F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
herausgegeben von Moeller van den Bruck
Übertragen von E. K. Rahsin
Erste Abteilung: Dritter und vierter Band
F. M. Dostojewski
Der Idiot
Roman
R. Piper & Co. Verlag, München
R. Piper & Co. Verlag, München, 1918
Sechste bis achte Auflage
Druck: Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.
Copyright 1915 by R. Piper & Co.,
Verlag in München.
Zur Einführung.
Bemerkungen über russische Mystik
Die russische Mystik ist ein Od, das den russischen Menschen umgibt. Die russische Mystik ist der Atem, der dem Leib und dem Leben des russischen Volkes entströmt. Die russische Mystik ist die Stimmung, die der russischen Erde entsteigt, dämmernd und dampfend, mit jeder Scholle, die umgeworfen wird, und die an der russischen Landschaft hängt wie Tau und Nebel, zwischen langen, langen Flußufern und weiten, weiten Flächen. Diese Sinnlichkeit kennzeichnet sie. Es ist spürbar die Mystik eines jungen, noch schwer sich bewegenden, noch tief in sich befangenen Volkes, das zu keinem Bewußtsein seiner Gefühle und kaum zu einer Ahnung dieses Bewußtseins gekommen ist. Mit Mystik setzt die Geistesentwicklung eines jeden innerlichen Menschenschlages ein. Mystik ist immer und überall der früheste Versuch des Menschen, sich an das Wesen der Dinge heranzutasten. Mystik ist das Auge, das sich aufschlägt und die Erscheinungen zum ersten Male staunend zu einem Erscheinungsganzen zusammenschaut. Mystik ist das Urdenken der Menschheit, wie Mythe ihre Urkunst ist. Je nachdem, ob die Mystik nun im Verlauf ihrer immer bewußteren Weiterentwicklung zur tiefen Innenethik wird wie im Buddhismus, oder zur hellen Offenbarungsreligion wie im Christentum, oder zu einer großen ästhetischen Philosophie oder philosophischen Ästhetik wie bei den Hellenen, oder zu einer echten Weltanschauung, Kampfgesinnung und Lebensweisheit wie bei den Germanen, unterscheiden sich dann die Völker und ihre Kulturen voneinander. Immer aber ging dieser Aufstieg zur klaren Anteilnahme des Menschen am Geiste der Welt und zur letzten Vergeistigung der Menschen selbst, als dem Höchsten, das wir erreichen können, von der Sinnlichkeit, von jener selben mystischen Sinnlichkeit aus, die heute aus allen Poren des Russentums dringt und Land und Volk wie mit einem dicken, weißen, wallenden, heiligen Nebel umgibt, und die immer so vor dem Geiste, vor Ethik und Religion, vor Philosophie und Metaphysik hergeht, wie eben das Gefühl dem Wissen, die Erfahrung der Erkenntnis, die Ahnung dem Bewußtsein vorhergeht. Mit dem Bewußtsein und seinen Geistessteigerungen sind wir an unserem Ziel angelangt. Mit der Mystik und ihren Ahnungszuständen dagegen, die noch wie trächtig ist von Empfindung, Glaube und Wahn, von Boden, Erde und Menschlichkeit und die den Übergang von dem Dunkel, aus dem wir kommen, zu der Helle, zu der wir hindrängen, noch unmittelbar mit sich schleppt, sind wir dem Ursprünglichen und schließlich auch Ewigen unserer Bild- und Denkvorstellungen näher. In der Mystik werden die großen Wahrheiten, man kann gewiß nicht sagen, am klarsten ausgesprochen, wohl aber am ursprünglichsten geoffenbart. Die Mystik ist gleichsam die große Weltnatur selbst, die sich in uns Menschen, zwar wie von ferne noch, aber dafür in allergewaltigsten Bewegungen, zum ersten Male denkend bewegt und in einem weiten, mächtigen, wenn auch noch verschwommenen Stimmungsungefähr durchbricht.
Auch die russische Mystik wird in irgendeiner Weise den Weg gehen, den die indische und christliche, die griechische und deutsche bereits gegangen ist. Wohin dieser Weg das Russentum führen wird, welche Taten und Erlöser auf diesem Wege liegen werden, das können wir heute natürlich nicht wissen, wie wir nie etwas Geschichtliches der Zukunft im einzelnen genau vorauswissen können. Nur das Wesen einer Erscheinung, um die es sich handelt, und damit freilich das Wichtigste, können wir frühzeitig erkennen. Und das ist hier die Sinnlichkeit der russischen Mystik, die dichter, körperlicher, man möchte sagen leibhaftiger ist, als die Sinnlichkeit einer jeden anderen Mystik war. Ganz gewiß war die Mystik namentlich der Hellenen und Germanen von Anfang an lichter, seherischer, bereits schärfer unterscheidend, war bei allem In-Eines-Sehen doch schon dualistisch trennend und nicht monistisch auflösend. So viel haftende, lastende, niederziehende Schwere wie auf den Slawen hat auf keiner anderen Rasse oder Nation geruht, und auch auf dem völkerchaotischen Notzustand nicht, in den Christus befreiend trat. Überall hatten schon bestimmte klare Ideen den Menschen eine Bahn aus sich heraus gebrochen. Es war noch ein Zustand der Mystik, in dem sie lebten, aber zugleich war in der Mystik schon der Wille wirksam, sich selbst zu überschreiten. Sogar die Mystik der Inder, die der Mystik der Slawen noch am nächsten steht und mit der sie gewissermaßen die geographische Angrenzung und damit die Anteilnahme an einer ähnlichen weltklimatischen Atmosphäre und psychischen Disposition teilt, war bei aller sinnlichen, fast künstlichen Verinnerlichung und Selbstbetrachtung, die sich mit ihr verband, doch eine äußerste Geistesanspannung. Nicht grundlos heißt Veda Wissen. Was die Veden enthalten, war die Summe des für den Inder Wissensmöglichen. Nicht durch Gefühl, sondern ausdrücklich „durch Denken läßt sich erschauen, was dauert und in Ewigkeit feststeht“, weiß schon der Rigveda. Bei Christus trat dann freilich die persönliche Vermittlung „zum Vater“ an die Stelle der gedanklichen. Und es war, schon weil sie, indem sie an die Sinne geknüpft war, an die Persönlichkeit geknüpft war, eine echt mystische Vermittlung. Aber gerade Christus führte dann doch als das verbindende Weltprinzip, an das er die Menschen im Himmel und auf Erden den Anschluß finden lehrte, den Geist ein, sprach ihn als den übergeordneten Dritten und den Binder der Dinge im Raum heilig und machte ihn zum obersten Bewohner, Ordner, Lenker des Weltbaus. Erst recht ideologisch war von Anfang an die Mystik der Griechen. In dem Urdenken der Orphiker lag die platonische Idee bereits vorgebildet. Diese selbst war, mit all ihrer Sinnenhaftigkeit und all ihrem Künstlertum, eine echt mystische Idee. Eine Metaphysik haben die Griechen eigentlich nie besessen. Zwischen Mystik und Dialektik schwankte ihr Denken. In ihrer bildlichen und baugewaltigen Vorstellung aber wurde die Weltmystik früh zur Weltarchitektur. Selbst der Vorstellung Plotins merkte man noch etwas von dem strahlenden Götterstaate Homers an. Und gerade Plotin, der bewußte Mystiker, der künstlich wieder das weiche Gefühl aufnahm, nachdem das Denken in aristotelischer Begrifflichkeit verhärtet war, sprach aus, daß die Erkenntnis der Wahrheit, „Selbstanschauung der Vernunft im Menschen“ sei. Bei den Germanen aber verkündete Meister Eckehart: „So hat die erkennende Vernunft immer noch etwas über sich, was sie nicht zu begründen vermag; aber immerhin erkennt sie doch, daß da noch etwas Übergeordnetes ist.“ Und er verkündete damit im Grunde schon Kant und die Erkenntniskritik. Es war Mystik – aber es war Mystik als reinste Metaphysik. Von einer solchen erstaunlichen ideologischen Frühreife weiß natürlich die russische Mystik in ihrer Erd- und Sinnengebundenheit nichts. Überall schlägt bei ihr durch, daß sie ganz eine Mystik des Leibes und der ihm entströmenden Seele, aber noch gar nicht des Geistes ist. In gleicher Stärke ist noch keine Rasse und auch noch keine einzelne mystische Persönlichkeit in ihrem Körper zugleich mit Mysterium geladen und mit Fluidum behaftet gewesen. Die russische Mystik ist die angeborene Krankheit, zugleich aber auch die höchste Gesundheit, alles in allem die eigentliche Natur des Russentums. Mystisch-Kataleptisches und zugleich Mystisch-Katastrophisches sind seine stille Eigentümlichkeit. In der Ausentwicklung dieser Eigentümlichkeit wird die Weiterentwicklung seiner Mystik und seines Denkens liegen. Wie die Erscheinung, die ihr zugrunde liegt, wird auch die Erscheinung, die aus ihr folgt, eine ganz neue Erscheinung sein. Wie die unterschiedliche mystische Anlage der Rasse überall zu den anderen Äußerungen geführt hat, zu Ethik hier, zu Religion dort, zu bald mehr rationalistischer Philosophie in dem einen, zu bald mehr metaphysischer in dem anderen Kulturkreise, wie das Christentum nicht buchstäblich den Buddhismus, wie die Geistesgeschichte des Germanentums nicht die des Hellenentums wiederholt hat, wie vielmehr alle diese Welten grundverschiedene Welten gewesen sind, so wird auch die slawische Mystik ihren eigenen und nur ihr gehörigen geistigen Wert schaffen und den geistigen Kulturkreis, den die Menschheit wachsend gezogen hat, um eine neue Innenkultur bereichern. Aber noch einmal: wir können diesen Wert heute noch nicht kennen. Wir können nur ganz allgemein sagen, daß wir, nachdem wir die Ethik, die Religion und die Philosophie der Mystik schon bekommen haben, von Rußland aus, wo die sinnlich-mystischen Dispositionen so dicht wie nirgendwo und nirgendwann über Land und Volk verteilt liegen, so etwas wie gesteigerte Mystik, vollendete Mystik, gewissermaßen eine Mystik der Mystik erhalten werden, für die uns Wort, Name, Begriff noch fehlt, in der jedoch, wenn ihr Wort einmal ausgesprochen sein wird, die Erlösung für den russischen Menschen liegen wird, und für jeden, der einen russischen Menschen in sich birgt.
Die russische Mystik, wie sie latent im russischen Volke liegt, ist jahrhundertelang von der Orthodoxie gleichsam abgelenkt, von der russischen Geistlichkeit klug und vorsichtig behandelt und, soweit sie sich bereits klarer und mit sich selbst beschäftigt, als geistiges Leben äußern wollte, wohl auch in den Klöstern und im Sektiererleben Rußlands aufgespeichert und befriedigt worden. Erst Tolstoi und Dostojewski haben die russische Mystik wirklich ausgedrückt und alles das, was latent war, endlich einmal persönlich sprechen lassen. Tolstoi tat es, indem er einfach schilderte: wir erfahren bei ihm die russische Mystik genau so, wie wir sie jederzeit erfahren können, wenn wir uns in das russische Leben mischen. Dostojewski dagegen hat die russische Mystik bekannt und hat um sie gerungen, wie man um Probleme ringt, von ihm ab wissen wir, was wir sonst höchstens aus manchen religiösen Begleiterscheinungen des Nihilismus wissen könnten: daß die russische Mystik bereits auf dem Wege von einem bloßen Zustande zu einem Bewußtsein und vom Gefühl und den Sinnen zum Geist und zu einer russischen Geistigkeit ist. Man braucht nur die Namen Schatoffs, Kiriloffs und der Brüder Karamasoff zu nennen – und sofort steigen lauter einzelne Weltanschauungen auf, die alle auf dem Grunde der russischen Mystik und Volklichkeit ruhen und bereits Teile einer künftigen allgemeinen und umfassenden russischen Weltanschauung sind. Doch gehören diese Gestalten erst Dostojewskis späterer Entwicklung an. Einmal jedoch, mehr am Anfang seines großen Lebenswerkes, das ein einziger großer Versuch ist, den russischen Ausdruck und Helden zu finden, den er dann von Figur zu Figur, von Typ zu Typ variierte, hat er der russischen Mystik einen zentralen Träger zu geben versucht: in der Gestalt des Fürsten Myschkin. Es wurde freilich – und hier schlug die einzige geschichtliche Verwurzelung durch, die die russische Mystik hat und deren einseitige, anthropologisch und geographisch abgesonderte Innen- und Sonderentwicklung sie ist – ein wesentlich christologischer, jesushafter Träger. Nachdem sich Dostojewski im Roman und in der Gestalt Rodion Raskolnikoffs mit dem mehr westeuropäischen Moralproblem der Schuld und des Jenseits von Gut und Böse auseinandergesetzt hatte, tat er im „Idioten“ dasselbe mit dem Heilandsphänomen, indem er ihm einen russischen Träger unterlegte. Es war, wie das nicht anders möglich sein konnte, ein sinnlich-mystischer Träger. Alle die geheimnisvollen Auswirkungen des Fürsten auf andere Menschen gehen, wie Ausstrahlungen, unmittelbar von seiner Physis aus. In dieser Weise ist Mystik immer an die Persönlichkeit gebunden. Wer die Wunder Jesu verstehen will, der braucht nur die Auswirkungen Lew Myschkins zu verstehen. Der Gegenstand und auch die Stärke der Entladung ist verschieden, aber das elektrische Phänomen ist dasselbe. Der Rückgriff Dostojewskis auf Christus und Christlichkeit geschah dabei durchaus bewußt. In einem der wenigen visionär-klaren Augenblicke, die er dem Fürsten gegeben hat, läßt er ihn sagen: „Die Gegenwehr des Ostens gegen den Westen soll unser Christus sein, den wir in seiner wahren Gestalt in uns bewahrt haben.“ Diese Annäherung Lew Myschkins an Christus hinderte nicht, daß von Dostojewski aus – für den Christus allzeit das Heiligste war, das die Erde jemals getragen hat, und ein so Unantastbarer, daß er vielleicht nur aus innerer Scheu sein geplantes großes Werk über Christus niemals geschrieben – die Durchführung der Gestalt Lew Myschkins schließlich einer Unterwertung ihrer Christlichkeit gleichkam. Wenn wir die Summe des „Idioten“ ziehen, so bleibt von seinem armen Helden am Ende wirklich nur die Pathologie übrig, und im besten Falle eine gewisse Samariterhaftigkeit. Von seinem wahren Verhältnis zu Christus aber kann man sagen, daß er sich zu ihm verhält wie eine Qualle zu Kristall: Christus und Lew Myschkin verstehen beide alles: Lew Myschkin verzeiht sofort und leidet noch für den Schuldigen; Christus dagegen verzeiht gleichfalls, aber hat noch die Kraft, nicht selbst für den Schuldigen zu leiden; Christus steht also über dem Leiden, während Lew Myschkin haltlos und in tiefstem Lebenssinne charakterlos, ohne einen Zaun um sein Ich zu haben, zwischen den Leuten und Leiden umhersteht. Sogar die Liebe wird ihm persönlich abgestritten, und einmal muß er den harten Vorwurf hinnehmen: „Was Sie sagen, das ist nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.“ Für Dostojewski war das Christliche und Heilandsmäßige eine Möglichkeit für das Russische. Doch nicht etwa einen russischen Jesus wollte er mit Lew Myschkin hinstellen, sondern nur eine menschliche Vorstufe zu einem solchen wollte er finden. Dostojewski wußte, daß auch das Russentum, wie ein jedes Volk und ein jeder Kulturkreis, sich auf eine persönliche Weise mit dem Christentum abfinden und dann einen persönlichen Wert aus ihm schaffen muß. Es geschah im „Idioten“, seinem christlichen Werk und zugleich demjenigen, in dem er das Problem russisch überwand. Das Wichtige, Überdauernde, Unvergängliche an der Gestalt Lew Myschkins ist nicht, wie bei der großen Weltgestalt Christi, er selbst, sondern die Beeinflussung, die von ihm ausgeht. Einen großen Mittler nicht, wie Christus war, sondern nur einen Mittelmenschen kann man ihn nennen, der seinen Zweck gar nicht in sich trägt, nicht darin, daß er nun etwa als Religionsstifter weiterlebte, sondern darin, daß er ganz unvermerkt andere Menschen mit sich befruchtet. Einmal muß in dieser Weise auch das Christliche vom Russentum aufgenommen und einer russischen Umwertung zugeführt werden. Es strebt selbst und von sich aus Christlichem zu, und sicherlich wird es gar nichts Befruchtenderes für das Russentum geben, als gerade das Christentum. Diese Umwertung nun, die Dostojewski als erster auf sich genommen hat, bahnt in seinem Lebenswerk der „Idiot“ an. Er steht in der Entwicklung Dostojewskis an derselben Stelle, an der in der Entwicklung Rußlands das Christliche steht: als ein Übergang und Vorstadium zu Neuem, Kommendem, Eigenem. Freilich auch hier wird man scheiden müssen. Es gibt zweierlei Russentum: ein leidendes und ein tätiges. Das erstere wird sich wohl immer mit dem Christlichen, in seiner Form des Orthodoxen und Kirchlichen und voller Geduld und Demut, zufrieden geben. Das andere Russentum dagegen, das Germanisch-Sibirische, wie man es genannt hat, wird dasjenige sein, welches die eigentlich russischen Werte schafft. Diesem zweiten Russentum hat Dostojewski die Schatoff- und selbst Raskolnikoffnaturen zu Helden gegeben, und im „Idioten“ hat er, als seinen künftigen Träger, gegen Lew Myschkin die heiße, wilde, bebende Kraftgestalt Rogoshins gestellt.
Für uns ist der Träger der russischen Mystik in ihrem ganzen Umfang und in allen ihren Möglichkeiten Dostojewski selbst. Kein großer Ethiker, kein Philosoph, kein Religionsstifter ist aus der russischen Mystik seither hervorgegangen. Nur einen großen Leidenden, Kampfzeugen und Märtyrer haben wir bekommen: Dostojewski. Der Name eines Dichters deckt seine Gestalt nicht mehr. Er ist Genie schlechtweg und gehört zu den Mystikern, die die Gesetze der Welt fühlen und ahnungsvoll schauen, gehört zu den Metaphysikern, die sie ergründen und begreifen, zu den Visionären und Propheten, die aufstehen und sie uns deuten, zu den Heilanden, die geboren werden, um uns von ihnen zu erlösen, und schließlich zu den Fanatikern und Heroen, die für ihr Volk um sie kämpfen.
Vorwort
Der „Idiot“ ist als das zweite der fünf großen Roman-Epen, die Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1868 vollendet worden. Das Werk steht damit in der zeitlichen Folge in Abständen von je etwa zwei Jahren zwischen „Rodion Raskolnikoff“ und den „Dämonen“.
Zu der doppelten Schreibweise der in dem Werk vorkommenden Namen Ganjä, beziehungsweise Ganjka und Warjä, beziehungsweise Warjka sei bemerkt, daß die erweiterte Form Ganjka und Warjka wie Alexaschka und Ssenjka etwas burschikos Herabsetzendes hat.
E. K. R.
Erster Teil
I.
Es war zu Ende November, bei Tauwetter, als gegen neun Uhr morgens ein Zug der Petersburg–Warschauer Bahn sich fauchend mit vollem Dampf Petersburg näherte. Es war so feucht und neblig, daß es kaum erst zu tagen schien. Aus den Kupeefenstern konnte man nur mit Mühe erkennen, was zehn Schritt vom Bahndamm rechts und links vorüberflog. Unter den Reisenden befanden sich auch solche, die offenbar weit herkamen, aus dem Auslande zurückkehrten, doch am stärksten waren die Abteile der dritten Klasse besetzt, und zwar von geringerem Volk und kleinen Geschäftsleuten, die während der Nacht in Städten, die nicht allzufern von Petersburg lagen, eingestiegen waren. Alle waren sie müde und abgespannt, allen waren die Augen über Nacht schwer geworden, alle froren, und die Gesichter waren gelblich bleich, von der Farbe des Nebels draußen.
In einem der Waggons dritter Klasse saßen am Fenster zwei Reisende sich gegenüber: beide junge Leute, beide fast ohne Gepäck und nicht gerade elegant gekleidet, mit ziemlich auffallenden Gesichtern. Sie schienen schließlich beide das Bedürfnis zu empfinden, ein Gespräch anzuknüpfen. Wenn sie von sich gewußt hätten, wodurch sie beide gerade in diesem Augenblick auffallend waren, so würden sie sich natürlich darüber gewundert haben, daß der Zufall sie so sonderbar in ein und denselben Waggon dritter Klasse der Petersburg–Warschauer Bahn einander gegenübergesetzt hatte.
Der eine von ihnen war nicht groß von Wuchs, etwa siebenundzwanzig Jahre alt, hatte krauses, fast schwarzes Haar und kleine graue, doch feurige Augen. Seine Nase war breit und platt, die Kiefer und Backenknochen stark entwickelt. Seine schmalen Lippen verzogen sich beständig zu einem halb frechen, halb spöttischen oder sogar boshaften Lächeln. Seine Stirn aber war hoch und wohlgeformt und verschönte die unedel entwickelte untere Hälfte seines Gesichts. Am auffallendsten war an diesem Gesicht die Leichenblässe, die der ganzen Physiognomie des jungen Mannes trotz seines festen Körperbaues etwas Entkräftetes, Krankhaftes verlieh und gleichzeitig etwas bis zur Qual Leidenschaftliches, das mit dem unverschämten, rohen Lächeln und seinem durchdringend scharfen, selbstzufriedenen Blick eigentlich gar nicht übereinstimmen wollte. Er war warm gekleidet, in einen weiten tuchüberzogenen Pelz von schwarzem Lammfell, und hatte es in der Nacht nicht kalt gehabt, während sein Reisegefährte gezwungen war, seinen Rücken von einer feuchtkalten russischen Novembernacht, auf die er sich offenbar nicht vorbereitet hatte, durchfrieren zu lassen. Er saß in einem weiten ärmellosen, zwar von dickem Stoff gefertigten, aber immerhin unwattierten Mantel mit einer sehr großen Kapuze, wie ihn Reisende im Winter dort irgendwo fern im Auslande, in der Schweiz oder in Oberitalien, zu tragen pflegen, natürlich ohne dabei auch mit solchen Abstechern rechnen zu müssen, wie von Eydtkuhnen nach Petersburg. Denn was in Italien vollkommen genügte, erwies sich natürlich in Rußland als wenig zweckmäßig. Der Besitzer dieses Kapuzenmantels war gleichfalls ein noch junger Mann von etwa sechs- oder siebenundzwanzig Jahren, etwas über mittelgroß, mit auffallend hellblondem, dichtem Haar, einem schmalen Gesicht, dessen Wangen eingefallen waren, und einem kleinen, fast weißblonden Spitzbart. Seine Augen waren groß und blau, und wenn er einen ansah, verwandte er nicht den Blick. Es lag eine eigentümliche Stille, gleichzeitig aber auch Schwere in diesem Blick: er war erfüllt von jenem eigenartigen Ausdruck, an dem manche Leute sofort den Fallsüchtigen erkennen. Übrigens war das Gesicht des jungen Mannes sehr angenehm, feingeschnitten und hager, nur etwas farblos, im Augenblick sogar ziemlich blaugefroren. An seiner Hand baumelte in einem alten verblichenen Kattunstoff ein armseliges Reisebündel, das wahrscheinlich seine ganze Habe enthielt. Seine Füße stecken in dicksohligen Schuhen, über die Gamaschen geknöpft waren – alles nicht nach russischer Art. Der Brünette im tuchüberzogenen Pelz hatte mittlerweile im dämmernden Morgenlicht schon alle diese Einzelheiten seines Gegenübers wahrgenommen und kritisch betrachtet, – zum Teil auch, weil er sonst nichts zu tun hatte – bis er dann schließlich mit jenem unzarten, gewissermaßen nachlässigen Spottlächeln, in dem sich mitunter so ungeniert das eigene Wohlbehagen beim Betrachten des Unglücks anderer ausdrückt, halb fragend bemerkte:
„Kalt. Nicht?“
Und er bewegte dabei die Schultern, als wenn ihn fröstelte.
„Sehr sogar,“ antwortete der andere mit auffallender Bereitwilligkeit, die Unterhaltung fortzusetzen. „Und dabei ist Tauwetter. Wenn wir noch Frost hätten! Ich dachte gar nicht, daß es bei uns so kalt sein würde. Jetzt bin ich daran nicht mehr gewöhnt.“
„Sie kommen aus dem Auslande?“
„Ja, aus der Schweiz.“
„Teufel! Seht mal an! ...“
Er lachte kurz auf und pfiff dann vor sich hin.
Die Fortsetzung des Gesprächs machte sich ganz von selbst; denn die Bereitwilligkeit des blonden jungen Mannes im Schweizermantel, auf alle Fragen seines schwarzhaarigen Reisegefährten zu antworten, war wirklich erstaunlich. Er schien auch nicht den geringsten Anstoß an der Unbekümmertheit zu nehmen, mit der der andere manch eine müßige Frage stellte. Unter anderem erzählte er auch, als Antwort auf eine dieser Fragen, daß er allerdings längere Zeit nicht in Rußland gewesen sei, mehr als vier Jahre nicht, und daß man ihn krankheitshalber – er sprach von einer sonderbaren Nervenkrankheit, ähnlich der Epilepsie oder dem Veitstanz, die in Krämpfen und Zitteranfällen auftrat – ins Ausland gebracht habe. Der Schwarzhaarige lächelte mehrmals auffallend spöttisch, während der andere erzählte, und er lachte laut auf, als jener auf seine Frage, ob er denn dort auch geheilt worden sei, ganz offen antwortete: „Nein, ich bin nicht geheilt worden.“
„Haha! Das kann ich mir denken, daß Sie Ihr Geld umsonst fortgeworfen haben! Und wir hier sind so dumm und glauben immer noch an jene Kerls!“ bemerkte er gehässig.
„Da haben Sie ein wahres Wort gesagt!“ mischte sich ein schlecht gekleideter Herr ein, der neben ihm saß. Er mochte etwas von der Art eines im Amtsschreibertum verknöcherten Beamten sein, vierzig Jahre zählen, war dabei stark gebaut, hatte eine rote Nase und ein finniges Gesicht. „Ein wahres Wort! Sie ziehen nur das ganze russische Geld zu sich hinüber, und wir haben das Nachsehen!“
„Oh, was meinen Fall betrifft, so irren Sie sich sehr!“ fiel ihm der in der Schweiz nicht geheilte Kranke mit seiner sympathischen, versöhnenden Stimme ins Wort. „Natürlich kann ich Ihnen nicht grundsätzlich widersprechen; denn so genau kenne ich die Verhältnisse nicht, um positiv etwas behaupten zu können. Mein Arzt jedoch hat mir von seinem letzten Gelde noch die Mittel zur Reise gegeben, und außerdem hat er mich dort fast zwei Jahre lang auf seine Rechnung unterhalten.“
„Hatten Sie denn sonst keinen, der für Sie bezahlt hätte?“ fragte der Schwarzhaarige.
„Nein. Herr Pawlischtscheff, der mich anfangs dort unterhielt, starb vor zwei Jahren. Ich schrieb darauf hierher, an die Generalin Jepantschin, eine entfernte Verwandte von mir, erhielt aber keine Antwort. Und so bin ich denn hergekommen.“
„Zu wem wollen Sie denn hier?“
„Sie meinen, wo ich absteigen werde? ... Ja, das weiß ich noch nicht, wirklich ... ich ...“
„Sie haben also noch nicht die Wahl getroffen?“
Und beide Zuhörer brachen von neuem in Lachen aus.
„Und dieses Bündel enthält natürlich Ihr ganzes Hab und Gut?“ fragte der Brünette.
„Darauf könnte ich wetten!“ griff sofort mit äußerst zufriedenem Schmunzeln der rotnasige Beamte die Bemerkung auf. „Und auch darauf, daß keine weiteren Koffer im Gepäckwagen sind, noch, daß ihm sonst was gehört, obgleich Armut keine Schande ist, was man wiederum nicht mit Stillschweigen übergehen darf.“
Es stellte sich heraus, daß es sich auch tatsächlich so verhielt, wie jener annahm: der blonde junge Mann gestand es ohne weiteres mit auffallender Offenherzigkeit ein.
„Ihr Bündel hat aber immerhin noch eine gewisse Bedeutung,“ fuhr der Beamte fort, nachdem sie sich satt gelacht hatten. (Merkwürdigerweise stimmte auch der Besitzer des Bündels beim Anblick der beiden Lachenden schließlich in das Gelächter ein, was die Heiterkeit jener natürlich noch erhöhte.) „Und wenn man auch darauf wetten könnte, daß sich in demselben keine ausländischen Goldrollen mit Napoleondors und Friedrichsdors oder zum mindesten mit holländischen Goldgulden befinden, was man allein schon aus Ihren Gamaschen ersehen kann, so erhält doch Ihr Reisebündel, wenn man zu diesem Bündel eine solche angebliche Verwandte wie zum Beispiel die Generalin Jepantschin hinzufügt, eine ganz andere Bedeutung. Versteht sich, nur in dem Fall, wenn die Generalin Jepantschin auch wirklich Ihre Verwandte ist und Sie sich nicht etwa täuschen ... aus Zerstreutheit vielleicht ... was einem Menschen sehr wohl passieren kann, und wenn auch nur – nun, sagen wir, infolge übermäßig entwickelter Phantasie.“
„Oh, da haben Sie wieder die Wahrheit erraten,“ versetzte schnell der blonde junge Mann; „denn ich täusche mich ja auch in der Tat: sie ist eigentlich so gut wie gar nicht verwandt mit mir, so daß es mich damals auch durchaus nicht wunderte, von ihr keine Antwort zu erhalten. Ich hatte sie im Grunde nicht einmal erwartet.“
„Da haben Sie nur das Geld für das Briefporto fortgeworfen. Hm! ... Sie sind wenigstens gutmütig und aufrichtig, das ist lobenswert! Hm! Den General Jepantschin kennen wir, vornehmlich, weil er allbekannt ist. Aber auch den seligen Herrn Pawlischtscheff, der für Sie in der Schweiz bezahlt hat, haben wir einstmals gekannt, wenn es nur Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff war; denn es gab ihrer zwei Vettern. Der eine lebt heute noch in der Krim. Nikolai Andrejewitsch aber, der Verstorbene, war ein angesehener Mann, der gute Verbindungen hatte und seinerzeit viertausend Leibeigene besaß, jawohl ...“
„Ganz recht, er hieß Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff.“
Der junge Mann blickte, nachdem er geantwortet hatte, unbeweglich und forschend den allwissenden Herrn an.
Solche Leute, die alle Welt kennen und alles wissen, findet man zuweilen, oder vielmehr sehr oft sogar, in einer ganz bestimmten Gesellschaftsschicht. Sie wissen buchstäblich alles, der ganze unruhige Forschertrieb ihres Geistes ist unablenkbar nach dieser einen Seite gerichtet, selbstverständlich „in Ermangelung ernsterer Lebensinteressen“, wie sich ein zeitgenössischer Denker ausdrücken würde. Übrigens beschränkt sich diese Allwissenheit nur auf ein ziemlich eng begrenztes Gebiet: welche Anstellung der und der hat, mit wem er bekannt, wie groß sein Vermögen, wo er Gouverneur gewesen, mit wem er verheiratet ist, wieviel er blank und bar mitgeheiratet hat, wer seine Verwandten, Tanten, Nichten, Neffen und Vettern im zweiten und im dritten Grade sind usw., in dieser Art. Größtenteils gehen diese Leute mit zerrissenen Ellenbogen umher und beziehen ein Monatsgehalt von etwa siebzehn Rubeln. Die Betreffenden, von denen sie alle diese Einzelheiten wissen, könnten es sich natürlich gar nicht erklären, aus welchen Gründen sie sich für diese Dinge interessieren; indes kann ich versichern, daß viele von ihnen mit diesen Kenntnissen, die einer ganzen Wissenschaft gleichkommen, sich vollkommen zufrieden geben, in ihrer Selbstachtung bedeutend steigen und mit der Zeit sogar eine höhere geistige Genugtuung darin finden. Und sie ist ja auch wirklich verführerisch, diese Wissenschaft! Ich habe Gelehrte, Literaten, Dichter und Staatsmänner gekannt, die in dieser Wissenschaft ihre höchste Befriedigung und ihren höchsten Lebenszweck fanden und einzig durch sie Karriere machten.
Während dieser ganzen Unterhaltung der beiden hatte der brünette junge Mann gegähnt, ziellos zum Fenster hinausgeschaut und voll Ungeduld das Ende der Reise herbeigesehnt. Er war sichtlich zerstreut – geradezu seltsam zerstreut, fast aufgeregt. Sein ganzes Gebaren war etwas sonderbar: er hörte zu und hörte doch nicht zu, sah und sah doch nicht, und seinem Lachen hörte man es an, daß er selbst nicht wußte, worüber er lachte.
„Aber erlauben Sie, mit wem habe ich die Ehre,“ wandte sich plötzlich der Herr mit dem finnigen Gesicht an den blonden jungen Mann mit dem Bündel.
„Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin,“ stellte sich jener sofort mit voller Bereitwilligkeit vor.
„Fürst Myschkin? Lew Nikolajewitsch? Kenn’ ich nicht. Nicht mal gehört,“ meinte der Beamte nachdenklich. „Das heißt, ich rede nicht vom Namen, – der Name ist historisch, in Karamsins Russischer Geschichte kann und muß man ihn finden. Ich rede vielmehr von Ihrer Person, und dann – man hat lange nichts mehr von irgendwelchen Fürsten dieses Namens gehört ... und es ist einem auch keiner mehr zu Gesicht gekommen ...“
„Oh, wie sollten sie auch!“ äußerte sich der Fürst zu dieser Frage. „Außer mir gibt es jetzt überhaupt keine Fürsten Myschkin mehr; ich bin, glaube ich, der letzte. Und was meinen Vater und Großvater anbetrifft, so haben sie ganz zurückgezogen auf ihrem einzigen Gut gelebt. Mein Vater war übrigens Page und hat es in der Armee bloß bis zum Sekondeleutnant gebracht. Nur weiß ich nicht, wie die Generalin Jepantschin von den Fürsten Myschkin abstammt; jedenfalls ist auch sie die Letzte ihres Geschlechts ...“
„Hahaha! Die Letzte ihres Geschlechts! Haha! Nicht schlecht gesagt,“ lachte der Beamte.
Auch der Brünette lachte. Der Blonde aber wunderte sich, daß es ihm gelungen war, einen – übrigens recht schwachen – Witz zu machen.
„Ach so ... Ich habe es ganz gedankenlos gesagt,“ erklärte er schließlich noch immer etwas verwundert.
„I, versteht sich, versteht sich!“ beruhigte ihn der Beamte oder richtiger der Herr mit der Physiognomie eines Beamten.
„Sagen Sie, Fürst, haben Sie dort auch Wissenschaften getrieben, dort bei Ihrem Professor?“ erkundigte sich plötzlich der Brünette.
„Ja ... ich habe manches gelernt ...“
„Ich habe nie was gelernt.“
„Auch ich habe ja nur so einiges ...“ fügte der Fürst fast entschuldigend hinzu. „Infolge meiner Krankheit war es unmöglich, mich systematisch zu unterrichten.“
„Kennen Sie die Rogoshins?“ fragte plötzlich der Brünette.
„Nein, ich kenne sie nicht; die sind mir ganz unbekannt. Ich kenne ja nur sehr wenige Menschen in Rußland. So sind Sie ein Rogoshin?“
„Ja, ich bin ein Rogoshin. Parfen ...“
„Parfen?“ Der Beamte stutzte. „Aber doch nicht etwa von jenen selben Rogoshins ...“ begann er langsam.
„Na ja, gewiß von jenen selben, jenen selben,“ unterbrach ihn mit unhöflicher Gereiztheit der Brünette, der sich, nebenbei bemerkt, kein einziges Mal an den finnigen Beamten wandte, sondern von Anfang an nur zum Fürsten sprach.
„Ja ... wie denn das?“ wunderte sich der Beamte, dessen ganzes Gesicht sich sofort zu einem andächtigen und unterwürfigen, ja sogar aufrichtig erschrockenen Ausdruck zu verziehen begann. „Doch nicht etwa der Sohn desselben Ssemjon Parfenowitsch Rogoshin, des erblichen Ehrenbürgers, der vor einem Monat gestorben ist und ein Kapital von zwei Millionen fünfmalhunderttausend Rubeln hinterlassen hat?“
„So, woher weißt du denn, daß er ein Kapital von zwei Millionen fünfmalhunderttausend Rubeln hinterlassen hat?“ unterbrach ihn der Brünette, auch diesmal ohne ihn eines Blickes zu würdigen. „Da sieh einer den Kerl!“ fuhr er mit einem Kopfnicken nach dessen Seite fort, sich an den Fürsten wendend, „was sie nur davon haben mögen, daß sie sich einem sofort wie die Schwänze anhängen? Aber das stimmt, daß mein Vater gestorben ist und ich erst nach einem Monat aus Pskow beinah ohne Stiebel nach Hause fahre. Weder mein Bruder, der Schuft, noch meine Mutter, weder Geld noch Nachricht – nichts haben sie mir geschickt! Wie einen Hund haben sie mich behandelt! Hab’ dort in Pskow den ganzen Monat im Fieber gelegen.“
„Und jetzt heißt es, ein Milliönchen auf einen Ruck in Empfang zu nehmen! – zum allermindesten! Du lieber Gott!“ Der Beamte hob ganz überwältigt die Hände empor.
„Sagen Sie doch, bitte, was geht das ihn an?“ fragte Rogoshin ärgerlich mit demselben kurzen Kopfnicken nach dessen Seite hin. „Ich werde dir ja doch keine Kopeke davon geben, und wenn du auch mit den Beinen in der Luft auf den Händen vor mir gehen und bitten solltest.“
„Und ich werde, und ich werde gehen!“
„Da sieh einer! Aber ich werde dir ja doch nichts geben, werde dir keine Kopeke geben, tanze meinetwegen eine ganze Woche auf den Händen vor mir herum!“
„Und gib auch nicht! Geschieht mir recht: gib nicht! Ich aber werde tanzen. Werde mein Weib und meine kleinen Kinderchen verlassen und vor dir tanzen! – jawohl! – und vor dir tanzen!“
„Pfui Teufel!“ Der Brünette spie aus. „Vor fünf Wochen fuhr ich ganz wie Sie da,“ wandte er sich an den Fürsten, „nur mit einem Bündel nach Pskow, um mich vor meinem Vater in Sicherheit zu bringen. Fuhr zur Tante. Dort warf mich das Fieber nieder. Er aber starb in meiner Abwesenheit. Am Schlage. Ewiges Angedenken dem Seligen, nur hätte er mich damals sicherlich totgeschlagen. Werden Sie es mir glauben, Fürst: bei Gott! – wär’ ich nicht geflohen, er hätte mich ohne weiteres erschlagen.“
„Sie haben ihn wohl irgendwie geärgert?“ fragte der Fürst, der mit eigentümlichem Interesse den Millionär im Schafpelz betrachtete.
Aber wenn auch eine Million und deren Erbschaft immer beachtenswert zu sein pflegen, so war es doch etwas ganz anderes, das den Fürsten wunderte und interessierte. Auch Rogoshin selbst hatte aus irgendeinem Grunde ersichtlich gern mit dem Fürsten das Gespräch angeknüpft, obschon er eine Unterhaltung offenbar mehr mechanisch als aus innerem Bedürfnis suchte – gewissermaßen mehr aus Zerstreutheit als aus Offenherzigkeit, mehr infolge seiner Erregung und Aufregung ... vielleicht nur, um die Zunge bewegen zu können. Auch schienen seine Reden noch halbe Fieberphantasien zu sein, wenigstens sah man ihm an, daß er innerlich noch immer fieberte. Der Beamte aber wandte keinen Blick von ihm und wagte kaum, zu atmen. Er hing förmlich an seinen Lippen, von denen er jedes Wort gierig auffing und dann wägte, ganz als hätte er einen kostbaren Edelstein gesucht.
„Ja, geärgert – das hat er sich schon ... und es war vielleicht auch der Mühe wert,“ brummte Rogoshin. „Mich aber hat am meisten mein Bruder geärgert. Von meiner Mutter red’ ich nicht, ist eine alte Frau, liest die Heiligenlegenden, sitzt mit alten Weibern zusammen, und wie’s mein Bruder Ssenjka[1] bestimmt, so muß alles geschehen. Warum aber hat er mich nicht zur rechten Zeit benachrichtigt? Na, wir verstehen schon! Es ist ja wahr, ich lag bewußtlos im Fieber, und ein Telegramm haben sie ja wohl auch abgesandt. Aber meine Tante ist grad die Richtige für Telegramme! Sie verbringt schon seit dreißig Jahren ihre Witwenschaft mit Trübsinnspinnen und hockt vom Morgen bis zum Abend mit Kirchenbettlern und Stadtverrückten zusammen. Nonne ist sie grad nicht, jedenfalls aber so was von der Art, nur noch schlimmer. Das Telegramm erschreckte sie natürlich fürchterlich, und da lief sie mit ihm, ohne es zu entsiegeln, geradeswegs aufs Polizeibureau, wo es heute noch liegt. Nur Konjeff, Wassilij Wassiljitsch, rettete mich: schrieb mir alles ganz genau. Von der Sargdecke des Vaters hat mein Bruder nachts heimlich die echt goldenen Quasten abgeschnitten – ‚sie kosteten doch ein Heidengeld‘! Schon allein dafür kann er nach Sibirien wandern, wenn ich nur will; denn das ist doch Kirchendiebstahl. He, du da, alte Vogelscheuche!“ wandte er sich plötzlich an den Beamten. „Wie ist’s nach dem Gesetz: Kirchendiebstahl oder nicht?“
„Kirchendiebstahl! Gewiß Kirchendiebstahl!“ bestätigte dieser sofort mit großem Eifer.
„Und dafür geht’s nach Sibirien?“
„Nach Sibirien, nach Sibirien! Sofort nach Sibirien!“
„Sie glauben alle, daß ich noch todkrank sei,“ fuhr Rogoshin, zum Fürsten gewandt, fort, „ich aber bin heimlich, ohne ein Wort zu sagen, und allerdings noch halb krank, in den Zug gestiegen. Fuhr einfach los! Mach mal auf das Tor, mein bester Ssemjon Ssemjonytsch! Er hat mich bei meinem verstorbenen Vater angeschwärzt, das weiß ich. Daß ich aber mit der Nastassja Filippowna damals meinen Vater gereizt habe, das läßt sich nicht leugnen. Hier war es nun freilich ganz allein meine Schuld. Die Sünde hat’s so gewollt.“
„Mit Nastassja Filippowna? ...“ flüsterte der Beamte ehrfurchtsvoll, als überlege er irgend etwas.
„Kennst sie ja doch nicht!“ schnitt ihm Rogoshin gereizt und ärgerlich das Wort ab.
„Doch, ich kenne sie!“ triumphierte der Beamte.
„Das fehlte noch! Als ob nur eine in der ganzen Welt Nastassja Filippowna hieße! Was du übrigens für ein freches Rindvieh bist! Merk dir das. Wußt’ ich’s doch, daß sich mir sogleich irgend so’n Geschmeiß anhängen würde!“ Er sprach wieder nur zum Fürsten.
„Wer weiß, vielleicht kenne ich aber doch die Richtige!“ Der Beamte ließ sich nicht abfertigen. „Lebedeff soll sie nicht kennen! Sie, Hochwohlgeborenster, geruhen mich zu tadeln, wie aber, wenn ich beweise, was ich sage? Das ist doch dieselbe Nastassja Filippowna, deretwegen Ihr Vater mittels eines Stockes Ihnen die Leviten zu lesen gedachte, und ihr Familienname ist Baraschkoff, also sozusagen sogar eine vornehme Dame und in ihrer Art auch eine Fürstin. Sie hat mit einem gewissen Tozkij, Afanassij Iwanowitsch, ein Verhältnis, aber nur mit ihm allein, einem Gutsbesitzer und Großkapitalisten, Mitglied verschiedener Handelsgesellschaften, und der dieserhalb mit dem General Jepantschin enge Freundschaft pflegt ...“
„Ah! Also solch ein Vogel bist du!“ Rogoshin wunderte sich denn doch. Er war aufrichtig überrascht. „Pfui Teufel, er scheint sie ja tatsächlich zu kennen.“
„Wen kennt er nicht? Lebedeff kennt alle und alles! Ich, müßt Ihr wissen, Hochwohlgeborenster, habe einmal mit Alexaschka[2] Lichatschewitsch zwei Monate lang juchheit, gleichfalls nach dem Tode des Vaters, kenne daher alle Winkel und Sackgassen; denn schließlich ging er ohne Lebedeff keinen Schritt! Jetzt sitzt er im Schuldturm, damals aber hatte er Gelegenheit, sowohl die Armance und Coralie wie die Fürstin Pazkij und Nastassja Filippowna näher kennen zu lernen ... und noch so manches andere hatte er Gelegenheit, kennen zu lernen!“
„Nastassja Filippowna? Ja, hat sie denn mit Lichatschewitsch ...?“ Rogoshin blickte ihn wütend an. Seine Lippen erbleichten und bebten.
„Nichts, nichts, nichts! Absolut nichts!“ besann sich eilig der Beamte. „Er konnte mit allem Geld n–n–nichts bei ihr erreichen, n–nicht das Geringste! Nein, die war keine Armance! Nur Tozkij allein, wie gesagt. Und abends sitzt sie in der Großen Oper oder im Französischen Theater in ihrer eigenen Loge. Vieles, was die Offiziere so unter sich reden – na, aber auch sie können ihr nichts nachsagen. Nur so: ‚Sieh dort, das ist jene Nastassja Filippowna‘ – das ist alles, was sie sagen können; in betreff des Weiteren aber n–nichts! Denn es ist ja auch nichts zu sagen.“
„Das stimmt alles ganz genau,“ bestätigte Rogoshin düster und stirnrunzelnd. „Das hat mir auch Saljosheff gesagt ... Ich lief damals,“ fuhr er, zum Fürsten gewandt, fort, „in einem Pelzüberrock meines Vaters, den dieser schon vor drei Jahren abgelegt hatte, über den Newskij, da tritt sie aus einem teuren Laden und setzt sich in ihre Equipage. Ich war auf der Stelle wie – wie in Feuer getaucht. Darauf begegne ich Saljosheff – der paßt nicht zu mir, kleidet sich wie ein Friseurgehilfe, Pincenez auf der Nase, wir aber durften beim Seligen nur Schmierstiefel tragen und aßen nichts als Fastenkohl. ‚Nichts für dich,‘ sagt er, ‚die ist so gut wie eine Fürstin, Nastassja Filippowna heißt sie. Sie lebt mit einem gewissen Tozkij, der nicht weiß, wie er sie loswerden soll; denn da er jetzt reif zum Heiraten ist – fünfundfünfzig geworden – so will er eine der ersten Schönheiten Petersburgs ehelichen.‘ Gleichzeitig teilte er mir mit, daß ich sie noch am selben Abend in der Großen Oper sehen könne, sie würde in ihrer Parterreloge sitzen. Bei uns aber, zu Lebzeiten des Seligen, sollte jemand versuchen, ins Theater oder gar ins Ballett zu gehen! Kurzen Prozeß hätte er gemacht: einfach erschlagen. Ich aber machte mich dennoch einmal auf, ganz heimlich auf und davon – und es gelang mir auch wirklich, Nastassja Filippowna zu sehen. Die ganze Nacht schlief ich nicht. Am nächsten Morgen gibt mir der Selige zwei fünfprozentige Papiere, zu fünftausend Rubel jedes. ‚Geh,‘ sagte er, ‚verkauf sie: siebentausendfünfhundert bring zu Andrejeffs ins Kontor, bezahle dort, und den Rest von den zehntausend bring mir, ohne dich irgendwo aufzuhalten, unverzüglich zurück. Werde dich hier erwarten.‘ Die Papiere verkaufte ich, nahm das Geld, zu Andrejeffs aber ins Kontor ging ich nicht, sondern begab mich schnurstracks zum englischen Juwelier und kaufte dort fürs ganze Geld ein Paar Ohrringe, in jedem ein Brillant so ungefähr von der Größe einer Haselnuß, blieb noch vierhundert Rubel schuldig – nannte meinen Namen, da trauten sie mir. Mit den Ohrringen ging ich zu Saljosheff: soundso, gehen wir, Freund, zu Nastassja Filippowna. Wir gingen. Was damals unter meinen Füßen war, was vor mir, was neben mir – davon weiß ich nichts mehr, keine Ahnung. Wir traten ohne weiteres in ihren Salon ein, und sie erschien selbst. Ich, das heißt ... ich sagte damals nicht, wie ich heiße, sondern einfach: ‚von Parfen Rogoshin,‘ sagte Saljosheff, ‚zum Andenken an die gestrige Begegnung, wenn Sie es empfangen wollten.‘ Sie öffnete, sah den Schmuck, lächelte. ‚Überbringen Sie,‘ sagte sie, ‚Ihrem Freunde, Herrn Rogoshin, meinen Dank für seine liebenswürdige Aufmerksamkeit.‘ Nickte und ging. Warum ich damals nicht auf der Stelle starb, begreife ich nicht! Aber wenn ich auch fortging, so tat ich’s doch nur, weil ich dachte: ‚Nun, gleichviel, lebendig kehrst du doch nicht zurück!‘ Am kränkendsten aber schien mir, daß diese Bestie Saljosheff alles gewissermaßen von sich aus gemacht hatte. Ich bin nicht groß von Wuchs, und gekleidet war ich wie ’n Knecht. Ich stehe, schweige, starre sie nur an – denn ich schämte mich doch –, er aber ist nach neuester Mode gekleidet, ist pomadisiert und frisiert, rotwangig, mit ’ner karierten Krawatte – zerfließt nur so, Kratzfuß hier und Bückling dort. Sicher hat sie ihn für den Parfen Rogoshin gehalten, während ich wie ’n Esel dabeistehe! ‚Nun,‘ sagte ich, als wir hinaustraten, ‚daß du mir jetzt nicht hier irgend etwas auch nur zu denken wagst, verstanden!‘ Er lachte. ‚Wie aber wirst du denn jetzt Ssemjon Parfenowitsch‘ – also meinem Vater – ‚Rechenschaft ablegen?‘ Ich muß gestehen, daß ich damals einfach ins Wasser wollte, ohne nach Hause zurückzukehren, dachte aber: ‚Jetzt ist doch alles gleich,‘ und ging wie ein Verfluchter heim.“
Der Beamte stöhnte überwältigt „Ach!“ und „Oh!“, verrenkte sein Gesicht und schüttelte sich, als wenn ihn Frostschauer durchrieselten. „Und dabei müssen Sie bedenken, daß der Selige imstande war, einen – von zehntausend ganz zu schweigen – schon wegen gewöhnlicher zehn Rubel ins Jenseits zu befördern!“ teilte er dem Fürsten wichtig mit mehrfachem Kopfnicken mit.
Interessiert betrachtete der Fürst Rogoshin, der in diesem Augenblick noch bleicher erschien.
„Ins Jenseits zu befördern!“ äffte ihn Rogoshin ärgerlich nach. „Was weißt du denn davon? ... Im Augenblick hatte er alles erfahren,“ erzählte er dann dem Fürsten weiter; „denn Saljosheff hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als die ganze Geschichte jedem ersten besten auf die Nase zu binden. Mein Vater führte mich ins Obergeschoß und schloß mich dort in einem Zimmer ein, in dem er mich dann eine Stunde lang belehrte. ‚Jetzt bereite ich dich nur vor,‘ sagte er, ‚am Abend aber werde ich wiederkommen und in noch ganz anderer Weise mit dir reden.‘ Was glauben Sie wohl? – Der Alte fährt zu Nastassja Filippowna, verneigt sich vor ihr bis zur Erde, fleht und weint, bis sie ihm den Schmuck bringt und hinwirft: ‚Da hast du deine Ohrringe, Alter,‘ sagt sie, ‚sie sind mir jetzt zehnmal teurer, wenn er sie mit solchen Gefahren erstanden hat. Grüß mir,‘ sagt sie, ‚grüß mir Parfen Ssemjonytsch und sag’ ihm meinen Dank.‘ Nun, ich aber hatte inzwischen mit meiner Mutter Segen von Sserjosha Protuschin zwanzig Rubel geborgt und begab mich sofort per Bahn nach Pskow, kam aber schon im Fieber dort an. Die alten Weiber begannen mich mit dem Vorlesen ihrer Heiligengeschichten zu langweilen, während ich halb betrunken dasaß. So ging ich denn und suchte für mein Letztes die Schenken heim und lag dann bewußtlos die ganze Nacht auf der Straße. Da hatte ich mich bis zum Morgen gründlich erkältet. Ein Wunder, daß ich überhaupt noch zu mir kam.“
„Na! Na! Jetzt wird Nastassja Filippowna ein anderes Liedchen singen!“ kicherte händereibend der Beamte. „Was Ohrringe! Jetzt werden wir sie für deine Ohrringe schon entschädigen ...“
„Hör’, wenn du auch nur ein einziges Mal, gleichviel mit welchem Wort, Nastassja Filippowna erwähnst, so werde ich dich, bei Gott, einfach zu Brei schlagen, und wenn du auch hundertmal mit Lichatschewitsch juchheit hast!“ rief knirschend Rogoshin, der plötzlich mit eisernem Griff des anderen Handgelenk gepackt hatte.
„Nur zu! Schlägst du mich, so wirst du mich nicht fortjagen. Schlag nur. Gerade damit erwirbst du dir meine Freundschaft. Hast du mich erst einmal durchgehauen, so hast du mich damit auch erworben ... Ah, da sind wir ja schon angekommen!“
Der Zug fuhr gerade in diesem Augenblick in den Bahnhof ein. Obgleich Rogoshin sich nach seinen Worten ganz heimlich aufgemacht hatte, wurde er doch von einer ganzen Schar Bekannter erwartet. Sobald sie ihn erblickt hatten, schrien sie ihm zu und schwenkten die Mützen.
„Sieh mal, auch Saljosheff ist hier!“ brummte Rogoshin, indem er sie mit triumphierendem und gleichwohl boshaftem Lächeln musterte, und plötzlich wandte er sich an den Fürsten. „Ich weiß nicht, weshalb ich dich liebgewonnen hab’, Fürst. Vielleicht, weil ich dich in einer solchen Stunde kennen gelernt habe, – aber ich habe ja auch diesen da kennen gelernt“ (er wies auf Lebedeff), „ohne ihn dabei liebzugewinnen. Komm zu mir, Fürst. Diese Stiebletten wollen wir dir schon abziehen, werde dir einen Marderpelz kaufen, den schönsten, den es nur gibt, werde dir einen Frack machen lassen vom teuersten Stoff, dazu eine weiße Weste oder was du sonst willst, die Taschen stopfe ich dir voll mit Geld und – fahren wir dann zu Nastassja Filippowna! Kommst du?“
„So hören Sie doch, Fürst Lew Nikolajewitsch!“ mischte sich Lebedeff eifrig dazwischen. „Greifen Sie zu, oh, greifen Sie zu! ...“
Fürst Myschkin erhob sich, bot Rogoshin höflich die Hand und sagte herzlich:
„Ich werde mit dem größten Vergnügen zu Ihnen kommen, und ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich liebgewonnen haben. Vielleicht werde ich sogar heute schon kommen, wenn ich Zeit finde. Denn, ich sage es Ihnen aufrichtig, auch Sie haben mir sehr gefallen – namentlich, als Sie das von den Ohrringen erzählten. Ja sogar vor den Ohrringen gefielen Sie mir bereits, obschon Sie ein düsteres Gesicht haben. Auch danke ich Ihnen für die Kleider und den Pelz, die Sie mir schenken wollen, ich werde bald beides nötig haben. Geld jedoch habe ich im gegenwärtigen Augenblick fast keine Kopeke mehr, doch ...“
„Oh, Geld wirst du von mir bekommen, soviel du nur willst, zum Abend wird es schon da sein, komme nur zu mir!“
„Oh, Geld wird schon da sein,“ griff der Beamte sofort auf, „zum Abend, noch vor dem Abend wird es da sein!“
„Aber wie steht’s mit den Frauen, Fürst? Sind Sie ein großer Liebhaber des weiblichen Geschlechts? – das müssen Sie mir im voraus sagen.“
„Ich? N–n–nein. Ich bin ja ... Sie wissen vielleicht nicht, daß ich ... daß ich infolge meiner Krankheit die Frauen überhaupt noch nicht kenne.“
„Nun, wenn’s so ist ...“ rief Rogoshin aus, „dann bist du ja, Fürst, ein ganz armer Heiliger! Solche, wie du, hat Gott lieb.“
„Gewiß! Gerade solche hat Gott der Herr lieb!“ echote der Beamte.
„Und du, Schmarotzer, schieb mir mal nach!“ wandte sich Rogoshin an Lebedeff.
Sie verließen alle drei das Kupee.
Lebedeff hatte nun doch erreicht, was er wollte. Die lärmende Schar entfernte sich bald in der Richtung nach dem Wosnessenskij Prospekt. Der Fürst dagegen mußte den Weg zur Liteinaja einschlagen. Der Morgen war feucht und naßkalt. Fürst Myschkin erkundigte sich bei Vorübergehenden nach den Entfernungen: bis zu seinem Ziel waren noch etwa drei Werst, und so entschloß er sich, eine Droschke zu nehmen.
II.
General Jepantschin wohnte in seinem eigenen Hause, etwas abseits von der Liteinaja, in der Richtung zur Heiligen Verklärungskirche. Außer diesem äußerst stattlichen Hause, von dem fünf Sechstel vermietet waren, besaß der General noch ein riesiges Haus an der Ssadowaja, das ihm gleichfalls sehr viel eintrug. Ferner besaß er in der nächsten Nähe Petersburgs ein überaus rentables und durchaus nicht so kleines Gut und dann noch, gleichfalls im Petersburger Kreise, irgendeine Fabrik. In früheren Zeiten hatte sich der General, wie alle Welt wußte, an der Branntweinpacht beteiligt, jetzt jedoch war er Mitglied einiger solider Aktiengesellschaften, bei denen er eine einflußreiche Stimme im Aufsichtsrat besaß. Jedenfalls galt er als schwerreicher Mann mit Unternehmungsgeist und guten Verbindungen. An manchen Stellen, unter anderem auch in seinem Dienst, hatte er sich fast unentbehrlich zu machen gewußt. Indes wußte alle Welt, daß Iwan Fedorowitsch Jepantschin ein Mann ohne besondere Bildung war und aus einer Soldatenfamilie stammte. Letzteres konnte ihm zweifellos nur zur Ehre gereichen. Doch hatte der General, obgleich sonst gerade kein Dummer, auch seine kleinen, sehr verzeihlichen Schwächen, denen es zuzuschreiben war, daß er gewisse Anspielungen auf seine Herkunft nichts weniger als gern hörte. Im übrigen war er ein kluger und gewandter Mensch, der wußte, was sich gehörte, und der seine Prinzipien hatte. So zum Beispiel hatte er es sich zum Grundsatz gemacht, sich nie dort vorzudrängen, wo zurückzustehen ratsamer war. Im allgemeinen wurde er wegen seiner einfachen Natürlichkeit geschätzt, weil er sich nichts anmaßte, was ihm nicht zukam, und weil er immer seinen Platz kannte. Währenddessen aber – oh, wenn diese Leute nur geahnt hätten, was bisweilen in der Seele Iwan Fedorowitschs, der so gut seinen Platz kannte, vor sich ging! Doch wieviel Lebenserfahrung er auch besaß – und sogar einige recht bemerkenswerte Fähigkeiten ließen sich ihm nicht absprechen –: er zog es im allgemeinen durchaus vor, sich mehr als Vollstrecker fremder Ideen, denn als ein aus eigener Initiative Handelnder hinzustellen. Er war dabei aufrichtig, schmeichelte den Menschen nicht und – was erlebt man nicht alles in unserem Jahrhundert! – gab sich sogar als ganzer, echter, herzlicher Russe. In letzterer Beziehung sollen ihm sogar ein paar amüsante Geschichtchen passiert sein, doch der General verzagte nie, selbst angesichts der amüsantesten Geschichtchen nicht. Zudem hatte er Glück, selbst im Kartenspiel. Ja, er spielte sogar sehr hoch und bemühte sich nicht nur keineswegs, diese seine scheinbare kleine Schwäche – die ihm mitunter nicht wenig eintrug – zu verbergen, sondern kehrte sie noch absichtlich hervor. Sein Bekanntenkreis war ein etwas gemischter, doch – versteht sich – gehörten zu ihm immerhin nur reiche Leute. Aber es lag ja selbst alles noch vor ihm, jedes Ding hat seine Zeit, und so mußte einmal doch alles an die Reihe kommen. Auch was das Alter anbelangt, war der General sozusagen noch in den besten Jahren, nämlich genau sechsundfünfzig Jahre alt, nicht weniger und beileibe nicht mehr, was ja doch unter solchen Verhältnissen ein blühendes Alter zu nennen ist, ein Alter, in dem das wirkliche Leben so recht eigentlich erst beginnt. Gesundheit, frische Gesichtsfarbe, gute, wenn auch schon etwas schwarz angelaufene Zähne, eine breitschultrige, feste Gestalt, morgens im Dienst der ebenso besorgte und strenge, wie abends am Kartentisch Seiner Durchlaucht heitere Gesichtsausdruck – alles das trug zu den schon erreichten und noch bevorstehenden Erfolgen des Generals in nicht geringem Maße bei und streute auf den Lebenspfad Seiner Exzellenz duftende Rosen.
Der General besaß aber auch eine entsprechend blühende Familie. Freilich waren die Rosen, die ihm hier erblühten, nicht immer ganz ohne Dornen, doch dafür gab es wieder manches andere, auf Grund dessen sich die größten und liebsten Hoffnungen Seiner Exzellenz gerade auf seinen Nachwuchs konzentrierten. Welche Hoffnungen und Pläne könnten auch wichtiger und heiliger sein, als diejenigen liebender Eltern? An was soll man sich schließlich anklammern, wenn nicht an die Familie? Die Familie des Generals bestand aus seiner Gattin und drei erwachsenen Töchtern. Geheiratet hatte er schon vor sehr langer Zeit, als er noch Leutnant war; seine Braut war fast in gleichem Alter mit ihm, zeichnete sich weder durch besondere Schönheit noch durch Bildung aus, und als Mitgift bekam sie auch nur fünfzig Seelen – die allerdings zur Grundlage seines späteren Reichtums wurden. Der General jedoch äußerte in der Folge nie etwas, woraus man hätte schließen können, daß er seine frühe Heirat bereue. Er behandelte sie nie als übereilte Handlung der unüberlegten Jugend. Und seine Gemahlin achtete er so hoch und fürchtete sie bisweilen so sehr, daß man sogar sagen mußte: er liebte sie. Sie nun, die Generalin Jepantschin, stammte aus dem Hause der Fürsten Myschkin, einem nicht gerade sehr glänzenden, doch dafür sehr alten Geschlecht, und tat sich auf diese ihre Abkunft nicht wenig zugute. Eine zu jener Zeit einflußreiche Persönlichkeit (einer jener Protektoren, denen das Protegieren kein Geld kostet) hatte sich bereitgefunden, der jungen Fürstin einen Gatten zu verschaffen. Er öffnete dem jungen Offizier das Pförtchen zur Karriere und gab ihm den ersten Stoß, der ihn auf dieser Bahn in Gang brachte. Der junge Mann aber bedurfte nicht einmal einer so großen Hilfeleistung, es genügte ihm zunächst, wenn er nur mit einem Blick bemerkt und nicht ganz übersehen wurde. Die Ehegatten lebten, abgesehen von einzelnen wenigen Ausnahmen, bis zu ihrer Silberhochzeit in bester Eintracht. Bereits in jungen Jahren hatte die Generalin es verstanden – dank ihrer fürstlichen Abstammung und als Letzte ihres Stammes, vielleicht aber auch dank persönlicher Vorzüge – einzelne hochgestellte Gönnerinnen zu finden, und mit der Zeit war sie, dank ihrem Reichtum und der dienstlichen Stellung ihres Gemahls, im Kreise dieser hochgestellten Personen sogar ein wenig heimisch geworden.
In den letzten Jahren waren die drei Töchter des Generals, Alexandra, Adelaida und Aglaja, herangewachsen und lieblich erblüht. Freilich hießen sie alle drei nur Jepantschin, doch waren sie mütterlicherseits immerhin fürstlicher Abstammung, hatten keine geringe Mitgift zu erwarten und besaßen einen Vater, der für die Zukunft noch Aussicht auf einen vielleicht sogar sehr hohen Posten hatte. Außerdem waren sie alle drei – was gleichfalls von nicht geringer Bedeutung ist – auffallend schöne Mädchen, selbst die Älteste, Alexandra, die bereits das fünfundzwanzigste Jahr überschritten hatte, nicht ausgenommen. Die zweite war dreiundzwanzig Jahre alt und die Jüngste, Aglaja, kaum zwanzig. Diese Jüngste war sogar eine ausgesprochene Schönheit und lenkte denn auch in der Gesellschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Aber das war noch längst nicht alles Gute, was sich von ihnen sagen ließ: alle drei zeichneten sich nämlich auch durch Bildung, Verstand und Talente aus. Auch wußte man zu erzählen, daß sie einander sehr zugetan seien und in gutem Einvernehmen zusammenhielten. Ja, man sprach sogar von gewissen Opfern, die die beiden älteren Schwestern der Jüngsten, dem Abgott der ganzen Familie, zu bringen beabsichtigten. In der Gesellschaft drängten sie sich nicht vor, sondern zogen sich vielleicht sogar allzusehr zurück. Niemand konnte ihnen Hochmut oder Eigendünkel vorwerfen, obschon ein jeder wußte, daß sie stolz waren und ihren eigenen Wert kannten. Die Älteste war musikalisch, die Mittlere besaß ein auffallendes Zeichentalent, doch davon hatte viele Jahre kein Mensch etwas geahnt: erst in der letzten Zeit hatte man es plötzlich entdeckt, und auch da nur ganz zufällig. Mit einem Wort, es wurde sehr viel Lobenswertes von ihnen erzählt. Nichtsdestoweniger gab es auch solche, die ihnen nicht gerade wohlwollten. So sprach man z. B. mit wahrem Entsetzen davon, wieviel Bücher sie schon gelesen hätten. Mit dem Heiraten hatten sie es nicht eilig. Vornehme Gesellschaft zogen sie natürlich vor, doch machten sie sich schließlich auch nicht viel aus ihr, was um so bemerkenswerter war, als jedermann den Charakter, die Wünsche und Hoffnungen ihres Vaters kannte.
Es war bereits elf Uhr, als der Fürst an der Wohnung des Generals die Klingel zog. Jepantschins wohnten im zweiten Stock, zwar möglichst wenig protzig, doch ihrer gesellschaftlichen Stellung durchaus entsprechend. Der Fürst, dem ein Diener in voller Livree öffnete, mußte ziemlich lange mit diesem Menschen reden, der ihn und sein Bündel zuerst recht kritisch musterte. Erst nach wiederholter und bestimmter Versicherung, daß der Besucher tatsächlich Fürst Myschkin sei und den General in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche, führte ihn der ungläubige Bediente in ein kleines Vorzimmer vor dem Empfangskabinett Seiner Exzellenz und übergab ihn dort gewissermaßen der Obhut eines anderen Dieners, der des Morgens in diesem Zimmer Dienst hatte und die zum Besuch erscheinenden Herren anmelden mußte. Dieser zweite Diener trug einen schwarzen Frack, mochte etwa vierzig Jahre zählen, zeigte eine sorgenvolle Miene und besaß als spezieller Anmeldediener des Generals Jepantschin ganz zweifellos höheren Wert.
„Warten Sie gefälligst im Empfangszimmer, das Bündel lassen Sie aber hier,“ sagte er jetzt, ohne sich zu beeilen, setzte sich darauf wichtig auf seinen Stuhl und betrachtete mit strenger Verwunderung den Fürsten, der, als wäre es ganz selbstverständlich, neben ihm auf einem anderen Stuhl Platz genommen hatte, während er das Bündel immer noch in der Hand trug.
„Wenn Sie erlauben,“ sagte der Fürst, „werde ich lieber hier bei Ihnen warten, was soll ich dort allein sitzen?“
„Im Vorzimmer ist nicht der richtige Platz für Sie; denn Sie sind ein Besucher, also sozusagen ein Gast. Wollen Sie den General selbst sprechen?“
Der Diener konnte sich offenbar nicht so schnell an den Gedanken, diesen Menschen anmelden zu müssen, gewöhnen und entschloß sich daher, vorsichtshalber nochmals zu fragen.
„Ja, ich habe die Absicht ...“ sagte der Fürst.
„Ich frage Sie nicht nach Ihren Absichten, – ich habe Sie nur anzumelden. Aber ohne den Sekretär werde ich Sie doch nicht anmelden können.“
Das Mißtrauen dieses Menschen schien noch zu wachsen: der Fürst glich aber auch gar zu wenig den täglichen Besuchern, und wenn der General auch recht oft zu einer festgesetzten Stunde sogar sehr verschiedenartige Leute empfing – vornehmlich in geschäftlichen Angelegenheiten –, so war der Kammerdiener trotz aller Anweisungen diesmal doch sehr im Zweifel darüber, was er tun sollte. Jedenfalls erschien ihm die Mittlerschaft des Sekretärs mit jeder Minute notwendiger.
„Ja, aber sind Sie auch wirklich ... aus dem Auslande gekommen?“ fragte er schließlich ganz unwillkürlich und verstummte sogleich etwas betreten.
Er hatte wahrscheinlich fragen wollen: ‚Sind Sie auch wirklich Fürst Myschkin?‘
„Ja, ich komme direkt von der Bahn. Ich glaube jedoch, daß Sie mich fragen wollten, ob ich auch wirklich Fürst Myschkin bin – sprachen das aber aus Höflichkeit nicht aus.“
„Hm!“ brummte der verwunderte Lakai.
„Nun, ich versichere Sie, daß ich Ihnen nichts vorgelogen habe. Übrigens werden Sie für mich nicht einzustehen brauchen. Und daß ich in diesem Aufzuge und mit diesem Reisebündel erscheine, ist weiter nicht verwunderlich, da meine Verhältnisse im Augenblick nicht glänzend sind.“
„Hm! Sehen Sie, das ist es eigentlich nicht, was ich befürchte. Sie anzumelden, bin ich verpflichtet, und der Sekretär wird Sie empfangen, außer wenn ... das ist es eben, dieses außer wenn ... Sie wollen doch nicht, hm ... den General, wenn ich fragen darf, um eine Unterstützung bitten? – verzeihen Sie ...“
„O nein, in der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein. Ich habe ein anderes Anliegen.“
„Sie müssen mich entschuldigen, ich fragte nur so ... aus Ihrem Auftreten zu schließen ... Warten Sie, bis der Sekretär kommt. Der General selbst arbeitet jetzt mit dem Obersten, dann aber kommt auch der Sekretär.“
„Wenn ich lange warten muß, so möchte ich Sie um etwas bitten: könnte ich hier nicht irgendwo ein wenig rauchen? Tabak und eine Pfeife habe ich bei mir.“
„Ra–au–chen?“ Der Diener blickte ihn mit verächtlicher Verwunderung an, als traue er seinen Ohren nicht ganz. „Ra–au–chen? Nein, hier dürfen Sie nicht rauchen. Schämen Sie sich denn gar nicht, an so etwas auch nur zu denken? He! – das ist mal nett!“
„Oh, ich fragte ja nicht, ob ich hier in diesem Zimmer rauchen könnte. Ich weiß, daß das nicht geht. Ich wäre irgendwohin hinausgegangen, in ein Vorhaus oder einen Korridor, den Sie mir gezeigt hätten; denn ich bin sehr ans Rauchen gewöhnt, und heute habe ich seit ganzen drei Stunden nicht geraucht. Übrigens, wie Sie meinen. Es gibt ja auch ein Sprichwort: In ein fremdes Kloster kommt man nicht mit fremden Sitten ...“
„Wie soll ich Sie denn nun eigentlich anmelden?“ brummte der Kammerdiener fast unwillkürlich. „Erstens schon, daß dies hier doch nicht der rechte Platz zum Warten für Sie ist! Sie müßten im Empfangszimmer sitzen; denn Sie sind doch sozusagen ein Besucher, also ebenso gut wie ein Gast, und mich wird man dann fragen ... oder haben Sie ... haben Sie die Absicht, ganz bei uns zu bleiben?“ fragte er plötzlich mit einem neuen Seitenblick nach dem Bündel des Fürsten, das ihm offenbar keine Ruhe ließ.
„Nein, die Absicht habe ich nicht. Selbst wenn man mich hier dazu aufforderte, würde ich nicht bleiben. Ich bin einfach gekommen, um die Familie kennen zu lernen, weiter nichts.“
„Was? Kennen zu lernen?“ fragte der Kammerdiener verwundert mit doppeltem Mißtrauen. „Aber Sie sagten doch, Sie hätten ein Anliegen?“
„Oh, eigentlich habe ich kein Anliegen. Das heißt, wenn Sie wollen, habe ich allerdings ein Anliegen – ich wollte um einen Rat bitten – aber hauptsächlich bin ich doch gekommen, um mich vorzustellen; denn ich bin ein Fürst Myschkin, und auch die Generalin Jepantschin ist eine geborene Fürstin Myschkin – und außer uns beiden gibt es keine Myschkins mehr.“
„Was, so sind Sie sogar ein Verwandter?“ Der Kammerdiener stutzte erschrocken.
„Auch das eigentlich nicht. Oder wenn man durchaus will, sind wir auch Verwandte, aber immerhin in so entferntem Grade, daß man es im Grunde wohl kaum noch Verwandtschaft nennen kann. Ich habe bereits einmal aus der Schweiz an die Generalin geschrieben, doch sie hat mir nicht geantwortet. Dennoch halte ich es jetzt, nach meiner Rückkehr, für nötig, wenigstens den Versuch zu machen, Beziehungen anzuknüpfen. Und Ihnen erkläre ich das alles jetzt nur, damit Sie an meiner Identität nicht zweifeln; denn, wie ich sehe, beunruhige ich Sie immer noch. Also melden Sie getrost den Fürsten Myschkin an, der Grund meines Besuches wird schon aus dieser Anmeldung zu ersehen sein. Empfängt man mich – ist’s gut. Empfängt man mich nicht – ist’s vielleicht ebenso gut, vielleicht sogar besser. Nur können sie, glaube ich, keinen Grund haben, mich nicht zu empfangen. Die Generalin wird doch sicherlich den einzigen noch lebenden Träger ihres Namens kennen lernen wollen, um so mehr, als sie, wie ich gehört habe, auf ihre fürstliche Herkunft etwas geben soll.“
Die Unterhaltung des Fürsten war scheinbar die allergewöhnlichste, doch je selbstverständlicher sie wurde, desto unverständlicher erschien sie dem erfahrenen Kammerdiener. Jedenfalls konnte er nicht umhin, herauszufühlen, daß doch manches, was sonst zwischen zwei Menschen sehr wohl möglich ist, zwischen einem Gast und einem Diener dagegen ganz unmöglich ist. Da nun die Dienstboten in der Regel viel klüger zu sein pflegen, als ihre Herrschaft es im allgemeinen von ihnen voraussetzt, so dachte auch der Diener Seiner Exzellenz, daß es sich hier nur um zwei Möglichkeiten handeln könne: entweder war der Fürst irgend so ein leichtsinniger Herumtreiber, der unfehlbar Seine Exzellenz anbetteln wollte, oder er war einfach ein Dummkopf, der kein Standesbewußtsein hatte, denn – ein kluger Fürst mit Standesbewußtsein würde doch nicht im Vorzimmer sitzen und mit einem Lakaien von seinen Privatverhältnissen reden!? Wenn dem nun aber so war – fiel dann nicht ihm als erfahrenen Kammerdiener die Verantwortung zu?
„Aber Sie werden sich nun doch ins Empfangszimmer bemühen müssen,“ bemerkte er schließlich in möglichst bestimmtem Ton.
„Wenn ich dort gesessen hätte, würde ich Ihnen nichts erzählt haben,“ meinte halb lachend der Fürst, „und folglich würde Sie der Anblick meines Mantels und Reisebündels immer noch ängstigen. So aber brauchen Sie den Sekretär jetzt vielleicht nicht mehr zu erwarten und können mich ohne fremde Mittlerschaft selbst anmelden?“
„Nein, einen Besuch wie Sie kann ich ohne den Sekretär nicht anmelden, und überdies hat Seine Exzellenz vorhin noch ausdrücklich befohlen, daß ich sie nicht stören soll, gleichviel wer da käme, solange der Oberst bei ihr ist. Nur Gawrila Ardalionytsch kann unangemeldet eintreten.“
„Wer ist das – ein Beamter?“
„Gawrila Ardalionytsch? Nein. Er ist ein Angestellter der Handelsgesellschaft. Aber Ihr Bündel könnten Sie doch wenigstens dorthin stellen.“
„Das war auch schon meine Absicht. Wenn Sie gestatten ... Übrigens – ich werde auch den Mantel ablegen, was meinen Sie dazu?“
„Natürlich, Sie können doch nicht im Mantel eintreten.“
„Gewiß nicht.“
Der Fürst erhob sich, zog eilig seinen Mantel aus und stand nun in einem zwar schon getragenen, jedenfalls aber noch sehr anständigen, kurzen Rock von gut sitzendem, elegantem Schnitt vor dem ihn kritisch musternden Diener. Über der Weste hing eine schlichte Stahlkette, an der er eine silberne Genfer Uhr trug.
Wenn nun der Fürst auch ein Dummkopf war – das hatte der Lakai bereits festgestellt –, so schien es dem Kammerdiener Seiner Exzellenz doch als unzulässig, daß er von sich aus das Gespräch mit dem Gast fortsetzte, obschon ihm der Fürst aus irgendeinem Grunde gefiel – in seiner Art, versteht sich. Trotzdem aber erregte er immer noch seinen aufrichtigen Unwillen.
„Wann empfängt die Generalin?“ fragte der Fürst, nachdem er sich wieder auf denselben Platz gesetzt hatte.
„Das ist nicht mehr meine Sache. Sehr verschieden übrigens, je nach Wunsch. Die Modistin wird sogar schon um elf empfangen. Gawrila Ardalionytsch gleichfalls früher als die anderen, sogar schon zum ersten Frühstück.“
„Hier ist es in den Zimmern an kalten Wintertagen bedeutend wärmer als im Auslande,“ bemerkte der Fürst, „dafür aber ist es dort in den Straßen wärmer als bei uns. Die Häuser sind dort im Winter dermaßen kalt, daß ein echter Russe anfangs gar nicht in ihnen wohnen kann.“
„Heizt man denn dort nicht?“
„Das wohl, aber die Häuser sind anders gebaut, die Öfen und Fenster ...“
„Hm! Und wie lange beliebten Sie dort herumzureisen?“
„Ja so – vier Jahre. Übrigens habe ich die ganze Zeit fast nur an einem Ort gelebt, auf dem Lande.“
„Sind wohl unser Leben nicht mehr gewöhnt?“
„Auch das ist wahr. Glauben Sie mir, es wundert mich wirklich, daß ich das Russische nicht verlernt habe. Da spreche ich nun mit Ihnen und denke dabei doch die ganze Zeit: ‚Aber ich spreche ja wirklich gutes Russisch!‘ Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich soviel rede. Wirklich, seit dem gestrigen Tage würde ich am liebsten nur reden und reden.“
„Hm! Hm! Haben Sie früher schon in Petersburg gelebt?“ – Wie sehr sich der Diener auch beherrschen wollte, so weit konnte er sich doch nicht überwinden, daß er ein so freundlich und fast sogar zuvorkommend mit ihm geführtes Gespräch einfach einschlafen ließ.
„Ja Petersburg? So gut wie überhaupt nicht. Nur auf der Durchreise bin ich hier gewesen. Ich habe die Stadt auch früher nicht gekannt, und jetzt soll es ja hier, wie man hört, so viel Neues geben, daß selbst diejenigen, die die Stadt früher gekannt haben, sie schwerlich wiedererkennen könnten. Augenblicklich wird hier viel von der Reform unserer Gerichte gesprochen.“
„Hm! ... Unsere Gerichte. Ja ... Gerichte, das ist schon wahr, das sind eben Gerichte. Wie ist es dort: sind die Gerichte gerechter als bei uns?“
„Das weiß ich nicht. Ich habe aber gerade von unseren Gerichten viel Gutes gehört. Da hat man jetzt auch die Todesstrafe bei uns abgeschafft.“
„Wird man denn dort zum Tode verurteilt?“
„Ja. Ich habe einmal in Frankreich eine Hinrichtung gesehen. In Lyon. Mein Arzt, Professor Schneider, hatte mich dorthin mitgenommen.“
„Wird dort gehängt?“
„Nein, in Frankreich wird nur enthauptet.“
„Schreien sie sehr?“
„Wo denken Sie hin! Es geschieht ja in einem Augenblick. Der Mensch wird hingelegt, und dann fällt plötzlich von oben ein breites Messer auf seinen Hals, mittels einer Maschine – die Guillotine wird sie genannt – schwer, scharf, in einer Sekunde ... Der Kopf springt schneller vom Rumpf ab, als man mit dem Auge einmal zwinkern kann. Die Vorbereitungen aber nehmen viel Zeit in Anspruch. Zuerst wird dem Verbrecher das Todesurteil vorgelesen, dann wird er angekleidet, gebunden und aufs Schafott geführt – das alles muß schrecklich sein! Das Volk läuft von allen Seiten herzu, sogar Frauen, obschon man es dort sehr ungern sieht, daß Frauen der Hinrichtung beiwohnen.“
„Ist auch nicht ihre Sache.“
„Natürlich nicht! Diese Qual! ... Der Verbrecher war ein intelligenter, furchtloser, starker Mann, nicht mehr jung, Legros hieß er. Nun, glauben Sie es mir oder glauben Sie es nicht: als er das Schafott bestieg – weinte er, und sein Gesicht war so bleich, war so weiß wie Kalk. Wie ist so etwas nur möglich? Ist das nicht grauenvoll? Welcher Mensch weint denn vor Angst? Ich hätte nie gedacht, daß – nicht ein Kind, – aber ein erwachsener Mensch vor Angst weinen könnte, ein Mann von fünfundvierzig Jahren, der noch nie geweint hat! Was muß mit der Seele in diesem Augenblick geschehen, bis zu welchen Krämpfen wird sie gemartert? Eine Beschimpfung der Seele ist es, weiter nichts! Es heißt: ‚Du sollst nicht töten‘ – und nun soll man dafür, daß er getötet hat, wiederum ihn töten? Nein, das kann doch unmöglich richtig sein. Es ist schon über einen Monat her, daß ich es gesehen habe, und immer noch glaube ich, es lebendig vor mir zu sehen. Fünfmal hat mir davon geträumt.“
Der Fürst hatte sich geradezu in Eifer geredet: auf seinem blassen Gesicht erschien ein leises Rot, wenn auch seine Rede ruhig blieb, wie vorher. Der Kammerdiener hatte ihm mit großer Teilnahme und noch größerem Interesse zugehört und hing mit den Blicken an ihm, als könne er sich nicht von ihm losreißen. Vielleicht war dieser Bediente als Mensch nicht ohne Phantasie und Denkvermögen.
„Gut wenigstens, daß die Schmerzen nicht groß sind,“ meinte er, „hm, so ... wenn der Kopf abgehackt wird.“
„Wissen Sie was,“ griff der Fürst angeregt diesen Gedanken auf, „was Sie da soeben bemerkt haben, wird fast von allen ganz genau so hervorgehoben. Auch wird die Maschine, die Guillotine, heutzutage hauptsächlich deshalb benutzt. Mir aber kam damals etwas anderes in den Sinn: wie, wenn das sogar noch schlimmer ist? Ihnen erscheint meine Annahme vielleicht lächerlich, unmöglich, wenn man sich jedoch ein wenig in die Stimmung des Verurteilten zu versetzen sucht, so kommt einem ganz unwillkürlich der Gedanke an diese Möglichkeit. Denken Sie mal nach – nun, nehmen Sie zum Beispiel die Folter: da gibt es Schmerzen und Wunden und körperliche Qual, die aber lenkt einen doch von den seelischen Qualen ab, so daß einen bis zum Augenblick des Todes nur die Wunden quälen. Den größten, den quälendsten Schmerz aber verursachen vielleicht doch nicht die Wunden, sondern das Bewußtsein, daß, wie man genau weiß, nach einer Stunde, dann nur nach zehn Minuten, dann nach einer halben Minute, sogleich, noch in diesem Augenblick – die Seele den Körper verlassen wird, und daß du dann kein Mensch mehr sein wirst, und daß es doch unfehlbar geschehen muß. Das Entsetzlichste ist ja gerade dieses ‚Unfehlbar‘. Gerade wenn man den Kopf unter das Messer beugt und dann hört, wie es von oben klirrend herabglitscht – gerade diese Viertelsekunden müssen die furchtbarsten sein! Dies ist nicht nur meine Ansicht, müssen Sie wissen, sondern sehr viele haben dieselbe geäußert. Ich bin aber so fest von der Richtigkeit meiner Annahme überzeugt, daß ich Ihnen offen sagen will, wie ich darüber denke: für einen Mord getötet zu werden ist eine unvergleichlich größere Strafe, als das begangene Verbrechen groß ist. Laut Urteil getötet zu werden ist unvergleichlich schrecklicher, als durch Räuberhand umzukommen. Wer von Räubern ermordet wird, nachts, im Walde, oder sonstwo, hat zweifellos noch bis zum letzten Augenblick die Hoffnung auf Rettung. Hat man doch Beispiele erlebt, daß dem Betreffenden schon die Kehle durchgeschnitten ist, er aber doch noch zu flehen oder zu entlaufen sucht. Hier aber wird auch diese letzte unwillkürliche Hoffnung, mit der zu sterben zehnmal leichter ist, unwiderruflich genommen; hier ist es das Todesurteil, dem man auf keine Weise entrinnen kann, hier ist es das Bewußtsein der unfehlbaren Vollstreckung desselben, was die größte Qual verursacht – eine größere Qual kann es in der Welt gar nicht geben. Führen Sie einen Soldaten in der Schlacht geradeswegs vor die Kanonen und lassen Sie auf ihn abfeuern, er wird doch immer noch hoffen, mit dem Leben davonzukommen; aber lesen Sie demselben Soldaten sein Todesurteil vor, das unfehlbar an ihm vollstreckt werden wird, so wird er entweder irrsinnig werden oder in Tränen ausbrechen. Wer hat es denn gesagt, daß die menschliche Natur fähig sei, diesen Tod ohne die geringste Geistesverwirrung zu ertragen? Und wozu diese überflüssige, unnütze, so unglaublich überflüssige Beschimpfung des Menschen? Vielleicht gibt es irgendwo einen Menschen, dem das Todesurteil verlesen worden ist, der diese Qualen bis zum letzten Augenblick durchgekostet, und dem man dann gesagt hat: ‚Geh hin, dir ist die Strafe erlassen.‘ Ja, solch einer könnte dann vielleicht erzählen. Von diesen Qualen und diesem Entsetzen hat auch Christus gesprochen. Nein, das darf man einem Menschen nicht antun!“
Der Diener hätte diesen Gedanken zwar nicht so auszudrücken vermocht, wie der Fürst, verstand aber dennoch die Hauptsache sehr wohl, was man allein schon aus seiner gerührten Miene ersehen konnte.
„Wenn Sie nun einmal so gern rauchen,“ brummte er, „so können Sie es schließlich auch tun, bloß dann etwas schnell. Denn wenn ich plötzlich gefragt werde und Sie nicht da sind –? Hier, sehen Sie, unter der Treppe ist eine kleine Tür. Da gehen Sie nur durch und dann rechts in die Kammer. Dort können Sie rauchen, nur müssen Sie das Klappfenster aufmachen, denn es ist doch immerhin nicht in der Ordnung ...“
Doch noch bevor der Fürst sich erheben konnte, trat ein junger Mann mit Papieren unterm Arm ganz plötzlich ins Vorzimmer. Der Diener half ihm sofort, sich des Pelzes zu entledigen. Währenddessen musterte der Eingetretene den Fürsten möglichst unauffällig.
„Dieser Herr, Gawrila Ardalionytsch, bittet, ihn als Fürst Myschkin und Verwandten bei der gnädigen Frau anzumelden. Er ist soeben mit der Bahn aus dem Auslande gekommen, auch sein Reisebündel hat er bei sich, nur ...“
Das Weitere vernahm der Fürst nicht, denn der Diener begann zu flüstern. Der mit Gawrila Ardalionytsch angeredete junge Mann hörte ihm aufmerksam zu und blickte dann mit unverhohlener Neugier den Fürsten an, bis er schließlich den Diener stehen ließ und sich ihm näherte.
„Sie sind Fürst Myschkin?“ fragte er äußerst höflich und liebenswürdig.
Er war ein sehr gefälliger junger Mann, gleichfalls etwa achtundzwanzig Jahre alt, gut gewachsen, von mittlerer Größe, blond und mit einem kleinen Napoleonsbart. Sein Gesicht war klug und sehr hübsch. Nur sein Lächeln war bei aller Liebenswürdigkeit gewissermaßen allzu fein, die Zähne erschienen dabei von gar zu perlenartiger Gleichmäßigkeit, und sein Blick war trotz seiner ganzen heiteren, vielleicht etwas zur Schau getragenen Offenherzigkeit etwas gar zu aufmerksam und forschend.
„Wenn er allein ist, wird er vielleicht ganz anders blicken und vielleicht überhaupt nicht lachen,“ sagte sich der Fürst im stillen.
Fürst Myschkin wiederholte in kurzen Worten, was er bereits dem Diener und am Morgen im Kupee seinem Reisegefährten Rogoshin erzählt hatte. Gawrila Ardalionytsch schien sich inzwischen einer anderen Sache zu erinnern.
„Ach, dann waren Sie es vielleicht,“ unterbrach er ihn, „dann haben Sie vor etwa einem Jahre oder vor noch kürzerer Zeit einen Brief, – ich glaube, aus der Schweiz – an Jelisaweta Prokofjewna geschrieben?“
„Allerdings.“
„Dann wird man Sie hier kennen und wird sich Ihrer entsinnen. Wollen Sie zu Seiner Exzellenz? Ich werde Sie sofort anmelden ... Er wird im Augenblick frei sein. Nur müßten Sie ... vielleicht halten Sie sich solange im Empfangszimmer auf ... Weshalb haben Sie den Fürsten nicht ins Empfangszimmer geführt?“ wandte er sich in strengem Ton an den Diener.
„Ich sagte es doch, sie wollten selbst nicht ...“
In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür zum Kabinett Seiner Exzellenz, und ein Offizier trat mit einem Portefeuille unterm Arm, laut sprechend und zum Abschied die Hacken zusammenschlagend, heraus.
„Bist du es, Ganjä[3]?“ rief eine Stimme aus dem Kabinett. „Dann komm mal her.“
Gawrila Ardalionytsch nickte dem Fürsten zu und trat ins Kabinett.
Nach zwei Minuten öffnete sich die Tür von neuem, und Gawrila Ardalionytschs wohltönende Stimme klang freundlich durch das Zimmer:
„Bitte Fürst, wenn Sie sich hierher bemühen wollten!“
III.
Seine Exzellenz, General Iwan Fedorowitsch Jepantschin stand inmitten seines Kabinetts und musterte mit nicht geringer Neugier den eintretenden Fürsten, ja – er trat ihm sogar zwei Schritte entgegen. Der Fürst ging auf ihn zu und nannte seinen Namen.
„Freut mich, Sie kennen zu lernen,“ erwiderte der General. „Womit kann ich Ihnen dienen?“
„Ein unaufschiebbares Anliegen an Sie habe ich im Grunde genommen nicht. Der Zweck meines Besuches ist ausschließlich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich will Sie jedoch, wenn Ihre Zeit knapp bemessen ist, nicht weiter aufhalten; doch da ich weder Ihren Empfangstag kenne, noch weiß, wann Sie zu sprechen sind – ich bin übrigens soeben erst hier in Petersburg eingetroffen, aus der Schweiz ...“
Der General wollte schon lächeln, besann sich aber noch rechtzeitig und blieb ernst; darauf überlegte er noch ein wenig, kniff die Augen zusammen, betrachtete seinen Gast nochmals von Kopf bis zu den Füßen, wies dann plötzlich auf einen Stuhl, setzte sich selbst schräg gegenüber und wandte dem Fürsten in ungeduldiger Erwartung sein Gesicht zu. Ganjä stand am Schreibtisch und sortierte die verschiedenen Papiere.
„Zu Bekanntschaften habe ich im allgemeinen wenig Zeit,“ sagte der General, „da Sie jedoch mit Ihrem Besuch zweifellos einen besonderen Zweck verfolgen, so ...“
„Ich habe es, offen gestanden, nicht anders erwartet, als daß Sie in meinem Besuch eine besondere Absicht vermuten würden. Aber – mein Ehrenwort – außer dem Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, habe ich keinerlei besondere Nebenabsicht im Sinn.“
„Das Vergnügen liegt natürlich ganz auf meiner Seite, aber man kann doch nicht immer nur ans Vergnügen denken. Mitunter, wissen Sie, gibt es auch ernste Sachen zu erledigen ... Zudem kann ich zwischen uns bis jetzt noch nichts Gemeinsames entdecken ... ich meine, gewisse Gründe, die–i–ie ...“
„Ganz recht, solche Gründe gibt es natürlich nicht, und Gemeinsames zwischen uns dürfte wahrscheinlich nur – wenig vorhanden sein. Denn wenn ich auch ein Fürst Myschkin bin und Ihre Frau Gemahlin aus demselben Hause stammt, so ist das wohl noch kein genügender Grund zu einem Besuch. Das sehe ich vollkommen ein. Dennoch ist es nun einmal der einzige Grund, weshalb ich Sie aufgesucht habe. Ich bin vier Jahre nicht in Rußland gewesen. Und als was verließ ich es: kaum war ich bei vollem Verstande! Damals kannte ich so gut wie niemanden, und heute kenne ich hier vielleicht noch weniger ... Mir tut Bekanntschaft mit guten Menschen not. Außerdem muß ich noch eine wichtige Angelegenheit erledigen, und ich weiß nicht einmal, an wen ich mich wenden soll, und wer mir mit seinem Rat beistehen könnte. Da dachte ich schon in Berlin an Sie: ‚Das sind doch fast Verwandte, ich werde mich zuerst an sie wenden; vielleicht können wir uns gegenseitig beistehen, ich ihnen, sie mir – wenn es gute Menschen sind.‘ Und ich habe gehört, Sie seien gute Menschen.“
„Sehr schmeichelhaft.“ Der General wunderte sich. „Erlauben Sie, wenn ich fragen darf: wo sind Sie abgestiegen?“
„Ich bin noch nirgendwo abgestiegen.“
„Also direkt aus dem Waggon zu mir? Und ... mit Ihrem ganzen Gepäck?“
„Mein Gepäck besteht nur aus einem Bündel, in dem ich meine Wäsche habe, und sonst nichts; ich trage es gewöhnlich in der Hand bei mir. Ein Zimmer aber – nun, ich werde ja wohl heute noch Zeit haben, eines zu mieten.“
„So haben Sie also die Absicht, ein Zimmer zu mieten?“
„O ja, gewiß, selbstverständlich.“
„Aus Ihren Worten glaubte ich eigentlich entnehmen zu können, daß Sie bei mir zu wohnen gedachten.“
„Daran hätte ich doch nur denken können, wenn ich von Ihnen dazu aufgefordert worden wäre. Ich muß aber gestehen, daß ich selbst auf eine Einladung hin nicht bei Ihnen bleiben würde – nicht etwa aus irgendwelchen besonderen Gründen, sondern so ... es ist nicht meine Art.“
„Nun, dann war es ganz richtig von mir, daß ich Sie nicht gleich dazu aufforderte und Sie auch jetzt nicht auffordere. Nur – wenn Sie gestatten, Fürst – um die Sache klarzulegen: da von einer Verwandtschaft zwischen uns, wie wir übereingekommen sind, nicht die Rede sein kann, obschon es mir, versteht sich, sehr schmeichelhaft wäre, so ...“
„So kann ich aufstehen und gehen, nicht wahr?“ Und der Fürst erhob sich mit einem geradezu heiteren Lachen im Gesicht, das sich zu seiner etwas peinlichen Lage seltsam genug ausnahm. „Werden Sie es mir glauben, Exzellenz, bei Gott, obschon ich weder mit den hiesigen Sitten, noch mit dem ganzen Leben hierzulande vertraut bin, war ich doch überzeugt, bevor ich herkam, daß mein Besuch unfehlbar so und nicht anders verlaufen würde, als wie er jetzt tatsächlich verlaufen ist. Doch wie! – vielleicht muß es gerade so sein ... Und überdies ist ja auch schon mein Brief unbeantwortet geblieben ... Also dann – leben Sie wohl und entschuldigen Sie, daß ich Sie belästigt habe.“
Doch der Blick, mit dem der Fürst bei diesen Worten den Hausherrn ansah, war so freundlich und sein Lächeln so ohne jegliche Spur von irgendeinem verborgenen unangenehmen Gefühl, daß der General plötzlich stutzte und seinen Gast auf einmal gleichsam mit ganz anderen Augen betrachtete. In einem Moment hatte er seine Meinung über den Fürsten geändert.
„Wissen Sie, Fürst,“ sagte er lebhaft und mit gänzlich veränderter Stimme, „ich habe Sie ja eigentlich noch gar nicht kennen gelernt, und es ist doch sehr gut möglich, daß auch Jelisaweta Prokofjewna ihren stammverwandten Namensvetter sehen will ... Vielleicht warten Sie einen Augenblick, wenn es Ihre Zeit erlaubt.“
„Oh, meine Zeit erlaubt es mir sehr leicht, sie gehört nur mir allein.“ Und der Fürst legte seinen runden, weichen Hut sofort auf den Tisch. „Offen gesagt, ich habe eigentlich auch daran gedacht, daß Jelisaweta Prokofjewna sich vielleicht meines Briefes an sie erinnern wird. Vorhin, als ich dort im Vorzimmer wartete, befürchtete Ihr Diener, daß ich Sie vielleicht anbetteln würde – jawohl: das war nicht schwer zu erraten – bei Ihnen aber muß es in der Beziehung strenge Vorschriften geben. Doch ich habe Sie wirklich nicht deshalb aufgesucht, es war mir wirklich nur darum zu tun, mit Menschen bekannt zu werden. Nur glaube ich, daß ich Sie aufgehalten habe, und das beunruhigt mich.“
„Nun denn, Fürst,“ sagte der General mit erfreutem Lächeln, „wenn Sie tatsächlich das sind, was Sie scheinen, so wird es wohl ein Vergnügen sein, Sie näher kennen zu lernen. Nur, sehen Sie, ich bin ein sehr in Anspruch genommener Mensch, ich muß mich sofort wieder an die Arbeit machen, dies und jenes durchsehen, unterschreiben, dann muß ich zu Seiner Durchlaucht, dann in den Dienst, kurzum – so gern ich auch geselligen Umgang mit Menschen pflegen würde, mit guten Menschen, das heißt, so, wie gesagt ... Überdies bin ich fest überzeugt, daß Sie eine so vorzügliche Erziehung genossen haben, daß ... Pardon, wie alt sind Sie, Fürst?“
„Sechsundzwanzig.“
„Oh! Ich glaubte, Sie seien viel jünger.“
„Ja, man sagt, daß ich jünger aussehe. Und was Ihren Zeitmangel anbetrifft, so werde ich bald lernen, Sie nicht lange aufzuhalten; denn es ist mir selbst sehr unangenehm, zu stören ... Und schließlich sind wir ja allem Anschein nach so verschiedenartige Leute ... aus verschiedenen Gründen –, daß es zwischen uns auch schwerlich viele Berührungspunkte geben wird. Das heißt, genau genommen bin ich selbst nicht der Meinung; es scheint nur zu oft, daß es keine Berührungspunkte gibt, und doch sind sogar sehr zahlreiche vorhanden. Das kommt nur von der Trägheit der Menschen, weil sie sich nur so nach dem äußeren Schein zusammenfinden, deshalb können sie auch nichts Gemeinsames entdecken ... Doch ich langweile Sie vielleicht? Ich glaube, Sie sind ...“
„Nur zwei Worte: besitzen Sie irgendwelches Vermögen? Oder beabsichtigen Sie, sich sonst irgendwie zu betätigen? Verzeihen Sie, daß ich so ...“
„Aber ich bitte Sie, ich verstehe Ihre Frage sehr wohl zu schätzen und begreife sie vollkommen. Ein Vermögen besitze ich im Augenblick nicht, und eine Beschäftigung habe ich ebensowenig, aber ich müßte mich eigentlich nach einer solchen umsehen. Hergereist bin ich mit fremdem Gelde, Professor Schneider, mein Arzt und Lehrer in der Schweiz, hat mir das Reisegeld gegeben, aber auch nur so viel, wie dazu nötig war, so daß ich im Augenblick nur noch ein paar Kopeken besitze. Allerdings habe ich hier eine Angelegenheit, in der ich Sie eigentlich um Rat bitten wollte, jedoch ...“
„Sagen Sie, wovon gedenken Sie dann vorläufig zu leben, und welches sind Ihre Absichten?“ unterbrach ihn der General.
„Ich beabsichtige zu arbeiten.“
„Oh, dann sind Sie ja ein ganzer Philosoph! Doch was ich sagen wollte ... glauben Sie irgendwelche Talente oder Fähigkeiten zu besitzen, das heißt – ich meine solche, durch die man sich sein tägliches Brot verdienen kann? Sie müssen nochmals entschuldigen ...“
„Oh, es bedarf durchaus keiner Entschuldigung. Nein, ich glaube, daß ich weder Talente noch besondere Fähigkeiten besitze. Hinzu kommt noch, daß ich ein kranker Mensch bin und keinen systematischen Unterricht genossen habe. Und in bezug auf meinen Lebensunterhalt glaube ich ...“
Wieder unterbrach ihn der General, der jetzt Verschiedenes zu fragen begann. Der Fürst erzählte alles, was er bereits im Kupee Rogoshin erzählt hatte. Es stellte sich heraus, daß der General den verstorbenen Pawlischtscheff sogar persönlich gekannt hatte. Aus welchem Grunde sich dieser Pawlischtscheff für ihn interessiert und für seine Erziehung gesorgt hatte, vermochte der Fürst übrigens selbst nicht zu erklären; vielleicht einfach nur aus alter Freundschaft für den verstorbenen Vater des Fürsten. Nach dem Tode seiner Eltern war der Fürst, damals noch ein kleines Kind, ganz allein in der Welt zurückgeblieben und hatte dann ausschließlich auf dem Lande gelebt, da die Landluft ihm bedeutend zuträglicher gewesen war. Pawlischtscheff hatte den kleinen Knaben zwei alten Gutsbesitzerinnen, mit denen er weitläufig verwandt war, anvertraut; zuerst hatte er eine Gouvernante gehabt, späterhin einen Erzieher. Der Fürst fügte auch noch hinzu, daß er sich zwar alles dessen entsinnen, doch vieles nicht ganz erklären könne, da er sich über manche Dinge damals nicht Rechenschaft gegeben habe. Die häufigen Krankheitsanfälle hätten aus ihm fast einen Idioten gemacht. (Der Fürst drückte sich tatsächlich so aus: ‚einen Idioten‘.) Zum Schluß erzählte er noch, daß Pawlischtscheff einmal in Berlin den Professor Schneider, einen Schweizer, kennen gelernt habe, der sich auch damals schon speziell mit derartigen Krankheiten abgab und im Kanton Wallis eine Heilanstalt besaß, in der er die Kranken nach seiner eigenen Methode (vornehmlich mit kaltem Wasser, Gymnastik und Ähnlichem) auch von Idiotie und Irrsinn heilte, gleichzeitig sie unterrichtete und sich überhaupt ihrer geistigen Entwicklung mit Erfolg annahm. Pawlischtscheff hatte darauf den jungen Fürsten vor etwa fünf Jahren zu ihm in die Heilanstalt geschickt und war dann selbst – vor etwa zwei Jahren – ganz plötzlich gestorben, ohne ein Testament zu hinterlassen. In diesen zwei Jahren hatte ihn Schneider auf eigene Kosten in der Anstalt behalten und behandelt. Zwar habe er ihn nicht völlig geheilt, aber ihm doch sehr geholfen, bis er ihn dann schließlich auf eigenen Wunsch und außerdem noch aus einem „anderen besonderen Grunde“ nach Rußland geschickt habe.
Der General wunderte sich nicht wenig.
„Und hier in Rußland haben Sie keinen einzigen, der Ihnen nahesteht, keinen einzigen Menschen?“ fragte er.
„Bis jetzt keinen ... aber ich hoffe ... außerdem habe ich einen Brief erhalten ...“
„Aber wenigstens haben Sie doch etwas gelernt,“ unterbrach ihn wieder der General, ohne die letzten Worte des Fürsten zu beachten, „und Ihre Krankheit wird Sie doch nicht hindern, einen, nun, sagen wir – nicht allzu schweren Posten zu bekleiden?“
„Oh, sicherlich nicht. Und ich würde sogar sehr gern eine Stelle annehmen; denn ich würde selbst gern wissen wollen, wozu ich fähig bin. In diesen vier Jahren habe ich ununterbrochen gelernt, allerdings nicht so, wie man in der Schule lernt, sondern nach Professor Schneiders Grundsatz, nämlich gewissermaßen frei und freiwillig. Ich hatte dort auch Gelegenheit, viele Bücher zu lesen.“
„Russische Bücher? Dann können Sie also auch schreiben und ... können Sie auch fehlerlos schreiben?“
„Oh, selbstverständlich!“
„Vortrefflich. – Und Ihre Handschrift?“
„Meine Handschrift ist tadellos. Hierin besitze ich, nun ja, Talent, und wenn man will, kann man mich vielleicht sogar einen Künstler nennen, was das Schreiben anbelangt. Geben Sie mir ein Blatt Papier, ich werde Ihnen etwas zur Probe schreiben,“ sagte der Fürst, ganz bei der Sache.
„Bitte. Das ist sogar von großer Wichtigkeit ... Und diese Ihre Bereitwilligkeit gefällt mir sehr, Fürst, Sie sind wirklich ein sehr lieber Mensch.“
„Was für wundervolle Schreibutensilien Sie hier haben, wieviel Bleistifte, wieviel Federn, welch ein dickes, schönes Papier ... Und überhaupt haben Sie ein prachtvolles Arbeitskabinett. Diese Landschaft hier kenne ich: sie ist – aus der Schweiz. Der Künstler hat sicher nach der Natur gemalt. Ich glaube sogar, diesen Ort gesehen zu haben – im Kanton Uri ...“
„Das ist leicht möglich, obschon das Gemälde hier gekauft ist. Ganjä, gib dem Fürsten ein Blatt Papier; hier sind Federn und Tinte, schreiben Sie hier auf dieser Unterlage, bitte. – Was ist das?“ wandte sich der General an Ganjä, der seinem Portefeuille eine Photographie in großem Format entnahm und dem General überreichte. „Ah! Nastassja Filippowna! Hat sie dir die selbst, wirklich selbst geschickt?“ fragte er lebhaft und mit großem Interesse.
„Soeben, als ich zur Gratulation bei ihr war, gab sie sie mir. Ich hatte sie schon vor längerer Zeit darum gebeten. Nur weiß ich nicht, ob das vielleicht nicht eine Anspielung sein soll, weil ich mit leeren Händen kam, ohne Geschenk – an einem solchen Tage?“ fügte Ganjä mit einem unangenehmen Lächeln hinzu.
„Nein, nein,“ meinte der General überzeugt. „Wie bist du nur wieder auf diesen Gedanken gekommen? Sie sollte solche Anspielungen machen! Sie ist ja doch gar nicht eigennützig. Und dann: womit solltest du ihr Geschenke machen? Dazu braucht man doch Tausende! Es sei denn, daß du ihr dein Bild schenktest. Wie, hat sie dich denn noch nicht um deine Photographie gebeten?“
„Nein, bis jetzt noch nicht. Vielleicht wird sie es auch nie tun. Sie haben doch den heutigen Abend nicht vergessen, Iwan Fedorowitsch? Sie sind ja einer der ausdrücklich Geladenen.“
„Gewiß, gewiß, weiß ich’s und ich werde auch unfehlbar erscheinen. Das fehlte noch, an ihrem Geburtstage! – und noch dazu am fünfundzwanzigsten! ... Hm! Aber weißt du, Ganjä, ich werde dir – mag es denn so sein – etwas mitteilen. Bereite dich vor: sie hat Afanassij Iwanowitsch und mir versprochen, daß sie heute abend ihr letztes Wort sagen werde: Ja oder nein. So bereite dich jetzt mal darauf vor, vergiß es nicht!“
Ganjä geriet plötzlich dermaßen in Verwirrung, daß er sogar ein wenig erblaßte.
„Hat sie das wirklich gesagt?“ fragte er, und seine Stimme war unsicher.
„Vorgestern. Sie gab uns schließlich ihr Wort. Wir bedrängten sie beide so lange, bis sie es endlich versprach. Nur bat sie uns, es dir bis zum letzten Augenblick nicht zu sagen.“
Der General blickte Ganjä aufmerksam an: ihm schien dessen Verwirrung nicht zu gefallen.
„Vergessen Sie aber nicht, Iwan Fedorowitsch,“ sagte Ganjä erregt und mit unsicherer Stimme, „daß sie mir bis zu dem Augenblick, in dem sie sich entscheidet, volle Freiheit gegeben hat, und auch dann habe ich noch die Möglichkeit, mich nach meinem freien Willen zu entschließen.“
„Ja, willst du denn ... so willst du also ...“ stotterte der General erschrocken.
„Ich? – Nichts.“
„Aber ich bitte dich, als was willst du uns denn hinstellen?“
„Ich habe ja nicht gesagt, daß ich mich weigern werde. Ich habe mich vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt ...“
„Das fehlte noch, daß du dich weigerst!“ rief der General ärgerlich aus, ohne seinen Ärger verbergen zu wollen. „Hier mein Freund, handelt es sich nicht mehr darum, daß du dich nicht weigerst, sondern hier handelt es sich um deine Bereitwilligkeit, um deine Freude, mit der du ihr Jawort vernimmst ... Wie steht’s bei dir zu Hause?“
„Wie soll es da stehn? Zu Hause geschieht alles nach meinem Willen, nur mein Vater kann natürlich seinen Blödsinn nicht lassen. Er ist ja jetzt schon ganz unmöglich geworden. Ich rede überhaupt nicht mehr mit ihm, halte ihn aber noch im Zaum. Wenn die Mutter nicht wäre, würde ich ihm einfach die Tür weisen. Meine Mutter weint natürlich, und meine Schwester ärgert sich. Ich habe ihnen aber jetzt endlich einmal offen gesagt, daß ich Herr meines Schicksals bin und in meinem Hause wünsche, daß man mir ... gehorcht. Meiner Schwester wenigstens habe ich es kurz und bündig auseinandergesetzt, und zwar in Gegenwart meiner Mutter.“
„Tja, Freund, ich begreife wahrhaftig nicht!“ sagte der General, indem er mit gehobenen Schultern die Hände ausbreitete und wieder sinken ließ. „Mit Nina Alexandrowna ist es ganz dasselbe – du weißt, als sie vorhin bei mir war, stöhnte und seufzte sie. ‚Was haben Sie denn gegen diese Heirat?‘ fragte ich. Da stellt es sich denn heraus, daß es für sie eine Entehrung sei. Aber erlaub’ mal, wer kann denn hier von Entehrung reden? Wer kann denn Nastassja Filippowna auch nur irgendeinen Vorwurf machen oder ihr etwas Schlechtes nachsagen? Doch nicht ewig das eine, daß sie zu Tozkij in Beziehung gestanden hat? Aber das ist doch nur lächerlich, namentlich wenn man gewisse Verhältnisse in Betracht zieht! ‚Sie werden sie doch nicht mit Ihren Töchtern verkehren lassen,‘ sagte sie. Da haben wir’s! Ich begreife Nina Alexandrowna einfach nicht! Wie kann man nur so wenig ... so wenig ...“
„So wenig seine Stellung begreifen?“ half Ganjä dem General. „Seien Sie ihr nicht böse: sie begreift ihre Stellung zu gut. Ich habe ihr damals sogleich tüchtig die Wahrheit gesagt, damit sie sich nicht mehr in fremde Angelegenheiten einmischt. Und doch ist das einzige, was das Haus bis jetzt zusammenhält, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Das Gewitter aber zieht schon herauf. Wenn heute das letzte Wort gesagt wird, so wird auch alles übrige gesagt werden.“
Der Fürst hatte, während er am anderen Tisch seine Schriftprobe verfaßte, das ganze Gespräch der beiden mit angehört. Als er fertig war, trat er an den ersten Tisch und überreichte dem General das Blatt.
„Das also ist Nastassja Filippowna?“ murmelte er halblaut vor sich hin, während er aufmerksam und neugierig die Photographie auf dem Schreibtisch betrachtete: „Wie wunderbar schön!“ rief er gleich darauf ganz begeistert aus.
Die Photographie zeigte einen Frauenkopf von allerdings ungewöhnlicher Schönheit. Sie hatte sich in einem sehr schlichten, doch um so eindrucksvolleren schwarzen Seidenkleide photographieren lassen; ihr offenbar dunkelblondes Haar war sehr einfach aufgesteckt; die Augen waren dunkel, tief, die Stirn nachdenklich. Der Ausdruck des Gesichts verriet Leidenschaft und Hochmut. An sich war das Gesicht etwas hager, vielleicht auch bleich ...
Ganjä und der General blickten beide ganz erstaunt den Fürsten an.
„Wie, Nastassja Filippowna? Ja, kennen Sie denn Nastassja Filippowna?“ fragte der General.
„Ja. Ich bin wohl noch nicht ganze vierundzwanzig Stunden in Rußland, diese Schönheit hier kenne ich aber schon.“
Und der Fürst berichtete von seiner Begegnung mit Rogoshin und was dieser ihm erzählt hatte.
„Das sind mir mal Neuigkeiten!“ bemerkte der General erregt, nachdem er dem Fürsten sehr aufmerksam zugehört hatte, worauf er forschend Ganjä anblickte.
„Wahrscheinlich hat er nichts als Unanständigkeiten im Sinn,“ brummte Ganjä, der gleichfalls etwas betroffen zu sein schien. „Kennt man ... ein Kaufmannssohn, der durchgehen will. Ich habe bereits einiges von ihm gehört.“
„Auch ich, mein Lieber, habe von ihm gehört,“ griff der General auf. „Gleich damals nach der Geschichte mit den Ohrringen erzählte uns Nastassja Filippowna das ganze Erlebnis. Aber jetzt hat sich die Sachlage doch bedeutend geändert. Da steckt vielleicht wirklich eine Million und ... Leidenschaft. Gesetzt – eine unanständige Leidenschaft ... vielleicht ... aber es riecht jedenfalls nach Leidenschaft, und wozu diese Leute im Rausch fähig sind, das weiß man! ... Hm! ... Wenn nur keine Geschichte daraus entsteht!“ schloß der General nachdenklich.
„Sie fürchten wohl die Million?“ fragte Ganjä mit einem Lächeln, das seine Zähne entblößte.
„Und du natürlich nicht?“
„Was meinen Sie, Fürst?“ wandte sich plötzlich Ganjä an diesen, „was für einen Eindruck hat er auf Sie gemacht? Ist es ein ernster Mensch oder nur so ein ... wüster Kerl? Ich möchte gern Ihre persönliche Meinung hören.“
Es ging etwas Besonderes vor in Ganjä, als er diese Frage stellte. Es war, als wenn plötzlich eine neue Idee in seinem Hirn aufgeblitzt wäre und jetzt ungeduldig aus seinen Augen hervorleuchtete. Der General, der sich außerordentlich beunruhigt fühlte, blickte von der Seite gleichfalls auf den Fürsten, doch schien er nicht viel von seiner Antwort zu erwarten.
„Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll,“ antwortete der Fürst, „ich glaube, daß in ihm viel Leidenschaft steckt, sogar eine gewissermaßen kranke Leidenschaft. Und er scheint ja auch physisch noch ganz krank zu sein. Es ist leicht möglich, daß er sich schon nach den ersten Tagen in Petersburg wieder wird hinlegen müssen, namentlich, wenn er noch wüst daraufloslebt.“
„So? Also diesen Eindruck hat er auf Sie gemacht?“ Der General hielt sich offenbar gern an diese Auffassung.
„Ja, so scheint es mir.“
„Und dennoch können Wendungen von dieser Art nicht erst nach einigen Tagen, sondern heute noch eintreten, vielleicht werden wir noch heute abend etwas erleben,“ sagte Ganjä zum General, wiederum mit einem Lächeln, das seine Zähne zeigte.
„Hm! ... Gewiß ... Dann kommt es eben nur darauf an, welch eine Laune ihr in den Kopf fährt,“ meinte der General.
„Und Sie wissen wohl noch nicht, wie sie mitunter sein kann?“
„Das heißt – wie sein kann?“ fuhr der General auf, der sehr verstimmt und auch etwas verwirrt aussah. „Hör’ mal, Ganjä, ich bitte dich, widersprich ihr heute nicht und bemühe dich, so, weißt du, nun so ... mit einem Wort: so nach ihrem Geschmack zu sein ... Hm! ... Weshalb verziehst du denn den Mund? Hör’ mal, Gawrila Ardalionytsch, es ist Zeit, daß wir uns einmal klar werden über die Dinge, sogar höchste Zeit: für wen mühen wir uns denn? Du begreifst doch, daß ich mir in bezug auf meinen eigenen Vorteil keine Sorgen zu machen brauche: der ist vollkommen sichergestellt. Ob so oder so, jedenfalls werde ich die Sache zu meinem Vorteil zu wenden wissen. Tozkijs Entschluß ist unerschütterlich, folglich kann ich ruhig sein. Und deshalb merk’ dir, mein Lieber, daß, wenn ich jetzt überhaupt was wünsche, dieses einzig dein Vorteil ist. Urteile doch selbst! Oder traust du mir etwa nicht? Aber du bist doch ein ... ein Mensch ... mit einem Wort, ein vernünftiger Mensch, und das ist doch in diesem Fall ... das ist doch ... ist doch ...“
„Die Hauptsache,“ half Ganjä wieder dem etwas in die Enge geratenen General, worauf er seine Lippen zum beißendsten Lächeln verzog, das er jetzt nicht einmal mehr zu verbergen suchte. Er sah mit flammendem Blick ganz offen dem General in die Augen, als wünsche er, daß jener in seinem Auge alle seine Gedanken lese. Der General wurde feuerrot und geriet in Zorn.
„Nun ja, Vernunft ist die Hauptsache!“ sagte er scharf, indem er Ganjä streng anblickte. „Du bist, weiß Gott, ein komischer Mensch, Gawrila! Wie ich sehe, freust du dich geradezu über das Auftauchen dieses Kaufmannssohnes wie über einen Ausweg für dich. Hier hat es sich doch von Anfang an gerade um deine Vernunft gehandelt; hier galt es doch vor allen Dingen, zu begreifen und ... beiderseits ehrlich und offen zu handeln oder ... sonst wenigstens beizeiten zu sprechen, um nicht andere bloßzustellen. Zeit war dazu doch genug vorhanden, und es ist sogar auch jetzt noch nicht zu spät,“ (der General zog bedeutsam die Brauen in die Höhe) „obschon uns nur noch ein paar Stunden geblieben sind ... Haben wir uns verstanden? Nun? so sag’ doch: willst du oder willst du nicht? ... Willst du nicht, so sprich es aus – es steht dir vollkommen frei. Niemand wird Sie, mein bester Gawrila Ardalionytsch, dazu bereden, niemand zieht Sie mit Gewalt in die Falle, vorausgesetzt, daß Sie eine Falle hierin sehen.“
„Ich will,“ sagte Ganjä halblaut, doch mit fester Stimme; er blickte zu Boden und verstummte finster.
Der General war zufriedengestellt. Er war in Hitze geraten, bereute es aber augenscheinlich schon, daß er sich so weit hatte fortreißen lassen. Plötzlich wandte er sich zum Fürsten, und auf seinem Gesicht drückte sich flüchtig der unruhige Gedanke aus, daß der Fürst ja zugegen gewesen war und folglich alles gehört hatte. Doch er beruhigte sich sofort: ein Blick auf den Fürsten genügte, um jede Befürchtung auszuschließen.
„Oho!“ rief der General erstaunt aus, als er die Schriftprobe erblickte, die der Fürst fertiggestellt hatte. „Aber das ist ja einfach Kalligraphie! Und sogar eine seltene! Ganz großartig! Sieh mal her, Ganjä, was sagst du zu diesem Talent?“
Auf einem Blatt dicken Velinpapiers hatte der Fürst in mittelalterlicher, russischer Schrift die Worte geschrieben:
„In Demut unterzeichnet dieses
Igumen Pafnutij.“
„Dieses hier,“ erklärte der Fürst bereitwilligst und mit sichtlichem Interesse an der Sache, „ist die eigenhändige Unterschrift des Abtes Pafnutius nach einem Faksimile aus dem vierzehnten Jahrhundert. Sie schrieben alle prächtig, unsere alten Äbte und Metropoliten, und mit soviel Geschmack und Sorgfalt! Haben Sie nicht die Popodinsche Ausgabe zur Hand, Exzellenz? ... Und hier habe ich in einer anderen Art geschrieben: das ist die runde, deutliche französische Schrift des vorigen Jahrhunderts, manche Buchstaben wurden sogar ganz anders geschrieben. Es ist eine offizielle Schrift, die Schrift der öffentlichen Schreiber, nach einer ihrer Vorlagen – ich hatte eine – und sie ist nicht ohne Vorzüge, das werden Sie zugeben. Betrachten Sie diese runden o, e und a. Ich habe den französischen Charakter der Schrift auf die russischen Buchstaben übertragen, was freilich durchaus nicht leicht ist – aber es ist mir doch gelungen. Und dann hier: gleichfalls eine schöne originelle Schrift, hier dieser Satz: ‚Energie kann alles überwinden‘. Das ist eine echt russische, die Handschrift eines russischen Schreibers, oder wenn Sie wollen, Militärschreibers. So wird in dienstlichen Angelegenheiten an hohe Vorgesetzte geschrieben. Der Charakter dieser Schrift ist gleichfalls rund, entzückend, eine schwarze Schrift, wie man sie nennt, viel Tinte, doch mit sehr viel Geschmack geschrieben. Ein Kalligraph würde diese Schnörkel, oder richtiger, diese Ansätze zu Schnörkeln, diese halben, unvollendeten Schwänzchen – sehen Sie, hier und hier – nicht zulassen, aber als Ganzes betrachtet, nicht wahr, machen sie doch gerade den Charakter aus. Und wirklich, in ihnen verrät sich die ganze militärisch gedrillte Schreiberseele: er würde so gern einen schwungvollen Schnörkel machen, das Talent will sich kundtun, aber es geht nicht – der Militärkragen ist eng zugeknöpft – die Disziplin erstreckt sich sogar bis auf die Handschrift – ganz wundervoll! Diese Probe fand ich vor nicht langer Zeit ganz zufällig, und noch dazu wo? – in der Schweiz! Sie frappierte mich geradezu. Nun, und dieses hier ist die gewöhnliche, sehr einfache, echt englische Schrift: weiter kann die Eleganz nicht gehen, hier ist alles vollendet! Wie aufgereihte Glasperlen sind die Buchstaben. Unübertrefflich. Doch hier eine Variation derselben, und wiederum eine französische, ich habe sie von einem französischen Commis voyageur[1]: es ist fast dieselbe englische Schrift, nur sind die Grundstriche ein wenig, nur um ein Haar, schärfer und dicker – und sehen Sie: die ganze Proportion ist sofort aufgehoben! Und beachten Sie auch das Oval der Buchstaben: sie sind um ein Haar runder, auch hat er sich einen Schnörkel erlaubt, ein Schnörkel aber ist ein überaus gefährliches Ding. Ein Schnörkel verlangt einen seltenen Geschmack. Ist er aber wirklich gelungen, ist die richtige Proportion getroffen, so läßt sich diese Schrift mit keiner einzigen vergleichen, dann ist sie so schön, daß man sich einfach in sie verlieben kann.“
„Oho! In was für Feinheiten Sie sich da vertiefen!“ sagte der General lachend. „Sie scheinen ja durchaus kein gewöhnlicher Kalligraph, sondern ein ganzer Künstler in diesem Fach zu sein – habe ich nicht recht, Ganjä?“
„In der Tat,“ gab Ganjä mit vollem Bewußtsein seine Zustimmung, nur mit leise spöttischem Lächeln die Worte begleitend.
„Lach’ nur, lach’ nur, aber damit kann man doch Karriere machen!“ sagte der General. „Wissen Sie auch, Fürst, an welche Persönlichkeit wir Sie unsere Eingaben werden schreiben lassen? Nein, Ihnen kann man ja von vornherein fünfunddreißig Rubel monatliches Gehalt zahlen. Oh! schon halb eins!“ unterbrach er sich nach einem Blick auf die Uhr. „Zur Sache, Fürst, ich muß mich beeilen, und heute werden wir uns wohl nicht wiedersehen. Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, wird es mir nicht möglich sein, Sie oft zu empfangen, doch ein wenig helfen will ich Ihnen herzlich gern, ein wenig, wie gesagt, das heißt natürlich nur im ... im Allernotwendigsten, dann aber, fürs Weitere sozusagen, müssen Sie schon selbst Sorge tragen. Ich werde Ihnen eine kleine Anstellung in einer Kanzlei verschaffen, nichts besonders Schwieriges, nur verlangt so etwas innere Akkuratesse. Jetzt kommen wir auf das andere zu sprechen: im Hause, oder vielmehr in der Wohnung Gawrila Ardalionytsch Iwolgins, meines jungen Freundes hier, den ich Ihnen hiermit vorstelle, haben Mutter und Schwester desselben zwei oder drei möblierte Zimmer eingerichtet, die sie an gutempfohlene Mieter abgeben, versteht sich: mit Kost und Bedienung. Meine Empfehlung wird Nina Alexandrowna, denke ich, genügen. Für Sie aber, Fürst, dürfte das ein gefundener Schatz sein, erstens weil Sie dann nicht allein, sondern sozusagen im Schoße einer Familie leben werden, denn meiner Ansicht nach wäre es für Sie sehr unangenehm, in einer Großstadt wie Petersburg – besonders in der ersten Zeit – ganz allein zu sein. Nina Alexandrowna – die Mutter – und Warwara Ardalionowna – sind zwei Damen, die ich sehr hochschätze. Nina Alexandrowna ist die Gattin Ardalion Alexandrowitschs, eines verabschiedeten Generals, meines ehemaligen Regimentskameraden in jüngeren Jahren, mit dem ich aber aus gewissen Gründen den Verkehr abgebrochen habe, was mich jedoch nicht hindert, ihn in seiner Art zu achten. Alles dies erkläre ich Ihnen jetzt, Fürst, damit Sie sehen, daß ich Sie sozusagen persönlich empfehle und folglich für Sie gewissermaßen garantiere. Zu zahlen haben Sie für Kost und Logis einen sehr mäßigen Preis, doch wird, wie ich hoffe, Ihr Gehalt alsbald vollkommen dazu ausreichen. Es ist ja wahr, ein Mensch braucht auch etwas Taschengeld, wenn auch nur sehr wenig, aber – nehmen Sie es mir nicht übel, Fürst, wenn ich Ihnen rate, den Besitz von Taschengeld lieber zu vermeiden oder überhaupt zu vermeiden, Geld in der Tasche zu haben. Ich sage es nur so nach meiner Auffassung Ihres Charakters. Doch da Ihr Beutel im Augenblick ganz leer ist, so erlauben Sie mir, Ihnen jetzt – für den Anfang – hier diese fünfundzwanzig Rubel anzubieten. Wir können Sie ja dann später, natürlich, verrechnen: wenn Sie in der Tat ein so herzlicher und aufrichtiger Mensch sind, wie Sie zu sein scheinen, so wird es hierin zwischen uns niemals Schwierigkeiten geben. Wenn ich mich für Sie interessiere, so geschieht es, weil ich in bezug auf Sie bereits etwas im Sinne habe – was es ist, werden Sie später erfahren. Sie sehen, ich bin ganz offen zu Ihnen. Ich hoffe, Ganjä, daß du gegen die Aufnahme des Fürsten in deine Familie nichts einzuwenden hast.“
„Oh, im Gegenteil! Meine Mutter wird sich sehr freuen ...“ versicherte Ganjä höflich.
„Ihr habt doch, glaube ich, bis jetzt nur ein Zimmer vermietet? An diesen – na, wie heißt er doch gleich? – Ferd... Ferd...“
„Ferdyschtschenko.“
„Nun ja. Weiß der Teufel, aber der Kerl gefällt mir nicht. Scheint mir irgend so ein schmieriger Patron zu sein. Und ich versteh auch nicht, warum Nastassja Filippowna ihn so protegiert? Ist er etwa wirklich mit ihr verwandt?“
„Oh, nein, das war doch nur ein Scherz! Keine Spur von Verwandtschaft!“
„Na, dann hol’ ihn der Teufel! Und Sie, Fürst, sind Sie damit zufrieden oder nicht?“
„Ich danke Ihnen, Exzellenz, Sie sind ungemein gütig zu mir, um so mehr, als ich Sie nicht einmal um etwas gebeten habe. Ich sage das jetzt nicht etwa aus Stolz. Ich wußte zwar eigentlich selbst noch nicht, wohin ich heute mein Haupt legen sollte. Allerdings hat mich Rogoshin zu sich aufgefordert ...“