Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1849 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Altertümliche, ungewöhnliche und inkonsistente Schreibweisen (z.B. ‚eilf‘ und ‚elf‘) wurden nicht korrigiert bzw. vereinheitlicht. Fremdsprachige Passagen wurden nicht verändert; insbesondere wurden die Akzentsetzung sowie ältere Schreibweisen in französischen Anführungen dem Original gemäß beibehalten.
Die Korrektur des angemerkten Druckfehlers (Original: S. 9, Z. 13: Hachis → [Gaschis] (frz. ‚gâchis‘: Schlamassel, Durcheinander) wurde bereits in den Text eingearbeitet. Das Inhaltsverzeichnis wurde den im Text verwendeten Abschnittsüberschriften entsprechend korrigiert.
Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt; diese wird hier in Normalschrift dargestellt. Antiquaschrift erscheint dagegen kursiv, kursive Antiquaschrift wird im vorliegenden Text zur Unterscheidung zusätzlich unterstrichen dargestellt.
Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.
‚Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter anhand des Umschlags des ersten Bandes gestaltet und in die Public Domain eingebracht.‘
Briefe aus Frankfurt und Paris.
Zweiter Theil.
Briefe
aus
Frankfurt und Paris
1848–1849
von
Friedrich von Raumer.
Zweiter Theil.
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1849.
Inhalt des zweiten Theils.
Anhang. Reden die in Frankfurt nicht gehalten wurden.
Zweiundsiebzigster Brief.
Paris, den 13. October 1848.
Ich kann nicht beschreiben, welchen tiefen, erschrecklichen Eindruck die wiener Ereignisse nicht blos auf die Deutschen, sondern auch auf alle ordnungsliebenden Franzosen gemacht haben. Sie fürchten ähnliche Begebenheiten in dem unterwühlten, muthlosen Berlin, wo die elendesten Menschen das lauteste Wort führen; sie fürchten mit der Auflösung Deutschlands ein Wiedererstehen der rothen Republik in Frankreich.
Während der traurigen Auflösung des Reichsministeriums wollte man hier kaum an die Möglichkeit und das Dasein einer Reichsgewalt glauben; jetzt blickt man nach Frankfurt wie nach einem Felsen im Meere und erwartet und fordert, daß es die einzelnen Staaten (selbst Preußen) auferwecke, stütze, rette. Den jetzigen Machthabern ist, wenn sie unerschrocken und offensiv gegen alle Verschwörer und Wühler (ohne Ausnahme) verfahren, in diesen Tagen und Wochen die letzte Gelegenheit dargeboten, ihr Vaterland zu erretten und ewigen Ruhm zu erwerben. Möchten sie, um der Menschen, Deutschlands, der Ehre willen, diese Gelegenheit nicht versäumen und, trotz alles dagegen erhobenen Geschreies, überzeugt bleiben, daß Mitwelt und Nachwelt sie für ihr edles Thun segnen wird.
Ich kann hier noch eine Stelle aus Paturot anreihen: „Die Sekten, die Parteien haben jetzt nichts miteinander gemein, als die Wuth zu zerstören. Uneinig sind sie hingegen darüber, was an die Stelle des Zerstörten zu setzen sei, und der höchste Grad des Unsinns ist, diese Unwissenden und Wahnsinnigen götzendienerisch zu ehren.“
Den 14. October.
Hr. Minister Bastide sagte mir soeben: daß er die Gesuche über die Auslieferung der in Straßburg verhafteten Personen unverzüglich in geschäftlicher Weise dem Minister der Justiz übergeben habe und eine baldige Antwort desselben zu erwarten sei. Ich machte nochmals darauf aufmerksam, daß ohne Auslieferung der Prozeß in Frankfurt gar nicht gebührend könne eingeleitet und ihre Verurtheilung herbeigeführt werden.
Zu Folge soeben bekannt gemachter amtlicher Nachrichten befinden sich unter 3376 transportirten Junigefangenen nur
- 11 Preußen,
- 8 Baiern,
- 4 Österreicher,
- 4 sogenannte Deutsche.
Man behauptet: sie würden so gut behandelt, daß sie meistens gar keine Sehnsucht fühlten, nach Deutschland ausgeliefert zu werden, und daß sie eben deshalb keine Gesuche einreichten.
Der friedliebende, gemäßigte Hr. Minister Bastide bleibt wenigstens vorläufig noch im Amte. Ich erinnerte ihn, daß er mir gesagt: die gegenseitige Accreditirung officieller Gesandten habe keine Schwierigkeit mehr, worauf er erwiderte: „unsere freundliche Gesinnung gegen Deutschland steht fest und wird sich nicht ändern.“ Seit jener Äußerung sind aber in Frankreich und Deutschland so viele Begebenheiten und Veränderungen eingetreten, daß es Bedenken unterliegt, sachliche oder persönliche Neuerungen vorzunehmen. Man muß gegenseitig Geduld haben, sich orientiren, die jetzigen Zustände (welche ganz angenehmen, gefälligen Verkehr erlauben) noch etwas fortdauern lassen, bis sich in Frankreich und Deutschland die Dinge so gestalten, daß sie Dauer versprechen und man dafür die Verantwortlichkeit übernehmen kann. — Ich wiederholte nicht allein die früheren Gründe, sondern hob auch die Nothwendigkeit hervor, die diplomatischen Verhältnisse zur Reichsgewalt um so schneller zu ordnen, da bereits mehre deutsche Staaten ihre Gesandten abriefen und die öffentliche Meinung in Deutschland eine baldige, erwünschte Entscheidung fordere. Hr. Bastide ließ diese Bemerkung gelten, kam aber doch wieder darauf zurück: man möge vor der Hand (in der allseitigen Verwirrung) die Verhältnisse noch einige Zeit ungerügt fortdauern lassen.
Als sich das Gespräch auf die österreichischen Angelegenheiten wandte, bemerkte ich: es scheine mir der rechten Politik Frankreichs gemäß, daß es jene Macht nicht sinken und zerstückeln lasse; und Hr. Bastide erwiderte: ich entwerfe soeben ein Schreiben ganz in diesem Sinne. Denn wenn er auch den Gang nicht billigen könne, den Österreich in einigen Beziehungen neuerlichst eingeschlagen habe, würde sein Fall doch ein großes Unglück für Europa, also auch für Frankreich sein.
Gestern war die hiesige Ministerkrisis noch nicht zu Ende, und Cavaignac würde sich bei der neuen Wahl wohl noch mehr der Rechten nähern, wenn nicht die eifrigen Republikaner laut widersprächen. Jene Hinneigung zur jetzigen Rechten dürfte den Sachen wohl vortheilhaft sein; daß aber die Legitimisten sich dadurch sollten abhalten lassen, Louis Bonaparte auszuspielen (um zunächst wie die Republik, so das Kaiserthum zu parodiren), steht noch gar nicht fest. Vor der Präsidentenwahl (so scheint es) wird Cavaignac seine Gewalt nicht niederlegen und auch der friedliche Bastide sich wohl halten, bis mein Tagesfliegengesandtenleben zu Ende geht. Doch sagte er gestern spät seine Abendgesellschaft ab, was Sorgen hervorruft und die Geschäfte im Stillstand erhält. In dem jetzigen Augenblicke blutiger Umwälzungen ist überhaupt mit Worten und Schreibfedern nichts auszurichten, und auch mein Bemühen bleibt nur ein labor improbus.
— — Der Tadel, welchen Thiers gegen die meisten (unpraktischen) staatswirthschaftlichen Bücher aussprach, ist leider gerecht; er ging aber doch in Verurtheilung aller Theorie gar zu weit, und ebensowenig konnte ich in der neueren englischen Korngesetzgebung den Untergang der englischen Grundbesitzer, und in ihrem früheren Monopole ein ewiges Anrecht erblicken. Einem anderen Herrn widersprach ich, der da weissagte: in den Vereinigten Staaten von Nordamerika werde man bald das Königthum einführen. — Eher in Frankreich! — Nach Österreichs Unglück (rief ein Anderer) werden die Italiener unabhängig werden; — ich fügte hinzu: aber nicht einig! Nach diesen Boutaden sagte ich mir selbst: sprich nicht zu viel, sondern höre mehr, das wird dir bringen Ruhm und Ehr. — Beim Weggehen fragte ich T—s: ob ich Lamartine’s Rede bewundern müsse. — Ich habe, antwortete er, nie eine seiner Reden bewundert. Guizot sagte von Lamartine: wenn er dichten will, macht er Politik, und wenn er politisiren will, phantasirt er. In einem Briefe Tissot’s an Guizot (der in der Revue rétrospective abgedruckt ist) heißt es: est ce qu’il peut être loisible à Mr. Lamartine d’aller faire de l’agitation politique et de la démagogie en plein vent, en présence de 2–5000 curieux plus ou moins avinés, et d’avancer les propositions les plus niaises et les plus subversives de la tranquillité publique, sans que le pouvoir puisse s’opposer aux effets de sa phraséologie redondante?
Es ist ein lehrreiches Verzeichniß der Leute erschienen, welche in Folge der Juniereignisse fortgeschafft wurden. Ich gebe einige Auszüge: hommes de lettres 7, avocats 2, étudiants en médecine 3, en droits 1, peintres 36, graveurs 30, sculpteurs 29, musiciens 11, gardes mobiles 38, soldats des armées regulières 4, orfèvres 54, imprimeurs 46, boulangers 35, tailleurs 77, cordonniers 107, menuisiers 182, serruriers 112, maçons 161, propriétaires et rentiers 7 etc. Man kann aus den Zahlen auf die sittliche Entartung, und noch mehr auf die äußere Noth schließen. Unter 3423 Verbannten waren gegen ⅓ Pariser, 11 Preußen, 8 Baiern, 4 Österreicher, 4 andere Deutsche, — welche Bastide gern auslieferte (und die Franzosen obenein) um sie los zu werden.
Die Revue rétrospective (deren ich erwähnte) enthält lehrreiche Sachen. Zuvörderst theile ich zwei Äußerungen aus Briefen von Louis Philipp mit: Ce qui gâte toutes nos affaires, c’est qu’en général nos hommes politiques ont une surabondance de courage et d’audace quand ils sont dans l’opposition, tandis que dans le ministère ils sont feigherzig et toujours prêts à tout lâcher. — L’état actuel de toutes les têtes humaines ne s’accommodera de rien et bouleversera tout. The world shall be unkinged, l’angleterre ruinée prendra pour son type le gouvernement modèle des Etats-Unis, et le continent prendra pour le sien l’Amérique espagnole! (6 Nov. 1840). — Weissagungen!!
Besonders anziehend sind die dort enthaltenen Nachrichten über die spanischen Heirathen, welche ich (im Widerspruch mit Vielen) von Anfang an als ungebührlich und für alle Mitwirkende als unheilbringend bezeichnete. Es ergiebt sich aus jenem Briefwechsel: 1) daß man französischerseits auf die Königin Isabella gar keine Rücksicht nahm und sie wie eine Null behandelte. 2) Daß ihre Mutter sich als arge Stiefmutter benahm. 3) Daß sie erst den Grafen von Trapani als Heirathsbewerber vorschob, und dann fallen ließ, indem sie die Schuld auf Frankreich zu schieben suchte. 4) Daß sie nun einen Koburg zu ködern suchte, ohne alle Theilnahme, ja gegen den Wunsch Englands. 5) Daß Louis Philipp anfangs gar nicht auf die Gleichzeitigkeit der Verheirathung beider Prinzessinnen eingehen, und die mit England getroffene Verabredung halten wollte. Guizot, und vor Allen Bresson, trieben aber vorwärts, und daß Palmerston Koburg, sehr natürlich nicht als Candidaten streichen wollte (da die Königin Christine und viele Spanier ihn nannten), gab den Vorwand. 6) Selbst Aberdeen vertheidigt Palmerston und sagt: Frankreich übe a doubtful policy, which may lead ultimately to very serious consequences. Palmerston äußert: dieser Gemahl werde das Land und die Königin nicht beglücken. 7) Bresson kannte die Gesinnungen Isabellens über den Bräutigam, welchen man ihr aufdringen wollte. Er schreibt: sie habe préventions d’une vivacité et d’une énergie qui semble ne faire qu’augmenter. Man müsse habituer la reine à sa voix et à ses hanches. Dennoch beharrte er bei dem Plane, ihr den geistig und leiblich unfähigen Mann aufzuzwingen, bei Nacht und Nebel, trotz Weinen und Wehklagen! — Louis Philipp und Guizot büßen in England, die Königin Isabella geht ungezügelt ihre eigene Bahn, und Bresson hat sich den Hals abgeschnitten! Discite justitiam moniti, et non temnere divos! —
Den 15. October.
O Gott! Wie ändern sich die Zeiten! Ich denke heute an den Geburtstag Friedrich’s II., wo der König erklärte — — — Und jetzt wird öffentlich in den Zeitungen verhandelt: ob man seinen eigenen Geburtstag feiern solle; es wird in vielen Kreisen beschlossen, es sei nicht an der Zeit; und wohlgesinnte Feiglinge unterwerfen sich dem Beschlusse, aus Furcht vor eintretenden Ungebührlichkeiten! — — — — Ja wohl hat Bastide Recht wenn er (ohne die Übel in Frankreich zu läugnen) sagte: „welch ein Gaschis habt ihr in Deutschland. Sonst so gemäßigt und verständig; wenn aber einmal aufgeregt, wie schwer zu beruhigen.“ — Das hat der Dreißigjährige Krieg gezeigt, und ähnlicher Wahnsinn wird schon lobgepriesen. Weit die große Mehrheit denkt, fühlt, spricht für Wahrheit und Recht, aber im Handeln läßt sie sich von einer kleinen, nichtsnutzigen Minderzahl überflügeln. Dort (mit den Mechanikern zu reden) große Massen und geringe Geschwindigkeit, hier geringe Massen aber große Geschwindigkeit. Die herausgeschossene Flintenkugel ist gefährlicher als die mit Händen fortgerollte Kanonenkugel. — Ich denke jetzt (auf mein hiesiges Leben zurückblickend) oft an das Wort: multa agendo, nil agimus; vielthuend, thun wir nichts.
Den 15. October.
A son Excellence
Monsieur Bastide, Min. des aff. étrangères.
Monsieur le Ministre!
Vous avez bien voulu à diverses reprises, me permettre de m’entretenir familièrement avec vous, en dehors des rapports de service, et il m’est aujourd’hui d’autant plus agréable d’user de cet avantage, que je n’ai reçu encore ni pu recevoir depuis notre dernier entretien de nouveaux ordres de Francfort. Les motifs importants qu’a fait valoir auprès de vous le Ministère de l’Empire pour nouer des rapports diplomatiques plus intimes avec la France, l’entière approbation donnée par vous a la ligne de conduite suivie dans l’affaire du Danemarc et à l’occasion des troubles de Francfort et enfin — tout ce que j’ai pu ajouter moi-même à ce sujet, vous avait engagé, Monsieur le Ministre, à vous prononcer affirmativement en faveur de l’établissement immédiat de rapports officiels entre la France et le pouvoir central Allemand. Ayant transmis sans retard à Francfort les paroles que j’avais été heureux de recueillir sur ce point de votre bouche, l’on y a envisagé avec raison l’objet de ma négociation comme étant vidé à la satisfaction réciproque et l’on s’y est attendu à y voir accrédité prochainement un envoyé de la France.
Par contre dans le cours de l’entretien que j’ai eu l’honneur d’avoir hier avec vous, vous avez exprimé le désir que rien ne fût changé provisoirement encore aux rapports tels qu’ils ont existé jusqu’ici et vous avez motivé ce désir en alléguant que depuis la déclaration que vous m’aviez faite d’abord à ce sujet maints événements avaient surgi tant en France qu’en Allemagne, de nature à modifier le point de vue de la question et à nécessiter de nouvelles réflexions. Je ne conteste nullement la gravité de ces événements, mais après mûr examen j’arrive, Monsieur le Ministre, à une conclusion qui diffère de la vôtre et je pense que c’est surtout en y ayant égard, que l’Allemagne plus que jamais est fondée à émettre le voeu de voir le Gouvernement français témoigner la participation amicale et les bonnes intentions —, auxquelles Elle attache un grand prix, non seulement dans nos entretiens confidentiels, mais en face de l’Allemagne et de l’Europe entière par des actes qui soient de nature à exercer l’heureuse influence que l’on doit en attendre.
L’on comprend que l’on n’ait rien voulu précipiter d’abord à l’égard du pouvoir central de l’Empire, que l’on ait cherché à le connaître par ses oeuvres; — mais aujourd’hui qu’il a déployé pas moins de sagesse que de force, aujourd’hui qu’il se trouve dans l’entente la plus cordiale avec les divers états d’Allemagne, dont il est le rempart, les doutes dont il aurait pu être l’objet à son origine sont levés de la manière la plus satisfaisante et les vrais amis de l’ordre ont les yeux dirigés sur Francfort comme sur un port de salut pour tous. Les partisans de l’anarchie, ceux de la République rouge, les communistes, les fauteurs du pillage et de l’assassinat sont les seuls en Allemagne qui osent insulter encore au pouvoir central de l’Empire et essayer de criminels attentats contre l’Assemblée. Dans leur aveuglement ils sont assez téméraires pour commenter les hésitations de la France, en faveur de menées coupables qu’elle a énergiquement répoussées dans son propre sein, ce dont l’Europe entière lui a su gré. C’est pourquoi, Monsieur le Ministre, je ne doute nullement qu’en ce moment surtout la France n’ait sincèrement à coeur de témoigner hautement qu’elle désire non moins pour l’Allemagne que pour elle-même, voir consolider le règne de l’ordre social et du droit, garantis par le pouvoir central de Francfort, et prouver en même temps aux plus obstinés que les coupables fauteurs d’anarchie en Europe n’ont rien à éspérer d’elle.
Le Gouvernement français ne saurait vouloir opposer des considérations secondaires aux bienfaits qui doivent ressortir de l’amitié de deux grandes nations dont l’union seule peut sauver aujourd’hui l’Europe et la civilisation d’une ruine générale. — En partant d’un point de vue aussi élevé j’ose me flatter, Monsieur le Ministre, de vous voir revenir sans peine à la résolution que vous m’aviez exprimée d’abord. L’opinion publique généralement acquise à la modération qui jusqu’ici a fait la règle de votre politique extérieure vous sera par là également assurée en Allemagne et en établissant sans retards ultérieurs des rapports officiels entre la France et le pouvoir central de l’Empire, tels qu’ils conviennent à des nations voisines et amies, vous prêterez force à vous même, en secondant un pouvoir qui tend avec courage et à travers tant de difficultés aux mêmes fins de progrès et d’ordre que vous poursuivez en France.
Je ne voudrais pas mêler une petite question d’amour-propre personnel à la question si élevée dont je suis l’organe, mais n’ayant reçu, Monsieur le Ministre, depuis deux mois que je suis ici aucune réponse vraiment satisfaisante aux diverses communications que j’ai en l’honneur de vous adresser, il m’est pénible de penser que l’on peut attribuer à Francfort et en Allemagne à l’insuffisance du négociateur les retards qu’a soufferts jusqu’ici l’objet de sa mission. Cette pensée me préoccupe d’autant plus vivement que j’ai la conviction intime que la France, suivant avec sagesse le développement irrésistible de l’histoire du monde, accordera bientôt à un successeur plus heureux que moi, ce quelle aurait refusé si longtemps à mes instances.
Je serai heureux si pour prix de mes efforts je parvenais à consolider de plus en plus les bons rapports existants entre mon pays et la France, en ayant égard de part et d’autre aux voeux et aux espérances de deux grands peuples pour le libre développement de leurs nationalités.
Veuillez agréer, Monsieur le Ministre, la nouvelle assurance de ma haute considération etc.
Dreiundsiebzigster Brief.
Paris, den 16. October 1848.
Réponse de Monsieur Bastide.
Monsieur! J’ai eu l’honneur de Vous exposer de vive voix et à plusieurs reprises les raisons, qui pour le moment présent me paraissent s’opposer à ce qu’il soit donné un caractère plus officiel aux relations officieuses, et, j’ose le dire, aux relations de bonne amitié, établis entre nous. Ces raisons subsistent encore et ne me permettent pas de Vous donner une réponse qu’il me serait agréable d’adresser particulièrement à Vous, Monsieur, plus encore qu’à tout autre. Ne croyez donc pas, je Vous prie, qu’il entre dans la réserve dont je me vois obligé d’user, rien qui Vous accuse et encore moins, s’il est possible, rien qui puisse faire douter de nos vives sympathies pour la noble et généreuse nation allemande. La république française sent que, quels que soient les formes de gouvernement qu’il Vous convienne d’adopter, la France et l’Allemagne sont deux soeurs que les mêmes principes de liberté, d’ordre, d’indépendance doivent unir chaque jour davantage pour le bonheur du monde; et si les qualités personnelles d’un homme pouvaient rendre ce lien plus étroit, soyez sûr que cet homme serait Monsieur de Raumer.
Permettez que je me félicite de l’occasion qui m’a été donnée d’entrer en relation avec Vous, et recevez, je Vous prie, la nouvelle assurance de la haute considération avec laquelle j’ai l’honneur d’être, Monsieur, Votre très humble et obéissant serviteur, Jules Bastide.
Abends.
Gestern hat Cavaignac, dem lauten Wunsche gemäß, drei Minister entlassen, und drei neue ernannt. Diese Männer, welche man früher lobte, werden heute schon in vielen Blättern heftig angegriffen, und der Sturz der Republik geweissagt, weil sie dem Berge nicht behagen. Selbst unter der Monarchie (rufen Einige) standen tüchtigere Männer an der Spitze? Woher soll man (erwidern Andere) die Tüchtigen nehmen, da ihr sie in Verruf gethan habt, und unter Euch keine Brauchbaren zu finden sind. — Hat Paturot nicht Recht wenn er sagt: „die Wilden ehren wenigstens Das, was sie gemacht haben. Sie wechseln ihre Götzenbilder nicht mit jedem Tage: sie geben sich kein Oberhaupt um sich das Vergnügen zu machen es zu entehren!“
Wie theuer gewaltsame Umwälzungen sind, zeigt der heute veröffentlichte Finanzbericht über die Einnahmen in 9 Monaten 1848, verglichen mit 1846 und 1847. Es stellt sich nämlich ein Ausfall dar von 102 bis 104 Millionen Franken; und das letzte Vierteljahr wird gewiß kein besseres Ergebniß liefern. Es fehlen beim Salze über 3 Mill., bei den Getränken 7½ Mill., beim Tabak 500,000 Fr., beim Zucker 12–16 Mill.; beim Stempel 7¾ Mill.; bei verschiedenen Zöllen an 20 Mill.; beim enregistrement 37,807,000 Fr. Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Ziffern ziehen über Zustände, Noth, Mißtrauen, Unzufriedenheit u. s. w.! — Karl Blanc, der Direktor des beaux arts, jammert über den Wegfall von 500,000 Fr., welche sonst jährlich den Künstlern aus der Civilliste zugeflossen, und fügt hinzu: „die Revolution des Februar hat (wie alle Revolutionen) die Künstler schrecklich getroffen, und bedroht selbst ihr Dasein. Die Meisten halten jetzt schöne Künste für überflüssig; nur die Regierung kauft Einiges, oder ein jetzt verschuldeter! Mäcen u. s. w. u. s. w.“
Den 17. October.
Madame Sand ist eine so hochgerühmte, vielbesprochene Frau, daß ich pflichtmäßig ihrer wohl einmal gedenken muß. Niemand wird ihr ein ausgezeichnetes Talent absprechen; gewiß hat sie es aber überschätzt und mißbraucht. Sie wollte erschaffen und begründen, eine neue Familie, neue Religion, neue Philosophie, neuen Staat, und hat Phantastisches und Verkehrtes glänzend aufgestutzt, aber nichts zu Stande gebracht; sondern Besseres schwankend gemacht, Schwache verführt und in Wahrheit sich selbst zu Grunde gerichtet. Daß sie (wie man mir sehr umständlich erzählt) in jedem ihrer vielen Romane eine ihrer unzähligen Liebschaften dargestellt und verhandelt hat, will ich ihr nicht einmal vorwerfen; desto bitterer tadelt man, daß sie durch ihre neueren Schriften den Massen wahnsinnige Dinge vorgespiegelt, unerfüllbare Hoffnungen erregt und den ärgsten Aufruhr befördert habe. Sie verließ endlich Paris, wo sie nicht mehr bleiben konnte und durfte. Reybaud widmet ihr im Paturot ein ganzes Kapitel, und sagt unter Anderem: le monde lui échappait: il ne lui resta plus que les tressaillements de la place publique. Elle s’y réfugia. Sa plume ardente réchauffa dans les âmes ce qu’elles renfermaient de colères sourdes et de ressentimens profonds. Plus d’une fois elle convia le peuple à ne compter que sur lui même, et à faire justice de intermédiaires conjurés à le tromper. Ces appels étaient empreints du fiel âcre que distillent les coeurs déçus. Notre Muse y exhalait tous les mécomptes, toutes les ardeurs de sa vie. C’était couronner dignement ce poëme où elle avait jeté la pudeur au vent et pris la morale au rebours avec une audace sans pareille Triste et dernière chute, après tant de chutes! — Rien ne manquait à cette déchéance, si ce n’est le geôlier et la prison battue par les flots de l’Ocean!!
Den 18. October.
Gestern aß ich beim Baron v. Rothschild. Die ganze Familie ist angenehm, natürlich, verständig, und (wie ich wohl schon schrieb) so entfernt von scheinbarem Hochmuth, als von falscher Demuth. Leider ist Frau v. R., diese sehr liebenswürdige Frau, von einer ernsten Krankheit noch nicht so hergestellt, daß sie an der Gesellschaft Theil nehmen konnte.
Am südlichen Himmel giebt es rabenschwarze Stellen; solcher Stellen kann man viele jetzt am politischen Himmel nachweisen. Desto ängstlicher sucht man umher, wo sich etwa eine Spur neuen, oder erhaltenen Lichtes zeige. Die gestrige Mehrheit von 415 Stimmen für die Regierung Cavaignac’s giebt eine Art gesetzlicher Bürgschaft bis zur Präsidentenwahl; die Erklärung der französischen Regierung gegen Erneuerung der Feindseligkeiten in Italien ermäßigt die ungeordneten Gelüste der Italiener und stützt Österreich, der Gedanke an Krieg ist höchst unbeliebt in England und wird die Behandlung Deutschlands wohl berichtigen. — Ob des Bedürfnisses einer festen Verfassung für Deutschland, wird man ungerecht gegen Behandlung und Feststellung der Grundrechte. Denn so unnütz und verkehrt auch dabei gesprochen ward, so gewiß auch einzelne Bestimmungen nichts taugen, oder unausführbar sein dürften, enthalten doch viele Hauptvorschriften außerordentliche Fortschritte, im Vergleiche mit vielen Mißbräuchen und Hemmungen der früheren Zeit. Hoffen wir also, daß der Unsinn und die Wuth sich schnell abnutze und vorübergehe, während das Gute feste Wurzel faßt und Dauer gewinnt.
Den 20. October.
Wenn es ganzen Völkern geht, wie mir, so verengt sich ihr Gesichtskreis immer mehr und sie werden täglich dümmer. Sonst sagte man: alle Wege führen nach Rom, um das Inhaltreichste, Bewundernswertheste zu bezeichnen; jetzt führen alle Wege und Gedanken in die Politik. Aber nicht in die lehrreiche, großartige, welche das ächte Leben und die Entwickelung der Völker nachweiset und regelt, sondern in das willkürliche, sittenlose Treiben der Einzelnen und der Massen, in eine widrige Mischung von Aberglauben und Unglauben, in die Lehre daß zu jedem Zwecke, jedes (selbst das schändlichste) Mittel erlaubt sei, in das nürnberger Tandspiel mit leeren Formen, oder in den rasch wechselnden Götzendienst mit nichtsnutzigen Personen. Welche Beispielsammlung giebt unsere Zeit, wie man es nicht machen müsse. Leider nur nicht so unschuldig und einfach, wie die in der Schule zusammengestellten irrigen Beispiele um die Fehler zu verbessern! Woher kommt die unsittliche Cholera unserer Tage? An vielen Stellen (aber nicht überall) lassen sich die Ursachen nachweisen, und daß ungeheure Ausbrüche schlecht behandelter Krankheiten selten ausbleiben. Die Übel wachsen dann in geometrischer Progression, und schneiden und brennen ist besser, denn verfaulen.
Man wird hier bald mit Entwerfung der Verfassungsurkunde fertig sein: natürlich wieder für eine neu beginnende Ewigkeit! Louis Bonaparte soll der (nichtsthuende) Brama werden; es will sich aber noch kein erhaltender Vischnu mit ihm einlassen, und da möchte es nicht an zerstörenden Schismas fehlen, die jenen auf den Altentheil setzen. — Eine sehr praktische Frage beschäftigt jetzt die Nationalversammlung: über das Maß des Centralisirens oder nicht Centralisirens. Lob und Tadel wird über beide Richtungen in scharfer Weise ausgesprochen: möchte man die richtige Mitte, oder die lebendige Diagonale der beiden bewegenden Kräfte finden! Gewiß giebt es ein Zuviel, und ein Zuwenig, und eine napoleonische Verwaltung, welche den Städten und Landschaften gar keine Freiheit läßt, leidet an dem ersten Mangel. Umgekehrt fürchtet man, beim Nachlassen der strengen Oberleitung, ein völliges Aufhören des Gehorsams und eine anarchische Zerstückelung. Auch hier Scylla und Charybdis.
Um dem Geschrei über den Belagerungszustand von Paris ein Ende zu machen, hat man ihn aufgehoben, ist aber keineswegs gesonnen ungestört die rothe Anarchie oder wiener Gräuel einbrechen zu lassen. Die berliner Zeitungen sind gestern ausgeblieben und daher die Furcht nicht unnatürlich, man werde daselbst in ähnliche Scheußlichkeiten hineingerathen.
Den 22. October.
Gestern hatte ich ein langes Gespräch mit Hrn. C. Nach Beseitigung eigentlicher Geschäfte, sagte er: was halten Sie von der Lage Frankreichs? — Ein Fremder kann darüber schwer urtheilen. — Ihre Meinung zu hören ist mir lieber, als die vieler befangener Franzosen. — Ich kenne die Stimmung der Landschaften zu wenig. — Ich kenne sie auch nicht. Glauben Sie, daß man L. Bonaparte zum Präsidenten erwählen wird? — Es heißt die Landleute und Legitimisten wollen für ihn stimmen. Wer wird aber für ihn regieren? — Das weiß Niemand, wir gehen einer durchaus ungewissen und unbekannten Zukunft entgegen. — Hr. Lamartine sagte: jacta est alea! und Gott wird helfen! — Lamartine ist und war nie ein Staatsmann. In solchen Lagen die Vorsehung anrufen, heißt nichts thun oder Verkehrtes thun. Die Franzosen sind monarchisch durch Herkommen, Sitten, Neigungen; republikanisch nur par l’esprit u. s. w. u. s. w.
Baron R. äußerte letzthin: die Eisenbahnen beförderten Revolutionen. Gewiß; man kann mit ihrer Hülfe aber auch (wenn man thätig ist und es recht anfängt) Revolutionen verhindern. Auch giebt es in Portugal, Spanien, Italien, Ungarn, Polen keine Eisenbahnen, und doch Revolutionen.
Den 23. October.
Besuche abstatten (oder doch abstatten wollen) gehört recht eigentlich zu meinem Geschäfte; — ohne daß man es jedoch dadurch bis zu einem wahrhaften Geschäfte bringt. Man klatscht, man klagt, man vertraut sich Dinge unter dem Siegel der Verschwiegenheit, welche eine halbe Stunde später die ganze Welt weiß; man setzt Kleinigkeiten unter das Vergrößerungsglas, und geht von großen Dingen rückwärts und rückwärts, bis sie klein erscheinen; man spaltet Haare, läßt aber große Steine des Anstoßes als ein noli me tangere unangetastet im Wege liegen. Dies und Ähnliches gehört zur höheren Diplomatie; die verständige geht nicht über den gesunden Menschenverstand hinaus, bezweckt nicht das Unmögliche, und sucht sich mit dem Unabänderlichen zu vertragen und zu verständigen. In den letzten Gränzen hielt sich ein langes Gespräch, welches ich gestern mit Drouyn de l’Huys, dem Vorsteher des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, hatte. So über die Nothwendigkeit und Heilsamkeit eines aufrichtigen Einverständnisses zwischen Deutschland und Frankreich, die Verkehrtheit der alten Eroberungspolitik, die thörichte Vernachlässigung der Gefahren im Osten Europas, die Unentbehrlichkeit einer Schutzmacht gegen Rußland u. s. w.
Es ist erfreulich, daß sich, nach langer Thorheit, die Wahrheit wieder Bahn macht, daß Preußen der Hauptbestandtheil Deutschlands sei. Noch einmal zeigt sich, in nicht allzugroßer Ferne, die Gelegenheit, dies geltend zu machen. Wird man endlich sie kühn zu ergreifen willig und fähig sein? Dazu gehört aber freilich mehr, als daß in Berlin, nach blutigem Kampfe und ohne Bestrafung der Schuldigen, die rothen Republikaner und die Bürgerwehrmänner (oder Weiber) sich in die Arme fallen und Brüderschaft trinken. Dies würde zuletzt nur wiener Ereignisse herbeiführen.
Zu meinen kurzen Mittheilungen über die peinliche Rechtspflege in Frankreich füge ich heute Einiges über die bürgerliche Rechtspflege hinzu. Bei 361 höheren Civilgerichten wurden 176,000 Prozesse angebracht (im Jahre 1846) und davon abgeurteilt 131,080. Die Zahl derselben ist für die verschiedenen Theile des Landes sehr verschieden: am höchsten im Departement der Seine: nämlich auf 124 Menschen und 734 Fr. Grundsteuer ein Prozeß. Unter 1128 Scheidungsklagen sind 1048 von den Frauen und nur 80 von den Männern angebracht worden. Man könnte dies allerdings betrachten als einen Beweis der Ungeduld und Unbeständigkeit der Frauen; in Wahrheit aber dürfte sich die Erscheinung zu ihrem Vortheil gestalten, wenn man die Scheidungsgründe ins Auge faßt. Nämlich 1015 Scheidungsklagen erfolgten wegen Ausschweifungen, Gewaltthaten und grober Beleidigungen (excès, sévices, ou injures graves), 62 wegen Ehebruch des Mannes, und 21 wegen peinlicher Strafen. Von 86 Gegenklagen der Männer bezogen sich 61 auf Ehebruch der Frauen, 1 auf eine entehrende Strafe, 25 auf excès, sévices et injures graves. Obgleich also, wie es scheint, auch die Frauen bisweilen grob sind und drein schlagen, gehen doch Scheidungsgründe dieser Art natürlich meist von den Männern aus und sind weit die zahlreichsten. Ehebruch kommt seltener zur Sprache, als man vermuthen sollte, versteckt sich aber wohl auch nicht selten hinter Grobheiten und Schläge. Weit die meisten Scheidungsklagen fallen auf das Departement der Seine, und viel mehr auf den Norden Frankreichs, als auf den Süden. Noch ist zu bemerken, daß die große Mehrzahl der Geschiedenen Katholiken sind, welche sich nicht wieder verheirathen dürfen, also der Welt keineswegs ein Schauspiel geben wie bisweilen bei uns, wo ein schlechter Tauschhandel und eine Art von Kämmerchenvermiethen stattfindet.
Vierundsiebzigster Brief.
Paris, den 24. October 1848.
Die neue Verfassung Frankreichs ist im Wesentlichen fertig und angenommen. Mit Ausnahme der zunächst praktischen Frage über die Präsidentenwahl, erweckt sie kaum Theilnahme und noch weniger Begeisterung; so sehr ist man an die Verfassungsmacherei gewöhnt, und so wenig Vertrauen hat man zu der Lebensdauer des neugebornen Kindes: transeat cum caeteris. Noch immer hat L. Bonaparte die meiste Aussicht auf Stimmenmehrheit: die Bauern (sagt man) werden ihn wählen, damit er (gleichwie sein Oheim) der Republik den Garaus mache. Noch wollen die einflußreichsten Männer aber sein Schiff nicht besteigen und für ihn das Steuer ergreifen; sie glauben nicht an die Möglichkeit, daß er lange an der Spitze bleibe. Man war im Begriff, die Präsidentenwahl auf den 3. December anzusetzen; weil dies aber der Jahrestag der Schlacht von Austerlitz ist, brachte man den 10. in Vorschlag.
Marquis Brignoles erhielt vom turiner Hofe ein Schreiben: seinem dringenden Wunsche gemäß, werde er von Paris abberufen und Hr. Ricci (ein kriegslustiger Mann) an seine Stelle kommen. — Hr. v. Brignoles schickte das Schreiben zurück: denn da er jenen Wunsch nie gehegt, könne er ihn, der französischen Regierung gegenüber, nicht anerkennen. Gleichzeitig erklärt diese: sie wünsche, daß Hr. v. Br. bleibe und Hr. Ricci nicht komme. Ohne diese Erklärung zu berücksichtigen, wird Br. dennoch abberufen, wodurch Carlo Alberto (oder seine Minister) hier noch mehr als bisher an Credit verlieren.
Den 28. October.
Das Rad dreht sich hier so schnell, daß das heute wichtig Erscheinende, morgen schon verschwunden ist und Anderem Platz gemacht hat. Doch hängt allerdings Alles zusammen, und Eins folgt aus dem Anderen, z. B. allgemeines Wahlrecht, eine Kammer, Wahl des Präsidenten nicht durch die Nationalversammlung, Lamartine’s Würfelspiel, Beschleunigung der Wahl des Präsidenten, L. Bonaparte’s Bewerbung u. s. w. Cavaignac’s bestimmtes Auftreten hat für den nahen Wahltag, den 10. December entschieden. Man fürchtet ein längeres Provisorium, Intriguen, Banketts und Emeuten während desselben; Cavaignac will sich nicht aufdringen, oder aller Orten über Zögerungen anklagen lassen. Wenn L. Bonaparte gewählt wird, sagte ein angesehener Mann, so drängen sich Intriguanten und Nichtsnutzige aus allen Ländern an ihn, und Frankreich geht einer elenden Zeit entgegen. Des leeren Namens wird man bald überdrüßig werden; — und was dann? — Möglich daß, unter vielen bitteren Kelchen, dieser eine vorübergehe.
Auf meine Verhältnisse haben jene Beschlüsse und diese Zustände den bestimmtesten Einfluß. Cavaignac und Bastide werden bis zur Präsidentenwahl in Bezug auf Deutschland keine weiteren Maßregeln ergreifen; sondern (gleichwie England) eine Entwickelung der deutschen Verfassung abwarten. Welche Ansichten ihre etwanigen, unbekannten Nachfolger haben dürften, weiß Niemand; vor dem Januar 1849 rückt mithin nichts von der Stelle. Bei diesen Verhältnissen habe ich heute dem Ministerium in Frankfurt vier Möglichkeiten vorgelegt und mich jeder Auswahl unterworfen: 1) mich abzuberufen; 2) meine Sendung niederzulegen, um meinen Pflichten als Abgeordneter in Frankfurt zu genügen; 3) in Form gegebenen Urlaubs auf kürzere oder längere Zeit von hier wegzugehen; 4) hier geduldig abzuwarten und auszuharren. — Es war gleich unpassend ganz zu schweigen, oder auf Weggehen, oder auf Hierbleiben zu bestehen. Ich zeige meine Bereitwilligkeit zu Jeglichem, was man als heilsam anerkennt für die Sachen, und mit Rücksicht auf meine Persönlichkeit. Das sogenannte Schicksal mag entscheiden.
Übrigens muß eine Art von public character, wie ich jetzt bin, allerhand gewohnt werden. So erzählt der Minister der auswärtigen Angelegenheiten in der — Kammer: ich hätte an die deutschen Regierungen geschrieben, ihre Gesandten müßten noch hier bleiben; und während es dem deutschen Reichsgesandten nicht gelungen sei, deutsche Junigefangene ausgeliefert zu erhalten, wäre dies dem — Gesandten gelungen. An dem Allem ist auch nicht ein wahres Wort: ich habe an keine Regierung geschrieben, der Gesandte hat sich um keine Gefangenen bekümmert; mir aber hat Bastide lachend gesagt: all das Gesindel stehe zu Diensten, wenn man sich in Deutschland danach sehne!
Fünfundsiebzigster Brief.
Paris, den 29. October 1848.
Ich weiß nicht, ob unter Bekannten und Unbekannten die Täuschung noch fortdauert: ich lebe hier herrlich und in Freuden, unter interessanten Personen, üppigen Festen, heiteren Zerstreuungen u. s. w. Umgekehrt, nichts von dem Allem! Da ich zu meinen hiesigen Ausgaben keine bestimmten Summen erhalte, sondern im Ganzen das Verbrauchte angeben soll; so gebe ich bei natürlicher Ängstlichkeit und pflichtmäßiger Gewissenhaftigkeit nur das durchaus Nothwendige aus, um dem (so leicht eintretenden) Vorwurfe zu entgehen, ich hätte auf öffentliche Unkosten geschwelgt. Und dennoch muß ich mir gestehen, mein hiesiges Thun sei so viel Geld nicht werth, als ich verbrauche. Unterrichtete Personen, so B—e, sagen mir: wenn auch die Verhältnisse es unmöglich machen, daß Sie positiv viel ausrichten, so ist doch Ihr Einfluß und Ihre Persönlichkeit negativ von großem Nutzen. Sie halten Übeles ab, berichtigen Mißverständnisse und Irrthümer, fördern die Wahrheit, stehen mit Allen in gutem Vernehmen, während viele Andere leicht Alles verdorben hätten u. s. w. — Mit derlei Trost lasse ich mich denn von einem Tage zum anderen hinpäppeln.
Bei meinem öfteren, früheren Aufenthalte in Paris bin ich als Professor in unzähligen Gesellschaften gewesen; jetzt ißt und trinkt der Quasireichsgesandte beim Restaurant oder auf seiner Stube; denn Niemand giebt Gesellschaften, und die wenigen sogenannten Soiréen sind entweder so überfüllt, daß man sich nicht rühren kann und an Unterhaltung nicht zu denken ist; oder leer und bisweilen sogar langweilig. Ganze Tage lang läuft man umher nach sogenannten interessanten Leuten, findet sie aber nicht zu Hause; oder wenn dies ausnahmsweise einmal der Fall ist, so haben Alle denselben politischen Butterfrauentrab eingeschlagen. Von anderen Dingen (Kunst, Wissenschaft, Geschichte) ist nicht die Rede, sondern lediglich von den vielen Leiden der Gegenwart und den geringen Hoffnungen für die Zukunft. So summt und brummt man hin und her, wie eine Tagesfliege, stößt mit dem Kopfe gegen helle Fenster oder dunkle Wände, findet aber nirgends einen wahren, beruhigenden Ausgang, nirgends Vertrauen, Heiterkeit und Zufriedenheit. — So in dem großen Normalbabel, welches aber doch original ist; während Berlin und Wien sich als schlechte, verzerrte Copien darstellen, und nur die Belgier (früher als Affen der Franzosen verspottet) jetzt auf ihren eigenen Beinen, gesund, frisch und muthig einherschreiten.
Welch ein Unterschied zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. In beiden Ländern steht eine Präsidentenwahl bevor; hier ist aber eigentlich nur von zwei ausgezeichneten Bewerbern die Rede, welche (wer auch obsiege) in allen wesentlichen Dingen die gleiche, bestimmte, nicht zu verfehlende Bahn einschlagen. Nirgends Umwälzungen, Gefahren, oder große Gegensätze; mittelmäßige, gefährliche Bewerber unmöglich, der große Bau fest und gesichert, und die Fahne, welche man auf die Kuppel pflanzt, keine unsichere Wind- und Wetterfahne. — Wie ganz anders in Frankreich: Alles nochmals in Frage gestellt, Republik oder Monarchie, Krieg oder Frieden, Papiergeld, Bankerott, Recht auf Arbeit u. s. w. Viele Bewerber mit den verschiedensten Richtungen: darunter (so spricht man) ein Unfähiger, ein Hauptconfusionarius, ein rother Republikaner, ein weißer Republikaner, drei, vier Monarchisten oder Legitimisten. Jeder stellt dem Anderen ein Bein, wartet auf des Anderen Sturz und Verbrauchtheit; Jeder beginnt den Bau der bürgerlichen Gesellschaft von Neuem und nach wesentlich verschiedenen Grundsätzen. Niemand weiß wer zunächst obenauf kommen wird; Niemand glaubt, daß der und das Obsiegende auch nur ein Jahr lang sich erhalten und obenauf bleiben werde. — Das wirbelnde, kreisende Chaos; Jeder wünscht: es werde Licht; aber Der fehlt, der aus eigener Kraft sagen könnte: und es ward Licht. — Die Formel, „von Gottes Gnaden“, wie sie unser König auslegt, reicht dazu nicht hin. — Jedes Recht ist von Gottes Gnaden, das meinige, wie das des Königs; aber eben deshalb und weil es von Gottes Gnaden kommt, ist keins unbedingt und unumschränkt.
Zu den obigen, für Frankreich stattfindenden Gefahren, treten noch andere hinzu: Erstens, daß die Massen und Parteien geneigt und gewöhnt sind, die Ergebnisse gesetzlicher Entwickelung zu verschmähen, sobald sie ihnen nicht behagen, um auf revolutionairem Wege ihre eigenen Ansichten durchzusetzen. — Und so, ohne Grazie, in infinitum! — Zweitens reichen die förmlichen Bestimmungen der Verfassung nicht aus, die Rechte und die Macht des Präsidenten und der Nationalversammlung zu regeln; man wird darüber hinausgehen, und andererseits dahinter zurückbleiben, das Gesetze Geben und Gesetze Anwenden nicht genau scheiden wollen und scheiden können, mithin zwischen Übermacht und Ohnmacht hin und herschwanken und sich darob vielfach zanken. — L. Bon. Bewerbung wird von sehr Vielen begünstigt, damit er die Republik stürze; ob aber die Minderzahl der entschlossenen Republikaner sich dem geduldig fügen wird, ist noch immer die Frage. Erhält er nicht zwei Millionen Stimmen, so treten vier Bewerber neben ihn hin, und schwerlich wird dann die Versammlung für ihn entscheiden. So wissen mächtige Regierungen und große Völker nicht, was ihnen bevorsteht und sehen hinaus in eine finstere Nacht der Zukunft; wie kann ich verlangen, daß mein Schicksal (so weit es von Außen kommt) bereits feststehe.
Den 30. October.
Sie sind jünger wie ich und nehmen vielleicht deshalb die Dinge heiterer und leichter. Sonst stehen wir Beide auf derselben Stelle, das heißt: wir haben in Wahrheit — nichts ausgerichtet. Denn die Anerkennung der Thatsache: daß in Frankfurt ein Reichsverweser und eine Reichsversammlung ist, hat gar keine Bedeutung, so lange man in London und Paris auf alle anderen Wünsche, Hoffnungen und Forderungen gar keine Rücksicht nimmt; z. B. hinsichtlich Italiens, Holsteins u. s. w. Die Hauptschuld dieser Geringschätzung oder Nichtachtung tragen die Deutschen selbst. Der Straßenunfug in München, die Anarchie in Wien, die muthlose Erbärmlichkeit in Berlin, die Frechheit der äußersten Linken u. s. w. Das sind Übel so großer Art, daß sie mit aller diplomatischen Gewandtheit nicht wegzuräumen sind. Um jedoch nicht offen (und leider mit Recht) anzuklagen, versteckt man sich in London und Paris hinter kleinliche Formen und Sylbenstechereien, und wir trösten uns mit der sprachlichen Deutung: officiös und officiell sei dasselbe. Dem ist aber in Wahrheit nicht so. Mißtrauen in das Gelingen der deutschen Bestrebungen, ja der Wunsch dieses Mißlingens leuchtet bei Vielen durch jenen diplomatischen Vorhang und Vorwand hindurch; alle Freunde der Unordnung deuten das Zögern der großen Mächte zu ihrem Vortheile und benutzen dasselbe; dem tüchtigen Ministerium in Frankfurt wird seine Bahn dadurch wesentlich erschwert und 45 Millionen Deutsche müssen (ich wiederhole: leider hauptsächlich durch eigene Schuld) leiden, was sich Engländer und Franzosen schwerlich bieten ließen. Beide nehmen z. B. ein Monopol der Einmischung in die italienischen Angelegenheiten in Anspruch, während sie uns auf bescheiden vorgetragene Wünsche keiner Antwort würdigen. Was würde England sagen, wenn sich Österreich ähnlicher Weise in die irländischen Angelegenheiten mischen wollte. Ich halte Englands Politik in Bezug auf Deutschland für irrig; die diplomatischen Vieillerien — würde ein Mann von Lord Palmerston’s Energie leicht unter den Tisch werfen, wenn nicht andere als die angegebenen Gründe (bloße Quisquilien) im Hintergrunde lägen. Hat ihn das Provisorium in Palermo etwa von sehr deutlicher Mitwirkung zurückgehalten?
Die Unsicherheit der französischen Regierung und der alte Aberglaube: Deutschlands Schwäche gereiche Frankreich zum Vortheil, — entschuldigt das Benehmen dieser Macht weit eher, als sich (bei wesentlich anderen Verhältnissen) das Benehmen Englands erklären und rechtfertigen läßt. Und doch: lassen sich nicht alle die offen dargelegten, ostensibeln Gegengründe Frankreichs widerlegen! — Die deutsche Verfassung (sagt man) ist noch nicht fertig; Niemand kennt die Zukunft und dergleichen.. Ist denn aber die französische Verfassung fertig? Weiß denn Jemand, wer binnen vier Wochen in Frankreich und wie er, mit oder ohne Verfassung, regieren wird? Alle Leute sagen: „L. B. wird zum Präsidenten erwählt, damit er der Republik den Garaus mache und die neue Verfassung ins Feuer werfe.“ — Mit solchem Glauben oder Unglauben geht man, Gottlob, bis jetzt doch nicht in Frankfurt zu Werke. — Das deutsche Volk hat die frankfurter Versammlung erwählt, alle Staaten und Fürsten haben sie anerkannt und finden jetzt in ihr eine Stütze. England und Frankreich ziehen es aber vor, Gesandte von Baden, Hessen, Anhalt u. s. w. als sakrosankt anzuerkennen, und dem zerstückelten, ohnmächtigen Deutschland Complimente zu machen, während man den Reichsgesandten als ein hors d’oeuvre nebenher laufen laßt. Ich gelte seit meiner Jugend für einen Optimisten und mein Wahlspruch ist immer gewesen: nil desperandum; — aber ich kann die Sonne nicht sehen, wenn Wolken davor stehen, obwohl ich fortdauernd an sie glaube. Glauben Sie nicht, daß verletzte Eitelkeit mich zu dieser ernst-wehmüthigen Betrachtung führt; persönlich geht es mir außerordentlich gut und Hrn. Bastide’s Urtheile über mich sind günstiger als ich je erwarten konnte. Über meine unbedeutende Person kann ich aber Deutschland nicht vergessen.
Mittags.
Es ist nur eine Stimme darüber, daß, trotz aller förmlichen Verfassungsmacherei, Niemand etwas über die Zukunft wissen könne. Der Präsident wird in derselben Weise gewählt wie die Nationalversammlung, weil aber später als diese, wird er sich des neuesten und größten Vertrauens rühmen und danach handeln wollen. Treten etwa im Mai neue Wahlen für die Nationalversammlung ein, so kehrt sich die Zeitrechnung um und die Versammlung nimmt die größte Macht in Anspruch. Nach der Verfassung kommt ihr der größere, dem Präsidenten der kleinere Theil dieser Macht zu; der Buchstabe solcher Urkunden hat aber niemals in Frankreich entschieden. — Der Geschichtschreiber soll das Band der Ursachen und Wirkungen nachweisen; wie ist dies aber da möglich, wo man Alles einem Glücksspiele, einer bloßen Lotterie preisgiebt? Höchstens kann man den Gründen nachspüren, welche veranlaßten, daß man so quitte à double spielt. — Dennoch sind die Franzosen weiter in ihrer staatsrechtlichen Entwickelung, als die Deutschen; in so fern als sich die große und nicht unthätige Mehrzahl für Ordnung und Recht verwendet; während die deutschen Wühler sich für die rechten Erlöser ausgeben und die Massen noch immer verführen. Wie lange wird dieser Götzendienst dauern? — Wird Gesetzlichkeit in Wien zurückkehren, oder Berlin in einen ähnlichen Abgrund der Anarchie versinken?
Es klingt mir in den Ohren immer wieder: multa agendo, nil agimus. Aber wenn man uns mißachtet, wer anders trägt die Hauptschuld, als wir selbst? Als ich vor zwei Monaten meine nicht gehaltenen Reden drucken ließ, wollte die Linke durch die Reichsgewalt alle einzelnen Staaten (angeblich zum Heile Deutschlands) vernichten; jetzt fordert sie die Herrschaft für die einzelnen Staaten und will (wieder zum angeblichen Heile Deutschlands) die frankfurter Versammlung auseinanderjagen. Und zahllose Dummköpfe stimmen in das erste, wie in das zweite Geschrei ein, ohne zu merken, worauf es beide Male abgesehen war und ist. — Krisen dauern nicht lange, das zeigt der Februar, März, Mai, Juni u. s. w.; aber Krankheiten können 30 Jahre lang währen, für ein Jahrhundert abschwächen, oder mit dem völligen Tode des Einzelnen, oder der Völker endigen. — Wie arm ist diese letzte Zeit an großen Männern und Charakteren; das Mittelmäßige macht sich überall breit und gilt für groß, so lange es neu ist. Bald darauf wird es freilich verhöhnt und mit Füßen getreten. Und dennoch drängen sich Unfähige, Lahme, Schwindelige zu diesen Tempeln, um den Salto mortale, durch das politische Faß hindurch zu wagen! Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.
Sechsundsiebzigster Brief.
Paris, den 1. November 1848.
Jede Revolution stört und unterbricht den Gang ruhiger Thätigkeit, mindert die Einnahmen und vermehrt die Ausgaben. Schon aus diesem finanziellen Gesichtspunkte sind alle Diejenigen verantwortlich und strafbar, welche ihre Nothwendigkeit herbeiführen, oder sie ohne genügenden Grund veranlassen. Das Deficit der Staatseinnahmen schlägt man in Frankreich für 1848 auf mindestens 300 Millionen Franken und ebenso hoch für 1849 an. Wie will man, wie kann man diesen Mangel decken? Steuererhöhungen sind unter den obwaltenden Umständen fast unmöglich, oder doch uneinträglich; Anleihen verstärken die ohnehin sehr große Schuldenlast und dürften nur unter den lästigsten Bedingungen zu Stande kommen; Papiergeld führt zu schlecht verdecktem Bankerott. Wenn also die Einnahme sich nicht steigern läßt, muß man die Ausgaben mindern. Abgesehen davon, daß jede Verminderung derselben auf Gewerbe und Geldumlauf nachtheilig wirkt, reicht das Streichen einiger Millionen, an diesem oder jenem Titel, kaum hin den funfzigsten Theil der vorhandenen Lücke auszufüllen; nur eine große Verminderung im Heerwesen könnte dazu hinreichen. Ob nun gleich Frankreich fast unangreifbar und nicht die geringste Gefahr eines fremden Angriffs vorhanden ist, wird es doch zu einer großen Ersparung bei den Kriegsausgaben nicht kommen. Denn die französischen Soldaten wollen nicht entlassen, nicht in ihre Heimat entsandt sein; sie betrachten meist ihre Stellung und Einübung nicht als etwas Vorübergehendes, sondern als Beruf und Erwerbszweig fürs ganze Leben. Daher behält man das System der Stellvertreter bei, und dringt auf eine lange Dienstzeit; während wir (bei allerdings sehr verschiedenen Verhältnissen) eine andere Richtung eingeschlagen haben. So wenig wie unsere Officiere in Masse eine Verabschiedung wünschen, ebensowenig die französischen Officiere und Soldaten. Hier ist also Schwierigkeit, Widerspruch und Gefahr doppelt groß, und dem Finanzwesen dieser Rettungsweg so gut wie verschlossen. Doch klebt und kleckst jeder französische Finanzminister so viel glänzende Schönpflästerchen auf sein Budget als irgend möglich, und die Nationalversammlung freut sich des bunten Farbenspiels, bis der Anputz schmuzig wird, abfällt und nur Narben und Flecke zurückläßt.
Beide Einstellungssysteme, mit und ohne Stellvertreter können angemessen sein: jenes, wo mehr Leute Soldaten werden wollen, als man jemals braucht; dieses, wo eine allgemeine kriegerische Vorbildung nöthig ist, um einen Staat in seiner politischen Höhe zu halten. Daneben, neben dem Heere und der Landwehr, läßt sich auch eine passende Stelle für eine Bürgerwehr finden. Wenn diese aber die eigentlichen Soldaten bei Seite schiebt, Wachen bezieht, Schildwach steht, sich eiteler Paraden freut u. dergl., das heißt faullenzt, statt zu arbeiten; so ist dies zugleich ein sittlicher und ein ökonomischer Verlust. Zwei Heere kosten noch einmal so viel als eins, und wenn nun gar die Bürgerwehr berathet, beschließt, sich über die Stadtbehörden hinaufsetzt, und anstatt wesentlich zu gehorchen, wesentlich ungehorsam wird; so ist dies (trotz aller Rederei, Anmaßung und Vornehmthuerei) ein verderblicher und verdammungswerther Zustand.
Den 2. November.
Der größte Theil der Journale spricht sich gegen L. Bon. aus, und Viele meinen: wenn die Präsidentenwahl noch einige Monate hinausgeschoben wäre, würde er schon vor derselben politisch gestorben sein. Nur die Presse, welche ihn früher aufs Härteste beurtheilte und heruntermachte, hält ihm jetzt eifrige Lobreden. Lob und Tadel ward vor drei Tagen auf einem großen Bogen nebeneinander gedruckt und an den Straßen angeschlagen. Diese Blamage für die Presse, welche den General Cavaignac täglich, bis zum Ekel, angreift und anklagt, hätte ihm willkommen sein müssen; höher stehend oder edler fühlend, ließ aber die Regierung jenen Anschlag abreißen, weil eine aufregende politische Straßen- und Mauerliteratur hier verboten ist.
Ernsthaft gesprochen, wird mir mein hiesiges Leben täglich leerer, langweiliger und widerwärtiger. Denn es fehlt mir (leider oder Gottlob) an aller Eitelkeit, die sich etwas darauf zu Gute thun könnte, hier envoyé extraord. des deutschen Reiches zu sein. In Wahrheit bin ich nur ein flaneur, und faullenze in einer Weise, wie ich es nie gethan habe. Man sagt mir von mehren Seiten: ich wirke sehr nützlich, ich sei beliebt, man wünsche mich hier zu behalten, man werde mich schwerlich ersetzen können u. s. w. — Larifari, was ich hier thue, kann Jeder thun; ich aber könnte, wo nicht Besseres, doch etwas thun, was mir persönlich erfreulicher wäre. Aber wo, wie? „Denn zur Strafe meiner Sünden, kann ich keinen Ausgang finden.“ Für Werke der Wissenschaft bin ich zu alt, oder es fehlt doch die Gemüthsruhe, welche mir erlaubte, im vorigen Jahre über den römischen Senat und die großen Kirchenversammlungen zu schreiben; es fehlt die Heiterkeit, mich drei portugiesischen Frauen in die Arme zu werfen, welche ich dem wissenschaftlichen Vereine vorführen wollte, die aber jetzt in meinem Pulte eingesperrt liegen. — Wäre nach tausend Jahren von allem Geschriebenen und Gedruckten nichts übrig, als meine Briefe aus Frankfurt und Paris, so würden sie viele Philologen, Editoren, Commentatoren, Kritiker, Setzer und Drucker beschäftigen; jetzt haben sie nicht so viel Gewicht und Bedeutung, alte Freunde zu einer Antwort zu bewegen. — Vielleicht kommt bald eine Nachricht aus Frankfurt, welche mich — dahin bringt, irgend ein Bund Heu muthig aufzuessen.
Die jetzige Regierung Frankreichs, wenigstens zum Theil hervorgegangen aus dem Streite über die Festmahle (banquets), kann dieselben nicht füglich verbieten; auch hemmt die Furcht vor den drastischen Juniarzneien, lauten Skandal. — Der Sinn Mancher offenbart sich indessen, wenn sie Blanc und Raspail als Märtyrer der Freiheit leben lassen, und d’Alton Shee vor Allem die Ausrottung schlechter Gewohnheiten verlangt. Die schlechteste von allen (fährt er fort), welche uns die Monarchie (!) hinterlassen hat, est la transmissions de l’hérédité et des noms!! — Dies zum Troste gegen den Ärger über Narrheiten in Deutschland.
Viele gemäßigte Republikaner, welche sehen, welche Gefahren ihrem aus dem Stegreif erschaffenen Werke drohen, sagen: der National (die heftige Partei) hat die Republik zu Grunde gerichtet. Allerdings hat diese Partei ihren Sieg leidenschaftlich und eigennützig ausgebeutet (wie alle politischen Sieger in Frankreich); aber auch abgesehen davon, und von gerechtem Tadel, führt die Neigung und die Gewohnheit des Veränderns, selbst gesunde, natürliche Kinder hier zu raschem Tode. Als Rettungsmittel für die Republik ist vorgeschlagen worden, alle Bonapartiden in der Nacht gefangen zu nehmen und nach Cayenne zu schicken. Der Gedanke ward aber aus mehren Gründen abgelehnt. Wenn man die geheimsten Berathungen dieser Art ausplaudert, so ist dies ein Zeichen, daß man nicht mehr an die Festigkeit der bestehenden Regierung glaubt. — Die Partei des National wünschte sich mit der alten Opposition, der dynastischen Linken, zu verbinden; diese erwidert jedoch: helft euch selber, wir haben mit Cav. und L. Bon. nichts zu schaffen. — Wahr; allein hiedurch stimmt sie dem jacta est alea Lamartine’s bei, und wartet ab, wer da Licht in diese Nacht der Zukunft tragen werde.
Täglich höre ich (hauptsächlich von Gesandten): Sie müssen lesen diese und diese Zeitungen, diese Artikel, diese Anklagen, diese Vertheidigungen, diese Glaubensbekenntnisse, diese Versprechungen, diese Warnungen u. s. w. u. s. w. — ein Meer nicht auszuschöpfen, so viel Köpfe so viel Sinne, Staatsweise (oder Narren) in Unzahl! Ich kann und will mich nicht entschließen, bei Tage diese ungeheure Menge politischen Heues zu verzehren, bei Nacht es wiederzukäuen und am nächsten Morgen doppelt durch diesen politischen Katzenjammer zu leiden. Ich habe gar keine Anlage, ein solcher gesandtschaftlicher Vielfraß zu werden.
Schon oft ist es in der Geschichte vorgekommen, daß das Schicksal eines Staates oder Volkes von einem Kriege, einer Schlacht abhing; es ist aber wohl noch nirgends geschehen, daß man sich durch lange Berathungen, zahlreiche Beschlüsse, staatsrechtliche Bestimmungen in eine so völlige Dunkelheit und Ungewißheit über alle geselligen Verhältnisse der nächsten Zukunft hineinverirrt, so Alles auf ein Spiel mit (falschen) Würfeln hinausgeführt hat. Es gehört eine mehr als eiserne Gesundheit dazu, Versuche, Experimente solcher Art zu überstehen.
Zu etwas Anderem. Ein Hr. Deschamps hat den Macbeth arrangirt, zurechtgeschnitten, ausgeflickt, zugesetzt, mit Tableauxs, Fackeln, Lampen u. s. w. u. s. w. versehen, — zu großer Zufriedenheit der Pariser. Es heißt: ich habe mir erlaubt de retrancher des scènes parasites, des tirades exubérantes, des expressions affectées ou indécentes. Au 4e acte je me suis permis des changemens fondamentaux. — J’ai trouvé des vides à remplir par des paroles et des expressions shakspeariennes. — So versteht, so mißhandelt man, so bewundert man hier den größten aller Dichter!!
Da nicht jeder Freund oder jede Freundin, welche diese Briefe lesen, Paris (oder auch nur einen Wegweiser durch Paris) zu sehen bekommen, mögen einige auserwählte Kleinigkeiten über die angebliche Capitale du monde hier Platz finden. Sie liegt an 4 Grad südlicher wie Berlin, was sich in der Wärme, den Blumen und Früchten offenbart. Festungswerke und 14 Bastionen durchschneiden Besitzungen und Aussichtslinien, und schützen gegen Feinde, die (wenn Mäßigung in Frankreich herrscht) sich nirgends finden. Einen stets nahen Feind hat aber die Befestigung hervorgerufen und sehr verstärkt: nämlich die Schuldenlast!
Unter Ludwig XI. betrug die Bevölkerung etwa 100,000, unter Ludwig XIV. 500,000, jetzt (innerhalb des Steuerbezirks) eine Million, welche jährlich verzehrt 77,000 Ochsen, 20,000 Kühe, 83,000 Kälber, 460,000 Hammel, 96,000 Schweine u. s. w. Die Verzehrungssteuer beträgt jährlich gegen 35 Millionen Franken. 1842 wurden geboren 15,369 Knaben, 14,844 Mädchen, darunter ¼ uneheliche. Die Stadt hat 55 Thore (barrières) und gegen 1100 Straßen. Die Polizei ist getrennt von der Präfektur und eigentlichen Stadtverwaltung. Jeder von den 12 Bezirken hat seinen Maire nebst Zubehör. Die Sparkasse (mit welcher man seit dem Februar sehr willkürlich umging) nimmt von einem Franken an, aber nicht über 500 Franken auf einmal und zahlt 3¾ Procent Zinsen. Jährlich werden im Durchschnitt 5,500 Kinder ausgesetzt!!! welche verruchte Niederträchtigkeit noch immer Beförderer und Schutzredner findet.
Den 3. November.
Vorgestern, als wir sämmtlich ausgegangen waren, kommt ein wohlgekleideter, mit Orden geschmückter Mann zur Pförtnerin, giebt sich für einen Bruder, Schwager oder Onkel aus, ohne jedoch Namen und Wohnung anzuzeigen. Sein Gesuch: in unsere Stuben eingelassen zu werden, lehnt die Pförtnerin ein erstes, und als er dringend wiederkehrt, ein zweites Mal ab. Ein drittes Mal ist der Chevalier d’industrie, oder Spitzbube, nicht wiedergekommen.
Siebenundsiebzigster Brief.
Paris, den 4. November 1848.
Umlaufsschreiben der berliner Minister gehen in alle Welt: sie würden die Ordnung aufrecht halten, sobald es nöthig werde! Also, alle die widerwärtigen, ekelhaften, niederträchtigen Worte und Thaten, welche täglich vorfallen und als Fortschritte in der großartigen Entwickelung der Freiheit bezeichnet werden, müssen den Machthabern und Behörden doch als Fortschritte, oder als unschuldiger Scherz erscheinen, wenn man Abgeordneten Stricke zum Aufhängen unter die Nase hält, oder sie prügelt und mit Koth bewirft.
Den 5. November.
Gestern ist die neue Verfassung für Frankreich schließlich angenommen. Theilnahme und Begeisterung war nicht zu spüren; die Freudenschüsse hielt man erschreckt für Beweise eines neuen Aufruhrs. Vielleicht bringt das angeordnete Fest die Leute etwas mehr in Bewegung. Da die Feier der Julitage abgeschafft ist, muß eine neue doublure auftreten und spielen.
Den 6. November.
Schöne Nachrichten aus Berlin. R. und K. (par nobile fratrum) Arm in Arm an der Spitze des souverainen Pöbels. Der erste Minister, ein preußischer General, beschützt von den ärgsten Beförderern der Anarchie, gegen Prügel und Mord. — Papierne Mittel dagegen, welche nur den Muth der Anarchisten verdoppeln und die Behörden verächtlich machen. — — — Viele Gründe haben einen großen Theil Europas in die jetzigen Wirren gestürzt. Sie sind löblicher und verdammlicher Art. Zu jenen will ich gern das eifrige Bestreben zählen, alles Mangelhafte auf Erden zu verbessern, hieran reiht sich aber sogleich ein doppelter Aberglaube: erstens, daß sich Alles verbessern lasse; zweitens, daß Jeder das rechte Mittel kenne. Persönliche, unbegründete, unduldsame Meinungen werden ausgesprochen und geltend gemacht, wie ewige Wahrheiten: und in dieser dummen Tyrannei stimmt die alte und neue Schule überein. — Da sich nun aber, in gewissen Verhältnissen, derlei Tyrannei des Einzelnen nicht durchsetzen läßt, addirt man die Einzelnen (unbenannte) Zahlen zusammen, und hofft auf Erlösung durch das allgemeine Stimmrecht. Ein halb, mehr eins (was quantitativ ohne Zweifel die Mehrheit ist), gilt auch für ein qualitativ unfehlbares Übergewicht. So bei der französischen Präsidentenwahl. — Ein anderer, erst in neueren Zeiten mächtig hervortretender Grund von Umwälzungen ist die immer allgemeiner werdende Meinung: nur das sei das Rechte und beglücke den Menschen, was er selbst wolle und erschaffe. Alles von Natur oder durch Gesetz Gegebene, alle unabänderlichen Verhältnisse seien vom Übel und zu zerbrechen. Und doch ist ohne Achtung, Anerkenntniß und rechtes Verstehen der gegebenen Verhältnisse, gar keine Ordnung und Zufriedenheit auf Erden möglich. Vaterland, Eltern, Geschwister, Zeit der Geburt, Geschlecht, Reichthum oder Armuth, Gesundheit oder Krankheit, Geistesgröße oder Beschränktheit; kurz, die wichtigsten Dinge sind gegeben, und wer mit dem Gegebenen nichts anzufangen weiß, oder gar es wegwirft, der wird gewiß nichts Anderes und Besseres erwerben. Hiemit finden wir die Lehre in genauem Zusammenhange: Leidenschaft stehe höher als Begeisterung, Willkür höher als Besonnenheit, und Jeder habe das Recht, sich eine eigene Rechts- und Sittenlehre zu erfinden. Mit Recht sagt ein französischer Schriftsteller: le dernier degré de l’abaissement, est la bonne foi dans l’infamie.
Den 7. November.
Dieser Tage fragte mich ein Gesandter: wie oft melden Sie Neuigkeiten nach Frankfurt? Diese Frage traf mich wie ein Vorwurf der Vernachlässigung meiner Pflichten, — und doch habe ich, aufrichtig gestanden, die Überzeugung —, derlei Neuigkeitsberichte seien eher schädlich als nützlich, — oder doch überflüssig. — Aus dem Lesen, ich kann sagen vieler Tausend von Gesandtschaftsberichten in verschiedenen europäischen Archiven, weiß ich, daß kaum ein Gesandter (aus Gründen, die ich hier nicht aufzählen will) dieser Neuigkeitsjägerei entgeht, daß fast Alle ein falsches Gewicht darauf legen. Sie quälen sich, um 3 Uhr zu erfahren, was um 5 Uhr die ganze Welt weiß und woran um 7 Uhr kaum irgend Einer noch glaubt. Dieses Abmühen mit Kleinigkeiten ist das Gegentheil staatsmännischer Übersicht und Voraussicht; es wirft ein falsches Licht auf die wahrhaft wichtigen Gegenstände, verrückt leicht den richtigen Gesichtspunkt und erschöpft die besser zu verwendenden Kräfte.
Aus dem nur zu oft morastigen Boden der heutigen Politik steigen unzählige Blasen (bubbles) auf, wer kann sie festhalten, ihnen Dauer geben, sie zeichnen, beschreiben? Der Tag, ja der Augenblick ihrer Geburt, ist auch der Tag und Augenblick ihres Todes! — Es ist unglaublich, mit welcher Bestimmtheit oft das Entgegengesetzteste erzählt und behauptet wird; z. B. Louis Bonaparte habe gesagt: er werde niemals Krieg anfangen; — er werde die Steuern vermindern und sogleich Krieg beginnen. Und solcher Geschichtlein könnte ich hunderte auftischen! — Wichtiger ist es, daß die Gesellschaft der angeblich Gemäßigten keinen Bewerber für die Präsidentenwürde aufstellen will. Das heißt (aus langen Reden in kurzes Deutsch übersetzt): sie wollen dadurch nicht die Stimmen zertheilen, wodurch die Entscheidung an die Nationalversammlung kommen und ohne Zweifel für Cavaignac und die Republik ausfallen würde. Sie betrachten L. Bonaparte als ein Mittel zum Sturze der letzten, und daß alsdann die Regierungsgewalt in irgend einer Weise an sie komme. Bei aller Wahrscheinlichkeit, daß Bonaparte obsiege, steht dadurch noch gar nicht fest, wer etwa mit ihm oder an seiner Stelle regieren werde.
Mehr Friedensliebe, als Cavaignac und Bastide, dürfte schwerlich irgend ein anderer französischer Machthaber besitzen. Die lange Dienstzeit der Soldaten, welche Thiers vertheidigt, soll ein Heer erschaffen, das sich nach allen Weltrichtungen für Eroberungskriege gebrauchen läßt.
Hr. Bastide und Hr. Cintrat sind überzeugt, daß ein mächtiges Österreich (besonders für den Osten Europa’s) nöthig ist, und der von Frankreich wohl aufgegebene Gedanke einer Abänderung der Landesgränzen in Italien, scheint nur in England noch Vertheidiger zu finden. Alle Leute behaupten hier: die französische Politik sei jetzt für Deutschland günstiger und milder, als die englische, und ich muß (so weit die Sachen zu meiner Kenntniß kommen) dieser Meinung beitreten. — — —
Achtundsiebzigster Brief.
Paris, den 9. November.
Die Franzosen sitzen vor dem Vorhange der Zukunft; und ob sie gleich die Coulissen, Versenkungen, Flugwerke u. s. w. selbst eingerichtet und aufgestellt haben, wissen sie doch nicht, welch ein Stück wird aufgeführt werden, und wer die Hauptrolle übernimmt! „Es giebt (sagte gestern Hr. Berryer bei Rothschild) keinen Zufall. Der Ausfall selbst jedes Glücksspiels (Pharao, Roulette) beruht auf gewissen Ursachen und Gesetzen, beruht auf Logik.“ — Das weiß zuletzt Jeder; weiß aber damit doch nur, daß er eben nichts weiß, und diese Unwissenheit wird dann als Zufall oder Schickung bezeichnet. — Daß ich Roulette spielend, weder durch wissenschaftliche Berechnung, noch durch Übung der Hand, ein bestimmtes Ergebniß voraussagen oder herbeiführen kann, stellt jenes Glücksspiel eben auf einen anderen Boden, als das Schachspiel, wo ich mit Sicherheit ein Ergebniß bezwecken und herbeiführen kann. Wer nicht über das Würfelspiel hinauskann und hinauskommt (jacta est alea), war und wird kein Staatsmann; auch ist Alles so verfahren, daß die Franzosen genöthigt sind, das dumme Wort nachzuschreien, und abzuwarten: ob ihnen eine gebratene Taube in den Mund oder ein Stein an den Kopf fliegen wird. Die neue Verfassung soll als ein Schild Rinald’s gegen Gefahren schützen, oder als Wünschelruthe unsichtbare Schätze finden lehren; — credat Judaeus Apella! — „Sie ist (sagte mir einer der ersten Staatsbeamten) ein todtgebornes Kind.“ Indessen soll sie nächsten Sonntag, vor unzähligen Zeugen, getauft werden; von denen wenigstens Neunzehntel hoffen und wünschen, daß der erstgeborne Sohn der Verfassung (der Präsident) seine Mutter kurzweg und ohne viele Umstände umbringen möge. — Cavaignac wird gehaßt von den rothen Republikanern, weil er sie mit eiserner Hand zu Boden schlug, und die Erretteten finden, daß viermonatliche Herrschaft, als Dank, schon zu lange dauert. Alle Abstufungen von Monarchisten fürchten ihn, da er aufrichtig und ehrlich die Republik will, welche weit der Mehrzahl (aus sehr verschiedenen Gründen) in Frankreich zuwider ist. Während dieser Verhältnisse erhebt sich (den meisten Führern unerwartet) Ludwig Bonaparte. Die Massen, durch das allgemeine Stimmrecht gleichberechtigt, ziehen vor dem Namen den Hut ab, erwarten durch ihn Sturz der Republik, Erlaß von Steuern, Eroberungskriege, — oder was Jedem sonst behagt. Die überraschten Meneurs sehen, daß sie Dessen, den sie für einen bloßen Popanz hielten, nicht mehr Herr werden können; sie beeilen sich deshalb ihm Komplimente zu machen, ihn zurechtzuschneidern und für ihre Zwecke auf den Trab zu bringen. — Er ist (sagte mir gestern ein solcher legitimer Schneidergeselle) bien élevé, et pas sans intelligence. — Um Frankreich zu regieren? fügte ich in fragendem Tone hinzu. — Er hat, fuhr Jener fort, eine sehr gute Eigenschaft, nämlich sich leiten zu lassen. — Ich habe bisher geglaubt, der Präsident von Frankreich müsse Andere leiten und nicht des Hofmeisters mehr bedürfen u. s. w. u. s. w. In Wahrheit fördert man (besonders auf dem Lande) die Wahl Bonap., damit Cavaignac durchfalle und die Republik ein Ende nehme. Sobald dies geschehen, sei Bon. gar bald als verbraucht zur Seite zu schieben, und ein legitimer König auf den Thron zu setzen. So weit haspeln diese Parteien Alles gar einträchtiglich ab und zweifeln nicht an der Weisheit und Nothwendigkeit ihrer verwickelten Plane. Wem aber unter vielen Bewerbern der Thron einzuräumen sei: Louis Philippe, Joinville, Heinrich V, Orleans u. s. w. — das sind curae posteriores, spätere Sorgen! — Neben all diesen höchst bedenklichen Zuständen wird jedoch in Frankreich das Bedürfniß von Ordnung und Recht täglich allgemeiner gefühlt, und die bitteren Erfahrungen scheinen nicht ungenutzt zu bleiben. In der deutschen Verwirrung ist mehr Unreife und Haltungslosigkeit; während sich Frankreich (wie ein Stehauf) immer wieder rasch auf seine Beine stellt und nach allen Seiten hin Front macht.
Die Berathungen über das Budget gewähren einen sehr traurigen Eindruck. Von 1800 Mill. Ausgaben jüdelt man 5–6 Mill. hinweg, meist auf Kosten der Beamten, welche um so mehr auf ungerechten Erwerb hingewiesen werden. Hingegen bleibt die täglich erhöhte Friedensausgabe für ein Heer von 500,000 Mann ein noli me tangere. — Erweiset man, daß Frankreich von Außen nicht bedroht ist, so wird geantwortet: wir brauchen solch Heer im Innern. — Nach Widerlegung auch dieses Einwandes, gesteht man endlich ein: man müsse so viele Leute füttern, ihnen Brot geben und einige Zucht beibringen, weil sie sonst nicht zu bezähmen seien.
Den 10. November.
Beide Paturots sind von Louis Reybaud, und Malvina ein vortrefflich erfundener und durchgeführter Charakter. — Mehre andere Romane enthielten so ordinaire, liederliche Geschichten, mit assa foetida gewürzt, daß ich mich durch einen Riesensprung in eine ganz andere Welt versetzte, das heißt: auf der Straße den Flavius Josephus kaufte, nach vielen Jahren diesen Schriftsteller nochmals lese, und den alten Glauben, oder das alte Vorurtheil bestätigt finde, daß die auserwählten Juden ungezogene Kinder waren und nicht viel taugten. — Einseitiger Trost für die Mängel der Gegenwart.
Ich habe Gelegenheit gesucht und gefunden, mit Schneidern, Schustern, Kaufleuten, Buchhändlern, Kutschern u. s. w. über die jetzigen Verhältnisse zu sprechen, aber auch nicht einen Freund oder Bewunderer der Republik gefunden. Vielmehr suchen Alle den Grund jedes Übels jetzt in der Revolution des Februars. Auch die Nationalversammlung, gewählt unter dem stärksten Einflusse der Sieger, hat Beschlüsse gefaßt, welche ihr eigenes Werk untergraben; ja, Viele glauben so wenig an dessen Dauer, als früher die Urheber an die Dauer der Verfassung von 1791. Gewiß hat Paris ungeheuer verloren: der Ausfall an Stadteinnahmen für 1848 wird auf 10 Millionen und für 48 und 49 auf 60 Procent angeschlagen. Schon jetzt (vor Eintritt des harten Winters) erhalten 265,000 Personen, eine für die Stadt sehr drückende und doch für die Empfänger sehr unzureichende Unterstützung. Nur Arbeit könnte helfen; aber es fehlt noch mehr an Arbeitgebern, als an Arbeitslustigen. — Die neue Verfassung macht der jetzigen Nationalversammlung ein Ende; wenn diese aber vorher noch die sogenannten organischen Gesetze entwerfen und annehmen will, so muß sie ihre Lebensdauer sehr verlängern; — vorausgesetzt, daß das souveraine Volk, oder der emporwachsende Präsident, damit einverstanden sind. Übrigens beziehen sich jene geforderten, oder versprochenen organischen Gesetze, fast auf alle Theile des geselligen Lebens: Verantwortlichkeit der vollziehenden Gewalt, Staatsrath, Wahlgesetz, Organisation der Landschaften und Ortschaften, Rechtspflege, Unterricht, Heerwesen, Presse, Belagerungsstand. — Bevor das Letzte festgestellt ist, wird der Grundbau des Anfangs vielleicht schon zusammenstürzen. Denn, wie gesagt, der Sturz der Republik ist offener oder geheimer Zweck der Meisten; wo sich dann weiter fragt: ob die Republikaner dies mit Gewalt verhindern werden, und ob man (sofern sie in Paris obsiegen sollten) in den Landschaften gehorchen will. Nimmt die französische Republik ein Ende, mit Spott oder Schrecken, so werden ähnliche thörichte Gelüste in Deutschland schneller absterben; dem Frieden aber sind Cavaignac und Bastide geneigter, als ihre wahrscheinlichen Nachfolger.
Nehmen wir auch an, daß die neue Verfassung von gar keinen äußeren Gefahren bedroht wird, werden doch innere Gründe ihre Gesundheit und Wirksamkeit untergraben. So schön und wohlwollend zunächst auch die einleitenden Sätze lauten, weisen sie doch auf ernste Pflichten hin, von denen sich nur zu Viele gern entbinden, und erwecken Hoffnungen, welche man zu erfüllen außer Stande ist. So z. B. wenn es heißt: die Republik werde das Wohlbefinden (l’aisance) eines Jeden vermehren, durch Verminderung der Steuern u. s. w. Auch der Satz: Jeder solle nach Maßgabe seines Vermögens zu den Abgaben beitragen, würde eine verderbliche Umgestaltung des ganzen Steuerwesens herbeiführen. Eine Versammlung von 750 Abgeordneten, erwählt nach allgemeinem Stimmrechte, und ihr gegenüber ein in ähnlicher Weise erwählter Präsident, ist gewiß nicht die rechte Form für lebendige, harmonische Bewegung und ewigen Frieden. Was Eide der Abgeordneten, Direktoren, Consuln, Präsidenten zur Erhaltung unbrauchbarer, oder gering geschätzter Formen helfen, hat die Erfahrung der letzten 60 Jahre hinreichend erwiesen; und doch hängt auch diesmal die ganze Verfassung an diesem Strohhalme!
Wenn man gezwungen ist, hundertmal dasselbe zu denken, so ist es natürlich, daß man wenigstens zehnmal dasselbe schreibt. Habt also Nachsicht mit meinen Wiederholungen. Ich erzählte wohl schon, daß der Verein der Straße Poitiers keinen Candidaten für die Präsidentenwürde vorschlagen will. Dieser Beschluß richtet sich unmittelbar wider Cavaignac, und fördert mittelbar L. Bonaparte. Wenn nun Thiers hinzusetzt: er wolle nicht Minister eines Präsidenten sein; — heißt das: Bon. solle sich darüber hinaus erheben, oder schon vorher beseitigt werden? Das Benehmen dieser Männer mag pfiffig sein, oder aufgezwungen durch Verhältnisse; gewiß ist eine negative Stellung solcher Art untergeordnet, und nicht in kühnem Style patriotischer, des Herrschens fähiger und würdiger Staatsmänner. Ich habe darüber vielerlei Streit, weil künstliche, schlaue Bemühungen, besonders die Diplomaten mehr interessiren und imponiren, als die Einfachheit eines edelen und muthigen Benehmens. — Man verdammt alle Erbfolge der Herrscher aus mancherlei Gründen, und will doch Bon. erheben, weil er der Neffe eines namhaften Mannes ist. Man schämt sich dieser Folgewidrigkeit, und weiß doch nicht, wie man ihr entgehen soll!
Neunundsiebzigster Brief.
Paris, den 11. November 1848.
In einem Rundschreiben an alle Behörden, sagt Gen. Cavaignac: „das allgemeine Stimmrecht enthält die ganze Revolution; die des Februar ist eine unverletzliche Revolution durch das ganze Volk.“ — Wie aber, wenn die Stimmenmehrheit, welche allein entscheiden soll, sich gegen die Republik erklärt? — Er sagt ferner: „das politische Grundgesetz (die Verfassungsurkunde) stellt sich jetzt neben dem ewigen Gesetze der Ordnung und Festigkeit (stabilité), welche die nothwendige Bedingung aller menschlichen Gesellschaft ist. Beide sind forthin unzertrennlich. Das Dasein der Republik ist unlösbar verbunden mit guter politischer und sittlicher Ordnung. Die Republik ohne gute Ordnung, gute Ordnung ohne Republik, sind von jetzt an zwei gleich unmögliche Thatsachen: wer sie trennen, oder eine der andern opfern wollte, ist ein gefährlicher Bürger, welchen die Vernunft verdammt und das Land zurückstößt.“ — So das Glaubensbekenntniß eines gläubigen Republikaners am 10. November 1848. Wird es schon am Tage der Präsidentenwahl, den 10. December, oder bald nachher, Abänderungen erleiden??
An dem Budget für das Ministerium des öffentlichen Unterrichts hat man kleinlich geknausert, auf Kosten der Bibliotheken, Museen, Archive, Schulen u. s. w., und doch verhielt sich die ganze Ausgabe wie 5 Franken zu 1500 Franken der Staatsausgabe. Und in das Lobpreisen zahlloser Fortschritte ruft Victor Hugo hinein: l’ignorance est un plus grand péril que la misère; elle nous déborde, nous assiége, nous investit de toutes parts u. s. w.
Nachmittags.
Es fehlt hier nicht an ergötzlichen, zeitvertreibenden Planen, wie deren zwischen 1795 und 1815 so viele entworfen wurden: z. B. Henri V bekommt keine Kinder, adoptirt den Grafen von Paris, die älteren und jüngeren Bourboniden fallen sich in die Arme, und die letzten erhalten für geduldiges Abwarten, das Verdienst doppelten Edelmuths. So die Hofleute; was die Bürger von Paris oder auch nur die Gamins wollen, wird vor der Hand nicht berücksichtigt. — Daß diese völlige Ungewißheit der Zukunft Frankreichs auch für Deutschland gefährlich und unheilbringend ist, brauche ich nicht umständlich zu beweisen.
Die deutschen Zustände haben den wesentlichsten Einfluß auf die Beurtheilungen und Maßregeln des Auslandes. Nach der Fehlgeburt des Dahlmann’schen Ministerii stiegen hier Frankfurts Aktien außerordentlich; seitdem hat indeß mancherlei wieder zum Schwanken und Sinken derselben und zu dem, leider richtigen, Glauben beigetragen: es stehe noch schwach mit der deutschen Einheit und deshalb auch mit der Reichsgewalt. Dahin rechnete man z. B. den Aberglauben, daß Polen (welche in wiener Studentenröcke krochen) die deutsche Freiheit gegen Slaven schützen wollten, ferner die Pöbelherrschaft in Berlin, den dortigen übereilten Beschluß, Posen betreffend u. s. w. Vor Allem aber fürchtet (oder hofft) man, daß die frankfurter Entscheidung über Österreich den allernachtheiligsten Einfluß auf die Einheit und Macht Deutschlands haben werde; man vergleicht diesen Beschluß mit dem ersten über den malmöer Waffenstillstand, und sieht darin einen neuen Beweis von Staatsweisheit — oder Thorheit. Wie dem auch sei, ein Reichsgesandter hat eine schwere, ja unmögliche Aufgabe zu lösen, wenn er dies Alles lobpreisen und rechtfertigen soll; besser, er sagt den Franzosen: intra peccatur et extra Iliacos muros.
Nach diesen (nur scheinbaren) Umwegen komme ich auf die italienische Frage. In den letzten sechs, acht Wochen ist hinsichtlich derselben, aus mannigfachen Gründen, eigentlich gar nichts geschehen. Zu den wichtigeren gehört ohne Zweifel (obwohl man es nicht laut gestehen will), daß England und Frankreich die ganze Vermittelung herzlich satt haben, und insbesondere das Letztere gern der unbequemen Erbschaft entsagte, welche aus den Lamartine’schen Phrasen für die jetzige Regierung hervorgegangen ist. Weder von den Österreichern noch den Italienern ist der geringste Dank zu erwarten, vielmehr ertönen von allen Seiten der bitterste Tadel, die herbsten Vorwürfe, und so wird es Jedem ergehen, der ohne die dringendste Noth sich in diese Handel mischt und einbildet: er könne mit einigen wohllautenden Hauptworten die erregten Leidenschaften bändigen, politische Mündigkeit einimpfen und Volkscharaktere umgestalten.
Über den Ort, wo Berathungen, Italien betreffend, gehalten werden möchten, steht noch gar nichts fest. Innsbruck, Verona, Padua sind von den Vermittlern verworfen; Rom (seitwärts gelegen und in Zerwürfniß mit Österreich) erschien dieser Macht als unpassend. Nizza und Brüssel wird aus anderen Gründen ebenfalls zurückgewiesen; Baden-Baden (sagt Lord N.) ist im Winter zu kalt; was für alle deutsche Städte gilt und verdeckt nach Italien hinweist. Eine Grundlage, auf welche sich die Verhandlungen beziehen, an welche sie sich anschließen könnten, ist noch gar nicht vorgeschlagen, viel weniger angenommen worden. Die Meinung: Österreich werde sich nach seinen italienischen (und deutschen) Siegen die ihm zur Zeit seiner Ohnmacht gestellten Bedingungen gefallen lassen, ist völlig grundlos und thöricht. Ich kann nicht glauben, daß England (welches seinen alten Bundesgenossen bei Weitem am unfreundlichsten betrachtet und behandelt) vollendete Thatsachen von der höchsten Wichtigkeit, als nicht vorhanden darstellen oder wegsophistisiren will.
Der österreichische Bevollmächtigte hat (schon vor den wiener Siegen) die allerbestimmteste Anweisung erhalten: daß Österreich eher einen Krieg wagen, als in die geringste Landabtretung willigen werde. Nach jenen Siegen wird es mit doppeltem Nachdrucke auf Erhaltung des Besitzstandes von 1815 dringen, und Rußland steht ihm gewiß mit aller Kraft zur Seite. Überdies ist es eine moralische Unmöglichkeit, es ist eine Ehrensache, von dem treuen, siegreichen, österreichischen Heere nicht zu verlangen, daß es eine mit seinem Blute wiedergewonnene Landschaft räume, weil es einigen Diplomaten nach vielem Hin- und Herrechnen (das Keinen befriedigt) also behagt.
Diese und ähnliche Betrachtungen, sowie die Besorgniß vor dem schrecklichen Unglücke eines allgemeinen Krieges, haben Hrn. Minister Bastide wahrscheinlich dahin gebracht, daß er (wenigstens gegen mich) niemals die Forderung einer Abänderung der Landesgränzen oder des Herrscherhauses aufgestellt hat. Ja, das ausgefahrene Geleise einer veralteten Diplomatie verlassend, sagte er: wir wünschen, daß Österreich groß, einig und mächtig sei.
Bei diesen Verhältnissen wäre es meines Erachtens unzeitig, unwirksam und irrig, wenn irgend wie und irgend woher ein Vorschlag oder auch nur eine Bereitwilligkeit ausgesprochen würde, für Abänderung italienischer Landesgränzen zu wirken. Hingegen möge Deutschland ernstlich seine Stimme erheben für Nichterneuerung des Krieges und für die Gründung freisinniger Einrichtungen, so weit sie irgend möglich sind, ohne in die Anarchie von Paris, Wien und Berlin zu verfallen.
Die vermittelnden Mächte haben gar keine Neigung, dem deutschen Reiche eine Mitwirkung auf die italienischen Angelegenheiten zuzugestehen; insbesondere hält Lord N. das Wort officiös wie ein Medusenhaupt entgegen, um die Unmöglichkeit einer ebenbürtigen Theilnahme darzuthun, oder doch den Reichsgesandten eine ganz unwürdige, untergeordnete Stellung anzuweisen.
Möge die Reichsgewalt sich nicht in Wege verlocken lassen, welche Deutschland schwächen, indem sie Österreich davon trennen. Es wäre ein großes, ein unermeßliches Unglück, wenn Österreich, statt in Frankfurt, in Petersburg Hülfe suchen müßte und fände! Dies läßt sich vermeiden, ohne die (politisch leider von jeher und noch jetzt uneinigen und unerzogenen) Italiener ihrer Nationalität zu berauben, und ohne ihnen wahrhaft freisinnige und heilsame Einrichtungen vorzuenthalten.
Den 12. November.
In den letzten Tagen hat man auf dem Platze de la Concorde (per antiphrasin so genannt) Stangen oder Mastbäume in großer Zahl eingegraben, dreifarbige Fahnen daran aufgehangen, Dekorationen mancherlei Art von Holz, Leinwand und Papier aufgestellt, Emporbühnen und Altäre errichtet u. s. w. — Alles zum Geburts- oder Tauftage der republikanischen Verfassung. Ich kann nicht finden, daß der außerordentlich schöne Platz, durch dies zum Theil kleinliche Brimborium gewinne; auch ist das Vorlesen der langen Urkunde (wovon man überdies nichts hört), eine ebenso lange Messe und stundenlanges Vorbeimarschiren der Bürgerwache nicht sehr anziehend. Doch hätte ich, als ein zum diplomatischen Körper gehöriger Leib, von einer Einladung vielleicht Gebrauch gemacht, wäre besagter Leib nicht noch in etwas preßhaftem Zustande, und könnte man mit Sicherheit (und ohne besondere Karte) zu den bezeichneten Sitzen vordringen. Hiezu kommt vor Allem: daß ein gräuliches Wetter mit Regen und Schnee eingetreten ist, und ein stundenlanges Verweilen unter freiem Himmel der Gesundheit wahrhaft gefährlich werden könnte. So begnügen wir uns denn, viele Tausende von Nationalgarden vor unserem Fenster vorbeiziehen zu sehen; wobei sich leider die Überzeugung aufdrängt, daß sie ohne Vergleich tüchtiger aussehen, und zur Aufrechthaltung der Ordnung weit mehr Muth gezeigt haben, als unsere berliner Bürgerwehr. — Ob ich gegen Abend, bei etwa besserem Wetter, und doch mit Pelz und Regenschirm bewaffnet, mich unter das Gewühl wahrer oder erheuchelter Republikaner begeben werde, weiß ich noch nicht. Zu einem Aufstande (den Manche fürchteten) wird es heute schon deshalb nicht kommen, weil das souveraine Volk eingeschneit und eingeregnet einherzieht, poules mouillées vergleichbar. Obwohl Alles Begeisterung, große Gedanken und Gefühle hervortreiben soll, stehen allzu viel erkältende Blitzableiter daneben, und mich hat überdies ein langer für Frankfurt bestimmter Bericht, besonders über die italienischen Angelegenheiten, in eine keineswegs sehr heitere Stimmung versetzt.
In dies stete Auf und Ab politischer Weisheit und Thorheit ist mir J. Mohl’s Bericht über die Fortschritte asiatischer Studien, wie ein erfreulicher Trost erschienen, daß Liebe und Muth für die Wissenschaft noch nicht ausgestorben ist, sondern in der Tiefe fortwirkt und länger dauern wird, als die an der Oberfläche aufsteigenden, platzenden, stinkenden Blasen, oder bubbles.
Achtzigster Brief.
Paris, den 14. November 1848.
Abgesehen von politischen Nachwehen hat das beregnete und beschneite Geburtsfest der Republik, viele Menschen (so den Minister Bastide), krank gemacht. Die Verfassung (sagt ein ärztlicher Spötter) ist ein Achtmonatskind, muß also sterben. — Napoleon’s Spruch über die Bourboniden: „sie haben nichts gelernt und nichts vergessen“, — muß man jetzt dahin abändern: die Franzosen haben nichts gelernt und sehr viel vergessen. Sie fangen an (als gebe es keine staatsrechtliche Erfahrung) wie im Jahre 1789, z. B. mit einer Kammer u. s. w.
An dem rothsammtenen Zelte, dem Taufdeckel der Verfassung, stand viermal, nach vier Seiten hin: aimez Vous les uns les autres. Christlich genug, wenn gleich die zweite Hälfte des Spruches fehlt. Auch sind 60,000 Prediger der Liebe zur Hand, welche innerlich raisonniren, oder wie Friedrich Wilhelm I. dreinschlagend sagen: ihr sollt mich nicht lieben, ihr sollt mich fürchten!
Wenn in einer Erbmonarchie ein unfähiger Kronprinz den Thron besteigt, so ist dies nach dem Laufe der Natur nicht zu ändern, und wird durch andere Vortheile (z. B. des ruhigen, unzweifelhaften Übergangs) wenigstens zum Theil ausgeglichen. Aber ein Königshaus verjagen, die Verfassung von Grund aus umgestalten, um den Höchstbegabten an die Spitze zu bringen; und dann — — als einzig möglichen Gewinn selbst von den sogenannten Gemäßigten anempfehlen zu hören; — das übersteigt alles Begreifliche, und zeigt die Schwäche der überklugen Berechnungen und Kunststücke. — Nicht minder, wenn man sieht, daß ungeachtet der schlagendsten theoretischen Beweise und der bittersten praktischen Erfahrungen, der Aberwitz L. Blanc’s und Consorten noch immer Anhänger und Bewunderer findet, und man jene als Erlöser des menschlichen Geschlechts, bei den socialen Abfütterungen hoch leben läßt.
Abends ½10 Uhr Soirée oder Rout bei —. Menschen aller Arten, Farben und Richtungen, viel Gedränge; keine Gespräche, keine Stühle für die Herren. In der Angst ihres Herzens sagte mir eine Dame: „finden Sie die Gesellschaft nicht schrecklich, nicht fürchterlich langweilig?“ Ich weiß nicht, ob noch Andere diesen deutschen Hülferuf, oder diese Wehklagen hörten und verstanden. — Mehre Herren äußerten: avec de la mitraille stelle man überall leicht die Ordnung her. Freilich, wenn ich mir ein Bein abhauen lasse, thut es nicht mehr weh und bringt mir keine weitere Gefahr; besser jedoch auf zwei gesunden Beinen einhergehen.
Den 16. November.
Der wesentliche Inhalt der Äußerungen des Hrn. Thiers war in aller Kürze etwa folgender:
Wenn Preußen, Österreich, Baiern seine Verfassung ändert, so ist dies für fremde Staaten von geringer Wirkung, sobald aber ganz Deutschland eine Vereinigung trifft, wodurch so viele Millionen in ein engeres Verhältniß treten, müssen sich seine Verhältnisse auch zum Auslande ändern, und wenngleich dies nicht feindlich oder abgünstig entgegentritt, ist es doch zu sorgsamer Aufmerksamkeit verpflichtet und zu manchen Bedenken aufgeregt. Daher ist nicht unnatürlich, wenn auch die diplomatischen Verhältnisse langsamer eine bestimmte Form annehmen, doch bleibt dies zum Theil Persönliche und Conventionelle von den wesentlicheren Gegenständen unterschieden. Wenn die französische Regierung sich über die Angelegenheiten nicht bestimmter ausspricht, nichts Näheres mittheilt, so hat dies seinen vollkommen zureichenden Grund, nämlich: daß sie selbst nichts weiß und nichts thut.
Seit mehren Wochen war erst Hr. Vivien, dann Hr. Alexis von Tocqueville zum Beauftragten in den italienischen Angelegenheiten ernannt; es ist aber seitdem nichts geschehen, und kaum weiß man, ob und was noch geschehen wird. Beide Männer haben mich gefragt: ob sie den Auftrag annehmen sollten und ob ich sie unterstützen wolle? Ich antwortete: Ja! sofern sie für den Frieden wirken. Eine Abtretung von Landschaften, eine Veränderung des Herrschergeschlechts ist nicht nothwendig, wohl aber muß man für eine italienische Verwaltung, italienisches Heer und italienische Finanzen wirken, unter einer höchsten österreichischen Leitung, z. B. der Minister und Generale. Doch würde ich sehr gern den Österreichern die Moldau, Walachei, Bulgarien und alles Land bis an den Balken zuweisen, wenn sie Italien (obwohl nicht ganz) abtreten wollten. Es ist im Interesse Frankreichs, daß Österreich (besonders im Osten) mächtig sei und bleibe; es ist unverständig, sich herumzuzanken, während 50,000 Russen (wie ich weiß) in die Moldau u. s. w. eingerückt sind, und 100,000 an der Gränze stehen; ich gebe zu, daß man die Österreicher nicht zwingen muß, allein in den Russen Freunde und Vertheidiger zu sehen und ihnen dafür Alles zu gestatten.
Wir Gemäßigten haben keinen Geschmack (goût) für L. Bonaparte, keinen Gefallen an ihm; aber das Volk hat ihn oder seinen Namen ergriffen, und es fehlt ein Bewerber, der ihn verdrängen könnte. Die Gemäßigten hoffen unter seiner Firma zu herrschen. Ich selbst wollte kein Mitbewerber um die Präsidentur sein und trachte nach keinem Ministerium: in der Kammer aber werde ich (sowie mein ganzes Leben hindurch, so auch fernerhin) nach Kräften gegen die Anarchisten wirken. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort (ma parole d’honneur), daß der höchste Zweck aller meiner Bestrebungen ist und sein wird: den Frieden zu erhalten. Von diesem Frieden, von der Einigkeit zwischen England, Frankreich und Deutschland hängt das Wohl Europa’s ab. Viele Dinge sind ungewiß und hängen von keinem Einzelnen ab; allein ich darf und kann versprechen: der Friede wird erhalten werden, sobald man uns nicht angreift und nicht zwingt, gewisse Ehrensachen (z. B. in Hinsicht auf Holland und Schleswig) mit auszufechten. Mäßigung wird am besten zum Ziele führen. — In dieser Beziehung ist es höchst wünschenswerth, daß bittere Klagen über österreichische Härte und Grausamkeit in Italien bald abgestellt werden; denn so viel auch übertrieben sein mag, scheint doch des Unläugbaren zu viel übrig zu bleiben.
Der Name Bonaparte mag in Deutschland unangenehme Erinnerungen an Kriegs- und Eroberungslust hervorrufen; in der That ist aber davon nicht mehr die Rede, und immerdar würde ich, unterstützt von der großen Mehrheit der Franzosen, siegreich dagegen kämpfen.
So der kurze, wesentliche Inhalt der Äußerungen des Hrn. Thiers, welche mitzutheilen mir derselbe verstattete.
Einundachtzigster Brief.
Paris, den 17. November 1848.
Thiers hat drei seiner wichtigsten Reden berichtigt abdrucken lassen: über das Recht zur Arbeit, Papiergeld und Stellvertretung beim Heere. Da Ihr sie vielleicht gar nicht oder nur in kurzen Auszügen kennt, mögen hier einige Äußerungen Platz finden, die mir als die wichtigsten erschienen. In der ersten Rede sagt Hr. Thiers: Wir sollen die Freiheit schützen gegen den doppelten Einfluß der Höfe und der Straßen. Ja, das Volk leidet; aber die angeblichen Ärzte haben noch kein einziges wahrhaftes Heilmittel zu Tage gefördert; die Communisten, Socialisten u. s. w. schmeicheln nur den Leidenschaften und greifen Das an, worauf, seit Anbeginn der Geschichte, die fortschreitende Bildung der Menschheit beruht: Eigenthum nämlich, Freiheit und Mitbewerbung oder Concurrenz. — Im Ganzen hat sich der Zustand der Volksmassen, im Vergleiche mit früheren Zeiten, nicht verschlechtert, sondern verbessert, und viele Arbeiten geringer Art sind den Maschinen zugefallen, während die menschlichen Kräfte für höhere Zwecke verwendet werden. Privateigenthum und Vererbungsrecht treiben zu unendlicher Thätigkeit; jene neumodige Staatsweisheit führt hingegen zu Faulheit und Sklaverei, zur Anarchie in allen Gewerbszweigen, zu Papiergeld, zum Maximum oder willkürlicher Festsetzung der Preise, und zur schädlichen Unterstützung der Müßigen in großen Städten. Der Einzelne hat kein Recht, daß der Staat ihn beschäftige und erhalte; alle vorgesetzten Zwecke werden auf diesem Wege verfehlt und eine Verschwendung herbeigeführt, die alles Maaß übersteigt, und nothwendig dem Volke zuletzt zur Last fällt.
Die zweite Rede erklärt sich bestimmt gegen die Anfertigung von Papiergeld, und behauptet, daß dafür jetzt noch weniger Sicherheit, Nothwendigkeit und Nutzen spreche, als zur Zeit der Assignaten. Es ergiebt sich ferner, das Grundvermögen sei in Frankreich weniger verschuldet als bei uns, was für den gesammten Nationalreichthum gleichgültig ist (denn was der Schuldner nicht besitzt, besitzt der Gläubiger); indeß verführt die Leichtigkeit Grundschulden zu machen, zu Unternehmungen über das Vermögen hinaus, also mittelbar zu Bankerotten. Im Durchschnitt bezieht man in Frankreich nur drei Procent vom Grundvermögen; hiezu kann die hohe Grundsteuer schwerlich viel beitragen, da sie schon so lange besteht und vom Kapitalwerthe abgezogen ist. Die Neigung kleine Grundbesitzungen zu erwerben, ist so groß und allgemein, daß sie oft zu theuer bezahlt werden. Der Gedanke, das Grundvermögen als Geld in Umlauf zu sehen, ist thöricht und Banken und Bankzettel erzeugen keine Kapitale. — Über die dritte Rede, die Stellvertretung im Heere betreffend, habe ich wohl schon Einiges bemerkt; sie kann rathsam für Frankreich, unrathsam für Preußen sein.
Den 18. November.
Ich lese als Ableiter der politischen Schmerzen, Cousin’s Vorlesungen über Philosophie. So löblich und erfolgreich er sich bemüht deutlich zu sein, haben ihn doch schwerlich alle die pariser Piphähne verstanden, welche ihre Schnabel aufsperrten, um philosophische Weisheit bequem aufzuschnappen und zu verspeisen. Der Vorliebe für Dreitheilungen (welche sich vom Sprichworte: aller guten Dinge sind drei, bis zur Lehre von der Dreieinheit geltend macht) hat auch Cousin gehuldigt, und in dieser Weise die Nothwendigkeit drei großer Abtheilungen und Entwickelungsperioden in der Geschichte nachzuweisen versucht. In der ersten herrscht das Unendliche, in der zweiten das Endliche, in der dritten die Entwickelung des Verhältnisses zwischen beiden. Das Ergebniß des damit verbundenen Optimismus, ist dann natürlich, die freudige Zufriedenheit, wie wir es so herrlich weit, und weiter gebracht, als alle früheren Geschlechter. Und doch darf der Optimismus, wenn er sich auf Menschen bezieht, den Gegensatz von gut und böse, von Tugend und Laster, für keinen Zeitraum aufgeben; und umgekehrt, auf Gott bezogen nicht festhalten. Schematismus und Abstraktion dieser Art reicht nirgends aus. Die Geschichte trägt niemals ganz ausschließlich eine Uniform: in Griechenland gab es zu gleicher Zeit Atomistiker und Eleaten; im Mittelalter Mystiker und Bewunderer von Mädchen und Blumen; im 18. Jahrhundert, Verehrer von Spinoza, Leibnitz, Hume, Condillac und Kant. Wirkungen und Gegenwirkungen liegen nicht immer um Jahrhunderte auseinander; im lebendigen Einzelnen sind alle physiologischen Abtheilungen und Systeme gleichzeitig in harmonischer Thätigkeit, und ebenso geschieht es bei lebendigen Völkern; obgleich dadurch keineswegs ihre Individualität aufgehoben wird. Lappländer und Hottentotten haben weder ihre Periode der Unendlichkeit, noch der vermittelten Endlichkeit u. s. w. Will man ganze geschichtliche Zeiträume mit einer Idee ausfüllen, geht man an allen Persönlichkeiten gleichgültig vorüber, betrachtet man das Einzelne, das Ereigniß, die Thatsachen als kleinlich und unbedeutend; so ist dies ungefähr ebenso, als wenn ich eine Riechflasche mit eau de mille fleurs höher achte und mehr bewundere als tausend Blumen. — Den Gedanken: aus den natürlichen Verhältnissen der Länder, a priori die Geschichte der Völker nachzuweisen, oder vorherzubestimmen, treibt Cousin noch mehr auf die Spitze wie Montesquieu. Jene Verhältnisse beherrschen den Menschen keineswegs unbedingt: woher sonst der Verfall Griechenlands und Kleinasiens, und der preußische Staat einst erwachsend (Gott gebe auch fernerhin) aus Sand und Kienbäumen? Wenn Jemand: par la généralisation la plus laborieuse, me donne une formule assez compréhensive pour embrasser à la fois l’industrie, les lois, les arts et la religion (z. B. der Griechen); so ist mir diese lederne Allweisheitsformel nicht so lieb, werth, lehrreich, begeisternd, als ein Gesang der Ilias, ein Chor des Sophokles oder eine Rede des Demosthenes. — Die Metaphysik ist kein langes Stroh, aus dem man die Körner, als klein und unbedeutend, herausgedroschen und verächtlich zur Seite geworfen hat. Das in einer Periode gleichzeitig Hervortretende ist nicht immer ähnlich, harmonisch, analog; sondern oft auch schroff entgegengesetzt, und zwischen weit auseinanderliegenden Völkern, z. B. Griechen und Deutschen, ist mehr Verwandtschaft, als zwischen Griechen und Persern. — Doch, Cousin sagt vielleicht, meine Einwürfe träfen ihn nicht, sobald ich ihn recht verstände und zwischen den Zeilen läse! — Und doch wie trügerisch sind selbst die Hoffnungen und Aussprüche der Philosophen. Schelling hat es mit seinen Weltaltern erfahren, die immer in der Geburt erdrosselt wurden, und Cousin sagt von der (jetzt abgeschafften) französischen Charte: elle fixe tous les regards en Europe, fait battre tous les coeurs, rallie tous les voeux et toutes les espérances. — C’est un fait incontestable que l’avenir de l’Europe lui appartient, et c’est un fait plus incontestable encore que le présent et l’avenir de la France lui appartiennent. — Wenigstens möchte ich dies von der neuesten, republikanischen Verfassung nicht behaupten! — Aber freilich nach dem dummen Optimismus, der die Weltentwickelung wie eine geradlinige Chaussee betrachtet, und wonach heute unfehlbar weiser und schöner ist als gestern, und gestern besser wie vorgestern, ist eine sogenannte Geschichte der Philosophie und der Menschheit leicht zusammengedrechselt und zusammengepappt. Rückwärts braucht selbst der Geschichtschreiber nicht zu sehen, und wenn er sich auch seitwärts Schauklappen anbindet, wird sein Überblick berichtigt und erweitert. Madame Birch-Pfeiffer steht so chronologisch höher als Sophokles, Hr. Waldeck höher als Demosthenes, und die letzte französische Verfassung ist, unbesehen, die beste. Diese, mit großem Unrecht als religiös bezeichnete Weltbetrachtung, beruht nicht auf dem frommen Glauben an Gott und seine weise (wenn gleich oft unbegreifliche) Leitung; sondern läßt, bei allem oberflächlichen Hochmuth, den Kopf verdummen und das Herz absterben. Es wird zur Thorheit etwas Anderes als sich und seine Zeit zu ehren und zu bewundern; Sehnsucht, Wehmuth, sittlicher Zorn gelten dann für aberwitzig, und das kindische Feuerwerk, welches man zu eigener Ehre anzündet, soll die Sonne der Weltgeschichte verdunkeln, ja auslöschen. Ehe ich mich in eine solche Fortschrittskurierkutsche setze, will ich lieber mit Dacier und seiner Frau darüber weinen, daß Homer gestorben ist. — Zuletzt ist aber Cousin wohl ganz einig mit mir; wenigstens sagt er: C’est chose admirable au 18. siècle, que l’ignorance et le dédain du passé, même dans les plus grands hommes.
Den 19. November.
Ihr verlangt Nachrichten aus Paris, und ich tische dagegen halbphilosophische Reden auf. Indessen bezogen sie sich doch auch auf eine französische Ansicht und Darstellung der Philosophie, auf welche ich (ihrer Eigenthümlichkeit halber) wohl noch einmal zurückkomme. — Die hiesigen Zustände mag in Kürze das charakterisiren, was mir einer der tüchtigsten Abgeordneten, nicht als Witzwort, sondern als Wahrheit sagte: „Es giebt keinen Republikaner in Frankreich, der an die Möglichkeit einer Dauer der Republik glaubte, und keinen Royalisten, der an eine Möglichkeit baldiger Herstellung der Monarchie glaubte.“ — Hienach ist (wie schon der Großcophta Lamartine sagte) Alles dem bloßen Zufalle preisgegeben. — Stimmt nach Eurem Gewissen und Eurer Einsicht, sagen Abgeordnete, Erzbischöfe, Bischöfe, Behörden u. s. w. Aber die meisten Wähler sind ohne Einsicht und ohne Gewißheit, also rathlos in dem neuen Glücke und Präsidentenspiele. — — — Man sagt (und sehr oft mit Recht) Zeit gewonnen, Alles gewonnen. So hoffe ich, wird der Ablauf der Zeit in Berlin die Gemüther abkühlen und beruhigen, alle Parteien von den gegenseitig begangenen Fehlern überzeugen und einen vermittelnden Ausweg zu allgemeinem Heile finden lassen.
Zweiundachtzigster Brief.
Paris, den 20. November 1848.
Die Regierung hat gestern zur Nachfeier und Nachtfeier des Geburtstages der Republik, eine Erleuchtung der öffentlichen Gebäude und der elyseeischen Felder angeordnet, sowie drei Feuerwerke an drei Thoren der Stadt. Das Wetter war günstig und eine so unzählbare Menge Menschen auf den Beinen, daß es mir nie so deutlich geworden ist, wie mindestens 60,000 Soldaten dazu gehören, das unruhige, oder vielmehr widerspenstige Paris in Ordnung zu halten. Gestern war das Volk nicht blos ruhig, sondern eigentlich theilnahmlos: man sah die Lampen an, ohne Beziehung auf die Veranlassung des Festes, kein Privathaus war erleuchtet, und von den Feuerwerken (welche man Geldmangels halber minder prächtig eingerichtet hatte, als früher zu Ehren der Julitage) sagten Mehre: ce n’est qu’une cochonnerie!
Die communistischen und socialen Fressereien (oder Hungerleidereien, mit Reden gepfeffert) dauern noch immer fort, und man vergißt niemals lobend zu bemerken, wenn es dabei nicht zu Schlägen gekommen ist. Heute heißt es jedoch: in einem Vereine zu Ehren L. Bonaparte’s, hätten Socialisten die lautesten Einreden erhoben. „Unordnung und Lärm stieg zu solcher Höhe, daß es unmöglich war die Ruhe herzustellen. Die Rednerbühne war förmlich belagert, und tausendfaches leidenschaftliches Geschrei kreuzte sich in der Luft gegen L. Bonaparte, Cavaignac, Ledru-Rollin und alle Bewerber um die Präsidentschaft.“ — „Ein socialistischer Verein (erzählt man gleich darauf) ward gestört durch Scenen der beklagenswerthesten Art. Verschiedene Abgeordnete, welche man zur Bergpartei zählt (also auch schon verbraucht!!) waren der Gegenstand von Angriffen der allerheftigsten Art u. s. w.“ — Höflicher ging es doch zu in einem socialistischen Weiberklub, zu dem man jedoch, in ungefähr gleicher Zahl, Männer zugelassen hatte. Diese (sagt ein Berichterstatter) waren ohne Zweifel erschienen pour chercher des inspirations, ou des enseignemens. Die Person zahlte 10½ Silbergroschen; Kinder unter zehn Jahren gingen jedoch frei ein und betrugen wohl deshalb, etwa ein Sechstheil der ganzen Versammlung. Pierre Leroux bemerkte in einer Rede: wir haben keinen Präsidenten gewollt, sondern eine gemischte Behörde von drei Frauen und drei Männern; auch hat ja die Frau das Recht die Rednerbühne zu besteigen, — puisqu’elle a le droit de monter à l’échafaud. Madame Gay sagte also: ihr könnt keine Republik gründen ohne die Frauen; auf die politische Vereinigung der Männer, der Frauen und der demokratisch socialen Partei! Gegen den Schluß krähte ein Piphüneken von etwa acht Jahren, den Toast: à la fraternité! und ein Commissarius erklärte, zur Zufriedenheit wenigstens eines Theiles der Versammlung: das nächste Mal zahle die Person nur sechs Silbergroschen.
Es ist psychologisch merkwürdig, wie die Menschen in gleicher Weise leichtgläubig sind, in Hinsicht dessen, was sie wünschen, und was sie fürchten. Dies sehe ich jetzt recht deutlich bei der Frage über die Wahrscheinlichkeit der Wahl Cavaignac’s und L. Bonaparte’s. Gewiß bleiben beide die Hauptbewerber, und alle die übrigen erhalten eine weit geringere Zahl von Stimmen. Der Querkopf L. Blanc, dem andere Querköpfe jetzt die Präsidentenwürde angetragen haben, antwortet: die neue Verfassung müsse geändert, und der Abschnitt vom Präsidenten herausgeworfen werden. Auf dem Wege käme dann die vollziehende Gewalt wieder an die Straßenbummler, welche im Monate Junius zu Paaren getrieben wurden. Außer Denen, welche damals ums Leben kamen, hat man 4348 fortgeschickt; ein starkes Purgatorium, welches indeß mancher großen Stadt Noth thäte. — L. Blanc und Consorten, welche sich so sentimental über Hunger und Kummer ihrer Mitbürger aussprachen, schwelgten (nach vielen Zeugnissen) auf die anstößigste und kostspieligste Weise im Luxemburg und ließen sich z. B. purée von Ananas und andere Gerichte bereiten, die an Lucullus und Vitellius erinnern könnten. — Mögen diese Vorwürfe auch ungegründet oder übertrieben sein; so fand doch unter der provisorischen Regierung eine gräuliche, unverständige Verschwendung statt, worüber ich ein andermal vielleicht Einiges mittheile.
Den 23. November.
Ich denke bisweilen, ich habe gar nichts zu thun, weil es ganz unmöglich ist unter den jetzigen Verhältnissen Erwünschtes zu erreichen; und doch war ich während der letzten Tage in so zerstreuter Weise beschäftigt, daß ich nicht zum Briefschreiben kommen konnte. Ich will heute nicht mit Politik beginnen, weil sich sonst für andere Dinge niemals Zeit findet. Am 15. Nov. war ich Abends bei Alexis von Tocqueville, dem Verfasser des bekannten, verdienstlichen Buches über Amerika. Er ist ein so angenehmer und gefälliger, als gescheiter Mann, und auch seine Frau (eine geborne Engländerin) gewährte eine sehr erfreuliche Unterhaltung. Mit dem Sohne des Geschichtschreibers Preskott gab es ebenfalls mancherlei zu sprechen; doch stand ich, unter vielen fremden Leuten, bald allein, und sah eine Dame gleich verlassen am Kamine sitzen. Gegen allen Gebrauch nahm ich neben ihr Platz und führte mit ihr ein langes Gespräch. Beim Weggehen sagte mir Hr. v. Tocqueville: Lady Elphinstone habe sich theilnehmend nach meinem Namen erkundigt, und dies führte zu einer Einladung, wo ich über 20 Engländerinnen fand, und meine unsterbliche Handschrift für ein Album zurücklassen mußte. — Eine Mittagsgesellschaft bei Frau von Clermont ward schon dadurch angenehm, daß sie klein war, Mittheilungen also möglich blieben. Bei Rothschild fand ich Abends eine Gräfin Pototzka, die sehr geschickt und ausdrucksvoll sang. Über dem Hin- und Hervorschlagen, was sie (meist aus neueren Opern) singen solle, verging die Zeit, zehnerlei ward angefangen und (besonders durch Unterbrechungen eines Herrn, der sich für geistreich hielt) immer wieder gestört. Ich saß schweigend im Winkel bis sich bei einem Thema aus Figaro dasselbe wiederholte, worauf ich aufstehend bemerkte: bei solcher Musik dürfe man nicht störend dazwischenreden. Später sagte mir die Gräfin: es war heute ja doch nicht Ernst mit der Musik. Es fand sich nämlich sehr unerwartet ein, nicht politischer, sondern musikalischer Berührungspunkt, zwischen ihr und mir. Als Ableiter und Zwischenspiel zwischen dem Gerede, spielte sie sich, ohne daß einer hinhörte, ein Präludium von Sebastian Bach. Dies erweckte mich aus der Zerstreutheit und es kam zu wechselseitigen Bekenntnissen über unsere Verehrung für Händel und Bach. Da sie insbesondere die chromatische Phantasie dieses Meisters rühmte, habe ich ihr halb und halb versprochen mitzutheilen, wie Bach dieselbe vortrug, eine Kenntniß, die ich Forkel verdanke.
Vorgestern mußte ich (an einem Tage) sechs verschiedene Noten an Hrn. Bastide richten, welche ich, mit Weglassung alles unendlich langen und langweiligen Gesandtenbrimboriums, höchst lakonisch nur auf die Sache richtete; schon weil ich französisch schreiben mußte. Doch war ich etwas bange, Herr Bastide dürfte finden, ich sei doch etwas zu cavalierement mit den Formen umgesprungen. Statt dessen lobte er mich von freien Stücken als einen praktischen Mann, der ihm Zeit spare und die Sachen erleichtere u. s. w.
Ich habe ein langes, merkwürdiges Gespräch mit — über die europäischen Angelegenheiten gehabt, und will mir, zur Abwechslung, einmal aufreden, es sei nützlich gewesen. Während die europäischen abendländischen Völker sich zu Grunde richten, nehmen die Russen ganze Länder hinweg, und Nordamerika hebt sich mit Riesenschritten. Nach einem Briefe aus Neuyork ist in diesem Jahre die Zahl der Einwanderer weit größer, als je zuvor: Gemäldesammlungen, Bibliotheken, Kostbarkeiten, Silbergeräth u. s. w. werden (vorzugsweise aus Deutschland) und zwar nicht zum Verkauf eingeführt, sondern wegen der Unsicherheit im Vaterlande!
Zufolge der aus den Landschaften Frankreichs eingehenden Nachrichten, ist die neue Verfassung daselbst mit ebenso großer Gleichgültigkeit wie in Paris aufgenommen worden, und an manchen Orten schrie der Maire ganz allein: vive la république, vive la constitution! — In Rouen druckte man (vielleicht mit Vorsatz) in einem amtlichen Anschlage, statt cens, Census: sont électeurs sans condition de sens tous les Français. — In einem socialistischen Banket, für und gegen Ledru-Rollin, sagte ein Herr Madier de Monjau: il faut toujours aller en avant, des Constituans aux Feuillans, des Feuillans aux Girondins, des Girondins à Danton, de Danton à Robespierre. — Mit den berliner Siebenmeilenstiefeln geht man noch schneller vorwärts, als Frankreich von 1789–1793. — Genug für heute!
Dreiundachtzigster Brief.
Paris, den 23. November 1848.
Es ist, sagte Hr. Bastide, bei der französischen Regierung der Antrag gemacht worden, gemeinschaftlich mit mehren Mächten neue Bürgschaften hinsichtlich des Herzogthums Schleswig zu übernehmen. Wir haben jedoch diesen Antrag abgelehnt und wollen uns nicht weiter in diese Angelegenheit mischen, als alte Verträge, unsere Ehre und ganz unabweisbare Verhältnisse es schlechterdings nothwendig machen. Wir hoffen aber auch, daß man sich deutscher Seits wird billig finden lassen.
In dieser Lage habe ich meine persönliche Ansicht dahin ausgesprochen, daß Recht oder Unrecht keineswegs unbedingt auf einer Seite liege, weshalb man eben unterhandeln, Frieden schließen und der Thorheit ein Ende machen wolle, daß zwei nahverwandte deutsche Stämme sich haßten und bekriegten. Der Anschluß Dänemarks an Deutschland sei natürlich und heilsam, was aber daraus folge, wenn man sich in leidenschaftlicher Aufregung oder kurzsichtiger Berechnung unter russischen Schutz stelle, das zeige die polnische Geschichte. Ja, Dänemark habe es schon im Laufe des 18. Jahrhunderts erfahren und nur mit Mühe einer schon eingetretenen Abhängigkeit und Aufsicht ein Ende gemacht.
Den 24. November.
A son Excellence Monsieur Bastide etc.
Monsieur le Ministre!
Étant persuadé que d’après Votre bonté connue, Vous communiquerez à Mr. le Général Cavaignac tout ce que j’ai eu l’honneur de Vous dire dans notre dernière conférence, je me range de Vôtre avis: qu’il n’est pas nécessaire et pas même convenable de troubler ou de distraire Mr. le Général, occupé de livrer un combat parlementaire de la plus haute importance.
Permettez pourtant d’ajouter quelques mots par écrit, à ce que je Vous ai déjà exposé de vive voix.
Oui, Monsieur le Ministre, les gouvernements et les peuples de l’Allemagne, ont commis beaucoup de fautes pendant les six derniers mois, et des individus ont même montré une dépravation affreuse; mais on ne doit pas oublier à quelles difficultés chaque régénération politique est exposée.
Et plus qu’aucun peuple, les Français doivent être des juges bien indulgents, qui après 60 ans d’expériences sublimes et terribles ne sont pas encore arrivés à un port sûr et tranquille, mais se trouvent devant un avenir inconnu, exposés au hazard et à une loterie plus dangereuse que l’histoire en a vu jusqu’à présent. S’il était possible que les Allemands pourraient être utiles à la France pour sortir d’une telle position, ils le feraient au plutôt possible et avec le plus grand plaisir; ils croiraient que c’est pour eux un devoir et une gloire.
Je ne veux, je ne peux pas croire qu’un autre sentiment règne en France, vis-à-vis de l’Allemagne.
Francfort, sans armées, sans finances, sans une grande organisation administrative, a créé et s’est procuré tout cela par la force de l’opinion publique et de la verité. Depuis la papauté on n’a rien vu de pareil. Francfort défend avec un courage héroique la liberté et l’ordre; il s’oppose aux Absolutistes et aux Anarchistes, et devient (ce que personne n’aurait cru il y a trois mois) un médiateur utile, un soutien pour les Rois.
Mais parcequ’il reste encore quelque incertitude sur l’avenir de l’Allemagne, parcequ’on a pris à Francfort (comme partout) quelques résolutions peut-être fausses; — on lui oppose des vieilleries d’une école surannée de diplomatie, et des difficultés sur des syllabes. Certainement tout cela est juste d’après les règles qui sont utiles pour des temps paisibles et ordinaires; mais je ne conçois pas comment on peut y tenir ferme, dans un moment d’une telle grandeur et importance politique, que peut-être pendant des centaines d’années on ne verra de pareil.
L’Allemagne certainement ne commencera pas une querelle sur des syllabes; mais si ce ne sont que des syllabes, pourquoi les défendre comme si elles étaient de la plus haute importance? L’Allemagne se fie au Gouvernement présent de la France, qui a défendu et conservé la paix, de la manière la plus salutaire et la plus glorieuse. La France a offert la fraternité à l’Allemagne et celle-ci a accepté cette offre; mais vis-à-vis de l’avenir inconnu de la France, nous désirons de recevoir des garanties si fortes d’union et d’amitié, qu’un autre gouvernement ne soit pas capable de les mettre arbitrairement de côté. Le Gouvernement présent a le pouvoir, et j’espère aussi la volonté, d’unir intimement la France et l’Allemagne: pourquoi pas en faire usage, pour mettre sans aucun retard son propre ouvrage et ses desseins honorables, hors de tout danger. Pourquoi suivre l’exemple malheureux d’autres nations et se soumettre (pardonnez le mot) à la remorque d’une politique qui désire, que la France et l’Allemagne ne soient jamais unies par une amitié sincère et une paix durable. Le Gouvernement présent de la France devrait se hâter de gagner par un service éclatant l’opinion publique de l’Allemagne, qui n’est pas loin de méfiance en entendant prononcer un nom, qui na apporté à elle ni paix, ni amitié, ni bonheur. On dit: tout cela a changé et ne revient pas; je l’espère, mais je crains en même temps, que les doutes et retards d’à présent se peuvent transformer en objections et refus.
Quant à ma position personnelle, elle est vis-à-vis de Vous, comme Vous le savez Monsieur le Ministre, la plus agréable et la plus instructive; mais beaucoup de personnes m’accusent que tout ce qui se fait, ou plutôt ne se fait pas, vient de mon incapacité, et que je ne suis retenu à Paris que par vanité, égoïsme, ou intérêt sordide. Je suis prêt à sacrifier mon temps et mon repos, et de m’exposer à des calomnies, si je pourrais être vraiment utile à ma patrie; mais voyant que les résultats de tous mes efforts depuis trois mois sont absolument nuls, mon séjour à Paris me paraît tout à fait inutile.
Pardonnez, Monsieur le Ministre, ces élans de confiance et de mélancolie à un homme, qui sent pour Vous la plus haute considération et qui a l’honneur de se nommer Monsieur le Ministre etc.
Vierundachtzigster Brief.
Paris, den 25. November 1848.
Mit jedem Tage wächst, sehr natürlich, die Aufregung unter dem souverainen Volke (oder vielmehr unter den souverainen, auf und ab sich bewegenden Atomen) darüber, wen sie, nach Belieben, zu ihrem Quasiherrn erwählen wollen. So war gestern Abend ein ungeheurer Zusammenlauf an der Börse, wo man sich über die verschiedenen Bewerber laut in der rücksichtslosesten Weise aussprach, z. B. der ist ein Schuft, der ist ein Dummkopf u. s. w. Von Ehrfurcht, Glauben, Vertrauen, Liebe keine Spur; wohl aber Besorgniß die überstimmte Partei dürfte nicht geduldig gehorchen. Jene groben Bezeichnungen hört man übrigens nicht blos aus dem Munde geringer, sondern auch solcher Personen, welche hoffen, binnen sechs Wochen Frankreich mitzuregieren. Hat doch z. B. gestern Ledru-Rollin bei einem Banket deutlich gesagt: daß Jemand (Cavaignac) durch schlechte Ranke an die Spitze gekommen sei und sich durch schändliche Mittel erhalte. Zwei Männer, welche dieser Verläumdung widersprachen, wurden kurzweg zur Thür hinausgeworfen; recht eigentliche argumenta ad hominem. — Und sehr sonderbar wird neben solchen Thatsachen der Lehrsatz vertheidigt: daß Niemand sich für einen Bewerber aussprechen dürfe und Alles dem Zufalle müsse überlassen bleiben. Insgeheim aber gehen Boten in alle Lande, werben für L. Bo., versprechen Steuererlaß, Schuldenbezahlung u. s. w. Gestern ist es darüber in der Nationalversammlung zu merkwürdigen Erörterungen gekommen, und der Kriegsminister General Lamoricière hat sich bei dieser Gelegenheit nicht in der jetzt beliebten halben und zweideutigen Weise, sondern sehr bestimmt ausgesprochen. Mehre Diplomaten (welche oft nicht gewöhnt sind gerade aus zu sehen und zu hören, und Talleyrand’s Meinung hegen: die Sprache sei gegeben, um die Gedanken zu verbergen) waren über Lamoricière sehr bestürzt und erstaunt. Was war denn aber seiner kurzen Rede deutlicher Sinn? Nichts anders als: „wenn Jemand die soeben gemachte Verfassung umstürzen will, darf er auf meine und meiner Freunde Unterstützung in keiner Weise rechnen.“ Ist denn dies aber nicht ehrlicher und löblicher, als die Verfassung feierlich zu beschwören und die Republik (wie es heißt) franchement annehmen, während man insgeheim kein Mittel scheut, sie zu stürzen. Diese versteckte, halbe, Wahrheit und Heldenmuth verläugnende Handlungsweise führt aus einer Revolution in die andere und läßt oft Sieger, wie Besiegte, gleich verächtlich erscheinen. Freilich fühlt man, daß kräftige Republikaner (wie Lamoricière) nicht gesonnen sind, geduldig die Republik hinaus eskamotiren zu lassen, wie sie zum Theil hinein eskamotirt ward. Man sieht also, kühn oder verzweifelnd neuen Ereignissen entgegen, wobei Eid und Gesetz nicht gelten werden.
Der große Phrasendrechsler Lamartine hat wieder eine Rede gehalten (nach Lichtenberg’s Ausdruck) „voll der tiefsten Geschwulst;“ Weisheit des letzten Tages hinaufgeschraubt in Propheten- und Offenbarungsstyl, den gleich verschrobene Leute bewundern, der jedem einfachen, christlichen Gemüthe aber widerwärtig sein muß.
Gestern Abend war ich in der sogenannten Soiree bei Herrn Bastide. Er hat eine französische Note, die ich ihm kurz vorher übersandte, sehr freundlich aufgenommen, obwohl sie nicht im Gesandtenstyle abgefaßt war. Daß meine Worte irgend Erfolg haben werden, darf ich indeß bei den jetzigen Zuständen Frankreichs und Deutschlands, gar nicht hoffen. Dixi et salvavi animam! — Unter den Damen bei Herrn Bastide war auch Madame Marrast, eine geborne Engländerin, ganz gekleidet wie zur Zeit Ludwigs XV.
Als ich gestern meine Theilnahme über die unglücklichen Zustände in Toskana aussprach, fragte mich ein florentiner Diplomat, etwas de haut en bas, was ich daran auszusetzen hätte, es stehe daselbst sehr wohl. Ich ließ mich aber nicht verblüffen, sondern antwortete sehr deutlich, à la Lamoricière. Auch hätte mich die Diplomatie noch nicht überzeugt, daß z. B. unsere berliner Zustände vortrefflich wären u. s. w. Hierauf wollte mich Hr. Ricci (der hier sehr schlecht angeschrieben ist) über die italienischen Angelegenheiten zugleich ausfragen und bekehren. Statt dessen ergriff ich die sokratische Methode und fragte: glauben Sie, daß ein fremdes Volk die Freiheit bringen kann? daß man durch Vermittelung den Dank der Österreicher und Italiener erlangen wird? daß sich die Italiener nicht mehr untereinander streiten und verfolgen werden u. s. w. u. s. w. So halfen meine Fragen wenigstens so viel, daß ich nicht zu antworten brauchte.
Zur Abwechslung und Erholung von derlei diplomatischen Exercitien, lese ich Cousin’s Vorträge über Geschichte der Philosophie mit großer Theilnahme. Obwohl mir fast alle Werke über diesen Gegenstand sehr genau bekannt sind, finde ich doch hier manche eigenthümliche Zusammenstellung und den wissenschaftlichen Standpunkt eines Franzosen. Die deutschen Leute von Fach werden seinen Eklekticismus tadeln; zufolge meiner geschichtlichen Natur lasse ich es mir aber gern gefallen, daß er jedem philosophischen Systeme sein Recht widerfahren läßt: also der Philosophie der Sinnlichkeit, des Geistes, des Zweifels und der Mystik. Der Beweis, daß keine dieser Schulen allein ausreicht, sondern in jeder Bestandtheile der Wahrheit und des Irrthums liegen, ist vortrefflich durchgeführt. — Eine, nach deutschen Quellen von Cousin entworfene Darstellung der letzten Lebensjahre und Lebenstage Kant’s, habe ich mit größter Theilnahme und Rührung gelesen. Welch ein avis à un vieux lecteur!
Den 26. November.
General Cavaignac hat sich gestern meisterhaft gegen alle wider ihn erhobenen Anklagen vertheidigt, und für jeden unbefangenen Freund der Wahrheit einen vollen Sieg erfochten. Seine Beredtsamkeit war die eines rechtlichen Mannes, eines ehrenwerthen Charakters. Kein Wort zu viel, keine Phrasen, keine Zweideutigkeiten, keine schlecht verdeckten Widersprüche, keine schwülstigen oder heimtückischen Berufungen an die Leidenschaften, kein flitterhafter non sens; — in Allem das vollständige Gegenstück zu der Beredtsamkeit Lamartine’s, und zu der Unfähigkeit — zu sprechen und zu handeln. — Kaum Einem in der Nationalversammlung ist es wohl zweifelhaft geblieben, daß Cavaignac mit Unrecht angeklagt ward; und die sich der Abstimmung enthielten, thaten es meist aus Feigheit oder Parteizwecke halber. Man mag den Sturz des Königthums bejammern, die Republik hassen oder verachten; läugnen aber kann man nicht, daß Cavaignac ein Mann ist, in größerem Style, als alle seine bisherigen Gegner.
A Monsieur le Général Cavaignac.
Permettez que je Vous adresse mes félicitations les plus sincères de Votre admirable et éloquente défense, et de Votre victoire glorieuse! J’ai l’honneur etc.
Monsieur Bastide à Monsieur de Raumer.
Monsieur!
Je viens de recevoir une dépêche de Francfort, dans laquelle se trouve textuellement la phrase suivante: Il n’est plus question de l’envoi de Monsieur de Rantzau non plus que de celui de Mons. de Nostiz comme réprésentant du pouvoir central à Paris, et provisoirement du moins, Monsieur de Raumer, y conservera son poste actuel.
Permettez de me féliciter de cette nouvelle, qui me donne l’espérance de conserver avec vous les excellents rapports que je suis heureux d’entretenir!
Votre tout devoué
Jules Bastide.
25. nov. 1848.
Fünfundachtzigster Brief.
Paris, den 27. November 1848.
Allerdings hat jeder Tag seine eigene Sorge! Wer aber kann herzlos die Leiden voriger Tage ganz vergessen, oder die Augen gegen eine herandringende Zukunft verschließen, die man fördern oder bekämpfen soll? Wenn ich die Dinge aus der Vogelperspektive des Historikers betrachte, so sehe ich neben den durch Wolken verdunkelten Landschaften, auch die erleuchteten; der Abendstern wird zum Morgensterne und den fernab donnernden Gewittern folgt der versöhnende Regenbogen. Jetzt aber krieche ich gezwungen wie ein Wurm an der Erde, sehe Alles in größter Nähe, gleichsam durch ein Mikroskop, welches das Natürliche bis zum Entsetzen vergrößert. Wie kann und darf man dem entgehen? Selbst (abgesehen von Dem, was Pflicht und Beruf gebieterisch fordern) nähme man Flügel der Morgenröthe und flöhe zum äußersten Meere, so würden die Nachtvögel der Zeitungen folgen, und ihr betäubendes Mordgeschrei erheben. — Wieder ein Mord mehr vollbracht durch die heutigen Assassinen, welche in der Praxis den alten gleich stehen, durch ihre nichtswürdig ausgebildeten, besonnenen Theorien aber noch verruchter erscheinen. Kaum ist der heilige Vater in Rom den Händen einer Bande entgangen, gegen welche gewöhnliche Straßenräuber fast unschuldig erscheinen.
Wie kann man hoffen, solch eine sittliche Ausartung, durch weiße Salben und Constitutionsgichtpapier auszuheilen oder zu vertilgen? Wie kann man sich wundern, wenn Ärzte einer anderen Schule (wie Windischgrätz) versuchen, mit Schneiden und Brennen eine Besserung aufzuzwingen? So weit ist es gekommen, daß man sich fast des Verkehrten freut, in der (freilich oft täuschenden) Hoffnung, dies werde auf den Weg des Besseren zurückführen! So hat das Verweigern der Steuern in Berlin, das Verwerfen der Frankfurter Vermittelung, und das Übertriebene der von der Linken vorgeschlagenen Bedingungen, Vielen die Augen geöffnet, und der Regierung mehr genützt als geschadet. — Es giebt in unseren Tagen leider viele Fälle, wo man kaum weiß, was man thun soll; gewiß aber hätte ich mich in Berlin, in jeder Weise, obigen Thorheiten, oder Verbrechen widersetzt, und mich in Paris bei der Abstimmung über Cavaignac, nicht durch Parteizwecke vom Abstimmen für Wahrheit und Recht abhalten lassen.
Wie im Sprechen und Handeln wird auch im Schreiben nur zu oft die Wahrheit umgangen und entstellt, z. B. von den Geschichtschreibern der Revolution. Bei Mignet ist der König mit seinen Freunden für jede That zurechnungsfähig, die Jakobiner sind gerechtfertigt par la force des circonstances; bei Thiers hat Napoleon überall Recht, und jeder widersprechende Unrecht; Blanc schreibt baaren Unsinn für unsinnige Zwecke, und Lamartine giebt Dekorationsmalereien auf Glanzpapier, mit Goldschaum aufgehöht.
Den 28. November.
Die römischen Frevel machen hier sehr großen Eindruck, und es kommt heute in der Nationalversammlung zur Sprache, was Frankreich für den Papst thun wolle. Ein Wahnsinn der ärgsten Sittenlosigkeit durchraset ganz Europa, fast ärger als der theologische früherer Zeiten; und so wie man sich damals durch Mißdeutung biblischer Stellen eine von allen Banden gelösete, angebliche höhere Moral bildete, stellen jetzt die Anarchisten die höchste Willkürlichkeit ihres hochmüthigen Beginnens hinauf über alle ewigen Gesetze menschlicher Würde. — Als ich gestern Hrn. — (einem Quasigesandten der Sicilianer) sagte: gründet man die Freiheit durch Mord? Wird dies die Theilnahme für Italien erhöhen? bemerkte er: aber Hr. Rossi hat viele Fehler begangen. — Als wenn dies Recht zu, oder Entschuldigung für Verbrechen gäbe!
800 Schuster haben ein Bankett gehalten, wo ihnen einer der neuen Propheten (ein ehemaliger Arbeiter), Herr Peter Leroux sagte: viele Schuster denken und sprechen weit besser d’association, als Mitglieder der Nationalversammlung. Ein Mitglied des Instituts, ein Dichter wie Lamartine, ein General wie Cavaignac, ein Napoleon, — ist nicht mehr wie ein Schuster! — Ces paroles ont été suivies de vives acclamations! — Schwerlich würde es viel wirken, wenn man diesen Schustern die Geschichte erzählte, vom ne sutor ultra crepidam.
Den 29. November.
Gestern Abend wollte ich mich dem Hrn. General Cavaignac in seiner sogenannten Soiree vorstellen, fand aber die Straße so mit Wagen überfüllt, daß ich ausstieg, um zu Fuße weiter vorzugehen. Bald aber zeigten sich auch hier unübersteigliche Hindernisse. Tausende nämlich von Nationalwache und Officieren rückten in geschlossenen Reihen vorwärts, und ob sie mich gleich mehre Male höflichst durchließen, gelangte ich doch nur bis in das erste Zimmer; wo diesmal keine Hitze, sondern bei offenstehenden großen Fenstern und Gartenthüren ein gewaltiger Zug war. Obgleich ich meinen runden Hut (mit Hülfe einer neuen Erfindung) zusammendrückte und mich vereinzelte schwarze Krähe so schmal machte wie möglich, blieb es doch unmöglich weiter vorzudringen. Kein plus ultra, sondern Rückzug bis zur Hausthür; wo es mir mit Mühe gelang, meinen Namen in ein Buch einzuschreiben. Unterdeß hatte die Polizei die Überzahl von Wagen in andere Straßen gewiesen; der meine war nicht aufzufinden, und so mußte ich den weiten Weg nach Hause laufen. — Noch nie war es so voll bei Cavaignac, vielleicht in Folge seiner siegreichen Vertheidigung am vorigen Sonnabend.
Ludwig Bonaparte hat sich ein Manifest machen und es gestern verkündigen lassen. Im Vergleiche mit seinen Wünschen, ist Heinrichs IV Wunsch, „eines Huhns im Topfe,“ — nicht des Erwähnens werth; und gehen seine Versprechungen in Erfüllung, so bricht die goldene Zeit herein, der Himmel fällt auf die Erde, und Jeder steckt davon so viel in die Tasche als ihm beliebt. Aller Streit, alle Unordnung, alle Leidenschaft nimmt ein Ende, und die entgegengesetztesten Personen arbeiten in milchbrüderlicher Einigkeit an dem neuen Paradiese. So sagte schon John Cade: I would by contraries execute all things.
Den 30. November.
Sonst kannte selbst die Fabel nur zwei Gefahren, von zweien Seiten, Scylla und Charybdis; jetzt sitzt man, wie ein indischen Büßer wenigstens zwischen vier Feuern und Sonnenbrand von oben. Welch eine klägliche Rundschau bietet Europa: Portugal, im Vergleiche mit den Zeiten Vasco di Gama’s und Albuquerque’s; Spanien, in dessen Landen die Sonne nie unterging; Frankreich, nach 60jährigen Bestrebungen, zum bloßen Lotteriespiele verdammt; Deutschland, wo Centralisation und Partikularismus, Reaktion und Radikalismus sich wechselseitig zu Grunde richten; Italien, Mordfeste feiernd und die Wiedergeburt im überbieten alter Frevel suchend. Möchte man zuletzt nicht in der Verzweiflung nach Rußland fliehen, weil dort doch noch Glauben an eine geordnete Regierung und Gehorsam im Gemüthe zu finden ist!?
Meine gesandtschaftlichen Bestrebungen erinnern mich an Tantalus’ Geschick. Im Augenblicke des ersten Gelingens, die Verwerfung des malmöer Waffenstillstandes. Im Augenblicke des zweiten Gelingens, der wiener Aufstand. Im Augenblicke des dritten Gelingens, die Protestationen der österreichischen Landschaften gegen die Frankfurter, Österreich betreffenden Beschlüsse. Könnte man da nicht alle Geduld verlieren? Kann man sich wundern, wenn Feinde Deutschlands dies benutzen und geltend machen, Freunde aber zweifelhaft werden und zögern?
An den Hrn. Rector der berliner Universität
Hrn. Nitzsch.
Soeben lese ich in dem preußischen Staatsanzeiger die Erklärung, welche sehr viele Professoren der Universität in Bezug auf die Verlegung der Reichsversammlung an Se. Majestät den König gerichtet haben. Ich halte es für meine Pflicht, nicht zu schweigen, sondern selbst aus der Ferne dieser Erklärung mit voller Überzeugung beizutreten. Denn abgesehen von allen Gründen, welche man aus der früheren Verfassung, aus Rechtsverhältnissen und Gesetzen, für das von der Krone in Anspruch genommene Recht herleiten kann; erweiset die Theorie durch sichere Schlüsse und die Geschichte durch nur zu zahlreiche Erfahrungen, daß eine Versammlung, deren Dauer und deren Weise zu sein allein von ihr oder doch von ihrer willkürlichen Bestimmung abhängt, allmälig alle Freiheiten untergräbt und Tyrannei begründet.
Sie mag nämlich aus wohlwollendem Eifer und übertriebener Besorgniß, oder aus bewußtem Frevelmuth in dieses Streben nach Allmacht hineingerathen, so steht doch fest daß in dem Maaße, als sie dieses Ziel erreicht und alle heilsamen Gegengewichte zu Boden wirft, sie auch ihrem eigenen Untergange entgegengeht. Zu spät werden alsdann die Verführer gestraft, die Verführten von Gewissensbissen verfolgt, Alle aber (nach schnell vorübergegangener Lobpreisung) von der Mitwelt verläugnet und von der Nachwelt verdammt.
Nur wenn die Versammlung zur rechten Einsicht und dem nothwendigen Gehorsam zurückkehrt, die Krone aber (woran nach den Versprechungen Sr. Majestät des Königs und Sr. königlichen Hoheit des Prinzen von Preußen nicht zu zweifeln ist) weder die Gesetze der Mäßigung überschreitet, noch die zugesagten Rechte verkürzt, wird unser theures Vaterland aus der entsetzlichsten Gefahr errettet werden und einer glücklichen Zukunft entgegengehen.
Eure Magnificenz bitte ich, diese Erklärung der Öffentlichkeit zu übergehen.
Sechsundachtzigster Brief.
Paris, den 1. December 1848.
Gestern kam mir die Erklärung der berliner Professoren an den König in die Hände. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, ihr in einem Schreiben an den Rektor, Hrn. Nitzsch, beizutreten. Denn; obgleich ich meine Zweifel, ob die bloße Verlegung nach Brandenburg zum Ziele führen werde, noch immer nicht überwinden kann; so bleibt für mich doch keine Rechtsfrage, sondern nur eine Klugheitsfrage übrig, welche die Versammlung nicht zu entscheiden hatte. Noch weniger durfte sie durch die recht- und formlose Steuerverweigerung, ohne allen genügenden Grund, versuchen überall Anarchie und Bürgerkrieg hervorzurufen. Zu jener Erklärung habe ich mich auch deshalb entschlossen, weil es meiner Natur zuwider ist hinter dem Berge zu halten, und ich nicht den Schein erwecken will, als hege ich der miserabelen akademischen Geschichte halber, eine rancune, oder als wolle ich mich deshalb den Anarchisten zugesellen.
Aber, wie gesagt, der Streit über die Verlegung der Nationalversammlung wäre wohl besser vermieden worden. Geht die Mehrheit nicht nach Br., so ist dies eine Niederlage für die Regierung, gehen Alle hin, so werden die Steuerverweigerer auch außerhalb Berlins schwer zu lenken sein. Die Auflösung der Nationalversammlung läßt sich (da Viele sich gern das Vergnügen einer neuen Wahl machen wollen) wohl durchsetzen; wer aber kann dafür stehen, daß die bevorstehenden Wahlen in der jetzigen aufgeregten Zeit besser ausfallen werden? Wenigstens zeigt hier die englische und französische Geschichte warnende Beispiele.
In einer langweiligen Abendgesellschaft, zischelte gestern ein Herr dem anderen zu: L. Bo. Manifest ist gemäßigt, beruhigend, gemüthlich, weise; — während ein Dritter seinem Nachbar sagte: es ist die dummste und lächerlichste Posse (niaiserie), die mir je vorgekommen! — In dem ersten Entwurfe hat gestanden: er werde nie interveniren und das Heer um 200,000 Mann vermindern. Dies ist aber ausgestrichen worden, weil man den Eindruck fürchtet, den eine solche Erklärung auf das Heer machen könnte; oder weil man noch Eroberungsgelüste hegt; — oder aus beiden Gründen zusammengenommen.
Den 2. December.
Die Maßregeln, welche Hr. General Cavaignac für den schändlich behandelten Papst ergriffen hat, finden fast allgemeinen Beifall, wogegen die Theilnahme für die Italiener täglich abnimmt und ihre politische Fähigkeit und Mäßigung von allen Seiten geläugnet wird. Gestern sagte mir ein hochstehender Beamter: man wird ihrer bald so überdrüßig sein, als der Polen. — Leider hat die Theilnahme für Deutschland in der letzten Zeit ebenfalls so abgenommen, daß man dessen kein Hehl hat. Und zwar aus folgenden Gründen:
1) weil die berliner Reichsversammlung Schlüsse der frankfurter aufgehoben hat, und umgekehrt;
2) weil die berliner Linie alle Einmischung der Reichsgewalt zurückweiset, sobald diese nicht unbedingt Das thun will, was jene verlangt;
3) weil die berliner Zerwürfnisse noch fortdauern und von Frankfurt aus nicht beseitigt sind;
4) weil die frankfurter Versammlung geduldet hat und noch duldet, daß einzelne ihrer Mitglieder willkürlich die Paulskirche verlassen, in verschiedenen Staaten Aufruhr predigen, und an ungebührlichen Kämpfen persönlichen Antheil nehmen. Es sei tadelnswerth, daß man in Frankfurt blos die Form ins Auge fasse, ohne den Inhalt zu berücksichtigen. Oder, wenn man diesen ausnahmsweise auch unterordnen wolle, so hätte man doch nicht Männer, mindestens höchst zweideutiger Wirksamkeit, als Märtyrer dichter Freiheit behandeln und ehren sollen;
5) während man verlange, daß Frankreich die Reichsgewalt und einen Reichsgesandten unbedingt anerkenne, sei man mit Österreich in so unnöthigen Streit gerathen, daß sich dasselbe von Frankfurt lossage und die daselbst gefaßten Beschlüsse weder ausführen wolle, noch ausführen könne. Bevor man sich also an fremde Mächte wende, möge man in der Heimat zur Mäßigung zurückkehren und Einigkeit begründen. Selbst Frankreich sehe ein, daß für Europa’s Wohl ein starkes Österreich nöthig sei, während man in Deutschland unbegreiflicher Weise dessen Zerstückelung und Auflösung wünsche oder anbahne. Österreich werde dazu so wenig die Hand bieten, als Frankreich, wenn man etwa für Elsaß, Bretagne oder Navarra derlei Beschlüsse fassen und aufdrängen wolle.
So in aller Kürze die Urtheile, wobei ich mich noch freuen soll, daß sie mir nicht stärker vorgetragen werden! Einzelne Gesandte sind so mitleidig, mich zu meiner Stellung zu condoliren, und wenn ich mich wahre und vertheidige, machen sie (leider!) meiner Person Komplimente, während sie die sachlichen Darstellungen und Forderungen ablehnen. Einzelne, die in ihren eigensten Interessen verletzt werden, sprechen schon die Hoffnung aus: es werde Alles beim Alten bleiben!
Mittags.
Ich habe gestern, ich weiß nicht zum wievielsten Male, auf Auslieferung der Mörder des Fürsten Lichnowsky gedrungen, und zwar in einer ungeduldigen, fast barschen Weise. Die Schuld der Zögerung liegt aber nicht an dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, sondern am Justizministerium, wie man in Frankfurt durch Hrn. Tallenay bereits wissen wird. Ein vieljähriger Beamter jenes Ministerii sagte mir: „Ihre Forderung ist klar und gerecht, aber man fürchtet sich vor den Journalen.“ Da entfuhr mir das Wort: „c’est misérable.“ — Anstatt mich (wie ich fürchtete) deshalb zurechtzuweisen, erwiderte jener Beamte: „Sie haben vollkommen Recht!“
Siebenundachtzigster Brief.
Paris, den 3. December 1848.
Warum (sagte mir Baron R.) besuchen Sie uns Abends nicht öfter? — Ich bin oft übler Laune, oder vielmehr so niedergeschlagen, daß ich für Gesellschaften dann nicht tauge. — „Mir geht es ebenso; aber es hilft zu nichts. Auch erscheinen mir die Verhältnisse allmälig sehr viel besser zu werden. Welch wilde, ungemäßigte Leidenschaften im Februar und Junius. Jetzt dagegen müssen alle Parteien sich bezähmen und den Gemäßigten anschließen, Cavaignac wie Bonaparte; und Lamartine (der einst mit Ledru-Rollin fraternisirte) erklärt: er will die rothe Republik aufs Äußerste bekämpfen. Die Gemäßigten werden in Frankreich herrschen und (da Deutschland ja alles Französische nachäfft) auch in Deutschland die Oberhand behalten.“ — Ich freute mich dieser heiteren Betrachtungsweise, obgleich mir der Weg zum Besseren noch nicht so gerade aus zu laufen scheint. Per tot ambages, per tot discrimina rerum, tendimus in Latium. In England dauerten die politischen Stürme, während des 17. Jahrhunderts, an 60 Jahre; Frankreich ist nach gleichem Zeitraume noch nicht am Ziele; Deutschland wüthete 30 Jahre wider sich selbst, und kommt (einmal aufgeregt) nicht leicht und schnell zur Ruhe. — Und doch sehnt sich weit die Mehrzahl nach dieser Ruhe. Die Minderzahl, gewiß die thätigere, ist hingegen jetzt fanatisirt für politische Lehrsätze und Bekenntnisse, wie die Vorzeit für theologische Formeln. Von Besonnenheit, Sittlichkeit und liebevollem Christenthume ist dabei nicht mehr die Rede. Frevler, als Märtyrer ächter Freiheit dargestellt und erhoben, Unschuldige ermordet, und der Beförderer alles Guten, der wohlwollende Vater der Christenheit mit der niederträchtigsten Undankbarkeit behandelt und mit Mühe Mörderhänden entflohen. Wenn ein Hund auf der Straße schreit, stehe ich auf und suche den etwa Verfolgten zu schützen; statt dessen lesen sich diese neurömischen Senatoren, während Rossi’s Todesröcheln, ihre langweiligen Sitzungsprotokolle vor, und nennen diese bestiale Stumpfheit, stoische Größe. Kein römischer Bürger ergreift den siegesfrechen Mörder, kein römischer Edler reicht dem in Todesgefahr schwebenden Papste hülfreich die Hand, und durch Feste zu Ehren des Mörders schänden sich Städte und Landschaften. So sind die Zeugnisse für die Fähigkeit Italiens zu einer politischen und sittlichen Wiedergeburt. Schreibt doch selbst die ultraliberale Arkonati: die Demokraten haben Alles zu Grunde gerichtet!
Brechen wir jedoch nicht voreilig und ohne Selbsterkenntniß den Stab über Andere. Oder sind denn die Anzeichen, ja die Thaten in Deutschland besser? Ich ward unterbrochen und so möge denn dies Klagelied unbeendet bleiben.
L. Bonaparte und seine Partei benutzen alle Mittel für ihre Zwecke, werden aber nicht minder benutzt. Jemand der die Herabsetzung, oder Abschaffung der Salzsteuer wünschte, überredete jene Partei, daß Bonaparte viele Stimmen gewinnen werde, sofern er sich dafür erkläre. Ohne Rücksicht darauf, daß leichtsinnige Versprechungen zuletzt bittere Früchte tragen, gehen die Stimmenjäger auf jenen Vorschlag ein, lassen 300,000 Exemplare einer darauf bezüglichen Erklärung auf ihre Kosten drucken; — und der Bittsteller hat seinen Zweck erreicht, ohne daß es ihm einen Heller kostet. — Ein angesehener Mann aus Südfrankreich sagte mir: wir lieben die Republik nicht, haben auch keinen besonderen Gefallen an Cavaignac; aber wir stimmen für diesen, weil wir keine neue Revolution wollen. Unsere Bauern dagegen, wenn ein Schwein Bonaparte hieße, sie würden es zum Präsidenten erwählen. — In einem vertraulichen Gespräch mit — sagte ich ihm: ich bin hier in Paris völlig unnütz, verderbe meine Zeit, und treibe mich auf den Gassen umher, oder in langweiligen Soireen. Wäre nur mehr Trost in Frankfurt oder Berlin, ich ginge sogleich davon. — Von hier war der Übergang leicht zur Beurtheilung der Gesandten und ihrer Wirksamkeit überhaupt, wobei ich den in meiner Spreu angegebenen Ton wieder anschlug. Sogleich übernahm jener, seit 30 Jahren angestellte Beamte die Oberstimme, machte seinem Herzen Luft und schloß: „Glauben Sie, mein Herr, ich habe viele Gesandten gekannt, die bei ihrer Ankunft handlich verständig waren; allmälig aber wurden sie (anmaßlich mit Kleinigkeiten beschäftigt) — des Sots.“ — Das spüre ich auch schon, fügte ich der Wahrheit gemäß hinzu! — Nun, das Ende ist abzusehen, hoffentlich ehe ich ganz verdumme! Denn nachdem ich mich hier, pro patria, abgemüht, gequält, und (ohne meine Schuld) nichts ausgerichtet habe, wird man (sobald die Verhältnisse sich günstiger gestalten) einen Anderen herschicken, ihm die bis dahin endlich gebratene Taube ins Maul stecken, mich aber (als unbrauchbar) zur Seite schieben. Ich bin so auf Alles gefaßt, daß derlei Erfahrungen meine Kreise nicht stören, sondern eher ergänzen werden.
Den 4. December.
Noch immer steigen und sinken die Leute hier mit ihren Hoffnungen; cartesianischen Täucherlein vergleichbar, oder dem Barometer zur Zeit der Äquinoctialstürme. So muß ich heute Bonaparte’s Aktien höher notiren als gestern, da der Marschall Bugeaud sich für ihn erklärt hat, und zwei aus den Landschaften kommende Männer die allgemeine Stimmung des Landvolkes für ihn bezeugen. Hingegen sind die, Erhaltung der Ruhe bezweckenden, Bürger meist für Cavaignac. Alle nehmen mit äußerlicher Höflichkeit noch immer den Hut ab vor dem allgemeinen Stimmrechte, während es Viele innerlich zum Teufel wünschen. Übrigens macht es einen höchst unangenehmen Eindruck, daß kaum irgend Jemand (und die Hochgestellten noch weniger, als die Geringen) die Wahrheit sagt, sondern daß sie Anderes denken, fühlen und bezwecken, als sie laut aussprechen. Daher der laute Ruf: nous acceptons franchement la république, während man sie zu stürzen sucht; Lobpreisungen auf L. Bonaparte, während man alle Plane auf seine angebliche Nichtigkeit gründet; unermeßliche Versprechungen Bonaparte’s, von denen er selbst und seine Gehülfen ohne Zweifel wissen, daß er sie niemals erfüllen kann; Versagen der Abstimmung für Cavaignac in der Nationalversammlung, keineswegs weil die Sache unklar war (non liquet), sondern unter vielfachen Vorwänden, um ihm zu schaden: Zurückhalten der Äußerungen über die Bewerber zur Präsidentur, keineswegs aus Nichtwissen, oder Nichtwollen; sondern um Andere in die Grube fallen zu lassen, und diese nachher zuzudecken. Der über dieser Grube auferbaute Herrscherthron könnte aber leicht auch zusammenstürzen. Die Legitimisten hoffen, die Bonapartiden zu dupiren und umgekehrt; und jene vertreiben sich die Zeit mit einem Plane, der auf erhabener Grundlage ruht; nämlich daß Henry V kein Kind zeugen, seine Frau keins in die Welt setzen kann u. s. w.
Zwischen all diesen Mummereien und tragikomischen Fastnachtsspielen, erheben allein die Blutrothen unverhohlen und rücksichtslos ihre Brandfackel, um alle jene Schauspielerbanden heimzuleuchten und die Coulissen, hinter denen sie sich verstecken, niederzubrennen. Mit Cavaignac und seinen Freunden (das wissen sie) ist nicht zu spaßen; wenn aber die Katzbalgereien über Bonaparte’s Beherrschung, oder Beseitigung losgehen, hoffen sie der uneinigen Gegner Herr zu werden. So hier die Zustände, die Aussichten; — und doch siegt, durch Gottes mächtige Hülfe (welcher Menschenfreund wünschte es nicht) vielleicht die sehr große Mehrzahl Derer, welche aufrichtig Ruhe und Ordnung erflehen.
Den 6. December.
Die allgemeine augsburger Zeitung thut alles Mögliche, gute Briefschreiber zu werben, und doch sind deren Weissagungen, wenn auch nur auf 24 Stunden hinaus, in der letzten Zeit ganz zu Schanden worden. Obgleich ich mich also keineswegs auf diesen gefährlichen Weg begeben will, kann man es doch nicht unterlassen, an dem Vorabende großer Begebenheiten die verschiedenen Möglichkeiten ins Auge zu fassen: wenn auch eine derselben vielleicht bereits zur Wirklichkeit geworden ist, ehe der Brief ankommt. Also: 1) wenn Cavaignac zum Präsidenten erwählt wird, so stehen ihm zur Seite, sein Verstand, seine Ehrlichkeit, seine Charakterkraft, die wirklichen Republikaner und alle Die, welche durchaus keine neue Umwälzung wollen, und denen jede vorhandene Einrichtung lieber ist, als alle künftigen. Wider ihn sind alle Legitimisten, alle Kriegslustigen, die Feinde des National, und die ungeheure Zahl Derer, welche wenigstens in dem einen Punkte übereinstimmen, daß sie keine Republik wollen. Endlich hassen und fürchten ihn zugleich alle rothen Republikaner. — 2) Wenn L. Bonaparte gewählt wird, so muß das (ohnehin schon laute) Geheimniß an den Tag kommen, daß sehr wenigen einflußreichen Personen etwas an seiner Person gelegen ist, sondern die Meisten sich seiner nur als Mittel für ihre eigenen Zwecke bedienen wollen. Diese Zwecke sind aber so verschieden, ja entgegengesetzt, daß schon die Bourboniden und Orleaniden sich darüber schwerlich vertragen werden, und Niemand voraussagen kann, wer in dem bevorstehenden Kampfe obsiegen wird. Die rothen Republikaner, welche in Bonaparte’s Erhebung einen ungeheuern Rückschritt sehen, reden laut davon, Gewalt wider ihn zu gebrauchen. Sie bringen Gesundheiten aus: „nieder mit den Rentiers und den Eigenthümern.“ Es gehört eine Leitung dazu, wie sie Cavaignac im Juni übte, um solcher Wüthigen Herr zu werden; ist Bonaparte mit seinen Freunden dieser drohenden Gefahr nicht gewachsen, so kann das größte Unglück nicht ausbleiben. Jedenfalls hoffen die sogenannten Freunde Bonaparte’s nach seiner Wahl auf Veränderungen in monarchischer Richtung; und ebenso fürchten alle Republikaner einen Umsturz ihrer kaum gebornen und getauften Verfassung. Ich stimme gegen Cavaignac (sagte mir ein Bücherantiquar), weil ich die Republik nicht will; ich stimme für Bonaparte nicht seinetwegen, sondern weil ich die Herzogin von Orleans und die Regentschaft will. — Kommt die Entscheidung über die Präsidentenwürde an die Nationalversammlung, so wird sie sich für Cavaignac aussprechen, theils aus persönlicher Achtung, theils weil viele Mitglieder (in jener ersten Aufregung erwählt) wirklich republikanisch denken. Hieraus folgt aber noch nicht, daß das, jetzt anders gesinnte Land sich ruhig dieser Entscheidung unterwirft. Neue Wahlen bringen neue Ansichten, und der letzte Abdruck dieser Volkssouverainetät hat ja nach französischer Theorie und Praxis immer Recht, bis die Presse, oder die Preßbengel einen noch neuern zur Welt bringen. Daß die Präsidentur und die neugebackne Verfassung wirklich den Franzosen auf vier Jahre willkommene und hinreichende Nahrung geben werde, ist, nach allen geschichtlichen Erfahrungen unwahrscheinlich. Die Wahl des nächsten Sonntags ist höchstens le commencement de la fin. — Ich sende Euch lauter Variationen desselben Themas; kann es denn aber anders sein? Und wenn ganze Völker wie Thiere in der Mühle umhergehen, wie soll da der Einzelne im Stande sein einen geraden Weg, festen Schrittes zu verfolgen! — Ich sprach von Möglichkeiten; deren werden so viele ersonnen und zusammengekünstelt, daß in dem Augenblicke, wo man die eine, aus Gründen, für die wahrscheinlichere erklären möchte, durch politische Taschenspielerei plötzlich das Gegentheil hervorgedreht wird. So scheint es ganz natürlich, daß Freunde der Republik für den Republikaner Cavaignac stimmen, während jetzt Mehre sagen: Nein, die Gegner der Republik müssen ihn zum Präsidenten ernennen; denn wenn selbst unter seiner Leitung die Republik sich nicht halten wird und nicht halten kann, so ist sie für immer abgethan und man kehrt zum rechten Königthume zurück. Bonaparte dagegen bringt lange untaugliche Mittelzustände, und der Einwand bleibt, daß, unter einem tüchtigeren Führer, die Republik sich hätte halten können und sollen. Cavaignac führt also (besonders nach neuen, unzweifelhaft monarchisch ausfallenden Wahlen) zum völligen, raschen Tode der Republik; durch Bonaparte wird sie zwar erkranken, aber sich leicht wieder erholen zu neu versuchter Lebensverlängerung.
Achtundachtzigster Brief.
Paris, den 8. December 1848.
Vor Bonaparte’s Wohnung faullenzen täglich mehre Hundert Bummler, nach den gebratenen Tauben das Maul aufsperrend, die er ihnen versprochen hat. — Viele Engländer verlassen Paris; sie fürchten im Fall der Wahl Bonaparte’s große Unruhen, ja einen allgemeinen Krieg.
Mit einem Cabrioletkutscher hatte ich soeben folgendes Gespräch: Pour qui voterez Vous? — Certainement pour Bo. — Croyez Vous qu’il est capable de gouverner la France? — Point du tout, mais il sera usé plus vite qu’aucun autre! — So denken nicht blos Kutscher, sondern auch die hochweisen Männer verschiedener namhafter Vereine. Später werden Alle sagen: wer hätte das gedacht! Aber: tu l’as voulu George Dandin!
Den 9. December.
Wichtige Begebenheiten drängen sich jetzt auf eine fast beispiellose Weise: der Papst verjagt, ein Kaiser und ein König abdankend, Frankreich morgen für und gegen einen unbekannten Herrscher stimmend, würfelnd, oder losend; in Preußen die Versammlung aufgelöset und eine neue Verfassung gegeben; — so vieler anderen Dinge nicht zu erwähnen, welche in ruhigeren Zeiten die größte Aufmerksamkeit erweckt hätten. — Die Italiener richten sich zu Grunde wie die Polen; Mäßigung und Besonnenheit fehlen fast überall, und Leidenschaft wird über Sittlichkeit und Tugend hinaufgesetzt. — Österreich ersteht aus Todesgefahren, zu einem hoffentlich einigen und großartigen Völkerbunde. — Für Frankreich wird Gott sein: „es werde Licht,“ doch nicht für immer zurückhalten. Gestern Abend war auf dem Vendomeplatze aber noch Tohu, Bohu; sechs Parteien eiferten für sechs Bewerber, und da L. Bonaparte keine gebratenen Tauben umherreichen ließ, kochten sich die citoyens actifs selbst einige Prügelsuppen.
Den 10. December.
Heute weissagt man den Sieg Bonaparte’s, weil in Paris (also auch in ganz Frankreich) gutes Wetter ist! Denn nunmehr würden sich die Bauern nicht abhalten lassen, nach den entfernten Wahlorten zu gehen und für ihn zu stimmen! — Gestern ließ ich mir die Haare verschneiden. Es dauerte wohl eine Stunde; denn es entspann sich (von mir gefördert) ein Streit zwischen dem Haargesellen und einem eintretenden alten Officier. Jener war (obgleich aus der Vendée) ein Verehrer L. Bonaparte’s; der Officier (obwohl aus Napoleon’s Heeren) ein Bewunderer Cavaignac’s. Der Gesell ließ mich, halb geschoren, sitzen, um seinen politischen Zweikampf auszufechten, und ich hörte geduldig zu, um (als Professor des Staatsrechts) etwas zu lernen. — Ich stimme (sagte heute ein Mann) für Bonaparte, denn er bringt uns Steuererlaß, stete Beschäftigung und Wohlstand. — Gewiß wird Cavaignac (und das ist einstweilen ein Trost) mit seinen Freunden sich jeder Entscheidung der Wähler, oder der Nationalversammlung unterwerfen und keine Verletzung der Ordnung und der Gesetze dulden.
Nachmittags.
Die jetzige französische Regierung betrachtet Rußlands Fortschritte mit der größten Besorgniß, und wünscht in Ansichten, Beschäftigungen und Bestrebungen der Regierungen und der Völker eine solche Wendung und Übereinstimmung, daß man jenem Umsichgreifen mit größerem Nachdrucke könne entgegentreten. Insbesondere fragte Hr. Minister —, was man in dieser Beziehung wohl von Deutschland erwarten dürfe, denn auf Beantwortung dieser Frage komme vor dem Ergreifen bestimmter Beschlüsse sehr viel an. Ich antwortete (als Privatmann): Rußland hat den Deutschen gegen Napoleon’s Übermacht und Tyrannei treulich beigestanden, und ein Recht auf ihre Dankbarkeit erworben. Sollte daher irgend eine französische Regierung in die alten Gelüste der Eroberung und Unterjochung zurückfallen, so ist es höchst natürlich, daß man alsdann ein Bündniß mit Rußland nicht verschmähen wird. Andererseits giebt es zwischen Deutschen und Russen sehr wenige Punkte der Übereinstimmung, während sich jene gern aufrichtig mit Frankreich verbinden werden, sobald die dargebotene Freundschaft in Thaten übergeht und genugsame Bürgschaft gewährt. Österreich wird großentheils durch Frankreich und England gezwungen, sich an Rußland anzuschließen, und zu dessen Umsichgreifen zu schweigen; es ist zum mindesten eine sonderbare Zumuthung: es solle freiwillig seine italienischen Länder abtreten und durch einen großen Krieg mit Rußland, die Moldau und Walachei erobern. Nur wenn Frankreich, England, Deutschland (einschließlich Preußens und Österreichs) wahrhaft einig sind, werden ihre gerechten Vorstellungen bei dem Kaiser von Rußland Berücksichtigung finden; alle vereinzelten Einreden gegen seine anmaßlichen (aber klug berechneten und kräftig ausgeführten) Plane wird er hingegen für ganz unbedeutend halten und zur Seite legen. Während so viele europäische Regierungen und Völker sich unglücklicherweise streiten und schwächen, steigt Rußlands Macht. Denn so viel man auch gegen das russische Wesen mit Recht einwenden mag, so finden sich dort zwei Eigenschaften, die in so vielen westeuropäischen Ländern leider fehlen, nämlich: Vertrauen zur Regierung, und Gehorsam gegen die Regierung.
Den 11. December.
Der gestrige Tag ist ruhig vorübergegangen, obwohl, bei dem schönsten Wetter, Hunderttausende in Bewegung waren. Überhaupt ist für die Wahlzeit, und so lange noch Jeder obzusiegen hofft, nichts zu befürchten. Auch sind die mächtigsten Vorkehrungen für Erhaltung der Ordnung getroffen, und die Erfahrungen der Junitage haben selbst die kühnsten Empörer eingeschüchtert. Indeß zeigen die demokratischen Festmahle noch täglich Frechheit und Aberwitz in zugleich widerwärtiger und furchtbarer Mischung. So wenn Gesundheiten ausgebracht werden: le Christ, und unmittelbar daneben: la méfiance! Robert Blum, Raspail, Louis Blanc, Mazzini, Danton, Robespierre, u. s. w.
Mit Recht sagt heute das Journal des débats: sonst hätten die Völker ihre wichtigsten Handlungen durch Anrufung Gottes zu heiligen und zu reinigen gesucht; jetzt hingegen habe die französische Republik durch die Stimme ihres Propheten und Rhapsoden zu ihrem Schutzgott erwählt — den Zufall! Jacta est alea! La France joue, elle veut jouer; les yeux bandés, elle tire le gâteau des Rois! — Ich führe die eigenen Worte an, um sie nicht (scheinbar allzuhart) als Fremder auszusprechen.
Den 12. December.
Wenn sich hier der Wind ein Weniges dreht, drehen sich die Wetterfahnen noch weit mehr. Vor acht Tagen solcher Andrang beim General Cavaignac, daß Haus und Hof nicht zureichten und in den Nebenstraßen über 200 Wagen hielten; heute sagt der General aus zureichenden Gründen den Empfang ab, und gestern sah ich wie Haufen Gesindels mit Gebrüll nach seinem Hause eilten und aus vollem Halse schrien: à bas Cavaignac! — Höher Gestellte, die vor kurzer Zeit ihm noch schmeichelten und bettelten, haben plötzlich die Entdeckung gemacht: es sei zweifelhaft, ob er und seine Freunde unfähiger, oder unsittlicher wären!
Unter so vielen, sich drängenden großen Begebenheiten, welche der Geschichte reichen Stoff darbieten, sollte der Geschichtschreiber sich glücklich und wohl befinden! Woher kommt es nun, daß ich so verstimmt, so geistig und leiblich unwohl, so seekrank bin? Es kommt daher daß mir fehlt, was ich verehren und bewundern, woran ich mich erheben und stärken, wodurch ich neue Lebenslust und Lebenskraft gewinnen könnte. Statt ächter Weisheit höchstens Pfiffigkeit, statt edler Festigkeit schlangengewandte Fuchsschwänzerei, statt kühnen Verkündens der Wahrheit nur Heucheln, Schweigen, oder schlecht verdecktes Lügen, Götzendienst getrieben mit unsinniger Leidenschaft, Ehre geopfert dem gemeinsten Eigennutz und die Massen des ungebildeten Volkes als Fußschemel benutzt für Ehrgeizige und für die Brut ihrer gierigen Helfershelfer. — So sieht das aus, was in Frankreich meist zu Tage kommt, und jeden Theilnehmenden doppelt betrübt. Ist es ein Wunder, wenn große Herrscher (wie Kaiser und König Friedrich II) am Ende ihres langen, thätigen Lebens, das bittere Ergebniß aussprachen: die Menschen seien eine schlechte Race! — Man muß sich täglich zurufen: nil desperandum, und vertrauensvoll glauben, wo man mit schwachen Augen die göttliche Führung nicht deutlich erkennt.
Die Berechnung aller Störungen der Planeten- und Kometenbahnen ist leicht und einfach im Vergleiche mit den Vorherbestimmungen politischer Ereignisse, in unserer aufgeregten und verwirrten Zeit. Und doch wird man immer wieder zu diesen erfolglosen Versuchen hingetrieben, sobald sich die Elemente der Bahnen irgend verändern. Also, wenn Cavaignac nicht Präsident wird, was wird er thun? Ich meine er wird sich der Entscheidung unterwerfen und sich niemals (was Einige thöricht, oder böswillig verbreiten) mit den rothen Republikanern verbinden. Ob er aber ruhig dem Versuche zusehen würde, die ganze Republik umzustürzen, das ist eine andere Frage. Gewiß wird er nach einigen Monaten billiger beurtheilt und höher gestellt werden, als in diesen Tagen der Leidenschaft. Daß er und Bastide ehrlich denken, sprechen und handeln, ist Vielen unbegreiflich und unglaublich, oder Beweis der bloßen Unfähigkeit.