Original-Bucheinband


Ein Geschlecht

Tragödie

von

Fritz von Unruh

1918


Kurt Wolff Verlag

Das Recht der Aufführung ist zu erwerben durch die
Vereinigten Bühnenvertriebe
Drei Masken — Georg Müller — Kurt Wolff Verlag
Berlin W 50

Siebentes bis achtzehntes Tausend

Druck von E. Haberland in Leipzig-R.
Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig


Dem Andenken meines Bruders

Erich

* 1888, gefallen 1915


Personen

Mutter
Ältester Sohn ihre Kinder
Feiger Sohn
Jüngster Sohn
Tochter
Ein Soldatenführer
Der andere Soldatenführer
Mannschaft

Die Tragödie ist an kein Zeitkostüm gebunden; ihre Handlung spielt vor und in einem Kirchhof auf Bergesgipfel.


Helle, warme Nacht über der Rasendecke eines Berggipfels, der einen alten Kirchhof trägt. Durch ein Gittertor sieht man auf Gräber.

Ein Soldatenführer

beobachtet durch das Tor zwei Kerzen haltende Frauen und einen Jüngling, der ein Grab schaufelt

UNSELIGES Weib, gesegnet und verflucht,

indessen Du mit Deinem jüngsten Sohn

den schlachtgefallnen Liebling fromm beerdigst

und Flammenglanz von Tapferkeit beschwörst,

steigt aus dem Tal, gefesselt und bespuckt

ein Zwillingspaar auch Dir entboren auf,

das besser Du im ersten Bad ersäuft!

Der andre Soldatenführer

hat zu beiden Seiten des Tores Ringe befestigt

Die Eisen halten!

Ein Soldatenführer

zu wartender Mannschaft

So bringt sie her, für die der Platz bestimmt.

Wer faßt Natur, die solchen Zwiespalt schuf!

Jüngster Sohn

aus dem Kirchhof

Von meiner Schwester Tränen ausgelöscht

halt ich die Kerzen noch?

wirft sie fort

Entsetzlich Bild

für meines ganzen Bluts Verfinsterung.

will fliehn

Ein Soldatenführer

hält ihn auf

Eh Du mit uns zum Kampftal niedereilst,

erfülle, was Du ernst geschworen.

Jüngster Sohn

Von Sinnen war ich, als ich’s tat.

Ein Soldatenführer

zeigt auf das Grab

Was Du dem Toten schuldig bist und Dir

und uns, wie allen, die heut kniegebeugt

zum Machtgeist unsres mächtgen Volkes beten,

versäum es nicht. Entsühne schwere Schuld,

eh Gott auf uns die Wucht der Strafen schleudert!

Zwei halbentblößte Männer werden angeschleppt

Die beiden, wildzersträubt, sind Deine Brüder,

vom Vaterland, dem sie getrotzt, verstoßen.

Der andre Soldatenführer

packt sie

Der Du geschändet, Kerl, sei festgebunden,

daß Deine Gier nicht weiter Unheil stifte

und unsern Sieg entehre. Sterbe hier

bei Deinem Bruder, der Gehorsam weigert

und sich der Feigheit Ekel aufgeladen.

Jüngster Sohn

am Tor

Seht meine Mutter, ein verhülltes Bild!

Der andre Soldatenführer

Du zauderst?

zur Mannschaft

Stricke her!

Er bindet die Verurteilten fest

Jüngster Sohn

zu den Führern

Ihr habt es leicht

Vergeltung rasch von meinem Arm zu fordern.

Gemeinsinn wills, und er beherrscht die Zeit.

vor seinen Brüdern

Ich fühl es schaudernd, wie die Leidenschaft

den Edlen selbst zum Schwindelabgrund reißt;

zu den Führern

denn adlig waren sie, nur allzuheiß

vom eignen Kraftrausch ihres Lebenswunders.

Der andre Soldatenführer

zum jüngsten Sohn

Entschuldigung starb. Vor jeder Einzelgier

hat uns das Feuerbad des Kriegs geheilt,

und wo wie hier noch Aussatz an den Gliedern,

sei er von unserm Körper abgehackt!

Jüngster Sohn

erstarrt

Was heißt das; abgehackt?

Der andre Soldatenführer

Notwendigkeit!

Wie dem Gewölk erlauchter Ahnen heut

der Flammstrahl auf den Völkerknäul entblitzte,

der sich aus Lügen gegen uns geballt,

so würgen wir an uns die eignen Greuel.

Jüngster Sohn

eingeschüchtert

Wehrlose Kraft zu meistern! Gebt das Beil.

Er läßt es fallen

Die gleiche Form, von mir so rein verehrt,

schuf Euch, wie mich — und das zerfleischt mein Herz.

Der andre Soldatenführer

Dein Seufzer prallt an unsren Rippen ab,

die ehern wie der Bau des Vaterlands

nur opfermutge Seelen in sich dulden.

Jüngster Sohn

Ach, hättet Ihr sie auf der Tat erschlagen!

Wer ist die Macht, die alle Wesen beugt,

bis sie den eignen Willen ganz verlieren?

Der andre Soldatenführer

Glaub: sie zerstampft Dich, wenn Du also lästerst!

Jüngster Sohn

Brecht mein Genick! Ein Alp quetscht mir die Lungen!

fällt ohnmächtig um

Ein Soldatenführer

So stürzt ein Baum, der sich vom Erdreich löst.

Im Tor werden Mutter und Tochter sichtbar

Seht Eure Söhne an!

Der andre Soldatenführer

Wirft sie der Anblick der Empörer um?

Tochter

Da sind sie! Festgeknebelt wie Verbrecher!

zum Feigen

Der Du die Wolken sonst mit Träumen fülltest,

wenn Erika in Mittagsweiten glühte, —

wie jämmerlich hängt jetzt Dein Kopf zur Brust.

zur Mutter

Du duldest es, daß sie die Brüder morden?

Ein Soldatenführer

sieht die Mutter an

Ihr teilnahmloses Schweigen wächst ins Dunkel?

Der andre Soldatenführer

Wir stehn nicht hier, um Rätsel aufzulösen.

Ein Soldatenführer

zum andern Soldatenführer

Laß dieses Weib allein. Ich bürge Dir,

daß die nicht leben, wenn der Morgen dämmert.

Der andre Soldatenführer

stößt an den jüngsten Sohn

Doch den schleppt mit!

Mannschaft nimmt ihn auf

Ein Soldatenführer

Er werde in der Schlacht

zum würdigen Glied des großen Volks gehämmert.

Das Vaterland bleib ewig eine Kraft,

die unsrer Willkür wehrt, wie jene Mauer

die Heldenleiber schützt vor Pflug und Egge.

Außer den beiden Verurteilten, der Mutter und der Tochter gehen alle in das Kampftal zurück

Mutter

den Boden streichelnd

WIR, die wir vieles wissen, müssen schweigen.

Hier fielst Du um. Der jüngste meiner Schmerzen,

gebändigt durch die Faust des Muß.

Dein liebes Auge war auf mich gerichtet.

Jetzt spricht das Schicksal. Wirklichkeit steht auf

und gibt den Himmelsträumen Zweck und Namen.

Als Qual und Glück Euch still in uns gebildet,

der erste Laut aus Eurem Mäulchen schrie

und Ihr die Beinchen an die Brüste stemmtet,

die Euch gesäugt, da glaubten wir an Dauer;

verlachten das Gesetz, das heimlich wuchs

und Müttern heute ernste Sorgen bringt.

Sie wendet sich zu den Verurteilten

Ja, als Ihr jung wart, meine Söhne, wahrlich,

da baute Phantasie aus Euren Leibern

mir einen Tempel auf.

Nun steh ich unter Trümmern, gleich der Nacht,

besorgt den Schutt zu bergen, eh es tagt.

Tochter

Ach, meine Mutter!

Mutter

Brüll den Namen nicht.

Ich höre einer Unke Quaken lieber

als die zwei Silben, die mich niederschlagen.

Zur Wiege geh ich, die der Tod gebaut,

und rüste sie.

Sie wankt auf den Kirchhof

Tochter

vor den Brüdern in Entfernung

Sah ich Verbrechen sonst vorübergehn,

drängt’ Neugier mich an Wach und Gitter an,

um auf dem kurzen Weg vom Tor zum Wagen

den Flackerblick des Bösen nah zu sehn.

Nun quillt er auf im eignen Blut. O Brüder,

wir sind geheimnisvoll durch Lust verstrickt.

Die Fesseln, die Euch in das Fleisch getrieben,

erdrosseln mich, denk ich an mein Geschick.

Die Mutter kniet. Hier hocken Würgegeister!

will fort

Ältester Sohn

Bleib, Mädchen, bleib! Ich hörte jedes Wort.

Tochter

Schlägt Deine Stimme Eisen um die Knöchel?

Ältester Sohn

Bei der Gewalt, die Weiber schön gemacht,

bleib so im Licht und laß Dein Bein mich sehen,

Laß mich die Linie jeder Wölbung fühlen,

mit der Natur mich so betrunken hat,

daß ich verloren bin an ihren Reiz.

Was keuchst Du mir den Atem in den Mund

und starrst mich an? Schneid mir die Taue durch.

Tochter

O wär ich Luft und könnte mir entfliehen!

Ältester Sohn

Wo kriechst Du hin? Das rote Schlachtenland

ist voller Männer; deren Hand Dich greift;

wenn nicht lebendig mehr nach Deinen Brüsten —,

so starren tote Glieder Dir entgegen

und drücken Deine Knie.

Tochter

Bleischwer hängt mir das Haar im Rücken!

Ältester Sohn

Mach mir die Hände frei! Ich will Dirs danken.

Tochter

zum Feigen

Um Dich schlug die Verachtung einen Kreis,

in den kein Mensch sich wagt. Mich berge er.

Ältester Sohn

So bind mich los! Sieh her; ich streichle sanft

den Schatten Deines Schenkels mit der Zeh.

Tochter

Der Du uns schufst mit unsern blauen Adern,

dem Bau der Sehnsucht, dem nur Flügel fehlen,

verlaß mich nicht. Die Erde wird zu Schlamm,

und meine weiße Sohle sucht nach Halt.

Ich sinke hin, und alles Rot der Nacht

hebt sich zu Purpurwürmern vor mir auf —!

Ältester Sohn

Was schmiegst Du Dich dem Rasen wie ein Panther

so beutelüstern an?

Tochter

stürzt auf ihn

Zerreißt mich, Hände!

und bindet ihn los

Ältester Sohn

Ich kann mich wieder strecken, beugen! Sättigen!

greift die Tochter

Mutter

Vor ihrem Anblick weichen beide

O Gräßlichstes! Mein Auge fault daran!

Tochter

beim Ältesten Sohn

Schütz mich vor diesem Weib und allen Frauen!

Mutter

Hier mit dem Spaten, der auf Aug und Wangen

des liebsten Sohns den feuchten Sand geworfen,

erschlag ich Euch!

Ältester Sohn

Hast Du uns nicht geboren?

Mutter

Was gibt Dir Mut zu solcher Sprache?

Ältester Sohn

Blut,

das mit der Nabelschnur nicht abgestaut.

Mutter

zum Ältesten Sohn

Wenn meine Milch, die süße Himmelsnahrung,

so freche Kraft in einem Mann erzeugt,

dann schüttelt Hexenvolk das Los der Mütter

und mir bleibt nichts, was Dich zu Boden zwingt.

zur Tochter

Doch Dich, verwandte Form, schleif ich am Schopf

aus diesem wüsten Strudel der Verirrung.

Tochter

macht sich frei

Dich hat der Liebesstrom der Kraft durchrauscht.

Wie leicht ist’s nun, gesättigt dazustehen

und, wo ein Quell aus dunkeln Qualen bricht,

ihn mit dem Stein der Sitte zu verstopfen.

Mutter

Hier hilft auch Händefalten nichts. Ich fühl’s.

Tochter

beim Ältesten Sohn

Einst zwangen Ammen uns vorm schwarzen Mann

aus Winkeln erster Regung an die Lampe —,

Solang mein heller Scheitel Wärme ahnt,