F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
herausgegeben von Moeller van den Bruck
Übertragen von E. K. Rahsin
Erste Abteilung: Erster und zweiter Band
F. M. Dostojewski
Rodion Raskolnikoff
(Schuld und Sühne)
Roman
R. Piper & Co. Verlag, München
R. Piper & Co. Verlag, München, 1922
23.–35. Tausend
Druck: Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig.
Buchausstattung von Paul Renner.
Copyright 1922 by R. Piper & Co.,
Verlag in München.
Zur Einführung in die Ausgabe
Wir brauchen in Deutschland die voraussetzungslose russische Geistigkeit. Wir brauchen sie als ein Gegengewicht gegen ein Westlertum, dessen Einflüssen auch wir ausgesetzt waren, wie Rußland ihnen ausgesetzt gewesen ist, und das auch uns dahin gebracht hat, wohin wir heute gebracht sind. Nachdem wir solange zum Westen hinübergesehen haben, bis wir in Abhängigkeit von ihm gerieten, sehen wir jetzt nach dem Osten hinüber – und suchen die Unabhängigkeit. Aber wir werden sie nicht im Osten, wir werden sie immer nur bei uns selbst finden.
Der Blick nach dem Osten erweitert unsern Blick um die Hälfte der Welt. Die Fragen des Ostens sind für uns zunächst eine Frage der geistigen Universalität. Und wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann handeln wir nur im Geiste unserer besten Überlieferung. Aber diese Fragen sind noch mehr. Sie sind zugleich eine Frage der geistigen Souveränität. Nachdem wir sie im neunzehnten Jahrhundert an den Westen verloren haben, wollen wir sie im zwanzigsten Jahrhundert für Deutschland zurückerringen.
Es wird immer zu unseren Unbegreiflichkeiten gehören, daß wir es dahin kommen ließen, daß wir uns dem Westen bis zu dieser völligen Selbstvergessenheit hingaben. Es ist um so unbegreiflicher, als wir im Gegensatze zu Rußland, das sich seine geistigen Werte erst erringen mußte, die unseren im festen Besitze hielten, und als unter ihnen nicht wenige waren, die wir noch nicht einmal vor der eigenen Nation aufgeschlossen und ihr mitgeteilt hatten. Doch wir bevorzugten die fremden Werte. Heute sehen wir die Wirkung. Und wir leben unter den Folgen.
Wir haben im Verlaufe unserer langen Bildungsgeschichte schon manches fremde und ferne Bildungsgebiet einbezogen, ob es das griechische war, oder das italienische. Aber noch nie wurde eines so gefährlich, wie das westliche geworden ist. Wir werden uns hüten müssen, daß nicht auch der Osten zu einer Gefahr wird.
Es ist kein anderes Verhältnis zu ihm möglich als das des völligen Vertrautseins, aber auch des sicheren Abstandes. Wenn wir unsere geistige Souveränität, und aus ihr folgend unsere politische Souveränität, wiedergewonnen haben, dann wird auch Rußland nicht mehr und nicht weniger für uns sein, als eines jener großen Bildungsgebiete, die uns reicher machten, aber auch selbständiger.
Bis dahin teilen wir mit Rußland, aus verschiedenen Gründen, das gleiche Schicksal.
M. v. d. B.
Rodion Raskolnikoff
Die beiden gleichzeitigen und doch so verschiedenen Auseinandersetzungen des russischen Geistes mit Napoleon als der Verkörperung des westeuropäischen Geistes – gleichsam zwei Wiederholungen des Jahres 1812 – sind in der russischen Literatur: „Krieg und Frieden“ und „Rodion Raskolnikoff“.
Die erste Auseinandersetzung hat nicht mit einem Siege, sondern nur mit einer Religionsverdrehung geendet. Ob der russische Geist auch in der zweiten eine Niederlage erlitten hat oder nicht, das bleibe dahingestellt. Jedenfalls hat er hier gezeigt, daß er würdig ist, seine Kräfte mit einem solchen Gegner wie Napoleon zu messen, hier ist er dem Feinde entgegengetreten – ... Auge in Auge, wie es dem Kämpfer im Kampfe gebührt.
Dostojewski hat vor uns die Kraftlosigkeit der napoleonischen Idee aufgedeckt, nicht die politische und nicht einmal die sittliche Kraftlosigkeit, sondern die religiöse: bevor man in Europa die Idee der altrömischen Monarchie, die Idee des universalen Caesar-Vereinigers, des Menschengottes auferweckte, mußte man zuerst die entgegengesetzte Idee der christlichen universalen Vereinigung, die Idee des Gottmenschen überwinden. Doch der historische Napoleon hat diese Idee in seinen Taten ganz ebensowenig bewältigt, wie Napoleon-Raskolnikoff es in der Anschauung tat, ja, sie sind nicht einmal an sie herangetreten, sie haben sie überhaupt nicht gesehen. Wenn dieser Napoleon Raskolnikoff tatsächlich ein „Prophet zu Pferde mit dem Schwert in der Hand“ erscheint, so ist er doch immerhin – ohne einen „neuen Koran“, ein Prophet nicht von Gott und nicht gegen Gott, sondern nur ohne Gott; und in diesem Sinne ist er natürlich – Pseudoantichrist. „Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott!“ folgert der irrsinnige und furchtlose Kiriloff – nicht etwa deswegen furchtlos, weil irrsinnig? „Wenn ich es mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben, so würde man mich in allen Jahrmarktsbuden verspotten!“ meinte der nicht gar zu vorsichtige und vernünftige Napoleon. Versteht sich, hier ist vom Erhabenen, vom Furchtbaren zum Lächerlichen – „nur ein Schritt“. Ist aber die Furcht vor dem Lächerlichen bei Napoleon nicht zu gleicher Zeit eine ebenso lächerliche Furcht, wie die Furcht des Usurpators vor der Krone des legitimen Nachfolgers? „Gott hat sie mir gegeben. Wehe dem, der an sie rührt.“ – Hat sie wirklich Gott selbst gegeben? – Noch niemand hat ihn mit einem so höhnischen Lächeln danach gefragt, niemand hat mit einer solchen Vermessenheit an seine Krone gerührt wie Dostojewski.
„Ich wollte ein Napoleon werden, darum erschlug ich. Ich stellte mir einmal die Frage: wie, wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wäre und er weder Toulon noch Ägypten, noch einen Übergang über den Montblanc gehabt hätte, um seine Laufbahn zu beginnen, sondern anstatt all dieser schönen und großartigen Dinge nur irgendein lächerliches Weib, eine alte Registratorenwitwe, die er noch dazu hätte erschlagen müssen, um aus ihrem Kleiderkasten Geld stehlen zu können (für den Anfang seiner Laufbahn – du verstehst doch?). Nun also, würde er sich denn dazu entschlossen haben, wenn ein anderer Ausweg für ihn nicht möglich gewesen wäre? Hätte ihn das nicht abgestoßen, weil es doch gar zu wenig ‚großartig‘ war und ... Sünde wäre? Nun sieh, ich sage dir, über dieser ‚Frage‘ habe ich mich entsetzlich lange abgequält, so daß ich mich fürchterlich schämte, als ich endlich erriet (ganz plötzlich, irgendwie), daß es ihn nicht nur niemals abgestoßen haben würde, sondern ihm sogar überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre, daß so etwas gar nicht ‚großartig‘ sei ... Er hätte sogar überhaupt nicht begriffen, was ihn dabei abstoßen könnte, und sobald das nur sein einziger Ausweg gewesen wäre, würde er sie in einer Weise erwürgt haben, daß ihr nicht einmal Zeit zum Mucksen geblieben wäre, – ohne das geringste Bedenken! Nun, und ich ... befreite mich von den Bedenken, erwürgte – nach dem Beispiel seiner Autorität ... Und so war es auch buchstäblich.“
Raskolnikoff begreift nur zu gut den Unterschied zwischen Napoleons „geglücktem“ und seinem eigenen „mißglückten“ Verbrechen, aber nur den ästhetischen, den Unterschied in der „Form“ und in der Eigenart der geistigen Kraft. Er vergleicht sein Verbrechen mit den blutigen Heldentaten berühmter, gekrönter, historischer Verbrecher, doch Dunja, seine Schwester, protestiert gegen einen solchen Vergleich: „Aber das ist doch etwas ganz anderes, Bruder, das ist doch nie und nimmer dasselbe!“ – Da ruft er wie rasend aus: „Ah! Es ist nicht dieselbe Form! Es hat kein so ästhetisch schönes Äußere! Ich aber verstehe wirklich nicht, warum eine regelrechte Schlacht, mit Kanonenkugeln auf die Menschen feuern – eine ehrenwertere Form sein soll? Die Furcht vor dem Unästhetischen ist das erste Anzeichen der Kraftlosigkeit!“ – „Napoleon, die Pyramiden, Waterloo – und eine hagere, häßliche Registratorenwitwe, eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem Bett, – nun, wie soll das selbst ein Porphyri Petrowitsch (der Untersuchungsrichter) verdauen! ... Wie sollen die an ein solches Problem heranreichen! ... Die Ästhetik stört: ‚wird denn‘, heißt es, ‚Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?‘“
Ja, gerade die konventionelle Ästhetik, die Rhetorik der Lehrbücher, jene historische Lüge, die wir mit der Milch unserer erziehenden Mutter, der Schule, einsaugen, entstellt und verunstaltet unsere sittliche Wertung der universalhistorischen Erscheinungen. Von dieser „ästhetischen“ Schale wird nun Raskolnikoff durch die Frage nach den Verbrechen der Helden befreit, wird von ihr, wie Sokrates sagt, „vom Himmel auf die Erde herabgeführt“, d. h. von jener abstrakten Höhe, wo die akademische Vergötterung der Großen stattfindet, auf die Ebene des lebendigen Lebens: und er stellt uns Angesicht gegen Angesicht dieser Frage in ihrer ganzen grauenvollen Einfachheit und Verschlungenheit gegenüber. Hat doch ein jeder von uns, uns Nichthelden, wenigstens einmal im Leben mehr oder weniger bewußt für sich entscheiden müssen, so wie Raskolnikoff es tut: „Bin ich zitternde Kreatur oder habe ich das Recht,“ bin ich ein „Fressender“ oder ein „Gefressener“? Und diese Frage, dem Anscheine nach die der umfassendsten und allgemeinsten universalhistorischen Anschauung, ist hier mit der ersten und wichtigsten sittlichen Frage jedes einzelnen Menschenlebens, jeder einzelnen menschlichen Persönlichkeit untrennbar eng verbunden. Ohne diese Frage mit dem Verstande und dem Herzen gelöst zu haben – oder hat man sie nur mit dem Verstande oder nur mit dem Herzen gelöst, – kann man nicht leben, kann man keinen Schritt im Leben tun.
Wenn wir uns nun von der „Furcht vor der Ästhetik“ befreien, werden wir dann nicht zugeben, daß der erste, sagen wir mathematische Ausgangspunkt der sittlichen Bewegung Napoleons und Raskolnikoffs – ein und derselbe ist? Beide sind sie aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen: der kleine Korsikaner, der auf die Straßen von Paris hinausgeworfen war, der Fremdling ohne Titel, ohne Herkunft, dieser Bonaparte – ist ganz ebenso ein unbekannter Vorübergehender, ein junger Mann, „der einmal in der Dämmerstunde aus seiner Dachkammer heraustrat,“ wie der Student der Petersburger Universität Rodion Raskolnikoff. „Er war auffallend schön, er hatte dunkle Augen und dunkelblondes Haar, war schlank und wohlgestaltet“ – das ist alles, was wir zu Anfang der Tragödie von Raskolnikoff wissen, und nur ein wenig mehr wissen wir von – Napoleon. Das „Menschenrecht“ und die „Freiheit“, die die „Große Revolution“ erobert hatten, sind für beide in erster Linie das Recht und die Freiheit, vor Hunger zu sterben; „Gleichheit und Brüderlichkeit“ sind für sie Gleichheit und Brüderlichkeit mit denen, die von ihnen verachtet oder gehaßt werden. Beim Anblick dieser „Nächsten“ und „Gleichen“ – sagt Dostojewski von Raskolnikoff – „drückte sich die Empfindung des tiefsten Ekels in den feinen Zügen des jungen Mannes aus“, und wir können dabei ebensogut an Napoleon denken. Brüderlichkeit und Gleichheit – tiefster Ekel; Freiheit – tiefste Verschmähung, Einsamkeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft. Weder Hoffnungen, noch Überlieferungen. „Ein einziger gegen alle, sterbe ich morgen, bleibt nichts von mir übrig“ – das ist die erste Empfindung beider. Und der Einfall dieser „zitternden Kreatur“, ein „Herrscher“ zu werden, wäre ein ebenso verrückter Einfall – oder Größenwahnsinn – bei Napoleon wie bei Raskolnikoff: zuerst ins Krankenhaus, dann in die Zwangsjacke und – aus ist es. Raskolnikoff hat vor Napoleon sogar einen gewissen Vorzug: er sieht nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren Schranken und Hindernisse, die er „übertreten“ muß, um „das Recht zu haben“. Napoleon sieht sie überhaupt nicht. Übrigens war vielleicht gerade diese Blindheit teilweise die Quelle seiner Kraft – allerdings nur bis zu einer gewissen Zeit: zu guter Letzt wird der Mangel an Erkenntnis jeglicher Kraft doch nicht verziehen; und auch Napoleon wurde dieser Mangel nicht verziehen. Raskolnikoff erkühnt sich zu Größerem, weil er mehr, weil er Größeres sieht. Hätte er gesiegt, so wäre sein Sieg endgültiger, unumstößlicher gewesen, als der Sieg Napoleons. In jedem Fall aber ist infolge der Gleichheit oder Einheit des Ausgangspunktes, trotz des ganzen unermeßlichen Unterschiedes der zurückgelegten Wege, das sittliche Gericht über Raskolnikoff zu gleicher Zeit auch Gericht über Napoleon. Die Frage, die in „Rodion Raskolnikoff“ erhoben wird, ist dieselbe Frage, die Tolstoj in „Krieg und Frieden“ erhebt; der ganze Unterschied besteht nur darin, daß Tolstoj sie umfängt, während Dostojewski sich in sie vertieft; der eine tritt von außen an sie heran, der andere von innen; bei dem einen ist es Beobachtung, beim anderen Experiment.
Die Revolution war ein ungeheurer politischer, schon in viel geringerem Maße sozialer, die Stände betreffender, und überhaupt kein moralischer Umsturz. „Du sollst nicht töten“, „du sollst nicht stehlen“, „du sollst nicht ehebrechen“ – alles ist geblieben, wie es war, wie es die Tafeln Moses vorschreiben; alles hat, ganz abgesehen von den äußeren kirchlichen und monarchischen Überlieferungen, seine innere sittliche Notwendigkeit vor dem Henker (Robespierre), ebenso wie vor dem Opfer (Louis XVI.) aufrecht erhalten. Trotz der „Göttin der Vernunft“ war Robespierre ein ebensolcher „Deïst“ wie Voltaire, und trotz der Guillotine ein ebensolcher „Menschenfreund“ wie Jean Jacques Rousseau. Man muß seinen Nächsten lieben, man muß sich für seine Nächsten opfern – dem widersprach kein einziger, weder die Henker, noch die Opfer. Hierbei vollzog sich keinerlei Umwertung der sittlichen Werte. Die Persönlichkeit war der Allgemeinheit in der neuen Regierungsform nicht etwa weniger untergeordnet, sondern mehr. Bei der mittelalterlichen Verfassung war diese Unterordnung ganz natürlich, innerlich bedingt, nicht willkürlich gewesen, war die Unterordnung des einen Gliedes im lebendigen Volkskörper unter ein anderes durch eine vielleicht sogar falsch aufgefaßte, aber immerhin religiöse, uneigennützige Idee. Jetzt wird die Politik zur Mechanik; die Persönlichkeit ordnet sich dem äußeren Zwang des „Gesellschaftsvertrages“ unter – der Stimmenmehrheit; sie wird zum Hebel inmitten aller Hebel der vernünftig und richtig gebauten Maschine, zur Eins unter Einern, zur mathematisch berechenbaren Ziffernhöhe dieser Mehrheit. Der Druck der neuen anmaßenden Freiheit war, wie es sich erwies, furchtbarer als der Druck der alten unverhohlenen Knechtschaft.
Und die Persönlichkeit hielt es nicht aus und empörte sich in der letzten, in der Welt noch nie dagewesenen Empörung.
Versteht sich: am allerwenigsten dachte an die Rechte der Menschenpersönlichkeit, an die Umwertung aller sittlichen Werte – Napoleon, als er die Läufe der Touloner Kanonen auf den revolutionären Volkshaufen richten ließ, um, nach dem Ausdruck Raskolnikoffs, „mit Kanonenkugeln auf Schuldige und Unschuldige zu feuern, ohne sie auch nur eines Wortes der Erklärung zu würdigen“. Und darauf folgt eine ganze Reihe ganz ebenso geglückter Verbrechen. – „Ich erriet damals,“ sagt Raskolnikoff „daß Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie zu nehmen. Hierbei ist ja nur eines, nur eines erforderlich: man muß nur wagen, nur erkühnen muß man sich! ... Es stand plötzlich sonnenklar vor mir, wie denn noch kein einziger bis jetzt gewagt hat und nicht wagt, wenn er an diesem ganzen Blödsinn vorübergeht, einfach alles am Schwanz zu nehmen und zum Teufel zu schleudern! Ich wollte mich dazu erkühnen!“ Dem Bewußtsein Napoleons zeigte sich dasselbe natürlich nicht „sonnenklar“: nur aus dem dunklen, uranfänglichen Instinkt der sich empörenden Persönlichkeit heraus „wollte er sich erkühnen“.
Napoleon ging aus der Revolution hervor und nahm sogar ihre Offenbarungen an, nur veränderte er sie für seine Zwecke. „Alle sind gleich“ – damit stimmte er überein, nur fügte er hinzu: „Alle sind gleich für mich, alle sind gleich unter mir.“ „Alle sind frei“ – und er will Freiheit, will freien Willen, aber „nur für sich allein“ will er freien Willen.
Vom Gesichtspunkte der alten, mosaischen, und der scheinbar neuen, in Wirklichkeit aber ebenso alten menschenfreundlichen Sittlichkeit aus, die Jean Jacques Rousseau mit der Feder und Robespierre mit dem Henkerbeil verkündet haben, ist Napoleon ein Dieb und Mörder, „ein Räuber außerhalb des Gesetzes“. Uns erdrückt das Pathos der historischen Ferne, wir sind geblendet von der Sonne von Austerlitz. „Napoleon, die Pyramiden, Waterloo – und eine hagere, häßliche Registratorenwitwe, eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem Bett – wie sollen sie denn das verdauen! Wird denn, heißt es, Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?“ Und doch, in der Tat, geben wir zu, wenn nur die „Ästhetik uns nicht störte“, daß für die Kritik der reinen Sittlichkeit die Zerstörung Toulons und das unter das Bett des alten Weibes nach dem roten Koffer Kriechen – ein und dasselbe ist. Furchtbar und gemein ist es, scheußlich und widerlich! Er kroch unter das Bett und verkroch sein ganzes Leben. Warum ist das nun in dem einen Falle „Übertretung (Schuld) und Sühne“, und im anderen – Übertretung (Verbrechen) und Krönung mit dem in der Geschichte einzig dastehenden universalhistorischen Lorbeerkranz? „Gott hat sie mir gegeben“ (die Krone der römischen Cäsaren); „wehe dem, der an sie rührt.“ Was Wunder, wenn der verschüchterte und ruhmberauschte Pöbel dem glaubte! Wie aber konnten die freien, rebellischen Byron und Lermontoff daran glauben? Wie konnten sie diesen „Tyrann“, der den größten Versuch der Menschenbefreiung, die Revolution, enthauptete, als ihren Helden anerkennen? Wie, endlich, konnten so ruhige und nüchterne Leute wie Puschkin und Goethe von ihm betrogen werden? Und doch ist es so. Als hätte er ihren geheimsten, für sie selbst noch furchtbaren Traum erraten und verkörpert! Und geradezu dankbar dichten sie die letzte wundervolle „Sage“ Europas von ihm, dem Märtyrer-Imperator auf Sankt Helena, von dem neuen Prometheus, der an den einsamen Fels inmitten des Ozeans angeschmiedet ist. Dem Märtyrer welchen Gottes? – Das wissen sie nicht, das sehen sie nicht, nur dunkel ahnt ihr Instinkt, daß gerade hier, bei Napoleon, ein anderer Geist umgeht, einer, der ihnen wie näher und verwandter, der wie neuer und sogar freier, befreiender und schöpferischer ist, als der Geist der Revolution. Erwachte nicht in dem alten, bereits zur Ruhe gekommenen und ein wenig sogar schon verknöcherten Goethe, als er sich an Napoleon wie an einer übernatürlichen, „dämonischen“ Erscheinung der Natur und der Menschheit begeisterte, – erwachte da nicht in ihm etwas Jünglinghaftes, grenzenlos Rebellisches, Unterirdisches, jenes selbe, aus dem auch sein Prometheusruf geboren scheint:
Ihr Wille gegen meinen!
Eins gegen Eins ...
– – – – – –
Götter? Ich bin kein Gott,
Und bilde mir so viel ein als einer.
Unendlich? – Allmächtig? –
Was könnt ihr? ......
Vermögt ihr, zu scheiden
Mich von mir selbst?
Auch bei Byron nimmt die Erscheinung Napoleons nicht umsonst die Gestalt Prometheus, Kains, Lucifers an – aller Verstoßenen, Verfolgten, die sich gegen Gott erhoben und vom Baume der Erkenntnis gegessen haben. Dieser Geist, der weder hell noch dunkel ist, wie das fahle Dämmerlicht der ersten Morgenstunden, dieser neue Dämon Europas mit seinem frommen, leidenschaftslosen Lächeln – um wieviel ist er aufrührerischer als Robespierre oder Saint Just, um wieviel will er mehr, als Rousseau oder Voltaire! Es scheint, daß hier auch des Rätsels Lösung ist. Aber vielleicht ist niemand entfernter von diesem Erraten, als – Napoleon selbst. Vielleicht würde sich niemand so sehr darüber wundern, niemand so entrüstet sein wie er, wenn er begreifen könnte, welch eine Folgerung aus seinen Sätzen gezogen, welch eine Bedeutung seiner Persönlichkeit beigelegt werden wird. Schien es doch nicht nur anderen, sondern auch ihm selbst, daß er das gestörte Gleichgewicht der Welt wieder herstellte, daß er unerschütterliche Ordnung einführte, das auseinanderfallende Gebäude des europäischen Staatskörpers stützte und der Revolution ein Ende machte. Wenn nur er selbst und die anderen den „ersten Schritt“, seinen Ausgangspunkt, vergessen könnten – diesen bleichen jungen Menschen mit den blutigen Händen, der nach dem roten Koffer unter das Bett der alten Wucherin – der Revolutionsgöttin „Vernunft“ – kriecht! „Dio mi la dona. Gott hat sie mir gegeben,“ – die Krone oder die rote Truhe? Und ist es wirklich Gott? Wirklich der christliche Gott oder der Gott des fünften Buches Moses? Immerhin hat er doch getötet und gestohlen! Er aber ist ein einzelner; für die anderen heißt es nach wie vor: „Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen ...“ Wenn er – warum dann schließlich nicht auch ich? Ist er denn nicht aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen wie ich, nicht aus einem ebenso abstrakten mathematischen Nichtigkeitspunkt wie ich? Er ist – Gott; ich bin – „zitternde Kreatur“. Aber auch in meinem Herzen erhebt sich der Schrei des Titanen:
Götter? Ich bin kein Gott,
Und bilde mir soviel ein als einer.
Wenn er „beim Vorübergehen einfach alles am Schwanz nahm und fortschleuderte zum Teufel,“ warum soll dann nicht auch ich einmal dasselbe versuchen, und wäre es auch nur, sagen wir – aus Neugier? „Denn hier ist ja nur eines, nur eines erforderlich: man muß sich nur dazu entschließen.“
Nein, Napoleon hat den Brand der großen Revolution nicht gelöscht, er hat nur den Feuerfunken derselben aus dem äußeren, politischen, weniger gefährlichen Gebiet in das innere, sittliche, um wieviel mehr explosionsfähige geworfen. Er wußte selbst nicht, was er tat, ahnte selbst nicht, „wes Geistes er war“; aber mit seinem ganzen Leben, durch sein Beispiel, durch die Größe seines Glücks und die Größe seines Unterganges hat er die tiefsten Grundfesten der ganzen christlichen und vorchristlichen Sittlichkeit erschüttert: ohne seinen Willen, gegen seinen Willen hat er die „Umwertung aller Werte“ begonnen, hat er noch nie dagewesene Zweifel an die Uroffenbarungen des Menschengewissens erweckt, hat er – wenn auch mit halbverschlafenen Augen – in das „Jenseits von Gut und Böse“ geblickt, und hat er auch anderen erlaubt und auch andere gezwungen, dorthin zu blicken. Das aber, was der Mensch dort erblickt hat, das kann er nie mehr vergessen. Die alte politische „Große“ Revolution erscheint uns trotz all ihrer äußeren blutigen Greuel vollkommen unverletzend und ungefährlich, fast gutmütig und klein wie ein Kinderspiel, fast wie Schülerunart – im Vergleich zu diesem kaum sehbaren, kaum hörbaren innerlichen Umsturz, der sich noch bis auf den heutigen Tag nicht vollzogen hat und dessen Folgen wir unmöglich voraussehen können.
Eines ganzen Jahrhunderts angestrengten philosophischen und religiösen Denkens Europas hat es bedurft – von Goethes „Prometheus“ bis zu Nietzsches „Antichrist“ –, um den ewigen Sinn der napoleonischen Tragödie als universalhistorischer Erscheinung zu erfassen: die antichristliche und doch dabei heilige Liebe zu sich selbst, zu seinem „fernen“ Selbst, die der Liebe zu anderen, zum „Nächsten“ entgegengesetzt ist; der titanische unterirdische Anfang der Persönlichkeit: „ich allein gegen alle“ –
„Ihr Wille gegen meinen“ –
der Wille der Selbstbejahung, der „Wille zur Macht“, der dem Willen zur Selbstverleugnung, zur Selbstvernichtung entgegengesetzt ist; die Empörung gegen die alte, gegen die neue, gegen jede gesellschaftliche Einrichtung, jeden „gesellschaftlichen Verband“, gegen alle „beengenden Fesseln der Zivilisation“, nach dem Ausdruck Napoleons, den er gleichsam von dem Urahn der Anarchisten, Jean Jacques Rousseau, entlehnt hat; die Empörung gegen die Menschheit (Kain), gegen Gott (Lucifer), gegen Christus (der Antichrist-Nietzsche) – das sind die emporführenden Stufen dieser neuen sittlichen Revolution. Unbegrenzte Freiheit, unbegrenztes Ich, vergöttertes Ich, Ich-Gott, – das ist das letzte, kaum zu Ende gesprochene Wort dieser Religion, die Napoleon mit so genialem Instinkt vorausgesehen hat – „ich habe eine Religion geschaffen“ –, und über die er mit so unverzeihlichem Leichtsinn scherzen konnte: „In allen Jahrmarktsbuden würde man mich verspotten, wenn ich es mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben.“
Und von diesem selben unterirdischen vulkanischen Stoß, der scheinbar aus dem Westen kam (wie wir späterhin sehen werden, nicht nur aus dem Westen), von diesem selben unklaren, bald mitfühlenden, bald spöttischen, aber immer aufregenden und tiefen Gedanken, an die napoleonische Persönlichkeit, an die Raubvögel und aufrührerischen Helden, die „Menschen des Fatums“ – angefangen von dem kaukasischen Gefangenen, Onjégin, Aleko, Petschorin und dem Dämon[1], begann auch die Wiedergeburt der russischen Literatur. Dieser Gedanke, der sich wohl zeitweilig verbarg, sich gleichsam unter die Erde versenkte, niemals aber endgültig versiegte, da er immer wieder mit neuer und neuer Kraft hervorbrach, dieser Gedanke begleitet die ganze große universalhistorische Entwicklung des russischen Geistes in der russischen Literatur, von den „Moskowitern im Child Harold-Mantel“, an deren Händen „Blut klebt“, von Aleko-Petschorin, der „nur für sich allein Willen haben will“ – bis zum Nihilisten Kiriloff, der sich für „verpflichtet“ hält, „Eigenwille zu zeigen“, bis Stawrogin, der „in beiden entgegengesetzten Polen (in der Freveltat und in der Heiligkeit) den gleichen Genuß findet“ – bis zu „Iwan Karamasoff“, der es endlich begreift, daß „alles erlaubt ist“ und somit Friedrich Nietzsches „alles ist erlaubt“ voraussagt.
Ein junger Mann[2], mit dem bleichen Gesicht, „mit wundervollen Augen und ebensolchem Äußeren“ (und nicht nur Äußeren), der an Bonaparte vor Toulon erinnert, stiehlt sich nachts in das Schlafzimmer der alten Gräfin, um ihr mittels Gewalt das Kartengeheimnis zu erpressen. Die Pistole, die er mitgenommen hat, um die Alte zu erschrecken, ist nicht geladen. Dennoch fühlt er sich als Mörder. Hier handelt es sich übrigens nicht um die Alte: „Die Alte ist Unsinn,“ vielleicht auch ein Irrtum, „nicht die Alte, sondern das Prinzip“ erschlug er, er bedurfte nur des „ersten Schrittes“: „ich wollte nur den ersten Schritt tun – mich in eine unabhängige Stellung bringen, Mittel erlangen, und dann, später, hätte sich alles durch verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen ausgeglichen. Ich wollte das Gute den Menschen.“ Und für das Gute erschlug er. Das sagt Raskolnikoff, aber dasselbe könnte auch von Puschkins Herrman in der „Pique Dame“ gesagt sein. Wie Raskolnikoff, so ist auch Herrman ein Nachahmer Napoleons. Wie flüchtig auch sein innerer Mensch von Puschkin gezeichnet ist, es ist trotzdem klar, daß er kein gewöhnlicher Verbrecher ist, daß hier noch etwas Komplizierteres, Rätselhafteres dahintersteckt. Puschkin selbst berührt natürlich, wie das so seine Art ist, kaum, kaum diese Rätsel, um dann sofort an ihnen vorüberzugehen und sich mit seinem unerhaschbar gleitenden, lächelnden Spott von ihnen loszumachen. Aber aus der wie zufällig von Puschkin hingeworfenen Skizze „Die Pique Dame“ sind nicht zufällig Gogols „Tote Seelen“ und Dostojewskis „Rodion Raskolnikoff“ hervorgegangen. So gehen auch hier die Wurzeln der russischen Literatur auf Puschkin zurück: gleichsam, als hätte er im Vorübergehen auf die Türe des Labyrinths gewiesen. Nachdem Dostojewski einmal in dieses Labyrinth eingetreten war, konnte er sich später sein Leben lang nicht mehr herausfinden: immer tiefer und tiefer drang er in dasselbe hinein, forschte, prüfte, versuchte, suchte und fand doch keinen Ausgang.
Die Verwandtschaft Raskolnikoffs mit Herrman hat Dostojewski, wie es scheint, nicht nur gefühlt, sondern auch klar erkannt. „Der Puschkinsche Herrman in der ‚Pique Dame‘ ist eine kolossale Gestalt, ein ungewöhnlicher, durch und durch Petersburger Typ – ein Typ aus der Petersburger Zeit!“ läßt Dostojewski seinen Helden in der „Jugend“ sagen, der gleichfalls einer von Raskolnikoffs geistigen Zwillingsbrüdern ist. Er sagt es bei der Beschreibung des Eindrucks, den der Petersburger Morgen auf ihn macht – „der scheinbar prosaischste auf der ganzen Welt“, den er aber für den „allerphantastischsten der Welt“ hält. „An einem solchen modernden, feuchten, nebligen Petersburger Morgen mußte der wilde Einfall eines Puschkinschen Herrman, wie mir scheint, noch mehr Wurzel fassen. Wohl hundertmal ist mir inmitten dieses Nebels der sonderbare, doch um so aufdringlichere Gedanke gekommen: Wie, wenn nun dieser Nebel verfliegt und sich emporhebt, wird dann nicht auch diese ganze modernde, sumpfig schlüpfrige Stadt zusammen mit dem Nebel emporschweben und verschwinden, wie Rauch verfliegen und nur den früheren finnischen Sumpf zurücklassen, inmitten desselben meinetwegen wie zum Schmuck der Eherne Reiter[3] auf dem heiß atmenden, überjagten Tiere?“
Ebenso wie von Puschkins Herrman kann man auch von Raskolnikoff sagen, daß er ein „durch und durch Petersburger Typ“ ist, „ein Typ aus der Petersburger Zeit“. In keiner einzigen anderen, weder russischen noch europäischen Stadt – außer in Petersburg – in keinem einzigen anderen Zeitabschnitt der russischen oder europäischen Geschichte hätte dieser Herrman sich entwickeln und auswachsen können zu einem – Raskolnikoff. Und hinter diesen zwei „kolossalen“, „außergewöhnlichen“ Gestalten hebt sich eine dritte Gestalt ab – tritt die noch kolossalere und außergewöhnlichere Gestalt des Ehernen Reiters auf dem Granitfels hervor. Was zuerst fremd, aus dem „angefaulten Westen“ importiert, romantisch, byronisch, napoleonisch erschien, wird verwandt, volklich, russisch, wird zum Geiste Puschkins, Peters; was aus den Tiefen Europas kam, trifft mit aus den Tiefen Rußlands Kommendem zusammen. Ist der Traum unseres sagenhaften Recken der Steppe, unseres Ilja von Murom, nicht der Traum vom „Wundertäter“, dem „Riesen“? Ja, in diesem Nebel der finnischen Sümpfe und in dem Granit der aus ihnen emporgewachsenen Stadt fühlt man deutlich die Verbindung aller kleinen und großen Helden der aufständischen oder nur andrängenden russischen Persönlichkeit von Onjégin bis Herrman, von Herrman bis Raskolnikoff, bis Iwan Karamasoff – mit demjenigen,
– durch dessen Fatumswille
Die Stadt sich aus dem Meer erhob –
diese „absichtlichste aller Städte der Erdkugel“, die Stadt der abstraktesten Erscheinungen, der größten Vergewaltigung der Menschen und der Natur, des historischen „lebendigen Lebens“, die Stadt der anscheinend geometrischen Ordnung, des mechanischen Gleichgewichts, in Wirklichkeit aber – der gefahrvollsten Aufhebung der Lebensordnung und des Lebensgleichgewichts. Nirgendwo in der Welt sind so unerschütterliche Massen auf so schwankendem Grunde aufgetürmt: Granit, der sich in Nebel auflöst, Nebel, der sich zu Granit verdichtet. Der „Geist der Knechtschaft“ – der „stumme und taube“ Geist, von dem es zu Raskolnikoff hinüberweht, während er auf der Brücke steht und auf das „großartige Panorama“ der Petersburger Kais schaut; der Geist der Unfreiheit und des „Verhängnisses“, des widernatürlichen und übernatürlichen „Willens“. Der „wilde Einfall“ Raskolnikoffs „hätte noch mehr Wurzel fassen müssen“ – gerade hier in dieser phantastischen Stadt „mit der allerphantastischsten Entstehungsgeschichte der Welt“, durch die Berührung dieser Wirklichkeit, die selbst einem wilden Einfall, einem Fieberwahn gleicht. „Vielleicht ist das alles nur irgend jemandes Traum? ... Irgend jemand, dem alles das träumt, wird plötzlich erwachen – und alles wird dann plötzlich verschwinden.“
Bereits Puschkin hat die Ähnlichkeit Peters mit Robespierre bemerkt. Und in der Tat sind die sogenannten „Reformen“ Peters die größte Revolution, der größte Umsturz, die Empörung, der Aufstand von oben, „der weiße Terror“. Peter ist Tyrann und Rebell zu gleicher Zeit, Rebell im Verhältnis zum Vergangenen, Tyrann im Verhältnis zum Zukünftigen, Napoleon und Robespierre in einer Person. Und sein Umsturz ist nicht nur politisch, sozial, sondern in noch viel größerem Maße sittlich, er ist ein unerbittlicher, unbarmherziger, wenn auch unbewußter Bruch aller kategorischen Imperative des Volksgewissens, ist die zügellose Umwertung aller sittlichen Werte. Ich glaube, daß, wenn in den Annalen alle menschlichen Verbrechen aufgezeichnet wären, man keines finden würde, das das Gewissen, wenn nicht mehr empören, so doch mehr befangen machen könnte, als die Ermordung des Zarewitsch Alexei. Ist sie doch nicht wegen des fraglos Verbrecherischen furchtbar, sondern wegen der immerhin möglichen Gerechtigkeit und Schuldlosigkeit des Sohnmörders; dieses Verbrechen ist furchtbar dadurch, daß man sich darüber auf keine Weise beruhigen kann, nachdem man zugegeben hat, daß er doch kein gewöhnlicher Missetäter ist, ein „Verbrecher außerhalb des Gesetzes“. Eine so rätselhafte Tragödie finden wir in Napoleons Leben nicht. Doch am fruchtbarsten ist hierbei die Frage: wie aber, wenn Peter so handeln mußte? wie, wenn er durch die Unterlassung dieser Tat das größte und wahre Heiligtum seines Zarengewissens zerstört hätte? Tötete er denn den Sohn um seinetwillen – für sich selbst? Aber Peter konnte doch tatsächlich nicht – er verstand es einfach nicht – sich von Rußland unterscheiden, sich und Rußland nicht als eins fühlen: er empfand sich als Rußland, liebte Rußland wie sich selbst, liebte es mehr als sich selbst. Wer wagt zu sagen, daß er nicht tausendmal für Rußland gestorben wäre? Er wollte Rußlands Bestes, „wollte das Gute den Menschen bringen“, darum tötete er denn auch, darum „übertrat“ er das Gesetz, trat er über das Blut, da er glaubte, daß dieser Schritt „später durch verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen wieder gut gemacht werden wird“. Er „lud sich das Blutvergießen – auf sein Gewissen“.
Und da steht Peter – wie Puschkin sagt – „bis zum Knie im Blute“, eigenhändig foltert und enthauptet er. Der Sohn des „Stillsten Zaren“ ist – Henker auf dem Roten Felde[4]. Und in dem Augenblick ahmt er niemandem nach, in dem Augenblick ordnet er sich keinerlei fremden Einflüssen des Westens unter, in dem Augenblick ist er im höchsten Grade russischer Zar, Nachfolger Iwans des Grausamem. Der Moskauer Zar-Henker ist ebenso autochthon, wie der Zaardamer Zimmermann, der einfache Arbeiter. Selbst seine ärgsten Feinde, die Abtrünnigen[5], fühlen doch, wenn sie ihn auch den „Fremden“, den „Untergeschobenen“ nennen, daß er mit ihnen blutsverwandt ist. Und auch die Slawophilen hassen ihn als Blutsverwandten, hassen ihn mit dem größten Bluthaß, denn sie fühlen, daß er ihr eigen Fleisch und Blut ist, und was ihren Haß erzeugt, ist dasselbe Blut, das in Puschkin seine ebenso starke Liebe zu Peter erzeugt hat. Nein, nie noch hat es in der Weltgeschichte eine solche Verirrung, eine solche Erschütterung des Menschengewissens gegeben, wie sie Rußland in der Zeit der „Reformen Peters“ erfahren hat. Wahrlich, nicht nur bei den Raskolniken allein konnte darob der Gedanke an den Antichrist entstehen! Es scheint, daß diese Erschütterung sich noch bis auf den heutigen Tag nicht nur im russischen Volke, sondern auch in unserer kultivierten Gesellschaft bemerkbar macht. Es scheint, daß der sumpfige Grund des finnischen Moores immer noch unter dem Ehernen Reiter schwankt. Wenn nicht heute, dann kommt morgen ein – neuer Umsturz in dieser „phantastischen Geschichte“, eine neue Überschwemmung, wie sie Puschkin in seinem „Ehernen Reiter“ geschildert ...
Die Kraft der Wirkung ist gleich der Kraft der Gegenwirkung, dem Aufruhr von oben antwortet der Aufruhr von unten, dem weißen Terror der rote. Der russische Sozialismus oder der russische Terrorismus – gleichfalls eine „durch und durch Petersburger“ Erscheinung, eine Erscheinung des „Petersburger“, peterschen Zeitabschnitts – ist einer der ewigen und prophetischen Träume des „Giganten auf dem ehernen Pferde“, ist einer der steilen Abhänge jenes „Abgrunds“, über dem er mit seinem Zügelruck „Rußland sich aufbäumen macht“. Hier muß der „wilde Gedanke“ des Terrorismus durch die Berührung mit der „wilden“ und phantastischen Wirklichkeit noch fester Fuß fassen. Und das ist jener gespenstische Nebel, der Nebel des Petersburger Tauwetters, der Nebel der Winde aus dem „faulenden Westen“, mit dem zusammen die bereiften Granitblöcke sich sofort erheben und wie Nebel verflattern und sich in nichts auflösen werden ...
„Es begann mit der Anschauung der Sozialisten,“ sagt der Student Rasumichin über die Lehre Raskolnikoffs vom Verbrechen – diese Lehre, aus der die ganze Tragödie entstanden ist.
In Europa war der Sozialismus abstrakte, wissenschaftliche Anschauung, oder private Anwendung dieser allgemeinen Anschauung, die durch die geschichtlichen Lebensbedingungen der Kultur hervorgerufen worden war. Erst in Rußland wurde der Sozialismus zur allgemeinen, allesverschlingenden, philosophischen, metaphysischen (denn der äußerste Materialismus ist bereits Metaphysik), teilweise sogar zur mystischen Lehre vom Sinn des Lebens, dem Ziel und Zweck der Weltentwicklung – mystisch natürlich ohne Wollen und Wissen ihrer Verkündiger. Und wiederum nur hier, in Rußland, in dem Rußland Petersburgs und Peters, kommt der Sozialismus bis zu seinen letzten (seinen ersten Lehrsätzen in bedeutendem Maße widersprechenden, mitunter dieselben unmittelbar verneinenden) – anarchistischen Folgerungen. Anarchismus ist ein furchtbares russisches Wort, ist die russische Antwort auf die Frage der westeuropäischen Kultur. Das haben wir nicht von Europa entlehnt, das haben wir Europa gegeben. Rußland hat hier zuerst, zum ersten Male das ausgesprochen, was Europa nicht zu sagen wagte. Hierin hat sich jene besondere Neigung, die mit religiöser Verblendung viel Gemeinsames hat, die Neigung zu allem dialektisch Äußersten, Zügellosen, Überschreitenden, selbst über den letzten „Strich“ gehenden, die dem russischen Geiste eigen ist, wieder einmal ausgesprochen. Und so ist es selbstverständlich auch kein gewöhnlicher Zufall, daß diese unerhörte Entwicklung dieser beiden anscheinend so entgegengesetzten und unvereinbaren äußersten Pole – die Idee der Selbstherrschaft und die Idee der Herrschaftslosigkeit, der Monarchie und der Anarchie – sich gerade in dem Rußland Peters vollzogen hat. Sind sie doch beide aus „einem Geiste“ hervorgegangen, aus dem „stummen und tauben“ Geiste, aus dem Geiste des größten Selbstherrschers und des größten Rebellen der Neuen Geschichte: sie sind die zwei steilen Abhänge, die zwei Ränder immer derselben Kluft, desselben „Abgrundes“, über dem sich das Pferd des Ehernen Reiters bäumt. In der Politik – Anarchismus, in der Sittlichkeit – Nihilismus. Und auch hier, im Nihilismus, ist der „letzte Punkt“ erreicht; auch hier ist der „ganze historische Weg zurückgelegt, es gibt nichts mehr, wohin man weitergehen könnte“. Wiederum das russische Extrem, die äußerste, dialektisch-zügellose, nichtwissenschaftliche Folgerung aus der westeuropäischen wissenschaftlichen „Kritik der reinen Sittlichkeit“, die sich als unerfüllbarer erwies, als die „Kritik der reinen Vernunft“, die Folgerung aus den westeuropäischen, unvergleichlich zaghafteren und gemäßigteren, weil mehr lebenskulturellen, mehr geschichtlich-realistischen „Versuchen, sich auf der Erde ohne Gott einzurichten“ – ohne himmlische wie auch ohne irdische Macht, – die Folgerung aus der, wie man meint, ausschließlich materialistischen und mechanistischen Weltauffassung.
Wenn Rasumichin recht hat, daß die Lehre Raskolnikoffs mit der Anschauung der Sozialisten begonnen habe, so ist das natürlich nicht im Sinne des westeuropäischen Sozialismus zu verstehen, sondern in einem besonderen, russischen Sinne, im Sinne des Anarchismus und Nihilismus.
„Nun, die Auffassung der Sozialisten ist ja bekannt,“ fährt Rasumichin fort, „das Verbrechen sei ein Protest gegen die Anormalitäten der sozialen Einrichtung – und nichts weiter, irgend welche anderen Ursachen werden überhaupt nicht zugelassen – und das sei alles!“ Raskolnikoff aber geht bereits hier in seinem Ausgangspunkte viel weiter als die Sozialisten. Die Sozialisten sagen: der Protest – die Verneinung des Vorhandenen – muß zusammen mit dem, gegen was er gerichtet ist, verschwinden, die Verbrechen müssen in demselben Verhältnis, wie die „ungerechte Einrichtung oder Einteilung der Gesellschaft sich durch eine gerechte ersetzt“, seltener werden oder gar gänzlich aufhören. Raskolnikoff aber faßt es anders auf: das Verbrechen ist für ihn nicht nur Verneinung, Zerstörung des Alten, sondern auch Bejahung, Schaffung von Neuem, die nicht mit zeitlichen, veränderlichen Bedingungen der menschlichen Gesellschaft verbunden ist, sondern mit den ewigen, unveränderlichen Gesetzen der Natur. „Nach dem Naturgesetz,“ sagt er zu Porphyri Petrowitsch, dem Untersuchungsrichter, indem er seine Lehre auseinandersetzt, „zerfallen die Menschen im allgemeinen in zwei Arten: in eine niedrigere Art, das sind die Gewöhnlichen, oder sagen wir einfach das Material, das einzig zur Erzeugung von Seinesgleichen dient, und in die eigentlichen Menschen, d. h. solche, die die Gabe oder das Talent besitzen, in ihrer Mitte ein neues Wort zu sagen ... Die zur zweiten Abteilung gehörenden übertreten alle das Gesetz, das sind die Umstürzler ... Und wenn ein solcher für seine Idee selbst über Leichen, über Blut schreiten muß, so darf er – meiner Meinung nach – innerlich, vor seinem Gewissen, sich die Erlaubnis geben, meinetwegen auch Blut zu vergießen – übrigens, je nach der Idee und ihrem Umfange, das nicht zu vergessen.“ – „Wenn die Entdeckungen eines Kepler oder Newton, sagen wir, infolge irgendwelcher Kombinationen auf keine andere Weise den Menschen bekannt werden könnten, als durch das Opfer von einem, zehn, hundert oder noch mehr Menschen, die der Bekanntmachung der Entdeckung hinderlich wären oder sich als unüberwindliches Hindernis auf ihren Weg gestellt hätten, so hätte Newton das Recht und wäre sogar verpflichtet, diese zehn oder hundert Menschen zu ... beseitigen, um seine Entdeckungen der ganzen Welt kundtun zu können.“ – „Ferner ... alle Gesetzgeber oder Ordner der Menschheit, angefangen von den ältesten, fortgefahren mit Lykurg, Solon, Mahomet, Napoleon und so weiter (wie interessant, daß in dieser Aufzählung nicht auch Peter genannt wird, wen aber, sollte man meinen, müßte wohl Raskolnikoff der ‚durch und durch Petersburger‘ petrische Typ, wohl nennen, wenn nicht Peter?) – alle sind sie bis auf den letzten Verbrecher, Übertreter schon allein durch den einen Umstand, daß sie, indem sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft heilig gehaltene und von den Vätern überkommene zerstörten, und weil sie selbstverständlich auch vor dem Blutvergießen für ihr neues Wort nicht zurückgeschreckt sind, wenn dieses Blut (das mitunter vollkommen unschuldig war und heldenmütig für das alte Gesetz hingegeben wurde) ihnen nur helfen konnte. Es ist wirklich auffallend, daß die meisten von diesen Ordnern und Wohltätern der Menschheit vor allem furchtbare Blutvergießer gewesen sind. Mit einem Wort, ich folgere daraus, daß alle, nicht nur die ganz Großen, sondern die auch nur etwas aus dem alten Geleise Heraustretenden, ich meine, wenn sie auch nur etwas Neues – mag es noch so klein sein – zu sagen vermögen, ihrer Natur gemäß unbedingt Verbrecher oder ‚Übertreter‘ sein müssen, versteht sich, mehr oder weniger. Anders, d. h. ohne Übertretung, würde es ihnen nicht gut möglich sein, aus dem alten Geleise herauszukommen, in ihm aber zu bleiben, das können sie natürlich nicht, und zwar wiederum ihrer Natur gemäß nicht, und meiner Meinung nach sind sie sogar unmittelbar verpflichtet, nicht sich darein zu fügen, nicht den anderen zu folgen.“
Am auffallendsten ist hierbei die aufrichtige oder vorgetäuschte Ruhe, die Selbstbeherrschung, mit der er seine Lehre wie irgend ein abstraktes, mathematisches Axiom auseinandersetzt. Ein Mensch spricht von Menschlichem, als wäre er selbst kein Mensch, sondern ein Wesen aus einer anderen Welt, oder wie ein Naturforscher von einem Ameisenhaufen oder Bienenstock spricht. Er untersucht nicht das, was sein sollte, sondern das, was ist, nicht Gewünschtes, sondern Vorhandenes. Als gäbe es zwischen der sittlichen und der religiösen Welt überhaupt keine Verbindung, als gäbe es zwischen dem Gedanken an das Wohl der Menschen und dem Gedanken an Gott keinerlei Beziehung, als hätte es diesen Gedanken an Gott überhaupt nie im Menschengewissen gegeben! Aber man muß Raskolnikoff Gerechtigkeit widerfahren lassen: seit Machiavelli hat kein einziger von sittlichen und politischen Fragen, die doch die größten Leidenschaften erregen, mit einer solchen Leidenschaftslosigkeit gesprochen. Und selbst die Sprache des Petersburger Nihilisten erinnert durch ihre schneidende Schärfe, Kälte und Klarheit der Dialektik, die „scharf wie ein Rasiermesser“ ist, an die Sprache des Sekretärs der florentinischen Republik.
Nur ein einziges Wort zum Schluß des Gespräches fällt aus dieser zynischen Leidenschaftslosigkeit heraus und enthüllt zu gleicher Zeit unter den abstrakten Gedanken eine noch viel größere Tiefe, als selbst Raskolnikoff ahnt.
„Nun, aber die wahrhaft Genialen,“ unterbricht Rasumichin halb ärgerlich, „diese, denen das Recht zu morden gegeben ist – die müssen dann also überhaupt nicht leiden, auch nicht einmal für vergossenes Blut?“
„Wozu hier das Wort ‚müssen‘?“ entgegnet Raskolnikoff. „Hier gibt es weder Erlaubnis noch Verbot. Mögen sie doch leiden, wenn ihnen das Opfer leid tut ... Leiden und Schmerz sind stets mit umfassender Erkenntnis und einem tiefen Herzen verbunden. Ich glaube, die wahrhaft großen Menschen müssen in der Welt eine tiefe Schwermut empfinden,“ fügte er plötzlich wie in Gedanken versunken hinzu, so daß es sogar aus dem Ton der Unterhaltung herausfiel. –
Auch auf dem Gesichte desjenigen, dem Raskolnikoff nachahmt, dem er auch äußerlich ganz ebenso wie Puschkins Herrman ähnelt, – auch auf dem sonderbar unbeweglichen Gesichte Napoleons, in seinen Augen, die scheinbar „in die Ferne, oder auf einen einzigen fernliegenden Punkt gerichtet sind“, finden wir den Stempel dieser tiefen Schwermut, dieser großen Trauer, – kein Anzeichen von Reue oder Gewissensbissen, oder Leiden, sondern gerade nur von schwermütiger Trauer: als hätte er das erblickt, was Menschenaugen nicht sehen sollten, irgendein letztes Geheimnis der Welt vielleicht, und seit der Zeit verläßt dieser Schatten sein Antlitz nicht mehr, selbst nicht im blendendsten Lichte des Ruhmes und Glückes.
Ja, dieses sonderbare Wort fällt „aus dem Ton der Unterhaltung heraus“: es mag ihm gleichsam im Versehen entschlüpft sein. Es ist ein jenseitiges, fast religiöses Wort. Denn, wenn in den Fragen von Gut und Böse alles so mathematisch klar und einfach ist, wenn das sittliche Gesetz nur das Gesetz der „Natur“, der natürlichen Notwendigkeit, der inneren Mechanik ist – worüber trauert er dann, woher kommt dann dieser Schatten, vielleicht nicht aus der göttlichen, aber jedenfalls auch nicht der menschlichen Welt? Hat Raskolnikoff sich nicht versprochen, verraten? Verrät uns nicht dieses eine Wort, daß seine ganze wissenschaftliche Leidenschaftslosigkeit nur Äußerlichkeit, nur Membrane ist – übrigens ganz so wie auch die Leidenschaftslosigkeit Machiavellis, der das Geheimnis seines „tiefen Herzens“ ahnungslos aufdeckt, sobald er nur auf die Zukunft Italiens zu sprechen kommt? Es scheint, daß bei beiden unter der Leidenschaftslosigkeit eine – große Leidenschaft loht ... wie ein „Feuertrank in einem Becher von Eiskristall“.
Der Vorwurf, den Rasumichin den Sozialisten und teilweise auch seinem Freunde Raskolnikoff macht – hatte doch nach Rasumichins Meinung auch bei ihm alles mit der „Anschauung der Sozialisten angefangen“ – dürfte von diesem wohl kaum verdient sein: „Die Natur wird überhaupt nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die wird als gar nicht vorhanden angenommen! – Darum lieben sie ja auch so instinktiv die Geschichte nicht ... sie lieben die lebendige Entwicklung des Lebens nicht: wozu lebendige Seele! Die lebendige Seele verlangt Leben, die lebendige Seele gehorcht nicht der Mechanik, die lebendige Seele ist mißtrauisch, die lebendige Seele ist konservativ. Hier aber, wenn’s auch nach Aas riecht – aus Kautschuk kann man’s schon machen.“
Der unerbittliche Aristokratismus, den Raskolnikoff zur Grundlage seiner Theorie gemacht hat – die Einteilung der Menschen in Herde und Helden, in tatloses „Material“, in Sache, und in schöpferische Genies, die wie Bildhauer aus diesem Material eine neue Form meißeln, ein neues Angesicht der Geschichte – ist vielleicht eine zu einseitige Auffassung, sie ist vielleicht zu übertrieben und darum ertötend, jedenfalls aber nicht tot, ist außerhalb des Lebens, aber darum nicht etwa leblos. Wenn diese Lehre auch der „Mechanik“ ähnelt, so ist sie doch immerhin nicht „aus Kautschuk“ gemacht, sondern aus dem härtesten Stahl und, wie eben eine schneidende Klinge, tötet sie wohl, aber sie prüft, erprobt, sie durchbohrt das lebendige Fleisch, den lebendigen Geist der Geschichte. Es geht schwer an, einen solchen Beobachter der menschlichen Natur, wie Machiavelli, zu verdächtigen, daß er die „Natur überspringe, die Geschichte, die lebendige Entwicklung des Lebens nicht liebe“. Der Sekretär der Republik Florenz am Hofe Cesare Borgias befand sich im Mittelpunkt dieser „lebendigen Entwicklung“, im Strudel der größten historischen Ereignisse, im Herzen der Renaissance. Machiavelli spricht nur davon, was er tatsächlich von diesem im grenzenlosen Leben und unbegrenzten Leidenschaften schlagenden Herzen erlauscht hat, nur davon, was er der „Natur“ insgeheim abgesehen, dieser Natur, die sich gerade damals in ihrer furchtbaren Nacktheit nicht nur in den Schöpfern, sondern auch in den Kritikern der Geschichte offenbarte. Und jedenfalls kann man von dieser verführerischen Schimäre nicht sagen, daß es von ihr wie „Aasgeruch“ herüberwehe, eher aber schon „wie von frischvergossenem Blute“, und wohl aus nichts weniger als „Kautschuk“ dürfte sie gemacht sein. Aus dem Leben ist sie hervorgegangen und ins Leben hineingegangen – und wenn auch wiederum wie schneidender Stahl. Indessen liegt der sittlichen wie auch politischen Lehre Machiavellis vielleicht derselbe oder gar ein noch schonungsloserer Aristokratismus zugrunde, als bei Raskolnikoff. Ist es bei ihm nicht dieselbe Einteilung der Menschen in „Material“, „Pöbel“, „ekelhaftes Gewürm“ (wie Nietzsche es nennt) – in vulgus, das durch das Naturgesetz zum Gehorchen bestimmt ist, – und in Gebieter, in Herrscher, in Pfleglinge des Halbtiers, des Halbgotts, des Zentauren Chiron, die gleich ihrem Lehrer die übermenschliche, göttliche Natur mit der des „Tieres“, der bestia in sich vereinen müssen? – ist es nicht dieselbe „Entbindung von der Blutschuld auf ihr Gewissen“, die Erlaubnis, den „Wohltätern, den Ordnern der Menschheit“ gegeben, Blut zu vergießen? – ist nicht die vermeintlich unvermeidliche Vereinung von „Tugend“ (virtù) und „Grausamkeit“ (ferocità) in ihnen? Nicht umsonst hat Nietzsche, der seine Einsamkeit in der Weltliteratur fast krankhaft empfand und ihr solchen Wert beilegte, Nietzsche, der so anspruchsvoll war im Anerkennen von Verwandten oder Bundesgenossen, nicht umsonst hat er unter seinen wenigen Vorgängern Machiavelli und Dostojewski („diesen tiefen Menschen, den einzigen Psychologen, bei dem ich etwas zu lernen hatte“) nebeneinandergestellt – letzteren natürlich nicht als bewußtes Dogma, sondern nur für die künstlerische Darstellung solcher Helden des persönlichen Prinzips, wie Iwan Karamasoff und Rodion Raskolnikoff. Nietzsche ist ja gleichfalls – und das wissen wir bereits aus der Erfahrung unseres eigenen Herzens und Verstandes – aus dem Leben hervorgegangen und so geht er auch wieder in das Leben hinein. Was nun auch der Wert seiner Lehre sei, jedenfalls sehen wir nur zu gut, daß man mit ihm nicht wie mit einer toten Abstraktion, sondern wie mit einer tief lebendigen historischen Kraft, gleichviel ob mit einer positiven oder negativen, in jedem Fall aber lebendigen Erscheinung der „lebendigen Entwicklung“ rechnen muß.
Machiavellis „Principe“, Raskolnikoffs „Herrscher“, Nietzsches „Übermensch“ – das sind wieder die emporführenden Stufen, die Stufen eines besonderen, nicht ins Vergangene, sondern ins Zukünftige gerichteten, zerstörend schöpferischen, zügellos aufrührerischen Aristokratismus, der aufrührerischer als jegliche Demokratie ist, – eines Aristokratismus, der in der Politik wie in der Sittlichkeit allen Wiedergeburten, die sich bis jetzt vollzogen haben, eigen ist.
Wenn nun Raskolnikoff auch tatsächlich von der „Anschauung der Sozialisten“ ausgegangen ist, so ist er doch zu einem Schluß gekommen, der ihrer Auffassung am entgegengesetztesten ist: Ungleichheit als unwandelbares, in jeder menschlichen Gesellschaft verwirklichtes „Naturgesetz“. Und diese Ungleichheit in ihrer Natur glättet sich nicht etwa aus, im Gegenteil, sie vertieft sich noch proportional der universalgeschichtlichen Entwicklung: die Menschheit hat sich gleichsam in zwei Hälften zerspalten und schon gibt es keine Vereinigung für sie, kein Zusammenwachsen mehr. „Der Mensch ist dem Menschen ein – Tier“ – oder Gott, in jedem Falle aber nicht Bruder, nicht Nächster, nicht Gleicher ... nach dem furchtbaren Worte Nietzsches, daß zwischen dem Menschen und dem Menschen eine größere Entfernung liegt, als zwischen Mensch und Tier.
Zu gleicher Zeit ersieht man daraus, wie die Idee der Anarchie in ihren extremsten Folgeschlüssen sich unvermeidlich der Idee der Monarchie nähert und sogar unmittelbar mit ihr in eins zusammenfließt: die letzte Freiheit „jenseits von Gut und Böse“, die letzte Herrschaftslosigkeit führt zur Einherrschaft, zur Selbstherrschaft des Genies – zum Gebot Platons: „es möge das Genie herrschen“.
Übrigens macht Raskolnikoff in der ersten theoretischen Darlegung seiner Gedanken dem Sozialismus eine Konzession; er sagte „Diese (die Menschen der Masse) erhalten die Welt und vermehren sich; jene (die Helden) bewegen die Welt und führen sie ihrem Ziele zu. Diese wie jene haben also vollständig dasselbe Recht zur Existenz. Mit einem Wort, in meinen Augen haben alle das gleiche Recht, und – vive la guerre éternelle[1] ... bis zum neuen Jerusalem, versteht sich!“
„So glauben Sie immerhin doch an ein neues Jerusalem?“ fragt Porphyri Petrowitsch.
„Ja, ich glaube daran.“
Hätte diese Konzession für seine ganze Lehre in der Tat die Bedeutung, die er selbst annimmt, so müßte die Teilung der Menschen in erhaltende, fortsetzende, und in die Welt bewegende, nicht die Vorstellung von Höheren und Niedrigeren, von Verächtlichen und Edlen hervorrufen. Beide Teile würden dann auf gleicher Stufe stehen. Dann hätte sich Raskolnikoff in diesen „Geringen hienieden“ ein zwar anderer, aber doch nicht geringerer Adel offenbart, als in den Großen – ein anderer, aber nicht geringerer Wert. Die Vorstellung von der „zitternden Kreatur“ (Nietzsches „ekelhaftem Gewürm“), vom Pöbel, würde durch die Vorstellung des Volkes oder der „universalen Vereinigung der Menschen“ ersetzt werden. Beide Fähigkeiten – wie die Erhaltung des Gleichgewichts, so auch die Bewegung nach vorn, das Fleisch und der Geist der Menschheit – wären in seinen Augen in gleichem Maße heilig. Nicht Masse, wohl aber echtes Volk zu sein, würde ihm nicht verächtlicher und nicht rühmlicher erscheinen, als Held zu sein. Und so könnte man noch viele andere frappierende, von ihm sicherlich nicht erwartete Folgerungen aus dieser einen Konzession ziehen, die er ja doch nicht nur dem Sozialismus, sondern auch der Lehre Christi macht. Z. B.: würde sich daraus nicht ergeben, daß es folglich zwei Tafeln sittlicher Werte gibt, zwei Gewissen, zwei Wahrheiten, die tatsächlich „gleichstark“, „gleichberechtigt“ sind? Hätte er dann nicht auch an den letzten Grenzen dieser Zerspaltung die Möglichkeit der Vereinigung erblickt, – hätte sich dann nicht auch der Vorhang vor dem wirklich „neuen“, längst nicht mehr sozialistischen „Jerusalem“ vor ihm erhoben?
Aber das ist es ja: Raskolnikoff erkennt das „gleiche Recht beider Hälften auf Existenz“ nur mit dem Verstande an. Sein Herz verneint dieses Recht mit einer Kraft, wie es bis jetzt noch niemals jemand verneint hat, und er setzt zwischen ihnen eine größere Entfernung voraus, als der alte Grieche zwischen dem Sklaven und dem Freien, als der Inder zwischen Tschandala und Brahmane. Ja es scheint, daß es überhaupt keine größere Entfernung, keine größere Kluft in der Welt gibt, als es diese ist, die Raskolnikoff zwischen den zwei Menschenklassen annimmt. Er kann keine genügend grausamen, hochmütigen, zynischen Worte finden, um seine ganze Verachtung für die Nichthelden auszudrücken. – „Oh, wie verstehe ich den Propheten zu Pferde und mit dem Schwert in der Hand: wenn Allah befiehlt, so hast du zu gehorchen, zitternde Kreatur! Recht, wahrlich Recht hat der ‚Prophet‘, wenn er irgendwo mitten auf der Straße eine gu–ute Batterie aufstellt und auf Gerechte und Ungerechte feuern läßt, ohne sie auch nur eines Wortes der Erklärung zu würdigen! Gehorche, zitternde Kreatur, und – laß dich nicht gelüsten, denn – das kommt dir nicht zu!!!“ – Von welch einem Rechte der Masse auf Existenz kann danach noch die Rede sein? Es sei denn – von dem Recht auf ewiges Zittern, ewiges Nichtsein vor dem „Propheten“. Gibt es doch für Raskolnikoff kein größeres Entsetzen und keinen größeren Ekel, als sich als Menschen, wie alle, zu fühlen. Er hat ja auch nur deshalb den Mord begangen, um den Strich, der den Helden von dem Nichthelden scheidet, zu überschreiten, um sich selbst zu beweisen, daß er ein – Mensch ist und nicht ein Ungeziefer, nicht eine „Laus“. – „Ich mußte damals unbedingt erfahren, ich mußte mich sobald als möglich überzeugen, ob ich ein Ungeziefer bin, wie alle, oder ein Mensch? ... Bin ich nur eine zitternde Kreatur, oder habe ich das Recht?“ – „Da hasten sie alle hin und her durch die Straßen und ist doch ein jeder von ihnen ein Schuft und Spitzbube allein schon seiner Natur gemäß, sogar schlimmer als das – ein Idiot! ... O, wie ich sie alle hasse!“ In seinem Herzen ist kein Körnchen von jener Liebe und Achtung vorhanden, ja nicht einmal von jener Gerechtigkeit zu den „Fortsetzern“, den „Erhaltern“ der Menschheit, die er mit dem Verstande anerkennt. Augenscheinlich besteht hier zwischen dem Lebensgefühl und dem abstrakten Gedanken Raskolnikoffs irgendein klaffender Widerspruch.
Die zweite Konzession, die er dem Sozialismus macht, ist die Anerkennung des „Wohles der Menschheit“ als höchstes bewußtes Ziel der Helden. Die Helden sind, wie er sagt, „Ordner und Wohltäter der Menschheit“. Sie übertreten das Gebot nicht nur aus dem Grunde, weil ihre Natur derart beschaffen ist, sondern auch zu dem Zweck, nur das höhere Gebot zu erfüllen. Sie zerstören das Bestehende im Namen eines besseren Zukünftigen, im Namen des „neuen Jerusalem“. Sie opfern wenige für das Glück vieler, die Minderheit der Mehrheit. Ihre Verbrechen sind nicht nur natürlich, sondern auch vernünftig, denn verderblich sind sie nur für einzelne, vorteilhaft aber für Millionen, und somit können sie sogar durch die mathematische Berechnung gerechtfertigt werden: „läßt sich denn nicht ein einziges kleines Verbrechen durch Tausende von guten Taten wieder gut machen? Für ein Leben tausend Leben. Ein Tod und zum Ersatz dafür hundert Leben – das ist doch Arithmetik!“
Aber auch der zweiten Konzession kann man keine größere Bedeutung beilegen als der ersten; übrigens sieht er das zum Schluß auch selbst ein und zerreißt dann endgültig die letzte Verbindung mit der „Anschauung der Sozialisten“: – „Weswegen schimpfte doch Rasumichin vorhin über die Sozialisten? Das sind doch arbeitsame, handeltreibende Leutchen, bemühen sich um das ‚allgemeine Glück‘ ... Nein, mir wird das Leben nur einmal gegeben, und niemals werde ich es wieder haben! – Ich will nicht das ‚allgemeine Glück‘ abwarten. Ich will auch selbst leben – oder sonst lieber überhaupt kein Leben! Nun was? Ich wollte nur nicht an einer hungrigen Mutter vorübergehen und, in der Erwartung des ‚allgemeinen Glücks‘, in der Tasche meinen Rubel festhalten.“ – „Ich bringe, wie man sagt, ‚einen Stein zum Bau des allgemeinen Glücks und so kann mein Herz ruhig sein‘. Haha! Warum habt ihr mich denn durchgelassen? Ich lebe doch im ganzen nur einmal, ich will doch auch ...“ Und er lacht, – „zähneknirschend“ – über die mathematische Berechnung des Vorteils, des menschlichen Wohles: „Unternehme es, sozusagen, nicht im Interesse meines eigenen Fleisches, und der eigenen Lust, sondern habe ein ungeheures, erhabenes Ziel im Auge, – haha! ... Beschloß jede nur mögliche Gerechtigkeit zu beobachten, Maß und Gewicht, und Arithmetik. Von allen Läusen wählte ich die allerüberflüssigste aus, und indem ich sie tötete, beschloß ich, genau nur soviel zu nehmen, wieviel ich für den ersten Schritt brauchte, nicht mehr und nicht weniger (und das übrige wäre dann nach dem Testament sowieso einem Kloster zugefallen, – haha! ...). O Erbärmlichkeit! ... O Gemeinheit! ...“ Und bereits kurz vor der „Beichte“ gesteht er Ssonja Marmeladoff: „Die ganze Qual dieser Schwätzerei habe ich ertragen, Ssonja, und da wollte ich sie denn endlich von den Schultern wälzen: ich wollte ohne Kasuistik erschlagen, versteh mich recht, Ssonja, für mich wollte ich erschlagen, für mich allein! Darin wollte ich niemanden belügen, selbst mich nicht! Nicht um meiner Mutter helfen zu können, habe ich erschlagen – Unsinn! Ich habe auch nicht erschlagen, um nach der Erlangung von Mitteln und Macht ein Wohltäter der Menschheit zu werden – Unsinn! Ich habe einfach erschlagen, für mich selbst habe ich erschlagen, nur für mich allein!“ ...
Hier geht in der Seele Raskolnikoffs etwas Furchtbares und Rätselhaftes vor sich. Man sollte meinen, wenn er für andere, zum Wohle der Menschen erschlagen hätte, dann wäre eine Rechtfertigung noch möglich: zwar ist es, würde man sagen, ein schlechtes Mittel, aber dafür hat er ein edles Ziel gehabt. Hat er es aber „für sich allein“ getan, „für sein eigen Fleisch und zur eigenen Lust“, dann gibt es hierfür keine Rechtfertigung mehr, dann ist er ein gewöhnlicher Dieb und Mörder, ein einfacher Missetäter, ein „Verbrecher außerhalb des Gesetzes“. Indessen ahnt Raskolnikoff dunkel, daß es in diesem Falle doch nicht so ist: ja, er hat für sich erschlagen, für sich allein, aber doch nicht für sein Fleisch und seine Lust allein, sondern noch für etwas Höheres in sich, für etwas Unzweifelhafteres und zu gleicher Zeit Uneigennützigeres, Ferneres, als das Wohl des Nächsten, als das „allgemeine Glück“. Natürlich ist auch „Egoismus“ dabei, aber dieser Egoismus ist wiederum von einer besonderen Art. Das Verbrechen wird vielleicht noch furchtbarer, jedenfalls aber nicht einfacher, nicht roher, – im Gegenteil, hier erst beginnt seine Kompliziertheit, Verfeinerung und das Verführerische an ihm. Raskolnikoffs von Qual und Leidenschaft geschärfter Blick sieht bereits die ganze hoffnungslose Flachheit und Erbärmlichkeit der sozialistischen „handelsmäßigen“ Abwägungen, Abmessungen des allgemeinen Nutzens. In diesem „für sich, für sich allein“ aber dämmert es weit, weit wie eine Ahnung von irgendeiner unbekannten Tiefe der Berührung mit der Ordnung unermeßlich höherer, allerschwerster, edelster Werte, als es alle sozialistischen Vorteile und der ganze allgemeine Nutzen sind; er ist sich dessen noch nicht bewußt, aber dunkel fühlt er schon, daß hierin – wenn auch nicht die Rechtfertigung, so doch immerhin irgendeine letzte Wahrheit ist, die Befreiung, Reinigung von der ganzen „Kasuistik“, dem „Geschwätz und der Lüge“ vom neuen sozialistischen „Jerusalem“. Das also ist der Grund, warum er sich mit einer so verzweifelten Hartnäckigkeit und Anspannung aller Kräfte an dieses „für mich, für mich allein“ klammert, als wolle er seine Gedanken zu Ende führen, und dennoch, als könne, als wage er es nicht. Hier ist alles noch – gar zu dunkel, gar zu tief; grauenvoll ist es für ihn, – gerade durch die unerwartet sich aufdeckende Tiefe ist es furchtbar. Vielleicht ist hier selbst die Rechtfertigung furchtbarer als jede Verurteilung. Die lecke Barke des Sozialismus begann unter ihm zu sinken, und da sieht er, wie ein Ertrinkender, als einzigen festen Punkt, als einzigen unerschütterlichen Fels in den Wellen – dieses „für mich allein“, aber noch weiß er nicht, ob er an jenem nackten scharfen Felsen endgültig zerschellen oder ob er sich auf ihn retten wird. Rodion Raskolnikoff erfährt denn auch nicht, begreift noch nicht, daß er sich nicht anders retten kann, als wenn er die Rechtfertigung durch die Liebe zu sich selbst nicht nur zu einer sozialen, moralischen, philosophischen Rechtfertigung macht, sondern auch zu einer religiösen.
Dmitri Mereschkowski.
Vorbemerkung
„Rodion Raskolnikoff“ ist als das erste der fünf großen Roman-Epen, die Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1866 vollendet worden. Das Werk hat im Russischen einen Titel, dessen Übertragung sich der Begriffswelt „Schuld und Sühne“ nähert. Dieser Titel ist von Dostojewski aus nachweisbar ein Nottitel. Die Lösung des Problemes, die der Titel andeutet, bringt das Werk gar nicht. Der geplante zweite Teil, auf den sich der Titel bereits bezieht, ist nie geschrieben worden. Daher ist das Werk hier mit demjenigen Namen genannt, den sein Inhalt verlangt und an den sich das allgemeine und natürliche Empfinden längst gewöhnt hat: mit dem Namen seines Helden, in dem die Gestalt des jungen russischen Studenten und Ideologen ein für allemal Typ und beinahe Symbol geworden ist.
E. K. R.
Erster Teil
I.
Anfangs Juli, es war eine außerordentlich heiße Zeit, trat ein junger Mann gegen Abend aus seiner Kammer, die er in einem Hause der S.schen Gasse bewohnte, auf die Straße hinaus und ging langsam, wie unentschlossen, in der Richtung auf die K.sche Brücke.
Er hatte glücklich eine Begegnung mit seiner Wirtin auf der Treppe vermieden. Seine Kammer lag unmittelbar unter dem Dache des hohen fünfstöckigen Hauses und glich eher einem Schrank, als einer Wohnung. Seine Wirtin aber, von der er diese Kammer mit Mittagessen und Bedienung gemietet hatte, wohnte eine Treppe tiefer in einer separaten Wohnung und jedesmal, wenn er auf die Straße hinausging, mußte er unbedingt an der Küche der Wirtin vorbeigehen, deren Tür fast immer sperrweit offen stand. Und jedesmal fühlte der junge Mann beim Vorbeigehen eine krankhafte und feige Empfindung, deren er sich schämte und bei der er das Gesicht verzog. Er war bei der Wirtin stark verschuldet und fürchtete sich, ihr zu begegnen.
Nicht weil er so feige und scheu war, ganz im Gegenteil, aber seit einiger Zeit war er in einem gereizten und überanstrengten Zustand, der der Hypochondrie ähnelte. Er hatte sich so ganz und gar in sich selbst vertieft und hatte sich so vollständig von allen abgeschlossen, daß er sich sogar vor der gleichgültigsten Begegnung fürchtete, nicht bloß vor der mit der Wirtin. Er war von Armut erdrückt; aber selbst diese bedrängte Lage hatte in der letzten Zeit aufgehört auf ihm zu lasten. Er hatte es ganz und gar aufgegeben, mit seiner Tagesarbeit sich zu befassen, und hatte auch keine Lust dazu. Im Grunde genommen fürchtete er sich freilich nicht vor tausend Wirtinnen, was die auch gegen ihn im Schilde führen mochten. Aber auf der Treppe stehenbleiben, jeden Unsinn über alltäglichen Kram, der ihn gar nicht interessierte, anhören, all diese ewigen Mahnungen, seine Schulden zu bezahlen, die Drohungen, die Klagen anhören und sich dann den Kopf nach Ausreden zerquälen, sich entschuldigen und lügen zu müssen, – nein, da war es schon besser, wie eine Katze die Treppe hinunterzuschleichen und sich davonzumachen, ohne von irgendeinem Menschen sich sehen zu lassen.
Übrigens, dieses Mal setzte die Furcht vor einer Begegnung mit seiner Gläubigerin ihn selbst in Erstaunen, als er auf die Straße hinaustrat.
„Solch eine Sache will ich wagen ... und fürchte mich vor solchen Kleinigkeiten!“ dachte er über sich lächelnd. – „Hm ... ja ... alles liegt in den Händen eines Menschen und er läßt alles vorbeigehen, einzig und allein aus Feigheit ... das ist ein Axiom ... Ich möchte wissen, was die Menschen am meisten fürchten? Sie fürchten sich am meisten vor einem neuen Schritt, vor einem neuen, eigenen Worte ... Ich schwatze übrigens viel zu viel. Darum handle ich nicht, weil ich schwatze. Vielleicht ist es aber auch so: ich schwatze darum, weil ich nicht handle. Und das Schwatzen habe ich in diesem letzten Monat gelernt, indem ich ganze Tage und Nächte in der Ecke lag und ... unnütz träumte. Warum gehe ich jetzt fort? Bin ich denn dazu fähig? Soll es denn Ernst werden? Natürlich nicht. Bloß des Einfalls wegen spiegle ich mir selbst was vor. Spielerei! Ja, natürlich ist es Spielerei.“
Die Hitze auf der Straße war beängstigend; dazu die schwüle Luft, das Gedränge, überall lagen Kalk, Ziegelsteine, standen Baugerüste, überall war Staub und jener besondere Sommergestank, der jedem Petersburger wohlbekannt ist, der nicht ein Landhäuschen mieten kann, – dies alles erschütterte die ohnedies schon angegriffenen Nerven des jungen Mannes auf das unangenehmste. Der unerträgliche Geruch aus den Schenken, die in diesem Stadtteile besonders zahlreich sind, und der Anblick Betrunkener, denen man alle Augenblicke begegnete, – trotz des Werktages, – vollendeten die widerwärtige und traurige Stimmung des Bildes. Ein Ausdruck des tiefsten Abscheus huschte einen Augenblick über die feinen Züge des jungen Mannes. Beiläufig gesagt, er war außergewöhnlich hübsch, hatte schöne dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war fein und schlank und von mehr als mittlerem guten Wuchse. Bald aber versank er in sein tiefes Sinnen, oder richtiger gesagt, in Selbstvergessenheit, und ging weiter, ohne seine Umgebung zu beachten, ohne den Wunsch, sie zu bemerken. Hin und wieder murmelte er etwas vor sich hin, nach seiner Gewohnheit Selbstgespräche zu halten, wie er es soeben sich selbst eingestanden hatte. Dabei wurde er es sich bewußt, daß seine Gedanken sich zuweilen verwirrten und daß er sehr schwach war – es war ja der zweite Tag, daß er fast nichts gegessen hatte.
Er war so schlecht angezogen, daß mancher, auch der es gewöhnt war, sich geschämt hätte, in solchen Lumpen am Tage auf die Straße zu gehen. Freilich war dieses Viertel derart, daß man hier schwerlich jemand durch seine Kleidung in Erstaunen setzen konnte. Die Nähe des Heumarktes, die Überzahl gewisser Häuser und die Bevölkerung, die ausschließlich aus Handarbeitern besteht und in diesen Straßen und Gassen zusammengepfercht haust, belebten genugsam das allgemeine Bild mit solchen Gestalten, daß es sonderbar gewesen wäre, wenn eine solche Figur aufgefallen wäre. Und in der Seele des jungen Mannes hatte sich soviel böse Verachtung angesammelt, daß er trotz seines zuweilen sehr jugendlichen Selbstgefühls sich fast nicht mehr seiner Lumpen schämte. Anders freilich war es, wenn er zufällig Bekannten oder früheren Kameraden begegnete, denen er naturgemäß gern aus dem Wege ging. Indessen, als ein Betrunkener, den man von ungefähr in diesem Augenblicke in einem großen Wagen, mit einem großen Lastpferd davor, durch die Straße fuhr, plötzlich im Vorbeifahren ihm zurief: „He, du da mit dem deutschen Hute!“ – und mit der Hand auf ihn wies, – blieb der junge Mann stehen und faßte krampfhaft nach seinem Hute. Der Hut war hoch und rund, in einem guten Laden gekauft, aber völlig abgetragen und verschossen, voller Löcher und Flecken, ohne Rand und auf der einen Seite häßlich eingedrückt. Nicht Scham, sondern ein ganz anderes Gefühl, das eher Schrecken war, hatte ihn erfaßt.
„Ich wußte es!“ murmelte er verlegen. „Ich dachte es mir! Das ist das allerschlimmste! So eine Dummheit, irgendeine sinnlose Kleinigkeit kann das ganze Vorhaben vernichten! Ja, der Hut fällt zu sehr auf ... Er ist lächerlich, darum fällt er auf ... Zu meinen Lumpen brauche ich unbedingt eine Mütze und wenn es auch eine alte Kappe ist, aber nicht dies Ungetüm. Niemand trägt solch einen Hut, von ferne schon sieht man ihn, kann sich ihn merken ... und die Hauptsache, man wird ihn sich für später merken, und ein Indizium ist da. Unauffällig muß man sein ... Die Kleinigkeiten, die Kleinigkeiten sind die Hauptsache! ... Diese Kleinigkeiten verderben stets alles ...“
Er hatte nicht weit zu gehen; er wußte sogar, wieviel Schritte es von seiner Haustür waren – genau, siebenhundertunddreißig. Er hatte sie einmal gezählt, als er stark ins Träumen gekommen war. Damals glaubte er diesen Träumen selbst noch nicht, und sie reizten ihn bloß durch ihre abscheuliche, aber verführerische Verwegenheit. Jetzt, nach einem Monat, schaute er es anders an und hatte sich unwillkürlich daran gewöhnt, den „abscheulichen“ Traum – ungeachtet aller stets wachen Selbstvorwürfe über seine eigene Kraftlosigkeit und Unentschlossenheit, – als ein Vorhaben anzusehen, obwohl er sich immer noch nicht recht traute. Jetzt ging er eine Probe seines Vorhabens zu machen, und mit jedem Schritt wuchs stärker und stärker seine Aufregung.
Mit erstarrendem Herzen und nervösem Zittern näherte er sich einem riesigen Hause, das mit der einen Seite auf den Kanal hinausging, mit der anderen an der R.schen Straße lag. Dieses Haus hatte lauter kleine Wohnungen und war von allerhand Handarbeitern bewohnt, – von Schneidern, Schlossern, Köchinnen, von Deutschen, von Mädchen, die ihre eigene Wohnung besaßen, kleinen Beamten und dergleichen. Durch die beiden Tore und die beiden Höfe des Hauses huschten in einem fort aus- und eingehende Menschen. Hier waren drei oder vier Hausknechte angestellt. Der junge Mann war sehr zufrieden, als er keinem von ihnen begegnete, und schlüpfte unbemerkt rechts vom Tore die Treppe hinauf. Die Treppe war dunkel und schmal, – es war eine Hintertreppe, – er kannte das alles schon, hatte es genau studiert, und die ganze Umgebung gefiel ihm; in solcher Dunkelheit ist ein neugieriger Blick ungefährlich.
„Wenn ich mich jetzt schon so fürchte, wie wird es dann sein, wenn ich wirklich an die Tat selbst gehe?“ dachte er unwillkürlich, während er zum vierten Stockwerk hinaufstieg. Hier versperrten ihm Packträger, verabschiedete Soldaten, die aus einer Wohnung Möbel hinaustrugen, den Weg. Er wußte von früher, daß in dieser Wohnung ein Deutscher, ein Beamter, mit seiner Familie lebte.
„Dieser Deutsche zieht jetzt also aus, also bleibt im vierten Stock für einige Zeit nur die Wohnung der Alten bewohnt. Das ist gut ... auf jeden Fall ...“ dachte er und klingelte an der Tür der Alten. Die Glocke schlug schwach an, als wäre sie aus Blech. In solchen kleinen Wohnungen findet man immer solche Glocken. Er hatte den Ton dieser Glocke vergessen, und jetzt schien ihn dieser eigenartige Klang plötzlich an etwas zu erinnern und eine klare Vorstellung von etwas zu geben ... Er zuckte zusammen, seine Nerven waren sehr herunter. Kurz darauf öffnete sich die Türe zu einem winzigen Spalt – die Bewohnerin blickte hindurch mit sichtbarem Mißtrauen, und man sah bloß ihre kleinen, dunkel leuchtenden Augen. Als sie aber auf dem Flure viele Menschen erblickte, faßte sie sich ein Herz und öffnete die Tür ganz. Der junge Mann trat über die Schwelle in ein dunkles Vorzimmer, das durch eine Wand in zwei Teile geteilt war, dahinter befand sich eine kleine Küche. Die Alte stand schweigend vor ihm und blickte ihn fragend an. Es war eine kleine vertrocknete alte Frau, etwa sechzig Jahre alt, mit stechenden und bösen, kleinen Augen, einer kleinen, spitzen Nase und ohne Kopfbedeckung. Ihr hellblondes, leicht ergrautes Haar war mit Öl eingefettet. Um den dünnen und langen Hals, der dem Beine eines Huhnes glich, war ein Flanellappen gewickelt und über die Schultern hing, trotz der Hitze, eine abgetragene und gelbgewordene Pelzjacke. Die Alte hustete und räusperte sich fortwährend. Wahrscheinlich hatte der junge Mann ihr einen sonderbaren Blick zugeworfen, denn plötzlich tauchte in ihren Augen wieder das frühere Mißtrauen auf.
„Ich heiße Raskolnikoff, bin Student, war bei Ihnen vor einem Monat,“ beeilte sich der junge Mann mit einer leichten Verbeugung zu sagen, sich erinnernd, daß man hier freundlich sein müsse.
„Ich erinnere mich, Väterchen, ich erinnere mich gut, daß Sie da waren,“ sagte die Alte, ohne ihre fragenden Augen von seinem Gesichte abzuwenden.
„Also ... ich komme wieder in einer ähnlichen Angelegenheit ...“ fuhr Raskolnikoff fort, ein wenig verwirrt und erstaunt über das Mißtrauen der Alten.
„Vielleicht ist sie immer so, ich habe es damals bloß nicht gemerkt,“ dachte er mit unangenehmer Empfindung.
Die Alte schwieg eine Weile, wie in Gedanken vertieft, trat dann zur Seite, zeigte auf die Tür zu der Stube und sagte, indem sie den Besucher vorbei ließ:
„Treten Sie näher, Väterchen!“
Das kleine Zimmer, in das der junge Mann eintrat, hatte eine gelbe Tapete, Geranien standen dort und die Fenster umrahmten Mousselingardinen. In diesem Augenblick wurde es von der untergehenden Sonne hell erleuchtet.
„Die Sonne wird auch dann ebenso leuchten! ...“ durchfuhr es plötzlich Raskolnikoff, und mit einem schnellen Blick überflog er alles in dem Zimmer, um nach Möglichkeit die Lage zu studieren und sie sich zu merken. In dem Zimmer aber gab es nichts Besonderes. Die Möbel aus gelbem Holze, alle sehr alt, bestanden aus einem Sofa mit ungeheuerlicher, gebogener hölzerner Rückenlehne, einem runden Tisch vor dem Sofa, einem Toilettentisch mit einem kleinen Spiegel an der Wand zwischen den Fenstern, aus Stühlen an den Wänden und einigen billigen Bildern in gelben Rahmen, die deutsche Damen mit Vögeln in den Händen darstellten, – das war die ganze Ausstattung. In der Ecke brannte vor einem kleinen Heiligenbilde ein Lämpchen. Alles war sehr sauber, – die Möbel und die Diele waren blank poliert; alles glänzte. „Das ist Lisawetas Arbeit,“ dachte der junge Mann. Kein Stäubchen konnte man in der ganzen Wohnung finden. „Bei bösen und alten Witwen findet man so eine Sauberkeit,“ dachte Raskolnikoff weiter und warf einen neugierigen Seitenblick auf den Vorhang aus Kattun vor der Tür zu dem zweiten kleinen Zimmer, in dem das Bett und die Kommode der Alten standen, dahinein hatte er noch nicht geschaut. Die ganze Wohnung bestand aus diesen zwei Zimmern.
„Was wünschen Sie?“ fragte die kleine Alte scharf, als sie ihm in das Zimmer gefolgt war, und stellte sich wieder gerade vor ihm hin, um ihm ins Gesicht sehen zu können.
„Ich habe etwas zu verpfänden,“ und er zog eine alte, flache, silberne Uhr aus der Tasche. Auf der Rückseite war ein Globus eingraviert. Die Kette war aus Stahl.
„Die Frist für das früher Versetzte ist schon um. Vorgestern ist der Monat abgelaufen.“
„Ich will Ihnen die Zinsen noch für einen Monat bezahlen; warten Sie noch ein wenig.“
„Das ist mein guter Wille, Väterchen, zu warten oder Ihr Ding sofort zu verkaufen.“
„Wieviel geben Sie für die Uhr, Aljona Iwanowna?“
„Immer kommen Sie mit Kleinigkeiten, Väterchen, sie ist ja fast nichts wert. Für den Ring habe ich Ihnen voriges Mal zwei Rubel gegeben, und man kann ihn bei jedem Juwelier neu für anderthalb Rubel kaufen.“
„Geben Sie mir für die Uhr vier Rubel, ich werde sie einlösen. Sie hat meinem Vater gehört. Ich erhalte bald Geld.“
„Ich will Ihnen anderthalb Rubel dafür geben und die Zinsen abziehen, wenn Sie damit einverstanden sind.“
„Anderthalb Rubel!“ rief der junge Mann aus.
„Wie Sie wünschen.“
Und die Alte reichte ihm die Uhr. Der junge Mann nahm sie; er war so böse, daß er schon fortlaufen wollte, aber er besann sich, daß er sonst nirgends hingeben konnte, und daß er noch aus einem anderen Grunde gekommen war.
„Geben Sie das Geld!“ sagte er grob.
Die Alte fuhr in die Tasche nach den Schlüsseln und ging hinter den Vorhang in das andere Zimmer. Als der junge Mann allein zurückblieb, lauschte er voll Neugier und überlegte. Man hörte, wie die Alte die Kommode aufschloß. „Wahrscheinlich ist es die obere Schublade,“ dachte er. „Die Schlüssel trägt sie in der rechten Tasche ... Alle sind sie an einem Stahlring ... Und da ist ein Schlüssel, größer als die anderen, dreimal so groß, mit zackigem Barte; er ist selbstverständlich nicht von der Kommode ... Also, muß es noch eine Schatulle geben oder eine kleine Truhe ... Das ist zu beachten. Truhen haben immer solche Schlüssel ... Aber, wie gemein ist dies alles ...“ Da kam die Alte zurück.
„Hier haben Sie das Geld, Väterchen. Den Zins zu zehn Kopeken pro Rubel und Monat gerechnet, bekomme ich von Ihnen für anderthalb Rubel und für einen Monat im voraus fünfzehn Kopeken. Außerdem erhalte ich von Ihnen für die zwei früheren Rubel nach derselben Berechnung weitere zwanzig Kopeken im voraus. Zusammen also fünfunddreißig Kopeken. Sie erhalten für Ihre Uhr einen Rubel und fünfzehn Kopeken. Da haben Sie’s.“
„Wie? Jetzt macht es bloß einen Rubel und fünfzehn Kopeken?“
„Ganz richtig.“
Der junge Mann stritt nicht weiter und nahm das Geld. Er blickte die Alte an und zögerte zu gehen, als wolle er noch irgend etwas sagen oder tun, ohne selber zu wissen, was er wolle ...
„Ich werde Ihnen, Aljona Iwanowna, in diesen Tagen vielleicht noch eine Sache bringen ... ein silbernes ... gutes ... Zigarettenetui ... sobald ich es von einem Freunde zurückerhalte ...“
„Nun, dann wollen wir darüber reden, Väterchen.“
„Leben Sie wohl ... Sie sitzen immer allein zu Hause. Ihre Schwester ist nicht da?“ fragte er möglichst ungezwungen, während er in das Vorzimmer ging.
„Was geht Sie die an, Väterchen?“
„Nichts Besonderes. Ich fragte bloß so. Sie denken gleich ... Leben Sie wohl, Aljona Iwanowna!“
Raskolnikoff schritt völlig verwirrt hinaus. Und seine Verwirrung verstärkte sich immer mehr und mehr. Während er die Treppe hinabstieg, blieb er sogar einige Mal stehen, als hätte ihn plötzlich etwas übermannt. Schließlich, schon auf der Straße, rief er aus:
„Oh, Gott! ... Wie abscheulich ist dies alles! Und werde ich es tatsächlich, tatsächlich ... nein, das ist ja Unsinn, ein unmöglicher Gedanke!“ fügte er entschlossen hinzu. „Wie konnte mir bloß so etwas fürchterliches in den Sinn kommen! Und doch, zu welchem Schmutz ist mein Herz fähig! Die Hauptsache bleibt, – es ist schmutzig, niederträchtig, gemein, abscheulich ... Und ich habe einen ganzen Monat ...“
Er konnte weder durch Worte noch durch Ausrufe seine Erregung ausdrücken. Das Gefühl eines grenzenlosen Abscheus, das sein Herz schon bedrückte und verwirrte, als er zu der Alten ging, erreichte nun solch einen Umfang und äußerte sich in einer Stärke, daß er nicht wußte, wohin er vor seiner Qual sollte. Er ging auf der Straße wie ein Betrunkener, ohne die Vorübergehenden zu bemerken, stieß mit ihnen zusammen und kam erst in der nächsten Straße zu einiger Besinnung. Er schaute um sich und ward gewahr, daß er neben einer Schenke stand, zu der von der Straße aus eine Treppe in das Kellergeschoß führte. Soeben kamen zwei Betrunkene heraus, stützten sich gegenseitig und stiegen schimpfend die Treppe hinauf. Ohne lange nachzudenken, sprang Raskolnikoff eilig hinab. Er war noch nie in einer Schenke gewesen, jetzt aber schwindelte ihn und ein brennender Durst quälte ihn. Er wollte kaltes Bier trinken, um so mehr, als er seine plötzliche Schwäche dem Umstande zuschrieb, daß er nichts im Magen hatte. Er ließ sich in einer dunkeln und schmutzigen Ecke an einem schmierigen Tische nieder, verlangte Bier und trank gierig das erste Glas aus. Sofort wurde es ihm leichter, und seine Gedanken wurden klarer. „Das alles ist Unsinn,“ sagte er voll Hoffnung. „Nichts braucht mich aus der Fassung zu bringen. Es ist bloß physische Zerrüttung. Ein Glas Bier, ein Stück Zwieback, – und im Nu ist der Verstand da, die Gedanken klar und die Absichten im Lot! Pfui, wie ist dies alles erbärmlich! ...“
Aber trotz des verächtlichen Ausspeiens sah er schon heiter aus, als hätte er sich plötzlich einer schrecklichen Last entledigt, und blickte die Anwesenden freundlich an. Aber selbst in diesem Augenblicke überkam ihn die leise Ahnung, daß diese Empfänglichkeit für das Bessere auch krankhaft sei.
In der Schenke waren um diese Stunde wenige Menschen. Außer den zwei Betrunkenen, denen er auf der Treppe begegnet war, hatte gleich darauf eine ganze Gesellschaft, etwa fünf Männer und ein Mädchen, mit einer Ziehharmonika die Schenke verlassen. Darauf war es still und freier geworden. Es waren übrig geblieben: ein Angetrunkener, der aber nicht zu stark berauscht war; er saß hinter einer Flasche Bier, dem Aussehen nach ein Kleinbürger; sein Kamerad, ein dicker übergroßer Mann, in einem dicken Mantel, mit grauem Bart, stark berauscht, duselte auf einer Bank; ab und zu begann er plötzlich, wie im Schlafe, mit den Fingern zu schnippen, wobei er die Arme ausbreitete, hin und wieder hüpfte er mit dem Oberkörper, ohne sich von der Bank zu erheben, sang dazu irgendeinen Unsinn und versuchte sich auf Verse wie folgende zu besinnen:
„Ein ganzes Jahr hab’ ich mein Weib geliebt, gehätschelt,
Ein gan–zes Jahr hab’ ich mein Weib ge–liebt, ge–hät–schelt ...“
Oder er erwachte plötzlich und sang:
„Längs der Podjatscheskoi bin ich gegangen,
Hab’ mein früheres Weib gefunden ...“
Aber niemand nahm Anteil an seinem Glück; sein schweigender Kamerad sah diese Ausbrüche sogar feindselig und mißtrauisch an. Es war noch ein Mann da, dem Aussehen nach ein verabschiedeter Beamter. Er saß allein vor seiner Flasche, trank hin und wieder einen Schluck und blickte um sich. Auch er schien in einer gewissen Aufregung zu sein.
II.
Raskolnikoff war an Menschenmengen nicht gewöhnt und wie gesagt, mied er besondere in der letzten Zeit jegliche Gesellschaft. Jetzt aber zog ihn plötzlich etwas zu den Menschen hin. Es ging in ihm etwas vor, anscheinend etwas Neues, und gleichzeitig machte sich ein starker Drang nach Menschen bemerkbar. Er war so müde von dieser einen Monat schon währenden bohrenden Qual und düsteren Aufregung, daß er wenigstens für einen Augenblick in einer anderen Welt, ganz gleichgültig in welcher, – aufatmen wollte, und so blieb er jetzt trotz des Schmutzes dieser Umgebung mit Vergnügen in der Schenke ...
Der Besitzer des Lokals hielt sich in einem anderen Zimmer auf, kam aber öfters in das Schenkzimmer; er mußte dabei ein paar Stufen hinabsteigen, und es zeigten sich zuerst seine eleganten Schmierstiefel mit breitem roten Rande an den Schäften. Er stak in einem faltigen Mantel und in einer fürchterlich verschmierten schwarzen Atlasweste, war ohne Halstuch und sein ganzes Gesicht schien, gleich einem eisernen Schlosse, mit Öl eingefettet zu sein. Hinter dem Schenktisch stand ein Junge von vierzehn Jahren; es war noch ein anderer, ein jüngerer, da, der die Gäste bediente, wenn etwas verlangt wurde. Auf dem Tische lagen Gurken, in Scheiben geschnitten, schwarze Zwiebacke und in kleine Stücke zerteilter Fisch; dies alles roch sehr schlecht. In dem Raume war es so dumpf, daß es unerträglich war, darinnen zu sitzen und alles war von Branntweingeruch so durchdrungen, daß man von dieser Luft allein in fünf Minuten berauscht werden konnte. – Es kommt vor, daß wir sogar völlig unbekannten Menschen begegnen, für die wir uns vom ersten Augenblick an, ehe wir noch ein Wort mit ihnen getauscht haben, zu interessieren beginnen. Einen ähnlichen Eindruck hatte auf Raskolnikoff der Gast gemacht, der einem verabschiedeten Beamten glich und abseits an einem Tische saß. Raskolnikoff erinnerte sich später mehrmals dieses ersten Eindruckes und schrieb ihn sogar einer Vorahnung zu. Er blickte ununterbrochen den „Beamten“ an, sicher auch darum, weil der ebenso hartnäckig zu ihm herüberschaute; man merkte, daß er sehr gern ein Gespräch angeknüpft hätte. Die übrigen Gäste, den Besitzer nicht ausgenommen, übersah der „Beamte“ gewohnheitsmäßig und voll Langeweile, und zugleich mit einem Ausdrucke von hochmütiger Geringschätzung, wie Menschen von niedriger Stellung und Bildung, mit denen er nichts gemein habe. Es war ein Mann, über fünfzig Jahre, von mittlerem Wuchse und kräftigem Bau, mit ergrautem Haar und einer großen Glatze, mit einer vom Trinken gedunsenen, gelben oder vielmehr grünlichen Gesicht und geschwollenen Augenlidern, unter denen winzige aber lebhafte, gerötete Augen hervorstachen. Etwas Sonderbares war jedoch an ihm; in seinen Augen leuchtete eine gewisse Begeisterung, vielleicht lag auch Verstand und Klugheit in ihnen, – aber gleichzeitig schimmerte es drinnen wie Irrsinn. Er war mit einem alten völlig heruntergerissenen schwarzen Frack mit losen Knöpfen bekleidet. Ein einziger Knopf saß noch einigermaßen fest, und mit ihm knöpfte er ihn zu, da er offenbar die gesellschaftlichen Formen nicht vernachlässigen wollte. Unter der Nankingweste zeigte sich ein ganz zerknülltes, beschmutztes und vertropftes Vorhemd. Das Gesicht war nach Beamtenart rasiert, aber vor längerer Zeit schon, so daß bläuliche Stoppeln hervorstanden. Selbst in seinen Bewegungen lag etwas Solides, Beamtenartiges. Aber er war in ständiger Unruhe, fuhr sich durch die Haare, stemmte die zerrissenen Ellenbogen zuweilen auf den begossenen und klebrigen Tisch und stützte, wie in schwerem Gram, mit beiden Händen den Kopf. Zuletzt faßte er Raskolnikoff fest ins Auge und sagte laut und energisch:
„Darf ich es wagen, mein verehrter Herr, mich mit einem anständigen Gespräch an Sie zu wenden? Denn obgleich Ihr Äußeres nicht viel vermuten läßt, unterscheidet meine Erfahrung in Ihnen doch einen gebildeten und ans Trinken nicht gewöhnten Menschen. Ich habe stets Bildung geachtet, die mit Herz und Gefühl verbunden ist, und außerdem bin ich im Range eines Titularrates. Marmeladoff – so ist mein Name, Titularrat. Darf ich erfahren, ob Sie im Staatsdienste gewesen sind?“
„Nein, ich studiere ...“ antwortete der junge Mann, erstaunt über den sonderbaren, verschnörkelten Ton der Anrede und auch darüber, daß man sich so direkt an ihn wandte. Trotz des Wunsches vor kurzem noch, in irgendeine Fühlung mit Menschen zu kommen, empfand er plötzlich bei dem ersten tatsächlich an ihn gerichteten Worte, seine gewöhnliche, peinliche und gereizte Abscheu vor jedem fremden Menschen, der sich ihm zu nähern versuchte.
„Sie sind ein Student oder gewesener Student!“ fuhr der Beamte fort. „Ich dachte es mir gleich. Das macht die Erfahrung, mein Herr, die lange Erfahrung!“ und selbstgefällig berührte er die Stirn mit dem Finger. – „Sie waren Student, haben gelehrten Studien obgelegen! Gestatten Sie aber ...“
Er erhob sich schwankend, nahm seine Flasche und sein Gläschen und setzte sich dem jungen Manne schräg gegenüber. Er war berauscht, sprach aber rasch und geläufig, hin und wieder blieb er ein wenig stecken und zog die Sätze in die Länge. Mit einer gewissen Gier hatte er sich auf Raskolnikoff gestürzt, als hätte auch er einen ganzen Monat mit niemand gesprochen.
„Verehrter Herr!“ begann er fast feierlich, „Armut ist kein Laster, das ist wahr. Ich weiß, daß der Trunk auch keine Tugend ist, und das ist noch wahrer. Aber Bettelarmut, mein Herr, bettelarm zu sein ist ein Laster, ja. In der Armut bewahrt man noch die Anständigkeit der angeborenen Gefühle, wenn man aber bettelarm ist – nie und nimmer. Wenn man bettelarm ist, so wird man nicht mal mit einem Stocke herausgejagt, sondern mit einem Besen aus der menschlichen Gesellschaft hinausgefegt, damit es beleidigender sein soll; und das ist gerecht, denn wenn ich bettelarm bin, so bin ich selbst, als erster, bereit, mich zu beleidigen. Daher auch das Trinken! Mein Herr, vor einem Monat hat Herr Lebesjätnikoff meine Gattin verprügelt, und meine Gattin ist etwas Besseres als ich! Verstehen Sie? Gestatten Sie mir eine Frage, so, aus reiner Neugier, – haben Sie schon auf der Newa, in den Heubarken geschlafen?“
„Nein, das habe ich noch nicht,“ antwortete Raskolnikoff. „Was ist das?“
„Nun, ich komme von dort, schlafe schon die fünfte Nacht in den Barken ...“
Er goß sich ein Glas ein, trank es leer und versank in Gedanken. Man sah tatsächlich an seinen Kleidern und in den Haaren hie und da Heuhalme. Es war leicht möglich, daß er sich fünf Tage weder ausgekleidet noch gewaschen hatte. Am schmutzigsten waren seine fetten, roten Hände mit schwarzen Fingernägeln.
Sein Gespräch schien allgemeine, wenn auch etwas flaue Aufmerksamkeit erregt zu haben. Die Knaben hinter dem Schenktische begannen zu kichern. Der Wirt war, wohl absichtlich aus dem oberen Zimmer gekommen, um den „Kauz“ zu hören; er setzte sich abseits und gähnte faul, aber würdevoll. Marmeladoff war offenbar hier längst bekannt. Auch die Neigung für gesuchte Ausdrücke hatte er wahrscheinlich durch die Gewohnheit, Wirtschaftsunterhaltungen mit allerhand Unbekannten anzuknüpfen, ausgebildet. Diese Gewohnheit wird bei manchen Trinkern zum Bedürfnis und besonders bei denen, die zu Hause streng behandelt werden. Darum versuchen sie in Gesellschaft von Trinkern sich stets eine Rechtfertigung und wenn möglich sogar Achtung der anderen zu verschaffen.
„Komischer Kauz!“ sagte laut der Wirt. „Warum arbeitest du nicht, warum bist du nicht im Dienst, wenn du Beamter bist?“
„Warum ich nicht im Dienste bin, mein Herr?“ sagte Marmeladoff, sich ausschließlich an Raskolnikoff wendend, als hätte der ihm die Frage vorgelegt. – „Warum ich nicht im Dienste bin? Tut mir denn das Herz nicht weh, daß ich unnütz herumlungere? Als Herr Lebesjätnikoff vor einem Monat eigenhändig meine Gattin verprügelte und ich berauscht dalag, habe ich da nicht gelitten? Erlauben Sie, junger Mann, ist es Ihnen passiert, ... hm ... nun, daß Sie aussichtslos jemanden baten, Ihnen Geld zu leihen?“
„Das ist mir passiert ... das heißt, wie meinen Sie – aussichtslos?“
„Das heißt völlig aussichtslos, wenn man schon im voraus weiß, daß nichts daraus wird. Sagen wir, Sie wissen zum Beispiel vorher und zweifellos, daß dieser Mann, dieser wohlgesinnte und äußerst nützliche Bürger Ihnen um keinen Preis Geld geben wird, denn – ich frage Sie – warum soll er es tun? Er weiß doch, daß ich es nicht zurückgeben werde. Etwa aus Mitleid? Herr Lebesjätnikoff aber, der neue Gedanken und Ideen mit Interesse verfolgt, hat vor kurzem erklärt, daß in unserer Zeit Mitleid sogar von der Wissenschaft verboten sei, und daß man in England, woher die politische Ökonomie kommt, schon danach handle. Warum also – frage ich Sie – sollte er geben? Und sehen Sie, obwohl Sie im voraus wissen, daß er nicht geben wird, machen Sie sich doch auf den Weg und ...“
„Warum geht man denn hin?“ sagte Raskolnikoff.
„Wenn es aber niemanden mehr gibt, wenn man nirgendwo anders hingehen kann! Es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte. Denn es kommen Zeiten, wo man unbedingt irgendwo hingehen muß! Als meine einzige Tochter zum erstenmal mit dem gelben Schein[6] ging, ging ich auch ... (meine Tochter lebt nämlich auf den gelben Schein) ...“ fügte er hinzu und blickte mit einiger Unruhe den jungen Mann an. „Hat nichts zu sagen, mein Herr, hat nichts zu sagen!“ beeilte er sich, sofort und scheinbar ruhig zu erklären, als die beiden Knaben hinter dem Schenktische in Lachen ausbrachen und auch der Wirt lächelte. „Hat nichts zu sagen! Durch dieses Tuscheln laß ich mich nicht stören, denn es ist längst bekannt, und alles Verborgene wird offenbar, und nicht mit Verachtung, sondern mit Demut ertrage ich es. Mögen sie! Mögen sie! ‚Ecce homo!‘ Erlauben Sie, junger Mann, können Sie vielleicht ... Aber nein, man muß sich stärken und deutlicher ausdrücken: nicht können Sie, sondern wagen Sie, indem Sie mich dabei ansehen, zu behaupten, daß ich kein Schwein bin?“
Der junge Mann antwortete nicht.
„Nun,“ fuhr der Redner gesetzter und sogar noch würdevoller fort, nachdem er gewartet hatte, bis das Kichern in dem Zimmer aufhörte, „nun gut, ich mag ein Schwein sein, sie aber ist eine Dame. Ich sehe aus wie ein Vieh, Katerina Iwanowna, meine Gattin, aber ist eine gebildete Person und die Tochter eines Stabsoffiziers. Mag ich, mag ich ein Schuft sein, sie aber ist hochherzig und ist durch Erziehung voll edler Gefühle. Indessen aber ... oh, wenn sie mit mir Mitleid hätte! Mein Herr, verehrter Herr, es müßte doch so sein, daß jeder Mensch wenigstens eine Stelle habe, wo er Mitleid fände! Katerina Iwanowna ist wohl eine großmütige Dame, aber ungerecht ... Und obwohl ich verstehe, daß sie mich an den Haaren zerrt, aus keinem anderen Grunde als aus Mitleid des Herzens – denn ich wiederhole es, ohne mich zu schämen, sie zerrt mich an den Haaren, junger Mann,“ bestätigte er mit verstärkter Würde, als er wieder Kichern vernahm. „Aber mein Gott, was würde geschehen, wenn sie wenigstens ein einziges Mal ... Aber nein! Nein! Das alles ist umsonst, und es lohnt sich nicht, davon zu sprechen! Lohnt sich nicht zu sprechen! ... Denn mehr als einmal war das Gewünschte dagewesen, und mehr als einmal hatte man mit mir Mitleid gehabt, aber ... meine Natur ist schon so, ich bin ein geborenes Vieh!“
„Und ob!“ bemerkte der Wirt gähnend.
Marmeladoff schlug entschlossen mit der Faust auf den Tisch.
„So ist meine Natur! Wissen Sie, wissen Sie, mein Herr, ich habe sogar ihre Strümpfe vertrunken! Nicht die Stiefel, denn das würde noch in der Ordnung der Dinge liegen, sondern die Strümpfe, ihre Strümpfe habe ich vertrunken! Ihr Tuch aus Ziegenwolle habe ich vertrunken, man hat es ihr einst geschenkt, es gehörte ihr, nicht mir; wir leben in einem kalten Zimmer und sie hat sich in diesem Winter erkältet und begann zu husten, sogar Blut kam. Wir haben noch drei kleine Kinder, und Katerina Iwanowna ist vom frühen Morgen bis in die Nacht bei der Arbeit; sie scheuert und wäscht, auch die Kinder wäscht sie, denn sie ist von Kindheit auf an Reinlichkeit gewöhnt, aber sie hat eine schwache Brust und neigt zur Schwindsucht, und ich fühle es! Fühle ich es denn nicht? Und je mehr ich trinke, um so stärker fühle ich. Darum trinke ich auch, weil ich in diesem Tranke Mitleid und Gefühl suche ... Ich trinke, weil ich doppelt leiden will!“
Und er neigte wie in Verzweiflung seinen Kopf auf den Tisch.
„Junger Mann,“ fuhr er fort und hob wieder den Kopf, „in Ihrem Gesichte lese ich etwas wie Kummer. Als Sie hereintraten, habe ich es gesehen, und darum habe ich mich auch sofort an Sie gewandt. Denn, indem ich Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählte, will ich mich nicht an den Schandpfahl vor diesen Tagdieben stellen, die übrigens alles wissen, sondern ich suche einen fühlenden und gebildeten Menschen. Sie sollen wissen, – meine Gattin ist in einem adligen Gouvernementspensionat erzogen und hat bei der Schlußprüfung vor dem Gouverneur und anderen Persönlichkeiten mit dem Schal getanzt, wofür sie eine goldene Medaille und ein Ehrenzeugnis erhielt. Die Medaille ... nun die Medaille haben wir verkauft ... schon lange ... hm ... das Ehrenzeugnis liegt noch in ihrem Kasten, und sie hat es vor kurzem unserer Wirtin gezeigt. Obwohl sie mit der Wirtin ständig, ununterbrochen Streitigkeiten hat, wollte sie doch vor jemand sich rühmen und von vergangenen glücklichen Tagen erzählen. Und ich verurteile sie nicht, ich verurteile nicht, denn das allein ist nur in ihrer Erinnerung geblieben, alles übrige ist zu Staub geworden. Ja, ja, sie ist eine hitzige, stolze und unbeugsame Dame. Sie wäscht selbst den Fußboden, ißt Schwarzbrot, aber Mißachtung duldet sie nicht. Darum wollte sie auch nicht die Grobheit des Herrn Lebesjätnikoff dulden, und als Herr Lebesjätnikoff sie verprügelte, da legte sie sich zu Bett – weniger der Schläge, als des Schimpfes wegen. Ich habe sie als Witwe geheiratet, mit drei ganz kleinen Kindern. Ihren ersten Mann, einen Infanterieoffizier, heiratete sie aus Liebe und war aus dem Elternhause mit ihm geflohen. Sie liebte ihren Mann grenzenlos, er fing aber an Karten zu spielen, kam vors Gericht und starb. Er hat sie oft geschlagen in den letzten Jahren, und obwohl sie sich nichts von ihm gefallen ließ, wie ich es bestimmt und aus Schriftstücken weiß, – erinnert sie sich doch seiner heute noch mit Tränen und hält ihn mir als Muster vor, und ich freue mich, ich freue mich, weil sie sich wenigstens in der Phantasie als einstmals glücklich fühlt ... Nach seinem Tode blieb sie mit drei kleinen Kindern in einem abgelegenen und weltvergessenen Kreise, wo ich mich auch damals befand, und in solch hoffnungsloser Armut, daß ich sie nicht beschreiben kann, obwohl ich vieles und allerhand gesehen habe. Ihre Verwandten hatten sich alle von ihr losgesagt. Ja und sie war so stolz, zu stolz ... Und da bot ich, mein Herr, auch ein Witwer mit einer vierzehnjährigen Tochter von meiner ersten Frau, ihr meine Hand an, denn ich konnte solch eine Qual nicht mit ansehen. Sie können danach beurteilen, wie stark ihre Not war, daß sie, gebildet, gut erzogen und aus angesehener Familie, bereit war, mich zu heiraten. Sie heiratete mich! Weinend, schluchzend und händeringend – heiratete sie mich doch! Denn sie konnte ja nirgendwo hin. Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hin kann? Nein! Das können Sie noch nicht verstehen ... Ein ganzes Jahr erfüllte ich meine Pflicht treu und redlich und rührte das da nicht an (er wies auf die Branntweinflasche), denn ich habe Gefühl. Aber auch damit konnte ich sie nicht zufrieden stellen; ich verlor meine Stelle und nicht eines Vergehens, sondern einer Änderung im Etat wegen, und nun wandte ich mich dem zu! ... Es sind schon anderthalb Jahre, seit wir nach langen Irrfahrten und vielfach großer Not endlich in dieser prächtigen und mit unzähligen Denkmälern geschmückten Residenz eintrafen. Ich fand hier eine Stelle ... Ich fand und verlor sie wieder. Verstehn Sie? Diesmal verlor ich die Stelle aus eigener Schuld, denn meine Neigung brach durch ... Jetzt wohnen wir in einem Winkel bei der Wirtin Amalie Fedorowna Lippewechsel, wovon wir aber leben und womit wir bezahlen – das weiß ich nicht. Außer uns leben noch viele dort ... Ein entsetzliches Drunter und Drüber ... hm ... ja ... Indessen wurde mein Töchterchen aus der ersten Ehe erwachsen, und was sie, mein Töchterchen, von ihrer Stiefmutter zu erdulden hatte, als sie heranwuchs, darüber schweige ich. Obwohl Katerina Iwanowna von großmütigen Gefühlen durchdrungen ist, so ist sie doch eine hitzige und gereizte Dame und schneidet einem schnell das Wort ab ... Ja! Nun, es lohnt sich nicht, dessen zu gedenken! Eine Erziehung hat Ssonja, wie Sie sich denken können, nicht erhalten. Ich habe versucht, etwa vor vier Jahren, Geographie und Weltgeschichte mit ihr durchzunehmen, aber da ich selbst nicht ganz sattelfest war und keine anständigen Bücher besaß, denn die Bücher, die wir hatten ... hm ... na, diese Bücher sind nicht mehr da ... So endigte auch damit der ganze Unterricht. Wir blieben bei Cyrus von Persien stehen. Später, als sie reifer und älter wurde, las sie einige Bücher romanhaften Inhalts, ja und vor kurzem erhielt sie von Herrn Lebesjätnikoff ein Buch – Physiologie von Lewis – kennen Sie es? Sie las es mit großem Interesse und teilte uns auch einige Abschnitte daraus mit, – das ist ihr ganzes Wissen. Jetzt wende ich mich an Sie, mein Herr, mit einer persönlichen Frage, so von mir aus, – wieviel kann, nach Ihrer Meinung, ein armes, ehrliches, junges Mädchen durch ehrliche Arbeit verdienen? ... Sie wird kaum fünfzehn Kopeken pro Tag verdienen, mein Herr, wenn sie ehrlich ist und keine besonderen Talente hat, und da muß sie, ohne einen Augenblick zu ruhen, ununterbrochen arbeiten! Und dabei hat der Staatsrat Iwan Iwanowitsch Klopstock, – haben Sie von ihm gehört? – bis heute nicht bloß das Geld für Nähen eines halben Dutzend Hemden aus holländischem Leinen nicht bezahlt, sondern hat sie sogar unter Kränkungen hinausgejagt, hat mit den Füßen getrampelt und sie in unanständiger Weise beschimpft, unter dem Vorwande, daß der Hemdkragen nicht nach Maß und dazu schief genäht sei. Und die Kinder sitzen hungrig zu Hause ... Katerina Iwanowna geht händeringend im Zimmer herum und auf ihren Wangen zeigen sich rote Flecke, – was bei dieser Krankheit stets vorkommt. Du lebst bei uns, Müßiggängerin, sagte sie, – ißt, trinkst und genießt die Wärme, – was gibt es aber denn zu essen und zu trinken, wenn die Kinder nicht mal eine Brotrinde drei Tage lang zu sehen bekommen! Ich lag damals berauscht da ... nun, was ist da viel zu sagen, ich lag berauscht da und hörte, wie meine Ssonja sagt – sie ist so still und ihr Stimmchen so sanft ... hellblond ist sie, das Gesichtchen ist immer bleich und mager – also, sie sagt: ‚Wie, Katerina Iwanowna, soll ich denn auf so was eingehen?‘ Darja Franzowna, ein böses und der Polizei gut bekanntes Weib, hatte sich schon dreimal durch unsere Wirtin erkundigt. ‚Was sonst,‘ antwortet Katerina Iwanowna spöttisch. ‚Wozu es hüten? So ein Kleinod!‘ Klagen Sie sie aber nicht an, mein Herr, klagen Sie nicht an, verurteilen Sie nicht! Es war gesagt nicht bei gesundem Verstande, sondern in erregter Stimmung, in Krankheit und beim Anblick der weinenden Kinder, die nichts gegessen hatten, und es war eher um zu kränken, als im genauen Sinne des Wortes gesagt ... Denn Katerina Iwanowna hat nun einmal so einen Charakter, und wenn die Kinder anfangen zu weinen, und sei es aus Hunger, schlägt sie sie sofort. Und da sah ich – es war gegen sechs Uhr – wie Ssonjetschka aufstand, das Tüchlein umnahm, ihr Pelzchen anzog und die Wohnung verließ, in der neunten Stunde aber kam sie zurück. Sie kam, ging direkt zu Katerina Iwanowna und legte schweigend auf den Tisch dreißig Rubel hin. Kein einziges Wörtchen hat sie gesagt, nicht mal hingeblickt; sie nahm unser großes grünes Umlegetuch – wir besitzen so ein gemeinsames Umlegetuch – bedeckte damit den Kopf und das Gesicht ganz und gar und legte sich auf das Bett mit dem Gesichte zur Wand; bloß die schmalen Schultern und der ganze Körper bebten ... Ich aber lag, wie vorher, in demselben Zustande ... Und da sah ich, junger Mann, da sah ich, wie Katerina Iwanowna, ohne ein Wort zu sagen, an das Bettchen von Ssonjetschka herantrat und den ganzen Abend auf den Knien zu ihren Füßen lag, ihr die Füße küßte, nicht aufstehen wollte, und wie sie beide schließlich umschlungen einschliefen ... beide ... beide zusammen ... ja ... und ich lag berauscht da.“
Marmeladoff schwieg, als versage ihm die Stimme. Dann schenkte er sich plötzlich ein, trank schnell aus und krächzte.
„Seit der Zeit, mein Herr,“ – fuhr er nach kurzem Schweigen fort, – „seit der Zeit ist meine Tochter Ssofja Ssemenowna gezwungen worden – dank einem ungünstigen Zufalle und dank der Denunziation schlechtgesinnter Menschen, wobei Darja Franzowna sich besonders hervorgetan hat, weil man ihr angeblich die ihr gebührende Achtung versagt habe, – den gelben Schein zu nehmen und hat infolgedessen bei uns nicht länger bleiben können. Denn unsere Wirtin, Amalie Fedorowna wollte es nicht zulassen, – vorher aber hat sie Darja Franzowna, dazu verholfen – und auch Herr Lebesjätnikoff ... hm ... Ja, sehen Sie, die Geschichte zwischen ihm und Katerina Iwanowna passierte ja wegen Ssonja. Zuerst stellte er Ssonjetschka selbst nach, mit einem Mal aber wurde er empfindlich. ‚Wie kann ich, als ein gebildeter Mann – sagte er – mit so einer in derselben Wohnung leben?‘ Katerina Iwanowna nahm es nicht stillschweigend hin, trat für Ssonja ein ... nun, und da passierte es ... Ssonjetschka besucht uns nun meist in der Dämmerung, hilft Katerina Iwanowna und gibt nach Möglichkeit Geld ... Wohnen aber tut sie bei dem Schneider Kapernaumoff; sie hat bei ihm eine Stube gemietet. Kapernaumoff ist lahm und stottert, und seine sehr zahlreiche Familie stottert auch. Auch seine Frau stottert ... Sie leben alle in einem Zimmer. Ssonja aber hat ihr eigenes mit einer Scherwand ... Hm ... ja ... Es sind furchtbar arme Leute und dazu stottern sie noch ... ja ... Ich stand also am Morgen auf, zog meine Lumpen an, hob die Hände gen Himmel und ging zu Seiner Exzellenz Iwan Afanassjewitsch. Geruhen Sie Seine Exzellenz Iwan Afanassjewitsch zu kennen? ... Nein? ... Nun, dann kennen Sie nicht einen Gottesmenschen! Er ist wie Wachs ... Wachs vor dem Angesichte Gottes; er schmilzt wie Wachs ... Er vergoß sogar Tränen, nachdem er geruht hat alles anzuhören. ‚Nun, – sagte er – einmal hast du meine Erwartung getäuscht, Marmeladoff ... Ich gebe dir noch einmal eine Stelle, – auf meine persönliche Verantwortung hin,‘ – so sprach er – ‚denk daran – sagte er – und geh jetzt!‘ Ich küßte den Staub zu seinen Füßen – in Gedanken nur, denn in Wirklichkeit hätte er es nicht gestattet, als Würdenträger und als ein Mann der neuen Staatsideen und Bildung. Ich kehrte nach Hause zurück, und als ich mitteilte, daß ich in den Staatsdienst aufgenommen wäre und Gehalt erhalten würde, – Herrgott, was geschah da ...“
Marmeladoff hielt von neuem in großer Erregung inne. In diesem Augenblick drang von der Straße eine Schar von Trunkenbolden herein, die schon bezecht waren, und am Eingange ertönten die Klänge eines Leierkastens und die gesprungene Stimme eines siebenjährigen Kindes, das ein Gassenlied sang. Es wurde lärmend. Der Wirt und die Knaben bedienten die Neuangekommenen. Marmeladoff setzte seine Erzählung fort, ohne die Eingetretenen zu beachten. Er schien sehr schwach geworden zu sein, aber je stärker der Branntwein auf ihn wirkte, um so redseliger wurde er. Die Erinnerung an den kürzlichen Erfolg und die Aufnahme in den Dienst schien ihn zu beleben und spiegelte sich sogar auf seinem Gesichte gleich einem frohen Schimmer wieder. Raskolnikoff hörte ihm aufmerksam zu.
„Das geschah, mein Herr, vor fünf Wochen. Ja ... Kaum hatten sie beide, Katerina Iwanowna und Ssonjetschka es erfahren, da schien ich – oh Gott! – ins Himmelreich geraten zu sein. Früher lag ich da wie ein Vieh und hörte bloß Schimpfen! Nun aber gingen sie auf den Fußspitzen, die Kinder wurden angehalten ruhig zu sein. ‚Ssemjon Sacharytsch ist müde vom Dienste, ruht sich aus ... pst!‘ Ehe ich in den Dienst mußte, bekam ich Kaffee; Sahne wurde gekocht. Sie verschafften wirkliche Sahne, hören Sie! Und woher sie elf Rubel und fünfzig Kopeken zu einer anständigen Equipierung zusammengekratzt haben, begreife ich bis jetzt noch nicht. Stiefel, ein prachtvolles Kalikohemd, einen Uniformrock – alles haben sie in ausgezeichnetem Zustande für elf Rubel und fünfzig Kopeken aufgebracht. Den ersten Tag kam ich früh aus dem Dienste und was sehe ich, – Katerina Iwanowna wartet mit zwei Speisen auf – Suppe und Pökelfleisch mit Meerrettich, wovon wir vorher nicht mal einen Begriff hatten. Sie hat eigentlich keine Kleider ... wirklich gar keine, aber nun war sie angezogen, als wollte sie einen Besuch machen; sie hatte sich geschmückt, und im Grunde genommen war nichts Besonderes da, aber sie hatte es verstanden, aus nichts alles zu schaffen, – hatte ihr Haar geordnet, einen reinen Kragen, Manschetten angelegt und hatte aus sich einen ganz anderen Menschen gemacht, sah jünger und hübscher aus. Ssonjetschka, mein Täubchen, hatte nur mit Geld geholfen, denn es gehe jetzt nicht an, sagte sie, daß sie uns oft besuchte, höchstens in der Dämmerung, damit niemand es sehe. Hören Sie, hören Sie? Nach dem Essen legte ich mich ein wenig hin – wie meinen Sie, was geschah da, – Katerina Iwanowna konnte es doch nicht über sich bringen, und lud unsere Wirtin, Amalie Fedorowna, trotzdem sie sich vor einer Woche mit ihr gehörig gezankt hatte, nun zu einer Tasse Kaffee ein. Zwei Stunden saßen sie und flüsterten fortwährend. ‚Ssemjon Sacharytsch – erzählte Katerina Iwanowna – ist jetzt im Staatsdienste und erhält Gehalt; er erschien bei Seiner Exzellenz, und Seine Exzellenz kam selbst heraus, ließ alle anderen warten, nahm Ssemjon Sacharytsch an der Hand und führte ihn in sein Zimmer!‘ – Hören Sie, hören Sie! – ‚Ich erinnere mich selbstverständlich Ihrer Verdienste, Ssemjon Sacharytsch – sagte er – und obwohl Sie diese leichtsinnige Schwäche haben, – da Sie es mir aber versprechen und es bei uns außerdem ohne Sie nicht gut gegangen ist‘ – (Hören Sie, hören Sie!) – ‚So verlasse ich mich jetzt auf Ihr Ehrenwort‘ – sagte er – das heißt, ich muß Ihnen sagen, sie hatte sich das alles ausgedacht, nicht aus Geschwätzigkeit und auch nicht um damit zu prahlen. Nein, sie glaubt selbst daran, ergötzt sich an ihrer eigenen Phantasie, bei Gott! Und ich verurteile es nicht, nein, ich verurteile es nicht, nein, ich verurteile es nicht! ... Als ich nun, vor sechs Tagen, mein erstes Gehalt – dreiundzwanzig Rubel vierzig Kopeken ihr vollzählig abgab, nannte sie mich ihr Püppchen. ‚So ein Püppchen bist du!‘ – sagte sie. Und unter vier Augen hat sie es gesagt, verstehen Sie? Nun, bin ich denn etwa schön, und was bin ich für ein Gatte? Sie hat mich in die Wange gekniffen und ‚so ein Püppchen‘ gesagt.“
Marmeladoff hielt inne, wollte lächeln, plötzlich aber zitterte sein Kinn. Er beherrschte sich. Diese Schenke, das verkommene Aussehen, die fünf Nächte auf den Heubarken, die Branntweinflasche und dazu nun diese krankhafte Liebe zu Frau und Familie verwirrten den Erzähler. Raskolnikoff hörte ihm gespannt zu, jedoch mit einem peinvollen Empfinden. Er ärgerte sich, daß er hierher gekommen war.
„Mein Herr, verehrter Herr!“ – rief Marmeladoff aus, nachdem er sich völlig beherrscht hatte – „Oh, mein Herr, vielleicht erscheint Ihnen das alles lächerlich, wie den anderen, und ich belästige Sie bloß mit dem Kram und all diesen kleinlichen Einzelheiten meines häuslichen Lebens, – nun, für mich aber ist es nicht lächerlich! Denn ich kann dies alles fühlen ... Und diesen himmlischen Tag meines Lebens, wie auch den Abend verbrachte ich in flüchtigen Träumereien, – wie ich alles einrichten, den Kindern Kleidung verschaffen, ihr die Ruhe geben und meine einzige Tochter aus der Schande in den Schoß der Familie zurückbringen werde ... Und viel mehr, viel anderes noch ... Es war ja verzeihlich, mein Herr. Nun, mein Herr – (Marmeladoff fuhr plötzlich auf, erhob den Kopf und blickte seinem Zuhörer ins Gesicht) – nun, am andern Tage nach all diesen Träumen, heute sind es genau fünf Tage her, – entwandt ich gegen Abend durch einen listigen Betrug, wie ein Dieb in der Nacht, Katerina Iwanowna den Schlüssel zu ihrem Kasten, nahm den Rest von dem heimgebrachten Gehalt, – wieviel es war, weiß ich nicht mehr, – und nun sehen Sie mich an, seht Ihr alle mich an. Den fünften Tag bin ich von Hause weg, man sucht mich, und der Dienst ist aus, der Uniformrock liegt in einer Schenke bei der Ägyptischen Brücke und an seiner Stelle habe ich diese Kleidung erhalten ... und alles ist nun aus!“
Marmeladoff schlug sich mit der Faust an die Stirn, preßte die Zähne zusammen, schloß die Augen und stützte sich schwer mit den Ellbogen auf den Tisch. Nach einem Moment aber veränderte sich plötzlich sein Gesicht, er blickte mit geheuchelter Verschmitztheit und gespielter Frechheit Raskolnikoff an, lachte und sagte: „Und heute war ich bei Ssonja, habe sie gebeten mir Geld für einen Schnaps zu geben! He–he–he!“ ... „Hat sie dir wirklich gegeben?“ – rief jemand von den Neuangekommenen, rief es und lachte aus vollem Halse.
„Diese halbe Flasche ist für ihr Geld gekauft,“ – sagte Marmeladoff, sich ausschließlich an Raskolnikoff wendend. – „Dreißig Kopeken gab sie mir, mit ihren eigenen Händen, die letzten, alles, was sie hatte, ... ich habe es selbst gesehen ... Sie hat nichts, nichts gesagt, hat mich bloß schweigend angesehen ... So grämt und weint man nicht auf Erden über Menschen ... sondern dort oben ... und keinen Vorwurf, keinen einzigen Vorwurf ... Und es tut einem mehr weh, wenn man keinen Vorwurf hört! ... Dreißig Kopeken, ja. Und sie braucht sie selbst jetzt, ah? Wie meinen Sie, mein lieber Herr! Sie muß ja doch jetzt auf Sauberkeit achten. Diese Sauberkeit, diese besondere Sauberkeit kostet Geld, verstehen Sie? Verstehen Sie es? Nun, und dann muß sie hin und wieder Pomade oder so was kaufen, es geht ja nicht ohne dem; steife Unterröcke muß sie haben. Stiefel, hübsche Stiefel müssen da sein, um das Füßchen zu zeigen, wenn sie über eine Pfütze gehen muß. Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Nun, und ich, der leibliche Vater, nahm ihr diese dreißig Kopeken zu einem Schnaps! Und ich trinke hier! Habe sie schon vertrunken! ... Nun, wer soll denn mit so einem, wie ich, Mitleid haben? Ah? Tue ich Ihnen jetzt leid oder nicht, mein Herr? Sagen Sie, mein Herr, tue ich Ihnen leid oder nicht? He–he–he–he!“
Er wollte sich einschenken, aber es war nichts mehr da. Die Flasche war leer.
„Warum soll man auch mit dir Mitleid haben?“ – rief der Wirt, der sich in ihrer Nähe befand.
Starkes Lachen erscholl und Schimpfworte wurden laut. Alle lachten, die Marmeladoff zugehört und auch die, welche nicht zugehört hatten, und schimpften ohne Grund, allein schon beim Anblick der Person des verabschiedeten Beamten.
„Mit mir Mitleid haben! Mitleid haben!“ – rief Marmeladoff plötzlich laut und erhob sich mit ausgestreckter Hand, sich gebärdend, als hätte er bloß auf diese Worte gewartet. – „Warum Mitleid mit mir haben, sagst du? Ja! Es gibt nichts, weswegen man mich bemitleiden kann. Man muß mich kreuzigen, mich ans Kreuz nageln und nicht Mitleid haben! Kreuzige, kreuzige, Richter und nachdem du gekreuzigt hast, habe Mitleid. Und da will ich selbst zur Kreuzigung zu dir kommen, denn ich suche nicht Fröhlichkeit, sondern Kummer und Tränen! ... Meinst du, du Krämer, daß diese Flasche mir zur Freude war? Kummer, Kummer suchte ich auf ihrem Boden, Kummer und Tränen, und ich habe sie gefunden und habe von ihnen gekostet. Mitleid aber mit uns wird der haben, der mit allen Mitleid hat, und der alles und alle verstanden hat, Er, der einzige; er ist auch der Richter. Er wird an jenem Tage kommen und fragen: ‚Wo ist die Tochter, die sich der bösen und schwindsüchtigen Stiefmutter und den fremden kleinen Kindern geopfert hat? Wo ist die Tochter, die mit ihrem irdischen Vater, dem lasterhaften Trunkenbold, Mitleid hatte, ohne sich vor seiner Tierheit zu erschrecken?‘ Und er wird sagen, – ‚komm! Ich habe dir schon einmal vergeben ... Habe dir einmal vergeben ... Vergeben sind dir auch jetzt deine vielen Sünden, weil du viel geliebt hast ...‘ Und er wird meiner Ssonja vergeben, wird ihr vergeben; ich weiß es, daß er ihr vergeben wird ... Ich habe es, als ich jetzt bei ihr war, im Herzen gefühlt! ... Und er wird allen gerecht sein und wird vergeben, wie den guten, so auch den bösen, wie den weisen, so auch den einfältigen ... Und wenn er mit allen schon zu Ende sein wird, da wird er auch zu uns sprechen – ‚kommet auch ihr‘ – wird er sagen ‚kommt ihr Betrunkenen, kommt ihr Schwächlinge, kommt ihr Sündigen!‘ Und wir alle werden hervortreten, ohne uns zu schämen, und werden dastehn. Er aber wird sagen: ‚Ihr Schweine! Ihr Ebenbilder des Tieres, ihr viehischen Gesichter, ihr – kommt auch ihr!‘ Und die Weisen und die Klugen werden ausrufen: ‚Herr! Warum nimmst du sie auf?‘ Und er wird sagen – ‚Ich nehme sie auf, ihr Weisen. Ich nehme sie auf, ihr Klugen, weil sich kein einziger von ihnen für dessen würdig hielt ...‘ Und er wird seine Hände gegen uns ausstrecken, und wir werden niedersinken ... und werden weinen ... und alles verstehn! Dann werden wir alles verstehen! ... Und alle werden verstehn ... auch Katerina Iwanowna ... auch sie wird verstehn ... Herr, dein Reich komme.“
Er ließ sich auf die Bank nieder, erschöpft und geschwächt, ohne jemand anzusehen, als hätte er die Umgebung vergessen, und versank in tiefes Sinnen. Seine Worte hatten einen gewissen Eindruck hervorgerufen; für einen Augenblick trat Schweigen ein, bald darauf aber ertönte von neuem Lachen und Schelten.
„Er hat gerichtet!“
„Hat sich vergaloppiert!“
„Ist auch Beamter!“
und solcherlei mehr hörte man.
„Wollen wir gehen, mein Herr!“ – sagte Marmeladoff plötzlich, hob den Kopf und wandte sich an Raskolnikoff. – „Begleiten Sie mich ... Haus Kosel ... im Hofe. Es ist Zeit ... für mich ... zu Katerina Iwanowna ...“
Raskolnikoff hatte längst schon weggehen wollen, und auch selbst gedacht, ihm behilflich zu sein. Marmeladoff zeigte sich viel schwächer in den Beinen, als in seinen Reden, und stützte sich stark auf den jungen Mann. Sie hatten zwei- bis dreihundert Schritte zu gehen. Verwirrung und Angst packten immer stärker und stärker den Säufer, je mehr sie sich dem Hause näherten.
„Ich fürchte mich jetzt nicht vor Katerina Iwanowna,“ – murmelte er erregt, – „auch nicht davor, daß sie mich an den Haaren raufen wird. Was sind Haare! ... Dummes Zeug sind die Haare! Das sage ich! Es ist sogar besser, daß sie mich raufen wird, aber ich fürchte mich nicht davor ... ich ... ich ... fürchte mich vor ihren Augen ... ja ... vor ihren Augen ... Auch vor den roten Flecken auf den Wangen fürchte ich mich ... und ich fürchte mich – vor ihrem Atem ... Hast du gesehen, wie die Menschen bei dieser Krankheit atmen ... wenn sie erregt sind? Auch vor den weinenden Kindern fürchte ich mich ... Wenn Ssonja ihnen nichts zu essen gegeben hat, dann ... weiß ich nicht, wie ... Ich weiß nicht! Vor Schlägen fürchte ich mich nicht ... Du sollst wissen, mein Herr, daß solche Schläge mir keinen Schmerz, sondern Genuß bereiten ... Denn ohne die kann ich selbst nicht auskommen. Es ist besser. Mag sie mich schlagen, mag sie ihrem Herzen Luft machen ... es ist besser ... Da ist ja das Haus. Es gehört Kosel, einem Schlosser, einem reichen Deutschen ... führe mich!“
Sie traten in den Hof und stiegen in das vierte Stockwerk. Je höher sie die Treppe hinaufstiegen, um so dunkler wurde es. Es war fast elf Uhr, und obwohl es um diese Jahreszeit in Petersburg keine Nacht gibt, war es doch sehr dunkel oben auf der Treppe.
Eine kleine verräucherte Tür am Ende der Treppe war geöffnet. Ein Lichtstumpf beleuchtete ein sehr ärmliches, etwa zehn Schritte langes Zimmer; vom Flur aus konnte man es vollständig übersehen. Alles lag verstreut und in Unordnung umher, besonders zerlumpte Kinderkleider. Vor den hintersten Winkel war ein verlöchertes Bettlaken gezogen. Dort stand wahrscheinlich das Bett. Im Zimmer waren im ganzen zwei Stühle und ein sehr abgerissenes mit Wachstuch bezogenes Sofa, vor dem ein alter ungestrichener Küchentisch ohne Decke, aus Fichtenholz, stand. Auf einer Ecke des Tisches brannte in einem eisernen Leuchter der Lichtstumpf. Es erwies sich, daß Marmeladoff nicht in dem Winkel schlief, sondern in einem Zimmer für sich war, das aber ein Durchgangszimmer war. Die Tür zu den andern Räumen oder vielmehr Käfigen, in die die Wohnung von Amalie Lippewechsel eingeteilt war, stand offen. Dort ging es geräuschvoll und laut zu. Man hörte Lachen. Wie es schien, spielte man dort Karten und trank Tee. Hin und wieder ertönten höchst ungesellschaftliche Reden.
Raskolnikoff erkannte Katerina Iwanowna sofort. Sie war eine furchtbar abgemagerte Frau, von ziemlich hohem Wuchse, und schlank, mit noch schönem, dunkelblondem Haar; auf den Wangen waren die roten Flecke zu sehen. Sie wanderte in dem kleinen Zimmer auf und ab, die Hände an die Brust gepreßt, mit vertrockneten Lippen, und atmete stoßweise und unregelmäßig. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, der Blick aber war scharf und unbeweglich, und dieses schwindsüchtige und erregte Gesicht machte einen schmerzlichen Eindruck bei der Beleuchtung des sterbenden Lichtes, das auf dem Gesichte zitterte. Sie schien Raskolnikoff etwa dreißig Jahre alt zu sein und in der Tat zu Marmeladoff nicht zu passen ... Die Eintretenden hatte sie nicht gehört und nicht bemerkt; ihre Gedanken schienen abwesend zu sein, sie hörte und sah nichts. Im Zimmer war es dumpf, das Fenster war verschlossen; von der Treppe her kam ein mörderlicher Gestank, und die Tür zur Treppe war offen, aus den inneren Räumen drangen durch die geöffnete Tür Wolken von Tabakrauch, – sie hustete, schloß aber die Tür nicht zu. Das kleinste Mädchen im Alter von sechs Jahren etwa, saß zusammengekauert auf der Diele und schlief mit dem Gesicht ans Sofa gelehnt. Der Knabe, ein Jahr älter, stand in einem Winkel, am ganzen Körper zitternd, und weinte. Er hatte wahrscheinlich soeben Schläge bekommen. Das älteste Mädchen, von neun Jahren, hoch und dünn, wie ein Streichholz, stand in einem schlechten und völlig zerrissenen Hemdchen und in einem alten wattierten Mantel, der um die nackten Schultern geworfen und wahrscheinlich vor zwei Jahren gemacht war, da er ihr jetzt kaum bis zu den Knien reichte, in dem Winkel neben dem kleinen Bruder und hielt seinen Hals mit ihrem langen, dünnen Arm umschlungen. Sie schien ihn zu trösten, flüsterte ihm etwas zu und hielt ihn in jeder Weise zurück, damit er ja nicht weine, und gleichzeitig beobachtete sie voll Angst die Mutter mit ihren übergroßen, dunklen Augen, die in dem abgemagerten und erschrockenen Gesichtchen noch größer erschienen. Marmeladoff kniete, ohne das Zimmer zu betreten, an der Tür nieder und schob Raskolnikoff vor sich her. Als die Frau einen Fremden erblickte, blieb sie zerstreut vor ihm stehen, kam auf einen Augenblick zu sich und schien nachzudenken, warum er eingetreten sei. Aber sie meinte wohl, daß er in die andern Räume wollte, da der ihrige nur ein Durchgangszimmer war. Nachdem sie sich’s so überlegt hatte, ging sie, ohne ihn weiter zu beachten, zu der Flurtür, um sie zu schließen. Da schrie sie plötzlich auf, als sie auf der Schwelle ihren knienden Mann erblickte.
„Oh!“ – rief sie in blinder Wut. – „Du bist zurückgekehrt! Du Zuchthäusler! Du Unmensch! ... Wo ist das Geld? Was hast du in der Tasche, zeige mir’s! Und die Kleider sind nicht dieselben! Wo ist deine Uniform? Wo ist das Geld? Sprich! ...“
Und sie stürzte sich auf ihn, um ihn zu durchsuchen. Marmeladoff streckte gehorsam und unterwürfig die Arme nach beiden Seiten aus, um ihr die Durchsuchung der Taschen zu erleichtern. Vom Gelde war keine Kopeke mehr da.
„Wo ist das Geld?“ – schrie sie. – „Oh, Gott, er wird doch nicht alles vertrunken haben! Es waren doch zwölf Rubel in dem Kasten! ...“
Plötzlich packte sie ihn in rasender Wut an den Haaren und zerrte ihn in das Zimmer hinein. Marmeladoff erleichterte ihr die Mühe, indem er auf den Knien demütig hinter ihr herkroch.
„Das ist mir ein Genuß! Das ist für mich kein Schmerz, sondern ein Ge–nuß, mein Herr!“ – rief er aus, während er an den Haaren gezerrt wurde und sogar einmal mit der Stirn gegen den Boden schlug.
Das Kind, das auf der Diele schlief, wachte auf und begann zu weinen. Der Knabe im Winkel fuhr zusammen, erschauerte, schrie auf und stürzte in furchtbarem Schreck, wie in einem Anfalle, zu der Schwester hin. Das älteste Mädchen bebte an allen Gliedern, wie ein Blatt unter einem Windstoß.
„Du hast das Geld vertrunken! Hast alles, alles vertrunken!“ – schrie die arme Frau in Verzweiflung. – „Und die Kleider sind nicht dieselben. Die da sind hungrig, hungrig!“ – (und händeringend zeigte sie auf die Kinder) – „Oh, verfluchtes Leben! Und Sie ... schämen Sie sich nicht“ – mit diesen Worten stürzte sie sich unversehens auf Raskolnikoff. – „Sie da aus der Schenke! Du hast mit ihm getrunken? Hast mit ihm getrunken! Hinaus!“ Der junge Mann schritt eilends hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Die Türe zu den anderen Zimmern wurde sperrweit geöffnet, und einige Neugierige schauten herein. Dreiste, lachende Gesichter mit Zigaretten und Pfeifen im Munde, mit Mützen auf dem Kopfe zeigten sich. Man sah Gestalten in Schlafröcken und mit völlig nackter Brust, in leichter Bekleidung, die an Unanständigkeit grenzte, manche mit Karten in den Händen. Sie amüsierten sich vortrefflich und lachten, als Marmeladoff an den Haaren gezerrt ausrief, daß dies ihm ein Genuß sei. – Man drängte sich sogar in das Zimmer; plötzlich erscholl ein wütendes Gekreische, – Amalie Lippewechsel war herbeigeeilt, um selbst auf ihre Weise Ordnung zu schaffen und zum hundertsten Mal die arme Frau durch den zornigen Befehl, morgen schon die Wohnung zu räumen, zu erschrecken. Beim Fortgehen gelang es Raskolnikoff die Hand in die Tasche zu stecken, soviel von dem Kupfergelde, das man ihm in der Schenke auf den Rubel herausgegeben hatte, hervorzuholen, als er erfassen konnte, und es unbemerkt auf das Fensterbrett zu legen. Auf der Treppe besann er sich und wollte umkehren. „Was habe ich für eine Dummheit gemacht?“ dachte er. „Sie haben ja Ssonja und ich brauche es doch selbst.“
Nachdem er aber eingesehen hatte, daß es unmöglich war, das Geld zurückzunehmen, und daß er es sowieso nicht zurückgenommen hätte, machte er eine Bewegung mit der Hand und ging nach Hause.
„Ssonja braucht Pomade,“ fuhr er fort, während er auf der Straße ging, und lächelte bitter. „Diese Sauberkeit kostet Geld ... Hm! Ssonjetschka kann vielleicht heute Fiasko machen, denn es ist immer ein Risiko – die Jagd auf dieses Wild ... wie das Graben nach Gold ... da würden sie dann alle ohne mein Geld morgen auf dem Trockenen sitzen ... Ja, die Ssonja! Welch einen Brunnen haben sie zu finden verstanden! Und sie benutzen ihn! Sie benutzen ihn trotz allem! Und haben sich daran gewöhnt! Sie haben geweint und haben sich daran gewöhnt. An alles gewöhnt sich der Schuft – der Mensch!“
Er verfiel in Nachdenken.
„Wenn ich aber gelogen habe,“ rief er plötzlich unwillkürlich aus. „Wenn der Mensch tatsächlich kein Schuft ist, das ganze Geschlecht überhaupt, das heißt das menschliche Geschlecht es nicht ist, so bedeutet das, daß alles Vorurteil ist, bloß eingebildeter Schrecken, und es gibt also keine Hindernisse und so muß es auch sein! ...“
III.
Er erwachte am anderen Tage spät nach einem unruhigen Schlafe; der Schlaf hatte ihn nicht gestärkt. Er erwachte griesgrämig, gereizt und böse, und blickte voll Haß seine Kammer an. Es war ein winziger Raum, sechs Schritt lang, und machte mit seiner gelblichen, staubigen und überall an den Wänden losgelösten Tapete einen kläglichen Eindruck; das Zimmer war so niedrig, daß es einem einigermaßen großen Manne bange wurde, und immer schien es, als könnte man jeden Augenblick mit dem Kopf an die Decke stoßen. Die Möbel entsprachen dem Raume, – es waren drei alte Stühle da, in nicht ganz brauchbarem Zustande, in einer Ecke stand ein gestrichener Tisch, auf dem ein paar Hefte und Bücher lagen; schon aus dem Umstande, wie verstaubt sie waren, konnte man schließen, daß sie lange nicht berührt worden waren. Außerdem stand in dem Zimmer noch ein plumpes, großes Sofa, das fast die ganze Wand und die Hälfte des Zimmers einnahm, einst war es mit Kattun bezogen, jetzt war es zerfetzt; es diente Raskolnikoff als Bett. Er schlief darauf oftmals so, wie er ging und stand, ohne sich auszuziehen, ohne Laken, bedeckt mit einem alten, abgerissenen Studentenmantel, unter dem Kopfe ein kleines Kissen, worunter er alles, was er an Wäsche, reiner und getragener, besaß, stopfte, um die Kopfstelle höher zu machen. Vor dem Sofa stand ein kleines Tischchen. Es hielt schwer, noch verkommener und zerlumpter zu sein, Raskolnikoff aber war das in seiner jetzigen Gemütsverfassung gerade angenehm. Er hatte sich, wie eine Schildkröte in ihrer Behausung, von allen völlig zurückgezogen; und das Gesicht des Mädchens, das verpflichtet war, ihn zu bedienen und das zuweilen in sein Zimmer einen Blick warf, reizte schon seine Galle und verursachte ihm Krämpfe. Das kommt bei manchen Leuten vor, die von einer Manie befallen sind, und die sich auf etwas besonders stark konzentriert haben. Seine Wirtin hatte seit zwei Wochen schon aufgehört, ihm Essen zu geben und er hatte noch nicht gedacht, zu ihr zu gehen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, obwohl er ohne Mittag saß. Nastasja, die Köchin und das einzige Mädchen der Wirtin, war über die Stimmung des Mieters zum Teil froh und hatte aufgehört, sein Zimmer aufzuräumen und auszukehren; ab und zu jedoch, vielleicht einmal in der Woche, ergriff sie, wie zufällig, den Besen. Sie hatte ihn jetzt geweckt.
„Steh auf, was schläfst du!“ rief sie ihm zu. „Es ist schon zehn Uhr. Ich habe dir Tee gebracht. Willst du Tee? Bist wahrscheinlich schon ganz abgemagert?“
Der junge Mann öffnete die Augen, zuckte zusammen und erkannte Nastasja.
„Ist der Tee von der Wirtin?“ fragte er und erhob sich langsam und mit schmerzlicher Miene vom Sofa.
„Was dir einfällt, – von der Wirtin!“
Sie stellte ihre eigene gesprungene Teekanne mit altem aufgebrühtem Tee vor ihm hin und legte zwei Stück gelben Zucker daneben.
„Nimm das, bitte, Nastasja,“ sagte er, indem er in der Tasche suchte – (er hatte angekleidet geschlafen) – und eine Handvoll Kupfermünzen hervorholte. „Gehe und kaufe mir Weißbrot. Hole auch ein wenig Wurst aus dem Laden, aber billige ...“
„Weißbrot will ich dir sofort bringen, willst du aber nicht anstatt Wurst etwas Kohlsuppe haben? Die Kohlsuppe ist gut, sie ist von gestern. Ich hatte gestern für dich etwas aufbewahrt, aber du kamst erst so spät. Es ist eine gute Kohlsuppe.“
Nachdem sie die Kohlsuppe gebracht hatte, setzte sich Nastasja neben ihm auf dem Sofa hin und begann, während er aß, zu plaudern. Sie war vom Lande und ein sehr geschwätziges Frauenzimmer.
„Praskovja Pawlowna will dich bei der Polizei verklagen,“ sagte sie.
Er verzog das Gesicht.
„Bei der Polizei? Was will sie denn?“
„Du zahlst nicht und räumst das Zimmer nicht. Es ist begreiflich, was sie will.“
„Zum Teufel, das fehlte noch,“ murmelte er und knirschte mit den Zähnen. „Nein, das kommt mir jetzt ... sehr ungelegen ... Sie ist dumm,“ fügte er laut hinzu. „Ich will heute noch zu ihr gehen und mit ihr sprechen.“
„Sie ist dumm, ebenso wie ich; aber du, Kluger, was liegst du da, wie ein Sack, nichts hat man von dir. Früher, sagst du, hast du Kinder unterrichtet, warum machst du aber jetzt nichts?“
„Ich mache ...“ antwortete Raskolnikoff unwillig und finster.
„Was machst du denn?“
„Ich arbeite ...“
„Was arbeitest du denn?“
„Ich denke,“ antwortete er nach einem Schweigen finster.
Nastasja schüttelte sich vor Lachen. Sie war von den Lachlustigen, und wenn man sie zum Lachen reizte, lachte sie lautlos, aber am ganzen Körper bebend und sich schüttelnd, bis sie nicht mehr konnte.
„Hast du viel Geld mit dem Denken verdient?“ brachte sie endlich hervor.
„Ohne Stiefel kann man doch nicht unterrichten. Und übrigens pfeife ich auf alles.“
„Sei nicht zu stolz.“
„Den Unterricht bezahlt man in Kupfer. Was soll man mit ein paar Kopeken anfangen?“ fuhr er unwillig fort, als antworte er den eigenen Gedanken.
„Du möchtest wohl ein ganzes Kapital auf einmal haben?“
Er blickte sie sonderbar an.
„Ja, ein ganzes Kapital,“ antwortete er nach einem Schweigen entschlossen.
„Fang mit kleinem an; du erschreckst einen ja. Soll ich dir jetzt Weißbrot holen oder nicht?“
„Wie du willst!“
„Ach, ich vergaß; gestern ist für dich ein Brief angekommen.“
„Ein Brief! Für mich! Von wem?“
„Von wem er ist – das weiß ich nicht. Ich habe dem Briefträger drei Kopeken aus meiner eigenen Tasche gegeben. Gibst du sie mir wieder?“
„Bring doch den Brief, um Gottes Willen, bring ihn gleich!“ rief Raskolnikoff ganz erregt. „Oh, Gott!“
Nach einer Minute kam der Brief. „Wirklich! Er ist von der Mutter, aus dem R.schen Gouvernement.“ Er erbleichte sogar, als er ihn nahm. Lange schon hatte er keine Briefe erhalten, und jetzt bedrückte noch etwas anderes sein Herz.
„Nastasja, geh fort, um Gotteswillen. Da hast du deine drei Kopeken, geh nur schnell fort, um Gotteswillen.“
Der Brief zitterte in seinen Händen; er wollte ihn nicht in ihrer Anwesenheit öffnen, er wollte mit dem Briefe allein sein. Als Nastasja gegangen war, führte er schnell den Brief an seine Lippen und küßte ihn; dann blickte er lange die Schrift auf dem Kuvert an, die bekannte und liebe, feine und schräge Schrift seiner Mutter, die ihn einst lesen und schreiben gelehrt hatte. Er zögerte, den Brief zu öffnen, schien sich sogar vor etwas zu fürchten. Endlich öffnete er den Brief, einen langen, gewichtigen Brief; zwei große Briefbogen waren dicht beschrieben.
„Mein lieber Rodja,“ schrieb die Mutter, „es ist über zwei Monate her, seit ich mit dir brieflich gesprochen habe; darunter habe ich selbst gelitten, und manche Nacht haben mich die Gedanken nicht schlafen lassen. Aber du wirst mich sicher nicht verurteilen wegen meines ungewollten Schweigens. Du weißt, wie ich dich liebe; du bist unser Einziges, mir und Dunja, du bist unser alles, unsere ganze Hoffnung, unser Trost. Ach, wenn du wüßtest, wie mir war, als ich erfuhr, daß du die Universität schon einige Monate verlassen hast, weil es dir an Mitteln mangelte, und daß das Stundengeben und deine anderen Arbeiten ein Ende genommen haben. Und wie hätte ich dir mit meiner Pension von hundertzwanzig Rubel jährlich helfen können? Die fünfzehn Rubel, die ich vor vier Monaten schickte, hatte ich, wie du auch weißt, von unserem hiesigen Kaufmann Wassilij Iwanowitsch Wachruschin auf die Pension hin geliehen. Er ist ein guter Mensch und war ein Freund deines Vaters. Aber da ich ihm das Recht, die Pension für mich zu empfangen, gegeben hatte, mußte ich warten, bis die Schuld abgetragen war, und das ist soeben erst geschehen, so daß ich die ganze Zeit dir nichts schicken konnte. Jetzt aber, Gott sei Dank, denke ich, dir wieder etwas schicken zu können, und überhaupt wir können jetzt sogar von einem Glück sprechen, und das beeile ich mich, dir mitzuteilen. Zuerst also kannst du es dir vorstellen, lieber Rodja, daß deine Schwester bereits anderthalb Monate bei mir lebt, und daß wir uns nie mehr, in aller Zukunft nicht, trennen werden. Gott sei Dank, ihre Qualen haben ein Ende gefunden, aber ich will dir alles der Reihe nach erzählen, damit du erfährst, wie alles war und was wir bis jetzt vor dir verheimlichten. Als du mir vor zwei Monaten schriebst, du hättest von irgend jemand gehört, daß Dunja stark unter der Grobheit im Hause der Herrschaften Sswidrigailoff zu leiden habe, und von mir genaue Aufklärung verlangtest, – was hätte ich dir damals antworten können? Wenn ich dir die ganze Wahrheit mitgeteilt hätte, so hättest du wahrscheinlich alles liegen lassen, wärest, und sei es zu Fuß, zu uns gekommen, denn ich kenne deinen Charakter und deine Gefühle, du hättest nicht geduldet, daß deine Schwester beleidigt wird. Ich war ganz verzweifelt, aber was sollte ich tun? Und wußte damals selber nicht die ganze Wahrheit. Das Haupthindernis bestand darin, daß Dunetschka, bei ihrem Eintritt in das Haus als Gouvernante im vorigen Jahre volle hundert Rubel voraus erhalten hatte, unter der Bedingung, die Summe monatlich von ihrem Gehalte abzuzahlen, und so konnte sie die Stelle nicht eher aufgeben, als die Schuld getilgt war. Diese Summe aber (jetzt kann ich dir alles erklären, teurer Rodja) hatte sie eigentlich deshalb genommen, um dir die sechzig Rubel zu schicken, die du damals nötig brauchtest, und die du auch im vorigen Jahre von uns erhalten hast. Wir haben dich damals getäuscht; wir schrieben dir, es sei von dem Gelde, das Dunetschka sich früher erspart habe, aber es verhielt sich nicht so, jetzt erst teile ich dir die volle Wahrheit mit, weil sich alles jetzt plötzlich nach Gottes Willen zum besten gewendet hat, und damit du weißt, wie Dunja dich liebt und welch unschätzbares Herz sie hat. Herr Sswidrigailoff behandelte sie zuerst sehr grob und erlaubte sich ihr gegenüber allerhand Unhöflichkeiten und Spöttereien bei Tisch ... Aber ich will all diese trüben Einzelheiten nicht aufzählen, und dich nicht unnütz aufregen, da alles nun ein Ende hat. Kurz, trotz der guten und anständigen Behandlung seitens Marfa Petrownas, der Gemahlin des Herrn Sswidrigailoff, und aller Hausgenossen, hatte es Dunetschka sehr schwer, besonders wenn Herr Sswidrigailoff nach alter Regimentsgewohnheit unter dem Einflusse des Bacchus stand. Aber was geschah später? Stelle dir vor, dieser Wahnwitzige hatte schon seit langem eine Leidenschaft für Dunja gefaßt, aber er verbarg sie immer unter dem Scheine eines groben und hochfahrenden Wesens ihr gegenüber. Vielleicht schämte er sich auch und war unmutig auf sich selbst, daß er, als älterer Mann und Familienvater, sich solchen leichtfertigen Wünschen hingab und war darum auf Dunja unwillkürlich böse. Vielleicht wollte er auch durch seine Grobheit und durch seinen Spott die Wahrheit vor anderen verbergen. Schließlich aber hielt er es nicht mehr aus und wagte Dunja offen einen gemeinen Antrag zu machen und versprach ihr hohe Belohnung. Alles wollte er sogar im Stiche lassen und mit ihr auf ein anderes Gut oder ins Ausland reisen. Du kannst dir ihre Leiden vorstellen! Sofort ihre Stellung aufgeben, konnte sie nicht, – nicht bloß wegen der Schuld, sondern auch um Marfa Petrowna zu schonen, die dadurch Verdacht fassen mußte; damit wäre der Zwist in die Ehe gekommen. Ja, auch für Dunetschka hätte es einen großen Skandal gegeben; so ganz ohne Aufsehen wäre die Sache nicht vorübergegangen. Es gab noch manche andere Gründe, so daß Dunja, noch vor sechs Wochen, in keinem Falle rechnen konnte, aus diesem schrecklichen Hause fortzukommen. Du kennst ja Dunja, weißt, wie klug sie ist, und welch festen Charakter sie besitzt. Dunetschka kann vieles ertragen, und im alleräußersten Falle findet sie immer noch so viel Stärke in sich, daß sie ihre Festigkeit bewahrt. Sie hat nicht mal mir über alles berichtet, um mich nicht aufzuregen, wir haben aber sonst einander oft geschrieben. Es kam jedoch eine unerwartete Lösung. Marfa Petrowna hörte zufällig, wie ihr Mann Dunetschka im Garten anflehte, und da sie alles falsch aufgefaßt hatte, gab sie Dunetschka die Schuld, in der Meinung, sie habe es eingefädelt. Es spielte sich im Garten zwischen ihnen eine fürchterliche Szene ab, – Marfa Petrowna hat sogar Dunetschka geschlagen, wollte nichts hören, schrie aber selbst stundenlang fort und befahl schließlich, Dunja sofort zu mir in die Stadt zu bringen, – auf einem gewöhnlichen Bauernwagen, in den man alle ihre Sachen, – Wäsche, Kleider, alles, wie man es vorfand, ohne es zusammenzulegen und ohne einzupacken, hineinwarf. Bei strömendem Regen mit Schande und Schmach bedeckt, mußte Dunja siebzehn Werst weit im offenen Bauernwagen fahren. Nun überlege, was hätte ich dir, als Antwort auf deinen Brief vor zwei Monaten schreiben sollen? Ich war verzweifelt; die Wahrheit durfte ich dir nicht mitteilen, denn du wärest unglücklich, zornig und empört geworden, ja und was hättest du tun können? Vielleicht hättest du dich ins Verderben gestürzt. Und Dunetschka hatte es mir verboten. Den Brief aber mit Lappalien ausfüllen, während im Herzen solcher Kummer gräbt, habe ich nicht gekonnt. Einen Monat lang gingen in der ganzen Stadt allerhand Klatschereien über diese Geschichte herum, und es war so weit gekommen, daß ich mit Dunja vor verächtlichen Blicken und hämischem Flüstern nicht mal in die Kirche gehen konnte, selbst in unserer Gegenwart wurde laut darüber gesprochen. Alle Bekannten hatten sich von uns abgewandt, alle hatten aufgehört, uns zu grüßen, und ich erfuhr mit Bestimmtheit, daß die Kommis und einige Schreiber die Absicht hatten, uns eine niederträchtige Beleidigung anzutun, indem sie das Tor unseres Hauses mit Teer beschmieren wollten, so daß unsere Wirtsleute verlangten, wir möchten die Wohnung räumen. Das alles war das Werk von Marfa Petrowna; es war ihr gelungen, Dunja in allen Häusern zu beschuldigen und schlecht zu machen. Sie ist ja hier mit allen bekannt, und in diesem Monat kam sie fortwährend in die Stadt, und da sie ziemlich geschwätzig ist und über ihre Familienangelegenheiten zu erzählen liebt, besonders aber bei jedem und allen über ihren Mann klagt, was doch sehr häßlich ist, so hatte sich die ganze Geschichte in kurzer Zeit nicht bloß in der Stadt, sondern auch im Kreise verbreitet. Mich griff’s hart an, Dunetschka aber war stärker, hättest du doch sehen können, wie sie alles ertrug, wie sie mich tröstete und mir Mut zusprach! Sie ist ein Engel! Aber dank der Barmherzigkeit Gottes nahmen unsere Qualen ein Ende, Herr Sswidrigailoff kam zur Besinnung, bereute alles, und wahrscheinlich aus Mitleid mit Dunja legte er Marfa Petrowna volle und klare Beweise der völligen Unschuld von Dunetschka vor, und zwar, – einen Brief, den Dunja noch bevor Marfa Petrowna sie im Garten überraschte, ihm zu schreiben und zu übersenden sich gezwungen sah, um persönliche Erklärungen und das Verlangen geheimer Zusammenkünfte abzulehnen; dieser Brief war nach der Abreise von Dunetschka in den Händen des Herrn Sswidrigailoff geblieben. In diesem Briefe hatte sie ihn in eindringlichster Weise und mit voller Entrüstung gerade wegen seines ehrlosen Benehmens Marfa Petrowna gegenüber getadelt, ihm vorgehalten, daß er Vater und Gatte sei, und ihm schließlich zu verstehen gegeben, wie niedrig es von ihm sei, ein wehrloses und ohnedem schon unglückliches Mädchen zu quälen und noch unglücklicher zu machen. Mit einem Worte, lieber Rodja, dieser Brief ist so edel und rührend geschrieben, daß ich schluchzend ihn las und ihn jetzt noch nur unter Tränen lesen kann. Außerdem kamen zur Rechtfertigung Dunjas die Aussagen der Dienstboten hinzu, die wie gewöhnlich viel mehr gesehen und gehört hatten, als Herr Sswidrigailoff ahnte. Marfa Petrowna war außergewöhnlich bestürzt und ‚von neuem zerschmettert,‘ wie sie uns selbst gestand, aber völlig von der Schuldlosigkeit Dunetschkas überzeugt; am anderen Tage noch, einem Sonntage, fuhr sie direkt in die Kirche und flehte zur Mutter Gottes kniefällig und mit Tränen, ihr die Kraft zu geben, diese neue Prüfung zu überstehen und ihre Pflicht zu erfüllen. Aus der Kirche kam sie zu uns, ohne jemand anderen zu besuchen, erzählte uns alles, weinte bitter und umarmte Dunja voller Reue und bat inständig um ihre Verzeihung. Am selben Morgen noch ging sie gleich von uns in alle Häuser der Stadt, und überall erzählte sie unter Tränen und in für Dunetschka schmeichelhaftesten Ausdrücken von Dunjas Unschuld und ihrem edlen Gemüt und Benehmen. Und nicht genug damit, sie zeigte allen den eigenhändigen Brief Dunetschkas an Sswidrigailoff, las ihn laut vor und erlaubte sogar Abschriften von dem Briefe zu nehmen, – was mir wirklich zu viel scheint. In dieser Weise mußte sie einige Tage nacheinander alles in der Stadt besuchen, weil mancher sich gekränkt fühlte, daß anderen der Vorzug erwiesen war; es wurde also eine Reihenfolge bestimmt, so daß man sie in jedem Hause zu einer festgesetzten Zeit erwartete, und alle wußten, daß an dem und dem Tage Marfa Petrowna dort und dort den Brief vorlesen würde, und zu jedem Vorlesen kamen Leute, auch solche, die den Brief schon ein paarmal, sowohl in ihrem eigenen Hause, als auch bei Bekannten, gehört hatten. Meiner Meinung nach war hierbei vieles, sehr vieles überflüssig, aber Marfa Petrowna hat nun mal so einen Charakter. Sie hat wenigstens die Ehre von Dunetschka vollkommen wiederhergestellt und was an dieser Sache prekär, fiel wie eine untilgbare Schande ihrem Mann, als dem allein Schuldigen zu Lasten, so daß er mir doch zuletzt leid tat; man ist zu streng mit diesem Wahnwitzigen umgegangen. Dunja wurde sofort aufgefordert, in einigen Häusern Unterricht zu geben, allein sie schlug es ab. Überhaupt begannen alle mit einem Male ihr eine besondere Achtung zu zeigen. Dies alles half hauptsächlich ein Ereignis herbeiführen, durch das sich, man kann wohl sagen, jetzt unser ganzes Schicksal ändert. Du sollst wissen, lieber Rodja, daß Dunja einen Antrag von einem Herrn erhalten hat und daß sie ihre Einwilligung bereits gegeben hat, was ich dir eilends hierdurch mitteile. Obwohl die Sache sich auch ohne deinen Ratschlag entschieden hat, wirst du wahrscheinlich weder über mich noch über deine Schwester ungehalten sein; du wirst selbst aus dem Verlauf der Angelegenheit ersehen, daß wir unmöglich warten und die Antwort bis zu dem Empfang deines Briefes hinausschieben konnten. Ja, und du hättest auch nur an Ort und Stelle alles genau beurteilen können. Es ging also folgendermaßen vor sich: Er ist schon Hofrat, heißt Peter Petrowitsch Luschin und ist ein weitläufiger Verwandter von Marfa Petrowna, die diese Angelegenheit sehr gefördert hat. Er begann damit, daß er durch Marfa Petrowna den Wunsch äußern ließ, mit uns bekannt zu werden; er wurde, wie es sich ziemt, empfangen, trank bei uns Kaffee, und am nächsten Tage schickte er einen Brief, in dem er sehr höflich seinen Antrag machte und um eine baldige und bestimmte Antwort bat. Er ist ein arbeitsamer und vielbeschäftigter Mann und will jetzt schleunigst nach Petersburg reisen, so daß für ihn jeder Augenblick kostbar ist. Selbstverständlich waren wir zuerst sehr überrascht, da dies schnell und unerwartet gekommen war. Wir erwogen und überlegten den ganzen Tag miteinander. Er ist ein zuverlässiger Mann, in gesicherten Verhältnissen, nimmt zwei Stellungen ein und besitzt schon eigenes Vermögen. Gewiß, er ist schon fünfundvierzig Jahre alt, hat aber ein ganz angenehmes Äußere und kann noch Frauen gefallen; ja, er ist überhaupt ein sehr solider und anständiger Mann, bloß ein wenig düster und anscheinend hochmütig. Aber vielleicht scheint es bloß so beim ersten Anblick. Ja, und ich gebe dir den guten Rat, lieber Rodja, wenn du ihn in Petersburg sehen wirst, was sehr bald geschehen kann, urteile nicht zu schnell und hitzig, wie es dir eigen ist, wenn bei der ersten Begegnung dir etwas an ihm nicht so gut gefallen will. Ich sage das bloß für alle Fälle, denn ich bin überzeugt, daß er auf dich einen angenehmen Eindruck machen wird. Zudem, um einen fremden Menschen einzuschätzen, muß man sich ihm allmählich und vorsichtig nähern, damit man keinen Fehler begeht und keine Voreingenommenheit faßt, die später sehr schwer zu berichtigen und zu beseitigen ist. Peter Petrowitsch ist, wenigstens nach vielen Anzeichen, ein sehr ehrenwerter Mann. Bei seinem ersten Besuche schon erklärte er, daß er ein resoluter Mann sei, aber daß er in vielem ‚die Überzeugungen der jüngeren Generation‘ – wie er sich ausdrückte – teile, und ein Feind von allen Vorurteilen sei. Er sprach noch über vieles, denn er scheint ein wenig eingebildet zu sein und es zu lieben, daß man ihm zuhöre, aber das ist ja kein Fehler. Ich habe natürlich wenig davon begriffen, aber Dunja versicherte mir, daß er keine sehr große Bildung besitze, aber ein kluger und wie es scheint, auch guter Mensch sei. Du kennst den Charakter deiner Schwester Rodja. Sie ist ein starkes, vernünftiges, geduldiges und großmütiges Mädchen, freilich auch feurigen Herzens, so wie ich sie kenne. Gewiß ist weder auf ihrer, noch auf seiner Seite eine besondere Liebe vorhanden, aber Dunja ist nicht allein ein kluges Mädchen, sondern gleichzeitig auch ein edles Wesen, ein Engel, und wird es sich zur Aufgabe stellen, das Glück des Mannes auszumachen, der seinerseits für ihr Glück Sorge tragen wird; daran aber zu zweifeln haben wir vorläufig keine Ursache, obwohl – offen gestanden – die Sache mir ein wenig zu schnell zustande kam. Außerdem ist er ein berechnender Mann, der sicher einsehen wird, daß sein eigenes Glück in der Ehe um so fester begründet ist, je glücklicher er Dunetschka macht. Was aber irgendwelche Unebenheiten des Charakters, irgendwelche alte Gewohnheiten und sogar ein gewisses Auseinandergehen in den Anschauungen anbetrifft – (und das ist auch in den glücklichsten Ehen nicht zu vermeiden) – so sagte mir Dunetschka, daß sie in dieser Hinsicht auf sich vertraut, daß es keinen Grund gibt, darüber beunruhigt zu sein und daß sie vieles ertragen kann, wenn nur gegenseitige Ehrlichkeit und Gerechtigkeit herrscht. Mir schien er zum Beispiel zuerst etwas hart, aber das kann auch von seiner Offenherzigkeit kommen und so wird es wohl auch sein. Bei seinem zweiten Besuche, als er das Jawort hatte, äußerte er im Gespräch, daß er schon früher, ehe er Dunja kennengelernt habe, beschlossen habe, ein ehrliches, aber armes Mädchen zu heiraten und unbedingt eines, das die Armut schon gekostet habe, denn ein Mann solle nach seiner Meinung seiner Frau durch nichts verpflichtet sein, sondern das sei das richtige, daß die Frau den Mann als ihren Wohltäter betrachte. Ich will hinzufügen, daß er sich ein wenig weicher und zarter ausdrückte, als ich es schreibe, denn ich habe den richtigen Wortlaut vergessen, erinnere mich bloß des Sinnes, und zudem hatte er das keineswegs mit Absicht gesagt, sondern hatte sich offenbar in Eifer gesprochen, darum versuchte er später, es abzuschwächen und zu mildern. Dennoch erschien es mir ein wenig zu scharf, und ich sprach darüber nachher mit Dunja. Sie aber antwortete mir sogar, daß ‚Worte noch keine Taten sind,‘ und das ist auch wahr. Ehe Dunja sich zu diesem Schritt entschloß, verbrachte sie eine schlaflose Nacht, und in der Meinung, daß ich schliefe, stand sie auf und ging die ganze Nacht im Zimmer auf und ab; schließlich ließ sie sich auf die Knie nieder und betete lange und inbrünstig vor der Mutter Gottes, und am andern Morgen erklärte sie mir, sie hätte sich entschieden.
Ich habe schon erwähnt, daß Peter Petrowitsch sich jetzt nach Petersburg begibt. Er hat dort große Geschäfte vor, will in Petersburg ein öffentliches Bureau als Advokat eröffnen. Er beschäftigt sich seit langem schon mit Vertretung von allerhand Zivilklagen und Prozessen, und hat vor kurzem einen bedeutenden Prozeß gewonnen. Nach Petersburg muß er auch deswegen reisen, weil er dort im Senate eine bedeutende Sache zu vertreten hat. So kann er auch dir, lieber Rodja, sehr nützlich sein, ja in jeder Hinsicht, und wir – ich und Dunja – meinen nun, daß mit dem heutigen Tage deine künftige Karriere mit Sicherheit beginnt und daß dein Schicksal klar vor Augen liegt. Oh, wenn es sich schon verwirklicht hätte! Das wäre so ein Glück, daß man es nicht anders, als eine unmittelbare Gnadenspende des Allmächtigen an uns betrachten müßte. Das ist Dunjas Traum. Wir haben schon gewagt, ein paar Worte in dieser Hinsicht Peter Petrowitsch zu sagen. Er äußerte sich vorsichtig und meinte, daß er gewiß ohne einen Sekretär nicht auskommen könne, und da sei es selbstverständlich besser, das Gehalt dafür einem Verwandten als einem Fremden zu zahlen, wenn er sich bloß für den Posten eigne, – (du solltest dich dazu nicht eignen!) – gleichzeitig aber zweifelte er, daß das Universitätsstudium die Zeit für die Arbeiten in seinem Bureau übrig ließe. Diesmal blieb die Angelegenheit dabei stehen, aber Dunja denkt an nichts anderes mehr als an diese Aussicht. Sie ist seit einigen Tagen fieberhaft erregt, und hat sich einen ganzen Plan ausgedacht, daß du nämlich späterhin Mitarbeiter und sogar Kompagnon von Peter Petrowitsch in seinen Rechtssachen werden könntest, um so mehr, als du in der juristischen Fakultät bist. Ich bin mit ihr vollkommen einig, lieber Rodja, teile alle ihre Pläne und Hoffnungen und halte ihre völlige Verwirklichung für möglich. Und trotzdem Peter Petrowitsch sich jetzt zurückhaltend verhält, was sehr erklärlich ist, da er dich noch nicht kennt, so ist Dunja fest überzeugt, daß sie alles durch ihren guten Einfluß auf ihren künftigen Mann erreichen wird. Wir haben uns natürlich in acht genommen, Peter Petrowitsch etwas von unseren Zukunftsträumen und hauptsächlich davon, daß du sein Kompagnon werden sollst, merken zu lassen. Er ist ein nüchterner Mann und hätte es vielleicht sehr kalt aufgenommen, weil er alles für Phantasterei angesehen hätte. Ebensowenig haben wir, weder ich, noch Dunja, einen Ton über unsere feste Hoffnung gesprochen, daß er uns helfen soll, dich mit Geld zu unterstützen, solange du auf der Universität bist; wir haben es deswegen unterlassen, weil es sich späterhin jedenfalls von selbst ergeben und weil er sicher ohne viele Worte es uns anbieten wird – (er wird doch Dunetschka es nicht abschlagen können!) – um so mehr, als du seine rechte Hand im Bureau werden kannst, und diese Unterstützung nicht als eine Wohltat, sondern als verdientes Gehalt empfangen sollst. Dunetschka will es so einrichten, und ich bin mit ihr vollkommen einverstanden. Außerdem unterließen wir es, darüber zu sprechen, weil ich bei eurer bevorstehenden Begegnung dich auf gleichem Fuße mit ihm stehen sehen wollte. Wenn Dunja mit ihm voll Entzücken über dich sprach, antwortete er, daß man jeden Menschen selbst zuerst sehen, und zwar sehr nah sehen müsse, um über ihn urteilen zu können, und daß er sich das Recht vorbehalte, seine Meinung über dich zu bilden, erst nachdem er dich kennengelernt habe. Weißt du was, mein teurer Rodja, mir scheint es aus gewissen Gründen, – die übrigens gar nichts mit Peter Petrowitsch zu tun haben, sondern so meine eigenen gewissen, persönlichen, vielleicht auch altweibischen Launen sind, – also mir scheint es, daß ich vielleicht besser tue, wenn ich nach ihrer Verheiratung allein, so wie jetzt, und nicht mit ihnen zusammenleben werde. Ich bin völlig überzeugt, daß er so erkenntlich und zartfühlend sein wird, selber mir das Angebot zu machen, bei der Tochter zu bleiben und wenn er darüber bis jetzt nicht gesprochen hat, so kam es selbstverständlich daher, weil es auch ohne Worte so anzunehmen ist, aber ich will es ablehnen. Ich habe in meinem Leben mehr als einmal erfahren, daß Schwiegermütter den Männern nicht besonders genehm sind, und ich möchte niemandem im geringsten zur Last fallen und möchte auch selbst vollkommen frei sein, solange ich noch einen Bissen zu essen und solche Kinder, wie dich und Dunetschka, zu lieben habe. Wenn es mir möglich ist, will ich mich in der Nähe von euch beiden niederlassen, denn das angenehmste habe ich zum Schluß des Briefes aufgehoben, Rodja. Erfahre nun, mein lieber Freund, daß wir alle vielleicht sehr bald wieder zusammen sein und alle drei uns nach fast dreijähriger Trennung umarmen werden! Es ist schon bestimmt beschlossen, daß ich und Dunja nach Petersburg kommen, wann aber – das weiß ich noch nicht, in jedem Falle sehr, sehr bald, vielleicht schon in einer Woche. Alles hängt von den Anordnungen Peter Petrowitschs ab, der uns sofort, wenn er sich in Petersburg umgesehen hat, Nachricht geben will. Er will die Vorbereitungen zur Heirat aus verschiedenen Erwägungen möglichst beschleunigen, und wenn möglich, die Hochzeit noch vor dem großen Fasten feiern, sollte es aber infolge der kurzen Frist nicht ausführbar sein, dann gleich nach den Osterfeiertagen. Oh, mit welch einem Glück werde ich dich an mein Herz pressen! Dunja ist vor Freude dich wiederzusehen ganz aufgeregt und sagte einmal im Scherz, daß sie schon deswegen allein Peter Petrowitsch heiraten würde. Sie ist ein Engel! Sie schreibt dir nicht, hat mich aber gebeten, dir zu schreiben, daß sie über so vieles mit dir sprechen müsse, über so vieles, daß ihre Hand sich jetzt gegen die Feder sträube, denn in ein paar Zeilen könne man nichts mitteilen, sondern sich nur aufregen. Sie bat mich, dich innig, innig zu umarmen und dir unzählige Küsse zu senden. Trotzdem wir uns vielleicht sehr bald sehen werden, will ich dir doch in diesen Tagen Geld, soviel ich vermag, zuschicken. Jetzt, wo alle wissen, daß Dunetschka Peter Petrowitsch heiratet, hat sich auch mein Kredit plötzlich gebessert, und ich weiß bestimmt, daß Afanassi Iwanowitsch mir jetzt auf Konto der Pension sogar bis zu fünfundsiebzig Rubel zu leihen bereit ist, so daß ich dir vielleicht fünfundzwanzig oder auch dreißig Rubel schicken kann. Ich würde noch mehr schicken, aber ich fürchte unsere Reisekosten. Obwohl Peter Petrowitsch so gut war, einen Teil der Ausgaben für unsere Reise nach der Residenz zu übernehmen, – er hat sich nämlich selbst angeboten, unser Gepäck und einen großen Koffer für seine Rechnung hinzuschicken (er arrangiert es in irgendeiner Weise durch Bekannte), müssen wir doch mit der Reise nach Petersburg rechnen und damit, daß man dort nicht ohne einen Groschen ankommen kann und wenigstens für die ersten paar Tage das Nötige haben muß. Wir haben übrigens alles genau überschlagen, und es zeigte sich, daß uns die Reise nicht zu teuer zu stehn kommt. Von uns bis zur Eisenbahn sind es nur neunzig Werst, und wir haben für jeden Fall mit einem bekannten Bauern schon abgeschlossen; die Fortsetzung der Reise aber werden wir, ich und Dunetschka, glücklich und zufrieden in der dritten Klasse machen. Dann kriege ich es vielleicht fertig, dir nicht nur fünfundzwanzig, sondern dreißig Rubel zu schicken. Nun aber genug: zwei Bogen habe ich voll geschrieben und es ist kein Platz mehr da. Unsere ganze Geschichte habe ich dir erzählt, – nun, es hat sich auch ein Haufen Ereignisse angesammelt. Jetzt, mein teurer Rodja, umarme ich dich bis zu unserem nahen Wiedersehen und sende dir meinen mütterlichen Segen. Rodja, liebe deine Schwester Dunja; liebe sie so, wie sie dich liebt, und vergiß nicht, daß sie dich grenzenlos, mehr als sich selbst, liebt. Sie ist ein Engel und du Rodja, bist unser alles, unsere ganze Hoffnung und unser Trost. Sei du bloß glücklich, dann werden auch wir glücklich sein. Betest du zu Gott, Rodja, wie früher und glaubst du auch an die Güte des Schöpfers und unseres Erlösers? Ich fürchte im Herzen, daß der neueste moderne Unglaube auch dich berührt haben kann. Wenn es so ist, dann bete ich für dich. Erinnerst du dich, mein Lieber, wie du, als dein Vater noch lebte, in deiner Kindheit auf meinen Knien deine Gebete stammeltest, und wie glücklich waren wir alle damals. Lebe wohl, oder besser, – auf Wiedersehen! Ich umarme dich innig, innig und küsse dich unzähligemal.
Dein bis zum Tode
Pulcheria Raskolnikowa.“
Fast die ganze Zeit, während Raskolnikoff den Brief las, von den ersten Zeilen an, war sein Gesicht naß von Tränen; als er aber geendet hatte, war sein Gesicht bleich und zuckte, und ein hartes, bitteres, böses Lachen lag auf seinen Lippen. Er lehnte seinen Kopf an das dünne und abgenutzte Kissen und dachte lange, lange nach. Sein Herz schlug stark, und die Gedanken wogten hin und her. Es wurde ihm schließlich zu dumpf und eng in dieser gelben Kammer, die einem Käfig oder einem Kasten glich. Die Augen und die Gedanken verlangten eine freie Weite. Er nahm seinen Hut und ging hinaus, diesmal ohne Angst, jemand auf der Treppe zu begegnen: das hatte er vergessen. Er schlug den Weg in der Richtung nach Wassiljew Ostroff ein, den W.ski-Prospekt entlang, als hätte er dort eine eilige Angelegenheit, er ging aber, wie es seine Gewohnheit war, ohne den Weg zu beachten, flüsterte vor sich hin und sprach hin und wieder laut mit sich selbst; so daß er den Vorübergehenden auffiel, und viele hielten ihn für betrunken.
IV.
Der Brief der Mutter hatte ihn sehr erschüttert. Über die Hauptsache aber, das Moment, um das sich alles drehte, war er auch nicht einen Augenblick im Zweifel, nicht einmal während des Lesens. Ihrem Wesen nach war die Sache für ihn entschieden: „Diese Heirat kommt nicht zustande, solange ich lebe, und hol’ der Teufel den Herrn Luschin!“
„Die ganze Geschichte ist klipp und klar,“ murmelte er höhnisch lachend und im voraus triumphierend über die Folgen seines Entschlusses. „Nein, liebe Mama, nein, Dunja, ihr könnt mich nicht täuschen! ... Und da entschuldigen sie sich, daß sie mich nicht um Rat gefragt und ohne mich die Sache gemacht haben! Haben auch Grund dazu! Sie meinen, daß man es nicht mehr zerreißen kann; wir wollen mal sehen, ob es möglich ist oder nicht! Sie haben auch eine glänzende Ausrede gefunden – Peter Petrowitsch sei so beschäftigt, so beschäftigt, daß er nicht anders, als per Postpferde, fast per Eisenbahn, heiraten kann. Nein, Dunetschka, ich durchschaue alles und weiß, worüber du mit mir so viel sprechen möchtest. Ich weiß auch, worüber du die ganze Nacht im Zimmer auf- und abgehend nachgedacht hast, und was du vor dem Bilde der Gottesmutter, das bei Mama im Schlafzimmer hängt, gebetet hast. Es ist schwer, Golgatha hinaufzugehen ... Hm ... Also es ist endgültig beschlossen. Awdotja Romanowna, Sie geruhen also einen tüchtigen und resoluten Mann zu heiraten, der eigenes Vermögen besitzt – (der schon eigenes Vermögen besitzt, das ist solider und ehrfurchtgebietender) – der zwei Stellungen einnimmt und der die Überzeugungen unserer jüngeren Generation teilt (wie Mama sagt) und der, wie es scheint, gut ist, wie Dunetschka selbst sagt. Dieses ‚wie es scheint‘ ist das großartigste dabei! Und Dunetschka heiratet dieses ‚wie es scheint‘! ... Großartig! Großartig!
Es ist jedoch interessant, warum Mama mir über ‚die jüngere Generation‘ geschrieben hat? Bloß um die Person zu charakterisieren oder mit einer weitliegenden Absicht, – um mich für Herrn Luschin günstig zu stimmen? Oh, ihr Schlauen! Es wäre auch interessant, noch einen Umstand aufzuklären, – wie weit war an jenem Tage und in jener Nacht ihre beiderseitige Offenherzigkeit und auch in der folgenden Zeit? Wurde alles unter ihnen Wort für Wort besprochen, oder haben beide gefühlt, daß sie, eine wie die andere, ein und dasselbe auf dem Herzen hatten, so daß es überflüssig war, alles laut werden zu lassen und womöglich zu viel zu sagen. Sicher war es größtenteils so gewesen; man sieht’s aus dem Briefe. Mama schien er ein wenig hart, und die naive Mama wandte sich sofort an Dunja mit Bemerkungen. Die wurde selbstverständlich böse und ‚antwortete verstimmt‘. Das ist begreiflich! Wen wird es nicht wütend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar genug ist, und wenn ausgemacht ist, daß daran nicht mehr zu rütteln ist. Und warum schreibt sie mir: ‚Rodja, liebe Dunja! Sie liebt dich mehr als sich selbst‘. Wird sie etwa im geheimen von Gewissensbissen gequält, daß sie eingewilligt hat, die Tochter für den Sohn zu opfern. ‚Du bist unser Trost, du bist unser Alles! Oh, Mama! ...‘“
Der Zorn packte ihn immer stärker, und wäre Herr Luschin ihm jetzt begegnet, er hätte sich an ihm vergriffen!
„Hm ... das ist wahr,“ spann er die Gedanken weiter, die sich wie im Wirbelwinde in seinem Kopfe drehten. „Das ist wahr, daß man sich ‚einem Menschen allmählich und vorsichtig nähern muß, um ihn kennenzulernen,‘ Herr Luschin ist einem auch so verständlich. Die Hauptsache ist ‚ein tüchtiger und wie es scheint guter Mensch‘; es hat ja was zu sagen, daß er das Gepäck übernommen hat und für seine Rechnung den großen Koffer transportiert! Nun, ist er denn nicht gut? Die beiden aber, die Braut und die Mutter, akkordieren mit einem Bauern und reisen in einem mit Strohmatten gedeckten Wagen – ich kenn es ja selber! Das hat ja auch nichts zu sagen! Es sind bloß neunzig Werst, weiter aber ‚fahren wir zufrieden und glücklich dritter Klasse‘ – also über tausend Werst. Es ist auch vernünftig, – man muß sich nach der Decke strecken; aber Sie, Herr Luschin, was denken Sie dabei? Es ist ja Ihre Braut ... Sollten Sie etwa nicht wissen, daß Mutter sich das Geld zur Reise auf ihre Pension hin leiht? Gewiß, Sie haben hier ein gemeinsames kaufmännisches Geschäft, ein Unternehmen auf gegenseitigen Vorteil und mit gleichlautenden Anteilen, folglich fallen die Ausgaben auch in gleiche Teile; wie nach dem Sprichworte, – Salz und Brot zusammen, Tabak aber jeder für sich. Ja, aber auch hier hat der geschäftstüchtige Mann die beiden ein wenig übers Ohr gehauen, – das Gepäck kommt ihm billiger als ihre Reise zu stehen, und vielleicht kostet das Gepäck ihm gar nichts. Sehen denn beide es nicht oder wollen sie es nicht sehen? Sie sind ja zufrieden, sind beide zufrieden! Wenn man aber denkt, daß dies erst der Anfang ist und daß das dicke Ende später nachkommt! Was fällt einem hier am meisten auf, – nicht der Geiz, nicht die schmutzige Rechnerei, sondern der Ton des Ganzen. Das ist ja der künftige Ton nach der Verheiratung, die warnende Prophezeiung ... Ja, und die Mama, warum ist sie so flott? Mit was kommt sie nach Petersburg? Mit drei Rubel oder mit zwei ‚Scheinchen,‘ wie die ... Alte sagt ... hm! Wovon will sie denn in Petersburg leben? Sie hat schon aus irgendwelchen Anzeichen herausgefunden, daß sie mit Dunja nach der Verheiratung nicht zusammenleben kann, nicht mal in der ersten Zeit. Der liebe Mensch hat sich auch hier sicher irgendwie versprochen, hat es zu verstehen gegeben, obwohl Mama sich mit beiden Händen dagegen sträubt, – ‚ich will,‘ sagt sie, ‚es selbst ablehnen‘. Ja, auf was hofft sie denn noch – mit ihrer Pension von hundertundzwanzig Rubel, von der noch die Schuld an Afanassi Iwanowitsch abgezogen wird? Sie strickt dann zu Hause Tücher, stickt Manschetten und verdirbt sich die alten Augen, und das bringt ihr zwanzig Rubel im Jahre ein zu der Pension, das kenne ich. Also, hofft man doch und baut auf die Freigiebigkeit und die Großmut des Herrn Luschin. ‚Er wird es mir selbst anbieten,‘ meint sie, ‚wird mich darum bitten.‘ Nein, darauf kann sie lange warten. So geht es stets diesen schönen Schillerschen Seelen, – bis zum letzten Moment schmücken sie einen Menschen mit Pfauenfedern, bis zum letzten Moment glauben sie an das Gute und nicht an das Böse im Menschen; obwohl sie die Kehrseite der Medaille ahnen, belügen sie sich lieber selbst, weil sie sich vor der Wahrheit fürchten. Mit beiden Händen wehren sie sich dagegen, bis ihnen schließlich der ausgeschmückte Mensch eigenhändig einen Nasenstüber gibt. Es wäre interessant zu wissen, ob Herr Luschin Orden hat; ich gehe eine Wette ein, daß er den Orden der heiligen Anna im Knopfloche stecken hat und daß er ihn zu Diners bei allerhand Kaufleuten und Lieferanten trägt. Vielleicht wird er ihn auch zur Feier seiner Hochzeit anlegen! übrigens, hol ihn der Teufel! ... Nun, gegen Mama ist nichts zu sagen, sie ist einmal so, aber was ist mit Dunja? Liebe Dunetschka, ich kenne sie doch! Sie war bereits zwanzig Jahre alt, als wir uns zum letztenmal sahen, ihren Charakter habe ich schon damals verstanden. Die Mama schreibt ‚Dunetschka kann vieles ertragen‘. Das wußte ich schon früher. Das wußte ich bereits vor zweiundeinhalb Jahren, und seit jener Zeit habe ich nachgedacht, zweiundeinhalb Jahre habe ich gerade darüber nachgedacht, wie vieles Dunetschka ertragen kann? Denn Herrn Sswidrigailoff mit all dem Folgenden ertragen zu können, heißt viel ertragen können. Jetzt aber meint sie, wie auch Mama, daß man den Herrn Luschin als zukünftigen Ehemann ebenfalls ertragen kann, der die Theorie über die Vorzüge von Frauen vertritt, die von Hause aus bettelarm sind und folglich von ihren Männern nur Wohltaten empfingen, und der dies fast bei der ersten Zusammmkunft auseinandersetzt. Nun, gut, wollen wir annehmen, er habe ‚sich versprochen,‘ obwohl er doch ein verständiger Mann ist, der sich vielleicht gar nicht versprochen, sondern sofort ihre richtige Stellung klargestellt wissen wollte, aber Dunja, Dunja, was ist mit ihr? Sie durchschaut doch den Menschen klar und deutlich, und muß mit ihm leben. Sie würde lieber schwarzes Brot essen und Wasser dazu trinken, als ihre Seele verkaufen; sie würde ihre sittliche Freiheit für keinen Komfort hergeben; für ganz Schleswig-Holstein würde sie sie nicht hergeben, geschweige denn für einen Herrn Luschin. Nein, Dunja war nicht so, soweit ich sie kannte, und ... hat sich sicher nicht verändert! ... Was ist da zu sagen! Sswidrigailoffs sind bitter! Es ist bitter, sein ganzes Leben als Gouvernante für zweihundert Rubel in der Provinz herumzuwandern, aber ich weiß, daß meine Schwester lieber als Neger zu einem Plantagenbesitzer oder als lettischer Bauer zu einem Deutschen in den Ostseeprovinzen sich verdingen würde, als ihren Geist und ihr sittliches Empfinden durch die Verbindung mit einem Manne zu besudeln, den sie nicht achtet und mit dem sie nichts verbindet – auf ewig, aus persönlichem Vorteil bloß! Und wäre Herr Luschin sogar aus reinstem Golde oder aus einem einzigen Brillanten, auch dann würde sie nie einverstanden sein, die gesetzliche Bettgenossin des Herrn Luschin zu werden! Warum willigt sie denn ein? Wo ist der Schlüssel? Wo ist die Lösung? Die Sache ist klar, – ihrer selber wegen, um eigener Annehmlichkeiten willen, selbst um sich vor dem Tode zu retten, wird sie sich nicht verkaufen, für einen anderen aber verkauft sie sich! Für einen geliebten, für einen vergötterten Menschen verkauft sie sich! Da haben wir das ganze Rätsel, – für den Bruder, für die Mutter verkauft sie sich, verkauft ihr Bestes. Oh, hier wird man auch bei Gelegenheit das sittliche Empfinden unterdrücken; man wird die Freiheit, die Ruhe, das Gewissen sogar, alles, alles – auf den Trödelmarkt bringen. Fahr dahin, Leben! Mögen bloß diese geliebten Wesen glücklich sein! Nicht genug dessen, man denkt sich noch eine eigene Kasuistik aus, geht bei den Jesuiten in die Lehre und beruhigt sich selbst vielleicht für eine Zeit, überzeugt sich selbst, daß es so gut sei, tatsächlich für einen guten Zweck nötig sei. Man ist nun einmal so, und alles ist so klar wie der Tag. Es ist ja selbstredend, daß hier niemand anders als Rodion Romanowitsch Raskolnikoff mitspricht und im Vordergrunde steht. Nun, warum denn auch nicht, – man kann sein Glück begründen, ihn auf der Universität unterstützen, ihn zum Teilhaber machen, sein ganzes Schicksal sichern. Vielleicht wird er später ein reicher Mann, wird als angesehener, geachteter, auch vielleicht als berühmter Mann sein Leben beenden! Und die Mutter? Ja, es handelt sich um Rodja, den teuren Rodja, den Erstgeborenen! Und warum soll man nicht um solch eines Erstgeborenen willen selbst die Tochter opfern! Oh, ihr lieben und einfältigen Seelen! Man wird in diesem Falle vielleicht auch das Los einer Ssonjetschka nicht verschmähen! Ssonjetschka, Ssonjetschka Marmeladowa, die ewige Ssonjetschka, solange die Welt besteht! Habt ihr beide auch das Opfer, dieses Opfer genau ermessen? Habt ihr es? Reicht die Kraft aus? Ist es zum Besten? Ist es vernünftig? Wissen Sie auch Dunetschka, daß das Los von Ssonjetschka in keiner Weise schlimmer ist als Ihr Los mit Herrn Luschin? ‚Liebe ist nicht vorhanden,‘ schreibt die Mama. Was, wenn aber außer Liebe auch keine Achtung vorhanden ist, sondern im Gegenteil sich Widerwille, Verachtung und Ekel schon eingestellt haben, was dann? Und es kommt dabei auf eins heraus, daß man auch hier auf Sauberkeit achtgeben muß. Ist es nicht etwa so? Verstehen Sie, verstehen Sie auch, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Verstehen Sie, daß die Sauberkeit der Frau von Luschin gleichbedeutend mit der Sauberkeit von Ssonjetschka ist, vielleicht aber auch schlimmer, gemeiner und ekliger, weil Sie, Dunetschka, doch mit einem Überschuß von Annehmlichkeiten rechnen, dort aber handelt es sich einfach ums Verhungern! Diese Sauberkeit kommt teuer, sehr teuer zu stehen, Dunetschka! Und wenn nun die Kräfte nicht ausreichen, werden Sie es bereuen? Wieviel Kummer, Trauer, Flüche und Tränen folgen nach, tief verborgen, da Sie doch keine Marfa Petrowna sind! Und was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist jetzt schon voll Unruhe und quält sich; wie dann, wenn sie alles klar und deutlich durchschauen wird? Und was wird mit mir? ... Ja, was haben Sie denn tatsächlich von mir gedacht? Ich will Ihr Opfer nicht, Dunetschka, ich will es nicht, Mama! Es soll nicht geschehen, solange ich lebe, es soll nicht sein, nicht sein! Ich nehme es nicht an!“
Er kam plötzlich zu sich und blieb stehen.
„Es soll nicht geschehen! Was willst du denn tun, damit es nicht geschieht? Willst du es verbieten? Was für ein Recht hast du? Was kannst du ihnen versprechen, um dir solch ein Recht anzueignen? Dein ganzes Schicksal, die ganze Zukunft ihnen widmen, wenn du die Universität absolviert und eine Stelle erhalten hast? Davon haben wir gehört, das sind aber Träume, was nun, jetzt? Es muß doch jetzt etwas, sofort etwas getan werden, verstehst du? Was tust du jetzt? Du beraubst sie. Sie erhalten das Geld, indem sie die Pension von hundert Rubel versetzen und sich bei den Herrschaften Sswidrigailoff verdingen. Wie willst du sie, du zukünftiger Millionär, du Zeus, der über das Schicksal verfügt, wie willst du sie vor Sswidrigailoffs, vor Afanassi Iwanowitsch Wachruschin bewahren? Etwa nach zehn Jahren? Inzwischen wird die Mutter vor lauter Stricken, vielleicht auch von Weinen, längst erblindet sein; vielleicht vor lauter Fasten zugrunde gehen. Und die Schwester? Denk mal nach, was nach zehn Jahren oder in diesen zehn Jahren mit der Schwester geschehen kann? Ist es dir gegenwärtig?“
So quälte er sich und peitschte sich mit diesen Fragen; es bereitete ihm sogar einen gewissen Genuß. Und alle diese Fragen sie waren ihm nicht neu und unerwartet; sie waren alt, lange herumgetragen und längst vorhanden. Sie marterten sein Herz schon lange. Seit langer, sehr langer Zeit war in ihm diese Schwermut entstanden, war gewachsen, hatte sich angesammelt, war zur Reife gekommen, hatte sich konzentriert und die Form der entsetzlichen, wilden und phantastischen Frage angenommen, die sein Herz und seinen Kopf marterte und nach einer Lösung schrie. Der Brief von der Mutter hatte ihn jetzt wie ein Blitz getroffen. Jetzt war keine Zeit mehr, schwermütig zu sein, passiv zu leiden und zu erwägen, daß die Fragen unlösbar sind, sondern es muß unbedingt gehandelt werden, schnell gehandelt werden. Um jeden Preis muß ich mich für etwas entscheiden oder ...
„Oder sich vom Leben ganz und gar lossagen!“ rief er plötzlich in größter Erregung aus. – „Das Schicksal, so wie es ist, ein für allemal geduldig hinnehmen und alles in sich ersticken, sich von jeglichem Rechte zu wirken, zu leben und zu lieben, lossagen!“
„Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hingehen kann?“ erinnerte er sich plötzlich der gestrigen Frage Marmeladoffs, „denn es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte ...“
Plötzlich zuckte er zusammen, – ein Gedanke, auch von gestern, ging wieder durch seinen Kopf. Er zuckte aber nicht zusammen, weil dieser Gedanke ihm neu war. Er kannte ihn schon, er ahnte, daß er unbedingt „kommen wird“ und erwartete ihn sogar; auch war er nicht erst vom gestrigen Tage. Aber das andere war, daß dieser Gedanke vor einem Monat und von gestern noch bloß ein Traum war, jetzt aber ... jetzt erschien er ihm nicht mehr als Traum, sondern in einem neuen drohenden und völlig unbekannten Lichte, und er wurde dessen plötzlich bewußt ... Mit Keulenhieben schlug es ihn nieder, und vor seinen Augen wurde es dunkel. Er sah sich schnell um, als suche er etwas. Er wollte sich hinsetzen und suchte eine Bank; er war auf dem K.schen Boulevard. Nicht weit von ihm, etwa hundert Schritte, bemerkte er eine. Er ging eiligst darauf zu, auf dem Wege dahin aber ereignete sich ein Zwischenfall, der auf einige Minuten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Während er sich nach einer Bank umsah, bemerkte er – ungefähr zwanzig Schritte vor sich – eine Frauensperson, zuerst schenkte er ihr so wenig Beachtung, wie all den Gegenständen, die an ihm vorbeiglitten. Es geschah ihm oft, daß er nach Hause kam und sich des Weges nicht entsann, den er gegangen war; so dahinzuwandern war ihm zur Gewohnheit geworden. Die Frauensperson aber, die vor ihm ging, hatte so etwas Sonderbares und Auffallendes an sich, daß seine Aufmerksamkeit allmählich an ihr haften blieb, – zuerst gegen seinen Willen und zu seinem Verdruß, dann aber mit sich steigerndem Interesse. Er wollte sich klarmachen, was an dieser Frauensperson Sonderbares war. Sie war wahrscheinlich ein noch sehr junges Mädchen; ging in dieser Hitze mit unbedecktem Kopfe, ohne Sonnenschirm und ohne Handschuhe und pendelte eigentümlich mit den Armen. Sie hatte ein leichtes seidenes Kleidchen an, das sehr bedenklich angezogen und kaum zugeknöpft war, und hinten an der Taille, gerade, wo der Rock anfing, war es zerrissen, ein ganzes Stück hing lose herunter. Um den entblößten Hals war ein kleines Tuch umgeworfen und fiel auf der einen Seite schief herab. Außerdem fiel es ihm auf, daß das Mädchen unsicher ging, stolperte und sogar schwankte. Diese Erscheinung erregte also die ganze Aufmerksamkeit Raskolnikoffs. Er holte das Mädchen bei der Bank ein; sie aber warf sich in eine Ecke der Bank, lehnte den Kopf an die Rücklehne und schloß die Augen, anscheinend vor äußerster Ermattung. Als Raskolnikoff sie näher ansah, begriff er sofort, daß sie völlig betrunken war. Es war ein so sonderbarer und widerwärtiger Anblick, daß er an seiner Wirklichkeit zweifelte. Er sah vor sich ein junges Gesichtchen von sechzehn, oder gar erst fünfzehn Jahren, mit hellblonden Haaren, sehr hübsch, aber unnatürlich gerötet und allem Anscheine nach ein wenig aufgedunsen. Das junge Mädchen schien nicht ganz bei Bewußtsein zu sein; das eine Bein hatte sie über das andere geschlagen und weiter vorgestreckt, als anständig war; jedenfalls war es ihr nicht bewußt, daß sie auf der Straße war.
Raskolnikoff setzte sich nicht hin, wollte aber auch nicht weggehen; er blieb unschlüssig vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer ziemlich leer, jetzt aber in der zweiten Nachmittagsstunde und bei dieser Hitze war fast niemand zu sehen. Nur etwa fünfzehn Schritte weiter, am Ende des Boulevards war seitwärts ein Herr stehengeblieben, der allem Anscheine nach die größte Lust hatte, an das junge Mädchen mit gewissen Absichten heranzutreten. Er hatte sie wahrscheinlich von weitem erblickt und war ihr nachgeeilt, Raskolnikoff aber hatte seinen Weg gekreuzt. Er warf ihm feindliche Blicke zu, die unbemerkt bleiben sollten und wartete voll Ungeduld, bis der Lump fortgegangen wäre, und er zu seinem Rechte käme. Die Sache war klar. Der Herr war etwa dreißig Jahre alt, kräftig, wohlgenährt, mit roten Lippen und kleinem Schnurrbart, und sehr elegant gekleidet. Raskolnikoff ärgerte sich über ihn; er bekam plötzlich Lust, diesen gutgenährten Gecken in irgendeiner Weise zu beleidigen. So verließ er das junge Mädchen und trat an den Herrn heran.
„He, Sie Sswidrigailoff! Was suchen Sie hier?“ rief er ihm zu, ballte die Fäuste und lachte mit vor Wut bleichen Lippen.
„Was soll das heißen?“ fragte der Herr streng, zog die Augenbrauen zusammen und maß ihn mit einem hochmütigen Blick.
„Sie sollen sich packen, heißt das!“
„Wie wagst du, Kanaille! ...“
Und er erhob sein Stöckchen. Raskolnikoff stürzte sich mit geballten Fäusten auf ihn, vollständig vergessend, daß der kräftige Herr mit ein paar solchen, wie er, fertig würde. In diesem Augenblicke aber packte ihn jemand von hinten, und zwischen beide trat ein Schutzmann.
„Ich bitte, meine Herren, sich nicht an öffentlichen Plätzen zu prügeln. Was wünschen Sie? Wer bist du?“ wandte er sich streng an Raskolnikoff, nachdem er dessen Lumpen erblickt hatte.
Raskolnikoff sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Soldatengesicht mit grauem Schnurrbart und Backenbart und einem verständigen Blick.
„Sie brauche ich gerade,“ rief er aus und faßte ihn bei der Hand. „Ich bin der ehemalige Student Raskolnikoff ... Das können auch Sie erfahren!“ wandte er sich an den Herrn. „Kommen Sie bitte mit, ich will Ihnen etwas zeigen ...“
Er nahm den Schutzmann bei der Hand und führte ihn zu der Bank.
„Sehen Sie, sie ist ganz betrunken, soeben kam sie von dem Boulevard her. Wer weiß, wer sie ist, aber sie sieht nicht aus, wie eine gewerbsmäßige. Es ist wahrscheinlicher, daß man sie irgendwo betrunken gemacht und verführt hat ... zum erstenmal ... verstehen Sie ... und hat sie dann auf die Straße gebracht. Sehen Sie, wie das Kleid zerrissen ist, sehen Sie, wie es angezogen ist, – man hat sie angekleidet, nicht sie selber, und ungeschickte Hände, Männerhände haben sie angekleidet. Das sieht man doch. Sehen Sie aber bitte dorthin, – diesen Geck, mit dem ich mich soeben beinahe geprügelt hätte, kenne ich nicht, ich sehe ihn zum erstenmal. Er hat sie auch auf der Straße bemerkt, hat gesehen, daß sie betrunken, besinnungslos betrunken ist, und nun möchte er furchtbar gern an sie herankommen, und sie abfangen, und sie in diesem Zustande irgendwo hinschleppen ... Es ist sicher so, glauben Sie mir, ich irre mich nicht. Ich habe gesehen, wie er sie beobachtet und verfolgt hat, ich habe ihn bloß daran gehindert, und er wartet nun, bis ich weggehe. Sehen Sie, er ist jetzt ein paar Schritte weitergegangen und bleibt stehen, als drehe er sich eine Zigarette ... Wie können wir sie ihm entreißen? Wie können wir sie nach Hause schaffen, – denken Sie doch darüber nach!“
Der Schutzmann hatte im Nu alles verstanden und begriffen. Die Absichten des kräftigen Herrn waren ihm klar, mit dem jungen Mädchen aber mußte etwas geschehen. Der Veteran beugte sich über sie, um sie näher zu betrachten und ein aufrichtiges Mitleid drückte sich in seinen Zügen aus.
„Ach, wie schade!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Sie ist ja noch ein Kind. Man hat sie verführt, das ist sicher. Hören Sie, mein Fräulein,“ begann er sie zu rufen. „Wo wohnen Sie?“
Das junge Mädchen öffnete die müden, schläfrigen Augen, blickte stumpf den Fragenden an und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Hören Sie,“ sagte Raskolnikoff. „Hier haben Sie,“ er suchte in der Tasche und zog zwanzig Kopeken hervor, die er noch fand, „hier haben Sie zu einer Droschke, und lassen Sie sie durch einen Kutscher nach Hause bringen. Wenn wir bloß Ihre Wohnung erfahren könnten.“
„Fräulein, hören Sie, Fräulein!“ begann von neuem der Schutzmann, nachdem er das Geldstück in Empfang genommen hatte. „Ich will Ihnen sofort eine Droschke besorgen und will Sie selbst begleiten. Wohin befehlen Sie? Ah? Wo wohnen Sie?“
„Geht fort! ... Laßt mich in Ruhe! ...“ murmelte das Mädchen und wehrte von neuem mit der Hand ab.
„Ach, wie schlecht! Ach, welch eine Schande, Fräulein, welch eine Schande!“ sagte der Schutzmann und schüttelte mit dem Kopfe, in Entrüstung und Mitleid. „Das ist eine Aufgabe!“ wandte er sich an Raskolnikoff und sah ihn wieder flüchtig von Kopf bis zu Füßen an. Wahrscheinlich erschien er ihm merkwürdig, – ein Mensch in solchen Lumpen, der Geld hergab.
„Haben Sie sie weit von hier gefunden?“ fragte er ihn.
„Ich sagte Ihnen – sie ging mit wankenden Schritten vor mir, hier, auf dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie sofort hin.“
„Ach, welch eine Schande jetzt in der Welt herrscht, Herrgott! So blutjung und schon betrunken! Man hat sie verführt, das ist sicher. Auch das Kleidchen ist zerrissen ... Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift ... Ja, sie wird wahrscheinlich eine Adlige sein, von den armen ... Jetzt gibt es viele solche. Dem Aussehen nach ist sie von den zarten, ganz wie ein Fräulein ...“ und er beugte sich wieder über sie.
Vielleicht wuchsen bei ihm zu Hause auch solche Töchter heran, „ganz wie Fräuleins und von den zarten,“ mit Gewohnheiten der Feinerzogenen und mit angenommener Modesucht ...
„Die Hauptsache ist,“ sagte Raskolnikoff, „daß dieser Schuft sie nicht bekommt! Warum soll er sie noch schänden! Man sieht ja, was er will, sehen Sie, der Schuft, er geht nicht weg.“
Raskolnikoff sprach laut und zeigte mit der Hand auf ihn. Jener hörte es und wollte wieder böse werden, aber besann sich und begnügte sich mit einem verächtlichen Blick. Dann ging er langsam zehn Schritt weiter und blieb wieder stehen.
„Das kann man verhindern, daß er sie bekommt,“ antwortete der Schutzmann in Gedanken. „Wenn sie bloß sagen würde, wohin man sie bringen soll, so aber ... Fräulein, hören Sie, Fräulein!“ er beugte sich zu ihr.
Sie öffnete plötzlich die Augen, blickte aufmerksam die beiden an, als hätte sie etwas verstanden, stand von der Bank auf und ging in dieselbe Richtung zurück, woher sie gekommen war.
„Pfui, schämt euch, könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen!“ sagte sie und wehrte wieder mit der Hand ab.
Sie ging schnell, aber auch, wie früher, stark schwankend.
Der feine Herr ging ihr nach, aber in einer anderen Allee, und verlor sie nicht aus den Augen.
„Haben Sie keine Sorge, ich will schon aufpassen!“ sagte entschlossen der bärtige Schutzmann und folgte dem Mädchen.
„Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift!“ wiederholte er laut und seufzte.
Plötzlich schien Raskolnikoff mit einem Schlage wie verwandelt.
„Hören Sie mal!“ rief er dem Schutzmann nach. Der wandte sich um.
„Lassen Sie es. Was geht es Sie an? Lassen Sie es. Möge er sich amüsieren“ (er zeigte auf den Stutzer). „Was geht es Sie an?“
Der Schutzmann begriff ihn nicht und starrte ihn an. Raskolnikoff lachte auf.
„Na nu!“ sagte der Schutzmann, machte eine abwehrende Handbewegung und ging dem Stutzer und dem jungen Mädchen nach; wahrscheinlich hielt er Raskolnikoff entweder für einen Verrückten oder für etwas Schlimmeres.
„Meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen!“ sagte Raskolnikoff wütend, als er allein zurückgeblieben war. „Nun, mag er auch von dem, von dem andern nehmen und das Mädchen mit ihm gehen lassen, damit wird es auch enden ... Und wozu habe ich mich hineingemischt? Um zu helfen? Steht es mir denn zu, jemand zu helfen? Habe ich denn ein Recht dazu? Mögen sie doch einander lebendig auffressen, – was geht es mich an? Und wie durfte ich diese zwanzig Kopeken fortgeben? Gehören sie denn mir?“
Bei diesen sonderbaren Worten wurde es ihm schwer zumute. Er setzte sich auf die nun leere Bank. Seine Gedanken waren verwirrt ... Und es war ihm kaum möglich, in diesem Augenblicke einen Gedanken zu fassen. Er wollte sich vollkommen vergessen, alles vergessen, dann erwachen und ganz von neuem beginnen ...
„Armes Mädchen!“ sagte er, nachdem er die leere Ecke der Bank erblickte. „Sie wird zu sich kommen, wird weinen, und dann erfährt es die Mutter ... Zuerst wird sie sie schlagen, ihr die Rute geben, schmerzhaft und schmachvoll, vielleicht wird sie sie aus dem Hause jagen ... Und wenn sie sie nicht verjagt, werden es doch allerhand Darjas Franzowna erfahren, und das Mädchen wird aus einer Hand in die andere gehen ... Dann folgt das Krankenhaus – und das passiert stets mit denen, die bei sehr ehrenwerten Müttern leben und im geheimen lose Streiche verüben, – nun, und dann ... folgt wieder das Krankenhaus ... Wein ... Kneipen ... und dann nochmals das Krankenhaus ... und in zwei oder drei Jahren ist sie ein Krüppel, und im ganzen hat sie ein Alter von neunzehn oder auch bloß achtzehn Jahren erreicht ... Habe ich denn nicht genug solche gesehen? Wie sind sie aber so geworden? So und nicht anders sind sie es geworden ... Pfui! Mögen Sie es! Man sagt, es muß so sein. Jedes Jahr, sagt man, muß ein gewisser Prozentsatz draufgehen ... irgendwohin ... wahrscheinlich zum Teufel, um die übrigen zu erfrischen und ihnen nicht hinderlich zu sein. Prozentsatz! Die Menschen haben in der Tat herrliche Worte gefunden, – sie sind so beruhigend und wissenschaftlich noch dazu. Es ist gesagt – ein Prozentsatz muß sein, also kein Anlaß, um sich zu beunruhigen. Ja, hätte man ein anderes Wort dafür, nun dann ... würde es vielleicht beunruhigender sein ... Was aber, wenn auch Dunetschka in irgendeiner Weise in diesen Prozentsatz hineinkommt! ... Und wenn nicht in diesen, dann in einen anderen! ... Aber wohin gehe ich denn?“ – dachte er plötzlich. – „Sonderbar. Ich ging doch aus irgendeinem Grunde von Hause weg. Als ich den Brief gelesen hatte, ging ich fort ... Ich ging zu Rasumichin auf Wassiljew Ostroff ... jetzt erinnere ich mich. Aber wozu denn eigentlich? Und warum kam mir gerade jetzt der Gedanke zu Rasumichin zu gehen? Das ist sonderbar.“
Er wunderte sich über sich selbst. Rasumichin war einer von seinen früheren Kommilitonen. Raskolnikoffs Eigentümlichkeit auf der Universität war, daß er fast keine Bekannten hatte, sich von allen zurückzog, zu niemandem hinging und ungern jemand bei sich empfing. Bald wandte man sich auch von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenkünften, noch an Gesprächen, noch an Zerstreuungen – an nichts nahm er teil. Er arbeitete sehr eifrig, ohne auf sich Rücksicht zu nehmen; man achtete ihn deswegen, aber niemand liebte ihn. Er war sehr arm, abweisend stolz und unmitteilsam, als ob er etwas zu verheimlichen hätte. Manchem seiner Kommilitonen schien es, als sehe er auf sie alle, wie auf Unmündige herab, als hätte er sie alle in der Entwicklung, im Wissen und in Lebensanschauung überholt und als betrachte er ihre Anschauungen und ihre Interessen wie etwas Unreifes.
Rasumichin war er aus irgendeinem Grunde nähergekommen, das heißt, eigentlich nicht so nähergekommen, daß er ihm gegenüber mitteilsam und offener geworden wäre. Man konnte eben zu Rasumichin in keinem anderen Verhältnisse stehn. Er war ein ungemein lustiger und mitteilsamer Bursche und gut bis zur Einfalt. Unter dieser Einfalt verbargen sich jedoch Tiefe und Würde. Die besten seiner Kameraden wußten es, und alle liebten ihn. Er war sehr klug, konnte aber zuweilen wirklich täppisch sein. Sein Äußeres war charakteristisch – hochgewachsen, hager, schwarzhaarig und immer schlecht rasiert. Zuweilen suchte er Händel und genoß den Ruf eines bärenstarken Menschen. Eines Nachts hatte er in einer lustigen Gesellschaft mit einem Hiebe einen baumlangen Hüter der Ordnung niedergeschlagen. Trinken konnte er unmenschlich, aber er konnte auch wieder gar nicht trinken; manchmal verübte er Streiche, die ans Unerlaubte grenzten, aber er konnte auch Ruhe halten. Rasumichin war es auch eigen, daß ihn kein Mißerfolg verblüffte, und das Schlimmste schien ihn nicht beugen zu können. Er vermochte es, gegebenenfalls auf einem Dachboden zu hausen, höllischen Hunger und ungewöhnliche Kälte zu ertragen. Er war sehr arm und verschaffte sich ganz und gar seinen Unterhalt durch alle möglichen Arbeiten, für die er eine Unmenge Quellen hatte. Einmal verbrachte er einen ganzen Winter im ungeheizten Zimmer und begründete es damit, daß es sich in der Kälte besser schliefe. Gegenwärtig war er ebenfalls gezwungen, die Universität zu verlassen, aber nicht auf lange Zeit, und er mühte sich aus allen Kräften, seine Verhältnisse zu verbessern, um das Studium wieder fortsetzen zu können. Raskolnikoff war seit vier Monaten nicht bei ihm gewesen, Rasumichin aber wußte sogar nicht dessen Wohnung. Vor zwei Monaten war er ihm einmal zufällig auf der Straße begegnet. Raskolnikoff aber hatte sich abgewandt und war sogar auf die andere Seite hinübergegangen, damit Rasumichin ihn nicht sehen sollte. Rasumichin hatte ihn wohl erkannt, ging aber ebenso vorbei, weil er den Freund nicht stören wollte.