Anmerkungen zur Transkription

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Im laufenden Text werden Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) mit ihren Umschreibungen dargestellt (Ae, Oe, Ue); in Passagen in Versalien (z.B. Bildunterschriften) werden die Umlaute dagegen direkt verwendet.

Zitate in Zitaten wurden im Originaltext in ‚umgekehrten Gänsefüßchen‘ (entsprechend den französischen Guillemets) gesetzt, also «so». Da dies aber in deutschsprachigen Texten zu ungewollten Zeilenumbrüchen führen kann, wurden diese durch ‚einfache‘ Anführungszeichen ersetzt.

Die Karte der Abessinien-Expedition wurde der besseren Übersichtlichkeit halber zusätzlich in Ausschnitten vergrößert wiedergegeben. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.

MEINE MISSION

NACH

ABESSINIEN.

JOHANNES, NEGUS NEGESTI VON ABESSINIEN

NACH EINER ZEICHNUNG VON VIGONI.

Titelbild.

[❏
GRÖSSERE BILDANSICHT]

MEINE MISSION
NACH
ABESSINIEN.

AUF BEFEHL SR. MAJ. DES DEUTSCHEN KAISERS
IM WINTER 1880/81

UNTERNOMMEN

VON

GERHARD ROHLFS.

MIT ZWANZIG SEPARATBILDERN UND EINER KARTE.

LEIPZIG:
F. A. BROCKHAUS.

1883.

Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.


VORWORT.

Das vorliegende Werk enthält in ungeschminkten Worten die Erzählung des von mir während der so schnell ausgeführten Reise nach Abessinien im Winter 1880/81 Erlebten.

Im grossen Ganzen ist das alte Aethiopien ein entdecktes Land zu nennen. Die zahlreichen Reisenden – zuerst Portugiesen, dann Engländer, Franzosen und Deutsche, zu denen in jüngster Zeit auch Italiener sich gesellten – haben bewirkt, dass wir im allgemeinen die Bodengestaltung, den Umfang der Seen, den Verlauf der Flüsse und auch die Höhen der Gebirge Abessiniens mit annähernder Genauigkeit kennen. Ebenso ist die Geologie des Landes hinlänglich erforscht, wenn auch über die mineralogischen Schätze Abessiniens, was ihre Fund- und Lagerstätten anbetrifft, wenig bekannt ist. Wir wissen, dass die Abessinier Eisen bearbeiten, wie das ja andere afrikanische Völker auch thun; wo und wie sie es gewinnen, ist uns aber unbekannt. Wir wissen, dass die Eingeborenen in den südlichsten Theilen des Landes Goldstaub aus dem Flusssande zu waschen verstehen, aber nicht das Wo, noch weniger die eigentlichen Lagerstätten des Goldes, welchen die Flüsse das edle Metall entnehmen. Man behauptet sogar, Steinkohlen kämen in Abessinien vor, aber auch am Tana-See sind die Gegenden der eigentlichen Kohlenschichten nicht näher angegeben worden. In der Flora und Fauna, namentlich unter den kleinern Thieren, dürfte in Abessinien noch manches Neue zu finden sein. Und damit auch diese Reise nicht ganz ohne wissenschaftliche Resultate bliebe, hatte Fürst Bismarck bereitwilligst genehmigt, dass Dr. Stecker, mein Gefährte nach Kufra, mich begleiten dürfe. Mittlerweile hat seine Reise sich zu einer eigenen gestaltet. In diesem Augenblick wissen wir, dass es Dr. Stecker gelungen sei, Abessinien in südlicher Richtung zu verlassen, und dass er vielleicht schon bald an irgendeiner Stelle am Ocean wieder auftauchen werde.

Die dem Buche beigegebenen Bilder entstammen zumeist der Feder Zander’s. Herr Zander, dessen persönliche Bekanntschaft ich während der britischen Expedition machte, ein geborener Anhaltiner, kam schon in früher Jugend nach Abessinien, woselbst er den Botaniker Dr. Schimper, zu gleicher Zeit übrigens auch verschiedene deutsche und französische Missionare als Gesellschafter vorfand. Zander besass ein ausgezeichnetes Zeichentalent und hätte bei gehörigem und länger dauerndem Unterricht gewiss Bedeutendes geleistet. Seine vorzüglich ausgeführten Federzeichnungen, welche auf den ersten Blick aussehen wie Radirungen, schickte er ein an den verstorbenen Herzog von Anhalt. Dessen Sohn, Seine Hoheit der jetzt regierende Herzog, stellte mir mit grösster Liberalität sämmtliche Originale zur Vervielfältigung zur Verfügung. Auf den ersten Blick erkennt man, dass Zander vorzüglich begabt war Landschaften wiederzugeben, während seine Figuren geringere Geschicklichkeit verrathen. Durch den Anblick der landschaftlichen Bilder Abessiniens bekommt man aber ein viel klareres Bild von der Zerrissenheit der Natur, als dies durch detaillirte Schilderungen möglich sein würde. So etwas lässt sich nur durch den Griffel wiedergeben. Wie soll man, ohne stets dasselbe oder Aehnliches zu sagen, die Natur eines Landes schildern, welches bei einer Deutschland fast gleichkommenden Ausdehnung so wild und zerrissen ist, dass nirgends ein schiffbarer, nicht einmal ein flössbarer Strom vorkommt?

Zander verstand es auch, die architektonischen Arbeiten der Abessinier und ihre Ornamentik gut wiederzugeben. Was die Baulichkeiten anbetrifft, besonders die in und um Gondar, so haben die Abessinier daran wenig theil: alles ist auf die Portugiesen zurückzuführen. Die so eigenthümlich crenelirten Mauern, die ganze Anordnung der Gebäude, die Bearbeitung des Materials, alles zeugt aufs deutlichste von europäischem Werk. Ausserdem wissen wir das aus der Geschichte.

Original sind die Abessinier durchaus in der Malerei und Ornamentik.[1] Was die letzere anbetrifft, so erinnert die Ausführung ungemein an byzantinische Vorbilder. Und es kann ja auch recht gut zugegeben werden, dass in den ersten Jahrhunderten des Christenthums die Abessinier an den Quellen der übrigen christlichen Kirchen schöpften. Abgetrennt nach dem Chalcedonischen Concil von der Gemeinschaft der übrigen abendländischen und morgenländischen Kirchen – mit Ausnahme der koptischen – waren sie dann auf sich selbst angewiesen und sind fast ganz ohne weitere Entwickelung auf dem einmal erlangten Standpunkt geblieben.[2]

Dasselbe gilt von der Malerei. Die Abessinier kamen in der Malerei insofern den alten Aegyptern um einen Schritt voraus, als sie ihre Figuren nicht nur im Profil, sondern auch mit dem Gesicht dem Beschauer zugewendet wiedergeben. Ja, sie machen den sonderbaren Unterschied, dass sie sich selbst mit dem vollen Gesicht, ihre Feinde – und stets sind das Mohammedaner – von der Seite wiedergeben. So wird denn auch aus dem beigegebenen Bilde der Schlacht von Gudda-Guddi[3] der Beschauer leicht die Abessinier von den Aegyptern unterscheiden können, wenn er weiss, dass die im Profil Dargestellten stets Ungläubige, dagegen die en face Christen, d.h. Abessinier sind. Natürlich darf man derartige abessinische Leistungen nicht mit unserm künstlerischen Maassstab messen, den Culturhistoriker aber werden sie wegen der Lebhaftigkeit der Auffassung ungemein interessiren.

Kein Volk in Afrika, auch nicht einmal das stets mit dem Abendlande in Berührung gebliebene koptische, kann Derartiges aufweisen, und wenn wir in Deutschland, seit Albrecht Dürer hauptsächlich, so riesenhaft schnelle Fortschritte in der Malerei gemacht haben, so muss man eben bedenken, dass in Abessinien, abgeschlossen wie es nach aussen geblieben ist, bis auf diese Stunde jeder Anstoss fehlte, um neues Leben in die alte Weise hineinzubringen.

Gleich andern halbcivilisirten Völkern leisten die Abessinier Vorzügliches in der Filigranarbeit. Die Mannichfaltigkeit der Blumen, Arabesken, Schnörkelchen, Rosetten etc., welche sie in Gold und Silber herzustellen verstehen, ist wahrhaft bewunderungswürdig. Der abgebildete Schild[4], Geschenk des Negus Negesti für den Verfasser, 60 cm im Durchmesser, ist von dickem Büffelleder und aussen mit blauem Sammt überzogen. Die dicken Silberplatten, welche denselben bedecken, sind von wundervollen Gold-Röschen in Filigran bedeckt. Eine jede Rosette könnte einer Dame als Schmuck dienen. Reizend ist auch jener durch zahlreiche Ketten gebildete Halsschmuck, und originell insofern, als die beiden Schliessstellen verschiedene Formen zeigen: die eine stellt eine hohle Rolle dar, welche ein Amulet, zugleich aber auch Moschus aufnehmen kann. Das ebenfalls aus zierlichen Kettchen gebildete Armband sowie namentlich die goldenen Haarnadeln sind von vorzüglicher Arbeit. Letztere haben noch den Vorzug, dass sie sowol vom männlichen wie vom weiblichen Geschlecht getragen werden können. Und die Phantasie der abessinischen Goldschmiede ist so wenig beschränkt, dass man nie eine antrifft, welche wie die andere aussieht; gerade wie im Mittelalter die gothischen Architekten dadurch so grosse Erfolge erzielten, dass sie ihren Bauten durch Anbringung von tausend verschiedenen Verzierungen, trotz des im grossen Ganzen einheitlichen Gepräges, Mannichfaltigkeit zu geben verstanden. Und so haben denn alle abessinischen Filigranarbeiten denselben Charakter, aber nie gleicht eine der andern. Es gibt keine Haarnadel, keinen Halsschmuck, kein Armband, keinen mit Filigran geschmückten Schild, welche genau ein Vorbild hätten. Ueberall Originalität und Verschiedenheit, nirgends Uniformität in der Ausführung.

Die zierliche Strohflechterei[4], die schön gedrechselten Hornbecher, die Thongefässe, die hölzernen Becken, die mit Silber eingelegten Spiesse, sollen nur im Vorbeigehen genannt werden. In dieser Beziehung stehen übrigens die Abessinier nicht höher als viele innerafrikanische Völker. Erwähnung verdienen indess noch ihre Messingarbeiten. Ein abgebildetes Räuchergefäss aus Messing, wie man es in den Kirchen bei der Messe anwendet, eine Rassel aus eben solchem Metall und gleichfalls beim Messdienst gebräuchlich anstatt der kleinen Glocken, welche die Katholische Kirche vorschreibt, veranschaulichen genugsam, dass auch in der Gürtlerarbeit die Abessinier einen verhältnissmässig hohen Standpunkt einnehmen.

Seit Beendung der Reise vergingen ein Jahr und sechs Monate. Unterdess haben in Aegypten grosse und einschneidende Veränderungen stattgefunden. Das Land der Pharaonen ist der Machtsphäre des britischen Leuen unterstellt worden und dem Sultan der Türken so gut wie verloren. Factisch war ja überdies in den letzten Zeiten, eigentlich seit der Regierung Mehemmed Ali’s, Aegypten nur insofern noch dem Sultan unterthan, als es alljährlich so und so viel Tribut zwangsweise zahlte, so und so hohe Bakschische leistete und bei gegebenen Gelegenheiten militärische Hülfe schickte, wenn letzteres von den Westmächten gestattet wurde. Mit der Türkei hat Abessinien direct schon seit langem nichts mehr zu thun gehabt. Man wird sich erinnern, dass die Pforte überdies ihre Hoheitsrechte längs der ganzen Küste des Rothen Meeres an der afrikanischen Seite bis Massaua südwärts an die ägyptische Regierung abtrat. Mit den Eroberungen südwärts von Massaua bis zum Cap Gardafui hat die Türkei nie etwas zu thun gehabt. Geleitet von ehrgeizigen Männern, führte dieselben Aegypten allein aus. Gordon bestreitet sogar den rechtmässigen Besitz. Ebenso verhält es sich mit den sudanischen Eroberungen, welche von Aegypten, obschon es Vasallenmacht ist, unabhängig von der türkischen Regierung gemacht worden sind. Ismaël hätte sogar, als die Pforte ihn auf Befehl der europäischen Mächte absetzte, sagen können: die Herrschaft von Türkisch-Aegypten gebe ich auf, aber das sudanische Aegypten ist von mir erobertes Gebiet. Er hat es nicht gethan. Gegenwärtig beginnt man, dasselbe als einen integrirenden Bestandtheil des ägyptischen Reiches zu betrachten.

Es fragt sich nun, was hat der Negus Negesti von den jetzigen Machthabern Aegyptens, von England, zu erwarten? Soll der Zustand, wie er jetzt ist, ewig dauern? Sollen die Grenzgebiete ewig im Kriegszustande verharren?

Die Sache liegt so: England betrachtete bis zum Hereinziehen Aegyptens in seine Machtsphäre Abessinien und Aegypten als nicht im Kriege miteinander befindlich. Die mangelhafte Kenntniss der abessinischen Zustände in Cairo mochte Sir Mallet bewogen haben, in diesem Sinne nach London zu berichten, trotzdem oft genug von Mordthaten, Ueberfällen, Plünderungen ganzer Ortschaften, ja Brandschatzungen ägyptischer Grenzprovinzen seitens der Abessinier berichtet wurde. Auch die ausdrückliche Versicherung des Negus Negesti, dass er sich stets als mit Aegypten im Kriege befindlich betrachte, konnte das britische Cabinet nicht veranlassen, aus seiner Reserve herauszutreten. Aber damit, dass England jetzt factisch am Nil herrscht, ist die Sache eine ganz andere geworden.

Nach festerer Gestaltung der dortigen Verhältnisse kann es nicht fehlen, dass England eine Stellung zu Abessinien einnehmen muss, welche binnen kurzem die Frage, ob dieses Land selbständig bleiben oder britisch werden soll, zur Entscheidung bringt. Will man Abessinien erhalten, will man dieses Land für die Civilisation der Europäer gewinnen, dann muss man ihm Zugang zum Meere verschaffen. Ohne das gibt es keinen Frieden, ohne das kann sich der abessinische Handel nicht entwickeln, ohne das gibt es keine wahre Cultur. Auf das mehr oder weniger der Küste kommt es dabei nicht an. Auch ist die Zurückgabe von Bogos und Mensa ganz gleichgültig, obschon, und mit Recht, der Negus Negesti dieselbe als einen Ehrenpunkt betrachtet. Aber ein grosses Volk darf nicht vom Meere abgesperrt bleiben, dadurch wird es zum Tode verurtheilt.

Wir hoffen, dass Gordon, dieser grosse Philanthrop, von dem man sagt, dass er in diesem Augenblick auf der englisch-ägyptischen Bühne erscheinen soll und der so grosse Sympathien für das christliche Abessinien hegt, diese Sache endgültig regeln wird. Jetzt heisst es: entweder Abessinien wird britisch, oder vollkommen frei, unabhängig und gelangt in Besitz einer Küste. Ein Drittes gibt es nicht. Denn wenn Aegypten jahrelang einen permanenten Kriegszustand an seiner Grenze dulden konnte, so liegt das in der Natur der ägyptischen Verhältnisse. Was kümmert es die kahiriner Regierung, wenn so und so viele Menschen alljährlich umkommen und ermordet werden, falls man nur seine noch dazu vollkommen unbegründeten Hoheitsrechte aufrecht erhalten kann! Und namentlich, wenn alles dies so weit entfernt von Cairo vor sich geht. Aber solche Zustände wird England nicht dulden. Nach Herstellung fester Zustände in Cairo wird auch Abessinien endlich zur Ruhe kommen.

Ein Wort über die Karte. Sie wurde zuerst in Petermann’s „Geographischen Mittheilungen“ veröffentlicht, und ist speciell von Hassenstein gefertigt, welcher von den vielen Schülern, die Petermann herangebildet, als einer der ausgezeichnetsten bezeichnet werden darf – „ein junger Veteran“, wie Petermann ihn selbst vor nunmehr 20 Jahren nannte. Die Karte enthält nicht nur die eigenen Beobachtungen, sondern alles, was bis 1882 über Abessinien als neu zu vermerken war, ist mit verwerthet worden.

Zum Schluss noch ein Wort über die Schreibweise der abessinischen Namen. Ich habe den Grundsatz befolgt, welcher ja auch noch in diesem Sommer auf dem Allgemeinen Französischen Geographencongress als der allein richtige anerkannt wurde, die Namen so wiederzugeben, und zwar in deutscher Weise, wie ich sie hörte. Dass dabei Irrthümer unterlaufen können, soll nicht geleugnet werden: das Auffangen und Hören der Wörter ist eben eine zu individuelle Sache. Aber wenn ich Aksum oder Uadaï schreibe, habe ich nichts dagegen, wenn der Franzose Aksoum und der Engländer Wadaï schreibt. Als Deutscher aber schreibe ich Abessinien, Aethiopien, Aegypten, nicht Abyssinien, Egypten. Selbst nicht einmal die Italiener würden so knechtisch sein, Abyssinia zu schreiben, sie geben das Wort durch Abissinia wieder. Weshalb sollen wir denn unsere Eigenart aufgeben? Ist die deutsche Literatur über Afrika vielleicht geringer als die der Engländer und Franzosen? Würde es einem Engländer einfallen, uns zu Liebe Abessinien zu schreiben? Verinternationalisirt man sich nicht schon ohnedas genug? Also behalten wir unsere Schreibweise und lassen den übrigen Nationen die ihrige!

WEIMAR, im December 1882.

G. ROHLFS.

INHALT.

Seite

Vorwort.

[V]

ERSTES KAPITEL.

AUF DEM ROTHEN MEERE.

Verhältnisse in Sues. – Der Dampfer Messina. – Sturm. – Die mohammedanischen Pilger. – Djedda. – Das Grabmal der Mutter Eva. – Suakin. – Herr Braun. – Kapitän Speedy. – Alamayo, nicht der einzige Sohn Theodor’s von Abessinien. – Die Gemahlin Theodor’s. – Sklavenhandel. – Seit Mehemed Ali Toleranz in Aegypten. – Massaua. – Munzinger. – Ali Risa und Ali ed din. – Herr Tagliabue. – Befestigungen und sonstige Verhältnisse von Massaua. – Die französische Mission. – Klima und Bevölkerung von Massaua.

[1]

ZWEITES KAPITEL.

NEUESTE ABESSINISCHE GESCHICHTE.

Veranlassung der Reise. – Negus Johannes. – Dessen Brief an den englischen Feldherrn. – Sein Vertrag mit Lord Napier. – Johannes und Gobesieh. – Schimper’s Bericht über Johannes’ Krönung. – Munzinger’s Ehrgeiz und Emporstreben. – Chedive Ismaël’s Lob. – Aegyptens Feldzug gegen Abessinien. – Johannes und seine Armee. – Die Schlacht im Abgrunde von Gudda-Guddi. – Munzinger’s Tod. – Abermals Aegypten gegen Abessinien. – Prinz Hassan. – Die Schlacht von Gura. – Hassan’s Flucht.

[40]

DRITTES KAPITEL.

FORTSETZUNG DER NEUESTEN GESCHICHTE ABESSINIENS.

Menelek von Schoa. – Aegypten und Abessinien. – Mitchell’s Gefangennahme. – Negus Johannes und König Menelek. – Gordon Pascha. – Johannes schreibt an Gordon. – Gordon’s Unterredung mit Johannes zu Debra Tabor. – Johannes schreibt an den Chedive. – Johannes schreibt an die Grossmächte Europas. – Gordon verlässt den ägyptischen Dienst. – Gordon’s Brief an die Times. – Der griechische Consul Herr Mitzaki.

[67]

VIERTES KAPITEL.

AUFENTHALT IN HOTUMLU.

Der Berg Gedem. – An den abessinischen General Ras Alula. – Antwort Ras Alula’s. – Abermals an Ras Alula und dessen Antwort. – Die Furcht vor den Abessiniern. – Fahrlässigkeit der Orientalen. – Die für den Negus Negesti bestimmten Geschenke. – Besteigung des Gedem. – Der Naib. – Der freundliche Besitzer einer Hütte. – Zahlreiche Begräbnissplätze. – Beschaffenheit und Umgebung des Gedem. – Affen. – Je ein geschlachtetes Thier für Mohammedaner besonders und für Christen (Abessinier) besonders. – Die Aussicht vom Gedem. – Messung des Gedem. – Abstieg. – Vegetation. – Fauna. – Der Klippschliefer. – Körperbeschaffenheit, Bekleidung, Nahrung der Bewohner. – Das weibliche Geschlecht.

[87]

FÜNFTES KAPITEL.

DIE SCHWEDISCHE MISSION IN HOTUMLU, DIE FRANZÖSISCHE IN KEREN.

Maltzan über die schwedische und die katholische Mission. – Anders der Verfasser. – Die Kaiser Theodor und Johannes gegen die Missionare. – Die französische Regierung daheim meist freigeistig, draussen orthodox-katholisch. – Die Engländer evangelisiren und anglisiren dann. – Die Wohnung der schwedischen und französischen Missionare. – Negus Johannes’ Unterredung mit schwedischen Missionaren. – Die abessinischen Kinder in der Anstalt. – Schutzlosigkeit der nichtenglischen und nichtdeutschen Protestanten. – Gordon unterstützte die schwedischen Missionare. – Die französische Mission in Keren. – Der Abuna der Abessinier. – Kaiser Theodor und der Abuna. – Die Kirche der französischen Mission in Tigre von den Abessiniern verbrannt.

[108]

SECHSTES KAPITEL.

AUFSTIEG ZUM ABESSINISCHEN HOCHLAND UND ANKUNFT IN KASEN.

Das Geleit ägyptischer Soldaten. – Abschied von Hassen Bei und den schwedischen Missionaren. – Die Vorgegend zum abessinischen Hochland keine Wüste. – Menschenöde. – Lagerung im Thal Ailet mit heissen Quellen. – Aschuma-Beduinen. – Zahlreiche Friedhöfe. – Verabschiedung des ägyptischen Militärs. – Ansiedelungen der Aschuma. – Tropische Vegetation. – Wunderbare Fernsichten. – In Kasen wartet ein Offizier Ras Alula’s auf den Reisenden. – Rasttag. – Dorfmusik. – Beschreibung von Kasen. – Die Geistlichkeit. – Musikanten. – In Ras Alula’s Lager.

[125]

SIEBENTES KAPITEL.

EMPFANG BEIM RAS ALULA UND REISE NACH ADUA.

Ras Alula’s Wohnung. – Balata Gebro. – Geschenke. – Ras Alula’s Aeusserungen. – Gebro’s Besuch. – Das Lager. – Bewaffnung und Ernährung der Soldaten. – Herr Lombard. – Abschied vom Ras Alula und Gebro. – Ehrlichkeit der abessinischen Diener. – Hauptmann Mariam. – Der Mareb. – Vegetation. – Das Profitmachen abessinischer Beamten. – Sicherheit bei Fortschaffung des Gepäcks. – Heuglin’s Irrthum. – Der Ort Godofelassi. – Der Abstieg zum Mareb. – Gudda Guddi mit den bleichenden Gebeinen. – Der Mareb. – Die Stadt Adua. – Der Waffenschmied Mr. Baraglion. – Herr Schimper und Prinz Lidj-Ambe. – Der Markt in Adua. – Schwatzhaftigkeit der Abessinier.

[142]

ACHTES KAPITEL.

VON ADUA NACH SOKOTA.

Der Amben-Bezirk. – Der Mönch. – Die dünne Bevölkerung. – Die Region des Baobab. – Die schauerliche Schlucht. – Anmeldung beim Kaiser. – Sokota, der grösste Salzmarkt.

[165]

NEUNTES KAPITEL.

REISE NACH DEBRA TABOR UND BESCHREIBUNG DIESER LANDSCHAFT.

Der hohe Geistliche. – Die Vorberge des Biala. – Die schauderhaften Wege. – Der hohe Geistliche und die drei Maria-Theresienthaler. – Der Takase. – Im Thal von Agissa. – Negus Johannes schickt hundert Mann Ehrenwache. – Eine Extrareinigung. – Schimper nach Debra Tabor voran. – Die Furt des Reb-Armes. – Ankunft in Debra Tabor. – Die Gebrüder Naretti. – Debra Tabor nicht Ort, sondern District. – Näheres darüber.

[186]

ZEHNTES KAPITEL.

MEINE AUDIENZEN BEIM NEGUS NEGESTI.

Erste kurze Audienz beim Negus. – Seine Wohnung. – Der Balderaba oder Geschäftsvermittler. – Die Wohnung des Grossschatzmeisters. – Das Riesenzelt. – Gastgeschenke des Negus. – Feierliche Audienz beim Negus. – Der Etschege. – Ueberreichung des Briefes vom Deutschen Kaiser. – Seltsame Ansichten des Negus. – Vorlesung des Briefes. – Ueberreichung der Geschenke. – Die Wichtigkeit eines seidenen Schirmes in Abessinien. – Die Bettler. – Ein Markttag. – Tägliche Audienzen. – Der Negus will den Reisenden zum Friedensvermittler zwischen Abessinien und Aegypten. – Günstiges Urtheil über den Negus. – Die Wohnung und Stellung Naretti’s. – Abschiedsaudienz. – Geschenke des Negus, darunter eine Anweisung auf 4000 Mark, die der Reisende ablehnt. – Herr Stecker bleibt bei den Narettis zurück.

[203]

ELFTES KAPITEL.

AM TANA-SEE.

Aufbruch des ganzen kaiserlichen Lagers. – Der Negus erscheint. – Die Lagerordnung. – Reisegesellschaft, darunter drei vornehme Damen. – Hundert Soldaten zur Bedeckung. – Eintretender Mangel, da die Karavane sich bis zu 1000 Menschen verstärkt. – Lieblichkeit der Gegend. – Der Aasgeierberg. – Die erste steinerne Brücke in Abessinien. – Ein Waldbrand. – Lagerplatz dicht am Wasser des Tana-Sees. – Beschreibung des Tana. – Die Kirche auf der Insel im See. – Die Soldaten plündern in den Hütten der Bewohner. – Aufbruch. – Der Zolldirector. – Dembea die reichste und bevölkertste Provinz Abessiniens. – Der zu klein befundene Ochs und abermals Plünderung der Soldaten. – Ankunft in Gondar.

[230]

ZWÖLFTES KAPITEL.

GONDAR IM JAHRE 1881.

Die Lage Gondars. – Theodor plünderte die Stadt. – Ursachen der verminderten Bevölkerung. – Der von der frühern Kaiserfamilie abstammende Knabe. – Milde des Negus Johannes gegen Abkömmlinge vormaliger Kaiserfamilien. – Der Gemp oder das Kaiserschloss. – Der Eremit auf dem Thurm. – Besuch beim obersten Geistlichen. – Theuere Marktpreise. – Gold- und Silberarbeiter. – Sklavenhandel in Abessinien verboten, doch noch betrieben. – Der Vater des Etschege. – Zahl und Beschäftigung der Geistlichen. – Lustschlösser. – Kirchen. – Stadttheil der Falascha oder Juden. – Die Falascha-Missionare. – Die Falascha von den Soldaten geplündert. – Abschied. – Der Mönch.

[252]

DREIZEHNTES KAPITEL.

VON GONDAR NACH AKSUM.

Die drei Regionen Abessiniens. – Riesendisteln. – Ein Kurier mit einem Schreiben des Negus Negesti. – Eine Deputation Geistlicher. – Die Aussicht vom Lamalmon-Berg. – Ein Gemeindecomplex mit 1000 Mönchen und 29 Nonnen. – Die Aebtissin. – Der Oberst mit seinen Soldaten zieht ab. – Bettler zu Pferde. – Das Flusspferd. – Der Neffe des Negus Negesti. – Streit zwischen Dienern und den Soldaten des Hauptmanns Mariam wegen eines Mädchens.

[281]

VIERZEHNTES KAPITEL.

AKSUM IM JAHRE 1881.

Lagerung vor Aksum. – Nachts bei Regen ein Unfall. – Nicht Opferstein, sondern Königsstuhl. – Keine Obelisken, sondern Stelen. – Eine noch nicht veröffentlichte Inschrift. – Die Wohnung des Negus Negesti. – Die lästige Rotte Jungen und Mädchen. – Gefesselte Knaben. – Der Nebreïd von Aksum. – Besuch der Metropolitankirche. – Musikanten. – Besuch beim Nebreïd in der Kirche. – Beschreibung seiner Umgebung und der Kirche. – Unterredung mit dem Nebreïd. – Abschied von Aksum. – Priester mit Geschenken des Nebreïd. – Die Einwohnerschaft Aksums.

[295]

FUNFZEHNTES KAPITEL.

VON AKSUM NACH MASSAUA.

Geburtstag des Deutschen Kaisers und die dabei aufgeführten Spiele. – Mr. Baraglion. – Herr Abarguez de Sosten. – Ein abessinisches Bad und seine Aerzte mit ihren Mitteln. – Aeusserst wenige Geisteskranke und körperlich Verkrüppelte in Abessinien. – Ein Räuberhauptmann. – Eine merkwürdige Begegnung. – General Gebro. – Eine Gerichtssitzung. – Gefangennahme mehrerer Diener des französischen Consuls. – Das Bisen-Kloster und dessen Beschreibung von Alvarez. – Das Thal von Genda. – Zurücksendung der abessinischen Bedeckung. – Der Gouverneur von Massaua sendet freundlichst eine Compagnie Soldaten entgegen. – Ein mächtiges Gewitter. – Ankunft in Massaua. – Schmerzlicher Abschied von den Abessiniern. – Ein Beispiel von Anhänglichkeit abessinischer Diener.

[312]

SECHZEHNTES KAPITEL.

RÜCKREISE.

Fürchterliche Hitze auf dem Rothen Meere. – Die jungen Engländer. – In Suakin. – Herr Gessi an Bord. – Die Geschichte seines Unglücks. – Sues im Festkleid. – Chedive Tewfik. – Ankunft in Berlin.

[338]

Register.

[342]

VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN.

Johannes, Negus Negesti von Abessinien

[Titelbild]

Schlacht bei Gudda-Guddi

[56]

Euphorbia Kolqual oder Kandelaberbaum

[151]

Blick auf die Alpen Semiens

[165]

Samara, Residenz des Negus Negesti in Debra Tabor

[195]

Amara Gedell

[236]

Am Tana-See

[240]

Gondar mit dem Gemp (Kaiserschloss)

[252]

Kaiserliches Gebäude in Gondar

[260]

Quosquam, Ruine des kaiserlichen Lustschlosses

[271]

Brücke über den Magetsch in der Nähe von Gondar

[281]

Riesendistel, Echinops giganteus

[282]

Lamalmon-Berg

[284]

Musicirender Abessinier

[304]

[Moderne Kunst in Abessinien.] 2 Tafeln.

[Abessinische biblische Darstellungen.]

[Ornamentik aus dem Innern abessinischer Kirchen.] 2 Tafeln.

[Probe eines vom Negus an den Verfasser gerichteten amharischen Briefs mit dem Staatssiegel.]

KARTE.

[Gerhard Rohlfs’ Expedition nach Abessinien vom November 1880 bis April 1881.]

ERSTES KAPITEL.
AUF DEM ROTHEN MEERE.

Verhältnisse in Sues. – Der Dampfer Messina. – Sturm. – Die mohammedanischen Pilger. – Djedda. – Das Grabmal der Mutter Eva. – Suakin. – Herr Braun. – Kapitän Speedy. – Alamayo, nicht der einzige Sohn Theodor’s von Abessinien. – Die Gemahlin Theodors. – Sklavenhandel. – Seit Mehemed Ali Toleranz in Aegypten. – Massaua. – Munzinger. – Ali Risa und Ali ed din. – Herr Tagliabue. – Befestigungen und sonstige Verhältnisse von Massaua. – Die französische Mission. – Klima und Bevölkerung von Massaua.

Sues jetzt und Sues vor 15 Jahren, welch ein Unterschied! Zur Zeit der Erbauung des Kanals, als in Aegypten die Baumwollenerträgnisse, die grossen Unternehmungen des vorigen Chedive gewaltige flüssige Geldmittel in Umlauf brachten, machte sich dies am meisten fühlbar in den Städten am Kanal: Port Said, Sues und Ismailia. Namentlich in Sues herrschten amerikanische, ja fast californische Zustände. Und noch grösseres Leben entwickelte sich in dieser Stadt durch die englische Expedition nach Abessinien, wenn auch nur während eines Winters. Im Winter 1867/68 bot Sues in der That das Bild einer Hafenstadt ersten Ranges. Die Gasthöfe, namentlich das wegen seiner vorzüglichen Einrichtung bekannte Sueshotel, waren derart überfüllt, dass nachts die Gäste in den grossen Sälen campiren mussten; Theater, Ballerinen mit Gagen, so hoch, wie sie auf den ersten Hofbühnen Europas nicht gezahlt wurden, sorgten für Augenweide, während rauschende Concerte das Ohr befriedigten. Aber – gerade wie die Hunderte von Spielhöllen – konnte man die Tempel Terpsichore’s und Apollo’s nur besuchen mit dem „Revolver“ in der Hand. Auf der Rhede aber lag eine Flotte von Kriegsschiffen und Transportdampfern.

Und jetzt? Im Jahre 1881/82? Die Einwohner von Sues vermehrten sich nicht; im Gegentheil, 1867 war die Zahl der Seelen viel bedeutender, aber es gewann eine festere Gestaltung: die Strassen sind vorgezeichnet, die Gebäude nehmen mehr das Aeussere europäischer Häuser an, mit einem Worte, die Stadt erhielt einen mehr gesitteten Zuschnitt. Geld und Revolver herrschen nicht mehr. Der obwol nach Sues benannte Kanal übt doch auf die Stadt geringen Einfluss aus: die Schiffe passiren meist, ohne sich um die Stadt zu kümmern, durch den Kanal, welcher östlich bei Sues vorbeigeht und dann weit südlich davon ins Rothe Meer oder, genauer, in den Busen von Sues ausmündet. Bis zur Mündung geht allerdings die Eisenbahn, welche von Kairo kommt. Und hier, wo der Hafenmeister wohnt und Marineetablissements sich befinden, haben sich denn auch schon Private, namentlich Restaurateure, niedergelassen. Ja, an diesem vorgeschobenen Punkte entstand am 31. Januar 1882 eine Schule und eine neue Stadt: „Port Tewfik“. Obschon dieselbe voraussichtlich in nicht langer Zeit eine Stadt mit Sues bilden wird, entfernt sich dadurch das heutige Emporium doch immer mehr von der Lage des einstigen Hafens Arsinoë.

Unserm deutschen Consul verdanke ich folgende neueste statistische Nachrichten über Sues: Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so liegt keine officielle Angabe vor. Eine solche lässt sich überhaupt in mohammedanischen Ländern nicht erzielen, selbst nicht in den Ländern des Islam, welche unter europäischer Herrschaft sind. Herr Meyer, der deutsche Consul, schätzt die Gesammtzahl von Sues auf 10000 Seelen. Meiner unmassgeblichen Meinung nach ist diese Annahme viel zu hoch. Die europäische Colonie zählt 600–700 Individuen. Sie besteht hauptsächlich aus Griechen, Engländern, Maltesern, Italienern und Franzosen. Deutschland hat in Sues nur 10 Angehörige.

Sues selbst producirt nicht, dennoch ist Import und Export nicht unbedeutend. Die fürs Rothe Meer bestimmten Waaren kommen in Sues auf der Bahn und dem Kanal, die für Europa bestimmten ausschliesslich zu Wasser an. Ungefähr drei Millionen Francs jährlich werden in Sues in Geld umgesetzt. Die Stadt steht in directer Handelsverbindung mit Djedda, Suakin, Massaua, Hodeida, Marseille, Italien, Syrien, Triest, Bombay, Madras und England. Von Suakin, dem in Beziehung zu Sues meistbegünstigten Platz, wurden 1880 in 11000 Collis 2400 Tonnen importirt, und dahin in ebenso vielen Collis 1200 Tonnen exportirt. Der grösste Export in 30000 Collis zu 3000 Tonnen fand nach Djedda statt, während von Hodeida mit 9400 Collis 840 Tonnen importirt wurden. Triest finden wir mit dem nicht unbedeutenden Posten von 4000 Collis zu 500 Tonnen mit Import und 6000 Collis zu 1200 Tonnen mit Export betheiligt. England weist allerdings nur 500 Collis zu 200 Tonnen Import und 5000 Collis zu 1000 Tonnen Export auf, aber man muss bedenken, dass Sues überhaupt nur Durchgangspunkt ist. Das, was von Europa kommt, geht meistens nach dem Rothen Meere, und umgekehrt. Bombay versorgt das Rothe Meer mit Korn, Madras mit Indigo. Im ganzen belief sich der Import auf 46600 Collis zu 6415 Tonnen, der Export auf 66800 Collis zu 8400 Tonnen. Man bringt nach Sues besonders Häute, Kaffee, Weihrauch, Wachs, Sennesblätter, Elfenbein, Baumwolle, Sesam, Taback, Perlmutter, Tamarinden, Gummi, Colqual, Indigo, Stoffe, Glassachen, Porzellan, Steingut, Glasperlen, Conserven, Kurzwaaren, Weine, Schnaps, Mehl, Metalle, Essenzen, Seife, Zucker, Kerzen, Schwefel, Petroleum, Korn, Cement, Gewürze, Nahrungsmittel, Papier und Farben.

Im Jahre 1881 beobachtete man im Schatten ein Maximum von +40°4, ein Minimum von +4°7 C. Die relative Feuchtigkeit betrug 98° Maximum und 12° Minimum. Regen fiel 0,015. Herrschender Wind: Nord. Die Dichtigkeit des Seewassers bei Sues beträgt 1,039 (die des Mittelmeers 1,026) bei +28° durchschnittlicher Wärme.

Nach Abessinien, wohin die Reise zum zweiten male gehen sollte – der Verfasser begleitete auch die britische Expedition unter Lord Napier – gehen zwei regelmässige Linien: ägyptische Dampfer und italienische der Compagnia Rubattino. Mit dem Worte „regelmässig“ soll aber keineswegs gemeint sein, dass die Schiffe beider Linien am festgesetzten Tage ihre Abfahrtszeit bestimmt innehalten. Das darf man in diesen Gegenden weder von der einen, noch von der andern Gesellschaft erwarten.

Am 6. November 1881 ging ich vormittags an Bord der Messina. Unser freundlicher Consul in Sues, Herr Meyer, hatte uns mit seiner Dampfbarkasse an Bord gebracht, und für lange Zeit zum letzten mal erfreuten wir uns an den prächtigen Farben unserer deutschen Reichsflagge. Obschon in vorgerückter Winterzeit, war es doch ausserordentlich warm und kaum zum Aushalten, zumal bei vollkommener Windstille. Nur die Zelte, welche von vorn nach hinten das ganze Deck beschatteten, gaben etwas Kühlung.

Nichts ist unangenehmer, als plötzlich eintretende Verzögerung in der vorher festgesetzten Abfahrtszeit, fast noch unangenehmer, als wenn man bei der Ankunft in einem Hafen plötzlich erfährt, man sei unter Quarantäne gestellt, auf die man, im Orient wenigstens, immer gefasst sein muss. Nun aber kam auf einmal die Nachricht, wir hätten eine Partie von Java kommender Pilger mit nach Djedda an Bord zu nehmen. Wunderbar genug, wenn man bedenkt, dass der britische Dampfer, welcher diese Gläubigen an Bord hatte, bei Djedda vorbeigefahren war, ohne sie zu landen. Aber wiederum erklärlich durch die Quarantäneverhältnisse. Endlich konnte man den englischen Dampfer am Horizont erspähen. Bald lagen wir Seite an Seite, und die menschliche Waare wurde herüber befördert. Keine angenehme Zugabe! Aber glücklicherweise machte doch keiner unter den Passagieren Anspruch auf die erste Klasse, obschon einige, welche besser, eleganter, aber nicht reinlicher als die Menge gekleidet waren, sich absonderten und auf hübschen Teppichen, von all ihrem Hausgeräth umgeben, eine Sonderstellung einnahmen. Die vollendete Uebersiedelung dieser indischen Kinder hatte denn auch bald die Abfahrt der Messina zur Folge, nachdem man vorher eine italienische colazione eingenommen.

Langsam glitten wir dahin, denn auf dem Rothen Meere ist fast immer gutes Wetter. So sagte uns der Kapitän des Schiffes, ein noch junger Herr aus der alten italienischen Seestadt Genua. Schon sein Auftreten erweckte Vertrauen, und sein seemännisches Benehmen wurde aufs glücklichste durch kindliche Gutmüthigkeit – die ja ohnehin den Seemann so gut kleidet – und ausserordentlich liebenswürdiges Benehmen unterstützt. Ueberfüllt war der Dampfer nicht: ein französischer Kapitän mit seiner Gemahlin, der, wie er vorgab, im Auftrage der französischen Regierung nach Abessinien reiste und oft genug betonte, „er sei im Besitze eines passe-port diplomatique“; einige Kaufleute aus Suakin und Massaua, griechischer Nationalität; mein Reisegefährte, Dr. Stecker, und meine Wenigkeit.

Angenehm ist eine Fahrt auf dem Sinus Arabicus[5] oder Mare Erythraeum nicht. Eingeschlossen von zusammenhängenden Gebirgsketten mit einer durchschnittlichen Höhe von ca. 2000 m hindern diese Berge, bei der verhältnissmässig geringen Breite des Rothen Meeres, dass die sich auf der Oberfläche der See ansammelnde Feuchtigkeit aus diesem fast eingeschlossenen Becken herausgetrieben wird. Man darf daher das Vorhandensein einer beständigen Luftschicht oberhalb des Wassers annehmen, vielleicht 100 m hoch oder noch beträchtlich höher, welche fast mit Feuchtigkeit gesättigt ist. Unser zur Beobachtung ausgestelltes Hygrometer zeigte während der ganzen Fahrt nie unter 98° relative Feuchtigkeit. Selbstverständlich sieht man dabei nichts von der Feuchtigkeit, und man beobachtet selten Wolkenformation, noch seltener Nebel auf dem Rothen Meere, aber man ist doch in einer äusserst feuchten Luft. Man kann sich einen Begriff davon machen, wenn man sich in Gedanken in ein Gewächshaus mit tropischen Pflanzen versetzt, wo man ja ebenfalls die feuchte Luft durchaus nicht „sieht“, aber die Anwesenheit derselben desto nachdrücklicher auf der Haut verspürt. Und um so unangenehmer empfindet man diese feuchte Luft, wenn sich mit derselben eine beständige Wärme verbindet, die fast den heissesten Gegenden inmitten der Sahara an Stärke nichts nachgibt. Wie gross übrigens allerorts die Wärme des Rothen Meeres ist, und zwar im Winter, dafür genügt die allerdings nur durch früher gemachte Messungen bestätigte Thatsache, dass man stets Badewannentemperatur, nie unter +28°C. hat.

Verführt durch die bei Herstellung der Karten aussereuropäischer Länder angewandten kleinern Maassstabe, denkt man sich gewöhnlich das Rothe Meer nicht so lang und nicht so breit, wie es in der That ist. Von Sues bis zur Mandeb-Strasse[6] ist dasselbe fast dreimal so lang als das Adriatische Meer, von Triest bis Brindisi gerechnet. Und einmal aus dem Busen von Sues heraus und weiter fahrend auf hoher See, kann man, wenn der Dampfer in der Mitte[7] sich hält, nirgends die doch keineswegs niedrigen Bergketten sehen, welche auf beiden Seiten das Rothe Meer begrenzen.

Dazu kommt, dass die guten englischen, französischen und deutschen Dampfer, welche das Meer von Sues bis Aden, also in seiner ganzen Länge durchmessen, sehr schnell fahren und diese ganze Strecke in etwa vier Tagen und Nächten vollenden, dass aber die ägyptischen und italienischen Dampfschiffe, welche nebenbei die am Rothen Meere gelegenen Häfen besuchen, mindestens die doppelte Zeit gebrauchen, um nur nach Massaua zu kommen. Eine entsetzliche Fahrt, bei der man fortwährend wie in einem türkischen Dampfbad sich befindet.

An Bequemlichkeit, an guter Verpflegung, an Reinlichkeit war auf der Messina auch kein Ueberfluss. Zum Glück hatte ich mir, was überhaupt jedem Reisenden anzurathen ist, meinen eigenen Lehnstuhl mit an Bord genommen. Die stets nach italienischer Art zubereitete Kost war gut für den, der italienische Küche liebt, bei welcher Oel statt Butter zu den Speisen genommen wird, welche Fett erfordern. Glücklicherweise war ich in dieser Beziehung nicht voreingenommen. Auch der Schmuz hatte nichts Befremdliches für mich, woran man sich ja überhaupt gewöhnen muss, sobald man afrikanischen Boden betritt oder afrikanische Gewässer befährt. Nur war es in den Privatkajüten – Dr. Stecker und ich besassen eine gemeinschaftlich – wegen der zu grossen Hitze und der mephitischen Dünste nicht zum Aushalten. Das Ausgusswasser aus der Cabine des Schiffsarztes lief in unsere Kajüte hinein! Niemand dachte an Ausbesserung, auf die sich wahrscheinlich auch niemand verstand. Aber alles das, die grosse Hitze, die scheusslichen Ausdünstungen, das oft genug unappetitlich aussehende Essen waren doch nur Kleinigkeiten, welche man wol bemerkte, über die man sich aber nicht zu ärgern brauchte.

Nachts schlief man auf Deck, wie das überhaupt auf allen Dampfern, welche das Rothe Meer befahren, Sitte ist. Passagiere und Mannschaft, Herren und Damen, Jung und Alt – jeder liess sich seine Matratze herauftragen, und unter leichtester Decke gab man sich allabendlich dem süssen Zustand hin, wo man die kleinen irdischen Unannehmlichkeiten vergisst.

„Auf dem Rothen Meere ist stets gutes Wetter“, wiederholte oft genug unser braver Kapitän, der nach französischer Sitte sich gern „Commandant“ nennen hörte. „Sturm ist auf dem Rothen Meere unbekannt, ich fahre seit einem Jahre auf und ab und habe noch nicht nöthig gehabt, auch nur ein einziges mal das Sonnenzelt einreffen zu lassen.“ – Aber es sollte doch einmal geschehen.

Allabendlich hatten wir übrigens, seitdem wir Sues verlassen, vor uns im Süden starke Wolkenbildung und glänzendes Wetterleuchten gesehen, aber die Wolken hielten sich immer weit entfernt unter dem Horizont, und das Wetterleuchten war der Widerschein meilenweit entfernter Blitze. Aber am 10. Nov. kamen wir in die Zone der Wolkenbildung, und das fürchterliche Wetter, welches über und unter uns tobte – an dem nämlichen Tage fand das Erdbeben von Agram statt, und auch in Massaua verspürte man Erschütterungen – gehörte vielleicht zu den entsetzlichsten, das man auf hoher See erlebte. Da das Wetter nach Sonnenuntergang schon anfing bedenklich zu werden, begaben sich alle Passagiere unter Deck; ich selbst hatte mich gegen 11 Uhr abends aufs Sofa im Salon ausgestreckt und glaubte, dass das Gewitter, in welchem wir uns thatsächlich seit mehreren Stunden befanden, ohne besondere Ausschreitungen vorübergehen würde.

Der Regen war bis dahin mässig gewesen, die Luft angenehm, der Wind unbedeutend, nur die kolossale Menge der elektrischen Schläge, wenn auch nicht überlaut, doch durch ihre Häufigkeit auffallend. Und dies steigerte sich derart, dass bald der ganze Himmel wie ein Flammenmeer erschien, denn nun folgte nicht ein Blitz dem andern, sondern es war ein Zusammenrinnen unzähliger Zuckungen. Da, gleich nach 11 Uhr, erfolgte ein Schlag von so grosser Heftigkeit, dass man sogleich wusste, man sei im Mittelpunkte des Gewitters. Zugleich schlug der Regen heftiger herunter, und wenn der Wind sich auch nicht zum Sturm steigerte, so bearbeitete er doch mit so unregelmässigen Stössen den Dampfer, dass die Lage des Schiffes um so gefährlicher erschien, als der Capitano noch immer schlief und das Sonnenzelt anfing sich loszureissen. Endlich erschien er. „Alle Mann auf Deck!“ wurde gepfiffen, und trotz der Böen und Wellen, welche anfingen über Bord zu stürzen, wurde das Zelt bald gerefft und damit eine Gefahr beseitigt. Die Wuth der Elemente hatte sich aber so gesteigert, dass auch das Wasser Feuer zu sein schien. Nach dem Sturm, ich muss das besonders betonen, bestand ringsum das Meer aus nichts als Schaum und Gischt, noch weisser gemacht durch die unaufhörlichen elektrischen Entladungen. Wir waren natürlich wieder auf Deck gegangen. Plötzlich rief Hubmer: „Bemerken Sie die blaue Flamme oben auf dem Mastbaum?“ – In der That zeigte sich oben während mehrerer Minuten eine 0,1 m lange blaue Flamme. So plötzlich, wie sie gekommen, verschwand sie. Das alles dauerte bis gegen 4 Uhr morgens. Als ich gegen 7 Uhr auf Deck kam, zeigte sich das Schiff ganz normal, das Meer war vollständig glatt, die Sonne brannte wie zuvor, und auch die allgemeinen Verhältnisse der Atmosphäre hatten keine Veränderung, keine Abkühlung erlitten. Das Thermometer wies um 9 Uhr morgens schon +29° im Schatten.

Ich bin weit davon entfernt, eine Beschreibung des Rothen Meeres geben zu wollen, dieser alten, seit Eröffnung des Kanals zu neuem Leben erwachten Heeres- und Handelsstrasse, deren Frequenz sich fast mit der des „Broadway“, der „Friedrichsstrasse“, des „Strand“ vergleichen lässt, wenn anders ein solcher Vergleich zulässig ist. Auch will ich hier nicht untersuchen, warum das Meer das „Rothe“ genannt wird. Seit Plinius und andern alten Naturforschern und Geographen ist diese Frage noch so oft aufgeworfen, erörtert und beantwortet worden, ohne jedoch zum Abschluss gekommen zu sein, dass ich als einfacher Passagier, denn weiter war ich doch nichts, mir nicht gestatte, zu den vielen Hypothesen eine neue hinzuzufügen. Auch die, welche der Commandant der Messina aufstellte: der Name sei deshalb gegeben, weil man sehr oft grossen Inseln abgestorbenen Seegrases von röthlicher Farbe begegne, Inseln, welche manchmal meilengross, zuweilen länglich, dann wieder hufeisenförmig seien, verdient weiter keine Beachtung. Neu ist sie überdies nicht. Im Kapitän der Messina hatte ich übrigens einen Herrn gefunden, dem ich noch zu Dank verpflichtet war für die liebenswürdigen Gefälligkeiten, welche derselbe meiner Frau erwies, als sie in Gemeinschaft mit der Familie des italienischen Generalconsuls Marquis Goyzuetta Tripolis verliess, um nach Europa zurückzukehren.

Welchen Gefahren übrigens die mohammedanischen Pilger ausgesetzt sind auf ihren langen Wanderfahrten, davon gibt folgende mir vom Kapitän mitgetheilte Thatsache den Beleg. „Denken Sie sich“, hub er an, „da tritt gestern ein Grieche, welcher diese Menschenfracht vermittelt und der ganzen Pilgergesellschaft als Agent dient, an mich heran mit den Worten: ‚Wir könnten ein Geschäft machen, Commandant.‘ – ‚Wie so?‘ – ‚Geben Sie mir die Erklärung, dass Sie nur nach Yanbo[8] führen, und die Sache ist gemacht. Ich theile das dem Schich der Pilger mit, und Sie werden finden, dass er sich auf der Stelle bereit erklärt, für jeden Pilger 10 Thaler mehr zu zahlen, als für die Fahrt nach Djedda ausbedungen ist. Mit diesen mohammedanischen Hunden braucht man es ja so genau nicht zu nehmen. Eine Entdeckung ist nicht zu fürchten; unter diesen verdammten Halbmondsanbetern versteht kein einziger eine europäische Sprache, und schriftlich wird ja nichts abgemacht zwischen uns und ihnen. Für mich würde ich mit einigen hundert Thalern zufrieden sein, der ganze Rest ist für Sie, Commandant.‘ – Ich erwiderte dem griechischen Lump kurz, ich sei von Rubattino angewiesen, direct nach Djedda zu fahren, und drehte ihm den Rücken. – Sie staunen“, setzte er hinzu, „dass ich diesem saubern Agenten keinen Fusstritt gegeben habe, aber man muss Scenen an Bord vermeiden, und bei der Concurrenz, welche zwischen den verschiedenen Linien herrscht, muss man oft genug Bosheiten und Ungerechtigkeiten stillschweigend ertragen, um die Fracht für die Zukunft nicht zu verlieren.“ – Aber man sieht hieraus, welchen Gefahren die Pilger ausgesetzt sind, seitdem Speculanten sich der Beförderung derselben bemächtigt haben. Vom culturellen Standpunkt aus sollte man ja eigentlich nur wünschen, dass die Pilgerreisen nach Mekka, Lourdes, Allahabad, Kevelaer, Kerbelah, Jerusalem, Rom und wie alle andern Städte und Ortschaften heissen mögen, aufhörten. Nutzen und Segen für die Menschheit haben sie nicht gehabt, erweislichermassen sind sie aber oft genug Ursache verheerender Krankheiten gewesen, Krankheiten, welche nicht nur sich auf die Pilgerkreise beschränkten, sondern mittels derselben auch der übrigen Menschheit Verderben brachten. Aber was ist zu machen gegen Gewohnheit und Gewinnsucht? Nur Aufklärung kann hier helfen, und schliesslich muss man sich mit dem Gedanken trösten, dass trotz des erleichterten Verkehrs, trotz des viel billigern Reisens das Pilgern zu obengenannten und andern religiösen Sammelplätzen stets mehr abnimmt. Statistisch lässt sich das nachweisen. Eines Tages werden sich statt der verschiedenen Völker, die den Islam bekennen, in Mekka auch die Anthropologen versammeln, und wir zweifeln gar nicht, dass dies, wennschon erst in unabsehbarer Ferne, geschehen wird. Hätte im Anfang dieses Jahrhunderts ein christlicher Europäer auch nur irgendeine Moschee der Gläubigen betreten können? Seit dreissig Jahren besuchen die Europäer, ohne belästigt zu werden, die Moscheen Kairos, und eine der heiligsten Bethallen der Mohammedaner Nordafrikas, die grosse Moschee von Kairuan, ist jetzt einem jeden geöffnet.

Endlich kamen die hohen Berge Arabiens in Sicht. Ich war enttäuscht, aber angenehm. Ich hatte mir die arabische Bergkette nicht so hoch und malerisch vorgestellt, und nun zeichneten sie sich immer klarer am durchsichtigen Himmel ab. Die zackigen, wunderbar wilden Zerklüftungen wurden schon dem blossen Auge sichtbar und, wenn auch baumlos, konnte doch die Küste hinsichtlich der Bergformen in jeder Beziehung mit der süditalienischen einen Vergleich aushalten. Bald lag Djedda vor uns.

Wer zum ersten mal aus den grossen Culturländern Deutschland, England, Frankreich u.s.w. nach dem Süden kommt, wundert sich über die lärmende Zudringlichkeit der Fachini von Genua, über das Geschrei der Lazzaroni Neapels oder, wer gar nach Nordafrika kommt, über die Handgreiflichkeiten der Araber und Neger, der Fellachen und Berberiner in Alexandria, Port Said u.s.w. Es scheint aber, dass mit der Glut der Sonne sich die Heissblütigkeit der Bewohner steigert. Und Djedda liegt schon südlich vom Krebs!

So war denn unser Dampfer, sobald das Herabhissen der gelben Flagge das Zeichen zur libera pratica gegeben hatte, sofort auch von grossen und kleinen Booten umschwärmt, und bald wimmelte es auf Deck von stämmigen Maschobsträgern schwarzer, brauner, gelber und weisser Hautfarbe. Welch ein Gewirr, welch ein Durcheinander! Zum Glück war ihnen, wie den Javanesen, welche sich mit uns an Bord befanden, das Hinterdeck zu betreten verboten, und von der Brücke des Dampfers konnte man in Ruhe und ohne belästigt zu werden dem Entwirren des menschlichen Knäuels beiwohnen. Wie das vor sich ging, spottet jeder Beschreibung. Das Durchhauen des Gordischen Knotens konnte nicht schneller von statten gehen.

Hatten sie sich verständigt, war irgendeine Uebereinkunft geschlossen zwischen den Pilgern und den Bootsbesitzern? War überhaupt in der kurzen Zeit eine Verständigung möglich gewesen? So meine Frage. Aber beantwortet, praktisch wenigstens, wurde sie erst, als ich ans Land ging und dort wahrnahm, dass die Javanesen noch am selben Abend mit ihren Habseligkeiten der heiligen Kaaba in Mekka zupilgerten. Aber jetzt flogen Koffer und Kisten über Bord, Töpfe aus Steingut zerbrachen vor ihrer Ankunft in der Jolle, Säcke mit Reis barsten und vermischten ihren körnigen Inhalt mit der Ghee (flüssige Butter, wie solche fast ausschliesslich in Indien im Gebrauch ist) am Boden des Bootes. Dazwischen flogen vom Dampfer herab Sonnenschirme, Fächer aus Bambus, Vogelbauer mit lebendigem Inhalt aus der Papagaienwelt, Packete mit Kleidungsstücken, lose Kleider, Turbane, Teppiche, Decken und Matratzen. Die armen Asiaten hatten gut jammern, schreien, fluchen, sich sträuben – es half nichts. Drohen und schlagen richtete erst recht nichts aus. Was wollten die Schwächlinge machen gegen die muskulösen Hafenamphibien Djeddas? Stets wurden sie zurückgetrieben. Und als endlich alles Leblose und verschiedene den Pilgern gehörige Thiere vom Dampfer auf wunderbar schnelle Weise in die Leichterschiffe befördert worden waren, kamen sie selbst an die Reihe. Und fast ebenso schnell spedirte man sie über Bord. Was kümmerte es die rohen Leute, ob die Pilger gerade in die Jolle kamen, welche ihr Privateigenthum barg, wenn jeder der erstern nur eine rechte grosse Zahl der Gläubigen erhaschte: der Bezahlung wegen.

Um die Hunderte von Pilgern nebst allem Gepäck abzuladen, war kaum eine halbe Stunde verflossen. Wir selber mietheten nun auch ein Boot, um zur Stadt zu fahren. Mir lag besonders daran, einen Brief auf die Post zu geben. War aber eine solche in Djedda? Es lagen noch verschiedene grosse Dampfer auf der Rhede, Consulate sind in Djedda vorhanden, und das englische und holländische (dies wegen der indischen Pilger) sogar bezahlte Consulate. Also eine Post muss da sein. Es war mittags, das Amtszimmer geschlossen, ein Briefkasten nicht vorhanden, aber einer der Unterbeamten, welcher in einer Veranda seinen Kef abhielt, belehrte uns, wir sollten nur getrost den Brief und was immer – Briefmarken hatten wir von Aegypten mitgenommen – durch einen Spalt im Fenster schieben, es würde schon besorgt werden. Meine Briefe, wie ich später erfuhr, sind denn auch in der That alle gut übergekommen. Die Post ist nicht türkisch, sondern ägyptisch.

Djedda[9], altes Grossmütterchen, ich hatte gar nicht vermuthet, eine so stattliche Stadt in dir zu finden! Vom Landungsplatz führt gleich eine verhältnissmässig breite Strasse, mit zahlreichen Restaurants, türkischen Kaffeehäusern und Schnapskneipen eingerahmt, in das Innere der Stadt. Die Schnapsverkäufer, welche auch schlechtes und gutes Bier (deutsches von Dreher oder Puntingham) verkaufen, sind alle griechischer Nationalität. Grosse ansehnliche, mehrstockige, blendend weisse Gebäude überragen überall die Strassen, von denen die hauptsächlichsten, namentlich die, welche die Bazare bilden, mit Bretern, auch wol Zweigen, zum Schutz gegen die glühenden Sonnenstrahlen überdeckt sind. Nirgends in der mohammedanischen Welt gibt es so schöne und kunstvoll geschnitzte Muscharabiehn als in Djedda. Die Kunst, schöne durchbrochene Holzgitter herzustellen, hat sich von Syrien und Aegypten nach Arabien geflüchtet. Denn in den Städten der erstern beiden Länder existirt sie nicht mehr. In den Ländern des Islam, welche jetzt mit den Abendländern in so innigem Verkehr stehen, braucht man sie nicht mehr: man baut europäisch, man kleidet sich europäisch, und kaum verschleiern sich die Mislemate noch, jedenfalls nicht mehr, als es bei uns die europäischen Damen thun, um ihre Reizlosigkeit dem forschenden Auge zu entziehen. Aber hier in Djedda[10], wo der fanatische Argwohn gegen alles Fränkische noch lodert, werden die Frauen und Jungfrauen noch unter strenger Clausur gehalten, hier so nahe dem Mittelpunkt religiöser Voreingenommenheit, wo Hass und Wuth gegen Andersgläubige die unsinnigsten Pläne aushecken, ist alles noch echt und unverfälscht.

Djedda hat stark zugenommen: es ist der bedeutendste Hafen am Rothen Meere, und nach Aussage und Meinung der dort lebenden Engländer beträgt die Einwohnerzahl jetzt ca. 15000 und in der Pilgerzeit gegen 20000 Seelen.[11] Und es liegt, wenn man die statistischen Nachrichten über die Handels- und Schiffahrtsbewegungen untersucht, kein Grund vor, an dieser Annahme zu zweifeln. Aber die Stadt schien wie todt, als läge alles im Grabe. Vollkommen ausgestorben. Nur die am Hafen zurückgebliebenen griechischen Kaufleute brachten noch Leben. Auch hier indess wenig Verkehr. Das eigentliche Volkselement fehlte ganz und gar. Jung und alt, reich und arm, Männer, Frauen und Kinder, befanden sich alle schon seit einigen Tagen in Mekka, in jenem „Harem“[12] Gottes, das den Ungläubigen zu betreten bei Todesstrafe verboten ist. Führte sie nun der Gewinn nach irdischen Gütern dahin oder die Aussicht auf die Freuden des himmlischen Paradieses, welche den Rechtgläubigen nach je öftern Pilgerrundreisen in desto erhöhterm Maasse verheissen werden – Mekka hatte magnetisch alle angezogen.

Plan des Friedhofs und Grabmals unserer Mutter Eva.
Nord.

1. Füsse der Eva. 2. Lendengegend der Eva. 3. Kopf der Eva. 4. Grab der Mutter des Sultans Mahmud. 5. Grab eines Schichs. 6. Grabgebäude der Eva. 7. Eingangsgebäude zum Friedhof. 8. Beliebige Gräber. 9. Friedhofsmauer. 10. Mauer, um die Gebeine der Eva zu bezeichnen.

Ein kleiner Bube, den Stecker und ich mietheten, um uns das Grabmal Eva’s zu zeigen – die einfachste Pietät erheischte doch den Besuch der irdischen Grabstätte unserer Stammmutter – gab aber wol die richtigste Erklärung für die Abwesenheit der Djeddenser: „Mein Vater hat sich als Kameltreiber verdungen, mein älterer Bruder ebenfalls, mein Oheim ist als Wächter mit, meine Mutter kocht für einen pilgernden Türken und meine Schwester hat sich Soliman, dem Kahiriner, angeheirathet.“[13] – „Und du selbst, warum bist du nicht nach Mekka gegangen?“ – „Ich bin schon seit langem Hadj“[14], erwiderte der höchstens zwölfjährige Bengel, „und wenn ich um diese Zeit hier bleibe, verdiene ich viel mehr als Führer, da fast alle Frengi das Grabmal unserer gnädigen Frau Haua zu besuchen pflegen und für mich dann immer ein gutes Bakschisch übrig haben.“ Und das mag wol im Durchschnitt für alle Djedda-Bewohner das Treibende sein. Das Grabmal der Eva liegt in einem etwas höher als 1 m ummauerten Friedhof, ausserhalb der Stadt, nach Norden zu. Unsere Ururgrossmutter muss sehr lang gewesen sein, denn der Kopf liegt an der östlichen Mauer und ist durch einige verkrüppelte Palmen angedeutet. Eine niedere und etwas mehr als 1 m breite Steineinfassung bezeichnet die übrige Lage des Körpers, während Bauch und Lendentheile durch ein kleines Gebäude besonders beschützt sind. In diesem Gebäude zeigt ein alter Marabut – gegen ein Bakschisch natürlich – unter bunten Tuchüberwürfen einen hölzernen Sarkophag. Er öffnet auch auf Verlangen – gegen ein Extrabakschisch natürlich – ein kleines Kläppchen in dem hölzernen Sarge. Und auf den Einwurf, dass man nichts bemerke, zündet er eine Kerze an, und – gegen ein abermaliges Extrabakschisch – leuchtet er hinein, um einem das Herz der Eva zu zeigen. Man sieht natürlich nichts. Aber das ist auch selbstverständlich: „ein Ungläubiger ist ja mit Blindheit geschlagen; nur der Moslim vermag das Herz der gnädigen Frau Haua zu erblicken.“ – Ist das nun nicht ein Wunder? Wagt es angesichts einer solchen Thatsache ein Christ noch zu zweifeln an der Wahrhaftigkeit des Islam? Das westliche Ende der Kirchhofsmauer bezeichnet die Lage der Füsse der Eva, mithin hatte der Körper die achtungswerthe Länge von ca. 100 m. Aber schön muss sie nicht gewesen sein, diese unsere Stammmutter. Denn bei einer so grossen Länge nur etwas breiter als 1 m gewesen zu sein? Man stelle sich im Geiste eine solche Pappel vor: eine wahre Vogelscheuche!

Auf dem Friedhofe liegen auch noch einige andere Mohammedaner begraben, im Gebäude selbst wird sogar das Grabmal der Mutter des Sultans Mahmud des Grossen, wie die Türken ihn nennen, und das eines frommen Schich gezeigt, dessen Namen mir leider entfallen ist. Sollte sich jemand indess dafür besonders interessiren, so könnte sicher eins der Consulate in Djedda Auskunft ertheilen. Vielleicht würde man übrigens nicht weit von der Wahrheit ab sein, wenn man aufs gerathewohl sagte, es liegt dort der Schich „Mohammed“ oder „Abdallah“ begraben.

Etwas Grün sieht man auch auf dem Kirchhofe, wie auch ausserhalb desselben, namentlich fand ich einige blühende Sennesbüsche. Im allgemeinen macht aber die Abwesenheit von Grün, der Mangel an Süsswasser den Aufenthalt in Djedda zu einem entsetzlich trostlosen, was für die Eingeborenen nur durch die grosse Nähe ihres Sanctuariums – Mekka ist 100 km entfernt – ausgeglichen wird. Hiervon profitiren aber die Europäer nicht, wenigstens geistig nicht.

Nach einigen Erfrischungen bei englischen jungen Kaufleuten, welche uns zuvorkommend einluden, ihr „Home“ zu besuchen, gingen wir nach dem Hafen zurück. Und, o Wunder! Die Javaner rüsteten sich in aller Ordnung und Eile zum Aufbruch nach Mekka. Ein jeder hatte seine Siebensachen wiedergefunden. Mochte jenem auch sein ganzer Oelvorrath verloren gegangen, diesem die Hälfte seines Mehls ausgeschüttet, einem dritten seine Essschale zerbrochen, einem vierten der Spiegel in tausend Scherben zerschlagen sein – das liess sich alles leicht verschmerzen. Mekka und die Kaaba winkten ja von fern, und damit war ja schon die Schwelle des Paradieses überschritten. Mochten die Beduinen auch doppelte und dreifache Taxe für die Kamele fordern, denn diese frommen Wüstensöhne wussten ja, dass sie fordern konnten, was sie wollten, da es der letzte Augenblick war, um noch zum Opfer und zum Kaaba-Umgang rechtzeitig einzutreffen – auch das liess sich verschmerzen, denn was bedeutete das Geld im Vergleich zu den in Aussicht stehenden Freuden des Paradieses! Freude glänzte daher auch auf den sonst so ausdruckslosen gelben Gesichtern, und uns, den Frengi, warfen sie verächtliche, mitleidige Blicke zu, als wir unser Boot bestiegen, um zur Messina zurückzufahren.

Wir mussten jetzt nach Suakin hinüber, das auf der andern Seite an der afrikanischen Küste in Süd zu Ost gelegen ist. Die Ueberfahrt war prächtig, die verhältnissmässig kühlen Nächte, durchschnittlich +25°C., wirkten äusserst belebend nach des Tages Glut, welche man auszustehen hatte. Die Stadt liegt nicht unmittelbar an der Küste, sondern man gelangt zu ihr mittels eines ca. 1 km langen natürlichen Kanals, kaum breit genug, dass zwei Dampfer ausweichen können. Diese Seeenge läuft in einen Sack aus, und in diesem Wassertümpel liegt auf einer kleinen fast runden Insel Suakin oder, wie einige auch schreiben oder sprechen, Suakim. Mit dem Festlande durch einen Damm verbunden, befindet sich dort gleich der viel bedeutendere Ort Kef. Wenn man die Gesammtbevölkerung beider Orte auf 5000 Seelen veranschlagen darf, so kommt wol auf die eigentliche Insel Suakin kaum mehr als der dritte Theil der Einwohner. Später mehr hierüber.

Hier sind wir aber auf ägyptischem Grund und Boden, wenn auch noch nicht seit langer Zeit, denn erst 1865 wurde die Stadt nebst den andern am Rothen Meere von der Türkei an Aegypten abgetreten. Aber man merkt die ägyptische Herrschaft auch im Schlafe, möchte ich sagen, an der grössern Toleranz. Namentlich unter der Regierung des vorigen Chedive gab es wol kein Land auf der Erde, welches sich grösserer religiöser Duldung erfreute als Aegypten. Während der eigentliche Handel und die Hauptreichthümer Djeddas sich denn auch in den Händen der Eingeborenen, der Mohammedaner, befinden, obschon auch diese jetzt meist mit christlichem oder, wenn man diesen Ausdruck nicht liebt, mit europäischem Gelde arbeiten, liegt der commercielle Schwerpunkt in Suakin bei den Europäern.

Meerwärts am Ufer des Eilandes leuchtete uns ein „Hôtel du Soudan“ entgegen und, da ich ohnedies zur Stadt musste, um ein mir zum Verkauf angebotenes Zelt zu besichtigen, nahm ich dankend die Einladung des Kapitäns an, mit ihm ans Land zu gehen. Die Stadt macht einen freundlichen Eindruck; ein kleiner Markt oder, besser gesagt, Platz, zeigt einige europäische Restaurants, und im gastlichen Hause des Herrn Braun, eines liebenswürdigen Landsmannes, konnten wir eine angenehme Ruhepause machen. Herr Braun, welcher Anfang dieses Jahres vorzüglich unterweisende Aufsätze über die Häfen und Handelsverhältnisse des Rothen Meers schrieb und im berliner „Export“[15] veröffentlichte, liess mir darüber nichts weiter zu sagen übrig. Und ich bin überzeugt, selbst ein Kaufmann, welcher noch länger als Herr Braun in jenen Gegenden geweilt hätte, würde kein besseres Urtheil als er abgeben können. Nur gegen Eins möchte ich eine Einwendung erheben.

Herr Braun sagt im „Export“ Nr. 9 vom 28. Februar 1882 in Beziehung auf Colonisation: „Keinem vernünftigen Menschen, welcher die hier besprochenen Gegenden kennt, wird es je einfallen, einer deutschen Colonisation von dieser Seite her nach Afrika hinein das Wort zu reden. Dagegen sprechen folgende Erwägungen: 1. Sämmtliche Plätze des Rothen Meers haben als nächste Umgebung und auf viele Meilen ins Land hinein nur ‚Wüste‘ und gänzlich unfruchtbare Gegenden. Aus diesem Grunde würde selbst eine allenfallsige Colonie im Innern wegen der zu grossen Entfernung des nöthigen Schutzes vom Meere her entbehren.“

Wir stimmen im allgemeinen mit Herrn Braun überein, bedauern aber, dass er unsere neuern Literaturerzeugnisse über Cultivation und Colonisation nicht genugsam beachtet hat. Und doch ist gerade in den letzten Jahren ein so reichhaltiges Material[16] in dieser Beziehung veröffentlicht worden, dass man mit entscheidenden Urtheilen sehr zurückhaltend sein sollte. Jedenfalls ist es, so competent Herr Braun in Handels- und kaufmännischen Sachen sein mag, vollkommen irrthümlich, wir bedauern das sagen zu müssen, dass in der Nähe der Städte des Rothen Meers nur „Wüste“ sei. Auch die meisten Reisenden, welche von Massaua aufbrachen, z.B. zuletzt Tagliabue, Matteucci, Vigoni u.s.w., sprechen von „Wüste“ (deserto), welche zu durchwandern sei, ehe man das abessinische Hochland erreiche. Aber diese Herren haben ebenso wenig wie Herr Braun die „Wüste“ gesehen, können also gar kein Urtheil, wenigstens aus Erfahrung nicht, darüber abgeben, was man unter Wüste versteht. Ich frage aber einfach, ob man „Wüste“ die Umgebung von Suakin nennen kann, wo die Botaniker Hunderte verschiedenster Pflanzen einheimsen, welche dort unter den Mimosen wachsen oder im Schatten von Euphorbien gedeihen. Oder wo man, ab und zu wenigstens, Ackerbau treibt und zwar so, dass der Boden durch den Pflug aufgefrischt wird. Oder wo in nächster Nähe beim Tokar- und Ossip-Fluss (Tokar-Gegend, eine Niederung) grosse Baumwollanpflanzungen waren und vorzüglich gediehen? Wenn letztere zu Grunde gingen, ist es sicher nicht in klimatischer Ungunst oder in mangelhaften Bodenverhältnissen zu suchen. Der Grund liegt in ganz andern Dingen. Der Barka schwemmt so viel Wasser jahraus jahrein fort, und die ganzen weiten Ebenen südlich von Suakin sind so mit Feuchtigkeit durchtränkt, dass es selbst mehrere Jahre hintereinander nicht zu regnen braucht, und der Boden bleibt doch feucht. Die Feuchtigkeit des Bodens der weiten Ebene südlich von Suakin ist eben abhängig von dem abessinischen Regen, von den Niederschlägen auf Hamasen, Bogos und Mensa, und dort regnet es alljährlich.

Auch wenn Herr Braun unter 2 und 3 sagt: „Die Völkerstämme seien zur Arbeit und Cultivirung des Landes gänzlich unbrauchbar, und es würde daher ein grosser Aufwand europäischer Arbeitskräfte erforderlich sein“, so ist das nicht ganz zutreffend. Die Hinterlandsbevölkerung am Rothen Meere des afrikanischen Continents treibt Viehzucht und Ackerbau. Und namentlich, wenn es unter Umständen gelänge, abessinische Ackerbauer zu gewinnen, würde man die Cultivirung des Landes unter ganz andern Bedingungen beginnen können. Aber, wie gesagt, in allen übrigen Dingen wird jeder die von Herrn Braun mit Klarheit entwickelten Ansichten im „Export“ unterschreiben können; auch wir möchten nach diesen Gegenden namentlich keine Deutschen locken, welche ihr Vaterland verlassen, um „auszuwandern“. Wer nach den Küsten des Rothen Meers geht und dort von vornherein sein Glück machen will, muss, so scheint es, noch aufgeweckter sein als die, welche es in Amerika, in Australien und Indien versuchen, aber, wie Herr Braun ganz richtig sagt, es ist Platz für jedermann dort und noch viele ungehobene Schätze sind zu gewinnen.

Mein Weg, um das vorhin erwähnte Zelt zu kaufen, führte mich durch das recht belebte Kef nach ausserhalb, wo eine halbe Stunde oder ca. 3 km entfernt ein Grieche eine recht hübsche Farm besass. Als alte Bekannte begrüssten wir die Calotropis procera, verschiedene Mimosen, und die nach allen Seiten (Wüste!) reichlich bestandene Landschaft wurde abgeschlossen durch eine Alpenlandschaft, welche in ihrer Grossartigkeit schon ganz an Abessinien erinnerte. Namentlich mein Begleiter, Dr. Stecker, schwelgte in Entzücken, denn im Handumdrehen konnte er eine schöne Ausbeute an Coleopteren, besonders grossen Buprestiden und reizenden Cetonien, welche hier auf den Akazien und Calotropis vorkamen, sammeln, ebenso einige Spinnen und eine sehr häufige, von den Blättern der Calotropis procera sich nährende buntgescheckte grosse Accidide.

Als wir abends durch die lange Strasse von Kef zurückkehrten, sahen wir dieselbe von stolzen Nubiern bevölkert, welche gravitätisch daherschreitend, in ihrem dicken, wulstigen, schwarzen Lockenhaar mit der langen hölzernen Spindel geschmückt waren. Hadendoa und Beschari erinnern im Aeussern und in ihrem Auftreten schon stark an die Abessinier, mit denen in frühern Zeiten auch wol ein innigerer Zusammenhang bestand, welcher durch die später eintretende Verschiedenartigkeit der Religion immer mehr abnahm.

Von Suakin führt eine der Hauptstrassen nach dem Innern von Afrika. Graf Krokow, Schweinfurth, Junker und verschiedene andere haben sie durchmessen, ja, nicht lange ist es her, als man ernstlich daran dachte, von hier eine Eisenbahnlinie ins Innere zu legen. Tags vorher war noch einer unserer alten Bekannten von Kassala oder doch aus der dortigen Gegend gekommen: Kapitän Speedy. Derselbe lebte vor Jahren längere Zeit in Abessinien, war eine Zeit lang nächst Plowden und Bell Günstling Theodor’s gewesen und hatte sich infolge seines langen Aufenthalts in Aethiopien die beiden Hauptsprachen des Landes: Amharisch und Tigrisch, vollkommen zu eigen gemacht. In seinem Drange nach Abenteuern besuchte er, nachdem er sich mit dem Negus entzweit, Neuseeland, durchstreifte verschiedene andere britische Colonien und traf während des englischen Feldzugs wieder in Abessinien ein, um dem Oberstcommandirenden, Lord Napier, als Dolmetsch zur Seite zu stehen. Nach Beendigung des kurzen, für England aber so ruhmvollen Kriegszugs, wurde Speedy zum Gouverneur des jungen abessinischen Prinzen Alamayo auserwählt.

Was eigentlich die englische Regierung oder vielmehr Lord Napier bewog, den Prinzen Alamayo[17] nach Indien und England zu bringen, wird wol stets ein Geheimniss bleiben. Kaum ist anzunehmen, dass der britische Befehlshaber es that, um den fremden Prinzen nach altrömischer Sitte an seinen Triumphwagen zu spannen. Wie der Erfolg lehrte, beabsichtigte man auch nicht, durch ihn später Einfluss in Abessinien zu gewinnen oder gar ihn selbst auf sein Herrscheramt vorzubereiten. Zudem waren die Rechte Alamayo’s auf den abessinischen Thron doch eigentlich höchst zweifelhafter Natur. Kapitän Speedy blieb während sechs Jahren mit dem abessinischen Prinzen zusammen, dem ausserdem anfangs ein abessinischer Deftera beigegeben war, um ihm das Amharische schreiben und lesen zu lehren. Man weiss nicht, weshalb man Speedy die Oberleitung des abessinischen Prinzen nahm. Er selbst, dem ich zum grossen Theil diese Mittheilungen verdanke, wusste mir darüber keine Auskunft zu geben. Alamayo wurde 1874 von Indien, woselbst er bis dahin mit Kapitän Speedy geweilt hatte, nach England gebracht, um dort seine weitere Ausbildung zu erhalten. Die britische Regierung liess ihm in der That eine vollkommen prinzliche Erziehung angedeihen, und namentlich die Königin von England interessirte sich aufs lebhafteste für den äthiopischen Prinzen.

Sofort nach der Trennung von Speedy ergriff den Prinzen Alamayo ein unbesiegbares Heimweh (eigenste Worte des Kapitäns Speedy); er war untröstlich über den Verlust seines Freundes, den ihm seine sterbende Mutter, die Königin Durenesch, aufs wärmste empfahl. Ja, er fasste jetzt einen förmlichen Hass gegen die Engländer, und als er von der unglücklichen Niederlage derselben durch die Zulu hörte, rief er: „Ich wollte, alle Engländer wären vernichtet!“[18] Ein anderes mal schrieb er an Speedy, ob er nicht etwas Geld zusammenbringen könne, um mit ihm zu fliehen, und zwar, wie er vorschlug, zum Negus Johann, dieser würde ihm gewiss den Thron abtreten. Auf einen so unsinnigen Vorschlag konnte sich der ehemalige Gouverneur des Prinzen natürlich nicht einlassen. Speedy erstrebte dann, als er von des Prinzen Krankheit hörte, noch einmal die Wiedererlangung seines alten Amtes, erreichte aber nur, dass er den Prinzen auf vier Wochen besuchen durfte. Als die englischen Aerzte endlich eine unheilbare Schwindsucht bei Prinz Alamayo constatirten, wollte man ihn nach Indien schicken, um ihn dort der Armee einzuverleiben. Aber es war zu spät. Prinz Alamayo starb im Jahre 1879, wie Kapitän Speedy sagt, am gebrochenen Herzen. Heimweh nach seinem afrikanischen Alpenlande tödtete ihn. Alamayo bekam eine prinzliche Bestattung. Auf Befehl der Königin Victoria wurde Speedy telegraphisch herbeigeholt; es war zu spät geworden, er konnte ihn nur noch einige Tage pflegen und dann seiner Beerdigung beiwohnen. So hatte er den Trost, dass der abessinische Prinz sich in den letzten Augenblicken in seiner Muttersprache unterhalten konnte, und dass sein erster Erzieher ihm im letzten Kampfe zur Seite stand.

Kapitän Speedy und sein Begleiter Kapitän Brooks kamen also an Bord. Ersterer hatte ausserdem ein Maulthier und einige Kamele mit sich, welche Thiere ebenfalls die Reise nach Massaua mitmachten. Durch die beiden Engländer erhielt unsere Tischgesellschaft eine sehr angenehme Vermehrung, denn Mr. Speedy war ein lebhafter Erzähler, und an Stoff mangelte es ihm nie. Er beabsichtigte, in die angrenzenden Nordländer von Abessinien zu gehen, da das eigentliche Abessinien zu betreten ihm verboten sei. Aus welchem Grunde, konnte ich eigentlich nicht erfahren, denn ich glaube kaum, dass der jetzige Negus Negesti Notiz von ihm nehmen würde.

Wir lagen einen ganzen Tag vor Suakin, keineswegs für uns angenehm, weil bei eintretender Ebbe das Wasser schreckliche Dünste aushauchte. Aber der Fischreichthum ist, wie überall im Rothen Meere, so auch hier ganz unglaublich. Oft sieht man eine durch leicht gekräuselte Wellen angedeutete Wolke sich auf der Seeoberfläche langsam fortbewegen. Man forscht nach der Ursache, man schreibt sie anfangs einer partiellen Brise zu. Aber keineswegs. Es sind Milliarden kleiner stint- oder sardinenartiger Fischchen, 5 cm gross, welche, wie wir später Gelegenheit hatten zu erproben, in Oel gebacken ein vorzügliches Gericht abgeben.

In Suakin gibt es kein Consulat, deshalb sind die dort wohnenden Europäer ganz auf sich selbst angewiesen. Wenn ein solches Verhältniss an der gegenüberliegenden arabischen Küste grosse Gefahren in sich schliesst, so ist das an der ägyptischen nicht zu befürchten.[19] Die Einwohnerzahl wechselt, da die Landbevölkerung, die Hadendaui, theilweise nur vorübergehend, namentlich in den Wintermonaten, dort Wohnung nehmen. Die Bevölkerung auf der Insel selbst kann man auf 1500 Seelen veranschlagen, von diesen waren 1882 ca. 60 Europäer, 20 Araber, 50 ägyptische Beamte, 300 Soldaten und 100 Galerensträflinge. Die Vorstadt Kef dürfte im Sommer 3000, im Winter 5000 Einwohner haben, wovon die meisten den Hadendaui angehören. An eigenen Schiffen besitzt Suakin nur einige Sambuk (jene ca. 50 Tonnen haltenden Schiffe mit unverhältnissmässig hohem Hinterdeck und grossem lateinischen Segel). Es kommen durchschnittlich im Monat vier ägyptische und zwei italienische Postdampfer, welche beide Linien Passagiere und Waaren befördern, nach Suakin.

Der Sklavenhandel wird von Suakin aus, namentlich aber von den Küstenpunkten in der Nähe noch immer betrieben. Bestimmte Angaben sind schwer darüber zu erhalten, da die Transporte nachts und so heimlich wie möglich stattfinden. Im Februar 1881 schaffte man von Suakin nach Djedda 65 Sklaven. Ein anderer Transport von 87 Seelen, meistens Kinder beiderlei Geschlechts, wurde im Sommer 1880 durch Militär in den Gebirgen von Singals (zwei Tagereisen von Suakin entfernt) abgefasst und durch die Behörden mit Freiheitsbriefen versehen und an die Bewohner von Suakin, zum Theil aber auch an die von Djedda abgegeben. Natürlich muss der Empfänger solcher Negerkinder eine Bescheinigung ausstellen, keinen Handel mit denselben treiben zu wollen. Halberwachsene oder ausgewachsene Burschen steckt die Regierung unter die Soldaten, während man die halbwüchsigen Mädchen dem ersten besten Soldaten als Frau beigibt.

In Suakin sind fünf Moscheen, zwei davon auf der Insel selbst, drei in Kef. Von Fanatismus weiss die Bevölkerung nichts, wie überhaupt, und wir betonen das noch einmal, unter allen mohammedanischen Ländern die ägyptische Regierung seit Mehemed Ali stets bemüht gewesen ist, religiöse Unterschiede soviel wie möglich durch vollkommenste Unparteilichkeit gegen alle verschiedenen Bekenntnisse zu verwischen.

So dampften wir denn wieder hinaus aufs hohe Meer, um unsere Schlussfahrt zu machen, denn jetzt hielten wir direct auf Massaua. Immer schwüler und unerträglicher wurde die Wärme, bis endlich der hohe Gedem-Berg als Wahrzeichen der Stadt in Sicht kam. Die Dampfer halten gerade auf ihn los und sind dann sicher, nach Massaua zu gelangen, welches erst viel später am Horizont auftaucht.

Es war schon spät abends geworden, nach Sonnenuntergang, als wir dicht bei der Stadt Anker warfen. Trotz der vorgeschrittenen Zeit wurden noch alle Hafenförmlichkeiten erledigt, und an Bord kamen die Honoratioren der Stadt: der französische Viceconsul Monsieur Raffray, bekannter Naturalist und vor Jahren schon in Abessinien; Hassen Bei, ein Oesterreicher in ägyptischen Diensten; Herr Tagliabue, Italiener; Herr Lucardi, ebenfalls; Herr Habib, der Postdirector; Herr Michel, Zolldirector. Wir hatten die erste Etappe glücklich zurückgelegt, von hier aus begann erst die eigentliche Reise. Welche Erinnerungen aber tauchten in mir auf angesichts Massauas und des mächtigen Gedem-Berges! Vor zwölf Jahren hatte ich schon einmal Massaua besucht, nur auf einen Tag von der Adulis-Bucht aus. Auf meinen Wunsch, die Stadt zu besehen, liess damals der Commandant eines vor Sues liegenden französischen Kanonenbootes dieses heizen, und wir fuhren hinüber. Munzinger hatte mich gebeten, ihm seine Frau, eine Abessinierin, mitzubringen, was ich auch that. Später sah ich ihn noch einmal, als ich zur Ausführung der libyschen Expedition in Kairo eintraf. Kaum hatte ich dort mit meiner Begleitung den Perron betreten, als Munzinger den Zug zur Fortreise benutzte, um als Generalgouverneur der Küste des Rothen Meers den Befehl über ganz Sudan zu übernehmen und den Krieg gegen Abessinien zu organisiren, welcher so verhängnissvoll für die ägyptische Armee und für Munzinger selber werden sollte, da er auf diesem Feldzuge sein Leben verlor.

Massaua, das alte Sabaitikon stoma[20], hatte, seitdem ich es 1868 gesehen, bedeutende Veränderungen erlitten und zwar zu seinen Gunsten. Bei meinem Besuch im genannten Jahre war das einzige Gebäude, welches an europäische Verhältnisse erinnerte, das, welches Munzinger, zu der Zeit englischer und französischer Consul, bewohnte. Selbst das ehemalige Haus des Gouverneurs, sowie das des frühern Consuls Plowden konnte nicht als anständig bezeichnet werden. Jetzt aber hat man eine ganze Reihe relativ vorzüglicher Wohnungen gewonnen. Herr Raffray z.B. wohnt ganz gut, und das Gebäude des frühern Gouverneurs war ebenfalls für einen einheimischen Beamten vollkommen ausreichend. Besonders hübsch und elegant nahm sich das Massaua gegenüber aufgebaute Schloss aus, dermalen Chedivialisches Palais genannt, welches aber seinerzeit Arakel Bei für sich als Amtswohnung hatte errichten lassen.

Diesen ersten Eindruck erhielt ich sofort, als ich am folgenden Morgen Ali Risa, dem Generalgouverneur der Provinzen am Rothen Meere, meine Aufwartung machte und sodann Ali ed Din, den Gouverneur von Massaua, besuchte. Ersterer war mit einem eigenen Dampfer der Regierung gekommen und beabsichtigte nach Seila zu fahren. Ein gebildeter Herr, eigentlich seines Faches Architekt, sprach er fliessend Französisch und hatte sich auch sonst durchaus europäische Manieren angeeignet. Ali ed Din, von Haus aus tscherkessischer Sklave, verdankte andern mir nicht bekannten Umständen seinen hohen Posten. Beide Herren waren übrigens sehr freundlich und zuvorkommend. Man schickte gleich eine Ehrenwache, wie es überdies mir als türkischem Bei und dann speciell als Gesandten Sr. Maj. des Deutschen Kaisers zukam.

Darauf wurden die Zollangelegenheiten geordnet, was gerade nicht sehr glatt abging. Freilich hatte ich dreissig Kisten und Koffer, und anfangs bestand der französische Director durchaus auf Durchsicht meines Gepäcks, bis er sich endlich durch den Platzgouverneur überzeugen liess, dass die von Kairo aus meinerseits gegebenen Befehle genau einzuhalten wären.

Nun war noch die Wohnungsfrage zu erledigen. Am besten wäre es gewesen, gleich hinauszuziehen nach Hotumlu und dort die Zelte aufzuschlagen. Ich hatte ein sehr geräumiges englisches Leinwandhaus, welches früher Speedy besass, gekauft, und in diesem mit doppeltem Dache und allen andern Bequemlichkeiten, wie Badezimmer, Küche u.s.w., versehenen Zelte hätte ich aufs beste wohnen können. Aber es fehlte noch manches andere, namentlich waren noch viele Einkäufe an Waaren, Geschenken und Lebensmitteln zu machen, sodass ich es für rathsam hielt, vorerst in Massaua selbst zu bleiben, und mit Dank das gütige Anerbieten des Herrn Tagliabue, in seine Wohnung zu ziehen, annahm. Der damalige italienische Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herr Cairoli, hatte die Güte gehabt, mir ein Empfehlungsschreiben für ihn mitzugeben. Und möge Herr Tagliabue, dem ich auf andere Weise gar nicht genügend meinen Dank abstatten konnte, an dieser Stelle denselben noch einmal entgegennehmen; er kommt von Herzen. Man bedenke nur, welche Last er sich durch meine Aufnahme in seine allerdings hinlänglich geräumige Wohnung aufbürdete! Und nicht blos um meine Wenigkeit allein handelte es sich, auch Dr. Stecker, Karl Hubmer, und gar bald eine Menge abessinischer Diener mussten untergebracht werden. Dazu die vielen Kisten und Kasten, die vielen Säcke mit Vorräthen, selbst Maulthiere und Hunde, die uns gehörten, füllten bald den Hof des Hauses. Wir speisten gemeinschaftlich mit Herrn Tagliabue und dessen jüngerm Bruder, und auch zu den Ausgaben des Tisches erlaubte uns unser Wirth keinen Beitrag.

Massaua, eine Insel, ist 1 km lang und von ONO. nach WSW. gelegen. Die Breite beträgt an der breitesten Stelle nicht mehr als ca. 250 m. Die Hälfte, und zwar die westliche, ist mit Häusern und Hütten bedeckt, während die östliche Seite auf der äussersten Spitze ein schlechtes Befestigungswerk mit einigen alten Kanonen und einer kleinen Kaserne aufweist. Dicht dabei befindet sich die französische Mission und Kirche. Wie in manchen Gegenden, z.B. in Posen, polnisch und katholisch, deutsch und protestantisch sich decken, so ist im Orient, besonders in Abessinien, französisch und katholisch, englisch und protestantisch ein und derselbe Begriff. Ich werde später noch darauf zurückkommen.

Auf der Insel Massaua, welche jetzt aber keine wirkliche Insel mehr ist, leben höchstens 1500 Einwohner. Zum Theil bestehen diese aus Europäern, besonders Griechen, Banianen, d.h. Ostindiern, in deren Händen sich der hauptsächlichste Handel, namentlich der Handel mit Perlen, concentrirt, und Eingeborenen vom Festlande. Wir besitzen von Massaua so vorzügliche Beschreibungen der neuern und neuesten Zeit[21], dass ich darauf verzichte, irgendetwas Neues über die dortigen Verhältnisse zu bringen.

Auf einige Aenderungen will ich indess in aller Kürze aufmerksam machen. So liess Munzinger, als er noch Generalgouverneur war, die Insel mittels eines festen Dammes mit der nahen Insel Tolhut oder Taulhut verbinden. Bei der geringen Tiefe von kaum 1,50 m war damit keine grosse Schwierigkeit verbunden. Grössere Mühe machte schon die Verbindung Tolhuts selbst mit dem Festlande, aber auch das bewerkstelligte Munzinger und vervollständigte diese nützliche Anlage dadurch, dass er ganz im Osten von Hotumlu am obern Flussbett des Mpasi, welcher durch Mkullu und Hotumlu fliesst, eine unterirdische Wasserleitung legte und bis Massaua führte. Da aber bei den Mohammedanern Unterhaltungskosten vollkommen unbekannte Dinge sind, so zerfiel die Wasserleitung nach Munzinger’s Ermordung, und jetzt läuft das Wasser nur noch bis Hotumlu.

Auf der Südspitze von Hotumlu hat die ägyptische Regierung ein ziemlich starkes Erdwerk errichtet, dort, wo etwa vor nunmehr fünfzig Jahren unser wackerer Landsmann Hemprich begraben sein mag. Hier concentrirt sich überhaupt jetzt das officielle Leben. Denn wenn auch der eigentliche „Divan“ in der Stadt selbst, gegenüber dem Zollbureau, dicht am Hafen gelegen ist, so befindet sich doch hier die Wohnung Ali ed Din’s, wo er gleichfalls „Divan“ abhält. Ebenso die Telegraphenanstalt mit dem Staatsschatz. Die eigentliche Garnison von Massaua, ein Bataillon schwarzer, sehr gut uniformirter und vorzüglich (mit Remington) bewaffneter Soldaten, campirte auf Tolhut. Campiren ist eigentlich kaum der richtige und Kaserniren der richtigere Ausdruck, denn die Soldaten sind in geräumigen, mit Strohdächern versehenen Hütten untergebracht, deren Seitenwände aus durcheinandergeflochtenen Zweigen bestehen. Auf diese Weise circulirt die Luft, und die Sonne wird, ebenso wie feuchte Niederschläge, durch das Strohdach abgehalten.

Ein zweites noch stärkeres Fort haben die Aegypter bei Saga in der Nähe von Hotumlu errichtet, es mit Kanonen versehen und dort ebenfalls 1500 Mann untergebracht. Im ganzen stehen also in Massaua, denn auch das Fort von Saga muss hinzugerechnet werden, ca. 3000 Mann regelmässiger Soldaten. Ausserdem verfügt aber der Gouverneur noch über einige hundert Mann Baschi-Bosuks.

Ich habe über die Zahl der Einwohner des eigentlichen Massaua meine ungefähre Schätzung mitgetheilt. Aber die Ortschaften Hotumlu und Mkullu nebst Saga sind, namentlich jetzt, so innig mit Massaua verwachsen, räumlich so wenig davon getrennt, dass sie eigentlich, wie Kef und Suakin, ein Ganzes bilden. Auf den Karten sieht man immer Mkullu als Ort angegeben, Hotumlu fehlt gewöhnlich. Gerade dieser Ort dürfte aber an Einwohnern, und auch sonst, der wichtigere und bedeutendere sein. Ich schätze Hotumlu auf 1500, Mkullu auf 500 und Saga auf ca. 100 Seelen. Im ganzen dürften also diese Orte, Massaua eingeschlossen, etwa 3500 Seelen haben. Die Verhältnisse des Handels hoben sich insofern etwas, als abessinischerseits der Export zu Lande nach Bogos zu (Suakin) vollständig geschlossen ist. Aber bei dem noch immer herrschenden Kriegszustand zwischen Aegypten und Abessinien sank der Verkehr, das Kommen der Karavanen, der Zufluss von Waaren aus Abessinien auf ein Viertel oder noch weniger herab, im Verhältniss zu dem, was unter normalen Verhältnissen auf den Markt gebracht werden müsste. Wachs, Butter, Häute, Felle, Kaffee, manchmal Getreide ist das Einzige, was die Abessinier bringen, und zwar darf vom Innern her alles nach Massaua gegen einen geringen und, wie ich glaube, etwas willkürlich erhobenen Zoll eingeführt werden. Erst beim Verladen nach auswärts erhebt die Douane eine Abgabe. Unter diesen Umständen leidet die Importation auch, obschon über Massaua Güter eingeführt werden, welche für den localen Consum, sowie für die umliegenden Oerter, z.B. Arkiko, und die jetzt ägyptischen Provinzen Bogos, Mensa nothwendig sind. Ja, selbst manche Waaren gehen von hier nach Kassala und Gedaref. Man importirt ausser den Artikeln für Europäer und ägyptische Beamte (hierher gehören z.B. Möbel und fertige Kleider aller Art, Kochgeschirr, Steingut, kurz alles, was die Europäer brauchen, auch Conserven u.s.w.), Baumwollstoffe, Seidenwaaren, Tuche, Brocatstoffe (diese werden von den Banianen aus Indien eingeführt: höchstwahrscheinlich lyoner Fabrikat; einen merkwürdigen Umweg machen also diese Stoffe, um nach Massaua und Abessinien zu kommen; die in Massaua lebenden Europäer gingen übrigens damit um, sich diese Stoffe direct zu verschaffen) und rothe Garne, welche, früher von England bezogen, jetzt auch Monza in Italien liefert. Ja, es ist den Italienern sogar gelungen, die Nationaltracht der Abessinier, die Schama (ein breites weisses Baumwoll-Umschlagtuch mit rothen breiten Streifen) herzustellen. Aber ich glaube kaum, dass sie damit in Abessinien sich ein grosses Feld erobern werden, da der Preis, drei Maria-Theresienthaler das Stück, für abessinische Verhältnisse zu theuer ist.[22] Auch Wein, Liqueure, schlechter Schnaps, Bier, Petroleum, Oel wird importirt, von diesen aber nur der Schnaps und nur in geringen Mengen weiter befördert. Deutsche Waaren kommen gar nicht auf den Markt, denn selbst das Bier ist österreichisch. Mit den griechischen Kramläden ist gewöhnlich ein Wein-, Schnaps- und Bierverkauf verbunden. Auch türkische Kaffeehäuser gibt es, und am Wasser befindet sich eine Art von Gasthof, den ein Grieche eigentlich nur für abessinischen Besuch einrichtete, worin aber gelegentlich auch Europäer Unterkommen suchen, wie denn zu meiner Zeit zwei französische Offiziere dort abgestiegen waren. Arme Leute, wie schon so viele vor ihnen, kamen sie aufs gerathewohl nach Massaua, um in Abessinien Dienste zu nehmen, dort ihr Glück zu suchen! Aber waren Herr und Frau Lombard, welche mit mir gekommen waren, nicht in ähnlicher Lage?

Erwähnt wurde schon, dass Frankreich eine Mission in Massaua unterhält, welche aus vier Geistlichen besteht, abhängig von der viel grössern Mission der katholischen Kirche in Keren. Die Messe wird täglich, Hochamt Sonntags gefeiert, und auch Abessinier nehmen am Gottesdienst theil. Die Gebäude der französischen Geistlichkeit sind geräumig, massiv und schön gelegen. Die Missionare haben ihre eigene grosse Cisterne (eine von den alten Cisternen, deren noch mehrere in der Nähe der Mission vorhanden sind und heute noch benutzt werden; Heuglin meint, sie seien persischen Ursprungs, der Anlage und Bauart nach würde ich sie eher zu den griechischen oder römischen rechnen), welche ihnen fürs ganze Jahr Wasser liefert.

Das gesellige Leben in Massaua ist gleich Null. Kein Mensch geht in Gesellschaft. Wohin sollte man auch gehen? Die Europäer besuchen manchmal ein türkisches Kaffeehaus, um eine Tasse Mokka zu trinken; sie gehen zu irgendeinem Griechen, um ein Glas Absinth oder eine Flasche Dreher zu trinken; oder sie gehen zum Pascha, zum liebenswürdigen Postdirector Habib Schiavi, zum Director der Douane, wo sie eine Cigarrette und Tasse Kaffee bekommen. Das ist alles. Abends wird wol ein Spaziergang oder ein Spazierritt gemacht nach Hotumlu und einzelne thun sich zusammen, um am nahen Gedem oder sonstwo in der Ebene zu jagen.

Ueber die eingeborene Bevölkerung, unter welcher Bezeichnung ich, abgesehen von den ruhigen und anscheinend theilnahmlosen Banianen, hier alle die verstanden haben will, welche nicht Europäer sind, also Abessinier (und es haust immer ein guter Theil Abessinier in Massaua und Umgegend), Schoho und andere Küstenbewohner, berichten die Reisenden nicht viel Gutes. Namentlich wird viel über das zügellose Leben in Massaua geklagt. Möglich, dass die Ausweisung sämmtlicher Herumtreiber aus Massaua und umliegenden Orten andere Verhältnisse schuf: ich fand in Massaua die Bevölkerung nicht schlimmer als anderswo, jedenfalls besser als in andern grossen Hafenstädten.

Das Klima, wenn auch im Sommer die Hitze unerträglich wird und besonders nachts wegen der dann stets herrschenden Windstille sich zu einem wahren Martyrium für alle steigert, rühmt man als gesund, namentlich auch, weil es frei ist von epidemischen und ansteckenden Krankheiten. Die Jahresdurchschnittswärme dürfte etwas über 30° betragen, die des Sommers vielleicht 45°. Es regnet jährlich viel in Massaua, und die Feuchtigkeit der Luft ist selbstverständlich enorm.

Hiermit glauben wir über Massaua gesagt zu haben, was sich im Jahre 1881 über diesen Ort berichten liess. Was mich persönlich anbetrifft, so siedelte ich nach Beendigung meiner Einkäufe nach Hotumlu über. Dort, in der Nähe, wo einst die Herzogin von Koburg-Gotha campirte, liess ich meine Zelte aufschlagen und entfaltete die deutsche Flagge. Und stattlich genug nahm sich das Lager aus, denn die ägyptische Regierung lieh mir bereitwilligst noch ein grosses Offizierszelt, sodass ausser meinem doppelbedachten Riesenzelt, welches 30 Fuss im Geviert hatte, mein Lager noch vier andere Zelte aufwies. Ehe ich aber in der Entwickelung meiner Mission fortfahre, müssen wir einen Rückblick werfen auf die allerneueste Geschichte Abessiniens, um daraus zu ersehen, was mich eigentlich nach diesem Lande führte.

ZWEITES KAPITEL.
NEUESTE ABESSINISCHE GESCHICHTE.

Veranlassung der Reise. – Negus Johannes. – Dessen Brief an den englischen Feldherrn. – Sein Vertrag mit Lord Napier. – Johannes und Gobesieh. – Schimper’s Bericht über Johannes’ Krönung. – Munzinger’s Ehrgeiz und Emporstreben. – Chedive Ismaël’s Lob. – Aegyptens Feldzug gegen Abessinien. – Johannes und seine Armee. – Die Schlacht im Abgrunde von Gudda-Guddi. – Munzinger’s Tod. – Abermals Aegypten gegen Abessinien. – Prinz Hassan. – Die Schlacht von Gura. – Hassan’s Flucht.

Meine Reise nach Abessinien geschah im Auftrage Sr. Maj. des Deutschen Kaisers. Der Negus Negesti hatte verschiedenemal an unsern Kaiser geschrieben, um Vermittelung bittend in seinem Streit mit Aegypten, und in der unserm Herrscher eigenthümlichen Leutseligkeit beschloss derselbe ein Antwortschreiben abzuschicken und, um dieser Höflichkeit noch mehr Ausdruck zu geben, dasselbe durch einen besondern Abgesandten überbringen zu lassen. Posten gibt es ja auch in Abessinien nicht. Und es war ja ganz natürlich, dass des Kaisers Wahl auf mich fiel, da ich ja vor Jahren schon einmal, wenn auch nur auf kurze Zeit, Abessinien besucht hatte. Ich begleitete die britische Expedition gegen König Theodor nach Abessinien. Mir kam diese Reise jedoch ganz unerwartet. Eben erst war ich von meiner Kufra-Expedition heimgekehrt. Aber hier galt kein Zaudern, und als eines Tags der Fürst-Reichskanzler mich kommen liess und mir die Mittheilung machte, mich bereit zu halten zu einer Reise nach Abessinien, fragte ich weder nach dem Wann und Warum, sondern stellte mich sofort zur Verfügung.

Um aber den ägyptisch-abessinischen Feldzug verstehen zu können, müssen wir zurückgreifen auf die Geschichte des abessinischen Kaisers selbst, welche zugleich die Geschichte des Landes ist, soweit uns die Nachrichten über denselben vorliegen. Der Negus ist unzweifelhaft aus alter und guter Familie. Seine sämmtlichen nähern und entferntern Anverwandten haben das Prädicat Lidj, d.h. sie gehören dem höchsten Adel an. Mit der alten Kaiserfamilie dürfte kaum andere Verwandtschaft existiren als entfernt cognatische, obschon Johannes II. ebenfalls seinen Ursprung bis auf Salomo zurückführt.

Als die britische Expedition begann, war Kassai Gouverneur von Adua und Lidj-Kassai sein Titel; aber Kassai regierte als Gouverneur keineswegs über ganz Tigre, sondern nur über die nächstliegende Gegend. Tigre hatte um diese Zeit keinen Herrscher, wie denn in den letzten Jahren der Regierung Theodor’s die vollkommenste Anarchie in ganz Abessinien herrschte. Es ist daher auch nicht ganz genau, wenn im „Record of the expedition to Abyssinia“, S. 16, gesagt wird: „Im Frühling 1867 rebellirte Dejach Kassai, Statthalter des Wagshum Gobaze in Tigre gegen seinen eigenen Herrn und bemächtigte sich der Herrschaft dieser Provinz.“ Denn er war keineswegs Dedjadj. Gobesieh rebellirte übrigens ebenfalls gegen Theodor, und dass letzterer auch nicht rechtmässiger Kaiser von Abessinien war, ist bekannt. Aber Theodor besass als Gekrönter und Gesalbter den Rechtstitel auf die höchste abessinische Würde. Wagschum Gobesieh, in den letzten Jahren der Regierung Theodor’s eigentlich mächtiger als der Kaiser, denn Schoa machte sich unter dem Enkel Sahela Selassie’s, dem König Menelek, ebenfalls unabhängig, hatte den rechtmässigen Gouverneur von Tigre, Ras Bariu, schon 1863 vertrieben. Eigenthümlich genug tritt nun das Bestreben zu Tage, dass jeder Rebell, jeder Gouverneur, welcher sich unabhängig erklärt, sofort vermeint, Ansprüche erheben zu können auf die abessinische Kaiserwürde. Menelek[23] unterschreibt sich König der Könige. Gobesieh hatte die offen ausgesprochene Absicht, sich krönen zu lassen unter dem Namen Hesekias, und Kassai, eben noch Gouverneur zweiten Ranges, erklärte offen seine Anwartschaft auf die abessinische Kaiserwürde.

In der That sollte der junge Mann bald der erstaunten Welt zeigen, dass er der bedeutendste von allen um die höchste Macht Ringenden sei. Jung, kühn und berechnend, wusste Kassai jede sich ihm bietende Gelegenheit zur Befriedigung seines Ehrgeizes festzuhalten und auszunutzen. Tapfer wie Theodor, zeigte er sich als ein viel klügerer Herrscher. Was konnte ihm daher gelegener kommen als der Feldzug der Engländer 1867? Und wenn man es vom nationalen Standpunkt aus verdammen kann, dass der Fürst von Tigre, bereits 1867 Herrscher dieses Theils von Abessinien, sich mit den Feinden seines Landes verband, so muss man immer bedenken, dass die Verhältnisse Abessiniens in den letzten Jahren der Regierung des Kaisers Theodor sich derart zugespitzt hatten, dass niemand mehr wusste, wer Freund oder Feind sei. Ausserdem besitzt der Abessinier nicht das Vaterlandsgefühl, welches sich gründet auf das Bewusstsein des mit dem Lande Verwachsenseins. Fanatisch wie der Moslim, gehorcht er leider nur den Gefühlen, welche einer Religion entspringen, die sich blos um Aeusserlichkeiten dreht. Die in Abessinien lebenden Falascha, d.h. Juden, sind in den Augen der Abessinier keine Abessinier, d.h. Christen. Die Begriffe Abessinier und Christen decken sich bei ihnen. Auch die Mohammedaner – als es noch solche gab, denn seit 1880 mussten sich alle Moslemin taufen lassen – sind dadurch bloss Abessinier geworden. Für den Anthropologen sind die christlichen Abessinier, die Mohammedaner, die Falascha stets derselben Abstammung. In der Anschauung der Abessinier ist nur Abessinier, wer Christ ist.

Wenn man dies in Erwägung zieht, wird man Kassai kaum tadeln, dass er sich empörte und die Gelegenheit ergriff, sich mit den Engländern gegen die „Gottesgeisel“ Theodor zu verbünden.

Uebrigens war Kassai keineswegs der einzige abessinische Fürst, der sich den Engländern anschloss: Hailo, Gouverneur von Hamasen, bot im September dem General Merewether seine Dienste an. Wir erfahren aber aus einem Bericht dieses Generals, dass er schon im October sich Kassai unterwerfen musste, und dieser nun immer mehr seine Herrschaft über Tigre befestigte. Er nahm sogar die für unüberwindlich gehaltene Amba Zion in Tigre, wobei verschiedene Kanonen in seine Hände fielen. Der Commandant der Bergfeste übergab sie freiwillig dem aufgehenden Gestirn, und in der That konnte Kassai nunmehr den Titel Negus von Tigre annehmen.

Bald darauf, im November 1867, eröffnete Kassai brieflich mit den Engländern officielle Beziehungen. Sein Brief lautete[24]:

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; Ein Gott. Brief, geschickt von Dedjasmadj Kassai, Anführer der Häupter von Abessinien, an den Anführer der britischen Truppen.

„Wie geht’s Ihnen? Gut?

„Durch Gottes Gnade haben wir den Thron unserer Vorfahren bestiegen, den Thron Michael’s, Ulda Salassie’s und Sabagadie’s. Wir sind alte Hausfreunde, von Consul Salt an bis auf Plowden. Ich erwartete einen Brief von Ihnen, aber da keiner kam, habe ich selbst geschrieben. Ich weiss nicht, weshalb Sie kommen. Wenn ich es wüsste, würde mir das Freude machen. Wir sind Hausfreunde. Ich sende Lidj Mircha[25], den Sohn von Atu Wurke, welcher meine Sprache und die Ihrige versteht. Ich sende Ihnen mein Herz und auch Sie, senden Sie mir Ihr Herz! Im Jahre 1860 nach Christi Geburt in der Zeit Johannes’, des Evangelisten, im Monat Hadar, am 18., Mittwochs.“

Am 21. Januar 1868 wurde dann der Gefährte Speke’s, der damalige Major Grant, nach Adua geschickt, um persönlich mit Kassai zu unterhandeln. Am 7. Februar kam Grant zurück und konnte über den schmeichelhaftesten Empfang berichten. Es liegen aus dieser Epoche zwei Briefe Kassai’s vor: an Lord Napier und General Merewether, in welchen der Prinz den Wunsch einer Zusammenkunft mit Lord Napier ausdrückt, die denn endlich auch, und sie ist denkwürdig genug, mit letztem am 25. Februar stattfand, wobei man die Vereinbarungen traf, welche der britischen Armee zum grössten Vortheil gereichten. Welches Unheil hätte in der That der Fürst von Tigre als Feind den englischen Truppen zufügen können! Die Behauptung ist nicht übertrieben, dass er die britische Expedition hätte scheitern machen können. Theodor mit Kassai verbündet! Dann hätte Lord Napier letztern erst unschädlich machen müssen!

Kassai lag natürlich vor allem daran, als Negus Negesti von Lord Napier anerkannt zu werden[26] und letztern zu bewegen, ihn unter allen Umständen gegen seinen mächtigen Rivalen Wagschum Gobesieh zu schützen. Dies konnte indess Lord Napier auf keinen Fall versprechen! Aber nichtsdestoweniger kam ein vorteilhafter Vertrag zu Stande. Kassai garantirte dem englischen Befehlshaber absolute Neutralität, versprach, wöchentlich 60000 Pfund Weizen und Gerste zu liefern, den Telegraphen zu respectiren u.s.w. Es war daher auch nicht zu viel gesagt, wenn es im englischen Rapport hiess: „Kassai’s Freundschaft war von grösster Wichtigkeit“.

Im Verlaufe der britischen, mit so staunenswerther Geschwindigkeit zu Ende geführten Expedition begegnen wir dem Fürsten von Tigre erst wieder beim Abzuge der britischen Truppen. Seinem Versprechen, Prinz Kassai zu belohnen, falls er den Engländern freien Durchgang durch Tigre gewähre, kam Lord Napier in wahrhaft königlicher Weise nach.

Kassai erhielt an Waffen die alten Gewehre vom 3. und 25. Regiment der Eingeborenen, sechs Mörser, sechs Haubitzen, 725 Musketen, 130 Flinten, eine grosse Quantität Munition, Pferde- und Artilleriegeschirr. Ferner Lebensmittel, Kleidungsstücke und Geräthschaften aller Art, kurz alles das, was für den Feldzug der britischen Truppen berechnet gewesen und jetzt überflüssig geworden war. Kassai hatte an Lebensmitteln auf Jahre hinaus Vorrath, und darunter fehlten selbst feinere Sachen nicht, wie Porterbier (230 Gallonen), Zucker centnerweise, Mixed pickles u.s.w.

So ausgerüstet, konnte er es allerdings unternehmen, gegen seine Gegner mit Zuversicht ins Feld zu ziehen. Es kamen ja eigentlich auch nur Gobesieh von Lasta und Menelek von Schoa in Betracht. Letzterer verhielt sich vollkommen ruhig, nur suchte er sich mehr und mehr in seinem eigenen Königreich Schoa zu befestigen, und wie sein grosser Vorfahr öffnete er sein Land bereitwilligst den Europäern, wovon namentlich die Italiener, sowie protestantische Missionare und katholische Bischöfe profitirten. Zwischen Gobesieh und Kassai entbrannte aber gleich der Kampf, der es nach verschiedenen Scharmützeln 1871 zur Entscheidung brachte. Gobesieh, der über eine viel grössere Armee verfügte – die Engländer geben an, dass ihm zur Zeit ihrer Anwesenheit über 60000 Krieger zu Gebote standen – hatte keine so guten Waffen wie Kassai. Aber tapfer und unternehmend, war er nach Adua gezogen, um Kassai bei und in seiner eigenen Hauptstadt anzugreifen.

Am 14. Juli 1871 standen sich die beiden Armeen nicht weit von Adua, der Hauptstadt von Tigre, gegenüber.[27] „Man kann heute noch die Knochen dort bleichen sehen“, sagt Raffray, welcher 1873 Abessinien besuchte; „westlich von Adua, auf dem Wege nach Axum liegt ein Hügel, der sich an die Berge lehnt. Auf der Seite dieser Berge stellte Kassai seine kleine Armee auf, ungefähr 12000 Mann stark, während die 60000 Mann Gobesieh’s die Ebene einnahmen, welche aus einem Wald von Spiessen zu bestehen schien. Endlich ertönte allerorts Gewehrfeuer. Aber die stockwerkweise übereinander aufgestellten Soldaten Kassai’s konnten alle zu gleicher Zeit schiessen, während aus der Armee Gobesieh’s nur die erste Reihe Gebrauch von den Feuerwaffen machen konnte. Kassai zeichnete sich durch grosse Tapferkeit aus. Mit einem Knie auf dem Boden, zielte er auf seine Feinde, unbeweglich und unbekümmert um die Gefahr, und jede Kugel brachte dem Gegner den Tod. Gobesieh, der seine Leute dadurch decimirt sah, wollte selbst den Hügel erstürmen, aber sein von einer Kugel getroffenes Pferd überschlug sich und stürzte mit ihm zu Boden. Jetzt brachen die Tigrenser hervor, und Gobesieh wurde gefangen genommen. Der Schatz und die Papiere Gobesieh’s fielen in Kassai’s Hände.“

Raffray sagt ferner: „Der Gebrauch des Landes erheischte es, Gobesieh die Augen aus dem Kopfe springen zu lassen und zwar dadurch, dass man die Ohren mit Pulver vollstopfte und sodann den Schädel durch Explosion sprengte. Kassai wandelte jedoch die Strafe um: man blendete Gobesieh einfach die Augen durch ein im Feuer geröthetes Eisen. Man legte ihm sodann silberne Ketten an und sperrte ihn auf Amba Salama ein, wo er bald darauf gestorben sein soll.“

Nach einem solchen Siege konnte Kassai daran denken, sich krönen zu lassen. In der That geschah das etwa ein halbes Jahr später, am 21. Januar 1872, in der alten Kaiserstadt Axum. Dr. Wilhelm Schimper, der zu der Zeit noch lebte, wohnte derselben bei und hat uns darüber in der „Zeitschrift für Erdkunde“, 1872, S. 270, berichtet: „Dieselbe wurde durch einen aus Aegypten verschriebenen koptischen Bischof[28] vollzogen und nahm Kassai nun den Namen Johannes an. Einige 1871 nach Abessinien gekommene italienische Arbeiter, namentlich die Gebrüder Naretti[29], hatten für den Kaiser – Negussa Negesti, König der Könige, lässt sich der Kürze halber durch Kaiser wiedergeben – ein sehr prächtiges Throngestell nebst Sessel angefertigt. Da letzteres aber nicht lang genug war, um bequem darauf liegen zu können, so liess Kassai an dessen Stelle eine Art Bett herrichten.“ Die weitern Ausführungen Dr. Schimper’s seien hier übergangen, wie es denn auch absolut unmöglich ist, dass, wie Schimper berichtet, acht Tage nach der Krönung ein Priester in Axum den Kaiser und den Abuna in den Bann gethan hätte. Schimper war überhaupt sehr schlecht auf den jetzigen Kaiser zu sprechen, und die üble Behandlung seiner Tochter[30] konnte die Beziehungen nicht verbessern. Leider sind aber überhaupt die Berichte dieses sonst so ausgezeichneten Forschers keineswegs unparteiisch und vollkommen wahr, wie denn selbst der junge Schimper, der Sohn des berühmten Gelehrten, oft genug die Unzuverlässigkeit und den grossen Leichtsinn seines Vaters bis in dessen spätestes Greisenalter hinein beklagte.[31]

Kassai hätte jetzt mit Ruhe an die Befestigung seiner Herrschaft in Abessinien denken können, wenn ihm nicht, und zwar schon im Jahre seiner Krönung, ein äusserer Feind in Werner Munzinger entstanden wäre.

Munzinger hat zu tief in die Geschichte und die staatliche Geographie Abessiniens eingegriffen, als dass nicht ein Wort über ihn hier am Platze wäre.

Munzinger hatte den britischen Feldzug in Abessinien mitgemacht. Französischer und englischer Consul zugleich, war er officiell nach der britischen Campagne nur noch französischer Consul in Massaua. England hielt es für unnütz, in Abessinien einen Vertreter zu unterhalten, da es glaubte, für lange Zeit in diesem Lande vollkommen aufgeräumt zu haben. „Dieses Land hat durchaus kein Interesse für Grossbritannien“, äusserte Lord Napier, „unsere Kaufleute wollen von commerziellen Beziehungen mit Abessinien nichts wissen.“ Aber Frankreich, schon blos der Thätigkeit seiner Missionare wegen, musste dort einen Consul haben. Trotzdem die Herrscher Abessiniens so und so oft in nicht miszuverstehender Weise den französischen Repräsentanten ihr Misfallen zu verstehen gaben[32], kommen sie immer wieder, zum Theil aus religiösen Gründen, auf ihre vermeintliche Unentbehrlichkeit zurück. „Nous sommes tellement aimés par ces peuples“, sagen sie, gerade wie sie es sich stets in Beziehung auf ihre Unterthanen in Südalgerien einbilden, und merken dabei nie, dass man ihnen empfiehlt, sie möchten die Thür von aussen zumachen. Munzinger war französischer Consul 1869–71, obschon kein einziger französischer Unterthan seinen Schutz beanspruchte.

Die britische Expedition hatte aber die Aufmerksamkeit des Chedive auf ihn gelenkt. Ismaël war ein weitschauender Mann. Mag man noch so sehr gegen ihn sprechen, die Geschichte wird ihm einst Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sein Unglück, seine Entthronung wurde hauptsächlich durch europäische Speculanten und Schwindler herbeigeführt. Besonders französische Abenteurer, welche zu Hause kein Brot hatten, überschwemmten das Land, und die unglaublichsten Dinge kamen vor, welche den Chedive Ismaël in den Bankrott trieben.

Und mag man nun über Munzinger[33], welcher den Chedive zu den unglücklichen Feldzügen gegen Abessinien zu verleiten wusste, urtheilen wie man will: die Meinung kann man ihm nicht ersparen, dass alle seine Beweggründe sich auf maasslosen persönlichen Ehrgeiz zurückführen lassen. Keineswegs sollen hiermit auch nur irgendwie die grossen wissenschaftlichen Verdienste Munzinger’s um die Erforschung Afrikas in Schatten gestellt werden. Seine „Ostafrikanischen Studien“ und besonders viele gelehrte Abhandlungen in den Petermann’schen „Mittheilungen“ werden stets ein glänzendes Zeugniss seines Wissens und seiner vorzüglichen Beobachtungsgabe bleiben. Von Geburt Schweizer, war in seinem Denken und gründlichem Wissen der so früh Dahingeschiedene ein Deutscher. Auch die politisch-administrativen Talente Munzinger’s wollen wir nicht in Abrede stellen. Im britischen Feldzuge gegen Theodor lagen oft die politischen Fäden mit den eingeborenen äthiopischen Fürsten ausschliesslich in der Hand Munzinger’s. Noch weniger soll irgendwie sein Charakter als Privatmann verdunkelt werden: ich selbst habe während der britischen Expedition und mit mir unsere Landsleute, Graf Seckendorf und Herr Stumm, zu oft Beweise seiner Güte und seiner Liebenswürdigkeit erhalten. Auch die zuerst von ägyptischen Beamten gegen ihn erhobenen Vorwürfe wegen übertriebener Grausamkeiten glaube ich zurückweisen zu müssen, denn Munzinger, ein zu guter Kenner der Eingeborenen und ihrer Verhältnisse, wusste zu gut, dass im dortigen Lande ein Regieren mit Phrasen und philanthropischen Redensarten unmöglich ist.

Aber blos aus persönlichem Ehrgeiz Tausende von Menschen in den Tod stürzen, ganze Provinzen auf Jahre hinaus unglücklich machen, kann das gutgeheissen werden? Konnte denn überhaupt schon die ägyptische Civilisation, ich meine die, welche sich in den sudanischen Provinzen dieses grossen Reichs breitmacht, würdiger auftreten und menschenbeglückender arbeiten, als dies unter den bestehenden Verhältnissen der Fall war? Und hatte nicht Munzinger schon 1871 den ausgesprochenen Wunsch, anstatt chedivialischer Gouverneur von Ostsudan, abessinischer Vicekönig zu werden? Es könnte eine solche Behauptung übertrieben erscheinen, aber für Munzinger galt es als nicht unausführbar. Der Chedive stand damals im Zenith seiner Macht. Wenn er auch verpasst hatte, im richtigen Augenblick sich unabhängig zu erklären, so hatte er doch eben erst bei Eröffnung des Sueskanals die Repräsentanten der mächtigsten Staaten Europas als Gäste im Lande der Pharaonen bewirthet und im Süden grosse, unbegrenzte Gebiete und Länder seinem Reiche einverleibt. Einen Theil davon beherrschte Munzinger und zwar durchaus unabhängig, Herr über Leben und Tod. Man wird es verstehen, dass ein solcher, mit solcher Machtvollkommenheit ausgestatteter Mann nach dem höchsten Ziele streben konnte. Vielleicht nährte Munzinger auch im Innersten seines Busens den Plan, nach der obwol mit ägyptischer Hülfe vollendeten Besiegung und Unterjochung Abessiniens sich von Aegypten ganz unabhängig zu machen. Munzinger war vollkommen der tigrischen Sprache mächtig; er verstand es, sich der Denkungsweise, den Anschauungen und Sitten der Abessinier durchaus anzubequemen; er war verheirathet mit einer Abessinierin und hatte durch Bekanntschaft und Verwandtschaft mit mächtigen eingeborenen Familien durchs ganze äthiopische Land enge Beziehungen.

Im Sommer 1872 nahm Munzinger die beiden abessinischen Provinzen Bogos und Halhal für Aegypten in Besitz[34], und zur Belohnung dafür wurde er vom Chedive im selben Jahre[35] mit der Würde und dem Titel eines Pascha belehnt. Im Herbst 1873 legte Munzinger dem Chedive seinen Plan vor, ganz Abessinien zu erobern. Munzinger glaubte fest an das Gelingen seines Unternehmens: Bogos u.s.w. hatte er ja mit leichter Mühe unterworfen, und für Aegypten waren diese nördlichen Gebiete insofern von grosser Wichtigkeit, als man nun eine ununterbrochene Strasse, eine beständige Verbindung herstellen konnte zwischen Kassala, Gedaref und Massaua. Bislang musste man, wollte man nicht einen grossen Umweg machen oder den Weg über Suakin einschlagen, über abessinisches Gebiet reisen. Eine Telegraphenlinie wurde sogleich errichtet und Senhit als Festung angelegt. Munzinger entfaltete die grösste Energie und Thätigkeit, um den leicht gewonnenen Besitz dem Chedive zu sichern. Der Negus, denn Kassai hatte sich mittlerweile schon zum Kaiser krönen lassen, musste, Wuth und Grimm im Herzen, dem Vorgehen Munzinger’s, der Einverleibung des nördlichen Theils von Abessinien in Aegypten zuschauen, da ihm ein neuer mächtiger Feind mitten in Aethiopien entstanden war. Nach der Unschädlichmachung Gobesieh’s empörte sich Ras Adal, Herrscher von Godjam. Johannes war vollkommen ohnmächtig, er konnte Munzinger keinen einzigen Soldaten entgegenstellen.

Wenn man nun bedenkt, wie Munzinger, einer der rührigsten Theilnehmer der englischen Expedition, noch ganz unter dem Eindruck der Leichtigkeit des britischen Erfolgs stehen musste, so wird man es vollkommen begreiflich finden, dass er fest vom Gelingen seiner Pläne überzeugt war. Und jetzt hatte er ja selbst schon einen Erfolg aufzuweisen und zwar einen sehr bedeutenden.

Trotz seines Erfolgs stand aber Munzinger nicht fest im Vertrauen des Chedive. Mochte von seinen Plänen einiges lautbar geworden sein, mochte man ihm seinen Erfolg neiden, oder verstand er es nicht, auf orientalische Weise zu kriechen – als man 1875 den Feldzug unternahm, war Munzinger nicht mehr Gouverneur, sondern Arakel Bei hatte ihn ersetzt.

Der von Aegypten in Scene gesetzte Feldzug wurde mit grösster Heimlichkeit ausgeführt. Wie viele Truppen man 1875 einrücken liess, lässt sich nicht bestimmen. Auf dem Kriegsministerium in Kairo wird man es auch nicht wissen. Nach den entsetzlichen Niederlagen liegt erst recht kein Grund vor, der Mitwelt bekannt zu geben, wie gross der Verlust gewesen.

Das Obercommando hatte man Arakel Bei, einem Neffen Nubar Pascha’s, übertragen, einem talentvollen, tüchtigen Manne, aber von Haus aus keineswegs gelernten Soldaten. Darauf kommt es ja auch in der Türkei und Aegypten nicht an. Die eigentliche höchste militärische Spitze war aber Arendrup Bei, dänischer Oberst a. D., wie denn überhaupt in der ägyptischen Armee viele europäische und namentlich auch amerikanische Offiziere dienten, letztere besonders aus der secessionistischen Armee. Der Ausgangspunkt war Massaua, und für die vollendete Expedition Senhit. Nach den Aussagen der Abessinier rückten die Aegypter mit 7000 Mann ein, wie jedoch letztere behaupten, nur mit drei Bataillonen. Es ist aber kaum glaublich, dass man mit einer so geringen Zahl die Eroberung Aduas unternommen hätte. Denn die Unterwerfung Tigres war das Nächste, was man wollte.

Die ägyptische Armee bewegte sich in kleinen Tagemärschen geradewegs südlich, und da sie sich auf dem Höhenzuge vom rechten Mareb-Ufer hielt, konnte sie ohne zu grosse Naturhindernisse vorwärts kommen. Ausgerüstet war dieselbe mit vorzüglichen Waffen neuester Construction. Die Soldaten hatten Remington-Gewehre, die Artillerie bestand aus Hinterlader-Kanonen. Bekleidung, Verpflegung, Ausrüstung – nichts mangelte in dieser Beziehung. Die Offiziere waren viel luxuriöser versorgt als damals die englischen während ihres Feldzugs in Abessinien. Aber es fehlte viel, was zu einem Gelingen berechtigte. Niemand kannte das Land, die allergewöhnlichsten Vorsichtsmaassregeln, welche beim Vorrücken in einem feindlichen Lande so nothwendig sind, liess man ausser Acht, strategischer Blick scheint keinem der höhern Offiziere eigen gewesen zu sein, und man hätte nicht vergessen sollen, dass die Taktik in einem Lande wie Abessinien, und einem Volke wie den Abessiniern gegenüber, eine ganz andere sein muss als in Europa, und wiederum eine andere, als man sie fast wehrlosen centralafrikanischen Negerstämmen gegenüber ausübte.

Mittlerweile bezwang Negus Johann seinen Gegner Ras Adal. Bedeutend besserer Politiker als Theodor, sein Vorgänger, bestätigte er Ras Adal nicht nur in seiner Regentschaft, sondern verpflichtete ihn auch grossmüthig durch Ueberlassung von Waffen und Munition. Er befand sich bei der Kunde vom Anmarsch der ägyptischen Armee in Enderta[36] und zog nun in Eilmärschen mit seinem ganzen Heere den Aegyptern entgegen. Anfangs – nach eigener Erzählung des Kaisers Johann – hatte er die Absicht, die feindliche Armee hinter dem Mareb zu erwarten. Der Mareb, welcher bis ca. 14° 80′ einen vollkommen südlichen Lauf nimmt, biegt dann ziemlich plötzlich nach Westen um und bildet so die Grenze des eigentlichen Tigre. Mitte November stand Johannes mit seinen Abessiniern schon am Mareb. Die Armee mochte 50000 Streiter zählen. Genau weiss der Kaiser von Abessinien nie, wie viele Soldaten ihm zur Verfügung stehen, da schriftliche Listen u.s.w. unbekannt sind. Die Abessinier hatten sechs Geschütze bei sich, waren aber im übrigen schlecht bewaffnet. Man wird sich erinnern, dass ihnen Lord Napier nur alte Waffen überliess.

Schon am 15. November 1875 kam es zwischen den Aegyptern, von denen einige kleine Abtheilungen sich bis zum Mareb vorgewagt hatten, und Vorläufern der abessinischen Armee zu Plänkeleien. Der Negus, von allen Vorgängen der ägyptischen Armee, von jeder noch so geringfügigen Bewegung derselben aufs genaueste durch die Landleute unterrichtet, beschloss nun, mit der Armee vorzurücken. Unglücklicherweise war aber Arakel Bei gar nicht von den Unternehmungen der Abessinier unterrichtet, sondern im Gegentheil durch falsche Nachrichten irregeführt. So wusste er gar nicht einmal, dass er sich dem Negus und der Hauptarmee der Abessinier gegenüber befand, sondern glaubte, er habe es nur mit Banden zu thun. Unbegreiflicherweise begann er bei Mai Scheko den Abstieg, welcher von fast senkrechten Wänden zwischen Basaltsäulen hindurch beginnt und zu einem der schwierigsten in Nordabessinien gehört. Weshalb man überhaupt mit einer Armee diesen Weg nach Adua wählte, der freilich von Senhit aus der kürzeste, aber der schwierigste war, ist unerfindlich.

Zur selben Zeit begann aber der Negus den Aufmarsch. Während er selbst auf andern Wegen und ohne Gepäck mit einer Abtheilung seiner Armee das Ufer von Mai-Tsade bestieg, schickte er einen seiner besten Generale, den Ras Alula, auf die Anhöhen von Gundet. In Adirbate stand die Reserve, welche einen etwaigen Durchbruch nach Süden verhindern sollte. Die Strasse nach Godofelassie hatte man offen gelassen. Auf diese zu, sobald die Hauptarmee der Aegypter im Thale von Gudda-Guddi angekommen war, bewegten sich concentrisch der Negus und Ras Alula. Am 17. November waren die Aegypter schon verloren. Sie befanden sich wie in einer Mausefalle. Jede Disciplin hatte aufgehört. Einzelne Abtheilungen versuchten zwar, bis zum Mareb vorzudringen, wurden aber aus den Wäldern von unsichtbaren Feinden erschossen. Auf die Anhöhe zurückzukehren war vollkommen unmöglich. Ich habe selbst diesen Weg genommen und kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass der Aufstieg ein wahnsinniges Unternehmen gewesen wäre.

[S. 56.]

SCHLACHT BEI GUDDA-GUDDI.

Das Original, 4 Meter lang, 80 Centimeter hoch, Geschenk des Negus Negesti und in Abessinien gemalt, befindet sich im Besitz des Verfassers.

Der untere Theil schliesst sich an den obern rechts an. Die Abessinier sind stets en face, die Aegypter en profil dargestellt.

[❏
GRÖSSERE BILDANSICHT]

Gudda-Guddi ist ein schmales Thal; es heisst auch Gundet, nach den auf der linken Bergseite des Thals gelegenen Dörfern. Gudda-Guddi speciell sind einige Wasserlöcher oder Quellen, in deren Besitz sich die Aegypter gesetzt hatten. Unter fortwährendem Schiessen seitens der Abessinier, welche von den Anhöhen herab auf die Aegypter feuerten, ohne dass diese das Feuer zu erwidern vermochten, zogen sich die letzten Truppen unter Oberst Arendrup zwischen dicht bei den Quellen liegende Granitblöcke zurück und suchten sich hier zu befestigen. Die Blöcke sind haushoch, liegen dicht zerstreut beieinander und hätten mit ihren senkrechten Wänden, wenn man Zeit gehabt hätte, die Lücken zwischen den Blöcken zu schliessen, eine gute Redoute abgegeben. Aber diese Zeit mangelte. Sobald der Kaiser von oben her wahrnahm, dass dieses Häuflein – von Arendrup hatte noch ca. 4–500 Mann – sich den mörderischen Kugeln zu entziehen versuchte, stürzte er nach. Was vermochten die paar hundert gegen Tausende fanatisirter beutelustiger Krieger! Wirkte jetzt auch manche ägyptische Kugel verderbenbringend, denn bei dieser letzten Action fielen einige hundert Abessinier, am Ende musste man der Uebermacht weichen. Am 18. November lebte kein kampffähiger Aegypter mehr. Das Abschlachten des Arendrup’schen Häufleins begann um 9 Uhr morgens, um 3 Uhr nachmittags war alles vorbei. Von den Höhen hatte ein Bataillon Aegypter, welches bei Mai Scheka aufgestellt gewesen war, der Tödtung seiner Kameraden, ohne helfen zu können, zusehen müssen. Als sie sich anschicken wollten, herabzusteigen, rückten die abessinischen Truppen heran, und in wilder Flucht mussten sie sich zurückziehen. Viele von ihnen wurden noch, ehe sie die sichern Mauern von Senhit erreichten, unterwegs ermordet, denn nicht nur die Soldaten verfolgten sie, sondern auch die abessinische Landbevölkerung schlug jeden Aegypter todt, wo sie ihn fand.

Am 18. November 1875 hatte das Schlachten aufgehört. Alle Aegypter, mit Ausnahme des Bataillons, welches nicht in den Abgrund von Gudda-Guddi hinabstieg, waren getödtet. Man liess allerdings viele lebendig auf dem Schlachtfeld liegen, aber als – Entmannte! Einige derselben pflegte man sorgfältig, aber nur damit sie im Stande wären, die Kunde dieser grauenvollen Niederlage nach Massaua und Senhit zu bringen. Alle übrigen waren niedergemetzelt worden. Einen österreichischen Grafen Zichy, welcher auch in der ägyptischen Armee diente, fand man als Schwerverwundeten zwei Tage nach der Schlacht und verpflegte ihn auf Verwendung des französischen Viceconsuls in Massaua, Mr. de Sarzec. Auch er starb, und nur auf wiederholtes Bitten des Consuls gestattete der Negus ein christliches Begräbniss in Aderbati.

Die Niederlage war so gross und empfindlich für die Aegypter gewesen, dass die Localbehörden darüber gar nicht nach Kairo zu berichten wagten. Man sagte einfach, man habe die Schlacht verloren, aber man verschwieg die grauenhaften Umstände, unter denen das Abmorden vor sich ging.

Die ägyptische Regierung hatte Munzinger, der, wie wir früher gesehen, von Massaua entfernt worden war, nach Berbera geschickt, um die Küste von Seila bis Cap Gardafui in Beschlag zu nehmen. Diese bis dahin unabhängig gewesene Küste wurde nun mit einem mal unter Munzinger und auf dessen Anregung ägyptisch. Aber nicht nur an der Küste, sondern auch im Innern wusste der Chedive seine Macht zu begründen, indem er 1875 die bedeutende Oase Harar seinem Reiche einverleibte. Munzinger rastete keinen Augenblick. Er hatte mit Negus Menelek von Schoa ein Bündniss abgeschlossen, und es war ausgemacht worden, dass, während Arakel Bei vom Norden her den Negus Negesti angriffe, Munzinger vom Süden her mit dem Negus Menelek einen Einfall in Abessinien unternehmen sollte. Dass dieser kein Freund von Johannes war, dass er selbst nach der Würde der äthiopischen Kaiserkrone strebte, haben wir eingangs dieses Kapitels erfahren. Allerdings hätte dieses Unternehmen von zwei Seiten her für den jetzigen Kaiser von Abessinien bedenklich werden können. Aber Munzinger ging zu sorglos vor, er war kein Soldat, er unterschätzte offenbar die Eingeborenen, indem er sich auf seine gelegentlich des englischen Feldzugs gemachten Erfahrungen verliess. Von Tadjura im Herbst 1875 aufbrechend, an der Spitze einiger hundert Soldaten, hätte er wol mit dieser vorzüglich ausgerüsteten Truppe Schoa erreichen können, wenn dies stets unter militärischen Vorsichtsmaassregeln geschehen wäre; aber als er nachts bei Aussa lagerte und sämmtliche Wachen vor Ermüdung und Hunger dienstuntüchtig waren, überfielen ihn Galla. „Der Kampf dauerte bis 8 Uhr morgens; 175 ägyptische Leichen und 500 todte Galla bedeckten die Walstatt. Munzinger, welcher sich mit seiner Frau mitten im Lager, in seinem Zelt befand, wurde nicht ermordet, sondern er fiel kämpfend, sich vertheidigend, nachdem er selbst mit einem Gewehrschuss und zwei Revolverschüssen drei der anstürmenden Galla niedergestreckt hatte. Er erhielt einen Säbelhieb auf den Kopf, ein zweiter zerschmetterte ihm den linken Schulterknochen; ferner erhielt er noch fünf Lanzenstiche, aber er starb erst um 12 Uhr mittags. Es war eine vollständige Verwirrung und ein furchtbares Gemetzel. In wilder Flucht retteten sich die wenigen überlebenden Aegypter nach der Küste zurück, und auf der Flucht starben von ihnen noch ungefähr funfzig.“[37] So endete auch dieses Unternehmen für Aegypten sehr unglücklich, aber keineswegs konnte das den Chedive von weitern Unternehmungen gegen Abessinien abschrecken. Vielleicht jedoch hatte man ihm dieses Unglück in seiner ganzen Grösse nicht gemeldet, sondern einfach gesagt, Munzinger sei ermordet. Die Wissenschaft erlitt aber durch den Tod Munzinger’s einen schweren Verlust, denn neben seinen ehrgeizigen Unternehmungen fand er noch stets Zeit zu ethnographischen und linguistischen Studien.

Die nun geplante Expedition, zu welcher allerdings auch jetzt nicht der mindeste Grund vorlag, wurde mit grosser Sorgfalt ausgerüstet. Zum Oberstcommandirenden ernannte der Chedive seinen Sohn Hassan.

Prinz Hassan, dritter Sohn des Chedive, war 1873 nach Berlin geschickt worden, um sich militärisch auszubilden. Den Dragonern zugetheilt, that er Lieutenantsdienst bei dieser Waffe und wurde, als er nach etwa zweijährigem Dienste Abschied nahm, mit dem titulären Majorscharakter vom Kaiser entlassen. Nun soll gewiss nicht bestritten werden, dass ein deutscher Major ebenso viel vom Kriegshandwerk versteht wie ein türkischer oder ägyptischer General; aber bei der Jugend des Prinzen war es doch ein wenig gewagt, ihn gleich an die Spitze einer Armee zu stellen. In Deutschland würde man dies nicht gethan haben. Mit seiner Truppe holte sich dann Prinz Hassan im russisch-türkischen Feldzug auch keinen Lorber. Aber Vorwürfe kann man ihm auch nicht machen. Und nun sollte er gar nach Abessinien!

Diesmal wurden 25 Bataillone nach Massaua geschickt, eine ungeheuere Menge Kriegsmaterial mit verladen und nach sorgfältig angestellten Terrainstudien eine ganz andere Route gewählt, welche zwar anfangs grössere Schwierigkeiten bot, aber directer auf Massaua zurückführte und eine kürzere und mehr sichere Linie auf der Basis bildete. Man ging von Massaua direct in den Bergfalten nach Gura, wo man alsbald ein regelrecht befestigtes Werk errichtete, welches 15000 Soldaten aufzunehmen vermochte.

Im Februar brach die Armee von Massaua auf, und der Aufmarsch wurde ohne Verlust bewerkstelligt. Die ägyptische Regierung hatte von Kairo ganz neue Truppen geschickt und ohne Aufenthalt über Massaua weiter befördert, damit sie durch Erzählungen einiger von Gudda-Guddi entronnenen Entmannten nicht entmuthigt würden. Dennoch ging man nicht siegestrunken in den Kampf. Gerüchte von der Grausamkeit der Abessinier, namentlich die Gewissheit, dass die Abessinier keine Gefangenen machten, sondern jeden, der in ihre Hände gerieth, abzuschlachten pflegten, erweckten ein gewisses unheimliches Gefühl. Und wofür sollten denn auch die Aegypter sich begeistern? Was konnte dem ägyptischen Soldaten im besten Falle geboten werden? Ruhm? Kaum! Denn wer erfuhr von ihrem etwaigen Siege über die Abessinier? Schätze? Die Abessinier hatten und haben ja nichts. Das ganze Eigenthum des abessinischen Soldaten besteht nur in seiner Waffe von zweifelhafter Güte, in seiner schlechten, schmuzstrotzenden Schama.[38] Länderbesitz? Was ging es den Soldaten an, dass der Chedive noch so und so viele Quadratkilometer seinen weiten Besitzungen hinzufügen wollte? Fanatismus? Die ägyptischen Soldaten haben von Natur aus keinen Religionshass, und namentlich die schwarzen Kinder Sudans versuchten während der grässlichen Niederlagen bei Gudda-Guddi und Gura oft genug, das Herz ihrer Feinde zu rühren, indem sie sich bereit erklärten, auf der Stelle zum Christenthum überzutreten, falls man sie nicht entmanne, falls man ihnen nur das Leben lasse.

Mit aller Anstrengung arbeiteten die Aegypter, ihr Werk sturmfest und für die Abessinier uneinnehmbar zu machen, was ihnen in kurzer Zeit gelang.

Aber auch der Kaiser von Abessinien war nicht unthätig gewesen. Boten, welche das Land durchzogen, die Priester in den Kirchen riefen und predigten zum Kampf für das Vaterland gegen die ungläubigen Mohammedaner. Durch Herolde liess der Kaiser verkünden, es gelte, die Frauen und Töchter zu schützen, welche die Aegypter in ihre Harems schleppen wollten; Männer und Jünglinge sollten zum Schwert greifen, um die Bibel gegen den Koran zu vertheidigen. Und alle folgten dem Rufe. Auch der mächtige Ras Adal kam mit seiner ganzen Armee. Ganz Abessinien erhob sich, die Gefahr hatte alle geeinigt. Selbst Menelek von Schoa, der doch eben erst ein Bündniss mit Aegypten abgeschlossen, wagte nicht, sich der allgemeinen Strömung entgegenzusetzen, und wenn er auch nicht selbst kam, so schickte er doch Truppen, Geld und Vorräthe. Der Chedive hätte dem Kaiser Johann keinen grössern Gefallen thun können als mit diesem zweiten, ohne Ursache, ohne jeglichen Grund unternommenen Einfall. Zum ersten mal, seit Hunderten von Jahren, stand das Aethiopische Reich geeint da, einem einzigen Führer, dem Negus Negesti gehorchend.

Der Negus verfügte über ca. 200000 Bewaffnete: in der That eine Achtung gebietende Macht, wenn man bedenkt, dass Abessinien kaum 1,500000 Einwohner haben dürfte; dass das Land keine Wege und Stege besitzt; dass die Verbindungen sehr schwierig, oft durch reissend und tief gewordene Ströme ganz unmöglich geworden sind. Und in kurzer Zeit geschah die Zusammenbringung so vieler Krieger! An Geschützen besass Johannes etwa ein Dutzend, mit Gewehren Bewaffnete etwa 10000, alle übrigen hatten nur Lanzen[39], Schwerter und Schilde. An Pferden (Cavalerie) standen dem Kaiser höchstens einige hundert zu Gebote. So vorzüglich die abessinischen Pferde und namentlich so billig sie sind, so gibt es doch keine eigentliche Cavalerie. Dem gegenüber standen 20000 mit Remington bewaffnete, aufs vorzüglichste ausgerüstete und eingeübte[40] ägyptische Soldaten. 24 Geschütze vertheidigten das Fort von Gura, es war natürlich Feldartillerie. Cavalerie hatten die Aegypter nicht mit heraufgebracht. In dieser Beziehung also standen beide Armeen sich gleich.

Aber die Abessinier waren elektrisirt durch den Gedanken an die Vertheidigung ihres Vaterlandes, ihrer Frauen, ihrer Kinder, und fanatisirt durch die Aussicht, gegen die Ungläubigen kämpfen, für die christliche Religion sterben zu können.

Die Truppen lagen sich eine Zeit lang unthätig gegenüber, nur hin und wieder fanden kleine Scharmützel statt, welche bald mit dem Siege der einen, bald mit dem der andern Partei endeten. Und die Sache hätte für die Abessinier sehr schlimm werden können, wenn die Aegypter ruhig und defensiv in ihrem Fort geblieben wären. Die Einnahme desselben durch Sturm war einfach unmöglich.

Da geschah das Unglaubliche, dass Prinz Hassan am 7. März die Truppen ausrücken und angreifen liess. Der blutigste Kampf entspann sich, ein Kampf, wie er wol nie in Abessinien ausgefochten ward. Solche Feinde hatten sich nie gegenübergestanden. Selbst die Schlachten zur Zeit der Portugiesen und des Sultans Mohammed Granje waren nichts dagegen. Die Aegypter, abgedrängt von der Festung, von der kolossalen Uebermacht fast erdrückt, kämpften wie Verzweifelte. Die Aussicht, entmannt und getödtet zu werden, machte sie tapfer. Sie wussten, es galt siegen oder sterben. Aber immer mehr schmolzen die Aegypter zum Häuflein zusammen. Zwanzig Bataillone waren bis abends niedergemetzelt, und wenn die Abessinier auch den doppelten Verlust erlitten: sie konnten stets die empfindlichen Lücken, welche das Schnellfeuer der Aegypter in ihren Reihen anrichtete, wieder ausfüllen. Der Prinz Hassan war überall. Tapfer focht er wie ein gemeiner Soldat, zwei Pferde wurden ihm nacheinander unter dem Leibe erschossen. Ebenso aber wusste der Kaiser von Abessinien durch sein persönliches Eingreifen seine Leute zu entflammen. Zuletzt nur noch ein Morden und Schlachten, denn nachmittags war man handgemein geworden. Die Abessinier sowol wie die vom Fort abgedrängten Aegypter hatten sich verschossen. Beiden Theilen fehlte die Munition.

Endlich gegen Abend gelang es Prinz Hassan, mit einigen Bataillonen trotz der Terrainschwierigkeit das Fort wiederzugewinnen. Die Abessinier aber drängten nach. Welche Nachlässigkeit! Der Festungscommandant, der es versäumte, gleich mit Kartätschen dareinzuschiessen, auch auf die Gefahr hin, 50–100 Aegypter mit tödten zu müssen, um durch Schnell- und Massenfeuer den Abessiniern den Eingang zu verwehren!

Kaum gelang es dem Prinzen Hassan, mit einigen hundert Mann sich in einen im Fort befindlichen Reduit zu flüchten. Hier befand er sich vorläufig in Sicherheit, hier hatte er noch einige Geschütze, Waffen, Munition, Lebensmittel, nur kein Wasser. Aber es war Nacht geworden, und so konnte er nicht verhindern, dass man alle übrigen Truppen abschlachtete, dass die Kanonen des Forts, die Lebensmittel, die Munition in die Hände der Sieger fielen. Ungefähr 50000 Menschen bedeckten das Schlachtfeld, einige leicht, einige schwer verwundet. Alle Lebenden wurden entmannt. Die Todten waren glücklicherweise die Mehrzahl. Der Kaiser von Abessinien hatte am 7. März 1876 den vollkommensten Sieg erfochten und eine der grössten Schlachten geschlagen, die je in Abessinien stattfanden.

Prinz Hassan fing sogleich Unterhandlungen an. Er erbot sich, bei seinem Vater die Abtretung von Bogos und Mensa zu erwirken, ein hohes Lösegeld zu zahlen. Aber der Negus, welcher mittlerweile das Fort wieder hatte räumen lassen, verlangte unbedingte Unterwerfung. Er liess das Fort räumen, weil bei Tage Prinz Hassan aus dem Reduit ihn hätte beschiessen können. Ausserdem war der Prinz wegen Wassermangels zur baldigen Uebergabe gezwungen. Mit dem Sohne – dem Lieblingssohne – des Chedive in Händen, hätte der Negus alles erlangen können[41]: Massaua, die Ansley Bai, Kassala, Gedaref, Harar, kurz alles, was die Aegypter den Abessiniern seit Theodor’s Tod abgenommen hatten. Aber an Unterwerfung dachte Prinz Hassan nicht. Vielleicht fürchtete er einen erzwungenen Uebertritt zum Christenthum oder das noch schlimmere Schicksal seiner meisten Kameraden, obschon mit Unrecht, denn der Kaiser, so unerbittlich er sich gegen die übrigen Aegypter gezeigt, würde doch das Leben und die Gesundheit des Sohnes des Chedive geschont haben.

Mittlerweile, fast in Verzweiflung, knüpfte Prinz Hassan directe Unterhandlungen an mit dem abessinischen Anführer Ras Bariu, welcher mit seiner Truppe den Weg von Gura nach Massaua versperrt hielt. Und hier war er glücklicher. Gegen Auslieferung der Kriegskasse, in welcher sich 20000 Pfd. St. in Gold und ca. 30000 Thaler (österreichische Maria-Theresienthaler) in Silber befanden, liess Ras Bariu seine Truppen rücken, sodass Prinz Hassan in der Nacht vom 8. auf den 9. März durch die Lücke hindurch entfliehen konnte. Er erreichte ganz allein[42], zu Pferde, um Mitternacht am 9. März Massaua, die wenigen Soldaten, todmüde, halb verhungert und verdurstet, welche mit entfliehen konnten, trafen erst am Morgen des 10. März ein. Schreckliches Ende einer Unternehmung, die man ohne jeglichen Grund anfing, welche Tausenden von Menschen einen schmachvollen Tod bereitete und welche zurückgeführt werden muss auf den Ehrgeiz nur einiger wenigen.

Ras Bariu sollte übrigens seines Geldes nicht froh werden. Die Nachricht von der Flucht des Prinzen verbreitete sich am andern Morgen sofort durchs ganze Lager. Wie konnte so etwas auch verborgen bleiben! Kaiser Johannes eilte herbei, und ehe der Verräther Zeit hatte, mit der Kriegskasse zu fliehen, hatte sich der Negus Negesti in Besitz derselben gesetzt und den Ras gefangen genommen. Man behandelte ihn glimpflich. Beweisen konnte man ihm auch ein Einverständniss mit Prinz Hassan nicht. Das Zerrissene der Gegend, die Dunkelheit der Nacht konnte, bis zu einem gewissen Grad wenigstens, als eine Entschuldigung für ihn gelten. Man blendete ihn daher blos und steckte ihn für immer auf eine Amba.

DRITTES KAPITEL.
FORTSETZUNG DER NEUESTEN GESCHICHTE ABESSINIENS.

Menelek von Schoa. – Aegypten und Abessinien. – Mitchell’s Gefangennahme. – Negus Johannes und König Menelek. – Gordon Pascha. – Johannes schreibt an Gordon. – Gordon’s Unterredung mit Johannes zu Debra Tabor. – Johannes schreibt an den Chedive. – Johannes schreibt an die Grossmächte Europas. – Gordon verlässt den ägyptischen Dienst. – Gordon’s Brief an die Times. – Der griechische Consul Herr Mitzaki.

Durch den Sieg von Gura am 7. März 1876 änderten sich zauberhaft schnell die staatlichen Verhältnisse Abessiniens. Die dem Negus Negesti bislang von vielen verweigerte Anerkennung verwandelte sich in Unterwerfung. Empörungen gibt es ja immer in Abessinien, und das, was man in den Culturländern Europas, in Frankreich, Deutschland und England, durch „mittelalterliche Zustände“ bezeichnet, ist eben im äthiopischen Reiche noch in vollster Blüte. Aber die Grossen, die Fürsten und Könige im Lande standen nun fest zum Kaiser. Man sah in ihm ein Werkzeug Gottes, einen Auserwählten. Zweimal hatte er den Erzfeind des Landes, den verhassten Mohammedaner, geschlagen. Nur durch den directen Beistand Gottes konnte das geschehen sein! Die Priesterschaft forderte daher den Negus Negesti auf, officiell seinen Titeln hinzuzufügen: „Auserwählter Gottes“, und gern folgte er einer solchen Aufforderung. Nur einer hatte sich noch immer nicht unterworfen: nach ihm der mächtigste König in Abessinien, welcher selbst schon früher nach der Kaiserwürde strebte, den man namentlich fürchten musste, weil er directe Verbindung mit verschiedenen europäischen Mächten, namentlich mit den Franzosen und Italienern unterhielt und im Bündniss stand mit den Aegyptern: Negus Menelek von Schoa.

Vorläufig aber kräftigte sich Kaiser Johann im eigentlichen Abessinien. Aegypten knüpfte Unterhandlungen an, die jedoch zu keinem Resultat führten. Ohne irgendwelche Kenntniss von abessinischen Zuständen – in keinem Lande der Welt ist man mangelhafter über Abessinien unterrichtet als in Aegypten – schickte man verschiedene Gesandte ab, um die Freilassung der ägyptischen Gefangenen zu bewirken. Aegyptische Gefangene! Man sprach davon, dass man die ägyptischen Artilleristen und Musikanten gezwungen habe, in die abessinische Armee zu treten. Wie komisch das klingt für den, der mit abessinischen Verhältnissen vertraut ist! Abgesehen von denen, die man als lebende, aber entmannte absichtlich laufen liess, überlebte kein einziger Aegypter die Schlachten von Gudda-Guddi und Gura, ausgenommen die wenigen, welche sich durch die Flucht zu retten vermochten. Das musste man in Aegypten doch wissen!

Der Gesandte, welcher gleich darauf, im Mai 1876, nach Adua kam, Ali Bei, wurde vom Negus gut aufgenommen. Ueberhaupt hat man die Grausamkeit des Negus Negesti übertrieben. Gerade in dieser Beziehung sollte man sehr vorsichtig sein und sein Urtheil nicht vom europäischen Standpunkte, sondern von dem des betreffenden Volkes abgeben. Und was soll man dazu sagen, dass man im folgenden Jahre 1877 eine abessinische Gesandtschaft, welche der Negus abschickte, um Frieden zu schliessen und einen neuen Abuna an Stelle des Anfang 1877 gestorbenen zu holen, zu Kairo ins Gefängnis steckte! Der Schmerz und die Trauer über die eben verlorenen Schlachten war allerdings noch zu frisch, aber eine Gesandtschaft hätte man doch respectiren müssen. Erst durch Intervention des britischen Generalconsulats wurden die Abessinier befreit und kehrten sodann unbelästigt, aber auch unverrichteter Sache nach ihrem Vaterlande zurück.[43]

Kleinere Revolten eingeborener Fürsten, so der Abfall des Uald Michael, welcher zu den Aegyptern überging, konnten die immer mehr sich vollziehende Befestigung des Negus Negesti nicht verhindern. Auf das Allgemeine hatten sie gar keinen Einfluss, wie denn kleinere, oft auch grössere, zuweilen nicht einmal gegen die Gewalt des Negus Negesti gerichtete Aufstände in Abessinien von jeher chronisch gewesen sind.

In diese Zeit fällt auch die Gefangennahme des in ägyptischen Diensten stehenden Geologen und Geodäten Mitchell, welcher über seine Gefangennahme und schlechte Behandlung einen äusserst lamentabeln Bericht publicirte. Herr Mitchell befand sich im Winter 1876 als chedivialischer Beamter unter dem Schutze von 50 ägyptischen regelmässigen Soldaten in Ailet und nahm diese Grenzgegend geodätisch auf, welche zu Abessinien gehört, dagegen von Aegypten als ägyptisches Gebiet beansprucht wird, in der That aber freies, d.h. von keiner Behörde regiertes Gebiet ist. Eines schönen Tages überfiel ihn eine Abtheilung abessinischer Soldaten, die meisten ägyptischen Soldaten konnten sich durch die Flucht retten, Mitchell gerieth in die Hände der Abessinier. Natürlich wurde er in Ketten gelegt und nicht gerade zu glimpflich behandelt, nach kurzer Gefangenschaft jedoch vom Negus Negesti selbst in Freiheit gesetzt. Mitchell wundert sich in seinem Buche darüber, dass ihn der Negus Negesti ohne Gelddarbietung entliess! Kann man sich eine grössere Naivetät vorstellen? Man denke sich einen solchen Fall in Europa, sagen wir, zwischen zwei der civilisirtesten Nationen, zwischen Deutschland und Frankreich. Also diese beiden Länder befinden sich miteinander im Kriege. Auf der Grenze ertappen die Franzosen einen deutschen Geodäten, welcher ihr Gebiet vermisst, aufnimmt und kartographirt. Die Franzosen würden zweifelsohne den Deutschen auf der Stelle erschossen haben. In Abessinien blieb dagegen Herr Mitchell einige Wochen in Ketten und wurde dann bedingungslos entlassen. Aber er verlangte noch Entschädigung, Geschenke, Geld dafür, dass er für seine Regierung, die ägyptische, auf abessinischem, d.h. feindlichem Gebiet, mappirt hatte! Diese sogenannte schmähliche Behandlung, die Fesselung eines ägyptischen Beamten rief einen Schrei der Entrüstung in Aegypten und Europa gegen den Negus Negesti hervor, und selbst denkende Männer stimmten mit ein, ohne aber den wahren Sachverhalt zu kennen, nämlich dass Abessinien und Aegypten noch immer im Kriege miteinander sind.