werden. Die Zerfällung in zwei Theile (Dänen und Deutsche) nach der Volksthümlichkeit, sei unrecht, unerwünscht; das Ganze müsse beisammen bleiben. Wiederum habe England die Frage über das Schicksal des nördlichen Theils von Schleswig, als einen Gegenstand der Unterhandlungen hingestellt, und es würde um so verkehrter sein, sich wider Palmerston’s Vorschläge zu erklären, da Schweden und Rußland nur durch die Rücksicht auf Großbritannien von Gewaltschritten abgehalten würden. Deutschland sei unvorbereitet, aufgelöset, uneinig, ohnmächtig, und könne einen Krieg gegen Rußland um Schleswigs willen um so weniger übernehmen, da die Frage nicht der Art sei, das ganze deutsche Volk in Begeisterung zu versetzen. Insbesondere schwebe Preußen in Bezug auf Rußland in der höchsten Gefahr und dürfe (ohnehin abgeschwächt) sich für Schleswig nicht opfern. Es müsse für sich und zur Erhaltung seines Daseins handeln; es werde keinen Beschluß der frankfurter Versammlung achten, sobald es dadurch in eine Todesgefahr komme, gegen welche papierne Bundesverfügungen um so weniger schützten, da sie schon bei dem dänischen Kriege hinsichtlich der zehnten Heeresabtheilung wenig Gehorsam gefunden hätten. Ebensowenig könne es jemals Posen in die Hände der Polen geben und dadurch den Russen den Weg in das Herz der Monarchie öffnen. Der Gewinn Schleswigs sei ganz unbedeutend, wenn gegenüber die Gefahr eines großen europäischen Krieges und die Möglichkeit hervortrete, Ost- und Westpreußen, ja alles Land bis zur Oder in den Händen der Russen zu sehen. An Rußland sei nur zu verlieren, nichts zu gewinnen, Frankreich aber, trotz scheinbarer augenblicklicher Mäßigung, doch ein gefährlicher, den Rheinlanden nachtrachtender Bundesgenosse. Die Erhaltung und Herstellung des Friedens sei höchster Zweck, und die Frage nach dem schleswiger Rechte, verschwinde vor der höhern Politik und den unläugbaren Forderungen der Staatsklugheit. Dies als Andeutung des Inhalts der Berathungen. Das einstimmige Ergebniß war: der Versammlung zwei Erklärungen über Schleswig und über Hadersleben vorzulegen, welche trösten, die Ehre wahren, und doch so gemäßigt abgefaßt sind, daß sie die Mächte und die Vermittler nicht verletzen, nicht vorlaut und übereilt in die Sachen selbst eingreifen. Hoffentlich nimmt die Versammlung unsere Vorschläge an, ohne leidenschaftliche Erörterungen. Die ganze Berathung im Ausschusse war gemäßigt, verständig, anziehend, erfreulich, und mehrt meine Hoffnungen von seiner nützlichen Wirksamkeit für die Zukunft. — Nächstens kommt die Frage über die Bildung einer hiesigen Centralgewalt zur Sprache, wo die Regierungen (unbegreiflicher- und thörichterweise) wiederum versäumt haben, auf eine verständige und freundliche Weise die Initiative zu ergreifen, wodurch die Herrschlust der Versammlung sich nothwendig und natürlich verdoppelt.


Sechster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. Junius 1848.

So lange ich hier in Thätigkeit bin, hege ich keinen Zweifel darüber, daß ich hiezu noch tauglich und befähigt sei. Sobald ich aber zum Nichtsthun zurückkehre, scheint es mir verkehrt, nicht etwa selbst anmaßend eine Rolle spielen zu wollen, sondern Rollen auf mir und rings um mich spielen zu lassen. Doch muß ich mich mit dem sustine abfinden lassen, bis etwa Hr. Agathon sein abstine durchsetzt.

In der heutigen Sitzung ward (bei den dringenden Gefahren Deutschlands) beschlossen, einen Ausschuß für die Kriegs- und Wehrverfassung zu bilden, in welchen unter Anderen Teichert und Stavenhagen erwählt sind. Hierauf lange Verhandlungen über Böhmen und Mähren, wobei ein Abgeordneter Jeiteles aus Olmütz sagte: er wünsche, daß das Jahr so fruchtbar sei an Getreide und Kartoffeln — wie an Reden. Allerdings werden mit diesen, und mit Erklärungen und Proklamationen der Versammlung, die großen Gegensätze und Zwistigkeiten der Tschechen und Deutschen nicht ausgeglichen werden. Hofft man indessen davon Trost und Hülfe, so mag man sie (vorsichtig gefaßt) immerhin ergehen lassen. Weit heftigerer und ungebührlicher Streit und Lärm erhob sich über die Frage: ob die erwählten Abgeordneten für den deutschen Theil Polens sollten zugelassen werden. Die Linke, welche gern Händel für die Deutschen in Schleswig suchte, will (die Polen unverantwortlich und inconsequent mehr begünstigend) jene Abgeordneten ausschließen. Endlich wurden sie vorläufig zugelassen, die staats- oder völkerrechtliche Frage aber an den Ausschuß verwiesen, wo ich darüber mitsprechen und entscheiden muß. Gewiß ist bei dieser Thätigkeit und Mühe mehr Zusammenhang und Erfolg, als bei der Rederei in den verschiedenen Quasiklubs. Doch mag dies als Ableiter dienen, sonst würden sich noch Mehre in der Hauptversammlung vordrängen. Man sollte, da die Redelustigen jede ihrer Reden doch wohl auf 5 Thlr. Werth schätzen, diese Summe (etwa für die deutsche Flotte) abfordern, um diese flott zu machen oder den Andrang zu vermindern. — Merkwürdig, daß bei jener Polenfrage die Ansicht der Funfziger von der Linken als maßgebend hervorgehoben wurde, während kein Redner der Aufnahme Posens in den deutschen Bund durch die Bundesversammlung erwähnte.

Es war im Hirschgraben wieder, in meiner Abwesenheit, davon die Rede gewesen, daß ich ein Programm für die Gesellschaft entwerfe. Bei meiner Abneigung gegen bindende Glaubensbekenntnisse und gegen den Schein, als wolle ich mich der äußersten Rechten unbedingt anschließen, lehnte ich den Antrag ab. Ebenso den Vorschlag Lichnowsky’s: drei Männer (darunter ich) sollten zwei verschiedene Gesellschaften sogleich besuchen und bis morgen entscheiden, ob und welcher man beitreten, oder ob man fernerhin im Hirschgraben weiter beisammen bleiben wolle. Eine solche Diktatur dreier Männer, ohne Rückfrage und nähere, nochmalige Berathung, würde sich gewiß keiner langen und allgemeinen Beistimmung erfreut haben. Lichnowsky’s Weissagung: die Gesellschaft im Hirschgarten werde sich auflösen, hat indeß guten Grund. Denn die Leute wollen lieber Alles durcheinander durchplaudern, und die politische Weisheit gleichzeitig mit Wein, Bier, Punsch, Beafsteaks, Cotelettes, Kartoffeln und Cigarren hinunterschlucken. Mir ist (nachdem ich des Tages Last getragen) solch Pandämonium für Leib und Seele unbequem, wo Kellnergeschrei und Teller- und Gläsergeklapper, die Janitscharenmusik zu der eingebildeten demosthenischen Weisheit bildet.

Die Gesellschaft im Hirschgraben (um nochmals darauf zurückzukommen) gilt, obwohl mit Unrecht, für die äußerste Rechte, zu welcher sich die Meisten so wenig bekennen wollen, als zur äußersten Linken. Deshalb wird sie sterben, und jeder Gemäßigte sich anderwärts anschließen, wenn er überhaupt das Bedürfniß fühlt sich einzupferchen. Lichnowsky ist nicht ohne Geist und Rednertalent, aber viel zu ungeduldig und leidenschaftlich. Wäre Arnim kein Graf, so würde man seine Vorzüge mehr anerkennen. W. ist bereits verbraucht, weil er sich vordrängte; v. S. hatte kein Talent zu präsidiren und die Leute in Thätigkeit zu versetzen. — Allerdings wird die einigere, jedes Mittel anwendende äußerste Linke, sich länger halten, als die äußerste Rechte; wenn aber kein Krieg und kein einschüchternder Krawal eintritt, bleibt sie gewiß in der Minderzahl. Gestern machte — den Vorschlag, den Herzog von Limburg (d. h. den König der Niederlande) sofort über sein Benehmen gegen dies Land, gleichsam studentenmäßig zu coramiren und zu so vielen Händeln, noch eine Maulhelden-querelle d’Allemand anzufangen. Bei der Abstimmung erhob sich jedoch (die Versammlung ist bereits gewitzigt) außer — nur Einer für den Aberwitz.

Den 6. Junius.

Gestern Nachmittag erhielt ich zu großer Freude Euern den dritten Nachmittags zur Post gegebenen Brief. Wäre nur der Zustand Berlins erfreulicher. So lange man jeden Unruhstifter gewähren läßt, anstatt ihnen muthig entgegenzutreten und sie zu bestrafen, oder kurzweg auszuprügeln, werden die Verhältnisse nicht besser werden. Hoffentlich wächst den Stadtverordneten der Muth, und die akademischen Behörden schicken Die unerbittlich fort, welche die Gesetze übertreten.

Ich bin in einem Lebensalter, wo man eben nichts mehr zu hoffen und zu fürchten hat, und werde also über alles Das, was von Außen mir widerfährt, Haltung und Gemüthsruhe nicht verlieren; aber ebensowenig mich feige auf die Flucht legen. Ich werde mich nicht vordrängen und überschätzen, aber ebensowenig schweigen, oder Halbheiten auskramen, oder mich verblüffen lassen, wo es darauf ankommt rücksichtslos die Wahrheit zu sagen. Das ist, mit Verschmähung aller Heuchelei und Künstelei und Superklugheit, mein unbedingter Grundsatz gewesen, das ganze Leben hindurch. Und ich bin, vermöge desselben, auch besser hindurchgekommen, obenauf geblieben und selbst von Gegnern mehr geehrt worden, als wenn ich mich auf eine Art Diplomatik gelegt hätte, die meiner Natur zuwider ist.

Von Balan lieh ich mir ein Buch vom Grafen de la Garde über die Frivolitäten des wiener Congresses, geschrieben mit dem Glanze oberflächlicher Hofschranzerei und plattirter Nichtigkeit. Es thut eine furchtbare Wirkung, wenn man gleichzeitig an die jetzigen Zustände Wiens denkt.


Siebenter Brief.

Frankfurt a. M., den 7. Junius 1848.

Der Antrag, welchen ich meinem letzten Briefe beilegte, über die Errichtung einer engern Regierungsgewalt, ist von großer Wichtigkeit und bedeutenden Folgen. Deshalb sagen Einige: man hätte ihn gar nicht machen sollen, da die bisherigen Mittel und Formen zu den angestrebten Zwecken hinreichten, die Entwerfung und Annahme einer neuen deutschen Verfassung abzuwarten ist, und die Gewalt der (ohnehin zu anmaßenden) Reichsversammlung dadurch übermäßig erhöht wird. Denn die drei Direktoren verwandeln sich gewiß bald in gehorsame Diener der Versammlung; was in letzter Stelle zum Widerspruch der einzelnen Staaten und zum Verfehlen der bezweckten Einigkeit führt. — Diese Ansichten und Gründe entbehren keineswegs aller Wahrheit; es ist aber bei der jetzigen Stimmung der Versammlung ganz unmöglich, dieselben durchzusetzen, und die Ernennung einer Regierungsbehörde ganz zu vermeiden. Man muß diese, als einen auf wenige Personen zusammengedrängten Bundestag betrachten, und die Wahl auf Männer allgemeinen Vertrauens richten, oder (da dies so häufig wechselt) auf Männer solcher Geistes- und Willensstärke, daß sie sich Ansehen erzwingen. Die Besorgniß, daß sich die zwei andern Direktoren, stets wider den preußischen vereinigen würden, ist bei der jetzigen Lage Österreichs wohl nicht zu befürchten. Eher dürfte Preußen oft in der Minderzahl bleiben, wenn man die Zahl der Direktoren auf fünf erhöhte. — Hoffentlich hält sich die Versammlung in den ihr (obwohl etwas zweideutig) gesetzten Schranken, und lähmt nicht die Wirksamkeit und nothwendige Unabhängigkeit durch stetes Einreden und die sonst so lebhaft getadelte Vielregiererei. Mehr hievon, wenn die Sache in der Versammlung zur Berathung kommt.

Für die schwierige und mit Worten nicht zu lösende Frage: „über die Verhältnisse der Slaven zu den Deutschen in den österreichischen Staaten“, ward heute ein besonderer Ausschuß ernannt, und dabei geltend gemacht, daß die bedrängte österreichische Regierung einer deutschen Unterstützung bedürftig sei und sie verdiene. N. wollte hierauf entwickeln, was sich, besonders hinsichtlich Italiens, gegen die österreichische Regierung sagen lasse, und sprach dabei von ihrer Thorheit. Dieser Ausdruck ward von Etlichen, selbst vom Präsidenten gerügt. Anstatt ihn sogleich zurückzunehmen oder höflich zu berichtigen, suchte er seine Angemessenheit zu erweisen; was jedoch zu lebhafterem Widerspruche, besonders seitens mehrer Österreicher führte und seine Sache immer mehr verdarb. — So hat er durch ein der Wahrheit nachtrachtendes, aber zu schroffes, unvermittelndes Verfahren, sich Das zugezogen, was ich ihm vor drei Tagen buchstäblich weissagte.

Bei einem andern Zwischenspiel offenbarte sich wieder einmal die, anderes Böse bezweckende, Abneigung gegen Preußen. Robert Blum (und ähnlich gesinnt zeigen sich mehre sächsische Abgeordnete) behauptet von einem (nicht genannten) Minister gehört zu haben: daß Preußen mehren deutschen Staaten den Rath gegeben, durch landschaftliche Versammlungen, die Wirksamkeit der frankfurter zu vernichten oder sie gewissermaßen zu sprengen. — Wäre ein ähnlicher Rath gegeben, so könnte es nur den Sinn haben, die allgemeinen deutschen Rechte und die der einzelnen Staaten in ein richtiges Verhältniß zu bringen. Nun übergiebt aber ein preußischer Abgeordneter ein amtliches Schreiben unseres (verantwortlichen) Ministers der auswärtigen Angelegenheiten des Hrn. v. Arnim, worin dieser feierlich läugnet, daß jemals Schreiben in jener Beziehung erlassen worden. — Ueberdies behauptet R. Blum: sein ungenannter Minister (oder, wie jetzt die Sachen stehen, seine Klatscherei) verdiene ebenso viel Glauben. Man hat ihn aber hiemit nicht durchgelassen, sondern darauf gedrungen, daß er Beweise beibringe, damit man sehe, wo das Unrecht stecke, bei Arnim, dem Unbekannten, oder R. Blum.

Den 8. Junius.

Gestern war ein wunderschöner Abend; ich ging um einen Theil der mit Gärten und schönen Anlagen umgebenen Stadt. Blühende Rosen und Sträucher, Bäume noch im frischesten Grün, und eine Himmelspracht und Glut, die nicht glänzender sein konnte. Solche erheiternde und beruhigende Augenblicke thun hier wahrlich noth.

Viele preußische Abgeordnete sagen: Preußen ist überall (besonders in Sachsen und Süddeutschland) so unbeliebt, so verläumdet, so verhaßt, daß man schlechterdings schweigen muß, um das Uebel nicht noch zu erhöhen. Jedes bestimmtere Auftreten, jedes zur Vertheidigung gesprochene Wort hat gefährliche Wirkungen und kann Alles verderben. — Ich habe zeither dieser Schlußfolge widersprochen, mich aber dennoch ihr murrend gefügt. Das muß aber ein Ende nehmen. Täglich wird Preußen angegriffen und verdächtigt, täglich muß man sich von Maulhelden behandeln sehen, als wäre man angesteckt, verpestet, von Gewissensbissen geplagt, und wohl gar noch dankbar für die verdiente, gnädige Strafe. Seit 14 Tagen sitze ich überbescheiden da, wie ein stummer Hund, der nicht bellen kann. Meine Geduld ist zu Ende, und ich werde Gelegenheit suchen und finden, meinen Mund aufzuthun. Die Champagnerflasche ist nicht flattirt, sonder injuriirt und der Pfropfen muß heraus. Für das Ganze kann daraus nichts Böses folgen; mein Gewissen spricht mich frei, und Zischen und Trommeln soll mich nicht abhalten, nach Dr. Luther’s Spruch zu verfahren.

In der heutigen Sitzung wurden Berichte der Ausschüsse vorgetragen über Schleswig-Holstein, Luxemburg und die zu gründende deutsche Flotte. Hierauf Verhandlungen, ob die Reichsversammlung in Frankfurt sicher sei, zu ihrer Sicherung Vorkehrungen zu treffen, Commissionen zu ernennen, oder mit dem hiesigen Magistrate Verhandlungen zu eröffnen. Alle Vorschläge wurden zuletzt abgelehnt, weil die Gefahr nicht erwiesen, Furcht nicht zu zeigen und Verhandlungen mit dem (wohlgesinnten) Magistrate überflüssig, oder der Versammlung nicht würdig seien. Beiläufig kam zur Sprache daß man, nöthigen Falls, die Versammlung nach Erfurt, Nürnberg, Regensburg, Wien verlegen solle.

Nochmals Vorträge über R. Blum’s Anklagen. Er wiederholt, daß das Vorgebrachte, ihm und zwei namhaft gemachten Zeugen von einem Minister gesagt worden. Nachdem Auerswald und Lichnowsky gegen, Schaffrath für ihn gesprochen, nahm die widerwärtige Erörterung (über welche noch Unzählige sprechen wollten) ein unentscheidendes Ende.


Achter Brief.

Frankfurt a. M., den 9. Junius 1848.

Ihr glaubt nicht, welche Anzahl von Anträgen und Gesuchen bei der Versammlung eingehen! Alles, vom Größten und Wichtigsten, bis zum Kleinsten und Unbedeutendsten, wird zur Sprache gebracht; die Abgeordneten hätten damit bis zum jüngsten Tage zu thun und würden dennoch nicht fertig! Indessen dient dies andererseits dazu, auf unsere Hauptaufgabe hinzuweisen, und die Thätigkeit des Verfassungsausschusses zu erhöhen. Die (deutsche) Breite, welche man mit Recht unseren alten Behörden zum Vorwurf machte, thut sich jedoch auch hier schon kund, und hindert regelmäßige schnelle Fortschritte. Wenige haben das Talent gut den Vorsitz zu führen; oder wer dasselbe geltend machen will, verletzt die breitspurigen Redner, oder Kohlmacher. Für die Klubs und die Rederei spät Abends, wird von Manchen noch fleißig geworben; während Andere allmälig den Geschmack und den Glauben daran verlieren. Man bedenke, Sitzung 5–6 Stunden, Ausschuß 2–3 Stunden, Lesen der Drucksachen eine Stunde; und nun soll nach 9–10 Stunden ernster Anstrengung und Berathung, ein abgeklatschtes Da Capo angeblich nützen, belehren, erfreuen. Credat Judaeus Apella. Mir genügt Abends das Gespräch mit wenigen Personen, und dann um 10 Uhr zu Bett. Deshalb entschuldigte ich mich gegen B., bei Herrn B. einer Gesellschaft von Herren und Damen beizuwohnen, welche um die Zeit beginnt wo ich mich zu Hause nicht festlich ankleide, sondern bequem auskleide, und welche um die Zeit am lebhaftesten ist, wo ich am festesten schlafe. — Ecce signum, den alten Mann! Und wenn er auch das Alles noch mitmachen könnte, so will er es aus Gründen nicht, die ihm vollkommen genügend erscheinen.

Gestern Abend ward ich im Schwane nochmals dringend aufgefordert, Preußen wie ein noli me tangere zu betrachten und zu behandeln. Nun, ich will den wohlgemeinten, wiederholten Rath nicht unberücksichtigt lassen, Niemand angreifen, Niemand verletzen, von den zu Gebote stehenden Kriegsmitteln wenig Gebrauch machen; obgleich dies heißt: mit halbem Winde segeln und mit Hemmschuhen fahren.

Das Liebäugeln der Franzosen mit Deutschland erinnert an das Timeo Danaos dona ferentes, und die republikanisch-polnische Partei würde Deutschland opfern, angeblich um Polen herzustellen. Diese Freundschaftsversicherungen aus Norden und Süden, erinnern 1848, an das Jahr 1648 wo Deutschland so heruntergekommen war, daß es sich seiner eigenen Zerstückelung fast freute. Nur noch ein Jahr europäischer Friede, dann wird (ich hoffe es) der gesunde Menschenverstand der Deutschen obenauf bleiben. Krieg zerstört alle unsere hiesigen, ja alle guten Bestrebungen, und führt nicht (wie Einige und die Eifrigsten leider wähnen) zu republikanischer Freiheit, sondern durch Anarchie hindurch zur Despotie, oder — zur entsetzlichen Theilung Deutschlands! — Unter so vielen, fieberhaft aufregenden Sorgen, habe ich die erste, große Freude darüber gehabt, daß der berliner Reichstag, Camphausen’s Rede über den Prinzen von Preußen so theilnehmend und beifällig aufgenommen. Auch die edle Prinzessin erblickt endlich an ihrem einsamen Strande, die tröstende Morgenröthe. — — — — Könnte man sich wundern daß hochgestellte Personen, wenn sie derlei Erscheinungen erleben, zu Menschenhaß aufgeregt, oder doch gegen Lob und Tadel gleichgültig würden?

Wie ich, in den Augen gewisser Leute, binnen Jahresfrist aus einem ultra-liberalen Rebellen, ein knechtischer Royalist geworden bin; so wird man mir vorwerfen aus einem Polenfreunde (siehe meine Schrift über den Untergang Polens und meine geschichtlichen Beiträge) ein Polenfeind geworden zu sein.

Ich höre mit Schrecken, daß Jemand einen Plan entworfen, wie die Paulskirche im Winter am besten zu heizen sei; doch hoffe ich es soll nur ein Schreckschuß sein, um auf die Nothwendigkeit raschen Fortschritts hinzuweisen. Mehre Abgeordnete lassen ihre Frauen nachkommen; gut für jene, während die Frauen viel allein sein werden.

Den 10. Junius.

Gestern war eine sehr wichtige und anziehende Sitzung, welche nur durch die eigensinnige Forderung der Linken, über eine Frage durch namentlichen Aufruf abzustimmen, einen höchst langen und langweiligen Anhang bekam. Sie dauerte von 9–4 Uhr, und betraf die schleswig-holsteinische Angelegenheit. J. und B. sprachen in revolutionair-heftiger Weise, z. B. es komme auf geschichtliche und bestehende Rechte gar nicht an; man habe sich (d. h. die 50 und das Vorparlament) Rechte genommen: was denn freilich die Rechtsfrage zur Seite wirft, und sich ganz auf den Boden der Macht und Gewalt hinstellt; welche praktisch geltend zu machen, es uns aber eben an genügenden Mitteln fehlt. G. hatte freilich ein Universalmittel in der Tasche, oder sprach es vielmehr mit erstaunlichem Glauben an seine Wirksamkeit laut aus: „die Versammlung möge beschließen, es solle sich niemals eine fremde Macht in die deutschen Angelegenheiten mischen!!!“ — Die Versammlung war aber doch zu praktisch, auf einen solchen unpraktischen und nutzlosen Antrag einzugehen. Ebensowenig wirkte seine angebliche Entdeckung, daß auch die Jütländer zum deutschen Stamme gehörten. — Dahlmann sprach gemäßigt; Waitz sehr verständig, besonders gegen jene Revolutionaire; Heckscher aus Hamburg scharfsinnig und muthig; mehre Schleswiger rhetorisirend um dadurch die, gewöhnlich bei schwachen Constitutionen durchschlagende, Wirkung hervorzubringen.

Endlich habe auch ich meine Jungfernrede (maiden speech) halten müssen! Da ich sie, nach meiner Weise vorher weder auswendig gelernt, noch niedergeschrieben hatte, so bleibt der anliegende stenographische Bericht (trotz seiner Mängel) die beste Quelle. Weil die Zeit beschränkt war, und so viele Redner herzudrängten, so habe ich kaum die Hälfte von Dem gesagt, was ich eigentlich sagen wollte, und dem „höre bald auf,“ Folge geleistet. Ich will, trotz der Bravos am Schlusse, nicht sagen daß meine Rede allgemeinen Beifall gefunden; die mitgetheilten Thatsachen erweckten aber allgemeines Interesse, und selbst Anführer der Linken bezeugten, ich hätte gesprochen mit Anstand und ohne zu verletzen. Vielleicht mißbilligen eher einige Mitglieder der äußersten Rechten, daß ich rücksichtslos Wahrheiten ausgesprochen, die sie lieber verheimlichten. Mir behagt aber weder der tölpelhafte Enthusiasmus der äußersten Linken, noch die rückhaltende Diplomatik mancher ihrer Gegner. Ich gehe, ungestört durch Beifall oder Mißfallen, den Gang, welchen ich für den rechten halte. Ich hoffe Ihr seid bereit mitzugehen.


Neunter Brief.

Frankfurt a. M., den 11. Junius 1848.

Ich muß noch einmal klagend auf die namentliche Abstimmung am neunten zurückkommen. Die Frage war: sollen die Friedensschlüsse zwischen Deutschland und Dänemark dem verfassenden Reichstage zur Bestätigung vorgelegt werden? Die eine Partei sagte Ja! weil dadurch die deutsche Ehre besser gewahrt und die Macht der Versammlung erhöht wird. — Die zweite Partei entgegnete: Nein! weil jenes Geschäft gar nicht zum Wirkungskreise der Versammlung gehört, und sie dadurch denselben ungebührlich, eigenmächtig und gefährlich erweitern würde. Wenn unsere Gegner ferner sagen, daß die Sache selbst hiedurch gewinnen werde, so wollen wir nicht den Satz umkehren und sagen, daß ihr dadurch geschadet werde; wohl aber müssen wir darauf aufmerksam machen, daß die diplomatischen Verhandlungen hiedurch weitläufiger und erschwert werden; ja zu besorgen ist, daß das englische Ministerium (insbesondere der entschlossene Vermittler Lord Palmerston) nicht geneigt sein dürfte, sich in Frankfurt anmaßlich beurtheilen zu lassen und gleichsam auf den Moquirstuhl zu setzen. Ohnehin werden die befreundeten Mächte, vor allen Preußen, von selbst Das durchzusetzen suchen, was der Reichstag wünscht und bezweckt. — So in aller Kürze die Gründe und Gegengründe.

Sehr gescheit verlangte die Linke den namentlichen Aufruf; denn sie harrte muthig aus, während Viele der sogenannten Wohlgesinnten das Mittagsessen vorzogen und davongingen! Ferner (eine höchst jammervolle Erscheinung) stimmten beim Aufstehen nur etwa 70 höchstens 100 für Ja! während sich diese Zahl (und hierauf hatte die Linke gerechnet) beim namentlichen Aufrufe bis zu 200 erhöhte!! So die Wirkung erbärmlicher Furcht, und des Wunsches sich bei den unwissenden und aufgeregten Massen beliebt zu machen!

So schwierig auch die Lage Preußens erscheint, ist doch die Österreichs viel verwickelter und schwieriger. Allerdings macht uns schon der kleine polnische Bestandtheil viel Noth; wie soll aber Österreich seine Völkermusterkarte in einem Augenblicke beisammen erhalten, wo man bis zur Übertreibung auf Sonderung der Völkerstämme dringt. Die wiener Anarchie wird ein Ende nehmen, denn das Deutsche findet sich wieder zum Deutschen und verständigt sich. Wie aber den Haß der slavischen Stämme gegen Deutsche und Ungarn aussöhnen? Wie Böhmen und Mähren bei gemischter Bevölkerung behandeln und sondern? Ist es räthlich und möglich ein großes Slavenreich zu bilden und dem russischen entgegenzustellen? Oder wird dies Alles verschlingen? Reichen besondere Verfassungen und eigenthümliche Einrichtungen aus, um die Aufgeregten zu beruhigen, welche eine allgemeine Verfassung für unmöglich und unklug halten? Könnten drei österreichische Prinzen, Könige der Ungarn, Slaven und Deutschen, und doch eine Art von Mittelpunkt für Alle gefunden werden! — So drängen sich unzählige Fragen, deren Beantwortung aus der Ferne und auch wohl in der Nähe unendlich schwer ist, und deren Lösung Niemand vorhersehen kann. Gewiß wird die alte Mischung nicht fortdauern, oder nicht herzustellen sein.

Muthigere Österreicher erklären sich günstiger über Hergang, Zusammenhang und Zukunft. Österreich, sagen sie, war ein Conglomerat von Staaten, hauptsächlich zusammengehalten durch ein Netz von Beamten und Soldaten. Nur diese nannten sich Österreicher; alle andern Personen nannten und fühlten sich dagegen nach ihrem Geburtslande, als Böhmen, Mähren u. s. w. Dies Gefühl, diese Richtung ward verstärkt, weil die österreichische Regierung (abweichend von Preußen) auch die geistige Bildung und Entwickelung hemmte und verknechtete. Nur innerhalb der Nationalitäten verstattete man eine etwas größere Freiheit, schon weil weniger Personen böhmisch, ungarisch u. s. w. lasen, als deutsch. Gutentheils daher der Eifer für jene volksthümliche Literaturen, und eine steigende Begeisterung für nationales Abschließen. Man darf sich nicht wundern, daß nach so lang getragenen, endlich gebrochenen Fesseln, das richtige Maß überschritten wird, und man über Weg und Ziel nicht im Klaren ist. Allmälig bessern sich diese Verhältnisse, den einzelnen Völkerstämmen wird und muß man einen großen Theil der Selbstregierung überlassen; dann kehren alle ihre Blicke wieder auf den alten Mittelpunkt, und Österreich wird (gereinigt von alten und neuen Hemmnissen und Irrthümern) sich mächtiger erheben, denn zuvor. Daß sich alle Slaven an Rußland anschließen würden, ist nicht zu befürchten, und die große Überzahl der Bewohner Galiziens ist mehr österreichisch, als polnisch gesinnt. Ein österreichischer Offizier fragte einen Haufen bewaffneter galizischer Landleute: was habt ihr vor? — Wir wollen die Polen todt schlagen. — Ihr seid ja selbst Polen. — Nein, die Edelleute sind Polen; wir sind österreichische Bauern. So die galizischen Vorübungen zur Herstellung der sogenannten polnischen Republik.

Den 12. Junius.

Nachdem ich bei einem langen Jammer- und Jeremiadenduett mit — willig die zweite Stimme gesungen, bin ich ihm wegen seiner bloßen Verneinungen zu Leibe gegangen. Niemand läugne die Krankheit; es handele sich aber für den angestellten Arzt nicht blos davon, gleichgültig oder verzweifelnd zu sagen: du mußt sterben! sondern Heilmittel aufzusuchen und anzuwenden. Der jüngste Tag sei doch noch nicht vor der Thür, und die Kinder und Kindeskinder würden dereinst mit großem Rechte die Väter und Großväter tadeln können, wenn diese nichts zum Vorschein gebracht, als ein endloses, fruchtloses, langweiliges OJe und OWeh! Hat man nicht 1813 sich auch aus einer dunkeln Nacht wieder zum Tage emporgearbeitet? Und kann man die Übel nicht vertilgen, so kann man sie doch mindern, oder mit der Beruhigung untergehen, seine Pflicht nach Kräften erfüllt zu haben.

Daß die Polen einen Krieg mit Rußland wünschen, ist natürlich genug; wie ihn aber ungerüstete Deutsche jetzt betreiben können, ist völlig unbegreiflich. Auch wissen sie dafür nicht den geringsten vernünftigen Grund anzugeben. Denn daß dereinst (bei wichtigeren Veranlassungen und in günstigerem Augenblicke) möglicherweise ein Krieg eintreten könne, ist kein vernünftiger Grund für einen jetzt unvernünftigen Beschluß. Erst bin ich Deutscher und Preuße, — und nicht polnischer Edelmann.


Zehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 12. Junius 1848,
Nachmittags 5 Uhr.

Die Krawalls, welche alle Länder durchziehen und auch uns wie Gewitterwolken umringen, haben gestern Abend in Offenbach eingeschlagen. Hessische Soldaten verlangen Urlaub, und gehen (als er ihnen abgeschlagen wird) eigenmächtig davon. Nach ihrer Rückkehr werden sie, ganz von Rechts wegen, eingesperrt. Nicht blos ihre Kameraden, sondern auch andere Leute suchen sie mit Gewalt zu befreien. Man ist gezwungen nachzugeben; doch war die Zügellosigkeit oder die Übereilung der Art, daß geschossen ward und Etliche leichtere oder schwerere Wunden davontrugen. Gestorben ist noch Keiner; das Ereigniß wird man aber ohne Zweifel ausbeuten zur Erhöhung der Leidenschaften und als Vorübung zu größeren gesetzwidrigen Unternehmungen. Hat man doch Hecker zum Abgeordneten gewählt und es stehen uns hier Scenen bevor, denen ähnlich, welche in Berlin über die Barricadenhelden eintraten.

Die, man möchte sagen unmoralisch angetrunkene, Dummheit billigt leider jetzt Alles unbesehens, was gewisse Leute in einer bekannten Richtung vorbringen. Hr. B. erzählte: solchen Volksschwadronören werde stets ein lautes Bravo zugerufen, und wenn man frage: was hat er gesagt? erhalte man zur Antwort: wir haben nichts gehört.

Bei jener Auflösung aller kriegerischen Zucht, bei der Vernachlässigung aller deutschen Kriegsvorbereitungen (welche General Peuker nächstens öffentlich darlegen wird), schreien die Maulhelden nach Krieg. Gestern sagte mir Hr. v. —: Wir müssen einen Krieg mit Rußland haben. — Warum? — Wir müssen einen Krieg mit Rußland haben. — Geben Sie mir gefälligst Ihre Gründe an. — Wir müssen einen Krieg mit Rußland haben. — Weiter war aus dem Manne kein Wort herauszubringen. — Krieg führen und Fasanen verspeisen, scheint ihnen gleich leicht und erfreulich zu sein. Solche horntolle Leute mag es beim Anfange des 30jährigen Krieges auch gegeben haben. Und doch waren damals mehr Gründe zu Gegensätzen und Gewalt vorhanden. Absit omen!!

Den 13. Junius.

Die Hitze erlaubte gestern nicht, Landvergnügungen in der Ferne aufzusuchen; deshalb ging ich mit L. in das, selbst am zweiten Pfingsttage nicht gefüllte, kühle Theater. Da es keine Zuschüsse erhält und jetzt wenig besucht ist, wird es Bankerott machen oder zu Herabsetzungen der Gehalte schreiten müssen. Wir sahen zuvörderst Wallensteins Lager gut in Scene gesetzt und ganz gut gespielt, so der Wachtmeister Hr. Reger, die Marketenderin Dem. Lindner, der Kapuziner Hr. Hassel. Eine ausgezeichnet schöne Stimme und natürliche Sprechweise hatte der wallonische Kürassier Hr. Breuer. Ich wundere mich jedesmal wieder, daß Schiller dies, von allen seinen anderen so abweichende, gelungene Werk zu Stande gebracht hat, im Wallenstein selbst aber keine Spur dieser einwirkenden Lebensverhältnisse hervortritt. Für unsere Zeit sollte dies Lager Lehre geben; denn wenn man noch länger die Freiheit auf dem Wege des Aufstandes sucht, und die Heereszucht befeindet oder untergräbt, wird die Tyrannei der Kriegsfürsten und Soldaten, sowie die Sklaverei der Bürger und Bauern nicht ausbleiben. — Dem Lager folgte die Schulstube, nach dem Französischen, mit vielen Anspielungen auf die jetzige Zeit, oft gut und treffend. Das Ganze sehr ergötzlich und zum Lachen.

Heute Vormittag besuchte ich zunächst den polnischen Grafen P., der mich verfehlt hatte. Er gehört zu den thätigsten Beförderern der Herstellung Polens, und ich habe mein Möglichstes gethan, ihn, in dreistündigem lebhaften Gespräche, von unausführbaren Phantasien zurückzubringen und auf den Standpunkt des praktischen Staatsmannes zu stellen. Er blieb lange dabei: die polnische Nation verlange, daß das ganze Herzogthum Posen lediglich von Polen regiert, und die Deutschen ihrer Botmäßigkeit unterworfen würden. Die alte Landesgränze entscheide, und auf eine eingedrungene, oder eingeschmuggelte deutsche Bevölkerung (meist Beamte) komme es gar nicht an. Die deutschen Abgeordneten Posens möge man nicht zulassen, sondern (wenigstens provisorisch) ausschließen, und die Angelegenheiten des Herzogthums durch drei hier erwählte Polenfreunde ordnen lassen. — Ich erinnerte zunächst an meine für Polen günstige Schrift, und dass ich nicht die Sünden seiner Bewohner, die wesentlich zur Theilung beigetragen, aufzählen wolle. Von 1756 bis 1763 habe Polen den Feinden Preußens allen Vorschub geleistet, sei nichts gewesen als eine russische Landschaft, und 1772 habe sich Friedrich II. gegen eine Wiederholung dieser Übelstände und Feindseligkeiten schützen wollen. Wenn (fuhr ich fort) Ihre Anträge im Ausschusse zur Berathung kommen, werde ich dagegen stimmen, als Freund der Deutschen und der Polen. Um einige Hunderttausend Deutsche unter polnische Gewalt zu bringen, verscherzen sie leichtsinnig und muthwillig die Theilnahme von Millionen; sie trachten verkehrterweise sich einen Bestandtheil anzueignen, der ihnen immer feindlich bleiben und ihre Entwickelung hemmen wird. Auf die alte Landesgränze kommt jetzt (wo überall und übertrieben die Nationalitäten hervorgerufen werden) gar nichts an, und die deutsche Bevölkerung ist da und muß anerkannt werden, und wäre sie auch vom Himmel ins Herzogthum Posen hineingeregnet. Sie hoffen auf den Beistand der hiesigen Linken; sie blamirt sich, wird unfolgerecht und richtet ihren eigenen Boden zu Grunde, wenn sie die Deutschen, um der Polen willen, feige oder fanatisch preisgiebt. Ordnen Sie das rein polnische Posen und Galizien; streiten Sie nicht um ein Paar Dörfer oder Quadratmeilen, hemmen Sie nicht durch Umtriebe aller Art die Entwickelung Deutschlands und Preußens, drängen Sie nicht zu einem Kriege, für den man keineswegs genügend gerüstet ist; lassen Sie uns Zeit, uns zu ordnen und zu stärken; wirken Sie durch Mäßigung, daß eine jetzt nicht mehr vorhandene Theilnahme für Polen zurückkehrt, und man (wie früher) die Gefahr wieder ins Auge faßt, welche von Rußland droht. Überwerfen Sie sich nicht ohne Noth mit den Regierungen und den Völkern Preußens und Österreichs, halten Sie nicht frankfurter Deklamationen für allmächtig; hoffen Sie nicht zu viel von der unsichern Regierung Frankreichs, das zuerst an sich, und nur beiläufig (wie einst Napoleon) an Polen denkt.

Meine aufrichtigen Worte (ich sprach im Eifer fließender Französisch, als wenn bloße caquetage verlangt wird) schienen einigen Eindruck zu machen. — Auf dem Wege, den Sie betreten, schloß ich, wird Polen nicht hergestellt, vielleicht aber Deutschland zu Grunde gerichtet und getheilt.

Mein Vortrag über Schleswig, sagen Mehre, habe (durch die Kraft der Tatsachen) erheblich auf das Durchgehen eines gemäßigteren Beschlusses gewirkt. Nun so hätte ich den Tag nicht verloren und meine Diäten verdient. —

Die wichtigen Angelegenheiten treten immer wieder und immer mehr in den Vordergrund, lassen sich immer weniger nach allgemeinen Grundsätzen entscheiden, lassen kaum das Wahrscheinliche vom Unwahrscheinlichen, das Mögliche vom Unmöglichen unterscheiden. Wir segeln mit vielerlei Winden, und müssen zufrieden sein, wenn wir nur in irgend einen Hafen einlaufen.

Den 14. Junius.

L. kehrt heute zu seinen Vorlesungen zurück. Mir liegt alles Universitätswesen jetzt so erstaunlich fern, als hätte ich nie mitgespielt und würde nie wieder mitspielen. — Welch ein Wechsel der Ansichten und Verhältnisse! Mit wie jugendlicher Begeisterung spricht Joh. Müller von seinen göttinger Lehrern; er nennt vertrauensvoll, selbst mittelmäßige Leute, groß. Und jetzt: kein Vertrauen, keine Anhänglichkeit, höchstens kalte, achselzuckende Kritik, und ein Hochmuth, dem jede Verehrung als Knechtssinn erscheint. Die Nachwehen äußerer Noth und innerer Leerheit können für allweise, weltregierende Studenten nicht ausbleiben, und die Begeisterung, welche 1813 auch einmal das Studiren unterbrach, war doch so gewiß eine edlere, als der damalige unvermeidliche Krieg über unnöthige und willkürliche Straßenkrawalls und Katzenmusiken hinausreicht.

Hoffentlich ist die, alle gesetzlichen Formen zerstörende Nachricht unwahr, daß Wahlmänner aus eigener Macht ihre Wahl zurücknehmen wollen, sobald der Erwählte einmal nicht ihren Wünschen und Vorurtheilen gemäß stimmt. Sydow und Jonas müssen (wie unter der alten Regierung) muthig ausharren. Das Mißfallen der Straßengesetzgeber bringt ihnen Ehre. — Auch hier ist täglich die Rede von Krawalls, Puffs, Putschs, — und sobald Wählerschaften Leute wie Hecker wählen: was steht uns bevor, wenn sie in die Versammlung aufgenommen und wenn sie hinausgeworfen werden? Ihr seht, ich gerathe ins Melancholisiren, obgleich es erst sechs Uhr Morgens ist. Heute beginnen unsere Sitzungen wieder, und obgleich wir noch lange nicht beim Kaiserschnitt sind, fühlen wir die Wehen schon allzustark.


Eilfter Brief.

Frankfurt a. M., den 14. Junius 1848.

Die Ehre, Mitglied des völkerrechtlichen Ausschusses zu sein, kostet viel Zeit. Denn neben dem Lesen der Akten und Flugschriften, muß man zahlreiche Besuche empfangen. Durch lange Gespräche mit unterrichteten (wenngleich oft leidenschaftlichen) Leuten lernt man indessen mehr und wirkt nützlicher, als wenn man große Reden in den Klubs anhört. Salomo sagt: Alles hat seine Zeit; ich sage dagegen: Manches hat keine Zeit. Oder breiter ausgedrückt: für manches Unvernünftige hat der Vernünftige keine Zeit.

So eben verläßt mich ein Pole, C., mit dem ich ein Paar Stunden lang Gespräche geführt habe, denen ähnlich, welche ich mit dem Grafen P. hatte. Zuletzt bleibt doch etwas hängen zur Beruhigung und unbefangeneren Würdigung der Verhältnisse. Ich will Euch indessen nicht mit Wiederholung der Gründe und Gegengründe ermüden. Hr. C. hob hervor: das ganze Herzogthum Posen müsse beisammen bleiben; das hieß ihm, „unter polnischer Herrschaft,“ welche Jahrhunderte lang für die Deutschen nützlich und bequem gewesen. Ich blieb ihm jedoch keine Antwort schuldig und nannte es thöricht, wenn die Polen, zu eigenem Verderben, den deutschen Bestandtheil mit Gewalt unter sich aufnehmen wollten u. s. w., u. s. w.

Den 15. Junius.

Beim Eintritte in die Paulskirche bemerkte ich gestern mit Vergnügen, daß auf den Grund eines von mir entworfenen und von Mehren unterschriebenen Antrags grüne Vorhänge vor den Fenstern angebracht waren. Die hereinscheinende Sonne oder die weißen Rouleaus blendeten vorher auf unerträgliche Weise.

Die ganze Sitzung handelte von Errichtung einer deutschen Flotte. Bei der allgemeinen und lebhaften Stimmung für eine solche Unternehmung kam die Frage: ob? eigentlich gar nicht zur Berathung, und ebensowenig, wie viel sie, den großen Seemächten gegenüber, dereinst wirken und nützen werde. Der Krieg mit Dänemark hatte zunächst den obwaltenden Mangel hinreichend erwiesen. Ich will Euch nicht mit Mittheilung dessen ermüden, was man über den Bau großer oder kleiner Schiffe, über Zielen, Schießen, Treffen u. s. w. beibrachte, über das amerikanische, englische, französische System des Schiffbaues u. s. w. Ich besorge, daß wenn ein rechter Sachverständiger zugehört hätte, er alle Redenden für Bönhasen und Dilettanten würde erklärt haben. Die Berathung hatte aber, neben dem Technischen, sehr wichtige Seiten. So fragte sich zuerst (oder vielmehr, man fragte nicht viel danach), ob denn die verfassende Versammlung berechtigt sei, Beschlüsse über den vorliegenden Gegenstand zu fassen, ob er überhaupt zu ihrem Geschäftskreise gehöre? Von der laut vertheidigten und anerkannten Volkssouverainetät aus hält man ihre Allmacht für unbestreitbar, und überlegt höchstens, in wie weit man dieselbe will geltend machen. Eine zweite Frage war: ob man vorgehen könne und solle, bevor eine vollziehende Gewalt ernannt und in Thätigkeit, ob die Versammlung derlei Verwaltungssachen zweckmäßig zu führen im Stande sei? Man vereinigte sich dahin: daß die jetzt ergriffenen oder zu ergreifenden Maßregeln nur vorbereitender Art seien, daß man dadurch Zeit erspare, Vertrauen erwecke u. s. w. — Der vollziehenden Gewalt wurde demnächst Alles zur weiteren Ausführung übergeben. Durch den Beschluß: jetzt drei Millionen und später wiederum drei Millionen, nach der zu berichtigenden Bundesmatrikel, aus ganz Deutschland aufzubringen, legte sich die Versammlung zum ersten Male das neue und wichtige Recht bei, Steuern zu bewilligen und auszuschreiben. Der Gedanke: sogleich hier die Besteuerungsweise für ganz Deutschland zu bestimmen, fiel indessen glücklicherweise zu Boden. Er würde zu den lautesten Widersprüchen geführt und sich als ganz unausführbar erwiesen haben. Man überläßt den einzelnen Regierungen hierüber in gesetzlicher Weise das Nöthige zu bestimmen; — und selbst dann wird das Einzahlen jetzt die größten Schwierigkeiten finden. Sehr wichtig ist endlich der Umstand, daß jetzt zum ersten Male für ganz Deutschland ein allgemeiner materieller Zweck vorgesteckt und darüber etwas beschlossen wird, und die Süddeutschen diesmal nicht blos reden, sondern auch zahlen sollen.

Die Linke ergriff wieder den Gegenstand, um zu rhetorisiren und zu frondiren. S., der (laut allen Nachrichten) seine Arbeiter am härtesten behandelt, sprach von ihrer vollständigen Armuth und ihrem Hungern, und zugleich, als wolle man ihnen die Aufbringung der Kosten für die Flotte auflegen. Nachdem ihm diese dumme Rederei das beabsichtigte erste Bravo der Galerie verschafft hatte, folgte (wie vorherzusehen war) eine Anklage der Wohlhabenden, der Reichen und der Fürsten. Deren Einnahmen mit Beschlag zu belegen ist die, gar nicht mehr verborgene, Absicht gewisser Leute. Bei den Fragen über die Fragstellung und die wörtliche Fassung des Beschlusses, bewegte sich der Präsident auf einer Bahn mit Hindernissen, und es gab sich die alte deutsche Schwerfälligkeit und Wortklauberei wieder einmal kund.

Gegen Abend ging ich zum holländischen Gesandten, Hrn. von Scherff, der mich verfehlt hatte. Der Gegenstand des langen Gespräches waren die Angelegenheiten Limburgs, worüber der völkerrechtliche Ausschuß berichten soll. Hievon (da das Verwickelte Euch nicht interessiren kann) für jetzt nur so viel. Der wiener Congreß hat, auf unverantwortliche Weise, Deutschland von der Maaß abgeschnitten, und es zeigt sich keine Möglichkeit in diesem Augenblicke, diese Sünde wieder gut zu machen. Die Einwohner Limburgs sehen umher, wo die Steuern am höchsten sind, in Holland, Belgien oder Deutschland, und möchten deshalb sich ganz diesem anschließen und die Verbindung mit Holland auflösen. Die letzte ist allerdings sehr unbequem, beruht aber auf Verträgen, die man nicht einseitig ändern kann. In wiefern dies, nach Entwerfung einer neuen deutschen Verfassung (z. B. hinsichtlich des Zollwesens) nöthig wird, läßt sich noch nicht übersehen. Man wird zunächst dies Alles der zu gründenden vollziehenden Gewalt zuweisen müssen, damit sie diplomatische Verhandlungen anknüpfe.

Ich schrieb Euch, daß Hecker für Frankfurt erwählt ward, und lege sein anarchisches, fanatisches, zu Bürgerkrieg hinweisendes Manifest bei. Leider sind aber die so eben erst aus dem Schlafe erwachenden Deutschen zum großen Theile der Meinung: aus völligem Zerstören alles Bestehenden, aus dem anarchischen Chaos, gehe das Eldorado einer beglückenden Freiheit hervor. Sie sehen nicht, welchem Despotismus sie in die Hände arbeiten; die Verführer ahnen nicht, daß eine unerbittliche Nemesis sie erreichen muß, Niemand weiß, ob die hiesige Versammlung den Muth haben wird, H. zurückzuweisen; wahrscheinlicher, daß man den Zurückgewiesenen wieder wählt. — Wo sitzt nun die eigentliche Volkssouverainetät? In den von vielen Millionen („nach der breitesten Grundlage“) erwählten Abgeordneten, oder den von Hecker zusammengetrommelten Crethi und Plethi? — Gott bessere es! — Wir rollen den Stein des Sisyphus! Briefe schreiben ist eine Ableitung des kranken Stoffes; der Stein liegt dann nicht mehr auf der Brust und man kann sich einbilden, ihn eine Zeit lang mit Füßen zu treten.

Die Behandlung Sydow’s und Arnim’s ist skandalös! Wenn nicht Feigheit und böser Wille vorherrschte, müßte man doch einmal irgend einen der nichtsnutzigen Ruhestörer verhaften und strafen können. Man sollte glauben, Polizei, Magistrat, Stadtverordneten, Bürgerwehr wären gar nicht vorhanden. Wie ganz anders benahm man sich in London, und selbst in Paris.

Der zweite preußische Landtag, „auf die breiteste Grundlage gegründet,“ — nimmt sich viel schlechter aus, als der erste; und auf das frühere Lob fremder Völker wird bittere Kritik nicht ausbleiben. Alles zu Allem gerechnet, sind für Frankfurt tüchtigere Männer erwählt als für Berlin, und besonders in den minder zahlreichen Ausschüssen fehlt es nicht an Verstand, Haltung und Mäßigung. — So schön jetzt die nächsten Umgebungen Frankfurts sind, wäre ich doch lieber mit Euch in unserem kleinen Garten. Könnte man nur Auge und Ohr gegen tausend andere Dinge verschließen. Nun genug des Lamentirens, und zum Schlusse das alte Motto: nil desperandum.

Hier ist noch Alles ruhig; die Stimmung aber, besonders gen Baden hin, revolutionair. Vielleicht erhält Frankreich jedoch noch eher einen Herrn, als in Deutschland der republikanische Betteltanz losgeht. Wenn man (wie ich) die nordamerikanischen Freistaaten bewundert, möchte man verzweifeln, wenn man sieht, aus welchen Bestandtheilen man hier Freistaaten errichten will. Tugenden gehören dazu, welche unsere Raisonneure am wenigsten besitzen: Mäßigung und strenge Achtung vor den Gesetzen.


Zwölfter Brief.

Frankfurt a. M., den 15. Junius 1848.

Hierauf ein Besuch des Hrn. Bassermann, den ich verfehlt hatte. Der vernünftige Mann, welcher zuerst den kühnen Gedanken von einem allgemeinen deutschen Parlamente aussprach, wird jetzt auch schon verlästert und verketzert.

Jetzt erschien wiederum ein polnischer Abgeordneter, Graf P. Ich könnte mir einbilden, daß meine immer nachdrücklich wiederholten, dialogischen Vorstellungen Eindruck machten. Wenigstens ward er mit mir einig: die rein deutsche Bevölkerung müsse von der polnischen getrennt und zu Deutschland geschlagen werden. Die gemischte Bevölkerung müsse man nach gütlicher Übereinkunft durch unparteiische Beauftragte, der deutschen oder polnischen Seite zuweisen. Die Festung Posen müsse (selbst zum Besten der Polen) in preußischen Händen bleiben. — Ich will die Gründe für diese Vorschläge nicht wiederholen. Es folgt aber gar nicht daß, was Graf P. heute billigt, ihm nach genommener Rücksprache mit mehr fanatisirten Polen, noch morgen billig und nützlich erscheint. So lauten z. B. die Anträge des pariser polnischen Ausschusses hinsichtlich der deutschen Bevölkerung auf unbedingte Unterwerfung unter die zu errichtende polnische Regierung. Die Juden sollen ferner in keinem Falle der deutschen Bevölkerung hinzugerechnet werden u. s. w. Ich habe übrigens dem Grafen P. offen gesagt, was der Ausschuß wahrscheinlich annehmen und verwerfen dürfte, und für und gegen welche Anträge ich stimmen würde.

Den 16. Junius.

Ich erfuhr gestern, gewiß nicht zu Eurer Freude, daß die Abgeordneten vieler demokratischen Vereine so eben beschlossen haben, Berlin zum Mittelpunkte aller ihrer Bestrebungen zu erheben und Emissaire u. s. w. dahin zu senden, um wo möglich durch ihre anarchischen Bestrebungen den preußischen Staat (der allein noch einige Haltung hat) auseinander zu sprengen. Wenn, wie man erzählt, die berliner Bürgerwehr nur dann einschreiten will, wenn Eigenthum bedroht wird, nicht aber bei politischen Bewegungen (wie gegen Arnim und Sydow), so wäre dies ein höchst einfältiger oder höchst böswilliger Beschluß. Haben denn die politischen Bewegungen nicht schon die Hälfte alles Vermögens hinweggenommen, und ist dem Mißhandelten seine Haut nicht so nahe und noch mehr sein Eigenthum, wie andere entbehrlichere Dinge? Sollen Sydow und Arnim erst klagen, nicht wenn man ihnen den Hut vom Kopfe schlägt, sondern wenn man ihn stiehlt? Die 10 Gebote sind aber freilich auch nicht mehr à la hauteur du jour, wie in der hiesigen Versammlung gehaltene Reden zeigen. — Die Thätigkeit der Demokraten ist ungemein groß, sie haben ein festes Ziel, scheuen kein Mittel, verlocken durch die Aussicht jeden Wohlhabenden nach Belieben zu schatzen, die Fürsten wegzujagen und ihr Eigenthum zu vertheilen. Die matte, feige, wankelmüthige Defensive der Fürsten und Regierungen vertilgt alles Vertrauen, und erhebt noch weniger zu thätiger Begeisterung. Kann man doch in Berlin nicht einmal zu dem in Paris gefaßten, so nothwendigen als löblichen Beschlusse kommen, mit Nachdruck die Straßenunruhen zu beenden und die heillosen Maueranschläge zu verbieten.

Im Badenschen denkt man bestimmt daran, die regierende Familie wegzujagen. Täglich rückt die Gefahr näher. Ein allgemeiner deutscher Bund könnte gewiß monarchische und republikanische Staaten in sich begreifen (wie es ja auch früher der Fall und die Zusammensetzung viel mannigfaltiger war), allein wenn die letzten durch Gewalt entstehen, ist eine Beruhigung und Versöhnung unendlich schwer. Hat man sich nicht 30 Jahre lang bekämpft, bevor man begriff, daß Katholiken und Protestanten friedlich nebeneinander leben können? Gehen wir politisch einer ähnlichen Jammerzeit entgegen, oder werden die Ultramontanen auch die religiöse Duldung hier von Neuem angreifen? — Es ist mehr als wahrscheinlich, daß, während eine Partei nur an Republiken denkt, eine andere die großen unabhängigen Erzbisthümer mit Kirchenfürsten herstellen möchte. Diesen wäre auch wohl ein Schattenkaiser in Frankfurt und ein ihn gängelnder, mächtiger Papst in Rom willkommen. Gott weiß, was das Chaos gebären wird; etwas Neues muß nach dieser Schwängerung nothwendig in die Welt kommen; denn der jüngste Tag ist noch nicht vor der Thür.

In der heutigen Sitzung des völkerrechtlichen Ausschusses kamen die allerbuntesten, wunderlichsten, uns zugestellten, Anträge zu vorläufigem Vortrage. Sie betrafen alle Länder und Völker Europas und Amerikas, Krieg, Frieden, Zölle, Auswanderungen, Abtretungen, große Proklamationen, und abermals Proklamationen u. s. w. Man theilte die Schaaren ein in Unterabtheilungen, und für jede Abtheilung erwählte man durch Abstimmung einen vorläufigen Berichterstatter. Mir wurden zu Theil: Anträge auf eilige Beendung des österreichisch-italienischen Krieges, Schutz oder Aufgeben Triests, Abtreten oder Nichtabtreten Südtirols u. dgl. Ich erklärte: über gewisse geschichtliche Curiositäten, auf welche Einige Gewicht legten, sei ich nicht unterrichtet; indessen schienen mir jene Anträge im Ganzen durchaus unzeitig, und ich sei entschieden dagegen, mit thörichter Großmuth Landstrecken abzutreten, während Niemand ähnliche Großmuth gegen Deutschland übe. Diese und ähnliche Bemerkungen, befreiten mich aber nicht von jenem Auftrage, und so will ich denn zunächst eine, für mich belehrende Rücksprache, mit dem österreichischen Gesandten Herrn v. Schmerling nehmen.

— kommt so eben aus einer Versammlung der Abgeordneten demokratischer Vereine. Er sagt, die wilde Leidenschaft der Vorträge, die Gewaltsamkeit der vorgeschlagenen Mittel, und die Thorheit der Zwecke sei solcher Art gewesen, daß er geglaubt, er sei zu gleicher Zeit im Tollhause und in einer Mördergrube. Diese Leute ziehen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, Alle verlockend, verführend, verdutzend, verdummend, verwildernd. Berlin soll von jetzt an ihre Residenz, ihr Hauptquartier sein. Wahrt Euch, ehe es (wie beim gestürzten Ministerium) zu spät ist!!

Gestern, 16. Abends, hörte ich zu meiner größten Betrübniß, daß in Berlin schon wieder Skandal gewesen. Wird denn Niemand der völligen Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft entgegentreten? Sind denn die Stadtverordneten nichts wie Knechte des Pöbels? Und der Reichstag! Will man es durchaus bis zu einem Bürgerkriege der Landschaften, gegen den Pöbel und die Feiglinge der Hauptstadt treiben? Gott helfe weiter, denn wir helfen uns leider nicht einmal in den Dingen, wo menschliche Hülfe nöthig ist und ausreicht.


Dreizehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.

Der alte Spruch findet hier volle Wahrheit, daß die Sorge den Menschen nie verläßt: sie geht mit zu Bett, tritt im Traume vor Augen, steht Morgens mit auf u. s. w. Und hat man sich mit den frankfurter Sorgen etwas abgefunden, so langt eine neue Last mit der berliner Zeitung an, des übrigen Europa nicht zu gedenken! Die Republikaner haben hier ganz öffentlich vielerlei tolle Dinge beschlossen, darunter die sogenannte Emancipation der Frauen. Wichtiger und folgenreicher ist es, daß sie einen Ausschuß von sieben Personen erwählten, um nach Berlin zu gehen und mit Hülfe von „60,000 bewaffneten Proletariern“ Stadt und Land zu revolutioniren. Alle Könige und Fürsten, sagen sie laut, sollen mit einem Schlage in Deutschland vernichtet werden. Und wenn Schwäche und Muthlosigkeit fortdauern wie bisher, ist dies nicht blos möglich, sondern wahrscheinlich. Wie unentschlossen hat sich der berliner Reichstag in Bezug auf die argen Frevel des 14. benommen, wie achselträgerisch, mit dem Gesindel liebäugelnd, sich fürchtend, Alles — glatt streichend. Keine Spur gerechten, großartigen Zornes, keine Maßregel die des Erwähnens werth wäre, keine Strafe, sondern unter Lächeln und Händedrücken ein vertrauensvolles Fraternisiren mit Denen, welche die Verbrechen begingen, oder doch ihre Schuldigkeit nicht thaten!!

Auch der censurfreien Presse scheint der Pöbel ein härteres Joch und einen schärferen Zügel aufgelegt zu haben. Doch genug über diese furchtbaren Miserabilitäten. Arg ist es hier auch, aber doch nicht so arg.

In der gestrigen (17.) Sitzung, ließ die Linke ihren Neigungen einmal wieder freien Lauf, während der übrige Theil der Versammlung mit Recht größtentheils schwieg. Zuvörderst vielerlei unnütze Einreden gegen die Fassung des Protokolls; hierauf große Klagen, daß der Präsident (weil nichts zum Vortrage reif war) die Freitagssitzung, durch Bekanntmachung ausgesetzt und auf den Sonnabend verlegt hatte. Daran reiheten sich die unnützesten Bedenken über einen möglichen Mißbrauch seiner Macht, wie z. B. wenn er nun gar keine Sitzungen berufe u. dgl. mehr; hauptsächlich aber war der Trödel angefangen, um den (gutentheils noch mit Demokraten gefüllten) Galerien ein Paradepferd vorzureiten und auf Kosten der angeklagten Versammlung, schlechten Beifall aus der Höhe zu erhalten. Ueberdies haben fast alle diese Demagogen beneidenswerthe Lungen, sie schreien ärger wie die Zahnbrecher, scheuen sich nicht unzählige Male dasselbe zu wiederholen, und stellen Mangel an Höflichkeit und Anstand, als Muth in Rechnung. Insbesondere ließ es Herr — an jenen guten Eigenschaften so fehlen, daß ihn der Präsident zur Ordnung rufen mußte. Dies rechnen sich aber manche Leute (des höheren Beifalls der Galerien gewiß) zur Ehre. Er klagte also Versammlung und Ausschüsse der Faulheit an: sie täusche alle Erwartungen des so lange gedrückten und mißhandelten Volkes, erwecke Unzufriedenheit, sei Schuld an allen Aufständen, rufe eine zweite, nothwendige, noch viel schrecklichere Revolution hervor, sei schuldig am Untergange alles Bestehenden. — So legte man die eigene Schuld auf die Schultern der Unschuldigen, gegen eigenes Wissen und Gewissen. Nachdem 6–8 Redner, alle von der Linken, sich immer wiederholend ausgetobt hatten, legte Herr Bassermann in einer einfachen, aber schlagenden Darstellung, die Wahrheit so vor Augen, daß Keiner etwas zu erwidern wußte. Hierauf rechtfertigten die Vorsteher der einzelnen Ausschüsse ihr Thun, und erwiesen den großen Fleiß und die Anstrengungen derselben in einer Weise, daß jeder Unbefangene das Geschrei der Linken mißbilligen mußte, und ihr mit Recht vorgeworfen wurde: sie sei hauptsächlich (wie am heutigen Tage) Schuld an der Zeitvergeudung. — Ungeschreckt bestieg Herr Schlöffel ein anderes Paradepferd und verlangte mit groben, aufgebauschten Floskeln: daß die Versammlung auf der Stelle die Unverletzlichkeit der Abgeordneten, gegen hochverrätherische Fürsten, Behörden und Beamten dekretire. Und zwar ging die Absicht dahin, alles und jedes Thun, auch außerhalb der Versammlung zu sanktioniren. Als vor Kurzem von den Gefahren durch Aufstände, Empörer u. dgl. die Rede war, hielt die Linke jede Schutzmaßregel für überflüssig; jetzt schlug sie die strengsten Maßregeln nach oben vor, während sie der dringenden Gefahr vom souverainen Pöbel her, gar nicht erwähnte. Zuletzt fielen alle unnützen Vorschläge mit großer Stimmenmehrheit durch. Überhaupt ist die hiesige Versammlung besser zusammengesetzt und hat mehr Talent und Haltung, als die berliner. Bleiben Revolutionen außerhalb derselben nur aus; durch die Versammlung selbst wird mancher Fehler begangen, aber nicht Anarchie vorsätzlich hervorgerufen werden.

Ich muß die Forderung der Wähler, daß Sydow und Bauer ihre Stellen niederlegen sollen, durchaus mißbilligen. Sie hebt Form und Wesen der Repräsentation ganz auf, macht die Gesetzgebung von dem leidenschaftlichen und windigen Belieben der Massen abhängig, verwandelt die Abgeordneten in bloße Boten und Knechte, vertilgt alle Festigkeit und Dauer gesetzlicher Bestimmungen und begründeter Überzeugungen. Wenn wider jene Forderung gar kein ernstlicher Widerspruch erhoben wird, so ist dies ein Beweis jämmerlicher Furchtsamkeit, oder völliger Unwissenheit über geschichtliches, sowie philosophisches Staatsrecht.

Unsere Sitzungen in Frankfurt werden von jetzt an immer wichtiger werden. Der Ausschuß für Bildung einer vollziehenden Gewalt, hat seine Vorschläge eingereicht (ich lege ein Exemplar bei) und der Verfassungsentwurf wird (so weit er die Volksrechte betrifft) auch schon in dieser Woche zur Berathung kommen. Über diese Berathungen künftig mehr.


Vierzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.

Es mag kindisch von mir sein, aber ich kann mich gar nicht trösten über den Sturz unserer schönen Linde! Mir ist als wäre mir ein treuer Freund gestorben, von dem ich überzeugt war, er würde mich lange überleben. Ist es aber, bei allem gerechten Schmerze, nicht zuletzt ein schöner Tod? Durch die mächtige Hand des Himmels abgerufen in der Pracht seiner Jugendblüthe, betrauert, beweint, bevor die Wurzeln nicht mehr den Boden festhalten konnten, bevor die in Blättern und Blüthenreichthume glänzende Krone vertrocknete, die kühnen Aeste zu Boden fielen, die Theilnahme erlosch, und ein Todesurtheil von frierenden Gesellen oder einem eigennützigen Bauherrn über ihn ausgesprochen ward. Ich möchte mir wünschen, statt in die kalte Erde gelegt zu werden, in den Flammen seines duftenden Scheiterhaufens gen Himmel zu steigen; denn hier — geht es ohnehin mit mir zu Ende. — Laßt nur bald ein Bäumchen an die Stelle des Baumes pflanzen; obwohl der nach meinem Tode auch bald von Baulustigen wird umgehauen werden. Auf dem jetzt betretenen Wege kann es indessen bald dahin kommen, daß in der Residenzstadt Berlin die Bäume wild wachsen und die Häuser einfallen.

Doch wozu Euch und mich noch weicher stimmen; indessen wechselt Wehmuth und Zorn. Vielleicht stählt man sich auf diese Weise am besten. Ich lasse mir aber auch eine Zerstreuung gefallen. Hr. Andre, von dem ich das Fortepiano gemiethet, lud mich (wie anliegende Karte zeigt) zu einem musikalischen Morgenvergnügen. Während des wehmüthigen Adagio von Mozart dachte ich immer an unsere Linde. Sie war mir das Bild der Vergänglichkeit für Blumen, Bäume, Städte, Throne, Völker. Ich mußte mich zusammennehmen, um nicht (zu Ehren der Virtuosen) allzu gerührt zu erscheinen. — Hr. Jaell ist ein sehr fertiger Klavierspieler. Das Vorgetragene litt jedoch meist an den neumodischen Schwierigkeiten, Willküren und Kunststücken. Insbesondere war durchaus unbegreiflich, warum Hr. Willmers sein Werk „ein Sommertag in Norwegen“ betitelt hatte. Möglich, daß ein Paar norwegische Noten darin versteckt und verdeckt waren, giebt das aber eine Analogie zu einem Sommertage? — Im Ganzen ward Alles gut ausgeführt, und beim Herausgehen besah ich mir die frankfurter Damen. Gemischter Art, wie meist überall.

Den 19. Junius.

Gestern Abend sah ich zwei Akte der Jüdin von Halevy. Die Aufführung war besser wie die Musik selbst. Diesen Componisten liegt Alles zur Hand: mehr wie sechs Oktaven auf und ab, viele sonst unbekannte oder vervollkommnete Instrumente, große Vorbilder u. s. w.; und dennoch verstehen sie daraus nichts zu erbauen, was Haltung, Maß, Styl, Einheit hätte. Sie bringen es nicht über ein betäubendes Chaos der Quantität. Nach zwei Akten begab ich mich, matt und zerschlagen, mit dem Gymnasialdirektor Nizze auf die Flucht, um einen Spaziergang um die abendliche Seite der Stadt zu machen. Himmel und Erde prangten in gleicher, harmonischer Schönheit; wogegen das Treiben der Menschen sich jetzt in lauter unaufgelöseten Dissonanzen gewaltsam weiter, — oder in unfruchtbarem Kreise —, bewegt. Laß es Dich nicht gereuen, für vergängliche Blumen gesorgt und Dich daran erfreut zu haben. Nur das Vergängliche bedarf und verdient unsere Sorgfalt, und den Tagen des Sturmes und Hagels folgen in diesem und dem künftigen Jahre, auch Tage heiteren Sonnenscheins. Darum sorge, nach wie vor, für den Garten.

Die spikersche Zeitung vom 17. hat doch einigen Trost gebracht: Milde’s Erzählung, Sydow’s Erklärung, andere Stimmen für Ordnung und Recht, Blesson’s Abdankung u. s. w. Wenn aber nicht ein Mann von beherrschendem Muthe und großer Kraft an die Spitze der Bürgerwehr kommt, bleibt Alles schwankend und unsicher.

Wenn es genügender Trost ist, Unglücksgefährten zu haben (socios malorum), so könnten wir fast zur Heiterkeit zurückkehren, so viel übler sieht es aus in Neapel, Prag, Paris. Im Fall die französische Republik an den heranrückenden Gefahren stirbt, schwindet manche Hoffnung deutscher Demokraten (welche z. B. in Maueranschlägen den hiesigen Reichstag auffordern, Hecker höflichst einzuladen); aber ob wir dann nicht noch schneller in Krieg verwickelt werden, läßt sich nicht voraussehen. Louis Napoleon ist, des bloßen Namens halber, weder ein Friedens- noch ein Kriegsheld; sondern ein Aushängeschild, eine Firma, für welche Andere handeln wollen.

Heute beginnt die Berathung über die einstweilige vollziehende Gewalt. Die Ansichten gehen weit aus einander, und die Bemühungen der Linken, durch Unterschriften (vor aller Berathung und Erörterung) eine Verpflichtung zu bestimmtem Abstimmen herbeizuführen, muß ich, mit vielen andern tüchtigen Männern bestimmt mißbilligen. Zu den Hauptfragen und Streitpunkten dürften folgende gehören:

1) Ist es nothwendig, oder nicht nothwendig, vor Entwerfung einer dauernden Verfassung, auf kurze Zeit eine vollziehende Gewalt vorläufig zu gründen?

2) Soll dieselbe anvertraut werden 1, 3, oder mehr Personen?

3) Wer soll dieselben ernennen? Die Regierungen; oder in welchem Verhältniß sollen diese an der Ernennung Theil nehmen?

4) Welche Rechte soll die vollziehende Gewalt erhalten?

5) In welcher Weise soll sie ihre Beschlüsse zur Ausführung bringen?

6) Welche Minister sind nothwendig, und welche Stellung sollen sie zu den Direktoren und zum Reichstage erhalten? u. s. w. u. s. w.

Ihr seht, des Stoffes ist genug zu Streit und zu Versuchen. Die Woche wird wohl hingehen, bevor wir zu einer, hoffentlich nicht ganz thörichten, Entscheidung kommen.

Die Sitzung dauerte heute von 9–½3 Uhr. Zuerst ein Bericht über die böhmisch-tschechische Frage, wo man beschloß, eine große Proklamation zu erlassen, während man die Deutschen in Prag todtschlägt.

Zu den alten 17 Anträgen über die neue vollziehende Gewalt, waren 34 neue gekommen, und 113 Redner meldeten sich. Der Vorschlag, daß Alle vor dem Schlusse gehört werden müßten, fiel Gottlob durch, und eine allgemeine Untersuchung über die Nothwendigkeit der Maßregel, ward für entbehrlich erklärt.

Die Linke war heute in den Erörterungen gewiß nicht die stärkere, erfreute sich aber, wie natürlich, des Beifalls der Galerien. Ein Herr — ermüdete durch seine überlange und langweilige Rede, auch diese, und einer meiner Nachbarn (ein wiener Advokat) schlief während der Zeit wie eine Ratze. Nach einer verständigen Rede von Radowitz (an deren voller Aufrichtigkeit jedoch Einige zweifeln) ließ sich ein Pfeifen, oben, und vielleicht auch unten hören. Da verlor der Präsident Gagern die Geduld und sprach von Ungezogenheiten und Bubenstücken; was das Gesindel und die Schreivögel denn doch einschüchterte. Vortrefflich redete Bassermann, sehr gut Dunker aus Halle; beide haben das Verdienst, der Wahrheit und dem Rechte die Ehre gegeben zu haben. Der ächte Sieg war auf ihrer Seite. — Auf den Inhalt näher einzugehen, fehlt mir heute die Zeit. Es wird genügen, künftig etwas über die letzten Ergebnisse zu sagen.

Nach beendigter Sitzung hoffte ich ruhig bei Hrn. Jouy zu essen; zu dem Tische hatten sich aber einige Studenten oder studentenartige Kreaturen eingefunden, welche Deutschland durchzogen hatten und vom Sinne und der Stimmung seiner Bewohner Dinge verkündeten, über die man bittere Thränen hätte weinen können! In unseren Tagen (lehrten die neugebackenen Propheten) giebt die Macht allein das Recht. Die Fürsten müssen gerichtet und weggejagt werden, ein Bürgerkrieg ist nothwendig und nützlich u. s. w. Und in demselben Augenblicke, wo der Wahnsinnige mit eiskalter Gleichgültigkeit diese furchtbaren Behauptungen ausspricht und meint, die Ereignisse hätten immer und allein Recht, erzählt er achselzuckend: man habe einen Deutschen zu Prag im Wirthshause mit Biergläsern und seine Frau in ihrer Wohnung todt geschlagen, und einen Andern lebendig gekreuzigt!! — Mit solchen Leuten hilft kein Streiten, diese Pestbeulen lassen sich mit gewöhnlichen Arzneimitteln nicht heilen. Auch sind sie an den Gedanken terroristischen Guillotinirens vollkommen gewöhnt und untersuchen nur, wo und wie der Anfang zu machen sei. Ich eilte aus dieser, an die schlechtesten Zeiten der Revolution erinnernden Gesellschaft fortzukommen. Ja, die Franzosen hatten weit mehr Veranlassung zu ihrer Tollheit, und es war wenigstens Methode in derselben. Baboeuf und Consorten sind genial und großartig gegen diese fluchwürdigen, sich und Andere aushöhlenden, leeren Schwätzer, Phrasendrechsler und lächelnden Meuterer.

Die heutige Sitzung (20.) begann um 9 Uhr und endete ½3 Uhr. Zuvörderst große Begeisterung, vermöge welcher erklärt wurde: ein fremder Angriff auf Triest gelte für eine Kriegserklärung. Muth und Ehrgefühl genug, aber vor der Hand keine Mittel, den Beschluß geltend zu machen. Ich hoffe, Karl Albert wird deshalb die deutschen Handelsschiffe im mittelländischen Meere nicht aufbringen lassen. Am Schlusse der Sitzung war man drauf und dran, mit verkehrter Eil, ein Heer nach Prag zu senden, um die Deutschen zu schützen. Wohlgemeint; noch ist aber nach Zeugnissen von Böhmen die ganze tschechische Bevölkerung auf dem Lande ruhig, und ein solcher Heereszug der Deutschen könnte leicht einen neuen Hussitenkrieg entzünden. Endlich ging es durch, die Sache zu ruhiger Ueberlegung an den bereits hiefür bestehenden Ausschuß abzugeben.

Den Inhalt der mehrstündigen Berathung über die zu errichtende, vollziehende Gewalt kann ich nicht einmal im Auszuge hier wiedergeben. Nur einige unbedeutende Nebenbemerkungen können Platz finden. Doch ist es keine Nebenbemerkung, wenn ich behaupte, die Zögerungen und die Nichtigkeit der Regierungen habe jene wichtige Frage ganz in die Hände der Nationalversammlung gebracht, und diese werde gewiß durchsetzen, was ihr gefällt. Der wohlgemeinte Vorschlag des Hrn. Bürgermeister — —: die vollziehende Gewalt in die Hände Preußens zu legen, war bei der Stimmung der Versammlung unzeitig, und ward mit so schwacher Stimme und so ohne rednerisches Talent entwickelt, daß er völlig zu Boden fiel. Unter den Rednern der Linken ist Robert Blum bis jetzt der bedeutendste. Er benutzte die Schwächen seiner Gegner sehr geschickt, wußte mit sophistischer Gewandtheit seine Ansichten und Grundsätze für die leicht begeisterten Unwissenden glänzend vorüber zu führen, und erhielt natürlich den lauten Beifall seiner Freunde und der, noch immer nicht zu bändigenden, Galerie. Höchst langweilig war dagegen die im sächsischen Dialekte hersyllabirte Rede eines ähnlich Gesinnten. Jeder, sagte er, ist gleich bei der Geburt ein Souverain; welche erhabene Äußerung viel Heiterkeit erregte. Welker sprach mit großer Lebendigkeit für seine, im Verhältniß zur äußersten Linken, conservative Ansicht. Ähnlich ein Wiener, von Würth; — Beckerath ruhig, gemüthlich, überzeugend.

Ich begreife allmälig, daß König F. W. III. alle Abende ins Theater ging, um seine Regierungssorgen los zu werden; mir bleibt fast auch nur dies Mittel, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. So sah ich (19.) gestern einige Akte eines dramatisirten Volksmärchens von Musäus, wo der verzauberte Barbier sich lustig genug ausnahm. Diese Posse des Abends war gewiß besser und ergötzlicher, als der wilde Ernst der veralteten, im Kopfe verwirrten, im Herzen angefrorenen Jugend, des Mittags. — Den 20. Nachmittags machte ich einen Spaziergang rings um einen großen Theil der Stadt. Die Umgebungen sind, ich wiederhole es, in ihrer Art höchst reizend; und ich kenne keine Stadt, welche in dieser Beziehung Frankfurt gleich zu stellen wäre.


Funfzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 22. Junius 1848.

Die gestrige Sitzung dauerte von 9–½3, die Versammlung im völkerrechtlichen Ausschusse von 6–8; hiezu Lesen, Vorbereitungen, Geschäftsbesuche u.s.w. Es ist ein Wunder, daß man leiblich und geistig diese Anstrengungen aushält. Auch werden Manche schon matt wie die Herbstfliegen, und noch gestern bewunderte ein jüngerer Mann meine 67jährige Rüstigkeit. Dank sei dem Himmel, und daß ich immer der Natur gemäß gelebt habe: nirgends zu viel, oder zu wenig. Denn das letzte taugt auch nicht, und macht alt vor der Zeit.

Die Sitzung begann mit einem Berichte über die böhmischen Verhältnisse, der die argen Uebereilungen zurückwies, denen man sich vorgestern in falscher Begeisterung hingeben wollte. Erst wenn Österreich es verlangt, wird der Bund Mannschaft nach Böhmen senden.

Hierauf Fortsetzung der Berathung über die Bildung einer vollziehenden Gewalt. Es fehlt nicht an halbwahren Vergleichen, schiefen Bildern, rhetorischen Kunststücken und vor Allem an Grobheiten gegen Bundesversammlung, Fürsten und einzelne Gegner. — — — Ein anderer Hauptredner der Linken, Herr —, sagte: ihr seid allmächtig! Verkündet: es soll Niemand mehr Zoll bezahlen, und es bezahlt Niemand mehr; sagt den Bauern, ihre Abgaben sollen aufhören, und sie hören auf. Derlei demagogischer Unsinn fand nebenbei seine Widerlegung, als die Rede darauf kam: ob jene Allmacht sich auch bei neuen Forderungen zeigen würde? — Lächerlich war es, als er die Genügsamkeit der Linken rühmte; zur Ordnung rief man ihn, als er sagte: wenn hier die Mehrzahl nicht thut was wir wollen, so haben wir draußen mächtigere Hülfe u. s. w. — Sehr geschickt rief der Präsident Gagern nicht zur Ordnung, sondern sagte: man lasse den Redner ausreden, denn es ist gut, daß wir erfahren, welche Mittel jene Herren anwenden können und wollen. Den Schreiern folgten nun mehre Redner, welche auf die Sache selbst eingingen, und statt der Phrasen und flacher Rhetorik, ernste und oft witzige Gründe vorlegten. So Auerswald und Beisler. Endlich erwies Vincke sein altes Talent und sprach seine Ansichten mit Kühnheit und Geistesgegenwart aus, ohne sich durch das Ach und Oh seiner Gegner einschüchtern zu lassen.

Wie haben sich die Zeiten geändert! Im vergangenen Jahre, wollte ihn der König nicht sehen, er war im Verrufe bei allen Schwachköpfen, er sollte seiner Stelle entsetzt werden; und jetzt vertheidigt er Könige und Fürsten wider maßlose Angriffe! Ging und geht es mir aber nicht ebenso? — Wiederum erblickt man hinter allem Lobe der Demokratie, die Hinneigung zur Diktatur und zum Terrorismus.

Im Ausschusse führte ich und der Hamburger Herr Heckscher einen lebhaften Streit gegen das Ansinnen: der Berichterstatter in einer Sache solle Thatsachen, Gründe, Gegengründe u. s. w. u. s. w. buchstäblich niederschreiben und vorlesen. Es war auf ein Corrigiren wie der Quintanerexercitia abgesehen, würde unsäglich viel Mühe und Zeit kosten, ein unerträgliches, schriftliches Verfahren, an die Stelle mündlicher rascher Verhandlungen setzen und folgerecht auch ein Ablesen der Reden herbeiführen. — Beim Abstimmen fiel, in Folge unseres nachdrücklichen Widerspruchs, die, allweise sich anstellende, Pedanterie zu Boden.

Nachdem alle diese Kelche geleert waren, ging ich mit einem gescheiten Baier Hrn. Gombart, spazieren bis Bockenheim und hatte neue Veranlassung die Anmuth der Umgegend, die Schönheit der Gärten und die Mannigfaltigkeit der Landhäuser zu bewundern.

Ich freue mich über M—s muthige Äußerungen. Er hat ganz Recht, daß so große Umgestaltungen in der Weltgeschichte nicht ohne Wehen und Verlust abgehen können. Wenn man den Muth nicht verliert, nicht verzweifelnd die Hände in den Schoß legt, so wird man im kleineren, wie im größeren Kreise nützlich wirken und zur Erhaltung oder Wiedergeburt nach Kräften beitragen. Das bloße Lamentiren (wie —) hilft zu gar nichts, auch üben gewöhnlich persönliche Vortheile, oder Nachtheile einen großen Einfluß. Bevor man sich nicht über diese Rücksichten erhoben hat, kann man gar nicht unbefangen einwirken.

Die Linke ist in B. so schwach, wie hier; wenn man nach ächter Erkenntniß und Politik fragt. Allein Vorurtheil, Fanatismus und Ehrgeiz überflügeln oft in ihrer gewaltsamen Bewegung, alle Wahrheit und Einsicht. Gut, daß Sydow und Bauer nicht ausgetreten sind. — Schutz des Volkes ist ein wohlklingendes, verständiges Wort; wenn aber der, Gesetze übertretende, Pöbel sich Volk nennt, soll man nicht schwatzen und liebäugeln; sondern mit Muth und Kraft entgegentreten und handeln.


Sechzehnter Brief.