Anmerkungen zur Transkription
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Worauf freuen wir uns jetzt?
Worauf
freuen wir uns jetzt?
Fröhliche Geschichten
von
Fritz Müller
1918
Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
Copyright by Otto Rippel
Hagen i. W. 1918
Zeilenguß-Maschinensatz und Druck
von Oscar Brandstetter in Leipzig
Inhaltsverzeichnis
| Seite | |
| Worauf freuen wir uns jetzt? | [7] |
| In deinem Alter | [13] |
| Der Rauchtisch | [20] |
| Der Familienaufsatz | [27] |
| Der Hunderter | [35] |
| Der Spohrer | [39] |
| Glück | [45] |
| Das blaue Band | [49] |
| Die Rundfrage | [63] |
| Das Kugelzimmer | [70] |
| Schmuckel | [76] |
| Jod | [84] |
| Morgan | [88] |
| Tag- und Nachtärger | [96] |
Worauf freuen wir uns jetzt?
Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“
Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“
Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“
Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“
Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“
Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie nach und nach belächelten.
„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“
„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“
Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.
„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“
„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater — und worauf freuen wir uns jetzt?“
Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr, von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst du mir’s versprechen?“
„Ja, Mutter — und worauf freuen wir uns jetzt?“
Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und blieben bei der ihren.
Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen — sprich doch — Silentium für — ha, er spricht wirklich —“
„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“ Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare flogen.
Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß —“
„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“
Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man...
Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist der reinste Freuden-Cato: Ceterum censeo...“
„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das Carthago alles Mißvergnügens an.“
„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei ihm selber um die Wurst geht?“
Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.
Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut, da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen. „Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern ein Tyrann. Eines Tags verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein Riesenschatten: „Sie gestatten — bin der Weltkrieg — und erlaube mir, um Ihren Spruch zu bitten.“
„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“
Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.
Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte —?“
„Tun Sie doch nicht so — bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des Spruchs, sich selbst zum Opfer —“
„Mich magst du nehmen — was liegt groß an mir — aber alles liegt an meinem Spruch.“
„Dummes Zeug — zuviel Federlesen mach’ ich schon — her mit dem Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der Spruch, ihm nach der Krieg.
Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n: „Mich schickt der Max.“
„Kenn’ ich nicht.“
„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“
Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“
Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt. Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker, trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“
Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht. Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
In deinem Alter
Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?
Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:
„Laß das, Hansi...“
„Pfui, Lotte...“
„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“
„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“
„Fritz, Fritz...“
„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“
„Ei ei, Maxeli...“
„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“
„Na, warte, Karl...“
„Junge, Junge, Junge...“
Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen einzigen Schlußsatz aus:
„In deinem Alter habe ich...“
Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren, taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander, aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:
„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot bekommen...“, oder
„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von innen ausschaut...“, oder
„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“, oder
„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder
„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder
„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder
„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben, wenn unsere Eltern...“, oder
„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder
„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen, sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“
Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht. Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:
„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“
Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.
„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt ihr ja fliegen müssen, Vater.“
Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.
Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig, oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst angelangt waren und mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben schienen.
So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor Lachen.
Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:
„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt — mach’, daß du vor die Türe gehst, damit — damit du weißt, wie man sich bei Tisch anständig beträgt.“
Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt, ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.
„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker etwas unsicher zu mir.
„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht besser, aber dafür schlimmer.“
„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.
„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen, der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze hatte.“
„Soo?“
„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll und schließlich fröhlich.“
„So?“
„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie sich beinahe kugelten vor Lachen.“
„So, am Tisch?“
„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“
„Der Heinrich?“
„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“
„Dich? und der andere —?“
„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“
„Soso — hm ja — soso —“
In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft, warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.
Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.
„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich, „so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine umfängliche Predigt werden sollte und sagte:
„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch — dein Sohn ist im übrigen ein famoser Kerl.“
„Famoser Kerl, wieso?“
„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“
„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen — hm ja, ich meine, ich glaube, du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr erinnere, nicht gerade jetzt — und im übrigen vermute ich, daß ich damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin — wenn du’s schon erzählen mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch diesen Unterschied —“
„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied —“
„Welchen andern Unterschied, bitte?“
„Nun, du hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als du in seinem Alter damals —“
„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart bloßzustellen —?“
„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so unbekümmert und so — kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als eben diese Söhne.“
Der Rauchtisch
Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher haben sie erfunden.
Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher keine Streifenspule war.
„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.
„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“
„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es halten.“
„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß —“
„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“
„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt und —“
Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich wurde feig. Ich hob drei Finger. Ich verleugnete meinen gesunden Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.
„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch nicht alles, wenn er in Gefahr ist.
Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er zugedeckt, unsichtbar und gnädig.
Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam der Arzt.
„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“
„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen Briefkasten zu halten!“
Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen Augenblick allein sprechen: „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien Sie mich von diesem Ding da!“
„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber —“
Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein. Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen niederließ.
Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.
Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.
Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“, sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha, gewonnen — leer kam sie zurück.
„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach, Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal —
Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster —
„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust, gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“
Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch. Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch. Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen Rauchtisch.
Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn es überhaupt nie fertig würde.“
Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.
„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“
„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn unterwegs verlieren sollten — hier sind drei Mark — Sie verstehen.“
Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim. „Gnä’ Frau — huhu — stehen lassen in der Straßenbahn — huhu —!“
Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab — marsch, ins Fundbureau!“
Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein zweitesmal erheblich gründlicher.
Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden hat und behält, erhält zehn Mark.“
Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n will, wenn ich ihm das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“
Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen — darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete —“
„Sie — Sie sind —“
„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau Gemahlin —“
Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören. Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.
„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.
„Um Gottes willen —“
„Sei getrost, ich verzeihe dir.“
„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr kommen lassen?“
„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“
Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.
„Mann, verstell’ dich nicht — Kassabüchlein — monatlich zehn Mark — Kreszenz Hasenfratz — wir wissen alles —“
„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“
Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn — meine Tochter schrieb mir alles — wir wissen wohl um deine Jugendsünde — laß das arme Kind nur kommen —“
„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.
„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen, habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“
Der Familienaufsatz
Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“
„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann. Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen ganzen Aufsatz.“ — „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“
„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der Menschheit.“ — „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur mal dran, Hans.“
Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der — Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ — „Einen schönen Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ — „Er meint einen stilistisch schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ — „Ach was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration —“ — „Schuß? Er braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ — wenn ich denke: von heut auf morgen eine ganze Geißel —“
Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63, Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ — „Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“
Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ — „Na, nicht so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration — und nun machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“
Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu werden. „Onkel Franz, bitte noch einen schönen Satz.“ — „Jetzt kann dir mal die Tante helfen, Junge.“ — „Tante, bitte, noch einen schönen Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen: Krieg überall.“ — „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte Tante Lotte.
Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. — „Jetzt einen Satz von dir, Mutter“, bat Hans. — „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig, ich kann keine schönen Sätze kochen.“ — „Aber Mutter, irgendeinen Satz wirst du doch —“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.
Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und sagte auf und ab gehend:
„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu eskomptieren.‘“
Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.
Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’ mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor: „Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht, erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus auf. Sie standen auf und sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.
„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ — „Einen — einen Aufsatz“, stotterte Hans. — „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was sagen Sie nun, Herr Petrus?“
„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid. Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt. Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich und wachte auf. Schon war es hell.
Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den Aufsatzseiten. Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog. Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...
Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen abschreiben!“
„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“
„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“
Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.
„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale —“
„Aber Balthasar, das sind ja — das ist ja —!“
„Kenn’ ich schon — möchtest mir’s wieder abluchsen — da wird nichts draus — in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“
Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde, schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und ab. Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte einsammeln!“
Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“ fragte Mutter. — „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“ — „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte Tante Lotte. — „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein Aufsatzlehrer, he?“
„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“, sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:
„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die Schule gingen...“
Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder, so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.
„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir dabei geworden. Hört mal...“
Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz an. Nur der lange Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.
„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums — zum Beispiel den da — hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“
„Von — von — vom Hans!“
„Na, das ist denn doch! — Hans kann solches aufgepapptes Zeug überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“
„Nein, Herr Lehrer.“
Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen, Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans — aber danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“
Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“
Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“
Der Hunderter
Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich seine Geschichte erzählen.
Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen, wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida, ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre langen Arme an den breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und was jetzt?“ ging sie durch das Leben.
Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben, als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.
Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ — „Nein, gnä’ Frau.“ — „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ — „Jawohl, gnä’ Frau“ — Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. — „Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ — „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. — „Frida, den Hunderter kann niemand anders genommen haben.“ — „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida, geben Sie ihn her.“ — „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ — „Also ist er schon bei einem Helfershelfer?“
Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen. Sie weinte. „Gut, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte Tante.
Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ — „Ich hab’ ihn nicht, ich versteh’s nicht.“ — „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ — „Für jetzt will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“
Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer. Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer gütlich zu. — „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht entlasten.“ — „Jawohl, Hochwürden.“ — „Nicht drängen darf ich Sie, Sie müssen selber...“
Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben, daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas Arme: „Und was jetzt?“ — „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht entlassen werden.“
Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr die Tante zwei Mark am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen dient: „Und was jetzt?“
Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.
Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten Hunderter in der Hand.
Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben — ich habe sie nicht mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“
Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste — mein Hunderter knistert: Nein.
Vielleicht kann ihm jemand helfen?
Der Spohrer
Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“
Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?
„Mi—iller!“ schrie es ärger.
Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘ dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast bekannt vor — na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp, holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.
„Mi—i—i—ille—e—er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt — stand da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu einem verstärkten Millergedröhn.
„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“
„Ich geh zum Schlittenfahr’n — der Miller soll ’runterkommen mit sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.
Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns irgendeinen Miller —
„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube, er meint unsern — unsern Hansi.“
„Unsern — unsern —?“ stammelte ich verbindungslos.
Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.
„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah, bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke bogen.
„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln. Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem Hansi abgeblättert.
„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und fuhr mir über die Schläfe, als habe sich da was Fremdes angesetzt.
An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.
Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.
„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können, hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte. Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen, warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.
„Weil er — weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“, platzte Hansi heraus.
„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“, fühlten wir uns verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.
„Ja, und dann — und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß draufgetreten, der — der gemeine Kerl!“
„Aber Hansi, das kann Zufall sein und —“
„Und dann — und dann — und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Der Hansi heulte.
Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer lacht mich aus damit“, sagte er.
Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben: „Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser ganz gemeine Kerl.
„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.
„Wirklich, Hansi?“
„Ja — beinah — der — der gemeine Kerl!“
„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge—“ Aber da war er schon aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.
In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem Schulgang.
„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.
„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf — mit’m Stecken — der — der gemeine Kerl!“
Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer hätte — der Spohrer wäre — der Spohrer könnte — der Spohrer würde. Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere. Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi ab.
Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.
„Doch nicht der Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es wirklich dem Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.
„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so lang und hager, wie Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.
Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi. „Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi behandle ihn zu schlecht.“
„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.
„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er — dann habe er ihm einmal beinah eine ’neingehauen — und auf dem Schulweg passe er ihm auf, der — der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat — der Miller ist — der Miller wird — mit einem Wort, wir sind vermillert auf und ab.“
Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von Spohrern und von Millern sei.
„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt steht, wird sie auch verspohrert —“
„— Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu einer — einer stillen Liebe.“
Glück
Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat — Herr im Himmel, was hat der Glück gehabt — jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine Einladung auf den nächsten Sonntag.
Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid, das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das Benehmen anbeträfe — „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der Schule sein mußt — nicht etwa kriechend — wir sind auch was, wenn wir auch kein Staatsrat sind — du hast da einmal einen Klassenkameraden mitgebracht — Mathias, glaub’ ich — der trägt den Kopf aufrecht, weiß was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren — an dem nimm dir ein Beispiel.“
Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp: „Bin hier fast jeden Sonntag — der Staatsrat ist mein Onkel — komm.“
Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein — „Mathias, nimm dich seiner an!“
Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben, wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“
Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen, wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er gähnte.
Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe: „Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte ich eine halbe Stunde lang nichts besseres und konnte mich nicht satt sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.
Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“
Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte...
Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias — nein, den Mathias habe ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir, denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich: „Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei deinem Onkel, dem Staatsrat —“
„N—ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich mich dann an die Einzelheiten —“
„Ja, da war vor allem die Schaukel — dann der Weiher mit dem Boot — dann hinterm Zaun das Reh — dann die Erdbeeren mit Schlagsahne — schließlich im Grase hinter der Hecke —“
„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht — ah, eben rufen sie den Zug ab — du entschuldigst —.“
Das blaue Band
Wie soll man sich zum blauen Band stellen?
Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte — ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind flatterten.
Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute noch von blauen Liebesbändern.
Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch: Le cordon bleu, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es der Köchin, die am besten kocht.
Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller. Aber noch nicht, wie soll ich sagen — noch nicht aktuell genug. Habt ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande, das von England ausging, The blue ribbon, nach dem ein Hetzen ist und Jagen? —
So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die Geschichte vom blauen Band.