Aus einer kleinen Garnison.

Ein militärisches Zeitbild
von
Fritz von der Kyrburg.

Braunschweig
Verlag von Richard Sattler
1903.


[Inhaltsverzeichnis]

Seite
Erstes Kapitel [1]
Zweites Kapitel [27]
Drittes Kapitel [78]
Viertes Kapitel [125]
Fünftes Kapitel [185]
Sechstes Kapitel [233]
Siebentes Kapitel [245]
Achtes Kapitel [264]

[Erstes Kapitel.]

In dem geräumigen, mit behaglicher Eleganz eingerichteten Wohnzimmer war Frau Clara König damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen zum Empfang ihrer Gäste zu treffen.

Denn heute war Musikabend, zu welchem sich einmal in der Woche die engeren Freunde des Hauses versammelten, soweit sie musikalisch waren. Diesmal aber hatte man noch einige Familien dazu gebeten, damit sich alle von der erfolgreichen Tätigkeit der »Künstler« überzeugen sollten.

Hier rückte die Hausfrau einen Stuhl zurecht, dort strich sie glättend über ein gesticktes Deckchen, welche sie in allen Farben und Geschmacksrichtungen selbst gefertigt. Sie prüfte die Lampen auf ihre Lebensfähigkeit, klappte Klavier und Harmonium auf und warf schließlich einen liebevoll sorgenden Blick nach den gefüllten Blumenvasen, ob sie auch ihren duftenden Inhalt von der vorteilhaftesten Seite zeigten. Denn darauf hielt sie sehr, nie fehlte auf dem Kamin und dem Erkersims ein Sträußchen oder frisches Grün, selbst nicht zur kalten Winterszeit.

Frau Clara war eine mittelgroße Dame von etwa dreißig Jahren, mit einer gefälligen Figur und einem hübschen, frischen Gesicht. Die munteren blauen Augen gaben ihm im Verein mit dem geschmackvoll frisierten Blondhaar einen jugendlich angenehmen Ausdruck.

Jetzt ließ sie sich in einen Sessel nieder, denn es war alles in bester Ordnung. Das war übrigens immer so.

Da teilte sich die Portiére zum Nebenzimmer, und ihr Gatte, ein großer Herr mit schwarzem Schnurrbart, trat herein, um auch seines Amtes zu walten. Ihm lag es nämlich ob, den Kronleuchter anzuzünden. Im Allgemeinen pflegte er pro Gast nur eine Flamme zu brennen, heute aber ließ er den ganzen Lüstre in festlichem Glanze erstrahlen, denn man erwartete viele Gäste, während nur 5 Flammen vorhanden waren. So brannte er denn den Wachsstock an, welcher praktischer Weise meist auf oder dicht neben dem Ofen zu finden war, schimpfte über die hohe Gasrechnung, entzündete die Flammen, schüttete einen Eimer Kohlen in den Ofen und warf ein Blatt Papier hinterher, daß er nicht puffen sollte. Dann ließ er sich gleichfalls in einen Sessel nieder.

Herr Albrecht König war seines Zeichens wohlbestallter Rittmeister. Die Schwadron hatte er in bester Ordnung, denn er widmete sich ihr mit großem Eifer und nie erlahmender Sorgfalt. Fand sich Zeit und Muße, so las er die »Deutsche Zeitung«, studierte den Kurszettel, arbeitete im großen, trefflich in Stand gehaltenen Garten des Hauses oder überwachte den Hühnerhof, dessen Eierertrag er für hohe Preise an seine Gattin verkaufte. Hatte er gar nichts zu thun, so führte er Schlachten mit seinem neunjährigen Sohne auf, hielt Weinproben ab oder übte Klavier, denn dieses Instrument verstand er fast meisterhaft zu spielen.

Ein Geräusch im Vorzimmer verkündete jetzt die Ankunft der ersten Gäste. Man vernahm einen langsam schleppenden Schritt und ein heftiges Schnauben. Die Tür ging auf, und herein trat Landrat von Konradi, ein wohlbeleibter Herr mit einem Klemmer auf der aristokratischen Nase, über den hinweg sein Blick jetzt forschend die Frau des Hauses suchte. Das Haar schien zwar ergraut, doch dunkel gefärbt, und böse Menschen wollten wissen, es geschehe für das schöne Geschlecht. Der Herr Landrat hatte nämlich keine Frau. Sein Ideal verkörperten ein gutes Diner und mehrere noch bessere Weinsorten, und, da beides im Hause des Rittmeisters zu finden war, kam er gern. Im Übrigen galt er für einen Gentleman.

Während er sich gerade bemühte, der Hausfrau mit Entrüstung zu erzählen, wie ein von ihm bestellter Fasan in gänzlich ungenießbarem Zustande angekommen sei, öffnete sich wieder die Tür und Frau Rittmeister Kahle trat ein.

Von kleiner, zierlicher Figur, jedoch mit einem Gesicht, welches dem eines ungezogenen Knaben glich, war sie im Allgemeinen eine ganz niedliche Erscheinung, nur spielte ein beständiges Lächeln um den etwas großen Mund, und wenn sie ihn auftat, ließ sich eine unzarte, fast kreischende Stimme hören.

Ihr folgten drei jüngere Herren, als erster Leutnant Pommer. Man schätzte ihn allgemein wegen seines natürlichen offenen Wesens; schien er dadurch auch manchmal etwas derb, so wußte doch jeder, wie es gemeint war. Mit besonderer Liebenswürdigkeit begrüßte er Frau Kahle, und es sah fast drollig aus, wie der große, korpulente Mann mit dem Nippfigürchen kontrastierte.

Der zweite war der Leutnant Müller. Wer es nicht wußte, sah an der selbstgefälligen Miene und der steifen Haltung des Herrn, daß er der Regimentsadjutant sein müsse. Er galt für den Schrecken aller Hausfrauen, denn er war unersättlich und vernichtete mit Seelenruhe die dreifache Portion wie ein anderer Sterblicher. Legten seine Tischgenossen die Gabel aus der Hand, so langte er mit der Versicherung, daß er gerade dieses sehr gern äße, zum dritten Male zu.

Der letzte der Herren war Leutnant Kolberg, ein auffallend blaß aussehender junger Mann mit kühn emporgewirbelten Schnurrbartenden. Er führte ein unsolides Leben und rühmte sich einer bewegten Vergangenheit.

Während man der noch fehlenden Gäste harrte, bildeten sich einige Gruppen. Leutnant Kolberg war ebenfalls zu Frau Kahle getreten und maß sie von oben bis unten mit wohlgefälligen Blicken. Der Adjutant suchte von Frau König zu erforschen, was es zu essen gäbe, und als er es erfuhr, behauptete er sofort, es sei sein Leibgericht. Der Landrat plauderte mit dem Rittmeister über eine Weinreise, die sie gemeinsam zu unternehmen gedachten, um den Keller mit neuen Schätzen zu füllen.

Wieder ging die Tür auf, und herein schwebte eine ungeschickt gepuderte, aussagend korpulente Dame in einem schwarz und gelben Kleide, dessen Machart sich mit den unpassend zusammengestellten Farben in Geschmacklosigkeit überbot. Sie stürzte sofort auf Frau Clara zu, drückte ihr mit den rundlichen Fingern die Hand und gab ihrer Freude über die erhaltene Einladung Ausdruck. Den anwesenden Herren hielt sie die fleischige Rechte so dicht unter die Nase, daß diesen gar nichts anderes übrig blieb, als den obligaten Handkuß darauf zu drücken.

Es war Frau Rittmeister Stark, die jüngste Gattin im Regiment, wenn sie auch weit über fünfzig Lenze zählte.

Ihr folgte tänzelnden Schrittes der eben so rundliche Gemahl. Er trug einen schwarzen Spitzbart und einen langen Nagel am kleinen Finger, dessen Pflege täglich längere Zeit in Anspruch nahm.

Seine Stimme verriet, daß ihr Besitzer einem guten Trunk nicht abhold war.

Hinter dem Ehepaar tauchte plötzlich die Gestalt des Kommandeurs auf.

Alle traten ehrfurchtsvoll zur Seite und machten eine tiefe Verbeugung vor ihm, während er auf Rittmeister König und Gattin zuschritt. Die krummen Beine im Verein mit dem derben Gesicht gaben der ganzen Erscheinung des Obersten von Kronau nicht viel von dem, was man sich unter einem Regimentskommandeur vorstellt, in Civil hätte man ihn vielleicht für einen Agrarier gehalten, dessen Sprache den Masuren nicht verleugnen konnte. Auch blinkte ihm stets eine Träne im Auge, welche er, sobald sie ihm entsprechend groß erschien, durch eine stereotype Kopfbewegung seinem Gegenüber vor die Füße oder auf den Rock zu schleudern liebte.

Die ihm folgende Dame mit dem Gouvernantengesicht, in ein schlecht sitzendes perlgraues Kostüm mit rotem Sammetkragen gezwängt, war seine Gattin.

Fast zu gleicher Zeit erschien auch der noch fehlende Teil der Gesellschaft, an der Spitze Oberleutnant Borgert. Seine stechenden Augen ruhten nur selten auf dem, welchen er einer Ansprache würdigte, seine Figur war korpulent, dabei aber elastisch und schmiegsam. Hinter ihm stand der Oberleutnant Leimann, eine kleine, etwas gebeugte Erscheinung mit einem Buckelansatz und viel zu kurzem Halse. Zwischen den hochgezogenen Schultern saß ein birnenförmiger Kopf mit zwei kleinen Schweinsäuglein, welche meist unstät umherirrten oder so zusammengekniffen waren, daß man sie nicht sah. Das an einer Schnur hängende Einglas setzte er nie auf, denn er fürchtete, sich lächerlich zu machen.

Diese beiden Herren wohnten in einem Hause und waren eng mit einander befreundet. Vielleicht hatte sie ein chronischer Mangel an Kleingeld zusammengeführt, was ihnen jedoch kein Grund war, sich irgend einen Wunsch zu versagen, vielmehr lebten sie, als seien sie die Erben reicher Häuser.

»Verzeihen Sie, gnädige Frau«, wandte sich Leimann an Frau König, »daß meine Gattin nicht mitkommt, sie hat wieder ihr altes Leiden, Sie wissen ja, Migräne!« Dabei machte er ein Gesicht, als glaube er selbst nicht recht daran. »Sie wird natürlich nachkommen, sobald sie sich besser fühlt.«

»Das tut mir sehr leid,« entgegnete Frau Klara liebenswürdig, »nun, hoffentlich hält das Kopfweh nicht lange vor! Es sollte mich freuen, Ihre Gattin bald begrüßen zu können.«

Als nun auch der kleine Leutnant Bleibtreu, ein besonderer Freund des Hauses und einziger Offizier in Rittmeister König's Schwadron, zur Stelle war, meldete der Diener, es sei angerichtet. So begaben sich denn die Herrschaften nach dem Eßzimmer und ließen sich an dem mit großer Sorgfalt gedeckten Tische nieder.

Anfangs herrschte Schweigen, erst als ein jeglicher seinen Teller gefüllt, kam die Unterhaltung allmählich in Gang.

»Das Wetter ist in den letzten Tagen so schön, daß man bald mit dem Netzspiel beginnen kann,« bemerkte Frau Oberst von Kronau.

»Gewiß«, erwiderte der Oberst mit vollem Munde, »ich werde nächste Woche eine Versammlung des Klubs anberaumen, und dann kann's losgehen!«

»Ach ja, entzückend,« rief Frau Stark begeistert, »ich spiele leidenschaftlich gern, Sie spielen doch alle mit, meine Herrschaften? Sie, meine liebe kleine Frau Kahle, waren ja schon früher eine der Eifrigsten. Und wie ist es mit Ihnen, Frau König?«

»Ich lasse es besser, denn es bekommt mir nicht.«

»Und Ihr Gatte?«

»Ich spiele nicht Tennis,« erwiderte der Rittmeister, »Sie wissen ja, ich kenne das Spiel gar nicht, aber ich sehe es ganz gern, wenn es von graziösen Damen gespielt wird.«

Frau Stark kniff die Lippen zusammen und sandte dem Rittmeister einen wütenden Blick. War das mit den »graziösen Damen« nicht auf sie gemünzt? Es geschah ihr aber ganz recht, denn es war geradezu lächerlich, wie die ältliche Frau stets die jugendliche spielen wollte, hatte sie doch noch in ihren alten Tagen einen Schwadronsgaul bestiegen, um reiten zu lernen, weil andere Damen es taten.

»Vom Civil werden sich wohl auch mehrere beteiligen«, ergriff der Oberst wieder das Wort, »ich lasse eine Liste herumgehen.«

Alle sahen sich ungläubig an, denn mit dem Civil hatte es der Oberst durch mancherlei Geschichten gründlich verdorben, man mied ihn, wo man konnte.

»Ich spiele auch mit,« warf Landrat von Konradi ein, »vorausgesetzt, daß es nicht zu heiß wird. Nächste Woche habe ich aber noch keine Zeit, ich muß erst Erbsen legen, sonst wird es zu spät.«

»Allerdings,« rief König dazwischen, »sonst geraten sie nicht mehr ordentlich.«

»Wie? Erbsen geraten nicht? Erbsen geraten immer, wenn man es richtig anfängt,« entgegnete fast gereizt Frau Oberst.

»Das kann man doch aber nicht behaupten, gnädige Frau, da spricht doch vieles mit!«

»Nein, nicht im geringsten, Herr Rittmeister, es gibt ein Rezept, nach dem sie geraten müssen

»Da wäre ich doch neugierig, denn voriges Jahr sind mir fast alle Erbsen verdorben.«

»Sie müssen sie bei Mondenschein legen, und niemand darf dabei ein Wort reden, dann geraten sie immer, ich sehe es ja bei meinen. Ich bin aber nicht etwa abergläubisch, meine Herrschaften, aber es ist so.«

Wenn Frau Oberst etwas behauptete, war ein Widerspruch eigentlich ein kühnes Unterfangen, Leutnant Bleibtreu aber äußerte lachend:

»Wenn man dann bei Sonnenschein den Speck dazwischen säet, gibt es gleich Erbsen mit Speck.«

»Sie müssen es ja wissen, Herr Leutnant, spotten Sie nur, es ist doch so!« entgegnete die Frau Oberst giftig. »Übrigens nächste Woche habe ich auch noch keine Zeit, meine Gänseleberpastete ist noch nicht fertig!«

»Sie kochen sie selbst ein?« fragte interessiert der Landrat.

»Gewiß, ich koche immer sechs Töpfe, mein Mann ißt das Zeug so schrecklich gern.«

»Woher beziehen Sie denn die Trüffeln dazu? Ich suche nämlich gerade eine gute Quelle.«

»Was, Trüffeln? Es schmeckt ohne Trüffeln genau so gut, das ist nur Einbildung.«

»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, das ist ja beinahe die Hauptsache an der ganzen Pastete!«

»Gott bewahre, ich nehme nie Trüffeln!«

»Gänselebern muß man bei einer Mondfinsternis kochen, gnädige Frau, dann werden sie schön dunkel!« bemerkte spöttelnd Leutnant Pommer.

»Ach, verhöhnen Sie mich nur! Ich weiß, wie es ist, und so bleibt es!«

So blieb es auch, denn keiner wagte noch eine Einwendung.

Frau Oberst mußte ihre fließende Rede unterbrechen, denn alle erhoben sich jetzt, um die eben eintretende Frau Oberleutnant Leimann zu begrüßen. Frisch und rosig, mit einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen, erschien sie in der Tür des Eßzimmers.

»Seien Sie mir nicht böse, Frau König, ich hatte noch einige wichtige Briefe zu schreiben. Aber wollen die Herrschaften nicht Platz behalten?«

»Ich denke, Sie hatten Kopfweh?« hieß es von allen Seiten.

»Kopfweh? Ja richtig, das hatte ich auch. Man vergißt es ganz, wenn man so oft darunter leidet.«

Sie war eine schöne junge Frau von fünfundzwanzig Jahren und geschmackvoll gekleidet. Gegenüber von Oberleutnant Borgert nahm sie ihren Platz ein.

Das Gespräch erhielt jetzt eine allgemeinere Wendung, man redete von diesem und jenem und ließ sich auch die vorzüglichen Speisen schmecken, denn es gab »Labskaus«, das Spezialgericht aus Frau Clara's Küche. Der Adjutant hatte den Mund noch nicht geöffnet, außer um riesige Bissen hineinzuschieben. Ab und zu gab er durch einen unverständlichen Laut seinen Beifall zu erkennen. Er aß noch immer, als schließlich die Hausfrau die Tafel aufhob. Man wünschte sich gegenseitig »gesegnete Mahlzeit« und suchte die Nebenräume auf, wo den Damen Kaffee, den Herren Likör, Bier und Cigarren gereicht wurden.

Bald hatten sich wieder plaudernde Gruppen gebildet, während der Oberst den Ort für geeignet hielt, mit seinem Adjutanten eine dienstliche Angelegenheit zu erledigen. Dann begab er sich in's Nebenzimmer und begann ein lebhaftes Gespräch mit Frau Stark, aus welchem, da es halblaut geführt wurde, nur abgebrochene Sätze von Oberleutnant Borgert aufgefangen werden konnten.

»Sie müssen es erreichen,« hörte er die Dame flüstern.

»Hoffentlich geht zur Besichtigung alles gut,« gab der Oberst zur Antwort, »die Vorgesetzten sind seit dem letzten Mal auf Ihren Gatten aufmerksam geworden, im Stall fing es an, wo die Streu nicht den Wünschen der Herren entsprach.«

»Ich gehe jeden Morgen durch den Stall und pfeife die Unteroffiziere an. Aber freilich, wenn dann mein Mann zur Besichtigung wieder den Kopf verliert, kann ich nicht helfen. Das letzte Mal habe ich ja alles durch den Feldstecher mit angesehen, und es ging ganz gut bis zuletzt, wo das Abschwenken in Züge nicht klappte. Auch war sein Kommando falsch.«

»Nun, hoffen wir das Beste! Wenn man Major werden will, heißt es eben doppelt aufpassen, und stimmt etwas nicht, werden die Vorgesetzten gleich stutzig.«

»Es ist ganz gleich, Herr Oberst, mein Mann muß Major werden! Wenn Sie uns fallen lassen, dann......«

»Seien Sie ohne Sorge, gnädigste Frau! ich habe ihm eine glänzende Konduite geschrieben, wenn ich es auch nicht verantworten kann, Sie sehen also, ich tue mein Möglichstes.«

»Das sind Sie mir auch schuldig, Herr Oberst, denn ohne mich wären Sie heute...... nun, Sie wissen ja.«

Rittmeister König trat hinzu.

»Reisen Herr Oberst nächste Woche mit an die Mosel zur Weinprobe? Herr Landrat von Konradi fährt auch mit. Es sollen tadellose Sorten zum Verkauf kommen.«

»Gewiß, mein lieber König, Sie wissen ja, bei so etwas bin ich immer dabei. Mit Ihnen gehe ich gerne proben, denn ich habe heute wieder gesehen, daß Sie eine tadellose Zunge haben.«

»Sehr schmeichelhaft für mich, Herr Oberst! Aber ich sehe, Herr Oberst rauchen nicht. Es steht alles in meinem Zimmer.«

Der Oberst schritt ins Nebenzimmer, wo er Frau Kahle mit Leutnant Pommer in der einen und mehrere junge Herren mit Frau Rittmeister König in der andern Ecke plaudern sah. Oberleutnant Leimann trat gerade aus dem Eßzimmer ein, hinter ihm seine Gattin mit mürrischer Miene, die sich aber sofort aufhellte, als Oberleutnant Borgert herantrat und seine Hausgenossin in's Gespräch zog.

»Nun, was haben Sie denn wieder für wichtige Privatangelegenheiten, meine Gnädigste?«

»Ich? nichtsweiter! Mein Mann hat zur Abwechselung ein bißchen geschimpft, Sie kennen ja seine geschmacklose Art, über alles gleich grob zu werden.«

»Was gibt es denn aber schon wieder? Hat Ihnen der Auftritt heute Nachmittag nicht genügt?«

»Jetzt ist er wütend, weil ich mich mit Briefschreiben entschuldigt hatte, er hatte mich mit Kopfweh entschuldigt. Ich habe diese ewigen Korrekturen satt.«

»Das ist ein Scheidungsgrund, gnädige Frau,« scherzte der Oberleutnant. »Suchen Sie sich einen anderen Gatten, wenn Ihnen dieser nicht zusagt.«

»Sie haben gut Witze machen, Sie glauben gar nicht, wie mir manchmal alles zuwider ist.«

»Dann erst recht, gnädige Frau! Wählen Sie unter den Edlen des Landes! Ich kann Ihnen sogar gute Vorschläge machen.«

»Dann schießen Sie einmal los!« scherzte Frau Leimann mit schelmischem Augenaufschlag.

»Ich wüßte schon einen, wie wäre es zum Beispiel,..... nun, mit mir?«

»Der Vorschlag ließe sich hören, aber erst müssen Sie mir sagen, was Sie mir bieten können!«

»Setzen wir uns und bereden wir den hochwichtigen Fall!« sagte Borgert lachend, und sie ließen sich auf dem Divan nieder.

»Also, passen Sie auf! Ich biete Ihnen ein elegantes Heim, einen Wagen mit Pferden, eine Villa am Züricher See und ein Heer dienstbarer Geister!«

»Und wer bezahlt das alles?«

»Bezahlen? Wer tut denn das noch? Es ist gänzlich aus der Mode und geschmacklos, man verplempert damit das meiste Geld. Ich bezahle nie und lasse mir nichts abgehen wie Sie sehen.«

»Das ist ja alles sehr verlockend, aber noch habe ich ja meinen Mann,« scherzte Frau Leimann weiter.

»Gewiß, den haben Sie noch, aber Sie können sich ja einstweilen an mich gewöhnen.«

Frau Leimann nickte lächelnd und stützte den Kopf in die Hände, während sie träumerisch auf den Teppich sah.

Borgert wurde plötzlich ernst, und als die letzten Gäste ins Nebenzimmer verschwunden waren, suchten seine Augen die seiner Nachbarin.

»Was sehen Sie mich denn so an, Herr Borgert? Es kann einem ja Angst werden!«

»Ich denke so vieles, gnädige Frau, was ich nicht sagen darf. Im Scherz spricht man leicht über Dinge, die scheinbar nur ein solcher sind, in Wahrheit aber berühren uns diese Dinge oft tiefer.«

»Sie sprechen wieder in Rätseln, mein Lieber, und es ist wohl an der Zeit, daß wir ein anderes Thema wählen. Aber wollen wir denn nicht auch hineingehen? Man könnte sich wundern, uns so allein zu finden, und wieder klatschen.«

Dabei erhob sie sich, und als Borgert schnell noch ihre Hand ergriff, um sie zu küssen, machte sie keine ernstliche Anstrengung, ihm zu wehren, dann trat sie mit der Miene eines unschuldigen Kindes in das Wohnzimmer. Borgert aber blieb in dem matt erhellten Raume sitzen, zog einen Brief aus dem Aufschlag des Überrocks und las ihn. Dann steckte er das Papier mit einem unterdrückten Fluch wieder ein und versank in Nachdenken.

Im Nebenzimmer war es inzwischen lebendig geworden. Das Stimmen der Geigen, das Brummen eines Cellos und einige Klavier-Akkorde riefen alle Gäste herbei, denn jetzt sollte der musikalische Teil des Abends seinen Anfang nehmen.

Am Harmonium hatte Rittermeister König Platz genommen, während seine Gattin die Klavierbegleitung übernahm. Landrat von Konradi und Oberleutnant Leimann standen mit den Geigen bereit, Leutnant Bleibtreu hatte sich, das Cello zwischen den Knieen, im Hintergrunde niedergelassen. Die Zuhörer saßen erwartungsvoll in den kleinen und großen Sesseln, am Kamin, und um den mit Biergläsern besetzten Tisch herum.

Das Spiel begann, ein Trio von Reinhardt. Es klang gut, denn alle hatten ihre Partie fleißig geübt, und so machte der Vortrag einen angenehmen Eindruck. Nur der Landrat wiegte sich bei jedem Bogenstreich von einem Fuß auf den anderen und begleitete sein Spiel mit einem störenden Schnaufen. Auch Leimann gehörte zu den Musikern, welche man bei Ausübung ihrer Kunst nicht ansehen darf, um sich den Genuß nicht zu verderben, denn sein Kopf war jetzt ganz zwischen die Schultern gerutscht und seine noch mehr gebeugte Figur bot von hinten kein sehr harmonisches Bild. Der Cellist griff manchmal daneben, spielte dann aber die folgenden Töne um so kräftiger, damit man hören konnte, wie er sein Instrument beherrschte. — Dem Trio folgte je ein Solostück der beiden Geiger, sowie eine von Ehepaar König mit guter Technik und warmer Empfindung vorgetragene Rhapsodie von Liszt. — Zum Schluß waren alle des Lobes voll und jeder suchte durch ein kunstgerechtes Urteil sein Musikverständnis zu bekunden.

»Ach, mein lieber Leutnant Bleibtreu,« rief Frau Stark dazwischen, »Sie müssen mir auch Cellounterricht geben, ich spielte das Instrument in meiner Jugend, aber in der langen Zeit habe ich es ganz verlernt.«

Daß seit ihrer Jugend eine lange Zeit vergangen, wurde von keiner Seite bezweifelt, und König flüsterte Bleibtreu zu, sie könne mit ihren dicken Fingern einen einzelnen Ton ja gar nicht greifen.

Borgert war während des Spiels in den Durchgang zum Nebenzimmer getreten und schaute mit gelangweilter Miene den Gästen zu. Manchmal warf er einen forschenden Blick auf Frau Leimann, welche mit träumerischen, halb geschlossenen Augen weit in einem bequemen Sessel zurückgelehnt saß.

Die Spieler hatten jetzt auch am Tische Platz genommen, und die Unterhaltung begann von neuem über gleichgültige Tagesfragen, wobei Frau von Kronau den Löwenanteil nahm, denn ihr Mundwerk stand selten einen Augenblick still.

So verging rasch die Zeit, und als die Kaminuhr ½11 zeigte, schaute der Oberst verständnisinnig nach seiner Ehehälfte, welche sich darauf mit einem leichten Kopfnicken erhob und zur Frau des Hauses wandte.

»Liebe Frau König, es war reizend von Ihnen, uns den Genuß des heutigen Abends zu verschaffen, es ist aber so spät geworden, daß wir uns verabschieden müssen. Nochmals vielen Dank!« Dabei reichte sie ihr die Hand und schüttelte sie kräftig.

»Wollen Sie denn wirklich schon gehen? Es ist ja noch nicht einmal 11 Uhr. Einen Augenblick können Sie doch noch bleiben!«

Als Frau König aber sah, wie auch der Oberst, Familie Stark und der Landrat von den übrigen Gästen Abschied nahmen, gab sie alle weiteren Überredungskünste auf, im Grunde ihres Herzens nicht unzufrieden, jetzt nur noch einen kleinen Kreis um sich zu behalten, bei welchem man nicht jedes Wort auf die Goldwage legen und fürchten zu müssen glaubte, der Oberst könne irgend etwas unpassend finden und am nächsten Tage zum Gegenstand einer dienstlichen Besprechung machen. Denn darin leistete er Märchenhaftes.

Nachdem die Herrschaften das Haus verlassen, rückten die Zurückgebliebenen ihre Stühle näher zusammen und ein frisches Glas Bier wurde gereicht.

Das anfängliche Schweigen ward durch Borgert unterbrochen.

»Haben Sie gesehen, wie diese Stark mit dem Oberst wieder geflüstert hat? Diese Manieren sollten sie doch zu Hause lassen, denn da scheint man ja nicht sonderlich penibel zu sein. Denken Sie, neulich stand ich dabei, wie Stark mit dem Pantoffel nach seiner Gattin warf, welche mich in einem schmutzigen Morgenrock empfangen hatte.« —

»Das ist noch gar nichts,« rief Leimann dazwischen, »als sie kürzlich in meiner Gegenwart wieder einen Krakehl miteinander hatten, brachte der Dicke seine Frau einfach mit den Worten: »Halt's Maul!« zum Schweigen.«

»Es scheint überhaupt dort manchmal nicht ganz friedlich zuzugehen,« entgegnete der Adjutant.

»Vorgestern hatte sich Stark im »Weißen Schwan« etwas festgetrunken, und als er so ziemlich blau war, kam seine Frau, machte ihm eine Szene und nahm ihn unter dem Gelächter der übrigen Gäste mit nach Hause. Dort werden sie sich nachher wohl nicht gerade geküßt haben.«

»Das kommt übrigens öfter vor, sie holt ihn sogar aus dem Kasino zum Essen und nennt ihn vor den Ordonnanzen einen Lüdrian,« warf ein anderer ein.

»Nun ja,« sagte König, »sie paßt eben auf ihren Mann gut auf, denn er will jetzt Major werden, oder besser gesagt, sie Majorin.«

»Aber das ist ja ganz ausgeschlossen,« rief Borgert entrüstet, »wenn dieser unfähige Patron Major wird, dann werde ich General. Es scheint ja allerdings, als ob der Oberst alles für ihn aufböte!«

»Dafür hat er seinen Grund!« entgegnete Leimann bedächtig.

»Wieso?«

»Kennen Sie denn die Geschichte nicht? Die Spatzen pfeifen sie schon von den Dächern.«

»Nein, erzählen Sie, das ist ja rasend interessant!« Dabei rieb sich Borgert vergnügt die Hände und rückte etwas näher zu seinem Freunde heran.

»Voriges Jahr hatte der Oberst bekanntlich durch eine seiner berühmten Taktlosigkeiten einen Herrn vom Civil beleidigt. Dieser schickte ihm eine Forderung. Da wurde es dem guten Oberst doch etwas flau zu Mute, denn mit dem Munde ist er stets voran, hat er aber etwas zu riskieren, dann sitzt ihm das Herz in der Hose. Da ging seine Freundin, diese Stark, zu jenem Herrn hin und sagte, sie sei an der ihm zugefügten Kränkung schuld, indem sie eine unwahre Behauptung ausgesprochen habe. Sie hat dem Oberst also das Leben gerettet, denn der andere ist als unfehlbarer Schütze bekannt wie ein bunter Hund. Darum hat sie ihn jetzt ganz in der Tasche, und wenn sie ihm etwas befiehlt, gehorcht er wie ein Stubenhund. Was dabei herauskommt, sehen Sie ja alle Tage.«

»Aber das ist ja großartig,« rief triumphierend Borgert, »wissen Sie noch so Geschichtchen? Es ist überhaupt längst Zeit, daß man diese beiden aufgeblasenen Personen abhalftert. Er hat Manieren wie ein Bursche und sie wie eine Waschfrau, ich werde einmal herumhorchen und Material sammeln. Es ist eine Schande, daß man sich dieses Weib gefallen lassen muß.«

»Sie soll ja früher auch sonderbare Beziehungen zu einem adligen Herrn gehabt haben, man munkelt so etwas!«

»Von wem wissen Sie denn das wieder?«

»Mein Bursche hat es mir neulich erzählt, der ist aus ihrer Heimat.«

»Was Sie nicht sagen, da muß ich doch einmal gründlich nachforschen, denn das Geld für ein Auskunftsbureau ist sie ja doch nicht wert, diese.... Nun, ich kann das Wort nicht aussprechen, das mir auf der Zunge schwebt.«

»Dann wundert es mich aber, daß sie überall so großartig auftritt, wenn sie so viel auf dem Kerbholz hat.«

»Das ist eben ihre Manier!« entgegnete Müller wichtig.

»Dieselbe Sache wie mit dem Wagen. Den geschmacklosen Karren hat sie irgendwo aufgetrieben, setzt den Burschen im Cylinder und gelben Stiefeln hinten drauf, spannt zwei Schwadronsgäule ein und fährt den Leuten etwas vor. Dabei biegen sich die Axen, wenn die dicke Person darin sitzt. Daß sie täglich auch ein Dienstpferd reitet, dagegen sagt der Oberst nichts, obwohl in den Vorschriften beides streng verboten ist. Frißt ein anderer aber nur eine Kleinigkeit aus, so steckt er ihn drei Tage ein und kommt sich höllisch schneidig vor.«

»Der Oberst ist eben ein ganz pflaumenweicher Bruder, dabei schnurrt er wie gedruckt. Einem mir bekannten Herrn hat er erzählt, wie ausgezeichnet er mit dem Civil stände, und wie sein Tennisplatz belagert sei. Er spielt aber doch meist allein, wer sich vor diesen Leuten drücken kann, tut es doch sicher.«

»Ich wette, daß er vor der nächsten Versammlung des Tennisklubs eine dienstliche Besprechung ansetzt, dann hat er uns alle in der Falle.«

Während dieser Unterhaltung hatte Frau Leimann mit leuchtenden Augen dem Oberleutnant Borgert zugehört, wie er in seiner gewandten Weise über den Oberst und Stark's zu Felde zog, der Rittmeister sog nachdenklich an seiner Cigarre und unterdrückte ein Gähnen, während seine Gattin in Gedanken versunken mit einer Quaste der Tischdecke spielte.

»Warum so ernst, meine Gnädige?« redete Borgert sie an.

»Ich dachte gerade darüber nach, wie Sie später über uns reden würden, wenn uns einmal irgend etwas auseinanderbringt!« erwiderte sie lächelnd.

»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, Sie scheinen an meiner guten Erziehung zu zweifeln, trauen Sie mir so etwas zu? Und überhaupt, wie könnte........«

Er brach seine Rede ab, denn Frau Kahle hatte sich erhoben, um Abschied zu nehmen, mit ihr Leutnant Pommer, welchen sie um Begleitung bat, denn ihr Gatte befand sich auf einer Dienstreise.

Der Kreis war somit wieder etwas kleiner geworden, und als man von neuem um den Tisch Platz genommen hatte, bemerkte Borgert:

»Dieser Kahle mit dem Schusterjungengesicht könnten wir eigentlich einmal ein neues Kleid schenken, außer der verwaschenen Fahne, die sie immer trägt, scheint sie nichts zum Anziehen zu haben.«

»Sie sollten sie erst einmal im Hause sehen,« entgegnete wegwerfend Müller, »da sieht sie aus wie ein malproperes Dienstmädchen; das schmutzige Hauskleid einmal zu flicken, scheint sie auch keine Zeit zu haben, ihr Junge läuft ebenfalls immer herum wie so ein Gassenbube aus der Unterstadt. Außerdem kann der Bengel schon lügen, daß es eine Lust ist.«

»Das hat er von seiner Mutter!« lachte Borgert, als ihn ein vorwurfsvoller, kalter Blick aus Frau Königs Augen traf und zum Schweigen brachte. So ward die Unterhaltung allmählich eintöniger. Der Rittmeister gähnte schon etwas deutlicher, und Leimann war ganz in seinem Sessel zurückgesunken und hielt nur noch mühsam die Augen auf, während seine Gattin eine äußerst gelangweilte Miene zeigte, wodurch ihre Züge alle Anmut und Schönheit verloren und alt, ja abgelebt erschienen. Müller verdaute noch immer, und so schien es an der Zeit, sich zum Aufbruch zu rüsten.

Unter lebhaften Versicherungen, wie reizend der Abend gewesen, trennte man sich, und der Rittmeister geleitete seine Gäste die Treppe hinab, um dann den Riegel an der Haustür vorzuschieben.

Als er wieder im Wohnzimmer stand, sagte er, die Gasflammen ausdrehend, zu Frau Clara: »Ein interessanter Abend! Vor diesen beiden Herren heißt es sich in Acht nehmen!«

[Zweites Kapitel.]

»Unteroffizier Meyer! Lassen Sie gefälligst den Mist aus dem Stalle schaffen, das ist ja eine schamlose Schweinerei! Was? die Stallwache ist nicht da? Dann machen Sie es selbst, es fällt Ihnen keine Perle aus der Krone. Vorwärts, dann bringen Sie mir das Parolebuch!«

»Zu Befehl, gnädige Frau.«

Frau Rittmeister Stark schritt, von zwei großen struppigen Hunden begleitet, mit langen Schritten im Stalle auf und ab. Sie trug ein schmutziggraues, schlechtsitzendes Reitkleid und einen runden Hut. In der Rechten hielt sie eine Reitgerte, welche sie manchmal sausend durch die Luft fahren ließ, daß sich die Hunde ängstlich hinter ihr verkrochen. Mit scharfem Blick musterte sie alles, die Streu, die Namentafeln über den Ständen der Pferde, und studierte eifrig das schwarze Brett, auf dem mit Kreide der Tagesdienst geschrieben stand. Hinter zwei Pferden, den einzigen beim Ausrücken zurückgebliebenen, machte sie Halt und schaute mit zornigen Augen auf das zottige, schlecht geputzte Fell der mageren Tiere, deren Kruppen mit den Hüftknochen ein gradliniges Dreieck bildeten. Dann hob sie dem einen Wallach den Hinterfuß und besah den Huf, holte ein Notizbuch aus der Rocktasche und notierte: »Remus Nr. 37 fauler Strahl, vorn links neues Eisen.« Darauf schritt sie die Treppe zum Heuboden hinauf. Dort lagen zwei Mann der Stallwache in süßem Schlummer, ohne das Eintreten der Schwadronsmutter zu bemerken. Wütend fuhr sie die erschrockenen Schläfer an:

»Faules Pack, schert Euch an die Arbeit, sonst mache ich Euch lebendig, ihr trägen Lümmels ihr!«

Und sie stürzten an die Futtermaschine, als stände der leibhaftige Teufel hinter ihnen. Dann stieg sie die Treppe hinab und ging Unteroffizier Meyer entgegen, welcher atemlos mit dem Parolebuche ankam. Er schlug die Sporen klirrend zusammen und hielt der Gestrengen das Buch vor.

»Halten Sie es gefälligst, während ich lese, oder meinen Sie, ich wollte mir die Finger an dem schmutzigen Umschlag fettig machen? Hier steht, daß morgen Revision des Sattelzeuges ist. Haben Sie alles in Ordnung?«

»Ich will den Herrn Wachtmeister fragen.«

»Vorwärts holen Sie ihn, aber Galopp!«

Der Wachtmeister war nicht sehr entzückt, daß man ihn in seiner Ruhe störte, denn die Zeit, während welcher sich die Schwadron auf dem Exerzierplatz befand, war für ihn die angenehmste des Tages. So saß er denn bei einer Tasse Kaffee seiner Ehehälfte gegenüber und rauchte behaglich die Morgenzigarre, als Meyer den Wunsch der »Gnädigen« überbrachte.

Zornig stampfte er auf und brummte:

»Was fällt nur diesem Frauenzimmer ein, sie tut gerade, als hätte sie etwas zu sagen! Es ist ein Skandal, daß man sich das gefallen lassen muß, aber tut man es nicht, gibt es Stank mit dem Oberst, der tanzt ja ganz nach ihrer Pfeife.«

Mißmutig schnallte er den Säbel um, stülpte die Mütze auf den kahlen Kopf und ging schimpfend die Treppe hinab. Langsam schlenderte er über den Kasernenhof dem Stalle zu und trat vor Frau Stark mit einem Gesicht, das sagen zu wollen schien: »Du kannst mir den Buckel herunterrutschen!«

Sofort fuhr sie ihn an:

»Wachtmeister, ist alles für morgen in Ordnung?«

»Ich denke, will aber heute Abend nochmals nachsehen.«

»Was, heute Abend? Sofort geschieht es, die Bummelei hat jetzt ein Ende. Außerdem verbitte ich mir Ihren brummigen Ton, sonst werde ich Sie dem Oberst melden. Bringen Sie mir jetzt mein Pferd.«

»Das ist zum Fouragieren, alle Pferde sind mit ausgerückt, bis auf die beiden Lahmen dort!«

»Was? Mein Pferd zum Fouragieren? Was ist das für eine neue Frechheit! Lassen Sie es sofort holen, der Unteroffizier kann zu Fuß gehen.«

Da wandte sie sich um, als sie Schritte vernahm, und, den Oberleutnant Borgert erblickend, rief sie ihm in schmelzendem Tone zu:

»Ah, sehe ich recht, mein lieber Oberleutnant Borgert, nicht wahr? Schon so früh im Dienst? Ich wollte gerade den Pferden meines Gatten etwas Zucker bringen, sehe aber, sie sind nicht da, mein lieber Mann rückt immer so entsetzlich früh aus.«

»Ihr Interesse für die Schwadron muß ich loben, gnädigste Frau, habe Sie schon so oft bewundert, wenn Sie im Stalle Befehle erteilten.«

»Befehle? Ich richte nur dann und wann kleine Bestellungen an den Wachtmeister aus, wenn mein Mann etwas vergessen hat. Man muß sich doch auch etwas um die Schwadron kümmern.«

»Sie sind zwar die »Gefreite« Ihres Gatten, aber ich sehe, Sie führen das Regiment. Meinen Glückwunsch zu diesem Avancement!«

»O Sie kleiner Schäcker! Sie machen immer zu niedliche Scherze! Ich sehe Sie doch heute Abend im Kasino?«

»Gewiß, gnädige Frau, wir haben bereits um 5 Uhr eine dienstliche Besprechung.«

»Ach richtig, das hätte ich fast vergessen. Sie wird nicht lange dauern, es gibt nur einige Kleinigkeiten.«

»Sie wissen.....«

»Aber gewiß, man interessiert sich doch auch ein wenig. Ich habe den Oberst auf Verschiedenes aufmerksam gemacht, das wird er wohl besprechen wollen.«

»Ich bin neugierig darauf! Doch da sehe ich gerade den Rittmeister König, mit welchem ich etwas zu erledigen habe. Guten Morgen, meine Gnädigste!«

»Adiö, mein Lieber, auf Wiedersehen!« Dabei hielt sie ihm die Hand vor den Mund, welche in einem schmutzigen Reithandschuh ihres Gatten steckte.

Während Frau Stark sich wieder dem Wachtmeister zuwandte, eilte Borgert dem Rittmeister König nach, der gerade in den Hof der dritten Schwadron einbog.

»Guten Morgen, Herr Rittmeister! Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich störe, aber eine dringende Angelegenheit veranlaßt mich, eine Bitte vorzutragen.«

»Nanu, was gibt es denn,« fragte erstaunt der Rittmeister, »ist es denn etwas so Wichtiges?«

»Heute Nachmittag wird der Oberst wohl wegen der Kasinorechnungen sprechen, und da wäre es mir vor den jüngeren Herrn außerordentlich peinlich, wenn er dabei meinen Namen nennen würde.«

»Aber ich kann Ihnen das Geld jetzt nicht geben, es war mir schon schwer, vor 8 Tagen die 100 Mark für Sie aufzutreiben.«

»Wenn ich trotzdem meine Bitte wiederhole, Herr Rittmeister, so tue ich es, weil ich mich in einer außerordentlich peinlichen Lage befinde. Habe ich nicht bis zum Abend 400 Mark, so erwachsen mir die größten Unannehmlichkeiten und unabsehbare Folgen.«

»Das ist ja alles ganz gut und schön, aber ich habe das Geld einfach nicht!« entgegnete König achselzuckend.

Einen Augenblick sahen beide schweigend vor sich hin, dann brachte Borgert zögernd hervor:

»Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben dürfte, Herr Rittmeister?«

»Nun, und der wäre?«

»Ich bitte aber das, was ich sage, nicht falsch zu verstehen! Könnte man nicht einstweilen die Schwadronskasse in Anspruch nehmen, da es sich nur um kurze Zeit handelt?«

»Aber um Gotteswillen, mein Lieber, was muten Sie mir zu! Ich kann doch keine Kasse angreifen!«

»Ich fände darin insofern kein Vergehen, da Herr Rittmeister doch allein für die Kasse verantwortlich sind und ein Eingriff in die Kasse nicht vorliegt, sondern nur das Entnehmen eines Betrages, der sofort wieder ersetzt werden kann!«

»Nein, nein, das geht beim besten Willen nicht!«

»Aber ich bin völlig ratlos, Herr Rittmeister, was ich machen soll,« entgegnete Borgert in wehleidigem Tone.

König überlegte und drehte sinnend seinen Schnurrbart. Eigentlich wäre es schlau gewesen, sich diesen Mann, der mit seiner spitzen Zunge und seinem Einfluß auf das gesamte jüngere Offizierkorps unter Umständen einem sehr schaden konnte, wenn man einmal nicht mehr mit ihm stand, möglichst zu verpflichten. Die lumpigen 400 Mark lagen ja zu Hause im Schreibtisch, die hätte er ihm also ruhig geben können. Glaubte aber Borgert, das Geld entstamme der Schwadronskasse, so stand zu erwarten, er würde so bald nicht mit einem ähnlichen Anliegen kommen, wenn er die Schwierigkeiten sah und die unsauberen Wege, die man einschlagen mußte. So beschloß denn König, ihm das Geld aus eigener Tasche zu leihen, ihn jedoch in dem Glauben zu belassen, der Betrag sei der Kasse entnommen.

»Gut,« sagte er nach einer Weile, »Sie sollen das Geld haben! Wann können Sie es bestimmt zurückbezahlen?«

»In zehn Tagen ist alles glatt, Herr Rittmeister! Mein Wort darauf!«

»Schön, heute Mittag können Sie auf's Bureau kommen!«

»Meinen gehorsamsten Dank, Herr Rittmeister!«

»Bitte, bitte, hoffentlich war es das letzte Mal! Jetzt muß ich aber fort, die Schwadron ist schon lange draußen!«

Dabei reichte er Borgert die Hand, bestieg sein Pferd und ritt im Trabe zum Kasernenhof hinaus.

Borgert eilte erleichtert und freudigen Herzens seiner Wohnung zu, der Dienst begann heute erst um 10 Uhr. Er hätte den Mann umarmen mögen, er war doch ein furchtbar anständiger Kerl und half einem immer aus der Klemme! Zehn Tage hieß eine lange Zeit, da würde schon irgend jemand Rat schaffen!

Leimann wartete indes unruhig in Borgerts Zimmer, und als dieser jetzt freudestrahlend eintrat, wichen die Falten von seiner Stirn.

»Hat er es getan?« rief er dem Freunde entgegen.

»Natürlich, ohne Weiteres! Gehen Sie um elf Uhr auch zu ihm, Sie haben ja nur zweihundert Mark Rest von Ihrer letzten Gesellschaft her, er tut es glatt; was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.«

Und als am Mittag die beiden Freunde im Kasino bei einer Flasche Eckel saßen, sah man an Leimann's ausgelassener Heiterkeit, daß auch er keine Fehlbitte getan. —

Pünktlich um fünf Uhr standen sämtliche Herren des Offizierkorps mit Säbel und Mütze im Lesezimmer des Kasinos, als der Oberst mit Dienstmiene eintrat und von den Schwadronschefs die Meldung entgegennahm, daß »Alles zur Stelle« sei.

»Meine Herren,« begann der Gestrenge, »ich habe Sie hierherbefohlen, um Einiges mit Ihnen zu besprechen. Ad 1. Ich möchte Sie ersuchen, bei Bällen und ähnlichen Gelegenheiten Tanzsporen zu tragen, damit unangenehme Zwischenfälle, wie vorgestern Abend, vermieden werden. Ein Herr, den ich nicht nennen will«, — dabei fixierte er scharf den Leutnant von Meckelburg — »hat nämlich mit seinen Sporen der Gattin des Herrn Rittmeisters Stark den ganzen Saum vom Kleide gerissen. Das darf nicht vorkommen, meine Herren, und ich werde künftig in ähnlichen Fällen Bestrafung eintreten lassen. Ferner ist es unter wohlerzogenen Menschen üblich, einer Dame nicht zuerst die Hand zu reichen. Tut es die Dame aber, dann erfordert wohl der gute Ton den in unseren Kreisen üblichen Handkuß. Daß einige von Ihnen, meine Herren, in diesem Punkt noch der Erziehung und Nachhülfe bedürfen, beweisen mir die diesbezüglichen Klagen einer Dame des Regiments.« Das bezog sich darauf, daß Leutnant Bleibtreu es kürzlich vorzog, Frau Stark gegenüber diese Höflichkeit zu unterlassen, da sie Handschuhe aus Hundeleder trug, welche noch dazu vom Regen durchnäßt waren.

Eine Träne zu Boden schleudernd, fuhr er fort:

»Ferner, meine Herren, verbiete ich Ihnen, eine andere Stadt ohne Urlaub aufzusuchen. Wer hinüber nach dem Nachbarort will, hat mich um Urlaub zu befragen, wenn der Weg auch nur ein paar Minuten weit ist. Sie wissen alle, daß zwei Herren des Regiments unter betrübenden Umständen ihren Abschied nehmen mußten, weil sie dort das Pflaster nicht vertragen konnten und Schulden in kaum glaubhafter Höhe gemacht haben.«

»Gestatten Herr Oberst eine Frage?« unterbrach ihn Rittmeister König.

»Bitte schön, Herr Rittmeister!«

»Gilt diese Bestimmung auch für die verheirateten Herren zum Besuch von Gesellschaften, Theater, Konzerten u. s. w.?«

»Natürlich, ich will über jeden von Ihnen genaue Kontrolle haben, wie oft er die Garnison verläßt. Zuwiderhandlungen werde ich unnachsichtlich nach dem Strafgesetzbuch bestrafen und zwar nicht als Übertretung, sondern als Nichtbefolgung eines gegebenen Befehls.«

Es entstand eine Pause, während welcher der Oberst sein Taschentuch herausholte und damit das linke Auge wischte.

Als er sich dann im Kreise umsah, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen, glaubte er in aller Gesicht Erstaunen und Empörung zu lesen.

Soweit war man nun also! Weil zwei leichtsinnige Vögel nicht Maß halten konnten, wurde das ganze Offizierkorps in diesem elenden Neste eingesperrt; die einzige Abwechslung, ein Konzert oder ein gutes Glas Bier, gehörte nun auch wie so vieles unter die Rubrik der frommen Wünsche. Denn wer hatte Lust, sich jeden Tropfen nachrechnen zu lassen, den er da drüben trank? Lieber ging man gar nicht hin. Fragte eine Dame des Regiments ihren Gatten, ob er nicht Lust habe, sie am Abend bei den Besorgungen in der Nachbarstadt zu begleiten, weil dort alles besser und billiger sei, so hieß es: Nein, ich darf nicht, ich muß erst fragen, wie ein Schuljunge seinen Lehrer, ob er einmal hinaus dürfe: Dafür bin ich Rittmeister und 15 Jahre im Dienst!

So hatte denn der Oberst seiner Leistungsfähigkeit als Kommandeur und seinem Schneid ein neues Denkmal gesetzt, es fehlte jetzt nur noch, daß man um Erlaubnis bitten mußte, ein Glas Bier in der eigenen Garnison trinken zu dürfen. Aber das kam vielleicht noch später! — Daß der Oberst besonders den jüngeren Herren eine Gelegenheit gab, gegen einen Befehl zu handeln, wenn diese nach dem Dienst Vergnügungen nachgehen wollten, die sie in der Garnison nicht fanden, bedachte er nicht, er hatte ein neues Förderungsmittel der Disziplin und des militärischen Gehorsams in die Welt gesetzt. —

»Nunmehr, meine Herren,« fuhr der Oberst fort, »wollen wir zur Wahl des Kasinovorstandes schreiten, denn das laufende Jahr ist um. Sie, Herr Rittmeister Kahle, haben im vergangenen Jahre den Posten inne gehabt, und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß die Art und Weise, wie Sie Ihres Amtes gewaltet haben, meinen vollsten Beifall gefunden hat. Wir alle, meine Herren, sind dem Herrn Rittmeister zu großem Danke verpflichtet, denn er hat unter Aufopferung des größten Teiles seiner Mußestunden alles daran gesetzt, das Kasino in die Höhe zu bringen, hat unser Vermögen vergrößert und zahlreiche sehr wohl bedachte Änderungen und Einrichtungen getroffen. Ich meine daher, wir können nichts Besseres tun, als Herrn Rittmeister Kahle zu bitten, das Amt zu behalten, denn es ist in unserem eigensten Interesse. Sollte aber jemand andere Vorschläge haben, dann wollen wir die Abstimmung durch Zettel vornehmen.«

Ein Beifallsgemurmel, wie es der Oberst nach seinen Worten noch nie vernommen, ging durch die Reihen, und so war denn Kahle für das weitere Geschäftsjahr als Kasinodirektor gewählt.

»Ich sehe davon ab,« setzte der Oberst noch hinzu, »die Bücher zu revidieren, denn ich bin sicher, daß ich alles in bester Ordnung finden würde. Aber noch eins, meine Herren! Es ist durchaus unstatthaft, daß die Herren Kasinorechnungen anwachsen lassen, wie es wieder der Fall ist. Die beiden Kontos mit den höchsten Beträgen sind allerdings heute bezahlt worden, aber ich werde rücksichtslos vorgehen, wenn nicht zum Ersten nächsten Monats alle Reste gedeckt sind. Richten Sie sich danach! Ich danke, meine Herren!«

Also schnell, Ihr Leutnants, hieß es nun, lauft zu einem Juden oder Wucherer und pumpt Euch Geld, denn Ihr habt alle ein paar Hundert Mark stehen, eine ratenweise Zahlung von Eurer Zulage gestattet man Euch nicht, sonst bekommt Ihr einen Klecks in die Konduite und das hängt Euch nach, bis Ihr alte Esel seid. Aus dem Nest hinaus dürft Ihr nun auch nicht mehr, laßt es Euch aber bei Leibe nicht einfallen, jetzt öfter im Kasino zu sitzen, dann bekommt Ihr höhere Rechnungen und werdet doch noch eingesperrt!

Inzwischen versammelten sich im Lesezimmer die Damen des Regiments und zwei Herrn vom Civil, denn jetzt kam der Hauptteil des Abends, die Vorstandswahl für den Tennisklub und die Verabredung der regelmäßigen Spieltage im Kasinogarten.

Frau König war als einzige nicht erschienen, ihr Gatte hatte sie unter einem Vorwand entschuldigt, denn jede Gelegenheit, wo sie mit den Damen des Regiments zusammen kommen konnte, mied sie nach Möglichkeit. Sie fühlte sich nicht heimisch unter ihnen; die inhaltlose, oft schrecklich langweilige Unterhaltung, welche sich meist um höchst gleichgültige Dinge drehte, war ihr ein Greuel, sie paßte auch gar nicht hinein in diese Gesellschaft und war nicht danach geartet, an einem nur auf Äußerlichkeiten und strengen Formen beruhenden Verkehr Gefallen zu finden. Ganz besonders aber war es ihr zuwider, wenn sie sah, wie man eben noch in der liebenswürdigsten Weise mit einander umging, um eine Minute später, wenn irgend einer sich empfohlen hatte, über ihn herzuziehen und kein gutes Haar an ihm zu lassen. Wenn sie nicht offen über alles urteilen und reden durfte — und das hätte ihr übel bekommen mögen — ließ sie es lieber ganz und blieb in ihren vier Pfählen.

Die Verhandlungen im Lesezimmer dauerten lange, jede der Damen hatte einen besonderen Wunsch, auch bedurfte es einer ausführlichen Ermunterungsrede seitens des neugewählten Vorstandes, mehrere noch zögernde Herren zum Beitritt zu bewegen. Daß die meisten von ihnen niemals zum Spiel erscheinen würden, war ja vorauszusehen — jetzt erst recht mochte keiner dem Oberst einen Gefallen tun — aber man hatte doch etwas mehr an Eintrittsgeldern.

Endlich öffneten sich die Flügeltüren zum Speisesaal, wo jetzt ein einfaches Abendessen eingenommen werden sollte. Die kreischende Stimme der Frau Oberst übertönte die Unterhaltung, in den Ecken standen einzelne Gruppen jüngerer und älterer Herren, die neuesten Bestimmungen seitens des Obersten einer scharfen Kritik unterziehend.

Die Rittmeister König und Hagemann scherzten in etwas derber Weise mit Frau Stark herum, Leutnant Pommer aber wich nicht von Frau Kahles Seite.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, hatten die meisten Herren den lebhaften Wunsch, endlich diesem langweiligen Zusammensein, zu welchem man sie unter der Maske einer dienstlichen Besprechung herbeigenötigt hatte, entschlüpfen zu können. Da rief Frau Stark in den Saal hinein:

»Wie wäre es, Herr Oberst, wenn wir die Gelegenheit benutzten und ein kleines Tänzchen arrangierten? Es hat doch wohl niemand von den Herrschaften etwas vor? Ich fände es reizend, entzückend!«

Der Oberst besann sich einen Augenblick, dann erklärte er sich sofort mit Freuden bereit, denn ein Wunsch der Frau Stark hieß ein Befehl.

Die Herren waren wütend. So ein Blödsinn, bei der Hitze zu tanzen, es war doch viel vernünftiger, auf der Veranda in Ruhe ein Glas Bier zu trinken! Leutnant Specht aber ärgerte sich besonders, denn er wollte um zehn Uhr sein Verhältnis an der Bahn abholen. Er machte seinem Unmut Lust, indem er sich an Borgert wandte:

»Die alte Schraube ist verrückt mit ihrer Tanzerei, wir wollen sie aber heute bewegen, bis ihr der Schaum auf dem Buckel steht!«

Während der Saal ausgeräumt und zum Tanzen hergerichtet wurde, unternahm man eine kleine Promenade im Garten.

Der Halbmond leuchtete schwach vom Horizont herüber und ließ die Türme und Häuser der Stadt als nebelhafte Silhouetten erscheinen. In dem jungen Grün der Büsche klagte eine Nachtigall ihr Lied in die milde Luft hinein, während vom Saal her das Stimmen der Geigen dazwischen klang. Aus der Stadt tönten einige vom Winde oft jäh unterbrochene Akkorde einer Karoussellorgel durch den stillen Abend, dessen wohlige Ruhe ganz danach angetan war, den Menschen elegisch, träumerisch zu stimmen.

Oberleutnant Borgert gab indes einer Anzahl jüngerer Herren eine Gratisvorstellung auf dem Tennisplatz, indem er treffend Frau Stark nachahmte, wie sie die Bälle schlug und aufhob, und die Herren hielten sich den Bauch vor Lachen, so vorzüglich verstand der Oberleutnant seine improvisierte Rolle. Er beschloß erst sein Spiel, als er ganz drüben am Gartenrand ein weißes Kleid durch das Blattgrün schimmern sah.

Wer war das? So allein? Er mußte hinschleichen und die Ohren spitzen, vielleicht gab es da wieder etwas Interessantes.

Vorsichtig und geräuschlos huschte er über den Rasenteppich und versteckte sich hinter einem Fliederbusch. Wenige Schritte vor ihm stand Leutnant Pommer, welcher seinen Arm um Frau Kahles Taille gelegt hatte und eifrig leise auf sie einsprach. Schade, daß sie so flüsterten, aber verstehen konnte man doch manchmal einen Satz.

»Was macht es denn, Grete! Wenn er dich so behandelt, hast du ein Recht, dich schadlos zu halten. Er ist außerdem viel zu taperig, etwas zu merken! Und wenn du wüßtest, wie lieb, wie unendlich lieb ich dich habe!«

»Wenn du mich wirklich lieb hast, dann will ich nicht nein sagen, ich möchte so gern einmal wieder glücklich sein!«

Da umschlang der dicke Leutnant das kleine Persönchen mit seinen ungelenken Armen und küßte sie stürmisch auf Mund und Augen. Sie aber entwand sich ihm und huschte wie ein Reh über den Rasen dem Kasino zu, aus dessen weit geöffneten Fenstern jetzt der Walzer »Über den Wellen« in die Mainacht hinausklang. Pommer schlich auf der anderen Seite herum dem Hauptportal zu, auf daß man nichts merken sollte. Dann verließ auch Borgert sehr befriedigt seinen ehrenhaften Posten.

Im Saal ging es flott her. Am meisten tanzte Frau Stark, sie flog von einem Arm in den anderen und schwitzte dabei wie ein Soldat im Laufschritt. Besonders Leutnant von Meckelburg wurde immer wieder als Opfer vorgedrängt, er tanzte aber entsetzlich schlecht und konnte nicht in Takt kommen. Wenn die dicke Dame den kleinen Baron mit ihren prallen Armen gegen den gewaltigen Busen drückte, verschwand er fast ganz in den Falten des schwarz und gelben Kleides.

Schließlich konnte sie nicht mehr und ließ sich pustend in einen Sessel fallen, dabei fuhr sie mit dem Rücken der Hand über die Stirn, auf welcher erbsengroße Schweißperlen leuchteten. —

Leutnant Specht vergnügte sich auf seine Weise und tanzte mit vorgedrückten Knien, wie man es in den Amorsälen sieht.

Borgert stand in einer Ecke halb über Frau Leimann gebeugt, welche ermüdet auf einem Stuhle saß und sich Kühlung mit dem Taschentuch fächelte. Der Blick des Oberleutnants ruhte auf der Stelle, wo das Weiß des zarten Busens durch die Stickerei des Halsausschnittes leuchtete, und er sog mit gierigem Behagen den Duft ein, welcher dem jugendlich schönen Körper entströmte.

Im Lesezimmer füllten Ordonnanzen die schon oft geleerten Gläser mit kühler Maibowle, während eine Anzahl Herren um den runden Tisch herum saßen, einen Pfennigskat spielend.

Leutnant Specht benutzte den nächsten Walzer, sich französisch zu empfehlen, es war die höchste Zeit zum Zuge, und, da es zu spät zum Umziehen war, holte er seine Dame in Uniform ab. Sie trug drei kleine Packete mit Eßwaren, welche sie aus ihrer Tasche zur Führung des Haushaltes gekauft hatte.

In der Sophaecke saß gedankenvoll der Leutnant Bleibtreu. Er rauchte bedächtig seine Cigarre und hörte nur mit halbem Ohre den witzelnden Reden der Skatspieler zu. Er war nicht besonders guter Laune, denn es tat ihm leid, daß Frau König, die einzige Dame, mit welcher er sich gut unterhielt, nicht anwesend war; dann schweiften seine Gedanken nach der Heimat, wo jetzt die Wälder in ihrer jungfräulichen Sommerpracht standen und wo er so manche schöne Stunde verbracht hatte in den Armen der Natur und mit Menschen, die ihn liebten.

Wie ganz anders schien es doch hier! Lauter Menschen, denen man innerlich nie recht nahe kam, deren Interesse meist nur äußerlichen Dingen und Vergnügungen oft zweifelhafter Art gewidmet war. Zwar hatte man hier den Dienst, den man liebte, aber er genügte nicht, um einen Menschen zu befriedigen, dessen Lebensbedürfnisse nicht so eng begrenzt waren, wie die der meisten Kameraden. Nun sollte man noch jahrelang in dieser Umgebung leben, dazu fern von allem, was eine Abwechslung bot in dem ewigen Einerlei des Dienstes, unter Menschen, mit denen man im Verkehr nie über die Äußerlichkeiten des guten Tons hinauskam und die stets auf der Lauer lagen, wo sie aus den Schwächen ihres Nächsten Kapital zu schlagen vermochten.

Und das war Kameradschaft, die im deutschen Heere so viel gepriesene Kameradschaft!

Ein Zusammenleben unter gleichen Lebensbedingungen, der Zwang, mit einander leben und auskommen zu müssen, sich gegenseitig mit äußeren guten Formen bedienen und gemeinsam beim Dienst, im Kasino und zu allen möglichen Veranstaltungen zu erscheinen, das war es, was man unter Kameradschaft verstand.

Wo aber blieb das innerliche Sichanschließen, das gegenseitig Ineinanderaufgehen und das Bestreben des einzelnen, seinem Nächsten nur helfend und fördernd, nie aber mißgünstig und übelwollend zu begegnen? In diesem Punkte sank das schöne deutsche Wort zu einer leeren Phrase herab!

Gewiß gab es Fälle, wo Angehörige eines Offizierkorps sich auch wirklich innerlich verbrüderten, wo eine treue, zu jedem Opfer fähige Freundschaft die Herzen verband, aber zwei solche Kameraden im echten Sinne des Wortes waren ja so selten, eine so außergewöhnliche Erscheinung! Ging es einem gut und hatte man nichts verbrochen, so war man allen gut Freund, d. h. der Verkehr mit den Kameraden bewegte sich in liebenswürdigen Formen, man prostete sich zu, man scherzte, trank, vergnügte sich zusammen und erwies sich Gefälligkeiten, welche für den, der sie leistete, meist kein Risiko, keine Unannehmlichkeit, kein Opfer bedeuteten. Aber die Kameradschaft als solche fordert weit mehr! Befindet sich ein Kamerad auf schiefer Bahn, beweist er, daß es ihm hier und dort noch fehlt und kehrt er Seiten heraus, die anderen peinlich, unangenehm werden, oder hat er aus Unverstand, Unkenntnis, mangelnder Erziehung etwas Falsches, Tadelnswertes begangen, so weist man ihn höchstens, wenn es überhaupt geschieht, in schroffer Form auf seine Fehler hin, anstatt in liebevoller, freundschaftlicher Weise bemüht zu sein, die Schwächen seines Nächsten zu heilen, seine Eigenheiten zu berücksichtigen, seine Fehler mit den eigenen zu vergleichen, ja, man läßt ihn links liegen und behandelt ihn wie einen Menschen, der wenig oder gar nichts taugt und eben nicht »hineingehört«; nur dann drückt man ein Auge zu, wenn von dem Sünder noch ein Vorteil zu erwarten steht oder wenn er sich durch andere Verdienste und Leistungen besonders beliebt gemacht hat.

Wieviel besser war doch ein Civilist daran! Fand er keinen wahren Freund, so lebte er für sich, ohne gezwungen zu sein, bei allen Mahlzeiten und sonstigen Gelegenheiten mit Menschen zusammen zu sein, denen man innerlich fremd blieb.

Im Dienst ist das eine andere Sache.

Solche Gedanken beschäftigten Bleibtreu, als Rittmeister König aus dem Saale kam und sich neben ihm auf dem Sopha niederließ.

»Das nennt der Mensch nun ein Vergnügen!« brummte er. »Wahrscheinlich wird man uns noch öfter mit solchen Festen langweilen, um uns zu ersetzen, daß wir nicht mehr nach der Stadt hinüber dürfen. Meine Frau wird schöne Augen machen, wenn ich ihr das erzähle!«

»Ich muß auch sagen, Herr Rittmeister, daß ich die heutige Verordnung haarsträubend finde,« stimmte Bleibtreu zu. »Hätte es der Oberst den Leutnants allein verboten, so wäre es hart und dabei noch ungeschickt, aber den Verheirateten gegenüber ist es eine tolle Bevormundung und eine beispiellose Rücksichtslosigkeit. Er fährt natürlich, so oft er Lust hat!«

»Solche Feste wie heute möchten ja noch angehen, wenn sie im allgemeinen Einverständnis oder auf vorherige Verabredung hin veranstaltet würden, aber nein, Madame Stark befiehlt und wir gehorchen! Denn es sollte einer kommen und sagen, er hätte etwas anderes vor, der Oberst würde ihn morgen ganz gehörig zurechtstutzen. Sie haben ja wieder ein kleines Exempel gehabt.«

»Nicht einmal trinken kann man, was man will,« fuhr der Rittmeister fort, »der Oberst braut einfach eine Bowle und wir bezahlen. Die kostet heute doch mindestens sechs Mark pro Mann. Er kann ja gar nicht wissen, ob ich nicht vielleicht nur für eine Mark trinken will, vielleicht Bier oder Selterswasser! Hinterher aber stellt er sich hin und raisonniert über die Kasinoschulden!«

»Sie haben recht, es wäre manchem dienlicher, wenn er etwas sparsamer lebte, z. B. diesem Borgert und wie sie alle heißen. Es ist traurig, daß unter den sämtlichen Herren noch nicht der dritte Teil zu rechnen versteht,« erwiderte Bleibtreu.

»Ja ja,« sagte König, »aber das ist einer der Krebsschäden unseres Standes. Es ist ja kaum glaublich, wie viele Offiziere alljährlich wegen Schulden um die Ecke gehen. Und wie kommt das? Warum können junge Leute in anderen Stellungen vernünftiger wirtschaften? Erstens, weil sie nicht gezwungen sind, mit Leuten zusammen zu leben, die in besseren Verhältnissen sind. Hat einer kein Geld, dann lebt er nach seinem Gusto und fühlt sich schließlich ganz wohl dabei. Aber im Kasino sitzt der Kapitalist neben dem armen Schlucker. Es ist leicht gesagt, die Reichen im Offizierkorps sollen ihre Lebensweise den Mitteln der ärmeren Kameraden anpassen. Ich kann aber doch unmöglich verlangen, daß ein Millionär zum Essen Wasser trinkt und auf eine elegante Wohnung oder schöne Pferde verzichtet, lediglich, um einen Kameraden mit fünfzig Mark monatlichem Zuschuß nicht zum Mittun zu verführen! Auf die Dauer gefällt dem Unbemittelten sein bescheidenes Dasein nicht mehr, wenn er sieht, wie besser gestellte Kameraden in Saus und Braus dahinleben, und das Ende: er macht eben mit. Geld braucht er nicht gleich, auf seinen bunten Kragen hin borgt man ihm, so viel er will. Geht es aber ans Zahlen, dann ist das Elend groß. Findet sich nicht ein rettender Engel in Gestalt eines Juden oder dergleichen, so geht er einfach über die Höhe. Und bei den Versuchen, Geld zu erlangen, kommt es oft zu unsauberen Machinationen. Vielleicht scharrt der Vater noch seine letzten Groschen zusammen und gewöhnt sich die Abendcigarre ab, um den Jungen über Wasser zu halten. Und gelingt es dem jungen Offizier wirklich, aus der Klemme herauszukommen, so fängt er bald von Neuem an in dem schönen Vertrauen, daß sich auch das nächste Mal eine offene Hand finden werde.«

»Dagegen läßt sich aber doch kaum etwas machen, jeder ist eben für sich selbst verantwortlich,« entgegnete Bleibtreu.

»Nichts machen ließe sich da?« rief der Rittmeister. »Ei gewiß. Man braucht nur ein Gesetz aufzustellen, etwa dahin lautend, daß die Schulden des Offiziers bis zum Rittmeister ausschließlich nicht einklagbar sind. Dann werden sich die Kaufleute schon vorsehen und nicht mehr ins Blaue hinein einem Leutnant von dreiundzwanzig Jahren borgen, dessen Verhältnisse sie gar nicht kennen. Einem Civilisten, der vielleicht dreimal so viel Geld hat, wie jener, borgt man nicht für hundert Mark, wenn man nicht genau weiß, wer und was er ist, wie er steht usw., aber an den Offizier drängen sich die Geschäftsleute geradezu heran, weil sie wissen, sie bekommen ihr Geld in den meisten Fällen, weil es sonst dem Schuldner an den Kragen geht.«

»Ich meine, es ist überhaupt die ganze Sonderstellung des Offiziers, die ihn zu einem kostspieligen Leben veranlaßt. Man sollte daher wenig Bemittelte einfach ausschließen,« versetzte Leutnant Bleibtreu.

»Das wäre übertrieben, aber energische Schritte sollte man tun gegen solches Luxustreiben,« fuhr König fort. »Es ist schön und wohlgemeint, wenn man verordnet: »je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, umso mehr soll der Offizier auf eine einfache Lebensweise bedacht sein.« Das ist ein frommer Wunsch, man wird es aber niemals tun, wenn man bei anderen Klassen ein gesteigertes Wohlleben bemerkt, denn der Offizier hält sich rücksichtlich seiner bevorzugten gesellschaftlichen Stellung für verpflichtet, wie kein anderer, diesen Luxus wenigstens mitzumachen, wenn nicht gar zu übertreffen. Er hält sich eben für mehr wie andere, und der Leutnant sieht oft mit Verachtung, mindestens aber mit einem bedauernden Lächeln auf die herab, die sich durch ihrer Hände Arbeit oder durch geistiges Schaffen der Welt nützlich machen. Dieser Dünkel ist der Fluch unseres Standes und geeignet, Volk und Offizierkorps immer mehr von einander zu entfernen, während das Gegenteil zu wünschen ist, denn das Volk muß seinen männlichen Nachwuchs dem Offizierkorps zur Erziehung in die Hände geben. Wenn aber das Vertrauen zu ihm mehr und mehr schwindet, dann wird auch die Lust am Soldatsein, die damit Hand in Hand gehende Vaterlandsliebe, allmählich getötet. Man sollte den Offizier mehr geistig beschäftigen und ihm zeigen, was ihm in Vergleich zu anderen Ständen fehlt, und welchen Nutzen diese für den Staat bedeuten. Dann würde er die ihm von niemand streitig gemachten Prärogative und Privilegien dankbar anerkennen lernen, statt in ihnen einen Grund zur Selbstüberhebung zu erblicken.

Und in dieser haben noch andere Mängel ihren Ursprung. Sie ist schuld daran, daß so viele Offiziere in dem gemeinen Soldaten nicht den zukünftigen Vaterlandsverteidiger und Kameraden sehen, den sie fördern sollen, sondern nur den Gegenstand zahlreicher Mühen und reichlichen Ärgers. —

Und damit wird ein neues Übel in die Welt gesetzt. Der junge zwanzigjährige Mann fühlt mit innerem Mißbehagen diese Entfremdung von seinem Vorgesetzten. Er verliert allmählich die Lust an seinem bunten Rock, besonders, wenn die Vorgesetzten noch mit übertriebenen Anforderungen an ihn herantreten oder Ungerechtigkeit in der Behandlung walten lassen. Solange der Soldat unter dem Druck des Militarismus steht, wird er sich schwer hüten, seinen Ansichten Ausdruck zu verleihen, ist er aber der militärischen Fesseln los und ledig, wird sich meist sein vielleicht vorhandener Hang zum Sozialismus umso kräftiger entfalten, nach den Erfahrungen, die er in seiner Dienstzeit gemacht. Und das ist schlimm, wenn ein Hauptmittel zur Bekämpfung des in riesigem Wachsen begriffenen Sozialismus, nämlich die Dienstzeit der noch einer Beeinflußung und Belehrung zugänglichen jungen Leute, in ein Förderungsmittel umschlägt, und das tut es, solange man aus dem Offizierkorps heraus derartige Vorbilder als militärische Erzieher wirken läßt.«

»Sollten das alles nicht nur vorübergehende Erscheinungen sein, an denen der Offizierstand krankt?« warf Bleibtreu ein.

»Nein, das ist gerade das Traurige, es sind fest eingewurzelte Krebsschäden. Aber selbst diese könnten eingedämmt oder ganz und gar vernichtet werden, wenn man sich mit allem Ernst der Sache annehmen wollte, statt sich in dem Dünkel zu wiegen, daß ein deutsches Offizierkorps oben an stehe und keiner Reform bedürfe. Noch ist es Zeit zu retten, denn jene Mißstände haben noch keine Form angenommen, die eine Unterdrückung unmöglich macht, noch haben wir trotz aller Übel vortreffliche Leistungen zu verzeichnen, und der Ruf unseres Heeres im Ausland ist ein glänzender. Aber Eile tut not, man soll das Eisen schmieden, solange es warm ist. Eine Armee ist eben zum Kriegführen da, und deshalb muß sie unter einem dreißigjährigen Frieden leiden. Aber wir brauchen keinen Krieg, um jene Übel zu töten, sondern Männer mit Umsicht und einem klaren Kopf, die offen eingestehen, daß etwas faul ist im Staate Dänemark.«

König hatte sich ordentlich warm geredet. Er tat einen tiefen Zug aus dem Bierglase, das ihm soeben eine Ordonnanz gereicht, er hatte nämlich dem Oberst zum Trotz auf die Bowle verzichtet. Es war ihm Bedürfnis, sich ab und zu alles von der Leber herunter zu reden, was ihn bedrückte, und war das geschehen, so fühlte er sich wohl und frei.