F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft Dmitri Mereschkowskis
herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Erste Abteilung: Dreizehnter Band

F. M. Dostojewski

Politische Schriften

Eingeleitet von den Herausgebern

R. Piper & Co. Verlag, München

R. Piper & Co. Verlag, München, 1917
Zweite Auflage
Drittes bis fünftes Tausend

Copyright 1917 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,
Verlag in München

Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg.

Inhalt

Seite
Zur Einführung
Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen. Von Moeller van den Bruck[VII]
Die religiöse Revolution. Von Dmitri Mereschkowski[XXIX]
Vorwort[LIII]
Erster Teil. Westeuropäisches
Gedanken über Europa
Republik oder Monarchie[3]
Parteimenschen[15]
Frankreich und Deutschland[24]
Frankreich und die Kultur[26]
Deutschland und Rom[32]
Frankreich, die Republik und der Sozialismus[39]
Katholizismus und Sozialismus[47]
Drei Ideen[55]
Die deutsche Weltfrage
Deutschland, die protestierende Macht[65]
Ein genial-mißtrauischer Mensch (Bismarck)[72]
Ärger und Macht (Papstmacht)[79]
Das schwarze Heer. Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation[88]
Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis (Ausblicke)[94]
Die Lage Frankreichs
Unselige Pechvögel (Französische Republikaner)[101]
Ein merkwürdiger Charakter (Mac-Mahon. Französische Reaktionäre)[109]
Die katholische Verschwörung[116]
Österreichs gegenwärtige Gedanken[129]
Zweiter Teil. Russisches
Vom russischen Volk
Davon, daß wir gute Menschen sind. Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon[147]
Von der Liebe zum Volke. Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem Volke[153]
Der Bauer Marei[159]
Einiges über den Krieg[168]
Mein Paradox
Das Paradox[178]
Das Ergebnis des Paradoxons[187]
Utopische Geschichtsauffassung[190]
Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held
Foma Daniloff[201]
Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft[210]
In Europa sind wir bloß Landstreicher[218]
Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen
Was sollen wir denn tun?[225]
Die brennende Tagesfrage[233]
Die Tagesfrage in Europa[240]
Die russische Lösung des Problems[245]
Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten[252]
Die Diplomatie vor den Weltfragen[267]
Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine nicht-diplomatische Auffassung[272]
Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland[282]
Russische Finanzen[293]
Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere Liberalen und Westler[324]
Die Judenfrage
Vorbemerkungen[334]
Pro und contra[340]
Status in statu. Vierzig Jahrhunderte geschichtliches Dasein[348]
Doch es lebe die Brüderlichkeit![358]
Die Beerdigung des Allmenschen[363]
Ein einzelner Fall[367]
Dritter Teil. Balkan und Orient
Idealisten oder Zyniker[375]
Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören
Unser Verhältnis zum Orient[383]
Gedanken unserer Zeit[390]
Der Krieg
Wir sind die Stärksten[400]
Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar die einzige Rettung[409]
Rettet denn vergossenes Blut?[414]
Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat[420]
Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus dem Jahre 1528[422]
Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten
Don Quijote[429]
Mollusken, die man für Menschen hält. Was ist für uns vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit weiß, oder wenn man über uns Unsinn schwätzt?[436]
Zur Orientfrage
Lakaientum oder Zartgefühl[445]
Der größte Beweis unseres Lakaientums[456]
Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon lange habe sagen wollen[463]
Was man jetzt über den Frieden spricht. Muß Konstantinopel Rußland gehören, und ist das überhaupt möglich? Verschiedene Meinungen[471]
Vierter Teil. Asien
Die Asienfrage
Was ist Asien für uns?[493]
Fragen und Antworten[501]

Wir Russen sind ein junges Volk, wir fangen erst an zu leben, obgleich wir schon tausend Jahre alt sind: aber ein großes Schiff braucht auch ein tiefes Fahrwasser.

Dostojewski.

Zur Einführung

Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen

Die russische Politik ist immer wieder auf ihre byzantinische Grundidee zurückgekommen. Nur die Begründung dieser Idee hat durch die Jahrhunderte gewechselt. Und fast unterscheiden sich die einzelnen Zeitalter der russischen Geschichte wie die verschiedenen Formulierungen des byzantinischen Gedankens.

Diese Begründung war nacheinander machtpolitisch, kirchenpolitisch und panslawistisch, sie war zwischendurch bald das eine, bald das andere, oft mehreres zugleich – je nachdem, welche Persönlichkeiten und Gesichtspunkte, welche Kreise und Stimmungen die Begründung bestimmten. Macht verband sich freilich immer mit ihr. Es war für die Zaren eine besonders lockende Vorstellung, Selbstherrscher in der Stadt desselben Konstantin zu werden, der einst verkündet hatte, daß der Wille des Kaisers Kanon für das Volk sei. Ebenso fühlte sich die Beamtenschaft, die höfische und politische Bürokratie, schon durch ihre Gewaltneigungen zu der Stätte hingezogen, wo der Zeremonialstaat, aber auch der Polizeistaat entstanden war. In einem verwandten und nur geheiligteren Drange sehnte sich die Orthodoxie danach, wieder in die Stadt des ökumenischen Patriarchen einziehen zu können, in der vordem das erste Kyrie eleison erklang. Byzanz gab dem Russischen Reiche seinen theokratischen Stil. Wie die mittelalterlichen Deutschen aus Rom das Romanische herüberholten, so nahmen die Russen in Byzanz das Griechische auf. Während den Rumänen auf dem Balkan das freilich entartete und verkümmerte Erbe des Lateinertums zufiel, übernahmen die Russen für das Slawentum die reichere und stolzere Überlieferung des oströmischen Hellenismus. Byzanz wurde nach Rußland übertragen: und nicht nur in den Symbolen, sondern vor allem in den Instinkten und Prinzipien. Nach jener symbolischen Vermählung mit der letzten Palaiologin, die man Sophia hieß, wie die große Kathedrale von Ostrom, wurden Wappen und Herrschertitel, byzantinische Etikette, aber auch byzantinisches Patriarchat, Klerikalverfassung, Klosterleben, byzantinisches Recht, das an die Stelle des normannischen trat, nach Rußland hinübergeführt. Und so fest wuchs in Moskau die Autokratie mit der Orthodoxie zusammen, so sehr wurde das Byzantinische zur Grundlage des Reichsgefüges wie Volkstums, daß man es schließlich gar nicht mehr als Byzantinismus, sondern als autochthones, altheiliges, echtrussisches Gut empfand. Und schon diese kirchen- und machtpolitische Begründung begleitete ein nationalistisches Empfinden: Kyrill und die Slawenapostel, die Schöpfer des russischen Alphabets und der altslawischen Kirchensprache, vereinigten Russentum und Byzantinertum in einer slawophilen Gesinnung, die später, als Rußland in seine historischen Gegensätze zum europäischen Westen wie zum islamitischen Orient geriet, als panslawistisches Bewußtsein der russischen Politik ihr geschichtliches Ziel geben sollte: mit dem Besitz von Byzanz diese ganze Entwicklung abzuschließen.

Die Eroberung von Byzanz ist früh versucht worden. Es waren noch griechische Kaiser und bulgarische Zaren, die russische Großfürsten vom Balkan zurückschlugen. Dann kam die Zeit, in der die Mongolen über Rußland herrschten. Damals entschwand Byzanz völlig den russischen Blicken. Auf die Mongolen aber folgten im Süden von Rußland die Tataren und schoben sich trennend zwischen Moskau und den Balkan. Diesem Tatarengürtel, dem Khanat der Krim, das seine Macht um den nördlichen Rand des Schwarzen Meeres lagerte, verdanken die Balkanslawen heute, daß ihre Nationalität sich erhielt, die ohne diese Trennung vom Großslawentum in diesen Jahrhunderten der Russifizierung verfallen wäre. Als aber Moskau, als das Großrussentum, das im Großslawentum die politische Führung übernahm, wieder politische Bewegungsfreiheit erhielt und von neuem den Blick nach Byzanz hinüberwandte, da waren hier inzwischen große Veränderungen geschehen. Die Türken waren den Russen zuvorgekommen: Byzanz war mohammedanisch geworden. Kaum ließ sich in dieser Zeit das Schutzrecht über die Balkanslawen und Balkanchristen aufrechterhalten und wenigstens andeuten, das erst Peter der Große wieder gegen die Türkei ausgespielt hat, und das bis zum letzten russisch-türkischen Kriege von der russischen Politik bald mehr diplomatisch, bald mehr ideologisch ausgespielt worden ist. Es wurde früh Prinzip dieser Politik, Prinzip von Instinkten der Rasse, die ihre historischen Hemmnisse wie Möglichkeiten herauswitterte, sich immer auf der Linie des geringeren Widerstandes vorwärts zu bewegen: sinkender Staaten oder wilder, niederer, jedenfalls schwächerer Völkerschaften. Und vorläufig lag diese Türkei, der gelungen war, was Rußland versäumt oder verfehlt hatte, und die damals Ungarn, Polen, Wien bedrohte, entschieden nicht auf dieser Linie des geringeren Widerstandes, auf der die russische Politik ihre größten Erfolge erringen sollte. Vorläufig, in einer Zeit, als Europa in den Wirren der Religionskriege und Erbfolgestreite sich selber schwächte, als Österreich den Türkensturm auszuhalten hatte, die schwedische Politik zwischen Rußland und Polen als Gegner schwankte, Polen zerfiel, schien eher der Westen auf dieser Linie zu liegen. Und so füllte denn die russische Politik diese Zeit, in der sie vom Süden und Osten abgedrängt war, und in der abgewartet werden mußte, bis die Türkei schwächer wurde und sich allmählich jenes Prinzip des geringeren Widerstandes auch auf sie anwenden ließ, mit ihren Vorstößen nach Europa aus, die dem Russentum allerdings nur die Zwieschaften eines Westlertums in das Land und das Leben tragen sollten. Über der Gründung von Petersburg wurde die Eroberung von Byzanz vergessen. Doch blieb der Norden den Russen stets unheimlich, wie der Westen ihnen peinlich war. Nur Peter konnte wagen, den Norden zu zwingen. Peter war selbst ein nordischer Mensch, schon deshalb, weil er sich auch auf die unrussische Linie des größeren Widerstandes vorwagte, war ein letzter Waräger, im Temperamente vom Willensschlage und Schaffensdrange des Großen Kurfürsten, im Charakter mit strindbergischen Zügen grausamen Menschenmißtrauens. Aber sogar die Ostsee blieb den Russen immer fremd. Früh fühlten sie, daß das baltische Meer nie ein slawisches Meer werden würde, daß der Mensch der Steppe kein Mensch des Ruders ist. Im Kampf um die Ostsee wurde das Russentum nur an die Grenze des größeren Widerstandes abgedrängt, an der es schließlich Europa vor sich hatte, eine kulturelle und, aus ihr sich immer wieder ergebend, eine politische Überlegenheit, gegen die es nicht aufzukommen vermochte. Zwar suchte es die Grenze immer wieder zu überschreiten, aber nur, um neue Zwieschaften des Westlertums in sich aufzunehmen, die das Russentum auf Nachahmung stellten, und damit vor die Gefahr, sich von sich selber zu entfremden. Die Linie des geringeren Widerstandes konnte für Rußland immer nur in den Grenzenlosigkeiten von Osten und Süden liegen, dort, wo die slawische Welt sich einst mit der verfallenden antiken, jetzt mit der heraufgekommenen islamitischen mischte. Die russische Politik blieb daher, was sie war: eine Politik dieser Grenzenlosigkeit. Sie suchte die russische Herrschaft mit der Schrankenlosigkeit von Instinkten auszudehnen, die von der weiten Natur des russischen Landes in einem besonderen Maße gerechtfertigt, ja, herausgefordert zu werden schienen. Und ein einziges festeres, ein phantasmagorisches, freilich auch sehr realpolitisches Ziel in dieser orientalischen Grenzenlosigkeit, in deren Fernen die Wüste, Indien und Asien lag, war dann stets, bei europäischer Nähe und russischer Erreichbarkeit, die Stadt des Konstantin, von der aus Selbstherrschertum wie Rechtgläubigkeit einst in die slawische Welt gekommen war. Immer wieder, langsam, auf einem asiatischen Umwege, auf dem zuerst Kasan und Astrachan erobert, das Kaspische Meer erreicht wurde, und der sich noch im Bogen um das Schwarze Meer bewegte, fühlte deshalb das Russentum, zunächst im Kampf gegen das Krimtatarentum, in der Richtung auf die Türkei und Konstantinopel vor, in der sich, als Symbol seiner geistigen Selbständigkeit und geschichtlichen Sendung, der Kuppelberg der Agia Sofia erhob.


Schon Iwan der Dritte steckte die Grenzenlosigkeiten der russischen Ausdehnungsmöglichkeiten nach geopolitischen Prinzipien ab und wies der russischen Politik das Ziel: „Die Grenzen des Moskowitischen Reiches bis zu den von der Natur gewiesenen Marken hinauszurücken, das heißt, bis zum Uralischen Bergrücken, den Gestaden des Kaspischen Meeres, dem Kaukasus und dem Pontus.“ Und Iwan der Große, unter dem ohne sein Zutun die ungeheure kosakische Erwerbung von Sibirien geschah, leitete dann mit seiner persönlichen Politik die Umklammerung des Schwarzen Meeres ein, die schließlich zum Kampf gegen die Türkei führen mußte. Sogar Peter der Große, der durch die Geschichte mit dem Rufe des Westlers geht, und dem die russische Geschichtsphilosophie der slawophilen und panslawistischen Epoche später alle Zwiespälte vorwarf, die durch die Hinüberwendung nach Europa und die Abwendung von Byzanz in den russischen Volkskörper gekommen sind, hat den Ausgang zum Schwarzen Meere früher gesucht als den zum Baltischen Meere. Die ganze klimatische, rassengeographische und religionspolitische Einstellung Rußlands, die Ausdehnungspolitik, die er vorfand, und übrigens auch schon Verträge seiner Vorgänger mit Polen und Österreich, verwiesen ihn auf den Kampf im Orient. Gerade weil er den Westen bewunderte, wollte er nicht eher vor dessen Urteil treten, als bis er einen Ruhm mit seinem Namen verbunden hatte: Und dieser Ruhm ließ sich von Rußland aus nur im Osten erwerben. Die Eroberung von Asow und die Gründung von Taganrog im damals türkischen Mündungsgebiet des Don wurde deshalb seine erste Tat. Und dann erst beging er seinen genialen Fehler, der ihn in der Geschichte so groß gemacht hat, diesen „petrinischen Fehler“, den schon seine altrussischen Zeitgenossen erkannt, gegen den sie sich als das Verhängnis Rußlands gewehrt und dessen Rückgängigmachung sie Slawophilie und Panslawismus hinterlassen haben. Sein russischer Blick blieb nach Süden und Osten gerichtet: nach Byzanz, orientwärts, asienwärts. Aber daneben hatte Peter diesen kulturellen Blick, den er nicht wohl anderswohin wenden konnte als dorthin, wo die nächste überlegene Nachbarkultur war: nach Europa. Durch eine doppelte Politik, eine, die orientalisch und europäisch zugleich sein sollte, legte er die weitere Entwicklung des russischen Staatsgedankens in einer Zwieschaft fest, die das russische Volkstum aus seiner Ruhe, Verwurzelung, gewohnten Lagerung warf und den russischen Menschen an sich irre machte. Nun wurde, statt daß Konstantinopel erobert worden wäre, an ähnlich schicksalsvoller Stelle, gleichfalls zwischen Wasser und Land, aber ohne Heiligung durch Überlieferung, zwischen fremden Völkern, Bekenntnissen und Gesittungen, durch fremde Menschen und Arbeitsweisen, eine neue, eine künstliche, die befohlene Hauptstadt Petersburg gegründet. Schon bei Peters Lebzeiten wandte sich das Altrussentum von dem Geiste dieser Gründung ab: Peters eigener Sohn Alexei sollte das Werkzeug werden, um der eindeutigen, rechtgläubigen moskowitischen Partei wieder zum Siege zu verhelfen: der schlaffe Prätendent einer ewigen Idee, der erste Panslawist auf einem Throne, den er nie bestieg. Peter selbst wandte sich gegen Ausgang seiner Regierung wieder dem Orient zu. Die Ausdehnung, die er im Baltikum gegen die Schweden erreicht hatte, konnte ihn nicht für die Enttäuschung entschädigen, die er am Pontus durch die Türken erlitt. Asow, der Stolz seiner Jugend, war wieder verloren gegangen. Fast scheint es, als ob er bereit gewesen ist, seine nordischen Eroberungen, bis auf Petersburg, gegen Bezahlung wieder herauszugeben, wie dies unter seinem Vater schon einmal geschehen war. Aber jetzt wollte Schweden nicht und suchte eine Entscheidung, der es nicht mehr gewachsen war. Peters letzte Gedanken gingen nach Asien, Persien, China, Sibirien hinüber. Das machtpolitische Testament, das er hinterließ, geschrieben oder ungeschrieben, forderte die Zertrümmerung der Türkei. Das religionspolitische Testament forderte gar, in einer orthodoxen Wiederaufnahme der katholischen Kreuzzugsgedanken des Mittelalters, den Erwerb Jerusalems und der heiligen Stätte für Rußland. Und das beinahe mystische Testament, das er hinterließ, ging noch weiter und forderte die Eroberung Indiens, des weißen und heiligen Landes am Ganges, für das Volk des weißen und heiligen Zaren.

Nach Peters Tode schien zunächst das Altrussentum zu siegen, das im Grunde weder Petersburg noch Konstantinopel, nur sich selbst will, obwohl seine politischen Ideen noch am ehesten, schon aus religiösen Motiven, mit byzantinischen Tendenzen in Übereinstimmung zu bringen sind. Residenz wie Regierung wurden wieder nach Moskau verlegt, freilich auch wieder nach Petersburg zurück, hin und her. Auch Katharina die Große, dieser zweite universale Mensch auf dem russischen Throne, die zu organisieren hatte, was unter Peter pionierhaft abgesteckt worden war, sah sich in der europäisch-orientalischen Zwieschaft festgelegt, die er ihr hinterlassen. Doch ihre größten Unternehmungen hat auch sie gegen die Türkei gerichtet. Die Nordküste des Schwarzen Meeres wurde gewonnen. Aus den baltischen Häfen lief eine erste Flotte aus, um die Einfahrt in die Dardanellen, freilich schon damals vergeblich, zu erzwingen. Doch der entscheidende Friede von Kainardschi, den sie abschloß, und der Rußland sein Schutzrecht über die Balkanchristen und zugleich eine Meistbegünstigung seines Handels bestätigte, legte den Grund zu der ganzen künftigen russischen Orientpolitik. Und wie weitausschauend ihr Blick war, auch noch über dieses Ergebnis hinaus, das zeigte ihr Lieblingsplan, ein großes rumänisch-bulgarisches Schutzreich Dazien zwischen Rußland, Österreich und der Türkei zu schaffen, aus dem vielleicht einmal ein neubyzantinisches mit der Hauptstadt Konstantinopel werden konnte, und für das sie bereits ihren Enkel Konstantin taufen ließ. Und wie realpolitisch zugleich dieser Blick war, das zeigte ihr Lieblingswunsch, Ägypten zu erobern und zum mindesten schon Malta im Rücken der Türkei und an Stelle von Franzosen oder Engländern zu besetzen.

Doch erreicht wurde zunächst nur, unter den Nachfolgern Peters wie Katharinas: daß Zeit verloren wurde, und daß der richtige Anschluß verfehlt wurde. Rußland hat durch die petrinische Politik zwei Jahrhunderte verloren und manche Gelegenheit verfehlt. Jener halbe und eigentlich planlose Zustand kam auf, von dem Pozzo di Borgo als Minister Alexanders I. gesagt hat, daß die ganze neuere Politik Rußlands fast ausschließlich die Zerstückelung Polens zum Gegenstande gehabt habe; und das war zu wenig für Rußland; war eine kleine Politik; eine unrussische Politik.

Dafür haben freilich diese zwei Jahrhunderte das russische Volk in die unmittelbare Nachbarschaft und unter die nachhaltende Einwirkung des europäischen Westens gebracht, dessen Beispiele es zu seiner Entwicklung brauchte. Aber gerade dieses russische Westlertum, das sich bildete, mußte das autochthone Russentum, nachdem es einmal seine byzantinische Selbständigkeit in Moskau gefunden hatte, in seiner russischen Selbständigkeit in Rußland gefährden. Schon in der Zeit des falschen Demetrius hatte ein erstes Westlertum das Moskowitertum vorübergehend mit der Gefahr der Polonisierung und Katholisierung bedroht. Später wurden Deutsche, Holländer und Schweden die Lehrmeister, die Rußland brauchte, um sich in seiner künstlichen europäischen Stellung zu erhalten, und deren Einfluß es doch immer wieder zurückstieß, weil das natürliche russische Leben ihn nicht vertrug. Auf den deutschen Einfluß folgte dann der französische, und auf den französischen wieder der deutsche, auf den Einfluß Voltaires derjenige Friedrichs des Großen, selbst Josephs des Zweiten, später Herders, Schillers und Hegels. Aber gerade auf diesem Umwege über das Westlertum hat die russische Geschichtsphilosophie, die sich bildete, sich mit den volklichen Gegenbewegung der Slawophilie und des Panslawismus verbunden und ist von dem europäischen Gedanken auf den byzantinischen zurückgekommen. Die Verbindung mit dem Westen, die stets mehr enthusiastische als kritische Übernahme seiner Probleme, machte das Russentum schließlich selbst problematisch, brachte es in Widersprüche und Gegensätze aller Art, in Unvereinbarkeiten des Geistes wie des Staates. Es ist dabei durchaus eine Sache und Seite für sich, daß diese Problematik das Russentum zugleich schöpferisch machte: nicht nur in der Arbeit, die Peter und Katharina für Rußland leisteten, sondern auch in der Selbsterkenntnis aller der Mißverständnisse und Übertreibungen des Westlertums, die Gogol zur grotesken Drastik erhob, und in derjenigen seiner schweren seelischen Erregungen, Erschütterungen, Erkrankungen, die Dostojewski in dem realistischen Schattenreich einer russischen Apokalypse umgehen ließ. Dieses russische Schöpfertum verbindet uns heute mit der russischen Geistigkeit, die, nicht ein Teil, doch eine östliche Ergänzung unserer eigenen Geistigkeit ist – und zwar um so mehr, je weniger westlich, je echter russisch, slawisch, byzantinisch, je weniger liberal und je mehr konservativ sie ist. Politisch aber, ideologisch, geschichtsphilosophisch, in dem geistigen Sinne, den der Dichter und Menschenforscher wie der Politiker und Geschichtsdenker Dostojewski vertritt, mußte das Russentum sich von dem Westlertume, das seine Geschichte wie ein Verhängnis begleitete, frei zu machen suchen.

Wie eine Erlösung wurde es in Rußland empfunden, als das neunzehnte Jahrhundert wieder den Willen zu einer großen russischen und nunmehr altrussischen Politik brachte und Petersburg sich erneut dem Orient zuwandte: denn im Mittelpunkte des Orients stand Konstantinopel! Die Befreiungskriege der Balkanslawen gaben den Anlaß, sich in die türkischen Angelegenheiten einzumischen: und dieser Anlaß wurde der ideologische Ausgangspunkt für die Slawophilie, als sie den byzantinischen Gedanken zum panslawistischen erweiterte. Doch nun zeigte sich politisch, daß der Besitz von Konstantinopel, nachdem die Türkei allerdings genügend zersetzt und geschwächt sein mochte, um von Rußland überrannt werden zu können, gar kein russisch-türkisches, vielmehr ein durchaus europäisches Problem geworden war. Wie ein Spiel ging es infolgedessen in den Kabinetten und auf den Kongressen um den einen Stadtnamen: Konstantinopel! Schon Friedrich der Große hatte auf die Frage geantwortet, warum er die Russen nicht nach Konstantinopel lassen wolle: „Weil sie dann am anderen Tage in Königsberg stehen.“ Und Alexander I. hatte Konstantinopel den „Hausschlüssel“ zu Rußland genannt, worauf Napoleon antwortete, daß es zugleich der „Schlüssel zu Toulon“ sei. Später schloß Skobeleff umgekehrt wie Friedrich der Große und meinte, daß der Weg nach Konstantinopel über Berlin gehe. Und von österreichischer Seite ist die schlagfertige Erwiderung auf die drohende Bemerkung eines russischen Geschäftsträgers bekannt, daß der Weg nach Konstantinopel über Wien führe: „Ja, und der nach Petersburg über Warschau!“ Wahr war an allen diesen Beziehungen und Anspielungen: daß für Rußland der Weg nach Konstantinopel allerdings nicht nur über die Türkei, sondern über Europa führte.

Immerhin wurde manches von Rußland erreicht. Nikolaus I. erlangte, was zuletzt Katharina verlangt hatte: die freie Durchfahrt durch die Dardanellen für russische Handelsschiffe und ihre Sperrung für fremde Kriegsschiffe. Aber er erlangte dies Zugeständnis um den Preis eines Bündnisses zwischen Rußland und der Türkei, durch das beide Staaten sich unter anderem zum wechselseitigen Schutze ihrer Völker und Bekenntnisse verpflichteten, der Mohammedaner hier, der Slawen dort. Und dieser Preis bedeutete ebenso einen Verzicht auf die alten macht- und kirchenpolitischen Ansprüche, wie eine Verleugnung der neuen panslawistischen Gesichtspunkte. Immerhin war Rußland nunmehr Selbstherrscher auf dem Schwarzen Meere geworden. Dafür warfen dann die Ergebnisse das Russentum um so weiter zurück. Im Pariser Frieden mußte Rußland auf seine Bewegungsfreiheit im Schwarzen Meere wie auf sein Schutzrecht über die Balkanchristen verzichten. Der Russisch-Türkische Krieg wiederholte dann den Versuch, nach Konstantinopel vorzudringen, noch ein letztes Mal, und wiederholte ihn nun auf der Grundlage und vor dem Hintergrunde eines großen und leidenschaftlichen Panslawismus, dem sich der größte und leidenschaftlichste Russe Dostojewski nicht entzog. Die „slawische Frage“ kam auf und drang, wie der große beschauliche Russe Tolstoi diese Zeit schildert, nachdem sie bis dahin nur die Gesellschaft beschäftigt hatte, mehr und mehr in das Volk ein. Fast wäre es erreicht worden, das große Ziel: die Russen vor Konstantinopel! und die Russen in Konstantinopel! Aber wie die Türken, nachdem sie vor Wien, nicht in Wien erschienen waren, nie wieder Wien bedrohen konnten, so mußten die Russen auf Konstantinopel verzichten. Nach dem Berliner Kongreß blieb nur die eine Möglichkeit einer veränderten politischen Taktik übrig: durch die autonom gewordenen Balkanslawen, durch Slawen und Bulgaren, auf dem Balkan zu herrschen. Und auch diese Möglichkeit sollte versagen. Schon Dostojewski mußte vertrösten: „Einmal wird Konstantinopel doch unser werden!“ Ja, einmal! Aber wann? Und schon Dostojewski wandte den Blick nach Asien hinüber, nahm die letzten russischen Waffenerfolge, die er noch erlebte, die Siege Skobeleffs in Mittelasien, zum Anlaß, um dem Prinzip von der Linie des geringeren Widerstandes, das sich bei ihm zuerst formuliert findet, eine andere Richtung zu geben, und beantwortete in einer sibirischen Übertragung und Auflösung des alten Gegensatzes von Westlertum und Altrussentum die Frage: „Was ist Asien für uns?“ mit einem: „Asien ist unser Amerika!“ „In Europa sind wir Sklaven. Nach Asien kommen wir als Herren. In Europa waren wir Tataren. Nach Asien kommen wir als Europäer!“ Byzanz blieb der Mittelpunkt seines politischen Denkens. Aber Asien wurde zum letzten Wort seiner russischen Hoffnung.


Byzanz war für Dostojewski mehr als ein Symbol, wie es für Rußland mehr als ein Symbol ist. Das russische Selbstherrschertum war ursprünglich eine barbarische Machtanmaßung, die zu ihrer Anerkennung der Heiligung durch das Recht und durch die Überlieferung bedurfte: Byzanz gab ihr beides. Durch Byzanz konnte das Zartum vertieft und vergeistigt, durch Verchristlichung gerechtfertigt, durch Mystifizierung erhoben werden. Ebenso sehnte sich der Panslawismus, den Dostojewski vertrat, nach Größe und Reinheit und Überschwenglichkeit, die in den russischen Volksgedanken kommen sollten. Dostojewski wollte die Macht in Gnade verwandeln und mit ihr die Massen, die Balkanbrüder und zuletzt alle Menschen beglücken. Ist nicht alle unsere Menschenmacht eine Anmaßung? Bedürfen wir nicht alle der Gnade? In Byzanz sah er das Urchristentum erhalten, während ihm der Katholizismus durch seine papale Verbindung mit Staatlichkeit, der Protestantismus durch seine humanistische mit Lehrhaftigkeit entartet erschien: ein Materialismus genau wie der Sozialismus, und ein Ausdruck des Westlertums und Europäertums, gegen das er sich in allen seinen Formen wandte. Dostojewski wollte die russische Nationalkirche zur Allerweltskirche erheben, von der noch einmal die Erlösung ausgehen sollte, die er persönlich, in der Lauterkeit seiner Absichten, für möglich und kommend hielt, während sie praktisch allerdings stets nur die Vergewaltigung der Völker und Bekenntnisse bedeutet hat. In dieser Verbindung von Staat und Macht, Volk und Kirche, Religion und Politik ist der Dichter Dostojewski mit dem Politiker Dostojewski verbunden. Als Politiker mußte er werden, was er als Dichter, als Volksfreund, als Mensch der Liebe zum Nächsten und als Enträtseler des gemeinsamen Schicksals im einzelnen, des einzelnen im gemeinsamen, war: der Slawophile, der Panslawist, der Konservative, der sich auf den Boden des patriarchalisch geschichteten Russentums stellte, um zu einem religiös gerichteten Menschentum zu gelangen. Der Konservative in Dostojewski: das war der Boden, der Unterbau, war Rußland mit seinem natürlichen, primitiven, altruistischen Sozialismus bäuerlichen Lebens. Und der Nihilist in Dostojewski, den er in sich überwand: das war der Mensch, der Europa und den Westen kannte, und der das einzige russische und allmenschliche Hemmnis auf dem ewigen Wege zu Gnade und Erlösung, in Europa im Liberalismus, in Rußland im Westlertum erkannte: als den Träger von Egoismus und Individualismus, als den Verbreiter jenes nur allzu russischen Nihilismus und den Bringer eines ganz unrussischen Industrialismus, Kapitalismus, Materialismus.


Der byzantinische Gedanke im russischen Geschichtsdenken ist heute entartet. Nachdem er durch die Jahrhunderte abwechselnd machtpolitisch, kirchenpolitisch und panslawistisch begründet worden war, wurde er wirtschaftlich. Im russischen Westlertum selbst folgte auf den französischen und deutschen Einfluß des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts der englische des zwanzigsten, folgte nicht geistig, weil er dies nicht wohl sein konnte, wohl aber gesellschaftlich und vor allem handelspolitisch. Ein neuer Menschenschlag kam in Rußland herauf: Industrielle und Großkaufleute, Liberale, die nunmehr auf russische Weise eine britische Wirtschaftspolitik machen wollten. Oder war es ein alter Schlag, der wieder durchbrach? War es der moskowitische Kaufmann, der tatarische Unternehmer, der an Stelle des Petersburger Verwaltungsbeamten in das Wirtschaftsleben des Russischen Reiches eingriff und mehr und mehr auch die Politik des Staates in die Richtlinie seiner Gesichtspunkte abdrängte? Eisenbahnen erschlossen die Steppe und Fabrikanfänge entstanden um die Städte. Vor allem aber fand die Aufhebung der Leibeigenschaft eine späte, doch breite Nachwirkung in der Landwirtschaft, in den Massen des Landes und in den Massen der Menschen. Die geplante Stolypin-Kriwoscheïnsche Agrarreform, die durch Aufhebung des Mir dem russischen Bauern erst volle Arbeitsfähigkeit, der russischen Erde erst volle Ertragfähigkeit geben wird, soll nun die Entwicklung vollenden. Schon ist das Verhältnis von Ausfuhr und Einfuhr zugunsten der ersteren völlig verschoben worden und hat Veränderungen für den Staatshaushalt mit sich gebracht, deren Reichweite sich noch gar nicht absehen läßt. Namentlich das südrussische Getreide, dessen Verschiffung durch den Schwarzmeerhandel erfolgt, wurde als das bequemste nationale Zahlungsmittel erkannt. Und wichtiger noch als die Eroberung von Konstantinopel erschien mit einem Male der Erwerb der Dardanellen, deren Öffnung dem russischen Handel den Anschluß an den Weltverkehr sichern sollte. Die Türkenkämpfe, die von dem russischen Staate bis dahin als Ausdehnungskampf betrieben, von dem russischen Volke als Glaubenskampf empfunden worden waren, wurden zum Wirtschaftskrieg. Es war das Neue der Zeit und das Neue in der russischen Geschichte, das der europäische Krieg nicht gebracht, doch offenbart hat: an Stelle einer autokratischen oder theokratischen, immer slawokratischen Geschichtsanschauung griff jener selbe europäische Materialismus, jene selbe westlerische Unheiligkeit, vor der Dostojewski durch eine religiöse Erneuerung des byzantinischen Gedankens das Russentum hatte bewahren wollen, auf Rußland über.

Es fragt sich nur, wie das russische Volk sich mit dieser Entwicklung abfinden wird, durch die der russische Konservatismus hinter einen russischen Liberalismus zurücktritt, wenn es dem russischen Staate nicht gelingt, diese unvermittelte Wendung mit dem Besitz von Konstantinopel wie dem der Dardanellen machtpolitisch abzuschließen? wenn Rußland vielmehr auf diesen Besitz verzichten muß? dauernd und endgültig? Für die russische Ideologie kann die wirtschaftliche, diese ökonomische, nicht mehr ökumenische Auffassung des byzantinischen Gedankens nur eine Entweihung sein, seine positivistische Entartung, sein tiefster, materialistischer Fall und Verfall. Die russischen Ideologen sind denn auch bereits in eine Gegenbewegung eingetreten, die sie von dem neurussischen Liberalismus, von Manchestertum, Opportunität und Skepsis abrücken und sich wieder dem altrussischen Patriarchentum und der Mystik annähern läßt. Aber sie selbst sind nur Epigonen großer Ideen eines Zeitalters, das die geschichtliche Möglichkeit, Byzanz zu besetzen und für Rußland zu besitzen, bereits verfehlt hat. Während die russischen Liberalen diese Möglichkeit in letzter Stunde noch nachzuholen suchten, nicht durch einen Kreuzzug, sondern durch einen Ausfuhrkrieg, gehen die russischen Ideologen noch einmal auf Dostojewski zurück, ohne freilich in den eigenen Ideen über ihn hinauskommen zu können. Die politischen Ideen Dostojewskis sind auch heute noch die geistige Plattform, auf der Rußland steht. Nur in den Formulierungen und Postulaten sind die ideologischen Epigonen der Dostojewskischen Dogmatik weicher und nervöser, aber auch einseitiger und extremer – schon weil sie in dem neurussischen Liberalismus denn doch einen anderen wirklicheren gefährlicheren Gegner haben, als es das flaue und faule kosmopolitische Westlertum war, gegen das Dostojewski sich wandte. Sie befinden sich dabei in der Zwangslage, heute, mitten im Kriege, diesen Gegner, das neue englische Westlertum, noch nicht bekämpfen zu können. Im Gegenteil, sie suchen, wenn auch rein dialektisch, mit allen Zeichen der Ausflucht und inneren Unvereinbarkeit, ihre geistigen Probleme mit den politischen des Krieges in eine Übereinstimmung zu bringen. Sie sprechen davon, daß das Bündnis mit den Nationen des Westens dem russischen Volkstum erst seine wahre Ausdehnung sichere, mit der staatlichen und wirtschaftlichen auch die künftige seelische, sprechen von einer wichtigsten Aufgabe der Weltgeschichte, die der Weltkrieg lösen und die in einem Zusammenfließen von Osten und Westen bestehen soll, über Deutschland hinweg. Aber die Gegnerschaft gegen Liberalismus und Westlertum im eigenen Lande ist da und lebt in der Sehnsucht der Seelen, die nicht Wirtschaft wollen, sondern Glauben, nicht europäische Ordnung, sondern russisches Chaos und russische Universalität. Die religiöse Revolution, deren Auslegung schon Mereschkowski gab, will Wirklichkeit werden. Der jüngere Ssolowjoff verkündet jetzt die religiöse Kultivierung der Welt und deren Ausbreitung durch die russische Kirche. Rosanoff verherrlicht die russische Trägheit und bringt sie in einen ewigen Gegensatz zu der modernen futuristischen Betriebsamkeit, die er in Deutschland zu verhaßter Gegenwart geworden sieht. Der alte politische Nihilismus kehrt als Mönchtum wieder, als Wunsch und Wille zu einer reinen und erneuerten Kirchlichkeit, hinter der sich, noch von ferne und undeutlich, der alte Gedanke einer russischen Allerweltskirche erhebt und zu neuen politischen panslawistischen und byzantinischen Schlußfolgen und Forderungen überleitet. Aber auch für Rußland selbst taucht in einer Verbindung alter demokratischer Neigungen des russischen Kirchentums mit der Abneigung des Liberalismus gegen die absolute Zarengewalt ein Gedanke auf, der nun freilich die Rückgängigmachung einer der wichtigsten staatsrechtlichen Errungenschaften Peters des Großen bedeuten würde: die Idee, wieder einen Patriarchen, jenes geistliche Oberhaupt, das Peter der Große abschaffte, weil es das politische Selbstherrschertum der Zaren hinderte, an die Spitze einer kirchlichen Hierarchie zu setzen. Im Patriarchentum lag einst ein erster russischer Sozialismus. Boris Godunoff hatte das Patriarchat und die Leibeigenschaft eingeführt. Dann hatte Peter das Patriarchat beseitigt und die Leibeigenschaft verschärft. Und später war es der noch absolute Zarenwille Alexanders des Zweiten, der die liberale Aufhebung der Leibeigenschaft verfügte. Nun kehrt die Entwicklung im Kreise von mannigfachen Abwandlungen und Umwegen zu ihren Ausgängen zurück und sucht Demokratisches und Autokratisches auf eine neue und doch alte russische Weise zu vereinen. Es sind geistespolitische Auseinandersetzungen, die bis zu einem Grade nur das innere russische Schicksal angehen, über diesen Grad aber auch uns, die wir in Deutschland die mitteleuropäische Grenzscheide, nicht nur von Westen und Osten, sondern auch von Atavismus und Modernität bilden und die Gegensätze von Konservatismus und Liberalismus, Überlieferung und Entwicklung, Ewigkeit und Zeitlichkeit in das Gleichgewicht einer neuen Wirklichkeit zu bringen haben. Wohin diese Auseinandersetzungen in Rußland führen werden, kann niemand voraussehen: sicherlich zu schweren seelischen Konflikten und Dilemmen, zu Problemen, deren schwerstes immer darin bestehen wird, daß Rußland durch Deutschland von Byzanz abgedrängt worden ist – bis Rußland dann eines Tages zu der Erkenntnis kommt, daß der innere Grund dieser Abdrängung im Russentum selbst liegt, in der russischen Geschichte, die Byzanz zu einer neuen europäisch-asiatischen Form längst in Rußland verwirklicht hat.

Darüber mögen Jahrhunderte vergehen. Aber auch Städte und heilige Stätten vergessen sich in der Erinnerung der Menschen. Schon heute hat Byzanz diese neue Bedeutung für Rußland bekommen, daß aus dem Machtproblem ein Wirtschaftsproblem geworden ist. Damit wird Rußland sich abfinden müssen. Und darüber werden, wie die Nachfahren der Kreuzritter längst Jerusalem, wie die Deutschen, die im Mittelalter das Erbe von Westrom tatsächlich besaßen und verwalteten, heute längst Rom vergessen haben, auch die Russen, die das Erbe von Ostrom antreten wollten, schließlich Byzanz vergessen.

Moeller van den Bruck.

Die religiöse Revolution

Dostojewski starb am 28. Januar 1881. Es scheint eine ewige Vorbedeutung darin zu liegen, daß er gewissermaßen am Vorabend des 1. März 1881[1] starb, gerade vor dem ersten Donnerschlage jenes furchtbaren Gewitters, das jetzt bereits seit einem Vierteljahrhundert heraufzieht und sich immer dunkler über uns zusammenballt, – und daß die erste Gedächtnisfeier seines Todestages, am 28. Januar 1906, unter dem Getöse des endlich ausgebrochenen Sturmes stattfinden mußte. Dostojewski trug selbst den Anfang dieses Sturmes in sich, den Anfang der endlosen Bewegung, obgleich er die Schutzwehr der endlosen Unbeweglichkeit sein oder scheinen wollte: er war die Revolution, die scheinbar Reaktion war.

„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären,“ schrieb er kurz vor seinem Tode. Dostojewski aber war der erste Schrei dieser Qualen.

„Ganz Rußland steht gewissermaßen an einem Endpunkte und schwankt über dem Abgrund,“ schrieb er im Jahre 1878. Immer wieder suchte Dostojewski sich von diesem Abgrunde abzuwenden, und krampfhaft klammerte er sich an den glatten Rand des Verderbens, an die vermeintlich festen Felsen der Vergangenheit – an Orthodoxie, Autokratie und Nationalität. Doch wenn er gesehen hätte, was wir heute sehen, würde er dann begriffen haben, daß Orthodoxie, Autokratie und Nationalität, so wie er sie verstand, nicht drei Felsen sind, sondern drei Abgründe auf den unvermeidlichen Wegen des heutigen Rußlands zum zukünftigen? Rußland ging dorthin, wohin Dostojewski es rief, ging zu dem, was Dostojewski für die Wahrheit hielt. Doch da haben wir nun die Früchte dieser Wahrheit! Rußland „schwankt“ heute nicht mehr über dem Abgrund, heute stürzt es bereits in ihn hinab. Die Autokratie stürzt zusammen. Die Orthodoxie ist gelähmter denn je. Und die russische Nationalität steht heute nicht mehr vor der Frage, ob sie einmal die erste in Europa werden kann, sondern ob sie sich überhaupt noch zu erhalten vermag. Auf welche Seite würde sich nun Dostojewski stellen: auf die der Revolution oder die der Reaktion? Oder würde er sich wirklich auch jetzt nicht um seiner großen Wahrheit willen von seinem großen Irrtume lossagen?

Dostojewski ist der Prophet der russischen Revolution. Doch, wie das häufig mit Propheten geschieht, ihm selbst war der wahre Sinn seiner Prophezeiungen verborgen. Ein unversöhnlicher Widerspruch klafft zwischen der äußeren Schale und dem inneren Wesen Dostojewskis. Von außen ist es die tote Schale zeitgebundenen Irrtums; von innen – der lebendige Kern ewiger Wahrheit. Wir müssen die Schale zerschlagen, um ihr den Kern entnehmen zu können. Als die russische Revolution vieles von dem, was bis dahin unzerstörbar-fest erschien, zerschlug, vernichtete sie auch den politischen Irrtum Dostojewskis.

Nicht wir werden ihn richten; das wird die Geschichte tun. Wir aber, die wir ihn liebten, die wir mit ihm untergingen, um uns mit ihm zu retten, werden ihn vor diesem furchtbaren Gerichte nicht verlassen: mit ihm werden wir verurteilt oder mit ihm freigesprochen werden.


Einmal in der Kindheit, als er an einem klaren Frühherbsttage ganz allein im Gestrüpp am Waldrande stand, hörte er plötzlich inmitten der tiefen Stille den lauten Schrei: „Ein Wolf kommt!“ – und außer sich vor Schreck lief er schreiend auf das Feld hinaus, geradenwegs zum pflügenden Bauer Marei; um im vollen Lauf nicht zu fallen, ergriff er hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen den Ärmel des Bauern. Der beruhigte ihn: „... Geh doch! wo denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! ... Ich werde dich schon nicht vom Wolf rauben lassen ... Christus ist mit dir!“ Und „fast mütterlich lächelnd“ bekreuzte der Bauer „mit seinen erdigen Fingern“ den Knaben.

In dieser Erinnerung ist das ganze religiöse Leben Dostojewskis enthalten. Der kleine Fedjä wuchs auf und wurde zu einem großen Schriftsteller. Mit Fedjä wuchs auch der Bauer Marei zu einem großen „Gotträger-Volk“. Doch die geheimnisvolle Verbindung zwischen ihnen blieb. Seit der Zeit hörte Dostojewski oftmals den Schrei: Ein Wolf kommt! Das Tier kommt! Der Antichrist kommt! – und jedesmal stürzte er dann außer sich vor Schreck zum Bauer Marei, der ihn wieder beschützte und „mit fast mütterlichem Lächeln“ beruhigte, der „ich werde dich schon nicht von dem Wolf rauben lassen“ zu ihm sagte, ein „Christus ist mit dir!“ zu ihm sprach und ihn bekreuzte. Das war die wahre Taufe Dostojewskis – nicht in der Kirche, sondern auf freiem Felde, nicht mit heiligem Wasser, sondern mit heiliger Erde.

Worin liegt nun eigentlich die Kraft des Bauern Marei, der vor dem „Wolf“, dem Tier-Antichrist beschützen kann? In der heiligen Erde Gottes liegt sie, in der feuchten Muttererde, die sich dort, wo der Horizont sich hinzieht, mit dem heiligen Himmel Gottes vereinigt. In dieser letzten zukünftigen, noch nicht vollzogenen, jedoch möglichen Vereinigung des Bauerntums mit dem Christentum, der Wahrheit der Erde mit der Wahrheit des Himmels, liegt die religiöse Kraft des Bauern Marei. Er ist, gleich dem Recken Mikula Sseljäninowitsch in unseren alten Sagen, der Held der dunklen Tiefen unserer Erde, und zu gleicher Zeit der neue Sswjätogor, der Held der Berges- und Sternenhöhen. Er ist der heilige Georg, der „Besieger des Drachens, des uralten Wurmes“. Er ist – das russische „Gotträger-Volk“ selbst. Bauerntum ist Christentum, oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Christentum ist Bauerntum. Doch nicht das alte, staatliche, byzantinische, griechisch-russische, wohl aber das junge, freie, volkliche Bauernchristentum ist – die „Rechtgläubigkeit“. Dies ist der Grundgedanke Dostojewskis. „Das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit. Die ist alles, was es hat. Doch mehr braucht es auch nicht, denn seine Rechtgläubigkeit ist – alles. Wer die nicht versteht, der wird auch von unserem Volke nichts verstehen; ja, der wird das russische Volk nicht einmal lieben können.“

In diesem Grundgedanken liegt zugleich der Grundirrtum Dostojewskis. Er nimmt Zukünftiges für Gegenwärtiges, Mögliches für Wirkliches, sein neues apokalyptisches Christentum für die alte historische Orthodoxie.

Das Bauerntum will Christentum werden, doch ist es das noch nicht geworden. Die Wahrheit der Erde will sich mit der Wahrheit des Himmels vereinigen, doch noch hat sie sich nicht mit ihr vereinigt: für das historische Christentum, die Orthodoxie, hat sich diese Vereinigung als unmöglich erwiesen. Und noch niemals ist das Bauerntum dem Christentum so entgegengesetzt gewesen wie in der jetzigen Zeit. Als das Christentum sich in den Himmel zurückzog, verließ es die Erde; und das Bauerntum, das an der Erdenwahrheit verzweifelte, ist jetzt bereit, auch an der Himmelswahrheit zu verzweifeln. Die Erde ist ohne Himmel, der Himmel ist ohne Erde; Erde und Himmel drohen, in ein uferloses Chaos ineinanderzufließen. Und wer kann wissen, wo der Boden dieses Chaos ist, dieses klaffenden Abgrunds, der sich zwischen Erde und Himmel, zwischen Bauerntum und Christentum aufgetan hat?

Aus diesem einen Grundirrtum ergeben sich auch alle übrigen Täuschungen oder Selbsttäuschungen Dostojewskis. Derselbe Irrtum, der in seiner Auffassung des russischen volkstümlichen Christentums liegt, liegt auch in seiner Auffassung der Beziehung dieses Christentums zur allgemeinen Aufklärung: er verwechselt das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen, das Mögliche mit dem bereits Vorhandenen, das Apokalyptische mit dem Historischen. Worin besteht nun die Besonderheit der Orthodoxie oder, wie Dostojewski sagt, des „russischen Christus“?

Er gibt mehrere Definitionen der Rechtgläubigkeit, doch keine befriedigt ihn vollkommen.

„In der ganzen Welt gibt es keinen anderen Namen, denn seinen – den Namen Christi –, der uns erlösen kann,“ das wäre, wie er meint, die „Hauptidee der Rechtgläubigkeit“. Nur ist das eine viel zu allgemeine Definition: sie umfaßt nicht nur das orthodoxe, sondern auch das katholische und protestantische sowie überhaupt jedes christliche Glaubensbekenntnis; denn sie alle erkennen, ganz wie die Orthodoxie, den Namen Christi als den einzigen erlösenden an.

Schließlich aber fand er eine für seine persönliche Religion allerdings tiefere und genauere, für die Orthodoxie aber durchaus falsche Definition. Die östliche Orthodoxie sei, wie er meint, die universale geistige Vereinigung der Menschen in Christo; das westliche, römisch-katholische, päpstliche Christentum aber sei dem östlichen gerade entgegengesetzt. Er sagt: „Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker – nicht geistig, sondern staatlich – auf Erden nicht zu verwirklichen sei. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben, und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung zu verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das Umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.“

Hierbei fällt einem infolge des zweideutigen Gebrauchs des Wortes „Staat“ oder „staatlich“ eine gewisse Unklarheit auf. Zuerst ist der „Staat“ als Reich Gottes, als Theokratie aufgefaßt, d. h. als durchaus freies, nur auf Liebe begründetes Gemeinwesen, das jede äußere vergewaltigende Macht verneint und folglich allen bis jetzt in der Geschichte bekannten Staatsformen vollkommen unähnlich ist; im zweiten Fall aber versteht Dostojewski darunter eine äußere, vergewaltigende Macht, eine Herrschaft von dieser Welt, das Reich des Teufels – die Dämonokratie. Hätte nun Dostojewski diese Zweideutigkeit nicht zugelassen und die Entgegenstellung der brüderlichen, freien Vereinigung gedanklich zu Ende geführt, so hätte sich auch für ihn ein völlig unerwarteter, doch ganz unvermeidlicher Folgeschluß ergeben, und zwar: die vollständige Verneinung jeder äußeren staatlichen Macht, jedes Reiches, jeder Herrschaft auf Erden im Namen des Königs aller Könige, des Herrschers aller Herrscher: die volle Anarchie, – natürlich nicht die Anarchie im alten oberflächlichen, sozialpolitischen, sondern im neuen, viel tieferen, religiösen Sinne, eine universale Monarchie als Weg zur universalen Theokratie, die Herrschaftslosigkeit als Weg zur Gottherrschaft.

Es ist aber kaum anzunehmen, daß Dostojewski sich entschlossen haben würde, zu behaupten, die theokratische Anarchie sei das Ideal des östlichen und speziell des russischen Christentums, der Rechtgläubigkeit. Was aber nicht im religiösen Ideal ist, das ist natürlich auch nicht in der religiösen Wirklichkeit und kann es ja auch gar nicht sein: unbedingter Gehorsam allen weltlichen Machthabern, völliger Verzicht auf brüderliche und freie Gemeinsamkeit, vollständige Unterjochung der Kirche durch den Staat – das ist die historische Wirklichkeit der Orthodoxie. Im Westen kam es zum Kampf der geistlichen Macht mit der weltlichen, des neuen christlichen Ideals einer universalen Theokratie mit dem altrömischen, heidnischen Ideal einer universalen Monarchie; das römische Kirchenoberhaupt mußte sein anfängliches christliches Ideal verraten, um sich in einen römischen Cäsar verwandeln zu können. Im Osten ging die Verzichtleistung auf die christliche Freiheit im öffentlichen Leben, d. h. ging der Sieg des heidnischen Staates über die christliche Kirche ohne jeden Kampf vor sich und ohne jeden Verrat; denn es gab nichts, wogegen man hätte kämpfen müssen, bzw. was man hätte verraten können – aus Mangel an einer Idee einer allgemeinen Heiligkeit im Ideale der Rechtgläubigkeit selbst. Die historische Wirklichkeit ist dem historischen Schema Dostojewskis vollkommen entgegengesetzt: die Idee der universalen geistigen Vereinigung der Menschheit in Christo hat nur in der westlichen Hälfte des Christentums, im Katholizismus, existiert – wenn auch ihre Realisierungsversuche schließlich erfolglos geblieben sind, während die östliche Orthodoxie von dieser Idee sich nicht einmal hat träumen lassen. Hier im Osten ist der römische Cäsar, der Selbstherrscher im heidnischen Sinne, der „Erdengott“, der „Mensch-Gott“, auch im Christentum das geblieben, was er vor dem Christentum war. Und keine Vergewaltigung, keine Religionsspötterei, keine Willkür der autokratischen Macht hat es hier gegeben, die die orthodoxe Kirche nicht gesegnet hätte. Die letzte Grenze dieser Macht ist in der natürlichen Fortsetzung und Vollendung des Oströmischen Reiches, in der russischen Autokratie erreicht. Und wenn die staatliche Macht der Päpste Dostojewski eine Lossagung von Christus erscheint, so müßte ihm die russische Autokratie als der gerade und breite Weg zur Herrschaft des Antichrist erscheinen. Die Autokratie aber dem Papsttum als geistige christliche Freiheit der staatlichen heidnischen Vergewaltigung, als Theokratie der Demokratie gegenüberstellen, heißt das Schwarze weiß machen und das Weiße schwarz.

Schließlich begriff Dostojewski aber doch, daß man, wenn man auf dem Boden der Rechtgläubigkeit blieb, im „russischen Christ“ keine universale Bedeutung finden konnte. Da verließ er denn die Kirche und wandte sich der russischen Aufklärung, ihren zwei größten Repräsentanten, zu – Peter und Puschkin.

In den Reformen Peters findet Dostojewski „eine hervorragend synthetische Begabung, die Fähigkeit zur Allversöhnung, zur Allmenschheit“. „Der Russe kennt keine europäische Begrenztheit. Er lebt sich mit allem ein und lebt sich in alles ein. Allem Menschlichen, wenn es auch außerhalb seiner Nationalität, seines Blutes und Bodens steht, kann er nachfühlen. Sein Instinkt errät sofort den allmenschlichen Zug selbst in den schroffsten Sonderheiten anderer Völker: sofort vergleicht, versöhnt er sie in seiner Idee, und nicht selten findet er einen Einigungs- und Versöhnungspunkt in vollkommen entgegengesetzten feindlichen Ideen zweier ganz verschiedener europäischer Nationen.“

„... Dort, in Europa, lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich und in sich; wir aber werden, wenn unsere Zeit anbricht, gerade damit beginnen, daß wir die Diener aller werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Und darin besteht unsere Größe, denn all das führt zur endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Erste im Reiche Gottes sein will – der werde der Diener aller. So verstehe ich die russische Bestimmung in ihrem Ideal.“

Dieselbe russische Besonderheit sieht Dostojewski auch in Puschkin: „Wir begriffen in ihm, daß das russische Ideal – Ganzheit, Allheit, Allversöhnung, Allmenschheit ist.“

Peter gab die staatliche, Puschkin die ästhetische Form der russischen „Allmenschheit“; Dostojewski war es vorbehalten, den religiösen Inhalt in diese Form zu gießen. Die Allmenschheit, als Übergang zur Gottmenschheit, die Vereinigung der Welt Christi mit der universalen Aufklärung ist nur möglich, wenn in der letzteren die Grundlage der Welt Christi enthalten ist: in der Allmenschheit – Gottmenschheit, die in ihrer ganzen Größe zu offenbaren eben der christlichen Erkenntnis bevorsteht. Doch braucht dabei das geringe Vorhandensein oder der völlige Mangel dieser christlichen Erkenntnis in der heutigen europäischen Kultur – in der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, im öffentlichen Leben überhaupt – nicht zu beunruhigen: der Hauptunterschied der Allmenschheit, als Übergang und Mittel, von der Gottmenschheit, als Ziel, besteht ja gerade darin, daß in der ersten, in der Allmenschheit, das Menschliche mit dem Göttlichen noch nicht durch die religiöse Erkenntnis verbunden ist, während im zweiten, in der Gottmenschheit, die Vereinigung sich schon endgültig vollzogen hat. Dostojewski stand nun vor der Aufgabe, das Unvereinbare zu vereinigen, zu zeigen, daß die europäische Kultur außerhalb Christi und scheinbar sogar gegen Christus, dennoch zu Christus geht, vom gekommenen Christ zum kommenden Christ, und daß folglich die Wege Rußlands und Europas, trotz aller scheinbaren zeitweiligen Abweichungen, ein und derselbe ewige Weg sind.


In der politischen Tat fand Dostojewski, was er in der religiösen Anschauung nicht finden konnte, – die Definition der Rechtgläubigkeit.

Es könnte noch die Frage sein, ob Dostojewski selbst die Anschauungen seines Helden in den „Dämonen“ teilt, wenn er sie nicht in dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ wiederholte: „Jedes große Volk glaubt und muß glauben, daß in ihm und nur in ihm allein die Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten und sie zu dem letzten Ziele, das ihnen allen vorbestimmt ist, zu führen ... Der große Eigendünkel, der Glaube, daß man das letzte Wort der Welt sagen will und kann, ist das Unterpfand des höchsten Lebens einer Nation.“

So ist denn die Rechtgläubigkeit, ist das wahre Christentum nach Dostojewskis Meinung der „große Eigendünkel“ des russischen Volkes, der Glaube an sich selbst, wie an Gott; denn er sagt doch, daß der russische Gott, oder der „russische Christus“, nichts anderes sei als die „synthetische Persönlichkeit“ des russischen Volkes. Folglich kann man an die Stelle der früheren Formel: „das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit“, die umgekehrte Formel setzen: „die ganze Rechtgläubigkeit ruht im russischen Volke“. Nur dann, wenn Rußland mit seinem Gott, mit seinem Christ „alle anderen Götter und Christusse besiegt und aus der Welt vertrieben haben wird“, kann oder wird der „russische Christus“ zum Christus der ganzen Welt werden. Wenn aber Gott nur die „synthetische Persönlichkeit des Volkes“ ist, so ist nicht das Volk der Leib Gottes, sondern Gott der Leib, die Fleischwerdung der Volksseele; dann erhält nicht das Volk sein Dasein von Gott, sondern erhält Gott sein Dasein vom Volk. Dann hat nicht Gott das Volk geschaffen, sondern das Volk und überhaupt die Menschheit, d. h. der Mensch, hat Gott geschaffen, nach seinem, des Menschen, Ebenbilde. Das Volk ist absolut; Gott ist relativ. Folglich sind alle Religionen – nur Mythologien, nur scheingöttliche Ebenbilder der menschlichen Wahrheit. Also hat der Atheist Feuerbach recht, wenn er behauptet, daß der Mensch in Gott sich selbst so lange verehrt, bis er erkennt, daß er, der Mensch, selbst Gott ist und es einen anderen Gott außer ihm überhaupt nicht gibt.

Das schrecklichste ist ja, daß, wer an den „russischen Christus“, an den „russischen Gott“, glaubt, nicht an das wahre Gotteswort, an den universalen Christ glauben kann. Die vermeintliche Gottmenschheit, oder „Volkgottheit“, ist, ebenso wie die wahre Menschgottheit, der sichere Weg zur Gottlosigkeit. Die religiöse Tragödie Dostojewskis besteht darin, daß er, dessen wahre Religion nicht die Orthodoxie war, glaubte, ein Nicht-rechtgläubiger könne auch nicht Russe sein, aber aus Furcht vor dem ewigen Schrei: „ein Wolf kommt!“ den Bauer Marei nicht auf einen Augenblick zu verlassen wagte. Der kleine Fedjä täuschte sich: dieser ewige Schrei ertönte nicht neben ihm, sondern in ihm; es war der erste Schrei des letzten Entsetzens: „das Tier kommt, der Antichrist kommt!“ Vor diesem Entsetzen konnte ihn der Bauer Marei (das russische Volk) nicht retten; denn nachdem er der „russische Christ“ geworden ist, der Doppelgänger Christi, hat er sich in ein Tier verwandelt, in den Antichrist, denn der Antichrist ist der Doppelgänger Christi.


In der Autokratie vollendete sich für Dostojewski das, was bei ihm in der Orthodoxie begonnen hatte: die Verwechslung der Menschgottheit mit der Gottmenschheit.

Der Zar sei unserem Volk der Vater und das Volk verhalte sich wie ein Kind zu ihm. „Hierin liegt eine überaus tiefe, ursprüngliche Idee ... Der Zar ist für das Volk nicht eine äußere Kraft, nicht die Macht irgendeines Besiegers, sondern ist eine allvolkliche, allvereinende Kraft, die das Volk selbst begehrt, die es in seinem Herzen großgezogen, für die es gezittert hat; denn nur von ihr allein erwartete es seinen Auszug aus Ägypten. Für das Volk ist der Zar die eigene Fleischwerdung, die Inkarnation seiner Idee, seiner Hoffnungen und seines Glaubens. Das Verhältnis des russischen Volkes zu seinem Zaren ist der ureigenste Zug, der unser Volk von allen anderen Völkern Europas und der ganzen Welt unterscheidet ... Diese Idee enthält eine so große Kraft, daß sie natürlich unsere ganze weitere geschichtliche Entwicklung beeinflussen wird ... Ja, genau genommen haben wir in Rußland überhaupt keine andere Kraft, die uns erhält und leitet, als diese organische lebendige Verbindung des Volkes mit seinem Zaren, und aus ihr allein entsteht bei uns alles.“

Wie soll man nun die Behauptung Dostojewskis: „das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit, außer ihr hat es nichts und braucht es auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles“, mit dieser neuen Behauptung: „das russische Volk ruht ganz in der Autokratie, die ist alles, was es hat, doch mehr braucht es auch nicht, denn die Autokratie ist alles“, vereinigen? Entweder heben sich diese Behauptungen gegenseitig auf, oder sie verbinden sich zu einer dritten: Autokratie und Rechtgläubigkeit sind in ihrem letzten Wesen ein und dasselbe. Die Autokratie ist der Leib und die Rechtgläubigkeit ist die Seele. Die Autokratie ist ebenso eine absolute, ewige, göttliche Wahrheit, wie die Rechtgläubigkeit. Und ebendies ist jenes „neue Wort“, das das russische „Gottträger-Volk“ der Welt zu sagen berufen ist.

Die Autokratie wie die Orthodoxie hat Rußland von Byzanz geerbt, vom zweiten christlichen Rom, das sie seinerseits vom ersten, dem heidnischen Rom, geerbt hatte. Auch im Heidentum war die Idee der Autokratie in ihrer letzten Tiefe keine bloß politische, sondern zugleich eine religiöse Idee. Die unumschränkte Macht des römischen Kaisers über das Imperium, die Macht eines Menschen über die ganze Menschheit, schien eine göttliche Macht, und der Mensch, der diese Macht besaß, schien kein Mensch sondern ein Gott zu sein, ein Erdengott, der dem Himmelsgott gleichkam. So ergab sich die Apotheose des römischen Kaisers: Divus Cäsar, göttlicher Cäsar, Cäsar-Gott, Mensch-Gott. Doch unter der Maske des Gottes verbarg sich das Gesicht des Tier-Nero, des Tiberius, des Caligula. Und in dem Augenblick, als auf dem strahlenden Gipfel des Imperiums in den Prunkgemächern der römischen Cäsaren der Mensch zum Gott wurde, da geschah es, daß zu Bethlehem in einer dunklen unterirdischen Höhle bei Hirten Gott zum Menschen ward – da ward Christus geboren. Nach Dostojewskis Worten geschah „der Zusammenstoß zweier denkbar entgegengesetzter Ideen, der entgegengesetztesten, die es überhaupt auf der Erde geben konnte: der Menschgott stieß auf den Gottmenschen, Apollo auf – Christus.“

Wodurch wurde dieser Zusammenstoß entschieden? Wer siegte? – Niemand. „Es ergab sich ein Kompromiß,“ antwortet Dostojewski. Ein „Kompromiß“, d. h. ein ungeheuerlicher Vertrag zwischen dem Gottmenschen und dem Tier-Gott. Solange die Autokratie noch heidnisch blieb, starben die christlichen Märtyrer lieber, als daß sie das Tier in der Person des Kaisers anbeteten. Als jedoch die Autokratie das „Christentum“ annahm, natürlich nur dem Namen nach, denn seinem Wesen nach kann die Herrschaft des Tieres nicht die Herrschaft Christi sein, da nahm die Kirche ihrerseits wiederum die Autokratie an, beugte sich vor dem römischen Cäsar und segnete das Tier mit dem Namen Christi. Dostojewski behauptet, dieses sei nur im Westen, im Katholizismus, geschehen, keineswegs aber im Osten, in der Orthodoxie. Doch diese Behauptung ist ein Irrtum oder ein Selbstbetrug Dostojewskis. Im Westen wie im Osten geschah ein und dasselbe, wenn auch in zwei entgegengesetzten Richtungen: im Westen verwandelte sich die Kirche in einen Staat, der Papst, der christliche Erzpriester, wurde zum römischen Cäsar; im Osten verwandelte sich der Staat in eine Kirche, die er verschlang, der russische Kaiser wurde zum christlichen Erzpriester, wurde das Kirchenoberhaupt, „der oberste Richter der Kirchenangelegenheiten“, nach den Worten Peters des Großen in dem Reglement des Heiligen Synod. Doch hier wie dort geschah die gleiche Verwechslung dessen, was des Kaisers ist, mit dem, was Gottes ist, nur mit dem Unterschiede, daß im Westen durch den – wenn auch mißlungenen – Versuch einer Theokratie, durch den Kampf der geistlichen Macht mit der weltlichen, der Päpste mit den Kaisern, die religiöse Idee des römischen Imperiums geschwächt wurde; während im Osten diese Idee, da sie auf keine Hindernisse stieß, sich entwickelte, auswuchs und schließlich ihre letzte universal-historische Vollendung in dem dritten Rom, in der russischen „orthodoxen Autokratie“ erreichte. Die alte heidnische Maske der Menschgottheit wurde durch die neue christliche Maske der Gottmenschheit ersetzt; doch das wahre Gesicht blieb dasselbe – die Fratze des Tieres. Und nirgendwo in der Welt ist die Herrschaft des Tieres so grausam, so gottlos und glaubenslästerlich gewesen wie gerade hier, in der russischen Autokratie.

Die rechtgläubige Kirche weiß selbst nicht, was sie tut, wenn sie die Nachfolger des römischen Tieres „Christen“, d. h. die „Gottgesalbten“, nennt. Sollte sie es aber einmal erfahren und sich dann doch nicht von der Autokratie lossagen, so könnte sie von sich dasselbe sagen, was der Großinquisitor Dostojewskis zu Christus von der römischen Kirche sagt.

„Wir sind nicht mit dir, sondern mit ihm (mit dem Teufel), das ist unser Geheimnis! ... Wir nahmen von ihm das, was du unwillig verschmähtest, jenes Letzte, das er dir anbot, als er dir alle Erdenreiche zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers.“

Womit sonst, wenn nicht mit dem Schwert des Kaisers, muß nun die orthodoxe Autokratie Konstantinopel erobern und das letzte dritte Rom gründen – „die Erde mit Blut überschwemmend“? Daß in der auswärtigen Politik das Angesicht der Autokratie das Gesicht des Tieres ist, daran zweifelte, wie’s scheint, selbst Dostojewski nicht. Nur glaubte er gleichzeitig, daß das Gesicht des Tieres in der inneren Politik, also das zu Rußland gewandte, das Angesicht Gottes werden würde. Er versichert, daß bei uns die allergrößte bürgerliche Freiheit sich ausbilden könne, und zwar „gerade auf diesem selben unerschütterlichen Boden (auf der Autokratie) wird sie sich aufbauen. Nicht durch ein geschriebenes Gesetz wird sie sich bilden, sondern einzig auf Grund der kindlichen Liebe des Volkes zum Zaren, als zu seinem Vater; denn Kindern kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Gesetzen leben, undenkbar ist; Kindern kann man so viel anvertrauen, wie es noch in keinem Staate erlebt worden ist, denn die Kinder werden ihren Vater nicht verraten.“ „Ja, zu unserem Volke kann man Zutrauen haben, denn es ist dessen würdig.“

Übrigens hat Dostojewski, wie es scheint, selbst gefühlt, daß etwas in diesen Gedanken über das Zutrauen des Zaren zum Volke nicht stimmte, etwas, das nicht so sehr jenem „unerschütterlichen Boden“ gleicht als jenem Abgrund, über dem der „Eherne Reiter“[2] mit seinem Zügelruck Rußland zum Aufbäumen gebracht hat.

„Ich bin der Diener des Zaren. Ich werde noch mehr sein Diener sein, wenn er wirklich glauben wollte, daß das Volk sich zu ihm wie ein Kind verhält. Woran mag es nur liegen, daß er, wie es doch scheint, noch immer nicht daran glaubt?“ schrieb er wenige Tage vor seinem Tode.

Warum glaubte er denn nicht daran, und wird er vielleicht niemals daran glauben? – das ist die Frage, die Dostojewski hätte beantworten müssen. Aber er kam nicht dazu, – er starb. Und kaum war er gestorben, da rollte auch schon der erste Donnerschlag der großen russischen Revolution durch die Welt. Ein Vierteljahrhundert zog das Gewitter herauf, doch erst jetzt, zur fünfundzwanzigjährigen Gedächtnisfeier Dostojewskis, beginnt es, sich zu entladen.


Alle Irrtümer Dostojewskis ergeben sich daraus, daß er die Widerstandskraft, die der Staat der Kirche entgegensetzt, überhaupt nicht beachtet. Diese Widerstandskraft kommt der ganzen Lebenskraft des Staates gleich: das Leben der Kirche – ist der Tod des Staates, das Leben des Staates – ist der Tod der Kirche.

„Glaubt mir, wir haben nicht nur einen absoluten Staat überhaupt noch nicht gesehen, sondern nicht einmal einen mehr oder weniger vollendeten. Alle blieben sie Embryos!“ Diese rätselhaften Worte, die Dostojewski kurz vor seinem Tode niederschrieb, weisen auf einen tiefen und verborgenen Gedankengang hin. Wenn es den einzelnen „Embryos“ bestimmt ist, sich zu einem einzigen zukünftigen „vollendeten und absoluten“ Staat zu entwickeln: ist dieser Staat dann nicht vielleicht das in der Apokalypse geweissagte „Große Babylon, die Mutter aller irdischen Greuel“ – jene universale Monarchie, die Pseudotheokratie, die Herrschaft als Kirche, mit der sogar Dostojewski zuweilen die wahre Theokratie, die Kirche als Herrschaft, verwechselt?

Dann aber, wenn dieser „absolute Staat“ historische Wirklichkeit wird, dann wird sich auch die „absolute Kirche“ verwirklichen, das absolute, religiöse Gemeinwesen, die geliebte Stadt. Und zwischen diesen zwei Herrschaften wird, wiederum hier auf Erden, zu Ende der universalen Geschichte, doch bis zum Ende der Welt, der letzte Kampf vor sich gehen.

„Der Antichrist wird kommen und sich auf die Anarchie stützen,“ sagt Dostojewski gleichfalls kurz vor seinem Tode. Das ist nicht ganz richtig. Der Antichrist wird kommen, wird aus der Anarchie hervorgehen, doch sich nicht auf die Anarchie, sondern auf die Monarchie stützen, nicht auf die Herrscherlosigkeit, sondern auf die Einherrschaft, die Selbstherrschaft. Der Antichrist wird der letzte und größte Selbstherrscher sein, der Namensusurpator Christi. Und in diesem Sinne sind alle historischen Selbstherrschaften, alle historischen Staaten nur kleine „Embryos“ des apokalyptischen Staates, der Selbstherrschaft des Antichrists.

Der Antichrist ist Usurpator, Pseudozar, denn der einzige wahre Zar ist – Christus. Im letzten Kampf des Staates mit der Kirche wird dann jener Kampf des Pseudozaren mit dem wahrhaften Zaren vor sich gehen, des Tieres mit dem Lamm, von dem gesagt ist: „Sie (die Selbstherrscher, die Diener des Antichrists) werden ihre Kraft und Macht dem Tiere geben. Sie werden Kampf führen mit dem Lamm, und das Lamm wird sie besiegen, denn Er ist der Herr der Herrschenden und der König der Könige.“

Entweder ist das theokratische Bewußtsein noch nicht geboren, und dann ist das „Also geschehe es!“ des Mönches Sossima und Dostojewskis vergeblich; denn es wird nur das sein, was gewesen ist – endlose Verwechslung der Kirche mit dem Staate. Oder dieses Bewußtsein ist schon geboren, und dann beginnt in ihm der letzte Kampf des Lammes mit dem Tier. Und die Spitze des Schwertes Christi, das zu diesem Kampfe erhoben ist, ist das erste prophetische Wort der großen russischen religiösen Revolution, das Wort, das nicht umsonst gerade von uns, den Schülern Dostojewskis, ausgeht: Selbstherrschaft ist vom Antichrist.

Wie konnte Dostojewski dieses Wort nicht aussprechen, wie konnte er seine größte Wahrheit unter dem größten Irrtum verbergen, seine religiöse Revolution unter politischer Reaktion, das Antlitz des heiligen Eiferers, des alten Sossima, unter der Maske des verfluchten Vergewaltigers, des Großinquisitors? Wie konnte er die Selbstherrschaft, die Herrschaft des Teufels, für die Herrschaft Gottes halten?

„Der Staat verwandelt sich in Kirche“ – und „das ist die große Bestimmung der Rechtgläubigkeit“, so führt der Bruder Païssij die apokalyptische Verheißung – „Also geschehe es!“ – seines Lehrers zu historischer Realität.

Dies ist der große Irrtum Dostojewskis, die Quelle der unüberwindlichen Furcht, die ihn veranlaßte, sein neues Gesicht unter alter Maske zu verbergen, seinen neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Er glaubte oder wollte glauben, seine Religion sei Orthodoxie. Doch seine wahre Religion war, wenn auch noch nicht im Bewußtsein, so doch in den tiefsten unbewußten Erlebnissen, keineswegs Orthodoxie, und auch nicht das historische Christentum, ja, war nicht einmal Christentum überhaupt, sondern das, was nach dem Christentum sein wird, nach dem Neuen Testament – war Apokalypse, das nahende Dritte Testament, die Offenbarung der dritten Person der Dreieinigkeit Gottes, war die Religion des Heiligen Geistes.

Das Christentum ist die Offenbarung der einzigen gottmenschlichen Persönlichkeit; dies ist der Grund, warum die wahrhafte christliche Heiligkeit eine vorzugsweise persönliche, innerliche, einsame, nicht gemeinsame Heiligkeit ist; und dies ist auch der Grund, warum alle Versuche, die Gemeinsamkeit in das Christentum einzuschließen, so fruchtlos geblieben sind, denn die Gemeinsamkeit ist die Basis der Vielheit und ihrem Wesen nach, wenn auch nicht ein Widerspruch, so doch das Entgegengesetzte der Grundlage der Einheit, der Grundlage der Persönlichkeit. Nicht in das Christentum, sondern nur in die Religion der Dreieinigkeit, aller drei – der göttlichen Vielheit, die sich in der göttlichen Einheit offenbart – schließt sich auch die menschliche Vielheit, die Gesamtheit der Persönlichkeiten ein: die heilige Gemeinsamkeit. Nur in die Religion der heiligen Erde schließt sich natürlicherweise auch die universale Vereinigung und Einrichtung der Menschen auf Erden ein – in die Kirche als Staat. Im Christentum ist die Kirche ein himmlisches Reich – ein erdenloses, geistiges, körperloses. In der Religion des Heiligen Geistes ist die Kirche das himmlisch-irdische, geistig-körperhafte Reich, nicht nur unsichtbar mystisch, sondern auch sichtbar, historisch-real. Das ist – die Erfüllung des Dritten Testaments, die Inkarnation der Dritten Person, der Dreieinigkeit Gottes. Denn ganz wie die Erste Person der Dreieinigkeit, Gott-Vater, sich in der Naturwelt inkarniert, in der vormenschlichen, – im Kosmos, und die Zweite, die des Sohnes – im Gottmenschen, so wird sich die Dritte Person der Dreieinigkeit, der Heilige Geist, – in der Gottmenschheit, in der Theokratie inkarnieren.

Das ist es, was für uns jene Prophezeiung Dostojewskis bedeutet: „Die Kirche ist in Wahrheit das Reich, und ihr ist bestimmt, zu herrschen, und zum Schluß wird sie kommen müssen als Reich der ganzen Erde.“

Dies ist das Antlitz und derart war seine Maske; das Antlitz ist der Maske entgegengesetzt. Die Maske ist: Orthodoxie, Autokratie, Nationalität; das Antlitz ist: Überwindung der Nationalität in der Allmenschlichkeit, Überwindung der Autokratie in der Theokratie, Überwindung der Orthodoxie in der Religion des Heiligen Geistes.

Zuweilen scheint es, daß derselbe Widerspruch zwischen Gesicht und Maske, wie bei Dostojewski, auch in ganz Rußland existiert, und daß die russische Revolution nichts anderes ist als das Abreißen der Maske vom Gesicht. Von diesem unaufgedeckten Gesichte, von dieser ungeborenen Idee spricht Dostojewski, wenn er sagt:

„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären.“

Dmitri Mereschkowski.

Vorwort

Dostojewski hat bereits sehr früh Politisches geschrieben. Schon das Jahr 1861, das zweite nach seiner Rückkehr aus Sibirien, findet ihn in publizistischer Tätigkeit: er gab damals zusammen mit seinem Bruder Michail „Die Zeit“ heraus; und als diese von der Zensur infolge eines Mißverständnisses unterdrückt wurde, „Die Epoche“. Doch politisch bedeutend sind seine Leistungen erst später geworden. Und seine letzten kritischen Schriften schließen sein Lebenswerk wie ein intellektueller Rechenschaftsbericht ab.

Für eine deutsche Ausgabe seiner politischen Schriften kamen daher nur diese letzteren in Frage: 1. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1873“; 2. „Politische Artikel: Ausländische Begebenheiten aus den Jahren 1873 und 1874“; 3. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1876“; 4. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ (mit einem Schlußteil vom Januar 1881, den er kurz vor seinem Tode, am 28. Januar 1881, geschrieben). Auch zwischen ihnen mußte noch geschieden werden. Die weit über tausendseitige Masse dieser Tagebücher, die Dostojewski in der zweiten Hälfte seines Lebens zusammengetragen hat, einfach abzudrucken, ging nicht an. Dostojewski hat nie nach einem bestimmten Plane kritisch gearbeitet; er hat immer nur an sehr aktuellen Ereignissen seine Ideen entwickelt; tagebuchartig trug er seinen Lesern seine Meinungen vor; als der bedeutende russische Mensch, der er war, nahm er Stellung zu den Tagesfragen, wie sie gerade auftauchten. Diese unsystematische, rein menschliche Art seiner kritischen Tätigkeit brachte von selbst mit sich, daß er sich, sobald er auf verwandte Fragen stieß, oft wiederholen mußte. Diejenigen Stücke, die solche Wiederholungen brachten, galt es daher auszusondern und im übrigen alle diejenigen zusammenzustellen, in denen Dostojewski selbst seine Ideen am reinsten herausgearbeitet hat.

Vor allem war eine Teilung in „Politische Schriften“ und „Literarische Schriften“ notwendig, wobei der Begriff „Literarischer Schriften“ im weitesten Sinne des Wortes genommen ist. Die Teilung war nicht ganz einfach, da Dostojewski, eben infolge seiner Abhängigkeit vom zufälligen Stoff, nicht nur ständig vom Literarischen aufs Politische und vom Politischen wieder aufs Literarische überspringt, sondern zwischendurch auch noch alle möglichen religiösen oder ethischen oder volkspsychologischen Fragen behandelt, bei denen es durchaus zweifelhaft sein kann, welcher von den beiden großen Gruppen die betreffenden Stücke angehören; finden sich doch sogar Novellen, die letzten, die er geschrieben hat, in die Tagebücher aufgenommen. Doch ließ sich die angegebene Teilung schließlich durchführen; nur einzelnes, so vor allem die Novellen, wurde anderen Bänden der Ausgabe zugewiesen. Immerhin schließt die Teilung, so wie sie geschehen ist, nicht aus, daß der Kenner des russischen Originals in den „Politischen Schriften“ vielleicht das eine oder andere vermissen wird, was er dann in den „Literarischen Schriften“ findet. Eine eindeutige Scheidung vorzunehmen, erlaubte das vorhandene Material nicht; und das einzige, was erreicht werden konnte, war eine gewisse Geschlossenheit in der Gesamtwirkung jedes einzelnen Bandes.

Für den Band „Politische Schriften“ wurden herangezogen: 1. „Politische Artikel: Ausländische Begebenheiten aus den Jahren 1873 und 1874“; 2. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1876“ und 3. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ mit dem Schlußteil vom Januar 1881. Um dem deutschen Leser, der heute nicht mehr, wie einst der russische, eine Zeitchronik lesen, sondern Dostojewskis Gesamtanschauung kennen lernen will, dieses Material übersichtlich darzubieten, wurde es noch einmal abgeteilt, und zwar nach den sachlichen Gesichtspunkten a) Westeuropäisches; b) Russisches; c) Balkan und Orient; d) Asien. Aus dem gleichen Grunde größerer Übersichtlichkeit wurde es hin und wieder nötig, Untertitel anzubringen, die sich bei Dostojewski nicht finden. Es sind das die ganz allgemein gehaltenen: Republik oder Monarchie; Parteimenschen; Frankreich und Deutschland; Frankreich und die Kultur; Deutschland und Rom; Frankreich, die Republik und der Sozialismus; Katholizismus und Sozialismus; Bismarck; Papstwahl; Ausblicke; Französische Republikaner; Französische Reaktionäre; Vorbemerkungen; Unser Verhältnis zum Orient.

Die Aufsatzreihe „Gedanken über Europa“ ist Aufsätzen Dostojewskis aus den Jahren 1873/74 und 1876 entnommen.

Die Aufsätze „Russische Finanzen“, „Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten“ und „Die Asiatische Frage“ stammen aus dem Jahre 1881.

Der gesamte Rest der Aufsätze, also fast der ganze Band „Politische Schriften“, stammt aus den Jahren 1876 und 1877.

E. K. R.

Erster Teil.
Westeuropäisches

Gedanken über Europa

Republik oder Monarchie

In Frankreich erleben wir heute[3] den Kampf zwischen Republik und Monarchie.

Die republikanische Partei hat zwar die meisten Anhänger, doch trotzdem glaube ich, daß das Ende der französischen Republik herannaht. Denn was ist schließlich solch eine Republik wie die eines Thiers? Das ist doch etwas durchaus Negatives. Thiers hat ja selbst von seiner Republik gesagt, daß sie eigentlich nur notwendig sei, weil keine einzige der anderen Regierungsformen, die die gegnerischen Parteien einführen wollen, in Frankreich zurzeit möglich wäre. Solch ein negativer Vorzug kann aber das müde Frankreich, das um jeden Preis Ordnung und eine sie erhaltende Kraft haben will und haben muß, unmöglich befriedigen – um so weniger als diese negative und, wie Thiers sagt, einzig mögliche Regierungsform im gegenwärtigen Frankreich die anderen Parteien keineswegs beseitigt, sondern sie durch ihre Negativität nur anspornt; denn jede der anderen Parteien ist überzeugt, daß sie etwas Positives bringen könnte. Die Republik so bezeichnen, wie es Thiers tut, heißt selbst an sie nicht glauben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum alle Franzosen ihre Republik unwillkürlich als etwas Vorübergehendes, fast als ein mehr oder weniger unvermeidliches Übel betrachten. Solch eine schiefe Stellung ist auf die Dauer unerträglich, und so wird sich die Republik in Frankreich wohl nicht sehr lange halten können.

Wie steht es aber mit der rechtmäßigen Monarchie?

Nun, stellen wir uns vor, daß der Graf von Chambord[4] den Thron schon bestiegen hat, daß die Partei der Republikaner schon aufgelöst worden ist, daß das Land sich allmählich beruhigt, wenigstens dem Anscheine nach, und alles schließlich in Ruhe seinen Verlauf nimmt. – Versichern doch viele Legitimisten, daß der Graf von Chambord den Franzosen „mindestens 18 Jahre Frieden und Ruhe“ geben würde; schön, wir glauben ihnen gern, – wenn auch nicht gerade, daß es „mindestens“ 18 Jahre sein würden –. Die Frage aber: was dann? bleibt nichtsdestoweniger bestehen. Wodurch wird das Schicksal Frankreichs entschieden, selbst wenn der Graf sich längere Zeit auf dem Throne behauptet? Wodurch werden Europa und die Welt beruhigt?

Louis Veuillot[5] sagt: „Die ganze Kraft des Prätendenten besteht in der unbedingten Aufrechterhaltung seiner Prinzipien; denn nur, wenn er diese nicht um ein Atom verändert, behält er die Möglichkeit, Frankreich zu retten und zu beruhigen.“ Ja, aber was wird denn der neue König tun, um Frankreich zu „retten“? Und was bedeutet eigentlich das Wort „Möglichkeit“ in diesem Falle?

Das Wesen der Prinzipien des Grafen besteht erstens und hauptsächlich darin, daß seine Macht eine – rechtmäßige Macht ist; zweitens, ... ja, was dann folgt, ist so phantastisch, daß man nicht begreift, wie es so ideale Dinge in der Wirklichkeit überhaupt geben kann. Das heißt, wenn die Triebfedern, die jetzt die ganze legitimistische Partei veranlassen, die Monarchie zu proklamieren, auch äußerst verständlich und nichts weniger als ideal sind, so sind doch der Graf von Chambord und alle, die ebenso denken wie er – es gibt ja auch solche unter seinen Anhängern –, vollkommen phantastische Erscheinungen. Die Hauptsache ist aber nicht, daß der König von der Rechtmäßigkeit seiner Macht überzeugt ist, sondern, daß alle Franzosen gleichfalls an die Rechtmäßigkeit seiner Macht glauben; das aber ist doch in Frankreich ganz unmöglich. Sollte dies dennoch einmal geschehen, so würde ja Frankreich nichts mehr zu wünschen übrigbleiben: es würde dann wieder stark und zum erstenmal in unserem Jahrhundert wirklich zu einem Ganzen vereinigt, es würde frei und glücklich sein.

Napoleon III. war während seiner ganzen Regierungszeit gezwungen, alle seine Kräfte zur Befestigung seiner Dynastie zu verwenden. Wäre er von dieser verhängnisvollen Sorge befreit gewesen, so würde er vielleicht noch heute Kaiser sein, und Frankreich hätte vielleicht kein Sedan erlebt. So jedoch mußte er vieles unternehmen, was Frankreich unmöglich zum Vorteil gereichen konnte. Die Franzosen aber begriffen das sehr bald, und zwar sehr gut. Wenigstens liegt hier der Grund, warum sie sich während der ganzen Regierungszeit Napoleons III. trotz des Glanzes ihrer damaligen Macht und ihres großen Ruhmes in einer zweideutigen, unhaltbaren Lage fühlten. Wenn sogar der Kaiser nicht an die Sicherheit seiner Macht glaubte, um wieviel weniger konnte das dann das Volk tun! Sollte aber jetzt das Wunder geschehen, daß schließlich alle an die Rechtmäßigkeit der Macht des Grafen von Chambord glauben, dann – ja dann wäre doch alles erreicht. Weiß der König, daß sein Volk an ihn glaubt, so muß auch er an sein Volk glauben. Erst wenn er keine Verschwörungen oder sonst irgendwelche Anschläge gegen sich zu fürchten braucht, kann er seinem Volke die größten Freiheiten geben, sagen wir: Preßfreiheit, Freiheiten in der inneren Verwaltung und überhaupt im ganzen staatlichen und bürgerlichen Leben, kann, wenn er will, sogar den Kommunismus einführen, ... wenn diese Neuerungen nur nicht dem Ganzen schaden. Aber solch ein allgemeines Einverständnis ist doch ein unrealisierbares Ideal. Man denke doch nur an das in Frankreich eingewurzelte Vorurteil gegen die alte Monarchie, an die hundertjährige Entwöhnung der Franzosen von derselben und die schon hundertjährigen ganz neuen Gewohnheiten, an die fünf oder sechs Generationen, die seit dem Sturze der alten Monarchie aufgewachsen sind, – und schließlich an das Volk, an den Pöbel, der die alte Monarchie gänzlich vergessen hat, sich von ihr überhaupt keine genaue Vorstellung machen kann und heutzutage bestimmt nicht begreift, warum er sich einem Grafen von Chambord unterwerfen soll. Der Graf sagt, er könne sich nicht als König bloß einer Partei denken; das bedeutet, daß er von allen gewählt sein will. Darin aber besteht ja die ganze Phantastik seiner Auffassung Frankreichs, daß er, wie es scheint, von der Möglichkeit solch einer Wahl vollkommen überzeugt ist. „Ohne die Zustimmung aller Franzosen und ohne die rechtmäßige Macht des Königs kann Frankreich nicht glücklich werden,“ sagen die Legitimisten. Schön; – wie aber diese allgemeine Zustimmung erreichen? – wie diese hundert Jahre überspringen? Das ist doch eine Illusion, die sie sich da machen! Ich wiederhole: alle diese Monarchisten, die um jeden Preis die Monarchie proklamieren wollen, sind durchaus verständlich, doch der Graf von Chambord, der ernstlich glaubt, daß ihn alle wählen könnten, und daß er nicht ein König bloß seiner Partei sein würde, – dieser Graf von Chambord kommt einem denn doch, gelinde gesagt, etwas wunderlich vor.

Diejenigen Legitimisten, denen es nicht ausschließlich darum zu tun ist, daß ein König den Thron einnimmt – der legitime Klerus hat natürlich seine eigenen, besonderen Ziele im Auge –, die, meine ich, müssen doch irgendeinen vernünftigen Plan haben; denn sie können doch schließlich nicht auch an die allgemeine Zustimmung, die plötzlich fertig vom Himmel fallen soll, glauben? Was kann aber das für ein Plan sein? Es wird doch nicht genügen, nach Paris zu kommen, sich auf den Thron zu setzen, den Mac-Mahons gehorsame Bajonette umringen würden, und König zu sein. Man wird doch auch etwas tun müssen. Man wird irgendeine neue Idee bringen, ein neues Wort sagen müssen, doch eines, das wirklich die Kraft hat, mit dem bösen Geiste der Uneinigkeiten des ganzen Jahrhunderts, mit der Anarchie und den zwecklosen Revolutionen, den Kampf aufzunehmen. Nicht zu vergessen, daß dieser böse Geist einen leidenschaftlichen Glauben in sich trägt – also wirkt er nicht durch Lähmung der Verneinung, sondern durch die Verführung der positivsten Versprechungen: er trägt den neuen antichristlichen Glauben in sich, also neue moralische Grundsätze für die menschliche Gesellschaft. Er versichert, daß er fähig sei, die ganze Welt von neuem aufzubauen, alle gleich und glücklich zu machen und endgültig den ewigen babylonischen Turm zu vollenden. Diesem Glauben gehören Menschen der höchsten Intelligenz an, sowie alle Geringen und Verwaisten, alle Mühseligen und Beladenen, die da müde geworden, das Reich Christi zu erwarten, alle der Erdengüter Beraubten, alle Besitzlosen – und in Frankreich gibt es derer schon Millionen! Und diese drohenden Scharen stehen bereits vor der Tür! Also muß doch der Graf von Chambord etwas sagen und tun; denn sonst – warum kommt er denn überhaupt? – Was aber wird nach seiner Krönung in Wirklichkeit geschehen? Am wahrscheinlichsten ist, daß sich der Faubourg St. Germain wieder bevölkern wird, daß die Priester sich bereichern und Vicomtes und Marquis wieder große Rollen spielen werden, daß viele neue Moden aufkommen, und mit ihnen eine Unmenge neuer Bonmots entstehen; daß man in der Hofetikette etwas Besonderes einführt, das dann sofort eiligst an allen anderen europäischen Höfen nachgeahmt wird; daß man sich etwas Neues für die Bälle und Balletts ausdenkt, daß neue Horsd’oeuvres und Konfitüren berühmt werden. Hinzu kommt dann vielleicht noch, daß in der Kammer, der vielleicht eine kleine Macht zugestanden wird, von einer Seite Doktrinäre, von der anderen die kleinen Helden der Linken sich erheben werden, und die Linke in ihrer ungereimten Lage dann doch noch dümmer sein wird als die Rechte. Darauf wird dann langsam eine dumpfe, unbestimmte Unzufriedenheit im Volke aufsteigen. Der böse Geist, der zunächst noch sehr jung ist, wird wachsen und wachsen und immer drohender werden. Und dann, an einem wundervollen Morgen, wird der König irgendeinen Befehl erlassen: – Paris braust auf! Das Militär greift zu den Waffen und – der böse Geist klopft mit starker Hand an die Tür ...

Nein, bestimmt gibt es unter den Legitimisten auch schon Männer, und zu ihnen gehört sicherlich auch der Graf von Chambord – natürlich, der unbedingt, – die da ganz anders vorzugehen gedenken, Männer, deren Absichten viel tiefer und edler sind. Sie brennen geradezu darauf, mit dem bösen Geist den Kampf aufzunehmen und ihn zu besiegen. Das ist ihr Ziel, nur zu diesem Zweck tun sie alles, was sie tun. Doch Wunsch und Tat sind zwei verschiedene Dinge. Nur fragt es sich: womit den Kampf mit dem neuen, auflösenden Element beginnen? Mit klerikaler Gewalt und Arglist ist dabei nichts mehr zu erreichen. Die Antwort kann natürlich nur lauten: „Der erste Schritt zum Ziel – das ist die Wiederherstellung der Weltmacht des Papstes.“

Oh, umsonst werden die aufgeklärten Legitimisten diese Idee ableugnen! Umsonst wird der Graf versichern, so wie er bis jetzt versichert hat, daß er des Papstes wegen keinen Krieg beginnen wird, daß er mit seiner Regierung nicht zugleich das Gouvernement der Patres bringen will. Nun – diesen Weg einzuschlagen, werden sie nicht verfehlen können! Auf den wird man sie gar bald gezogen haben! Manche Beobachter erraten denn auch schon, daß diese ganze legitimistische Bewegung, die so plötzlich und mit solch einer Anspannung aller Kräfte in Frankreich ausgebrochen ist, vielleicht nichts anderes ist als eine klerikale Machenschaft, und daß die Losung dazu in Rom gegeben und das Ziel des Ganzen – die Wiederherstellung der Papstmacht ist. Die Klerikalen haben sich natürlich weder Chambord noch die Legitimisten ausgedacht, dafür aber haben sie sich – ihrer bemächtigt. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß es sich so verhält. Die römische Bewegung hat im letzten halben Jahre ganz Europa durchzogen. Zwei Prätendenten im äußersten Westen, der Graf von Chambord und Don Carlos; die römisch-katholische Agitation in Deutschland, die die Katholiken des Reiches mit gerechtem Unwillen gegen das neue Kirchengesetz erfüllte; die Versuche, in Frankreich, Deutschland und der Schweiz dem Volke mit einer neuen Erfindung – der Veranstaltung von Volksgottesdiensten – näherzutreten; einige bis jetzt unerhörte demokratische Ausfälle und Aufrufe der katholischen höheren Geistlichkeit in Deutschland: all das bringt auf den Gedanken von einer großen, überall gleichzeitig eingeleiteten Agitation des Klerus zugunsten des unfehlbaren, doch besitzlosen Papstes. Diese ganze klerikale Bewegung ist dadurch bedeutungsvoll, daß sie vielleicht der letzte Versuch des römischen Katholizismus sein wird, noch einmal, zum letzten Male, die Könige und Großen dieser Welt um Hilfe anzugehen. Seine Hoffnungen werden aber nicht in Erfüllung gehen, und Rom wird zum ersten Male in 1500 Jahren sich sagen, daß nun die Zeit gekommen ist, da es mit den Großen dieser Welt brechen und die Hoffnung auf die Könige fallen lassen muß! Man glaube mir – Rom wird es von da ab verstehen, sich ans Volk zu wenden, an dieses selbe Volk, das die römische Kirche bis dahin immer nur hochmütig von sich gestoßen und dem sie sogar das Evangelium Christi vorenthalten hat, indem sie verbot, es zu übersetzen. Der Papst wird es verstehen, barfuß zum Volk zu kommen mit seiner Armee von zwanzigtausend Jesuitenkämpfern, diesen alterfahrenen Seelenjägern. Werden Karl Marx und Bakunin diesem Heer standhalten können? Wohl kaum! Der Katholizismus versteht es zu gut, wenn es nötig ist, nachzugeben und alles zu versöhnen. Was kostet es ihn, das dunkle und arme Volk zu überzeugen, daß der Kommunismus dieses selbe Christentum sei, und daß Christus überhaupt nur von ihm gesprochen habe! Es gibt ja selbst jetzt schon kluge und geistreiche Sozialisten, die überzeugt sind, daß dieses wie jenes – ein und dasselbe sei, und die im Ernst den Antichrist für Christus nehmen.

Heinrich V. wird schon allein deswegen den Krieg für den Papst nicht vermeiden können, weil die nächsten Jahre vielleicht die einzige Zeit sind, da ein Krieg für den Papst noch populär sein kann und das Volk sich zu ihm noch sympathisch verhalten wird. Wäre Heinrich V. fähig, in einem Kriege mit Deutschland die Milliarden und die Erniedrigung zu rächen und ihm Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, so würde er sich dadurch zweifellos den Thron auf Lebenszeit sichern. Wollte er aber, wenn er König geworden, Deutschland ohne weiteres den Krieg erklären – so würde ihm doch kein einziger folgen, ja man würde ihn den Krieg einfach nicht erklären lassen: das wäre den Franzosen denn doch zu unheimlich und ein viel zu großes Wagnis! Der Papst jedoch, der von Deutschland Verfolgte, würde in kurzer Zeit Sympathie für die Idee zu gewinnen verstehen. Wer aber ist jetzt sonst der Gegner des „Unfehlbaren“, wenn nicht Deutschland? Die Wiederherstellung der Macht des Papstes hält Deutschland für die schwerste Zukunftsdrohung und wird deshalb mit allem Nachdruck für Italien einstehen. Allmählich geht es dann von den Unterhandlungen zur Spannung über, und von der Spannung zur Tat und – das Papstproblem wird, im Falle der Thronbesteigung des Grafen von Chambord, seine Lösung in dem großen und unfreiwilligen Kriege zwischen Frankreich und Deutschland ganz von selbst finden. Unmittelbar für das Elsaß gehen die Franzosen nicht in den Krieg; aber so nach und nach, ohne es eigentlich zu wollen, werden sie sich, wenn sie einmal für den Papst eintreten, gutmütig, wie sie nun einmal sind, hineinziehen lassen, und es ist möglich, daß der Krieg dann sogar populär wird. Nein, solch eine Gelegenheit wird der Graf von Chambord nicht unbenutzt vorübergehen lassen können.

Nun, nehmen wir selbst an, daß er als Sieger aus dem Kampf hervorgeht, daß Frankreich sich wieder mit Ruhm bedeckt, die Provinzen zurückerobert, und daß dann der Papst womöglich nach Paris zur Grundsteinlegung irgendeines Domes fährt, worum man ihn schon kürzlich gebeten hat. Was dann aber weiter geschieht? Nicht das ist wichtig, daß Heinrich V. nach seiner Heldentat vielleicht glücklich seinen Thron bis zu seinem Lebensende behält. Wichtig ist vielmehr einzig die Frage, ob sich mit dem Grafen von Chambord die rechtmäßige Monarchie als solche in Frankreich unangefochten für die nächsten Jahrhunderte festsetzen kann, und was sie dem Lande geben wird? Welch ein Glück? Ob sie es beruhigen wird? und den bösen Geist, der so nahe an der Tür steht, auf ewig vertreiben kann?

Was will es besagen, daß der Papst nach Paris kommt und der römische Katholizismus wieder mit neuem, noch nie geschautem Glanze die Herrschaft ergreift! Kann denn etwa der Papst, der triumphierende und „unfehlbare“ und nicht der „barfüßige“, den bösen Geist verjagen? Können das etwa seine Jesuiten, die so geschäftigen „Geistlichen“ mit ihrem status in statu, diese geriebenen, schamlosen, abgefeimten? Nein, der böse Geist ist stärker und reiner als sie! Nicht mit diesem Heer kann der Graf von Chambord sein neues Wort sagen. Wenn aber nicht mit diesem, – mit welchem dann? Unwillkürlich glaubt man ja jetzt, daß der Graf tatsächlich ein höheres Wesen sei, so ein gebotener König mit dem reinsten Herzen. Und sicherlich wird er in der Verzückung seiner Seele begreifen, daß sein ganzes neues Wort – gerade dieser Kampf für Christus mit dem furchtbaren emporsteigenden Antichrist ist, daß man Frankreich retten muß, indem man seine Klugen, seine Denker zu Gott bekehrt und in die Herzen der Millionen „Ungetaufter“ das Heil Christi gießt und sie zum erstenmal mit seiner Lichtgestalt bekannt macht. Wodurch könnte denn sonst der neue „allerchristlichste“ König sein Frankreich retten? Er sagt doch selbst, daß er es retten will, und er glaubt doch an den Erfolg. Er weiß doch, daß die erste der Schlachten zwischen der zukünftigen neuen Gesellschaft und der alten Ordnung der Dinge auf Frankreichs Boden stattzufinden hat. Er weiß aber auch, daß gerade davor die ganze französische Gesellschaft zittert, alle Reichen und mit Erdengütern Beschenkten, daß sie gerade deswegen so nach einer starken Regierung verlangen und suchen, wo die Kraft ist, die sie nicht finden können; daß sie einzig zur Abwehr dieses neuen emporsteigenden Feindes auch Napoleon III. auf den Thron haben steigen lassen; und daß sie, wenn sie sich jetzt für den Grafen von Chambord entscheiden, es nur in der Hoffnung tun, daß er vielleicht irgendeine neue Kraft mit sich bringen wird, die sie beschützen kann? Ist dem aber so, wo soll er dann die Menschen zu diesem furchtbaren Kampf hernehmen? Ist er auch selbst schon so weit und so reif, um ihn zu verstehen? Trotz seines guten Herzens – bestimmt nicht. Wie soll er obendrein vor solch einer schrecklichen Armut der Mittel, mit denen er handeln könnte, nicht zurückschrecken? Schrickt er aber nicht zurück, – wie soll man ihn dann in solch einem Falle nicht entweder für einen beschränkten, unwissenden Menschen halten oder aber für einen, der nicht weit vom Irrsinn entfernt ist? Wo bleibt nun die Antwort auf meine Frage? Zu guter Letzt also, wodurch, mit welchen Kräften kann denn der Legitimismus Frankreich retten und heilen? Da wäre doch selbst ein Prophet Gottes zu wenig, nicht nur ein Graf von Chambord! Und sogar der Prophet würde gesteinigt werden! Der neue Geist kommt, die neue Gesellschaft wird zweifellos triumphieren – als das einzige, das eine neue, positive Idee bringt, als der einzige, ganz Europa vorherbestimmte Ausweg, als das einzige Heil. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Die Welt wird erst nach ihrer Heimsuchung durch den bösen Geist gerettet werden. Der böse Geist aber ist nah. Unsere Kinder vielleicht werden ihn schauen ...

Im übrigen habe ich nur sagen wollen, daß der Legitimismus für Frankreich nicht nur jetzt unmöglich, sondern überhaupt nicht nötig ist: niemals nötig war, noch in der Zukunft sein wird; denn er hat die geringsten Mittel, es zu retten.

Aber in Frankreich heißt es jetzt nun einmal: entweder Monarchie oder Republik, eine andere Regierungsform ist unmöglich. Mir jedoch will es scheinen, daß man auch der Republik in Frankreich müde und überdrüssig ist. Diese meine Worte zu rechtfertigen, damit man sie nicht etwa für ein Wortspiel oder eine absichtliche Leichtfertigkeit halte, werde ich in anderem Zusammenhange einmal versuchen.

Parteimenschen

Vor einem Monat hat in Versailles, im Trianon, der Prozeß des Marschalls Bazaine begonnen. Der Marschall ist des Verrates angeklagt. – Aber: des Verrats an wem? Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Frage. Sie ist in Anbetracht der gegenwärtigen französischen Lage nicht uninteressant.

Zur Zeit der Regierung Napoleons III. zählte der Marschall Bazaine zu den fähigsten Generälen der kaiserlichen Armee. Als man vor jetzt anderthalb Jahren zuerst davon sprach, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt werden würde, rief ein Marschall, einer seiner Kameraden, aus: „Wie? Einer der ehrlichsten Soldaten! Schade! Il était pourtant le moins incapable de nous tous!“ Dieser „am wenigsten unfähige“ Marschall hatte also das Kommando über die größere Hälfte der Armee in diesem unheimlichen Kriege mit Preußen erhalten. Einen Generalfeldmarschall hatten die Franzosen nicht; der Kaiser selbst nannte sich nicht einmal so, sondern begnügte sich damit, in den Gang der Ereignisse oftmals störend einzugreifen – doch das war schließlich noch nicht das schlimmste! Alle diese alten Generäle wie Canrobert, Niel, Bourbaki, Frossard, Ladmirault usw., die als Bazaines Zeugen vor Gericht geladen sind, äußern sich über ihn mit großer Hochachtung. Für ihre Aussagen interessiert sich das Auditorium am meisten. Hauptsächlich zeugen sie von der außergewöhnlichen Tapferkeit Bazaines – zum Beispiel in der Schlacht bei St. Privat, wo er persönlich, ungeachtet seiner Stellung als Schlachtführer, sich in erster Reihe unter die Kämpfenden gemischt hatte – „obgleich er die Bedeutung dieser Schlacht nicht begriff,“ fügte einer von den Marschällen hinzu. Ob er sie nun begriff oder nicht begriff: jedenfalls kam es in dieser Schlacht dazu, daß aus Mangel an Patronen die Soldaten aus ihren modernen Chassepots nur alle zwei Minuten eine Kugel abschießen konnten und der Hauptteil der Armee in den Kampf eintrat, ohne seit vierundzwanzig Stunden etwas gegessen zu haben. Aber nicht darin bestand das Unglück, obgleich, wie bekannt, die schlechte und ordnungslose Versorgung der französischen Armee mit Lebensmitteln und Gewehren ganz Europa in Erstaunen setzte. Der Kaiser versäumte, zur rechten Zeit mit seinem ihm nach schweren Schicksalsschlägen noch verbliebenen Heer nach Paris zurückzukehren, was für ihn die einzige Rettung gewesen wäre, die beste Ausflucht aus seinem damaligen Unglück. Aber mit ihm geschah das, was ich vorhin schon erwähnte, als ich von den charakteristischen und verhängnisvollen Zügen seiner Regierung sprach, daß er um der Befestigung und Verwurzelung seiner Dynastie willen gezwungen war, während der ganzen Zeit seiner Herrschaft ununterbrochen eine Menge Dinge zu unternehmen, die immer zum Unglück Frankreichs und nie zu seinem Glück ausfielen. Auf diese Weise war dieser mächtige Herrscher, im Grunde genommen, sogar auf seinem Throne – kein Franzose, sondern nichts als der Mensch seiner Partei, ihr Hauptführer sozusagen. Den Rückzug nach Paris, wenn auch mit einer geschlagenem so doch immerhin noch mit einer Armee – diese Armee hat Frankreich in der letzten Schlacht sehr große Dienste geleistet –, wagte er nicht: er fürchtete die Unzufriedenheit des Landes, den Verlust der Anhänglichkeit des Volkes, fürchtete Aufstand, Revolution, kurz, er fürchtete Paris und zog es daher vor, sich in Sedan zu ergeben und sein Schicksal und das seiner Dynastie der Großmut seines Feindes anheimzustellen. Zweifellos ist auch jetzt noch nicht alles, was zwischen ihm und dem preußischen König bei ihrer Zusammenkunft verhandelt worden, der Geschichte bekannt. Viele Geheimnisse werden wohl erst lange nachher aufgedeckt werden; aber es ist unmöglich, nicht zu dem Schluß zu kommen, daß Napoleon mit seiner Übergabe und der seiner Armee darauf gerechnet hatte, daß er seinen Thron behalten werde. Damit, daß er seine Armee übergab, damit gedachte er wohl die Kräfte seines Feindes zu schwächen – ich meine die Kräfte der Revolutionäre ... denn an Frankreich dachte dabei der Parteimensch in ihm nicht.

Ebenso dachte auch der Marschall Bazaine nicht an Frankreich. Eingeschlossen in Metz mit einer sehr bedeutenden Armee, ignorierte er vollständig die Regierung der Nationalversammlung, die sich nach der Gefangennahme des Kaisers in Paris gebildet hatte. Er zog es vor, sich gleichfalls zu ergeben, und nahm damit Frankreich seine letzte Armee, die, selbst wenn sie in Metz eingeschlossen war, dem Vaterlande doch noch äußerst nützlich hätte sein können – wenn auch, wie gesagt, nur dadurch, daß sie einen bedeutenden Teil der feindlichen Kräfte festlegte. Es ist ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß der Marschall, als er sich in dieser Weise schnell und ohne rechten Grund ergab, nicht irgendwelche geheimen Bedingungen mit dem Feinde abgeschlossen, wenigstens nicht irgendwelche Versprechungen von ihm gefordert hatte ... die dann später nicht erfüllt wurden. Aber, wenn dem auch nicht so gewesen wäre, so ist es doch klar, daß der Marschall, ähnlich dem Kaiser, es vorzog, seine Armee den Preußen zu überlassen, anstatt sie für die Republik aufzusparen.

Der Marschall – wenn er auch jetzt vor dem Gerichte lügt und augenscheinlich die Absicht hat, bei diesem Verfahren zu bleiben – verheimlicht doch zum Teil seine damaligen Eindrücke und Empfindungen nicht. Er sagt geradeheraus, daß es in den Metzer Tagen eine gesetzliche Regierung nicht mehr gab, und daß er das damalige Chaos von Regierung in Paris als eine wirkliche Regierung nicht anerkennen konnte – das ist ungefähr der Sinn seiner Worte vor Gericht. „Wenn es für Sie damals keine Regierung gab – la France existait!“ rief darauf der Herzog d’Aumale, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, aus.

Und damit war der Punkt, von dem die Richter ausgehen werden, gefunden. Diese Worte des Herzogs machten auf das Publikum, auf ganz Frankreich, einen großen Eindruck. Dem schuldigen Marschall wurde damit klar zu verstehen gegeben, daß ihn jetzt nicht eine Partei richte, keine Republik, keine unrechtmäßige Regierung, die er, wenn er will, auch jetzt nicht anzuerkennen braucht – sondern Frankreich, das er um einer rechtmäßigen Regierung willen verkauft, das Vaterland, das er verraten aus Parteiinteresse.

Man kann einen Verräter seines Vaterlandes niemals entschuldigen. Sind aber hier auch die im Recht, die über den Verräter zu Gerichte sitzen? Das ist es, worauf ich hinweisen will. Sind nicht im Gegenteil Bazaines Richter ein Teil jenes Grundübels, das den Organismus dieser großen Nation zerstört und erschöpft hat; verkörpern nicht auch sie ein Unglück, das wie eine schwarze Wolke ständig über ihr liegt? Und verstehen sie dieses Unglück jetzt; sind sie fähig, es zu begreifen? Ist der Marschall aber nicht ähnlich dem altjüdischen Opferlamm, auf das die Sünden des ganzen Volkes gelegt wurden?

In der Tat, was konnte er damals von Metz aus erwarten? Angenommen, der Parteimensch in ihm habe dem Bürger in ihm einmal Platz gegeben beim Anblick des ganzen großen nationalen Unglücks; angenommen, er habe aufrichtig gewünscht, dem Vaterlande zu dienen: was konnte er aber in dem damaligen Paris erblicken? Es ist wahr, die triumphierende Revolution des 4. September nannte sich nicht Republik, sondern „Regierung der Nationalverteidigung“. Diejenigen aber, die an der Spitze dieser Volksregierung standen, konnten Bazaine, General und Parteimensch, wie er war, einem tätigen und energischen Menschen zugleich, nur Widerwillen einflößen. Dieser talentlose Maniak, der General Trochu, alle diese Garnier-Pagès, Jules Favre, sind, wenn auch als Menschen aller Hochachtung wert, doch schließlich erbärmliche, talentlose Mumien, Phrasenhelden der ersten Tage einer Pariser Revolution und – leider – immer noch nicht den Parisern langweilig genug geworden. Wie mußte das dem Marschall und seinem scharfen beobachtenden Menschenkennerblick in Metz erscheinen!? Aber – mögen sie auch talentlos gewesen sein! Mag auch jegliche Aufgabe, der sie nicht gewachsen waren, von ihnen verpfuscht worden sein, solange sie die Macht hatten! Sie waren doch wenigstens treue Bürger, Leute mit reinem Herzen, wahre Söhne des Vaterlandes! War dem nicht so? Aber nein, das waren ja wiederum auch nur Republikaner! La république avant tout, la république avant la France – das war und ist auch jetzt noch ihre Devise! Und darum hätte der Marschall, wenn er, um gleichfalls „Bürger zu werden“, sich von der Partei des Kaisers losgesagt hätte – und wär’s auch nur zeitweilig und scheinbar gewesen, zur „Rettung des Vaterlandes“ – sich doch nicht den Rettern des Vaterlandes, sondern wieder nur Leuten einer anderen Partei anschließen müssen. Aber diese Partei haßte er, und ihr zu helfen: dazu konnte er sich nicht entschließen! Einige Zeit nachher kam aus dieser lächerlichen Gruppe ein Mann, der im Luftballon Paris verließ, um in den noch freien Teil Frankreichs zu gelangen: Gambetta. Er erklärte sich selbstherrlich zum Kriegsminister, und die ganze Nation, die sich nach irgendeiner Regierung sehnte, ernannte ihn sofort zu ihrem Diktator. Er aber verlor darüber nicht den Kopf, sondern wurde in Wahrheit ihr Diktator. Dieser Mensch zeigte eine große Energie, er regierte Frankreich und stampfte ein neues Heer aus dem Boden. Einige beschuldigen ihn jetzt unter anderem, daß er unnütz Geld verschwendet hätte und mit diesem Geld fünfmal mehr für das Heer hätte tun können. Gambetta könnte freilich seinen Anschuldigern mit Recht erwidern, daß sie, wenn sie auch fünfmal mehr Geld gehabt hätten als er, doch nicht einen einzigen Soldaten hätten aufstellen können. Und siehe da, dieser kluge und energische Mensch, der wirklich viel für Frankreich getan hat, und mit dem zu arbeiten Bazaine sich nicht hätte zu schämen brauchen – besteht doch auch auf der Devise: „la république avant la France!“ Jetzt sagt er das freilich nicht mehr laut, schlau und geduldig wartet er, bis an ihn die Reihe kommt, und wenn es nötig ist, so unterstützt er mit Eifer sogar Thiers, der ihn schon vor drei Jahren ersetzt hat. Aber auch dessen Devise ist: „la république avant tout“, und auch er ist vor allem und zuerst der Mensch seiner Partei! Diese seine Eigenschaft ist den Republikanern offenbar die liebste.

Und so ist alles in Frankreich Partei und sind alle Franzosen Menschen einer Partei. Es ist wahr, in Frankreich tauchten zur Zeit des schwarzen Jahres auch einige beruhigende Erscheinungen auf. Die Bretagner, gebotene Legitimisten, erschienen mit ihren Führern, um für ihr Vaterland zu kämpfen, und sie kämpften tapfer! Mit ihrem Muttergottesbild auf der Fahne schlossen sie sich zeitweise der Regierung der Republikaner und Atheisten an. Auch die Orleansschen Herzöge kämpften in gleicher Reihe mit ihren Feinden in der neugebildeten französischen Armee. Kämpften sie aber fürs Vaterland? Das ist heute mehr als zweifelhaft. Wenn man zurzeit ihre Rolle in Frankreich beobachtet, ihre Verschwörung gegen Frankreich zugunsten eines „legitimen Königs“ – so ist es wohl erlaubt, daraus zu schließen, daß sie vor drei Jahren nur deshalb mitgekämpft haben, weil sie darin endlich eine Chance für ihre Partei, die schon so lange auf eine solche gewartet hatte, erblickten. Und sie haben sich nicht in der Möglichkeit einer derartigen Chance getäuscht: sie strömten in großer Anzahl bei den ersten Wahlen zur Nationalversammlung herbei und brachten es auch richtig zu einer Mehrheit.

Überall Parteien! Freilich: wenn man alle diese Parteien zusammenlegt, so ist die Gesamtzahl ihrer Anhänger – ausgenommen die Partei der Kommunisten – sehr gering, im Vergleich zu der Anzahl aller Franzosen, denn die übrigen Franzosen sind indifferent. Sie erwarten alle, geradeso wie damals vor dem Erscheinen Gambettas im verhängnisvollen Jahr – einen Diktator, damit er sie väterlich in seine Gewalt nehme und ihnen ihr Leben und Gut behüte. Ihre Devise ist das bekannte Sprichwort: „Chacun pour soi et Dieu pour tous“. Aber auch bei dieser Devise gehört der Mensch seiner eigenen Partei an und – was kann für solch einen Menschen das Wort Vaterland bedeuten?

Das ist das Grundübel Frankreichs: der Verlust einer allen gemeinsamen Idee der Einigung! Man sagt von den Legitimisten, daß sie diese Idee mit Gewalt wiedererwecken wollten. Aber sogar die besten ihrer Partei denken nicht an die Idee, sondern nur an den Triumph ihrer Partei. Die Allerbegeistertsten von ihnen denken noch nicht einmal an den Legitimismus. Der Triumph des Grafen Chambord ist für sie – der zukünftige Triumph des Papstes und des Katholizismus. Das ist dann schon wieder eine Partei in der Partei.

Und so richten jetzt die Menschen der Partei den Marschall Bazaine dafür, daß er – der Anhänger seiner Partei blieb! Ist er nicht wirklich dem altjüdischen Opferlamm ähnlich, mit dem ich ihn verglich? ... Es kommt in Frankreich noch so weit, daß jeder Verrat des Vaterlandes nicht mit ruhigem Gewissen gerichtet werden kann – aus Mangel an Richtern; denn alle sind sie Menschen bloß der Partei und nicht des Vaterlandes. – Wenn die Franzosen Bazaine verurteilen, werden sie dann wissen, was sie tun?

Frankreich und Deutschland

In Deutschland wird die Nachricht von den gescheiterten Hoffnungen der französischen Legitimisten[6] fast von der ganzen Presse, sogar einschließlich der offiziösen preußischen Organe, mit unverhohlener Freude aufgenommen. Die nächstliegendste Erklärung dieser Freude wäre wohl in der Befürchtung zu suchen, daß die Thronbesteigung des Grafen von Chambord den Versuch einer Wiederherstellung der Papstmacht von seiten Frankreichs nach sich gezogen haben würde. Nun, und auf diesem Wege wäre ein Zusammenstoß mit Deutschland unvermeidlich gewesen. Erklärt man sich aber so die deutsche Zufriedenheit – um wieviel auffallender ist es dann, daß in Deutschland selbst die ernsten Blätter an die Dauerhaftigkeit dieser Restauration haben glauben können. Die Deutschen vertrauen, scheint es, etwas zu sehr auf den Erfolg von „Blut und Eisen“. Ich glaube, daß in der gegenwärtigen französischen Krise – „der Gärung aller Geister und Wünsche“ – ein Staatsstreich in diesem Lande beinahe unmöglich ist: sie haben dort keinen einzigen, der ihn ausführen könnte! Das heißt, Liebhaber würden sich dazu schon finden, und (was am interessantesten ist) vielleicht gleichfalls eine außerordentlich große Anzahl Leute, die aufrichtig ihre eigene Vergewaltigung wünschen, und zwar: um der endgültigen Herstellung der Ruhe und Ordnung willen, sogar eine möglichst baldige Vergewaltigung herbeiwünschen. In diesem Lande aber genügt zu einer erfolgreichen Gewaltherrschaft nicht Kraft allein und selbst nicht einmal die Zustimmung der zu Vergewaltigenden. Dort bedarf die Gewalt unbedingt der Autorität: wenn es auch eine verhaßte und wenn es auch keine wahre Autorität ist, so muß es doch eine Herrscherautorität sein, eine, der man die Kraft der Macht wirklich zutrauen kann. Der Graf von Chambord nun hat nichts von solch einer Autorität, und selbst von seinen Anhängern werden wohl kaum alle glauben, daß er solch eine Kraft ist. Darum aber – ich wiederhole bereits früher von mir Gesagtes – wäre er zweifellos und sogar sehr bald wieder vertrieben worden. Doch selbst solch eine Wendung der Sache wäre für Frankreich vielleicht vorteilhafter gewesen als der jetzige chaotische Zustand – wenn auch nur insofern vorteilhafter, als es dann eine Partei weniger gegeben hätte und die Herrschaft der gemäßigten Republikaner somit wieder möglich gewesen wäre.

Nun aber will ein Teil der konservativen Presse Deutschlands der von der liberalen deutschen Presse angegebenen Begründung ihrer Freude über den Mißerfolg des Prätendenten nicht recht glauben; das heißt, will nicht glauben, daß die Furcht, Frankreich hätte den gefährlichen Weg der ultramontanen Politik einschlagen können, die Ursache dieser gegenwärtigen Freude wäre. Die „Kreuzzeitung“, zum Beispiel, erklärt unumwunden, daß die Liberalen der ganzen Welt sich solidarisch fühlten; daß im Radikalismus die Nationalitäten verschwänden, und darum sich auch die deutschen Radikalen für die französischen Radikalen freuten, wenn sie, wie hier, ihren Erfolg sähen. Es ist das vielleicht so unrichtig nicht. Merkwürdig nur, daß diese Bemerkung – die gewissermaßen wie ein Vorwurf und eine Befürchtung klingt – in einem Reiche gemacht wird, wo gerade in diesem Augenblick die nationalen Ideen so mächtigen Erfolg haben, wo nach dem kürzlichen Triumph über Frankreich das Gefühl der nationalen Selbstzufriedenheit sich bis zur Abgeschmacktheit gesteigert hat, wo sogar die Wissenschaft chauvinistische Züge aufweist. Sollte es wirklich wahr sein, daß der kosmopolitische Radikalismus auch in Deutschland schon Wurzel gefaßt hat? Daß auch dort schon die französische Lehre – der Kommunismus – an die Tür klopft? Wenn es fast seit dem Anfang des Jahrhunderts bei den europäischen „Geistern“ gang und gäbe ist, Rußland für einen „furchteinflößenden Koloß auf tönernen Füßen“ zu halten – während in Wirklichkeit, wenn es bei uns etwas besonders Gutes und Ganzes gibt, es gerade die Grundlage, das Volk ist, auf dem Rußland von jeher gestanden hat und auch hinfort stehen wird – so, sollte es dann, frage ich, vielleicht wirklich möglich sein, daß solch eine Annahme, wenn auch nur teilweise, auch von dem neuen germanischen Koloß zutreffend sein könnte?

Frankreich und die Kultur

Ein Pariser Telegramm berichtete unlängst aller Welt, daß ein gewisser Sir Henry Richard, eine ziemlich unbekannte Persönlichkeit, auf dem ihm zu Ehren gegebenen Diner in einer Rede über seinen Plan einer internationalen Vermittlerschaft unter anderem auch gesagt habe: „Keine einzige Idee kann sich verwirklichen ohne die Protektion Frankreichs, dem an Einfluß kein anderes Land gleichkommt, dessen Sprache und Literatur universal sind!“ ... Worte, die in Paris gierig aufgefangen und von den „erniedrigten“ Franzosen sofort allen sichtbar und hörbar gemacht worden sind. So hat man sie denn auch schon in Deutschland vernommen, doch haben sie dort, wie in Europa überhaupt, nur eine gewisse fragende Stirnfalte und mißbilligendes Kopfschütteln hervorgerufen. Nun, wir glauben natürlich an jedes Wort Sir Richards. Nichtsdestoweniger aber, – ist es nicht auffallend, daß man jetzt sogar in Paris solche Worte für ungewöhnlich hält? Wie lange ist es denn her, daß ähnliche Worte in Frankreich niemand bemerkt hätte, da sie wie schuldiger Tribut, wie etwas von der Art eines sine qua non, das zu erwähnen überhaupt nicht der Mühe wert ist, aufgefaßt worden wären?

Diese hochbegabte Nation, diese Erbin der Alten Welt, die 15 Jahrhunderte an der Spitze der romanischen Völker Europas gestanden und in den letzten Jahrhunderten fraglos erstrangigen Einfluß auf alle Nationen Europas gehabt hat, verlor vor nun bald hundert Jahren jene lebendige Kraft, die sie so lange bewegt und genährt hatte. Diese lebendige Kraft bestand in der Repräsentation des europäischen Katholizismus durch Frankreich – fast seit der allerersten Zeit des Christentums. Als darauf Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts mit der katholischen Idee vollkommen und bewußt brach, verkündete es sich laut über die ganze Welt hin als Erneuerin der Menschheit durch neue Grundsätze, deren Hauptträgerin und Beschützerin es allein sei. „Komm alle zu mir!“ rief es in pythischer Trunkenheit. Diese neuen und selbständigen Grundsätze der zukünftigen menschlichen Gesellschaft waren den Europäern bereits als die Grundsätze der von ihnen ausgearbeiteten Zivilisation bekannt –: die Wissenschaft und der Staat waren bereits einzig auf den Gesetzen der Vernunft begründet. Frankreich hat bloß die Selbständigkeit dieser Grundsätze revolutionär verkündet – ich meine ihre vollste Unabhängigkeit von der Religion. Dieses geschah zum erstenmal im Leben der Menschheit, und darin hat, behaupte ich, das eigentliche Wesen der Französischen Revolution bestanden. Über dieses ungemein wichtige Thema habe ich in diesen flüchtigen Zeilen nicht etwa deswegen einiges gesagt, um die vor hundert Jahren von Frankreich an der Spitze Europas verkündeten revolutionären Grundsätze zu untersuchen und sie ihrem Wesen nach zu beurteilen. Ich wollte nur bemerken, daß Frankreich, das für sich und die Menschheit so viel auf seine Schultern genommen – abgesehen davon, daß es diese Last, selbst wenn es gewollt, überhaupt nicht hätte ablehnen können –, von dieser Last doch noch niemals so zu Boden gedrückt gewesen ist wie in dem letzten, jetzt allmählich auslaufenden Jahrhundert seiner Geschichte: sie hat sich als viel zu groß erwiesen für die Kräfte des geistreichen Volkes. Die Führerin der Menschheit war nach ihrem letzten Unglück gezwungen, durch ihre besten Vertreter einzugestehen, daß sie die Grundlage des lebendigen Lebens fast ganz verloren hat, daß ihr Lebensquell versiegt und vertrocknet ist. Im gegenwärtigen Augenblick bietet das französische Volk ein sonderbares Schauspiel dar – was es auch selbst vollkommen begreift. Dieses Sonderbare besteht darin, daß der intelligente und politisch herrschende Teil dieser Nation sich wissentlich und wehmütig so gut wie von allen ihren einst so begeistert verkündeten Ideen entfernt hat und nun ohne Glauben, doch mit jener Angst um das eigene Sein, die Despotismus und Vergewaltigung nach sich zieht, wie eine Polizei über den anderen Teil der Nation wacht. Dieser andere Teil aber glaubt an seine Zukunft, glaubt, daß sie kommen wird mit der Verwirklichung der neuen Grundsätze in einer künftigen Gesellschaft, und, da er arm ist an Gütern des Lebens, da er lange gelitten hat, so ist er bereit, sich wie ein hungriges Tier auf seine glücklicheren Brüder zu stürzen und sie zu zerfleischen. Nachdem die Franzosen Baboeuf guillotiniert hatten, den ersten, der schon vor 80 Jahren den begeisterten Revolutionären gesagt, daß ihre ganze Revolution nicht die Erneuerung der Gesellschaft nach neuen Grundsätzen wäre, sondern nur der Sieg der einen mächtigen Gesellschaftsklasse über die anderen: nachdem sie diesen ersten lästigen Kritiker der Revolution beseitigt hatten, mußten die Führer der ganzen republikanischen und demokratischen Bewegung im neuen Jahrhundert allmählich einsehen, daß das ganze Leben Frankreichs sich mehr und mehr in eine erlogene Vorspiegelung verwandelte, in irgendein phantastisches Gebilde, und daß es jede Bedeutung eines lebendigen und notwendigen Lebens einbüßte. Alle diese Perioden seiner letzten Entwicklungsgeschichte – das Erste Kaiserreich, die Restauration, die Herrschaft der Bourgeoisie unter den Orleans, das Zweite Kaiserreich usf. – könnte man jetzt eher für Luftspiegelungen halten als für gewesene Wirklichkeit; jede dieser Erscheinungen hätte gewissermaßen gerade so gut auch nicht sein können, und die große Nation wäre vortrefflich auch ohne sie ausgekommem. Diese ganze vorübergehende Phantasmagorie hat der Seele der Nation, die sich immer nach lebendigem Leben gesehnt hat, nichts Wesentliches gegeben. Und darauf kam nun die Katastrophe dieses furchtbaren Krieges – mit dessen Ausgang in Frankreich alle diese Vorspiegelungen fast mit einem Schlage verschwanden und sich aller Augen öffneten. Diese Katastrophe sagte gleichsam jedem Franzosen: „Sieh, wie arm und blind, wie niedrig und nackt und nichtig du in deiner ganzen, phantasmagorischen Existenz warst – und das nun schon ein ganzes Jahrhundert lang!“

Wird nun die große Nation an der Aufgabe, die sie vor einem Jahrhundert auf sich genommen hat, und die sie doch zu einem Abschluß wird bringen müssen, mitsamt ihrem Genie zugrunde gehen, oder wird sie sich dieses Genie doch noch erhalten? Das ist die Frage! Wird ihr Genie solche Prüfung überstehen können? Oder wird vielleicht alles einstürzen und irgendeine neue, geniale Nation von Gott auserwählt werden, die westliche Menschheit zu führen? Das sind vom Standpunkt der vernünftigen und geschäftigen Leute aus selbstverständlich nur müßige Fragen, doch nichtsdestoweniger gab es und gibt es in ganz Europa viele Herzen und Gedanken, die angstvoll vor ihnen standen und noch stehen. In dieser verhängnisvollen Frage nach Leben oder Tod Frankreichs, nach Auferstehung oder Erlöschen seines großen, der Menschheit sympathischen Genies, liegt vielleicht die Entscheidung über Leben und Tod der europäischen Menschheit, – was auch immer die jungen Besieger Frankreichs, die Deutschen dazu sagen mögen. Wird denn Europa Frankreich überhaupt vermissen können? Ein Europa ohne Frankreich ist für viele sogar jetzt noch undenkbar, und nicht etwa nur für müßige Menschen, die unseres tätigen Jahrhunderts unwürdig sind. Einstweilen aber, nachdem ich die Frage gestellt habe, die natürlich ohne Antwort bleiben muß, sage ich noch bei der Gelegenheit, – meinetwegen in der Eigenschaft eines Reporters der Gegenwart, – daß es einige Anzeichen und Erscheinungen gibt, die von dem heißen Wunsch der geistvollen Nation zeugen, aus allen Kräften zu leben, und daß aus diesem Wunsch für Europa sogar in kürzester Zeit sehr viele Sorgen erwachsen können.

Vor einer Woche hat sich in Frankreich ein äußerst exzentrischer Zwischenfall zugetragen, der gar manchen Europäer belustigt haben dürfte. Als der Kriegsminister, General Dubarail, sein Budget der Versammlung unterbreitete, fiel man sofort von allen Seiten mit bitteren, heftigen Vorwürfen wegen der „Ärmlichkeit“ und „Nichtigkeit“ desselben über ihn her –: weil er so wenig Geld für den Ausbau des Heeres verlangte! Darauf soll man sogar die Regierung beschimpft und schließlich ganz ungewöhnliche Veränderungen vorgeschlagen haben. Erst nach einiger Zeit, sagt man, sei es dem General gelungen, die Versammlung zu beruhigen, und zwar nur durch die Erklärung, daß das Budget des nächsten Jahres sehr groß sein werde, daß allein die Veränderung des Armeematerials nicht weniger als 1380000000 Franken fordern würde. Diese Summe soll dann eine einigermaßen ernüchternde Wirkung auf die Gemüter ausgeübt haben.

Ich habe gesagt, daß diese große Nation leben will, – um jeden Preis! Doch, – ist es andererseits nicht wieder im höchsten Grade phantastisch, dieses „Leben der Vergeltung“, für das sie sich jetzt so einmütig entschließt, obgleich sie erst kürzlich fünf Milliarden an Deutschland gezahlt hat, indem sie sich einwandlos zu neuen Milliardenausgaben bereit erklärt – wenn nur dem verhaßten Feinde für die militärische wie moralische Erniedrigung heimgezahlt wird!? Also ist doch in dem moralisch so zerspaltenen Lande, das schon seit so langer Zeit wehmütig und skeptisch auf das Leben sieht, wo das allgemeine Gefühl bloß das allerbeschränkteste Gefühl der Selbsterhaltung und das „chacun pour soi“ die erste Regel ist, – also hat sich in diesem Lande doch plötzlich und unerwartet etwas gefunden, das sogar die feindlichsten Elemente vereinigen kann. Nein, der Quell des unmittelbaren Lebens versiegt in den Völkern doch nicht so leicht.

Deutschland und Rom

Das päpstliche Non possumus ist meiner Meinung nach so ernst zu nehmen, daß man in ihm überhaupt die Existenzfrage der Religion in Europa sehen kann. Lassen wir die protestantischen Glaubensbekenntnisse dabei ganz aus dem Spiel; denn wenn der römische Katholizismus fallen würde – wie sollten sich dann noch Glaubensbekenntnisse erhalten, deren Wesen der Protest gegen den Katholizismus ausmacht? Wenn nichts mehr vorhanden ist, wogegen es zu protestieren gilt, wozu dann noch ein Protest? Andererseits kann aber die römische Kirche in ihrer gegenwärtigen Form nicht weiterbestehen. Sie hat ja selbst erklärt, daß ihr Reich von dieser Welt sei, und daß ihr Christus sich „ohne Erdenreich auf der Erde nicht erhalten kann“. Die römische Kirche hat die Idee der römischen Weltherrschaft über die Wahrheit und über Gott gesetzt; zu demselben Zweck hat sie auch die Unfehlbarkeit ihres Oberhauptes als Dogma aufgestellt und hat das gerade in dem Augenblick getan, da die weltliche Macht schon an die Pforten Roms klopfte, um einzutreten: ein beachtenswertes Zusammentreffen, das vielleicht von dem „letzten Ende“ zeugt. Bis zur Stunde des Sturzes Napoleons III. konnte die römische Kirche noch auf den Schutz der Könige – und besonders der Könige Frankreichs, mit deren Hilfe sie sich so viele Jahrhunderte gehalten – rechnen. Kaum aber wurde sie von Frankreich verlassen – da fiel auch ihre weltliche Macht. Nun aber wird die katholische Kirche diese ihre weltliche Welt für keinen Preis, niemals und niemandem, abtreten und würde eher damit einverstanden sein, daß das Christentum vollkommen unterginge, als daß die weltliche Herrschaft der Kirche aufhörte. Ich weiß: gar manche klugen Leute werden meine Behauptung mit einem Lächeln aufnehmen, doch soll mich das nicht abhalten, sie mit allem Nachdruck zu verteidigen. Und so sage ich denn nochmals: Es gibt in Europa augenblicklich keine einzige Frage, die zu beantworten schwieriger wäre, als die katholische, und gleichfalls keine einzige politische, keine „soziale“ Schwierigkeit, mit der sich diese römisch-katholische Frage nicht vereinigte. Mit einem Wort: Das Schwerste, was Europa in Zukunft bevorsteht, ist die Lösung dieses Problems, wenn auch neunundneunzig Prozent aller Europäer augenblicklich vielleicht nicht einmal an dasselbe denken.

Ich habe bereits im Laufe des vorigen Jahres meine Gedanken über diese Frage mitgeteilt: – nach gewissen Anzeichen zu urteilen, kann man wirklich glauben, daß die katholische Kirche zur Wiederherstellung ihrer Macht bereit ist, sich mit dem niedrigen Volk zu verbinden und hinfort den Königen den Rücken zu kehren. – Allerdings haben die Könige sie zuerst verlassen. Doch ohne mich über diesen Punkt weitläufig zu verbreiten, will ich einstweilen nur sagen, daß von den europäischen politischen Begebenheiten des vorigen Jahres der Briefwechsel des Papstes mit dem Deutschen Kaiser zweifellos eine der wichtigsten war. In seiner Zuschrift erklärte ja der Papst, daß er der von Gott selbst eingesetzte Vater und Beschützer aller Christen sei, – gleichviel welch einem Bekenntnis sie angehören, und gleichviel, ob sie ihn für ihr Haupt anerkennen oder nicht, – wenn sie nur getauft sind.

Als die italienische Regierung dem Papst die Summe von drei Millionen Franken jährlich aussetzte und sie ihm anbot, da glaubte und hoffte sie natürlich doch, daß er dieses, übrigens sehr annehmbare Budget akzeptieren werde. Hätte der Papst das getan, so würde er sich mit dem Statuts quo einverstanden erklärt haben und – es wäre zu Ende gewesen mit dem römischen Katholizismus! An seiner Stelle aber hätte dann etwas ganz anderes, noch Unbekanntes begonnen. Doch der Papst nahm sie nicht an. Jetzt hoffen einige, der ihm folgende Papst werde es tun. Aber der 84jährige Greis weiß nur zu gut, daß auch sein Nachfolger, wer er auch sei, gleichfalls kein einziges Budget annehmen kann und allen und jedem, wie er es getan, erklären wird: „Non possumus.“

Abgesehen davon, daß der Deutsche Kaiser dem Papst gemessen und von oben herab geantwortet[7] hat, sieht man in Deutschland auf die gegenwärtige Lage der römischen Kirche denn doch etwas ernster, als die italienische Regierung es tut. Anderenfalls: womit könnte man sich sonst jene sonderbare Verfolgung des römischen – ultramontanen – Katholizismus in Deutschland erklären? Man könnte wirklich glauben, daß das kolossale neue Reich, in dem es so viel andere Schwierigkeiten und neue Fragen gibt, die römische Frage für die bedeutungsvollste von allen hält. Nun und –: das scheint auch in der Tat der Fall zu sein! Es ist natürlich kaum möglich, sich vorzustellen, daß solch ein mächtiges Reich und an seiner Spitze so mächtige Herrscher und Lenker plötzlich irgendwelche „lächerlichen“ ultramontanen Ansprüche eines „kraftlosen, armseligen Mönches“ fürchten könnten, und das noch in welchem Jahrhundert? – im neunzehnten, im Jahrhundert der Maschinen, der Philosophie und unserer Aufklärung! Zudem wäre es ein äußerst grober Fehler, in dem allgemeinen Indifferentismus durch die Verfolgung der Kirche den religiösen Fanatismus zu erwecken, was doch für solche Staatsmänner, wie Graf Bismarck einer ist, keinen Augenblick unklar bleiben dürfte. Wenn nun Graf Bismarck gegen die Kirche vorgeht – wie u. a. durch das Gesetz über die bürgerliche Ehe –, dann geht er scheinbar Hand in Hand mit den Feinden der Kirche, – nicht nur mit den Feinden der katholischen Kirche, sondern jeder christlichen Kirche überhaupt, – Hand in Hand mit den Atheisten und Sozialisten!!! Auf diese Weise werden zwei sich entgegengesetzte Fanatismen angefacht: der Fanatismus des Glaubens und der der Verneinung. Ist das aber geschickt von einem so großen Staatsmann, wie Graf Bismarck? Und folgt daraus nicht wiederum, daß die römische Frage von so weitsichtigen Staatsleuten für eine der wichtigsten zukünftigen Schicksalsfragen des Deutschen Reiches gehalten wird? Sonst würde man doch nicht zu ihrer Bewältigung so wichtige Interessen opfern! – Wie aber, wenn Graf Bismarck – oder, besser gesagt – wenn Deutschland seinen zukünftigen und dann wohl endgültigen Kampf mit Frankreich am ehesten für möglich hält – auf Grund der römischen Frage? Bedenken wir bloß eines: mag der letzte deutsch-französische Krieg auch als noch so „zufällig“ erscheinen, jetzt, nach seiner Beendung, können doch weder Deutschland noch Frankreich auf ihren stattgefundenen furchtbaren Kampf wie auf etwas Zufällig-Politisches, sozusagen bloß Napoleonisches sehen. Deutschland, das so viele Jahrhunderte hindurch alles gehabt: Reichtum, Zivilisation, Wissenschaft, und das nur eines, das Ersehnteste, nicht hatte – die politische Einheit –, mußte doch endlich begreifen, was es übrigens schon seit Jahrhunderten tat, daß es seine politische Einheit nicht erreichen konnte, solange an der Spitze Europas noch Frankreich stand; nun aber weiß es, daß es sich mit einer zweitrangigen Rolle, wie irgendein Italien, in Europa nicht begnügen kann, und daß doch wiederum zwei führende Mächte in Europa zu gleicher Zeit nicht möglich sind; daß es sich hier schließlich um die Frage des Geistes handelt, des Lebens und der Ideale; daß die Ideale der westlich-katholischen und der germanischen Kultur verschieden und unvereinbar sind – so daß denn der Deutsch-Französische Krieg schließlich nichts anderes gewesen ist, als der Zusammenstoß zweier europäischer Kulturen, der katholischen und der protestantischen, oder der französischen und der germanischen, der unvereinbaren und entgegengesetztem die sich schon seit Jahrhunderten zu diesem Kampf vorbereitet hatten. Andererseits muß Frankreich, der tausendjährige Repräsentant des westlichen Katholizismus, selbst jetzt noch, einsehen, daß es dieser Führer der katholischen Welt, sogar bei deren heutigem Zerfall, nur dann bleiben kann, wenn es dem Katholizismus und seiner Idee tatsächlich treu bleibt.

Ich will nur sagen, daß die Wiedererstehung des Katholizismus im Sinne der Grundidee der Nation in Frankreich vielleicht durchaus nicht so unmöglich ist, wie es viele glauben. Alles, was in Frankreich im letzten Jahrhundert, dem Jahrhundert der ununterbrochenen Schwankungen, vor sich gegangen ist, könnte in mancher Beziehung zur Bekräftigung solch einer Annahme dienen. In diesem letzten Jahrhundert haben alle die so verschiedenen Regierungen Frankreichs – die Könige, die Republiken, Napoleon III. – alle haben sie den Papst mit dem Schwert in der Hand unterstützt oder sind bereit gewesen, ihn zu unterstützen, wenigstens sind sie alle für Rom und seine weltliche Macht gewesen. Graf Bismarck aber muß doch vorausfühlen, wenn auch nur zum Teil, daß Frankreich sich niemals mit einem zweitrangigen Platz in Europa und einer solchen militärischen Niederlage zufrieden geben wird, daß dieses in seiner Art für Frankreich vielmehr gleichfalls ein Non possumus ist. Und warum soll er nicht auch voraussehen, daß dieses Frankreich, das noch nicht endgültig vernichtete, wohl aber so kürzlich noch vollkommen zu Boden geschlagene, das so plötzlich die ganze Welt durch seinen Reichtum und – vor allen Dingen – Kredit in Erstaunen gesetzt hat – was dem Grafen Bismarck so unerwartet kam –, daß dieses Frankreich den Kampf noch längst nicht aufgegeben hat, daß der Streit um die Vorherrschaft somit unvermeidlich noch einmal ausbrechen und es dann aber wirklich um Leben oder Tod der beiden Nationen gehen wird!? Wie sollte er es nicht begreifen, daß dieser Kampf eigentlich überhaupt erst anfängt, – geschweige denn, daß er beendet sei –? Und, da dieser Kampf schließlich der entscheidende und abschließende Kampf zweier so verschiedener europäischer Zivilisationen sein wird –, warum soll er da nicht annehmen, daß auch der entscheidende Zusammenstoß gerade dort stattfinden wird, wo das Wesen der beiden Zivilisationen liegt: auf dem Boden der Kultur, dort, wo Katholizismus und Protestantismus einander feindlich begegnen?

Diese Idee zu entwickeln, würde zu weit führen; lassen wir es genug sein, daß wir sie ausgesprochen haben. Ich wollte im übrigen bloß sagen, daß Graf Bismarck, wenn er den Katholizismus in seinem Zentrum angreift, vielleicht nur den jüngsten deutsch-französischen Krieg noch weiter fortführt und – sich zu einem neuen vorbereitet. Handelt er nun geschickt oder nicht – das mag vorläufig dahingestellt sein, jedenfalls aber handelt er mit einem scharfen Blick.

Frankreich, die Republik und der Sozialismus

Bei uns sprechen jetzt[8] alle über den Frieden. Alle glauben an einen langandauernden Frieden, überall sieht man helle Horizonte, neue Bündnisse, neue Kräfte. Daß in Paris die Republik wiederhergestellt ist, darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden, und daß diese Republik von Bismarck wiedereingesetzt wurde – sogar darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden. Zweifellos sieht man sie auch in der Übereinstimmung der großen östlichen Mächte – und vielleicht erblicken nicht minder einige in den jetzigen Unruhen der Herzegowina unzweifelhafte Zeichen für die Dauerhaftigkeit des europäischen Friedens ... vielleicht auch darum, weil der Schlüssel zu dieser Herzegowinafrage sich in Berlin befindet, und wiederum in der Schatulle des Fürsten Bismarck? Aber am meisten freut man sich bei uns über die Französische Republik. Übrigens, warum ist Frankreich immer noch auf dem ersten Platz in Europa, und nicht das siegreiche Deutschland? Das allerkleinste Ereignis in Paris erweckt nach wie vor in Europa mehr Sympathie und Aufmerksamkeit als manches schwerwiegende Berliner Ereignis. Unbestreitbar deshalb, weil dieses Land immer das Land des ersten Schrittes, der ersten Probe und der Anregung von neuen Ideen war! Darum erwarten alle von dort den „Anfang vom Ende“. Und wer wird wohl auch von allen zuerst diesen verhängnisvollen und endgültigen Schritt tun, wenn nicht Frankreich?

Darum vielleicht haben sich die unversöhnlichsten Parteibildungen gerade in diesem, seit alters alle Neuerungen vermittelnden Lande entwickelt. Ein Friede ist da überhaupt nicht eher möglich, als bis es einmal wirklich zu jenem „Ende“, zu einem großen Zusammenbruch gekommen sein wird. Diejenigen in Europa, die die Republik bewillkommnen, sagen, daß sie schon deshalb für Frankreich und für Europa unumgänglich nötig sei, weil nur in ihr ein Revanchekrieg mit Deutschland ausgeschlossen scheint, und daß nur die republikanische Partei, von allen zur Stunde Ansprüche erhebenden Parteien, ihn nicht wagen wird, noch überhaupt unternehmen will. Indessen sind das nichts als Luftspiegelungen. Im übrigen ist auch die Republik eines Kampfes wegen ausgerufen worden, wenn auch nicht zu einem Kriege mit Deutschland, so doch mit einem viel gefährlicheren Gegner: dem Feind und Gegner von ganz Europa – dem Kommunismus und Sozialismus. Dieser Gegner erhebt sich viel leichter in einer Republik als unter jeder anderen Regierung! Jede andere Regierung würde sich mit ihm schließlich einigen, die Katastrophe vermeiden; nur eine Republik wird ihm nichts abtreten wollen, sondern ihn selbst herausfordern, ihn zum Kampfe zwingen. Und so mögen die guten Leute nur behaupten, die „Republik sei der Friede“! In der Tat, wer hat dieses Mal die Republik errichtet, wenn nicht die Bourgeoisie und die kleinen Rentiers? Wenn diese Leute wohl auch schon seit langem Republikaner waren, so fürchteten doch gerade sie im Grunde die Republik, sahen in ihr nur Unordnung und den ersten Schritt zum Kommunismus. Der Konvent der ersten Revolution teilte in Frankreich den großen Besitz der Emigranten und der Kirche in kleine Teile und verkaufte sie in Anbetracht der ununterbrochenen damaligen Geldkrisis. Dieses Verfahren bereicherte einen großen Teil Franzosen und gab ihnen die Möglichkeit, achtzig Jahre später fünf Milliarden Kontribution zu bezahlen, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber wenn dieses Verfahren zurzeit auch den Wohlstand sehr hob, so paralysierte es doch die demokratischen Bestrebungen, indem es die Zahl der Besitzenden vergrößerte und so Frankreich dem grenzenlosen Besitz der Bourgeoisie in die Hände gab – die aber ist der erste Feind des Demos, des eigentlichen Volkes. Ohne dieses Verfahren hatte sich die Bourgeoisie in Frankreich nie so lange an der Spitze des Staates und an Stelle des früheren Beherrschers von Frankreich, des Adels, erhalten können. So jedoch erbitterte das Volk und ward unversöhnlich: die Bourgeoisie verdarb selbst den natürlichen Gang der demokratischen Bestrebungen und verwandelte ihn in einen einzigen Haß und einen einzigen Neid. Die Scheidung der Parteien ging so weit, daß der ganze Organismus des Landes endgültig zusammenbrach und jegliche Wiederherstellung unmöglich wurde. Wenn sich Frankreich bis jetzt im Ganzen noch immer aufrechthält, so tut es dies nur nach dem Gesetz der Natur, nach dem sogar eine Handvoll Schnee nicht früher als in einer bestimmten Zeit auftauen kann. Diesen Schein eines Ganzen nehmen die unglücklichen Bourgeois und mit ihnen eine Menge gutmütiger Menschen in Europa noch für eine lebendige Kraft des Organismus, betrügen sich mit der Hoffnung, und zu gleicher Zeit zittern sie doch vor Furcht. Im Grunde hat die Einheit sich bereits vollständig aufgelöst. Die Aristokraten haben nur den eigenen Nutzen im Auge, die Demokraten nur den der Armen. Um den allgemeinen Vorteil dagegen, den Vorteil Aller und des zukünftigen Frankreichs, kümmert sich niemand, außer den Schwärmern von Sozialisten und den Träumern von Positivisten, die von der Wissenschaft alles erwarten, alles, d. h. eine neue Einigung der Menschen und neue Grundsätze eines gesellschaftlichen Organismus. Aber die Wissenschaft, auf die alle so große Hoffnungen setzen, wird kaum imstande sein, sich mit der Angelegenheit gleich zu beschäftigen. Es ist schwer, anzunehmen, daß sie schon so gut Bescheid um die menschliche Natur wissen wird, um fehlerlos neue Gesetze des gesellschaftlichen Organismus aufzustellen. Da man aber hier weder schwanken noch warten kann, so stellt sich von selbst die Frage ein: Ist die Wissenschaft sofort zu dieser Aufgabe bereit, und geht diese Aufgabe nicht über die Kräfte ihrer zukünftigen Entwicklung? Ich bin sogar bis jetzt geneigt, zu behaupten, daß diese Aufgabe allerdings über die Kräfte der menschlichen Wissenschaft gehen wird, trotz ihrer, wie ich zugebe, großen zukünftigen Entwicklungsmöglichkeit. Da also die Wissenschaft diesem Anspruch an sie nicht gerecht werden wird, so ist es klar, daß die ganze Bewegung des Volkes, des vierten Standes, in Frankreich, wie überall in der ganzen Welt, von Schwärmern – und die Schwärmer wieder von allen möglichen Spekulanten – geleitet werden wird. Ja, und selbst in der Wissenschaft, gibt es denn da keine Träumer? In der Tat, die Träumer haben jetzt mit Recht die Führung der Bewegung ergriffen; denn sie allein kümmern sich in Frankreich um die sogenannte Einigung aller, um das Zukünftige; und es scheint, daß moralisch ihnen allein das Erbe Frankreichs zufallen wird, ungeachtet ihrer augenscheinlichen Schwäche und Phantasterei – wie denn das so ziemlich alle auch fühlen! Aber am furchtbarsten ist es, daß neben all dem Phantastischen ein Bestreben sich kundtut, daß das grausamste und unmenschlichste ist und schon nichts Phantastisches mehr an sich hat, sondern real und historisch unvermeidlich erscheint. Es drückt sich in folgenden Worten aus: „Ôte-toi de là, que je m’y mette!“ – Fort von dem Platz, damit ich mich hinsetze! Bei den Millionen des unteren Volkes – abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht – kommt in der ersten Linie und steht zu Anfang aller Wünsche: das Plündern der Besitzenden. Man kann dabei die Besitzlosen nicht einmal verurteilen: die Besitzenden selbst hielten sie bis zu dem Grade in der Dunkelheit, daß all diese Millionen unglücklicher, elender und blinder Leute ohne Zweifel und auf die naivste Weise glauben, daß sie durch diesen Raub sich bereichern können, und daß darin die ganze soziale Idee besteht, über die sich ihre Führer streiten. Ja, und wie können sie denn auch die Träume der Führer oder irgendeine Prophezeiung der Wissenschaft verstehen? Nichtsdestoweniger werden sie siegen, und wenn die Reichen ihnen vor der Zeit nichts abtreten, so kann es noch zu furchtbaren Ereignissen kommen. Aber keiner wird zur rechten Zeit etwas abtreten – vielleicht auch deshalb nicht, weil schon heute die Zeit der Abtretung überschritten ist. Ja, und die Besitzlosen wollen jetzt selbst nicht mehr eine Verständigung mit ihnen, wenn man ihnen auch alles gewähren würde: sie würden doch nur glauben, daß man sie wieder betrügt und übervorteilt. Sie wollen selbst und allein bestimmen.

Die beiden Bonaparte hielten sich dadurch, daß sie die Möglichkeit eines Ausgleichs mit ihnen wenigstens versprachen; und sie machten auch mikroskopische Versuche dazu, wenn auch immer nur hinterhältig und unaufrichtig. Aber die Oligarchen fühlten sich enttäuscht durch sie, und der Demos glaubte ihnen erst recht nicht. Was die royalistischen Prätendenten (älterer Linie) anbetrifft, so können die dem Proletariat als Rettung im Grunde nur den römisch-katholischen Glauben bieten, von dem jedoch nicht nur das Volk, sondern auch die Mehrzahl der Intelligenz in Frankreich schon lange nichts mehr wissen will. Man spricht davon, daß unter dem Proletariat in letzter Zeit mit außerordentlicher Stärke der Spiritismus sich entwickelt hat, vor allen Dingen in Paris. Die jüngere Linie der Könige, die Linie Orleans, ist sogar der Bourgeoisie verhaßt geworden, obgleich man eine Zeitlang gerade an diese Familie glaubte und sie für den eigentlichen Führer in der französischen besitzenden Klasse ansah. Aber ihre Unfähigkeit wurde bald von allen erkannt. Nichtsdestoweniger mußte die Bourgeoisie sich retten, sie mußte durchaus und so schnell wie möglich sich einen Führer suchen für die große und letzte Schlacht mit dem furchtbaren, von unten heraufkommenden Feind. Die Erkenntnis und der Instinkt ließen sie auf ein richtiges Mittel verfallen, und sie wählten – die Republik.

Es gibt ein politisches Gesetz und sogar ein Gesetz der Natur, nach dem von zwei starken und einander nahestehenden Nachbarn, wie befreundet sie auch miteinander sein mögen, doch der eine den anderen vernichten möchte und früher oder später diesen Wunsch auch in die Tat umsetzt. „Von der roten Republik gibt es einen Übergang zum Kommunismus,“ – dieser Gedanke erschreckte bis jetzt die französischen Bourgeois, und es mußte viel Zeit vergehen, bis plötzlich die Mehrzahl von ihnen erriet, daß diese nächsten Nachbarn zu den erhärtetsten Feinden werden würden, schon allein aus dem Prinzip der Selbsterhaltung. In der Tat, ungeachtet der so engen Nachbarschaft der roten Republik mit dem Kommunismus – wer kann in Wirklichkeit feindlicher und dem Kommunismus radikaler entgegengesetzt sein als die Republik? sogar, wenn man will, als die blutige Revolution der neunziger Jahre? In der Republik handelt es sich vor allem um die republikanische Form: „la république avant tout, avant la France“. In der Republik ist die ganze Hoffnung: die Staatsform; und ob der Mac-Mahonismus an die Stelle Frankreichs tritt – es bleibt sich gleich, wenn er sich nur Republik nennt! Das ist das Charakteristische der jetzigen „Siege“ der Republikaner in Frankreich. So sucht man denn in der bloßen Form die Rettung. Von der anderen Seite dagegen, was geht den Kommunismus die republikanische Staatsform an, da er im Grunde jede Regierungsform verneint, und nicht nur jegliche Form einer Regierung, sondern auch den Staat an sich und die ganze zeitgenössische Gesellschaft? Dieses gerade Gegenteil, diese gemeinsame Antithese zweier Kräfte vermochte die französische Masse erst in achtzig Jahren zu erkennen, zuletzt erkannte sie sie aber doch und – errichtete die Republik: dem Feinde stellte sie endlich den allergefährlichsten und allernatürlichsten Gegner entgegen; denn um nichts in der Welt will die Republik im Kommunismus und Sozialismus untergehen. Im Grunde ist die Republik der natürlichste Ausdruck und die gegebene Staatsform der Bourgeoisie, ja, die ganze französische Bourgeoisie ist doch das Kind der Republik, für sie geschaffen und für sie organisiert in der ersten Revolution. Auf diese Weise ist die Scheidung vollständig erreicht. Man sagt, der Kampf der beiden sei noch weit. Ob er so weit ist? Vielleicht ist es besser, die Katastrophe nicht noch hinauszuschieben. Schon jetzt hat der Sozialismus Europa durchsetzt, und bis zu der Zeit wird er es noch mehr durchsetzt haben. Fürst Bismarck weiß es, aber er baut nach deutscher Art zu sehr auf Blut und Eisen. Was kann man aber da mit Blut und Eisen ausrichten?

Katholizismus und Sozialismus

Man wird sagen: Aber jetzt wenigstens, jetzt gleich hat man nicht den geringsten Grund, sich aufzuregen; alles ist hell und klar: In Frankreich ist der Mac-Mahonismus, im Osten die große Einigung der Mächte, die Kriegsbudgets werden überall und außerordentlich vergrößert – wie soll es da keinen Frieden geben!

Aber der Papst? Wenn der heute oder morgen stirbt – was wird dann werden? Wie sollte der römische Katholizismus einwilligen, gleichsam ihm zur Gesellschaft mit ihm zu sterben? Oh, nie noch dürstete es ihn so, zu leben – wie jetzt! Übrigens, unsere Propheten, wie sollten sie nicht über den Papst lachen? „Eine Papstfrage gibt es bei uns ja überhaupt nicht mehr!“ Indessen ist die Frage des Katholizismus zu bedeutungsschwer und der Katholizismus selber so voll von grenzenlosen Widersprüchen, daß er diese nie um des Friedens willen, nicht um der ganzen Welt willen aufgeben würde. Ja, für wen denn auch, und zu wessen Nutzen sie denn aufgeben? Um der Menschheit willen etwa? Der Papst hält sich schon lange für höher als die Menschheit. Er hat bis jetzt nur um die Starken der Erde gebuhlt und auf sie gehofft bis zum letzten Augenblick. Dieser Augenblick ist heute gekommen, und nun scheint es, daß der römische Katholizismus endlich sich von den Großen der Erde abgewandt hat, die ihm ja doch schon lange untreu geworden waren und in Europa jene Hetzjagd auf ihn geplant hatten, die wir in unseren Tagen erlebten. Und haben wir von dem römischen Katholizismus nicht bereits die unglaublichsten Überraschungen erlebt? Einmal, wenn es nötig war, hat er Christus für weltlichen Besitz verkauft und das Dogma aufgestellt, „daß das Christentum auf der Erde ohne die weltliche Herrschaft des Papstes nicht bestehen könne“, und so einen neuen Christus geschaffen, einen, der dem früheren in nichts mehr ähnlich ist, der verführt war durch die dritte teuflische Versuchung, die weltliche Herrschaft: „Alles das gebe ich dir, bete mich an!“ Oh, ich habe heftige Ableugnungen dieses Gedankens gehört: man hat mir versichert, daß der Glaube an Christus und sein Bild in den Herzen der meisten Katholiken noch in alter Wahrheit und Reinheit weiterlebe. Das kann durchaus wahr sein, aber ich behaupte trotzdem: die Hauptquelle ist trübe und auf ewig verschüttet; denn nicht umsonst verfiel Rom dieser teuflischen Versuchung, seine weltliche Herrschaft in der Form eines unerhörten Dogmas zu verkünden – eine Tat, deren Folgen wir heute noch nicht absehen können. Bemerkenswert ist nur, daß die Verkündung dieses Dogmas gerade in dem Augenblick erfolgte, als das geeinte Italien vor den Toren Roms stand. Viele von uns lachten und spotteten über den Papst: wüten kann er, aber machtlos ist er doch, sagte man ... Wer weiß, ob er so machtlos ist! Nein, solche Menschen, die fähig sind zu solchen Entschlüssen, können nicht ohne Kampf sterben. Man wird mir erwidern, daß es immer so im Katholizismus gewesen und daß in ihm überhaupt keine Veränderung vor sich gegangen sei. Möglich, aber es hat in ihm doch immer ein Geheimnis gegeben: es hatte viele Jahrhunderte das Aussehen, als sei der Papst mit seinem kleinen Besitztum, mit dem Lande des Kirchenstaates, durchaus zufrieden – ... aber alles das war dann doch nur Allegorie. Die Hauptsache in dieser Allegorie, das Samenkorn des Grundgedankens, war die immer gegenwärtige Hoffnung des Papsttums, daß aus diesem Samenkorn dereinst ein prächtiger Baum werden würde, bestimmt, die ganze Erde zu beschatten. Und siehe da, als man ihm die letzte Quadratmeile seines westlichen Besitztums nimmt, da erhebt sich der Beherrscher des Katholizismus, seinen Tod voraussehend, und erklärt der ganzen Welt das Geheimnis: „Ihr glaubt wohl, daß ich nur dem Titel nach Herrscher des Kirchenstaates bin? So wisset denn, daß ich mich immer als den Herrscher der ganzen Welt, aller Herrscher der Erde, der geistlichen wie der weltlichen, gefühlt habe, als ihren wirklichen Herrn und Imperator. Ich – ich bin der Zar aller Zaren und der Herrscher aller Herrscher, und mir allein auf der Erde gehören die Schicksale und die Zeiten: und das erkläre ich aller Welt jetzt im Dogma meiner Unfehlbarkeit.“ Nein, dort steckt noch eine Kraft, das ist erhaben, aber nicht lächerlich; das ist eine Auferstehung der alten römischen Idee der Weltherrschaft, die nie im römischen Katholizismus aussterben wird; das ist das Rom Julian Apostatas, das nicht von Christus besiegte, sondern das Christum besiegende, in einem neuen und letzten Kampf! Auf diese Weise hat sich der Eintausch des wahrhaftigen Christus gegen ein weltliches Reich vollzogen. Und im römischen Katholizismus vollzieht er sich in der Tat! Ich wiederhole es, diese schreckliche Armee hat zu scharfe Augen, um nicht endlich zu erblicken, wo jetzt die wirkliche Kraft ist, auf die man sich stützen kann. In dem Augenblick, da er seine verbündeten Großen verliert, wird er sich an das Volk klammern. Er hat zu seiner Verfügung zehntausend Verführer, kluge, gewandte Herzensbesieger und Psychologen, Dialektiker und Sophisten. Das Volk war und ist überall redlich und gut. Außerdem – in Frankreich wie auch an anderen Orten Europas – haßt das Volk den Glauben, verachtet ihn, ohne das Evangelium zu kennen. Alle diese Herzenskundigen und Seelenkenner werfen sich nun auf das Volk und bringen ihm den neuen Christus, einen der in, alles einwilligt, einen, wie er auf dem letzten römischen Konzil aufgestellt wurde. „Ja, unsere Freunde und Brüder,“ werden sie sagen, „alles, was ihr euch wünscht – alles das steht schon längst in unseren Büchern, und eure Führer haben es von uns gestohlen. Wenn wir euch früher noch nichts davon gesagt haben, so ist es nur deshalb nicht geschehen, weil ihr bis jetzt noch wie unreife Kinder waret, für die es zu früh war, die ganze Wahrheit zu erfahren. Aber jetzt ist die Zeit der Wahrheit für euch gekommen. Wisset, daß beim Papst die Schlüssel des heiligen Petrus sind – und der Glaube an Gott ist nur der Glaube an den Papst, der von Gott auf der Erde an Stelle Gottes eingesetzt worden ist. Er ist unfehlbar, und ihm ist göttliche Macht gegeben, er ist der Beherrscher der Schicksale und der Zeiten; er hat beschlossen, daß auch eure Zeit jetzt gekommen sein soll. Früher lag die Hauptkraft des Glaubens in der Ergebung, jetzt ist aber die Frist der Ergebung um, und der Papst hat die Macht, sie aufzuheben, da ihm alle Macht auf Erden gegeben ist. Ja, wir sind alle Brüder, und Christus selbst hat uns befohlen, Brüder zu sein. Wenn eure älteren Brüder euch nicht als Brüder anerkennen wollen, so nehmt Waffen, dringt in ihre Häuser ein und zwingt sie mit Gewalt, eure Brüder zu sein. Christus hat lange gewartet, daß eure älteren Brüder bereuen würden, aber jetzt hat er uns selbst befohlen: ‚Fraternité ou la mort!‘ – Sei mir ein Bruder oder stirb! Wenn dein Bruder zögert, sein Gut mit dir zu teilen, so nimm ihm alles; denn Christus hat lange gewartet auf seine Reue und Buße, jetzt schlägt die Stunde der Vergeltung und des Zornes. Wisset auch, daß ihr unschuldig seid an allen euren vergangenen und zukünftigen Sünden; denn eure Sünden kamen nur aus eurer Armut. Und wenn eure Führer und Lehrer das schon früher gesagt, und wenn sie euch auch die Wahrheit gesagt haben, so hatten sie nicht die Macht, es euch vor der Zeit zu verkünden; denn die Macht dazu hat nur der Papst von Gott selbst erhalten. Der Beweis dafür ist, daß diese Lehrer euch noch zu nichts Gescheitem gebracht haben, und daß all ihr Beginnen an sich unfruchtbar war; ja, und außerdem waren sie treulos; auf euch gestützt, erschienen sie stark, um sich dann für einen höheren Preis euren Feinden zu verkaufen. Aber der Papst wird euch nicht verkaufen, denn über ihm gibt es keine höhere Gewalt, er ist der Erste aller Ersten; nur glaubt an ihn, nicht an Gott, sondern nur an den Papst, und daran, daß er allein der Herrscher auf Erden ist, und sonst niemand, und daß alle anderen, wenn ihre Stunde kommt, verschwinden müssen. Freut euch jetzt, denn das Paradies auf Erden hat begonnen, alle werdet ihr reich sein und durch den Reichtum ehrlich und selig, weil alle eure Wünsche erfüllt sein werden und jeglicher Grund zum Bösen euch genommen wird.“ Diese Worte sind gleisnerisch, aber das Volk wird unbedingt den Vorschlag annehmen: es sieht in dem unerwarteten Verbündeten eine große vereinigende Macht, die auf alles eingeht, – eine reale, historische Macht an Stelle von verschwärmten Führern und Spekulanten, an deren praktische Fähigkeiten und auch an deren Ehrlichkeit die Menschen nicht mehr glauben. Dort ist der Stützpunkt gefunden und der Hebel in die Hand gegeben, jetzt heißt es, mit der ganzen Masse ihn umdrehen. Und zur Vervollständigung des Ganzen gibt man ihm wieder den Glauben und beruhigt mit ihm viele Herzen, denn viele von ihnen sehnen sich nach Gott ...

Ich habe schon einmal in einem Roman darüber gesprochen. Möge man mir meine feste Überzeugung verzeihen, aber ich bin sicher, daß alles sich einmal im westlichen Europa so zutragen wird, in der einen oder anderen Form, d. h. daß der Katholizismus sich der Demokratie zuwenden und die Großen der Welt verlassen wird, weil sie ihn verließen. Alle Macht in Europa verachtet ihn, denn er ist jetzt nach außen allzu arm und allzu überwunden. Und doch erscheint er lange nicht in einer so tragikomischen Lage, wie sich ihn gutmütigerweise unsere politischen Publizisten vorstellen. Indessen würde ein Fürst Bismarck ihn nicht so verfolgen, wenn er in ihm nicht seinen furchtbarsten und mächtigsten Feind der Zukunft sähe. Fürst Bismarck ist ein zu großer Mensch, um seine Kräfte an einen lächerlichen und machtlosen Feind zu verschwenden. Aber der Papst ist stärker als er. Ich wiederhole, daß das Papsttum vielleicht am stärksten den Weltfrieden bedroht. Und dem Frieden droht noch vieles sonst. Noch wie war Europa so angefüllt von feindlichen Elementen, wie in unserer Zeit: als wäre alles mit Dynamit unterlegt und wartete nur auf den zündenden Funken ...

„Ja, aber was geht das uns an? Das ist ja alles dort in Europa und nicht bei uns in Rußland!“ Nun, bei uns wird Europa dann anklopfen und uns anflehen, es zu retten, wenn die letzte Stunde seiner jetzigen Ordnung der Dinge schlägt. Und es wird unsere Hilfe verlangen, als ob es ein Recht darauf hätte: es wird uns sagen, daß auch wir Europa seien, daß auch bei uns diese „Ordnung der Dinge“ sein müsse, da wir es doch nicht umsonst zweihundert Jahre lang imitiert und uns gebrüstet hätten, Europäer zu sein, und daß wir, wenn wir Europa retteten, im Grunde nur uns selbst retten würden. Freilich wären wir vielleicht nicht sehr geneigt, diese Angelegenheit nur zugunsten der einen Hälfte zu entscheiden, denn diese Aufgabe wird auch über unsere Kraft gehen: und haben wir uns nicht schon längst entwöhnt, darüber nachzudenken, worin unser Unterschied von Europa als Nation und worin unsere wirkliche Rolle in Europa besteht? Wir verstehen nicht nur nichts von diesen Dingen, sondern wollen überhaupt solche Fragen nicht zulassen; und sie auch nur anzuhören, halten wir für rückständig. Wenn aber wirklich Europa bei uns anklopft und uns auffordert, hinzugehen und seine Ordnung zu retten, so werden wir vielleicht zum erstenmal und plötzlich begreifen, bis zu welchem Grade wir die ganze Zeit über Europa nicht ähnlich gewesen sind, ungeachtet unseres zweihundertjährigen Wunsches und unserer Träume, Europa gleich zu sein, wie sie sich manchmal bis zu den leidenschaftlichsten Ausbrüchen versteigen konnten. Übrigens, vielleicht werden wir das auch dann nicht einmal begreifen; denn es wird vielleicht auch dann schon zu spät sein. Wenn dem so ist, so werden wir freilich auch nicht verstehen, was Europa von uns haben will, und worin wir ihm in der Tat helfen könnten. Und würden wir dann nicht den Feind Europas und seiner Ordnung ebenso beruhigen wollen wie Fürst Bismarck –: mit Eisen und Blut? Nun, im Falle es dazu kommen würde, könnten wir uns allerdings als vollständige Europäer beglückwünschen.

Aber all das steht uns erst noch bevor und ist reine Phantasie – denn jetzt ist ja alles in Europa so klar, so klar, so klar!

Drei Ideen

Ich habe unlängst folgenden Satz geschrieben: „Alle unsere russischen Spaltungen und Sonderbestrebungen sind fast immer auf Grund von Zweifeln und Bedenken entstanden, und zwar auf Grund von solchen, zu denen eigentlich gar keine Veranlassung vorlag.“ Und heute[9] kann ich wiederholen, daß in der Tat alle unsere Streitigkeiten und Zerwürfnisse einzig aus dem Irrtum des Verstandes, nicht aber aus dem Irrtum des Herzens entstehen. In dieser Definition liegt das ganze Wesen unserer Uneinigkeiten und Zwiespälte – doch ist dieses Wesen an sich deshalb noch nicht so unerfreulich. Irrtümer und Zweifel des Verstandes verschwinden schneller und spurloser als die Irrtümer und Zweifel des Herzens; aufgehoben aber werden sie nicht so sehr von gelehrten Diskussionen und Disputen, als von der unabweisbaren Logik der Ereignisse des lebendigen Lebens, die nichts weniger als selten den richtigen Ausweg in sich tragen und auf den geraden Weg weisen, wenn auch nicht plötzlich, nicht im ersten Augenblick, so doch jedenfalls in sehr kurzer Frist, zuweilen sogar, ohne die nächste Generation abzuwarten. Anders ist es mit den Irrtümern des Herzens. Der Irrtum des Herzens wiegt schwerer: er bedeutet, daß der Geist, oft schon der Geist der ganzen Nation, an irgend etwas erkrankt, von irgend etwas angesteckt ist, und nicht selten führt diese Erkrankung, diese Ansteckung solch einen Grad von Blindheit mit sich, daß die ganze Nation nicht mehr geheilt werden kann – wieviel Rettungsversuche dem zunächst auch widersprechen und auf den richtigen Weg weisen mögen. Im Gegenteil, diese Blindheit entstellt die Tatsachen, wie es ihr gefällt, verändert sie nach den Wahnbildern des kranken Geistes, und es kommt sogar vor, daß eher die ganze Nation dem Untergange entgegengeht, im vollen Bewußtsein dessen, was sie tut, d. h. sogar nachdem sie ihre Blindheit eingesehen, als daß sie einwilligt, sich heilen zu lassen – denn nun will sie bereits nicht mehr geheilt werden. Möge man nicht im voraus über mich lachen, daß ich umgekehrt die Irrungen des Verstandes für leicht und schnell wieder gutzumachen halte. Und am lächerlichsten wäre es wohl für einerlei wen, für jeden, nicht nur für mich allein, in diesem Falle die Rolle des Ausgleichers zu spielen, der fest überzeugt ist, mit Worten durchdringen und die Tagesüberzeugungen in der Gesellschaft umkehren zu können. Alles das sehe ich vollkommen ein; doch nichtsdestoweniger darf man sich nicht seiner Überzeugungen schämen, und wer ein Wort zu sagen hat, der sage es.

Es will mir scheinen, daß jetzt eine Zeit gekommen ist, in der sich alle möglichst offen aussprechen müssen, ohne sich der naiven Nacktheit manches Gedankens zu schämen. Tatsächlich erwarten uns, d. h. ganz Rußland, vielleicht ungewöhnliche und große Ereignisse. „Es können plötzlich gewaltige Fakta dasein und unsere intelligenten Kräfte überraschen, und dann, – wird es dann nicht zu spät sein?“ habe ich damals gefragt. Ich dachte dabei nicht nur an die politischen Ereignisse der nächsten Zukunft, wenn sie auch heute derart sind, daß sie die Aufmerksamkeit selbst der kläglichsten, selbst der verjudetsten, d. h. der sich sonst um nichts, als nur um sich selbst kümmernden Geister in Anspruch nehmen. In der Tat, wer kann es wissen, was der Welt im nächsten Vierteljahrhundert bevorsteht, oder vielleicht schon in diesem Jahre? Europa ist unruhig. Aber ist es nicht vielleicht nur eine jähe vorübergehende Unruhe? Keineswegs: man fühlt, es ist die Zeit für etwas Tausendjähriges, für etwas Ewiges gekommen, für das, was sich auf der Erde seit dem Anfang ihrer Zivilisation vorbereitet hat.

Drei Ideen erheben sich vor der Welt und formulieren sich, scheint es, endgültig.

Von einer Seite – am Rande Europas – die Idee des Katholizismus, die, schon längst verurteilt, nun in großen Qualen und Zweifeln nicht weiß, was ihrer harrt: Sein oder Nichtsein, Leben oder schon – Sterben? Ich spreche nicht nur von der katholischen Religion, sondern von der ganzen katholischen Idee, und dem Los derjenigen Nationen, welche unter dem Joch dieser Idee seit einem Jahrtausend gelebt haben und ganz von ihr durchdrungen sind. In diesem Sinne ist Frankreich die vollkommenste Verkörperung der katholischen Idee im Verlaufe von Jahrhunderten gewesen, ist das Haupt dieser Idee, die es schon von den Römern und in durchaus römischem Geiste übernommen hat. Dieses Frankreich, das jetzt sogar jegliche Religion, man kann wohl sagen, verloren hat – Jesuiten und Atheisten sind dort ein und dasselbe –, das schon mehrmals seine Kirchen geschlossen und einmal sogar Gott selber der Ballotage einer Versammlung unterworfen hat, dieses selbe Frankreich, das aus den Ideen von 1789 seinen eigenen französischen Sozialismus entwickelt hat, d. h. die Pazifizierung und Organisation der menschlichen Gesellschaft ohne Christus und außerhalb Christi, ganz so wie sie der Katholizismus in Christus organisieren gewollt, doch nicht gekonnt hat: dieses selbe Frankreich ist und fährt fort, wie in seinen Revolutionären des Konvents, so auch in seinen Atheisten, seinen Sozialisten und seinen modernen Kommunisten – immer noch im höchsten Grade eine katholische Nation zu sein, bis ins Kleinste durchdrungen vom katholischen Geist und Buchstaben. Durch den Mund seiner bekannten Atheisten verkündet es „Liberté, Egalité, Fraternité – ou la mort,“ also auf ein Haar so, wie es der Papst selbst ausrufen lassen würde, wenn er genötigt wäre, liberté, égalité, fraternité zu proklamieren – ganz in seinem Stil, ganz in seinem Geist, in dem echtesten Geist und Stil der Päpste des Mittelalters. Selbst der heutige Sozialismus – scheinbar ein heftiger, verhängnisvoller Protest aller Nationen gegen die katholische Idee, aller Menschen, die sie gequält und erstickt hat, und die um jeden Preis leben wollen, aber leben ohne Katholizismus und ohne seine Götter, – selbst dieser Protest, der offiziell am Ende des vorigen Jahrhunderts begonnen hat, in Wirklichkeit aber viel früher, – ist in Frankreich nichts anderes als die treueste und geradeste Fortsetzung der katholischen Idee, ihre endgültige Vollendung, ihre verhängnisvolle Folge, von Jahrhunderten ausgearbeitet! Denn der französische Sozialismus ist nichts anderes als die gewaltsame Vereinigung der Menschen – eine Idee, die noch aus dem alten Rom stammt und sich unversehrt im Katholizismus erhalten hat. Auf diese Weise hat sich die Idee der Befreiung des Menschengeschlechtes vom Katholizismus gerade hier in die allerengsten katholischen Formen gehüllt, in Formen, die dem Herzen des katholischen Geistes, seinem Despotismus und wohl auch seiner Moral entlehnt sind.

Von der anderen Seite erhebt sich der alte Protestantismus, der nun bereits neunzehn Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee protestiert, gegen die alte heidnische, wie gegen die erneute katholische Idee, gegen Roms Weltgedanken, den Menschen auf der ganzen Erde zu beherrschen, moralisch wie materiell, gegen Roms ganze Kultur – der bereits seit den Tagen Armins und des Teutoburger Waldes protestiert, protestiert und immer wieder protestiert. Das ist der Germane, der blind glaubt, daß nur in ihm die Erneuerung der Menschheit liegt und nicht in jener katholischen Kultur. In seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung hat er ja von seiner Einheit nur geträumt, hat er nach ihr gelechzt nur, um sie verwirklichen zu können, seine stolze protestantische Idee! Sie aber hat sich schon im Luthertum selbst stark ausgeprägt und in gewisser Weise auch bereits abgeschlossen. Und jetzt nach dem Sturze Frankreichs, der ersten, wichtigsten und „allerchristlichsten“ katholischen Nation – jetzt ist der Germane überzeugt von seinem Triumph und gleichfalls davon, daß niemand an seiner Stelle der Führer der Menschheit werden wird und ihr die Wiedergeburt bringen kann. Daran glaubt er fest, er glaubt, daß es etwas Höheres als germanischen Geist und Wort in der Welt nicht gebe, und daß Deutschland allein fähig sei, der Welt dieses Höchste zu geben. Es kommt ihm lächerlich vor, selbst nur anzunehmen, daß auch anderswo in der Welt irgendeine besondere Idee – meinetwegen nur im Keime – leben solle, eine Idee, die das zur Führung der Welt bestimmte Deutschland nicht gleichfalls haben könnte. Währenddessen wäre es jedoch alles andere als überflüssig, zu bemerken, daß Deutschland in all diesen neunzehn Jahrhunderten seines Daseins nichts anderes getan hat, als eben nur protestiert, und daß es selber sein eigenes neues Wort überhaupt noch nicht gesagt, sondern die ganze Zeit über nur der Verneinung seines Feindes gelebt hat, so daß in Zukunft vielleicht etwas überaus Seltsames geschehen kann: daß nämlich, wenn Deutschland dereinst alles zerstört haben wird, wogegen es neunzehn Jahrhunderte lang protestiert, es plötzlich geistig selbst wird sterben müssen, unmittelbar nach seinem Feinde, einfach, weil es dann keinen Grund mehr haben wird, zu leben; denn es wird ja nichts mehr geben, wogegen es protestieren kann! Doch möge das bloß eine Schimäre von mir sein – dafür ist Luthers Protestantismus um so mehr ein Faktum: der aber ist eben ein kritisierender und damit bloß verneinender Glaube, der dann, wenn der Katholizismus von der Erde verschwindet, nach ihm bestimmt auch verschwinden wird, da er, wenn er gegen nichts mehr zu protestieren hat, sich eben in reinen Atheismus verwandeln und damit sich selbst aufheben wird. Doch auch das ist vorläufig bloß eine Schimäre von mir.

Die slawische Idee wird von dem Germanen ganz ebenso verachtet wie die katholische, nur mit dem Unterschied, daß er die letztere immer als starken und mächtigen Feind geschätzt hat, die slawische Idee dagegen nicht nur für nichts wert hält, sondern sie sogar überhaupt nicht anerkennt, überhaupt kaum kennt. Erst seit ganz kurzer Zeit fängt er an, mißtrauisch zu den Slawen hinüberzusehen. Wenn es ihm auch jetzt noch lächerlich erscheint, anzunehmen, daß auch die Slawen irgendein Ziel oder eine Idee haben könnten, irgendeine Hoffnung, gleichfalls „der Welt etwas zu sagen“, so hat sich einstweilen nach dem Sturze Frankreichs sein mißtrauischer Verdacht doch verstärkt, und die Ereignisse des vorigen Jahres[10] haben ihm dieses Mißtrauen natürlich nicht nehmen können. Augenblicklich ist Deutschland sogar beinahe besorgt. In jedem Fall, sagt es sich, und vor allen etwaigen Orientgedanken, muß es erst seine Arbeit im Westen beenden! Wer aber kann da leugnen, daß Frankreich in diesen fünf Jahren nach seinem Zusammenbruch den Deutschen gerade dadurch beunruhigt, daß dieser es 1870/71 nicht total zertrümmert, zerstampft, vernichtet hat. 1875 erreichte diese Unruhe in Berlin einen sehr hohen Grad, und Deutschland würde sich bestimmt von neuem auf seinen uralten Feind gestürzt haben, um ihn, solange es noch Zeit ist, endgültig zu erwürgen, wenn nicht einige äußerst wichtige Umstände es daran gehindert hätten. Jetzt aber, in diesem Jahre, schreckt Frankreich, das seine Position mit jedem Tage verstärkt hat, Deutschland noch weit mehr als vor zwei Jahren. Deutschland weiß, daß sein Feind nicht ohne Kampf sterben wird, daß er vielmehr, wenn er sich ganz erholt hat, womöglich selbst zum Kampf rufen wird, so daß es nach drei, nach fünf Jahren für Deutschland schon zu spät sein kann. Und nun, in Anbetracht dessen, daß der slawische Osten Europas so ganz von einer eigenen, plötzlich entstandenen Idee durchdrungen ist und jetzt genug bei sich zu Hause zu tun hat, kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß Deutschland, sobald es seinen Rücken gesichert sieht, sich zum letztenmal auf seinen westlichen Feind stürzt und sich von diesem quälenden Alb befreit. Und das können wir schon in allernächster Zukunft erleben. Im allgemeinen jedoch kann man sagen, daß, sobald die Dinge im Osten ein wenig heikel oder gespannt sind, Deutschland in einer fast noch unvorteilhafteren Lage ist. Beinahe muß es dann noch mehr Befürchtungen und Sorgen haben, ganz abgesehen von seinem über die Maßen stolzen Ton – das könnten wir doch wenigstens etwas mehr beachten.

Währenddessen aber ist im Osten tatsächlich die dritte Weltidee großartig aufgegangen, sie, die slawische Idee, die Idee von morgen – vielleicht die dritte aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung über das Schicksal der Menschheit und Europas. Es ist schon heute allen klar, daß mit der Lösung des Orientproblems in die Menschheit ein neues Element dringen wird, eine neue Macht, die bis jetzt passiv dagelegen hat, und bei der es ganz ausgeschlossen ist, daß sie auf das Schicksal der Welt nicht stark und entscheidend wirken wird. Was aber ist das für eine Idee, was wird die Vereinigung aller Slawen mit sich bringen?

All das ist heute noch viel zu unbestimmt; doch daß wirklich etwas Neues gesagt werden muß – daran zweifelt jetzt wohl niemand mehr. Und alle diese drei mächtigen Weltideen drängen fast zur selben Zeit zu ihrer Entscheidung. Das sind keine Launen mehr, kein Krieg um irgendeine Thronfolge oder wegen der Zänkereien irgendwelcher hochgestellten Damen, wie im vorigen Jahrhundert. Hier ist etwas Allgemeines und Endgültiges, und wenn auch durchaus nicht alle Menschenschicksale Entscheidendes, so doch zweifellos etwas, das den Anfang vom Ende der ganzen früheren Geschichte Europas mit sich bringt, – den Anfang der Entscheidung über unsere ganze Zukunft, die in Gottes Hand steht, und die der Mensch nicht vorauswissen, wohl aber ahnen kann.

Die Frage, die sich nun jedem denkenden Menschen unwillkürlich stellt, ist: Können solche Ereignisse in ihrem Laufe stehen bleiben? Können sich Ideen von solcher Größe kleinlichen, jüdischen, drittklassigen Erwägungen unterordnen? Läßt sich ihre Entscheidung hinausschieben, und wäre das überhaupt wünschenswert? Zweifellos muß die Weisheit die Nationen beschützen und verteidigen und der Nächstenliebe und der Menschheit dienen, doch gewisse Ideen haben ihre gewaltige, alles fortreißende Macht. Die abgebrochene und fallende Spitze eines Felsens hältst du mit der Hand nicht auf! Wir Russen haben dabei zweierlei für uns, zwei Kräfte, die da allen anderen in der Welt zusammengenommen gleichkommen, das sind: die Ganzheit, die geistige Unteilbarkeit der Millionen unseres Volkes und dessen unlösbare Verbindung mit dem Zarentum. Es ist das natürlich etwas ganz Unbestreitbares, doch unsere „Klugen“ verstehen nicht nur nicht die russische Volksidee, sie wollen sie noch nicht einmal verstehen.

Die deutsche Weltfrage

Deutschland, die protestierende Macht

Sprechen wir jetzt[11] einmal von Deutschland, über seine jetzige Aufgabe, diese ganze verhängnisvolle und auch alle anderen Völker angehende deutsche Weltfrage.

Was ist das nun für eine Aufgabe? Und warum hat sich diese Aufgabe denn erst jetzt für Deutschland in eine so schwierige Frage verwandelt, warum nicht schon früher, warum nicht schon längst, sondern erst vor einem Jahr, was sag’ ich, erst vor zwei Monaten?

Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es auch früher schon gegeben, hat es gegeben, solange es überhaupt ein Deutschland gibt. Das ist sein Protestantentum: nicht allein jene Formel des Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein ewiges Protestantentum, sein ewiger Protest, wie er einsetzte einst mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses Erbe ausmacht. Ich bin überzeugt, daß viele Leser über das, was ich soeben geschrieben, mit den Achseln zucken und lachen werden: „Wie kann man nur im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der freien Ideen und der Wissenschaft, noch über Katholizismus und Protestantismus reden und streiten, ganz so, als ob wir noch im Mittelalter wären! Es gibt ja allerdings noch religiöse Leute und sogar Fanatiker, aber die haben sich doch nur noch wie archäologische Raritäten erhalten, die verdammt und verlacht und von allen verurteilt in weltfernen Winkeln sitzen, ein armseliges, klägliches Häuschen rückständiger Leutchen. Wie kann man sie bei einer so großen Frage, wie es die der Weltpolitik ist, überhaupt nur erwähnen?“

Ich aber meine nicht den „Protestantismus“, noch denke ich dabei an die zeitweiligen Formeln der altrömischen Idee, noch an den ewig gegen sie gerichteten germanischen Protest. Ich nehme nur die Grundidee, die schon vor zweitausend Jahren geboren wurde und seit der Zeit nicht gestorben ist, obgleich sie sich fortlaufend in verschiedenen Formeln verkörpert hat. Und heute ist es die Erbin Roms, die ganze westeuropäische Welt, die sich in den Geburtswehen einer neuen Umgestaltung dieser übererbten alten Idee windet und quält. Das ist für denjenigen, der zu schauen versteht, schon dermaßen augenscheinlich, daß es für ihn weiter keiner Erklärungen bedarf.

Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee einer universalen Vereinigung der Menschen hervorbrachte, und die erste, die da glaubte und fest überzeugt war, sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor dem Christentum, – die Formel, aber nicht die Idee. Denn diese Idee ist die Idee der europäischen Menschheit, aus ihr bildete sich deren Kultur, für sie allein lebt sie überhaupt. Es fiel bloß die Idee der universalen römischen Monarchie, und sie wurde durch das neue Ideal einer wiederum universalen neuen Vereinigung in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal zerspaltete sich in das östliche, das Ideal der vollkommen geistigen Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, römisch-katholische des Papstes, das dem östlichen durchaus entgegengesetzt ist. Diese westliche, römisch-katholische Verkörperung der Idee vollzog sich auf ihre Art, ohne den christlichen, geistigen Ursprung der Idee ganz zu verlieren, und indem sie diese Idee mit dem altrömischen Erbe verband. Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker, – nicht geistig, sondern staatlich, mit anderen Worten: daß es ohne die irdische Verwirklichung einer neuen universalen römischen Monarchie, deren Haupt nicht der römische Imperator, sondern der Papst sein würde – nicht verwirklichbar wäre. Und da begann dann wieder der Versuch einer universalen Monarchie – ganz und gar im Geiste der altrömischen Welt, aber doch schon in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.

Seit der Zeit hat dieser Versuch in der römischen Welt immer Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Mit der Entwicklung dieses selben Versuchs ist dann der wesentlichste Teil der christlichen Grundsätze gänzlich eingebüßt worden. Als aber die Erben der altrömischen Welt schließlich das Christentum geistig verwarfen, da verwarfen sie mit ihm auch das Papsttum. Das geschah in der Französischen Revolution, die im Grunde nichts anderes war wie die letzte Gestaltveränderung oder Umverkörperung dieser selben altrömischen Formel der universalen Vereinigung. Doch die neue Formel erwies sich als ungenügend, die neue Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen Augenblick, da alle Nationen, die die altrömische Bestimmung übernommen hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht sich, der Teil der menschlichen Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen hatte, – die Bourgeoisie – triumphierte natürlich und erklärte, daß weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Dafür aber schlugen sich alle die Geister, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen Beunruhigung der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer Formeln des Ideals und des neuen Wortes, wie sie beide unentbehrlich sind, – sie alle schlugen sich zu den Erniedrigten und Umgangenen, zu denen, die von der neuen Formel der allmenschlichen Vereinigung, die von der Französischen Revolution 1789 proklamiert worden war, nichts erhalten hatten. Diese Geister verkündeten nun ihr neues Wort, gerade die Notwendigkeit der Allvereinigung der Menschheit, und zwar nicht mehr in der Absicht, Gleichheit der Lebensrechte für etwa einen vierten Teil der ganzen Menschheit zu verschaffen und die übrigen bloß als Rohmaterial und auszunutzendes Mittel zum Glück dieses Viertels bestehen zu lassen, sondern im Gegenteil: um die Allvereinigung der Menschen auf den Grundsätzen der allgemeinen Gleichheit zustande zu bringen, mit der Teilnahme aller und jedes einzelnen an der Nutznießung der Güter dieser Welt, welcher Art sie auch sein mögen. Zur Verwirklichung dieser Lösung aber beschlossen sie, sich jedes Mittels zu bedienen, d. h. also durchaus nicht nur mit den Mitteln der christlichen Kultur vorzugehen, sondern vor nichts mehr zurückzuschrecken.

Was hat nun das alles in diesen ganzen zweitausend Jahren mit Deutschland und den Deutschen zu tun gehabt? Der charakteristischste, wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, d. h. mit all den Erben der altrömischen Bestimmung. Es protestierte gegen diese Welt diese ganzen zweitausend Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht aussprach – und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm zerstörte altrömische Idee – so, glaube ich, war es doch im Herzen immer überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die Menschheit zu führen. Schon mit Armin begann es, gegen die römische Welt zu kämpfen. Darauf, zur Zeit des römischen Christentums, kämpfte es mit dem neuen Rom mehr denn jedes andere Volk um die Vorherrschaft. Und endlich protestierte es in der mächtigsten Weise, indem es die neue Formel des Protestes aus den geistigsten, elementarsten Gründen der germanischen Welt zog. Die Stimme Gottes tönte aus ihm und verkündete die Freiheit des Geistes. Die Spaltung war furchtbar und allgemein, – die Formel des Protestes war gefunden und ging in Erfüllung, – wenngleich es noch immer eine negative Formel blieb, und das positive Wort noch immer nicht gesagt wurde.

Und siehe, nachdem der germanische Geist dieses neue Wort des Protestes gesprochen – erstarb er geradezu für eine Zeitlang, und zwar geschah das parallel mit einer ebensolchen Erschlaffung der früher scharf formulierten Einheit der Kräfte seines Gegners. Die äußerste westliche Welt suchte, unter dem Einfluß der Entdeckung Amerikas, der neuen Wissenschaften und der neuen Grundsätze, sich in eine andere „neue Wahrheit“ umzugebären, gleichfalls in eine neue Phase einzutreten. Als der erste Versuch dieser Umgestaltung zur Zeit der Französischen Revolution gemacht wurde, da war der germanische Geist in großer Verwirrung und nahe daran, seine Individualität zu verlieren, mitsamt dem Glauben an sich. Er konnte nichts gegen die neuen Ideen der äußersten westlichen europäischen Welt sagen. Luthers Protestantismus hatte seine Zeit schon längst hinter sich, die Idee aber des freien Geistes, der freien Forschung war bereits von der Wissenschaft der ganzen Welt angenommen worden. Der riesige Organismus Deutschlands fühlte mehr denn je, daß er keinen, sagen wir, Körper und keine Form für seinen Ausdruck hatte. Und damals war es denn, daß in ihm das dringende Bedürfnis entstand, sich wenigstens äußerlich in einen einzigen festen Organismus zusammenzufügen, in Anbetracht der neuen herannahenden Phasen seines ewigen Kampfes mit der äußersten westlichen Welt Europas. Hierbei ist nun ein interessantes Zusammentreffen bemerkenswert: beide feindlichen Lager, beide Gegner, beide Kämpfer um die Hegemonie im alten Europa ergreifen und erfüllen zu ein und derselben Zeit – oder ungefähr ein und derselben – jeder eine Aufgabe, die der des anderen sehr ähnlich sieht. Die neue, noch phantastische zukünftige Formel der äußersten westlichen Welt – die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft durch neue soziale Grundsätze – diese Formel, die fast unser ganzes Jahrhundert hindurch nur von Schwärmern und ihren halbwissenschaftlichen Vertretern, von allen möglichen Idealisten und Phantasten gepredigt worden ist, verändert plötzlich in den letzten Jahren ihr Aussehen und den Gang ihrer Entwicklung und beschließt: vorläufig von der theoretischen Definition und Propagandierung ihrer Aufgabe abzulassen und sofort den ersten praktischen Schritt zu tun, das heißt so viel wie sofort den Kampf zu beginnen, zu diesem Zweck aber die Vereinigung aller zukünftigen Kämpfer für die neue Idee in einer einzigen Organisation zustande zu bringen, also des ganzen vierten 1789 umgangenen Standes, aller Besitzlosen, aller Arbeitenden, aller Armen, und erst darauf die rote Fahne der neuen unerhörten Weltrevolution zu erheben. Es bildete sich die Internationale, die Vereinigung aller Armen dieser Welt, es gab Zusammenkünfte, Kongresse, Beschlüsse, neue Ordnungen, – mit einem Wort, im ganzen alten Westeuropa wurde der Grundstein zu einem neuen status in statu gelegt, und die zukünftige Ordnung dieser Welt sollte die alte, die dort im äußersten Westen Europas herrscht, verschlingen. Zu derselben Zeit aber, da dieses beim Gegner vor sich ging, begriff der deutsche Geist, daß auch die deutsche Aufgabe, vor allen anderen Dingen und neuen Anfängen, vor jedem Versuch eines neuen Wortes gegen den aus der alten katholischen Idee umgestalteten Gegner, zuerst nur eine war –: die eigene politische Einheit herzustellen, die Schöpfung des eigenen staatlichen Organismus zu vollenden und, erst nachdem das geschehen war, sich Stirn gegen Stirn seinem alten Feinde entgegenzustellen. So geschah es auch: nachdem Deutschland seine Vereinigung innerlich vollendet hatte, warf es sich auf den Gegner und trat mit ihm in eine neue Kampfperiode ein, die mit Eisen und Blut begann. Der Kampf mit dem Eisen ist heute beendet, – jetzt steht nur noch bevor, ihn geistig zu beenden.

Da taucht aber plötzlich für Deutschland eine neue Sorge auf, eine neue, unerwartete Wendung der Sache, die die Aufgabe arg erschwert. Was ist das nun für eine Aufgabe, und worin besteht diese neue Wendung der Sache?

Ein genial-mißtrauischer Mensch
(Bismarck)

Diese Aufgabe, diese unvorhergesehene Sorge Deutschlands, hat sich, wenn man will, schon längst erklären wollen, aber erst jetzt ist sie, vielleicht etwas zu plötzlich, allen sichtbar geworden – und zwar infolge der unvorhergesehenen klerikalen Umwälzung in Frankreich. Man kann sie etwa in der Form folgenden Zweifels ausdrücken: Hat sich nun der deutsche Organismus tatsächlich in ein einziges Ganzes vereinigt, durch die genialen Anstrengungen der Führer Deutschlands in den letzten fünfundzwanzig Jahren? Und überdies noch: Hat er sich denn wirklich politisch vereinigt, ist nicht vielleicht auch das nur ein Trugbild, ungeachtet des Deutsch-Französischen Krieges und des nach ihm proklamierten, früher undenkbar gewesenen großen Deutschen Reiches?

Die ganze Schwierigkeit dieser Frage besteht hauptsächlich darin, daß man sie fast bis zur allerjüngsten Zeit als überhaupt nicht vorhanden annahm – wenigstens, wenn man dabei an die große Mehrzahl der Deutschen denkt. Begeisterung für sich selber, Stolz und unanfechtbarer Glaube an ihre unumschränkte Macht haben ja alle Deutschen ohne Ausnahme nach dem Kriege wie trunken gemacht. Dieses Volk, das ungewöhnlich selten gesiegt hat, dafür aber bis zur Seltsamkeit oft besiegt worden ist, – dieses Volk besiegte plötzlich einen Feind, der fast immer und überall Sieger gewesen. Da es aber nun einmal klar war, daß es ihn nicht nicht-besiegen konnte, infolge der mustergültigen Organisation seiner großen Armee und der eigenartigen Umgestaltung derselben nach völlig neuen Grundsätzen, und außerdem, da es so geniale Führer an der Spitze hatte, so war es für den Deutschen natürlich ganz unmöglich, darauf nicht bis zur Trunkenheit stolz zu werden. Hier braucht man gar nicht den uralten Zug des deutschen Charakters, die selbstzufriedene Prahlerei eines jeden Deutschen, in Betracht zu ziehen. Anderseits: aus dem so kürzlich noch zerstückelten staatlichen Organismus entstand plötzlich ein so festes Ganzes, daß der Deutsche nicht gut auch hierüber in Zweifel geraten konnte und daher einwandlos glaubte, die Einigung sei nun tatsächlich für immer vollbracht, und für den deutschen Organismus bräche nun eine neue, glänzende und große Phase der Entwicklung an. Und so wuchsen denn nicht nur Stolz und Chauvinismus, sondern es schoß sogar richtiger Leichtsinn auf. Was konnte es noch für Fragen geben, – nicht nur für irgendeinen kriegerischen Ladenjüngling oder Bäckergesellen, sondern selbst für einen Professor oder Minister? Einstweilen aber blieb doch noch ein kleiner Kreis von Deutschen übrig, der schon sehr bald, fast sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege, zu zweifeln und nachzudenken begann.

Das Haupt dieses Kreises war zweifellos Fürst Bismarck.

Noch hatten die deutschen Truppen Frankreich nicht verlassen, als er schon einsah, daß mit „Blut und Eisen“ zu wenig getan worden war, daß man, wenn man Ziele von solcher Größe vor sich hatte, wenigstens zweimal mehr hätte tun müssen, da die Gelegenheit nun einmal so günstig war. Allerdings, militärische Vorteile blieben immerhin unvergleichlich mehr auf seiten Deutschlands, und das noch für lange. Frankreich ist nach der Abtretung der beiden Provinzen Elsaß und Lothringen für eine Großmacht an Landumfang so klein geworden, daß im Fall eines neuen Krieges nach ein oder zwei für Deutschland erfolgreichen Schlachten die deutschen Heere schon im Zentrum Frankreichs stehen würden und es somit in strategischer Beziehung erobert hätten. Sind nun aber diese Siege so gewiß, kann man sich wirklich auf diese zwei erfolgreichen Schlachten mit solcher Sicherheit verlassen? 1870–71 haben ja die Deutschen eigentlich nicht Frankreich besiegt, sondern nur Napoleon und seine Institutionen. Nicht immer werden in Frankreich die Heere so schlecht organisiert sein und kommandiert werden; nicht immer werden dort Usurpatoren herrschen, die aus dynastischen Interessen gezwungen sind, solche klägliche Fahrlässigkeit zu dulden, daß ein reguläres Heer sich nicht ein paar Monate im Felde erhalten kann. Nicht immer wird sich auch ein Sedan finden, denn Sedan war ja im Grunde nur ein einzelner Fall, der sich aus dem Umstande ergab, daß Napoleon nach Paris nur durch die Gnade des Königs von Preußen hätte zurückkehren können. Und nicht immer werden dort so wenig begabte Generale wie Mac-Mahon oder solche „Verräter“ wie Bazaine sein. Die Deutschen, trunken von einem bis dahin noch nie erlebten Triumph, konnten natürlich alle bis auf den letzten glauben, alles das hätten sie, und nur sie allein, einzig mit ihrem kriegerischen Genie gemacht. In jenem zweifelnden Kreise jedoch dachte man anders, ... besonders nachdem der besiegte Feind, noch eben so zerrüttet und erschüttert, plötzlich mit einem Schlage fünf Milliarden Kontribution bezahlte und dabei nicht mal die Miene verzog. Das, versteht sich, betrübte sehr den Fürsten Bismarck.

Von der anderen Seite stellte sich dem zweifelnden Kreise noch eine zweite, vielleicht noch wichtigere Frage, und zwar: Hat sich nun wirklich die staatliche und bürgerliche Vereinigung innerhalb des Organismus vollzogen? Ich glaube, in ganz Europa, und besonders bei uns in Rußland, hat bis jetzt noch niemand daran gezweifelt. Überhaupt haben wir Russen alles, was in Deutschland in den letzten zehn, fünfzehn Jahren geschehen ist, für etwas Endgültiges, im höchsten Grade nicht Zufälliges, sondern durchaus Natürliches angesehen, für etwas, das sich nun nicht mehr verändern kann. Die vollbrachten Taten flößten uns außerordentliche Achtung ein. Währenddessen aber nahm wohl in den Augen so genialer Menschen, wie Fürst Bismarck, kaum alles, so wie er es sich innerlich wünschte, bereits die Gestalt endgültiger Dauerhaftigkeit an. Das, was heute noch dauerhaft scheint, kann dies vielleicht nur in der Phantasie sein. Es ist schwer, anzunehmen, daß eine so alte Gewöhnung der Deutschen an politische Zerspaltung so schnell verschwunden sei wie ein ausgetrunkenes Glas Wasser. Der Deutsche ist schon von Natur starrsinnig. Zudem wurde die jetzige Generation der Deutschen von den Erfolgen bestochen, trunken gemacht durch den Stolz und von der eisernen Hand der Führer gelenkt. In Zukunft aber, wenn diese Führer in das Jenseits abgerufen sein werden und ihren Platz im Diesseits anderen überlassen haben, werden sich vielleicht doch die zeitweilig unterdrückten Probleme und Instinkte wieder einstellen. Sehr wahrscheinlich ist gleichfalls, daß dann die Energie der Einheitsbewegung wieder erschlafft sein wird und im Gegenteil die alte Energie der Opposition von neuem ersteht und das ins Wanken bringt, was so mühsam aufgebaut wurde. Es wird sich das Bestreben, sich abzusondern, sich zurückzuziehen, einstellen, und das gerade dann, wenn sich im Westen der furchtbare Feind von dem Schlage ganz und gar erholt hat, dieser Feind, der auch jetzt nicht schläft, nicht müßig ist, und von dem man weiß, welches seine erste Aufgabe sein muß von allen, die er sich gestellt hat. Und da kommt dann noch zum Überfluß, sagen wir, das Naturgesetz selber hinzu: Deutschland ist doch in Europa immerhin das Land, das in der Mitte liegt: wie stark es also auch sein mag – auf der einen Seite bleibt Frankreich, auf der anderen Rußland. Es ist ja wahr, die Russen sind vorläufig noch höflich. Wie aber, wenn sie plötzlich erraten, daß nicht sie das Bündnis mit Deutschland brauchen, wohl aber Deutschland das Bündnis mit Rußland; und überdies noch: daß die Abhängigkeit von dem Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die verhängnisvolle Bestimmung Deutschlands ist, und besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege –?[12] Das ist es ja, warum an die allzu große Ehrerbietung Rußlands selbst ein von seiner Kraft so überzeugter Mensch, wie Fürst Bismarck, nicht imstande ist, zu glauben. Ja, bis zu diesem letzten, unvorhergesehenen Zwischenfall in Frankreich, der plötzlich die ganze Sachlage verändert hat, hoffte Fürst Bismarck immer noch, daß die ungewöhnliche Höflichkeit Rußlands noch lange unerschütterlich anhalten werde. Und nun plötzlich dieser Zwischenfall! Ja, es ist in der Tat etwas Ungewöhnliches geschehen.

Ungewöhnlich für alle, doch nicht für den Fürsten Bismarck! Jetzt erweist es sich, daß sein genialer Blick dieses „Ereignis“ schon längst vorausgesehen hat. Oder ist es nicht sein Genie, sein scharfes Auge, das den Hauptfeind bereits vor so langer Zeit entdeckte? Warum haßte er denn gerade so den Katholizismus, warum verfolgte er alles, was von Rom, – d. h. vom Papste – ausging, nun schon so viele Jahre lang? Warum bemühte er sich so weitsichtig, sich das Bündnis – so kann man sich ausdrücken – mit Italien zu sichern, wenn nicht, um mit Hilfe der italienischen Regierung die Wurzel des Papsttums in der Hand zu haben, wenn die Zeit kommen wird, da ein neuer Papst gewählt werden muß? Nicht den katholischen Glauben verfolgte er, sondern den römischen Ursprung dieses Glaubens. Zweifellos handelte er dabei als Deutscher, als Protestant; er arbeitete gegen die Grundmacht der äußersten westlichen, Deutschland immer feindlichen Welt – trotzdem sahen viele, sehr, sehr viele von den intelligentesten und liberalsten Denkern Europas auf diesen Feldzug des mächtigen Bismarck gegen den nichtssagenden Papst wie auf den Kampf eines Elefanten mit einer Mücke. Manche erklärten sich das mit einer Marotte oder einer Laune des genialen Mannes. Das wichtigste war aber, daß der geniale Politiker, vielleicht als einziger von allen Staatsmännern der Welt, einzuschätzen verstand, wie stark das römische Element noch in sich selbst und inmitten der Feinde Deutschlands ist, und was für einen furchtbaren Kitt es in Zukunft abgeben kann, wenn es heißt, alle diese Feinde zu vereinigen. Er allein war fähig, zu erraten, daß sich vielleicht einzig in der römischen Idee eine solche Fahne wird finden lassen, unter der man in dem unheilvollen und in Bismarcks Augen unabwendbaren Augenblick alle von ihm schon erdrückten Feinde Deutschlands wieder zu einem furchtbaren Ganzen wird zusammenbringen können. Und siehe, der geniale Argwohn hat sich plötzlich bewahrheitet: alle Parteien im besiegten Frankreich, die eine Bewegung gegen Deutschland hätten beginnen können, waren zersprengt, und keine einzige konnte die anderen besiegen und die Macht in Frankreich an sich reißen. Vereinigen konnten sie sich gleichfalls auf keine Weise, da jede ihre besonderen, entgegengesetzten Ziele im Auge hatte. – Und nun vereint die Fahne des Papstes und der Jesuiten mit einem Male alle! Der Feind erhebt sich, und dieser Feind ist nicht mehr Frankreich, sondern der Papst selbst. Es ist der Papst, der Führer aller, dem die römische Idee vermacht ist, der da kommt, um sich auf Deutschland zu stürzen.

Wie aber sieht es nun im Lager dieser Gegner Deutschlands aus?

Ärger und Macht
(Papstmacht)

Der Papst liegt im Sterben und wird bald gestorben sein. Die ganze katholische Welt, die an Christus in der Gestalt der römischen Idee glaubt, ist schon lange in ungewöhnlicher Aufregung: der unheilvolle Augenblick rückt heran – da heißt es denn, Nichts versäumen und außer acht lassen; denn sonst ist das Todesurteil der römischen Idee gefällt. Es kann nämlich geschehen, daß der neue Papst unter dem Druck der Regierungen ganz Europas, also nicht „frei“, gewählt wird, und daß er, zum Papst ausgerufen, einwilligt, auf ewig und im Prinzip jedem Landbesitz zu entsagen, wie auch natürlich dem Titel des weltlichen Herrschers, auf den Pius IX. nicht verzichtete, vielmehr in demselben verhängnisvollen Augenblick, da ihm Rom und das letzte Stück Land genommen wurde und ihm nur noch der Vatikan blieb, wie zum Trotz seine Unfehlbarkeit verkündete und zu gleicher Zeit die These vertrat, daß ohne irdisches Reich das Christentum auf Erden nicht bestehen könne, – also im Grunde sich für den Herrscher der Welt erklärte, und vor den Katholizismus dogmatisch als einziges Ziel die universale Monarchie hinstellte, nach deren Verwirklichung zu streben er zum Ruhme Gottes des Vaters und des Sohnes auf Erden einfach befahl –! Selbstverständlich belustigte er damit seinerzeit alle geistreichen Leute: „Er ärgert sich, doch hilft ihm das nichts,“ sagte man damals. Und jetzt, plötzlich, wenn der neugewählte Papst bestochen wird, wenn sogar das Konklave selber unter dem Druck ganz Europas gezwungen wird, mit den Gegnern der römischen Idee einen Kompromiß zu schließen, – nun, dann kann man sie ja begraben! Denn, wenn einmal ein regelrecht gewählter, folglich also ein „unfehlbarer“ Papst im Prinzip die Würde eines weltlichen Herrschers ablehnt, so wird es auch weiterhin und auf ewig so bleiben. Anderseits: tut der durch das Konklave neugewählte Papst fest und über die ganze Welt hin kund, daß er nichts abzulehnen gedenke und ganz und gar in der alten Idee verbleibe, und schleudert er das Anathema gegen alle Feinde Roms und des römischen Katholizismus, so können ihn die Regierungen Europas, wenn sie wollen, nicht anerkennen und somit eine so verhängnisvolle Erschütterung der römischen Kirche heraufbeschwören, daß die Folgen derselben unberechenbar und unabsehbar wären.

Oh, für die Politiker und Diplomaten fast ganz Europas war der gestürzte, im Vatikan gefangene Papst in den letzten Jahren solch eine Nichtigkeit, daß sie sich schämten, ihn auch nur zu erwähnen, besonders die geistreichen und liberalen unter ihnen. Der Papst, der Allokutionen hielt und Syllabusse herausgab, Pilger empfing und verfluchend im Sterben lag, glich in ihren Augen einem Narren, der bloß zu ihrer Belustigung lebte. Daß die größte Idee der Welt, die Idee, die aus dem Kopfe des Teufels entsprungen während seiner Versuchung Christi in der Wüste, die Idee, die in der Welt schon zweitausend Jahre lebt, daß diese Idee so einfach mir nichts dir nichts sich hinzulegen und sterben werde, womöglich in einer kurzen Minute – das wurde als unbestreitbar angenommen! Der Fehler lag hier natürlich in der Auffassung der religiösen Bedeutung dieser Idee, lag darin, daß zwei Bedeutungen verwechselt wurden: „Da heutzutage,“ hieß es, „selten jemand in der Welt noch an Gott glaubt, von dem Gott der römischen Auslegung schon ganz zu schweigen, in Frankreich aber selbst das Volk nicht mehr glaubt, höchstens noch die höhere Gesellschaft – aber auch die nicht wirklich mehr glaubt, sondern nur so tut – ergo, was können dann in unserem Jahrhundert der Bildung der Papst und der römische Katholizismus noch für eine Macht haben?“ – das ist es, wovon jetzt die geistreichen Leute überzeugt sind. Doch die religiöse Idee und die Papstidee sind grundverschieden. Und diese selbe Papstidee hat nun plötzlich in unseren Tagen, im ganzen erst vor zwei Monaten, mit einemmal solch eine Lebenszähigkeit bewiesen, solch eine Kraft, daß sie in Frankreich die radikalste politische Umwälzung zustande gebracht, ganz Frankreich den Zaum aufgelegt hat und es jetzt sklavisch nach sich zieht.

In Frankreich bildete sich in den letzten Jahren die parlamentarische Mehrheit aus Republikanern: und sie führten ihre Sachen ziemlich gut, ehrlich, ruhig, ohne Aufregungen durch. Sie verbesserten die Armee, bewilligten für sie ohne ein Wort des Streites riesige Summen, dachten aber nicht einmal an den Krieg, und alle begriffen, in Frankreich wie in Europa, daß, wenn es irgendwo eine friedliebende Partei gab, es zweifellos diese republikanische in Frankreich war. Ihre Führer zeichneten sich durch Mäßigung und eine an ihnen ganz ungewohnte Vernunft aus. Einstweilen aber sind das in Wirklichkeit lauter abstrakte Leute und Idealisten, Sänger eines schon längst verklungenen Liedes und furchtbar kraftlose Menschen: liberale, ergraute, doch sich jünger machende Greise, die sich einbilden, immer noch jung zu sein. Sie sind bei den Ideen der ersten französischen Revolution stehen geblieben, d. h. beim Triumph des dritten Standes, und sind im vollen Sinne des Wortes die Verkörperung des Begriffes „Bourgeoisie“. Das ist ganz dieselbe Julimonarchie, aber nur mit dem Unterschied, daß sie Republik heißt und es keinen König in ihr gibt – versteht sich, letzteren im Sinne von „Tyrann“. Alles, was sie Neues gebracht haben – das ist das Anno 48 eingeführte allgemeine Stimmrecht, das von der königlichen Juliregierung so gefürchtet wurde, und aus dem nicht nur nichts Gefährliches entstanden ist, sondern umgekehrt, sogar sehr viel für die Bourgeoisie Nützliches. Sehr zustatten kam diese Idee auch der Regierung Napoleons III. Doch die alten Herren waren im höchsten Grade zufrieden mit ihr, und es beruhigt und lullt sie ein wie kleine Kinder, daß sie „Republikaner“ sind. Das Wort „Republik“ hat bei ihnen etwas Komisch-Ideales. Man sollte meinen, daß diese unschuldige Partei Frankreich und die Franzosen vollkommen zufriedenstellen könnte, das heißt, die städtische Bourgeoisie und die Grundbesitzer. Doch siehe, in Wirklichkeit ist es umgekehrt. In der Tat, warum erschien die Republik in Frankreich immer als eine unzuverlässige Regierungsform? Und wenn die Republikaner nicht immer gehaßt worden sind, so werden sie doch immer von der großen Mehrzahl der Bourgeoisie wegen ihrer Kraftlosigkeit verachtet, oder wenn auch nicht gleich verachtet, so doch immerhin nicht wirklich geachtet. Auch das Volk hat ihnen fast nie getraut. Jedesmal, wenn in Frankreich die Republik die Regierung antrat, verlor geradezu alles im Lande seine Festigkeit und sein Selbstvertrauen. Bis jetzt ist die Republik immer nur ein Übergangszustand gewesen – zwischen revolutionären Versuchen allerschrecklichster Art und irgendeinem, zuweilen allerdummdreistesten Usurpator. Und da sie fast immer ein solches Ende genommen, hat sich auch die Gesellschaft gewöhnt, sie danach zu beurteilen. Dieses Mal war es nicht anders: kaum daß die Republik begann, fingen alle an, sich gleichsam in einem Interregnum zu fühlen – und wie vernünftig die Republikaner auch regieren mögen, die Bourgeoisie bleibt doch im stillen überzeugt, daß früher oder später der rote Bund aufflammen oder wieder irgendeine Monarchie beginnen wird. Das Ergebnis ist, daß der Bourgeoisie nun die monarchische Regierung viel lieber geworden ist als die republikanische, sogar ungeachtet dessen, daß die Monarchie, wie zum Beispiel die Napoleons III., gewissermaßen Versuche einer Vereinbarung mit den Sozialisten gemacht hat, während doch in der ganzen Welt niemand und nichts den Sozialisten feindlicher sein kann als die echten Republikaner: für die ist ja nur das Wort „Republik“ nötig, die Sozialisten aber suchen nicht Worte, sondern Taten. Nach den Prinzipien der Sozialisten ist’s ihnen einerlei – bilden sie eine Republik oder eine Monarchie, bleiben sie Franzosen oder werden sie womöglich Deutsche, und, offen gestanden, selbst wenn sich die Sache irgendwie so wenden sollte, daß ihnen der Papst zustatten käme, so würden sie selbst den Papst wählen. Sie suchen vor allen anderen Dingen zuerst ihre Sache durchzuführen, das heißt, den Sieg des vierten Standes sowie Gleichheit in der Verteilung der Rechte bei der Nutznießung der Lebensgüter, unter welch einer Fahne jedoch – das ist ihnen einerlei, meinetwegen unter der allerdespotischsten.

Auffallend ist, daß Fürst Bismarck den Sozialismus nicht weniger als das Papsttum haßt, und daß die deutsche Regierung, besonders in der allerletzten Zeit, scheinbar schon etwas zu sehr die sozialistische Propaganda zu fürchten anfängt. Zweifellos geschieht das nur, weil der Sozialismus die nationale Grundlage aufhebt, überhaupt die Wurzel der Nationalität untergräbt: das Prinzip der Nationalität aber ist die Grundlage der ganzen deutschen Einheit, die Hauptidee alles dessen, was in Deutschland in den letzten Jahren vollführt worden ist. Es kann jedoch sehr leicht möglich sein, daß Fürst Bismarck noch tiefer sieht und sich folgendes sagt: Der Sozialismus ist für ganz Westeuropa eine zukünftige Macht oder doch Kraft, und wenn das Papsttum irgendeinmal von den Mächten dieser Welt verlassen und verworfen sein wird, so kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß es sich in die Arme des Sozialismus wirft und mit ihm zu einem Ganzen verschmilzt. Der Papst kommt mit bloßen Füßen zu allen Armen und sagt, daß alles, was sie lehren, schon längst in der Bibel geschrieben stehe, daß bisher bloß die Zeit für sie noch nicht gekommen wäre, dieses zu wissen, jetzt aber sei sie endlich angebrochen, und nun sei er, der Papst selber, bereit, ihnen Christus zu opfern, und statt an Ihn, gleichfalls an den menschlichen Ameisenhaufen zu glauben. Der römische Katholizismus – das liegt auf der Hand – bedarf nicht Christi, sondern der Weltherrschaft: „Also ihr braucht eine Vereinigung gegen den Feind? Vereinigt euch unter meiner Macht; denn ich allein bin von allen Mächten und Machthabern der Welt universal, – laßt uns zusammengehen!“ Dieses Zukunftsbild stellt sich wahrscheinlich Fürst Bismarck vor; denn von allen Diplomaten hat er allein einen so scharfen Blick gehabt, um die Lebenszähigkeit der römischen Idee und diese ganze Energie zu erkennen, mit der sie bereit ist, sich zu verteidigen, ohne jetzt noch die Mittel zu wählen. Leben will sie höllisch gern, sie zu töten aber ist schwer, denn sie ist eine Schlange! – Der einzige, der das erkennt, ist Bismarck – der größte Feind des Papsttums und der römischen Idee!

Doch siehe, die sich immer jünger machenden alten Herrchen, die französischen Republikaner, sind nicht fähig, dies zu verstehen. Den Klerus hassen sie schon aus bloßem Liberalismus, den Papst halten sie für machtlos und verächtlich und die römische Idee für vollständig überlebt. Sie verfallen nicht mal darauf, sich mit der furchtbaren klerikalen Partei zu versöhnen, wenn auch nur politisch, um sich etwas mehr Festigkeit zu verleihen. Wenigstens könnten sie es doch vorläufig unterlassen, die Klerikalen zu reizen, sie mit einem so anmaßenden Selbstvertrauen zu foppen, ja, sie könnten ihnen sogar einige Unterstützung bei der so nah bevorstehenden Wahl des neuen Papstes versprechen. Sie aber tun gerade das Gegenteil – entweder aus der idealen Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen, oder einfach aus Leichtsinn. In der letzten Zeit haben sie noch zum Überfluß angefangen ganz besonders den Klerus zu verfolgen, und zwar genau in dem Augenblick, da dem Papsttum nur noch Frankreich als einzige Stütze verblieb. Denn wer könnte wohl im Notfalle für die „Freiheit“ der Papstwahl und für die Freiheit des gewählten Papstes das Schwert ziehen? Und dieses Schwert muß zudem noch stark und mächtig sein. Es blieb keine andere Wahl als Frankreich und seine große Armee. Und nun Frankreich an der Spitze der Feinde! Freilich, Marschall Mac-Mahon ist gehorsam, doch ist er selber in der Klemme und kann sich nicht mal selbst befreien: Die Mehrheit der Kammer ist republikanisch und liberal, und keine einzige der anderen Parteien vermag sie zu stürzen. Kurz, die republikanische Mehrheit zu verdrängen ist unmöglich ... Und nun plötzlich befreit dieser Klerus – dieser verachtete, machtlose Klerus! – den Marschall Mac-Mahon und beweist der ganzen Welt eine Macht, wie sie niemand von ihm mehr erwartet hätte. Die Pfaffen geben den Parteien zu verstehen, daß sie sich nur unter der Fahne des Klerus vereinigen können, und die Parteien, frappiert durch die Augenscheinlichkeit dieser Wahrheit, sind sofort mit ihnen einverstanden. In der Tat: für die Legitimisten wie für die Bonapartisten ist der größte und nächste Feind – diese selbe republikanische Mehrheit. Wenn jede dieser Parteien einzeln für sich arbeiten wollte, so würde sie nichts erreichen, zusammen aber, vereint, können sie eine Macht bilden, die am Ende fähig wäre, alle zu besiegen und selbst die Republikaner zu verjagen. Dann aber, wenn sie die Republik erdrosselt haben, wird jede Partei sich um sich allein kümmern können und, versteht sich, jede von ihnen wird dann um so größere Aussichten auf Erfolg haben, je mehr sie dem Klerus Gefallen erweist. Alles das hat der Klerus mathematisch berechnet und – – die Vereinigung ist zustande gekommen: schon hat die klerikale Mehrheit des Senats den Marschall Mac-Mahon ermächtigt, die Republikaner anzugreifen.

Das schwarze Heer.
Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation

Nachdem der Klerus plötzlich solch eine unerwartete Macht und Gewandtheit bewiesen hat, wird er fraglos noch weiter gehen. Dieses schwarze Heer wird einfach in der entscheidenden Stunde Deutschland den Krieg erklären – und das ist es, was Fürst Bismarck alsbald durchschaut hat! Das Wichtigste haben sie ja schon erreicht: Mac-Mahon hat eingewilligt, Frankreich in die Abenteuerpolitik zu stürzen. Nun, und die Klerikalen sind nicht derart, um vor dem Weiteren zurückzuschrecken. Die haben kein Mitleid mit Frankreich. Wie alles in der Welt, brauchen sie auch Frankreich nur so lange, wie sie aus ihm Nutzen ziehen können. Dieses Land, das ihre einzige Hoffnung ist und ihnen so viele Jahrhunderte lang treu gedient hat, könnten sie eigentlich wohl verschonen! Aber ihre Stunde im Jahrtausend hebt schon an zum Schlage, und wenn ihnen da gerade Frankreich in die Hände fällt: warum sollen sie dann nicht aus ihm Kräfte herausquetschen, soviel sie eben nur können, und wenn sie damit auch hundertmal seine Existenz, sein Leben aufs Spiel setzen? Sie müssen alles nehmen, was es noch hergeben kann, und vor allen Dingen dürfen sie keinen Augenblick versäumen: wollten sie nur ein wenig später beginnen, so wäre es für sie schon zu spät. Darum heißt es gerade jetzt versuchen, Bismarck zu schlagen; denn wenn jemand bei der Wahl des Papstes stören wird, so ist es natürlich nur er. Und hinzu kommt jetzt noch, daß Bismarck gerade in diesem Augenblick ganz allein ist, ohne einen einzigen Verbündeten: Rußland – seine ganze Hoffnung – ist durch den Krieg in Anspruch genommen. Und schließlich, wenn es gelingt, Bismarck, wenn auch nur zeitweilig, zu besänftigen, so heißt es für sie doch, so schnell wie nur möglich, das Zukünftige anbahnen: den günstigen Augenblick benutzen und ein für allemal aus Frankreich einen dauerhaften Bundesgenossen machen, einen, der zu allem bereit ist und gehorsam bleibt, und der einwilligt, zu diesem Zweck daselbst eine radikale, diesmal aber ernstliche, auf ewig geltende Umwälzung zustande zu bringen. Zweifellos ist damit viel gewagt, doch schwanken können wohl andere, nicht aber die Jesuiten. Die Sache liegt nämlich so, daß sie gegenwärtig überhaupt keine andere Wahl haben, als riskieren und riskieren und nochmals riskieren ... Sich mit der klerikalen Umwälzung in Frankreich begnügen, – ohne Krieg mit Deutschland und ohne ernstliche Revolution in Frankreich, ist ihnen einfach unmöglich: derart ist jetzt ihre Lage. Sie wollen alles haben – oder nichts –, und da würde wenig nehmen, sich mit irgendeinem „Einfluß auf die Regierung“ zufrieden geben, ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ihre Bedürfnisse aber sind jetzt riesengroß! Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als va banque zu spielen. Wenn ihnen aber, nehmen wir an, der Coup in Frankreich nicht gelingt, wenn, sagen wir, die Deutschen nochmals siegen und Frankreich den letzten Todesstoß geben, so kommt es für sie doch auf eins heraus: sie, also der Klerus, werden es deswegen nicht schlechter haben als jetzt, ich meine, als wenn sie jetzt artig die Hände in den Schoß legten und keine Umwälzung beabsichtigten: sie würden beim Alten bleiben, bei dem, wo sie vor den „Abenteuern“ waren, das heißt soviel wie in der allerschlimmsten Lage, die nur einen Trost hat, nämlich den, daß sie nicht mehr schlimmer werden kann. Eine andere Sache ist es mit Frankreich: wird es nochmals besiegt, so ist es unrettbar verloren. Doch nicht den Jesuiten steht es an, davor zurückzuschrecken: sie wissen, daß sie, wenn Frankreich siegt, alles bekommen und sich dann endgültig einnisten können. Dazu aber haben sie ihre besonderen Mittel, in Frankreich noch unerhörte Mittel!

Alle anderen Revolutionäre, selbst die wildesten „rotesten“, verbinden sich doch, wenn sie den Umsturz vollbracht, mit irgend etwas Allgemeinem, vorher Gegebenem und sogar Gesetzmäßigem. Die revolutionären Jesuiten jedoch können nicht gesetzmäßig, sondern nur ungewöhnlich handeln. Dieses schwarze Heer steht außerhalb der Menschheit, außerhalb des Bürgertums, außerhalb der Zivilisation und geht ganz von sich allein aus. Das ist ein status in statu, das ist die Armee des Papstes, die braucht nur den Triumph einzig ihrer Idee, – das übrige mag untergehen, was ihr im Wege liegt, mag verderben, was nicht mit ihnen übereinstimmt, mag sterben – Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft! Sicherlich wollen sie Frankreich zu einer neuen und jedenfalls endgültigen Form umarbeiten, wenn bloß die Gelegenheit ihnen günstig ist; und wollen aus dem Lande allen Kehricht hinausfegen, und zwar mit einem Ofenbesen, wie ihn bis jetzt noch niemand gesehen hat, auf daß nicht einmal ein Geruch von irgendeinem Widerstande im Lande bleibe; und wollen dann dem Französischen Staat eine neue Verfassung geben, die ewig unter der strengsten Vormundschaft der Jesuiten bleiben muß.

All das kann auf den ersten Blick lächerlich absurd erscheinen. In der französischen Presse – und auch in der unsrigen – sind alle wohlgesinnten Leute fest davon überzeugt, daß die klerikale Partei sich bei den nächsten Wahlen unbedingt das Bein brechen werde. Die französischen Republikaner sind in ihrer geistigen Unschuld gleichfalls vollkommen überzeugt, daß „die ganze activité dévorante der von neuem ausgesandten Präfekten und Maires so gut wie nichts erreichen wird und nur die früheren Republikaner gewählt werden, die dann wiederum die frühere Mehrheit ausmachen und alsbald den Absichten Mac-Mahons ein Veto entgegensetzen werden; darauf wird dann der ganze Klerus verjagt und mit ihm vielleicht auch Mac-Mahon“. Doch diese Überzeugung ist leider nicht sehr begründet, und sicher machen sich die Klerikalen in der Beziehung die geringsten Sorgen. Die Sache ist nämlich eigentlich die, daß die naiven, harmlosen Greise, wie es scheint, immer noch nicht, trotz der vielen Erfahrungen, im ganzen Umfang begreifen können, mit was für Leuten sie es zu tun haben. Denn so wie die Wahlen für die Klerikalen nur ein wenig unvorteilhaft ausfallen, werden sie auch die neue Kammer auflösen, ungeachtet aller konstitutionellen Rechte derselben. Man wird vielleicht einwenden, dieses sei ungesetzmäßig, illegitim und darum unmöglich? Das ist allerdings wahr, doch wann kümmert sich dieses schwarze Heer um das Gesetz und die Rechte? Sie werden bestimmt – wir haben ja schon Tatsachen, die davon zeugen – ihrem gehorsamen Marschall den tollkühnen Gedanken eingehen, ein Mittel zu gebrauchen, das in Frankreich noch nie angewandt worden ist, und zwar: den militärischen Despotismus. Man wird natürlich sofort sagen, daß das ein altes Mittel sei, daß es schon mehrmals angewandt worden wäre, zum Beispiel von den Napoleonen! Und doch wage ich zu behaupten, daß es in seiner ganzen Gewaltsamkeit tatsächlich noch kein einziges Mal in Frankreich gebraucht worden ist. Hat sich der Marschall Mac-Mahon der Armee versichert, so kann er die ganze zukünftige Versammlung der Landesvertreter, wenn sie gegen ihn ist, einfach mit dem Bajonett auseinanderjagen und darauf dem Volke erklären, daß die Armee es so gewollt habe. Wie ein römischer Imperator der Verfallszeit kann er daraufhin ruhig kundtun, daß er sich hinfort „nur noch nach der Meinung der Armee richten werde“. Dann kommt der allgemeine Belagerungszustand und der militärische Despotismus, – und Sie werden sehen, meine Herrschaften, das wird furchtbar vielen in Frankreich sogar ungemein gefallen! Glauben Sie mir, wenn es not tut, werden auch die Abgeordneten kommen und mit der Stimmenmehrheit ganz Frankreich den Krieg gestatten und die nötigen Gelder dazu hergeben. In seiner kürzlichen Rede an das Heer hat sich der Marschall wenigstens in diesem Sinne ausgedrückt, und seine Worte haben großen Anklang gefunden. Wir können also nicht mehr zweifeln, daß das Heer mehr auf seiner Seite ist. Hinzu kommt noch, daß er jetzt schon zu weit gegangen ist, um noch stehenbleiben zu können, andernfalls würde er seinen Posten nicht mehr behalten, während doch seine ganze Politik und seine ganze Person sich in dem einen Wort „J’y suis et j’y reste“ ausdrückt. Über diese Phrase hinaus ist er bekanntlich noch nicht gegangen, doch wird er selbstverständlich alles für den Triumph derselben tun, wird, wenn’s drauf ankommt, selbst die Existenz Frankreichs aufs Spiel setzen. Die Fähigkeit und Bereitwilligkeit zu solch einem Wagnis hat er ja schon einmal im Deutsch-Französischen Krieg bewiesen, als er sich unter dem Einfluß der Bonapartisten entschloß, aus Treue zur Dynastie Napoleons, Frankreich bewußt seiner Armee zu berauben. Die Klerikalen haben ihm bestimmt sein „J’y suis et j’y reste“ sicher gestellt. Zweifellos haben sie es schon verstanden, Mac-Mahon geschickt darauf hinzuweisen, daß man im Notfalle – sind erst einmal die Parteien, die Bonapartisten und Legitimisten, unter der Fahne vereinigt – daß man im Notfalle, wie gesagt, auch ohne Chambord und ohne Bonaparte auskommen könne und man sie durchaus nicht zu rufen brauche, ja, dieses sogar in keinem Fall, sondern daß einfach der Marschall Mac-Mahon Diktator und unabsetzbarer Regent – doch dann nicht nur auf sieben Jahre – werden könne. Auf diese Weise würde sich also die These „J’y suis et j’y reste“ ohne Wunder verwirklichen – wenn man nur erst das Einverständnis der Armee hätte! Die Zustimmung Frankreichs kommt später ganz von selbst hinzu, denn eine feste Diktatorenhand an der Spitze der Macht wird vielen, sehr vielen gefallen. Solcher schmeichelhaften Hinweise wird es, wie gesagt, fraglos schon gegeben haben. Vielleicht wird man Bedenken tragen, ob ein Mann wie Mac-Mahon so etwas unternehmen und auch ausführen kann? Nun, erstens hat er schon die eine Hälfte ausgeführt, und zwar diejenige Hälfte, die, was Entschlossenheit anbetrifft, keineswegs leichter ist als die andere. Und zweitens, – gerade solche Leute, die an und für sich nicht im geringsten unternehmend sind, können, wenn sie plötzlich unter irgend jemandes höheren, energischen Einfluß kommen, eine ganz unerwartete, verhängnisvolle Entschlossenheit bekunden – nicht etwa weil sie Genies sind, sondern viel eher aus dem entgegengesetzten Grunde. Hier handelt es sich nicht um Erwägung, sondern einfach um das In-Bewegung-Setzen, darum daß man den Anstoß gibt; und hat man solche Menschen erst einmal ordentlich vorwärtsgestoßen, so ziehen sie eben die Karre so lange schnurgerade weiter, bis sie entweder mit dem Kopf die Wand einrennen oder aber sich selbst die Hörner abstoßen.

Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis
(Ausblicke)

All das begreift man in Deutschland nur zu gut. Wenigstens halten alle offiziösen Organe der Presse, die vom Fürsten Bismarck beeinflußt werden, den Krieg für unvermeidlich. Wer von den Gegnern sich zuerst auf den anderen stürzen wird, und wann gerade, – das kann man natürlich nicht voraussagen, doch kann der Krieg sehr, sehr leicht ausbrechen. Selbstverständlich „kann“ das Gewitter auch vorüberziehen, nämlich wenn Mac-Mahon plötzlich Angst befällt vor dem, was er auf sich genommen, und er, wie einstmals Ajax, in Zweifeln befangen, auf halbem Wege stehenbleibt. Dieser Zufall ist allerdings möglich, doch kann man wohl kaum irgendwie auf ihn oder mit ihm rechnen. Vorläufig verfolgt Fürst Bismarck mit fieberhafter Aufmerksamkeit alles, was in Frankreich vor sich geht, und beobachtet und wartet. Für ihn besteht das Verhängnisvolle gerade darin, daß die Sache nicht in dem Augenblick angefangen hat, in dem er es erwartete. Jetzt jedoch sind ihm die Hände gebunden. Am unangenehmsten aber ist, daß sich plötzlich die Wunden aufgedeckt haben, die bis jetzt so sorgsam geheimgehalten wurden. Über die größte von ihnen habe ich schon einmal gesprochen – das ist die Befürchtung, Rußland könnte erraten, wie mächtig es ist, und welch eine Bedeutung sein entscheidendes Wort jetzt, gerade in diesem Augenblick haben kann, und – die Hauptsache – „daß die Abhängigkeit vom Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die Schicksalsbestimmung Deutschlands ist, besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege“. Dieses deutsche Geheimnis könnte jetzt plötzlich ans Licht kommen – und das wäre für die Deutschen zum mindesten peinlich. Wie aufrichtig gewogen uns auch die Politik Deutschlands in den letzten Jahren gewesen ist: dieses Geheimnis ist von allen Deutschen streng bewahrt worden, niemals auch nur angedeutet worden – auch nicht in der Presse. Bis jetzt hatten die Deutschen immer eine ruhige und stolze Haltung, die natürlicherweise der Macht, die niemandes Hilfe braucht, eigen ist; nun aber muß die schwache Stelle leider herauskommen. Denn wenn das klerikale Frankreich sich zum verhängnisvollen Kampf entschließt, so ist es damit nicht getan, daß man seinen Angriff, falls es zuerst angreifen sollte, zurückschlägt, sondern man muß es für immer entkräften, es einfach erdrücken und die Gelegenheit ausnutzen – das ist die Aufgabe! Da aber Frankreich zudem reichlich eine Million Soldaten hat, so muß es den Sieg, um des Endes der Sache gewiß zu sein, unbedingt sicher stellen; denn anders lohnt es sich überhaupt nicht, anzufangen. Und die einzige Sicherstellung wäre, sich des entscheidenden Wortes Rußlands zu vergewissern. Kurz, am unangenehmsten ist, daß all das so plötzlich und unvorbereitet herauskommt. Alle früheren Berechnungen sind umgeworfen, und jetzt sind es schon die Ereignisse, die die Berechnungen lenken – nicht umgekehrt, wie früher. Heute oder morgen kann Frankreich im Innern mit sich zur Ruhe kommen. Es hat sich in eine Abenteuerpolitik gestürzt, und daher kann man sich wohl fragen, wo diese Abenteuer aufhören werden, wo ihnen eine Grenze gezogen sein wird? Das ist sehr unangenehm: noch vor so kurzer Zeit zeigten die Deutschen ein so unabhängiges Auftreten, besonders im letzten Jahre. Erinnern wir uns, daß in diesem Jahre auch Rußland sich bemühte, in Europa zu erkennen, wer ihm freund war, und die Deutschen kannten unsere Sorgen und machten ihre feierlich-festlichste Miene, die wohl den Umständen am angemessensten war. Es ist ja verständlich, wenn Deutschland sich über jede slawische Bewegung immer ein wenig beunruhigt; doch kann man wohl sagen, daß die Kriegserklärung Rußlands vor zwei Monaten für Deutschland vielleicht sogar nicht einmal so ganz unangenehm war: „Nein, jetzt werden sie es schon bestimmt nicht erraten,“ dachte man in Deutschland vor zwei Monaten, „daß wir es sind, die ihrer bedürfen, jetzt werden die Russen, an der Donau, dem ‚deutschen Strom‘, stehend, vollkommen überzeugt sein, daß, umgekehrt, mir sie allein uns furchtbar nötig haben und es am Ende des Krieges ohne unser gewichtiges Wort unmöglich abgehen wird. Und es ist gut, daß die Russen so denken, das kann uns später sehr zustatten kommen.“ Fraglos hat es viele kluge Deutsche gegeben, die vor zwei Monaten so von uns gedacht haben; ihre ganze Presse dachte und schrieb so und – nun plötzlich hat diese klerikale Stimmung durch alles einen Strich gezogen und alles umgestürzt! „Oh, jetzt werden sie es erraten, jetzt werden sie alles erraten! Und außerdem ist es unbedingt nötig, daß Rußland so schnell wie möglich diesen Krieg beendet und wieder frei wird! Doch wäre es äußerst gefährlich, hierbei eine Beeinflussung zu versuchen. Vielleicht wird es vor England und Österreich Angst bekommen – was aber nicht anzunehmen ist. Uns aber England und Österreich zur Beeinflussung Rußlands anzuschließen, daran ist nicht zu denken: die werden später sowieso nicht helfen, und Rußland würden wir nur verärgern. Sonderbare Lage! Oder sollte man Rußland womöglich helfen, damit es den Krieg schneller los wird? Nun ... das könnte man auch ohne Waffen tun, einfach mit politischem Druck, auf Österreich zum Beispiel ...“ So ungefähr überlegen jetzt dieselben Politiker, und es kann sehr, sehr leicht geschehen, daß all das in Wirklichkeit eintrifft.

Um es kurz zu machen – ich wollte nur meine Überzeugung äußern, meinen Glauben, daß Rußland nicht nur so stark und mächtig wie immer ist, sondern jetzt, gerade jetzt, die stärkste aller europäischen Mächte ist, und daß noch niemals sein entscheidendes Wort in Europa so geschätzt werden konnte wie im gegenwärtigen Augenblick. Mag Rußland jetzt auch mit den Türken beschäftigt sein, so kann doch schon seine Entscheidung für diesen oder jenen die Wage der europäischen Politik je nach seinem Wunsch und Willen in starkes Schwanken bringen. Sogar England selbst sieht jetzt, wie es, in Anbetracht der Möglichkeit äußerst umständlicher neuer Ereignisse in Westeuropa, sogar in den Augen der Russen zwei Drittel seines Prestige verliert, und wie doch endlich auch die mißtrauischsten Russen begreifen, daß es ihm, England, nicht einfällt, es auf einen Krieg ankommen zu lassen, wenn Rußland fest entschlossen ist, seine Sache fortzuführen, und daß England weit mehr auf eine Teilung des Erbes nach dem Tore des „kranken Mannes“ spekuliert, als daß es sich entschlösse, für denselben, in dieser ohnehin schon ungemütlichen Zeit, noch einen offenen Krieg zu beginnen. In der Tat, sollte es geschehen, daß etwas Unerwartetes, Unheilvolles in Westeuropa ausbräche, so wird doch England sich nie und nimmer in eine so heikle Sache gar zu sehr einmischen, die dem gewohnten Charakter seiner Interessen so überaus unähnlich sieht, und wird, versteht sich, bloß eine aufmerksam beobachtende Stellung einnehmen und nach seiner alten Gewohnheit den günstigen Augenblick abwarten, in dem sich irgendwo irgendeine Teilung der Beute ausschnüffeln läßt, um sich dann geschwind mit seinen Forderungen einzufinden. Jetzt jedoch, das heißt, vor der Klärung der Verhältnisse im Westen, wäre es keine Berechnung für England, gegen Rußland irgend etwas Ernstes zu unternehmen. Anderseits: was kann Österreich machen, wenn es allein bleibt? Ist es doch unwahrscheinlich, daß die klerikale Verwicklung der Sache in Westeuropa nicht auch auf Österreich hinüberwirken wird. Und so harrt denn natürlich auch Österreich, ganz wie alle anderen, der ferneren Dinge und der Entscheidungen der Fragen, so daß auch ihm jetzt, ganz wie allen anderen, die Hände teilweise gebunden sind. Ja, allen sind jetzt die Hände irgendwie gebunden, nur Rußland hat die seinen noch frei. Nun, und da hat denn auch schon etwas Unvorhergesehenes zu unseren Gunsten eingesetzt. Wie soll man auch nicht mit dem Unvorhergesehenen rechnen, wenn es sich um die Geschicksentscheidung der Menschheit handelt?

Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn über Europa sich wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht entladen soll, so ist es wohl nötig, daß es früher oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich täusche. Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht und all meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen „hitzigen“ Phantasien erweisen – als Phantasien eines Menschen, der von der Politik nichts versteht. Die ganze Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn erwarten, recht oder unrecht? Anderseits versichern die Minister Mac-Mahons den Franzosen und der ganzen Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche beschuldigende Anspielungen –, daß „Frankreich den Krieg nicht beginnen wird“. Nun, da wird man doch wohl zugeben müssen, daß all dieses zum mindesten verdächtig ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach dem Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer Zeit eintreffen kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von der „Meinung der Armee“ abhängt? Schlimm, wenn es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich. Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen und sonst mit niemandem in der ganzen Welt. Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht geschehe: Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch schlimmeres Beispiel.

Die Lage Frankreichs

Unselige Pechvögel
(Französische Republikaner)

Es ist schwer, sich etwas Unglückseligeres vorzustellen, als es die französischen Republikaner und die Französische Republik sind.[13] Nun ist es bald schon hundert Jahre her, daß diese Einrichtung auf die Welt gekommen. Und seit der Zeit ist es immer wieder geschehen – jetzt zum drittenmal –, daß, wenn gewandte Usurpatoren die Republik sozusagen konfiszierten, sich niemand erhob, sie ernstlich zu verteidigen, außer vielleicht irgendeinem kleinen Häufchen Machtloser. Eine allgemeine, starke Unterstützung der Republik von seiten des ganzen Volkes hat es noch nie gegeben. Und selbst in den Zeiten, da sie ein Recht hatte, zu existieren, hat sie selten jemand für eine nicht vorübergehende, für die definitive politische Institution Frankreichs genommen. Nichtsdestoweniger gibt es wohl kaum Leute, die von der Sympathie des ganzen Landes für die Republikaner überzeugter wären als die französischen Republikaner selbst.

Übrigens, während der zwei ersten Versuche, in Frankreich die Republik zu begründen, im vorigen Jahrhundert sowie 1848, konnten die damaligen Republikaner noch einige Gründe haben, besonders zu Anfang ihrer Versuche, auf die Sympathie des Landes zu rechnen. Die jetzigen Republikaner jedoch, – diese selben, denen es bestimmt ist, in allerkürzester Zeit samt ihrer Republik von irgend jemandem kurz und bündig aufgehoben zu werden – die, sollte man meinen, hätten schon wirklich keinen Grund mehr, sich Hoffnungen auf eine sichere Zukunft zu machen, selbst wenn ihnen das Land auch einige Zuneigung entgegenbrächte, eine Zuneigung, die, nota bene, in Frankreich nicht allzu zuverlässig ist; denn das Volk sympathisiert jetzt ja nur negativ mit ihnen, etwa nach dem Sprichwort: bei Fischmangel ist auch der Krebs ein Fisch – mit anderen Worten: im Notfalle nimmt man mit allem fürlieb. Währenddessen aber sind sie noch am Vorabend ihres sicheren Sturzes von ihrem Siege fest überzeugt. Und doch: was waren das für unglückliche Leute, was war das für eine Republik, diese dritte, die der selige Thiers wohl anerkannte, doch eben nur wie den Krebs bei Fischmangel! Wir brauchen uns ja nur der Geburt dieser dritten Republik zu erinnern: fast zwanzig Jahre lang erwarteten diese Republikaner den „ruhmvollen“ Augenblick, da der Usurpator gestürzt sein und „das Land sie zurückrufen“ werde. Und was geschah? Als diese Pechvögel nach Sedan glücklich die Herrschaft an sich gerissen hatten, waren sie gezwungen, diesen furchtbaren Krieg auf ihre Schultern zu nehmen, diesen Krieg, den sie niemals gewollt hätten, und den ihnen der Usurpator hinterließ, als er Frankreich verließ, um in das schöne Schloß Wilhelmshöhe einzuziehen und dort seine Zigarren weiterzurauchen. Und wenn dieser geriebene Usurpator, als er dann durch die Alleen des deutschen Schloßparks spazierte, sich auch über sie geärgert haben mag, die seine Macht an sich gerissen hatten, so wird er zuweilen doch bestimmt auch boshaft gelächelt haben, bei dem Gedanken, wie gut er sich an ihnen gerächt, indem er seine Schuld auf ihr schwaches Haupt gewälzt hatte. Denn, wie dem auch sein möge – später beschuldigte Frankreich doch eher sie als ihn alles dessen, worüber es sich zu beklagen hatte: daß sie den hoffnungslosen Krieg überhaupt weitergeführt und nicht verstanden hatten, sofort Frieden zu schließen, daß sie zwei große Provinzen, fünf Milliarden fortgegeben, das Land zugrunde gerichtet, sich schlecht geschlagen und ihre Anordnungen aufs Geratewohl getroffen. Letzteres wirft man noch heute dem damaligen Diktator Gambetta vor, der jedoch an nichts schuld ist, im Gegenteil, alles getan hat, was unter jenen Verhältnissen möglich war. Kurz, die Anklage gegen die Republikaner, daß sie ungeschickt gewesen seien und das Land ins Verderben gestürzt hätten, hielt sich und hält sich auch jetzt noch unangefochten aufrecht. Was tut’s, wenn alle wissen, daß Napoleon die erste Ursache des Unglücks war, es heißt trotzdem: „Warum haben sie denn die Sache nicht besser gemacht, wenn sie sie einmal übernahmen? Und wenn’s nur das wäre – aber sie haben sie ja noch so verschlimmert, wie man sie sich schlimmer gar nicht vorstellen kann.“ – Ein schöner Vorwurf! Doch das ist noch nicht alles: zusammen mit dieser Anschuldigung heftete sich ihnen auch noch etwas Verächtliches und Lächerliches an, bei dem Gedanken, in welch eine Klemme sie gleich zu Anfang ihrer Herrschaft geraten waren. Und doch – was hätten sie anderes tun können? Den Krieg nicht weiterzuführen, gleich nach Sedan Frieden zu schließen, war unmöglich: Die Deutschen würden auch dann Land und Geld gefordert haben, und was wäre da aus den Republikanern geworden, wenn sie auf diese Bedingungen eingegangen wären? Man würde sie einfach Feiglinge oder „Traitres“ genannt haben, wenn sie, „noch im Besitze einer Armee“, sich nicht verteidigt, sondern schmählich ergeben hätten. Das wäre eine schöne Empfehlung für ihre neue Republik gewesen! Da ihnen aber die Republik und deren Errichtung in Frankreich viel mehr am Herzen lag als die Rettung des Landes, so waren sie eben gezwungen, den Krieg weiterzuführen, trotz der Ahnung, daß nach dem Kriege sie eine noch weit größere Schande erwartete! Also stand vor ihnen Schande, und stand hinter ihnen Schande – eine Lage, die nicht nur unglücklich, nicht nur tragisch, sondern in gewisser Beziehung sogar komisch war; denn wahrlich nicht in der Gestalt hatten sie sich den Antritt ihrer Herrschaft nach dem Sturz des „Tyrannen“ erträumt!

Diese Komik wurde noch durch den Umstand verstärkt, daß sie trotz allem mit dem leichtesten Herzen die Herrschaft ergriffen, trotz allem ... das heißt, Verzeihung, ich will keineswegs behaupten, sie hätten nicht um Frankreich getrauert – oh, unter ihnen gibt es, was Gefühle anbelangt, vortreffliche Leute und sogar wirkliche Diener des Vaterlandes, versteht sich, im Falle es Republik heißt. Vielleicht gibt es sogar solche, einen oder zwei, die selbst die Republik an die zweite Stelle setzen würden, wenn nur Frankreich glücklich wäre – obgleich es kaum wahrscheinlich ist, daß es solche gibt, höchstens, wie gesagt, einen oder zwei, jedenfalls bestimmt nicht mehr. Die Sache war nun aber die: die Republikaner bildeten sich nämlich sofort ein – kaum daß der Friede mit Deutschland geschlossen war und sie sich angeschickt hatten, das Land in Ruhe zu verwalten –, sie hätten schon die Liebe Frankreichs errungen, und zwar gleich auf ewig, für alle kommenden Zeiten. Das war es, was so komisch wirkte! Entschieden hat jeder französische Republikaner die verhängnisvolle, verderbliche Überzeugung, es genüge das Wort „Republik“, es genüge schon, das Land eine Republik zu nennen, und sofort werde es für immer glücklich sein. Jedes Mißlingen der Republik schreiben sie unentwegt stets einem äußeren störenden Umstand zu, wie zum Beispiel dem, daß es auch Usurpatoren in der Welt gibt und überhaupt böse Menschen; und kein einziges Mal denken sie an die ungemeine Schwäche jener Wurzeln, die die Republik im Boden Frankreichs geschlagen, und die in ganzen hundert Jahren nicht haben erstarken und tiefer eindringen können. Überdies ist es den Republikanern in diesen sechs Jahren noch nie eingefallen, daß ihre komische Lage, wie Napoleon III. sie ihnen hinterlassen hat, auch jetzt noch besteht und daß, wenn das alte Unglück vergangen ist, ein neues Unglück, ein dem alten ähnliches, sich nähert, und zwar eines, das sie bestimmt in die allerkomischste Lage bringen wird, in eine so ungemein komische Lage, daß sie sich vielleicht schon in allernächster Zukunft nicht mehr werden halten können. Diese Komik besteht darin, daß dieses kommende Unglück, erstens ganz so wie das vergangene, in ihrer Erfüllung der hohen Pflicht liegt, dem Vaterlande wissentlich zum Verderben dienen zu müssen; zweitens, daß dieses Unglück wieder ganz so wie das erste vollkommen unabwendbar ist; drittens, daß es sie in eine ebensolche Klemme zu bringen droht, wie die, in der sie 1871 staken; und viertens, daß es, zur Vollendung des Verdrusses, ihnen ganz so wie das erste Mal von diesem selben Napoleon III., den sie so hassen und dessen Andenken sie so verfluchen, vermacht worden ist. In der Tat: wer ist jetzt der eifrigste Anhänger der Französischen Republik? Zweifellos Fürst Bismarck. So lange, wie in Frankreich die Republik besteht, ist jeder Revanchekrieg unmöglich. Man stelle sich nur vor: die Republikaner entschlössen sich, den Deutschen den Krieg zu erklären!! Nun, Fürst Bismarck begreift die Lage. Und währenddessen ist es doch sonnenklar, daß der große Organismus Frankreichs – vierzig Millionen – nicht ewig schmachvoll unter der Vormundschaft Deutschlands bleiben kann. Die Wunden werden zuheilen, die Erschütterung wird allmählich in Vergessenheit geraten, es werden sich neue Kräfte ansammeln, Mittel, Heere ... Und kann denn überhaupt eine Nation, die so lange politisch die erste Rolle gespielt hat, nach ihrem alten Ansehen in Europa nicht verlangen? Der Augenblick, in dem das geschehen wird, ist vielleicht nicht mehr gar so fern: die Fülle innerer Kraft muß unbedingt darnach streben, die Vormundschaft Bismarcks abzuschütteln und ihre frühere Unabhängigkeit wiederzugewinnen; denn augenblicklich kann man Frankreich unmöglich unabhängig nennen. In besagtem Falle aber würde eben ganz Frankreich sofort beim ersten Schritt mit dem Kopf an seine Republik stoßen. Wie kann man sich also, wiederhole ich, nur vorstellen, daß die jetzigen Republikaner überhaupt wollen könnten, dem Fürsten Bismarck in irgendeiner Angelegenheit „grob zu kommen“, und sogar in solch einer Weise, daß sie einen Krieg mit ihm riskierten!? Erstens, welch ein Franzose wird denn mit ihnen gehn, sogar in dem Falle, wenn Frankreich den Krieg wollte? Und zweitens wird sich doch jeder Franzose die unabweisbare, furchtbare Frage stellen: Was aber dann, wenn die Deutschen uns wieder schlagen? Dann ist ja für die Republik in Frankreich das letzte Ende gekommen: dann wird Frankreich ausschließlich den Republikanern die Schuld an der Niederlage zuschreiben und sie dann aber endgültig verjagen, wobei es natürlich ganz vergessen wird, daß es selbst nach der „Vergeltung“ und der alten dominierenden Stellung verlangt hatte ... Sollten aber anderseits die Republikaner festen Fuß fassen, auf die neuen Stimmen und Schreiereien nicht hören, den Krieg nicht erklären – so hieße das gegen den Wunsch des Landes gehen, das sie dann wiederum absetzen und sich dem ersten besten gewandten Führer anvertrauen würde. Mit einem Worte: – vorne Sedan und hinten Sedan! Inzwischen haben die Republikaner aber bestimmt noch nicht einmal angefangen an all das zu denken, obgleich der neue Ausbruch des Volkes vielleicht nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und gleichfalls haben sie auch daran noch nicht gedacht, daß sie im Grunde nichts anderes sind, als die Protégés des Fürsten Bismarck, daß Frankreich aber diese Situation mit jedem Jahr mehr und mehr begreifen muß, und zwar im genauen Verhältnis zur Wiedererstehung und Erstarkung seiner Kräfte, und daß es folglich sie, die Republikaner, immer mehr verachten wird, anfänglich im geheimen und noch nicht bewußt, allmählich jedoch immer bewußter und schließlich offen und laut ...

Doch die Republikaner erkennen ihre Komik nicht an – bewahre: das sind pathetische Leute. Im Gegenteil, gerade jetzt haben sie neuen Mut geschöpft, jetzt, nachdem Mac-Mahon, der Präsident der „Republik“, sie nach Haus geschickt und die Kammer bis zu den nächsten Oktoberwahlen vertagt hat. Jetzt sind sie die „Verfolgten“ und fühlen sich deshalb ungeheuer in ihrer Aureole. Sie erwarten, daß ganz Frankreich plötzlich die Marseillaise anstimmen und der Ruf „on assassine nos frères!“ von Mund zu Mund gehen werde; wie einst zur Zeit der Revolution. Jedenfalls vertrauen sie auf den „Sieg der Gesetzmäßigkeit“ und erwarten, daß das Land im Unwillen über den Maréchal Mac-Mahon, über dieses kaum an seine Schale pickende Usurpatorenküchlein, wieder die ganze republikanische Mehrheit in die Kammer wählen wird – und womöglich noch neue republikanische Kandidaten dazu – und daß dann die neue versammelte Kammer dem Maréchal ein strenges Veto sagen und dieser, erschreckt durch die „Gesetzmäßigkeit“, sich von dannen machen wird. Von der Macht dieser „Gesetzmäßigkeit“ sind sie felsenfest überzeugt, – und nicht vielleicht aus Mangel an Intelligenz, sondern einfach, weil sie, diese guten Leute, zu sehr Leute ihrer Partei sind und etwas zu lange in ihrer Ecke gesessen haben. Sie haben zu lange um ihre geliebte Republik gelitten, darum glauben sie so fest an die republikanische „Vergeltung“. Sonderbarerweise glauben auch bei uns in Rußland viele unserer Zeitungen an ihren bisherigen Triumph und den unfehlbaren Sieg ihrer „Gesetzmäßigkeit“. Wodurch aber ist diese „Gesetzmäßigkeit“ gesichert, wenn Mac-Mahon nicht geruht, sich ihr zu unterwerfen, wovon er übrigens dem Lande schon in seinem bewunderungswürdigen Manifeste Mitteilung gemacht hat? – Durch den Unwillen, den Zorn des Landes? Aber der Marschall wird doch sofort in diesem selben Lande unzählige Anhänger finden, wie das ja in ähnlichen Fällen in Frankreich immer gewesen ist. Was soll man dann machen? Barrikaden bauen? Doch bei dem heutigen Gewehr, der heutigen Artillerie sind die alten Barrikaden unmöglich! Ja, und Frankreich wird sie ja gar nicht bauen wollen, selbst wenn es wirklich die Republik wollte. Ermüdet und überdrüssig der hundertjährigen politischen Unordnung wird es auf die allerprosaischste Weise sich überlegen, auf welcher Seite die Kraft ist, und sich dann der Kraft unterwerfen. Die Kraft aber liegt jetzt in der Armee, und das ahnt das Land. Folglich kann die ganze Frage nur sein: Für wen steht die Armee?

Ein merkwürdiger Charakter
(Mac-Mahon. Französische Reaktionäre)

Über die Legionen, als die neue Kraft, die da emporsteigt, um Frankreich noch einmal zu einem ersten Platz in Europa zu verhelfen, habe ich schon früher geschrieben, lange vor dem Manifest des Maréchal-Président – und siehe, es ist alles so in Erfüllung gegangen, wie ich es damals erwartet hatte. In diesem Manifest, das alle Welt nicht wenig Wunder genommen hat, tut der Marschall unumwunden kund, – wenn er auch verspricht, der „Gesetzmäßigkeit“ zu folgen, den Frieden aufrechtzuerhalten, usw. – daß er, wenn das Land sich mit seiner Meinung nicht einverstanden erklären und ihm in den bevorstehenden Wahlen wieder die ganze frühere republikanische Mehrheit schicken sollte, gezwungen sein werde, sich dann seinerseits mit der Meinung des Landes nicht einverstanden zu erklären und sich dem Willen desselben nicht zu fügen. Solch ein erstaunliches Manifest des Marschalls muß seine besonderen Gründe haben! In solch einer Sprache und in solchem Tone hätte er nicht mit dem Lande sprechen können – Frankreich ist doch nicht irgendein Dorf –, wenn er nicht seiner Macht und des Erfolges sicher gewesen wäre! So dürfte es wohl klar sein, daß er seine Hoffnungen auf die Armee setzt. Und wirklich, als der Marschall im Sommer durch Frankreich reiste, wurde er zwar in vielen, ich glaube, schon in allzu vielen Städten und Provinzen recht zweideutig empfangen, das Heer jedoch und die Flotte bekundeten überall volle Anhänglichkeit und begrüßten den Marschall mit begeisterten Hurras. Fraglos darf man an den guten und, sagen wir, unschuldigen Gefühlen des Marschalls nicht zweifeln. Hat er auch etwas mehr als ungewöhnlich gehandelt, indem er im voraus zu verstehen gab, daß er dem rechtmäßigen Willen des Landes nicht gehorchen werde, wenn dieses nicht ihm gehorcht, so hat er das natürlich nur getan, weil er auf seine Weise dem Lande Wohlergehen bringen will und überzeugt ist, daß er dazu auch fähig sei. So braucht man denn wegen der moralischen Eigenschaften des Marschalls weiter keine Bedenken zu tragen, wohl aber vielleicht in Betreff irgendwelcher anderen ... Er scheint einer jener Charaktere zu sein, die immer unter irgend jemandes Vormundschaft stehen müssen: von dieser Seite betrachtet, bietet sein Charakter einzelne bemerkenswerte Sonderheiten. Zum Beispiel fragt es sich, – für wen arbeitet er jetzt? Für wen bemüht er sich so sehr, und für wen wagt er so viel? Zweifellos ist er unter der strengsten Vormundschaft, doch bin ich überzeugt – allerdings ist das nur meine persönliche Meinung: nur er allein ist in ganz Europa bis jetzt noch überzeugt, daß er unter niemandes Einfluß steht und daß er nur von sich aus handelt. Die geschickten Leute, die sich seiner bemächtigt haben, werden ihn wahrscheinlich, solange sie es für gut befinden, in diesem Glauben bestärken – und ihn inzwischen dorthin lenken, wohin sie ihn haben wollen. Das ist natürlich nur möglich, weil sie die Eigenschaften und die Eigenliebe solcher Charaktere vorzüglich kennen. Doch solche geschickten Leute kann man nur in einer einzigen Partei finden, allerdings, der größten und stärksten: in der klerikalen. Alle anderen politischen Parteien Frankreichs zeichnen sich nicht durch Gewandtheit aus. In der Tat nun, unter wessen Vormundschaft steht eigentlich der Marschall? Es ist jetzt wohl schon allgemein bekannt, daß die Legitimisten in Bewegung sind, daß eine ganze Reihe von Kandidaten vorhanden ist, ja – es heißt sogar, daß der Marschall sie protegiere –, daß sie von ihrem Siege bei den Wahlen im voraus überzeugt sind, und ferner, daß sie sich auf das Heer verlassen können, und daß im übrigen der kaiserliche Prinz schon auf das Festland zurückgekehrt sein soll, ja, man sagte sogar, er werde sich nach Paris begeben. Soll man nun wirklich glauben, daß der Marschall Mac-Mahon, dieser so selbstbewußte Präsident der „Republik“, so viel Arbeit und Gefahren auf sich nimmt, einzig um den kaiserlichen Prinzen auf den Thron zu setzen? Ich glaube – wiederum nur meine ganz persönliche Ansicht –, ich glaube, daß das nicht der Fall ist. Ich nehme natürlich den anderen Fall aus, daß es irgendwelche ganz besondere Kombinationen gibt, wie zum Beispiel, daß der Prinz sich mit der Tochter des Marschalls verlobt habe, wie es vor einem Monat verlautete: dann ist es natürlich etwas anderes. Gibt es aber keine solchen besonderen Kombinationen oder geheimen Abmachungen, so scheint mir, daß der Marschall eher geneigt wäre, das Land zu seinem Vorteil zu beglücken, als zum Vorteil eines anderen, und wenn er die bonapartistischen Kandidaten protegiert, so tut er das wohl nur, weil er sie für die verläßlichsten hält, später aber sie so, wie es ihm gefällt, zu lenken gedenkt. Gott mag wissen, was für Gedanken in diesem Hirn entstanden sind. Nicht umsonst hat doch ein Bischof beim Empfange des Marschalls in seiner Begrüßungsrede erwähnt, daß er, Mac-Mahon, weiblicherseits von Karl dem Großen abstamme. Mit einem Wort, ein paar Jahre Präsidentschaft haben vielleicht genügt, um in seine Seele einige erregende und phantastische Gedanken zu pflanzen. Zudem ist er Soldat! Übrigens sind alle diese Erwägungen nur abstrakte Versuche, diesen wirtschaften Charakter zu erklären. Die Wahrheit beschränkt sich vorläufig auf die Tatsache, daß der Marschall in den Händen der Klerikalen ist, und daß diese ihn lenken, nicht aber er sie, wie er es wohl glaubt. Das Schicksal Frankreichs hängt im gegenwärtigen Augenblick entschieden nur von ihnen ab, ausschließlich von ihnen. Zweifellos geht die furchtbare unterirdische Intrige immer noch weiter, und obgleich ganz Europa schon von Anfang an weiß, daß die Klerikalen in der gegenwärtigen westeuropäischen Bewegung eine große Rolle spielen, so ist es diesen, glaube ich, denn doch gelungen, den Umfang und die Macht dieser ihrer Rolle zu verheimlichen, sich hinter anderen zu verstecken, hinter dem Marschall, zum Beispiel, hinter den Bonapartisten, und das wird so fortdauern, bis sie das gewünschte Ziel erreicht haben. Im Grunde ist es ihnen ganz gleich, wer da siegt, der Marschall oder der Prinz. Persönliche Sympathien haben sie nicht und sollen sie auch nicht haben. Sie haben bloß eine Aufgabe: daß Frankreich so schnell wie möglich sein Schwert zieht und sich auf Deutschland stürzt. Nun, und zu diesem Zweck haben sie denn auch die Republikaner, die unfähig waren, für den Papst einzustehen, einfach beseitigt. Jetzt aber warten sie noch ab: wer wird schließlich für ihre Absichten vorteilhafter sein? Sollte der kaiserliche Prinz ihnen wirklich mehr Aussichten für den Krieg bieten, so werden sie sich an ihn machen und ihn nach Paris bringen, natürlich ohne dann noch an Mac-Mahon zu denken. Doch vorläufig scheinen sie sich noch an den Marschall zu halten. Bei der Gelegenheit – vor kurzem noch hieß es, der Marschall habe in einem Gespräch gesagt, selbstverständlich so, daß alle es hören konnten: „Man sagt von mir, ich hätte die Absicht, die republikanischen Einrichtungen zu annullieren, und vergißt dabei natürlich, daß ich, als ich die Präsidentschaft der Republik übernahm, mein Wort gegeben habe, sie zu erhalten.“ Diese Worte bestätigen durchaus die Annahme von der moralischen Unschuld des Marschalls, trotz aller Anschuldigungen der Republikaner. Als ehrlichem Menschen und Offizier ist ihm sein Ehrenwort heilig und er wird es selbstverständlich nicht brechen. Wenn er aber die Republik erhält und zu gleicher Zeit die Republikaner verjagt, so heißt das wohl, daß er die Republik ohne Republikaner fortzuführen gedenkt. Man sollte meinen, dieses wäre tatsächlich sein politisches Programm, und man habe ihn überzeugt, daß es wirklich durchführbar sei. Dieses Programm mit der These: „J’y suis et j’y reste“ – „hab’ mich mal hier hingesetzt und gehe nicht mehr fort“ – bildet augenscheinlich das A und O all seiner politischen Überzeugungen und wird es noch rund bis zum Jahre 1880 bilden, wann die Frist für seine Präsidentschaft und folglich auch die für sein Ehrenwort abläuft. Dann jedoch beginnt schon der Traum ... Das dankbare Land wird, wenn es sieht, daß er die Präsidentschaft niederlegen will, ihm für die Rettung vor den Demagogen eine neue Würde anbieten, nun, meinetwegen die Karls des Großen, und dann wird wieder alles wie geölt gehen ... Selbstverständlich werden die ihn lenkenden Schlauköpfe, im Falle er wirklich sein Ehrenwort halten und die republikanischen Einrichtungen bestehen lassen wollte, ihn sofort gegen Bonaparte eintauschen, wenn diese Republik ohne Republikaner ihren weiteren Plänen unvorteilhaft sein sollte. In Anbetracht dessen haben sie ihn denn auch, wie es scheint, veranlaßt, die bonapartischen Kandidaturen zu unterstützen – natürlich mit der Versicherung, es sei für ihn selbst vorteilhaft. Jedenfalls bleibt er unter so unbarmherziger Vormundschaft, daß er auf keine Weise aus ihr heraus kann. Ja, irgendwelche großen, noch nie dagewesenen Ereignisse erwarten die Welt, man ahnt, daß die Armee in Tätigkeit treten wird, ahnt die mächtige Bewegung des Katholizismus. Die Gesundheit des Papstes, schreibt man, sei „befriedigend“. Doch wehe, wenn der Tod des Papstes mit den französischen Wahlen zusammenfällt, oder wenn der Papst auch nur bald nach ihnen stirbt. Dann kann sich die Orientfrage mit einem Schlage in eine europäische verwandeln ...

Die katholische Verschwörung

Den Gedanken einer katholischen Verschwörung[14] habe ich schon früher einmal[15] recht ausführlich behandelt, doch scheint der Hauptpunkt meiner Ausführungen, – daß der Kern der gegenwärtigen wie der bevorstehenden Ereignisse ganz Europas in der katholischen Verschwörung und der baldigen, zweifellos mächtigen Bewegung des Katholizismus, die mit dem Tode des alten und der Wahl des neuen Papstes zusammenfallen wird, liegt, – dieser Hauptpunkt scheint übersehen worden zu sein. Heute bin ich noch fester von meiner Ansicht überzeugt, als vor zwei Monaten. Seit der Zeit ist so vieles geschehen, was mich in meiner Lösung des Rätsels bestärkt hat, daß ich an ihrer Richtigkeit nicht mehr zweifle. Seit der Zeit haben auch die Zeitungen, die unsrigen wie die ausländischen, angefangen über dasselbe Thema zu schreiben, – wenn auch, wie es scheint, immer noch nicht so recht entschlossen, die letzte Folgerung zu ziehen.

Ich will hier eine Stelle aus dem vorzüglichen Leitartikel der „Moskauer Nachrichten“ anführen, die unter anderem auch die Meinungen der Korrespondenten englischer Blätter zitiert:

Die Korrespondenten der englischen Blätter ergehen sich in recht aufrichtigen Erklärungen. Der Schlüssel der europäischen Politik ist nach ihrer Meinung in den Händen Deutschlands. Deutschland aber wäre aus sehr begreiflichen Gründen aufgelegt, gerade jetzt sich noch fester als zuvor Rußland anzuschließen. – Erstens hat man in Berlin bemerkt, daß die Mißerfolge der russischen Strategie Österreich belebt und sogar ermuntert haben, also dasjenige Land, welches, wie man annimmt, immer noch einigen Unwillen gegen Preußen nährt. Zweitens, daß die Hauptfeinde Deutschlands, Frankreich und der Katholizismus, ihre ganze Sympathie der Türkei entgegenbringen. Zu Anfang der Balkanwirren allerdings, da liebäugelte Frankreich noch mit Rußland, doch wenn es damals vielleicht noch einiges Wohlwollen für uns dort gab, so hat sich dasselbe jetzt nicht nur vermindert, es hat sich sogar mit dem ganzen Herzen den Türken zugewandt. Und was den kriegerischen Katholizismus anbetrifft, so hat er nicht erst jetzt, sondern von Anfang an, wie allen bekannt, leidenschaftlich die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland unter seinen Schutz genommen. Die Gesinnungslosigkeit des eifernden Klerus ist sogar so weit gegangen, daß sich ein Vertreter dieser Partei mit unmißverständlicher Zärtlichkeit über den Koran geäußert, so daß selbst die ultramontane „Germania“ es für nötig befunden hat, ähnliche Ausfälle durch die Bemerkung abzuschwächen, daß, wenn man sich auch der Siege der Türken über die verhaßten Russen freuen müsse, es doch nicht ganz angebracht sei, gleich Sympathie für den Islam zu bekunden. Da nun das mot d’ordre des Katholizismus auffallend mit der Veränderung der öffentlichen Meinung Frankreichs zugunsten der Türken zusammenfällt, und da die Interessen des gleichfalls katholischen Österreichs den Interessen Rußlands zuwiderlaufen, so fürchtet man natürlich in Berlin die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga, in die vielleicht später die ultramontanen Interessen sowie die separatistischen Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten. So schreiben nämlich die englischen Korrespondenten, doch kann hierüber wohl kein Zweifel bestehen, daß es England ist, das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt. Also bleiben wir wieder allein mit der Türkei.

Das ist ja alles ganz wunderschön, doch ist es einstweilen noch immer nicht das erklärende und letzte Wort, das zu sagen sich offenbar niemand getraut. Doch spricht man in diesem Leitartikel wenigstens auch von dem kriegerischen Katholizismus und der Bedeutung, die er in den Augen Bismarcks hat, und von dem gegenwärtigen Einfluß des ersteren auf Frankreich; und endlich sogar von der Liga: daß man in Berlin natürlich die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga fürchte, in die vielleicht später die Ultramontanen und die separatistischen Elemente Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten. Nun, von einer katholischen Liga, von einem katholischen Komplott sprach ich ja gerade vor zwei Monaten, doch sagte ich damals auch mein letztes abschließendes Wort darüber: nämlich, daß gerade in der Verschwörung die ganze Sache bestände, daß von ihr jetzt alles in Europa abhänge, und daß sogar der ganze Balkankrieg sich in kürzester Zeit in einen alleuropäischen verwandeln könne – und dieses einzig nur infolge dieser mächtigen Verschwörung des sterbenden Katholizismus. Währenddessen wollen die englischen Korrespondenten und die „Moskauer Nachrichten“ diesen Gedanken gewissermaßen noch nicht zugeben, und letztere behaupten statt seiner sogar, daß „zweifellos England es ist, das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt“, und daß „wir mit der Türkei wieder allein bleiben werden“. – Wirklich? Steht es uns nicht vielleicht schon in allernächster Zukunft bevor, daß wir uns plötzlich nicht der Türkei, sondern ganz Europa allein gegenüber befinden?

In der Tat, was ist denn das für ein „kriegerischer Katholizismus“, den zu bemerken und in den gegenwärtigen Ereignissen zuzugestehen, sich alle bequemen? Woher kommt dieser kriegerische Mut, der sogar „bis zur Leidenschaft“ wird, mit dem der Katholizismus die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland in seinen „Schutz“ nimmt? Sollte das wirklich nur deshalb geschehen, „weil Rußland das abtrünnige Land ist“? Der Katholizismus hat heutzutage so viel Scherereien und ernste Sorgen, daß ihm an all diese alten Kirchenstreitigkeiten nicht mal zu denken Zeit übrigbleibt. Doch vor allem eine Frage: Woher kommt denn diese „katholische Liga“, die man in Berlin so fürchtet? Übrigens, eben davon habe ich ja schon früher gesprochen, und meine Folgerung war damals, daß diese Liga, die jetzt auch schon von anderen zugegeben wird, eine feste, streng organisierte katholische Verschwörung ist, mit der Absicht, die römische Weltherrschaft wiederherzustellen, ferner, daß sie sich schon heute über ganz Europa verbreitet hat, und daß infolgedessen der Schlüssel der gegenwärtigen Intrigen weder hier noch dort und nicht nur in England allein, sondern gerade in dieser universalen katholischen Verschwörung liegt!

Der kriegerische Katholizismus stellt sich eifrig und „leidenschaftlich“ gegen uns auf die Seite der Türken. Selbst in England, selbst in Ungarn gibt es augenblicklich keine so eifernden Hasser Rußlands, wie diese kriegerischen Klerikalen. Nicht irgendein Prälat, sondern der Papst selber hat in den Versammlungen im Vatikan freudig von den „türkischen Siegen“ gesprochen und Rußland eine „furchtbare Zukunft“ prophezeit. Dieser sterbende Greis, der sich noch dazu das „Haupt der Christenheit“ nennt, hat sich nicht geschämt, öffentlich zu gestehen, daß er jedesmal freudig erregt von den Niederlagen der Russen höre. Ein so furchtbarer Haß wird sofort begreiflich, wenn man zugesteht, daß der römische Katholizismus jetzt tatsächlich „Krieg führt“, daß er in Wirklichkeit und mit dem Schwert in Europa gegen seine verhängnisvollen Feinde im Felde steht. Doch wer ist denn in Europa augenblicklich der größte Feind des römischen Katholizismus, das heißt, der Weltmonarchie des Papstes? Fraglos Fürst Bismarck. Rom selber wurde dem Papst ausgerechnet in der Stunde der Größe und Herrlichkeit Deutschlands und Bismarcks genommen, in der Stunde, da Deutschland den ersten Verteidiger des Papsttums, Frankreich, vernichtete, wodurch es bekanntlich dem italienischen König die ersehnte Freiheit zum Handeln gab – der dann auch unverzüglich Rom einnahm. Seit der Zeit hat Rom nur eine einzige Sorge gehabt, und zwar: einen Feind und Gegner Deutschlands und des Fürsten Bismarck zu finden. Fürst Bismarck wiederum begreift seinerseits schon längst und besser, als man es sich denkt, daß der römische päpstliche Katholizismus – abgesehen von seiner ewigen Feindschaft gegen das protestantische Deutschland, das seinerseits wiederum so viele Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee in allen ihren Gestalten und gegen alle Verbündeten und Beschützer und Anhänger Roms protestiert hat –, daß der Katholizismus namentlich jetzt, also in der für das geeinte Deutschland gefährlichsten Zeit, das allerschädlichste aller diese Vereinigung erschwerenden Elemente ist, mit anderen Worten, daß Rom die Vollendung dieses Gebäudes verhindern will, das zu errichten das mühevolle Lebenswerk Otto von Bismarcks gewesen ist. Außer dieser „Möglichkeit“ einer katholischen, antideutschen Liga fürchtet man jetzt in Berlin noch, was man eigentlich schon lange vorhergesehen hat: daß der Katholizismus, sei es früher oder später, jedenfalls aber einmal, die Ursache der nächsten Erhebung Frankreichs sein wird, um Rache an Deutschland zu nehmen, von dem es erniedrigt und besiegt worden ist – und daß die Veranlassung dazu der römische Katholizismus früher und sicherer als alle anderen Feinde geben wird, und daß folglich er die größte Gefahr für das geeinte Deutschland bleibt. Diese Berliner Befürchtung hat sich aus der ganz natürlichen Kombination ergeben, daß erstens das Papsttum in der Welt keinen anderen Verteidiger hat, als immer noch dasselbe Frankreich, das sich einzig auf sein Schwert verlassen kann, wenn es ihm nur gelingt, dieses Schwert wieder fest mit der Hand zu fassen, und zweitens, daß der römische Katholizismus noch längst kein toter Feind ist, daß er schon tausendjährig ist, daß er mit wahrer Leidenschaft leben will und seine Lebensfähigkeit geradezu großartig ist, daß er Kräfte hat in Überfülle, und daß eine so mächtige Idee, wie die weltliche Papstmacht, nicht in einer Minute sterben kann. Ja, in Berlin hat man nicht nur den Feind erkannt, sondern auch seine Macht. In Berlin verachtet man seine Feinde nicht vor dem Kampf.

Wenn nun aber der Katholizismus mit solchem Drange leben will und leben muß, und wenn das Schwert, das ihn verteidigen könnte, sich nur in Frankreichs Hand befindet, so ist es wohl klar, daß Rom Frankreich nicht aus den Fingern lassen wird, besonders wenn es den günstigen Augenblick abwartet. Dieser günstige Augenblick kam nun im Frühling – das war der Russisch-Türkische Krieg, die Aufrollung der Balkanfrage. In der Tat: wer ist der Hauptverbündete Deutschlands? Selbstverständlich Rußland. Und das hat Rom vorzüglich eingesehen. Da haben wir nun den Grund, warum sich der Papst über die russischen „Mißerfolge“ freut: durch sie ist der größte Bundesgenosse des furchtbarsten Feindes der päpstlichen Macht von seinem uralten und natürlichsten Verbündeten durch den Krieg abgelenkt worden, und folglich ist Deutschland jetzt allein, – das heißt aber so viel, daß jetzt der Augenblick gekommen ist, den der Katholizismus so lange ersehnt hat. Wann sonst, wenn nicht jetzt, sollte es wohl am besten sein, den alten Haß zu schüren und Frankreich in den Rachekrieg zu treiben?

Zudem nähern sich für den Katholizismus noch andere gefährliche Krisen, so daß es jetzt wirklich für ihn heißt: keinen Augenblick verlieren. So naht unaufhaltsam der Tod Pius’ IX. und damit die Wahl des neuen Papstes. In Rom aber weiß man nur zu gut, daß Fürst Bismarck seine ganze Genialität und seine ganze Kraft anwenden wird, um den letzten, furchtbarsten Schlag gegen die päpstliche Macht auszuführen: daß er aus allen Kräften die Wahl des neuen Papstes zu beeinflussen versuchen wird, und zwar, um ihn aus einem weltlichen Herrscher und Machthaber in nichts weiter als einen gewöhnlichen Patriarchen zu verwandeln, und das wenn möglich noch mit seiner eigenen Zustimmung – um darauf, nachdem der Katholizismus sich dann in zwei feindliche Lager gespalten hat, ihn zerbröckeln und all seine Absichten, Ansprüche und Hoffnungen auf ewig vernichten zu können. Wie soll sich da der Katholizismus nicht beeilen, alle Maßregeln, die gegen Bismarck zu ergreifen sind, so schnell wie möglich zu treffen! Und siehe, da kommt gerade zur rechten Zeit die Orientfrage dazwischen! Oh, jetzt wird man für Frankreich schon Verbündete, die es so lange vergeblich gesucht, mit Leichtigkeit finden können! Jetzt wird sich sogar eine ganze Koalition zusammentreiben lassen! Und wenn auch Europa von Blutströmen überschwemmt wird, – was hat das zu sagen! Dafür wird der Papst triumphieren, – das aber ist für die römischen Verkünder Christi alles!

Nun, und da haben sie sich denn an die Arbeit gemacht. Als erstes, versteht sich, mußte man erreichen, daß Frankreich für sie einsteht. Wie das machen? Sie haben es verstanden! Jetzt wird es schon von allen Staatsmännern und der ganzen Presse zugegeben, daß die Maiumwälzung in Frankreich von den Klerikalen veranlaßt worden ist; nur, wiederhole ich, scheinen sie alle dieser Tatsache noch nicht die volle Bedeutung zugestehen zu wollen, die sie zweifellos in sich schließt. Man könnte glauben, Europa hätte sich vor vier Monaten endgültig überzeugt, daß die Klerikalen und der Klerus den Staatsstreich in Frankreich bloß deshalb gemacht, um letzterem daselbst mehr Freiheit, gewisse Nutznießungen und größere Rechte zu verschaffen, während es doch unmöglich ist, auch nur anzunehmen, daß dieser Umsturz nicht mit den allerradikalsten Zielen vorgenommen worden sei, um – in Anbetracht der baldigen Unruhen in der römischen Kirche bei Gelegenheit der Papstwahl – den möglichst sofortigen Ausbruch des nun nicht länger aufschiebbaren Krieges zwischen Frankreich und Deutschland zu bewirken! Ja! gerade den Krieg wollen sie! Womit die Sache auch enden mag: sie werden ihren Willen doch durchsetzen, werden es doch zu dem Kriege bringen, durch den, falls Frankreich siegen sollte, dann auch der Papst vielleicht wieder zu seiner weltlichen Macht kommen kann.

Sie haben es bewunderungswürdig gewandt begonnen: schon allein, daß sie eine Zeit gewählt, in der alles zu ihrem Vorteil wie vorherbestimmt zusammentraf. Beginnen mußten sie unbedingt damit, daß sie die Republikaner, die den Papst um keinen Preis unterstützen, und die sich niemals zu einem neuen Krieg gegen Deutschland entschließen würden, nach Hause schickten. So haben sie es denn auch getan. Darauf hieß es, den Marschall Mac-Mahon zwingen, einen unverbesserlichen Fehler zu begehen – unbedingt einen unverbesserlichen –, um ihn auf einen Weg zu treiben, auf dem es kein Zurück mehr gibt. Das ist gleichfalls glücklich geschehen: er hat die Republikaner verjagt und verkündet, daß sie nicht mehr zurückkehren würden. So ist jetzt schon ein guter Grundstein gelegt, und die Klerikalen sind vorläufig zufrieden: sie wissen, daß, im Falle das französische Volk wieder die republikanische Mehrheit schicken sollte, der Marschall die Abgeordneten zurückschicken wird. Gambetta hat allerdings erklärt, Mac-Mahon müsse sich entweder der Entscheidung des Landes fügen oder seinen Posten verlassen. Dasselbe erklären nach ihm auch alle Republikaner; doch vergessen sie bloß, daß die Devise des Marschalls „J’y suis et j’y reste“ ist, und er sich von seinem Sessel nicht erheben wird. Seine Hoffnung setzt der Marschall natürlich auf die Ergebenheit der Armee. Dieser Ergebenheit der Armee – dem Marschall oder sonst wem – wollen sich nun auch die Klerikalen bedienen. Wäre nur erst die staatliche Umwälzung für sie vollzogen, dann könnten sie ja schon steuern, wohin sie wollen! Am wahrscheinlichsten ist, daß es so auch geschehen wird: sie werden den Usurpator einfach umringen und dann nach Gutdünken lenken. Doch selbst, wenn sie nicht mehr da wären, würde die Sache jetzt schon ohne sie ganz von selbst gehen: die gute Saat ist von ihnen in den richtigen Boden gesät, – wenn nur die staatliche Umwälzung sich vollziehen würde! Sie wissen, welch einen kolossalen Eindruck auf den Fürsten Bismarck jede staatliche Veränderung in Frankreich macht. Schon 1875 wollte er Frankreich den Krieg erklären, da er fürchtete, der Feind könne, wenn es mit seiner Erholung und Erstarkung immer so weiter bergauf ginge, gar bald gefährlich werden. Die Republikaner freilich, die er begünstigte, hätten es um nichts in der Welt gewagt, mit ihm einen Krieg zu beginnen, und so war er denn bis jetzt zum Teil beruhigt, da er sie an der Spitze des feindlichen Reiches wußte, sogar trotz der von Jahr zu Jahr größeren Erstarkung desselben. Dafür aber regt ihn jede neue Regierungsveränderung in Frankreich natürlich ungemein auf. Und in welch einem Augenblick: da Deutschlands natürlicher Verbündeter durch den Krieg gegen die Türkei in Anspruch genommen ist, da Österreich – der alte Gegner Deutschlands –, in dem so viel Deutschland feindliche katholische Elemente stecken, plötzlich seinen Wert so hoch schätzt, und da England schon seit dem Ausbruch des Türkenkrieges mit einer so gereizten Ungeduld sich in Europa einen Bundesgenossen sucht! Wie nun, wird man in Berlin denken, wenn Frankreich mit seiner zukünftigen Regierung an der Spitze, die von den Klerikalen beherrscht und gelenkt wird, – wie nun, wenn Frankreich plötzlich errät, daß für den Vergeltungskrieg, wenn er überhaupt einmal geführt werden soll, eine bessere Gelegenheit, als die gegenwärtige, sich niemals mehr wird finden lassen, und ebensowenig jemals wieder so bedeutende Verbündete, wie jetzt? Und wie nun, wenn gerade zu der Zeit der Papst stirbt? Wie, wenn die Klerikalen die neue französische Regierung zwingen, Bismarck zu melden, daß seine Ansichten über die Wahl des neuen Papstes mit den Ansichten Frankreichs nicht übereinstimmen, – was bestimmt geschehen wird, wenn die Republikaner sich stürzen lassen – –? Wie, wenn auch die neue französische Regierung zu gleicher Zeit errät, daß sie, wenn es ihr gelänge – in Anbetracht der Möglichkeit, in Europa mächtige Verbündete zu finden – wenigstens eine der 1871 verlorenen Provinzen zurückzuerobern, dadurch ihre Macht und ihren Einfluß im Lande mindestens auf zwanzig Jahre befestigen könnte? Nun, wie soll man sich da nicht aufregen?

Und dann gibt es hierbei noch einen kleinen Umstand: der Deutsche ist hochmütig und stolz, der Deutsche wird Ungehorsam nicht ertragen. Bis jetzt war Frankreich gehorsam unter voller Vormundschaft Deutschlands, gab Rechenschaft auf seine Anfragen fast über jede Bewegung, die es tat, mußte Entschuldigungen machen und Erklärungen schicken für jede dem Heere neu hinzugefügte Division, für jede neue Batterie. Und plötzlich erkühnt sich dieses selbe Frankreich, das Haupt zu erheben! So können die Klerikalen eigentlich darauf rechnen, daß Fürst Bismarck womöglich selber als erster den Krieg beginnen wird. Er hat es ja schon einmal tun wollen, – 1875. Den Krieg jetzt nicht beginnen, heißt Frankreich auf ewig aus den Händen lassen. Allerdings war 1875 die Situation nicht wie heute, doch wenn Österreich zu Deutschland hält, so ... Mit einem Wort, bei der kürzlichen Zusammenkunft der deutschen und österreichischen „Premiers“ ist wahrscheinlich nicht nur über die Balkanfrage gesprochen worden. Und wenn es jetzt irgendwo ein Reich gibt, das in der vorteilhaftesten außenpolitischen Lage ist, so ist das zweifellos Österreich!

Österreichs gegenwärtige Gedanken

„Wieso?“ wird man fragen.[16] „In Österreich sind jetzt Unruhen; halb Österreich will nicht, was seine Regierung will; in Ungarn kommt es zu Manifestationen; Ungarn brennt vor Begierde, mit den Türken gegen die Russen zu kämpfen; man hat sogar eine Verschwörung entdeckt, tatsächlich: eine englisch-magyarisch-polnische! Anderseits sieht die österreichische Regierung auch auf die slawischen Elemente, die ihr Land bewohnen, mit einem gewissen Mißtrauen, obgleich diese bis jetzt noch zur Regierung halten. Wie kann man also sagen, daß Österreich zurzeit in der vorteilhaftesten politischen Lage sei, in der sich ein europäisches Reich nur befinden kann?“

Ja, das ist wahr. Wahr, daß die katholische Tätigkeit sich fraglos auch auf Österreich erstreckt. Die Klerikalen sind weitsichtige Leute: wie sollten sie die augenblickliche Bedeutung dieses Landes nicht zu schätzen wissen, wie sollten sie die Gelegenheit vorübergehen lassen! Und schon, versteht sich, haben sie die Gelegenheit benutzt, um in diesem katholischen „allerchristlichsten“ Lande alle möglichen Unruhen unter den bis zur Unkenntlichkeit verschiedensten Vorwänden, Formen und Ausartungen zustande zu bringen. Nun noch eines: wer weiß, vielleicht ist man in Österreich, obgleich man sich natürlich den Anschein gibt, als ärgere man sich sehr über diese Unruhen, in Wirklichkeit gar nicht so ungehalten über sie. Ja, vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: man „bewahrt“ diese Unruhen für alle Fälle auf, in Anbetracht dessen, daß sie sich in nächster Zukunft vielleicht verwerten lassen ... Am augenscheinlichsten ist übrigens, daß Österreich, wenn es sich auch, was die laufenden Angelegenheiten betrifft, in der glücklichsten politischen Lage fühlt, sich für eine weitsichtige und sehr bestimmte Politik doch noch nicht entschlossen hat, sondern erst überlegt und abwartet: was wird ihm die Vernunft zu tun raten? Sollte es sich aber doch zu irgend etwas Bestimmtem entschlossen haben, so wäre das wohl höchstens in betreff der nächstliegenden politischen Fragen der Fall – und selbst das nur bedingt. Überhaupt ist es in der glücklichsten Gemütsverfassung: es entschließt sich, ohne sich zu beeilen, es wartet ruhig, da es weiß, daß es alle auf sich warten macht, und alle es brauchen, es lauert auf seine Beute, die es selber auswählen wird, und leckt sich schon wonnig die Lippen beim Gedanken an die nun bald ihm zufallenden, unentwischbaren Bissen.

Während der Zusammenkunft der Kanzler beider deutschen Reiche, die kürzlich stattfand, ist vielleicht sehr viel „Bedingungsweise-Mögliches“ berührt worden. Wenigstens hat die österreichische Regierung schon in ihrem Lande kundgetan – doch so, daß alle Länder es hören mußten –, daß am Balkan nichts geschehen noch entschieden wird, was den Interessen Österreichs entgegen ist: ein ungemein schwerwiegender Gedanke. So ist Österreich schon überzeugt, ohne noch die Hand an irgend etwas gelegt zu haben, daß es bedeutenden Anteil an den russischen Erfolgen, falls es zu solchen kommen sollte, haben wird, und vielleicht noch bedeutenderen Anteil, falls es zu ihnen nicht kommen sollte. Und das bloß mit der „Augenblickspolitik“! Was wird es da erst mit der ferneren Politik geben? – Schon jetzt brauchen alle dieses Österreich so notwendig, horchen auf seine Meinung, suchen seine Neutralität, machen ihm Versprechungen und womöglich Geschenke, und alles das dafür, daß es bloß stillsitzt und den Mund hält! Wie kann nun diese Macht, die sich jetzt so hoch schätzt, nicht auch auf die Aussichten ihrer ferneren Politik rechnen, die, davon bin ich überzeugt, noch allen unbekannt ist, trotz der freundschaftlichen Zusammenkunft der Kanzler!? Und überzeugt bin ich gleichfalls, daß diese Politik bis zur allerletzten, allerverhängnisvollsten Stunde allen unbekannt bleiben wird – was durchaus den alten Traditionen der österreichischen Politik entsprechen würde. Und habsüchtig, heißhungrig sitzt es jetzt da und lauert auf Frankreich und erwartet dessen Schicksal, erwartet neue interessante Fakta und tut’s – vor allem, vor allem nicht zu vergessen – in der selbstzufriedensten Gemütsverfassung. Doch nicht lange wird es so bleiben können: vielleicht wird es sich schon sehr bald zu einer viel weiter reichenden Politik entschließen müssen – und das dann endgültig: eine Aufregung, die in seiner Lage sogar angenehm sein mag, doch die nichtsdestoweniger stark sein wird. Österreich begreift doch, und vielleicht sogar sehr feinfühlig, daß mit jeder so leicht und so bald möglichen Veränderung in Frankreich, daß mit jeder neuen Regierung daselbst – nur nicht wieder der republikanischen – die Gefahr eines Zusammenstoßes Frankreichs mit Deutschland entschieden unvermeidlich ist: und das sogar in dem Falle, wenn die neuen Regenten Frankreichs für ihre Person den Krieg überhaupt nicht wollten und sich womöglich aus allen Kräften bemühen würden, den alten Zustand zu erhalten. Oh, Österreich ist vielleicht fähig, besser als alle anderen zu verstehen, daß es im Leben der Nationen solche Momente gibt, in denen schon nicht mehr Wille und Berechnung sie zu gewissen Taten treiben, sondern das Schicksal selber.

Ich werde mir jetzt erlauben, aus der Phantasie heraus ein Bild von dem zu entwerfen, was – nach meiner Annahme – Österreich in der gegenwärtigen unbestimmten Stunde über diese seine fernere Politik, für die es sich natürlich noch nicht entschieden hat, eigentlich denkt. Einstweilen hört es jemanden schon an die Tür klopfen, es sieht, jemand will unbedingt eintreten, sogar die Klinke ist schon einmal niedergedrückt worden, doch die Tür hat sich noch nicht geöffnet ... und wer eintreten wird – das weiß niemand. In Frankreich liegt das Rätsel, dort muß es auch zuerst gelöst werden ... Vorläufig sitzt Österreich und denkt. Ja, wie soll es da auch nicht nachdenklich werden! Wenn nun Deutschland und Frankreich zum Entscheidungskampf die Schwerter ziehen und sich aufeinander stürzen – für wen soll dann Österreich einstehen, auf wessen Seite Österreich sich halten? Das ist die fernere Frage und vielleicht – wird es sie schon sehr bald beantworten müssen!

Wie soll es da nicht seinen Wert, seine Bedeutung zu schätzen wissen: zu wem es sich hält, der wird siegen! Was die Kanzler der beiden deutschen Reiche unter sich gesprochen, das kann niemand wissen, doch Andeutungen wird es zwischen ihnen bestimmt gegeben haben. Wie hätte es auch anders sein sollen! Vielleicht ist einiges auch deutlicher gesagt oder vorgeschlagen worden – wer kann es wissen? Kurz, Geschenke und Belohnungen sind ihm in Mengen versprochen, und die sind so gut wie sicher; so kann es vollkommen überzeugt sein, daß es, wenn es Deutschland im Falle eines Krieges gegen Frankreich nicht verrät, dafür ... viel bekommen wird. Und zwar für eine lumpige Neutralität, bloß dafür, daß es etwa ein halbes Jahr lang stillsitzt, in Erwartung der Belohnung für sein artiges Betragen. – Das ist doch wirklich nicht übel! Denn zu einer aktiven Tätigkeit gegen Frankreich würde es, glaube ich, kein einziger Kanzler bringen können: solch einen Fehler wird Österreich nie und nimmer begehen! Nein, Österreich wird sich nicht verleiten lassen, mitzuhelfen, wenn Deutschland Frankreich den Todesstoß gibt, o nein! Vielleicht aber wird es umgekehrt in der letzten verhängnisvollen Sekunde durch diplomatische Verwendung Frankreich vor allzu Bösem beschützen und sich auf diese Weise auch von dort noch eine Belohnung verdienen. Es kann doch nicht ganz ohne Frankreich bleiben, besonders nicht in der freundschaftlichen Umarmung solch eines Riesen, zu dem nach einem zweiten Sieg über Frankreich das junge Deutschland heranwachsen muß! Womöglich wird dieser Riese es dann plötzlich so umarmen und so an sich pressen, daß er es, aus Versehen natürlich, wie eine Fliege zerdrückt. Und zu der Zeit wird dann vielleicht noch ein anderer Gigant erwachsen, im Osten, rechts vom lieben Österreich, und sich endlich von seiner Lagerstätte, auf der er jahrhundertelang geschlafen hat, erheben ...

„Gutes Betragen ist eine gute Sache,“ denkt Österreich jetzt wahrscheinlich bei sich, „aber ...“ Es wäre nicht gut möglich, daß ihm nicht auch noch ein anderer Gedanke käme, übrigens ein äußerst phantastischer, – nämlich:

„Die Umwälzung in Frankreich kann sogar schon in diesem Herbst beginnen und vielleicht schnell, sehr schnell beendet sein. Stürzt die Republik, oder bleibt sie bloß in einer nominellen, in irgendeiner absurden Form bestehen, so wird man es vielleicht bis zum Winter mit Deutschland schon zu Meinungsverschiedenheiten gebracht haben können. Jedenfalls werden dafür die Klerikalen sorgen, um so mehr, als der Papst bis dahin bestimmt gestorben sein wird und dann die Neuwahl sofort den gewünschten Vorwand zu Mißverständnissen und Spannungen abgeben kann. Stirbt der Papst jedoch nicht, so vermindern sich die Gelegenheiten, Spannungen zu verursachen, deshalb noch nicht im geringsten. Ist also Deutschland nur fest entschlossen, so kann im Frühling der Krieg ausbrechen. Am anderen Ende Europas ist augenscheinlich die Winterkampagne gegen die Türkei unvermeidlich, so daß Deutschlands Verbündeter im Frühjahr immer noch gebunden sein wird. Ergo, entbrennt der Revanchekrieg, so findet Frankreich sofort zwei Bundesgenossen: England und die Türkei.

Deutschland wird folglich allein sein ... mit Italien, d. h. so gut wie allein. Oh, natürlich, Deutschland ist mutig und mächtig. Aber auch Frankreich hat Zeit gehabt, sich zu erholen: Frankreich hat eine Armee von einer Million, und England ist immerhin doch auch eine gewisse Hilfe: man wird die deutschen Häfen vor seiner Flotte beschützen müssen, und das fordert Mannschaften, Artillerie, Gewehre, Vorräte. Das wird Deutschland in irgend etwas doch ein wenig schwächen. Wie gesagt, Aussichten, mit Erfolg diesen Krieg zu führen, hat Frankreich auch ohne mich genügend, sagt sich Österreich, – wenigstens zweimal mehr als 1870, da es jetzt sicherlich nicht seine Fehler von damals wiederholen wird. Und dann, einerlei ob Frankreich besiegt wird, oder nicht, ich bekomme das Meine im Osten sowieso, denn: Nichts wird im Osten vor sich gehen, was den Interessen Österreichs zuwider ist! Das ist ja schon festgesetzt und unterschrieben. Aber wie, wenn ich ... im letzten ... entscheidenden Augenblick, ... nachdem ich vernünftigerweise die ganze Freiheit der Entscheidung zurückbehalten, ... plötzlich einfach für Frankreich eintrete und noch dazu die Klinge ziehe!?“

In der Tat, was dann?

Dann befindet sich Österreich sofort zwischen drei Feinden: Italien, Deutschland und Rußland. Rußland jedoch wird durch seinen Krieg so in Anspruch genommen sein, daß es eine Offensive kaum würde ergreifen können. Italien ist jedenfalls nicht allzusehr zu fürchten. Bleibt – Deutschland. Muß Deutschland dann auch gegen Österreich ein Heer schicken, so wird dieses doch nicht allzu groß sein, denn es braucht ja alle seine Kräfte gegen Frankreich. In der Tat: wollte sich Österreich zu einer Verbindung mit Frankreich entschließen, so würde Frankreich vielleicht sogar Deutschland zuerst angreifen, selbst wenn Deutschland den Krieg nicht einmal wollte. Frankreich, Österreich, England und die Türkei gegen Deutschland und Italien – das ist ja eine furchtbare Koalition! Erfolg wäre sehr, sehr leicht möglich. Nach einem Erfolg aber kann Österreich all das wiedergewinnen, was es bei Sadowa verloren hat, und vielleicht noch unendlich viel mehr als das. Außerdem können ihm seine Vorteile im Osten und all das ihm schon Versprochene gleichfalls nicht verloren gehen. Und die Hauptsache: es wird im katholischen Deutschland zweifellos großen Einfluß gewinnen. Wird dagegen Deutschland besiegt, oder nicht mal besiegt, sagen wir: kehrt Deutschland aus dem Kriege nicht ganz glücklich zurück – so ist die Einheit des Deutschen Reiches plötzlich stark erschüttert. Im katholischen Süden erhebt sich dann der Separatismus – um den sich die Klerikalen aus allen Kräften bemühen werden und dessen sich selbstverständlich auch Österreich bedienen wird: erhebt sich vielleicht sogar in solch einem Maße, daß zwei geeinte Deutsche Reiche entstehen, ein katholisches und ein protestantisches. Und darauf könnte Österreich, nachdem es sich um so viel Deutsche verstärkt hat, es ja auch auf seinen „Dualismus“ ankommen lassen: Ungarn in das alte ehrerbietige Verhältnis zu sich zurückbringen und, wenn das geschehen, versteht sich, auch über seine Slawen verfügen, und zwar jetzt endgültig und unwandelbar. Mit einem Wort, der Vorteile könnte es unzählige geben. Sogar in dem Fall, wenn Deutschland Sieger bliebe, wäre Österreich nicht so schlimm daran, denn so entscheidend wie 1871 könnte Deutschland eine so mächtige Koalition schließlich doch nicht besiegen: es würde auch als Sieger seine Wunden haben. So ließe sich denn ohne besonders furchtbare Folgen der Friede schließen. „Also, für wen soll ich mich entscheiden? Wie ist es besser, mit wem ist es vorteilhafter?“

In Anbetracht der gegenwärtigen europäischen Verhältnisse, meine ich, sind solche Gewissensfragen in Österreich ganz zweifellos vorhanden ...


Als ich das vorhergehende Kapitel schrieb, gab es noch nicht jene Tatsachen und Meldungen, die jetzt so plötzlich die ganze europäische Presse erfüllen, so daß alles, was ich damals noch mehr mutmaßlich sagte, jetzt schon beinahe pünktlich eingetroffen ist. Mein Artikel wird erst im nächsten Monat, am 7. Oktober, erscheinen, heute haben wir erst den 29. September, und meine sogenannten „Prophezeiungen“, zu denen ich mich nicht ohne Risiko hatte verleiten lassen, werden teilweise schon als veraltete Tatsachen bekannt sein. Darum erlaube ich mir, meine Leser an meine Ausführungen im Mai zu erinnern. Fast alles, was ich damals über die nächste Zukunft Europas geschrieben, hat sich entweder schon bestätigt oder beginnt gerade, sich zu bestätigen. Und doch hörte ich damals strenge Urteile über diesen Artikel, allerdings von Privatleuten, die ihn eine „phantastische Übertreibung“ und ein „verschrobenes Hirngespinst“ nannten. Über die Macht und die Bedeutung der klerikalen Verschwörung wurde einfach gelacht und eine „Verschwörung“ überhaupt nicht anerkannt. Übrigens hatte ich vor zwei Wochen Gelegenheit, die Meinung einer „kompetenten“ Persönlichkeit zu hören, die dahin lautete, daß der Tod und die Neuwahl des Papstes an sich vollkommen bedeutungslos seien und in Europa unbemerkt vorübergehen würden. Jedoch ist schon jetzt bekannt, welch eine Bedeutung Fürst Bismarck ihnen beilegt, und was in Berlin mit Crispi gesprochen worden ist. Ich habe in meinem Maiartikel gesagt, Fürst Bismarck hätte sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege begriffen, daß der furchtbarste Feind des neugeeinten Deutschlands kein anderer ist als der römische Katholizismus, der zu allererst den Vorwand abgeben werde zum großen „Vergeltungskrieg“ und gesamteuropäischen Weltkrieg. Dieses fand man unsinnig, ungereimt, usw., usw. Und das alles, weil ich es zu einer Zeit geschrieben, da noch niemand, weder bei uns noch in der europäischen Presse, sich wegen dieser Frage zu beunruhigen gedachte, – trotz des Orientkrieges, der schon ausgebrochen war und alle Welt besorgt machte. Alle glaubten damals, er würde auch dort fern im Orient enden, und auch jetzt noch glaubt vielleicht niemand ernstlich an die Gewißheit eines europäischen Krieges in nächster Zukunft. Im Gegenteil, man lenkte noch kürzlich ernstlich die Aufmerksamkeit auf die Meinung jener Engländer, die es ja wissen mußten, daß Rußland und die Türkei sehr wohl noch vor dem Winter Frieden schließen könnten. So ist es denn vielleicht überflüssig, daß ich mein Kapitel für überlebt halte: obgleich die ersten Fakta sich schon gemeldet haben, obgleich über ganz Europa etwas Unheilvolles heraufzieht, und der Ausbruch vielleicht eines Weltkrieges nicht mehr fern ist, bin ich doch überzeugt, daß viele auch jetzt noch meine Erklärungen dieser Fakta abermals für erdichtet, lächerlich, phantastisch und übertrieben halten werden, denn alle halten sie ja das Vorsichgehende für unvergleichlich bedeutungsloser, als es in Wirklichkeit ist. Da nähern sich zum Beispiel die Wahlen in Frankreich, und vielleicht schickt das Land wieder die frühere republikanische Mehrheit in die Kammer, was sehr leicht geschehen kann, und dann – davon bin ich so gut wie überzeugt – wird man sofort versichern, daß alles glücklich beendet sei, daß der Himmel sich aufgeklärt und Mac-Mahon sich gefügt habe, daß die machtlosen Klerikalen schmählich abgezogen seien, und in Europa wieder Friede und „Gesetzlichkeit“ oder „Rechtmäßigkeit“ herrsche. Alle meine „Erfindungen“ werden sich dann wieder als „Produkte müßiger Einbildungskraft“ erwiesen haben. Wieder wird man sagen, daß ich Dingen, die womöglich schon geschehen sind, eine ungenaue Bedeutung zugeschrieben, und vor allem eine, die ihnen sonst nirgendwo zugeschrieben wird. Doch warten wir lieber die Ereignisse ab, bevor wir urteilen, welche Deutung die richtige ist. Zur Übersicht aber werde ich versuchen, zum Schluß noch einmal die Richtung und besondere Art dieses vor allen sich öffnenden Weges zu zeigen – den zu betreten allen, ob sie wollen oder nicht, bestimmt zu sein scheint. Ich tue es zur besseren Übersicht, damit man später vergleichen und prüfen kann. Es ist zudem nur eine einfache Zusammenfassung dieses selben Kapitels.

1. Der Weg beginnt in Rom und führt aus dem Vatikan, wo der sterbende Greis, das Haupt der ihn umringenden Jesuiten, diesen Weg schon längst bezeichnet hat. Als die Orientfrage aufgeworfen wurde, begriffen die Jesuiten gar bald, daß die günstigste Zeit angebrochen sei. Auf dem vorgezeichneten Wege machten sie sich in Frankreich an ihr Werk und brachten es in solch eine Lage, daß sein baldiger Krieg mit Deutschland nun so gut wie sicher ist, selbst dann, wenn es ihn überhaupt nicht will. All das ist vom Fürsten Bismarck schon lange, lange vorhergesehen worden. Wenigstens scheint nur er allein, und vielleicht schon vor mehreren Jahren, seinen größten Feind entdeckt und durchschaut zu haben und damit auch die große Bedeutung jenes letzten Kampfes ums Dasein, den der päpstliche Katholizismus, vor seinem Untergange, in allernächster Zukunft mit der Welt aufnehmen wird.

2. Dieser vom Schicksal bestimmte Kampf spitzt sich im gegenwärtigen Augenblick schon zu, und die Notwendigkeit, die letzte Schlacht zu schlagen, naht mit furchtbarer Schnelligkeit. Frankreich ward ausersehen und bestimmt für den ungeheuren Kampf – und der Kampf wird stattfinden. Der Kampf ist unvermeidlich, darüber besteht kein Zweifel. Allerdings gibt es noch eine kleine, kleinste Möglichkeit, daß er aufgeschoben wird – doch das dann gewiß nur auf die allerskürzeste Zeit. In jedem Fall ist er unvermeidlich und nahe.

3. Sowie der Kampf beginnt, wird er sich sofort in einen alleuropäischen verwandeln. Die Orientfrage und der Orientkampf werden durch die Macht des Schicksals mit dem alleuropäischen Kampf zusammenfließen. Eine der wichtigsten Episoden dieses Kampfes wird die definitive Entscheidung Österreichs sein: zu welcher Partei soll es sich halten? Doch der allerwesentlichste Teil dieses letzten Kampfes wird einerseits darin bestehen, daß durch ihn die tausendjährige römisch-katholische Frage gelöst wird, und daß das östliche Christentum durch den Willen der Vorsehung seinen Platz einnehmen kann. Auf diese Weise erweitert sich unsere russische Orientfrage zu einer universalen Frage mit ungewöhnlicher vorbestimmter Bedeutung, wenn sich diese Bestimmung auch vor blinden Augen vollzogen hat, die sie nicht anerkennen, und die fähig sind, bis zur letzten Stunde das Sichtbare nicht zu sehen, und den Sinn des Vorherbestimmten nicht zu begreifen. Endlich –

4. – Möge man das für die phantastischste meiner Annahmen halten, ich bin im voraus damit einverstanden –: Ich bin überzeugt, daß der Kampf zugunsten des Ostens enden wird, zugunsten des östlichen Bundes, daß Rußland nichts zu fürchten hat, wenn der orientalische Krieg mit dem alleuropäischen zusammenfließt, und daß es sogar besser ist, wenn die Sache derart entschieden wird. Es ist furchtbar, daß so viel wertvolles Menschenblut fließen muß! Doch kann die Überzeugung, daß dieses vergossene Blut Europa vor zehnfach größerem Blutvergießen bewahrt, wenn sich die Sache hinausschieben und nochmals hinziehen würde, immerhin zum Trost gereichen, um so mehr, als dieser große Kampf zweifellos schnell enden wird. Dafür aber wird auf einmal so vieles endgültig entschieden – die römisch-katholische Frage samt dem Schicksal Frankreichs, die deutschen, die orientalischen und die mohammedanischen Fragen – so viel Angelegenheiten werden in Ordnung gebracht, Probleme, die im alten Gang der Dinge ganz unlösbar waren. Und dermaßen wird sich Europas Angesicht verändern, so viel neues Zukünftiges wird in den Beziehungen der Menschen einsetzen, daß es vielleicht unnütz ist, zu trauern und vor diesem letzten Kampf des alten Europas am Vorabend seiner sicheren und großen Erneuerung zurückzuschrecken.

Zum Schluß füge ich noch eine Erwägung hinzu: wenn man es als Regel annimmt, daß man über alle Weltereignisse (sogar über die, welche schon auf den oberflächlichsten Blick von allergrößter Wichtigkeit zu sein scheinen) unbedingt nach dem Prinzip: „heute so wie gestern, und morgen so wie heute,“ urteilen muß, so wird es dann wohl augenscheinlich werden, daß diese Regel entschieden der Geschichte der Nationen und der Menschheit widerspricht. Währenddessen wird gerade dieses Prinzip von der sogenannten realen, nüchternen „gesunden Vernunft“ vorgeschrieben, so daß fast ein jeder, der sich erdreistet, anzunehmen, eine Sache könnte am nächsten Tage vor aller Augen vielleicht anders erscheinen, als am Tage vorher, verlacht und ausgepfiffen wird. Sogar jetzt, da doch schon die Tatsachen sprechen, glauben noch sehr viele, daß die klerikale Bewegung die kleinlichste Sache sei, daß Gambetta eine Rede halten, und alles wieder so wie gestern seinen alten Gang nehmen werde, daß unser Krieg mit der Türkei sehr, sehr leicht vor dem Winter beendet sein könne, und dann wieder das Börsenspiel beginnen, der Rubel erheblich steigen wird, wir wieder ins Ausland reisen werden usw. Die Undenkbarkeit der Fortdauer der alten Verhältnisse war in Europa vor der ersten Französischen Revolution für die führenden Geister eine auf der Hand liegende Wahrheit. Währenddessen aber – wer konnte am Vorabend der Einberufung der Etats Généraux die Form voraussehen, die die Situation beinahe schon am zweiten Tage annahm? Und als die Situation sich verändert hatte, wer hätte dann das Erscheinen Napoleons I. prophezeien können, der doch im Grunde wie ein vorherbestimmter Vollender der ersten historischen Phase derselben Tat, die 1879 begonnen worden war, eingriff? Ja, selbst zur Zeit Napoleons I. schien es in Europa vielleicht jedem einzelnen, daß sein Erscheinen ein vollkommener Zufall war, der nicht im geringsten mit diesem selben Weltgesetz verbunden sein konnte, nach dem sich zu verändern der Alten Welt seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts vorherbestimmt war.

Ja, auch jetzt klopft jemand an die Tür, irgendwer, ein neuer Mensch, mit einem neuen Wort. Er will die Tür öffnen und eintreten ... Wer aber ist Er – das ist die Frage: ist es ein ganz neuer Mensch, oder einer, der wieder uns allen, uns alten Menschen, gleicht!?

Zweiter Teil.
Russisches

Vom russischen Volk

Davon, daß wir gute Menschen sind.
Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon[17]

Ja, in der Tat: sind wir nicht alle gute Menschen, – nun, versteht sich, ausgenommen die schlechten? Ich füge sogar noch hinzu: es gibt bei uns überhaupt keine schlechten Menschen, sondern nur untaugliche. An die wirklich Schlechten reichen wir gar nicht hinan! Denken Sie nach, lachen Sie nicht über mich: aus Mangel an schlechten Menschen waren wir seinerzeit sehr bereit, verschiedene wirklich schlechte Menschen hochzuschätzen, wie es gewisse Typen unserer Literatur beweisen, die größtenteils der ausländischen entlehnt worden sind. Oh, nicht genug damit, daß wir sie schätzten, nein, sklavisch versuchten wir, sie im wirklichen Leben zu kopieren. Beinahe waren wir schon nicht mehr wir selbst, nicht mehr Russen! Erinnern Sie sich nur dieser vielen Petschorins, die es bei uns gab, die angeregt durch die Lektüre von Lermontoffs „Helden unserer Zeit“ in Wirklichkeit Schlechtigkeiten vollführten. Der Ahnherr all dieser schlechten Menschlein in unserer Literatur ist wohl der Typ Silvio, den unser herrlicher Puschkin dem Engländer Byron entlehnt hatte.

Wenn wir diese schlechten Menschen so achteten, so geschah es nur deshalb, weil diese Menschen eines andauernden Hasses fähig waren, im Gegensatz zu uns Russen, die wir nun einmal nicht richtig hassen können und uns darum damals nicht wenig selbst verachteten. Der russische Mensch ist in der Tat nicht imstande, ernstlich und lange zu hassen, weder Menschen noch Laster, weder Unwissenheit noch Despotismus, noch tiefsten Obskurantismus. Bei uns ist man sofort bereit, sich zu versöhnen, gleich bei der ersten Gelegenheit sogar. Oder ist das nicht wahr? In der Tat, warum sollte einer den anderen hassen? Wegen schlechter Handlungen etwa? Nun, lassen wir dieses Thema lieber, es ist zu zweischneidig. Und der Haß der Überzeugung? An den Haß glaube ich schon gar nicht bei uns. Früher einmal, gewiß, gab es bei uns Slawophile und Westler, und die haßten sich sehr – aber dann, als es mit der Aufhebung der Leibeigenschaft auch mit der Reform Peters des Großen zu Ende ging, und ein allgemeines „sauve qui peut“ eintrat, da waren Slawophile und Westler einig in demselben Gedanken, daß man jetzt alles vom Volke selbst erwarten müsse, daß es auferstehen werde, und daß nur das Volk allein uns in allem das letzte Wort sagen könne. Darüber hätten sich die Slawophilen und Westler ja nun versöhnen können, aber das ging auch wieder nicht an, denn die Slawophilen glauben an das Volk, weil sie das Eigene und Eigenartige seiner Anlagen anerkennen. Die Westler dagegen lassen sich nur unter der Bedingung herbei, an das Volk zu glauben, daß man ihm alles Eigene und Eigenartige nimmt. Und siehe da, der Kampf dauert fort. Doch an diesen Haß: Kampf gegen Kampf und Haß gegen Haß, an den glaube ich, wie gesagt, nicht. Warum können sich die Streitenden nicht auch zu gleicher Zeit liebhaben? Das geschieht bei uns nur zu oft in den Fällen, in denen sich gute, allzu gute Menschen streiten. Und warum sollten wir nicht gute Menschen sein? Auch streiten wir uns doch hauptsächlich nur, weil jetzt eine Zeit angebrochen ist, die von uns nicht mehr Theorien und Kritik, sondern Taten und praktische Entschlüsse verlangt. Plötzlich hatte man bei uns das Bedürfnis nach grundlegenden Worten über Pädagogik, Eisenbahnen, Semstwo, Hygiene und hundert andere Themata. Und alles wollte man sofort wissen, möglichst schnell, um nicht die Arbeit aufzuhalten. Da wir aber alle, nach hundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit, sogar von der kleinsten, uns als dazu unfähig erwiesen, so war es nur natürlich, daß wir uns gegenseitig in die Haare gerieten – und zwar stritt im allgemeinen derjenige am meisten, der sich zu ihr am allerunfähigsten erwies. Was ist dabei Schlechtes, frage ich Sie? Das ist doch bloß rührend und weiter nichts. Sehen Sie die Kinder an: die streiten sich nur dann, wenn sie noch nicht gelernt haben, ihre Gedanken auszudrücken: genau so machen wir es. Und es ist auch gar nichts Unerfreuliches dabei, im Gegenteil, es zeugt ja nur von unserer Frische und Unberührtheit und Jugend. In unserer Literatur beispielsweise beschimpft man sich aus Mangel an Gedanken buchstäblich mit allen Schimpfwörtern auf einmal: ein äußerst naives Verfahren, das man sonst nur bei den Urvölkern findet. Doch auch darin liegt beinahe etwas Rührendes, diese Unerfahrenheit, dieses kindliche Unvermögen sogar – sich tüchtig auszuschimpfen. Ich scherze durchaus nicht, und ich spotte über niemanden. Es ist aber bei uns allerorten ein ehrliches Wünschen und Erwarten des Guten. Das ist gewiß wahr. Der Wunsch nach allgemeiner Arbeit und allgemeinem Wohlergehen steht über jeglichem Egoismus. Die naivsten Wünsche werden wach, und alles ist voller Glauben bei uns. Es gibt bei uns keinen Kastengeist, oder höchstens nur in ganz kleinen und seltenen Erscheinungen, die kaum bemerkt werden. Das ist sehr wichtig! Doch genug davon. Weshalb sollte also noch von einem wirklichen Haß die Rede sein? Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Gesellschaft unterliegt nicht nur keinem Zweifel, sondern fällt geradezu auf. Beobachten Sie doch nur, und Sie werden bemerken, daß der Glaube an die Idee, an das Ideal allem persönlichen, materiellen Wohlergehen vorangeht. Oh, natürlich, den schlechten Menschen gelingt es auch bei uns, ihre Geschäftchen abzuwickeln, Geschäftchen gerade im eigennützigsten Sinne, und in unserer Zeit, scheint es, mehr denn je. Doch dafür beherrschen diese nichtsnutzigen Menschen niemals die Meinung, gehen nie der Gesellschaft irgendwie voran, sondern sind selbst dann, wenn sie auf der sogenannten Höhe des Lebens stehen, überhäuft mit allen Ehren – selbst dann sind sie noch genötigt, sich dem Tone der Idealisten, der Jungen und Abstrakten, diesen in ihren Augen nur lächerlichen Menschen, irgendwie anzupassen. In diesem Sinne gleicht unsere Gesellschaft durchaus unserem einfachen Volke, darin liegt der Hauptpunkt seiner Einheit mit dem Volke, das auch seinen Glauben und seine Ideale höher schätzt als alles Materielle und Vergängliche. Der Idealismus ist ihm lieb, hier wie dort: ist der Idealismus verloren, so kann man ihn mit keinem Gelde zurückkaufen. Wenn unser Volk auch von seinen Lastern geknechtet wird, jetzt vielleicht mehr denn je, und wenn es auch noch in einer richtigen Anarchie lebt, so hat doch selbst der letzte Schurke bei uns noch niemals gesagt: „So wie ich es mache, ist es richtig.“ Im Gegenteil, immer weiß er und seufzt selbst darüber, daß er schlecht ist, und daß es ein Gutes in der Welt gibt, das besser ist als er und alles, was er tut. Der Glaube an die Ideale ist in unserem Volke unerschütterlich. Verbessert seine Lage, verringert die Lasterhaftigkeit, und das Volk wird sich aufrichten! Die Ideale aber stehen dann noch unerschütterlicher und heiliger da als je vorher. Unsere Jugend sucht große Taten und bringt ihren Ideen alles zum Opfer. Unser zeitgenössischer russischer Jüngling, von dem so viel in verschiedenem Sinne gesprochen wird, vergöttert oft das allersimpelste Paradox und weiht ihm sein Leben und sein Schicksal, nur, weil er das Paradox für eine Wahrheit hält. Es fehlt ihm nur noch an Aufklärung, aber das Licht wird sich schon verbreiten, und andere Anschauungen werden dann ganz von selbst auftauchen, und die Paradoxe werden verschwinden. Die Reinheit seines Herzens jedoch bleibt und damit auch der Durst in ihm nach Taten und Opfer: das aber ist das Gute. Nichtsdestoweniger gibt es eine Frage, die bei uns bis jetzt noch nicht beantwortet ist. Alle nämlich, die wir das Wohl aller und die Besserung der allgemeinen Lage in unserem Lande und unserem Volke wünschen – worin sehen wir nun die Mittel zu diesem Wohl und zu dieser Besserung? Man muß leider gestehen, daß bei uns in dieser Hinsicht noch wenig geschehen ist, und daß unsere Gesellschaft in diesem Sinne – dem Marschall Mac-Mahon sehr ähnlich sieht. Auf einer seiner Reisen durch Frankreich erklärte der ehrenwerte Marschall unlängst in einer feierlichen Rede, als Antwort auf eine Ansprache irgendeines Maires – die Franzosen sind ja solche Liebhaber von feierlichen Reden und Ansprachen –, daß nach seiner Meinung die ganze Politik in dem einen Worte enthalten sei: „Die Liebe zum Vaterlande“. Ein sehr sinniger Ausspruch, meine ich, in einem Augenblicke, da ganz Frankreich gespannt darauf wartet, was er sagen wird. Eine wichtige Behauptung, unbestreitbar lobenswert, aber – sonderbar unbestimmt. Der Maire hätte seiner Exzellenz antworten können, daß man mit derselben Liebe auch das Vaterland zugrunde richten könnte. Aber der Maire erwiderte nichts, vielleicht aus Angst, die Antwort zu erhalten: „J’y suis et j’y reste“, eine Phrase, über die der ehrenwerte Marschall nun einmal nicht hinauskommt. Nun, und gerade so steht es mit unserer Gesellschaft: wir alle verstehen uns in der Liebe zum Vaterlande oder zur „allgemeinen Sache“ – Worte tun’s nicht! Worin bestehen aber die Mittel, und nicht nur die Mittel, sondern worin besteht die allgemeine Sache selbst? Darüber herrscht bei uns, meines Erachtens, gerade solch eine Unklarheit, wie bei dem Marschall Mac-Mahon.

Von der Liebe zum Volke.
Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem Volke

Vor kurzem schrieb ich, daß unser Volk noch roh und unwissend sei und dem Laster ergeben: „ein Barbar, der das Licht erwartet,“ wie ich mich ausdrückte! Bald darauf habe ich in der „Hilfe“ einen Artikel Konstantin Akssakoffs, unseres unvergeßlichen und allen Russen teuren Verstorbenen, gelesen, nach welchem unser russisches Volk schon lange aufgeklärt und gebildet sein soll. Ist nun dieser augenscheinliche Gegensatz meiner Meinung und derjenigen Konstantin Akssakoffs ein Widerspruch? Nicht im geringsten: ich teile seine Ansicht vollständig und fühle ihre Wahrheit schon lange. Trotzdem aber bleibt doch der Widerspruch? Gewiß – darin besteht gerade mein Geheimnis: während nach der Meinung anderer diese beiden Behauptungen unvereinbar scheinen, behaupte ich das Gegenteil. In dem russischen Menschen, in dem Volke muß man eben die Schönheit dieser Barbarei zu sehen verstehen. Der ganzen russischen Geschichte nach war unser Volk so dem Laster ergeben und dermaßen verdorben, verirrt und ständig gequält und gepeinigt, daß es wunderbar ist, wie es überhaupt noch sein menschliches Aussehen hat bewahren können, und nicht nur das allein, sondern auch noch seine volkliche Schönheit. Die aber hat es sich wirklich bewahrt! Wer ein aufrichtiger Freund des Volkes ist, wem das Herz nur einmal für die Leiden des Volkes geschlagen hat, der versteht es und wird auch den Schmutz entschuldigen, in den unser Volk gesunken ist, und die Perlen trotzdem zu finden wissen. Ich wiederhole es: Richtet nicht das russische Volk nach seinen Fehlern und Lastern, sondern beurteilt es nach seinen großen und heiligen Idealen, nach denen es in seinem Schmutze lechzt. Und es gibt in unserem Volke nicht nur Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, die uns voranleuchten und unser Dunkel erhellen! Und ich glaube tief und fest, daß es bei uns keinen Schurken gibt, der nicht wüßte, daß er schlecht und gemein ist. Bei den anderen Völkern ist es anders: wenn dort jemand eine Gemeinheit vollführt, so stellt er sie zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, daß in ihr die Ordnung und das Licht der Zivilisation läge – und der Unglückliche kommt schließlich so weit, daß er daran blind und sogar ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie unser Volk nicht danach, wie es ist, sondern danach, wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und heilig, und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten vor dem Elend und dem völligen Untergang. Sie wuchsen mit seiner Seele zusammen und gaben ihr bis in alle Ewigkeit Einfachheit, Gutmütigkeit und Aufrichtigkeit und einen weiten, offenen Verstand – und alles das in einer anziehenden, zusammenklingenden, einer schönen Vereinigung. Und wenn trotzdem so viel Schmutz in dem russischen Menschen ist, so leidet er darunter selbst am meisten: er glaubt und hofft, daß das nur zeitlich und eine teuflische Versuchung sei, daß die Dunkelheit, die ihn umgibt, einmal aufhören und das ewige Licht dann auch auf ihn herniederscheinen werde. Ich will noch nicht einmal von seinen historischen Idealgestalten reden, von Feodossij Petscherski[18] oder Tichon Sadonski.[19] Übrigens: wie viele von uns kennen denn überhaupt einen Tichon Sadonski? Warum liest man nie etwas von ihm? Glauben Sie mir, Sie würden zu Ihrem Erstaunen wunderbare Sachen erfahren. Und abgesehen von diesen Volksheiligen: wie steht es mit unserer Literatur? Alles, was in ihr wahrhaft schön ist, das ist aus dem Volke genommen. Der Typ Belkin von Puschkin zum Beispiel! Bei uns ist alles von Puschkin. Seine Umkehr zum Volke, schon in der frühesten Zeit seiner Tätigkeit, ist so beispiellos und Erstaunen erregend und bedeutete einen für die damalige Zeit so unerwarteten und neuen Schritt, daß sie sich, wenn nicht durch ein Wunder, dann eben nur durch seine geniale Größe erklären läßt, die wir nur, füge ich hinzu, bis jetzt noch nicht die Kraft hatten, richtig zu werten. Erinnern Sie sich der „Oblomoffs“ von Gontscharoff, der „Väter und Söhne“ von Turgenjeff. In denen ist freilich nicht vom Volke die Rede, aber alles, was in den Typen Turgenjeffs und Gontscharoffs Ewiges und Schönes ist, das liegt dort, wo sie sich mit dem Volke kreuzen. Nur die Berührung mit dem Volke gibt ihnen diese ungewöhnliche Kraft. Diese Typen haben seine Gutmütigkeit, Reinheit und Bescheidenheit, die Weite seines Verstandes und seiner Güte, im Gegensatz zu allem Unnatürlichen und Falschem angenommen. Wundern Sie sich bitte nicht, daß ich plötzlich von unserer Literatur spreche; aber ihr gebührt das Verdienst, daß sie in ihren besten Vertretern und früher als unsere ganze Intelligenz, bemerken Sie das wohl, sich vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die Ideale des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat. Es ist wahr, daß unsere Dichter zum Teil dazu genötigt waren und es wohl mehr aus künstlerischem Instinkt, als aus gutem vaterländischem Willen taten. Doch genug von der Literatur – sprach ich von ihr doch nur im großen Zusammenhange mit dem Volke und mit der allgemeinen Frage der russischen Volklichkeit!

Diese Frage und das richtige Verständnis derselben ist für uns jetzt das Wichtigste: von ihr hängt unsere ganze, auch die praktische Zukunft ab. Aber das Volk ist für uns alle noch immer Theorie und ein Rätsel. Wir alle, wir Freunde des Volkes, sehen auf das Volk wie auf eine Theorie, und niemand liebt daher dasselbe so, wie es in der Tat ist, sondern so, wie er es sich vorstellt. Wenn das russische Volk in der Folge sich nicht als dasjenige erweisen sollte, als das ein jeder von uns es sich vorstellt, so würden wir, ungeachtet unserer vermeintlichen Liebe zu ihm, uns sofort und ohne jegliches Bedauern von ihm abwenden. Ich behaupte das von allen, die Slawophilen nicht ausgenommen: ja, die würden es vielleicht sogar noch früher tun als alle anderen. Was mich anbelangt, so verhehle ich nicht meine Überzeugung, und um Mißverständnissen vorzubeugen, weise ich geradezu auf sie hin. Ich glaube nämlich, daß wir Intellektuellen kaum so gut und vortrefflich sind, um uns als Ideal vor das Volk hinstellen und von ihm ohne weiteres verlangen zu können, daß es gerade so werde, wie wir sind. Wundern Sie sich nicht über die Frage (man ist ihr noch nie bei uns begegnet): „Wer ist besser – wir oder das Volk? Sollen wir uns nach dem Volke richten oder das Volk sich nach uns?“ Das ist die Frage, die uns jetzt alle beschäftigt, wenigstens diejenigen unter uns, die nicht aller Gedanken bar sind und die Sache des russischen Volkes in ihrem Herzen tragen. Denen kann ich auch aufrichtig antworten: daß wir uns vor dem Volke beugen müssen und von ihm alles zu erwarten haben, unsere Gedanken und Vorstellungen, daß wir uns vor der Wahrheit des Volkes beugen und sie als unsere Wahrheit anerkennen müssen, selbst in dem Falle, wenn sie zum Teil aus dem Leben der Volksheiligen käme. Mit einem Wort, wir sind die verirrten Kinder, die zweihundert Jahre nicht zu Hause waren, aber doch als Russen zurückkehrten, – was unser einziges Verdienst ist. Aber wir können uns nur unter einer Bedingung vor dem Volke beugen und das sine qua non: daß das Volk auch das von uns annimmt, was wir ihm Gutes mitgebracht haben. Ganz vernichten und aufgeben können wir uns doch nicht, selbst vor einerlei welcher Wahrheit des Volkes nicht; sonst behalten wir lieber das Unserige für uns, und müßten wir auch im äußersten Falle auf das Glück einer Vereinigung mit dem Volke verzichten. Dann mögen wir eben beide untergehen. Aber zu diesem Äußersten wird es nie kommen. Ich bin überzeugt, daß auch das Unserige, das wir mitbringen, in der Tat etwas ist: nicht ein Hirngespinst etwa, sondern daß es Bild, Form und Gewicht hat. Nichtsdestoweniger bleibt vor uns das Rätsel bestehen, das uns auf seine Lösung warten läßt – und es ist angstvoll, zu warten. Zweifel an der Zivilisation tauchen auf. Man behauptet, daß die Zivilisation das Volk verderbe. Der Gang der Dinge wäre danach der, daß neben der Erlösung und dem Lichte auch viel Falsches und Unwahres und eine große Unruhe heraufzöge. Nur den zukünftigen Geschlechtern würde ihr guter Samen aufgehen, aber uns und unseren Kindern drohe Verderben. Ist das auch Eure Meinung, die Ihr dieses lest? Ist es unserem Volke bestimmt, noch eine neue Phase von Lüge und Verderbnis durchzumachen, wie wir sie mit dem europäischen Pfropfreis von Zivilisation schon durchgemacht haben? Ich glaube, niemand wird es bestreiten, daß bei uns die Zivilisation zunächst mit der Sittenverderbnis anfing. Doch ich glaube auch, daß unser Volk von einer so ungeheuren Größe und Tiefe ist, daß alle neuen trüben und unreinen Ströme, die es aufnimmt, in ihm verschwinden werden, und es nur reine und klare wiederausströmen wird. Lassen Sie uns zusammenwirken, reichen Sie mir dazu die Hand, auf daß ein jeder mit seiner kleinen Arbeit das Seine beisteuere, auf daß die Dinge sich gerade und immer fehlerloser entwickeln! Wir selbst verstehen davon wenig: wir „lieben nur unser Vaterland“. In den Mitteln, ihm zu helfen, stimmen wir nicht überein und werden nicht aufhören, uns darüber zu streiten: aber nun ist doch wenigstens schon einmal ausgemacht, daß wir gute Menschen sind, und schließlich muß doch alles zu einer Ordnung kommen. Daran glaube ich, und ich wiederhole es, daß es nur die zweihundertjährige Entwöhnung von jeglicher Arbeit ist und weiter nichts. So, wie es jetzt ist, schließen wir unsere „Kulturperiode“ damit ab, daß wir allgemein aufhören, uns gegenseitig zu verstehen. Ich spreche nur von den aufrichtigen und ernsten Menschen – nur sie allein wollen sich nicht mehr verstehen. Spekulanten sind eine andere Sache: die haben sich bei uns immer und zu jeder Zeit verstanden.

Der Bauer Marei

Ich will, zur Abwechselung, einmal eine kleine Geschichte erzählen. Das heißt: eigentlich kann man das nicht recht eine Geschichte nennen; es ist nur eine alte Erinnerung. Ich war damals neun Jahre alt ... Doch nein: ich werde lieber mit meinem neunundzwanzigsten Jahre beginnen.

Es war am zweiten Osterfeiertag. Die Luft war warm, der Himmel hoch und blau und die Sonne so hell und schön. In meiner Seele aber war es dunkel und häßlich. Ich schlenderte hinter den Kasernen umher, betrachtete den Palisadenzaun, der unser Gefängnis umgab, und zählte die einzelnen Pfähle. Doch selbst das ewige Zählen wurde langweilig, wenn ich’s auch nur ganz mechanisch, aus Gewohnheit, tat. Es war schon der zweite Tag, daß im Gefängnis „gefeiert“ wurde: die Gefangenen brauchten nicht zu arbeiten, und so waren denn fast alle betrunken. In jedem Augenblick entstand ein neuer Streit, der mit Schimpfwörtern begann und mit Schlägen endete. Gemeine Lieder, Spielhöllen unter den Pritschen, mehrere für besonderen Unfug von den Kameraden halbtotgeprügelte Sträflinge, die man mit Pelzen bedeckt hatte und ruhig liegen ließ, bis sie wieder zu sich kommen und aufwachen würden; oft schon waren die Messer gezogen worden: all das hatte mich in den zwei Feiertagen bis zum Wahnsinn gequält.

Niemals habe ich betrunkenes Volk ohne Ekel sehen können; hier aber, an diesem Ort, war es mir ganz besonders widerlich. An solchen Feiertagen kamen nicht einmal die Beamten ins Gefängnis, um zu inspizieren oder nach dem verbotenen Branntwein zu suchen. Sie sahen wohl ein, daß man auch diesen Verstoßenen doch wenigstens einmal im Jahr etwas Freiheit lassen mußte, um Schlimmerem vorzubeugen.

Plötzlich ertrug ich die Qual nicht mehr. Heiße Wut packte mich. Da kam mir der Pole M...tzki, auch ein „politischer“ Zwangssarbeiter, entgegen; er blieb vor mir stehen und sah mich zornig, mit zuckenden Lippen, an. „Je hais ces brigands!“ stieß er halblaut durch die Zähne hervor und ging an mir vorüber. Ich kehrte in die Kaserne zurück, obgleich ich erst vor einer Viertelstunde halb wahnsinnig aus ihr hinausgelaufen war; denn sechs Kerle, wahre Athleten, hatten sich zugleich auf den betrunkenen Tataren Gasin gestürzt, um ihn mit den Fäusten zu „beruhigen“. Sie schlugen ihn unsinnig (ein Kamel hätte solche Schläge nicht überlebt), wußten aber, daß dieser tatarische Herkules viel aushalten konnte. Als ich nun zurückkam, sah ich in einer Ecke den schändlich zugerichteten Gasin, der ohne jedes Lebenszeichen auf seiner Pritsche lag. Man hatte ihn mit einem Pelz zugedeckt. Die anderen umstanden ihn schweigend. Wenn sie auch überzeugt waren, daß er am nächsten Tage wiedererwachen werde, so kratzte sich doch einer von ihnen den Kopf und meinte etwas besorgt: „Aber ... Weiß Gott doch ... Ist die Stunde vertrackt, so stirbt ’n Mensch wie nichts von solchen Schlägen.“ Ich ging zu meiner Pritsche am vergitterten Fenster, legte mich auf den Rücken, schob die Hände unter den Kopf und schloß die Augen. So lag ich immer gern: die Schlafenden werden gewöhnlich in Ruhe gelassen, und so kann man denken und träumen. Diesmal wollte es jedoch mit dem Träumen nicht gehen: mein Herz schlug unruhig, und in den Ohren klang mir noch das Wort: „Je hais ces brigands!“ Jetzt noch träume ich in mancher Nacht von jener Zeit; ich kenne keinen qualvolleren Traum.

Allmählich vergaß ich die Gegenwart und verlor mich unmerklich in Erinnerungen. In den langen Jahren, die ich dort verbrachte, erinnerte ich mich meines ganzen früheren Lebens: ich glaube, ich habe es so von Anfang an nochmals durchlebt. Diese Erinnerungen kamen, ohne daß ich selbst wußte, wie; nur selten habe ich sie gerufen. Gewöhnlich fingen sie mit irgendeinem Punkt, einem kleinen Zug an, dem sich dann immer mehr Züge anfügten, bis das Vergangene zum großen Bilde wurde. Ich analysierte dann die alten Eindrücke, fügte dem längst Erlebten neue Seiten hinzu und (die Hauptsache) verbesserte, verbesserte ununterbrochen: darin bestand ja mein einziger Zeitvertreib, meine Unterhaltung und Zerstreuung. An jenem zweiten Osterfeiertag nun stand mir plötzlich, ich weiß nicht warum, eine Stunde aus meiner Kindheit vor der Seele, eine Begegnung des Neunjährigen, die ich schon längst vergessen hatte; und ich liebte damals Erinnerungen aus meinen Kinderjahren ganz besonders.

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Mir fiel der Augustmonat auf unserem Landgut ein. Ein trockenen klarer Tag; ein wenig kühl und windig; der Sommer neigt sich dem Ende zu, und bald muß man wieder nach Moskau fahren, wieder den ganzen Winter über in französischen Stunden sich langweilen; und ich verlasse das Landgut so ungern! Ich ging hinter die Tenne und weiter in die Schlucht, von der sich auf der anderen Seite ein dichtes Gestrüpp bis zum Wald hinzog. Weiter und immer weiter drang ich in das Buschwerk ein und höre noch, wie, vielleicht dreißig Schritt vor mir, auf dem Neubruch einsam ein Bauer pflügt. Ich weiß: er muß steil den Abhang heraufpflügen, das Pferd hat es schwer, und manchmal tönt bis zu mir sein ermunternder Zuruf: „Nu, nu!“ Ich kenne alle unsere Bauern, weiß aber nicht, welcher von ihnen da gerade pflügt; ist mir auch einerlei. Ich bin ganz und gar in meine eigene Arbeit vertieft; denn auch ich bin beschäftigt: von einem Nußbaum breche ich mir eine gute Gerte, um mit ihr Frösche zu schlagen. Die Gerten von Nußbäumen sind so hübsch, viel besser als Birkenruten. Auch Käfer und andere Tierchen nehmen mich in Anspruch; ich habe sogar eine große Käfersammlung. Viele sind so putzig! Auch liebe ich die kleinen rotgelben Eidechsen mit den schwarzen Tüpfelchen; doch vor Schlangen habe ich Angst. Aber Schlangen trifft man viel seltener als Eidechsen. Pilze gibt’s hier wenig. Pilze muß man im Birkenwald suchen. Und ich mache mich auf, weiter durch das Gestrüpp in den Wald zu gehen. In meinem ganzen Leben habe ich nichts so geliebt, wie den Wald mit seinen Pilzen und Beeren, mit seinen Käfern und Vögeln, Igeln und Eichkätzchen, mit dem mich immer wieder entzückenden feuchten Duft faulender Blätter. Und noch jetzt, während ich dieses schreibe, rieche ich geradezu, atme ich den Duft unseres Birkenwaldes; solche Eindrücke haften fürs ganze Leben.

Da, plötzlich, inmitten der tiefen Stille, hörte ich laut und deutlich den Ruf: „Ein Wolf kommt!“ Ich schrie auf vor Schreck und lief schreiend auf die Wiese zu dem pflügenden Bauer.

Es war unser Bauer Marei. Ich weiß nicht, ob es den Namen gibt; aber bei uns nannten ihn alle Marei. Er war ein etwa fünfzigjähriger, stämmiger, ziemlich großer Mann, mit langem, schon stark ergrautem dunkelblondem Bart. Ich kannte ihn, hatte aber noch nie mit ihm gesprochen. Als er jetzt meinen Schrei hörte, hielt er das Pferd an und blieb stehen. Ich raste den Abhang hinab auf ihn zu und ergriff, um im vollen Lauf nicht zu fallen, hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen seinen Ärmel: er beugte sich zu mir nieder; und da erst gewahrte er meinen Schreck.

„Ein Wolf kommt!“ keuchte ich atemlos.

Er hob schnell den Kopf und blickte sich unwillig um; einen Augenblick glaubte er mir.

„Es schrie ... Jemand schrie: Ein Wolf kommt! ...“ stammelte ich zitternd.

„Geh doch! Wo denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! Was kann denn hier für ’n Wolf sein!“ sprach er halblaut in den Bart, wie um mich zu beruhigen.

Ich aber zitterte noch immer am ganzen Leibe, klammerte mich noch fester an seinen Bauernkittel und war, glaube ich, sehr bleich. Er betrachtete mich mit besorgtem Lächeln; offenbar regte er sich meinetwegen auf.

„Sieh mal an! Du hast dich aber verschreckt! Ei – ei!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Genug schon, Kleinerchen, nun, laß gut sein!“ Er streckte die Hand aus und streichelte plötzlich meine Wange. „Nun, schon gut, Kleinerchen! Christus ist mit dir; mach ’n Kreuz!“

Doch ich bekreuzte mich nicht. Meine Mundwinkel zuckten. Das schien ihn besonders zu wundern: langsam erhob er seinen dicken, mit Erde beschmutzten Mittelfinger und berührte vorsichtig meine zitternden Lippen. „Sieh mal an! So was! Ei – ei!“ sagte er lächelnd (es war ein ganz besonderes, mütterlich zärtliches Lächeln). „Herrgott! Das ist doch ...“

Endlich begriff ich, daß der Schrei: „Ein Wolf kommt!“ in meiner Phantasie entstanden war. Der Schrei hatte so hell und deutlich geklungen, daß ein Zweifel ausgeschlossen schien; doch ich wußte, daß ich schon früher manchmal irgendeinen Schrei zu hören geglaubt hatte, während in Wirklichkeit alles still gewesen war. Später vergingen diese Halluzinationen der Kinderjahre.

„Jetzt werde ich gehen,“ sagte ich endlich, nachdem ich etwas Mut gefaßt hatte; doch blickte ich Marei noch fragend und schüchtern an.

„Nu, geh nur; und ich werde Dir nachsehen. Ich werde Dich schon nicht vom Wolf nehmen lassen!“ fügte er mit demselben mütterlichen Lächeln hinzu. „Nu, Christus ist mit dir, nu, geh nur“; und er bekreuzte mich mit seinen erdigen Fingern und bekreuzte sich dann selbst.

Ich ging. Doch jedesmal, wenn ich zehn Schritte gemacht hatte, blickte ich mich nach ihm um. Marei stand mit seinem Pferdchen, während ich die Schlucht hinunter- und wieder hinaufging, stand am Pflug und sah mir nach; und so oft ich mich umkehrte, nickte er mir mit dem Kopf zu. Ich schämte mich, offen gestanden, nicht wenig vor ihm: weil ich solche Angst gehabt hatte. Trotzdem fürchtete ich mich immer noch vor dem Wolf, bis ich glücklich auf der anderen Seite der Schlucht an der Getreidedarre ankam: hier verließ mich die Angst; und plötzlich kam auch noch, ich weiß nicht, woher, unser Hofhund Woltschok mir entgegengelaufen. Erst in dessen Begleitung fühlte ich mich ganz sicher; und so wandte ich mich denn zum letztenmal nach Marei um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr unterscheiden; aber ich fühlte, daß er mir noch ebenso freundlich zulächelte und mit dem Kopf zunickte. Ich winkte ihm noch einmal mit der Hand zu und er winkte mir wieder. Dann wandte er sich zum Pflug und trieb das Pferd an. „Nu, nu!“ Noch von fern her hörte ich seinen Zuruf; und das Pferd zog wieder den Pflug.

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Ich weiß nicht, warum mir das alles mit einemmal einfiel, und warum noch dazu alle Einzelheiten so deutlich vor mir standen. Ich wachte plötzlich auf, setzte mich auf die Pritsche; und ich weiß: auf meinem Gesicht fühlte ich noch das Lächeln der Erinnerung. Eine Weile dachte ich weiter nach und suchte mich des Folgenden zu erinnern.

Als ich damals von Marei nach Hause gekommen war, hatte ich keinem Menschen von meinem „Erlebnis“ erzählt. Was war denn da auch zu erzählen? Den Marei vergaß ich gar bald. Wenn ich ihn später traf, sprach ich niemals mit ihm, nicht nur nicht über den Wolf, sondern überhaupt nicht. Und nun, plötzlich, nach zwanzig Jahren, in Sibirien, steht diese Begegnung so deutlich, bis in die kleinsten Einzelheiten, vor mir. Also muß sie doch, mir unbewußt, in meiner Seele geblieben sein, ganz von selbst und vielleicht sogar gegen meinen Willen; und sie tauchte erst wieder auf, als die Zeit gekommen war. Mir fiel dieses zärtliche, mütterliche Lächeln des armen Leibeigenen ein, seine Bekreuzung und sein Kopfschütteln: „Ei – ei, du hast dich aber verschreckt, Kleinerchen!“ Und besonders der dicke, von der Erde beschmutzte Finger mit dem schwarzen Nagel, mit dem er vorsichtig, in so schüchterner Zärtlichkeit, meine zuckenden Lippen berührte. Natürlich: Ein jeder hätte ein erschrecktes Kind beruhigt; doch hier, bei dieser einsamen Begegnung, geschah etwas ganz anderes. Und wenn ich sein eigener Sohn gewesen wäre, hätte Marei mich nicht mit einer tieferen, helleren Liebe anzublicken vermocht. Wer aber zwang ihn dazu? Er war unser Leibeigener und ich immerhin sein Herrensohn. Niemand hätte jemals erfahren, daß er mich gestreichelt, niemand ihn dafür belohnt. Liebte er vielleicht kleine Kinder so sehr? Solche Leute gibt es allerdings. Die Begegnung geschah auf einsamem Feld, und nur Gott wußte, mit welch einem tiefen, heiligen menschlichen Gefühl, von welch einer weichen, fast weiblichen Zärtlichkeit die Seele eines rohen, tierisch unwissenden russischen Muschiks erfüllt sein kann. War es nicht dieses, was Konstantin Akssakoff meinte, als er von der tiefen inneren Bildung des russischen Volkes sprach?

Ich weiß noch: als ich von der Pritsche aufstand und mich umblickte, fühlte ich mit einemmal, daß ich diese Unglücklichen mit ganz anderen Augen betrachten konnte, und daß plötzlich, wie durch ein Wunder, aller Haß und alle Wut aus meinem Herzen verschwunden waren. Ich ging wieder hinaus und schaute aufmerksam in die Gesichter der Gefangenen, die mir begegneten. Dieser glattrasierte ehrlose Muschik mit dem gebrandmarkten Verbrechergesicht, der mit heiserer Stimme sein rohes Lied gröhlt, ist vielleicht auch so einer wie der Marei, der mich als Kind streichelte: ich kann ja nicht in sein Herz sehen.

Am selben Abend traf ich noch einmal den Polen M...tzki. Der Arme! Der konnte keine Erinnerungen an irgendeinen Marei haben und für alle diese Menschen nichts anderes empfinden als: „Je hais ces brigands!“ Wahrhaftig: diese Polen haben dort doch mehr gelitten als unsereiner!

Einiges über den Krieg[20]

Ich habe einen Freund, der sich durch sehr paradoxe Anschauungen auszeichnet. Ich kenne ihn schon lange. Es ist ein ganz unbekannter Mensch und ein höchst sonderbarer Charakter: er ist nämlich ein Denker. Ich werde unbedingt noch ausführlicher von ihm sprechen – doch später einmal. Jetzt ist mir nur zufällig eingefallen, wie er einmal, es ist schon etliche Jahre her, mit mir über den Krieg stritt. Er verteidigte den Krieg als solchen und vielleicht einzig um mit Paradoxen zu spielen. Ich bemerke hier noch, daß er nicht etwa Offizier ist, sondern der friedliebendste und gutmütigste Mensch, den es in der Welt und bei uns in Petersburg überhaupt geben kann.

„Toller Gedanke,“ sagte er unter anderem, „daß der Krieg eine Geißel für die Menschheit sei! Im Gegenteil, er ist das Nützlichste, was man sich überhaupt denken kann! Nur eine einzige Art Krieg ist verabscheuenswert und wirklich verderblich: das ist der innere, der Bürgerkrieg. Er lähmt und zerreißt den Staat, dauert immer viel zu lang und vertiert das Volk auf ganze Jahrhunderte. Der politische Krieg aber, der zwischen verschiedenen Völkern ausgekämpft wird, bringt einzig und allein Nutzen – in jeder Beziehung. Und dann ist er auch vollkommen unentbehrlich.“

„Aber hören Sie mal! Ein Volk geht aufs andere los, Menschen schlagen sich gegenseitig tot – was ist hier unentbehrlich?“

„Alles, und zwar im höchsten Grade. Doch erstens ist es nicht wahr, daß die Menschen in den Krieg gehen, um sich gegenseitig totzuschlagen. Das ist nie der Beweggrund gewesen, sondern sie gehen, um ihr eigenes Leben zu opfern, – das aber ist denn doch etwas ganz anderes. Es gibt keine höhere Idee als die, sein eigenes Leben zu opfern, indem man seine Brüder und sein Vaterland beschützt oder einfach, indem man die Interessen seines Vaterlandes verteidigt. Die Menschheit kann nicht ohne hochherzige Ideen leben, und ich vermute sogar, daß die Menschheit gerade deswegen den Krieg liebt, weil sie sich an einer hochherzigen Idee beteiligen will. Es ist ein Bedürfnis.“

„Ja, liebt denn die Menschheit den Krieg?“

„Ja, zweifeln Sie denn daran? Wer ist zurzeit eines Krieges noch kopfhängerisch? Alle sind sofort munter und ermutigt, und von der gewöhnlichen Schlaffheit und Langeweile der Friedenszeiten ist nichts mehr zu sehen und zu hören. Und nachher, wenn der Krieg beendet ist, mit welcher Hingabe denken sie an ihn zurück, selbst wenn sie geschlagen worden sind! Glauben Sie den Leuten nicht, wenn sie sich beim ersten Wiedersehen nach der Kriegserklärung kopfschüttelnd sagen: ‚Ach, welch ein Unglück! Ach, daß wir das noch erleben mußten!‘ sie tun es ja nur aus Wohlerzogenheit. Glauben Sie mir, jeder hat dann hohen Feiertag im Herzen. Wissen Sie, es ist furchtbar schwer, sich zu gewissen Ideen zu bekennen: gleich ist das Geschrei groß. – Tier! Barbar! schreien sie sofort und sind zum Verurteilen bereit. Das aber fürchtet man, und so zieht man vor, den Krieg lieber nicht zu loben.“

„Aber Sie sprechen von hochherzigen Ideen, von Menschlicherwerden. Lassen sich denn hochherzige Ideen nicht auch ohne Krieg finden? Ich glaube vielmehr, daß sie sich in Friedenszeiten noch leichter entwickeln können.“

„Ganz im Gegenteil, vollkommen umgekehrt! Die Hochherzigkeit verkommt in der Zeit eines langen Friedens, und an ihre Stelle treten Zynismus, Gleichgültigkeit, Langeweile und viel, viel boshafter Spott, und das noch dazu nur zur leeren Zerstreuung und nicht mal um einer Sache willen. Man kann geradezu behaupten, daß ein langer Friede die Menschen gefühllos macht. Das soziale Übergewicht geht dann immer auf die Seite alles dessen über, was in der Menschheit schlecht und roh ist – hauptsächlich zum Reichtum, zum Kapital. Ehre, Nächstenliebe, Selbstverleugnung werden in der ersten Zeit nach dem Kriege noch geachtet, sie stehen noch hoch im Preis, doch je länger der Friede dauert – desto mehr sieht man diese schönen und großen Tugenden verbleichen, einschlafen, absterben, und den Reichtum, die Sucht nach Erwerb alles ergreifen. Schließlich bleibt nur noch Heuchelei übrig – geheuchelte Ehre, geheuchelte Selbstverleugnung um der Pflicht willen. Und wenn man trotz des ganzen Zynismus auch noch fortfährt, diese großen Begriffe zu achten, so geschieht es dann doch nur in schönen Worten und bloß zum Anschein, aus Form. Die wirkliche Ehre ist nicht mehr, es bleiben nur Formeln übrig. Formeln der Ehre aber – die sind der Tod der Ehre. Ein langer Friede bringt Gleichgültigkeit hervor, niedrige Gedanken, bringt Sittenverderbnis und Abstumpfung der Gefühle. Die Vergnügungen werden nicht feiner, sondern wüster. Der plumpe Reichtum kann sich nicht an Idealen erquicken und verlangt nach anspruchsloseren, mehr ‚auf die Sache‘ gehenden Genüssen, d. h. nach unmittelbarster Befriedigung des Fleisches. Die Vergnügungen werden rein sinnlich. Sinnlichkeit ruft Wollust hervor, und Wollust immer Grausamkeit. Alles das werden Sie unmöglich leugnen, denn Sie können die erste Tatsache nicht verneinen: daß das soziale Übergewicht in der Zeit eines langen Friedens sich zum Schluß immer auf die Seite des Reichtums neigt.“

„Aber die Wissenschaft, die Kunst – können die sich denn während des Krieges entwickeln? Und das sind doch wirklich große und hochherzige Ideen!“

„Warten Sie, gerade hiermit fange ich Sie! Die Wissenschaft und die Kunst entwickeln sich immer und gerade in der ersten Periode nach dem Kriege. Der Krieg erneut sie, erfrischt sie, ruft sie hervor, stärkt die Gedanken und gibt ihnen gewissermaßen einen Stoß. In einem langen Frieden dagegen verkommt auch die Wissenschaft. Zweifellos fordert die Beschäftigung mit der Wissenschaft Mut und sogar Selbstaufopferung. Doch wie viele Gelehrte widerstehen denn der Pest des Friedens? Die geheuchelte Ehre, Selbstsucht und oberflächliche tierische Vergnügungslust erfassen auch sie. Versuchen Sie es nur einmal, mit solch einer Leidenschaft fertig zu werden, wie es beispielsweise der Neid ist: er ist roh und gemein, aber er wird trotzdem auch in die edelste Gelehrtenseele eindringen. Auch der Gelehrte will schließlich an dem allgemeinen Prunk und Glanz teilhaben. Was bedeutet vor dem Triumph des Reichtums der Triumph irgendeiner wissenschaftlichen Entdeckung, wenn sie nicht gerade so effektvoll ist wie die Entdeckung etwa eines neuen Planeten! Was meinen Sie wohl, ob unter solchen Umständen noch viel wirkliche Arbeitssklaven für das Allgemeinwohl übrigbleiben? Im Gegenteil, man sucht den Ruhm, und so kommt es dann zu Scharlatanerie, zur Jagd nach dem Effekt und, vor allen Dingen, zum Utilitarismus – denn man will doch zu gleicher Zeit auch reich werden! In der Kunst ist es genau so wie in der Wissenschaft: dieselbe Jagd nach dem Effekt, nach irgendeiner Verfeinerung. Einfache, klare, hochherzige und gesunde Ideen sind dann schon viel zu unmodern, man braucht etwas viel Verboteneres, Ungesünderes: die Künstlichkeit der Leidenschaften will man. Allmählich verliert sich dann das Gefühl für das Maß und die Harmonie, und man bekommt dafür die Entstellung der Gefühle und Leidenschaften, die sogenannte ‚Differenzierung‘ der Gefühle, die in Wirklichkeit nur ihre Verrohung ist. Sehen Sie, zu all dem entartet die Kunst in einem langen Frieden. Wenn es in der Welt keinen Krieg gäbe, so würde die Kunst einfach verkommen und verderben. Alle guten Ideen der Kunst ja ihre besten, sind vom Kriege, vom Kampf geschaffen worden. Lesen Sie eine Tragödie, sehen Sie sich die Statuen an, da haben Sie Horaz, und da haben Sie den Apollo von Belvedere, der selbst einen Wilden in Erstaunen setzen müßte ...“

„Aber die Madonnen, das Christentum?“

„Das Christentum erkennt das Faktum des Krieges vollkommen an und weissagt bekanntlich, daß das Schwert nicht vergehen werde, solange die Welt steht: das ist sehr bemerkenswert und sollte viele stutzig machen. Oh, natürlich im höheren, im moralischen Sinne verwirft es den Krieg und verlangt Nächstenliebe. Ich werde selbst der erste sein, der sich freut, wenn man die Schwerter in Pflugscharen umschmiedet. Doch fragt es sich: wann wird das möglich sein? Und lohnte es sich überhaupt, die Schwerter jetzt in Pflüge zu verwandeln? Der jetzige Friede ist immer und überall schlimmer als der Krieg, so unvergleichlich viel schlimmer, daß es zum Schluß geradezu unmoralisch wird, ihn noch aufrechtzuerhalten. Es gibt nichts mehr, was man schützen möchte, überhaupt nichts mehr, was wert wäre, erhalten zu bleiben, es ist beinahe gewissenlos und eine Schande, irgend etwas noch zu erhalten! Der Reichtum und die Roheit der Vergnügungen gebären Faulheit, und die Faulheit gebiert Sklaven. Um die Sklaven in der Sklaverei zu erhalten, muß man ihnen den freien Willen und die Möglichkeit der Aufklärung nehmen. Wer Sie auch sein mögen, mein Lieber, selbst wenn Sie der humanste Mensch sind: einen Sklaven werden auch Sie immer nur als Sklaven behandeln können – nicht wahr? Ich bemerke noch, daß in der Periode des Friedens Feigheit und Unehrlichkeit gute Wurzeln schlagen. Der Mensch ist naturgemäß stark zu Feigheit und Unehrlichkeit geneigt, und das weiß er selbst ganz genau. Deshalb vielleicht sehnt er sich auch so nach dem Kriege, und darum liebt er ihn so sehr: er ahnt in ihm das Heilmittel. Der Krieg entwickelt in ihm die Nächstenliebe und nähert und befreundet die Völker.“

„Wieso, befreundet?“

„Indem er sie lehrt, einander zu achten. Der Krieg erfrischt die Menschen. Die Menschenliebe entwickelt sich am meisten und fast ausschließlich auf dem Schlachtfelde. Es ist eine scheinbar sonderbare Tatsache, daß der Krieg weniger erbittert und aufreizt als der Friede. Irgendeine politische Beleidigung in der Friedenszeit, irgendeine herausfordernde Konvention, ein politischer Druck, anmaßende Forderungen – in der Art etwa, wie Europa sie uns 1863 stellte – erbittern viel mehr als ein offener Kampf. Erinnern Sie sich: haßten Sie etwa die Franzosen oder Engländer zur Zeit des Krimkrieges? Im Gegenteil, man kam sich näher, trat geradezu in Freundschaft miteinander. Wir interessierten uns für unsere Feinde und pflegten unsere Gefangenen. Unsere Soldaten und Offiziere gingen während des Waffenstillstands zu den feindlichen Vorposten, verbrüderten sich fast mit ihnen, tranken Wodka zusammen, und ganz Rußland las es schmunzelnd in den Zeitungen – was jedoch nicht hinderte, daß man sich prächtig schlug. Es entwickelte sich der Geist der Ritterlichkeit ... Und über die materiellen Schäden des Krieges lohnt es sich nicht einmal zu sprechen: wer kennt nicht die alte Erfahrung, daß nach einem Kriege alles wie mit neuen Kräften aufersteht? Die ökonomischen Kräfte des Landes treten zehnmal mehr hervor, ganz als ob eine Gewitterwolke Regen auf trockenen Boden niedergesandt hätte. Denen, die durch den Krieg gelitten haben, wird sofort und von allen Seiten geholfen, während in Friedenszeiten ganze Distrikte eher Hungers sterben können, bevor wir uns zur Hilfe rühren oder drei Rubel spenden.“

„Ja, leidet denn das Volk nicht am meisten unter dem Kriege, muß es nicht Verheerungen und Bürden ertragen, die unvergleichlich größer sind als die der höheren Gesellschaftsschichten?“

„Vielleicht; – doch immer nur zeitweilig, dafür aber gewinnt das Volk weit mehr, als es verliert. Gerade für das Volk hat der Krieg die besten und schönsten Folgen. Selbst wenn Sie der humanste Mensch sind, werden Sie sich doch für mehr als den Bauer halten. Wer mißt in unserer Zeit noch Seele mit Seele – mit dem christlichen Maß? Man mißt mit dem Geldbeutel, der Macht, der Kraft, – und der einfache Mann, der weiß das nur zu genau. Nicht daß hierbei Neid wäre, – aber es entsteht das unerträgliche Gefühl einer moralischen Ungleichheit, die viel verletzender für ihn ist, als wir es ahnen. Wie Sie die Menschen auch befreien oder welche Gesetze Sie ihnen auch geben mögen, diese Ungleichheit der Menschen wird in der jetzigen Gesellschaft doch nicht aufgehoben werden. Das einzige Heilmittel dagegen ist – der Krieg. Ein Palliativmittel vielleicht, doch ein tröstendes für das Volk. Der Krieg hebt den Geist des Volkes und die Erkenntnis des eigenen Wertes. Der Krieg macht in der Stunde des Kampfes alle gleich und versöhnt den Herrn mit dem Knecht in der allerhöchsten Erscheinung der menschlichen Würde, – im Opfer des Lebens für die gemeinsame Sache, für alle, für das Vaterland! Glauben Sie denn wirklich, daß die Masse, selbst die ganz unwissende Masse der Bauern und Bettler, nicht auch der aktiven Offenbarung hochherziger Gefühle bedarf? Worin kann nun die Masse im Frieden ihre Hochherzigkeit und ihre menschliche Würde beweisen? Auf die einzelnen Durchbrüche derselben sehen wir, wenn wir sie überhaupt zu beachten geruhen, mit verwundertem Lächeln, ja selbst mit ungläubigem Lachen, und zuweilen sogar mit unverhülltem Mißtrauen. Glauben wir aber einmal dem Heroismus eines einzelnen, so schlagen wir darob solch einen Lärm, als ob es etwas schier Unmögliches wäre; und was kommt dabei heraus? Unsere Verwunderung und unser Lob gleichen beinahe der Verachtung. In Kriegszeiten verschwindet all das ganz von selbst und die volle Gleichheit des Heroismus tritt an seine Stelle. Vergossenes Blut ist eine wichtige Sache. Die gemeinsame Heldentat erzeugt die stärkste Verbindung zwischen den verschiedenen Ständen. Der Gutsbesitzer und der Muschik standen sich im Jahre 1812, als sie gemeinsam fürs Vaterland kämpften, näher als in Friedenszeiten zu Haus auf dem Gute. Der Krieg ist der Masse ein Anlaß, sich zu achten, und darum liebt das Volk den Krieg: es dichtet über ihn Lieder und kann sich nicht satt hören an den Geschichten und Erzählungen aus dem Kriege ... Noch einmal: Vergossenes Blut ist eine wichtige Sache! Nein, der Krieg ist in unserer Zeit unentbehrlich; ohne Krieg würde die Welt untergehen oder wenigstens sich in einen schmutzigen Schlamm verwandeln, in irgendeinen gemeinen Schmutz mit faulenden Wunden ...“

Ich widersprach ihm natürlich nicht weiter. Mit Denkern kann man nicht streiten. Aber es ist doch eine höchst sonderbare Tatsache: man fängt jetzt an über Dinge nachzudenken und zu streiten, die, wie man doch meinen sollte, schon längst allen klar und ins allgemeine Archiv des Abgetanen gestapelt worden sind. Jetzt wird das alles wieder ausgegraben ... Das auffallendste aber ist, wie mir scheint, daß dieses heutzutage überall geschieht.

Mein Paradox

Das Paradox

Wieder ein Zusammenstoß mit Europa![21] Und noch kein Krieg? Vom Kriege, sagt man, seien wir, d. h., sei Rußland noch weit entfernt ... Wieder ist die endlose Orientfrage aufs Tapet gebracht, wieder blickt Europa mißtrauisch auf uns Russen ... Doch was geht uns schließlich das Vertrauen Europas an? Hat es denn jemals vertrauensvoll auf uns geblickt? und kann es das überhaupt? Oh, versteht sich, irgendeinmal wird sich dieser Blick ändern, einmal wird Europa auch uns besser begreifen: und es lohnte sich wirklich, über dieses irgendeinmal zu sprechen. Einstweilen jedoch – einstweilen ist mir eine ganz nebensächliche Frage eingefallen, eine, mit deren Beantwortung ich noch kürzlich sehr beschäftigt gewesen bin. Wenn nun auch heute niemand mit mir übereinstimmen wird, so scheint mir doch, daß ich nicht so ganz unrecht habe.

Ich sagte, daß man die Russen in Europa nicht liebe. Nun, das wird, glaube ich, niemand bestreiten; aber unter anderem wirft uns Europa auch vor, daß wir alle, ohne Ausnahme, furchtbar liberal, ja selbst revolutionär seien, und immer, sogar mit einer gewissen Vorliebe, geneigt, uns eher den zerstörenden als den konservativen Elementen Europas anzuschließen. Zur Strafe dafür sehen viele Europäer spöttisch und von oben auf uns herab, nicht selten geradezu gehässig: es ist ihnen unbegreiflich, wie wir darauf kommen, in fremden Angelegenheiten Verneiner zu sein? Sie nehmen uns kurzerhand das Recht, nach europäischer Art zu verneinen – und zwar deshalb, weil sie uns für ein Volk halten, das nicht zur „Zivilisation“ gehört. Eher sehen sie in uns Barbaren, die sich in Europa herumtreiben und sich freuen, irgendwo irgend etwas zerstören zu können – zerstören bloß um der Zerstörung willen, um das Vergnügen zu haben, zuzusehen, wie das alles zusammenkracht – gleich den Hunnen, gleich einer Horde Wilder, die bereit ist, Europa wie das alte Rom zu überschwemmen und alles Große, Alte und Heilige zu zerstören, ohne auch nur zu ahnen, welch einen Schatz sie der Vernichtung weiht.

Daß die Russen tatsächlich in ihrer Mehrzahl sich in Europa als Liberale erwiesen haben – das ist wahr und ist sogar, ich gestehe es, sonderbar. Hat sich aber schon jemand die Frage gestellt, warum das der Fall ist? Warum beinahe neun Zehntel von den Russen, die in diesem Jahrhundert in Europa ihre Bildung erhalten hatten, sich immer derjenigen Partei der Europäer angeschlossen haben, die liberal war, der Partei der „Linken“, d. h. immer derjenigen Seite, die ihre eigene Zivilisation, ihre eigene Kultur verneinte? Das, was Thiers an der Zivilisation verneint, und das, was die Pariser Kommune an ihr 1871 verneinte, ist keineswegs dasselbe. Ebenso „mehr oder weniger“ liberal und ebenso verschieden liberal sind aber auch die Russen in Europa; doch immer sind sie, ich wiederhole es, geneigter als die Europäer, sofort zur äußersten Linken überzutreten, statt sich zunächst noch auf den unteren Stufen des Liberalismus aufzuhalten. Mit einem Wort, man findet unter den Russen weit weniger Thieristen als Kommunarden. Und man beachte wohl: das sind keineswegs irgendwelche vom Wind verwehte Leute – Ausnahmen natürlich zugegeben –, sondern Leute, die sogar sehr solid und zivilisiert aussehen, zuweilen fast schon Minister sind. Doch die Europäer trauen diesem Scheine nicht: „Grattez le Russe et vous verrez le Tartare,“ sagen sie. Das kann ja alles stimmen, aber, frage ich mich, woher kommt das? Schließt sich der Russe in seiner Gemeinschaft mit Europa der äußersten Linken an, weil er Tatar ist und die Zerstörung liebt, also als Wilder, oder bewegen ihn vielleicht andere Gründe dazu? – Das ist die Frage! ... Man wird mir wohl zugeben, daß sie nicht so uninteressant ist. Petersburg spielt jetzt nicht mehr die Rolle des Fensters, das uns aus Europa Licht bringt. Es beginnt etwas Neues, es muß wenigstens etwas Neues beginnen: das sieht jetzt ein jeder ein, der nur ein wenig nachzudenken gelernt hat. Kurz, wir fangen an mehr und mehr zu fühlen, daß wir zu irgend etwas bereit sein müssen, zu einem neuen Zusammenstoß mit Europa, und vielleicht einem viel eigenartigeren, als es die bisherigen waren, – ob es nun in der Orientfrage sein wird, oder sonstwo, wer kann das wissen! ... Darum aber sind ähnliche Fragen, Vermutungen, selbst Rätsel und sogar Paradoxe interessant – und wäre es auch nur, weil sie vielleicht auf einen richtigen Gedanken bringen können. Wie aber soll einem da nicht eine so auffallende Erscheinung zu denken geben, wie die, daß gerade diejenigen Russen, welche sich am meisten für Europäer halten und bei uns allgemein die „Westler“ genannt werden, die auf diesen Namen stolz sind und noch heute auf die anderen Russen wie auf Kwastrinker und Bauernkittel herabsehen, – wie soll es da nicht interessant sein, frage ich, daß gerade diese sich am schnellsten den Verneinern der Zivilisation, den Zerstörern der Kultur, der „äußersten Linken“ anschließen, und daß dieses in Rußland niemanden wundert, ja nicht einmal zum Nachdenken bringt? Wie soll einem das nicht merkwürdig erscheinen?

Ich habe schon eine Antwort auf diese Frage gefunden, doch werde ich meine Idee nicht beweisen, werde sie nur ein wenig zu erklären und die Tatsache zu entwickeln versuchen.

Mir scheint ... folgendes: Zeigt sich nicht in dieser Tatsache – d. h. im Anschluß unserer eifrigsten Westler an jene äußerste Linke, in Wirklichkeit an die verneinenden Elemente Europas, an die Verneiner Europas geradezu, – zeigt sich darin nicht die protestierende russische Seele, der die europäische Kultur von jeher, von Peter dem Großen an, verhaßt gewesen ist, und ihr Protest gegen diese Kultur, die sich in vielem, in allzu vielem, der russischen Seele als fremd erwiesen hat? Geradeso scheint es mir zu sein. Oh, versteht sich, dieser Protest ist fast die ganze Zeit nur unbewußt geschehen, doch wertvoll an ihm ist, daß er zeigt, wie gerade der russische Instinkt nicht erstorben ist: die russische Seele hat, wenn auch unbewußt, gerade im Namen ihres Russentums protestiert, im Namen ihres echt russischen, ursprünglichen, eigenen und dann unterdrückten Kulturversuchs. Natürlich wird man sagen, es sei noch kein Grund vorhanden, sich zu freuen, wenn dem auch so wäre: „Immerhin bist du ein Verneiner – Hunne, Barbar, Tatar –, der nicht im Namen eines Höheren verneint, sondern im Namen seiner eigenen Niedrigkeit, da er ja in ganzen zwei Jahrhunderten die europäische Höhe noch nicht einmal hat begreifen können.“