M. Georg Friedrich Meiers
Gedancken
von
Schertzen.


Cic. de Orat. L. II.

Ego in his praeceptis hanc vim, & hanc vtilitatem esse arbitror, non vt, ad reperiendum quid dicamus, arte ducamur, sed vt ea quae natura quae studio, quae exercitatione consequimur; aut recta esse confidamus aut praua intelligamus, quum quo refenda sint, didicerimus.


HALLE,

Verlegts Carl Herrmann Hemmerede.

1744.


Vorrede.

Die Verbesserung des Geschmacks ist eine so edle Beschäftigung, daß sich jederzeit, die erhabensten Geister eines Volcks, derselben unterzogen haben. Dadurch unterscheiden sich, unter andern, die Patrioten eines Landes, von dem übrigen Hauffen ihrer Mitbürger, daß sie entweder selbst an der Reinigung des Geschmacks, es sey nun in was für Stücken es wolle, arbeiten; oder doch dieses lobenswürdige Unternehmen gerne sehen, wünschen, und befördern helfen. Ich habe mich daher, auf eine lebendige Art, zu überzeugen gesucht, daß es die Pflicht eines redlich gesinten Deutschen mit sich bringe, sich zur Parthey dieser Patrioten zu schlagen, und so viel sein Vermögen ihm erlaubt, auf alle mögliche Art, den Geschmack seiner Landsleute feiner zu machen. Unser Vaterland kan sich in unsern Tagen glücklich schätzen, daß es seinen Nachbarn, auch in diesem Stücke, die Wage zu halten anfängt, und das rühmliche Beyspiel so vieler schönen Geister, die sich um den deutschen Geschmack so sehr verdient machen, ist so reizend, daß es nothwendig Nachahmungs Begierde verursachen muß.

Ich bin so eitel oder so dreist, zu bekennen, daß ich seit geraumer Zeit einen heftigen Trieb in mir empfunden, diesen erwehnten Vorgängern zu folgen. Ich habe aber denselben bisher nur durch einem blossen Wunsch stillen, oder vielmehr unterhalten und verstärcken können. Und jetzo wage ichs in diesen Blättern, meiner Begierde den Ausbruch zu verstatten. Ich kan nicht läugnen, daß ichs mit einiger Bangigkeit thue. Der Geschmack unserer deutschen Kunstrichter ist schon so zart und edel, daß ich zu sehr mit meiner eigenen Arbeit zufrieden seyn müste, wenn ich diese Bogen, ohne alle Furchtsamkeit, ans Licht treten liesse. Ich unterstütze mich, durch das Vertrauen auf die Gütigkeit meiner Geehrtesten Leser, daß sie wenigstens meinen guten Willen nicht mißbilligen werden, wenn auch meine Kräfte zu matt gewesen seyn solten, eine Arbeit zu liefern, die des Beyfalls der Kunstrichter völlig werth wäre.

Ich habe verschiedene Gründe gehabt, warum ich eben von Schertzen meine Gedancken habe drucken lassen. Ich stehe in der Meinung, daß der verdorbene und pöbelhafte Geschmack am häuffigsten noch in den Schertzen herrsche. Man mag nun die Schertze verstehen, die in dem täglichen Umgange vorkommen; oder diejenigen, die unter den Vortrag, es sey derselbe ein mündlicher oder schriftlicher, gemengt werden; oder diejenigen Spasse, die auf der Schaubühne vorgetragen werden. Ich glaube, daß der gantze vernünftige Theil meiner Landesleute überzeugt ist, daß es zu wünschen wäre, daß die Deutschen, auch im spassen, den feinen Geschmack herrschen liessen. Und ich kan mich nicht besinnen, daß eine ausführliche Abhandlung der Schertze in unserer Muttersprache schon vorhanden wäre. Das letzte kan ein Irrthum seyn, und so ists eine Unwissenheits-Sünde, die mir also um so viel eher vergeben werden wird. Dazu kömmt noch, daß eine jede andere Materie, die in das Reich des Geschmacks gehört, und die ich hätte ausführen können, mir jetzo entweder zu schwer oder zu weitläuftig gewesen, und ich halte es für eine vernünftige Maxime eines Schriftstellers, wenn er eine Materie erwehlt, durch die er sich völlig ausdehnen kan.

Ich habe hin und wieder, in diesen Blättern, meine Betrachtungen, eine Critik der Schertze, genennt. Ich weiß nicht, ob alle meine Leser diese Benennung werden genehm halten. Sie haben vielleicht einen andern Begriff von der Critik, als ich mir gemacht habe, und ich kan mich zwar in diesem engen Raume einer Vorrede, nicht weitläuftig in die Untersuchung des Begriffs der Critik einlassen, doch fodert die Rechtfertigung meines Gebrauchs dieses Worts, daß ich meine Begriffe von der Critik überhaupt mit wenigen vortrage. Die Critik, im allerweitesten Umfange, ist die Wissenschaft von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten zu urtheilen. Sie erstreckt sich über alle mögliche Dinge, und alle Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten derselben. Diese Critik theilt sich in zwey Hauptäste. Der erste ist die Kunst, den Geschmack zu bilden, und lehrt von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten, auf eine sinnliche Art, urtheilen. Diese Kunst erstreckt sich über alle sinnliche Vorstellungen, aller Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten, aller Dinge. Sie fängt von den Heldengedichten an und geht bis auf die Haarlocken der Stutzer, und Schminckpflästerchen auf den Wangen der Schönen herunter. In hunderttausend Dingen, von dieser Art, kan ein edler und pöbelhafter, ein feiner und grober, ein reiner und verdorbener Geschmack herschen, und man darf sich also nicht wundern, daß diese Kunst ihre Grenzen so weit ausdehnt. Der andere Haupttheil der Critik, lehrt die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten aus deutlichen Begriffen beurtheilen, und bekommt so viele besondere Theile, als es Arten der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gibt. Andere schrencken den Begriff der Critik enger ein, und verstehen darunter, die Wissenschaft historische und vermischte Schriften zu beurtheilen. Im engsten Verstande versteht man darunter die Wissenschaft, die alten Schriftsteller zu beurtheilen, ob sie bis auf unsere Zeiten unverfälscht gekommen, und die eingeschlichenen Fehler zu entdecken und zu verbessern. Diese beyden letzten Begriffe, verhalten sich zu dem meinigen, wie ein Theil zum gantzen. Ich unterscheide von meiner Critik einmal, die Anwendung derselben auf einzelne Fälle, wenn man gewisse Gegenstände, nach den critischen Regeln, würcklich untersucht; und hernach die Wissenschaft der Regeln, von dem Verhalten eines Kunstrichters. Diese letzte würde die Logik der Critik seyn. Die allgemeine Critik könnte man die Metaphysik der Critik nennen. Sie wäre eine Wissenschaft von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten überhaupt und den allerhöchsten Gattungen derselben zu urtheilen. Ich kan meine Begriffe nicht rechtfertigen, ich habe nichts weiter im Sinne gehabt, als den Grund zu zeigen, warum ich meine Gedancken von Schertzen, in diesen Blättern, zur Critik gerechnet habe.

Ich schmeichele mir nicht, daß meine Abhandlung so gut, noch vielweniger so schön gerathen, daß sie untadelhaft. Solche Abhandlungen sind Unternehmungen, dazu gerade ein grösserer Geist erfodert wird, als der meinige ist. Ich mercke es selbst, daß diese Blätter viele Stellen enthalten, die meinen Wunsch nicht zu erfüllen vermögend sind. Und ich sehe es von selbst ein, daß sie in hundert Stellen verbessert werden könnten. Man könnte mir daher, vielleicht nicht ohne allen Grund, einwenden, daß man vernünftiger handele, wenn man eine Schrift von dieser Art, die nicht überwiegend schön und in ihrer Art vortrefflich ist, lieber ungedruckt liesse, als die Anzahl solcher Schriften zu vermehren, die voller Mängel sind. Ich habe aber irgendswo gelesen, daß es Leute gegeben, die niemals Schriftsteller geworden sind, weil sie gar zu gute Schriftsteller haben werden wollen; und, die Wahrheit zu bekennen, ich bin viel zu starck gewesen als daß ich unter dieser Versuchung hätte erliegen sollen. Wenn meine geneigten Leser das schwache dieser Beantwortung übersehen werden, so habe ich das wichtigste erlangt, was ich mir von ihnen, in dieser Vorrede, ausbitten kan.


§. 1.

Ich begreiffe mit leichter Mühe, daß die mehresten meiner geneigten Leser in den Gedancken stehen, als wenn ein Schriftsteller, der seine Betrachtungen über das Schertzen ihnen vorträgt, ein schöner Geist, und selbst ein spaßhafter Kopf seyn müsse. Ich bin weder das eine, noch das andere, und unterstehe mich dem ohnerachtet von Schertzen zu schreiben. Ich bin der Meinung, daß ein witziger Kopf von dem witzigen, sinreichen, scharfsinnigen, schertzhaften, und wie es sonst heissen mag, nicht deswegen urtheilen könne, weil er vielen Witz besitzt; sondern weil er ausserdem ein Weltweiser ist, der seinen Geschmack nach den Regeln der gesunden Critik ausgebessert hat. Diese Eigenschaften können jemanden zukommen, der auf einen feurigen Witz sehr wenige Ansprüche hat. Man kan von der Schönheit eines Gemähldes, von den erhabenen Zügen eines Gedichts, und der Vollkommenheit einer Rede urtheilen, und Regeln geben, ohne selbst ein Mahler, Dichter, und Redner zu seyn. Es kan jemand ein geistreicher und belebter Kopf seyn, er kan sich in seinen Gedancken mit der kühnsten und angenehmsten Stärcke heben, und sein Feur durch Proben an den Tag legen, die den Beyfall aller Kunstrichter verdienen. Weil er aber zu wenig Wissenschaft von seinen eigenen Kräften, und den Vollkommenheiten derselben besitzt, so ist er nicht im Stande, aus deutlichen Gründen die Regeln herzuleiten, durch deren Beobachtung seine sinnreichen Einfälle so viel Geist und Leben bekommen. Er fühlt und schmeckt die Schönheit seiner Gedancken, er begreift aber selbst nicht, warum sie so reitzend sind. Man thue hinzu, daß derjenige, der selbst ein aufgeweckter Kopf ist, mehrentheils viel zu ohnmächtig ist, als daß er alle Partheilichkeit in seinen Urtheilen über das sinnreiche zu vermeiden im Stande seyn solte. So wenig von einem Frauenzimmer, so sichs einmahl in den Kopf gesetzt hat, schön zu seyn, zu erwarten ist, etwas anders für reizend zu halten, als was sie selber besitzt; so wenig ists von manchen witzigen Köpfen zu hoffen, daß sie die Einfälle für schön halten solten, die der Art ihres Witzes nicht gemäß zu seyn scheinen. Der Witz vieler feurigen Köpfe bekommt einen gewissen Schwung, der über ihre Beurtheilungskraft zum Tyrannen wird. Ihnen eckelt vor alle dem, so ihrem Geschmacke, der nun einmal an gewisse Speisen gewöhnt ist, nicht gemäß ist. Diese Köpfe müsten sich zu viel Gewalt anthun, unpartheiisch von einem Schertze zu urtheilen, bey dem sie nicht absehen können, wie sie selbst denselben hätten vortragen können. Man lasse den Cicero, der nach Quintilians Zeugniß keine Maß im schertzen halten können, von einem Spasse, der auf einer blossen Anspielung der Worte beruht, urtheilen. Ich will verlohren haben, wenn er ihn nicht bewundern wird. Das befremdet mich im geringsten nicht. Cicero selbst bediente sich mehr, als einem so grossen Geiste anständig war, dieser Schertze. Ich habe das Vertrauen zu der Billigkeit meiner Leser, daß sie aus dem, was ich bisher gesagt, nicht schliessen werden, als wenn ich glaubte, daß kein witziger Kopf von Schertzen gesunde Urtheile fällen könne. Noch vielweniger, daß ein Mensch ohne allen Witz sich dergleichen unterfangen dürfe. Ich behaupte nur, daß es nicht unumgänglich nothwendig sey, daß derjenige, der von Schertzen vernünftige Gedancken haben will, selbst glücklich im spassen seyn müsse. Ein Mensch der einen gereinigten Geschmack besitzt, aber nicht schertzen kan oder will, besitzt eine Gleichgültigkeit gegen die Schertze, die ihn unpartheiisch macht. Er tadelt und lobt das schertzhafte, ohne daß sich eine schmeichelnde oder empfindliche Eigenliebe unter die Gründe seiner Urtheile mengt.

Ergo fungar vice cotis, acutum

Reddere quæ ferrum valet, exsors ipsa secandi.

Horat. de art. poet.


§. 2.

Es gibt eine Art ernsthafter Leute, welche es überhaupt zur Sünde machen will, wenn man schertzet und lachet. Solten diese Blätter das Schicksal haben, in die Hände dieser Leute zu gerathen, so kan ich mir schon zum voraus einbilden, was sie, bey der Erblickung derselben, vor saure Minen machen werden. Sie werden mirs als ein sittliches Verbrechen anrechnen, daß ich von einer Materie schreibe, die sich mit der Tugend nicht reimen will. Ich gebe diesen Gegenfüssern muntrer und aufgeweckter Köpfe zu, daß viele Schertze unmöglich mit der Tugend bestehen können. Nur werden sie mir auch im Gegentheil zugestehen, daß nicht eine jede Ernsthaftigkeit zum Character der wahren Tugend gehört.

Multum ringitur otiosa virtus.

Sidon.

Es kan manchmal ein tugendhafter zugleich ein schläffriger und niedergeschlagener Kopf seyn, der noch dazu von einem schwartzen Geblüthe durchschwämt wird. Der würde sich augenscheinlich betrügen, wenn er seine natürlich nothwendige Traurigkeit für eine Wirckung der Tugend halten wolte. Aergert er sich nun, wenn andere frölich sind und schertzen, weil er selbst nicht anders als immer misvergnügt zu seyn das Unglück hat, so muß er so viel Menschenliebe in seinen Urtheilen blicken lassen, diejenigen nicht gleich für lasterhaft zu halten, die nicht so ernsthaft seyn können, wie er selbst ist. Ich werde keine sündliche Schertze billigen, ich will mich bemühen zu zeigen, daß ein vollkommener Schertz, der ohne allen Fehler ist, einen sehr grossen Witz und Scharfsinnigkeit, zwey grosse Vollkommenheiten der Seele, zum Grunde habe, und also unmöglich Sünde seyn könne.


§. 3.

Eine wohlgerathene Untersuchung der Schertze kan nicht ohne Nutzen seyn, und man hat keine Ursach sich die Zeit gereuen zu lassen, die man entweder auf die Ausarbeitung, oder aufs Durchlesen derselben verwendet. Ich bin nicht willens alle Nutzen, die eine solche Schrift haben kan, in ihrer völligen Ausdehnung auszuführen. Ich begnüge mich mit zweyen oder dreyen, die ich für die grösten halte. Den ersten haben die witzigen Köpfe davon zu erwarten. Ein feuriger Witz ist eine zu unruhige Kraft der Seele. Sie läßt ihrem Besitzer nicht beständig Zeit genug, seine spaßhaften Einfälle gehörig zu prüfen und zu beurtheilen. Alles was ihm einfält, hält er für witzig und sinnreich, und wer wolte ihm auch wohl das Recht dazu streitig machen? Seine Zunge ist viel zu dienstfertig, als daß sie schweigen solte. Nein, ein witziger Kopf nimt sich die Freyheit zu schertzen, wenn, wo, mit wem, und womit er will. Er thut das mit so vielen Vertrauen auf sich selbst, daß er sich unmöglich mit den verdrießlichen Gedancken herumschlagen kan, als wenn es ihm an Bewundern seiner Schertze fehlen würde. Ich gebe einem jedweden zu bedencken, ob ein solcher plauderhafter Verschwender seines Witzes wo nicht den Frost seines Gehirns mehr als zu oft verrathen, doch wenigstens in den mehresten Fällen ein unerträglicher Gesellschafter werden müsse. Wie kan man diesem Uebel wohl anders abhelfen, als durch eine gründliche Ueberzeugung, daß zu einem guten Schertze mehr erfodert werde, als man gemeiniglich denckt, und daß der sinnreichste und witzigste Kopf öfters sehr schläffrige Einfälle haben könne. Cicero beweißt das zur genüge, so ein schöner Geist er auch gewesen ist, so ist sein Witz doch sehr oft gesuncken und ohnmächtig geworden. Solte meine Abhandlung gerathen, so rathe ich einem jeden witzigen Kopfe dieselbe zu lesen. Er wird dadurch auf eine heilsame Art furchtsam gemacht werden, so oft als er schertzen will. Er wird dadurch seinen Geschmack verbessern, und viele Schertze in ihrer Geburth ersticken, die ihm wo nicht Schande, doch wenig Ehre zuwege bringen würden.


§. 4.

Man kan den armseeligen Vorrath seines Witzes nicht nur verrathen, wenn man selbst auf eine erbärmliche Art schertzet, sondern auch wenn man elende Schertze bewundert. Man gibt dadurch einen pöbelhaften Geschmack zu erkennen, der jederzeit von einem matten Witze begleitet wird. So wenig ein vortreflicher Schertz bey einem kriechenden Witze einen Eindruck verursachen kan, so sehr wird der elendeste Spaß von denselben bewundert. Ein elender Kopf schertzet nicht nur auf eine elende Art, sondern er wird auch bey den schlechtesten Einfällen vor Freuden ausser sich gesetzt. In den Versamlungen des Pöbels, macht der frostigste Einfall seinen Erfinder zum angenehmsten und lustigsten Gesellschafter. Das wissen die kleinen witzigen Köpfe, auf eine listige Art, zu ihrem grossen Troste anzuwenden. Wollen sie grosse Geister nicht bewundern, so thun sie ihnen den Possen, und theilen ihre sinnreichen Einfälle Leuten mit, die sie gütiger, und auf eine ihnen gefälligere Art, aufzunehmen wissen. So furchtsam ich bin selber zu schertzen, so sehr nehme ich mich in acht über einen schlechten Schertz zu lachen, ich müste es denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit thun müssen. Dieses halte ich vor einen ansehnlichen Nutzen, den man, von einer gründlichen Critik der Schertze, erwarten kan. Man lernt dadurch einen feurigen Schertz, von einem frostigen unterscheiden, man lacht über den ersten, und bleibt bey dem letzten unempfindlich, und beweißt sich dadurch als einen Menschen von gereinigten und feinen Geschmacke.


§. 5.

Ein gut gerathener Schertz bringt uns die Gewogenheit und Bewunderung der Zuhörer zuwege. Wir werden für scharfsinnig, aufgeweckt, höflich gehalten, und für geschmeidige Köpfe. Durch einen wohlangebrachten Spaß, kan man seinen Gegner in Verwirrung setzen, ihn zaghaft machen und wiederlegen. Man mäßiget dadurch die gar zu grosse und traurige Ernsthaftigkeit, das Gemüth wird aufgeheitert, und man setzt seine Zuhörer in den Zustand, die verdrießlichsten Dinge, die man ihnen zu sagen hat, gelassen, und nicht ohne Vergnügen anzuhören. Das sind Stücke die einem Redner unentbehrlich sind. Ich könnte noch mehr hinzu thun, wenn das angeführte nicht schon hinreichend wäre, zu beweisen, daß ein Redner zu seinem grossen Vortheile bisweilen schertzen müsse. Mit weniger Veränderung, kan man eben das von einem Dichter sagen. Dieser muß fast noch öfter schertzen als der erste. Wie oft hat ein Dichter nicht nöthig seiner Muse zuzuruffen?

Sed ne relictis musa procax iocis

Ceæ retractes munera næniæ:

Mecum Dionæo sub antro

Quære modos leviore plectro.

Hor. Carm. L. II. od. 1.

Man kan daher die Untersuchung der Schertze als eine Materie ansehen, die zur Rede und Dichtkunst gehört. Cicero und Quintilian sind mit mir einig. Sie haben beyde in ihren Schriften, darinn sie die Redekunst abgehandelt haben, auch eine Betrachtung über die Schertze angestellt. Dieser Nutzen allein wäre hinreichend, meine gegenwärtige Bemühung nicht für unnütz zu halten.


§. 6.

Die Untersuchung der Schertze ist eine Materie, die als ein Stück der so genannten Aesthetik anzusehen ist. Die Aesthetik ist eine Wissenschaft der sinnlichen Erkenntniß und dem Vortrage derselben. Sie untersucht die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten ihres Vorwurfs. Sie gibt Regeln jene zu erlangen, und diese zu vermeiden. Keine untere Erkenntniß Kraft der Seele ist von dem Gegenstande der Aesthetik ausgeschlossen. Man besehe die Psychologie des Herrn Professor Baumgartens, so wird man daselbst hin und wieder den gantzen Grundriß dieser Wissenschaft antreffen. Ich werde in dem folgenden darthun, daß ein Schertz durch den sinnlichen Witz und Scharfsinnigkeit gewürckt werde. Folglich ist der Schertz eine sinnliche Vorstellung und Rede, und gehört in das Feld der Aesthetik, dieses merckwürdigen Theils, ja ich will sagen, dieses gantzen Inbegriffs der schönen Wissenschaften.


§. 7.

Die sinnliche Beurtheilungskraft, oder der Geschmack, ist das Vermögen von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten zu urtheilen, doch so, daß man weder die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten selbst deutlich erkennt, noch auch seine Urtheile von ihnen philosophisch aus deutlich erkannten Gründen, auf eine deutliche Art herleitet. Vollkommenheiten, in so fern sie undeutlich und auf eine sinnliche Art erkannt werden, sind Schönheiten und die Unvollkommenheiten werden in eben dieser Absicht Häßlichkeiten genennet. Der Geschmack ist demnach das Vermögen von den Schönheiten und Häßlichkeiten zu urtheilen, und dieselben gewahr zu werden. Ein Schertz ist eine sinnliche Vorstellung und Rede, und seine Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten sind Schönheiten und Häßlichkeiten. Man ist also genöthiget die Beurtheilung eines Schertzes, vor den Richterstuhl des Geschmacks zu verweisen. Wenn ein Kunstrichter überhaupt derjenige genennet wird, der von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten urtheilen kan, so muß derjenige der einen Spaß beurtheilen will ein Kunstrichter seyn. Die Untersuchung der Schertze gehört demnach auch in denjenigen Theil der Aesthetik, den man den critischen nennt.


§. 8.

Man hat es bey nahe als eine Regel angenommen, daß man über den Geschmack mit niemanden streiten dürfe. Diese Regel ist gegründet, so lange man nicht weiter gehen will, als auf den Geschmack. Alsdenn beruhiget man sich in einer bloß sinnlichen und undeutlichen Erkenntniß, davon man die Gründe einem andern weder angeben noch erklären kan. O elendes disputiren! wo die streitenden Partheien nicht durch Schlüsse wider einander zu Felde gehen! So lange man also mit dem Geschmacke nicht die höhere Beurtheilungskraft, das Vermögen aus deutlicher Erkenntniß eine Sache zu beurtheilen, verknüpft, so lange ists eine vergebliche Arbeit, über Schönheiten und deren Gegentheil, sich mit jemanden in einen Streit einzulassen.

Trahit sua quemque voluptas.

Virgil.

Weil aber alle Schönheiten und Häßlichkeiten, Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten sind, und diese, an sich betrachtet, insgesamt deutlich können vorgestellet werden, so bleibt es zwar ausgemacht, daß man von dem Geschmacke, in so fern er ein Geschmack ist, wenig sagen könne, aber man muß ihn, wenn ich so reden darf, entwickeln. Man muß die Gegenstände des Geschmacks, auch nach der höhern Beurtheilungskraft, untersuchen, und da erkennt man ob der Geschmack gegründet sey oder nicht. Die verworrenen Vorstellungen können nicht anders richtig seyn, als wenn sie uns dasjenige, was in den deutlichen unterschieden wird, mit einemmal, und unter einander geworffen, vorstellen. Folglich kan man den Geschmack selbst beurtheilen, und gewisse Regeln geben wonach sich derselbe, auf eine ihm selbst unbekante Art, zu richten hat. Wenn das alle Kunstrichter beobachteten, so würden sie nicht Geschmack dem Geschmack entgegen setzen, und dadurch Streitigkeiten verewigen, die vielleicht kürzer ausgemacht werden könnten. Ob nun gleich die Beurtheilung der Schertze ein Werck des Geschmacks ist ([§. 7.]) so kan man doch Regeln geben, wonach die Schönheiten und Häßlichkeiten eines Schertzes beurtheilet werden können.


§. 9.

Es gibt Regeln wonach die Schertze beurtheilt und eingerichtet werden können. Man würde also ohne Ursach zweiffeln, ob auch Gründe vorhanden wären, woher diese Regeln fliessen. Nein, alles hat seinen Grund, sollten wohl die Regeln des Geschmacks eine Ausnahme von dieser Regel machen, welcher das gantze Reich der Möglichkeiten und Würcklichkeiten, nach seinem gantzen Umfange, unterworffen ist? Ich rechne zu diesen Gründen, die Beschaffenheit der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten überhaupt. Insbesondere die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten unserer Erkenntniß, und des Vortrages derselben. Und endlich die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der sinnlichen Erkenntnißkräfte der Seele, insonderheit des sinnlichen Witzes und Scharfsinnigkeit. Aus diesen Quellen müssen die Regeln, der Beurtheilung und Einrichtung eines Spasses, erwiesen werden. Ich begnüge mich mit der blossen Benennung und Anführung dieser Gründe. Ich müste meinen Lesern zu wenig Einsicht zutrauen, wenn ich sie beweisen wolte, da mein Zweck nicht darinn besteht, den Geschmack überhaupt in diesen Blättern zu bilden und einzurichten.


§. 10.

Wenn es Regeln zu schertzen gibt, wenn diese Regeln aus Gründen können bewiesen werden, so müste man ohne Grund an der Möglichkeit einer Wissenschaft der Schertze zweiffeln. Ich bin überzeugt, daß eine Wissenschaft möglich sey, in welcher gezeigt wird, wie man einen Schertz erfinden, und bis zur Grentze seiner Vollkommenheit erheben kan. Cicero und Quintilian scheinen mir zu widersprechen. Allein ihre Gründe beweisen nicht, daß diese Wissenschaft unmöglich sey, und daß man nicht auf eine Kunstmäßige Art ein spaßhafter Mensch werden könne. Beyde glauben, daß die Natur und Gelegenheit das meiste zu einem glücklichen Schertze beytragen müssen. Ich glaube es auch. Aber so wenig man sagen kan, daß es keine künstliche Vernunftlehre gebe, weil zur Ausübung derselben ein guter Mutterwitz erfodert wird; eben so wenig wird die Wissenschaft der Schertze, und die Theorie derselben, geläugnet werden können, weil man mit allen Regeln keinen Menschen zu einen schertzhaften Kopfe machen kan, der keine natürliche Geschicklichkeit zu schertzen empfangen hat. Ein anders ist die Regeln zu schertzen verstehen, und dieselben geschickt ausüben können. Ich behaupte nur, daß ein Mensch der ein gutes Naturell zu schertzen besitzt, durch die Kunst, leichter, eher und besser, eine Fertigkeit zu schertzen bekommen könne, wenn sich überdies gute Gelegenheiten dazu an die Hand geben, als ein anderer, der sich mit der blossen Natur behelfen will. Die Natur arbeitet ihre Wercke nur aus den groben heraus, sie überliefert uns ihre Kunststücke roh, und überläßt unserer Geschicklichkeit den Ausputz. Der letzte wird vielmehr frostige Schertze erzeugen, als der erste, er mag sich auch noch so sehr in acht nehmen wollen.

In vitium ducit culpæ fuga, si caret arte.

Horat. de art. poet.

Ich gebe noch mehr zu. Ich behaupte daß derjenige, der schertzen will, wenn er bey einem jeden Schertze sich erst auf die Regeln besinnen, und seinen Schertz mit Fleiß kunstmäßig einrichten will, besser thut wenn er gar stille schweigt. Ein Schertz muß unvermuthet vorgetragen werden, und ein Schertz, auf den man sich vorbereitet, muß unglücklich gerathen, wie ich das in dem folgenden darthun will. Nichts desto weniger hat die Wissenschaft zu schertzen ihren Nutzen. Es verhält sich hier eben so, wie bey der künstlichen Vernunftlehre. Das würde ein erbärmlicher Philosoph seyn, der bey einer jeden Erklärung, bey einem jeden Schlusse, sich der Regeln der Vernunftlehre deutlich erinnern wolte. Man muß eine Fertigkeit in der Vernunftlehre erlangen, man muß seine Vernunft und Verstand gewöhnen, die Regeln der Vernunftlehre zu beobachten, ohne unser Wissen. Eben das sage ich von der Wissenschaft der Schertze. Sie muß unserm Witze und Scharfsinnigkeit den gehörigen Schwung und Einrichtung geben, daß wir nach ihren Regeln schertzen können ohne uns derselben bewust zu seyn.

Simul ac durauerit ætas

Membra animumque tuum, nabis sine cortice.

Horat.

Wer demnach von Natur ein feuriger und aufgeweckter Kopf ist, wer die Gelegenheit gut in acht nehmen, und zu seiner Absicht geschickt anwenden kan, und die Wissenschaft zu schertzen versteht, dem bin ich gut davor, daß er glücklich im schertzen seyn wird.


§. 11.

Ich will nicht mehr versprechen, als ich zu halten mir getraue. Ich will nicht sagen, daß ich willens sey, eine Wissenschaft der Schertze zu schreiben. Sondern meine Absicht ist hauptsächlich, Regeln fest zu setzen, wonach die Schönheit und Häßlichkeit eines Schertzes beurtheilet werden kan. Diese Regeln machen entweder die Wissenschaft der Schertze aus, oder die letzte wird doch mit geringer Mühe, und einigen kleinen Veränderungen und Zusätzen, daraus fliessen. Meiner Einsicht nach glaube ich, daß die Regeln, wonach die Vollkommenheit einer Sache beurtheilt werden muß, einerley sind mit den Regeln, die beobachtet werden müssen, wenn eine Sache zu ihrer Vollkommenheit soll erhoben werden.


§. 12.

Weil ich zu furchtsam bin selbst zu schertzen, so werde ich mich sehr hüten, wenn ich ein Exempel anführen soll, welches doch selten genug geschehen wird, selbst zu spassen. Ich könnte zwar aus dem gemeinem Leben dergleichen erwählen, da man mehr als zu viel antrift, die fast zu einer allgemeinen Gewohnheit geworden. Allein da dieselben gröstentheils zu frostig und abgeschmackt sind, so würde ich meinen Lesern Verdruß erwecken, wenn ich sie ausdrücklich anführen wolte. Ich werde mich begnügen, meinen Eckel vor solchen ungeschickten Schertzen von weiten zu bezeugen. Noch eins habe ich zu erinnern. Wenn ich an einem Schertze was loben werde, so werden meine Leser die Gütigkeit haben, und nicht glauben, daß ich den gantzen Schertz billigte. Ein Schertz kan viele Vollkommenheiten haben. Die eine kan er besitzen, eine andere kan ihm fehlen. Ja ein Spaß kan mehr gut als böse seyn, und mehr böse als gut, jene können gebilliget werden, weil man doch in dem Reiche der Natur nichts findet das durch und durch gut wäre.

Vbi plura nitent - - non ego paucis

Offendar maculis, quas non incuria fudit,

Aut humana parum cauit natura.

Horat. de art. poet.


§. 13.

Ich könnte mich noch länger bey solchen allgemeinen Betrachtungen, diesen angenehmen Materien, aufhalten, wenn ich überhaupt von dem Geschmacke handeln wolte. Ich habe aber meinen jetzigen Gedancken überaus enge Schrancken gesetzt. Ich will nur von Schertzen handeln, und gewisse Regeln fest setzen, wonach sie beurtheilt werden können. Ich muß, meine Beurtheilungsgründe ungezweifelt zu erweisen, ein paar Erklärungen zum voraus untersuchen. Es sollen das nicht alle diejenigen seyn, die in meine Betrachtung einen nähern Einfluß haben, sondern ich will mich begnügen, den Witz, die Scharfsinnigkeit und den scharfsinnigen Witz, nur in so fern zu untersuchen, als es zur Beurtheilung der Schönheiten eines Schertzes nöthig seyn wird. Ich würde sonst meinen Lesern beschwerlich fallen, und mich des Fehlers eines Schriftstellers theilhaftig machen, der zu weit ausholt und von dem man sagen kan

Gemino bellum troianum orditur ab ovo.

Hor. de art. poet.


§. 14.

Wir haben ein Vermögen die Uebereinstimmung der Dinge gewahr zu werden. Die Fertigkeit in diesem Vermögen nennet man den Witz. Zu den Uebereinstimmungen der Dinge, muß man die Aehnlichkeit, die Gleichheit und die Proportionen rechnen. Der Witz ist demnach die Fertigkeit die Aehnlichkeit, Gleichheit und Proportion der Dinge zu erkennen. Ist diese Erkenntniß deutlich, so kan man den Witz einen höhern, obern oder vernünftigen Witz nennen. Ist sie aber undeutlich, so heißt es der sinnliche und untere Witz. Die Vorstellungen und Reden, die durch den Witz gewürckt werden, sind sinnreiche oder witzige Vorstellungen und Reden.


§. 15.

Wir besitzen ein Vermögen die Verschiedenheit der Dinge zu erkennen. Wer eine Fertigkeit in demselben hat, wird scharfsinnig genennt. Man muß zu der Verschiedenheit nicht nur die Unähnlichkeit rechnen, sondern auch die Ungleichheit, und das Gegentheil der Proportion. Die Scharfsinnigkeit besteht also in der Fertigkeit, die Unähnlichkeit und Ungleichheit, nebst der Verschiedenheit der Grössen-Verhältnisse zu erkennen. Diese Erkenntniß ist entweder deutlich, oder undeutlich. Die erste ist ein Werck der höhern und vernünftigen Scharfsinnigkeit, und die andere gehört für die untere und sinnliche Scharfsinnigkeit. Vorstellungen und Reden die durch die Scharfsinnigkeit gewürckt werden heissen scharfsinnig. Die Fertigkeit die aus dem Witze und der Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, will ich den scharfsinnigen Witz nennen, welcher demnach entweder ein sinnlicher oder vernünftiger ist. Ich thue nicht ein Wort zu diesen Erklärungen mehr hinzu. Ich hätte sie bey nahe gantz ausgelassen, wenn ich nur gewust, ob die Eintheilung des scharfsinnigen Witzes in den sinnlichen und vernünftigen so sehr bekannt wäre, als ich sie bey meiner Abhandlung werde nöthig haben. Es kan zwar scheinen, als wenn ich ein freyer Schöpffer dieser Erklärungen sey. Allein man wird sich der Mühe überheben können, von meinen künftigen Beweisen viel abzuziehen, wenn man bedenckt, daß meine Erklärungen, der Sache nach und im Grunde, verschieden sind, man mag nun die erklärten Sachen mit einem Namen ausdrucken, mit welchem man es vor gut befindet.


§. 16.

Eine Vorstellung ist um so viel vollkommener, je mehr das Vermögen, wodurch sie gewürckt worden, bey ihrer Hervorbringung, seine Vollkommenheit bewiesen hat. Die Stärcke und Vortreflichkeit der würckenden Ursach, breitet sich bis in die Würckung aus; und wie die Ursach beschaffen ist, in so fern sie würckt, so ist auch die Würckung beschaffen, in so fern sie von ihrer Ursach abhänget. Die Vollkommenheiten der Vorstellungen, haben also ihren Grund in den Vollkommenheiten des Vermögens, die es zu ihrer Hervorbringung angewendet hat. Ich will die Vollkommenheiten der Schertze fest setzen. Diese sind Vorstellungen, die durch den scharfsinnigen Witz gewürckt werden. Es ist demnach nöthig, daß ich die Vollkommenheiten des scharfsinnigen Witzes bestimme. Die Vollkommenheiten eines Vermögens sind von zweyfacher Art. Die ersten entstehen aus dem Vorwurffe des Vermögens, und die letzten befinden sich in der Einrichtung des Vermögens selbst. Ich habe es jetzo bloß mit der letzten Art zu thun. Wenn ich von der Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes rede, so verstehe ich dieselbe, wie man zu reden pflegt, formaliter betrachtet. Und in dieser Absicht besteht sie in der Grösse und Stärcke desselben. Je grösser ein Vermögen ist, desto mehr verschiedenes ist in demselben befindlich, folglich ist die Anzahl der übereinstimmigen Stücke in dem Vermögen um so viel grösser. Die Vollkommenheit wächst aber, durch die Vermehrung der übereinstimmigen Stücke. Wenn ich also die formelle Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes den Stuffen nach bestimmen will, so darf ich nur die Grade des Witzes und der Scharfsinnigkeit ausmachen.


§. 17.

Die Grösse eines Vermögens wird bestimmt 1) durch die Grösse der Würckungen 2) durch die Menge derselben. Je grössere und mehrere Würckungen ein Vermögen hervorbringt, desto grösser ist es. 3) durch die Schwierigkeit der Würckungen. Je leichter die Würckung hervorgebracht werden kan, desto kleiner ist das Vermögen. Je schwerer aber die Würckung ist, je mehr Hindernisse in den Weg gelegt werden, desto mehr Kraft muß angewendet werden, und um so viel grösser muß das Vermögen seyn, welches dem ohnerachtet die Würckung geleistet hat. Diese Sätze entlehne ich aus der Dynamik, in welcher man bemüht ist, die Kräfte überhaupt auszumessen.


§. 18.

Der sinnliche Witz ist um so viel grösser und vollkommener 1) je mehr Dinge mit einander verglichen werden. Wenn Dinge in eine Vergleichung gesetzt werden, so müssen sie vorgestellt werden. Ein Witz, der demnach nur zwey Dinge mit einander vergleicht, stelt sich nicht so viel vor, als derjenige so mehrere in Vergleichung setzt. Die Anzahl der Würckungen des letztern ist also grösser, mithin muß der Witz selber grösser seyn [§. 17.] n. 2. 2) Je unbekannter die Dinge sind, die mit einander verglichen werden. Dinge die man sich unzählige mahl schon vorgestellet hat, und die uns dadurch überaus bekannt geworden, stellen wir uns mit leichter Mühe vor, weil wir eine Fertigkeit dieselben vorzustellen erlangt haben. Sind sie uns aber noch nicht sehr bekannt, so ist ihre Vorstellung schwerer, und ihre Vergleichung erfodert also einen grössern Witz [§. 17.] n. 3. 3) Je verschiedener die Dinge sind, deren Uebereinstimmung der Witz erkennet. Denn alsdenn ist die Uebereinstimmung schwerer zu entdecken, weil sie nicht nur sehr versteckt und geringe ist, sondern weil durch die augenscheinliche Verschiedenheit unsere Aufmercksamkeit stärcker auf das verschiedene gezogen wird, dadurch unserm Witze eine Hinderniß bey der Entdeckung der Uebereinstimmung in den Weg gelegt wird. [§. 17.] n. 3. 4) Je mehr Uebereinstimmungsstücke erkannt werden. In diesem Falle, ist die Menge der Würckungen des Witzes grösser, und folglich muß der Witz selber grösser seyn [§. 17.] n. 2. 5) Je grössere Uebereinstimmungen entdeckt werden. Alsdenn ist die Grösse der Würckungen des Witzes ansehnlicher, welche eben deswegen seine eigene Grösse vermehrt [§. 17.] n. 1. 6) Je stärcker die Vorstellungen gewesen, die vor der Uebung des Witzes vorhergegangen, ja je stärcker die Vorstellungen sind, welche bey seiner Uebung zugleich in der Seele angetroffen werden, wenn diese Vorstellungen von anderer Art, als die Vorstellungen des Witzes, sind. Aus der Lehre von unserer Seele ist bekannt, daß eine sehr starcke Vorstellung uns verhindert, gleich nachher, auf etwas anders zu dencken; und wenn wir den Kopf sonst voller starcken Vorstellungen haben, so ist es ungemein schwer, zu gleicher Zeit auf etwas anders zu dencken. Ein Witz der mitten unter diesen grossen Hindernissen dennoch würcksam seyn kan, muß grosse Hindernisse übersteigen, und demnach groß seyn [§. 17.] n. 3. 7) Je klärer, richtiger, gewisser und lebendiger, doch aber auf eine undeutliche Art, die Uebereinstimmung vorgestelt wird. Denn der Grad der Deutlichkeit gehört für den vernünftigen Witz, davon ich nicht rede. Eine klare, richtige, gewisse und lebendige Vorstellung ist allezeit grösser, als eine dunckele, unrichtige, ungewisse, matte und todte Vorstellung, wenn man die übrigen Stücke derselben als gleich annimmt. Ein Witz der klärere, richtigere, gewissere und lebendigere Vorstellungen würckt, bringt also grössere Wirckungen hervor, als derjenige, dessen Vorstellungen nach allen diesen Stücken kleiner sind. Jener ist demnach grösser und vollkommener. [§. 17.] n. 1.


§. 19.

Ich will mich bey den Graden der Vollkommenheit, in der Scharfsinnigkeit nicht aufhalten. Die Scharfsinnigkeit ist von dem Witze nicht unterschieden, als nur dem Gegenstande nach. Man nehme den vorhergehenden Absatz. Wo das Wort Uebereinstimmung steht, da setze man Verschiedenheit, und an statt dieses setze man jenes, so hat man die Regeln wodurch die Grösse der Scharfsinnigkeit bestimmt wird. Da nun der scharfsinnige Witz eine Fertigkeit ist, die aus dem Witze und der Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, so versteht sich von selbst, daß, je grösser und vollkommener diese beyden Fertigkeiten sind, desto grösser und vollkommener der scharfsinnige Witz seyn müsse.


§. 20.

Quintilian versichert uns, in dem sechsten Buche seiner Redekunst, daß die Natur das meiste zu einem guten Schertze beytrage, weil sie einen Menschen, unter andern, scharfsinniger und fertiger in der Erfindung der Spasse mache. Ja, er erklärt einen Schertz ausdrücklich durch: sermonem cum risu aliquos incessentem. Cicero stimmt mit dem letzten überein. Er setzt jederzeit voraus, daß ein Schertz geschickt sey, ein lachen zu verursachen, und daß ein Spaß deßwegen vorgetragen werde, damit ein Gelächter möge erweckt werden. Betrachtet man alle die Exempel, die beyde anführen, nebst den Quellen, woraus sie die Schertze hergeleitet haben; so muß man augenblicklich auf die Gedancken gerathen, daß zu einem Schertze, eine Uebereinstimmung verschiedener Dinge, und die Einsicht derselben, erfodert werde. Dieses zum voraus gesetzt, werde ich nicht irren, wenn ich sage: daß ein Schertz eine Rede sey, wodurch wir Vorstellungen, die von den scharfsinnigen Witze gewürckt worden, vortragen, und welche zum nächsten Zwecke hat, andere zum lachen zu reizen. Ich sage ein Schertz sey eine Rede. Ich will deßwegen nicht in Abrede seyn, daß ein schertzhafter Kopf mit sich selbst spassen könne. Ich will sagen, daß ich zugebe, daß ein Mensch Vorstellungen haben kan, denen alle Eigenschaften eines Schertzes zukommen, und denen nichts weiter fehlt, als der Ausdruck und Vortrag. Ich will niemanden einen Streit erregen, wer diesen Vorstellungen schon den Namen der Schertze beylegen will. Ich habe aber doch geglaubt, daß ich berechtiget sey, einen Schertz eine Rede zu nennen. Ich habe nicht nur den häuffigsten Gebrauch zu reden auf meiner Seite; sondern wenn es auch ein Irthum ist, so irre ich zum ummercklichen Nachtheil der Critik über die Schertze. Alles was ich von den Schertzen, nach meiner Erklärung, beweisen werde, wenn man das ausnimmt, was von dem Vortrage derselben wird gesagt werden, gilt auch von einem Schertze, wenn man ihn als eine blosse Vorstellung betrachten will. Ich sage nicht, daß ein Schertz allezeit ein Lachen erwecke. Es kan jemand sehr starck zum Lachen gereitzt werden, und doch durch tausenderley Ursachen genöthiget werden, die Stirne mit Runzeln zu bedecken. Ich leugne nicht, daß man bey einem Schertze ausser dem Lachen noch andere entferntere Zwecke haben könne. Ich sage nur daß der Schertzende zunächst, durch seinen Schertz ein Lachen zu erwecken, gesinnet seyn müsse.


§. 21.

Ich unterscheide einen Schertz von einer sinnreichen Rede und Einfalle überhaupt. Es kan jemand sehr vielen Witz in seinen Reden blicken lassen, er kan die artigsten Einfälle vortragen, darüber sich seine Zuhörer in einem hohen Grade belustigen, und man wird deswegen nicht sagen können, daß er schertze. Man müste denn alle Allegorien, Metaphern, und alle Würckungen des Witzes, Schertze nennen wollen, welches gewiß nur aus Spaß geschehen würde. Desgleichen, wird auch nicht eine jede scharfsinnige Rede ein Schertz seyn. Wer das im Ernst behaupten wolte, der müste alle Subtilitäten für Spaß halten. Gewiß, ein schöner Einfall! auf die Art würde der ernsthafteste Metaphysicus und Mathematicus, in seinem Vortrage nichts thun, als spassen. Endlich so muß man das nicht gleich für einen Schertz halten, wodurch man zum lachen bewegt wird. Es kan jemand sich aus dem Athem lachen, wenn er einen andern fallen sieht, der Hals und Bein zerbricht, welcher aber doch gewiß nicht aus Spaß gefallen ist. Das Lachen kan aus unzähligen Ursachen entstehen, die keinen Schertz zum Grunde haben. Doch davon werde ich weiter handeln, wenn ich die Vollkommenheit eines Schertzes, in Absicht aufs lachen, untersuchen werde.


§. 22.

Die Vollkommenheit und Unvollkommenheit eines Schertzes ist, entweder eine materielle oder formelle. Die erste entsteht aus den Dingen, die man zum Schertze braucht, und worüber man schertzet. Ich bin nicht willens alle Eintheilungen der Schertze, die daher erwachsen, anzuführen. Sie sind nicht nur leicht, sondern auch bey nahe unzählig. Ich brauche sie auch zu meiner Abhandlung sehr wenig, weil es nicht hieher gehört, die Sittlichkeit der Schertze, und die daher entstehenden Pflichten zu untersuchen. Ich werde nur überhaupt zum Beschlusse meiner Abhandlung einige Anmerckungen darüber machen. Doch kan ich mich nicht enthalten, mit wenigen einige Arten dieser Schertze anzuführen. Ich nenne einen Schertz unschuldig, wenn er keine Sünde ist, oder wenn dabey keine Pflicht übertreten wird. Die Schertze die nicht unschuldig sind, bekommen ihren Namen von den Pflichten, welche dabey übertreten werden. Ein Schertz ist gottloß, wenn er den Pflichten gegen GOtt zuwieder; grob, unhöflich, bäurisch, wenn er die Pflichten der Höflichkeit übertrit; unanständig wenn er den Pflichten der Wohlanständigkeit widerspricht u. s. w. Man erkennt von selbst was ein höflicher, anständiger, keuscher Schertz u. s. w. sagen wolle. Hieher kan man auch die verschiedenen Arten der Schertze rechnen, welche auf den Zwecken, die man ausser dem Lachen bey einem Spasse haben kan, beruhen. Man wird ohne mein Erinnern gewahr werden, daß ich dahin, unter andern, die beissenden oder satyrischen Schertze rechne.


§. 23.

Die formellen Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der Schertze, gehören wesentlich in meine Abhandlung. Sie beruhen auf der Einrichtung derselben, und Geschicklichkeit zu ihrem Zweck, in so fern sie von einem scharfsinnigen Witze abhangen, ohne daß man dabey auf ihren Gegenstand sieht. Ich theile sie in dieser Absicht in zwey Arten. Die erste begreift die glücklichen oder geschickten Schertze, wenn sie formaliter vollkommen sind. Sind sie in einem höhern Grade glücklich, so werden sie feurige Schertze genennt. Zu der zweyten Art gehören diejenigen, denen eine formelle Unvollkommenheit zukommt, sie werden unglückliche, ungeschickte, abgeschmackte Schertze genennt. Ein Schertz der in höhern Grade abgeschmackt ist, heißt frostig. Ich hätte bey nahe vergessen zu erinnern, daß ein feuriger Schertz gottloß unhöflich seyn könne, und ein abgeschmackter unschuldig. Folglich kan ein Schertz eine grosse formelle Vollkommenheit besitzen, der aber in der Sache selbst höchst unvollkommen ist, und umgekehrt.


§. 24.

Da eine Vorstellung um so viel vollkommener oder unvollkommener ist, formaliter betrachtet, je vortreflicher oder schlechter sich die Vorstellungskraft, wodurch sie gewürckt wird, bey ihrer Hervorbringung bewiesen; so muß auch ein Schertz um so viel glücklicher oder unglücklicher seyn, je stärcker oder matter und schwächer der scharfsinnige Witz ist, wodurch er gewürckt wird, und je geschickter er selbst ist ein Lachen zu erwecken. Das Feuer und die Kälte eines Schertzes, haben also ihren Grund, eines theils, in der Stärcke und Mattigkeit des scharfsinnigen Witzes; andern theils aber, in der Geschicklichkeit desselben einen andern zum lachen zu reitzen. Man thue hinzu, daß auch ein geschickter Vortrag des Schertzes sehr viel beytragen kan, das Feuer desselben zu vermehren, gleichwie der feurigste Spaß durch einen ungeschickten Vortrag kan ausgedämpft werden.


§. 25.

Wenn man den 24. Absatz mit dem 28. vergleicht, so können daher die Hauptregeln mit geringer Mühe erwiesen werden, wonach ein Schertz eingerichtet werden muß, wenn er glücklich und feurig seyn soll. Ein Spaß wird glücklich 1) wenn viele Dinge verglichen werden. 2) Wenn die Vorstellungen, die den Schertz ausmachen, unbekannt sind. 3) Wenn die verglichenen Sachen sehr verschieden sind. 4) Wenn er viele und grosse Uebereinstimmungsstücke entdeckt. 5) Wenn kurtz vor dem Schertze, sehr starcke Vorstellungen von anderer Art, vorhergegangen. 6) Wenn er mitten unter solchen Vorstellungen vorgetragen wird, die sehr starck und von anderer Art sind. 7) Wenn er selbst eine sehr starcke und grosse sinnliche Vorstellung ist. 8) Wenn er sehr geschickt ist ein Lachen hervorzubringen, oder wenigstens dazu sehr lebhaft zu reitzen. 9) Wenn er auf eine geschickte Art vorgetragen wird. Nach diesen Regeln will ich meine Beurtheilung der Schertze einrichten. Und ich glaube, es wird aus denselben, durch ein geringes Nachdencken, können erkannt werden, daß ein feuriger Schertz unter die vollkommensten und vortreflichsten sinnlichen Vorstellungen gehöre; und daß ein spaßhafter Kopf, der in seinen Schertzen glücklich ist, eine wahre Hochachtung und Bewunderung verdiene.


§. 26.

Das Feuer eines Schertzes, und die unterschiedenen Grade desselben, entstehen 1) durch die Menge der Regeln die dabey beobachtet werden. Je mehr von den kurtz vorher angeführten Regeln beobachtet werden, desto glücklicher und feuriger wird der Schertz; je wenigern Regeln er aber gemäß ist, desto unglücklicher und frostiger muß er seyn. 2) Durch die genauere Beobachtung einer jeden Regel. Je mehr und besser eine jede beobachtet wird, desto glücklicher ist der Spaß; je schlechter und kleiner aber die Beobachtung einer jeden Regel ist, desto unglücklicher und frostiger muß der Schertz gerathen. Ich will mich nicht unterstehen zu versichern, daß ich mir getrauete, den Grad der Güte eines Schertzes in einem gegebenen Falle genau zu bestimmen. So weit habe ich es noch nicht in der mathematischen Erkenntniß solcher Dinge gebracht, die nicht nach Ruthen und Schuhen können abgemessen werden. Ich begreiffe auch leicht, daß ich einen zu strengen Kunstrichter abgeben würde, wenn ich keinen andern Schertz loben wolte, als solche die im höchsten Grade feurig sind. Mir deucht, daß ich das von einem spaßhaften Kopfe sagen könne, was Horatz von den Dichtern behauptet:

mediocribus esse poetis

Non homines, non di, non concessere columnae.

Ich bin also der Meinung, daß man einem Schertze seinen Beyfall nicht versagen könne, wenn er nur mehr als mittelmäßig glücklich ist. Doch ich muß nun weiter gehen, und eine jede der gegebenen Regeln genauer untersuchen.


§. 27.

Die erste Vollkommenheit eines glücklichen Schertzes entsteht, vermöge der ersten Regel [§. 25.] aus der Anzal der Dinge, die mit einander verglichen werden. Ich rede nicht von der Vollkommenheit und Stärcke eines schertzhaften Menschen, die man ihm zugestehen muß, wenn er geschickt ist oft und viel zu schertzen, mit allem was ihm vorkommt. Ein Mensch dessen Fertigkeit zu schertzen sich über unzälige Gegenstände erstreckt, hat ein sehr weites Feld, darin sich sein Witz und Scharfsinnigkeit würcksam beweißt, und man muß ihm einen grossen Reichthum an schertzhaften Einfällen zugestehen. Darin besteht aber nicht die Vollkommenheit, die ich hier meine. Diese Schönheit eines Schertzes muß in einem einzigen Schertze enthalten seyn. Der Schertz der dieselbe haben soll, muß uns sehr viele Dinge auf einmal vorstellen. Ich gebe zu, daß ein Schertz, der auch nur zwey Dinge mit einander vergleicht, im übrigen sehr feurig seyn könne. Man wird aber doch zugestehen müssen, daß ihm eine Schönheit fehlt, die nicht anders möglich ist, als durch die Menge der Gegenstände, die man in einem einzigen Schertze zusammen faßt. Zwey Schertze, die im übrigen gleich schön sind, deren einer nur zwey Dinge vergleicht, der andere aber mehrere, sind ohne Streit dergestalt von einander unterschieden, daß der letztere vor den erstern den Vorzug erhalten muß.


§. 28.

Ein Schertz bekommt durch die in dem vorhergehenden Absatze angemerckte Vollkommenheit, eine Schönheit, die eine ungemeine Belustigung zu verursachen vermögend ist. Nichts belustiget die Einbildungskraft stärcker, als die Verschiedenheit. Das Auge irret mit dem grösten Vergnügen in einer Gegend herum, von der es kein Ende erblickt, und welche durch eine unendliche Mannigfaltigkeit der Gegenstände ausgefüllt ist. Alles was groß und unendlich ist, erweckt in der Seele eine angenehme Empfindung. Es sey nun, daß unser Geist sich über seine eigene Stärcke, wodurch er vermögend ist so vieles auf einmal zu fassen, ergötzt. Oder, daß selbst eine jede Vorstellung eine Vollkommenheit ist, die die Seele fühlt, und welche durch die Vervielfältigung der Vorstellungen selbst vervielfältiget wird. Oder daß die Menge der Vorstellungen, die die Seele mit einemmal begreift, eine Uebereinstimmung des mannigfaltigen in der Seele selbst entsteht, welche sie fühlt, und woher, als aus einem Gefühl der Vollkommenheit, eine Lust entstehen muß. Dem sey wie ihm wolle, das mannigfaltige, und die Abwechselung in demselben, führt jederzeit etwas belustigendes mit sich.

Jucundum nihil est nisi quod reficit varietas.

Publ. mimogr.

Wenn also ein Schertz eine solche Mannigfaltigkeit in sich faßt, so muß er angenehm seyn. Und ich halte mich vor überzeugt, daß ein angenehmer Schertz besser sey, als ein unangenehmer. Jener erweckt ein lachen wodurch das Gemüth aufgeheitert wird, und wer lacht nicht gerne zu dem Ende? Und wer geht nicht gerne mit solchen Leuten um die auf eine so angenehme Art schertzen?

Nil ego contulerim iucundo sanus amico.

Hor. Satt. L. I. Sat. V.


§. 29.

Zu den Schertzen, welche diese erste Vollkommenheit haben, können diejenigen gerechnet werden, welche durch die Anführung eines Verses aus einem berühmten Poeten gemacht werden. Wenn die Wahl glücklich ist, so wird der Schertz ohnfehlbar gerathen. Man kan entweder die unveränderten Worte des Dichters behalten, oder dieselben etwas verändern. Wem nun der Dichter bekannt ist, dem wird durch die Anführung, auch nur einiger Worte, der Zusammenhang der gantzen Stelle ins Gemüth gebracht, woher man den Vers entlehnt hat. Und man wird mir ohne Beweiß zugestehen, daß dadurch der Einbildungskraft eine gantze Menge mannigfaltiger Dinge vorgestellt wird. Ich setze voraus, daß sonst keine nothwendige Eigenschaft eines Schertzes fehlt. Dieses Kunstgriffes wissen sich die Satyrenschreiber, mit grossen Vortheile, zu bedienen, und ich halte es daher für unnöthig Exempel anzuführen. Von gleicher Art sind die Sprüchwörter. Einige derselben beziehen sich nicht nur, vermöge ihres wesentlichen Inhalts, auf viele Dinge zugleich, sondern weil sie in unendlich vielen Fällen im gemeinen Leben gebraucht werden, so stellt uns die Einbildungskraft, so bald wir das Sprüchwort hören, unzälige solcher Fälle vor. Wenn man demnach schertzen will, und man führt zu dem Ende, ein bekanntes Sprüchwort an, das sich sonst zu den Umständen schickt, und die Sache lächerlich macht, so bekommt der Schertz eine Mannigfaltigkeit die angenehm seyn muß.


§. 30.

Diese Vollkommenheit der Schertze, von der ich bisher geredet habe, entsteht auch aus der Erzehlung einer gantzen Begebenheit. Man kan sie entweder selbst erdichten, oder aus der Geschichtskunde entlehnen. Das erste erfodert eine grosse Geschicklichkeit. Ich unterstehe mich nicht, Regeln davon zu geben, da es überdies mein Zweck nicht ist dergleichen vorzutragen. Ich mercke nur an, daß durch eine solche Erzehlung, ein Schertz diejenige Schönheit bekommt, von der ich jetzo rede. Eine Erzehlung faßt sehr vieles in sich, es kan demnach einem solchen Spasse an Mannigfaltigkeit nicht fehlen. Ein Exempel gibt mir des Herrn Liskov Satyre, auf den bekannten Philippi, in welcher er seinen Tod erzehlt. Entlehnt man die Erzehlung aus der Geschichtskunde, so kan es auf verschiedene Art geschehen. Man kan eine berühmte Person nennen, oder sonst eine berühmte Sache und Begebenheit. Man kan durch einen kurzen Ausspruch, eine bekante Sache ins Gedächtnis bringen, und dem Schertze diejenige Lebhaftigkeit geben, welche durch die Anzahl der verglichenen Dinge entsteht. Meine Leser werden nicht dencken, als wenn ich glaubte, daß die Verse, Sprüchwörter, und Erzehlungen, dem Schertze keine andere Schönheiten, als die Mannigfaltigkeit zu geben vermögend wären. Ich habe diese Quellen der Schertze nur deswegen angeführt, damit man überzeugt werde, daß meine erste Regel der Schönheit eines Schertzes, von der ich bisher geredet, gegründet sey.


§. 31.

Ich gehe zur andern Hauptvollkommenheit der Schertze fort. Ich habe [§. 25.] erwiesen, daß ein glücklicher Schertz unbekannt seyn müsse. Man muß diese Vollkommenheit nicht so verstehen, als wenn das Materielle des Schertzes, die Sachen worüber man schertzet, und woher man den Schertz nimmt, unbekannt seyn müsten. Nein, das wäre eine Unvollkommenheit die den gantzen Schertz verderben würde. Ein solcher Spaß wäre viel zu dunckel, als daß er solte verstanden werden können, und ein Schertz der nicht eingesehen wird, ist in Absicht auf den, der ihn nicht einsieht, kein Schertz. Der allerfeurigste Spaß thut keine Würckung, bey denen die ihn nicht verstehen. Ich glaube daß uns viele Schertze im Cicero, und andern alten Schriftstellern besser gefallen würden, wenn wir sie nur gantz verstünden. Warum kan niemand über die pyxis Coeliana im Quintilian und Cicero lachen? Die Sache ist uns unbekannt. Man begreift also, wovon ich unten ausführlicher handeln werde, daß die Sachen womit man schertzet, demjenigen bekannt seyn müssen, bey dem ein Schertz seine Würckung thun soll. Was ist aber denn nun das unbekannte, das zur Schönheit eines Schertzes erfodert wird? Es besteht, mit einem Worte, in dem schertzhaften eines Spasses. Das was einen Schertz zum Schertz macht, die Form desselben, der Schwung der Gedancken, die Vergleichung verschiedener Stücke, und hundert andere Dinge die das Wesen eines Schertzes ausmachen, müssen noch unbekannt seyn. Oder, will man es anders ausdrucken, so sage man, daß ein glücklicher Schertz neu seyn müsse.


§. 32.

Wenn ich sage, daß ein glücklicher Schertz noch neu und unbekannt seyn müsse, so verstehe ich das nicht nur von den Personen, denen der Schertz vorgetragen wird, sondern auch von der schertzenden Person selbst. Ein Mensch der einen ihm schon bekannten Schertz vorträgt, beweißt alsdenn keine Stärcke seines scharfsinnigen Witzes. Er braucht nichts weiter als sein Gedächtniß, und er verhält sich dabey nicht anders als ein Geschichtschreiber, der die Schertze eines andern erzehlen kan, ohne selbst ein spaßhafter Kopf zu seyn. Es ist wahr, wenn ein solcher Schertz nur den Zuhörern noch unbekannt ist, so kan er bey ihnen alle Würckungen eines feurigen Schertzes hervorbringen. Derjenige, der den Schertz erzehlt, darf sichs nur nicht mercken lassen, daß ihm derselbe schon längst bekannt gewesen ist. Dem ohnerachtet behält ein solcher Spaß einen Fehler, der von andern nur darinn unterschieden ist, daß er nicht so mercklich ist. Noch viel nöthiger aber ist es, daß ein Schertz der glücklich gerathen soll, den Zuhörern noch neu und unbekannt sey. Haben sie ihm schon unzählige mal gehört, so ist er was altes, und er verliehrt alles das Feur, welches ihm nichts anders als die Neuigkeit geben kan.


§. 33.

Das neue hat jederzeit eine Schönheit, die alle dem fehlen muß, was alt ist. Das alte wird uns zur Gewohnheit, man gibt nicht mehr drauf achtung, die Vorstellung desselben verdunckelt sich nach und nach, und wir werden natürlicher Weise verdrießlich, ein und eben dasselbe so oft zu dencken, weil die Seele keinen Zuwachs der Erkenntniß, so ein Mangel einer Vollkommenheit ist, dabey fühlt. Was uns aber noch neu ist, beschäftiget unsere gantze Aufmercksamkeit, es entsteht darüber eine Art einer angenehmen Verwunderung, unsere Seele freuet sich heimlich über den Anwachs ihrer Erkenntniß, welcher überhaupt betrachtet eine Vollkommenheit ist. Kurtz, eine Vorstellung die bey uns gantz neu ist, hat ein Licht welches viel zu angenehm ist, als daß wir es nicht mit Vergnügen sehen solten. Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, welchen vor dem was neu ist eckelt, und die sich in das Alterthum dermassen verliebt haben, daß sie mit einem innigern Vergnügen die Schrift auf einer verrosteten Müntze lesen, als den Beweis einer neuen Wahrheit durchdencken. Allein ich weiß auch, daß diese Bewunderer des Alterthums meinen Satz bestätigen. Nimmermehr würden sie ein verschimmeltes Manuscript mit Vergnügen ansehen, wenn es in ihrer Vorstellung nicht etwas neues wäre. Nein, es bleibt dabey, die Natur bleibt sich überall ähnlich, das alte in so fern es alt ist kan niemals uns das Vergnügen geben, welches Neuigkeiten verursachen, als in so fern unsere Gedancken davon neu sind. Die Neuigkeit ist also eine Schönheit des Schertzes, welche reitzt. Man kan hinzu thun, daß die Neuigkeit eines Schertzes ein untrüglicher Beweiß sey, daß ihn der schertzende selbst gemacht hat. Die Stärcke und Geschicklichkeit seines scharfsinnigen Witzes leuchtet darinn unleugbar hervor, und gibt dem Schertze eine Anmuth, die eine Bewunderung des Urhebers verursacht. Ein Schertz der feurig seyn soll, muß wenigstens einen gantz neuen Gedancken enthalten, der zu dem schertzhaften in demselben gehört.


§. 34.

Ein Schertz muß nothwendig abgeschmackt und frostig seyn, der von Vater auf Sohn fortgepflanzt worden. Man solte, bey manchen Spassen, womit sich verfrorne Köpfe breit machen, fast auf die Gedancken gerathen, daß es Familien-Spasse gebe; und daß man, wenn die dunckeln Zeiten diese wichtige Nachricht nicht entrissen hätten, den Ursprung mancher Schertze vor den Hunnen Kriege finden könnte. Es ist nichts natürlicher, als daß ein Sohn die Schertze seines spaßhaften Vaters bewundert und sich mercket. Kan man wohl anders dencken, als ein Vater werde sich über sein kluges Kind hertzlich freuen müssen, wenn es so gelehrig ist, und die Schertze seines Vaters wieder an Mann zu bringen weiß? Ich betrüge mich entweder, oder die mehresten Spasse, die man im gemeinen Leben hört, sind geerbte Spasse, nur daß sie, wie bey allen mündlichen Ueberliefferungen zu geschehen pflegt, denn und wenn eine kleine Veränderung auszustehen haben. Ein Schertz der scharfsinnigen Köpfen, und einem gereinigten Geschmacke gefallen soll, muß unsern Vätern unbekannt gewesen seyn. Man hat sich dabey nicht nach den Beyfall des grösten Hauffens zu richten. Ich weiß wohl, daß unter denselben ein verdorbener Geschmack herrscht, dem solche ererbte Schertze dennoch zu gefallen pflegen. Allein, das ist ein Beweis der abgeschmackten Beschaffenheit eines Spasses, wenn er einem frostigen Kopfe gefällt, und es bleibt wahr was Horatz gesagt:

Nec, si quid fricti ciceris probat & nucis emtor,

Aequis accipiunt animis, donantue corona.


§. 35.

Ein Schertz der feurig seyn soll, muß nicht zur Mode geworden seyn. Ein Mode Schertz ist viel zu bekannt, und alt, als daß er einiges Feur behalten solte. Man kan leicht dencken, was ein feuriger Witz vor Vergnügen finden wird, in den gewöhnlichen artigen Zusammenkünften, da sich ein jeder bemüht die Gesellschaft, mit spaßhaften Einfällen nach der Mode, zu unterhalten. Will man Exempel solcher abgeschmackten Schertze hören, so darf man nur mit einem kleinen Herrn umgehen. Ein kleiner Herre ist eine Archiv aller Dinge die zur Mode gehören. Sein Kopf start vor Menge der artigen Einfälle, welche im Schwange gehen. Er bringt mit inniger Zufriedenheit hundert lustige Einfälle vor, die tausend andere ebenfals sagen. Es müste jemand sehr wenigen Umgang haben, dem nicht hundert Schertze von solcher Art beyfallen solten. Doch kan ich mich nicht enthalten derjenigen zu erwehnen, die man durch eine Anspielung auf solche Dinge macht, die mir die Schamhaftigkeit zu nennen verbiethet. Ich will nicht sagen, daß diese abgeschmackten Zoten viel zu schmutzig sind, als daß sie einem ehrbaren Menschen solten anständig seyn. Ich sage nur, daß derjenige einen sehr armseeligen Witz blicken läßt, der mit Schertzen aufgezogen kommt die unter den Pöbel im Schwange gehen, und davon man Millionen ähnliche und gantz gleiche Schertze antrift. Muß das nicht ein allerliebster Umgang mit Frauenzimmer seyn, wo man seiner Schönen mit dergleichen witzigen Einfällen zu schmeicheln sucht? Die Kützelung, die durch einen solchen frostigen Schertz entsteht, rührt gewiß nicht aus dem sinnreichen desselben her, sondern aus dem Inhalte desselben, der allein im Stande ist, die Lebens Geister eines schmutzigen Gehirns, zu reitzen. Es sey also ferne, daß ich solche Mode Schertze billigen solte, sie gehören unter die Zahl derjenigen, die ein guter Geschmack für abgeschmackt hält. Doch was kan man wohl hoffen? Kan man wohl glauben, daß die Liebhaber dieser Schertze sich bessern werden, wenn man ihnen auch die Wahrheit noch so deutlich sagt? Ich zweiffele sehr daran. Sie wollen mit aller Gewalt spaßhafte Köpfe seyn, sie selbst können nicht schertzen, ist es wohl anders möglich, als daß sie zur Mode ihre Zuflucht nehmen? Uberdem finden solche frostige Köpfe jederzeit Bewunderer ihres Witzes:

vn sot trouve touiours un plus sot qui l’admire

Boileau.

So lange es demnach Leute gibt die ihrer Natur zum Possen schertzen wollen; So lange es Leute gibt, die einen Mode Schertz bewundern, so lange werden auch die Mode Schertze ihr altes Recht behaupten.


§. 36.

Der vorhergehende Absatz veranlaßt mich zu einer Critik, über eine Stelle im 3. Buch der Odyssee. Homer läßt den Demodocus die Rache des Vulcans besingen, die ihm die Eifersucht über seine Frau eingeblasen. Vulcan war von der Untreue seiner Venus benachrichtiget worden, und weil er sich auf seine Füsse zu verlassen keine Ursach fand, so hatte er Grund zu zweiffeln die Venus auf frischer That einmal zu ertappen. Er ersan eine List, die man von einem Schmidt, der eine Gottheit ist, vermuthen kan. Er verfertigte eine unsichtbare Schlinge, die unzerbrechlich war, und die er nur selbst aufzulösen vermochte. Venus und Mars werden gefangen. Vulcan erblickt seinen Fang, und hebt ein so erbärmliches Geschrey an, wozu Rache, Eifersucht, Zorn und Verspottung einen Ehemann in ähnlichen Umständen nur immer zu vermögen im Stande sind. Alle Gottheiten männlichen Geschlechts, denn das Frauenzimmer des Olympus war viel zu schamhaftig, als daß es bey dieser schmutzigen Begebenheit erscheinen solte, kommen zu Hauffe, und bewundern die List des Vulcans. Wer Homers Götter kennt wird mit leichter Mühe errathen können, was ein jeder von ihnen, bey diesem Anblicke, wird gedacht haben. Apollo ist unverstellter als die übrigen, er fragt den Mercur, ob er wohl wünschte sich jetzt in den Umständen zu befinden, in welchen Mars betroffen worden? Mercur antwortet mit aller der Schalckhaftigkeit, wozu eine so lustige Gottheit im Stande war. O, sagt er, wenn es nur wahr wäre, und wenn ich noch dreymal stärcker gefesselt wäre, und alle Götter und Göttinnen mich sehen solten, so wolte ich doch bey der unvergleichlichen Venus gerne liegen. Diß war nun der Spaß, darüber alle Götter anfingen zu lachen. Ich will nicht sagen, daß dieser Schertz einer Gottheit unanständig sey, und daß Mercur, wenn er ein Philosoph gewesen wäre, ohnfehlbar zur Cynischen Secte gehört hätte. Der läppische Character den Homers Gottheiten haben kan damit völlig bestehen. Homer hat auch sehr gut gethan, daß er das Frauenzimmer zu Hause bleiben lassen, weil er selbst scheint gesehen zu haben, daß sonst die gantze Begebenheit, und der Spaß den er anbringt, unerträglicher würde geworden seyn. Ich will auch zugeben daß dieser Schertz einiges Feuer in anderen Absichten haben könne. Ob er aber neu genug sey, daran habe ich grosse Ursach zu zweiffeln. Es ist mir sehr wahrscheinlich, daß Apollo, wo nicht eben die Gedancken gehabt, doch schon die Antwort des Mercurs vorhergesehen. Und ich zweiffele gar nicht, daß die übrigen Götter eben das gedacht. War also dieser Schertz in der Versammlung der Götter etwas neues? Homers Fabel macht also den Schertz des Mercurs auf dieser Seite frostig. Doch ich tadle auch diesen Schertz aus einem ernsthafteren Grunde. Soll er feurig seyn, so muß er den Lesern des Homers neu und unbekannt seyn. Kan man dieses wohl von diesem lustigen Einfalle des Mercurs sagen? Ich habe Ursach dran zu zweiffeln. Dieser Schertz gehört unter die Alltages Schertze, deren man mehr, als gut ist, antrift. War dieser Schertz also wohl werth, daß bey nahe der gantze Himmel drüber lacht?


§. 37.

Wenn ein feuriger Schertz neu seyn soll, so muß ihn der Schertzende auch keinem andern abborgen. Er muß sich nicht für den Erfinder eines Spasses ausgeben, den ein anderer erdacht hat. Es gibt auch hier eine Art eines gelehrten Diebstahls, wird er entdeckt, so verliehrt der Schertz ein grosses Stück seines Feuers; bleibt er aber auch verborgen, so fehlt ihm nichts destoweniger eine Schönheit, ob man gleich diesen Mangel nicht merckt. Wer einen Schertz stiehlt, muß, wenn er anders nicht ausserordentlich unverschämt ist, mit tausend Aengsten befürchten, daß es seine Zuhörer mercken werden, denn alsdenn ist ihnen der Schertz entweder schon bekannt, oder der schertzende wird von ihnen nicht anders als ein Sprachrohr betrachtet, durch welches, der von ihnen entfernte Urheber des Scherzes, ihnen seinen lustigen Einfall mittheilt. Wenn man eines andern Schertze erzehlt, kan man sehr selten diejenige anständige Dreistigkeit behalten, die zu einem glücklichen Spasse nöthig ist. Ja was noch mehr. Der Schertz kan in dem Munde seines Erfinders ein grosses Feur besessen haben, welches verlöscht, wenn ein anderer eben denselben vortragen will, weil sich beyde in verschiedenen Umständen befinden, die doch allezeit sich aufs genaueste passen müssen, wenn der Spaß gerathen soll. Ich will zugeben daß niemand den Diebstahl merckt, daß derjenige, der den Spaß von andern entlehnt, die anständigste Dreistigkeit blicken lasse, und daß alle Umstände sich aufs genaueste schicken. Dem ohnerachtet behaupte ich, daß der Schertz eine Häßlichkeit behält, weil zwar der Fehler verborgen ist, aber doch würcklich vorhanden ist. Denn der Schertz ist doch alt, und der ihn vorträgt ist ein blosser Erzähler desselben. Ich könnte dergleichen Schertze Thrasonische Spasse nennen. Thraso beym Terenz im Eunuch. macht es eben so:

Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi.

Audieras? saepe; & fertur in primis.

Meum est.

Ich rathe demnach einem jeden spaßhaften Kopfe, ja niemals die Schertze anderer Leute nachzubeten. Sind sie selbst nicht im Stande Erfinder der Schertze zu seyn, so thun sie viel besser gar nicht zu spassen, als so verwegen zu seyn, und sich in die Gefahr zu begeben, die Armut ihres Witzes zu verrathen. Eben das gilt auch von allen denjenigen, die durch das lesen artiger und sinreicher Schriftsteller, einen Vorrath artiger Gedancken sich gesamlet haben, die sie bey aller Gelegenheit, durch eine männliche Nachahmung, wiederum an Mann zu bringen suchen. Man kan ihnen den Ruhm geschickter und glücklicher Nachahmer manchmal nicht absprechen. Ein Bayle und Fontenelle, kan der Vater unzäliger kleiner Bayle und Fontenelle seyn. Nur müssen sich diese kunstmäßigen Abschreiber bescheiden, so lange keinen Anspruch auf einen witzigen Kopf vom ersten Range zu machen, bis sie Erfinder artiger Einfälle geworden.


§. 38.

Eine Sache die noch so neu ist wird mit der Zeit alt. Alle Dinge in der Welt sind der Vergänglichkeit unterworffen, und ein Schertz mag noch so feurig seyn, so wird er mit der Zeit frostig. Folglich muß ein Spaß nicht zu oft aufgewärmt werden. Wenn ein Schertz das erstemal noch so schön gerathen, so wird er das andre mal schon viel von seiner Lebhaftigkeit verlohren haben, und noch mehr wenn man ihn zum dritten mal hört. Man kan einen Schertz mit der Zeit ohne Bewegung anhören, über welchen man sich das erstemal aus dem Othem gelacht hat, und man verwandelt endlich sein Wohlgefallen über den Spaß, in eine Verachtung desjenigen, der sich erkühnt uns mit einerley so oft zu unterhalten.

Ridetur chorda qui semper oberrat eadem.

Hor. art. poet.

Ein solcher Schertz wird mit der Zeit gar zu bekant, und man hat grosse Ursach zu glauben, daß ein scharfsinniger Witz nicht eben gar zu groß und fruchtbar seyn müsse, der sich durch einen einzigen glücklichen Schertz erschöpft zu haben scheint, weil er immer denselben und keinen neuen vorträgt. Ja der, so diesen Fehler in Schertzen begeht, bezeigt gar zu wenig Hochachtung gegen seine Zuhörer. Er glaubt entweder, daß sie kein gutes Gedächtniß haben, und daß ihnen also einerley Sache immer neu bleiben müsse; oder daß sie nicht witzig genug gewesen, seinen Spaß schon hinlänglich zu verstehen; oder daß sie gar zu flatterhaft sind, und die schlechteste Ursach zum lachen ergreiffen, sich lustig zu machen. Alles dieses wird dem Schertzenden sehr wenig Hochachtung bey seinen Zuhörern zu wege bringen. Nein, ein Schertz der einmal geglückt, muß Zeitlebens nicht wieder vorgetragen werden. Oder, will man mehr Gelindigkeit von mir fodern, so kan ich zwar die Zahl der Wiederholung nicht bestimmen; doch, nach meinem Geschmacke, gefält mir ein Schertz noch ziemlich, den ich zum zweyten oder dritten mal höre, wird er mir aber zum vierten oder fünften mal gesagt, so erweckt er in mir entweder Gleichgültigkeit, oder Verdruß. Das, was ich jetzo von Schertzen gesagt habe, kan man auch von einem jeden artigen Gedancken und Einfalle sagen. Ein Schriftsteller, der eine gewisse Anzal artiger Einfälle zu haben scheint, die er so oft vorbringt, als er redet oder schreibt, scheinet mir einen sehr eingeschränckten Vorrath davon zu besitzen, und macht seine Schrift, bey vernünftigen Lesern eckelhaft.


§. 39.

Ich kan mich hier nicht enthalten einen Fehler anzumercken den manche, die mit Gewalt, es koste was es wolle, lustige Gesellschafter seyn wollen, begehen. Sie samlen sich einen ziemlichen Vorrath kleiner poßirlichen Histörchen, die sie in allen Gesellschaften mit einer kützelnden Zufriedenheit erzehlen. Sie haben ihren eigenen Witz dergestalt verwöhnt, daß sie nicht lustig seyn können wenn sie diese Lappalien nicht vortragen. Und wer solche Leute kennt der pflegt, so bald sie den Faden ihrer Geschichte anfangen, zu sagen, ja ja! nun kommen die Historien, nun werden sie aufgeräumt. Ich will nicht sagen, daß es unverschämt gehandelt sey, eine gantze Gesellschaft mit Dingen zu unterhalten, die man ihnen wohl tausendmal gesagt hat. Ich sage nur, daß dis ein Zeichen eines sehr matten und frostigen Witzes sey, wenn man einerley schertzhafte Einfälle, so oft wiederholt. Wollen diese lebendigen Chronicken etwa einwenden, daß die Gesellschaft gleichwol lache, so bitte ich sie achtung zu geben, ob ein solches lachen nicht vielmehr eine erzwungene Höflichkeit sey, die man ihnen beweißt, weil man sich doch genöthiget sieht, mit ihnen umzugehen. Wenn sie sich die Mühe nehmen wollen diese Beobachtung zu machen, so werden sie gewahr werden, daß mancher über ihre Erzehlungen lacht, indem er mitten im Gähnen begriffen war. Doch kan es seyn daß sie sich in Gesellschaft mit Leuten von frostigen Witze und üblen Geschmack befinden, und alsdenn versichere ich ihnen, daß diese lachen werden, und wenn sie ihre Historien ihnen noch tausendmal vortragen solten.


§. 40.

Noch ein Fehler ist zu bemercken, welcher der Schönheit eines Schertzes, so aus der Neuigkeit desselben entspringt, zu wieder ist. Es besteht derselbe darin, wenn man gar zu aufgeräumt ist, und in kurtzer Zeit gar zu viel Schertze hinter einander vorträgt. Cicero hat denselben auch bemerckt, im andern Buche vom Redner: Hoc opinor primum, ne, quotiescunque potuerit dictum dici, necesse habeamus dicere. Ein jeder dieser Schertze kan an sich sehr schön seyn, und, wenn er allein vorgetragen wird, alles das Feur besitzen, so zu einem angenehmen Schertze erfodert wird. Allein weil er unter einer gar zu grossen Menge anderer Schertze vorgetragen wird, so erkaltet er. Man wird des lachens auch müde. Unsere Seele liebt die Veränderungen, eine Belustigung die gar zu lange einträchtig bleibt, wird matt und verliehrt ihre Anmuth. Alle glückliche Schertze erwecken in der Seele ein ähnliches Vergnügen, ist es also nicht natürlich, daß, wenn in kurzer Zeit, gar zu viele Schertze auf einander folgen, die folgenden immer frostiger werden müssen, je weiter sie von dem ersten entfernt sind? Alle sinnliche Lust wenn sie aufs höchste getrieben worden, nimt von selbst natürlicher Weise wieder ab. Omnibus in rebus voluptatibus maximis fastidium est finitimum. Cicero im dritten Buch vom Redner. Es streitet wider die Natur der Seele, viele feurigen Schertze hinter einander, mit gleicher Lebhaftigkeit, zu fühlen, die letztern haben keine völlige Neuigkeit mehr, weil sie das Vergnügen, das die vorhergehenden erweckt haben, nur durch einen etwas veränderten Grund verursachen, oder vielmehr nur fortsetzen. Es ist demnach natürlich, daß uns das Schertzen endlich verdrießlich werden muß, wenn es in einem, durch eine geraume Zeit, fortgeht.

Quem bis terque bonum cum risu miror, & idem

Indignor.

Hor. de art. poet.

Sollen alle unsere Schertze glücklich seyn, so muß man nicht zu viel auf einmal, und kurtz hinter einander spassen. Es ist demnach eine Maxim die der Vollkommenheit der Schertze nachtheilig ist, wenn man annimt, daß ein Schertz, der an sich feurig ist, auch könne vorgetragen werden, ohne weitere Betrachtungen dabey anzustellen. Ein schertzhafter Kopf muß kein Verschwender, sondern ein sparsamer Haußhalter seyn, der für das künftige sorgt. Hat er in manchen Stunden einen gar zu starcken Zufluß von Schertzen, so bedencke er, daß theure Zeiten kommen können, da bey ihm die Schertze sehr rar seyn möchten. Die Leute, die manchmal gar zu lustige und aufgeräumte Stunden bekommen, besitzen einen Witz, der mir einem gewaltigen Strohme gleich zu seyn scheint, bey welchen, wenn er einmal seinen Dam durchbrochen, kein aufhalten ist. Es ist wahr, wir sind, wenn wir auch noch so feurige Köpfe wären, nicht immer zum spassen aufgelegt; aber man kan doch sagen, daß es möglich sey sich vor den Fehler zu hüten, den Horatz an den Sängern bemerckt hat. Satt. L. I. Sat. III.

Omnibus hoc vitium est cantoribus, inter amicos

Vt nunquam inducant animum cantare rogati.

Iniussi nunquam desistant.


§. 41.

Ich will durch alle die bisherigen Regeln nicht fodern, daß der gantze Schertz von dem schertzenden erst müsse erfunden werden, ob ich gleich behaupte, daß das die schönsten Schertze dieser Art sind, welche der schertzende erschaffen hat, und das erstemal vorträgt. Man kan einen von andern gehörten Spaß vortragen, ja man kan seine eigene Spasse wieder aufwärmen, wenn nur etwas neues dabey vorkommt. Folglich muß wenigstens der schertzende mit Wahrheit behaupten können, daß er etwas an dem Schertze, den Augenblick erst, erfunden habe. Solche Schertze sind auch schön, ob gleich nicht in dem Grade, als die ganz neuen. Es kan hier eben so gehalten werden, als in den Wissenschaften. Man kan daselbst Wahrheiten von andern entlehnen, wenn man sie mit einiger Veränderung und Zusatz vorträgt, oder auch nur auf eine andere Art beweißt, und andere Folgen daraus herleitet, so kan man sich für den Erfinder einiger Theile dieser Wahrheit mit Recht ausgeben. Man kan daher andern ihre Spasse abborgen, ein kleiner Umstand, den wir hinzu oder wegthun, gibt uns ein Recht denselben eines theils für den unsrigen auszugeben. Wenn wir ihn auch nur in andern Umständen vortragen, und ihn so geschickt vorzubringen wissen, daß es natürlich zu seyn scheint, auf einen solchen schertzhaften Einfall zu kommen, so fehlts demselben doch nicht an aller Neuigkeit.


§. 42.

Ich habe zur dritten Schönheit der Schertze, die Verschiedenheit der Dinge, die man mit einander vergleicht, angenommen. [§. 28.] Wenn die Dinge gar nicht mercklich, oder doch in einem sehr geringen Grade verschieden sind, so verursacht die Entdeckung ihrer Ubereinstimmung, entweder gar keinen, oder doch einen sehr frostigen Spaß. Ich will nicht wieder sagen, daß ein solcher Spaß frostig sey, weil er von einem sehr matten Witze seinen Ursprung hat, denn das habe ich schon [§. 20.] angemerckt. Sondern ich habe noch andere Ursachen, warum ich behaupte, daß ein feuriger Schertz von Dingen, die in einem hohen Grade verschieden sind, müsse entlehnt werden. Ich werde unten darthun, daß wir lachen, wenn wir einen Wiederspruch in Kleinigkeiten gewahr werden. Soll nun der Spaß zum lachen reitzen, so muß er einen solchen Wiederspruch entdecken. Das wird gewiß nicht geschehen, wenn man Dinge, deren Uebereinstimmung groß, und augenscheinlich ist, mit einander vergleicht. Nimt man aber Dinge, die sehr verschieden sind, und deren Verschiedenheit offenbar, und in die Augen fält, und entdeckt in ihnen eine Uebereinstimmung, so scheint das ein Wiederspruch zu seyn, und wir erhalten unsern Zweck. Man kan hinzu thun, daß sonst der Spaß nicht neu und unerwartet genug seyn würde. Dinge die gar zu mercklich mit einander übereinkommen, sind sehr leicht zu vergleichen, ein jeder der sie betrachtet, kan mit einer geringen Aufmercksamkeit die Uebereinstimmung gewahr werden. Wird man jemanden also wohl viel neues sagen, wenn man sich die Mühe macht, ihm in solchen kleinen Entdeckungen zu helfen? Nein, Dinge worüber man glücklich schertzen will, müssen eine sehr unmerckliche Uebereinstimmung haben. Ihre Verschiedenheit muß so mercklich und groß seyn, daß sie dem Ansehen nach nichts mit einander gemein zu haben scheinen. Oder, wenn sie auch mit einander in manchen Stücken übereinkommen, so muß doch die Ubereinstimmung, die wir durch unsern Schertz in ihnen entdecken wollen, dergestalt beschaffen seyn, daß sie der Verschiedenheit derselben zu wiedersprechen scheint, und daß man daher Ursach zu glauben hat, daß keiner von unsern Zuhörern, ohne unsern Schertz, diese Entdeckung würde gemacht haben.


§. 43.

Wenn ein Schertz nicht die gemeldete Eigenschaft besitzt, so ist er ein so stumpfer Einfall, daß er für keine Geburth der Scharfsinnigkeit kan angesehen werden. Ein feuriger Schertz muß nicht nur durch den Witz gewürckt werden, sondern es muß auch darin eine grosse Scharfsinnigkeit hervorleuchten. Kan dieses wohl möglich seyn, wenn die verglichenen Dinge mit einander sehr übereinkommen? Nein, wenn ein Schertz nicht ein Schertz seyn soll,

quem praecepit

Rusticus, abnormis sapiens, crassaque Minerua.

Hor. Sat. L. II. Sat. II.

so muß man nicht, wenn man schertzen will, handgreifliche Uebereinstimmungen vorbringen. Ein feuriger Schertz muß so fein und scharfsinnig seyn, daß er von einem plumpen Kopfe nicht eingesehen werden kan. Das kan nicht anders erhalten werden, als wenn man den Schertz dergestalt einrichtet, daß derjenige, der ihn begreiffen will, erst vorläufig einen grossen Unterschied gewahr werden muß. Das gemeine Leben könnte mir hier wieder eine ansehnliche Menge solcher stumpfen Spasse an die Hand geben, wenn ich glaubte daß der Versuch, den Geschmack des Pöbels zu verbessern, einen mercklichen Nutzen haben könnte.


§. 44.

Zur Verschiedenheit der Dinge wird ihre Unähnlichkeit, die Verschiedenheit ihrer Beschaffenheiten, gerechnet. Soll demnach ein Schertz gerathen, so müssen die Dinge, womit man schertzet, eine augenscheinliche Unähnlichkeit haben, die so groß und mercklich ist, daß man keine Aehnlichkeit in ihnen gewahr wird, wenn man sie nicht mit der äussersten Aufmercksamkeit betrachtet. Wenn man die mercklichen und augenscheinlichen Aehnlichkeiten der Dinge entdeckt, so kan man zwar sagen, daß man eine gute Allegorie, oder andere witzige Vergleichungen, gemacht habe, aber ein Schertz kan eine solche Entdeckung nicht genennt werden. So wenig man darüber lachen würde, wenn ein Maler sein Bild dem Originale so ähnlich macht als möglich, so wenig wird man durch die Anzeige der offenbaren Aehnlichkeit zweyer Dinge zum lachen gereitzt werden. Der König in Franckreich, Ludewig der eilfte, gibt mir ein Exempel von einem Schertze, der diese Schönheit an sich hat. Man erzehlt daß er, da ihm die Nachricht überbracht worden, daß ein gewisser ungelehrter Mensch, einen sehr schönen Büchervorrath besitze, geantwortet habe: dieser Mensch sey wie ein bucklichter, der eine Last auf den Rücken trage, die er nicht sehen könne. Man wird ohne mein Erinnern mir zugestehen, daß ein ungelehrter Besitzer einer schönen Bibliothek, und ein ausgewachsener Mensch, zwey Dinge sind, deren Unähnlichkeit groß und handgreiflich genug ist.


§. 45.

Die andere Art der Verschiedenheit ist die Ungleichheit, die Verschiedenheit der Grösse. Ich bin überzeugt daß nichts lächerlicher und thörichter könne gedacht werden, als wenn sich kleine Dinge grossen gleichschätzen wollen. Die belachenswürdige Thorheit eitler und hochmüthiger Menschen, besteht ja eben darin, daß sie sich über sich selbst ausdehnen wollen, und dem Frosche in der Fabel ähnlich sind, der gerne so groß seyn wolte als ein Ochse. Meines Erachtens kan also kein Schertz stärcker zum lachen reitzen, als derjenige, welcher Dinge vergleicht, die der Grösse nach unendlich verschieden sind. Ich sage nicht, daß man die grossen Dinge denen kleinen gleich schätzen solle, das könnte nicht nur manchmal eine Frucht der Dumheit, Unwissenheit, Grobheit und Unverschämtheit seyn, sondern es würde auch in vielen Fällen nicht lächerlich seyn, weil alle grossen Dinge, der Wahrheit gemäß, den kleinen gleich sind, wenn man von ihnen dasjenige absondert, wodurch sie die kleinen übertreffen. Meinem Bedüncken nach, ist das eigentlich lächerlich, wenn man kleine Dinge denen grossen gleich schätzt. Das Grosse bleibt dabey in seinen Würden und Vorzuge, und man hütet sich vor den Verdacht der Leichtsinnigkeit. Der Wiederspruch ist dabey so mercklich, daß es nothwendig lächerlich seyn muß. Wird man nicht starck zum Lachen gereitzt wenn man beym Ausonius, Epigr. XCV. die Begebenheit des Faustulus ließt? Faustulus ritte auf einer Ameise. Da diese den Koller bekam, warf sie den unglückseeligen Faustulus herunter, schlug hinten aus, und versetzte ihm einen dergestalt tödtlichen Stoß, daß er in seiner Todesstunde nur noch zu seinem Troste sagen konnte: Er habe eben so einen schweren Fall gethan als Phaeton.

Faustulus insidens formicae, vt magno elephanto

Decidit, & terrae terga supina dedit.

Moxque idem est ad mortem multatus calcibus eius

Perditus vt posset vix retinere animam.

Vix tamen est fatus: quid rides improbe livor?

Quod cecidi? cecidit non aliter Phaëton.

Ein feuriger Spaß muß also unter Dingen, die der Grösse nach fast unendlich verschieden sind, eine Verhältniß, eine Gleichheit entdecken. Ich will eben nicht sagen, daß dis zu allen feurigen Schertzen nöthig sey. Manchmal kan man zwey Dinge der Grösse nach nicht mit einander vergleichen, weil man nur auf ihre Aehnlichkeit sieht. Doch ist unleugbar, daß ein Schertz um so viel feuriger seyn müsse, je ungleicher die Dinge sind, die mit einander verglichen werden.


§. 46.

Keine Dinge sind so verschieden als die einander entgegen gesetzt sind. In so fern sie entgegen gesetzt sind, haben sie gar nichts mit einander gemein. Man begreift also mit leichter Mühe, daß die Vollkommenheit eines Schertzes, von der ich bisher rede, nicht besser erhalten werden kan, als durch die Verbindung und Vergleichung wiederwärtiger Dinge. Und o! was entdeckt sich hier für eine fruchtbare Quelle der Schertze! Ich begnüge mich dieselbe bloß angezeigt zu haben. Exempel trift man in grosser Menge in den Satirischen Schriften an, welchen die Ironie die Stacheln gibt. Die Quelle der Ironie ist eben das entgegengesetzte desjenigen, worüber man spotten will. Und wenn sonst alles seine Richtigkeit hat, so müssen die Schertze, die daher genommen werden nothwendig gerathen. Es sind demnach alle sinnreichen Einfälle matte Schertze, wenn sie keine grosse Verschiedenheit der Dinge, womit man schertzet, zum Grunde haben. Sie können sonst alle Schönheiten eines sinreichen Einfals haben, und in dieser Absicht angenehm seyn, nur muß man ihnen den Namen der Schertze nicht beylegen, denn zu diesen wird auch Scharfsinnigkeit erfodert.


§. 47.

Aus dem, was bisher gesagt worden, erhellet von selbst, warum manche Leute mit ihren spaßhaften Einfällen, einem zur Last werden. Es sind das alle diejenigen die einen gar zu lebhaften Witz besitzen, der von einer schlechten Beurtheilungskraft regiert wird. Der Mangel der Beurtheilungskraft erhält seinen Ursprung aus dem Mangel der Scharfsinnigkeit. Es ist also klar, daß solche spaßhafte Köpfe einen viel zu lebhaften Witz besitzen, mit Ausschliessung der Scharfsinnigkeit, als daß sie glücklich in Schertzen seyn sollen. Muß das nicht verdrießlich seyn, wenn man mit lauter Anspielungen, Allegorien, tropischen Redensarten, und dergleichen unterhalten wird, wenn man diese Dinge für artige Schertze halten soll? Ich rathe daher einem jedweden witzigen Kopfe, nicht gleich einen jeden sinnreichen Einfall für einen Schertz zu halten und auszugeben, sondern jederzeit zu bedencken, ob der Witz durch die nöthige Scharfsinnigkeit unterstützt worden. Wenn man diese Behutsamkeit verabsäumt, so kan es leicht geschehen, daß uns unser Witz ein Blendwerck vormacht, und wir dadurch genöthiget werden, Dinge in solchen Stücken zu vergleichen, worin sie doch von einander unterschieden werden. Ein solcher Irrthum macht unsern sinreichen Einfall abgeschmackt, und um so viel unwürdiger ein guter Schertz zu heissen.


§. 48.

Ich komme zur vierten Schönheit der Schertze [§. 25.] Ein feuriger Schertz, muß sehr viele und grosse Uebereinstimmungsstücke, der verglichenen Dinge, entdecken. Dadurch wird ausser der Stärcke des Witzes, die alsdenn in dem Schertze mercklich wird, eine Vollkommenheit in demselben hervorgebracht, welche in Verwunderung setzt, die Sache lächerlich macht, und ungemein belustiget. Wenn die Sachen, wie die vorhergehende Schönheit der Schertze erfodert, ungemein unterschieden sind, und doch eine vielfältige und grosse Uebereinstimmung unter ihnen entdeckt wird, so ist das so etwas unerwartetes, welches ein angenehmes Erstaunen und Verwunderung verursacht. Man bewundert ja alle diejenigen Dinge, die man als etwas ansieht, so man vorher gar nicht gedacht hat. Es scheint wiedersinnisch zu seyn, daß so sehr verschiedene Dinge, doch eine so grosse Uebereinstimmung haben, und das ist eine kräftige Reitzung zu lachen. Wolte man wohl zweiffeln, daß diese Verwunderung und dieses lachen etwas unangenehmes sey? Es kan nicht anders seyn, als daß aus dem Gewahrwerden dieser Uebereinstimmung, eine Belustigung entsteht, weil die Uebereinstimmung der Dinge überhaupt eine Schönheit und Vollkommenheit ist.


§. 49.

Wenn ich sage, daß ein Schertz viele und grosse Vergleichungsstücke entdecken müsse, so will ich nicht behaupten, daß man durch eine weitläuftige Erzehlung dieser Stücke, den Schertz vortragen solle. Nein, dadurch würde der Schertz frostig werden. Man kan auch mit wenigen Worten sehr viel sagen. Genug, wenn man es nur sagt. Man muß seinem Zuhörer nur ein weites Feld eröfnen, die Uebereinstimmungsstücke selbst zu errathen, man muß ihn aber auch selbst gleichsam, zu dieser Untersuchung, zwingen. Ich sage jetzt nichts weiter, als daß durch einen Schertz dem Zuhörer mit einem mal, eine sehr grosse und mannigfaltige Ubereinstimmung der verglichenen Dinge vorgestelt werden müsse. Unser Schertz muß ein sehr kurzer Inbegriff sehr vieler Vergleichungsstücke seyn. Er muß einem Abgrunde ähnlich seyn, in welchem man immer mehr erblickt, je länger man in denselben hinein sieht. Es versteht sich von selbst, daß es wahre Vergleichungsstücke seyn müssen. Ein Blendwerck des Witzes, wodurch uns eine Verschiedenheit als eine Ubereinstimmung vorgestelt wird, kan nur so lange eine ungegründete Lust verursachen, so lange wir in Verwirrung und Irrthum bleiben. So bald der Nebel und das Blendwerck verschwunden, schämen wir uns, daß wir über einen Gedancken gelacht haben, der ein Hirngespinst gewesen. Doch davon werde ich weiter reden wenn ich die Wahrheit der Schertze untersuchen werde.


§. 50.

Durch diese Eigenschaft bekommt ein Schertz eine Schönheit, die ihm nichts anders zu geben vermag. Ein Schertz, der diese Beschaffenheit hat, gefält uns, so oft wir uns dessen wieder erinnern. So oft wir ihn von neuen überdencken, erblicken wir mehrere Vergleichungsstücke. Dadurch entsteht nicht nur ein neues Vergnügen, sondern wir sind auch mit uns selbst zufrieden, weil wir überzeugt werden, daß wir einen Schertz gebilliget, und darüber gelacht haben, der es vollkommen werth gewesen. Wir freuen uns heimlich über unsern guten Geschmack, und sind versichert, daß wir uns, durch das belachen dieses Spasses, keiner flüchtigen Leichtsinnigkeit verdächtig gemacht haben. Mit einem Wort, ein Schertz der diese Eigenschaft besitzt, hat diejenige Schönheit die Ovidius, Epist. ex pont. L. III. ep. V. an einer andern Sache rühmt.

Cumque nihil, toties lecta, e dulcedine perdant.

Viribus illa suis, non nouitate placent.

Ich widerspreche mir nicht. Ich habe zwar erwiesen, daß ein alter Schertz mat und frostig werde, das ist aber meinem jetzigen Gedancken nicht zu wieder. Es ist gantz ein anders, wenn man einen Schertz, als einen Schertz, sich oft muß vorsagen lassen, und wenn man eines Schertzes, den man von andern nur einmal gehört hat, sich oft wieder erinnert. Ich rede auch hier von einer andern Art des Vergnügens, so von dem gantz unterschieden ist, so aus der Neuigkeit entsteht. Ja man füge hinzu, wie ich niemals behauptet, daß die Neuigkeit eines Scherzes die einzige Schönheit desselben sey, und noch weniger, daß alles Vergnügen über einen Spaß, gantz allein aus dem neuen desselben entstehe. Noch einmal, ein guter Schertz muß ein Thema seyn, darüber ein witziger Kopf, einen sehr langen allegorischen und Emblematischen Vortrag halten könnte.


§. 51.

Die Ubereinstimmungsstücke sind entweder Aehnlichkeiten, oder Gleichheiten, oder beydes zusammen. Ein glücklicher Spaß muß demnach, viele und grosse Aehnlichkeiten und Gleichheiten entdecken. Es ist wahr, die blosse Aehnlichkeit kan manchmal zureichen, allein ich glaube doch, daß die Gleichheiten und Proportionen derselben, erst dem Schertze die rechte Schönheit auf dieser Seite geben. Die Aehnlichkeiten fallen eher in die Augen, können leichter entdeckt werden, und es ist weniger Scharfsinnigkeit zu ihrer Entdeckung nöthig. Allein die Vergleichungen der Grössen erfodern mehr durchdringenden Verstand. Man muß die Grössen ausmessen, und sie mit einander vergleichen. Kan nun das unsere Seele gleichsam im Augenblicke verrichten, so beweißt sie dadurch ihre Stärcke in ausnehmenden Grade. Die Entdeckungen der Aehnlichkeiten können viel unrichtige Gedancken verursachen, wenn sie nicht durch eine genaue Beobachtung der Proportion in ihren gehörigen Schrancken erhalten werden. Alle einzelne Theile eines Gesichts können schön seyn, haben sie aber nicht die gehörige Proportion, so wolte ich nicht sagen, daß das Gesicht reitzend sey. Man kan sagen, daß die Proportion der Grundriß der Schönheit überhaupt sey. Kan wohl die Schönheit eine Schönheit seyn, wenn der Plan, nach welchen sie aufgeführt worden, nichts taugt? Ich sage also, daß ein Schertz abgeschmackt werden müsse, ob er gleich viele und grosse Aehnlichkeiten vorstelt, wenn in denselben gar keine Proportion ist. Doch wird niemals erfodert, daß die Proportion, die ich zu einem Schertze erfodere, nach der strengsten Mathematik richtig sey. Ein wenig mehr oder weniger, thut hier nichts zur Sache. Die Schertze sind ja ohne dem undeutliche Vorstellungen. Wenn nur die Proportion, dem Ansehen nach, beobachtet wird, so entsteht die Schönheit, von der ich rede. Ist doch in der Baukunst nicht einmal diese Strenge nöthig. Die Proportion kan fehlerhaft seyn, wenn der Fehler nur nicht in die Sinne fält.


§. 52.

Ich erachte es unnöthig zu seyn hier die Quellen anzuführen, woher diese Schönheit der Schertze entsteht. Sie sind viel zu bekannt, als daß ich meine Leser damit aufhalten solte. Alle Metaphern, Allegorien, und wie sie Namen haben mögen, sind die Gründe zu dieser Schönheit der Schertze, wenn sonst dabey kein Fehler begangen wird, der den Spaß frostig macht.


§. 53.

Da die Namen womit gewisse Dinge bezeichnet werden, und überhaupt die Worte, nicht als innere Bestimmungen der bezeichneten Sachen selbst anzusehen sind, so macht die Ubereinstimmung der Namen nicht die geringste Aehnlichkeit und Gleichheit der Sachen selbst aus. Es sind das demnach sehr frostige Schertze, welche auf der blossen Ubereinstimmung der Namen und der Worte, beruhen. Die Namen der Dinge sind viel zu weit, wenn ich so reden soll, von dem Rande der Dinge selbst entfernt, als daß sie auch nur die geringste Ubereinstimmung ausmachen könnten, die den Dingen selbst eigenthümlich zugehörten. Ein spaßhafter Kopf, der seine Schertze bloß in der Uebereinstimmung der Worte sucht, verräth einen Witz der viel zu mat ist, als daß er bis in die Sache selbst dringen solle. Die Sachen stehen weiter von seinem Gesichtspuncte weg, als ihre Namen, und er ist zu kurtzsichtig, er kan sie nicht erreichen. Nein, solche Spasse sind zu abgeschmackt, sie können nicht gebilliget werden. Sie können keinen anderm Witze gefallen, als der weniger Feuer besitzt, als zu einem feinem Geschmacke erfodert wird. Cicero, im andern Buche vom Redner, billiget diese Schertze überhaupt. Quintilian verwirft diese Wort-Schertze auch nicht gantz in seinen 6ten Buche, doch gibt er den Schertzen, die aus der Sache selbst genommen werden, einen grossen Vorzug.


§. 54.

Ich verwerffe in einem feurigen Schertze nicht alle Anspielungen und Aehnlichkeiten der Worte; sondern nur diejenigen Spasse, die in der blossen Aehnlichkeit der Worte bestehen. Man kan es daher leicht gewahr werden, ob ein Spaß diesen Fehler habe. Man darf ihn nur in anderen Worten ausdrucken, oder in eine fremde Sprache übersetzen, verliehrt er alsdenn alle sein Feur, so ist er gewiß abgeschmackt. Ein feuriger Spaß muß in allen möglichen Sprachen ein Schertz bleiben, obgleich nicht immer in einerley Grade. Man kan sagen, daß ein feuriger Spaß die Schönheit eines Gedichts haben müsse. Dasselbe muß ein Gedicht bleiben, man mag die Ordnung der Worte ändern, oder auch andere gleichgültige Worte an die Stelle der vorigen setzen,

Inuenias etiam disiecti membra poetae.

Hor. Sat. L. I. Sat. IIII.

Folglich muß ein Schertz, aus der Uebereinstimmung der Gedancken und Sachen selbst, hergenommen werden. Weil aber die Worte, womit man ähnliche Dinge ausdruckt, ungezwungen ähnlich seyn können, so würde es beym Schertzen ein unnöthiger Zwang seyn, den ich niemanden rathen wolte, wenn man die Uebereinstimmung der Worte mit Gewalt vermeiden wolte. Wenn sie nur nicht die Hauptsache beym spassen ist, und als eine ungezwungene Folge der Vergleichung der Begriffe anzusehen ist, so kan die Aehnlichkeit der Worte die Schönheit eines Schertzes wohl gar etwas vermehren, wenigstens in ein grösseres Licht setzen, indem sie die Einsicht des Spasses selbst erleichtert. Wenn man dem Cicero und Quintilian diese Meinung zuschreiben will, so kan man sie entschuldigen, daß sie die Wort-Schertze gebilliget haben.


§. 55.

Zu diesem Klapperwerck in Schertzen rechne ich alle Zweydeutigkeiten, Anspielungen auf Nahmen, Versetzungen der Buchstaben, Veränderungen derselben, Verstimmelungen und Verlängerungen der Namen, und wie diese Kindereyen alle heissen mögen. Des Cicero Jus verrinum ist ein zu oft gepeitschter Spaß, als daß ich nöthig hätte denselben zu tadeln. Man findet mehr dergleichen in eben diesem Schriftsteller, insonderheit in seinen Briefen, und in den Reden wieder den Verres. Ich rechne diese abgeschmackten Schertze mit zu den Mode-Spassen und Jedermans-Einfällen. Die kleinen Herrn wissen sich sonderlich derselben fleißig in den Umgange mit Frauenzimmer zu bedienen. In allen artigen Zusammenkünften nach der Mode, sind diese Läppereyen die gewöhnlichsten Belustigungen. Und man darf sich mit der Hofnung im geringsten nicht schmeicheln, daß diese Anzahl der Schertze mercklich werde verringert werden. Es verhält sich hier eben so wie in der Dichtkunst. Grosse Dichter mögen noch so sehr wider die Wortspiele, und andere Läppereyen in der Dichtkunst, eiffern, so finden sich doch immer schläfrige Köpfe genug, welche dem ohnerachtet die Musen durch Wortkrämereyen mißhandeln. So lange es noch Leute von pöbelhaften Geschmacke und frostigen Witze gibt, die doch gleichwohl spassen wollen, so lange werden auch die Wortschertze nicht aufhören. Ein matter und schläfriger Kopf hat ein viel zu grosses Vergnügen an solchen Wortspielen, als daß er sie für was elendes ansehen solte. Vor Armseligkeit seines Witzes, kan er nichts feiners und edlers schmecken, man würde ihm demnach alles Vergnügen dieser Art rauben, wenn man ihm untersagen wolte, mit blossen Worten zu spielen. Nein, ein leerer Kopf vergnügt sich selbst über diese seine Einfälle, er bewundert sich selbst, und er ist der Person völlig ähnlich die Boileau in folgenden Worten abschildert:

Un sot en ecrivant fait tout avec plaisir,

Il n’a point dans ses vers l’embarras de choisir,

Et toujours amoureux de ce qu’il vient d’ecrire,

Ravi d’etonnement en soi meme il s’admire.

Diese Unsinnigkeit im Schertzen ist manchmal nicht ohne alle Würckung, bey Leuten die etwas zu furchtsam und zärtlich zu seyn pflegen. Sie haben, ich weiß selbst nicht ob ich es so nennen soll, das Unglück einen Namen von ihren Vorfahren zu erben, der abgeschmackten Köpfen, einen unermeslichen Vorrath zu erbärmlichen Spassen, an die Hand gibt. Sie sind zu empfindlich ihr Erbgut ohne Veränderung zu behalten. Allein ist es wohl werth, einem Narren zu gefallen, die Genealogie zu verwirren? Daß diese letzte Anmerckung eine historische Wahrheit, zum Grunde habe, kan ich beweisen. Die Gemahlin des Wilhelm Bautru, Grafen von Serrant, der, unter andern, als ein aufgeweckter Kopf das XVII. Jahrhunderts, berühmt ist, wolte lieber Frau von Nogent, als von Bautrou heissen, weil sie sich nach der italienischen Aussprache dieses Namens, unzähligen Stichen, durch ein Wortspiel auf trou, ausgesetzt hatte.


§. 56.

Ich habe die fünfte Schönheit der Schertze [§. 25.] darin gesetzt, daß vor dem Schertze starcke Vorstellungen, von gantz anderer Art, müssen vorhergegangen seyn. Ich verstehe das nicht nur von dem schertzenden selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Der Schertzende und seine Zuhörer müssen, vor dem Spasse, einen sehr grossen Eindruck, von gantz andern Vorstellungen, gehabt haben, die mit dem Schertze, in so fern er ein Schertz ist, nichts gemein haben. Sie müssen ihre ganze Aufmercksamkeit, mit ganz andern Dingen beschäftiget haben, als daß sie den Schertz hätten vorhersehen sollen. Dadurch bekommt der Spaß ein Licht das in Verwunderung setzt. Der Schertz wird so neu und unerwartet seyn, daß man sagen kan, er könne sonst nicht recht neu seyn. Diese schleunige Veränderung der Scene in unsern Vorstellungen, macht eine so angenehme Verwandelung und Verwirrung, daß sie ohne Vergnügen und Bewunderung nicht geschehen kan. Der schertzende beweißt dadurch, wie leicht es ihm sey einen Schertz zu machen, und zeigt die Stärcke seines Witzes, die den Spaß selbst groß und feurig macht. Ich glaube, das sey der Grund, warum die Schertze, die ein Lehrer, mitten unter dem Vortrage der scharfsinnigsten Wahrheiten vorbringet, so angenehm sind; weil die Gemüther vorher mit viel zu ernsthaften Dingen beschäftiget gewesen, als daß sie hätten den Spaß vorhersehen können.


§. 57.

Wenn man sich auf etwas lange besinnen muß, so will man eine Vorstellung klar machen, vermittelst solcher Vorstellungen, die vieles mit ihr gemein haben, und die also mit ihr zu gleicher Art können gerechnet werden. Ein Schertz auf den man sich lange besint, muß demnach unglücklich gerathen. Er beweißt, daß unser Witz lange nicht diejenige Munterkeit besitzt, die erfodert wird, wenn ein feuriger Schertz, unmittelbar auf solche Vorstellungen folgen soll, die von gantz anderer Art sind. Nein, ein glücklicher Schertz muß die Frucht eines Witzes seyn, der so hurtig aufgeweckt, und schnell ist, daß er nicht genöthiget ist sich lange zu besinnen. Wer sich auf seine Schertze lange besinnen muß, wird sich sehr schwer, vor den Ausbruch seines Zauderns, und der Anstalten die sein Witz vorkehrt, hüten können. Dem Zuhörer wird die Zeit unterdessen lang werden. Komt endlich der Schertz zur Welt, so wird er entweder nicht neu genug seyn, oder die Hofnung des Zuhörers betrogen haben. Einem langsamen Witze geräth sehr selten ein Schertz. Der Schertz der glücklich seyn soll, muß so schleunig in der Seele des schertzenden klar werden, daß er selbst dadurch in eine Art der Verwunderung gesetzt wird. Diese Verwunderung wird dem schertzenden eine Lebhaftigkeit, und Dreistigkeit geben, ohne welche der Vortrag des Schertzes elend werden muß.


§. 58.

Wer glücklich im Schertzen seyn will, der hüte sich seine Spasse nicht vorher auszudencken. Wer den Spaß vorher erdenckt, und sich auf denselben vorbereitet, der geht so lange damit schwanger, bis er ihn vorgetragen hat. Die gantze Reihe der Vorstellungen, von der Zeit an, da er den Schertz erdacht, bis auf den Zeitpunct da er vorgetragen werden soll, ist entweder mit dem Schertze ausgefüllt, oder doch mit sehr ähnlichen Vorstellungen. Es ist demnach nothwendig daß der Spaß mißlingen muß. [§. 57.] Cicero merckt diesen Fehler auch an, er sagt im andern Buche vom Redner: quia meditata videntur minus ridentur. Quintilian im sechsten Buche, fodert gleichfals, daß man sich auf den Schertz nicht vorbereiten müsse. Er sagt: ne praeparatum & domo allatum videatur, quod dicimus. Wer sich auf den Schertz vorbereitet, kan unmöglich die anständige Dreistigkeit behalten, die zum Vortrage eines Schertzes nothwendig ist. Man wirds ihm an den Augen ansehen, daß er einen Spaß auf den Hertzen hat, den er gern an Mann bringen möchte. Er wird mit einer ängstlichen Sehnsucht, die er nicht verbergen kan, die Zeit erwarten, da er seinen Schertz vortragen will. Kan also der Schertz wohl neu genug seyn, in Absicht auf den schertzenden und den Zuhörer? Und das ist doch ein so nöthiges Stück zu einem feurigen Schertze. Uberdem, kan ja derjenige der sich auf einen Schertz vorbereitet, nicht jederzeit vorhersehen, ob er sich zu den Umständen, in welchen er sich befinden wird, genau schicken wird. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß ein vorbereiteter Schertz zur Unzeit angebracht wird, und das werde ich als einen grossen Fehler im folgenden vorstellen.


§. 59.

Soll man sich auf einen Schertz gar nicht vorbereiten, so muß man auch die Umstände nicht mit Fleiß so einrichten, damit man den Spaß anbringen könne. Die Gelegenheit zu schertzen, muß sich selbst darbiethen, und wir müssen nichts weiter thun als sie ergreiffen. Es verrathen also alle diejenigen die Mattigkeit ihres Witzes, welche, wenn sie einen Vortrag thun sollen, oder in eine Gesellschaft sich begeben, ihre Rolle, in so fern sie die schertzhafte Person seyn wollen, vorher auswendig lernen. Sind sie nun überdies zu ungeduldig, die Zeit zu erwarten in welcher sie ihren Spaß anbringen können und bereiten sie sich selbst die Gelegenheit zu ihrem Schertze, so wird dieser Fehler noch mercklicher, und ihr Schertz wird matt und frostig seyn. Ich leugne nicht daß es nicht manchmal solte möglich seyn zu verhindern, daß der Zuhörer die Vorbereitung zum Spasse mercke. Ich sage nur, daß dieses sehr schwer sey, und in den mehresten Fällen mislingen müsse. Der Spaß behält überdies doch einen Fehler, der nur von andern darin verschieden ist, daß er bisweilen nicht gesehen wird.


§. 60.

Aus dem was ich bisher gesagt erhellet, warum die Schertze die man in den Antworten auf vorgelegte Fragen vorträgt so sehr gefallen. Weil wir nicht haben vorher sehen können, was uns ein anderer fragen werde, so ist nicht die geringste Vermuthung vorhanden, daß wir unsern Schertz vorher ausgedacht haben. Ein solcher Schertz, wenn er sonst nicht zu frostig ist, muß also feuriger seyn, als alle diejenigen, die man ohne gefragt zu werden vorträgt, weil wir in den wenigsten Fällen den Verdacht der Vorbereitung von uns ablehnen können. Cicero hat eben diese Schönheit angemerckt, er setzt, an oft gedachten Orte, den Grund hinzu: nam & ingenii celeritas maior est quae apparet in respondendo, & humanitatis est responsio.


§. 61.

Die sechste Schönheit der Schertze [§. 25.] entsteht daher, wenn er von vielen Vorstellungen anderer Art, die in den Gemüthern einen grossen Eindruck haben, begleitet wird. Man verstehe dieses nicht nur von den schertzenden selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Jener muß seinen Kopf sonst voller Gedancken haben, die bey nahe seine gantze Aufmercksamkeit beschäftigen, und die mit dem Schertze nichts, oder doch sehr wenig gemein haben. Er muß mitten unter diesen Vorstellungen seinen Schertz erdencken. Die Zuhörer müssen in gleichen Umständen ihres Gemüths stehen. Die Seele der Zuhörer muß einer Schaubühne gleich seyn, und der Schertz einer Zwischenfabel in einen theatralischen Stücke. Bey so gestalten Sachen, ist es sehr wahrscheinlich, daß kein anderer den schertzhaften Einfall haben wird, den der schertzende hat. Der Schertz wird also vollkommen neu, und unerwartet seyn. Er wird eine Lebhaftigkeit besitzen, die ihm unter ähnlichen Gedancken fehlen würde, und die Verschiedenheit der übrigen Gedancken wird seinen Glantz um ein merckliches erhöhen. Diese Schönheit wird noch mehr erhalten, wenn man schertzt zu der Zeit, da wir und unsere Zuhörer mit vielen andern Gedancken beschäftiget sind, die den schertzhaften Gedancken entgegen gesetzt sind. Opposita iuxta se posita magis elucescunt, ist eine viel zu bekannte Regel, als daß ich den vorhergehenden Gedancken zu beweisen für nöthig halte.


§. 62.

Ein feuriger Schertz muß demnach gantz unvermuthet und unerwartet seyn. Es muß weder in unsern vorhergehenden Gedancken [§. 56.] noch in denjenigen, die wir zu gleicher Zeit haben, eine merckliche Vermuthung des Schertzes vorhanden seyn. Eine Sache die wir vermuthen und erwarten, sehen wir vorher; wird sie würcklich, so kan sie unmöglich gantz neu seyn. Ein erwarteter Schertz kan demnach unmöglich so feurig seyn, als ein unerwarteter, weil jener nicht so neu ist als dieser. Wenn man gantz unerwartete Schertze vorträgt, so überfällt man den Zuhörer, man läßt ihm nicht viel Zeit nachzudencken, und es muß ihm ein Schertz gefallen, der sonst nicht eben zu viel Feur besitzt. Man kan sagen, daß das unerwartete in einem Schertze, ein Mittel sey, viele andere Fehler des Schertzes zu verbergen. Wenn der Zuhörer unsern Schertz erwartet, so macht er eine Zurüstung die uns gefährlich ist. Er samlet die gantze Macht seiner Beurtheilungskraft, und er hat ein Recht was ausnehmendes zu erwarten. Er stellt sich schon zum voraus manches artige von unsern Schertze vor. Und da müssen wir ihm entweder einen ausnehmend feurigen Schertz vortragen, oder wir betrügen seine Hofnung, und er verwandelt sein Vergnügen, so er uns zugedacht, in eine Verachtung und hönisches Lachen. Man hüte sich also andern auf unsere Schertze Hofnung zu machen. Wir können sonst nicht verhüten daß unsere Zuhörer dencken

Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu?

Parturient montes, nascetur ridiculus mus.

Hor. art. poet.

Es gilt hier eine Art eines gewissen Betrugs. Man hintergehe seine Zuhörer. Man mache ihnen zu gantz andern Dingen Hofnung, und ehe sie sichs versehen betrüge man sie. Man sage ihnen das nicht worauf sie gewartet, sondern vielmehr den Schertz, den sie nicht erwartet. Cicero steht in den Gedancken, als wenn das Vergnügen, so aus einem solchen Betruge bey dem Zuhörer entsteht, daher rühre, weil uns unser eigener Irrthum belustiget. Ich bin gantz anderer Meinung. Ein Irthum bleibt eine Unvollkommenheit, die uns nicht belustigen kan, in so fern sie ein Irthum ist. Der Irthum macht nur, daß uns der Spaß gantz unerwartet und unvermuthet vorgetragen wird, und das ists was uns bey demselben gefält.


§. 63.

Wer also im Schertzen glücklich seyn will, muß sichs durchaus vorher nicht mercken lassen, daß er spassen will. Ich rede nicht von einem Fehler, den man ohnedem selten antrift. Ich meine, wenn es jemand vorher sagen wolte, daß er schertzen wolte. Wer seinen Schertz mit ausdrücklichen Worten ankündiget, kan nicht schertzen, und begeht einen abgeschmackten Fehler. Sondern ich bemercke hier einen Fehler der häufiger ist. Man kan es manchem spaßhaften Kopfe schon zum voraus ansehen, daß er spassen will. Er gewöhnt sich gewisse Gesichtszüge an, die jederzeit vor seinem Schertze vorhergehen. Er kan nicht eher spassen, ehe er nicht sein Gesicht in gewisse dazu ausgesuchte Falten gelegt hat. Sie mögen beschaffen seyn wie sie wollen, so wird der Schertz dadurch verdorben, wenn der Zuhörer daher den Schertz prophezeyen kan. Ich rechne dahin den Fehler, wenn ein schertzhafter Kopf sich erst vorher selbst satt lacht, ehe er andere zu lachen machen will. Ein solcher Mensch verdirbt seinen gantzen Spaß, wenn er die Früchte desselben selbst vorher einerntet, und die Zuhörer haben keine Ursach seinen Spaß zu belohnen, weil er sich die Bezahlung für seine Mühe selbst genommen hat. Vorher muß niemand lachen. Ob man aber bey dem Schertze, oder nachher, auch lachen dürffe, will ich unten beurtheilen. Genug, daß ich erwiesen habe, ein schertzhafter Kopf müsse sichs vorher durch nichts, was es auch sey, mercken lassen, daß er schertzen wolle.


§. 64.

Aus dem vorhergehenden ist klar, daß die Schertze, wenn sonst das übrige seine Richtigkeit hat, gerathen müssen, welche Zuhörern vorgetragen werden, die mit vielen ernsthaften Gedancken beschäftiget sind. Das ernsthafte ist ja dem schertzhaften entgegen gesetzt, und ein schertzhafter Kopf der diese Gelegenheit ergreift, folgt der Regel des Horatz

Misce stultitiam consiliis breuem.

Carm. L. III. od. XII.