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Wagenlenker aus Delphi
(Nach einem Gipsabguss des Bronce-Originals)

GERHART HAUPTMANN

GRIECHISCHER
FRÜHLING

1908
S. FISCHER / VERLAG / BERLIN

HARRY GRAFEN KESSLER GEWIDMET

Ich befinde mich auf einem Lloyddampfer im Hafen von Triest. Zur Not haben wir in Kabinen zweiter Klasse noch Platz gefunden. Es ist ziemlich ungemütlich. Allmählich läßt jedoch das Laufen, Schreien und Rennen der Gepäckträger nach und das Arbeiten der Krane. Man beginnt, sich zu Hause zu fühlen, fängt an sich einzurichten, seine Behaglichkeit zu suchen.

Eine Spießbürgerfamilie hat auf den üblichen Klappstühlen Platz genommen. Mehrmals ertönt aus ihrer Mitte das Wort „Phäakenland“. Erfüllt von einer großen Erwartung, wie ich bin, erzeugt mir Klang und Ausdruck des Wortes in diesem Kreise eine starke Ernüchterung. Wir schreiben den 26. März. Das Wetter ist gut: warme Luft, leichtes Gewölk am Himmel.

Ich nahm heute morgen im Hotel hinter einer sehr großen Fensterscheibe mein Frühstück ein, als, mit einem grünen Zweiglein im Schnabel, draußen eine Taube aus dem Mastenwalde des Hafens heran und nach oben, von links nach rechts, vorbeiflog. Dieses guten Vorzeichens mich erinnernd, fühle ich Zuversicht.

Wir entfernen uns nach einem seltsamen Manöver der „Salzburg“ von Triest. Die Gegenden sind ausgebrannt. Alle Färbungen der Asche treten hervor. Der Karst erscheint wie mit leichtem Schnee bedeckt. Viele gelbe und orangefarbene Segel ziehen über das Meeresblau. Die Maler sind entzückt und beschließen, zu längerem Aufenthalt gelegentlich zurückzukehren.

Es ist jetzt fünf Uhr. Seit etwa zwei Stunden sind wir unterwegs. Beinweiß zieht die nahe Strandlinie an uns vorüber. Wir haben zur linken das flache dalmatinische Land, ausgetrocknet, weit gedehnt, in braunrötlichen Färbungen. Beinweiß, wie von ausgebleichten Knochen errichtet, zeigen sich hie und da Städte und Ortschaften, zuweilen bedecken sie sanftgewölbte, braungrüne Hügel oder liegen auf dem braungrünen Teppich der Ebene. Mit scharfem Auge erkennt man fern weiße Spitzen des Velebitgebirges.

Allmählich werden diese Bergspitzen höher und der ganze Bergzug tritt deutlich hervor. Er ist schneebedeckt. Den Blick hinter mich wendend, bemerke ich: die Sonne steht noch kaum über dem Wasserspiegel, ist im Untergang. Der Mitreisenden bemächtigt sich jene Erregung, in die sie immer geraten, wenn die Stunde herannaht, wo sie die Natur zu bewundern verpflichtet sind. Bemühen wir uns, wahrhaftig zu sein! Der großartige, kosmische Vorgang hat wohl die Seelen der Menschen von je mit Schauern erfüllt, lange bevor das malerische Naturgenießen zur Mode geworden ist, und ich nehme an, daß selbst der naturfremde Durchschnittsmensch unserer Zeit, und besonders auf See, noch immer im Anblick des Sonnenunterganges auf ehrliche Weise wortlos ergriffen ist. Freilich hat sein Gefühl an ursprünglicher, abergläubischer Kraft bis auf schwächliche Reste eingebüßt.

Nach durchaus ruhiger Nacht setzt heut gegen fünf Uhr Vormittag Wind aus nordöstlicher Richtung ein. Ich merke, noch in der Kabine, bereits das leichte Stampfen und Rollen des Schiffes. Als erster von allen Passagieren bin ich an Deck. Ein grauer Dunst überzieht den Morgenhimmel. Das Meer ist nicht mehr lautlos: es rauscht. Schon überschlagen sich einzelne Wogen und bilden Kämme von weißem Gischt. Im Südosten beobachte ich eine düstere Wolkenbank und Wetterleuchten.

Die „Salzburg“ ist ein kleines, nicht gerade sehr komfortables Schiff. Die Matrosen sind eben dabei, das Deck zu reinigen. Sie spritzen aus einer „Schlauchspritze“ Wassermassen darüber hin, so daß ich fortwährend flüchten muß und auch so jeden Augenblick in Gefahr bleibe, durchnäßt zu werden. Es ist kein Tee zu bekommen, trotzdem ich, wärmebedürftig wie ich bin, mehrmals darum ersuche. Die Einrichtungen hier halten einen Vergleich mit dem norddeutschen Lloyd nicht aus.

„O, Tee, in eine Minute fertig“, wiederholt der Steward eben wieder, nachdem etwa anderthalb Stunden Wartens vorüber sind.

Jetzt 7½ Uhr; volle Sonne und Seegang. Unter anderen Wohltaten einer Seereise ist auch die anzumerken, daß man während der Fahrt die ruhige und gesicherte Schönheit der großen Weltinseln wiederum tiefer würdigen lernt. Das Streben des Seefahrers geht auf Land. Statt vieler auseinanderliegender Ziele bemächtigt sich seine Sehnsucht nur dieses einen, wie wenige notwendig. Daher noch im Reiche des Idealen glückselige Inseln auftauchen und als letzte glückselige Ziele genannt werden.

Allerlei Vorgänge der Odyssee, die ich wieder gelesen habe, beschäftigen meine Phantasie. Der schlaue Lügner, der selbst Pallas Athene belügt, gibt manches zu denken. Welche Partien des Werkes sind, außer den eingestandenermaßen erlogenen, wohl noch als erfunden zu betrachten, vom Genius des erfindungsreichen Odysseus? Etwa die ganze Kette von Abenteuern, deren unsterbliche Schönheit unzerstörbar besteht? Es kommen zweifellos Stellen vor, die unerlaubt aufschneiden; so diejenige, wo die Charybdis das Wrack des Odysseus einsaugt, während er sich in das Gezweige eines Feigenbaumes gerettet hat, und wo das selbe Wrack von ihm durch einen Sprung wieder erreicht wird, als es die See an die Oberfläche zurückgibt.

Die Windstärke hat zugenommen. Hie und da kommt ein Sprühregen über Deck. Regenbogenfarbene Schleier lösen sich von den Wellenkämmen. Rechts in der Ferne haben wir italienisches Festland. Ein kleines, scheinbar flaches Inselchen gibt Gelegenheit, das Spiel der Brandung zu beobachten. Zuweilen ist es, als sähen wir den Dampf einer pfeilschnell längs der Klippen hinlaufenden Lokomotive. Weiße Raketen schießen überall auf, mitunter in so gewaltigem Wurf, daß sie, weißen Türmen vergleichbar, einen Augenblick lang stillstehen, bevor sie zusammenstürzen.

Ich lasse mir sagen, daß es sich hier nicht, wie Augenschein glauben macht, um eine Insel, sondern um eine Gruppe handelt: die Tremiti. Der freundliche Schiffsarzt Moser führt mich ins Kartenhaus und weist mir den Punkt auf der Schiffskarte. Auf den Tremiti halten die Italiener gewisse Gefangene, die im Inselbezirk bedingte Freiheit genießen.

Ein Dampfer geht zwischen uns und der Küste gleichen Kurs.

Allmählich sind wir dem Lande näher gekommen, bei schwächerem Wind und stärkerer Dünung. Das Wasser, wie immer in der Nähe von Küsten, zeigt hellgrüne Färbungen. Es gibt schwerlich eine reizvollere Art Landschaft zu genießen, als von der See aus, vom Verdeck eines Schiffes. Die Küsten, so gesehen, versprechen, was sie nie halten können. Die Seele des Schauenden ist so gestimmt, daß sie die Ländereien der Uferstrecken fast alle in einer phantastischen Steigerung, paradiesisch sieht.

Vieste, Stadt und malerisches Kastell, tauchen auf und werden dem Auge deutlich. Die Stadt zieht sich herunter um eine Bucht. Den Hintergrund bilden Höhenzüge, die ins Meer enden: zum Teil bewaldet, zum Teil mit Feldern bedeckt. Durch das Fernglas des Kapitäns erkenne ich vereinzelt gestellte Bäume, die ich für Oliven halte. Eine starke, alte Befestigungsmauer ist vom Kastell aus um die Bucht heruntergeführt. Es ist eigentümlich, wie märchenhaft der Anblick des Ganzen anmutet. Man erinnert sich etwa alter Miniaturen in Bilderhandschriften: Histoire des batailles de Judée, Teseïde oder an Ähnliches, man denkt an Schiffe von phantastischer Form im Hafen der Stadt, an Mauren, Ritter und Kreuzfahrer in ihren Gassen.

Jene, nicht allzuferne, uns Heutigen doch schon völlig fremde Zeit, wo der Orient in die abendländische Welt, wie eine bunte Welle, hineinschlug, jene unwiederbringliche Epoche, vielfältig ausschweifender, abenteuerlicher Phantastik — so ist man versucht zu denken — müsse in einer dem Gegenwartsblick so gespenstischen Stadt noch voll in Blüte stehen. Wetterwolken sammeln sich über dem hochgelegenen Kastell. Die See wogt wie dunkles Silber. Der Wind weht empfindlich kalt.

Homer in der Odyssee läßt den Charakter des Erderschütterers Poseidon durchaus nicht liebenswürdig erscheinen. Er ist es auch nicht. Er ist unzuverlässig; er hat unberechenbare Tücken. Ich empfinde die Seekrankheit, an der viele Damen und einige Herren leiden, als einen hämischen Racheakt. Der Gott übt Rache. In einer Zeit, wo er, verglichen mit ehemals, sich in seiner Macht auf eine ungeahnte Weise beschränkt und zur Duldung verurteilt sieht, rächt er sich auf die niederträchtigste Art. Ich stelle mir vor, er schickt einen aalartig-langen Wurm aus der Tiefe herauf, mit dem Kopf zuerst durch den Mund in den Magen des Seefahrers; aber so, daß der Kopf in den Magen gelangt, dort eingeschlossen, der Schwanz mittlerweile ruhig im Wasser hängen bleibt. Der Seefahrer fühlt diesen Wurm, den niemand sieht. Obgleich er ihn aber nicht sieht, so weiß er doch, daß er grün und schleimig ist, und endlos lang in die See hinunterhängt, und mit dem Kopfe im Magen festsitzt. Die schwierige Aufgabe bleibt nun die: den Wurm, der sich nicht verschlucken und auch nicht ausspucken läßt, aus dem Innern herauszubekommen.

Seltsam ist, daß Homer diesen göttlichen Kniff Poseidons unbeschrieben läßt, zumal er doch sonst im Gräßlichen keine Grenzen kennt und — von den vielerlei Todesarten, die er zur Darstellung bringt, abgesehen — einen verwandten Zustand, der dem Zyklopen Polyphem zustößt, so schildert:

„... dem Rachen entstürzten mit Weine

Stücke von Menschenfleisch, die der schnarchende Trunkenbold ausbrach.“

Eine Gesellschaft von Tümmlern zeigt sich hie und da augenblicksschnell überm Wasser in der Nähe des Dampfers. Der Tümmler, vom Seemann als Schweinfisch bezeichnet, ist ein Delphin, der im Mittelmeer wohl fast bei jeder Tagesfahrt gesichtet wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer und sehr gefräßig.

Wir verlieren die italienische Küste wieder mehr und mehr aus den Augen. Der Nachmittag schreitet fort durch monotone Stunden, wie sie bei keiner Seereise ganz fehlen. Regenböen gehen zuweilen über Deck. Ich finde einen bequemen Sitzplatz, einigermaßen geschützt vor dem Winde. Ich schließe die Augen. Ich versinke gleichsam in die Geräusche des Meeres. Das Rauschen umgibt mich. Das große, das machtvolle Rauschen, überall her eindringend, unwiderstehlich, erfüllt meine Seele, scheint meine Seele selbst zu sein.

Ich gedenke früherer Seefahrten; darunter sind solche, die ich mit beklommener Seele habe machen müssen. Viele Einzelheiten stehen vor meinem innern Gesicht. Ich vergleiche damit meinen heutigen Zustand. Damals warf der große Ozean unser stattliches Schiff dreizehn Tage lang. Die Seeleute machten ernste Gesichter. Was ich selber für ein Gesicht gemacht habe, weiß ich nicht; denn was mich betrifft: ich erlebte damals stürmische Wochen auf zwei Meeren, und ich wußte genau, daß, wenn wir mit unserem bremensischen Dampfer auch wirklich den Hafen erreichen sollten, dies für mein eigenes, gebrechliches Fahrzeug durchaus nicht der Hafen sei.

Ich erwäge plötzlich mit einem gelinden Entsetzen, daß ich mich nun doch noch auf einer Reise nach jenem Lande befinde, in das es mich schon mit achtzehn Jahren hyperion-sehnsüchtig zog. Zu jener Zeit erzwang ich mir einen Aufbruch dahin, aber die Wunder der italienischen Halbinsel verhinderten mich, mein Ziel zu erreichen. Nun habe ich, das Versäumte nachzuholen: in 26 Jahren zuweilen gehofft, zuweilen nicht mehr gehofft, zuweilen gewünscht, zuweilen auch nicht mehr gewünscht; einmal die Reise geplant, begonnen und liegen gelassen. Und ich gestehe mir ein, daß ich eigentlich niemals an die Möglichkeit ernstlich geglaubt habe, das Land der Griechen mit Augen zu sehen. Noch jetzt, indem ich diese Notizen mache, bin ich mißtrauisch!

Ich kenne übrigens keine Fahrt, die etwas gleich Unwahrscheinliches an sich hätte. Ist doch Griechenland eine Provinz jedes europäischen Geistes geworden; und zwar ist es noch immer die Hauptprovinz. Mit Dampfschiffen oder auf Eisenbahnen hinreisen zu wollen, erscheint fast so unsinnig, als etwa in den Himmel eigener Phantasie mit einer wirklichen Leiter steigen zu wollen.

Es ist sechs Uhr und die Sonne eben im Untergehen. Der Schiffsarzt erzählt mancherlei und kommt auf die Sage vom grünen Strahl. Der grüne Strahl, den gesehen zu haben Schiffsleute mitunter behaupten, erscheint in dem Augenblick, ehe die Abendsonne ganz unter die Wasserlinie tritt. Ich weiß nicht, welche Fülle rätselhaften Naturempfindens diese schöne Vorstellung in mir auslöst. Die Alten, erklärt uns ein kleiner Herr, müßten den grünen Strahl gekannt haben; der Name des ägyptischen Sonnengottes bedeute ursprünglich: grün. Ich weiß nicht, ob es sich so verhält, aber ich fühle in mir eine Sehnsucht, den grünen Strahl zu erblicken. Ich könnte mir einen reinen Toren vorstellen, dessen Leben darin bestünde, über Länder und Meere nach ihm zu suchen, um endlich am Glanz dieses fremden, herrlichen Lichtes unterzugehen. Befinden wir uns vielleicht auf einer ähnlichen Pilgerfahrt? Sind wir nicht etwa Menschen, die das Bereich ihrer Sinne erschöpft haben, nach andersartigen Reizen für Sinne und Übersinne dürsten?

Jedenfalls ist der kleine Herr, durch den wir über den grünen Strahl belehrt wurden, ein seltsamer Pilgersmann. Das putzige Männchen reist in Schlafschuhen. Sein ganzes Betragen und Wesen erregt zugleich Befremden und Sympathie. Wohl über die fünfzig hinaus an Jahren, mit bärtigem Kopf, rundlicher Leibesfülle und kurzen Beinchen, bewegt er sich in seinen Schlafschuhen mit einer bewunderungswürdigen, stillvergnügten Gelenkigkeit. Ich habe ihn auf der Regenplane, von der die verschlossene Öffnung des Schiffsraums überzogen ist, in wahrhaft akrobatischen Stellungen bequem seine Reisebeobachtungen anstellen sehen. Zum Beispiel: er saß wie ein Türke da; indessen die Gleichgültigkeit, mit der er die unwahrscheinlichste Lage seiner Beinchen behandelte, hätte Theodor Amadeus Hoffmann stutzig gemacht. Übrigens trug er Wadenstrümpfe und Kniehosen, Lodenmantel und einen kleinen, verwegenen Tirolerhut. Mitunter machte er mitten am Tage astronomische Studien, wobei er, das Zeißglas gegen den Himmel gerichtet, die Kniee in unbeschreiblicher Weise voneinander entfernt, die Fußsohlen glatt aneinander gelegt, auf dem Rücken lag.

Wir gleiten nun schon geraume Weile unter den Sternen des Nachthimmels. Ein Schlag der Glocke, die vorn auf dem Schiff angebracht ist, bedeutet Feuer rechts. Der Leuchtturm von Brindisi ist gesichtet. Nach und nach treten drei Blinkfeuer von der Küste her abwechselnd in Wirkung. Drei neue Glockenzeichen des vorn wachthaltenden Matrosen ertönen. Sie bedeuten: Schiff in Fahrtrichtung uns entgegen. Ich habe mich so aufgestellt, daß ich die Spitze des großen Vordermasts über mir feierlich schwanken und zwischen den Sternen unaufhaltsam fortrücken sehe. Erst gegen zehn Uhr erreichen wir die enge Hafeneinfahrt von Brindisi, durch die wir, an einem Gespensterkastell vorüber, im vollen Mondlicht langsam gleiten.

Die Bewohner der Stadt scheinen schlafen gegangen zu sein. Die Hafenstraßen sind menschenleer. Treppen und Gäßchen zwischen Häusern, hügelan führend, sind ebenfalls ausgestorben. Kein Laut, nicht einmal Hundegebell, ertönt. Wir erkennen im Mondlicht und im Scheine einiger wenigen Laternen Säulenreste antiker Bauwerke. Brindisi war der südliche Endpunkt der via Appia.

Unglaublich groß wirkt das Schiff in dem kleinen, teichartigen Hafen. Aber, so groß es ist, macht es mit vieler Vorsicht am Kai fest, und erst als es fast ganz ruhig liegt, ist es bemerkt worden. Jetzt werden auf einmal die Straßen belebt. Und schon sind wir nach wenigen Augenblicken vom italienischen Lärm umgeben. Die Polizei erscheint an Bord. Wagen mit Passagieren rasseln von den Hotels heran. Drei Mandoline zupfende, alte Kerle haben sich auf Deck verpflanzt, die den Gesang einer sehr phlegmatischen Mignon begleiten.

Die Nacht liegt hinter mir. Es ist sechs Uhr früh und der 28. März. Wir sind dicht unter Land, und die Sonne tritt eben hinter den ziemlich stark beschneiten Spitzen über die höchste Erhebung des Randgebirges von Epirus voll hervor. Wenig Stratusgewölk liegt über der blauen Silhouette der Küste. Übrigens hat der Himmel Scirocco-Charakter. Streifen und verwaschene Wolkenballen unterbrechen das Himmelsblau. Das Licht der Sonne scheint blaß und kraftlos. Die Luft weht erkältend, ich spüre Müdigkeit.

Ich betrete den Speisesaal der „Salzburg“. An drei Tischen ist das Frühstück vorbereitet. Dazwischen, auf der Erde, liegen Passagiere. Einige erheben sich, noch im Hemd, von ihren Matratzen und beginnen die Kleider anzulegen. Ein großes Glasgefäß mit den verschmierten Resten einer schwarzbraunen Fruchtmarmelade steht in unappetitlicher Nähe. Der Löffel steckt seit Beginn der Reise darin.

Es ist hier alles schon Asien, bedeutet mich ein Mitreisender. Ich kann nicht sagen, daß ich besonders von diesen Übelständen berührt werde, weiß ich doch, daß Korfu, die erste Etappe der Reise, nun bald erreicht ist. Außerdem flüchtet man, nachdem man in Eile etwas Kaffee und Brot genossen hat, wieder an Deck hinaus. Die Berge der Küste, nicht höher als die, von denen etwa Lugano umgeben ist, sind noch mit einigem Schnee bestreut und ähneln ihnen, braunrötlich und kahl, durchaus. Durch diese Gebirge erscheint das Hinterland wie durch einen gigantischen Wall vor dem Meere geschützt.

Man hat jetzt nicht mehr das Gefühl, im offenen Meere zu sein, sondern wir bewegen uns in einer sich mehr und mehr verengenden Wasserstraße. Überall tauchen Küsten und Inseln auf, und nun zur Rechten bereits die Höhen von Korfu. Noch immer schweben mit Gelächter oder Geläut begleitende Möven über uns.

Je länger und näher wir an dem nördlichen Rande von Korfu hingleiten, um so fieberhafter wird das allgemeine Leben an Deck. In schöner Linie langsam ansteigend, gipfelt das Eiland in zwei Spitzen, sanft darnach wieder ins Meer verlaufend. Wieder bemächtigt sich unser jenes Entzücken, das uns eine Küsten-Landschaft bereitet, die man vom Meere aus sieht. Diesmal ist es in mir fast zu einem inneren Jubel gesteigert, im Anblick des schönen Berges, den wir allmählich nach Süden umfahren, und der seine von der Morgensonne beschienenen Abhänge immer deutlicher und verlockender ausbreitet. Ich sage mir, dieses köstliche, fremde Land wird nun auf Wochen hinaus — und Wochen bedeuten auf Reisen viel! — für mich eine Heimat sein.

Was mir bevorsteht, ist eine Art Besitzergreifen. Es ist keine unreale, materielle Eroberung, sondern mehr. Ich bin wieder jung. Ich bin berauscht von schönen Erwartungen, denn ich habe von dieser Insel, solange ich ihren Namen kannte, Träume geträumt.

Es ist zehn Uhr. Wir befinden uns nun in einer wahrhaft phäakischen Bucht. Drepane, Sichel, hieß die Insel im ältesten Altertum, und wir sind in dem Raume der inneren Krümmung. Aber das Jonische Meer ist hier einem weiten, paradiesischen Landsee ähnlich, weil auch der offene Teil der Sichel durch die epirotischen Berge hinter uns scheinbar geschlossen ist.

Ich vermag vor Kopfneuralgien kaum aus den Augen zu sehen. Ich bin insofern ein wenig enttäuscht, als unser Hotel rings von den Häusern der Stadt umgeben ist und es nicht leicht erscheint, zu jenen einsamen Wegen durchzudringen, die mich vom Schiff aus anlockten und die für meine besondere Lebensweise so notwendig sind. Ein kurzer Gang durch einige Straßen von Korfu, der Stadt, zwingt mich, die Bemerkung zu machen, daß hier viele Bettler und Hunde sind. Eine bettelnde Korfiotin, ein robustes Weib in griechischer Tracht, das Kind auf dem Arm, geht mich um eine Gabe an, und ich vermag den feurigen Blicken ihrer beiden flehenden Augen mein hartes Herz nicht erfolgreich entgegenzusetzen.

Ich sehe die ersten griechischen Priester, die im Schmuck ihrer schwarzen Bärte, Talare und hohen, röhrenförmigen Kopfbedeckungen Magiern ähneln, auf Plätzen und Gassen herumstreichen. Die nicht sehr zahlreichen Fremden gehen mit eingezogenen Köpfen umher, es ist ziemlich kalt. Im oberen Stock eines Hauses wird Schule gehalten. Die Kinder, im Innern des Zimmers, singen. Die Lehrer gucken lachend und lebhaft schwatzend zum Fenster heraus. Die Stimmen der Singenden haben mehr einen kühlen, deutschen Charakter und nicht den feurigen, italienischen, an den man im Süden gewöhnt ist. Zuweilen singt einer der Lehrer zum offenen Fenster heraus lustig mit.

Die Stadt Korfu ist in ihrem schöneren Teil durch einen sehr breiten, vergrasten Platz von der Bucht getrennt. Es ist außerordentlich angenehm, hier zu lustwandeln. Ein Capodistria-Denkmal und ein marmornes Rundtempelchen verlieren sich fast auf der weiten Grasfläche. Nach dem Meer hin läuft sie in eine Felszunge aus, die alte Befestigungen aus den Zeiten der Venezianer trägt. Ich begegne kaum einem Menschen. Die Morgensonne liegt auf dem grünen Plan, ein Schäfchen grast nicht weit von mir. Ein Truthahn dreht sich und kollert in der Nähe der langen Hausreihe, deren zahllose Fenster geöffnet sind und den Gesang von — ich weiß nicht wie vielen! — Harzer Rollern in die erquickende Luft schicken.

Wir unternehmen am Nachmittag eine Fahrt über Land; es ist in der Luft eine außerordentlich starke Helligkeit. Figi d’India-Kakteen säumen mauerartig die Straße. Wir sehen violette Anemonen unten am Wegrand, Blumen von neuem und wunderbarem Reiz. Warum will man den Blumen durchaus Eigenschaften von Tieren oder von Menschen andichten und sie nicht lieber zu Göttern machen? Diese kleinen göttlichen Wesen, deren köstlicher Liebreiz uns immer wieder Ausrufe des Entzückens entlockt, zeigen sich in um so größeren Mengen, je mehr wir uns von der Küste entfernen, ins Innere des Eilands hinein.

Der Blick weitet sich bald über Wiesen mit saftig grünen, aber noch kurzen Gräsern, die fleckweise wie beschneit von Margueriten sind. In diesen fast nordischen Rasenflächen stehen Zypressen vereinzelt da und eine südliche Bucht, der Lago di Caliciopolo lacht dahinter auf. In der Straße, die eben diese Bucht mit dem Meere verbindet, erhebt sich ein kleiner, von Mauern und Zypressen gekrönter Fels. Die Mauern bilden ein Mönchskloster. Ponticonisi oder Mausinsel heißt das Ganze, wovon man behauptet, es sei das Phäakenschiff, das, nachdem es Odysseus nach seiner Heimat geleitet hatte, bei seiner Rückkehr, fast schon im Hafen, von Poseidon zu Stein verwandelt worden ist.

Wiesen und umgeworfene Äcker begleiten uns noch. Vollbusige, griechische Frauen, in bunter Landestracht, arbeiten in den Feldern. Kleine, zottelige, unglaublich ruppige Gäule grasen an den Rainen und zwischen Olivenbäumen, an steinigen Abhängen. Auf winzige Eselchen sind große Lasten gelegt, und der Treiber sitzt auf der Last oder hinter der Last noch dazu.

Wir nähern uns mehr und mehr einem Berggebiet. Die Ölwälder geben der Landschaft einen ernsten Charakter. Die tausendfach durchlöcherten Stämme der alten Bäume sind wie aus glanzlosem Silber geflochten. Im Schutze der Kronen wuchert Gestrüpp und ein wildwachsender Himmel fremdartiger Blüten auf.

Das Achilleion der Kaiserin Elisabeth ist auf einer Höhe errichtet, in einer Eiland und Meer beherrschenden Lage. Der obere Teil des Gartens ist ein wenig beengt und kleinlich, besonders angesichts dieser Natur, die sich um ihn her in die Tiefen ausbreitet. Und jener Teil, der zum Meere hinuntersteigt, ist zu steil. Von erhabener Art ist die Achillesverehrung der edlen Frau, obgleich dieser Zug, durch Künstler der Gegenwart, würdigen Ausdruck hier nicht gefunden hat. Das Denkmal Heines, eine halbe Stunde entfernt, unten am Meere, können wir, weil es bereits zu dunkeln beginnt, nicht mehr besuchen.

Die unvergleichlich Edele unter den Frauengestalten jüngster Vergangenheit, die, nach ihresgleichen in unserem Zeitalter vergeblich suchend, einsam geblieben ist, vermochte natürlicherweise den kunstmäßigen Ausdruck ihrer Persönlichkeit nicht selbst zu finden. Und leider schufen Handlangernaturen auch hier nur wieder im ganzen und großen den Ausdruck desselben, dem sie entfliehen wollte. Und nur der Platz, die Welt, der erhabene Glanz und Ernst, in den sie entfloh, legt von diesem Wesen noch gültiges Zeugnis ab.

Wir schreiben den 30. März. Helle, warme Sonne, blendendes Licht überall. Der Morgen ist heiter, erfrischend die Luft. Die Stadt ist erfüllt vom Geschrei der Ausrufer. Viele Menschen liegen jetzt, gegen 9 Uhr früh, am Rande eines kleinen, öffentlichen Platzes umher und sonnen sich. Eine ganze Familie ist zu beobachten, die sich an eine Gartenmauer gelagert hat, in einem sehr notwendigen Wärmebedürfnis wahrscheinlich, da die Nächte kalt und die Keller, in denen die Armen hier wohnen, nicht heizbar sind. Sie genießen die Strahlen der Sonne mit Wohlbehagen, wie Ofenglut. Dabei zeigt sich die Mutter insofern ganz ungeniert durch die Öffentlichkeit, als sie, gleich einer Äffin, in den verfilzten Haaren ihres Jüngsten herumfingert, sehr resolut, obgleich der kleine Gelauste schrecklich weint.

Am Kai der Kaiserin Elisabeth steigert sich der Glanz des Lichtes noch, im Angesichte der schönen Bucht. Das Kai ist eine englische Anlage und die Nachmittagspromenade der korfiotischen Welt. Es wird begleitet von schönen Baumreihen, die, wo sie nicht aus immergrünen Arten gebildet sind, erstes, zartes Grün überzieht. Junge Männer haben Teppiche aus den Häusern geschleppt und auf dem Grase zwischen den Stämmen ausgebreitet. Ein scheußliches, altes, erotomanisches Weib macht unanständige Sprünge in den heiteren Morgen hinein. Sie schreit und schimpft: die Männer lachen, verspotten sie gutmütig. Sie kratzt sich mit obscöner Gebärde, bevor sie davongeht und hebt ihre Lumpen gegen die Spottlustigen.

Ich habe jetzt nicht mehr die tiefblaue, köstlich blinkende Bucht zur Linken, mit den weißen Zelten der albanesischen Berge dahinter, sondern ein großes Gartengebiet, und wandere weiter, meist unter Ölbäumen, bis Ponticonisi dicht unter mir liegt. Von hier gegenüber mündet ein kleines Flüßchen ins Meer und man will dort die Stelle annehmen, wo Odysseus zuerst ans Ufer gelangte und Nausikaa ihm begegnet ist.

Goethes Entwurf zur Nausikaa begleitet mich.

„Was rufen mich für Stimmen aus dem Schlaf?

Wie ein Geschrei, ein laut Gespräch der Frauen

Erklang mir durch die Dämmrung des Erwachens.

Hier seh ich niemand! Scherzen durchs Gebüsch

Die Nymphen? oder ahmt der frische Wind,

Durchs hohe Rohr des Flusses sich bewegend,

Zu meiner Qual die Menschenstimmen nach?

Wo bin ich hingekommen? welchem Lande

Trug mich der Zorn des Wellengottes zu?“

Ich meine, wenn dieses anziehende Fragment die starke Liebe wieder erweckt, oder eine ähnlich starke, wie im Herzen seines Dichters war, so kann dies kein Grund zum Vorwurf sein. Auch dann nicht, wenn diese Liebe das Fehlende, das Ungeborene, zu erkennen vermeint, oder gar zu ergänzen unternimmt. Dieser gelassene Ton, der so warm, stark, richtig und deutsch ist, wird meist durchaus mißverstanden. Man nimmt ihn für kühl und vergißt auch in der Sprache der Iphigenie die „by very much more handsome than fine“ ist, die alles durchdringende Herzlichkeit.

Der Rückweg nach der Stadt führt zwischen wahre Dickichte von Orangen, Granaten und Himbeeren. Eukalyptusbäume mit großgefleckten Stämmen von wunderbarer Schönheit begegnen. Hie und da wandeln Kühe im hohen Gras unter niedrig gehaltenen Orangenpflanzungen. Steinerne Häuschen, Höhlen der Armut, bergen sich inmitten der dichten Gärten. Kinder betteln mit Fröhlichkeit, starrend von Schmutz.

Immer weiter zwischen verwilderten Hecken, mit Blüten bedeckten, schreiten wir. Ich bemerke, außer vielen Brombeeren, dickstämmigen, alten Weißdorn. Marguerits, wie Schnee über Wegrändern und Wiesen, bilden weiße, liebliche Teppiche des Elends. Erbärmliche Höfe sind von Aloepflanzen eingehegt, über deren Stacheln unglaubliche Lumpen zum Trocknen gebreitet sind, und in der Nähe solcher Wohnstätten riecht es nach Müll. Ich sehe nur Männer bei der Feldarbeit. Die Weiber faulenzen, liegen im Dreck und sonnen sich.

Ein griechischer Hirt kommt mir entgegen, ein alter, bärtiger Mann. Die ganze Erscheinung ist wohlgepflegt. Er trägt kretensische Tracht, ein rockartiges, blaues Beinkleid, zwischen den Beinen gerafft, Schnabelschuh’, die Waden gebunden, ein blaues Jäckchen mit Glanzknöpfen, dazu einen strohenen Hut. Fünf Ziegen, nicht mehr, trotten vor ihm hin. Er klappert mit vielen kleinen Blechkannen, die, an einem Riemen hängend, er mit sich führt.

Ein frischer Nordwest hat eingesetzt, jetzt, am Nachmittag. Zwei alte Albanesen, dazu ein Knabe, schreiten langsam über die Lespianata. Einer der würdigen Weißbärte trägt über zwei Mänteln den dritten, dessen Kapuze er über den Kopf gezogen hat. Der unterste Mantel ist von hellerem Tuch, der zweite blau, der dritte über und über bedeckt mit langen, weißlichen Wollzotteln, ähnlich dem Ziegenhaar. Der Sauhirt Eumäus fällt mir ein und die Erzählung des Bettlers Odysseus von seiner List, durch die er nicht nur von Thoas, dem Sohne Andrämons, den Mantel erhielt, sondern auch von Eumäus.

Es scheint, daß die Zahl der Mäntel den Wohlstand ihrer Träger andeutet. Denn auch der zweite dieser imponierenden Berghirten hat drei Mäntel übergeworfen. Dabei tragen sie weiße Wollgamaschen und graulederne Schnabelschuh’. Jeder von ihnen überdies einen ungeschälten, langen Stab. Der Knabe trägt ein rotes Fez. Die Schnäbel seiner roten Schuhe sind länger, als die der Alten und jeder mit einer großen, schwarzen Quaste geziert.

Die Hafenstraßen zeigen das übliche Volksgetriebe. Die Läden öffnen sich auf schmale, hochgelegene Lauben, aus denen man in das Menschengewimmel der engen Gäßchen hinuntersieht. Ein Mann trägt Fische mit silbernen Schuppen auf dem flachen Handteller eilend an mir vorbei. Junge Schafe und Ziegen hängen, ausgeweidet und blutend, vor den Läden der Fleischer. Über der Tür einer Weinstube voll riesiger Fässer sind im Halbkreis Flaschen mit verschieden gefärbtem Inhalt an Schnüren ausgehängt. Man hat schlechte Treppen, übelriechende Winkel zu vermeiden, vertierten Bettlern aus dem Wege zu gehn.

Einer dieser Bettler nähert sich mir. Er überbietet jeden sonstigen, europäischen Eindruck dieser Art. Seine Augen glühen über einem sackartigen Lumpen hervor, mit dem er Mund, Nase und Brust vermummt hat. Er hustet in diese Umhüllung hinein. Er bleibt auf der Straße stehen und hustet, krächzt, pfeift mit Absicht, um aufzufallen, sein fürchterliches Husten minutenlang. Es ist schwer, sich etwas so Abstoßendes vorzustellen, als dieses verlauste, unflätige, barfüßige und halbnackte Gespenst.

Ich verbringe die Stunde um Sonnenuntergang in dem schönen, verwilderten Garten, der dem König von Griechenland gehört. Es ist eine wunderbare Wildnis von alten Zypressen-, Oliven- und Eukalyptusbäumen, ungerechnet alle die blühenden Sträucher, in deren Schatten man sich bewegt. Vielleicht wäre es schade, wenn dieser Garten oft vom König besucht würde, denn bei größerer Pflege müßte er vieles verlieren von dem Reiz des Verwunschenen, der ihm jetzt eigen ist. Die Riesenbäume schwanken gewaltig im Winde und rauschen dazu: ein weiches, aufgestörtes Rauschen, in das sich der eherne Ton des Meeres einmischt.

Wie ich heute morgen das Fenster öffne, ist die Sonne am wolkenlosen Himmel längst aufgegangen. Ich bemerke, daß alles in einem fast weißen Lichte unter mir liegt: die Straßen und Dächer der Stadt, der Himmel, die Landschaft mit ihren Wiesen, Olivenwäldern und fernen Bergen. Als ich aus dem Hotel trete, muß ich die Augen fast schließen, und lange, während ich durch den nördlichen Stadtteil Korfus hinauswandere, suche ich meinen Weg blinzelnd.

Die Vorstadt zeigt das übliche Bild. Auf kleinen Eselchen sitzen Reiter, so groß, daß man meint, sie könnten ihr Reittier mühelos in die Tasche stecken. Ruppige Pferdchen, braunschwarz oder schwarz, mit Schweifen, die bis zur Erde reichen, tragen allerlei tote Lasten und lebende Menschen dazu. Vor ihren zumeist einstöckigen Häusern hocken viele Bewohner und sonnen sich. Eine junge Mutter säugt, auf ihrer Türschwelle sitzend, ihr jüngstes Kind und laust es zugleich, in aller Behaglichkeit und Naivetät. Die weißen Mauerflächen werfen das Licht zurück und erzeugen Augenschmerzen.

Ich komme nun in die Region der Weiden und Ölgärten. Auf einer ebenen Straße, die stellenweise vom Meere bespült, dann wieder durch sumpfige Strecken oder Weideland vom Rande der großen, inneren Bucht getrennt ist. Ich ruhe ein wenig, auf einem Stück Ufermauer am Ausgang der Stadt. Die Sonne brennt heiß. Von den angrenzenden Hügeln steigt ein albanesischer Hirte mit seinen Schafen zur Straße herunter: trotz der Wärme trägt er seine drei Mäntel, oben den fließartigen, über die Schultern gehängt. Ein sehr starkes und hochbeiniges Mutterschwein kommt aus der Stadt und schreitet hinter seinen Ferkeln an mir vorüber. Es folgt ein Eber, der kleiner ist.

Es ist natürlich, wenn ich auch hier wieder an Eumäus denke, den göttlichen Hirten, eine Gestalt, die mir übrigens schon seit längerer Zeit besonders lebendig ist. Eigentümlicherweise umgibt das Tier, dessen Pflege und Zucht ihm besonders oblag, noch heute bei uns auf dem Lande eine Art alter Opferpoesie. Es ist das einzige Tier, das von kleinen Leuten noch heute, nicht ohne große festliche Aufregung, im Hause geschlachtet wird. Das Barbarische liegt nicht in der naiven Freude an Trunk und Schmaus; denn die homerischen Griechen, gleich den alten Germanen, neigten zur Völlerei. Metzgen, essen, trinken, gesundes Ausarbeiten der Glieder im Spiel, im Kampfspiel zumeist, das alles im Einverständnis mit den Himmlischen, ja in ihrer Gegenwart, war für griechische wie für germanische Männer der Inbegriff jeder Festlichkeit.

Es liegt in dem Eumäus-Idyll eine tiefe Naivetät, die entzückend anheimelt. Kaum ist irgendwo im Homer eine gleiche menschliche Wärme zu spüren wie hier. Es wäre vielleicht von dieser Empfindung aus nicht unmöglich, dem ewigen Gegenstande ein neues, lebendiges Dasein für uns zu gewinnen.

Es ist nicht durchaus angenehm, außer zum Zweck der Beobachtung, durch diese weiße, stauberfüllte Vorstadt zurück den Weg zu nehmen. Unglaublich, wieviele Murillosche Kopfreinigungen man hier öffentlich zu sehen bekommt! Es ist glühend heiß. Scharen von Gänsen fliegen vor mir auf und vermehren den Staub, ihn, die weite Straße hinabfliegend, zu Wolken über sich jagend. Hochrädrige Karren kommen mir entgegen. Hunde laufen über den Weg: Bulldoggen, Wolfshunde, Pintscher, Fixköter aller Art! Gelbe, graue und schwarze Katzen liegen umher, laufen, fauchen, retten sich vor Hunden auf Fensterbrüstungen. Eselchen schleppen Ladungen frischgeflochtener Körbe, die den Entgegenkommenden das Ausweichen fast unmöglich machen. Eine breitgebaute, griechische Bäuerin drückt, im bildlichen Sinne, wie sie pompös einherschreitet, ihre Umgebung an die Wand. Bettler, mit zwei alten Getreidesäcken bekleidet, den einen unter den Achseln um den Leib geschlungen, den andern über die Schultern gehängt wie ein Umschlagetuch, sprechen die Inhaber ärmlicher Läden um Gaben an. Ein junger Priesterzögling von sehr gepflegtem Äußeren, mit schwarzem Barett und schwarzer Sutane, ein Jüngling, der schön wie ein Mädchen ist, von einem gemeinen Manne, dem Vater oder Bruder begleitet, geht mir entgegen. Der Arm des Begleiters ist um die Schultern des Priesters gelegt, dessen tiefschwarz glänzendes Haar im Nacken zu einem Knoten geflochten ist. Weiber und Männer blicken ihm nach.

Heute entdecke ich eigentlich erst den Garten des Königs und seine Wunder. Ich nehme mir vor, von morgen ab mehrere Stunden täglich hier zuzubringen. Seit längerer Zeit zum ersten Male genieße ich hier jene köstlichen Augenblicke, die auf Jahre hinaus der Seele Glanz verleihen, und um derentwillen man eigentlich lebt. Es dringt mir mit voller Macht ins Gemüt, wo ich bin, und daß ich das Jonische Meer an den felsigen Rändern des Gartens brausen höre.

Wir haben heute den 1. April. Meine Freunde, die Maler sind, und ich, haben uns am Eingange der Königsvilla von einander getrennt, um, jeder für sich, in dem weiten, verwilderten Gartenbereich auf Entdeckungen auszugehen. Es ist ein Morgen von unvergleichlicher Süßigkeit. Ich schreibe, meiner Gewohnheit nach, im Gehen, mit Bleistift diese Notizen. Mein Auge weidet. Das Paradies wird ein Land voll ungekannter, köstlicher Blumen sein. Die herrlichen Anemonen Korfus tragen mit dazu bei, daß man Ahnungen einer andern Welt empfindet. Man glaubt beinahe, auf einem fremden Planeten zu sein.

In dieser eingebildeten Loslösung liegt eine große Glückseligkeit.

Ich finde nach einigem Wandern die Marmorreste eines antiken Tempelchens. Es sind nur Grundmauern; einige Säulentrommeln liegen umher. Ich lege mich nieder auf die Steine, und eine unsägliche Wollust des Daseins kommt über mich. Ein feines, glückliches Staunen erfüllt mich ganz, zunächst fast noch ungläubig, vor diesem nun Ereignis gewordenen Traum.

Weniger um etwas zu schaffen, als vielmehr um mich ganz einzuschließen in die Homerische Welt, beginne ich ein Gedicht zu schreiben, ein dramatisches, das Telemach, den Sohn des Odysseus, zum Helden hat. Umgeben von Blumen, umtönt von lautem Bienengesumm, fügt sich mir Vers zu Vers, und es ist mir allmählich so, als habe sich um mich her nur mein eigener Traum zu Wahrheit verdichtet.

Die Lage des Tempelchens am Rande der Böschung, hoch überm Meer, ist entzückend; alte, ernste Oliven umgeben in einiger Ferne die Vertiefung, in die es gestellt ist. Welchem Gotte, welchem Heros, welchem Meergreise, welcher Göttin oder Nymphe war das Tempelchen etwa geweiht, das in das grüne Stirnband der Uferhöhe eingeflochten, dem nahenden Schiffer entgegenwinkte? diese kleine, schweigende Wohnung der Seligen, die, Weihe verbreitend, noch heute das Rauschen der Ölbäume, das schwelgerische Summen der Bienen, das Duftgewölke der Wiesen als ewige Opfergaben entgegennimmt. Die kleinen, blinkenden Wellen des Meeres ziehen, vom leisen Ost bewegt, wie in himmlischer Prozession heran, und es ist mir, als wäre ich nie etwas anderes, als ein Diener der unsterblichen Griechengötter gewesen.

Ich weiß nicht, wie ich auf die Vermutung komme, daß unterhalb des Tempelchens eine Grotte und eine Quelle sein müsse. Ich steige verfallene Stufen tief hinab und finde beides. Quellen und Grotten münden auf grüne von Marguerits übersäte Terrassen, in ihrer versteckten Lage von süßestem Reiz. Ich bin hier, um die Götter zu verehren, zu lieben und herrschen zu machen über mich. Deshalb pflücke ich Blumen, werfe sie in das Becken der Quelle, zu den Najaden und Nymphen flehend, den lieblichen Töchtern des Zeus.

Ein brauner, schwermütiger Sonnenuntergang. Wir finden uns an die Schwermut norddeutscher Ebenen irgendwie erinnert. Es ist etwas Kühles in Licht und Landschaft, das vielleicht deutlicher vorstellbar wird, wenn man es unitalienisch nennt. Das Landvolk, obgleich die Bäuerinnen imposant und vollbusig sind und von schöner Rasse, erscheint nach außen hin temperamentlos, im Vergleich mit Italien, und zwar trotz des italienischen Einschlags. Es kommt uns vor, als wäre das Leben hier nicht so kurzweilig, wie auf der italienischen Halbinsel.

Die griechische Bäuerin hat durchaus den graden, treuherzigen Zug, der den Männern hier abgeht, und den man als einen deutschen gern in Anspruch nimmt. Sinnliches Feuer scheint ebenso wenig Ausdruck ihrer besonderen Art zu sein, als bei den homerischen Frauengestalten. Überhaupt erscheinen mir die homerischen Zustände den frühen germanischen nicht allzu fern stehend. Der homerische Grieche ist Krieger durchaus, ein kühner Seefahrer, wie der Normanne verwegener Pirat, von tiefer Frömmigkeit bis zur Bigotterie, trunkliebend, zur Völlerei neigend, dem Rausche großartiger Gastereien zugetan, wo der Gesang des Skalden nicht fehlen durfte.

Ich habe mich auf den Resten des antiken Tempelchens, das ich nun schon zum dritten- oder viertenmal besuche, niedergelassen. Es fällt lauer Frühlingsregen. Ein großer, überhängender, weidenartiger Strauch umgibt mich mit dem Arom seiner Blüten. Die Wellen wallfahrten heut mit starkem Rauschen heran. Immer der gleiche Gottesdienst in der Natur. Wolkendünste bedecken den Himmel.

Immer erst, wenn ich auf den Grundmauern dieses kleinen Gotteshauses gestanden habe, fühle ich mich in den Geist der Alten entrückt und glaube in diesem Geiste alles rings umher zu empfinden. Ich will nie diese Stunden vergessen, die in einem ungeahnten Sinne erneuernd sind. Ich steige ans Meer zu den Najaden hinunter. Auf den Stufen bereits vernehme ich das Geschrei einer Ziege, von der Grotte und Quelle empordringend. Ich bemerke, wie das Tier von einem großen, rotbraunen Segel beunruhigt ist, das sich dem Lande, düster schattend, bis auf wenige Meter nähert, um hier zu wenden. Unwillkürlich muß ich an Seeraub denken und das fortwährende, klägliche Hilferufen des geängstigten Tieres bringt mir, beim Anblick des großen, drohenden Segels, die alte Angst des einsamen Küstenbewohners, vor Überfällen, nah.

Oft ist bei Homer von schwarzen Schiffen die Rede. Ob sie nicht etwa den Nordlandsdrachen ähnlich gewesen sind? Und ob nicht etwa die homerischen Griechen, die ja durchaus Seefahrer und Abenteurernaturen waren, auch das griechische Festland vom Wasser aus zuerst betreten haben?

Eigentümlich ist es, wie sich in einem Gespräch des Plutarch eine Verbindung des hohen Nordens mit diesem Süden andeutet; wo von Völkern griechischen Stammes die Rede ist, die etwa in Kanada angesessen waren, und von einer Insel Ogygia, wo der von Zeus entthronte Kronos gleichsam in Banden eines Winterschlafes gefangen saß. Besonders merkwürdig ist der Zug, daß jener entthronte Gott, Kronos oder Saturn, noch immer alles dasjenige träumte, was der Sohn und Sieger im Süden, Zeus, im Wachen sah. Also etwa, was jener träumte, war diesem Wirklichkeit. Und Herakles begab sich einst in den Norden zurück, und seine Begleiter reinigten Sitte und Sprache der nördlichen Griechen, die inzwischen verwahrlost waren.

Ich strecke mich auf das saftige Grün der Terrasse unter die zahllosen Gänseblümchen aus, als ob ich, ein erster Grieche, soeben nach vieler Mühsal gelandet wäre. Ein starkes Frühlingsempfinden dringt durch mich; und in diesem Gefühle eins mit dem Sprossen, Keimen und Blühen rings um mich her, empfinde ich jeden Naturkult, jede Art Gottesdienst, jedes irgendwie geartete höhere Leben des Menschen durch Eros bedingt.

Ich beobachte eben, vor Sonnenuntergang, in einer Ausbuchtung der Kaimauer, zwei Muselmänner. Sie verrichten ihr Abendgebet. Die Gesichter „nach Mekka“ gewendet, gegen das Meer und die epirotischen Berge, stehen sie ohne Lippenbewegung da. Die Hände sind nicht gefaltet, nur mit den Spitzen der Finger aneinandergelegt. Jetzt, indem sie sich auf ein Knie senken, machen sie gleichzeitig eine tiefe Verneigung. Diese Bewegung wird wiederholt. Sie lassen sich nun auf die Kniee nieder und berühren mit den Stirnen die Erde. Auch diesen Ausdruck andachtsvoller Erniedrigung wiederholen sie. Aufgerichtet, beten sie weiter. Nochmals sinken sie auf die Kniee und berühren mit ihren Stirnen wieder und wieder den Boden. Alsdann fährt sich, noch kniend, der ältere von den beiden Männern mit der Rechten über das Angesicht und über den dunklen, graumelierten Bart, als wollte er einen Traum von der Seele streifen, und nun kehren sie, erwacht, aus dem inneren Heiligtum in das laute Straßenleben, das sie umgibt, zurück. Wer diese Kraft zur Vertiefung sieht, muß die Macht anerkennen und verehren, die hier wirksam ist.

Heut werfen die Wellen ihre Schaumschleier über die Kaimauer der Strada marina. Die Möven halten sich mit Meisterschaft gegen den starken Südwind über den bewegten Wassern des Golfes von Kastrades. Es herrscht Leben und Aufregung. Von gestern zu heut sind die Baumwipfel grün geworden im lauen Regen.

Die Luft ist feucht. Der Garten, in den ich eintrete, braust laut. Der Garten der Kirke, wie ich den Garten des Königs jetzt lieber nenne, braust laut und melodisch und voll. Düfte von zahllosen Blüten dringen durch dunkle, rauschende Laubgänge und strömen um mich mit der bewegten Luft. Es ist herrlich! Der Webstuhl der Kirke braust wie Orgeln: Choräle, endlos und feierlich. Und während die Göttin webt, die Zauberin, bedeckt sich die Erde mit bunten Teppichen. Aus grünen Wipfeln brechen die Blüten: gelb, weiß und rot, wie Blut. Das zarteste der Schönheit entsteht ringsum. Millionen kleiner Blumen trinken den Klang und wachsen in ihm. Himmelhohe Zypressen wiegen die schwarzen Wedel ehrwürdig. Der gewaltige Eukalyptus, an dem ich stehe, scheint zu schaudern vor Wonne, im Ansturm des vollen, erneuten Lebenshauchs. Das sind Boten, die kommen! Verkündigungen!

Wie ich tiefer in das verwunschene Reich eindringe, höre ich über mir in der Luft das beinahe melodische Knarren eines großen Raben. Ich sehe ihn täglich, nun schon das drittemal: den Lieblingsvogel Apollons. Er überquert eine kleine Bucht des Gartens. Der Wind trägt seine Stimme davon, denn ich sehe nur noch, wie er seinen Schnabel öffnet.

Immer noch umgibt mich das Rauschen, das allgemeine, tiefe Getöse. Es scheint aus der Erde zu kommen. Es ist, als ob die Erde selbst tief und gleichmäßig tönte, mitunter bis zu einem unterirdischen Donner gesteigert.

Im Schatten der Ölbäume, im langhalmigen Wiesengras, gibt es viele gemauerte Wasserbrunnen. Über einem, der mir vor Augen liegt, sehe ich Nymphe und Najade gesellt, denn der Gipfel eines Baumes, dessen Stamm im Innern der Zisterne heraufdringt, überquillt ihre Öffnung mit jungem Grün. Die Grazien umtanzen in Gestalt vieler zartester Wiesenblumen den verschwiegenen Ort.

Die Gestalten der Kirke und der Kalypso ähneln einander. Jede von ihnen ist eine „furchtbare Zauberin“, jede von ihnen trägt ein anmutig feines Silbergewand, einen goldenen Gürtel und einen Schleier ums Haupt. Jede von ihnen hat einen Webstuhl, an dem sie ein schönes Gewebe webt. Jede von ihnen wird abwechselnd Nymphe und Göttin genannt. Sie haben beide eine weibliche Neigung zu Odysseus, der mit jeder von ihnen das Lager teilen darf. Beide, an bestimmte Wohnplätze gebunden, sind der mythische Ausdruck sich regender Wachstumskräfte in der Frühlingsnatur, nicht wie die höheren Gottheiten überall, sondern an diesem und jenem Ort. In Kirke scheint das Wesen des Mythus, und besonders in ihrer Kraft zu verwandeln, tiefer und weiter, als in Kalypso ausgebildet zu sein.

Das Rauschen hat in mir nachgerade einen Rausch erzeugt, der Natur und Mythus in eins verbindet, ja ihn zum phantasiegemäßen Ausdruck von jener macht. Auf den Steinen des antiken Tempelchens sitzend, höre ich Gesang um mich her, Laute von vielen Stimmen. Ich bin, wie durch einen leisen, unwiderstehlichen Zwang, in meiner Seele willig gemacht, Zeus und den übrigen Göttern Trankopfer auszugießen, ihre Nähe im Tiefsten empfindend. Es ist etwas Rätselhaftes auch insofern um die Menschenseele, als sie zahllose Formen anzunehmen befähigt ist. Eine große Summe halluzinatorischer Kräfte sehen wir heut als krankhaft an, und der gesunde Mensch hat sie zum Schweigen gebracht, wenn auch nicht ausgestoßen. Und doch hat es Zeiten gegeben, wo der Mensch sie voll Ehrfurcht gelten und menschlich auswirken ließ.

„Und in dem hohen Palaste der schönen Zauberin dienten

Vier holdselige Mägde, die alle Geschäfte besorgten.

Diese waren Töchter der Quellen und schattigen Haine

Und der heiligen Ströme, die in das Meer sich ergießen.“

Die schöne Wäscherin, die ich an einem versteckten Röhrenbrunnen arbeiten sehe, auf meinem Heimwege durch den Park — die erste schöne Griechin überhaupt, die ich zu Gesicht bekomme! — sie scheint mir eine von Kirkes Mägden zu sein. Und wie sie mir in die Augen blickt, befällt mich Furcht, als läge die Kraft der Meisterin auch in ihr, Menschen in Tiere zu verwandeln, und ich sehe mich unwillkürlich nach dem Blümchen Molly um.

Heut, den 5. April, hat ein großes Schiff dreihundert deutsche Männer und Frauen am Strande von Korfu abgesetzt. Ein mit solchen Männern und Frauen beladener Wagen kutscht vor mir her. Auf der Strada marina läßt Gevatter Wurstmacher den Landauer anhalten, steigt heraus und nimmt mit einigen lieben Anverwandten, eilig, in ungezwungener Stellung, photographiergerecht, auf der Kaimauer Platz. Ein schwarzbärtiger Idealist mit langen Beinen und engem Brustkasten erhebt sich auf dem Kutschbock und photographiert. Am Eingange meines Gartens holt die Gesellschaft mich wieder ein, die sich durch das unumgängliche Photographieren verzögert hat. „Palais royal?“ tönt nun die Frage an den Kutscher auf gut Französisch. —

Und wie ich den Garten der Zauberin wieder betrete, von heimlichem Lachen geschüttelt, fällt mir eine Geschichte ein: Mitridates steckte einst in Kleinasien einen Hain der Eumeniden in Brand, und man hörte darob ein ungeheures Gelächter. Die beleidigten Götter forderten nach dem Spruche der Seher Sühnopfer. Die Halswunde jenes Mädchens aber, das man hierauf geschlachtet hatte, lachte noch auf eine furchtbare Weise fort.

Das eine der Fenster unseres Wohnsaales im Hotel Belle Venise gewährt den Blick in eine Sackgasse. Dort ist auch ein Abfallwinkel des Hotels. Der elende Müllhaufen übt eine schreckliche Anziehungskraft auf Tiere und Menschen aus. So oft ich zum Fenster hinausblicke, bemerke ich ein anderes hungriges Individuum, Hund oder Mensch, das ihn durchstöbert. Ohne jeden Sinn für das Ekelhafte greift ein altes Weib in den Unrat, nagt das sitzengebliebene Fleisch aus Apfelsinenresten und schlingt Stücke der Schale ganz hinab. Jeden Morgen erscheinen die gleichen Bettler, abwechselnd mit Hunden, von denen mitunter acht bis zehn auf einmal den Haufen durchstören. Diese scheußliche Nahrungsquelle auszunützen, scheint der einzige Beruf vieler unter den ärmsten Bewohnern Korfus zu sein, die in einem Grade von Armut zu leben gezwungen sind, der, glaube ich, selbst in Italien selten ist. Von Müllhaufen zu Müllhaufen wandern, welch ein unbegreifliches Los der Erbärmlichkeit! Mit Hunden und Katzen um den Wegwurf streiten. Und doch war es vielleicht mitunter das Los Homers, der, wie Pausanias schreibt, auch dieses Schicksal gehabt hat, als blinder Bettler von Ort zu Ort zu ziehn.

Der Garten der Kirke liegt diesen Nachmittag in einer düstern Verzauberung. Die blaßgrünen Schleier der Olivenzweige rieseln leis. Es ist ein ganz zartes und feines Singen. Von unten tönt laut das eherne Rauschen des Jonischen Meeres. Ich muß an das unentschiedene Schlachtengetöse homerischer Kämpfe denken. Der Wolkenversammler verdunkelt den Himmel, und eine bängliche Finsternis verbreitet sich zwischen den Stämmen unter den Ölbaumwipfeln. Vereinzelte große Regentropfen fallen auf mich. Der Efeu erscheint wie ein polypenartig würgendes Tier, er schlägt in unzerbrechliche Bande: Mauern, steinerne Stufen, Bäume! Es ist etwas ewig Totes, ewig Stummes, ewig Verlassenes, ewig Verwandeltes in der Natur und in allem vegetativen Dasein des Gartens. Die Tiere der Kirke schleichen lautlos, tückisch und unsichtbar! der bösen, tückischen Kirke Gefangene! Sie erscheinen für ewig ins Innere dieser Gartenmauer gebannt, wie Sträucher und Bäume an ihre Stelle. Alle diese uralten, rätselhaft verstrickten Olivenbäume gleichen unrettbar verknoteten Schlangen, erstarrt, mitten im Kampf, durch ein schreckliches Zauberwort.

Aber nun geht eine Angst durch den Garten: etwas wie Angst oder nahes Glück. Wir alle, unter der drohenden Macht des beklemmenden Rätsels eines unsagbar traurigen und verwunschenen Daseins, fühlen den nahen Donner des Gottes voraus. Mächtig grollt es fern auf; und Zeus winkt mit der Braue ... Kirke erwartet Zeus.

Ehe man Potamo auf Korfu erreicht, überschreitet man einen kleinen Fluß. Die Ortschaft ist mit grauen Häuschen und einem kleinen Glockenturm auf eine sanft ansteigende Berglehne zwischen Ölbäume und Zypressen hingestreut. Unter den Bewohnern des Ortes, die alle dunkel sind, fällt ein Schmied oder Schlosser auf, der in der Tür seiner Werkstatt mit seinem Schurzfell dasteht, blauäugig, blond und von durchaus kernigem, deutschem Schlag, seiner Haltung und dem Ausdruck seines Gesichtes nach.

Das Tal hinter Potamo entwickelt die ganze Fülle der fruchtbaren Insel. Auf saftigen Wiesenabhängen langhalmiger, üppiger Gräser und Blumen, stehen, Wipfel an Wipfel, Orangenbäume, jeder mit einem Reichtum schwerer und reifer Früchte durchwirkt. Die gleiche, lastende Fülle ist, links vom Wege, in die Talsenkung hinein verbreitet und jenseit die Abhänge hinauf, bis unter die allgegenwärtigen Ölbäume. Fruchtbare Fülle liegt wie ein strenger Ernst über diesem gesegneten Tal. Es ist von Reichtum gleichsam beschwert bis zur Traurigkeit. Es ist etwas fronmäßig Lasttragendes in diesem Überfluß, so daß hier wiederum das Mysterium der Fruchtbarkeit, beinahe zu Gestalten verdichtet, dem inneren Sinne sich aufdrängt. Hier scheint ein dämonischer Reichtum wie dazu bestimmt, verschlagenen Seefahrern sich für eine angstvolle Schwelgerei darzubieten, panischen Schrecknissen nahe.

Gestrüppen, wilden Dickichten gleich, steigen Orangengärten in die Schluchten hinunter, die von uralten Oliven und Zypressen verfinstert sind und locken von dort her, aus der verschwiegenen Tiefe mit ihrer süßen, schweren, fast purpurnen Frucht. Man spürt das Gebärungswunder, das Wunder nymphenhafter Verwandlungen: ein Wirken, das ebenso süß, als qualvoll ist.

Ich sollte hier der Orange von Korfu, als der besten der Welt begeistert huldigen! — Man gehe hin und genieße sie.

Die Straße steigt an und bei einer Wendung tut sich, weithin gedehnt, eine sanfte Tiefe dem Blicke auf: die Ebene zwischen Govino und Pyrgi ungefähr, mit ihren umgrenzenden Höhenzügen. Wälder von Olivenbäumen bedecken sie, ja Gipfel, Abhänge und Ebene überzieht ein einziger Wald. Der majestätische Ernst des Eindrucks ist mit einem unsäglich weichen Reiz verbunden.

Eine Biegung der Straße enthüllt teilweise die blauleuchtende Bucht und die Höhe des San Salvatore dahinter. Zum Ernst, zur Einfalt, zur Großheit, darf man sagen, tritt nun die Süße. — Wir wandeln unter die Wälder hinein. Das Auge wird immer wieder gefesselt von dem unvergleichlichen Linienreiz der zerlöcherten und zerklüfteten Riesenstämme, von denen einige zerrissen und in wilde Windungen zerborsten, doch, mit erzenem, unbeweglichem Griff in die Erde verknotet, aufrecht geblieben sind.

Der Himmel ist grau und bewölkt. Wir entdecken in der Tiefe der fruchttragenden Waldungen Kinder, Hirtinnen mit gelben Kopftüchern. Bis an die Straße zu uns her sind kleine, wollige, unwahrscheinliche Jesusschäfchen verstreut. Ich winke einer der kleinen Hirtinnen: sie kommt nicht leicht. Ihr Dank für unsere Gabe ist ganz Treuherzigkeit.

Schemenhaft flüstern die Ölzweige. Weithin geht und weither kommt ewiges, sanftes, fruchtbares Rauschen.

Wir unternehmen heut eine Fahrt nach Pelleka. Dort, von einem gewissen Punkte aus, überblickt man einen sehr großen Teil der Insel, die Buchten gegen Epirus hin und zugleich das freie Jonische Meer.

Heute, am Sonntag, lehnen etwa hundert Männer über die Mauer der Straße, wo diese eine Kehre macht und gleichsam eine Terrasse oder Rampe der Ortschaft bildet. Unser Wagen wird sogleich von einer großen Menge erbärmlich schmutziger Kinder umringt, die zumeist ein verkommenes Ansehen haben und schlimm husten. Mit uns dem gesuchten Aussichtspunkt zusteigend — wir haben den Wagen verlassen! — verfolgen uns die Kinder in hellen Haufen. Eingeborene Männer versuchen es immer wieder, sie zu verscheuchen, stets vergeblich. Die Kleinen lassen uns vorüber, stehen ein wenig, suchen uns aber gleich darauf wieder auf kürzeren Wegen, rennend, springend, stürzend, einander stoßend, zuvor zu kommen, um mit zäher Unermüdlichkeit uns wiederum anzubetteln.

Sie sind fast durchgängig brünett. Aber es ist auch ein blondes Mädchen da, blauäugig und von zart weißer Haut: ein großer, vollkommen deutscher Kopf, der als solcher auf einem Leiblschen Bilde stehen könnte. Bei diesem Anblick beschleicht mich eine gewissermaßen irrationale Traurigkeit, denn das Mädchen ist eigentlich die vergnügteste unter ihren zahllosen dunklen Zufallsschwestern.

In Gruppen und von den Männern gesondert, stehen am Eingang und Ausgang des kleinen Fleckens die Frauen von Pelleka. Sie machen in der stämmigen Fülle des Körpers und der bunten Schönheit der griechischen Tracht den Eindruck der Wohlhabenheit. Das reiche Haar, das ihre Köpfe in stolzer Frisur umgibt, ist nicht nur ihr eigenes, sondern durch den Haarschatz von Müttern, Großmüttern und Urgroßmüttern vermehrt, der als heilige Erbschaft betrachtet wird.

Heut, soeben, begann ich den letzten Tag, der noch auf Korfu enden wird. Zum Fenster hinausblickend, gewahre ich in der Nähe des Abfallhaufens eine Versammlung von etwa zwanzig Männern: sie umstehen einen vom Regen noch feuchten Platz, auf dem sich, wie kleine zerknüllte Lümpchen, mehrere schmutzige Drachmenscheine befinden. Man schiebt sie mit Stiefelspitzen von Ort zu Ort. Einer der Männer wirft vom Handrücken aus zwei kupferne Münzen in die Luft, und je nachdem sie auf dem Kopfe der Könige liegen, oder diesen nach oben kehren, entscheiden sie über Verlust und Gewinn. Nachdem ein Wurf des Glücksspiels geschehen ist, nimmt einer der Spieler, ein schäbiger Kerl, als Gewinner den ziemlich erheblichen Einsatz vom Erdboden auf und steckt ihn ein.

Die Bevölkerung Korfus krankt an dieser Spielleidenschaft. Es werden dabei von armen Leuten Gewinne und Verluste bestritten, die in keinem Vergleich zu ihrem geringen Besitze stehen. Man sucht dieser Spielwut entgegenzuwirken. Aber, trotzdem man das stumpfsinnige Laster, sofern es in Kneipen oder irgendwie öffentlich auftritt, unter Strafe stellt, ist es dennoch nicht auszurotten. Macht doch die ganze Bevölkerung gemeinsame Sache gegen die Polizei! So sind zum Beispiel die Droschkenkutscher auf der breiten Straße, in die unser Sackgäßchen mündet, freiwillige Wachtposten, die den ziemlich sorglosen Übertretern der Gesetzesbestimmungen soeben die Annäherung eines Polizeimannes durch Winke verkündigen, worauf sich der Schwarm sofort zerstreut.

Ein griechischer Dampfer liegt am Ufer. Ein italienischer kommt eben herein. Ihm folgt die „Tirol“ vom Triester Lloyd. Menschen und Möwen werden aufgeregt.

Die Einschiffung ist nicht angenehm. Wir sind hinter einem Berg von Gepäck ins Boot gequetscht, und jeden Augenblick drohen die hohen Wogen das überladene Fahrzeug umzuwerfen.

Selten ist der Aufenthalt an Deck eines Schiffes im Hafen angenehm. Das Idyll, sofern nicht das Gegenteil eines Idylls im Schicksalsrate beschlossen ist ... das Idyll beginnt immer erst nach der Abfahrt.

Eine schlanke, hohe, jugendschöne Engländerin mit den edlen Zügen klassischer Frauenbildnisse ist an Bord. Seltsam, ich vermag mir das homerische Frauenideal, vermag mir eine Penelope, eine Nausikaa, nur von einer so gearteten Rasse zu denken.

Langsam gleitet Korfu, die Stadt, und Korfu, die Insel, an uns vorüber: die alten Befestigungen, die Esplanade, die Strada marina am Golf von Kastrades, auf der ich so oft nach dem königlichen Garten, nach dem Garten der Kirke, gewandert bin. Der Garten der Kirke selbst gleitet vorüber. Ich nehme mein Fernglas und bin noch einmal an dem lieblichen, jetzt in Schatten gelegten Ort, wo die Trümmer des kleinen antiken Tempelchens einsam zurückbleiben, und wo ich, seltsam genug bei meinen Jahren, fast wunschlos glückliche Augenblicke genoß. Oft sah ich von dort aus Schiffe vorübergleiten und bin nun selbst, der vorübergleitet auf seinem Schiff. Über den dunklen Wipfelgebieten des Gartens steht die Sonne hinter gigantischen Wolken im Niedergang und bricht über alles zu uns und zum Himmel hervor in gewaltigen, limbusartigen Strahlungen, und im Weitergleiten des Schiffes erfüllt mich nur noch der eine Gedanke: du bist auf der Pilgerfahrt zur Stätte des goldelfenbeinernen Zeus.

Die ersten Stunden auf klassischem Boden, nachdem wir in Patras Morgens gelandet sind, bieten lärmende unangenehme Eindrücke. Aber, trotzdem wir nun in einem Bahncoupé, und zwar in einem ziemlich erbärmlichen, sitzen, saugt sich das Auge an Felder und Hügel dieser an uns vorüberflutenden Landschaft fest, als wäre sie nicht von dieser Erde. Vielleicht lieben wir Träume mit stärkerer Liebe, als Wirklichkeit. Aber das innere Auge, das sich selbst im Schlafe oft genug weit öffnet, legt sich mitunter in den Wiesen, Hainen und Hügelländern zur Ruh, die sich einem äußeren Sinne im Lichte des wachen Tages schlicht und gesund darbieten. Und etwas, wie eines inneren Sinnes Entlastung spüre ich nun.

Also: um mich ist Griechenland. Das, was ich bisher so nannte, war alles andere, nur nicht Land. Die Sehnsucht der Seele geht nach Land, der Sehnsucht des Seefahrers darin ähnlich. Immer ist es zunächst nur eingebildet, wonach man sich sehnt, und noch so genaue Nachricht, noch so getreue Schilderung kann aus der schwebenden Insel der Phantasie kein wirklich am Grunde des Meeres verwurzeltes Eiland machen. Das vermag nur der Augenblick, wo man es wirklich betritt.

Was nun so lange durchaus nur ein bloßer Traum der Seele gewesen ist, das will eben diese Seele, vom Staunen der äußeren Sinne berührt, die, von dem Ereignis betroffen, rastlos verzückt, fast überwältigt umherforschen ... das will eben diese Seele nicht gleich für wahr halten. Auch deshalb nicht, weil damit in einem anderen Sinne etwas, zum mindesten der Teil eines Traumbesitzes, in sich versinkt. Dies gilt aber nur für Augenblicke. Es gibt in einem gesund gearteten Geiste keine Todfeindschaft mit der Wirklichkeit: und was sie etwa in einem solchen Geiste zerstört, das hilft sie kräftiger wiederum aufrichten.

Die Landschaft von Elis, durch die wir reisen, berührt mich heimisch. Wir haben zur Rechten das Meer, hinter roter Erde, in unglaublicher Farbenglut. Wie bläulicher Duft liegen Inseln darin: erst wird uns Ithaka, dann Cephalonia, später Zakynthos deutlich. Wir werden an Hügeln vorübergetragen, niedrigen Bergzügen, vor denen Fluren sich ausbreiten, die mit Rebenkulturen bestanden sind. Die Berge zur Linken weichen zurück hinter eine weite Talebene, die sie mit ihren Schneehäuptern begleiten. Einfache, grüne Weideflächen erfreuen den Blick. Und plötzlich erscheinen Bäume, einzelstehend, knorrig, weitverzweigt, die für das zu erklären, was sie wirklich sind, ich kaum getraue. Aber es sind und bleiben doch Eichen, deutsche Eichen, so alt und mächtig entwickelt, wie in der Heimat sie gesehen zu haben ich mich nicht erinnern kann.

Stundenweit dehnen sich nun diese Eichenbestände. Doch sind die jetzt noch fast kahlen Kronen so weit voneinander entfernt, daß ihre Zweige, so breit sie umherreichen, sich nicht berühren. In den einsamen Weideländern darunter zeigen sich hie und da Hirten mit Herden.

Es kommt mir vor, als ob ich unter den vielen, die mit uns reisen, einem großartigen Festtumulte zustrebte. Und durchaus ungewollt drängt sich mir nach und nach die Vision eines olympischen Tages auf: der Kopf und nackte Arm eines jungen Griechen, ein Schrei, eine Bitte, ein Pferdegewieher, Beifallstoben, ein Fluch des Besiegten. Ein Ringer, der sich den Schweiß abwischt. Ein Antlitz, im Kampfe angespannt, fast gequält in übermenschlicher Anstrengung. Donnernder Hufschlag, Rädergekreisch: alles vereinzelt, blitzartig, fragmentarisch.

Wir sind in Olympia.

Auf diesem verlassenen Festplatz ist kaum etwas anderes, als das sanfte und weiche Rauschen der Aleppokiefer vernehmlich, die den niedrigen Kronoshügel bedeckt und hie und da in den Ruinen des alten Tempelbezirks ihre niedrigen Wipfel ausbreitet.

Dieses freundliche Tal des Alpheios ist dermaßen unscheinbar, daß man, den ungeheuren Klang seines Ruhmes im Herzen, bei seinem Anblick in eigentümlicher Weise ergriffen ist. Aber es ist auch von einer bestrickenden Lieblichkeit. Es ist ein Versteck, durch einen niedrigen Höhenzug jenseits des Flusses — und diesseits durch niedrige Berge getrennt von der Welt. Und jemand, der sich von dieser Welt ohne Haß zu verschließen gedächte, könnte nirgend geborgener sein.

Ein kleines, idyllisches Tal für Hirten — eine schlichte, beschränkte Wirklichkeit! — mit einem versandeten Flußlauf, Kiefern und kärglichem Weideland, und doch: es mag hier gewesen sein, es weigert nichts in dem Pilger, für wahr hinzunehmen, daß hier der Kronide, der Ägiserschütterer Zeus, mit Kronos um die Herrschaft der Welt gerungen hat. — Das ist das Wunderbare und Seltsame.

Die Abhänge jenseit des Alpheios färben sich braun. Die Sonne eines warmen und reinen Frühlingstages dringt nicht mehr mit ihren Strahlen bis an die Ruinen, zu mir. Zwei Elstern fliegen von Baum zu Baum, von Säulentrommel zu Säulentrommel. Sie gebärden sich hier wie in einem unbestrittnen Bereich. Ein Kuckuck ruft fortwährend aus den Wipfeln des Kronoshügels herab. — Ich werde diesen olympischen Kuckuck vom zwölften April des Jahres Neunzehnhundertundsieben nicht vergessen.

Die Dunkelheit und die Kühle bricht herein. Noch immer ist das Rauschen des sanften Windes in den Wipfeln die leise und tiefe Musik der Stille. Es ist ein ewiges, flüsterndes Aufatmen, traumhaftes Aufrauschen, gleichsam Aufwachen, von etwas, das zugleich in einem schweren, unerwecklichen Schlaf gebunden ist. Das Leben von einst scheint ins Innere dieses Schlafes gesunken. Wer nie diesen Boden betreten hat, dem ist es schwer begreiflich zu machen, bis zu welchem Grade Rauschen und Rauschen verschieden ist.

Es ist ganz dunkel geworden. Ich unterliege mehr und mehr wieder inneren Eindrücken gespenstischer Wettspiele. Es ist mir, als fielen da und dorther Schreie von Läufern und Ringern aus der nächtlichen Luft. Ich empfinde Getümmel und wilde Bewegungen; und diese hastig fliehenden Dinge begleiten mich wie irgendein Rhythmus, eine Melodie, dergleichen sich manchmal einnistet und nicht zu tilgen ist.

Plötzlich wird, von irgendeinem Hirtenjungen gespielt, der kunstlose Klang einer Rohrflöte laut: er begleitet mich auf dem Heimwege.

Der Morgen duftet nach frischen Saaten und allerlei Feldblumen. Sperlinge lärmen um unsere Herberge. Ich stehe auf dem Vorplatz des hübschen, luftigen Hauses und überblicke von hier aus das enge, freundliche Tal, das die olympischen Trümmer birgt. Hähne krähen in den Höfen verschiedener kleiner Anwesen in der Nähe, von denen jedoch hier nur eines, ein Hüttchen, am Fuße des Kronoshügels, sichtbar ist.

Man müßte ein Tälchen von ähnlichem Reiz, ähnlicher Intimität vielleicht in Thüringen suchen. Wenn man es aber so eng, so niedlich und voller idyllischer Anmut gefunden hätte, so würde man doch nicht, wie hier, so tiefe und göttliche Atemzüge tun.

Mich durchdringt eine staunende Heiterkeit. Der harzige Kiefernadelduft, die heimisch-ländliche Morgenmusik beleben mich. Wie so ganz nah und natürlich berührt nun auf einmal das Griechentum, das durchaus nicht nur im Sinne Homers oder gar im Sinne der Tragiker zu begreifen ist. Viel näher in diesem Augenblick ist mir die Seele des Aristophanes, dessen „Frösche“ ich von den Alpheiossümpfen herüber quaken höre. So laut und energisch quakt der griechische Frosch — ich konnte das während der gestrigen Fahrt wiederholt bemerken! — daß er literarisch durchaus nicht zu übersehen, noch weniger zu überhören war.

Überall schlängeln sich schmale Pfade über die Hügel und zwischen den Hügeln hindurch. Sie sind wie Bänder durch einen Flußlauf gelegt, der zum Alpheios fließt. Kleine Karawanen, Trupps von Eseln und Mauleseln tauchen auf und verschwinden wieder. Man hört ihre Glöckchen, bevor man die Tiere sieht, und nachdem sie den Gesichtskreis verlassen haben. Am Himmel zeigen sich streifige Windwolken. In der braunen Niederung des Alpheios weiden Schafherden.

Man wird an ein großartiges Idyll zu denken haben, das in diesem Tälchen geblüht hat. Es lebte hier eine Priestergemeinschaft nahe den Göttern; aber diese, Götter und Halbgötter, waren die eigentlichen Bewohner des Ortes. Wie wurde doch gerade dieses anspruchslose Stückchen Natur so von ihnen begnadet, daß es gleich einem entfernten Fixstern — einer vor tausend Jahren erloschenen Sonne gleich — noch mit seinem vollen, ruhmstrahlenden Lichte in uns ist?

Diese bescheidenen Wiesen und Anhöhen lockten ein Gedränge von Göttern an, dazu Scharen glanzbegieriger Menschen, die von hier einen Platz unter den Sternen suchten. Nicht alle fanden ihn, aber es lag doch in der Macht des olympischen Zweiges, von einem schlichten Ölbaum dieser Flur gebrochen, Auserwählten Unsterblichkeit zu gewähren.

Ich ersteige den Kronoshügel. Es riecht nach Kiefernharz. Einige Vögel singen in den Zweigen schön und anhaltend. Im Schatten der Nadelwipfel gedeiht eine zarte Ilexart. Die gewundenen Stämme der Kiefern mit tief eingerissener Borke haben etwas Wildkräftiges. Ich pflücke eine blutrote, anemonenartige Blume, überschreite das Band einer Wanderraupe, fünfzehn bis zwanzig Fuß lang. Die Windungen des Alpheios erscheinen: des Gottes, der gen Orthygia hinstrebt, jenseits des Meeres, wo Arethusa, die Nymphe, wohnt, die Geliebte.

Die Fundamente und Trümmer des Tempelbezirks liegen unter mir. Dort, wo der goldelfenbeinerne Zeus gestanden hat, auf den Platten der Cella des Zeustempels, spielt ein Knabe. Es ist mein Sohn. Etwas vollkommen Ahnungsloses, mit leichten, glücklichen Füßen die Stelle umhüpfend, die das Bildnis des Gottes trug, jenes Weltwunder der Kunst, von dem unter den Alten die Rede ging, daß, wer es gesehen habe, ganz unglücklich niemals werden könne.

Die Kiefern rauschen leise und traumhaft über mir. Herdenglocken, wie in den Hochalpen oder auf den Hochflächen des Riesengebirges, klingen von überall her. Dazu kommt das Rauschen des gelben Stroms, der in seinem breiten, versandeten Bette ein Rinnsal bildet, und das Quaken der Frösche in den Tümpeln stehender Wässer seiner Ufer.

Immer noch hüpft der Knabe um den Standort des Götterbildes, das, hervorgegangen aus den Händen des Phidias, den Wolkenversammler, den Vater der Götter und Menschen darstellte; und ich denke daran, wie, der Sage nach, der Gott mit seinem Blitz in die Cella schlug und auf diese Art dem Meister seine Zufriedenheit ausdrückte. Was war das für ein Meister und ein Geschlecht, das Blitzschlag für Zustimmung nahm! Und was war das für eine Kunst, die Götter zu Kritikern hatte!

Die Hügel jenseits des Alpheios bilden eine Art Halbkreis, und ich empfinde sie fast, unwillkürlich forschend hinüberblickend, als einen amphitheatralischen Rundbau für göttliche Zuschauer. Rangen doch auf dem schlichten Festplatz unter mir Götter und Menschen um den Preis.

Meinen Sinn zu den Himmlischen wendend, steige ich langsam wieder in das Vergessenheit und Verlassenheit atmende Wiesental: das Tal des Zeus, das Tal des Dionysos und der Chariten, das Tal des idäischen Herakles, das Tal der sechzehn Frauen der Hera, wo auf dem Altar des Pan Tag und Nacht Opfer brannten, das Tal der Sieger, das Tal des Ehrgeizes, des Ruhmes, der Anbetung und Verherrlichung, das Tal der Wettkämpfe, wo es dem Herakles nicht erspart blieb, mit den Fliegen zu kämpfen, die er aber nur mit Hilfe des Zeus besiegte und dort hinüber, hinter das jenseitige Ufer des Alpheios, trieb.

Und wieder schreite ich zwischen den grauen Trümmern hin, die eine schöne Wiese bedecken. Überall saftiges Grün und gelbe Maiblumen. Das Elsternpaar von gestern fliegt vor mir her. Die Säulen des Zeustempels liegen, wie sie gefallen sind: die riesigen Porostrommeln schräg voneinander gerutscht. Überall duftet es nach Blumen und Thymian um die Steinmassen, die sich im wohltätigen Scheine der Morgensonne warm anfühlen. Von einem jungen Ölbäumchen, nahe dem Zeustempel, breche ich mir, in unüberwindlicher Lüsternheit, seltsamerweise zugleich fast scheu wie ein Dieb, den geheiligten Zweig.

Abschiednehmend trete ich heut das zweitemal vor die Giebelfiguren des Zeustempels, in dem kleinen Museum zu Olympia, und dann vor den Hermes des Praxiteles. Ich lasse dahingestellt, was offenkundig diese Bildwerke unterscheidet, und sehe in Hermes weniger das Werk des Künstlers, als den Gott. Es ist hier möglich, den Gott zu sehen, in der Stille des kleinen Raums, an den die Äcker und Wiesen dicht herantreten. Und so gewiß man in den Museen der großen Städte Kunstwerke sehen kann, vermag man hier in die lebendige Seele des Marmors besser zu dringen und fühlt heraus, was an solchen Gebilden mehr, als Kunstwerk ist. Die griechischen Götter sind nicht von Ewigkeit. Sie sind gezeugt und geboren worden.

Dieser Gott ist besonders bedauernswert in seiner Verstümmelung, da ihm eine überaus zärtliche Schönheit, ein weicher und lieblicher Adel eigen ist. Ambrosische Sohlen sind immer zwischen ihm und der Erde gewesen. Man hat ein Bedauern mit seiner Vereinsamung, weil die unverletzliche, unverletzte, olympisch-weltferne Ruhe und Heiterkeit noch auf seinem Antlitz zu lesen ist, während draußen Altäre und Tempel, fast dem Erdboden gleichgemacht, in Trümmern liegen.

Seltsam ist die hingebende Liebe und Schwärmerei, die dem Bildner den Meißel geführt hat, als er den Rinderdieb, den Schalk, den Täuscher, den schlauen Lügner, den lustigen Meineidigen, den Maultier-Gott und Götterboten darstellte, der allerdings auch die Leier erfand.

Wie schwärmende Bienen am Ast eines Baumes, so hängen die Menschen am Zuge, während wir langsam in Patras einfahren. Lärm, Schmutz, Staub überall. Auch noch in das Hotelzimmer dringt der Lärm ohrenbetäubend. Geräusche, als ob Raketen platzten oder Bomben geworfen würden, unterbrechen das Gebrüll der Ausrufer. Patras ist, nächst dem Piräus, der wichtigste Hafenplatz des modernen Griechenland. Wir sehnen uns in das Unmoderne.

Endlich, nachdem wir eine Nacht hier haben zubringen müssen, sitzen wir, zur Abfahrt fertig, wieder im Bahncoupé. Vor den Türen der Waggons spielt sich ein tumultuarisches Leben mit allerlei bettelhaften Humoren ab. Ein junger, griechischer Bonvivant schenkt einem zerlumpten, lümmelhaft aussehenden Menschen Geld, zeigt flüchtig auf einen der jugendlichen Händler, die allerlei Waren feilbieten, und sofort stürzt sich der bezahlte, tierische Halbidiot auf eben den Händler und walkt ihn durch. Noch niemals habe ich überhaupt binnen kurzer Zeit so viele, wütende Balgereien gesehen. An zwei, drei Stellen des Volksgewimmels klatschen fast gleichzeitig die Maulschellen. Man verfolgt, bringt zu Fall, bearbeitet gegenseitig die Gesichter mit den Fäusten: alles, wie wenn es so sein müßte, in großer Harmlosigkeit.

Zu den schönsten Bahnlinien der Welt gehört diejenige, die von Patras, am Südufer des korinthischen Golfes entlang, über den Isthmus nach Athen führt. Der Golf und seine Umgebung erinnern an die Gegenden des Gardasees. Paradiesische Farbe, Glanz, Reichtum und Fülle in einer beglückten Natur. Der Isthmus zeigt einen anderen Charakter: Weideflächen, vereinzelte Hirten und Niederlassungen. Am Nordrand durch Hügel begrenzt, die, bedeckt von den Wipfeln der Aleppo-Kiefer, zum Wandern anlocken. Alles ist hier von einer erfrischenden, beinahe nordischen Einfachheit.

Die grünen Flächen der Landenge liegen in beträchtlicher Höhe über dem Meere. Nach den großartigen und prunkhaften Wirkungen des peloponnesischen Nordufers überrascht diese schlichte und herbe Landschaft und berührt wohltätig. Eine Empfindung kommt über mich, als sähe ich diese Fluren nicht zum ersten Mal. Das Vertraute daran ist, was überrascht. Ich kann nicht sagen, daß mich etwa je auf der italienischen Halbinsel eine Empfindung des Heimischen, so wie hier, beschlichen hätte. Dort blieb immer der Reiz: das schöne Fremdartige. Ich spüre schon jetzt: ich liebe dies Land. Schon jetzt, im Anfang, erfaßt die Erkenntnis mich, wie ein Rausch, daß eben nur dieser Grund die wahre Heimat der Griechen sein konnte.

Ich spreche den Namen Theseus aus. Und nun hat sich in mir ein psychischer Vorgang vollzogen, der mich, angesichts des isthmischen, ernsten Landgebiets, der griechischen Art, sich Halbgötter vorzustellen, näher bringt. Ich empfinde und sehe in Theseus den Mann von Fleisch und Blut, der wirklich gelebt und dessen Fuß diese Landenge überschritten hat; der, zum Heros gesteigert, noch immer so viel vom Menschen besaß, als vom Gott und auch so noch mit der Stätte seines Wanderns und Wirkens verbunden blieb.

Warum scheuen wir uns und erachten für trivial, unsere heimischen Gegenden, Berge, Flüsse, Täler zu besingen, ja, ihre Namen nur zu erwähnen in Gebilden der Poesie? Weil alle diese Dinge, die als Natur jahrtausendelang für teuflisch erklärt, nie wahrhaft wieder geheiligt worden sind. Hier aber haben Götter und Halbgötter, mit jedem weißen Berggipfel, jedem Tal und Tälchen, jedem Baum und Bäumchen, jedem Fluß und Quell vermählt, alles geheiligt. Geheiligt war das, was über der Erde, auf ihr und in ihr ist. Und rings um sie her, das Meer, war geheiligt. Und so vollkommen war diese Heiligung, daß der Spätgeborene, um Jahrtausende Verspätete, daß der Barbar noch heut — und sogar in einem Bahncoupé — von ihr im tiefsten Wesen durchdrungen wird.

Man muß die Bäume dort suchen, wo sie wachsen, die Götter nicht in einem gottlosen Lande, auf einem gottlosen Boden. Hier aber sind Götter und Helden Landesprodukte. Sie sind dem Landmann gewachsen, wie seine Frucht. Des Landbauers Seele war stark und naiv. Stark und naiv waren seine Götter.

Theseus, um es noch einmal zu sagen, ist also für mich kein riesenmäßiger, leerer Schemen mehr, ich empfinde ihn einerseits nah, schlicht und materialisch, als Kind der Landschaft, die mich umgibt. Andererseits erkenne ich ihn als das, wozu ihn die Seele des Griechen erhoben hat, die aber doch Gott, wie Landeskind, an die Heimat bannte.

Die Landschaft behält, von einer Strecke dicht über dem Meere abgesehen, fortan den ernsten Ausdruck. Der Abend beginnt zu dämmern, ja, verdüstert sich zu einer großartigen Schwermut, von einem Zauber, der eher nordisch, als südlich ist. Es fällt lauer Regen. Das graue Megara, das einen Hügel überzieht, wirkt wie eine geplünderte Stadt. Zwischen Schutthaufen, in ärmlichen Winkeln halb eingestürzter Häuser, scheinen die Menschen zu leben. Man glaubt eine Stadt zu sehen, über die ein Eroberer mit Raub, Brand und Mord seinen Weg genommen hat.

Kurz hinter Eleusis steigt der Zug nochmals bergan, durch die Vorhöhen des Parnes. Bei tieferer Dunkelheit, zunehmendem Regen und kalter Luft kommt mir die steinigte Einöde, in die ich hineinstarre, fast norwegisch vor. Ich bin sehr glücklich über den Wetterumschlag, der mir die ungesunde Vorstellung eines ewiglachenden Himmels nimmt. Die Gegend ist menschenleer. Nur selten begegnet die dunkle Gestalt eines Hirten, aufrecht stehend, dicht in den wolligen Mantel gehüllt. Und während der kalte und feuchte Wind meine Stirne kühlt, Regentropfen mir ins Gesicht wirft, und ich die starke, kalte Regen- und Bergluft in mich einsauge, hat sich ein neues Band geknüpft zwischen meinem Herzen und diesem Lande.

Was Wunder, wenn durch die Erregung der langen Fahrt, in Dunkelheit, in Wind und Wetter, einer höchsten Erfüllung nah, die Seele in einen luziden Zustand gerät, wo es ihr möglich wird, von allem Störenden abzusehen und deutliche Bilder längst vergangenen Lebens in die phantastische, sogenannte Wirklichkeit hineinzutragen. Fast erlebe ich so den tapferen Bergmarsch eines Trupps atheniensischer Jünglinge, etwa zur Zeit des Perikles, und freue mich, wie sie, gesund und wetterhart, der Unbill von Regen und Wind, wie wir selbst es gewohnt sind, wenig achten. Ich lerne die ersten Griechen kennen. Ich freunde mich an mit diesem Schwarm, ich höre die jungen Leute lachen, schwatzen, rufen und atmen. Ich frage mich, ob nicht vielleicht am Ende Alcibiades unter ihnen ist? Es ist mir, als ob ich auch ihn erkannt hätte! Und dies Erleben wird so durchaus eine Realität, daß irgend etwas so Genanntes für mich mehr Realität nicht sein könnte.

Wir rollen hinab in die attische Ebene. Die Lichter einer Stadt, die Lichter Athens, tauchen ferne auf. Das Herz will mir stocken ...

Ein grenzenloses Geschrei, ein Gebrüll, das jeder Beschreibung spottet, empfängt uns am Bahnhof von Athen. Mehrere hundert Kehlen von Kutschern, Gepäckträgern und Hotelbediensteten überbieten sich. Ich habe einen solchen Schlachttumult bis diesen Augenblick, der meinen Fuß auf athenischen Boden stellt, nicht gehört. Die Nacht ist dunkel, es gießt in Strömen.

Eine Stadt, wie das moderne Athen, das sich mit viel Geräusch zwischen Akropolis und Lykabethos einschiebt, muß erst in einem gewissen Sinn überwunden werden, bevor der Geist sich der ersehnten Vergangenheit ungestört hingeben kann. Zum dritten Mal bin ich nun im Theater des Dionysos, dessen sonniger Reiz mich immer aufs neue anlockt. Es hält schwer, sich an dieser Stelle in die furchtbare Welt der Tragödie zu versetzen, hier, wo sie ihre höchste Vollendung gefunden hat. Das, was ihr vor allem zu eignen scheint, das Nachtgeborene, ist von den Sitzen, aus der Orchestra und von der Bühne durch das offene Licht der Sonne verdrängt. Weißer und blendender Dunst bedeckt den Himmel, der Wind weht schwül, und der Lärm einer großen Stadt mit Dampfpfeifen, Wagengerassel, Handwerksgeräuschen und dem Geschrei der Ausrufer überschwemmt und erstickt, von allen Seiten herandringend, jedweden Versuch zur Feierlichkeit.

Was aber auch hier sogleich in meiner Seele sich regt und festnistet, fast jeder andren Empfindung zuvorkommend, ist die Liebe. Sie gründet sich auf den schlichten und phrasenlosen Ausdruck, den hier die Kunst eines Volkes gewonnen hat. Alles berührt hier gesund und natürlich, und nichts in dieser Anlage erweckt den Eindruck zweckwidriger Üppigkeit oder Prahlerei. Irgendwie gewinnt man, lediglich aus diesen architektonischen Resten, die Empfindung von etwas Hellem, Klar-Geistigem, das mit der Göttin im Einklang steht, deren kolossalisches Standbild auf dem hinter mir liegenden Felsen der Akropolis errichtet war, und deren heilig gesprochenen Vogel, die Eule, man aus den Löchern der Felswand, und zwar in den lichten Tag und bis in die Sitzreihen des Theaters hinein, rufen hört.

Ich wüßte nicht, wozu der wahrhaft europäische Geist eine stärkere Liebe fühlen sollte, als zum Attischen. Bei Diodor, den ich leider nur in Übersetzung zu lesen verstehe, wird gesagt: die alten Ägypter hätten der Luft den Namen Athene gegeben, und Glaukopis beziehe sich auf das himmlische Blau der Luft. Der Geist, der hier herrschte, blieb leicht und rein und durchsichtig, wie die attische Luft, auch nachdem das Gewitter der Tragödie sie vorübergehend verfinstert, der Strahl des Zeus sie zerrissen hatte.

Als höchste menschliche Lebensform erscheint mir die Heiterkeit: die Heiterkeit eines Kindes, die im gealterten Mann oder Volk entweder erlischt, oder sich zur Kraft der Komödie steigert. Tragödie und Komödie haben das gleiche Stoffgebiet: eine Behauptung, deren verwegenste Folgerungen zu ziehen, der Dichter noch kommen muß. Der attische Geist erzeugt, wie die Luft eines reinen Herbsttages, in der Brust jenen wonnigen Kitzel, der zu einem beinahe nur innen spürbaren Lachen reizt. Und dieses Lachen, durch den Blick in die Weite der klaren Luft genährt, kann sich wiederum bis zu jenem steigern, das im Tempel des Zeus gehört wurde, zu Olympia, als die Sendboten des Caligula Hand anlegten, um das Bild des Gottes nach Rom zu schleppen.

Man soll nicht vergessen, daß Tragödie und Komödie volkstümlich waren. Es sollen das diejenigen nicht vergessen, die heute in toten Winkeln sitzen. Beide, Tragödie, wie Komödie, haben nichts mit schwachen, überfeinerten Nerven zu tun, und ebensowenig, wie sie, ihre Dichter — am allerwenigsten aber ihr Publikum. Trotzdem aber keiner der Zuschauer jener Zeiten, etwa wie viele der heutigen, beim Hühnerschlachten ohnmächtig wurde, so blieb, nachdem die Gewalt der Tragödie über ihn hingegangen war, die Komödie eines jeden unabweisliche Gegenforderung: und das ist gesund und ist gut.

Die ländlichen Dionysien wurden an der Südseite der Akropolis, im Lenäon, nach beendeter Weinlese abgehalten. Was hindert mich, trotzdem, das sogenannte Schlauchspringen mir unten in der Orchestra meines Theaters vorzustellen? Man sprang auf einen geölten, mit Luft gefüllten Schlauch, und suchte, einbeinig hüpfend, darauf Fuß zu fassen. Das ist der Ausdruck überschäumender Lustigkeit, ein derber überschüssiger Lebensmut. Und nicht aus dem Gegenteil, nicht aus der Schwäche und Lebensflucht entstehen Tragödie und Komödie!

Ein deutscher Kegelklub betritt, von einem schreienden Führer belehrt, den göttlichen Raum. Man sieht es den hilflos tagblinden Augen der Herren an, daß sie vergeblich hier etwas Merkwürdiges suchen. Ich würde ihren gelangweilten Seelen gönnen, sich wenigstens an der Vorstellung aufzuheitern, dem tollen Sprung auf den öligen Schlauch, die mich ergötzt.

Heut betrete ich, ich glaube zum viertenmal, die Akropolis. Es ist länger als fünfundzwanzig Jahre her, daß mein Geist auf dem Götterfelsen heimisch wurde. Damals entwickelte uns ein begeisterter Mann, den inzwischen ein schweres Schicksal ereilt hat, seine Schönheiten. Es ist aber etwas anderes, von jemand belehrt zu werden, der mit eigenen Augen gesehen hat, oder selber die steilen Marmorstufen zu den Propyläen hinaufzusteigen und mit eignen Augen zu sehn.

Ich finde, daß diese Ruinen einen spröden Charakter haben, sich nicht leicht dem Spätgeborenen aufschließen. Ich habe das dunkle Bewußtsein, als ob etwa über die Säulen des Parthenon von da ab, als man sie wieder zu achten anfing, sehr viel Berauschtes verfaßt worden wäre. Und doch glaube ich nicht, daß es viele gibt, die von den Quellen der Berauschung trunken gewesen sind, die wirklich im Parthenon ihren Ursprung haben.

Wie der Parthenon jetzt ist, so heißt seine Formel: Kraft und Ernst! Davon ist die Kraft fast bis zur Drohung, der Ernst fast bis zur Härte gesteigert. Die Sprache der Formen ist so bestimmt, daß ich nicht einmal glauben kann, es sei durch die frühere, bunte Bemalung ihrem Ausdruck etwas genommen worden.

Ich habe das schwächliche Griechisieren, die blutlose Liebe zu einem blutlosen Griechentum niemals leiden mögen. Deshalb schreckt es mich auch nicht ab, mir die dorischen Tempel bunt und in einer für manche Begriffe barbarischen Weise bemalt zu denken. Ja, mit einer gewissen Schadenfreude gönne ich das den Zärtlingen. Ich nehme an, es gab dem architektonischen Eindruck eine wilde Beimischung. Möglicherweise drückte das Grelle des farbigen Überzugs den naiven Stand der Beziehungen zwischen Göttern und Menschen aus, indem er fast marktschreierisch zu festlichen Freuden und damit zu tiefer Verehrung einfing.

Jeder echte Tempel ist volkstümlich. Trotz unserer europäischen Kirchen und Kathedralen glaube ich, gibt es bei uns keine echten Tempel in diesem Betrachte mehr. Vielleicht aus dem Grunde, weil sich bei uns die Lebensfreude von der Kirche geschieden hat, die nur noch gleichsam den Tod und die Gruft verherrlicht. Die Kirchen bei uns sind Mausoleen: wobei ich nur an die katholischen denke. Einen protestantischen Tempel gibt es nicht. Da nun aber das Leben lebt und lebendig ist, so erzeugt sich auch immer unfehlbar wieder der Trieb zur Freude. Und er ist es, der heute das Theater, den gefährlichsten Konkurrenten der Kirche, geschaffen hat. Ich behaupte, was heut die Menschen zur Kirche treibt, ist entweder Todesangst oder Suggestion. Das Theater bedarf solcher Mittel nicht, um Menschen in seine Räume zu bringen. Dorthin drängen sie sich vielmehr, wie Spatzen, von einem fruchtbeladenen Kirschbaume angelockt.

Wenn heut bei uns eine Gauklergesellschaft auf dem Dorfplan Zelte errichtet, herrscht sogleich unter der Mehrzahl der Dörfler, vor allem aber unter den Kindern, festliche Aufregung. Kunstreiter oder Bänkelsänger mit der neuesten Moritat, sie genießen, obgleich in Acht und Bann seit Jahrtausenden, immer die gleiche, natürliche Zuneigung. Der Karren des Thespis war nicht in Acht und Bann getan; ja, Thespis erhielt im Theater, im heiligen Bezirk des Dionysos, seine Statue, und doch scheint er auch nur mit der Moritat von Ikarios umhergezogen zu sein. Kurz, was heute in Theater und Kirche zerfallen ist, war damals ganz und eins; und, weit entfernt ein memento mori zu sein, lockte der Tempel ins höhere, festliche Leben, er lockte dazu, wie ein buntes, göttliches Gauklerzelt.

Während unsre Kirchen eigentlich nur den Unterirdischen geweiht zu sein scheinen, galten die griechischen Tempel als Wohnung der Himmlischen. Deshalb senkten sie lichte Schauder ins Herz, statt der dunklen, und die Pilger ergriff zugleich, in der olympischen Nähe, Furcht, Seligkeit, Sehnsucht und Neid.

Starker Wind. Gesundes, sonniges Wetter. In der Luft wohnt deutscher Frühling. Der Parthenon: stark, machtvoll, ohne südländisches Pathos, rauscht im Winde laut, wie eine Harfe oder das Meer. Ein deutscher Grasgarten ist um ihn herum. Frühlingsblumen beben im Luftzug. Um alle die heiligen Trümmer auf dem grünen Plateau der Akropolis weht Kamillen-Arom. Es ist ein unsäglich entzückender Zustand, zwischen den schwankenden Gräsern auf irgendeinem Stück Marmor zu sitzen, die Augen schweifen zu lassen, über die blendend helle, attische Landschaft hin. Hymettos zur Linken, Penthelikon, als Begrenzung der Ebene. Der Parnes, bei leichter Rückwärtswendung des Kopfes sichtbar. Silbergraue Gebirgswälle, im weiten Kreisbogen um Athen und den Götterfelsen gelagert, der mit dem Parthenon auf dem Scheitel alles beherrscht. Hier stand Athene, aufrecht, mit der vergoldeten Speerspitze. Vom Parnes grüßte der Zeus Parnethios, vom Hymettos grüßte der Zeus Hymethios. Vom Penthele ein zweites Bild der Athene. Attika war von Göttern bewohnt, von Göttern auf allen umliegenden Höhen bewacht, die einander mit göttlichen Brauen zuwinkten. Geradeaus, unter mir, liegt tiefblau, in die herrliche Bucht geschmiegt, das Meer. Aegina und Salamis grüßen herüber ... Ich atme tief! ...

Ich sitze auf einem Priestersessel im Theater des Dionysos. Hähne krähen; es ist, als ob Athen und die Demen nur von Hähnen bewohnt wären. Der städtische Lärm tritt heut ein wenig zurück, und das Geschrei der Ausrufer ist durch das oft wiederholte Geschrei von weidenden Eseln abgelöst. Brütende Sonne erwärmt die gelblichen Marmorsessel und Marmorstufen.

Etwa 30000 Zuschauer wurden auf diesen Stufen untergebracht, von denen nicht allzuviele Reihen erhalten sind; und hinter und über der letzten, obersten Reihe thronten die Götter: denn dort überragt das ganze Theater die rötliche Felswand der Akropolis, gewiß noch heut der seltsamste, rätselvollste und zugleich lehrreichste Fels der Welt.

Noch heute, jenseit von allem Aberglauben jener Art, wie er im Altertum im Volke lebt und dichtet, empfinde ich doch die Kraft, die schaffende Kraft dieses Glaubens tief, und wenn mein Wille allein es meistens ist, der die ausgestorbene Götterwelt zu beleben sucht, hier, angesichts dieses ragenden Felsens, erzeugt sich augenblicksweise, fast unwillkürlich ein Rausch der Göttergegenwart. Zweifellos war es ein Grad der Ekstase, der jene Dreißigtausend hier, auf dem geheiligten Grund des Eleutherischen Dionysos, im Angesichte der heiligen Handlung des Schauspiels befiel, den zu entwickeln dem glaubensarmen Geschlecht von heut das Mittel abhanden gekommen ist. Und ich stehe nicht an, zu behaupten, daß alle Tragiker, bis Euripides, so sehr sie sich von der derb naiven Gläubigkeit der Menge gesondert haben mögen, von Gottesfurcht oder Götterfurcht und vom Glauben an ihre Wirklichkeit, besonders hier, am Fuße und im Bereich des Gespensterfelsens, durchdrungen gewesen sind.

Die Akropolis ist ein Gespensterfelsen. In diesem Theater des Dionysos gingen Gespenster um. In zahllosen Löchern des rotvioletten Gesteins wohnten die Götter, wie Mauerschwalben. Es ist eine enggedrängte, überfüllte, göttliche Ansiedelung: hatten doch, nach Pausanias, die Athener für das Göttliche einen weit größeren Eifer, als die übrigen Griechen. Die Art, wie sie allen möglichen Göttern Asyle und wieder Asyle gründeten, deutet auf Angst. Während ich solchen Gedanken nachhänge, höre ich hinter mir wiederum den Vogel der Pallas, aus einem Felsloch, klägliche Laute in den Tag hineinwimmern und stelle mir vor, wie wohl die atemlos lauschenden Tausende ein Schauer bei diesem Ruf überrieselt hat.

Die Seelenverfassung der großen Tragiker wurde unter anderem auch von dem Umstand bedingt, daß sie Götter als Zuschauer hatten. Daß es so war, ist für mich eine Wirklichkeit. Die Woge des Glaubens, die ihnen aus dreißigtausend Seelen entgegenschlug, verstärkt durch die Nähe göttlicher Troglodyten und Tempelbewohner des Felsens, war allein schon wie eine ungeheure Sturzwelle, und jede Skepsis wurde hinweggespült.

„An der sogenannten südlichen Mauer der Burg, dem Theater zugekehrt, ist ein vergoldetes Haupt, der Gorgone Medusa geweiht, und um dasselbe ist die Ägide angebracht. Am Giebel des Theaters ist im Felsen unter der Burg eine Grotte; auch über dieser steht ein Dreifuß; in ihr sind Apollo und Artemis, wie sie die Kinder der Niobe töten“, schreibt Pausanias. Ein Heiligtum der Artemis Brauronia ist auf der Burg. Der große Tempel der Pallas Athene, ein Heiligtum des Erechtheus, des Poseidon, Altäre des Zeus, zahllose Statuen von Halbgöttern, Göttern und Heroen sind da, Äskulap hat im Felsen sein Heiligtum, Pan seine Grotte, sogar Serapis hat seinen Tempel. Zwei Grotten standen Apollon zu, dem „Apoll unter der Höhe“. Ein tiefer Felsspalt ist der Ort, wo der Gott Creusa, die Tochter Erechtheus’, überraschte und den Stammvater aller Jonier mit ihr zeugte. Hephästos besaß seinen Altar und so fort.

Alle diese Gottheiten lebten nicht nur auf der Burg. Sie durchwanderten bei Nacht und sogar am Tage die Straßen der Stadt. Der Mann aus dem Volke, das Weib aus dem Volke war nicht imstande, die Gebilde des nächtlichen Traums von denen des täglichen Traums zu sondern. Beide waren ihnen so gut, wie das, was sie sonst mit Augen wahrnahmen, Wirklichkeit.

Die Tragiker hatten Götter als Zuschauer, und dadurch wurde nicht nur die Grundverfassung ihrer Seele mit bedingt, sondern die Art des Dramas, das sie hervorbrachten. Auch in diesem Drama traten Götter und Menschen im Verkehr miteinander auf, und es ward damit, in einem gewissen Sinne, das geheiligte Spiegelbild der ins Erhabene gesteigerten Volksseele. Was wäre ein Dichter, dessen Wesen nicht der gesteigerte Ausdruck der Volksseele ist!

Es ist der Vormittag des 20. April. Ich habe den Felsen des Areopag erstiegen. Zwei Soldaten schlafen in einer versteckten Mulde. Esel schreien; Hähne krähen. Der Ort ist verunreinigt. An einem Teile des Felsens werden Vermessungen vorgenommen. Wieder liegt das weiße, blendende Licht über der Landschaft.

Auf diesem Hügel des Ares, heißt es, ist über den Kriegsgott Gericht gehalten worden, in Urzeiten, irgend eines vereinzelten Mordes wegen, den er begangen hatte. Hier, sagt man, wurde Orestes gerichtet und losgesprochen, trotzdem er die Mutter ermordet hatte. In nächster Nähe soll hier ein Heiligtum der Erinnyen gewesen sein, der zürnenden Gottheiten, die von den Athenern die Ehrwürdigen, oder ähnlich, genannt wurden. Ihre Bildnisse sollen nicht schreckenerregend gewesen sein, und erst Äschylos hat ihnen Schlangen ins Haar geflochten.

Es fällt wiederum auf, wie überladen mit Götterasylen der nahe Burgfelsen ist: mit Nestern, Gottesgenisten könnte man sagen! Jeder Spalt, jede Höhle, jeder Fußbreit Stein war für die oberirdischen, unterirdischen oder auch für solche Gottheiten, die im Wasser leben, ausgenützt. Es ist erstaunlich, daß sie hier untereinander Frieden hielten. Vielleicht geschah es, weil Pallas Athene, als Höchstverehrte, über den andern stand.

Man ist hier auf dem Areopag erhaben über der Stadt. Man übersieht einen Teil von ihr und den Theseustempel. Man sieht gegenüber, durch ein Tal getrennt, die Felsplatten der Pnyx. Man hört die zahllosen Schwalben des nahen Burgfelsens zwitschern. Dies Zwitschern wird zu einer sonderbaren Musik, wenn man sich an den ersten Gesang der Odyssee und an die folgenden Verse erinnert:

„Also redete Zeus’ blauäugigte Tochter, und eilend

Flog wie ein Vogel sie durch den Kamin ...“

und an die Neigung der Himmlischen überhaupt, sich in allerlei Tiere, besonders in Vögel, umzuwandeln.

Ich lasse mich nieder, lausche und betrachte den zwitschernden Götterfelsen, die Akropolis. Ich schließe die Augen und finde mich durch das Zwitschern tief und seltsam aufgeregt. Es kommt mir vor, indem ich leise immer wieder vor mich hinspreche: Der zwitschernde Fels! Die zwitschernden Götter! Der zwitschernde Götterfels! als habe ich etwas aus der Seele eines naiven Griechen jener Zeit, da man die Götter noch ehrte, herausempfunden. Vielleicht, sage ich mir, ist, wenn man eine abgestorbene Empfindung wieder beleben kann, damit auch eine kleine, reale Entdeckung gemacht.

Und plötzlich erinnere ich mich der „Vögel“ des Aristophanes, und es überkommt mich zugleich in gesteigertem Maße Entdeckerfreude. Ich bilde mir ein, daß mit dieser Empfindung: „der zwitschernde Fels, die zwitschernden Götter“, im Anblick der Burg, der Keim jenes göttlichen Werkes in der Seele des freiesten unter den Griechen zuerst ins Leben getreten ist. Ich bilde mir ein, vielleicht den reinsten und glücklichsten Augenblick, einen Schöpfungsakt seines wahrhaft dionysischen Daseins, neu zu durchleben, und will es jemand bezweifeln, so raubt er mir doch die heitere, überzeugte Kraft der Stunde nicht.

„... Tioto, tioto, tiotix!

Widerhallte der ganze Olympos.“

Frische, nordische Luft. Nordwind. Eine ungeheure Rauch- und Staubwolke wird von Norden nach Süden über das ferne Athen hingejagt. Gegen den Hymettos zieht der bräunliche Dunst, Akropolis und Lykabettos in Schleier hüllend. Ich verfolge, vom Rande der phalerischen Bucht, ein beinahe ausgetrocknetes Flußbett, in der Richtung gegen den Parnes. Schwalben flattern über den spärlichen Wasserpfützen in lebhafter Erwerbstätigkeit. Ich habe zur Linken die letzten Häuser und Gärten der Ansiedelung von Neu-Phaleron, hinter einem Feld grüner Gerste, die in Ähren steht. Zur Rechten, jenseit des Flußlaufs, gegen das ferne Athen hin, sind ebenfalls ausgedehnte Flächen mit Gerste bebaut. Die Finger erstarren mir fast, wie ich diese Bemerkung in mein Buch setze. Die Landschaft ist fast ganz nordisch. Vereinzelte Kaktuspflanzen an den Feldrainen machen den unwahrscheinlichsten Eindruck. Ich beschreite einen Feldweg. Um mich, zu beiden Seiten, wogt tiefgrün die Gerste. Man muß die Alten und das Getreide zusammendenken, um ganz in ihre sinnliche Nähe zu gelangen, mit ihnen vertraut, bei ihnen heimisch zu sein.

Die Akropolis, mit dem Parthenon, erhebt sich unmittelbar aus der weiten Prärie, aus der wogenden See grüner Halme, empor.

Ich kreuze die Landstraße, die von Athen in grader Linie nach dem Piräus hinunter führt, und stoße auf eine niederländische Schänke, unter mächtigen, alten Eschen, die an Ostade oder Breughel erinnert. Ich erblicke, mich gegen Athen wendend, über dem Ausgangspunkt der Straße wiederum die Akropolis mit dem Parthenon. Der Verkehr, mit Mäulern und Pferden an hochrädrigen Karren, bewegt sich in zwei fast ununterbrochenen Reihen von Athen zum Piräus hinunter und umgekehrt. Es wird sehr viel Holz nach Athen geschafft. Unter vielen Mühen, in beinahe undurchdringlichen Staubwolken, arbeite ich mich gegen eisigen Wind. Hunde und Hühner bevölkern die Landstraße. Im Graben, im Grase, das eine dicke Staubschicht überzieht, liegt, grau wie der Staub, ein todmüder Esel und hebt seinen mageren Kopf mir zu. Kantine an Kantine begleitet die Straße rechts und links in arger Verwahrlosung. Ich bin beglückt, als ich einen tüchtigen Landmann, mit zwei guten Pferden, die Hand am Pflug, seinen Acker bestellen sehe, ein Anblick, der in all diesem jämmerlich verstaubten Elend erquickend ist.

Ich weiche dem Staub, verlasse die Straße, und bewege mich weiter, dem Parnes zu, in die Felder hinein. Nun sehe ich die Akropolis wiederum und zwar in einem bleichen, kreidigen Licht, zunächst über blühenden Obstgärten auftauchen. Der Parthenongiebel steht, klein wie ein Spielzeug, kreidig-bleich. In langen Linien schießen die Schwalben dicht über das Gras der Auen und über die Ähren der Gerstenfelder hin. Ich muß an den Flug der Götter denken, an den schemenhaft die ganze Landschaft beherrschenden, zwitschernden Götterfels, und wie von Athene gesagt ist:

„Plötzlich entschwand sie den Blicken und gleich der Schwalbe von Ansehn

Flog sie empor ...“

Wie muß dem frommen Landbewohner mitunter der Flug und der Ruf der Schwalbe erschienen sein! Wie wird er seinen verehrenden Blick zuzeiten bald gegen das Bild des Zeus auf dem nahen Parnes, bald gegen die ferne, überall sichtbare, immer leuchtende Burg der Götter gerichtet haben! Von dorther strichen die Schwalben, dorthin verschwanden sie in geschwindem Flug. Und ähnlich, nicht allzuviel schneller, kamen und gingen die Götter, die keineswegs, wie unser Gott, allgegenwärtig gewesen sind.

Auf dem heiligen Wege, von Athen nach Eleusis hinüber, liegt an der Paßhöhe, zwischen Bergen, das kleine griechische Kloster Daphni. Ich weiß nicht, welches rätselhafte Glück mich auf der Fahrt hierher überkommen hat. Vielleicht war es zunächst die Freude, mit jedem Augenblick tiefer in ein Gebiet des Pan und der Hirten einzudringen.

Überall duftet der Thymian. Er schmückt, strauchartig, die grauen Steinhalden, auch dort, wo die wundervolle Aleppo-Kiefer, der Baum des Pan, nicht zu wurzeln vermag. Aber Kiefer und Thymian vermischen überall ihre Düfte und füllen die reine Luft des schönen Bergtals mit Wohlgeruch.

Der Hof des Klosters, in den wir treten, ist ebenfalls von weihrauchartigen und von grunelnden Düften erfüllt. Am Grunde schmücken ihn zahllose, weiße und gelbe Frühlingsblumen, die ihre Köpfchen den warmen Strahlen des griechischen Frühlingsmorgens darbieten. An einem gestutzten Baum ist die Glocke des Klosters aufgehängt, Sommers und Winters den atmosphärischen Einflüssen preisgegeben und darum bedeckt mit einer schönen, bläulichen Patina. Ein Hündchen, im Winkel des Hofes, vor seiner Hütte, wedelt uns an. Trotzdem es nach Bienen und Fliegen schnappen kann, deren wohlig schwelgerisches Gesumm allenthalben vernehmlich ist, scheint es sich doch in dieser entzückenden, gleichsam verwunschenen Stille zu langweilen.

Antike Säulenreste, Trommeln und Kapitale, liegen umher, auf denen sich Sperlinge, pickend und lärmend, umhertreiben. Sie besuchen den Brunnen, an dem eine alte, hohe Cypresse steht, türkischer Sitte gemäß, als Wahrzeichen.

Das Innere der Klosterkirche bietet ein Bild der Verwahrlosung. Die Mosaiken der Kuppel sind fast vernichtet, die Ziegelwände von Stuck entblößt. Aber der häusliche Laut der immerfort piepsenden Sperlinge und warme Sonne dringt vom Hofe herein, dazu der Ruf des Kuckuck herab aus den Bergen, und der kleine Altar, von gläubigen Händen zärtlich geschmückt, verbreitet mit seinem braunen Holzwerk, mit seinen Bildchen und brennenden Kerzen, einen treuherzig-freundlichen Geist der Einfachheit.

Unsern Weg durch die Hügel abwärts fortsetzend, haben wir eine Stelle zu beachten, wo vor Zeiten ein Tempel der Venus stand. Nicht weit davon bemerken wir, unter einer Kiefer, in statuarischer Ruhe aufgerichtet, die Gestalt eines Hirten, dessen langohrige Schafe, im Schatten des Baumes zusammengedrängt, um ihn her lagern und wie ein einziges Fließ den Boden bedecken.

Was mich auf dieser heiligen Straße besonders erregt, ist das Hallende. Überall zwischen den Bergen schläft der Hall. Die Laute der Stimmen, die Rufe der Vögel, wecken ihn in den schlafenden Gründen. Ich stelle mir vor, daß jemand, den eine unbezwingliche Sehnsucht treibt, sich in die untergegangene Welt der Hellenen, wie in etwas noch Lebendiges einzudrängen, auf ein besseres Mittel schmerzhaft-seliger Täuschung nicht verfallen könnte, als durch das verwaiste Griechenland nur immer geliebte Namen zu rufen, wie Herakles einst den Hylas rief. Gleichwie nun die Stimme des Hylas, des Gestorbenen, im Echo gespenstisch, wie eines Lebenden Stimme, antwortete, so, meine ich, käme dem Rufe des wahren Pilgers jedweder heilige Name, aus dem alten, ewigen Herzen der Berge, fremd, lebendig und mit Gegenwartsschauern zurück.

Wir sind nun an den Rand der Eleusinischen Bucht gelangt, die durch die Höhenzüge der Insel Salamis gegen das Meer hin geschützt, einem friedlichen Landsee ähnlich ist. Ich habe niemals das Galiläische Meer gesehen, und doch finde ich mich an Jesus und jene Fischer gemahnt, die er zu Menschenfischern zu machen unternahm. Das biblische Vorgefühl findet auf der weißen Landstraße längs des Seeufers unerwartet eine Bestätigung, als das klassische Bild der Flucht nach Ägypten lebendig an uns vorüberzieht: eine junge, griechische Bäuerin auf dem Rücken des Maultiers, den Säugling im Arm, von ihrem bärtigen, dunkelhaarigen Joseph begleitet.

Die Bucht liegt in einem weißlichen Perlmuttschimmer still und glatt und die Augen blendend unter den schönkonturierten Spitzen von Salamis. Die Landschaft, im Gegensatz zu dem Tale, aus dem wir kommen, ist offen und weit, und scheint einem anderen Lande anzugehören. Dort wo ein seichter Fluß, aus den Bergen kommend, sein Wasser mit dem der Bucht vermischt, knieen eskimoartig vermummte Wäscherinnen, obgleich weder Haus noch Hütte im weiten Umkreis zu sehen ist.

Wie sich etwa die Sinnesart eines Menschen erschließt, durch die Scholle, die er bebaut, durch die Heimat, die er für sein Wirken erwählt hat, oder durch jene, die ihn hervorbrachte, und festhielt, so erschließt sich zum Teil das Wesen der Demeter im Wesen des eleusinischen Bezirks. Denn dies ist den griechischen Göttern eigen, daß sie mit innigen Banden des Gemüts weniger an den Olymp, als an die griechische Muttererde gebunden sind. Kein Gott, der den Griechen weniger liebte, als der Grieche den Gott — oder weniger die griechische Heimat liebte und in ihr heimisch wäre, als er!

Jesus, der Heiland und Gottessohn, Jesus der Gott, ist uns durch sein irdisch-menschliches Schmerzensschicksal nahegebracht: ebenso den Griechen Demeter. Man stelle sich vor, wie der Grieche etwa auf diesem heiligen Boden empfand, der wirklich Demeters irdischen Wandel gesehen hatte, wo ich, der moderne, skeptische Mensch, sogleich von besonderer Weihe durchdrungen ward, als sich das Bild der Landschaft in mir mit jener anderen Legende vermählt hatte, die mit einer Kraft ohnegleichen heute Zweifler wie Fromme beherrscht.

Der heilige Bezirk, mit dem Weihetempel der Demeter, liegt nur wenig erhaben über die Spiegelhöhe, am Rande der Bucht. Es sei ferne von mir, dieses wärmste und tiefste Mysterium, nämlich das eleusinische, ergründen zu wollen: genug, daß es für mich von Sicheln und schweren Garben rauscht und daß ich darin das Feuer Apolls mit des Aidoneus eisiger Nacht sich vermählen fühle. Übrigens ist ein wahres Mysterium, das durch Mysten gepflegt und lebendig erhalten, nicht in Erstarrung verfallen kann, ein ewiger Quell der Offenbarung, woraus erhellt, daß eben das Unergründliche ganz sein Wesen ist.

Während ich auf den Steinfließen der ehemaligen Vorhalle des Pylon, als wäre ich selbst ein Myste, nachdenklich auf und ab schreite, formt sich mir aus der hellen, heißen, zitternden Luft, in Riesenmaßen, das Bild einer mütterlichen Frau. Ihr Haarschwall, der die Schultern bedeckt und herab bis zur Ferse reicht, ist von der Farbe des reifen Getreides. Sie wandelt, mehr schwebend als schreitend, aus der Tiefe der fruchtbaren eleusinischen Ebene gegen die Bucht heran, und ist von summsenden Schwärmen häuslicher Bienen, ihren Priesterinnen, begleitet.

Die wahren Olympier leiden nicht, Demeter ist eine irdisch-leidende Göttin, deren mütterliches Schmerzensschicksal selbst durch den Richtspruch des Zeus nur gemildert, nicht aufgehoben ist. Auf ihren Zügen liegt, unverwischbar, die Erinnerung ausgestandener Qual und es kann eine größere Qual nicht geben, als die einer Mutter, die ihr verlorenes Kind in grauenhafter Angst und Verzweiflung der Seele sucht. Sie hat Persephoneia wieder gefunden und hier zu Eleusis, der Weihetempel, auf dessen Boden ich stehe, ist der Ort, von dem aus sie die Rückkunft der Tochter und ihre Befreiung aus den Fesseln des Tartarus erzwang, und wo Mutter und Tochter das selige Wiedersehen feierten. Aber sie genießt auch seither, wie gesagt, nicht das reine, ungetrübte, olympische Glück. Nach leidender Menschen Art ist ihr Dasein Genuß und Entbehren, Weh der Trennung und Freude der Wiedervereinigung. Es ist unlöslich, für immer, gleichwie das Dasein der Menschen, aus bitteren Schmerzen und Freuden gemengt.

Das ist es, was sie dem Menschengeschlecht und auch dem Spätgeborenen nahebringt, und was sie mehr, als irgendeinen Olympier, heimisch gemacht hat auf der Erde.

Es kommt hinzu, daß, während eines Teiles des Jahres, Aidoneus die Tochter ins Innere der Erde fordert und dort gefangen hält, wodurch denn die seligen Höhen des Olymps, die dem Kerker der Tochter ferne liegen, den Füßen der Mutter, mit den eleusinischen Ufern verglichen, unseliger Boden sind. Man ist überzeugt, daß Schicksalsschluß die Göttin in das Erkenntnisbereich der Menschen verwiesen hat — in ein beginnendes, neues, höheres, zwischen Menschen und Göttern und zwar mit einem Ereignis, das, unvergeßlich, das Herz ihres Herzens gleichsam an seinen Schauplatz verhaftet hält.

Die „weihrauchduftende“ Stadt Eleusis, die Stadt des Keleus, der Königin Metaneira sowie ihrer leichtgeschürzten Töchter: Kallidike, Kleissidike, Dämo und Kallithoa der „saffranblumengelockten“ ist heut nicht mehr, aber der Thymianstrauch, der überall um die Ruinen wuchert, verbreitet auch heute um die Trümmer warme Gewölke von würzigem Duft. Und die Göttin, die fruchtbare, mütterliche, umwandelt noch heut, in alter, heiliger Schmerzenshoheit die Tempeltrümmer, die Ebene und die Ufer der Bucht. Ich spüre die göttliche Erntemutter, die göttliche Hausfrau, die göttliche Kinderbewahrerin, die Gottesgebärerin überall, die ewige Trägerin des schmerzhaft süßen Verwandlungswunders.

Was mag es gewesen sein, was die offenen Kellergewölbe unter mir an Tagen der großen Feste gesehen haben? Man verehrte hier neben Demeter auch den Dionysos. Nimmt man hinzu, daß der Mohn, als Sinnbild der Fruchtbarkeit, die heilige Blume der Demeter war, so bedeutet das, in zwiefacher Hinsicht, ekstatische Schmerzens- und Glücksraserei. Es bleibt ein seltsamer Umstand, daß Brot, Wein und Blut, dazu das Martyrium eines Gottes, sein Tod und seine Auferstehung, noch heut den Inhalt eines Mysteriums bilden, das einen großen Teil des Erdballs beherrscht.

Ich liege, unweit von Kloster Daphni, unter Kiefern, auf einem Bergabhange hingestreckt. Der Boden ist mit braunen Kiefernadeln bedeckt. Zwischen diesen Nadeln haben sich sehr feine, sehr zarte Gräser ans Licht gedrängt. Aber ich bin hierher gekommen, verlockt von zarten Teppichen weißer Maßliebchen. Sie zogen mich an, wie etwa ein Schwarm lieblicher Kinder anzieht, die man aus nächster Nähe sehen, mit denen man spielen will. Nun liege ich hier und um mich, am Grunde, nicken die zahllosen kleinen, weißen Schwestern mit ihren Köpfchen. Es ist kein Wald. Es sind ganz winzige Hungerblümchen, unter denen ich ein Ungeheuer, ein wahres Gebirge bin. Und doch strömen sie eine Beseligung aus, die ich seit den Tagen meiner Kindheit nicht mehr gefühlt habe.

Und auch damals, in meiner Kindheit, schwebte eine Empfindung, dieser ähnlich, nur feiertäglich durch meine Seele. Ich erinnere mich eines Traumes, den ich zuweilen in meiner Jugend gehabt habe, und der mir jedesmal eine Schwermut in der Seele ließ, da er mir etwas, wie eine unwiederbringliche, arkadische Wonne, schattenhaft vorgaukelte. Ich sah dann stets einen sonnigen, von alten Buchen bestandenen Hang, auf dem ich mit anderen kleinen Kindern bläuliche Leberblümchen abpflückte, die sich durch trockenes, goldbraunes Laub zum Lichte hervorgedrängt hatten. Mehr war es nicht. Ich nehme an, daß dieser Traum nichts weiter, als die Erinnerung eines besonders schönen, wirklich durchlebten Frühlingsmorgens war, aber es scheint, daß ein erstes Genießen der goldenen Lust, zu der sich die Sinne des Kindes erschlossen, das unvergeßliche Glück dieser kurzen Stunde gewesen ist.

Ich liege auf olympischer Erde ausgestreckt. Ich bin, wie ich fühle, zum Ursprung meines Kindestraumes zurückgekehrt. Ja, es ward mir noch Höheres vorbehalten! Mit reifem Geist, mit bewußten, viel umfassenden Sinnen, im vollen Besitz aller schönen Kräfte einer entwickelten Seele, ward ich auf dieses feste Erdreich so vieler ahnungsvoll-grundloser Träume gestellt, in eine Erfüllung ohnegleichen hinein.

Und ich strecke die Arme weit von mir aus und drücke mein Gesicht antäos-zärtlich zwischen die Blumen in diese geliebte Erde hinein. Um mich beben die zarten Grashalme. Über mir atmen die niedrigen Wipfel der Kiefern weich und geheimnisvoll. Ich habe in mancher Wiese bei Sonnenschein auf dem Gesicht oder Rücken gelegen, aber niemals ging von dem Grunde eine ähnliche Kraft, ein ähnlicher Zauber aus, noch drang aus hartem Geröll, das meine Glieder kantig zu spüren hatten, wie hier ein so heißes Glück in mich auf.

Ich bin auf der Rückfahrt von Eleusis nach Athen wieder in diese lieblichen Berge gelangt. Die heilige Straße liegt unter mir, die Athen mit Eleusis verbindet. Herden von Schafen und Ziegen, die in dem grauen Gestein der Talabhänge umhersteigen, grüßen von da und dort mit ihrem Geläut, das, melodisch glucksend, an die Geräusche eines plaudernden Bächleins erinnert.

In der Nähe beginnt ein Kuckuck zu rufen, zunächst allein: und heiter gefragt, schenkt er mir drei Jahrzehnte als Antwort. Es ist mir genug! Nun tönt aus den Kiefernhainen von jenseit des heiligen Weges ein zweiter Prophet: und beide Propheten beginnen und fahren lange Minuten unermüdet fort, sich trotzig und wild, über die ganze Weite des Bergpasses hin, wahrscheinlich widersprechende Prophezeiungen zuzurufen.

Und wieder spüre ich um mich das Hallende. Die Rufe der streitenden Vögel wecken einen gespenstisch verborgenen Schwarm ihresgleichen zu einem Durcheinander von kämpfenden Stimmen auf und mit einer nur geringen Kraft der Einbildung höre ich den Lärm des heiligen Fackelzuges, von Athen gen Eleusis, aus den Bergen zurückschlagen.

Emporgestiegen zu den Gipfeln habe ich rings umher graues Geröll eines Bergrückens, Krüppelkiefern und Thymian, Mittagshitze und Mittagslicht. Unter mir liegen eingeschlossene Steintäler, verlassen und großartig pastoral. Hohe peloponnesische Schneeberge, Hymettos, Likabethos und Pentelikon schließen rings den Gesichtskreis ein. Der saronische Golf und die eleusinische Bucht leuchten herauf mit blauen Gluten. In heißen, zitternden Wolken, zieht überall würzig-bitterer Kräuterduft. Überall summen die Bienen der Demeter.

Wir betreten heute, gegen zehn Uhr abends, im Lichte des Vollmonds die Akropolis. Meine Erwartung, nun gleichsam alle Gespenster der Burg lebendig zu sehen, erfüllt sich nicht: Es müßte denn sein, daß sie alle in dem heiligen Äther aufgelöst seien, der den ganzen Tempelbezirk entmaterialisiert.

Mehr wie am Tage empfinde ich heut, und schon auf den Stufen der Propyläen, das Heiligtum, das Bereich der Götter. Ich zögere, weiter zu schreiten. Ich lasse mich im tiefen Schlagschatten einer Säule nieder und blicke über die Stufen zurück, die ich mir in die magisch-klare Tiefe fortgesetzt denke. Zum erstenmal verbindet sich mir das Ganze mit dem höheren Geistesleben, besonders des Perikleischen Zeitalters, dem der Burgfelsen seine letzte und höchste Weihe verdankt. Das Wirkliche wird im Lichte des Mondes schemenhaft unwirklich, und diesem Unwirklich-Wirklichen können sich historische Träume leichter angleichen.

Als vermöchte der Mond Wärme auszuströmen, so warm ist die Luft und dazu klar und still: das Zwitschern der Fledermäuse kommt aus dem Licht-Äther unter uns. Man fühlt, wie in solchem göttlichen Äther atmend und heimisch in diesem heiligen Bezirk, erlauchte Menschen mit Göttern gelebt haben. Hier, über den magischen Abgrund hinausgehoben, in einen unsäglich zarten, farbigen Glanz, war der Denker, der Staatsmann, der Priester, der Dichter, in Nächten wie diese, mit den Göttern auf gleichen Fuß gestellt und atmete, in naher Vertraulichkeit, mit ihnen die gleiche elysische Luft.

Man müßte von einem nächtlichen Blühen dieses am Tage so schroffen und harten, arg mitgenommenen Olympes reden, von einem Blühen, das unerwartet und außerirdisch die alte vergessene Götterglorie um seine Felskanten wiederherstellt.

Der Parthenon, von der Hymettosseite gesehen, ist in dieser Nacht nicht mehr das Gebilde menschlicher Bauleute. Diese scheinen vielmehr nur einem göttlichen Plane dienstbar gewesen zu sein, das Irdische gewollt, das Himmlische aber vollbracht zu haben. In diesem Tempel ist jetzt nichts Drohendes, nichts Düsteres, nichts Gigantisches mehr, und seine Steinmasse, seine irdische Schwere scheint verflüchtigt. Er ist nur ein Gebilde der Luft, von den Göttern selbst in einen göttlichen Äther hineingedacht und hervorgerufen. Er ist nicht aus totem Marmor zusammengefügt, er lebt! von innen heraus warm und farbig leuchtend, führt er das selige Dasein der Götter. Alles an ihm wird getragen, nichts trägt. Oder aber, es kommt ein Gefühl über dich, daß, wenn du, mit deinem profanen Finger, eine der Säulen zu berühren nicht unterlassen könntest, diese sogleich zu Staub zerspringen würde vor Sprödigkeit.

In dieser Stunde kommt uns die Ahnung von jenem Sein, das die Götter in ihrer Verklärung führen, von irdischen Obliegenheiten befreit. Auch Götter hatten Erdengeschäfte. Wir ahnen, von welchem Boden Platon zu seiner Erkenntnis der reinen Idee sich aufschwang. Welche Bereiche erschlossen sich in solchen schönheitstrunkenen Nächten, die warm und kristallklar zu ein und demselben Element mit den Seelen wurden ... welche Bereiche erschlossen sich den Künstlern und Philosophen hier, als den Gästen und nahen Freunden der Himmlischen!

Und damals, wie heute, drang, wie aus den Zelten eines Lustlagers, Gesang und Geschrei herauf aus der Stadt. Man braucht die Augen nicht zu schließen, um zu vergessen, daß jenes dumpfe Gebrause aus der Tiefe der Lärm des Athens von heute ist: vielmehr hat man Mühe das festzuhalten. In dieser Stunde, im Glanze des unendlichen Zaubers der Gottesburg, pocht und bebt und rauscht für den echten Pilger in allem der alte Puls. Und seltsam eindringlich wird es mir, wie das Griechentum zwar begraben, doch nicht gestorben ist. Es ist sehr tief, aber nur in den Seelen lebendiger Menschen begraben und wenn man erst alle die Schichten von Mergel und Schlacke, unter denen die Griechenseele begraben liegt, kennen wird, wie man die Schichten kennt, über den mykenäischen, trojanischen oder olympischen Fundstellen alter Kulturreste, aus Stein und Erz, so kommt auch vielleicht für das lebendige Griechenerbe die große Stunde der Ausgrabung.

Wir stehen auf dem hohen Achterdeck eines griechischen Dampfers und harren der Abfahrt. Der Lärm des Piräus ist um uns und unter uns. Wir wollen gen Delphi, zum Heiligtum des Apoll und Dionysos.

Mehr gegen den Ausgang des Hafens liegt ein weiß angestrichenes Schiff, ein Amerikafahrer, rings um ihn her auf der Wasserfläche, über die er emporragt, steht, wie auf Dielen, nämlich in kleinen Booten, eng gedrängt, eine Menschenmenge. Es sind griechische Auswanderer, Leute, die das verwunschene Land der Griechenseele nicht ernähren mag.

Dem Hafengebiet entronnen, genießen wir den frischen Luftzug der Fahrt. Unsere Herzen beleben sich. Wir passieren das kahle Inselchen, hinter dem die Schlacht bei Salamis ihren Verlauf genommen hat, den niedrigen Küstenzug, wo Xerxes seinen gemächlichen Thron errichten und vorzeitig abbrechen ließ. Der ganze, bescheidene Schauplatz deutet auf enge maritime Verhältnisse.

Die bergige Salamis öffnet in die fruchtbare Fülle des Innern ein weites Tal. Liebliche Berglehnen, Haine und Wohnstätten werden dem Seefahrer verlockend dargeboten: alles zum Greifen nahe! und es ist wie ein Abschied, wenn er vorüber muß.

Man weist uns Megara. Wir hätten es von der See aus nicht wiedererkannt: Megara, jetzt nur gespenstisch und bleich von seinen Hügeln winkend, die Stadt, die Konstantinopel gegründet hat. Wir werden den Weg der megarensischen Schiffe in einigen Wochen ebenfalls einschlagen.

Wenn wir nicht, wie bisher, über Steuerbord unseres Dampfers hinausblicken, sondern über seine Spitze, so haben wir in der Ferne alpine Schneegipfel des Peloponnes vor uns, darunter, vereinzelt, den drohenden Felsen der Burg von Korinth.

Wir suchen durch den zitternden Luftraum dieser augenblendenden Buchten den Standort des äginetischen Tempels auf, und meine Seele saugt sich fest an die lieblichen Inselfluren von Ägina. Warum sollten wir uns in der vollen Muße der Seefahrt, zwischen diesen geheiligten Küsten, der Träume enthalten und nicht der lieblichen Jägerin Britomartis nachschleichen, einer der vielen Töchter des Zeus, von der die Ägineten behaupteten, daß sie alljährlich von Kreta herüberkäme, sie zu besuchen.

Gibt es wohl etwas, das wundervoller anmutete, als die nüchterne Realität einer Mitteilung des Pausanias, etwa Britomartis angehend, wo niemals die Existenz eines Mitglieds der Götterfamilie, höchstens hie und da ein lokaler Anspruch der Menschen mit Vorsicht in Zweifel gezogen ist.

Nicht nur die Vasenmalereien beweisen es, daß der Grieche sich in allen Formen des niederen Eros auslebte: aber der schaffende Geist, der solche Gestalten, wie Britomartis, entstehen ließ und ihnen ewige Dauer beilegte, mußte das Element der Reinheit, in Betrachtung des Weibes, notwendig in sich bergen, aus dem sie besteht: keusch, frisch, unbewußt-jungfräulich, ist Britomartis im Stande glückseliger Unschuld bewahrt worden. Sie hat mit Amazonen und Nonnen nichts gemein. Es ist in ihr weder Männerhaß noch Entsagung, sondern sie stellt, mit dem freien, behenden Gang, dem lachenden Sperberauge, der Freude an Wald, Feld und Jagd, die gesunde Blüte frischen und herben Magdtums verewigt dar.

Überall auf der Fahrt sind Inseln und Küstenbereiche von lieblicher Intimität, und es ist etwas Ungeheueres, sich vorzustellen, wie hier die Phantasie eines Volkes, in dem die ungebrochene Weltanschauung des Kindes neben exakter und reifer Weisheit des Greisenalters fortbestand, jede Krümmung der Küste, jeden Pfad, jeden nahen Abhang, jeden fernen und ferneren Felsen und Schneegipfel mit einer zweiten Welt göttlich phantastischen Lebens bedeckt und bevölkert hat. Es ist ein Gewirr von Inseln, durch das wir hingleiten, uns jener Stätte mit jeder Minute nähernd, wo, gleichsam aus einem dunklen Quell, diese zweite Welt mit Rätselworten zurück ins reale Leben wirkte und damit zugleich die Atmosphäre des Heimatlandes mit neuem, phantastischem Stoff belud. Es gibt bei uns keine Entwicklung des spezifisch Kindlichen, das stets bewegt, stets gläubig und sprudelnd von Bildern ist, zum Weinen bereit und gleich schnell zum Jauchzen, zum tiefsten Abgrund hinabgestürzt und gleich darauf in den siebenten Himmel hinaufgeschnellt, glückselig im Spiel, wo nichts das vorstellt, was es eigentlich ist, sondern etwas anderes, Erwünschtes, wodurch das Kind es sich, seinem Wesen, seinem Herzen zu eigen macht.

Der große Schöpfungsakt des Homer hat dem kosmischen Nebel der Griechenseele den reichsten Bestand an Gestalten geschenkt, und die Zärtlichkeit, die der spätere Grieche ihnen entgegentrug, zeigt sich besonders in mancher Mythe, die wieder lebendig zu machen unternimmt, was der blinde Homer vor den Schauern des Hades nicht zu retten vermochte. Ich weiß nicht, ob hier herum irgendwo Leuke ist, aber ich wüßte keine Sage zu nennen, die tiefer in das Herz des Griechen hineinleuchtete, als jene, die Helena dem Achill zur Gattin gibt und beide in Wäldern und Tempelhainen der abgeschiedenen kleinen Insel Leuke ein ewig seliges Dasein führen läßt.

Unser Dampfer ist vor dem Eingang zum isthmischen Durchstich angelangt und einige Augenblicke stillgelegt. Mein Wunsch ist, wiederzukehren und besonders auch auf dem herrlichen Isthmus umherzustreifen, dieser gesunden und frischen Hochfläche, die würdig wäre, von starken, heiteren, freien und göttlichen Menschen bewohnt zu sein, die noch nicht sind. Das Auge erquickt sich an weitgedehnten, hainartig lockeren Kieferbeständen, deren tiefes und samtenes Grün, auf grauen, silbererzartigen Klippen, hoch an die blaue Woge des Meeres tritt. Auf diesen bewaldeten Höhen zur Linken hat man den Platz der isthmischen Spiele zu suchen. Man sollte meinen, daß keiner der zahllosen Spielbezirke freier und in Betrachtung des ganzen Griechenlandes günstiger lag, und ferner: daß nirgend so belebt und im frischen Zuge der Seeluft überschäumend die heilige Spiellust des Griechen sich habe auswirken können, wie hier.

Die Einfahrt in den Durchstich erregt uns seltsamerweise feierliche Empfindungen. Die Passagiere werden still, im plötzlichen Schatten der gelben Wände. Wir blicken schweigend zwischen den ungeheuren, braungelben Schnittflächen über uns und suchen den Streifen Himmelsblau, der schmal und farbig in unseren gelben Abgrund herableuchtet.

Kleine, taumelnde, braun-graue Raubvögel scheinen in den Sandlöchern dieser Wände heimisch, ja, der Farbe nach, von ihnen geboren zu sein. Eine Krähe, wahrscheinlich von unserm Dampfer aufgestört, strebt, ängstlich gegen die Wände schlagend, an die Oberfläche der Erde hinauf. Nun bin ich nicht mehr der späte Pilger durch Griechenland, sondern eher Sindbad der Seefahrer, und einige Türken, vorn an der Spitze des rauschenden Schiffes, jeder mit seinem roten Fez längs der gelblichen Ockerschichten gegen den Lichtstreif des Ausganges hingeführt, befestigen diese Illusion.

Der Golf von Korinth tut sich auf. Aber während wir noch zwischen nahen und flachen Ufern hingleiten, denn wir haben die weite Fläche des Golfes noch nicht erreicht, werden wir an einem kleinen Zigeunerlager vorübergeführt und sehen, auf einer Art Landungssteg, zerlumpte Kinder der, wie es scheint, auf ein Fährboot wartenden Bande mit wilden Sprüngen das Schiff begrüßen.

Nach einiger Zeit, während wir immer zur Linken das neue Korinth, die weite, mit Gerstenfeldern bestandene Fläche des einstigen alten, das von dem gewaltigen Felsen Akrokorinth drohend beschattet wurde und die bergigen Küsten des Peloponnes vor Augen hatten, eröffnet sich zur Rechten eine Bucht mit den schneebedeckten Gipfeln des Helikon. Eine Stunde und länger bleibt er nun, immer ein wenig rechts von der Fahrtrichtung, sichtbar, hinter niedrigen, nackten Bergen, die vorgelagert sind. Die Luft war bis hierher schwül und still, nun aber fällt ein kühler Wind von den Höhen des Heiligen Berges herab und in einige Segel, die leicht und hurtig vor ihm her über das blaue Wasser des Golfes vorüberschweben.

Aller Schönheit geht Heiligung voraus. Nur das Geheiligte in der Menschennatur konnte göttlich werden, und die Vergötterung der Natur ging hervor aus der Kraft zu heiligen, die zugleich auch Mutter der Schönheit ist. Wir haben heut eine Wissenschaft von der Natur, die leider nicht von einem heiligen Tempelbezirk umschlossen ist. Immerhin ist sie, und Wissenschaft überhaupt, eine gemeinsame Sache der Nation, ja der Menschheit geworden. Was auf diesem Gebiete geleistet wird, ist schließlich und endlich ein gemeinsames Werk. Dagegen bleiben die reinen Kräfte der Phantasie heute ungenützt und profaniert, statt daß sie am großen sausenden Webstuhl der Zeit gemeinsam der Gottheit lebendiges Kleid wie einstmals wirkten.

Und deshalb, weil die Kräfte der Phantasie heut vereinzelt und zersplittert sind und keine gemäße Umwelt (das heißt: keinen Mythos) vorfinden, außer jenem, wie ihn eben das kurze Einzelleben der Einzelkraft hervorbringen kann, so ist für den Spätgeborenen der Eintritt in diese unendliche, wohlgegründete Mythenwelt zugleich so beflügelnd, befreiend und wahrhaft wohltätig.

Sollte man nicht einer gewissen, nur persönlichen Erkenntnis ohne Verantwortung nachhängen dürfen, die den gleichen Vorgang, der jemals etwas wie eine Tragödie oder Komödie schuf, als Ursprung des ganzen Götterolymps, als Ursprung des gesamten, jenem angenäherten Kreises von Heroen und Helden sieht? Wo sollte man jemals zu dergleichen den Mut gewinnen, wenn nicht auf einem Schiffe im Golf von Korinth, im Angesichte des Helikon? Warum hätte sonst Pan getanzt, als Pindar geboren worden war? und welche Freude muß unter den Göttern des Olymps, von Zeus bis zu Hephaistos und Aidoneus hinunter, ausgebrochen sein, als Homer und mit ihm die Götterwelt aufs neue geboren wurde.

Die ersten Gestalten des ersten Dramas, das je im Haupte des Menschen gespielt wurde, waren „ich“ und „du“. Je differenzierter das Menschenhirn, um so differenzierter wurde das Drama! um so reicher auch an Gestalten wurde es und auch um so mannigfaltiger, besonders deshalb, weil im Drama eine Gestalt nur durch das, was sie von den übrigen unterscheidend absetzt, bestehen kann. Das Drama ist Kampf und ist Harmonie zugleich, und mit der Menge seiner Gestalten wächst auch der Reichtum seiner Bewegungen: und also, in steter Bewegung Gestalten erschaffend, in Tanz und Kampf miteinander treibend, wuchs auch das große Götterdrama im Menschenhirn, zu einer Selbständigkeit, zu einer glänzenden Schönheit und Kraft empor, die jahrtausendelang ihren Ursprung verleugnete.

Polytheismus und Monotheismus schließen einander nicht aus. Wir haben es in der Welt mit zahllosen Formen der Gottheit zu tun, und jenseit der Welt mit der göttlichen Einheit. Diese eine, ungeteilte Gottheit ist nur noch ahnungsweise wahrnehmbar. Sie bleibt ohne jede Vorstellbarkeit. Vorstellbarkeit ist aber das wesentliche Glück menschlicher Erkenntnis, dem darum Polytheismus mehr entspricht. Wir leben in einer Welt der Vorstellungen, oder wir leben nicht mehr in unserer Welt. Kurz: wir können irdische Götter nicht entbehren, wenngleich wir den Einen, Einzigen, Unbekannten, den Alleinen, hinter allem wissen. Wir wollen sehen, fühlen, schmecken und riechen, disharmonisch harmonisch das ganze Drama der Demiurgen, mit seinen olympischen und plutonischen Darstellern. Im „Christentum“ macht der Sohn Gottes einen verunglückten Besuch in dieser Welt, bevor er sie aufgibt und also zertrümmert. Wir aber wollen sie nicht aufgeben, unsere Mutter, der wir verdanken, was wir sind, und wir bleiben im Kampf, verehren die kämpfenden Götter, die menschennahen; freilich vergessen wir auch den menschenfernen, den Gott des ewigen Friedens nicht.

Ein kalter Gebirgswind empfängt uns bei der Einfahrt in die Bucht von Galaxidhi, den alten Krisäischen Meerbusen, und überraschenderweise scheint es mir, als liefe unser Schiff in einen Fjord und wir befänden uns in Norwegen, statt in Griechenland. Beim Anblick der Nadelwälder, von denen die steile Flanke der Kiona bedeckt ist, erfüllt mich das ganze starke und gesunde Bergglück, das mir eingeboren ist. Es zieht mich nach den Gipfeln der waldreichen Kiona hinauf, wohin ich die angestrengten Blicke meiner Augen aussende, als vermöchte ich dort noch heut einen gottselig begeisterten Schwarm rasender Bacchen zwischen den Stämmen aufzustöbern. Es liegt in mir eine Kraft der Zeitlosigkeit, die es mir, besonders in solchen Augenblicken, möglich macht, das Leben als eine große Gegenwart zu empfinden: und deshalb starre ich immer noch forschend hinauf, als ob nicht Tausende von Jahren seit dem letzten Auszug bacchischer Schwärme vergangen wären, und es klingt in mir ununterbrochen:

Dahin leite mich, Bromios, der die bacchischen Chöre führt!

Da sind Chariten, Liebe da,

Da dürfen frei die Bacchen Feste feiern.

Wer hält es sich immer gegenwärtig, daß die Griechen ein Bergvolk gewesen sind? Während wir uns Ithea nähern, tiefer und tiefer in einen ernsten Gebirgskessel eingleitend, erlebe ich diese Tatsache innerlich mit besonderer Deutlichkeit. Die Luft gewinnt an erfrischender Stärke. Die Formen der Gipfel stehen im tiefen und kalten Blau des Himmels kalt und klar, und jetzt erstrahlt uns zur Rechten, hoch erhaben über der in abendlichen Schatten dämmernden Bucht, hinter gewaltig vorgelagerten, dunkel zerklüfteten, kahlen Felsmassen ein schneebedecktes parnassisches Gipfelbereich.

Nun, wo die Sonne hinter der Kiona versunken ist und chthonische Nebel langsam aus den tiefen Flächen der Felsentäler, Terrassen und Risse verdüsternd aufsteigen, steht der Höhenstreif des heiligen Berges Parnaß noch in einem unwandelbar makellosen und göttlichen Licht. Mehr und mehr, indes das Schiff bereits seinen Lauf verlangsamt hat, erdrückt mich eine fast übergewaltige Feierlichkeit.

Man fühlt zugleich, daß man hier nicht mehr im Oberflächenbereich der griechischen Seele ist, sondern den Ursprüngen nahe kommt, nahe kommt in dem Maße, als man sich dem Kern der griechischen Landschaft annähert.

Man findet sich hier einer großen Natur gegenübergestellt, die nordische Rauheit und nordischen Ernst mit der Weichheit und Süße des Südens vereinigt, die hier und dort ringsumher beschneite Berggipfel in den nahen Höhenäther gehoben hat, deren Flanken bis zur Fläche des südlichen Golfes herabreichen, bis an die Krisäische Talsohle, die in gleicher Ebene, einen einzigen, weitgedehnten Ölwald tragend, den Grund des Tales von Krisa erfüllt. Man fühlt, man nähert sich hier den Urmächten, die sich den erschlossenen Sinnen eines Bergvolks, nicht anders wie das Wasser der Felsenquellen, die Frucht des Ölbaums oder des Weinstocks, darboten, so daß der Mensch, gleichwie zwischen Bergen und Bäumen, zwischen Abgründen und Felswänden, zwischen Schafen und Ziegen seiner Herden oder im Kampf, zwischen Raubtieren, auch allüberall unter Göttern, über Göttern und zwischen göttlichen Mächten stand.

Wir steigen, angelangt in Ithea, in einen Wagen, vor den drei Pferde gespannt sind. Die Fahrt beginnt, und wir werden durch Felder grüner Gerste in das Tal von Krisa hineingeführt. Im Getreide tauchen hie und da Ölbäume auf, und mehr und mehr, bis sie zu Hainen zusammentreten und wir zu beiden Seiten der staubigen Straße von Olivenwäldern begleitet sind. Im Halblicht unter den Wipfeln liegen quadratisch begrenzte Wasserflächen. Nicht selten steigt ein gewaltiger Baum daraus empor, scheinbar mit seinem Stamme in einem glattpolierten Spiegel aus dunklem Silber wurzelnd, einem Spiegel, der einen zweiten Olivenbaum, einen rötlichen Abendhimmel und einen anderen, nicht minder strahlenden Parnassischen Gipfel zeigt.

Bauern, die aus den Feldern heimwärts nach den Wohnungen im Gebirge streben, werden von uns im Dämmer der Waldstraße überholt. Es scheint ein in mancher Beziehung veredelter deutscher Schlag zu sein, so überaus vertraut in Haltung, Gang und Humor, in den Proportionen des Körpers, sowie des Angesichts, mit dem blonden Haar und dem blauen Blick, wirken auf mich die Trupps der Landleute. Wir lassen zur Linken ein eilig wanderndes und mit einer dunklen Genossin plauderndes, blondes Mädchen zurück. Sie ist frisch und derb und germanisch kernhaft. Die Art ihres übermütigen Grußes ist zugleich wild, verwegen, ungezogen und treuherzig. Sie würde sich von der jungen und schönen deutschen Bauernmagd, wie ich sie auf den Gütern meiner Heimat gesehen habe, nicht unterscheiden, wenn sie nicht doch ein wenig geschmeidiger und wenn sie nicht eine Tochter aus Hellas wäre.

Und ich gedenke der Pythia.

Religiöses Empfinden hat seine tiefsten Wurzeln in der Natur; und sofern Kultur nicht dazu führt, mit diesem Wurzelsystem stärker, tiefer und weiter verzweigt in die Natur zu dringen, ist sie Feindin der Religion. In diesem großen und zugleich urgesunden Bereich des nahen, großen Mysteriums denkt man nicht an die Götterbilder der Blütezeit, sondern höchstens an primitive Holzbilder, jene Symbole, die, durch Alter geheiligt, der Gottheit menschliche Proportionen nicht aufzwangen. Man gedenkt einer Zeit, wo der Mensch mit allen starken, unverbildeten Sinnen noch gleichsam voll ins Geheimnis hinein geboren war: in das Geheimnis, von dem er sich Zeit seines Lebens durchaus umgeben fand und das zu enthüllen er niemals wünschte.

Nicht der Weltweise war der Ersehnte oder Willkommene unter den Menschen jener Zeit, außer wenn er sich gleich dem Jäger oder dem Hirten — der wahre Hirt ist Jäger zugleich! — zur ach so wenig naiven Verehrung eines Idoles, einer beliebigen Rätselerscheinung, der nur im Rätsel belebten Natur, verstand, sondern ersehnt und willkommen war immer wieder nur das Leben, das tiefere Leben, das den Rausch erzeugende Rätsel.

Immer jedoch ist der Mensch dem Menschen Träger und Verkünder der tiefsten Rätsel zugleich gewesen und so ward das Rätsel stets am höchsten verehrt, wenn es sich durch den Menschen verkündigte, die Gottheit, die durch den Menschen spricht. Und um so höher ward es unter jenen Menschen verehrt, ward die Gottheit verehrt, je mehr sie den schlichten Mann, das gewöhnliche Weib aus dem Hirten- und Jägervolke gewaltsam vor aller Augen umbildete, so daß es von Grund auf verändert, von einem Gott oder Dämon beherrscht, als Rätsel erschien.

Ein so verändertes Wesen war vor urdenklichen Zeiten die erste bäurische Pythia, und sie erschien in den Händen des bogenführenden Jägers und Rinderherden besitzenden Hirten, in den Händen des Jäger- und Hirtengottes Apollon willenlos. Den Willen des Menschen zerbrach der Gott, wie man ein Schloß zerbrechen muß, das die Tür eines fremden Hauses verschließt, will man als Herrscher und Herr in dieses eintreten; und nicht der menschliche Wille, sondern gleichsam die Knechtschaft im göttlichen, nicht Vernunft, sondern Wahnsinn besaß vor den Menschen damals allein die Staunen und Schauder verbreitende Autorität.

Die Pferde beginnen bergan zu klimmen. Mehr und mehr, während wir aus den dunklen Olivenwäldern emportauchen, verdichtet sich um uns die Dämmerung. Die Luft ist warm und bewegungslos. Es ist eine Art tierischer Wärme in der Luft, die aus dem Erdboden, aus den Steinblöcken um uns her, ja überall her zu dunsten scheint. Überall klettern Ziegenherden. Ziegenherden kreuzen den Weg oder trollen ihn mit Geläut zu Tal. Ich fühle auf einmal, wie hier das Hirten- und Jägerleben nicht mehr nur als Idyll zu begreifen ist. In dieser brütenden Atmosphäre, wie sie über den schwarzen Olivenwäldern der Tiefe, in dem weiten, gewaltig zerklüfteten Abgrund zwischen den Wällen schroffer Gebirge steht, wird mein Blut überdies zu einem seltsamen Fieber erregt, und es ist mir, als könne aus dieser buhlerisch warmen, stehenden Luft die Frucht des Lebens unmittelbar hervorgehen. Das Geheimnis ist ringsum nahe um mich. Fast bang empfinde ich seine Berührungen. Es ist, als trennte — sagen wir von den „Müttern“! nur eine dünne Wand oder als läge das ganze Geheimnis, in dem wir schlummern, in einem zurückgehaltenen, göttlichen Atemzug, dessen leisestes Flüstern uns eine Erkenntnis eröffnen könnte, die über die Kraft des Menschen geht.

Ich habe in diesem Augenblick mehr als je zu bedauern, daß mir der musikalische Ausdruck verschlossen ist, denn alles um mich wird mehr und mehr zu einer einzigen, großen, stummen Musik. Das am tiefsten Stumme ist es, was der erhabensten Sprache bedarf, um sich auszudrücken. Allmählich verbreitet sich jenes magische Leuchten in der Natur, das alles vor Eintritt völliger Dunkelheit noch einmal in traumhafter Weise verklärt. Aber Worte besagen nichts, und ich würde, mit der wahrhaft dionysischen Kunst begabt, nach Worten nicht ringen müssen.

Ich empfinde inmitten dieser grenzenlos spielenden Schönheit, die von einem grunderhabenen düsteren Glanze gesättigt ist, immer eine fast schmerzhafte Spannung, als ob ich mich einem redenden Brunnen, einem Urbrunnen aller chthonischen Weisheit gleichsam annäherte, der, wiederum einem Urmunde gleich, unmittelbar aus der Seele der Erde geöffnet sein würde.

Niemals, außer in Träumen, habe ich Farben gesehen, so wie hier auf dem Marktplatze von Chryso, in dessen Nähe das alte Krisa zu denken ist. In diesem Bergstädtchen werden unsere Zugtiere getränkt. In Eimern holt man das Wasser aus dem nahen städtischen Brunnen, der im vollen, magischen Licht des Abends sich, aus dem Felsen rauschend, in sein steinernes Becken stürzt. Hier drängen sich griechische Mädchen, Männer und Maultiere, während im Schatten des Hauses gegenüber würdige Bauern und Hirten beim Weine von den Lasten des Tages ausruhen. Alles dieses wirkt feierlich schattenhaft. Es ist, als bestünde in dem Menschengedränge des kleinen Platzes die geheiligte Übereinkunft, die innere Sammlung der delphischen Pilger nicht durch laute Worte zu stören.

Unter den schweigsam Trinkenden, die uns mit Würde beobachten und ganz ohne Zudringlichkeit, fällt manche edle Erscheinung auf. Von einem Weißbart vermag ich mein Auge lange nicht abzuwenden. Er ist der geborene Edelmann. Die Haltung des schlanken Greises, der seine eigene Schönheit durchaus zu schätzen weiß, ist durchdrungen von einem Anstand, der eingeboren ist. Aus seinem Antlitz sprechen Güte und Menschlichkeit: ich sehe in ihm das Gegenbild aller Barbarei. An diesem Hirten legt jede Wendung des Hauptes, jede gelassene Bewegung des Armes von edler Herkunft Zeugnis ab: von einer Jahrtausende alten, verfeinerten Hirtenwürde! denn wo wäre die Freiheit der Haltung, die stolze Gewohnheit des Selbstgenügens, die Würde des Menschen vor dem Tier, weniger gestört, als im Hirtenberuf.

Es ist, nachdem wir die Stadt verlassen haben und weiter die steilen Kehren aufwärts dringen, als sänke sich von allen Seiten, dichter und dichter, Finsternis über das Geheimnis, dem wir entgegenziehen, schützend herein. Es ist wie eine Art Unschlüssigkeit in der Natur, als deren bevorzugtes Kind sich der gläubige Grieche fühlen muß, die sich mir aber dahin umdeutet, als sollte erst durch die volle Erkenntnis einengender Finsternis der volle Durst zum Orakelbrunnen erzeugt werden.

Noch immer ist die stehende Wärme auch in der fast völligen Dunkelheit verbreitet um mich. Der Himmel hat rötlich zuckende Sterne enthüllt, aber der Blick ist von nun an beengt und eingeschlossen. Die große Empfindung der Götternähe weicht einer gewissen heimlich schleichenden Spukhaftigkeit, und so will ich nun auch eine Vorstellung dieser spukhaften Art aus dem Erlebnis der unvergleichlichen Stunden festhalten.

Mehrmals und immer wieder kam es mir vor, als stiege der Schatten eines einzelnen Mannes mit uns nach dem gleichen Ziele hinan, und zwar auf einem Fußsteige immer die Kehren der großen Straße abschneidend. Kamen wir bis an die Kreuzungsstelle heran, so schien es, als sei er schon vorüber, oder er war zurückgeblieben und stieg weit unten, schattenhaft über die Böschung der tieferen Straßenschlinge herauf. Auch jetzt unterliege ich wieder dem Zwang dieser Vorstellung.

Es ist unumgänglich, daß ein bis ins tiefste religiös erregter, christlich erzogener Mensch, auch wenn er das innere Auge abwendet, gleichsam mittels des peripherischen Sehens doch immer auf die Gestalt des Heilands treffen muß: und dies war mir und ist mir noch jetzt jener Schatten. Etwas wie Unruhe, etwas wie Hast und Besorgnis scheint ihn den gleichen Weg zu treiben, und etwas, wie der gleiche, immer noch ungestillte Durst.