Anmerkungen zur Transkription
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Tutti Frutti.
I.
Tutti Frutti.
Aus den Papieren
des Verstorbenen.
De mortuis nil nisi bene.
(Zur Beherzigung für alle Recensenten.)
Erster Band.
Stuttgart,
Hallberger’sche Verlagshandlung.
1834.
Druck von W. Hasper in Carlsruhe.
Dem
Königlich Preussischen
Ober-Kammerherrn und Staatsminister
Herrn Fürsten zu Sayn und Wittgenstein
in tiefster Verehrung gewidmet
von dem
weiland Verfasser.
Durchlauchtiger Fürst!
Es ist zwar nicht zu vermuthen, daß Hoch Sie, bei Ihrer hohen Stellung und Ihrem weiten Wirkungskreise, vorliegende Allotrien zu lesen Sich herablassen werden, gestatten Sie aber aus Nachsicht mir die Freude, dem Drange der Ehrfurcht, der mich für Euer Durchlaucht beseelt, gleichsam eine Erleichterung durch diesen schwachen Ausdruck meiner Gefühle zu verschaffen, welche wenigstens uneigennützig sind, da ich, so unendlich fern und ohne alle Beziehung zu Hoch Ihnen stehend, weder durch Dankbarkeit, die ich Ihnen ja nicht im Geringsten schuldig bin, noch persönliches Interesse influencirt seyn kann. Nur die Liberalität Ihrer Handlungsweise, die Unpartheilichkeit, die Sie auszeichnet, der erhabne Charakter, den Sie, unter dem sanftesten und liebenswürdigsten Aeußern, stets an den Tag gelegt, konnte mir die Kühnheit einflößen, Ihnen diesen öffentlichen Beweis ungeheuchelter Verehrung zu Füßen zu legen, mit welcher letztern ich, unter allen Metamorphosen, denen wir Menschen unterworfen sind, stets bleiben werde
Euer Hochfürstlichen Durchlaucht
submissester A. Z.
Vorwort.
Die Geschichte lehrt uns, daß alle Menschen sterben können, ja höchst wahrscheinlich sterben müssen. Dieselbe lehrt uns aber auch, daß sie in manchen Fällen, wiewohl selten und nur bei großen Gelegenheiten, aus ihren Gräbern wieder auferstehen, oder auch wohl nur länger als sonst üblich, (z.B. 50 oder 100 Jahre, wie der alte Ueberall und Nirgends und andre beglaubigte historische Personen) schliefen, welches oberflächliche Beobachter dann in der Eile für den wahren bittern Tod ansahen. Es ist wohl möglich, daß es mit dem verstorbenen Verfasser dieses Buchs eine ähnliche Bewandniß habe. Sollten daher aufmerksame Leser im Verfolg desselben hie und da Anachronismen oder sonstige Anomalieen ausfindig machen, so wird es nicht ungereimt seyn, sie sich auf die angegebene Weise zu erklären. Dem sey indeß, wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß in Paris die Memoiren des Fürsten von Pückler-Muskau erschienen sind, welche (und man kann sich meine Verwunderung darüber denken!) nicht ein Wörtchen mehr enthalten, als meine eignen posthumen Briefe; man müßte denn die seichten Noten des Uebersetzers für etwas mehr als nichts halten wollen. Dies hat mich um so mehr verdrossen, da ich aus einem eben so beliebten als verbotnen Buche ersehen habe, daß besagter Fürst nichts als ein verkappter Aristokrat sey, dennoch aber meine Briefe geschrieben haben soll, die Viele wiederum zu liberal und demokratisch finden. Ich kann aus diesem Wirrwarr selbst gar nicht mehr klug werden, und fürchte fast, daß, im Gegensatz von andern Leuten, die einen geisterartigen Doppelgänger entdeckten, mein Geist einen irdischen bekommen hat, welches denn natürlich niemand andres als derselbe gefährliche Mann seyn kann, den ich deßhalb auch ernstlich hiermit auffordere, sich nicht ferner in meine Angelegenheiten zu mischen, und wenn er Memoiren herausgeben will, seine eignen zu schreiben, aber nicht die meinigen. Ich glaube hierin alle Billigkeit und Gerechtigkeit so sehr auf meiner Seite zu haben, daß ich selbst aus die thätigste Unterstützung meiner gütigen Leser rechne, wenn dieser lebendige Mensch mich armen Abgeschiedenen noch ferner in meiner Ruhe zu stören beabsichtigen sollte. Ueberall compromittirt er mich. So war das Literaturblatt der Staatszeitung mir äußerst hold; mit einemmal hat es umgesattelt, weil es dem Fürsten von Muskau einfällt, in einem Briefe an den Buchhändler Fournier in Paris zu sagen: „Er verdenke es keinem Franzosen, ja selbst einem Deutschen nicht, wenn er die Staatszeitung ungelesen lasse.“ Gleich muß dies der Verstorbene wieder entgelten und bald darauf im erwähnten Literaturblatt die angenehme Nachricht lesen, daß seine Briefe in Frankreich fast keine Beachtung fänden, demohngeachtet aber das dortige Publikum sich dahin ausgesprochen: dem Verfasser sey gar kein politisches Urtheil zuzugestehen.
Was nun das erste betrifft, so wäre freilich nichts natürlicher, da aber mein Herausgeber zu derselben Zeit einen Brief von Herrn Fournier bekam, in dem dieser ihm zu dem guten Abgange des Buches gratulirte, und den Autor sogar bat, noch mehr Briefe zu schreiben (was ich wohl bleiben lassen werde), so muß die Behauptung des Referenten in dieser Hinsicht doch wohl auf einem Irrthum beruhen.
Wie komme ich aber nun gar zum zweiten Tadel, ich, der nie, auch nur halb im Ernste, ein politisches Glaubensbekenntniß von mir gegeben habe. Daß der erwähnte Fürst durch seine eben angeführte Aeußerung über die Staatszeitung hinlänglich bewiesen, daß er kein politisches Urtheil besitze, muß auch dem Bornirtesten klar werden, aber wie komme ich dazu für ihn zu leiden? Ich liebe die preußische Staatszeitung und ihr Literaturblatt ganz ungemein, ja ich kann es mit einem körperlichen Eide bekräftigen, daß ich gar keine andre politische Zeitung in meinem kleinen Hause halte, und mir es sogar zu einer Art Gesetz gemacht habe, Abends nach des Tages Last und Hitze nie ohne dieselbe einzuschlafen. Wie viel Belehrung danke ich ihr aber noch außerdem. So las ich neulich in ihrem besagten Appendix, dem Literaturblatt, einen Artikel: Nächtliche Blindheit betitelt, worin diese dem Einfluß des Mondes auf die Augen zugeschrieben wird, — denn, setzt der Verfasser hinzu: „Viele Menschen schlafen bekanntlich mit offnen Augen.“ Ich schämte mich meiner Unwissenheit, da ich gestehen muß, diesen Umstand bisher gänzlich ignorirt zu haben, vielmehr glaubte ich nur die Hasen dieses Kunststückes fähig. Es fällt aber nun wie Schuppen von meinen eignen Augen, und so manche politische Räthsel werden mir plötzlich gelöst! Kann man z.B. die Motive einer Regierung, eines Ministers nicht mehr begreifen, sieht man selbst ein ganzes Collegium wie Blinde handeln — Was ist der Grund? Der so einfache bekannte: Sie schlafen mit offnen Augen.
Ich hoffe also, die Redaction des Literaturblattes, welche selbst gewiß nie mit offnen Augen schläft, wird in sich gehen und mich wieder zu Gnaden annehmen — oder sollte die Sache vielleicht sich dennoch anders verhalten? Sollte es vielleicht Leute geben, die sich wirklich ein wenig vor meinem politischen Urtheil fürchteten und es gern mit guter Manier im Voraus entkräften möchten? Gott im Himmel weiß Alles — ich aber zu wenig!
Um mich indeß für so viel Unbilden an dem Fürsten von Muskau doch einigermaßen zu erholen, werde ich jetzt wenigstens in so weit das Vergeltungsrecht üben, daß ich unbedenklich in dem vorliegenden Buche einen Theil seiner Memoiren unter meinem Namen herausgebe, wo er dann sehen mag, wie er dabei zurecht kömmt. Bei den Mitteln, die mir zu Gebote stehen, ist es mir, ohne zu prahlen, ein Leichtes, seinen Schreibtisch zu öffnen und heraus zu nehmen, was mir beliebt; ja es möchte ihm sogar schwer werden, mich wegen eines solchen Raubes zu belangen; denn so sehr auch unsre Justiz Prozesse liebt, hegt und pflegt, die Klage gegen einen Verstorbenen, den keine Erben repräsentiren, müßte doch nothgedrungen per Decretum abgewiesen werden. Ich wollte zuerst aus Furcht vor französischen Redensarten, nicht Memoiren, sondern Denkwürdigkeiten sagen, fürchtete aber, damit nur „noch mehr Rumohr zu machen“ und dann als doppelter Plagiarius zu erscheinen. Ich wählte daher einen italiänischen Titel. (weil im Deutschen ohnehin kein neuer mehr zu erfinden ist) und da es heißt: An deinen Früchten wird man dich erkennen — so wirst Du, geliebter Leser, bald inne werden, ob die folgenden Blätter und Früchte wirklich von mir oder nicht von mir sind.
Geschrieben am 30. October auf dem großen Kirchhofe zu B..., als der Mond so hell schien wie am Tage, und viele Geister eben munter aus dem Sande hervorkrochen, um eine Raupach’sche Tragödie aufzuführen.
Anmerkung. Daß in dem vorliegenden Buche die Orthographie nicht immer dem Recipirten gemäß ist, geschieht mit Absicht. Wenn ich z.B. Gebürge statt Gebirge schreibe, so habe ich meine ästhetischen Gründe dafür. Gebürge malt, meines Erachtens, den Gegenstand besser, die Hauptqualität, die ein Wort haben kann. Man sieht bei Gebürge, so zu sagen, dieses schon sich in seinen schönen Wellenlinien und Massen übereinander thürmen, während Gebirge dagegen etwas Enges, Gekniffenes hat, was nicht zu dem Bezeichneten paßt. Um die Etymologie aber bekümmere ich mich wenig.
I.
Sendschreiben
an den
Königl. Preußischen Geheimen Legationsrath,
Herrn Varnhagen von Ense,
Großkreuz und Ritter vieler hohen Orden zu Berlin.
Euer Hochwohlgeboren
sind mit dem (schon lange vor seinem Tode) verewigten Göthe durch Ihre zu nachsichtigen Beurtheilungen meiner anspruchslosen Reiseberichte wohl allein daran Schuld, daß selbige seitdem, gleich einem alten Miethklepper, mit immer wechselnden Namen durch aller Herren Länder gejagt werden und bei jeder Metamorphose noch mehr Untugenden annehmen, als sie von Hause aus mitbrachten.
Die unerhörte Anzahl von Recensionen, die dieses arme Buch in mehreren Sprachen hat erdulden müssen, betragen wenigstens das doppelte Volumen seines Inhalts und sind eben so uneins über diesen, als verschiedene Aerzte über denselben Kranken zu seyn pflegen.
Obgleich ich selbst nicht allzuviele dieser Critiken gelesen habe, so sind mir doch einige seltsam genug vorgekommen. Wirft mir doch gar ein erzürnter Pastor vor, ich sey ein grausamer Liebhaber von Thierkämpfen und habe fremden Hunden die Zähne ausgebrochen, um sie von den meinigen nachher desto bequemer todt beißen zu lassen! Man sollte wirklich meinen, der arme Teufel, der zu solchen Mitteln greifen muß, um ein Buch zu beurtheilen, passe selbst nicht übel zu dem Bilde einer Dogge mit ausgebrochnen Zähnen, die, weil sie nicht mehr beißen kann, zum Heulen ihre Zuflucht nimmt.
Sie, mein verehrter Gönner, hat die Freundschaft blind gemacht, so wie Herrn Börne der Verdacht meiner Vornehmheit.
Dieser große Champion der Liberalen hätte sich aber eben deshalb sagen können: Für einen Vornehmen ist der Verfasser der Briefe des Verstorbenen wahrhaftig noch freisinnig genug, und es seiner verwahrlosten Erziehung zu Gute zu halten, wenn er nicht so zu schreiben vermag, wie ich es anempfehle, nämlich so: „daß der Styl unter ihm bricht und er mitten im Kothe liegen bleibt.“[1]
Vielleicht hätte Herr Börne mich milder beurtheilt, wenn er mich gleich von vorn herein in der französischen Uebersetzung gelesen hätte — nur würde er immer Unrecht gehabt haben, von mir zu verlangen: „daß ich als Verstorbener den Sterblichen überirdische Dinge mittheilen solle.“ Das erlaubt einmal schon die Discretion des Geisterreichs nicht, eine Eigenschaft, über welche sich nur Schriftsteller dieser Welt hinweg setzen dürfen; zweitens würde man ja aber auch solche Sprache hier unten gar nicht aufnehmen können. Es würde damit gerade so gehen, wie mit Lord Byrons Geist, der, wie Herr Börne uns ebenfalls selbst erzählt, „sich erst in ihm (Herrn Börne) niederlassen wollte, die Wohnung aber bald zu gemein für längeren Aufenthalt fand.“
Weit übler bin ich seitdem mündlich abgefertigt worden, als ich neulich unsere Freundin, die liebenswürdige, Geist sprudelnde Orlanda besuchte. „Guter Verstorbener,“ rief sie mir schon von weitem zu, „ich habe Ihnen gestern in Gedanken einen langen Brief auf der Straße geschrieben, während ich den weiten Weg von S. heim ging. Wie ich aber zu Hause ankam und in Ihrem Buche las, da stimmte mich das wieder so herab, daß ich alle meine guten prophetischen Gedanken darüber augenblicklich verlor. Denn, wo ich allein über Sie nachdenke und Sie mir nicht selbst störend in den Weg treten, interessiren Sie mich sehr. Sie sind so einladend aride, daß ich mich gedrungen fühle, etwas aus diesem sterilen Boden hervorzurufen. Ordinaire Naturen ziehen überhaupt, selbst gegen meinen Willen, am meisten aus mir heraus — eben, weil sie’s bedürfen.“
„Mit höheren Geistern habe ich weniger Berührung, denn wir gehen neben einander wie zwei parallele Linien. Die ärmeren dagegen verlangt mein eigner Reichthum unwiderstehlich zu durchdringen.“
Ich wollte, ganz verblüfft, einige Worte schuldigen Dankes stammeln....
„Still doch!“ rief sie, „immer müssen Sie doch von sich selbst sprechen, es ist zum Todlachen! Dennoch kann Einen auf der andern Seite diese Gutmüthigkeit wahrhaft rühren. Es ist für mich Ihr hübschester Zug, obgleich es nur in der unglaublichen — nichts für ungut — Dummheit des armen kleinen Gehirns (hier fühlte sie mir gleichsam den Puls an der Stirne) seinen Grund hat. Wissen Sie wohl, Theuerster, wie Sie mir vorkommen? — Ganz wie der Vogel Strauß. Erstens verdaut Ihre Eitelkeit Stahl und Eisen trotz dem besten Straußenmagen und, wie dieser Vogel, sind auch Sie ganz überzeugt: kein Mensch durchschaue Sie, wenn Sie den Kopf nur unbefangen in den Strauch stecken. Ja selbst Ihr sogenannter gracieuser Styl gleicht auf ein Haar dem selbstgefälligen freundlichen Nicken und Brüsten Ihres Vogel-Ebenbildes, wenn es sich selbstgefällig überall umsieht, ob man es auch von allen Seiten gehörig beobachtet habe. Endlich besitzen Sie auch dieselbe Schnelligkeit wie der Strauß, denn Sie laufen sich alle Augenblicke selbst davon; ja oft denke ich: Sie haben sich gar schon aus allzugroßer Schnelligkeit in zwei Hälften getrennt, wovon der gute Mann zu Hause geblieben und der Thor in die Welt gelaufen ist.“
„Verstorbener!“ sprach sie in tiefem Tone, ihre kleine Gestalt hoch empor richtend und mich mit ihren brennenden Beschwörer-Augen anstarrend: „Verstorbener! holen Sie sich selbst ein, oder....“
Euer Hochwohlgeboren
jenseits und diesseits treu
ergebener Wohlbekannter[2].
II.
Ein
Besuch im Herrnhutischen.
Ich bin unter den Herrnhutern erzogen. Mit dem 11ten Jahre verließ ich sie und vielleicht kehre ich mit dem 71sten wieder unter sie zurück. Weisheit ist Alter, sagt ein Sprüchwort, und dennoch schützt, wie ein zweites sagt, Alter vor Thorheit nicht!
Vor der Hand jedoch, wo ich kaum die Hälfte jenes Weges zurückgelegt habe, mache ich es noch wie alle Uebrigen, d.h. ich lache über die Thorheiten Anderer und liebe meine eigenen; später hoffe ich auch über diese zu lachen, um wieder neue dafür einzutauschen — denn für jedes Alter, Gott Lob! geben die Menschen etwas zu lachen, die Welt etwas zu genießen und die Thorheit etwas an sich selbst zu lieben.
In dieser seltsamen, drolligen Welt umherirrend, kam ich eben von Afrika zurück, wohin ich gegangen war, um den großen Pascha Mehemed Ali kennen zu lernen, und fand mich nun post varios casus[3] zufällig und halb verwundert in der Heimath wieder, gleich jenem lustigen Bruder, der, nachsinnend, wie er sich ein recht raffinirtes Vergnügen verschaffen wolle, endlich auf den neuen Einfall kam: einmal eine Nacht zu Hause zu schlafen. Unter solchen Betrachtungen setzte ich mich denn eines Nachmittags auf meine Droschke, mit zwei arabischen Pferden bespannt, und fuhr über Stock und Stein, oder, um genauer zu sprechen, über Sand und Wurzeln, durch Kiefern und Tannen, dem stillen Oertchen K. W. zu. Mein Anzug war schwarz, mein Gesicht schwarz gebrannt, meine Haare orientalisch schwarz gefärbt, meine Rosse schwarz, und selbst meine Droschke schwarz beschlagen; denn ich liebe diesen Gegensatz der Farbe zu der Heiterkeit meines Innern, die, besonders wenn ich allein bin, mich selten verläßt. So glaubte ich also mich recht passend für den Zweck der vorliegenden frommen Irrfahrt equipirt zu haben. Man konnte mich entweder für einen eleganten reisenden Pastor oder auch für Mephistopheles halten, welcher, wie wir von guter Hand wissen, ebenfalls zuweilen den Doctor theologiae spielt.[4]
Nach einigen Stunden gelangte ich an ein angeschwollenes Flüßchen (es war am 3ten Mai und kaum erst der Schnee auf den Gebürgen geschmolzen), dessen schäumende Wogen die letzten Rudera einer gebrechlichen Brücke eben noch vor meinen Augen abrissen, und auf ihrem gekräuselten Rücken lustig forttanzen ließen. Slavische (seit der wohlthätigen Regulirung nicht mehr sclavische) Bauern waren sehr beschäftigt, sie aufzuhalten, und die ruhigere Breite des Wassers in der Ferne ließ mich hoffen, dort wohl eine Furth zum Hindurchfahren zu finden. „Wie heißt der Fluß?“ rief ich einem, mit den Händen in den zerrissenen Hosentaschen ruhenden, mich anstarrenden Wenden zu. „I schwarze Schöps!“ erwiederte er lakonisch, ohne sich zu rühren, noch durch den mindesten Gestus seinen Worten zu Hülfe zu kommen, die, meiner eigenen theologischen Schwärze mir bewußt, fast wie eine Anzüglichkeit klangen.
Mit Mühe brachte ich endlich von ihm heraus, daß der jetzt in zehnfacher Wassermasse strömende Fluß nirgends hier in der Nähe zu passiren sey, und ich mußte mich daher bequemen, seitwärts eine Straße einzuschlagen, auf der ich bald ein Landstädtchen erreichen sollte, wo man mir gutes Obdach versprach. Es verursachte dies zwar einen langen Umweg, wer aber so wie ich die Erde zu durchstreifen gewohnt ist, dem kömmt es darauf nicht an, er ist überall zu Hause und auf seinem Wagen am meisten; je unbekannter und ungewisser die Zukunft vor ihm, desto besser. Im Grunde freute ich mich daher mehr über das unvermuthete Hinderniß, als es mich störte, und meine leichten Thiere antreibend, erreichte ich das angesagte Nachtquartier auch glücklich noch mit einbrechender Dämmerung.
Eine freundliche, dicke Wirthin kam mir, den fremden lucrativen Zuspruch wahrscheinlich schon von weitem mit Kennerblick entdeckend, bis auf die Straße entgegen und half mir selbst rüstig aus dem Wagen, wobei sie schon im ersten Augenblick eine Suada entwickelte, die nicht wenig mit dem Lakonismus des Wenden am schwarzen Schöps abstach. Uebrigens schien hier Alles unter dem Zeichen des Widders zu stehen, denn, wie ich auf Befragen erfuhr, hieß der Ort Bocksberg, und der Gasthof, ein klösterlich dunkles Haus, zum goldnen Lamm. Das Ebenbild des letzteren, welches in Stein gehauen, vielleicht früher zu religiöser Andeutung dienend, jetzt aber dem Weltlichen verfallen, nun statt der Vergoldung hellgelb angestrichen worden war, schaute in seiner Verstümmelung ganz kummervoll vom hohen Giebel auf mich herab.
Ungeachtet dieses wenig versprechenden Aeußern, wies man mir indeß eine recht gute und hohe Stube an, mit einem großen Kamin, einem riesigen Himmelbett, alterthümlichen Meublen, alles bequemer und reinlicher, als man es gewöhnlich in den kleinen Städten unsres lieben Vaterlandes anzutreffen gewohnt ist, und als ich die an den Wänden hängenden verblaßten Bilder musterte, bemerkte ich darunter mit Verwunderung das gut gezeichnete und sehr ähnliche Portrait eines Verwandten unsres Hauses, der einst das glänzende, wenn gleich eben nicht empfehlenswerthe Vorbild meiner Kindheit gewesen war.
„Wie kömmt dieses Portrait hierher?“ frug ich die mir noch zur Seite stehende Wirthin.
„Halten zu Gnaden! das ist der Starost B...., mein alter Herr und Wohlthäter, dem ich, oder (verbesserte sie schnell) der Frau Gräfin 21 Jahre lang als Kammerjungfer gedient habe; aus welcher glücklichen Zeit mir denn dies Bild noch übrig geblieben ist.“
„Ach, ich verstehe!“ lächelte ich, sie genauer fixirend, und wirklich auf dem runden, obgleich nun auch schon runzligen, Gesicht der gedienten Kammerjungfer waren immer noch einige beaux restes aus alter Zeit sichtbar; ja, je mehr ich sie betrachtete, erschien sie mir immer weniger fremd, und endlich blieb mir kein Zweifel übrig, daß ich — wahrlich ich irrte mich nicht — eine sehr gute Bekannte aus meinem 14ten Jahre vor mir hatte. Mehr als zwei Decennien waren freilich seitdem verflossen — o Zeit! ich sah in der Alten Gesicht wie in einen Spiegel und fühlte rückwirkend deinen Stachel! — Die gegenseitige Erkennungsscene wurde dennoch freudig von mir beschleunigt; denn ich bin noch immer so gutmüthig, mir einzubilden, alte Bekannte müßten sich eben so sehr freuen, nach langer Trennung mich wiederzusehen, als ich sie — und diesmal wenigstens traf meine Voraussetzung ein.
Da die arme Cathinka keine vornehme Dame war, so hatte sie keine Ursache, mir, wie jene französische, dem unbequemen Mahner an längst vergangene vertrauliche Stunden, zuzurufen: „Eh, Monsieur, appellez vous cela connaître?“ — Im Gegentheil, die Verleugnung hätte diesmal mit allem Rechte nur von meiner Seite statt finden können, denn Cathinka hatte schon längst die Sonnenseite des Lebens überschritten, ich — noch nicht so ganz. Zum Lohne dafür überschüttete sie mich denn auch mit den ausgesuchtesten Schmeicheleien; ja selbst ein Hofmann hätte hier noch etwas lernen mögen. Als unter andern meine jugendliche Schönheit (es ist von damals die Rede, liebe Leserinnen) gepriesen wurde, und unter andern gesagt, daß auf jenem verhängnißvollen Maskenballe vor 24 Jahren (auf den ich ein andresmal zurückkommen werde) man kein reizenderes Paar gesehen, als die junge Gräfin von B.... und mich, und ich mit bittersüßer Miene erwiederte: „Ach Gott! die ist nun auch schon im alten Register, ja, ich fürchte fast, wir beide sind grade in denselben Jahren;“ versicherte Cathinka unbedenklich: „damals sey es allerdings so gewesen, aber seitdem habe die Gräfin mich ohne Zweifel weit überholt.“ „Nun dem Himmel sey Dank!“ rief ich lached, „wenn Du eine so glückliche Verschiedenheit für möglich hältst, kann Dein Glaube mehr als Berge versetzen.“
Unterdessen verlor ich, als ein Vielerfahrner, mein altes Princip nicht aus den Augen: qu’il faut faire flêche de tout bois, ein Sprüchwort, dessen Lebensweisheit unerschöpflich ist; und da hier Liebe nicht mehr an der Tagesordnung war, wendete ich meine Gedanken nach der Küche, mich wohl erinnernd, daß Cathinka, selbst als sie noch hübsch war, schon ein bedeutendes Talent in dieser Region entwickelte, welches ohne Zweifel jetzt zu noch höherer Reife gediehen seyn mußte. Ich benutzte daher alle vergangenen Reminiscenzen, nur um diese Kunst der Freundin von Neuem ins Feuer zu bringen. Man versprach, geschmeichelt und voller Freude, Wunder zu thun, und in der That, das soupé zeigte sich der Elevin eines berühmten Gutschmeckers und Bonvivants würdiger als der bescheidenen und christlichen Apparence des güldenen Lammes zu Bocksberg. Der nachsichtige Leser aber kennt schon durch Freund und Feind meine irdischen Dispositionen zu gut, um einen Augenblick zweifeln, daß ich auch von meiner Seite demselben alle mögliche Ehre erwies.
Sobald hierauf noch der Duft zwei ächter Havannah-Cigarren verraucht war, (denn auch dieses Laster habe ich an mir) suchte ich die Ruhe mit meiner lieben Staatszeitung in der Hand, wo ich denn auch kaum gelesen hatte, daß ein russischer Courier angekommen, der Theaterkassirer sein Jubiläum gefeiert, wobei die Gesellschaft Heil Dir im Siegerkranz gesungen, und der Hofschneidermeister Dürre mit dem allgemeinen Ehrenzeichen decorirt worden sey, als ich sanft und selig entschlief.
Schon mochte ich wohl ein paar Stunden lang in jenem seltsamen Traumlande geruht haben, das uns wahrscheinlich das Leben der Thiere auf ihrer untern Stufe abspiegelt, als ein sonderbares beängstigendes Gefühl mich langsam erweckte.
Mit Mühe schlug ich die Augen auf und glaubte schaudernd noch zu träumen — denn eine alte fahle Frau in aschgrau alterthümlichem Gewande, einen großen Bund Schlüssel an der Seite hängend, und einen einzelnen, noch größeren Schlüssel in der Hand haltend, stand, mich wehmüthig anblickend, an meinem Bette.
In dumpfer Betäubung starrte ich hin und sah sie eine, eben im Verlöschen begriffene Lampe mit der andern Hand langsam nach mir empor heben, deren aufflackernder Docht zuweilen, wie mit schwachen Blitzen, das erdfahle Gesicht hell erleuchtete, während die vermoderten Züge gleich darauf wieder in noch grausenhaftere Dämmerung zu verschwimmen schienen.
Ich war wie gelähmt — ob vor Schreck, oder durch übernatürlichen Einfluß, noch jetzt wäre es mir unmöglich dies zu entscheiden — doch ermannte ich mich nach einigen Secunden und wollte mich eben gewaltsam aufreißen, um das räthselhafte Wesen vor mir zu ergreifen, als das Gespenst mit halbtrauriger, halb eifriger Miene den großen Schlüssel bedeutungsvoll mir darreichte, und als ich unwillkürlich zurückschauderte, ihn drohend und wie im höchsten Unwillen plötzlich an meinen nackten Hals drückte. Die Berührung des kalten Stahls durchzuckte mich wie ein Dolchstich, und für einige Augenblicke muß mir alles Bewußtseyn geschwunden seyn, denn als ich wieder aufblickte, war Gestalt und Lampe verschwunden. Das alte Dunkel füllte wieder meine, vergeblich sich hineinbohrenden Augen. Scheu wandte ich endlich den Kopf gegen die Mauer, da schien es von Neuem, als entferne sich allmählig durch sie hin ein blasses Licht. Nein! das ist zu toll! rief ich, mich nach und nach fassend und zum lauten Lachen zwingend; kann man so albern träumen! Also hat dich doch auch einmal der Alp gedrückt, fuhr ich, noch immer schaudernd, fort, denn — soll ein vernünftiger Mensch solchen Unsinn anders erklären? — Ich tappte nach dem Waschtische, trank ein großes Glas Wasser, ging, mit den Händen sorgsam um mich fühlend, ein paarmal in der kalten Stube auf und ab, und als ich hierauf, vom Frost, und vielleicht auch noch von der ausgestandenen Angst geschüttelt, wieder nach dem warmen Bett verlangte, wickelte ich mich in meine Decken und schlief endlich nach niedergekämpfter Geisterfurcht, ferner nicht mehr angefochten, glücklich wieder ein. Als ich erwachte, war es heller Morgen. Mit dem Tageslicht verschwand die unheimliche Spannung der Nacht gänzlich; ich bestärkte mich leicht in der Ueberzeugung, nur lebhafter als gewöhnlich geträumt zu haben, fand es aber doch sonderbar, als ich gleich beim Erwachen noch immer einen, auch später wiederkehrenden stechenden Schmerz am Halse zu fühlen glaubte, ja diesen selbst leicht geschwollen fand — doch achtete ich später nicht weiter darauf.
Meine Toilette (genau nach Göthe’s Vorschriften für den Mann von 40 Jahren eingerichtet), war kaum zur Hälfte fertig, als Cathinka mit dem Kaffee erschien. „Aber sage mir“ rief ich ihr schon von weitem entgegen: „was für allerliebste weibliche Besuche menagirst Du den Gästen hier in Deinem alten gothischen Neste?“
„Herr du meine Güte!“ stammelte sie erblassend, und ließ fast die dampfende Kanne auf den Boden fallen; „gewiß die Rentmeister Rasiussin!“
„Was Teufel willst Du mit der Rentmeister Rasiussin? —“
„Ach mein gnädigster, liebster Herr! die Freude über Sie hat mich die Stube ganz ausser Acht geben lassen, in die ich Sie gebettet. Ja es ist nur zu wahr: es ist dort nicht geheuer! Doch seit Jahr und Tag hatte sich der Spuk nicht mehr sehen lassen und muß nun grade Sie erschrecken!“ —
„Nun, nun!“ erwiederte ich, etwas an meiner Eitelkeit gekränkt, „der Geist hat sich vielleicht den wenigst Schreckhaften ausgesucht; — aber was ist denn mit diesem silbernen Spuk?“ —
„Ach Gott! freveln Sie nur nicht und hören Sie mich aufmerksam an. Wer weiß! vielleicht sollen Sie der seyn, der den Schatz findet: die Krone und das Kreuz und Alles zusammen!“ —
„Gute Cathinka! welche Thorheiten! Einen alten Schatz fand ich zwar schon hier an Dir wieder; aber bei solchen Schätzen, die aus Geld und Geldeswerth bestehen, hatte ich mein Lebelang kein Glück. Eher, fürchte ich, bin ich dazu geeignet, welche zu verlieren, als zu gewinnen. Doch setze Dich her, trinke Deinen Kaffee mit mir und erzähle.“
Dieß ließ sich Cathinka nicht zweimal sagen. Schnell hatte sie mir gegenüber Posto gefaßt und nachdem ich selbst erst ihr mein Abentheuer noch weitläuftig zum Besten gegeben, begann sie, wie folgt.
„Im Anfang des vorigen Jahrhunderts regierte hier der reiche Graf P...., von dem Sie gewiß oft gehört zu haben, sich erinnern werden. Der besaß fast alle die großen, jetzt vielfach getheilten Herrschaften in der Provinz und lebte meistens auf seinem Jagdschlosse in der Nähe, wovon noch die Ruinen im Walde zu sehen sind, in Herrlichkeit und in Freuden. Er zeigte sich aber auch immer gut und großmüthig gegen die Armuth, so daß alle ihm von Herzen zugethan waren. Wie er nun schon die Fünfzig passirt hatte, verliebte er sich mit einemmale noch gewaltig in ein Bürgermädchen hier aus der Stadt, einen wahren Ausbund von Schönheit und Lieblichkeit, wie man erzählt, die aber, obwohl nur eine arme Spitzenklöpplerin, doch allen seinen Verlockungen herzhaft widerstand. Und so entschloß endlich der Graf sich kurz und gut, sie ohngeachtet ihres niedrigen Standes zu heirathen. Seine großen Herrschaften waren indeß alle Lehngüter, und der einzige noch übrige Lehnsvetter, ein gewissenloser Mensch vom schlechtesten Rufe, dem das natürlich nicht gefallen wollte, bewegte also Himmel und Erde, um diese Absicht des reichen Vetters zu hintertreiben.“
„So standen die Sachen, als der Graf, eines Tages von der Jagd zurückkehrend, nach dem Genuß einiger Erfrischungen jähling erkrankte, nicht ohne einen dunkeln Argwohn, daß sein präsumtiver Erbe Antheil daran habe. Dieser war zwar selbst zu der Zeit nicht gegenwärtig, aber schon längst hatte das Publicum ein strafbares Einverständniß zwischen ihm und dem gräflichen Rentmeister Rasius zu bemerken geglaubt, einem finstern, harten Mann, den man, und noch mehr seine böse, in der ganzen Gegend gefürchtete Frau, jeder Uebelthat fähig hielt. Dem sey nun, wie ihm wolle, genug, der Graf starb zwar nicht, schien aber, seit er vom schweren Krankenlager erstanden, seines Verstandes nicht mehr recht mächtig zu seyn.
In tiefe Melancholie versunken, saß er Tage lang einsam, im dunkeln Zimmer, und sprach von nichts als seiner geliebten Marie, welche während seiner Krankheit, durch Gott weiß welche Mittel, aus dem Orte plötzlich verschwunden war.
Erst hatte er bei dieser Nachricht getobt und gerast, später aber war er mit einemmal ganz ruhig geworden und erwartete sie nun jeden Tag geduldig, die Umstehenden immer versichernd: morgen werde sie gewiß von ihrer Reise zurückkehren, von der er ja nun recht wohl wisse, warum sie sie habe antreten müssen. Dabei bestand denn des armen Herrn einziges Vergnügen darin, daß er für die Abwesende fortwährend prächtige Gewänder und kostbaren Schmuck aller Art ankaufen ließ, was er dann in seiner Verstörung um sich her aufzustellen befahl, und ein ausgeschnittenes, auf plattes Holz gezogenes Oelbild des jungen Mädchens, das mitten in seiner Stube stand, und noch jetzt auf einem fürstlichen Schlosse in Schlesien vorhanden seyn soll, unter kindischen Liebkosungen an- und auszog, und bald mit diesen, bald mit jenen Juwelen zu schmücken pflegte, oft sich einbildend, die kalte Holzfigur habe wirklich Fleisch und Blut, und sey sein wiedergekehrtes liebes Mädchen selbst geworden.“
„Verwunderlich war es, daß von dem Augenblicke seiner Verwirrung an der Graf den Rentmeister Rasius, dem er früher seine Abneigung nicht selten durch harte Begegnung fühlbar gemacht hatte, zu seinem Liebling erkor, sich gar nicht mehr von ihm trennen konnte, oft mit ihm sich einschloß, und ihm auch in der Führung seiner Geschäfte ein ganz unbedingtes Vertrauen schenkte. Ihm auch hatte er den täglich sich mehrenden Juwelenschatz des Holzbildes in Verwahrung gegeben, den nur selten noch ein anderes Auge erblickte. Rasius allein mußte ihn bringen, wenn der Graf darnach verlangte, und ihn dann Abends eben so geheimnißvoll wieder mit hinwegnehmen, so daß es doch am Ende auch nur ein unverbürgtes Gerücht und eine Sage blieb, was unter die Leute kam, von der unbeschreiblichen Pracht der glänzenden Steine, und wie besonders eine Krone darunter hervorstrahle, gegen welche die des Königs von Polen nur Theaterplunder sey, und ein Kreuz von Rubinen, das viele Jahre der Revenüen des reichsten Edelmannes nicht bezahlen könnten.“
„Doch es dauerte nicht sehr lange, so fing man an, von gerichtlicher Untersuchung wegen des Herrn bedenklichem Zustande zu sprechen, und daß er der weitern Verwaltung seines Vermögens wohl gar für unfähig erklärt werden würde, als ganz unerwartet auch sein eben angelangter böser Neffe erkrankte und nach wenigen Tagen starb.“
„Da nun in Ermangelung weiterer männlicher Erben die Lehne sämmtlich dem Könige zufallen mußten, so wurde des Grafen Ruhe von dieser Seite, durch begehrliche Erben wenigstens nicht ferner gestört, und unter ihm regierte von nun an, völlig unumschränkt, der gefürchtete Rasius. Das soll eine schreckliche Zeit für die armen Unterthanen gewesen seyn! Auf seinem Jagdschloß, wie gefangen gehalten, sah man den Herrn nie mehr öffentlich erscheinen, und man wußte kaum mehr, was aus ihm geworden sey. Endlich nach vielen, wahrscheinlich in immer überhandnehmendem Wahnsinn und harter Behandlung zugebrachten Jahren, wurde mit einemmal sein Tod bekannt gemacht. Nur als Leiche und auf dem Paradebett, sahen seine bekümmerten Unterthanen ihren geliebten Grafen, welcher sich ihnen in alter Zeit so oft als Vater und gütiger Herr gezeigt, zum letztenmale wieder, und allerlei unheimliche Gerüchte gingen im Schwange über sein ganz verändertes Aussehn, und daß, als Rasius an das Paradebett getreten, er die Augen wieder aufgeschlagen, so daß man sie ihm kaum habe wieder zudrücken können.“
„Königliche Beamte übernahmen bald darauf die Güter, da kein Erbe mehr da war; einiges baare Geld ward mit denselben übergeben, von den Schätzen des Bildes aber — wie man sie im Schlosse nannte — hörte man nichts weiter, und doch blieb Rasius wider alles Vermuthen unangetastet. Er selbst entsagte indeß binnen Kurzem freiwillig seinem Dienste, kaufte das alte Klosterhaus, worin jetzt mein Gasthof ist, richtete sich nach und nach reich und prächtig ein, schien aber seines Geldes nimmer recht froh werden zu können. Jedes Jahr hatte er überdies regelmäßig einen Todesfall in seinem Hause, bis, eins nach dem andern, alle seine vier Kinder gestorben waren. Da wurde er ganz menschenscheu, verschloß seine Thür Einheimischen und Fremden, und lebte fortan ungesehen und einsam mit seiner bösen Frau allein. Meine Großmutter hat diese Frau selbst noch recht gut gekannt und mir oft von ihr erzählt, daß sie gar keinen Schlaf gehabt habe und, gleich der Königin in der Komödie, immer wie mondsüchtig in den langen Gängen umhergeirrt sey. Aus dem Seitenhause, wo meine Großmutter wohnte, konnte sie allnächtlich ihre Lampe hell leuchten sehen, und ein großes Schlüsselbund, sagte sie, habe sie immer klirrend an der Seite getragen; überhaupt beschrieb sie ihren Anzug grade so, wie Sie, guter Graf Carl, und viele Andere schon vor Ihnen, sie seitdem in dieser Stube gesehen haben wollen. Und was das Seltsamste ist, grade an Ihrem Bett, wo Sie das Licht haben durch die Wand verschwinden sehen, da ist der ehemalige Eingang zu der Alten Zimmer gewesen, den mein Mann schon vor zwölf Jahren zumauern ließ, um dem Gerede über ihr Umgehen den Mund zu stopfen. Aber was hilfts! solche Art Leute, du meine Güte! die gehen durch eine Mauer eben so leicht, als durch eine offene Thüre!“
„Doch, um zu meiner Geschichte zurückzukehren, die Ihnen ohnedies wohl schon zu lang vorkommen mag, so will ich nur noch sagen: Sterben müssen wir einmal Alle, Gute und Böse, und so ging auch endlich Herr Rasius dahin, wo ich ihm nicht folgen mag; und seine Frau blieb nun ganz allein von der Sippschaft übrig. Nun aber fing sie erst recht an, die ganze Nacht herumzuziehen! Sie trieb es aber nicht mehr lange, und als endlich auch ihr letztes Stündlein schlug, so hatte sie, wie gesagt, weder Kind noch Kegel mehr, ihrer liebreich zu warten und nur noch eine einzige entfernte Schwester am Leben. — Nach der schickte sie nun Boten über Boten und wollte ihr mit Gewalt noch Etwas entdecken. Einen großen Schlüssel ließ sie aber Tag und Nacht nicht aus der Hand und rief immer angstvoll nach der Schwester, und soll schreckliche Worte ausgestoßen haben: ob sie denn ganz umsonst in die Hölle fahren solle, und sich dann selber verflucht, und solche abscheuliche Reden mehr gehalten haben, daß meine selige Großmutter immer, nach alter frommer Weise, ein Kreuz über das andre machte, wenn sie davon erzählte.“
„Die Schwester kam aber nicht — und so hat die Frau Rasiussin mit dem Schlüssel, noch fest in die krampfhaft geschlossenen Hände geklemmt, begraben werden müssen; denn Jeder fürchtete sich, ihn gewaltsam heraus zu reißen, weil die Leiche ihn wie mit eisernen Krallen fest hielt, und so entsetzlich dabei ausgesehen haben soll, daß auch dem Herzhaftesten die Haare davor zu Berge gestanden.“
„Es hat nachher auch Niemand gewußt, wo der Schlüssel eigentlich hinpasse, denn zu allen Thüren im Hause, auf dem Boden und im Keller, ist Alles richtig da gewesen. Aber nirgends fand man dort weder Geld noch Kostbarkeiten, nur munkelte man später, daß der Apotheker hier daneben, der immer reicher wird, man weiß nicht wie, im tiefen Brunnen in seinem Garten, der sonst mit zu meinem Hause gehörte, viel altes Silber, alles noch mit dem Wappen der P....e gezeichnet, heraufgezogen haben soll. Ob er nun auch den übrigen Schatz gefunden, das mag freilich der Himmel wissen; ich glaube es aber jetzt bestimmt nicht, weil die Frau Rentmeisterin wieder umgeht, was seit sieben Jahren nicht mehr der Fall gewesen ist. Damals sah sie mein Mann, wie er freilich schon ein bischen blödsinnig war, dort eben durch dieselbe zugemauerte Thüre gehen und am Ende des Ganges hinter ihrer Stube plötzlich verschwinden. Wie er aber selber so weit hat durch die Mauern sehen können, ist doch wohl nicht recht zu begreifen, und ich dachte daher oft — Gott verzeih’ mir die Sünde! — es sey Alles nur dummer Schnack; aber nun kömmt Einem der Glaube wohl in die Hände, und nach dem, was Ihnen heute Nacht begegnet ist, lasse ich mich jetzt darauf todt schlagen, daß der Schatz noch da ist. Ich will auch selber auf der Stelle nachgraben lassen; denn wer von uns armen Menschenkindern kann denn wissen, was ihm vielleicht noch hier für Dinge beschieden sind! Freilich ungerechtes Gut gedeiht nicht! — Das ist wohl wahr — und da mag es doch am letzten Ende der Teufel lieber behalten. Was meinen Sie, gnädiger Herr?“
„Ja wohl,“ erwiderte ich, „mit solchen großen Herren, wie Satanas, ist nicht gut Kirschen essen!...“
... „Herr Jesus!“ kreischt es da vor mir — noch ein gellender Schrei und — voll Entsetzen, seh’ ich Cathinka leichenblaß zur Erde sinken. Mechanisch wende ich mich um — da gewahre ich ein Wesen, ganz dem ähnlich, welches ich in der Nacht gesehen, das mit aufgehobenem Schlüssel in der Hand, mich furchtbar freundlich angrinst. Es sehen, zuspringen und es nicht sanft bei der Brust fassen, war diesmal Eins; doch das Fleisch und Blut, welches ich beruhigt fühlte, kühlte mich bald ab und ein trauriges Gewimmer von Seiten der Gefaßten löste schnell meine Hand. „Wie kömmst Du hierher? — Was willst Du hier?“ schrie ich ihr zu, noch über meinen eignen Schrecken erzürnt. — Doch keine Antwort erfolgte, nur ein unverständliches Gemurmel und neues Emporhalten des Schlüssels. — Cathinka schlug jetzt die Augen wieder auf, starrte eine Secunde lang die graue Unbekannte an, und plötzlich aufspringend, stammelte sie mit wiederkehrender Farbe: „Nein, Liese! Ist es möglich? Bist Du es, und bringst mir meinen verlornen Gartenschlüssel? — Nein, so was ist doch zum Schlagrühren! hätte ich doch bald den Tod vor Schreck gehabt! Aber wie ist die Tolle denn so heimlich hereingekommen? Und was kann sie nur die Nacht hier im Zimmer gemacht haben?“.....
Und nun begann sie mehrere Zeichen, wie zu Taubstummen zu machen, die das Ungethüm noch viel schneller eifrig erwiederte. Ich konnte jedoch bald bemerken, daß es die letzte Frage beharrlich zu verneinen schien.
„Unbegreiflich!“ sagte Cathinka, „ich habe die taubstumme blödsinnige Liese wiederholentlich gefragt: ob sie die Nacht hier gewesen sey? sie behauptet aber standhaft nein; sie habe eben erst meinen vorgestern verlornen Gartenschlüssel, für den ich vier Groschen Belohnung hatte aussetzen lassen, weil es doch fatal ist, wenn einem Fremden so was in die Hände kömmt, in einem von den Löchern, die zum neuen Zaune gegraben worden sind, gefunden, die Nacht aber ruhig auf ihrem Boden geschlafen, den ich ihr aus Mitleid eingeräumt habe. Wie sie aber jetzt hereingekommen, hätten wir, sagt sie, gar nicht auf sie achten wollen, und so habe sie sich endlich hinter Sie gestellt und den Schlüssel in die Höh’ gehalten, der mich so abscheulich erschreckt hat, daß ich noch am ganzen Leibe davon zittere und bebe.“
„So muß die Liese eine Nachtwandlerin seyn!“ — fiel ich ein; aber bei genauerer Besichtigung fand sich doch die Kleidung, ja selbst die Form des Schlüssels ganz anders; und gesetzt auch Liese wäre als Somnambule im magnetischen Schlafe bei mir erschienen, — wo hätte sie die alterthümliche Lampe herbekommen, die ich doch so deutlich gesehen — und wie wäre sie gar zuletzt mit ihr durch die Mauer gewandelt? — Verdrießlich! denn im ersten Moment glaubte ich schon die natürliche Aufklärung meines nächtlichen Abentheuers gefunden zu haben und sah mich jetzt wieder in neue Zweifel verstrickt.
So blieb mir denn nichts andres übrig, als mir wiederholt einzureden, daß ich selbst eine Art von schlafwachendem Traum gehabt; denn anzunehmen, ich habe wirklich ein übernatürliches Wesen gesehen, dazu bin ich doch viel zu aufgeklärt und meine Leser ohne Zweifel noch viel mehr.
Es war indeß Zeit für mich geworden aufzubrechen. Ich beschenkte die arme Liese, um meinen unsanften Griff wieder gut zu machen, reichlich, und nachdem ich von der alten Freundin herzlichen Abschied genommen, mir auch zugleich den Weg nach dem ehemaligen Jagdschlosse des Grafen P...., wo er gestorben, genau hatte bezeichnen lassen, verließ ich das omineuse Städtchen in einer ziemlich sonderbaren Stimmung. — Es war ohngefähr eine solche, wo man nicht weiß, soll man weinen oder lachen, und wo man mit dem „guten Ritter“ ganz geneigt ist, jede Windmühle für einen Riesen anzusehen.
So fuhr ich eine ganze Zeit lang sinnend weiter und spann einen Faden der Speculation nach dem andern ab, als mich das gewaltige Geschnatter einer Heerde Gänse neben mir aufstörte und zwei graue Gänseriche sich eben zum ernstlichsten Kampfe anschickten, denn Frühjahrsliebe mochte im Spiele seyn. Mir aber kamen die barocken Gestalten wie Ritter vor, in helle Federpanzer gehüllt, welche die roth lakirten Lanzen eingelegt, eben gegen einander ansprengen wollten, um auf Tod und Leben zu kämpfen, während rund umher aus dem Kranze der Damen vom hohen Balkone melodisches Stimmengewirr, leises Flehn, süßes Flüstern, bald für Diesen bald für Jenen den Sieg vom Himmel zu erbitten schien.
Und ich bewunderte die tapfern Prinzen, die immer neue Gänge begannen, so ungleich manchen unsres Geschlechts, welche ihre Zwiste nur durch andre Gänseriche auszumachen pflegen, die auch gutmüthig genug sind, sich für ihr Interesse todt schlagen zu lassen. Diese gefiederten Prinzen zahlten wenigstens mit ihrer Person. Ich aber nahm mir vor, mit höherer Macht begabt, jetzt wohlthätig ihren Streit zu schlichten und dann gelegentlich ihre Tapferkeit mit ihren eignen Federn zu schildern; denn bin ich nicht auch eine Art Federritter? ein Edler des neuen Faustrechts, welches den Kiel statt des Schwerdtes führt, und wahrlich in geschickter Hand keine geringeren Wunden, als jenes einst versetzte, auch heute noch zu schlagen weiß. Ja seltsam genug ist es, daß die einflußreichsten und gefährlichsten Federhelden unsrer Zeit sogar denselben Namen wieder führen, als ehemals die mächtigen Schwerdthelden; ich meine die Ritter Burggrafen in Deutschlands Gauen, welche „Advocati“ hießen.
Nun nahm ein weiter Wald mich in seine einsamen Schatten auf. Scheues Wild knisterte hie und da durch die Zweige, der Kukuk ließ sein geheimnißvolles Frühlingswort bald da, bald dort, wie Koboldsruf erschallen, und froh ward mir wieder die Brust, alle nächtlichen Schauer schüttelte ich von mir ab: denn in mir und außer mir fühlte ich mich von neuem lebhafter und inniger im Tempel Gottes, in den Armen der ewigen Liebe und der erhabnen Natur.
Freilich verlassen wir eigentlich diesen Tempel nie: doch werden wir nicht immer uns desselben mit gleichem Entzücken bewußt, da, wo des Menschen einseitiges Walten seine Spinnengewebe darüber hingezogen hat.
So gelangte ich, nach ziemlich mühsamem Suchen und schwierigem Vordringen auf verlassenen Pfaden, in das reizende Revier, wo auf einem Hügel, langsam verfallend, die Ruinen des Jagdschlosses stehen, in dem der unglückliche Graf sein schmerzliches Leben beschloß. In reizendem Contrast mit diesem trüben Bilde war die romantische Umgebung. Hundertjährige Fichten faßten hier mit ihrem schwarzen, faltigen Mantel blumige Wiesen ein, junge Birken mit den zarten sprossenden Blättern bedeckten das tiefe Thal, und durch das Erlengebüsch raschelte, wie unzählige Eidechsen, in hundert phantastischen Krümmungen, das kleine Bächlein, welches unter den noch übrig gebliebenen Mauern des alten Schlosses sich verlor.
Wie schön, wie herrlich, dachte ich mit frommem Gebet, ist doch deine Schöpfung, o Gott! — und welches verhängnißvolle Geheimniß ist es, das nur den Menschen allein so oft ausschließt von jenem allgemeinen Genuß. Warum quält nur er sich im Staube, und sorgt, und rollt ewig den Stein des Sisyphus, während doch alle Vögel so freudig singen und die Blumen so harmlos duften, unbekümmert um den folgenden Tag. Ja! theuer bezahlen wir die höhere Erkenntniß, theuer die genossene Frucht vom verbotenen Baume, dieses chemische Wissen, welches Alles in seine Bestandtheile zersetzt und darüber das Ganze verliert. Und wer weiß, wie oft schon auf dieselbe Weise die Niederlage sich erneute, welche die zu viel Erforschenden — die himmelstürmenden Giganten — wieder in das Dunkel der Tiefe herabwarf.
So dacht’ ich bei mir und fühlte herben Schmerz und doch auch seligen Genuß; denn unergründlich sind die Schachten unsrer Seele! Ich mußte mein Entzücken über Gottes herrliche Natur an irgend etwas auslassen, irgend einem lebenden Wesen liebkosen, und da sich nichts andres vorfand, so streichelte und küßte ich meinen herrlichen Rustan, meinen Lieblingsgaul, einst das Leibroß eines fanatischen Wechabiten — jetzt Pegasus im Karren eines christlichen Philosophen.
Das edle Thier, durch des Schicksals wunderliches Spiel, von den Ufern des rothen Meeres an die Ufer des schwarzen Schöpses verschlagen, weiß, wie alle die adeligen Rosse Arabiens, gleich treuen Hunden, sich seinem Herrn mit Liebe anzuschmiegen, und bewies mir nun seine Freude, indem es mich mit den schönen ausdrucksvollen Augen schalkhaft gutmüthig von der Seite anschaute, und scharrte, und den Schweif hob, und ganz melodisch schnarchte, und dann seine Nase gegen meine Hand drückte, mit der umgeschlagenen Lippe sie schmeichelnd zu fassen versuchend, als wolle es mir so deutlich, als es nur könne, sagen, es verstehe meine Zärtlichkeit gar wohl und theile sie.
Für solche Pferde kann man wirklich eine Art Leidenschaft fassen, und ich finde daher auch, daß man mit Unrecht in manchen alten, und selbst noch in neuen Romanen die Edelleute wegen ihrer Passion für Pferde und Hunde so sehr anfeindet. Es ist doch besser: etwas zu lieben, als gar nichts; und was sieht man heut zu Tage, vom Adel wie vom Bürger, lieben, als — jeden seinen Geldbeutel. — Das hat die Zeiten allerdings industrieuser gemacht — ob aber herzlicher und besser? — Die Frage wollen wir hier unerörtert lassen; so viel ist indeß gewiß, bei den Arabern gilt ein Pferd mehr als ein Mensch, und wird auch für viel vornehmer gehalten. Wie auf der Insel, die weiland Gulliver entdeckte, bilden diese Thiere dort die wahre Aristokratie, und man führt dort, wie hier für unsre Souveraine, Kriege ihretwillen, die oft mit der Ausrottung mehrerer Stämme endigen. Wären die Pferde nicht zugleich auch so nützliche Thiere zum täglichen Gebrauch, so hätte man vielleicht gar schon eine Gottheit aus ihnen gemacht. Aber, wie gesagt, sie sind zu nöthig für Alle, um sie entweder dem Nichtsthun, oder den Priestern allein zu überlassen, in deren Hände sie, als göttlich, dann doch unfehlbar hätten gelangen müssen.
Dabei fällt mir ein französischer General ein, der die Expedition nach Aegypten mitgemacht hatte, und auf seinem Zuge zur weiland russischen partie de plaisir durch mein Gut marschirte, wo er mir, accompagné de plusieurs autres, mehrere Tage die Ehre erzeigte, mein Schloß als das seinige anzusehen, und die Humanität so weit trieb, mich jeden Mittag regelmäßig zum diné in meinem eignen Hause einzuladen. Dieser brave Mann (er kam nachher auf dem Rückweg wieder und bettelte pour Dieu um einen alten Rock) erzählte viel von den arabischen Pferden und zum Theil recht Interessantes. So sprach er unter andern von einem Räuberhauptmanne, welcher zwei ächte Nedjyd, deren Stammbaum bis auf Abrahams Zeiten zurückgegangen sey, besessen und durch sie fast unangreifbar geworden wäre. Er und sein fünfzehnjähriger Sohn wohnten nämlich ganz allein in einer Art kleinen Burg, mitten in der Wüste, die ein tiefer gemauerter Canal von 16 Fuß Breite umgab. Keine Brücke führte zur Feste, aber bei jedem Ein- und Auszug trugen die Nedjyds ihre Herren mit Leichtigkeit über den Abgrund in das sichere Asyl, während der übrige Stamm außerhalb unter seinen Zelten im Sande lagerte.
Als ich wegen des Stammbaums, auf Burkhard gestützt, einige Zweifel erhob, rief der General ganz entrüstet: „Comment, Monsieur, vous en doutez? — Savez vous, qu’il n’y a pas un cheval de race parmis les Arabes, qui n’ait son extrait baptistaire?“ —
„Dans ce cas,“ erwiderte ich, — „les Missionnaires ont été plus heureux en Arabie que dans l’Inde.“
Er merkte nun seinen blunder und verbesserte ihn lachend; denn bei diesem liebenswürdigen Volke endet zuletzt Alles mit Lachen. Auch als ich später den armen Teufel aus meiner Garderobe neu equipirte, lachte er herzlich und versicherte: que la dernière campagne avait été diablement fraiche, und versprach, mir das nächste Jahr meine générosité mit Interessen wieder zu bezahlen. Bei Großgörschen zog jedoch ein mächtigerer Mann, Herr von Rumpelmeier, einen Wechsel auf ihn, den er vergebens protestirte und ich verlor meine Interessen.
Wenn der Leser glaubt, daß mir auf dem einsamen Jagdschloß wieder etwas Absonderliches begegnet sey, oder ich dort gar eine Auflösung des Räthsels der vergangenen Nacht, vielleicht ein halb vermodertes Manuscript in einer Mauerblende, oder dergleichen gefunden, so irrt er sich leider sehr. Es blieb nur bei den eignen Phantasiebildern und da diese jetzt dem in Jugenderinnerungen Verlornen eine erneute Sehnsucht nach dem früher vorgesteckten Ziele einflößten, so machte sich demgemäß derselbe bald wieder auf den Weg.
Ich habe vergessen, Dir, geehrter Leser, zu melden, daß ich noch einen Diener mit mir führe, der aber nur ein stummer Mohr ist. Ließe es sich irgend mit dem Dienste vereinigen, so würde ich ihn auch blind und taub gewählt haben, wie die junge Italienerin in der Oper ihren Ehemann verlangt; denn für einen einsiedlerischen Phantasten, wie ich es bin, kann es nichts Unbequemeres geben, als die vielen aufpasserischen Sinne eines Bedienten. Ich selbst brauche überdies wenig mehr Bedienung, als ich mir zur Noth selbst gewähren kann, und außerdem höchstens solche, welche ich überall finde; die Pferde aber verständigen sich mit meinem stummen Schwarzen vortrefflich. Ich gab diesem jetzt die Zügel in die Hand und setzte mich behaglich zurück, um Gegend und Gedanken desto besser zu genießen. Wir passirten einige freundliche Dörfer. Die junge Saat und die blühenden Obstbäume, der himmlische Verjüngungshauch des Frühlings, der azurblaue Himmel und die linde, würzige Luft machten heute auch den minder begabten Erdfleck zum Paradiese. Ich überließ mich ganz so freundlichen Eindrücken, und ging dann innerlich — in die Kirche; denn der liebe Gott ist ja überall zu finden, und in der That auch gar kein so geheimnißvolles, unsichtbares Wesen, als ihn manche Theologen darstellen und die Philosophen suchen. Er erscheint nur Jedem verschieden, aber auch das einfältigste Gemüth fühlt und erkennt ihn gar oft, wenn auch unter andern Namen und alt bekannten Formen; der eine in der Geliebten, jener in der Pracht der untergehenden Sonne, im majestätischen Laubdome des von tausend Sängern belebten Waldes, im Genusse einer guten That, in der Entsagung aus Liebe zum Rechten, ja auch im innigen Wohlseyn unbescholtener Jugend, in den Werken der Kunst und des Genies, in dem glücklichen Bewußtseyn einer eigenen gelungenen Schöpfung, in hundert andern recht sinnlichen Dingen noch — aber in allen diesen Fällen giebt es ein Kennzeichen, ohne welches Gott nie erscheint, und welches ohne ihn auch nie erscheint: — reine, selige Freude. Nur aber laß Dir, armer Mensch, von Niemand einreden, daß Du diese Seligkeit nur mit Hülfe der Bibel oder des Korans, in der Kirche oder Moschee, bei Deinen Pfaffen oder Mollahs, finden könntest — sie ist überall, wo Dein Geist sich zum Allmächtigen zu erheben versteht, wo Du gut bist, wenn Du auch nicht einmal Opfer brächtest; denn Kreuz und Leiden, Gerippe, Opferthier und Tod, gehören — dem Himmel sey Dank! — nicht nothwendig dazu, wohl aber Liebe, Liebe für Gott, seine ganze Schöpfung und sich selbst. Die wahre Religion ist nicht schwer: sie ist nur Trost und Stütze und Glück. Sie gönnt Dir jeden Genuß, den die Vernunft erlaubt und verdoppelt ihn noch durch Heiligung auch des Geringsten. Unter welchem Bilde also, durch welche Mittler oder Offenbarung sie Dir aufgeht, dabei bleibe; ist es in irgend einer Kirche, so halte sie hoch; ist es im Tempel der Natur; so lasse diesen Deinen Tempel seyn.
In diesem letzteren Falle befindet sich nun meine Wenigkeit, und ich sang daher eben, mit der Lerche um die Wette, mein Lied zwischen Exordium und Predigt, als ich auf kahlem Hügel — einen hohen Galgen und eine wogende Menschenmenge darum her erblickte.
Man erzählt von einem Schiffbrüchigen, daß er, an unwirthbarer Küste strandend, sich verzweiflungsvoll auf einer wüsten Insel glaubte, bis er eines Galgens ansichtig ward und nun entzückt ausrief: „Gott der Allmächtige sey gepriesen, hier ist Civilisation!“
Ich kann nicht sagen, daß mir dieser Civilisations-Verkünder eine eben so angenehme Ueberraschung verursachte, um so mehr, da ich nicht zweifeln konnte, er solle so eben functioniren. Ich hasse Executionen, seit ich in Bern einen 75jährigen Greis hängen sah, der vor 40 Jahren für 30 Batzen Wäsche von der Bleiche gestohlen hatte; ferner, früher als Kind dabei gegenwärtig war, wie in H.... ein armer Soldat auf Tod und Leben Spießruthen laufen mußte, weil er sich an einem unmenschlichen Lieutenant vergriffen, der jetzt ein angesehener General ist. Ich kann daher auch nicht umhin, mich immer für den leidenden Theil am meisten zu interessiren, und denke manchmal sogar, daß die, welche so leicht und unbefangen ihren Mitmenschen das Leben absprechen, auch nichts andres als Mörder sind, nur mächtige und patentirte, was allerdings einen Hauptunterschied macht.
Indessen ist es einmal einer meiner Grundsätze, keinen menschlichen Zuständen aus dem Wege zu gehen, die sich der Beobachtung darbieten; doch fiel mir der sonderbare Contrast auf, der mir bis jetzt auf meiner Ausflucht, statt herrnhutischer Stille, die ich bezweckte, nur Jugendsünden, Geister, Mörder, Galgen und Rad präsentirt hatte. Nicht ohne innere Bewegung stieg ich vom Wagen und mischte mich unter den Haufen der Zuschauer.
Es war wirklich ein Mörder, der hingerichtet werden sollte, und grause Umstände hatten die That begleitet. Ist es der Gerechtigkeit überhaupt erlaubt, so weit zu gehen, so war hier wenigstens Ursache genug dazu. Das Organ mußte bei diesem Unglücklichen sehr fehlerhaft seyn, denn schon als Knabe war er von seinem Schäfer fortgejagt worden, weil er dem treuen Hunde, der ihn und seine Heerde bewachte, die Beine abgeschnitten, die Augen ausgestochen und in diesem Zustande lebendig bis an den Kopf, den er mit Honig eingeschmiert, im Sande vergraben hatte. Man entsetzt sich vor solchem Gräuel — ja, solche That kommt mir noch weit schrecklicher vor, als der einfache spätere Menschenmord aus Interesse, wenn gleich die menschliche Gesellschaft nur vom letztern Notiz nimmt, die Hunde aber keine Criminal-Justiz haben und auch die höhere Thierart nicht richten dürften, eben so wenig, wie wir Engel und Dämonen, die vielleicht ähnliche Dinge mit uns vornehmen, von denen wir uns nichts träumen lassen. Aber würde bessere Erziehung, nicht nur der Kinder in der Schule, sondern auch der Erwachsenen durch bessere Staats- und Gerichts-Verfassung, der Menschheit nicht tausende solcher Verbrechen ersparen, und sollte diese daher nicht mehr noch darauf denken: sie zu verhindern, als zu rächen? — Das letztere hilft, in Wahrheit, fast nichts. Stand der Aufklärung und Gesinnung sind der Boden, aus dem das Gute und Böse aufwächst. Die Axt haut wohl den verwachsenen Baum nieder, aber neue Sprößlinge treiben fortwährend aus der blutgedüngten Erde.
Es bleibt ohnedies keine Strafe auf der Welt aus, und die Menschheit selbst muß es endlich büßen, was sie an der Bildung des Einzelnen vernachläßigte. Noch schneller jedoch muß das Individuum die natürlichen Folgen seiner Handlungen tragen, und wer seiner doppelten Bestimmung als Mensch — nämlich der: nicht nur sich, sondern auch Andern zu leben, folglich auch dem allgemeinen Gesetz, das der Staat als Repräsentant der Mehrheit ihm auferlegt, sich zu fügen — nicht eingedenk ist, kann auf dieser Erde, selbst abgesehen von seiner individuellen Ueberzeugung, nie ruhig und zufrieden enden. Entweder erreicht ihn der Menschen rächende Hand direct durch Strafe, oder indirect durch Verachtung, Haß und Schmach; und entginge er auch den Folgen dieser, so wird ihn doch fortwährend, vielleicht noch bitterer, das drückende Bewußtseyn quälen, was wir Gewissen nennen, nämlich die Furcht: einer oder der andern Alternative verfallen zu müssen, wenn er entweder die Macht verlöre, die ihn vielleicht schützt, oder wenn offen da läge, was noch verborgen ist. Es giebt freilich überall Ausnahmsfälle; aber ein Mensch stehe auch noch so fest auf seiner Ueberzeugung: immer ist es ein gefährliches Wagstück, mit der allgemeinen Meinung den Kampf zu beginnen, und ganz gleichgültig wird ihm das Urtheil seiner Mitmenschen (wäre beides auch seiner Ansicht nach ungerecht und irrig) doch auf die Länge niemals bleiben. Denn der Mensch ist ein zur Geselligkeit bestimmtes Wesen und nur als solches muß er in jeder Beziehung leben und wirken, ja er findet sein vollendetes Daseyn, die wahre Erkenntniß seiner selbst zuletzt nur in der ganzen Menschheit. „Nur sämmtliche Menschen,“ wie Göthe schön sagt, „erkennen die Natur, nur sämmtliche Menschen loben das Menschliche.“
Ja wohl! und so erkennt auch nur das ganze Universum zusammengenommen vollständig Gott und lebt in und mit ihm das Göttliche.
Der Verbrecher, dessen schweres Ende jetzt nahte, hatte im Verhör ganz unumwunden seine Mordlust gestanden und ausgesagt: daß, als er sich zum Tödten seines Kameraden (um eines neuen Rockes willen) entschlossen gehabt, und nun das Opfer schlafend vor sich liegen gesehen, die Zähne ihm vor Begierde bei dem Anblick zusammengeschlagen wären. Wohin verirrt sich die menschliche Natur! Gewiß könnte man mit Recht jeden Mörder und Selbstmörder zu den, wenigstens momentan, Verrückten rechnen.
Es war demnach unmöglich, ein solches Scheusal zu beklagen, und als ob ihm kein Laster fehlen solle, so erschien er in seinen letzten Augenblicken auch noch feig. Er hatte alle Fassung verloren, und der junge Prediger, welcher ihm die Stufen hinauf half, nicht minder. Dieser betete ihm das Vaterunser vor, dessen Worte der schon Halbtodte mechanisch nachplapperte, als wolle er sich zu guter letzt dadurch noch möglichst betäuben und sich selbst zu vergessen suchen. Die Wahl des Gebets war allerdings in diesem Augenblicke unpassend, und es hatte etwas furchtbar Ironisches, als der Mensch, der seinen Kopf in einer Minute verlieren sollte, mit heiserer Stimme rief: „Gieb uns unser täglich Brod!“ Die rohe Menge lachte, und einige greuliche Späße berührten mein Ohr; der Sünder aber, dem schon die Augen verbunden waren, lallte fort und fort die einzelnen Betworte emsig nach, so wie sie dem Munde des leichenblassen Seelsorgers entfielen, bis das letzte — wie ein weher Klagelaut — im herabstürzenden Haupte verklang. —
„Es ist doch eigen“, sagte ein alter weißhaariger Landmann neben mir, „es ist doch eigen, daß sie gestern wieder unter den sieben Linden getanzt haben!“
„Wie so, Alter?“ wandte ich mich neugierig zu ihm. —
„Ach, der Herr sind wohl fremd? Sehen Sie wohl, da gleich hier links den anderen Hügel, der wie ein Zwillingsbruder von dem aussieht, woraus wir stehen, und die Linden oben auf seiner Spitze?“ —
„Sehr genau,“ erwiderte ich; denn schon vorher hatte mich die seltsame Gruppe angezogen, wo sieben alte Lindenstämme schlangenartig in einander verflochten, nur eine herrliche weite Krone über sich bildeten.
„Nun“ fuhr mein Berichterstatter fort, „seit ich mich besinnen kann, und das ist lange her, hat es immer geheißen: daß, wenn einer auf dem Richtplatz sterben soll, die Nacht vorher alle, die früher hier gerichtet wurden, unter den sieben Linden tanzen müssen, so lange die Thurmglocke im nahen Rosenau Mitternacht schlägt. Länger dauert der Ball nicht, aber die es gesehen, haben doch ihr Lebtage genug daran gehabt. Des Herrn Grafen Rattenfänger aus Rosenau, der hat ihnen einmal vom Anfang bis zum Ende zugeschaut, den Tag vorher, ehe der rothe Nickel gerädert ward, und gerne gab ihm jeder von uns einen freien Abendtrunk, wenn er die Angst erzählte, die er da ausgestanden.“
„Es war grade Mondschein zu der Zeit“, fuhr der Alte geschwätzig fort, „und so hell, daß man hätte eine Stecknadel auf der Erde liegen sehen können. Da kam Schuldmann — so hieß besagter Kammerjäger — eben von einer Dienstreise zu Hause und pfiff sich sein Ratzenliedchen. Es war nicht eben aus Lust, sondern mochte mehr aus Angst seyn vor dem verdächtigen Orte: denn der giftige alte Kerl hatte mancherlei Werg am Rocken, wie man zu sagen pflegt.“
„In der ganzen Gegend war er nicht zum besten angeschrieben, weil er seinen Einfluß beim Grafen immer nur dazu benutzt hatte, denen zu schaden, die er nicht leiden konnte. Solche sah man ihn denn Jahre lang ohne Erbarmen verfolgen, wie und wo er nur konnte, bis er ihnen irgend ein Leid angethan. Dabei war er nun noch überdies, wem er’s nämlich bieten zu können glaubte, ein gar grober Geselle, der alte Schuldmann, und obgleich er jetzt mitunter etwas altersschwach wurde, so blieb er doch noch voller Galle und bissig genug, um manche Furchtsamen ins Bockshorn zu jagen. Heute aber blieb ihm, wie Sie gleich hören werden, mit Verlaub zu reden, doch das Herz in den Hosen stecken. — Also, wie gesagt, er sang sein Liedchen, wovon ich den Anfang noch recht gut behalten habe; — so hieß es:
Manch Jahr schon regier’ ich die Ratzen,
Und wenn meine Räthe, die Katzen,
Recht beißen die Großen, wie Kleinen,
Macht mich das Erbarmen nicht weinen.
Doch Eines behalt’ ich alleine:
Vergebung allein mich betrifft;
Großmüthig, doch nur zum Scheine,
Vergeb’ ich sie Alle — mit Gift.“
„Wohl denn; der Alte hatte sichs heute auf der Reise bei Tisch und Becher gut schmecken lassen, weils ihm nichts kostete; denn bei ihm zu Hause war in der Regel ein verteufelter Schmalhans Küchenmeister.“
„So humpelte er nun mit dem großen Kammerjägerschilde auf dem Rocke und den großen Stock in der Hand, mit seinen podagrischen Beinen langsam auf die Linden zu, wo ihn sein Weg dicht vorbeiführte — da schlug die Glocke in Rosenau Zwölfe an, und kaum hatte der erste Klang die Luft erschüttert, als aus den dichten Lindenzweigen ein Kerl im Armensünderhabit herabsprang und wie ein Plumpsack grade vor Schuldmanns Füße hinstürzte — aber wie ein Stehaufchen war er auch gleich wieder auf den Beinen, und hielt dem alten Rattenfänger seinen Kopf mit der Hand vors Gesicht, als wenn er ihm, wie mit einer Laterne, damit unter die Nase leuchten wollte. — Schuldmann war mehr todt als lebendig vor Schreck, konnte aber, als sey er behext, kein Glied mehr rühren — und schnell sprang jetzt wieder ein andrer aus dem Lindenknäuel herab, und wieder einer, und ehe noch der zweite Glockenschlag erscholl, tanzten schon sechs Paare dicht um ihn her — greuliche, verzerrte Gestalten: die Gehangenen mit heraushängenden Zungen, vorstehenden blutrünstigen Augen und dunkelblauen Gesichtern; die Geköpften, ihre Köpfe in die Höhe schleudernd und wieder auffangend, wie es ehemals bei uns die französischen Tambur Maschors mit ihren Stöcken machten; und zuletzt kam noch ein Geräderter, allein abgesondert, der mit den herumschlotternden, zerbrochnen Knochen, wie ein Hampelmann, den andern vortanzte, wahrscheinlich noch den rothen Nickel zum baldigen Cumpan erwartend. Mit dumpfer und leiser Stimme sangen die Geister dann im Chor:
Schuldmann, Du bist jetzt unser Gast —
Doch fürchte nichts für Deinen Kopf,
Verlieren kannst Du nicht, was Du nicht hast;
Drum lebe hundert voll, Du Tropf!
Doch dann erwarten wir Dich dort
Für so viel gemarterte Ratzen,
Wo in der Hölle Du, fort und fort,
Dich hinter den Ohren sollst kratzen.“
„Und damit kam der Geräderte auf ihn zu, als daure ihm des rothen Nickels Abwesenheit zu lange, und als wolle er einstweilen mit Schuldmann zum Cameraden fürlieb nehmen. Aber dem waren nach und nach die paar noch übrigen Haare zu Berge gestiegen, als wären es Borsten. Statt des vorigen Liedes Fistelklang wand sich nur tiefes Grunzen noch aus seiner Brust, und in der höchsten Todesangst strengte er jetzt alle seine Kräfte auf einmal an, und gab Fersengeld, was die alten Beine nur vermochten. Das Entsetzen lieh ihm Flügel — nur einmal noch, grade mit dem letzten Schlage der Glocke, warf er einen scheuen Blick der Todesangst hinter sich zurück und sah, wie der ganze Spuk unter fürchterlichem Geheul langsam in die Erde versank.“
„Solltet Ihr’s aber wohl glauben, lieber Herr, daß unser Schuldiger, denn so nannten wir ihn oft der Kürze wegen; nun, daß unser Schuldiger, sag’ ich, wirklich grade 100 Jahr alt wurde, noch einmal eine junge Frau heirathete, weil ihm die Geister doch versichert, er habe nichts für seinen Kopf zu fürchten, und nachdem er zweimal Jubiläum gefeiert, zwar ganz kindisch, und nur dann noch thätig blieb, wo eine kleine Bosheit auszuüben war, aber eben deßhalb immer in gleichem Ansehn, als wirklicher Ratzenfänger, in Amt und Würden selig verstarb. Sonst aber sind die Prophezeihungen des bösen Geistergesindels gewiß nicht in Erfüllung gegangen. Wir wissen zwar nicht, ob sein armer Kopf wirklich unbeschädigt geblieben, aber in die Hölle ist er nicht gekommen. Wie uns der Priester versichert hat, ward er begnadigt und hämmert nur als Grobschmidt 500 Jahre im Fegefeuer, was doch nichts dagegen ist, die ganze Ewigkeit hindurch geschmort zu werden.“ —
Ich erlaube mir, den geneigten Leser ohne Weiteres in die Gaststube zu K. W. zu versetzen, wo ich mir mit einer sehr achtungs- und liebenswürdigen Dame ein Rendezvous gegeben habe. Es ist jetzt Mode, wenn man eine junge, hübsche Frau entführen will, sie erst eine kurze Zeit in eine herrnhutische Anstalt zu schicken, damit sie sich gleichsam präpariren und zur vorhabenden Reise sammlen möge. Le péché en devient plus piquant. — Dies war aber mein Fall nicht. Die Dame meines Herzens ist zwar von sehr angenehmem Aeußern und, lebte sie in England, würde man sagen können, sie sey erst in das eigentliche Alter der Eroberungen getreten, welches dort bekanntlich mit dem vierzigsten Jahre beginnt. Sie und ich sind indeß schon seit langer Zeit die neusten Freunde, und sie erscheint mir überdies, schon durch Geist und Güte, alles Aeußere abgerechnet, hundert Jüngern vorzuziehen, ist aber noch außerdem durch etwas Kostbareres unschätzbar für mich — nämlich durch wahre Liebe, die sie für mich hegt; mit Einem Worte: es ist meine Julie. Doch so reich ihr Gemüth an Liebe ist, so hat es doch glücklicherweise auch seine liebenswürdigen Schwächen (denn nichts ist langweiliger auf der Welt, als Vollkommenheit), und diese benutzt, außer mir, besonders noch ein Wesen, welches ebenfalls in ihrer höchsten Gunst steht, ein enfant gâté, mit Namen Fancy, ein Geschöpf eben so whymsical, wie jene (Fancy heißt Laune), eben so gracieus, aber auch zuweilen eben so furchtbar, wenn es übler Laune ist. Dieser junge englische Gentleman, oder vielmehr Nobleman ist ein ächter Sprößling der edlen Marlborugh-Raçe von Blenheim, in dessen Schlosses Thorhalle ich selbst ihn kaufte — denn mit Spaniels ist der Sclavenhandel in England dermalen noch verstattet.
Nicht ahnete mir damals, welche Schlange ich im Busen erwärmte, als ich mit der Zärtlichkeit einer Wöchnerin den unbehülflichen Baby mir selbst zum siegreichen Rivale auferzog. Sorgsam ward er über das weite Meer transportirt, mit merkwürdigen Fabrikaten, mehrern Engländern (ein Pferd mit kurzem Schwanz wird bei uns ein Engländer genannt;), nationalisirten Affen und Papagaien, auch einigen menschlichen Insulanern — und alles dieses der geliebten Frau zugleich zu Füßen gelegt. Die Insulaner machten sich jedoch bald unnütz, so daß man sie zurücksenden mußte, die Pferde thaten ihre Pflicht und noch etwas mehr — ein sicheres Mittel, wenig ästimirt zu werden — Affen und Papagaien relegirte man in die Gewächshäuser, nur Fancy allein erlangte bald eine immer gesteigerte Intimität, ward erst, wie gesagt, verzognes Kind, dann Günstling, endlich Herr!
Derselbe ist nun unbeschränkter Autokrat im Hause; wohl dem, welchem er zuwedelt, doppelt wehe dem, den er in die Finger beißt: denn solcher wird nicht nur gebissen, sondern auch noch dafür gescholten werden. Geschieht mir aber dergleichen, so thue ich so, als sey es nur Spaß gewesen, und versichre, die blutigen Finger versteckend, und freundlich lächelnd: Fancy habe mich nur geleckt. — Merke Dir diese Regel, lieber Kammerherr, sie kann Dir goldne Früchte bringen, auch wenn Du ein Starost oder Knes wärest.
Ich fand meine Freundin verstimmt und bekümmert. Das liebe Hündchen war im Herrnhutischen zu gut aufgehoben gewesen. Es ist nämlich besagtes Herrnhut das wahre Kuchenland zu nennen. Aus meiner frohen Kindheit erinnre ich mich noch, daß wir oft dort selige „Trinken“ oder sogenannte Liebesmahle hielten, wo wir mit jeder Tasse Kaffee ein größeres Stück des süßen Heilands in uns aufnahmen und in der Abendbetstunde wieder frommen Strietzel kauten.
Man sang damals noch folgende erbauliche Lieder, als z.B. das Jungfrauenlied:
Altes Herrnhutisches Gesangbuch Nro. 2270. Vs. 1.
Ihr von dem Flämmelein
Des Bräutigams der Gemein
Brennende Döchtelein,
Ihr Ehe-Vögtelein,
Ihr Elieserlein,
Ihr Vice-Christelein,
Unsres Herrn Jesulein,
Der Euch den Eheschrein
Hat aufgeschlossen fein,
Und Eure Gliedelein,
So sündlich sie auch seyn,
Besprenget und hält rein,
Die Kreuz-Lust-Vögelein
In Eurem Nestelein
Fährt in die Gegend nein
Als Wunderbienelein.
Oder Zugabe des 12ten Anhanges Nro. 2163.
Gott Papa, Mama und Bruderlamm
Das Dreieinigkeit ausspann,
Werdet von der Ehmama
Göttlich sigilliret,
Bis den Bore der Papa
Zu der Berje führet.
und Nro. 2268. Vs. 3.
Sollt es möglich seyn, daß wirs beschwiegen,
Wenn wir solche schöne Nachricht kriegen
Von Vice-Christen,
Von der Ehetäublein Seitritznisten.
Aber wenn das Herz zu Loch gekrochen
In das Wündlein, das der Speer gestochen,
Da zu hausiren,
Mags der Ehherr selbst caressiren.
Oder das Hochzeitlied:
(Wir haben dies und das folgende mit griechischen, nach Erasmus Aussprache zu lesenden, Buchstaben drucken lassen, da es zwar als in einem gedruckten Gesangbuch stehend, zu den Merkwürdigkeiten seiner Zeit gehört, aber seines empörend gnostisch-mystischen Inhalts wegen sich nicht für das größere Publikum eignet.)
Das Hochzeitlied Nro. 1990.
Υιρδ εινε Γναδεν-Εσθηρ
ȣνδ ναχ δεμ Λειβε σχȣεστηρ
Δας βȣνδεσγλιεδ γεwἁρ·
σω σχλιεσσεν σιχ διε σιννεν
ȣνδ σιε ȣιρδ ἑιλιγ ιννεν,
δαςς Γοττες σὡν ειν κναβε ȣαρ.
Ἱρ εἱλιγεν ματρωνεν,
διε ἱρ ιν εἑθρωνεν
ȣμ ȣιζε-χρισεν σειδ,
ἱρ ἑρτ δας θευρε ζειχεν,
δαραν σιε χρισῳ γλειχεν
μιτ ιννιγερ γεβωγενἑιτ.
ῳ γεἑιμνισȣολλες γλιεδ
δας διε εἑλιχεν σαλβεν
Ιησȣ ἁλβεν
εἱλιγ γιεβτ ȣνδ κευσχ εμφητ
ιμ γεβητ,
ιν δεμ ȣον δεμ ερζερβαρμεν
σελβς ερφȣνδενεν Ουμαρμεν
ȣενν μαν Κιρχενσααμεν σαητ, —
σει γεσεγνετ ȣνδ γεσαλβτ
μιτ δεμ βλȣτ,
δας ȣνσερμ μαννε
δορτ εντραννε
fὑλε εἱσσε ζηρτλιχκειτ
ζȣ δερ σειτ
διε fυρ λαμμς γεμἁλιν ωφεν
σειτ δερ σπηρ ἱνειν γετρωφεν
δας οβιεκτ δερ εἑλευτ.
Das Ehelied Nro. 2114.
Κνηβλειν, δειν μηννλιχες Υησεν
ις μιρ αρμεν ζȣμ γενησεν,
δαςς ιχ αλς ειν στρειτερ κναβε
Θειλ αν δεινερ κινδἑιτ ἁβε,
δεινε εἱλ’γε ερσε Υȣνδε
σαλβε μιχ ζȣμ εἑβȣνδε,
αȣφ δεμ γλιεδε μεινες λειβες,
δας ζȣμ νȣτζεν μεινες Υειβες
ȣνδ δας πȣρπȣρροδε ωηλε
φλιεςς αȣς μεινερ πριεσερ ὁηλε,
ȣνδ διε ρεχτ γεσχικλιχ μαχε
ζȣ δερ πρωκȣρατορσαχε.
Δασς ιχ μεινε Θευρε ριεβε
μοεγ’ ȣμφασσεν μιτ δερ λιεβε,
δαμιτ δȣ μειν Υειβ ȣμφαγγεν,
αλς ες διρ ζȣρ σειτ’ αȣσγαγγεν·
ζȣ δεμ βλȣτ’γεν λιεβες σχμερζε
σεγνε ιχ μειν εἑἑρζε,
ȣνδ δας βλȣτ δερ ερσεν Υȣνδε
μαχτ δας ῳηλ βειμ εἑβȣνδε.
Glaubt man nicht zu hören die neusten Frommen,
Bei denen es selig zum Durchbruch gekommen?
Mein altes Gesangbuchs-Exemplar steht Liebhabern daher auch gern zu Diensten, wenn eine neue Auflage desselben zur Erbauung der Gläubigen irgendwo beliebt würde. Um den Inbrünstigen aber noch mehr Lust dazu zu machen, schließe ich mit folgenden zwei — nec plus ultra — Liedlein.
I. Nro. 1813. Vs. 6.
Gottlob! wir wissens nun, wer Gott ist,
Es ist der Zimmermann Jesus Christ,
Der am Kreuz gestorben zwischen den Schächern,
Von dem es schallet auf tausend Dächern —
Seit einiger Zeit.
II. Anhang zum Gesangbuche XII. Nro. 2021.
Nichts ist doch freundlicher,
Als unser Herrgen;
Nichts liebt sich doch so sehr,
Als seine Närrgen;
Nichts predigt kräftiger,
Als Wunden Pfärrgen;
Nichts singet lieblicher,
Als Jesu Lerchen.
Drum bleib’ ich gern verzückt
Im Bund der Närrlein
Und liebe ewiglich
Der Närrlein Herrlein.
Also, um den Faden meiner Erzählung wieder zu ergreifen, so war auch meiner Freundin in dem gesegneten Gemeindegasthof heute dreierlei sehr appetitlich aufgestellter Kuchen zum Frühstück gebracht worden. „Der eine“ — hatte der Kellner erklärt (welcher eben als Missionair, ich weiß nicht von welchem Pole, zurückkam, und von der wahrscheinlich schlechten Kost daselbst sehr mager aussah,) „der eine wird vor dem Kaffee, der andre zum Kaffee, der dritte nach dem Kaffee genossen.“[5]
Fancy, der, wie seine Herrin sehr oft bemerkt hat, Menschenverstand besitzt, vernahm jedes Wort und befolgte des Missionairs Anweisung so gründlich, vor, zum und nach dem Kaffee, daß er jetzt, dem Platzen nahe, in Todesängsten lag, und eben aus der Hand eines mildthätigen Bruders, der Hundearzt in Nova Zembla gewesen, ein starkes Brechmittel hatte verschlucken müssen. Aus Furcht vor der Explosion war ihm einstweilen in einem Unterstübchen ein Feldbett aufgeschlagen worden, und von fünf zu fünf Minuten brachte der Jäger das Bülletin.
Eine bange Stunde war schon verflossen, und noch immer keine Wirkung da, als plötzlich der Jäger hereinstürzte, um mit triumphirender Miene zu melden, daß eine Crisis eingetreten sey. „So eben“ sagte er, „haben das herrnhutische Mittel, welches nach vorn intendirt war, auf die hintere Constitution gewirkt.“ Mit einem glücklichen Lächeln empfing man die frohe Nachricht; ich aber machte bei mir selbst ernste Betrachtungen. Ist es nicht klar, sagte ich zu mir selbst, daß künftig nichts mehr ohne Constitution bestehen kann? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, und hörten wir es nicht eben: Constitution ist schon ein Lieblingswort des Volks geworden, ja, wie die Kammern in obere und untere, theilt es auch schon die Constitutionen in vordere und hintere ein. Zu den letztern kann man ohne Zweifel allegorisch jene rechnen, welche auf sich warten lassen, oder unvollkommen gegeben wurden, denn sie liegen, so zu sagen, noch im Hintergrunde der Zeit, und auch in anderer Beziehung paßt die scharfsinnige Benennung, z.B. da, wo Stände existiren, die nur dem Namen, nicht der That nach da sind, denen ähnlich, von welchen der selige Feldmarschall K.... zu sagen pflegte: „sie kommen mir ganz so vor, wie mein H.... Beide haben Sitz und Stimme, aber beiden nimmt man es verdammt übel, wenn sie laut werden.“
Doch laßt uns in den Schoos der Gemeinde zurückkehren.
Da die Ruhe im Hause nun wieder hergestellt war, benutzte ich diese glückliche Conjunctur zu einer Ausflucht, nämlich um einen Besuch bei Brüdern und Schwestern en gros zu machen.
Wen erfreut und besticht nicht schon der äußere Anblick jener freundlichen, reinlichen und anspruchslosen Oertchen, welche von Herrnhutern bewohnt sind? Ich spreche jetzt ganz ernsthaft. Gewiß ist es ein sehr rühmliches Zeichen für sie, (man denke nun über ihren religiösen Cultus wie man wolle) daß Processe unter ihnen unbekannt und Verbrecher höchst selten sind; daß sie brüderlich zusammenhalten und daß sie von jedem Gutsbesitzer als Unterthanen sehr gewünscht und allen andern vorgezogen werden. Sie geben überall ruhig und ohne Anstand, was des Kaisers ist, und Gott, was sie ihm schuldig zu seyn glauben. Man wirft ihnen Heuchelei, Duckmäuserei u.s.w. vor. Was geht mich aber das an, wenn Jemand dabei nur alle seine Bürgerpflichten gegen mich erfüllt, und mit seiner Frömmelei weder in die Weltbegebenheiten einzugreifen noch irgend Jemand zu schaden sucht, sondern sie nur als ein Privatvergnügen treibt. Ich achte daher die Herrnhuter gar sehr, aber Komisches haben sie an sich, das ist nicht zu leugnen, und ich habe vorher erklärt, daß ich, (wirklich nach zu vielem Weinen) jetzt aus Lachen und Scherzen mein Handwerk gemacht habe, es indeß auch Keinem verdenke, der es mir reichlich wiedergiebt, wenn es nur eben so harmlos geschieht.
Die Brüder und das Knaben-Institut fand ich über die Erlaubniß cynisch. Man wurde überall, bis in den Eßsaal sogar, auf eine der Nase fast unerträgliche Weise daran erinnert, was das endliche Loos des besten Dinés auf Erden zuletzt seyn muß; die Farbe der Kleider war an den Kindern vor Schmutz kaum zu erkennen, und die Häupter der Knaben schienen überdies missionarische Insekten aus allen Zonen zu beherbergen. Das hat sich, hier, in K. W. wenigstens, gegen sonst sehr verschlimmert und verdient Rüge. Uebrigens rührte es mich ungemein, alles Andre noch so ganz beim Alten zu finden, denn hier in diesen heiligen Hallen kennt man, wie in China, die Neuerungswuth noch nicht. Jede kleine Nüance, jede Sitte, jede Eintheilung der Stunden war noch genau wie ehemals dieselbe, und auf der nahen Wiese sah ich auch wieder Ketta, das Lieblingsspiel meiner Kinderjahre spielen, und die frohe Jugend lustig, wie eine Heerde Schäfchen springend, zurückkehren; hinter ihnen der Lehrer mit zwei seiner liebsten Knaben, einen an jeder Hand führend. Auch das kleine Gärtchen, wo Jeder sein Beet hat, besuchte ich, und erinnerte mich, wie dort meine Gartenpassion zuerst erwachte, und ich stets darauf sann: meinem Beete eine neue Form und ein andres Ansehn zu geben. Einmal hatte ich das Unglück, in der Hast einen meiner Mitschüler, der sich eben bückte, mit der Hacke so schwer in den Kopf zu hauen, daß sein Blut auf meine Blumen strömte und mir die Gärtnerei lange verleidete. Der Arme war ein lieblicher Knabe, ein Graf H...., der, als er zum vielversprechenden Jüngling gereift war, sich aus unglücklicher Liebe — erschoß. So schien sein rothströmendes Haupt, das mir noch immer vorschwebt, eine blutige Vorbedeutung! —
Ich wurde, nach dem bisher Gesehenen, angenehm überrascht, im Schwesternhause und der Mädchen-Anstalt, besonders im ersten, die musterhafteste Reinlichkeit und Nettigkeit, dabei aber auch ächt weiblich geheizte Zimmer, trotz der schon warmen Jahreszeit, zu finden. Die alte Vorsteherin sah ganz einer Aebtissin ähnlich und hatte, gegen die hiesige Sitte, etwas sehr Bestimmtes und Würdiges, so zu sagen, klösterlich Weltliches in ihrem Wesen. Auch ermangelte sie nicht, das Haus möglichst gelten zu machen, zeigte mir mehrere Säcke voller Lebensmittel und Sachen, die sie an eben abgebrannte Nichtherrnhuter schicken ließ, und machte mich darauf aufmerksam, wie alle Arten von Handwerken und Geschäften im Hause selbst betrieben, und nur allein Schuhe von außerhalb desselben bezogen würden. „Ja Alles“ — wie sie sich in ihrer sechzigjährigen Unschuld komisch genug ausdrückte, „Alles, was wir brauchen, besorgen wir uns selbst, nur den Untertheil müssen wir den Brüdern überlassen.“
Die Schwestern sind nach ihrem Alter in verschiedene Stuben vertheilt, und da wir auch von unten, ich meine: von den Aeltesten, anfingen, so war für steigendes Interesse gesorgt. In dem Zimmer der Fünfzehn- und Sechzehnjährigen fand ich einige allerliebste schmachtende Gesichter. Alle standen sogleich von ihrer Arbeit auf, so wie wir hereintraten, und nun frug die Vorsteherin, um ein wenig damit zu prunken: wie weit her die Mädchen wären, die erste:
„Friederike, wo bist Du her?“
Knix: „Aus Otahaiti.“
„Und Du, Jettchen?“
Knix: „Aus Labrador.“
„Und Du, braune Amalie?“