Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben; dies gilt insbesondere für Wortvariationen. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Fremdwörter und fremdsprachliche Zitate wurden ohne Korrektur übernommen, sofern der Textzusammenhang dadurch nicht verloren geht.
Im Text wird für ‚et cetera‘ an einigen Stellen die Abkürzung ‚ect.‘ verwendet, anstatt wie sonst üblich ‚etc.‘ Diese Variante wurde hier so belassen. Wie in den meisten Frakturschriften üblich, wird auch hier im Originaltext zwischen den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht unterschieden. In der vorliegenden Fassung werden die auf S. [33] erwähnten ‚Ionischen Inseln‘ daher willkürlich mit ‚I‘ wiedergegeben, obwohl zur damaligen Zeit beide Schreibweisen möglich gewesen wären.
Die auf S. [103] (Brief vom 14. November 1830) erwähnte Berechnung der Anzahl von Gemeinen Soldaten ist offenbar fehlerhaft. Eine Korrektur konnte aber nicht vorgenommen werden, da die Fehlerquelle nicht eindeutig nachvollzogen werden konnte. Die Zahlen wurden so belassen, können aber ohne Weiteres zum Verständnis der Größenordnung dienen.
Die Überschrift zu den Faksimile-Abbildungen am Ende des Buches wurde vom Bearbeiter eingefügt.
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Prinz Wilhelm von Preußen
von Franz Krüger im Palais Wilhelms I.
Wilhelms I.
Briefe an seinen Vater
König Friedrich Wilhelm III.
(1827–1839)
Herausgegeben von
Paul Alfred Merbach
Verlag Karl Curtius / Berlin W. 35
1922
Alle Rechte, insbesondere der Übersetzung, vorbehalten. Die hier in diesem Bande enthaltenen Briefe stehen unter Urheberschutz und dürfen nicht nachgedruckt werden. Etwaige Genehmigung zum Abdruck einzelner Briefe muß vorher von der hierzu allein berechtigten Verlagshandlung eingeholt werden.
American Copyright
1922
*
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
Inhalt.
| Seite | |
| Vorbemerkung | [VII] |
| Vorwort des Herausgebers | [IX] |
| Der russisch-türkische Konflikt | [1] |
| Die Brautwerbung | [45] |
| Das eigene Heim | [64] |
| Der Hallenser Kirchenstreit | [72] |
| Die Pariser Julirevolution | [74] |
| Im Dienste des Staates | [103] |
| Die Schweizer Reise | [138] |
| Personenregister | [144] |
Abbildungen:
(hier zum ersten Male veröffentlicht)
[Prinz Wilhelm von Preußen.] Nach einer Zeichnung von Franz Krüger im Palais Wilhelms I.
[Prinzessin Augusta.] Miniaturbild von A. Grahl um 1840.
[Das Palais Wilhelm I. vor dem Umbau.] Miniaturbild auf einem Prunktisch in den sogenannten Großherzoglichen Gemächern des Palais.
[Faksimile] des auf [Seite 50–52] abgedruckten Briefes.
Vorbemerkung.
Die auf den nachfolgenden Seiten mitgeteilten Briefe des späteren Kaisers Wilhelm I. haben jahrzehntelang uneröffnet in Berliner Privatbesitz geruht; sie treten hiermit zum erstenmal ans Licht und bilden gleichsam einen jedem Deutschen willkommenen Ausschnitt einer Selbstbiographie des ersten Hohenzollernkaisers. Der Abdruck des gesamten Briefmaterials bleibe einer späteren Zeit vorbehalten, die hoffentlich wieder günstigere Bedingungen für Veröffentlichung derartiger Werke mit sich bringen wird.
Den Herausgeber unterstützten bei seiner Arbeit in entgegenkommendster Weise die Leitung des Geheimen Staatsarchivs (Berlin) durch die Correspondance avec la Mission du roi, St. Pétersbourg; Russie Rep. I, Nr. 97, 1828 und des Hausarchivs (Charlottenburg) durch die Erlaubnis, Teile aus den allerdings nicht vollständig erhaltenen Briefen König Friedrich Wilhelms III. an seinen Sohn veröffentlichen zu dürfen, die Verwaltungen des Hohenzollernmuseums und des Palais Kaiser Wilhelms I. sowie die Staatsbibliotheken in Berlin und München; den genannten Stellen sei auch hier dafür herzlichst gedankt.
Herr Dr. Walther Kühne hat in dankenswerter Weise die Revision mitgelesen.
Berlin, im September 1922.
P. A. M.
In ein wichtiges Jahrzehnt preußischer, deutscher und europäischer Geschichte während des 19. Jahrhunderts führen die nachfolgenden Briefe des Prinzen Wilhelm von Preußen an seinen königlichen Vater Friedrich Wilhelm III.: sie umfassen die Jahre 1827 bis 1839, die noch zum Zeitalter der Reaktion gehören, aber zum wesentlichen Teile zwischen zwei Revolutionen liegen, die von den mannigfachsten Anschauungen, Strömungen und Tendenzen politischer, gesellschaftlicher, religiöser, literarischer Art erfüllt und durchkreuzt sind, in denen Goethe stirbt und die Romantik ausklingt, in denen Hegel auf der Höhe seines Einflusses steht und die deutsche politische Dichtung des Jungen Deutschland geboren wird, in denen die ersten Eisenbahnen und der Telegraph beginnen, die Entfernungen zwischen den Menschen aufzuheben, in denen die immer inniger werdende Vereinigung von Naturwissenschaft und Technik sich anschickt, dem „erstaunlichsten aller Jahrhunderte“ dadurch seinen Stempel aufzudrücken, daß durch die Herausbildung des vierten Standes eine neue soziale Schichtung entsteht.
Von solchen sachlichen Hintergründen, aus einer Epoche deutschen Sehnens, Werdens und Wesens, die schließlich, nachdem der Briefempfänger schon manches Jahr im Mausoleum des Charlottenburger Schloßparkes den ewigen Schlaf schlief, zum „tollen Jahr“ von 1848 führte, heben sich des Prinzen Berichte, Episteln und Billets an den regierenden König von Preußen, der zugleich sein Vater war, heraus, ohne daß die Mehrzahl der hier nur angedeuteten „Kräfte am Werk“ in ihnen zur anschaulichen Auswirkung, zum schöpferischen Anlaß, zum allzeit lebendigen Ausdruck diente und gelangte. Sie sind vielmehr und in allererster Linie ein bisher unbekannter Beitrag für seine ganz persönliche, menschliche Entwicklung und Art, der das vertraute Bild aus der Zeit seines Reifens zum Manne in der glücklichsten Weise ergänzt und erweitert, eine neue „kostbare Reihe vertraulicher Äußerungen von hohem inneren Werte“, von denen das Wort Erich Marcks’ gilt, daß ihre Bedeutung erst im Zusammenhange der Vorgänge und Mächte einigermaßen zu erfassen ist, die den Prinzen im alten Preußen umgaben..., „es sind dieselben Mächte, deren Betätigung und Wandlung von da ab sichtbar seinem ganzen weiteren Leben Richtung und Aufgabe weisen sollte.“
Es ist oft geschildert worden, wie die Stoß- und Schwungkraft des preußischen Reformgeistes von 1806 bis 1815, der heilige Wille, „in Staat und Heer alle Einrichtungen auf die enge sittliche Gemeinschaft mit dem Volksleben zu begründen“ erlahmte, wie die Arbeit der wirtschaftlichen Befreiung auf dem Lande, die Durchführung der Selbstverwaltung allmählich und immer mehr versickerte, versandete und versumpfte, wie die verheißene Verfassung schließlich versagt ward; „in der deutschen wie in der europäischen Politik trat Preußen in das System der alten konservativen Mächte ein“; die Männer der zukunftweisenden Taten verschwanden, an ihren Platz stellte sich der Landadel und mit ihm, als Ausdruck und Symbol dieses Wechsels, kam „eine ständische Zerlegung des einheitlichen Staates“; das Bürgertum stand noch weit zurück, nur das Beamtentum hat „in diesem letzten Heroenzeitalter der preußischen Bureaukratie“ als die in Wahrheit im Staate regierende Macht dem Adel das Gleichgewicht gehalten. Das bewußte Zurückdrängen schöpferischer Gedanken ward ausgeglichen durch die Stellung des Beamtentums zwischen Staatseinheit und Ständetum. Die schwunglose Mittelmäßigkeit des Königs, dessen starres Preußentum mehr Hemmschuh als Triebkraft war, lastete auf dem Hofe ebenso wie auf den Organen der Regierung; nur in der Stille, den wenigsten bewußt und erkennbar, vollzog sich in diesen hier in Frage kommenden Jahren der zu Ende gehenden Regierung Friedrich Wilhelms III. die für die Zukunft so wichtige Verschmelzung des preußischen mit dem deutschen Geiste, durch die das vielstaatliche Volk es endlich versuchen und erreichen konnte, sich zur Nation und Einheit zu bilden; Prinz Wilhelm, der als König und Kaiser diese Entwicklung zu Ende führen durfte, hat in den Jahren dieser Briefe von solcher deutschen Sehnsucht wahrlich keinen Hauch verspürt.
In knappsten Strichen nur kann hier des Prinzen Wilhelms Werden angedeutet werden. In der Stunde seiner Geburt erlosch — nach Max Lenz’ Wort — der längst verblichene Glanz der Krone des Großen Karl; im März 1797 besiegte Napoleon in Friaul und Kärnten die letzten Heere des letzten der alten Kaiser, „die Verbindung der beiden Völker, auf der das heilige römische Reich deutscher Nation geruht hatte, zerriß“, und während jenseits des Rheines und in etlichen Ländern um das Mittelmeer die Grundlagen eines Imperiums gelegt wurden, das noch einmal dem Willen eines Einzigen das Dasein verdankte, blieb Preußen, ohne zunächst von den wahrhaft grundstürzenden Umwälzungen Europas irgendwie berührt oder gestreift zu werden, was es seit mehr als einem halben Jahrhundert gewesen war, der Staat Friedrichs des Großen, einst der Schrecken und die Bewunderung seiner Feinde, immer noch unbesiegt und unerschüttert, jetzt in stolzer Ruhe nach außen hin verharrend, im Innern durch fleißige Arbeit der Beamten gestützt und gefördert.
In solchem Frieden wuchs auch der zweite Sohn des preußischen Königspaares, Prinz Wilhelm, auf, bis vor den Toren Jenas und Weimars der Staat zerschlagen ward, den Friedrichs Geist gebaut hatte. Es kamen die Jahre der Schmach und Knechtschaft, die in bekannter Weise tief in des Prinzen Leben eingriffen: in einem gefesselten Staat, unter dem hoffnungslosen Kummer des Vaters, in seinem kindlichen Gemüt verwirrt durch den Tod der geliebten Mutter reifte er zum Jüngling heran. Am Aufschwung der Nation nimmt er dann tätigen Anteil, ohne sich irgendwie den Idealen und Zielen eines großen deutschen Vaterlandes hinzugeben. Friedrich Wilhelm III. sind diese Ideale immer fremd geblieben; auch der Sohn des Königs blieb in den Überlieferungen der preußischen Größe gebunden, wie doch die Reformen eines Stein und Hardenberg zunächst Preußen gegolten haben und diesem zugute gekommen sind. Dieses Preußen aber hat alles daran setzen müssen, um nach dem Kriege, der dem einzelnen deutschen Menschen nicht die Freiheit des Tuns und Denkens brachte, seine Stellung als Großmacht zu behaupten. Europäische Aufgaben und Notwendigkeiten führten diesen Staat an die Seite Österreichs und Rußlands; einen lebendigen Ausschnitt solcher Bestrebungen bietet ein wesentlicher Teil der folgenden Briefe.
Des Prinzen Wilhelm Pflichten- und Interessenkreis war in fast ausschließlicher Weise von Anfang an ein rein militärischer: es kam seinen Anlagen, Neigungen und Anschauungen entgegen, der erste Soldat des Staates und der Armee zu sein, einer Armee, die an der allgemeinen Erstarrung nach der Reformzeit teilhatte, deren frischer Tätigkeitsdrang nach 1815 unerstickt war, aber doch unerfüllt blieb, deren Ausbau und Entwicklung jedoch der Prinz alle besten Kräfte seines Wesens zuwandte, seitdem er in den Jahren des Friedens in der Rangstufenleiter bis zum Kommandeur des dritten Armeekorps emporstieg und ernstlich bemüht war, alle Forderungen solcher Führerposten zu kennen und ihnen bis ins kleinste gerecht zu werden. Er hat immer danach gestrebt, diese weitschichtige Materie völlig zu durchdringen und zu beherrschen; die Sorge um die Armee als Ganzes — in Bereitschaft sein ist alles — und um den einzelnen Mann verläßt ihn nie, wenn er aus der Fremde oder von daheim seinem Vater schreibt; in ausführlichen Briefen, die sich gelegentlich geradezu zu Denkschriften weiten und nachweislich als amtliches Material benutzt werden, wagt er Kritik an Beschlüssen und Maßnahmen des Königs zu üben... hier geht ihm immer die Sache über die Person; dem militärisch-technischen Detail widmet er die gleiche Aufmerksamkeit wie den schwerwiegenden Fragen der inneren oder äußeren Organisation. So ist und bleibt er Offizier, dessen rastlose Arbeit, eiserne Pflichttreue und unermüdliche Lernbegier immer irgendwie der Macht des Staates dienten, an dem sich das Wort seiner Mutter aus dem Juli 1810 bewahrheitete: „Unser Sohn Wilhelm wird, wenn nicht alles trügt, wie sein Vater einfach, bieder und beständig“ —, über den aber auch aus dem Jahre, in dem diese Briefe beginnen, eine Äußerung lautete: „Prinz Wilhelm ist die edelste Gestalt, die man sehen kann, der imposanteste von allen, dabei schlicht und ritterlich, munter und galant, doch immer mit Würde.“ Dabei stand er den liberalen und nationalen Ideen, die stärker als je um 1830 in Norddeutschland um sich griffen, ablehnend gegenüber, und den nationalen Bewegungen, die den Boden der Verträge von 1815 erschütterten, begegnete er vom Standpunkte der großen, „heiligen“ Alliance; er faßte alles unter dem Gesichtspunkte der Revolution und nur im festen Zusammenschluß der „legitimen“ Gewalten meinte er immer wieder, könne man ihnen begegnen.
So stand er auf festem, nüchternem Boden, den er völlig kannte, und war imstande, mit der hier nötigen Klarheit allen Forderungen und Tatsachen seines Lebens gerecht zu werden. Bevor die hier mitgeteilten Briefe beginnen, war er durch das alles aufwühlende Herzenserlebnis seiner Jugend gegangen, das nach seinem Teile ihn auch zum Manne gereift hatte; das Auf und Ab seiner inneren wie äußeren Beziehungen zu Elisa von Radziwill klingt nur an einer, freilich wichtigsten Stelle dieser Briefe an und der schmerzlichste Abschluß dieser ihn stählenden Episode wird dem Vater gegenüber schriftlich nicht erwähnt: „Ich werde Elisa wiedersehen, ich gehe nach ihrem väterlichen Gute Antonin,“ sagte er am 29. Mai 1829 zur Gräfin Elise von Bernstoff — er war von seinem Vater beauftragt worden, seiner kaiserlichen Schwester entgegen zu fahren — „meine Schwiegermutter selbst hat mir den Wunsch ausgesprochen, daß dieses mein erstes Wiedersehen mit Elisa vor meiner Vermählung überstanden sein möchte.“
Prinz Wilhelm hatte den „Staat als Willen“ über sich erkannt, „er hat sich gefügt, ohne einen Bruch“, wenn er auch die mannigfache „Prinzessinnenschau“, die seiner Verlobung mit Augusta von Weimar vorausging, als innere Qual empfinden mochte. Als aber die endgültige Entscheidung — nach einem hier wohl zum ersten Male bekannt werdenden Schwanken — in dieser Lebensfrage gefallen war, begegnet er der künftigen Gefährtin mit herzlichster Zuneigung, und die Briefe aus dieser Zeit, die die menschlich-wertvollsten sind, bezeugen — auch wohl zum ersten Male —, daß der Prinz nicht nur „voller Attention für die Prinzeß“ war; hier klingt wahrlich mehr als die bisher immer nur beobachtete und behauptete kühle Herzenshöflichkeit durch, hier wird der zurückhaltende Ton, den er sonst nach höfischer Sitte der Zeit und aus seiner eigenen Erziehung heraus dem Vater gegenüber anschlägt, überwunden, und der Mann muß von dem berichten, was ein Inhalt seines Daseins wird und blieb; er tut es nicht in romantischem Überschwang mit tönenden Phrasen, sondern in jener Weise, der der Leser von heute in jedem Worte die aufrichtige Ehrlichkeit der Empfindung anmerkt.
Ein freundlicher Zufall hat es gefügt, daß diese briefliche Liebesidylle aus Weimar, die mit etlichen Unterbrechungen vom Oktober 1828 bis zum März des folgenden Jahres reicht, zwischen zwei größeren Gruppen von Berichten steht, die die Anteilnahme des Prinzen Wilhelm an den Vorgängen der europäischen Politik zeigen — „ich kannte und träumte nur ein selbständiges Preußen, eine Großmacht im europäischen Staatensystem“ hat er zwanzig Jahre später über seine innere Einstellung zu diesen Dingen geurteilt — und dadurch dartun, daß es ihm vergönnt und möglich war, die Welt auf manchen Reisen kennen zu lernen. Die verwandtschaftlich ihm nahe stehenden Höfe von Petersburg und dem Haag hat er öfters besucht; hier kommen die beiden wichtigen Fälle in Frage, wo er, in den ersten Monaten von 1828, die Zuspitzung des russisch-türkischen Konfliktes mit seiner Auswirkung auf die Weltlage beobachten konnte und wo er der Pariser Julirevolution von 1830 ganz nahe sein durfte. Beide Male schickte er seinem Vater „eine Fülle von Berichten“, von denen Erich Marcks’ Erwartung gilt, „daß man sie wohl kennen möchte“.
Seine Sendung nach der russischen Hauptstadt zu Schwester und Schwager hatte diesmal allerdings bereits einen wichtigen Hintergrund und Unterton: er sollte „den Argwohn Rußlands gegen die unabhängig sich zwischen den beiden östlichen Kaisermächten haltende preußische Politik bekämpfen“; gut informiert und ständig beraten hat er diese Mission erfüllt, schon deswegen, weil er von vornherein aus legitimistischen Gründen auf der Seite Rußlands und des Zaren stand, dabei sogar eifrig, aber vergeblich versuchte, seinen Vater zu energischer, kriegerischer Anteilnahme auf russischer Seite zu bewegen. Daß man den Briefen des Prinzen an den König, die von den Ereignissen des Hoflebens, von winterlichen Festen, von militärischen Einzelheiten natürlich auch zu erzählen wußten, an zuständigen Stellen Bedeutung beimaß, geht aus der Voraussetzung des preußischen Gesandten in Petersburg hervor, „daß der Minister des Auswärtigen in Berlin, Graf Bernstorff, Kenntnis von dem politischen Teile der Berichte des Prinzen an den König hat“, und der vielgewandte, vielhörende und geschwätzige Varnhagen von Ense notiert am 4. April 1828 in seinen „Blättern aus der preußischen Geschichte“: Prinz Wilhelm berichtet sehr fleißig und genau aus Petersburg, seine Briefe gibt der König an Witzleben, seinen allmächtigen Adjutanten.
Der Besuch im Haag — im Juli 1830 — schloß sich an einen Kuraufenthalt des Prinzen Wilhelm in Ems an, das seitdem die öfter aufgesuchte Heilstätte gegen eine in diesen Jahren nie ganz aufhörende Kränklichkeit war; hier war es Zufall, daß er als Gast des niederländischen Hofes Zeuge von Ereignissen sein durfte, die seinen ganzen Anschauungen völlig zuwiderliefen und die ihm Veranlassung wurden, seinen Standpunkt dem Vater und König gegenüber auf das schärfste zu präzisieren. Von den inneren Angelegenheiten und Notwendigkeiten Preußens oder gar Deutschlands ist in den Briefen der nächsten Jahre, in denen das Bürgertum auch hier, wenn freilich sehr langsam und allmählich, „die politische Macht ergriff“, selten etwas zu spüren und zu lesen. Er kann auf einer militärischen Inspektionsfahrt, auf der er seinen Vater vertreten muß, im August und September 1830 die Auswirkung der französischen revolutionären Bewegung im Rheinlande beobachten, kann aus Thüringen, wo Teile des seiner Führung unterstehenden Armeekorps in Garnison lagen, Ähnliches melden und nimmt dann öfter die Gelegenheit wahr, in Berlin in manchmal breiter Ausführlichkeit zu Fragen seines eigentlichen, d. h. militärischen Berufe das Wort zu ergreifen. Daneben steht die Sorge um den würdigen Ausbau des ihm zur Wohnung angewiesenen Tauentzienschen Palais Unter den Linden und um den Schlößchenbau auf dem Babelsberge bei Potsdam; er weiß hie und da den Vater für die Angelegenheiten ihm, d. h. dem Prinzen nahestehender Persönlichkeiten zu interessieren, wie des Prinzen Radziwill und des Fürsten Solms; einmal taucht eine Frage der preußischen Justizverwaltung und eine des Kirchenregimentes auf, die er im Sinne und zum Vorteil der staatlichen Autorität erledigt wissen möchte, er erörtert brieflich mit dem König die wichtige Frage des Erziehers des Sohnes seiner Ehe, der damals schon als der Thronerbe galt, und meldet dem Vater in jubelnder Beglücktheit die Geburt der Tochter Luise. Mit brieflichen Berichten von einer bis nach Mailand sich ausdehnenden Schweizer Reise, die er mit seiner Frau unternahm und die sich an einen Kuraufenthalt in Ems und Baden-Baden anschloß, endet das Corpus dieser Korrespondenz. Es ist für Prinz Wilhelm sehr charakteristisch, daß ihm die Freude an der neuen Umgebung, durch die ihn diese Fahrt führte, getrübt ward durch ein scheinbares Mißverständnis wegen seiner Anteilnahme an einem Manöver in der Heimat! Von mancher anderen Reise, wie z. B. von den Besuchen in Petersburg zwischen 1829 und 1835 weiß er kaum etwas zu berichten, was des Festhaltens wert wäre, desgleichen von dem Wiener Aufenthalt im März 1835, als es galt, „durch das sichtbare Eintreten Preußens die schwierige Lage der drei Minister zu festigen, die für den schwachsinnigen, aber legitimen Nachfolger Franz’ I., Ferdinand, die tatsächliche Regierung übernahmen“. Dagegen wird seine praktische Anteilnahme an der Weiterbildung der Armee und ihren Forderungen, z. B. in den Fragen über die Länge der Dienstzeit, über die Vermehrung der Kadettenanstalten, über die Dienstreisen, Kosten der Generäle — um nur weniges zu nennen — hier erneut dargetan und weiterhin erhärtet.
Diese andeutenden Bemerkungen umschreiben ungefähr den Inhalt der hier veröffentlichten Briefe des Prinzen Wilhelm von Preußen, ohne ihr Detail und ihren Reiz irgendwie zu erschöpfen. Sie sind in ihrer Form, ihrem Stil und Ausdruck der klarste, beste Spiegel ihres Schreibers.
Er weiß in frischer Anschaulichkeit zu schildern, was er sah und erfuhr, er bleibt immer sachlich und versteht aus den Tatsachen, wie sie ihm entgegengetreten, in Verbindung mit der ihm angeborenen und eingegebenen Überzeugung scharf und klar sein Urteil abzuleiten; er vermeidet bewußt jegliche Phrase irgendwelcher Art, weil er weiß, daß sie nicht zu seinem Wesen paßt. „Die Wärme eines herzlichen, schlichten Empfindens, die Sicherheit eines reinen und männlichen Charakters“, die Erich Marcks aus den längst bekannten Briefen an den General Natzmer mit Recht herauslas, ist auch in diesen Briefen an den königlichen Vater zu finden und dringt bei aller anredelosen Beherrschtheit des Tones — wie selten ändert sich die fast formelhafte Unterschrift „Ihr Sie liebender Sohn Wilhelm“ in einen Klang kindlicher Herzlichkeit! — doch immer wieder durch. Im stilistischen und sprachlichen Ausdruck sind freilich die im Original oft schwierig zu entziffernden Briefe noch völlig abhängig von den Grundlagen der Jugendbildung und Jugenderziehung des Prinzen: sie wirken oft in Wortstellung und Satzbau wie aus dem Französischen übersetzt.... das geht stellenweise so weit, daß er die richtige Satzkonstruktion nachträglich korrigiert, wobei manchmal das Gegenteil von dem herauskommt, was er sagen will; zahlreiche Fremdworte finden sich, die hie und da auch mal in nicht richtiger Weise angewendet werden.
Manches freilich vermissen wir in diesen Briefen: nicht einmal weiß er aus Weimar etwas von Goethe zu erzählen, niemals fällt ein Wort über die mannigfachen Kräfte, die sich nach dessen Tode im deutschen Schrifttum regten und die doch der beste Spiegel einer neuen Wertung der Zeit durch die Zeitgenossen waren; gerade weil Prinz Wilhelm diesem „Neuen“ innerlich ablehnend und fremd gegenüberstand, sucht man wohl nach einem kritischen Worte über das Junge Deutschland und des allmächtigen Metternich Maßnahmen, die gegen diese „Literaten“ gerichtet waren. Auch sonst treten tiefere geistige Interessen nicht hervor[1]; gerade darin aber wird der Gegensatz zu dem kronprinzlichen Bruder ganz klar und deutlich.
Die entscheidenden, ausschlaggebenden Züge seiner Art und seines Wesens, die die Gewähr für seine und damit nach dem Gange der Geschichte auch für unsere Zukunft boten, erkennen wir in diesen Selbstzeugnissen seiner Persönlichkeit: den Offizier, den Anhänger des legitimen Königtums, den konservativen Mann der Arbeit und Pflicht von klarer, kräftiger Zuverlässigkeit, dessen wahre Größe einmal darin bestehen sollte, in weiser Selbsterkenntnis und Selbstbeschränkung den Männern die freie Bahn des Wirkens zu öffnen und zu gönnen, die ihm das Schicksal in den Weg führen sollte... er war ein fertiger Vierziger, als diese Briefreihe mit dem Tode Friedrich Wilhelms III. abbrach. Mit dessen Hinscheiden wandelte sich wohl die preußische Welt, noch aber konnte niemand ahnen, daß Prinz Wilhelm berufen und auserwählt sein sollte, die deutsche Welt zu formen und zu leiten.
Einmal ist — ganz vorübergehend — in diesen Briefen von dem Denkmal die Rede, das dem Großen Friedrich von Preußen vor den Fenstern des prinzlichen Palais errichtet werden sollte; seine Grundsteinlegung war der letzte offizielle Regierungsakt, dem der alte, längst kranke König von den Fenstern eben dieses Hauses, also gleichsam als Gast seines Sohnes, beiwohnen konnte ... es war am 1. Juni 1840... Prinz Wilhelm leitete den militärischen Teil der Feier... es war des Vaters letzte Freude.... am 7. Juni starb der König.... der neue Herrscher Preußens grüßte den Bruder als Thronfolger und Prinz von Preußen... eine neue Zeit begann für ihn, für Land und Volk; von den Briefen aber, die fast bis zu diesen Tagen reichen, gilt ein Wort Paul Kehrs[2]: „aus jeder Zeile schauen uns längst vertraute Züge entgegen: des Prinzen Schlichtheit und Wahrhaftigkeit, sein Ernst und seine Gewissenhaftigkeit, Gottesfurcht und vornehme Gesinnung, sein militärisches, monarchisches und preußisches Selbstgefühl und Pflichtbewußtsein.“
Der russisch-türkische Konflikt.
Die durch den Wiener Kongreß und seine Schlußakte im Sommer 1815 wiederhergestellte Ruhe und Ordnung Europas hat ein Jahrzehnt später im Wetterwinkel des Balkans eine erste Störung erfahren; der Aufstand Griechenlands gegen die Türkei galt der Volksmeinung des Kontinents als eine Fortsetzung des Freiheitskampfes, der gegen Napoleon geführt worden war, und die klassizistisch orientierte Bildung der geistigen Oberschicht in den Großmächten Europas glaubte darin antike Ideale eines Miltiades oder Leonidas verlebendigt zu sehen.... begeisterte Männer zogen allenthalben nach Morea, um mit Gut und Blut sich für die Sache der griechischen Freiheit einzusetzen.
Im Gegensatz dazu sah das Regime des Fürsten Metternich in dieser griechischen Erhebung nur Rebellion — die Pforte war ja die legitime Obrigkeit —, die man auf die von Frankreich ausgegangenen revolutionären Ideen, auf die Umsturzbewegungen der Demagogen aller Länder zurückführte; hinzu kam die Befürchtung, daß Rußland den türkisch-griechischen Konflikt zum Anlaß und zur Grundlage weiterer Eroberungspläne machen würde. Die fünf Großmächte Europas — Rußland, Österreich, Frankreich, England und Preußen — waren sich klar und einig darüber, daß eine etwaige Befreiung Griechenlands das Auseinanderfallen der Türkei zur endlichen Folge haben müsse und daß Rußland davon den eigentlichen, wenn nicht sogar den alleinigen Nutzen haben werde. Deswegen war Österreich, an dessen Südostgrenze ein nie gefährlich werdender Nachbar, eben der Türke, saß, gegen jede Veränderung eines ihm vorteilhaften status quo; auch England sah in einer Erstarkung Rußlands eine Bedrohung seiner Stellung im nahen und fernen Orient.
Diesen sich zuspitzenden Gegensätzen in der russischen Außenpolitik standen etliche Schwierigkeiten im Innern gegenüber. Kaiser Nikolaus, der die Lieblingsschwester des Prinzen Wilhelm, Charlotte, zur Gattin hatte, mußte den durch den sogenannten Großmutsstreit hervorgerufenen Aufstand der Dekabristen niederwerfen: sein älterer Bruder Konstantin hatte zwar auf die Regierung nach Alexanders I. Tode verzichtet, da ihm aber ein Teil des Militärs anhing, kam es zu Tumulten.
Wenige Wochen später ward durch das „Protokoll“ vom 23. März/4. April 1826 zwischen Rußland und England eine Regelung der türkisch-griechischen Beziehungen vereinbart[3]; dabei hatte der Kaiser eine schriftliche Erklärung, keine Eroberungen zu machen, nicht abgegeben und „die englische Politik konnte in Zukunft von Rußland auf einem Felde kontrolliert werden, wo sie bisher unfaßbar gewesen war“. Im Spätsommer gab die Pforte in allen strittigen Punkten nach, und der Vertrag von Akkerman war ein voller Sieg der Großmächte über den Sultan. Der wahre Grund dieses plötzlichen Einlenkens aber war der, daß die Türkei für den trotz aller Friedensbemühungen drohenden europäischen Krieg eine Militärreform dringend bedurfte, und deshalb brauchte der Sultan zunächst Frieden!
Unterdessen ging ein anderer von Rußland geführter Krieg glücklich zu Ende: gegen Persien war der General Paskewitsch siegreich; im Februar 1828 erfolgte der Friedensschluß.... der in den Briefen des Prinzen mehrmals genannte Abbas Mirza ward von Kaiser Nikolaus als der allein berechtigte Nachfolger des Schahs anerkannt, und beide Herrscher wollten in Zukunft in Freundschaft und guter Nachbarschaft miteinander leben.
Aus dem erwähnten Protokoll vom 4. April 1826 aber erwuchs am 7. Juli 1827 eine englisch-russisch-französische Tripelalliance, der „trilaterale Vertrag“ der Briefe; „der Kaiser knüpfte an sie die Hoffnung, daß sie vor allem den russischen Interessen förderlich sein werde“. Er hatte schon versucht, aus dem Protokoll möglichsten Nutzen zu schlagen, er hatte die Vereinbarung den Höfen von Berlin, Paris und Wien mitgeteilt und wußte allen Einwendungen geschickt zu begegnen. Der Gedanke, an Stelle des Protokolls den Vertrag zu setzen, ging von England aus; ein Geheimartikel regelte die Möglichkeiten und Notwendigkeiten eines Kriegsfalles. In der Seeschlacht von Navarino, wo am 20. Juli 1827 die türkische Flotte vernichtet ward, war der Auftakt dazu gegeben. In das Auf und Ab der nächsten Monate führen die folgenden Briefe ein.
Prinz Wilhelm hatte am 22. Dezember 1827 Berlin mit einem nicht mehr vorhandenen Briefe Friedrich Wilhelms III. an seinen kaiserlichen Schwiegersohn verlassen; Petersburg war ihm nicht fremd, hatte er doch 1817 seine Schwester Charlotte zur Vermählung dorthin begleitet; 1823 hatte er den russischen Manövern beigewohnt; im Januar 1826 war er wieder dort, um seinen Schwager als Kaiser zu sehen, und 1834 ist er nochmals an der Newa zu Besuch gewesen, um der Einweihung des Denkmals für Alexander I. beizuwohnen — es sei darüber hier eine Stelle aus einem Briefe an den König vom 24. Juli 1834 zitiert:.... Nun aber mit einem so ehrenvollen Auftrag zu dieser Feier zu gehen, ist für mich eine unbeschreibliche Freude, eine Freude, die unendlich erhöhet wird durch das, was das Herz dabei fühlt. Denn wenn auch Trauer die nächste Veranlassung zu der Feier ist, so ist doch gerade wieder die Errichtung dieser Denk-Säule für den Unvergeßlichen ein Moment, der mit Freuden erfüllt, weil man solches Andenken auf solche Weise verherrlichen will....
Der diesmalige Aufenthalt dauerte „fast fünf Monate“; am Abend vor der Abreise des Prinzen Wilhelm, die am 9. Mai erfolgte, schrieb die Kaiserin Mutter Maria Feodorowna: Le départ du cher prince Guillaume me fait de même répandre bien des larmes; je lui suis tendrement, inviolablement attachée et profondément touchée de son amitié pour moi.
St. Petersburg, den 19./31. Dezember 1827.
In aller Eile setze ich diese Zeilen auf, um Ihnen meine glückliche Ankunft hierselbst gestern Nachmittag um 5 Uhr zu melden. Es kommt mir noch Alles wie im Traum vor nach den ersten Augenblicken, die Tausende von Bekannten schon gesehen zu haben. Vor allem muß ich natürlich von Charlotte und dem Kaiser und der Kaiserin-Mutter sprechen. Welch’ eine Freude, welch’ eine unbeschreibliche Freude war die des Wiedersehens... Die Kaiserin-Mutter hat mich mit einer Herzlichkeit und Liebe empfangen, die wirklich noch ihre frühere Gnade übersteigt[4].
.... Ich habe hier Alles bisweilen kriegerischer gefunden, als ich es erwartete; die Abreise der Gesandten von Konstantinopel[5] hat nicht wenig dazu beitragen müssen, welche Nachricht vorgestern Abend hier angelangt ist. Jedenfalls wird aber wohl erst das Frühjahr abgewartet werden, ehe etwas geschieht. Der Kaiser hat mir schon über Manches gesprochen, doch noch bin ich nicht im Stande, etwas Zusammenhängendes aufzuschreiben. Er beruft sich stets auf einen gewissen Brief, den er Ihnen geschrieben haben will vor einiger Zeit, weshalb ihm die Äußerungen, welche Sie mir am Abend vor meiner Abreise noch in Beziehung auf Ihre Verhältnisse zu ihm taten, sehr erwünscht zu vernehmen waren...[6].
St. Petersburg, 12./24. Januar 1828.
Gestern sind nach fast fünfwöchentlichem Stillschweigen Nachrichten aus Persien gekommen. Der Friede ist noch immer nicht vom Schah unterzeichnet zurück[7], obgleich Abbas Mirza in Alles eingegangen ist. Auch hatte man in Tawris die Nachricht, daß die Zahlung der Contributionssumme, welche vor der Unterzeichnung verlangt ist, geschehen sei, daß der Schah aber nicht traue, dieselbe Jemand der Seinigen anzuvertrauen, fürchtend, daß sie geplündert werden könnte; er soll sie also einem Engländer übergeben haben, der noch nicht angekommen war. Die Zahlung der ganzen Summe wird teils in Gold, teils in Edelsteinen erfolgen, da das Gold nicht sehr vorrätig sein mag in Persien...
Soeben sagte mir der Kaiser, daß dem letzten Berichte von Pozzo[8] (zufolge) das neue französische Ministerium[9] sich nicht halten würde und daß er sehr gegründete und große Besorgnisse für die innere Ruhe von Frankreich habe. Diese Mitteilungen inquietieren den Kaiser weit mehr als die orientalischen Unruhen, indem Unruhen in Frankreich allerdings von großen Consequenzen wären[10].
St. Petersburg, 23. Januar/4. Februar 1828.
Die Gelegenheit des Generales Bazaine[11] lasse ich nicht unbenutzt, um einiges mitzuteilen, was ich im letzten Briefe nur ganz oberflächlich berührte, da er durch die Post ging. Es ist dies die Mitteilung und Ansicht des Grafen Tatischtschew[12] aus Wien auf die erhaltene Instruktion, dem österreichischen Hofe zu erklären, daß jede Besetzung Seitens Österreichs von türkischem Gebiete, falls Rußland sich zur Occupation von Fürstentümern genötigt sehen sollte, als eine gegen Rußland gerichtete Feindseligkeit betrachtet werden würde. Graf T. behauptet mit Gewißheit versichern zu können, daß Österreich eine solche Maßregel nicht beabsichtige, so lange nämlich rein von der Erfüllung des Tractats vom 6. Juli nur die Rede ist und der Ergreifung aller Mittel, die zu diesem Zwecke führen. Österreich sei viel zu schwach, aber auch viel zu ängstlich deshalb, um es wagen zu wollen, allein gegen Rußland aufzutreten, eine Ängstlichkeit, die sich bei jeder Gelegenheit verrate, trotz den befohlenen Kriegsrüstungen, die überhaupt eine Finte zu sein scheinen, um ihre eigentliche Schwäche zu cachieren. Wenn sie jedoch durch den Lauf der Begebenheiten, einen ausbrechenden Krieg, eine andere Tendenz erhielte, nämlich die der Eroberung und Teilung des türkischen Reiches, so würde in diesem Falle Österreich gewiß nicht ruhiger Augenzeuge bleiben, sondern tätigen Anteil nehmen wollen und zu dem Ende sich den drei Alliierten anschließen, um gemeinschaftliche Sache zu machen. Ja es existierten darüber schon Äußerungen, die anzeigten, daß Österreich in diesem Falle Rechnung mache, Herzegowina, Bosnien und Serbien zu acquérieren, daß es sich, im Falle einer so bedeutenden Vergrößerung Schwierigkeiten opponiert werden sollten, auch mit beiden Ersteren oder gar nur mit einem Teile derselben begnügen würde. Graf T. versichert, die Wahrheit seiner Angaben verbürgen zu können, ebenso wie auch, daß die Sprache, welche er instruiert sei zu führen, falls eine feindliche Maßregel gegen Rußland im Werke zu sein scheine, gewiß das Unterbleiben der Ausführung herbeiführen werde. Denn da er instruiert sei, diese Instruktion geheim zu halten und nur im Notfall davon Gebrauch zu machen, so habe er auch nur gesprächsweise gegen Jemand, von dem er wisse, daß er bestimmt sei, ihn auszuhorchen, etwas von der Möglichkeit solcher Ansichten seines Hofes fallen lassen, was seinen Zweck nicht verfehlt habe, indem einige Tage nachher mehrere Rüstungsbefehle zurückgenommen sein sollen.
Diese Mitteilungen T.’s scheinen wohl sehr erwünschten Inhalts zu sein, in dem sie die Beruhigung gewähren, daß Österreich den kriegrischen Maßregeln des Tractats nicht hinderlich sein wird, die doch wohl zu erwarten stehen, und daß, wenn ein Vertreibungskrieg der Türken die Folge sein sollte, auch dieser nicht gegen Österreichs Interesse ist, wenngleich hiermit allerdings ausgesprochen ist, daß Österreich nicht so uneigennützig in diese große Begebenheit sich einlassen will, als die drei Alliierten es bei der Schließung des Tractates aussprachen sein zu wollen, wenngleich damals von keinem Exterminationskrieg die Rede war. Ob, wenn diese Ansicht Österreichs gegründet ist, (sie) nicht zu benutzen wäre (die in Beziehung auf die Expulsion der Türkei aus Europa mir auch ganz mit der Ihrigen in Übereinstimmung zu sein scheint), um der Pforte zu erklären, daß sie durch die fünf Mächte angegriffen werden würde, wenn sie sich nicht sogleich nachgiebig zeige, ist eine Frage, die sich unwillkürlich aufdrängt, vorzüglich der Kaiser von Österreich sich ja damals mündlich bereits zu einer kategorischen Sprache gegen die Pforte verstanden hat. Diese gemeinschaftliche Eröffnung, die freilich nur durch Preußen und Österreich wird gemacht werden können, da die drei anderen Gesandten nicht mehr in Konstantinopel sind und von deren drei Mächten ja die Pforte auch den Krieg wohl voraussieht, würde der Pforte jede Illusion über die Möglichkeit einer Teilung der Interessen und daraus möglicher Bekriegung der großen Mächte unter einander benehmen und gewiß das letzte Mittel sein, was vielleicht vor Ergreifung feindlicher Maßregeln noch zum Zwecke führte[13].
Ihr Sie zärtlichst liebender, gehorsamer Sohn
Wilhelm.
St. Petersburg, 27. Januar/8. Februar 1828.
Der Großfürst Constantin[14] ist gestern hier eingetroffen... da von ihm immer die allarmierenden Gerüchte über Preußens Rüstungen[15] kommen, so langte Ihr Brief und der des Grafen Witzleben[16] mit Ihren Befehlen sehr zum rechten Momente an, indem ich dem Kaiser Alles dieserhalb Beruhigendes von Neuem mitteilte. Da sagte mir der Kaiser, daß Constantin seine Meldungen keineswegs in dem Sinne jetzt genommen wissen wolle, als seien die questionierten Rüstungen gegen Rußland gerichtet, sondern vielmehr für dasselbe und daß es nur scheine, als wolle Preußen diese Rüstungen nicht Wort haben, um sie ganz geheim machen zu können. Auch diese Ansicht war mit der Revue des 5. und 6. Corps bald über den Haufen geworfen. Die heutigen Depeschen des Gesandten Lieven[17] sagen dem Kaiser, daß zu befürchten stände, daß die orientalische Frage bei Eröffnung des Parlaments so bald nicht zur Entscheidung kommen werde, indem so sehr viele wichtigere Fragen, die die innere Administration betreffen, erst zu beseitigen sein würden[18], was dem Kaiser natürlich nicht lieb ist. Die Ernennung Wellingtons[19] zum Premierminister frappiert allgemein. Lieven berichtet aber, daß derselbe sich täglich mehr an ihn anschlösse und ganz zu seiner früheren Ansicht über die orientalische Frage zurückgekehrt sei und daher seinerseits nur das Beste zu erwarten stände. Die Eitelkeit soll den moost honorable Duke gewaltig reiten; und da hat denn ein Brief, den Nicolaus ihm nach der Schlacht von Navarin schrieb[20], der aber erst mit dem letzten Courir anlangte, einen gewaltigen Effekt gemacht, indem Nicolaus, tuend, als ignoriere er gänzlich Wellingtons momentane Umsattlung seiner Ansichten, ihm zu dem großen Seesiege gratulierte und ihm dankt und zurückruft, daß er es gewesen sei, der bei seiner Anwesenheit 1826 hier den Grund zu diesem glorreichen Ereignisse gelegt habe, welches hoffentlich binnen Kurzem zu dem gehofften Resultate führen werde. Dieser Brief konnte nicht mehr à propos kommen als gerade in dem Augenblicke... Alle Anstalten sind gemacht, im Fall der Kaiser der Campagne beiwohnen will, was er jedenfalls nur dann tun will, wenn der Krieg wirklich ausbricht, d. h. also wenn die Donau überschritten wird. Bei Besetzung der Fürstentümer wird er keinen Falls zugegen sein, wie er mehreremals äußerte, da dies keine Eröffnung der Feindseligkeiten ist.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
St. Petersburg, 4./16. Februar 1828.
Der Kaiser bleibt seiner Ansicht und seinem Wunsche getreu, den Frieden aufrecht zu erhalten zu sehen. Aber die seit zwei Jahren gegebenen, immer wieder hinausgeschobenen Fristen, um die Pforte zur Annahme der Vorschläge der Verbündeten zu bringen und die immer trotz Navarin und seiner Folgen nicht erfolgt sind, hätten und müßten endlich ihre Endschaft erreichen. Rußland, England und Frankreich könnten sich daher nun nicht mehr in Unterhandlungen einlassen, sondern sie seien es ihrer Würde und den stattgehabten Ereignissen schuldig, zu handeln. Dies würde in der bestimmten Frist geschehen, der daher auch nur das kurze Ultimatum, dessen in der jüngsten Instruktion an Lieven die Rede ist, vorhergehen würde. Wenn dem Vorschlage, der in der Depesche des Grafen Bernstorff[21] gemacht wird, Folge gegeben werden sollte, so könnte es nur von den zwei Mächten geschehen, die darin als die aufzufordernden bezeichnet sind und die daher diesen Schritt ohne diesseitige Aufforderung tun müßten, welches von den drei verbündeten Mächten nur dankbar anerkannt werden könnte. Der Kaiser hofft sogar, daß Sie diesen Schritt allein sogleich tun würden, ohne sich an die Ansicht der anderen Macht und deren Antwort zu binden, der von dem durch Herrn v. Miltitz[22] zu tuenden Schritt wohl nur Mitteilung und Aufforderung zu gleicher Maßregel zu machen wäre. Dieser durch Herrn v. Miltitz zu gebenden Erklärung würde wohl eine sehr dezisive Maßregel seiner Person im Weigerungsfalle der Pforte anzuempfehlen sein, die derselben alsdann jedes fernere freundschaftliche Verhältnis zu Preußen entrückte. Nur mit diesem Rechtssatze dürfte der ganze zu tuende Schritt Energie haben und Einfluß und Erfolg haben. Daß Österreich eine gleiche Sprache führe, wäre daher sehr wünschenswert. Am meisten wird dann gewünscht, daß einer solchen energischen Maßregel, auch im Weigerungsfalle, der Nachschub geleistet wird, der wenigstens die Einheit der vier Mächte im Princip offenbar dartäte, um so mehr, da, wie ich neulich schon berichtete, von der fünften Macht an eine Opposition gegen kriegerische Intervention nicht mehr füglich geglaubt werden kann und sie dies am allerwenigsten tue und jeden Plan dazu aufgeben würde, wenn die vierte Macht sich zu gemeinsamem Zwecke den drei anderen anschlösse. Auf Preußen sind daher nun auch Aller Augen gerichtet[23].
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
St. Petersburg, 8./20. Februar 1828.
Des Kaisers erste Frage, gleich nachdem ich ihm Mitteilung von Ihrem Anerbieten auf Unterhandlungen gemacht hatte, war: gehet das Anerbieten auf Unterhandlungen oder auf Anschließen zum Handeln zu gemeinschaftlichem Zweck? Ich mußte natürlich näher bezeichnen, daß nur von erneutem, aber gemeinschaftlichem Unterhandeln die Rede sei. In dem Fall, sagte der Kaiser, werde ich den Vorschlag nicht annehmen können. Seit zwei Jahren habe ich die größte Nachgiebigkeit dadurch bewiesen, daß ich der Pforte Termin auf Termin gesetzt habe, um sie zur Nachgiebigkeit zu stimmen, stets mit der Drohung, daß ernstere Maßregeln ergriffen werden würden, wenn diese Nachgiebigkeit nicht erfolge. Die Unterhandlungen mit den verbündeten Mächten haben Zeit gebraucht und so ist es bis vorigen Herbst also erst zur Ergreifung solcher ernsteren Maßregeln gekommen. Die unerwartete Katastrophe von Navarin hat aber dennoch nicht die Pforte biegsam gemacht, die darauf erneuerten Aufforderungen zur Annahme der Intervention wurden verworfen und somit der Abgang der Gesandten unvermeidlich. Alle direkten Unterhandlungen und Verbindungen sind demnach von Seiten der Verbündeten mit der Pforte abgebrochen und die im trilateralen Vertrag angedeuteten ernsteren Maßregeln sind jetzt der Gegenstand der Unterhandlungen der drei Mächte, um sie zur Ausführung zu bringen. Ein erneuerter Versuch, mit der Pforte zu unterhandeln, um auf diesem Wege, der so unzählige Male fruchtlos geblieben ist, zum Ziele zu gelangen, wäre nicht mehr von den drei Verbündeten zu erwarten, da Alles sein Ziel hätte; die Zeit der Nachsicht, die Longanimité etc. sei abgelaufen und aus allen diesen Gründen an die Wiederanknüpfung von friedlichen Unterhandlungen seitens der drei Mächte nicht mehr zu denken. Ganz etwas anderes wäre es, wenn ein Antrag von Seiten Preußens oder Österreichs erfolgte, um sich den Verbündeten anzuschließen, um mit ihnen durch Ergreifung gemeinschaftlicher kriegerischer Maßregeln zum gewünschten Ziele zu gelangen. Oder: wenn Preußen und Österreich ihrerseits bei der Pforte nochmals kräftige Schritte täten, um sie zur Nachgiebigkeit zu zwingen, welchem Schritte jedoch als energischer Nachsatz beigefügt werden müsse, im Weigerungsfalle auch die Gesandten dieser Mächte Constantinopel verlassen würden und daß die Pforte auch von diesen Mächten kriegerische Maßregeln und Anschließen an die drei anderen Mächte zu erwarten habe. Ob eine solche, offene und energische Sprache von Österreich zu erwarten sei, sei freilich nicht mit Bestimmtheit vorauszusehen, dies dürfte aber wohl Preußen nicht abhalten, seinerseits diese bestimmten Schritte zu tun, Österreich dann au fait setzend und dringend zu gleichen auffordernd. Preußens Ansichten in der orientalischen Angelegenheit ständen ganz in Übereinstimmung mit einem solchen Handeln; es sei dem trilateralen Vertrage nicht beigetreten, indem es die in demselben vorgeschlagenen Mittel als nicht zum Zwecke führend erkannt hätte, jedenfalls aber keinen tätigen Teil an deren Ausführung hätte nehmen können, weil es aus diesem letzteren Grunde daher weniger auffallend und weniger störend für das äußere Bestehen der großen Alliance gewesen sei, daß nur drei Seemächte einen Tractat schlossen, der nur Seeoperationen zum Zwecke vorläufig hatte, während es als eine Spaltung der alten Alliance erschienen sein würde, wenn Preußen als keine Seemacht einem dergl. Tractat beigetreten sei und Österreich als eine Seemacht es nicht tat. So sei also auch dieser Schein für die große Alliance erhalten geblieben, während freilich Preußens und Österreichs Nichtbeitritt aus ganz und gar verschiedenen Principien entsprungen sei. Jetzt jedoch handele es sich nicht mehr um eine bloße Seeoperation, sondern um Ergreifung solcher Maßregeln, die leicht zum Kriege führen dürften, und daß diese zum Ziele führen würden, werde Preußen wohl anerkennen und also, da es das Ziel zu erreichen wünsche, sich auch zu Maßregeln entschließen, die zur Erreichung desselben förderlich sind, d. h. also nochmalige dringende Vorstellungen bei der Pforte, mit dem Nachsatze, wie ich ihn bereits angab, dem dann aber auch Folge gegeben werden müßte. Ich selbst hatte ja mündlich Ihre Ansicht hier mitgeteilt, die dahinginge, daß ein Angriff der Mächte der großen Alliance auf die Pforte als allein zum Ziele führend erkannt von Ihnen werde. Über das wie weit eines solchen Angriffs wäre freilich noch nichts zu entscheiden jetzt. Und wenn ich Ihre Ansicht jedoch dahin bestimmt ausgesprochen hätte, daß Sie einen solchen Angriff nur dann als vollständig ansehen würden, wenn Österreich sich zu demselben verstünde, so sei dadurch wohl auch Ihr Wunsch dahin abzusprechen, daß man sich dadurch vergewissere, daß diese Macht nicht etwa gegen die anderen Verbündeten zu Gunsten der Pforte sich erklärte, nicht aber, daß es Ihre Ansicht sei, daß Österreichs Kriegsmacht durchaus notwendig zu verwenden sei, um das Ziel zu erreichen, wozu die russische Armee allein wohl hinreichen würde. Die letzten Nachrichten Tatischtscheffs seien aber über diesen Punkt sehr beruhigend, indem er ja versichere, daß Österreich nicht daran denke, sich den kriegerischen Maßregeln zu widersetzen, die Rußland ect. jetzt zu ergreifen für nötig fände, daß der Kaiser ja mündlich dem Grafen Tatischtscheff versprochen habe, offene und kräftige Maßregeln bei der Pforte zu ergreifen, um sie zur Nachgiebigkeit zu bewegen, alles Schritte, die nicht mehr auf die gefürchtete Opposition dieser Macht deuten, so daß also auch dieselbe nicht mehr zu fürchten sei, selbst wenn auch, wie zu vermuten wäre, dieselbe sich zum Anschließen an die anderen Mächte zur Ergreifung kriegerischer Maßregeln nicht verstehen sollte. Jede und jegliche Besorgnis, daß Österreich doch noch die Opposition selbst kriegerisch ergreifen könnte, ja selbst die Möglichkeit dazu bei dessen inneren und militärischen Verhältnissen würde verschwinden müssen, sobald Preußen sich öffentlich zum Beitritt zum trilateralen Vertrage erklärt, dem es ja eigentlich dem Sinn nach im Geheimen schon beigetreten sei, da die jetzigen zu ergreifenden Maßregeln zum Ziele führend sein würden und an die Störung der großen Alliance nicht bei den oben geschilderten Verhältnissen zu denken sei. Ob es überhaupt doch noch möglich wäre, wenn Preußen dem österreichischen Cabinette seinen Beitritt zum dreiseitigen Vertrage bekannt macht, mit der dringenden Aufforderung und Vorstellung, ein Gleiches zu tun, indem von dem Augenblicke an alle Interessen vereint sein würden, — diese Macht zu dem Beitritt zu bewegen wäre zum wenigsten ein Versuch, der nicht von der Hand gewiesen werden dürfte und den Sie gewiß deshalb unternehmen würden, ohne jedoch Ihre weiteren Schritte deshalb von Österreichs Erklärung abhängig zu machen. Dies ganze Raisonnement gründet sich natürlich darauf, daß die drei verbundenen Mächte fest am Tractat vom 6. Juli halten und nur dessen Ausführung vorläufig vor Augen haben; ja selbst ein weiteres Vorschreiten durch die kriegerischen Operationen ist in dem Vorschlag Rußlands ja nur als Erpressungsmittel und nicht als eine zu machende Eroberung bezeichnet, wenn gleich ein so weites Vorschreiten nur durch die verlängerte Halsstarrigkeit der Pforte erzeugt werden würde, dann auch den Griechen zu Statten kommen solle, indem sie als frei und unabhängig erklärt werden sollen. Bei dem vorgefallenen Ministerwechsel in England und Frankreich und beim Zusammentritt des Parlamentes und der Kammern war eine Veränderung der Grundsätze beider Kabinette in Beziehung auf die orientalische Frage vielleicht zu befürchten. Ich fragte daher auch heute den Kaiser, was er davon hielte, worauf er erwiderte, daß nach den letzten Nachrichten Wellington sich mehr und mehr an Rußland anzuschließen scheine und daß von Frankreich die Erklärung gekommen sei, daß es mit Rußlands Maßregeln sich einverstanden erkläre und fest an dem Bündnis halten werde, selbst wenn England abspringen sollte. Demnach hätte sich also nichts in der Lage der Sachen geändert.
Wenn Sie nun also wirklich dem trilateralen Vertrag beitreten, so fragte der Kaiser, ob Sie dann aber auch gewiß wohl ein Corps stellen würden, welches tätigen Anteil an etwa ausbrechendem Kriege nehmen würde. Ich erwiderte, daß ich Sie nicht danach gefragt hätte, früher aber, als von einer bestimmten Alliance zu dem vorliegenden Zwecke nicht die Rede gewesen sei (wie bis zum Jahre 1826), Ihre Ansicht nicht dahin gegangen wäre, einen tätigen Teil an einem dergleichen Kriege zu nehmen. Jetzt freilich schienen mir die Dinge anders zu liegen. Der Kaiser griff dies so gleich auf und meinte, daß auch die Stellung eines Corps ja am allermeisten die Übereinstimmung und Einigkeit der alten Alliance zu erkennen geben würde und ob es nicht auch der Wunsch unserer Armee sei, Teil am Kriege zu nehmen. Ich konnte seiner Ansicht nur beistimmen und was den letzten Punkt beträfe, so wäre freilich der Wunsch sehr allgemein in unserer Armee, dem Kriege beizuwohnen. Ich komme hierdurch auf einen Punkt zu sprechen, dessen große Wichtigkeit ich vollkommen erkenne und muß daher denselben etwas näher beleuchten. Dieser gedachte Wunsch ist mir nicht etwa allein aufgestiegen, sondern mir von sehr viel Generalen ausgesprochen worden, und wie wäre es auch anders möglich, ihn nicht zu haben, wenn man einmal Soldat ist und ein Krieg bereit ist auszubrechen, für den sich die Regierung erklärt und zu welchem sie sogar in Alliance tritt. Aber namentlich aus dem militärischen Gesichtspunkt betrachtet wird der Wunsch für die Armee nur noch lauter, indem ein Auffrischen des kriegerischen Geistes in jeder Armee nach langem Frieden gewiß eine schöne Sache ist. So weit ich freilich entfernt bin zu meinen, daß dieserhalb von Zeit zu Zeit Krieg gesucht werden müßte, so sehr glaube ich doch auch, daß eine Gelegenheit wie die vorliegende nicht unbenutzt gelassen werden sollte, indem die Politik schon dahin weist. Die Generale, welche mir darüber sprachen,... kamen darin überein, daß eine solche Gelegenheit ja benutzt werden möchte, um Teilen der Armee den Krieg einmal wieder in natura zu zeigen. Und da natürlich die ganze Armee nicht marschieren könne, so würde, um der ganzen doch die Wohltat der Auffrischung dieses Kriegsgeistes, wenigstens per tradition zu gewähren, ein Corps aus allen Regimentern der Armee zu combinieren sein, wie im Jahre 1812. Ob die Rheinprovinz und Westfalen ihr freilich spät eintreffendes Contingent zu stellen hätten, oder ob sie wegen des doch stets zu beobachtenden Nachbarn im Westen ganz von dieser Gestellung zu deponieren wären, hat unser Kriegsrat alles in Weisheit erwogen, wie Sie leicht denken können; wenn einmal so etwas aufs Tapet kommt, so geht es auch munter vorwärts mit Plänen und Projekten. Sie werden meine Dreistigkeit verzeihen, diesen Gegenstand hier behandelt zu haben und das mit einiger Weitläufigkeit und nur nach eigner und einiger Anderer Ansicht, durchaus die Ihrige in diesem Punkte nicht kennend. Ich muß daher Ihre Verzeihung und Ihre Nachsicht hiermit nachsuchen und nur noch hinzufügen, daß mir Minister Motz[24] vor meiner Abreise sagte, er fürchte aus finanziellen Rücksichten die Mobilmachung der Armee jetzt schon nicht mehr, um wieviel weniger also eines Corps nur.
Graf Tatischtschew hat berichtet, daß bei Übergabe des Briefes von Nicolaus an den Kaiser von Österreich vom 7./19. Januar, auf den jedoch noch keine Antwort erfolgt ist, letzterer ihm gesagt habe: er höre, daß man in Rußland unruhig über die militärischen Zurüstungen in Österreich sei; ob man glaube, daß er Rußland angreifen wolle? Wie könne man sich so etwas nur einbilden im Entferntesten und wenn er es wolle, ob er es wohl könne bei der Verfassung seiner Armee. Alle Rüstungen geschehen nur, um, im Falle im Oriente der Krieg ausbräche, Österreichs Grenzen zu schützen gegen jede Invasion...[25]
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
St. Petersburg, 16./28. Februar 1828.
.... wenn ich Ihnen nicht die Nachricht zu geben hätte, daß die gestrigen Meldungen des Grafen Paskiwitsch allerdings die Ihnen vorgestern als Gerücht mitgeteilten Ereignisse bestätigten. Seine Berichte sind vom 5./17. Januar aus Deygurgan freilich sehr lange unterwegs gewesen. Der Hauptinhalt ist folgender: Als am bestimmten Termin die Zahlung der auferlegten Kontribution von Seiten des Schahs nicht erfolgte, zugleich aber auch die Nachrichten eingingen, daß ein Sohn des Schahs seinen Bruder Abbas Mirza beim Vater anzuschwärzen gesucht habe, als einen Feind des Landes, der durch den Friedensschluß Rußland in Besitz so schöner Provinzen zu setzen suche, die sein Erbteil sind, und ihm wohl gar noch andere Pläne zugedacht haben mag und dieser andere Mirza sich erbeten habe, die verlorenen Provinzen wieder zu erobern und dazu Anstalten treffe, so hat Graf Paskiwitsch seinerseits die Friedens-Unterhandlungen abgebrochen und seine Truppen in Marsch gesetzt. Er hofft, daß diese ganze Unternehmung nur eine bloße Demonstration sein wird und zum gewünschten Ziele, nämlich der prompten Zahlung, führen wird. Denn die verlangte Contribution ist bereits vor den Augen eines russischen Bevollmächtigten und des englischen Konsuls, der die richtige Zahlung sehr betrieben hat, in Teheran verladen worden und ist bereits auf halbem Wege nach Tawris, in Zengun, angelangt. Während dem ist nur der Mirza aus Korhassan mit seinen Intriguen durchgedrungen, zugleich sind aber auch türkischerseits Aufforderungen an den Schah ergangen, die Feindseligkeiten fortzusetzen, indem auch ein Bruch der Pforte mit Rußland bevorstände und dadurch letzteres in große Verlegenheit kommen könnte; und so hat der Schah dem Mirza Vollmacht gegeben, seine Schätze anzugreifen und den Krieg fortzusetzen und die verlorenen Provinzen wiederzuerobern, welche er zu seinem Erbteil erklärt hat und Abbas Mirza so gut wie enterbt hat. Dieser ist demnach zu den Seinigen zurückgekehrt, hat aber einen sehr gerührten Abschied von den Russen genommen, bei denen er sich sehr gefiel, einer sehr traurigen Zukunft entgegen gehend... Paskiwitsch will... gegen Zangan marschieren, um so zu sagen der Contribution entgegen zu rücken, deren Auszahlung durch diese Demonstration wie gesagt gehofft wird, der Kaiser hofft und wünscht sehr, daß es nur bei dieser Demonstration sein Bewenden haben werde.
Aus Paris hat der Kaiser gestern sehr zufrieden stellende Nachrichten erhalten, da das Cabinett ganz in seine Ansicht eingeht... Der Kaiser sagte mir soeben, daß er indirekte Nachrichten aus London habe, die immer mehr das Anschließen des englischen Cabinetts an das russische für die orientalischen Verhältnisse bestätigen[26]. Die offiziellen Mitteilungen erwartet er täglich. Aus Constantinopel wird geschrieben, daß Herr v. Ottenfels sich zur Abreise rüste oder abberufen sei; der wahre Zusammenhang sei nicht klar. Auch der holländische Gesandte in Constantinopel hat Schiffe zu seiner Abreise gemietet.
St. Petersburg, 20. Februar/3. März 1828.
Vor einigen Posttagen benachrichtigte ich Sie von der Äußerung des Kaisers, daß der Marsch der Garde binnen Kurzem erfolgen könne und setzte ich hinzu, daß mir dazu noch keine Veranstaltungen getroffen zu sein scheinen. Gestern jedoch sagte er mir, daß die Ordres zur Mobilmachung der Garde in der Ausfertigung begriffen seien und binnen wenig Tagen publiciert werden würden... Die Mobilmachung soll höchstens in 6 Wochen beendigt sein. Auf meine Bemerkung, daß mir der Kaiser vor 6 Wochen ungefähr sagte, er würde die Garden marschieren lassen, falls ein Nachschub durch den Gang des Krieges erforderlich sei — wie dies jetzt mit diesem frühzeitigen Marsch derselben zu vereinbaren sei, wiederholte er, daß die Distance dies erforderte, indem die Garden doch erst im September an der Donau eintreffen würden und daß es jedenfalls sehr gut sei, eine solche Reserve à tout événement bereit und in Bewegung zu haben. Bis heute ahndet noch Niemand in Petersburg diese Maßregel und wird natürlich sie bei ihrem Erscheinen im Auslande viel Lärm machen, daher ich mich beeile, Sie davon in Kenntnis zu setzen.
Der famose Hatischeriff[27] sehe ich, ist auch nun in Berlin bekannt; der Kaiser ist sehr aufgebracht über die Sprache, die dieses Aktenstück über Rußland führt und namentlich über die Stelle, wo die Pforte erklärt, daß alle Nachgebungs-Demarchen und namentlich das Einwilligen in die Forderungen zu Akkerman nur geschehen seien, um Zeit zu gewinnen, um die Rüstungen und die Reorganisation der Armee zu bewerkstelligen. Zugleich sieht der Kaiser diesen Hatischeriff als eine Herausforderung an die ganze Christenheit und namentlich an Rußland (an), so daß nun wohl nichts mehr den Bruch verhüten kann. In diesem Sinne sind auch die letzten Couriere nach Paris und London abgefertigt worden.
Die letzten Nachrichten aus Persien lauten sehr erfreulich. Die feindlichen Kräfte, welche sich bei Maralega sammelten, sind auf die Nachricht des Vormarsches der russischen Truppen auseinander gelaufen. Die russische Avant-Garde, die während der Unterhandlungen schon in Mijana stand, hatte von dort aus ihren Marsch sogleich vorwärts gegen Zangan angetreten, hat also einen bedeutenden Vorsprung.
Soeben sagt mir der Kaiser, daß die Garden heute die Marsch-Ordre erhalten haben und gegen den 1./13. April abmarschieren sollen...
St. Petersburg, 25. Februar/3. März 1828.
Gestern Abend kamen wiederum gute Nachrichten aus Persien; der Marsch der russischen Truppen hat so auf den Schah gewirkt, daß er sogleich die Abzahlung der Contribution befohlen hat, welche auch bereits ganz bis Zangan gekommen sein soll; 45 Millionen Papier-Rubel, woselbst der russische Commissar aufgefordert wurde, zu seiner eignen Überzeugung irgend einen Sack zu öffnen, um sich zu versichern, daß keine Betrügereien obwalten. Der geöffnete Sack ist auch voller Geld gefunden worden. Außerdem hat sich Ardebil, wo das linke Seitendetachement stand, ohne Schwertstreich ergeben... Wo die Unterhandlungen angeknüpft werden sollen, ist nicht entschieden, indem der dazu geeignetste Ort Mijana durch eine dort einheimische giftige Wanze, welche nur Ausländer sticht und oft tötet, nicht sehr angenehm aus diesem Grunde erscheint. Die Sterblichkeit unter den russischen Truppen ist unglaublich in Persien. Aus London sind Nachrichten gekommen, die aber (noch) immer keine Antwort brachten auf die an Fürst Lieven gegebenen Instruktionen, indem das englische Ministerium völliges Stillschweigen beobachtet. Aus Paris sind dagegen die Mitteilungen stets erfreulicher und anschließender. Der Kaiser hofft, daß der Hatischeriff in London vielleicht noch gut wirken wird; aber wenn auch nicht, so ist der Plan und Wille des Kaisers unabänderlich derselbe.
St. Petersburg, 27. Februar/10. März 1828.
Der Kaiser sieht durch den Hatischeriff seine ganze Lage in sofern verändert an, daß er den Ausbruch der Feindseligkeiten nicht mehr von der Zustimmung Frankreichs und Englands abhängig zu machen braucht, sondern der Pforte geradezu den Krieg erklären wird, indem sie ihm denselben durch jenen Parlamentär angekündigt hat. Denn es kommt jetzt dem Kaiser momentan nicht auf die Pacifierung Griechenland an, sondern darauf, sein Ansehen und seinen Einfluß auf die Pforte aufrecht zu erhalten und die Beleidigung zu rächen, die durch die Nichterfüllung und durch die Darstellungsart des Akkermanschen Tractats Rußland zugefügt ist, nebst den übrigen beleidigenden Ausdrücken. Bei Ergreifung dieser Maßregel erklärt der Kaiser von Neuem, stets dieselben Grundsätze zu befolgen, welche ihn bei Schließung des trilateralen Vertrages leiteten. Erhält Rußland bis in den nächsten Wochen die Beistimmung Englands zu den vorgeschlagenen coërcitifen Maßregeln, welche in der Instruktion an Fürst Lieven vom 6. Januar enthalten sind, bisher aber trotz eines 14tägigen Hinausschiebens des Antworttermines unbeantwortet geblieben sind, so würde alsdann das Ultimatum von den drei Alliierten der Pforte übergeben werden; trifft aber die Erwartung von Englands Anschließen bis dahin nicht ein, so wird der Kaiser allein ein Ultimatum übersenden und abwarten, was England später beschließen wird. Dieser Schritt kann keine Störung unter den Alliierten erzeugen, weil Rußland für Erscheinung des Hatischeriffs individuelle Zwecke gegen die Pforte zu erkämpfen hat. Frankreich hat sich vollkommen mit Rußlands vorgeschlagenen Maßregeln einverstanden erklärt und England nach Kenntnis des Hatischeriffs inständigst zur Annahme dieser Maßregeln erneuert aufgefordert, indem diese Kriegs-Erklärung nur mit den Waffen beantwortet werden könne und dies die Ehre der Alliierten erfordere. Es schlägt vor, den Flotten einige Landungstruppen mitzugeben, um die Schlösser der Dardanellen zu nehmen und zu behaupten, um den Flotten das Vordringen gegen Konstantinopel und die Beschießung desselben dadurch möglich zu machen. (Diese heute eingetroffenen Nachrichten sind mir als ein großes Geheimnis nur vom Kaiser mitgeteilt worden.) Es stehet also noch immer zu hoffen, daß England nachgeben wird und der Krieg gemeinschaftlich erklärt wird. Wo nicht, so würde es seine später zu ergreifenden Maßregeln in der griechischen Angelegenheit den alsdann schon russischer Seits ergriffenen anschließen. Frankreich erklärt es mit Rußland zu halten, selbst wenn England ganz abspringen sollte (was wohl schwerlich zu erwarten ist.) Rußland würde also, falls England dem Krieg nicht beistimmt, seine individuellen Interessen durch denselben verfolgen und also darin nicht von England gehindert werden können; natürlich handelt Rußland dadurch auch indirekt zum Besten der Griechen, mit Frankreich eng verbunden aber direkt zum Besten derselben, denn Frankreich hat ja nur das griechische Interesse vor Augen. Dies giebt allerdings etwas complicierte Verhältnisse.
Aus Wien erfuhr der Kaiser, wie er mir heute sagte, daß auf bestimmten Antrag des Erzherzogs Ferdinand zwei Operations-Pläne ausgearbeitet wurden, der eine, um während der Operationen die Defensive zu beobachten, der andere ein Offensiv-Plan, um eine österreichische Armee mit der russischen operieren zu lassen. Es soll darüber jedoch ein großes Geheimnis obwalten. Doch hat dies den Kaiser sehr erfreut zu erfahren, weil er doch daraus die Möglichkeit sieht, daß Österreich sich zu einer tätigen Teilnahme zuletzt noch entschließen wird. Er ist daher sehr begierig auf die Schritte, die Sie getan haben werden, sowohl gegen Österreich als für sich selbst.
28. Februar/11. März.
Auch ist die Nachricht eingegangen, aus Bukarest oder Odessa, daß Herr v. Ottenfels im Begriff sei, Constantinopel zu verlassen, weil kein Christ seines Lebens mehr sicher sei. Ob er dies ohne Erlaubnis seines Hofes darf, weiß ich nicht zu entscheiden. Doch meint der Kaiser, daß die Verfolgungen, welche in Constantinopel und in der Türkei gegen die Christen beginnen, nur zu deutlich beweisen, daß der Hatischeriff eine Kriegserklärung gegen die gesamte Christenheit sei und aus diesem Gesichtspunkt betrachtet hofft er, daß Österreich seine bisherigen Grundsätze in der griechischen Angelegenheit wird fahren lassen und dann gemeinschaftliche Sache mit den Alliierten machen wird, womit dann die große Alliance wieder kräftig und ungeteilt dastände, ja es würde ein wahrer Kreuzzug werden (il serait une véritable croisade).
Falls der Krieg ausbricht, so sagt der Kaiser, würde sich die Campagne in drei Abschnitte teilen. Der erste vom April bis Juni; der zweite eine Ruhe bis zum September wegen der großen Hitze und wegen des Mangels an Furage in den Monaten, ehe die Ernte gemacht ist und der dritte vom September bis dahin, wohin die Operationen oder die Nachgiebigkeit der Pforte führen wird. Der Winter sei nicht zu fürchten und also wegen der Jahreszeit kein Abschnitt nötig zu machen. Im ersten Abschnitt müsse der Balkan erreicht werden, die Ruhe also daselbst eintreten, während dem zweiten würden alle Reserven und die Garden zur Armee stoßen (den 1./13. September) und so alsdann mit erneuten Kräften die Operationen des dritten Abschnittes beginnen. Die vorteilhafteste Operations-Linie wird natürlich die längs dem Meere sein von Anfang an, weshalb auch die Flotte des Schwarzen Meeres zur Protegierung der Operationen beordert ist. Nach einigen Nachrichten sollen sich bedeutende türkische Streitkräfte bei Rusdschuk sammeln, dagegen aber auch bei Babatag (in der Gegend, wo die Donau vor ihrem Abflusse die Ecke bildet) Verteidigungsmaßregeln ergriffen sein, als auf der Operations-Linie längs dem Meere liegend, die ihnen wohl auch gefährlich erscheinen mag.
Nach dem Gang, den die Dinge jetzt in der Türkei nehmen, glaubt der Kaiser, daß auf keine Nachgiebigkeit nicht mehr zu rechnen ist, weder jetzt noch später, sondern daß das Ganze mit dem Umsturz der türkischen Macht endigen wird, wenngleich er nur ungern von dieser Möglichkeit spricht. Sollten wir bis Constantinopel wirklich vordringen und ich bin zuerst dort, sagte der Kaiser mir neulich, so sollen die Andern mit meinem Benehmen und Vorschlägen zufrieden sein; kommen mir die Andern etwa auf irgend eine Art zuvor, so setze ich keinen Fuß in Constantinopel und lasse die Andern machen, was sie wollen und meliere mich nicht darein. Ich wiederhole Ihnen nur diese Worte, die der Kaiser wohl nur mir und seinem Schwager sagte, ohne weiteres diplomatisches Gewicht darauf zu legen; denn es dürften doch, wenn es wirklich so weit kommen sollte, wohl Verhältnisse eintreten, die jene Äußerungen vergessenswerth machen dürften. Tritt die andere Chance doch noch ein, daß die Pforte während des Krieges nachgibt endlich, so sind die dann eintretenden Verhältnisse in der erwähnten Instruktion an Lieven vorgezeichnet und die völlige Selbständigkeit Griechenlands dann zunächst stipuliert.
Der Kaiser trat mit der Nachricht ins Zimmer, daß der Friede mit Persien geschlossen sei[28] und zugleich die Schlüssel von Ardibile eingetroffen seien... Der Schah hat augenblicklich, als er die ernstliche Fortsetzung des Krieges erfahren hat, sich nachgiebig gezeigt und die ganze Summe der Contribution der russischen Avant-Garde unweit Zangan überliefert, und war der größte Teil bereits in Mijana eingetroffen. Der Schah hat dem Abbas Mirza aufgetragen, den Frieden sogleich zu unterzeichnen...
St. Petersburg, 3./15. März 1828.
Gestern ist der erwartete zweite Courier aus London[29] eingetroffen. Die von ihm überbrachten Nachrichten sind die offizielle Antwort des englischen Cabinettes auf die von Rußland gemachten Vorschläge, wie sie in der Instruktion an Fürst Lieven enthalten waren. Sie sind, wie nach meinem letzten Brief schon zu erwarten war, nicht nach Wunsch des Kaisers ausgefallen, indem jene Vorschläge nicht Eingang fanden und dagegen von England eine Demarche vorgeschlagen wird gerade der Art, wie Sie dieselbe durch Grafen Bernstorff vor vier Wochen hierher machen ließen. Der Kaiser wird darauf nur bedingt eingehen, indem aus seiner Antwort an Sie damals schon hervorging, daß er diesen Schritt als zu spät kommend betrachtete; doch will er sich jetzt gerade nicht opponieren; dagegen trennt er aber immer mehr die griechische Frage von den Griefs, die er zufolge des Hatischeriffs individuell gegen die Pforte zu verfolgen hat und wird daher in den ergriffenen Maßregeln dieserhalb nicht die mindeste Änderung entstehen und ganz das geschehen, was mein letzter Brief für den neu eingetretenen Fall voraussagte, nur mit dem Unterschiede, daß die Schritte, welche ich damals als von England allein etwa ausgehend bezeichnete, nun, wenn es angenommen wird, von allen 5 Mächten geschehen werden. So würden also Unterhandlungen und Krieg zugleich gehen und bestehen, nur zu verschiedenen Zwecken; der Krieg aber gemäß einen wichtigen mittelbaren Einfluß auf die Unterhandlungen haben und so durch den Krieg vielleicht der Frieden erhalten werden. Daß den Unterhandlungen, falls sie sich zerschlagen, ein allgemeiner Angriff folgt, dürfte die Drohung sein, mit welcher sie unternommen würden.
Die gestrigen Nachrichten aus Persien sagen, daß die ganze Contribution ausgeliefert ist und Abba Mirza erneuten Befehl zur schleunigen Unterzeichnung des Friedens erhalten hat...
St. Petersburg, den 6./18. März 1828.
Vorgestern Abend erhielt ich Ihren gnädigen Brief; ich teilte dem Kaiser sogleich Ihre Ansichten über die politischen Verhältnisse mit. Er sagte, daß ihn diese Ihre Ansichten nicht überraschen könnten, da sie mit Ihren früheren übereinstimmten. Doch hätte er es für seine Pflicht gehalten, Ihnen sein Raisonnement vor vier Wochen mitzuteilen, glaubend, daß manche Veränderungen damals eingetreten wären, die vielleicht Ihrerseits ein entscheidendes Handeln und Auftreten, wenn auch nur in Aufforderungen Anderer bestehend, möglich gemacht haben würden. Wenn der Kaiser also auch nicht überrascht über Ihre Antwort war, so tat sie ihm doch leid. Mir gab er jedoch auch das Zeugnis, daß ich stets diese Ihre Antwort vorhergesehen hätte, weil ich Ihre Ansicht genau kannte und sie ihm immer von Neuem vorgehalten habe. Während ich also auf diese Art dem Kaiser Ihre Ansicht opponiere, Ihnen dagegen die des Kaisers mitteile, scheint es, habe ich den Anschein bei Ihnen bekommen, als ließe ich mich durch den Kaiser entrainieren. Das Memoire, was ich dieserhalb durch Graf Bernstorff erhalten soll, wird mich natürlich ungemein interessieren, doch glaube ich dessen Inhalt vorhersagen zu können, da ich, wie gesagt, vermuten darf, daß ich Ihre Ansichten nicht vergessen habe. Sollte mich jedoch meine Äußerung: „daß mir das Handeln Preußens jetzt als das Hauptgewicht erscheine, welches die Inclination der politischen Wagschale bestimmen würde“, eine Äußerung, die ich mir kurz vor dem Abschieds-Augenblick in Berlin schon zu machen mir erlaubte, sollte mir diese Äußerung die Bemerkung zugezogen haben, daß ich Preußens Stellung verkenne, so werde ich allerdings hierüber eine Belehrung in Bernstorffs Mémoire[30] hoffen dürfen zu finden.
Ihre Bemerkungen über die vorauszusehenden Verwickelungen, wenn Rußland Englands Ansichten nicht aufnimmt, teilte ich gleichfalls dem Kaiser mit. Er erwiderte, daß sein jetziges Alleinhandeln der Natur sei, daß diese Verwickelungen wohl nicht zu befürchten seien. Sollten jedoch welche später aus Englands Benehmen entstehen, so könne er wenigstens ruhig darüber sein, daß er sie nicht herbeigeführt habe. Denn im trilateralen Vertrage wäre expreß gesagt, daß, wenn die erste Maßregel der auszusendenden Flotten nicht zum Ziele führe, so werde man zu ernsteren Maßregeln schreiten. Unter diesen ernsteren Maßregeln könnten aber natürlich keine anderen verstanden gewesen sein, als kriegerische. Diese seien nun also vorgeschlagen, nachdem erneute Unterhandlungen nach Navarin(o) sich zerschlagen hätten und den Abgang der Gesandten zur Folge sogar gehabt haben. Statt darauf einzugehen, gemeinschaftliche coërcitife Maßregeln zu unternehmen, wolle man nun von Neuem unterhandeln, also gegen die Bestimmungen des trilateralen Tractates und damit also wiederum den Gang ergreifen, der seit 7 Jahren nicht zum Ziele geführt habe; und welche Garantie sei vorhanden, daß, da man jetzt von Seiten Englands den kriegerischen Maßregeln keine Folge geben wolle, diese Folge-Gebung eintreten würde, wenn die vorgeschlagenen erneuten Unterhandlungen sich etwa zerschlügen und für dies Zerschlagen der Krieg als Folge bestimmt worden wäre? Wahrscheinlich würde man alsdann wieder einige Monate temporieren, dann aber erneut zu Unterhandlungen raten und so ins Unendliche fortfahren.
Doch wie mein letzter Brief schon meldete, wird sich der Kaiser diesen Vorschlägen nicht opponieren, jedoch auch seinerseits sich sehr bestimmt aussprechen und während dem handeln. Denn das fortwährende Temporieren und nicht Ernstmachen müsse ja die Pforte immer mehr bestärken, sich zu opponieren, da immer nur gedroht wird und den ernsthaftesten Drohungen doch keine Folge gegeben wird. So reize man die Pforte also ordentlich zur fortgesetzten Opposition bei jeden erneuten Unterhandlungen.
Im Sommer 1819 bemühte sich Prinz Wilhelm, unterstützt von seiner Schwester Charlotte, die Einwilligung seines königlichen Vaters für seine Verbindung mit der schon seit 1817 geliebten Prinzessin Elise von Radziwill zu erlangen. Friedrich Wilhelm III. schwankte auch in dieser familiären Angelegenheit in seinen Meinungen und Entschlüssen ständig hin und her, um so mehr, als die Unebenbürtigkeit der Prinzessin bald für gleichgültig, bald für hindernd in bezug auf die in Aussicht genommene Eheschließung gehalten ward. Erst im Juni 1826 hat er seine Zustimmung endgültig verweigert. Auf der Reise nach der Schweiz hatte Prinz Wilhelm 1826 bei der Hochzeit seines Bruders Karl mit Maria von Weimar deren jüngere Schwester Augusta kennen gelernt; vielleicht hat er im Anschluß daran in Karlsruhe die oben genannte Prinzessin Cäcilie von Schweden (1807/44) gesehen, die Tochter jenes Gustav IV. Adolf (1778/1837), der mit Friederike von Baden in einer 1812 geschiedenen Ehe vermählt und Mitte Mai 1809 seines Thrones verlustig erklärt worden war; er führte dann ein seltsames Wanderleben und weilte in der fraglichen Zeit als Oberst Gustavsson in Leipzig. Die mannigfachen Absonderlichkeiten dieses Mannes lassen es verstehen, daß der vorsichtige Friedrich Wilhelm III. von der ersten medizinischen Autorität seines Staates, dem „so höchst ehrwürdigen“ Christoph Wilhelm Hufeland (1763/1836), wie der König an seine Tochter Charlotte am 14./26. August 1836 nach Petersburg schrieb (Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 169), ein Gutachten über den Geisteszustand Gustav Adolfs IV. einholte, das schließlich in der wichtigen Frage einer künftigen Königin von Preußen den Ausschlag gab; Prinzessin Cäcilie heiratete den Großherzog August von Oldenburg. Prinz Wilhelm hat, wie aus dem obigen Briefe hervorgeht, lange in seinen Empfindungen zwischen den beiden Mädchen hin und her geschwankt; darauf deutet auch eine Briefstelle an den Vater aus Petersburg vom 23. December/4. Januar 1828:.... Beim Beginn des verflossenen Jahres war ich weit entfernt zu glauben, daß dasselbe von Einfluß auf mein künftiges Schicksal sein würde — und doch war es so; wieviel ernster mußte ich also nicht beim Eintritt in das nun vor uns verschlossene gestimmt sein, da es Pläne zur Ausführung bringen dürfte, die jetzt noch unentschieden in mir liegen. Möge der Himmel meine Wahl leiten und mir eine Zufriedenheit schenken, die ich lange entbehren mußte. Ihnen dadurch Freude zu machen und mir stets Ihre Gnade zu vergewissern ist ja dabei mein Hauptaugenmerk.... Des Prinzen Wilhelm Petersburgreise ist oft als eine „Brautfahrt“ gedeutet worden (vgl. Th. Schiemann, Historische Zeitschrift, N. F., Bd. 44, 1892, S. 243/50), was wohl nur in dem Sinne richtig ist, als die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von Rußland als die Großmutter der Prinzessin Augusta von Weimar deren künftigen Gatten kennen lernen sollte, wenn vielleicht auch ein Satz aus einem Berichte Schölers (14. April/6. Mai 1828) an den König darauf deuten könnte, daß eine russische Großfürstin für den Prinzen Wilhelm von Preußen als Lebensgefährtin in Aussicht genommen war: „Bei der hohen Achtung und wahrhaften Zuneigung, welche Seine Kgl. Hoheit sich hier allgemein erworben haben, teilt die ganze Residenz das Bedauern der kaiserlichen Familie, den Prinzen aus ihrer Mitte scheiden zu sehen und gibt nicht ohne Schmerz eine Hoffnung auf, mit welcher man, in Folge der Eigenheit des menschlichen Herzens, die Erfüllung eines lieben Wunsches keinem Zweifel unterworfen zu halten seit längerer Zeit sich geschmeichelt hatte.“
St. Petersburg, 13./25. März 1828.
Als Sie im Oktober vorigen Jahres von mir eine Erklärung wünschten, welchen Entschluß ich in Folge der im Sommer unternommenen Reise zu fassen gesonnen sei, war meine Antwort, daß die Bestimmung meiner Zukunft von der Wahl zwischen Prinzessin Augusta und Prinzessin Cecile abhängig sei als denjenigen beiden Prinzessinnen, welche mir von den kennengelernten als die ausgezeichnetsten erschienen.
Diese Wahl jedoch damals gleich zu treffen war mir meiner Überzeugung nach nicht möglich, weil dazu eine Kenntnis in gleichem Maße von beiden Prinzessinnen gehörte, ich bis dahin aber nur Prinzessin Augusta in so weit hatte kennen lernen, daß ich mir ein ziemlich gegründetes Urteil über sie erlauben durfte, dahingegen ich Prinzessin Cecile nur erst flüchtig konnte kennen gelernt haben, da ich sie nur wenige Tage sah. Da aber trotz dieser flüchtigen Bekanntschaft Prinzessin Cecile mich dennoch, trotz jener genaueren der Prinzessin Augusta beschäftigte und zwar auf eine Art, die ich nicht von der Hand zu weisen dürfen glaubte, so ging meine Bitte an Sie, die Sie auch genehmigten, dahin, daß ich eine nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile auf eine nicht auffallende und Niemand compromittierende Art suchen dürfte. Und wenn ich alsdann beide Prinzessinnen in gleichem Maaße kennte, so wollte ich danach meine Wahl festzustellen suchen. Da Sie diese meine Ansichten gut hießen, so würde ich nicht nötig haben, jetzt wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, wenn ich nicht schon in jener ersten Unterredung in Charlottenburg bemerkt hätte, daß Ihr Wunsch es sei, meine Entscheidung möchte für Prinzessin Augusta ausfallen. Da Sie jedoch deshalb meine Pläne nicht misbilligten, so glaubte ich es auch wagen zu dürfen, auf deren Ausführung mein Augenmerk zu richten. Seit jener Unterredung kamen mir vielerlei Äußerungen zur Kenntnis, die mir das bestätigten, was ich von Ihnen selbst zu verstehen geglaubt hatte, daß nämlich, wenngleich gegen die ganzen Verhältnisse der Prinzessin Cecile nichts einzuwenden sei, was eine Verbindung mit ihr unmöglich oder unpassend machte, doch gerade ihre eigentümliche Stellung, diese Verbindung nicht vorzugsweise wünschenswert machte. Diese Ihre Ansicht glaube ich auch in Ihrer Äußerung enthaltend gefunden zu haben, die Sie mir machten, als ich bei Gelegenheit, daß Sie meine Reise hierher genehmigten, von meiner Zukunft sprach. Sie sagten, Sie müßten nur zu bedenken geben, daß die sehr unangenehme Möglichkeit obwalte, daß das Übel, an welchem der Vater der Prinzessin Cecile litte, auch erblich sei und auch mit überspringenden Generationen erblich sei; ich glaubte also aus dieser Äußerung schließen zu müssen, daß Sie mich durch dieselbe von meinen Absichten detournieren zu suchen wollten. Wenngleich ich die Möglichkeit einer solchen Erblichkeit nicht bezweifeln konnte, so konnte ich jedoch auch nur bemerken, daß mir bis jetzt nirgends ein Zeichen obzuwalten scheine, welches jene Möglichkeit anzeige. Seit meinem Hiersein erfuhr ich nun jedoch, daß diese mögliche Erblichkeit der Geisteskrankheit Ihnen so erheblich erscheint, daß Sie sich durch Hufeland haben ein Gutachten über diese Angelegenheit geben lassen, welches die Möglichkeit des Vererbens eines solchen Übels bestätigt und als wahrscheinlich angibt.
Die Sicherstellung, welche Sie für sich durch dies Gutachten für jede Zukunft, falls ich auf jener Verbindung bestände, zu verschaffen suchten, muß ich vollkommen anerkennen. Ja ich muß die Pflicht anerkennen, welche Ihre väterliche Liebe hat und Ihre höchste Stellung, mich ernsthaft und aufs gewissenhafteste auf diese Möglichkeiten aufmerksam zu machen und mir die Verbindung vollkommen zu untersagen, falls augenscheinlich Gefahr obwaltet.
Aus allem Angeführtem glaube ich aber nunmehr erneuert den Schluß ziehen zu müssen, daß es Ihnen lieb wäre, wenn die mir getanen Vorhaltungen mich bewegen könnten, nach Ihrem Wunsche von der näheren Bekanntschaftmachung der Prinzessin Cecile abzusehen und mich für Prinzessin Augusta zu entscheiden.
Wenn ich nun dies auch nicht unbedingt zu tun vermag, so sehe ich mich dennoch veranlaßt, meinerseits einen Schritt zu tun, der mich über meine Zukunft aufklärt, indem ich nur erlaube, die Frage zu stellen: „ob Sie aus jenen Gründen mit dem quästionierten Gutachten in Händen von Ihrem höchsten und väterlichen Standpunkte aus die Pflicht zu haben glauben, Ihre Einwilligung zu der in Rede stehenden Verbindung zu versagen, falls ich nach genauerer Bekanntschaft der Prinzessin Cecile um deren Hand wirklich anhielte?“
Von Ihrer gnädigen Beantwortung dieser Frage hängt dann natürlich mein ganzes ferneres Verhalten ab.
Glauben Sie Ihre Einwilligung geben zu können, so brauche ich in meinen Plänen nichts zu verändern.
Glauben Sie Ihre Einwilligung nicht geben zu können, so muß ich davon abstehen, die nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile erst noch machen zu wollen, denn in der Ungewißheit, ob ich Ihre Einwilligung erhalten könnte, darf ich nie diese nähere Bekanntschaft suchen, weil sie leicht dahin führen könnte, daß das Aufgeben dieser Verbindung dann schmerzlicher sein dürfte, als es jetzt noch der Fall sein kann.
Mit kindlicher Liebe habe ich in meinem dankbaren Herzen jeden Schritt bewahrt, den Sie taten, um meine Zukunft sich glücklich gestalten zu sehen. Daher bitte ich auch nunmehr aus der Tiefe des Herzens, daß Sie meine Frage gnädig aufnehmen und ganz nach Ihrer Überzeugung beantworten mögen. Doch muß ich Sie noch darum bitten, mir nicht auf meine Verantwortung für die Folgen der gefürchteten Erblichkeit die mögliche Verbindung mit Prinzessin Cecile zusagen zu wollen und sich zu überzeugen, daß mein Herz noch durchaus nicht für eine der beiden Prinzessinnen sich entscheidender ausspricht wie früher.
Der Grund, warum ich gerade jetzt mit diesem entscheidenden Schritt gegen Sie hervortrete, ist der, daß in dem Falle die ferneren Pläne auf Prinzessin Cecile ganz aufgegeben werden müßten, ich wohl keine bessere und erwünschtere Gelegenheit finden könnte, Prinzessin Augusta noch näher kennen zu lernen und die dann nötig werdenden Schritte einzuleiten und zu tun als bei deren bevorstehender Ankunft hier mit ihrer Mutter... Der Kaiser hat mir mündlich heute beim Fahren zur Parade das förmliche Anerbieten gemacht, ob ich die zu erwartende Campagne nicht mit machen wollte... ich glaubte ihm antworten zu können, daß von einer Mißbilligung Ihrerseits ich nichts zu fürchten haben würde, indem die sich darbietende Gelegenheit wohl für jeden Soldaten zu interessant und wichtig sei, als daß Sie die Teilnahme an derselben versagen würden... daß sich Ihre Einwilligung wohl davon abhängig fühlen würde, in welcher Stellung sich Preußen zur Pforte beim etwaigen Ausbruch des Krieges befinden würde... Der Kaiser hat mich bei Zeiten von diesem seinen Anerbieten in Kenntnis gesetzt, damit ich der Distance wegen nicht zu spät Ihre Willens-Meinung erführe, wenngleich die Kriegs-Deklaration noch nicht erfolgt ist... So liegen Ihrer gnädigen Bestimmung zwei wichtige Fragen vor, deren Lösung ich mit ungemeiner Ungeduld entgegensehe, da sie von dem höchsten Einfluß auf meine ganze Zukunft sein werden. Von Ihrer väterlichen Liebe erwarte ich die Entscheidung, die für mein Herz und für meine militärische Tätigkeit von gleichem unendlichen Werte sein wird.
Ihr Sie zärtlichst liebender gehorsamer Sohn
Wilhelm.
20. März/1. April.
.... die Ansicht, daß Preußens... Anschluß am trilateralen Vertrag gewiß den von Österreich nach sich gezogen haben würde. Wenn Sie sich gnädigst erinnern, zu welcher Zeit Ihnen der Kaiser diesen Antrag und die Aufforderung demgemäß auf Preußen zu wirken machte, so werden Sie finden, daß dies der Moment war, wo die Einigkeit der drei Verbündeten auf dem Culminations-Punkt war, Anfang Februar, und es damals also wohl sehr begreiflich war, daß der Kaiser diesen Moment benutzt wünschte, um Preußen und Österreich sich anschließen zu sehen. Aus dieser Zeit-Zusammenstellung glaube ich, dürfte folgen, daß der Kaiser Preußens Interesse nicht verkannte.
Preußen wünschte das gemeinsame Handeln der Mächte der großen Alliance; in jenem Moment war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß eine solche Vereinigung möglich sei. Jetzt ist es ganz anders.
Es ist dem Kaiser leid..., daß Preußen[31] gar nicht mehr an die Möglichkeit glaubt, auf Österreich wirken zu können, in einem Augenblicke, wie gesagt, wo dieses selbst ernst anfängt zu reden und daß Preußen ein solches Zureden für unnütz hält, weil es nicht auf eine Macht einwirken zu können glaubt, die mit dem Oriente selbst grenzt, während Preußen doch vollkommen damit einverstanden ist, daß die Sachen sich im Oriente ändern müssen und dieserhalb mit Österreich ganz divergierte, es also nicht aufhören müsse, es von seiner Ansicht überzeugen zu wollen. Das feste Halten Preußens an Österreich trotz der völlig divergierenden Ansicht im Prinzip begriff der Kaiser zwar bisher, wegen des Scheines der großen Alliance; jetzt aber, wo sich die Verhältnisse anfangen anders zu gestalten, würde es dem Kaiser sehr wehe tun, wenn Sie sich zu denen halten wollten, mit denen Sie im Prinzip nicht einverstanden sind, während Sie die aufgeben, mit denen Sie übereinstimmend im Prinzipe sind...
Prinzessin Augusta
Miniaturbild von A. Grahl um 1840 im Palais Kaiser Wilhelms I.
Was der Kaiser von dem ernsthaften Schritte Österreichs erfahren hat, ist folgendes: daß es der Pforte erklären will — nach Rußlands Vorschlag und Drängen im Januar —, daß sie durchaus jetzt nachgeben müsse, wo nicht, so würde sich auch Österreich den Verbündeten anschließen und gemeinschaftlich mit ihnen über dasselbe kriegerisch herfallen und habe es zu dem Ende ein Corps in Bereitschaft... Von Frankreich hat der Kaiser gestern erneuert die intimsten Versicherungen erhalten, mit dem Bemerken, daß es erneuert die dringendsten Vorstellungen in London mache, um das Kabinett zur Annahme der russischen Proposition zu bringen. Jedenfalls glaubt der Kaiser, Frankreichs ganz sicher zu sein, selbst für den Fall, wenn England ganz abspringen sollte... Den Kaiser hat diese ganze Vereitelung, wie sie jetzt durch Englands Umspringen erzeugt wird, keinen Moment frappiert, indem er von jeher vorher sah, daß England im Trüben fischen wollte und eigentlich allein handeln wollte und egoistisch, zum Nachteil aller anderen handeltreibenden Nationen, in der orientalischen Frage. Die Ruhe Europas ist erhalten, sobald England dem Tractat treu bleibt und den von Rußland und Frankreich vorgeschlagenen Maßregeln beitritt, meint der Kaiser; springt also England jetzt ab, so erzeugt es den Krieg und die Unruhe, wahrscheinlich in ganz Europa, wovon es doch gerade das Gegenteil will. Der Kaiser sagte mir: Die Verhältnisse, die sich in der Türkei gestalten, sind für Rußland zehnmal wichtiger, als für alle andern Staaten, die selbst durch ihren Handel mit jenem Lande in Verbindung stehen. Diesetwegen habe er müssen eine sehr bestimmte Sprache gegen die Pforte gleich bei seinem Regierungsantritte führen und die Akkermannschen Unterhandlungen waren die Folge davon. Als sich diese Verhandlungen zu seinen Gunsten entschieden hätten, habe er nichts weiter wünschen können, denn das seit Jahren compromittierte Ansehen Rußlands bei der Pforte und der Einfluß, den es doch natürlich stets auf dieselbe auszuüben suchen muß, war wiedergewonnen. Aus diesem Grunde hätte er auch nicht nötig gehabt, in der griechischen Angelegenheit etwas zu tun, um so weniger, da er... gar nicht gesonnen gewesen sei, für sie wohl gar aus Enthusiasmus zu handeln. Er hätte also aus diesem Grunde auch nicht nötig gehabt, das englische Anerbieten, zu Gunsten der Griechen zu wirken, anzunehmen und zu deren Pacificirung die Hand zu bieten, wenn er sich nicht hätte sagen müssen, daß sein Zurückweisen dieses Anerbietens England nicht gehindert haben würde, seine Vorschläge und Pläne zur Veränderung der Dinge im Oriente demnach durchzuführen, welche es, alsdann allein handelnd, auch ganz nur zu seinem Vorteile und gewiß zum größten Nachteile Rußlands geordnet haben würde. Eroberungs- und Aquisitions-Pläne möchten gleichfalls wohl bei England obgewaltet haben, wie die Geschichte der Ionischen Inseln beweisen könnte... Frankreichs Handels-Interesse verlangte es, daß die orientalischen Verhältnisse eine andere Gestaltung gewännen; dieses trat nun also auch dieserhalb mit der Sprache hervor. England und Frankreich mußten sich also wegen dieser orientalischen Frage begegnen und gewiß auf eine unangenehme Art. Da nun also nicht anzunehmen war, daß England sich durch Rußlands Refus abhalten lassen würde, seine Absichten im Oriente zu verfolgen, wobei ihm noch zu Statten kam, daß die Griechen sich ja selbst an dasselbe gewandt hatten, um für sie sich zu interessieren, ebensowenig aber anzunehmen war, daß sich Frankreich und England gütlich über jene Verhältnisse vergleichen würden, so nahm der Kaiser das englische Anerbieten an, um dem egoistischen und Allein-Handeln Englands zu begegnen und um ein Zerwürfnis zwischen England und Frankreich zu verhindern und um somit also die Ruhe und Eintracht in Europa zu erhalten. So entstand das Petersburger Protokoll vom 4. April 1826 von Seiten des Kaisers in der Hauptabsicht, Ruhe in Europa zu erhalten, durch die Pacificierung Griechenlands seinen Handel noch mehr zu sichern und somit sein Ansehen bei der Pforte noch mehr zu sichern. Als dies Ansehen durch den Akkermannschen Vertrag hergestellt war, erklärte der Kaiser an England, daß er es seinetwegen nicht mehr nötig habe, dem Protokoll Folge zu geben, indem er Alles erlangt habe zum Besten Rußlands, was er von der Pforte nur verlangen könnte. England erwiderte auf die zweimalige derartige Vorstellung, daß es seinerseits sich in der Notwendigkeit befände, den Bestimmungen des Protokolls durchaus Folge geben zu müssen; dadurch demasquierten sich Englands egoistische Absichten immer mehr in den Augen des Kaisers und er hielt es für notwendig, dieserhalb schon im gedachten Protokoll die Bestimmung ausdrücklich aufzunehmen, daß von keinem Teile Eroberungs- oder Acquisitions-Pläne beabsichtigt würden; somit waren England freilich in ganz Europa die Hände gebunden, nicht dergleichen wahrscheinlich intentionierte verborgene Absichten einseitig ausführen zu können. Rußland kostete es nichts, dies Versprechen zu geben, indem jede Länder-Vergrößerung für dasselbe ein Nachteil sei. Frankreich trat diesen Protokoll-Bestimmungen später bei und verlangte zuerst dessen Umwandlung in ein Tractat. So waren also die verschiedenen Interessen durch einen Tractat vereint und dadurch die Ruhe und Einigkeit Europas gesichert. Diese Verhältnisse konnten also nur gestört werden, wenn ein Teil seinen Verpflichtungen ungetreu wurde, d. h. dem gemeinsamen Verband sich entzog, um einseitigen Plänen Folge zu geben.
Dies Letztere scheint nun allerdings leider Englands jetziges Benehmen sein zu wollen. Wollte es die Pacificierung Griechenlands wirklich, so könnte es jetzt keinen Augenblick anstehen, nachdem alle Mittel erschöpft sind, mit Gewalt auf die Pforte wirken zu wollen. Da es diese Gewalts-Mittel aber gegen seine beiden Alliierten zurückweiset, so gehet daraus wohl deutlich hervor, daß es etwas anderes als die gemeinschaftliche Pacificierung der Griechen wünscht, nämlich dort allein sprechen zu wollen und somit entlarvt es sich selbst.
Englands Plan scheint bestimmt zu sein, sich von dem trilateralen Vertrag zurückziehen zu wollen, dieserhalb jedoch mit Frankreich noch nicht zu brechen, es sich überhaupt angelegen sein zu lassen, auf dem Kontinente Alliierte zu sammeln, wahrscheinlich um Rußland mit denselben vereint zu bedrohen und so vom Türkenkriege abzuhalten. Dies Suchen von Alliierten dürfte also wohl zunächst auf Preußen und Österreich gerichtet sein. Überhaupt kann es Preußen nicht ruhig mit ansehen, daß dergleichen Alliancen sich schließen, wie die zwischen Österreich und England wäre und sein Verweigern zum Beitritt zu derselben dürfte vielleicht selbst dies ganze Projekt hindern und eine Aufforderung Preußens an England, den Frieden Europas dadurch nicht zu stören, daß es einseitig von einem Vertrage abspringt, während seine zwei Mit-Alliierten fest zusammenhalten, von einem Vertrage, an dessen Existenz es selbst schuld ist und den es vorschlug und gegen Rußlands anfängliche Vorstellungen durchsetzte, eine solche Vorstellung Preußens in London, wie gesagt, könne vielleicht noch eine plötzliche Wendung erzielen. Wenn eine allgemeine Verwicklung entsteht, so ist daran nur der englische Egoismus und die österreichische bisherige Starrheit Schuld. Wie traurig.
St. Petersburg, 24. März/5. April 1828.
.... die Armee, die zwischen dem 20. und 25. April den Pruth überschreitet und die der Kaiser, bevor sie die Donau erreicht, einholen will. Jedenfalls will er beim Übergange über die Donau zugegen sein. Wo? hat er mir noch nicht gesagt und da ich nur eine Regel gemacht habe, den Kaiser nach nichts abzufragen, was er mir nicht mitteilen zu wollen zu beabsichtigen scheint, so habe ich darüber, wie überhaupt über den ganzen Operationsplan garnichts erfahren.
Mit welcher Ungeduld sehe ich Ihren Bestimmungen über mich entgegen. Hier kommt es mir unmöglich vor, daß ich an allem, was ich sich hier vorbereiten sehe seit drei Monaten, nicht Teil nehmen sollte und so denkt man es sich hier auch allgemein für unmöglich, daß ich nun nicht mitgehen werde. Der Kaiser erhielt soeben einen Courir aus Paris, der erneut die besten Nachrichten überbrachte und auch aus England die Nachricht, daß, wenngleich sich dasselbe nicht mit Rußlands Maßregeln in soweit einverstanden erkläre, um sich zur Teilnahme an denselben zu verstehen, so würde es jedoch Rußland nicht hindern und aufhalten in seinen Absichten auf die Türkei.... Welch’ ein Glück für die allgemeine Ruhe Europas, wenn England einsiehet, daß es durch sein falsches Benehmen den allgemeinen Krieg im Begriff war anzuzünden ...
Den heute hier erschienenen Friedensschluß in Persien lege ich hier bei[32]... wären wir doch erst soweit mit der Türkei.
Die abgebrochene Contre-Revolution in Portugal ist eine merkwürdige Sache[33]. England wird da auch etwas ins Gedränge kommen.
St. Petersburg, 28. März/9. April 1828.
Aus England sind die letzten Eröffnungen auch günstiger, indem es wenigstens erklärt, sich nicht Rußlands Maßregeln opponieren zu wollen. Von Österreich fehlt noch immer die seit zwei Monaten erwartete Antwort... mit Frankreich ist der Kaiser außerordentlich zufrieden. Dagegen können die portugiesischen Geschichten wohl nur sehr unangenehm erscheinen. Hätte Don Miguel nur nicht schon in Wien die unglückselige Constitution beschworen, so wäre Alles gut. Aber so ist sein Benehmen unverzeihlich...
Gestern sind Nachrichten aus Bukarest angekommen, die von dem Einrücken eines 6000 Mann starken türkischen Corps in Serbien, von Bosnien kommend, Meldung machen. Es sollen große Grausamkeiten vorgefallen sein und den Serben annonciert worden, daß eine größere militärische Occupation folgen werde und alle Waffen abgeliefert werden sollten. Auch sind türkische Truppen in dem kleinen Freistaat Montenegro eingerückt. Der Kaiser ist über die Serbische Occupation sehr entrüstet, weil dieselbe ganz gegen die Tractate ist und ihm daher nur gerechte Waffen gibt, die Pforte nicht länger zu schonen[34]. Aber es ist wirklich wahr, Alles vereinigt sich, des Kaisers Politik höher und gerechter mit jedem Tag zu stellen. Das ist der Preis und der Lohn für Offenheit, Gewandtheit und Festigkeit in der Politik, die dem Kaiser nie genug zu danken sein wird.
St. Petersburg, den 3./15. April 1828.
.... Der Kaiser hat gestern Depeschen aus London und Berlin erhalten. Die ersteren annoncieren ihm officiell, was er schon wußte, daß England ihn in nichts hindern will, aber ihn aus dem Vertrag getreten betrachtet...
Die verbreitete Nachricht des von der Pforte den Griechen angebotenen Waffenstillstandes, um darauf Negotiationen anzuknüpfen, freut den Kaiser sehr, wenn es eine gegründete Nachricht ist, indem wegen der griechischen Angelegenheit er seine Instruktionen gegeben hat an Lieven und mit denen dieserhalb von England vorgeschlagenen Maßregeln teilweis einverstanden ist. Doch dies Alles hält ihn keinen Augenblick auf, seine eigenen Griefs gegen die Pforte mit gewaffneter Hand zu verfolgen. Den 25. April/7. Mai soll die Armee den Pruth überschreiten; am selben Tage will der Kaiser von hier abgehen...
Die Kaiserin-Mutter hat mit Einemmale ihrer Tochter die Reise hierher abgeschrieben[35], um, da sie nur bis zum August bleiben wollte, ihr diese beschwerlichen Reisen nicht so rasch auf einander machen zu lassen, da die Großfürstin noch Carlsbad brauchen soll später. Ich sehe mit desto größerer Ungeduld Ihrer Antwort entgegen. Der Mensch denkt, Gott lenkt, muß ich immer wieder sagen.
St. Petersburg, 5./17. April 1828.
.... Ansicht über Preußen, die Sie zur Grundlage der Antwort an den Kaiser legen wollen[36]; nämlich die, daß eine Erklärung Preußens an die übrigen großen Mächte Europas, daß es mit der russischen Politik einverstanden sei und die Rechtmäßigkeit seiner Maßregeln vollkommen anerkennt, von dem größten Einfluß auf die übrigen Kabinette in diesem Augenblicke sein wird. Die aus dieser offiziellen Erklärung entspringende Folge ist eine Eröffnung gegen Rußland, daß es unter solchen Umständen auf Preußen in sofern zählen könne, als es etwa in der Verfolgung seiner als rechtmäßig anerkannten Maßregeln von irgend einer Macht gestützt werden sollte. Dies ist der Wunsch des Kaisers; mehr verlangt er nicht... Wenn auf diese Art also Rußland, Frankreich und Preußen einverstanden sind, so dürfte sich so leicht wohl keine Separat-Alliance in Europa bilden, der nicht diese drei Mächte widerstehen würden. Aber gerade durch dieses Zusammenhalten im Prinzip der drei genannten Mächte würde es auch andern gar nicht einfallen, ein Separat-Bündnis zu schließen. Preußens Stellung kommt mir dabei vor wie ein drohender Hund, der nur erst noch warnt.
Heute noch sagte mir der Kaiser beim Abmarsch der Gardejäger-Reserve und der magnifiquen Fuß-Artillerie: je vous jure devant dieu, que je n’aimerais pas mieux que de tenir la même language envers l’Autriche; mais ils ne font rien pour gagner ma confiance. Voilà deux mois que j’attends une réponse de l’empereur d’Autriche sur une lettre que je lui ai écrit deux jours après qu’il me l’avait demandé...
Schon vor längerer Zeit sagte mir der Kaiser, daß, wenn England wirklich ganz abgesprungen wäre, Frankreich aber fest an Rußland gehalten hätte, wodurch es sich dem benachbarten England leicht hätte exponieren können, so würde er mit Frankreich dieselbe Übereinkunft geschlossen haben, welche der selige Kaiser zur Zeit des französischen Einfalls in Spanien mit Frankreich schloß, nämlich es gegen Englands etwaiges Vorhaben zu schützen, zu welchem Ende der Großfürst Konstantin mit seiner Armee zur Disposition Frankreichs gestellt werden würde. Ehe ein Gebrauch dieses zur Disposition-Stellen gemacht worden wäre, dürften freilich noch manche andere Verhältnisse zur Sprache gekommen sein, jedenfalls zeigt es aber, wie sehr der Kaiser diejenigen Staaten achtet und seiner Unterstützung wert hält, die gleich ihm eine feste, offene, gerade, bestimmte und Treue haltende Politik gehen...
Oft ist mir bei uns schon ein Grauen angekommen, wenn die Armee einmal mobil gemacht werden sollte, wegen des Mangels an jeder Vorschrift über diese Mobilmachung. Vor 6 Jahren ist jedem Armee-Corps aufgegeben worden, einen Mobilmachungs-Plan auszuarbeiten; das ist geschehen und man hat natürlich vermutet, daß die Einreichung dieser Arbeiten befohlen wurde, um nach diesen von jedem einzelnen Corps aufgestellten Ansichten eine allgemeine Bestimmung zu bearbeiten und als Vorschrift zu erlassen. Dies ist aber nicht geschehen. So ist also jedes Armee-Corps in diesem Moment zwar mit einer Arbeit versehen, nach der es isoliert handeln würde, wenn schnell eine Mobilmachung einträte; aber eben so viele Corps existieren, eben so viele Verfahrungs-Arten wird es auch geben und dies ist unmöglich für das Ganze. Ich habe diese Arbeit meines Armee-Corps gleich nach Übernahme des Commandos desselben durchstudiert und angefragt, ob die unendlich vielen zur Anfrage und Bestimmung angehaltenen Punkte nicht zur Erledigung eingereicht werden sollten, aber immer gehört, daß die Einreichung noch nicht befohlen wäre. Bei der Wichtigkeit dieses Gegenstandes habe ich mich jetzt, wo mir diese Verhältnisse hier so oft vor Augen treten, für verpflichtet gehalten, Ihrem gnädigen Ermessen diesen Gegenstand einmal in Erinnerung zu bringen...
Es ist heute ein österreichischer Courier angekommen, der aber wiederum nicht eine Zeile dem Kaiser überbracht hat, was ihn natürlich sehr ungehalten stimmt, wobei er jedoch stets seine Ruhe und Heiterkeit behält...
St. Petersburg, 11./23. April 1828.
Auf die Aufforderung in Ihrem Schreiben, den vorgeschlagenen Schritt noch zu tun, ohne den Marsch seiner Armee dadurch aufzuhalten, will der Kaiser jedoch nicht eingehen... Der Grund... sei, daß ja gerade die Propositionen, die er im December vorigen Jahres den Alliierten gemacht und auf die Sie jetzt wünschten, daß er mit einigen Modificationen zurückkäme, namentlich von England nicht angenommen seien, weil von einer Unterstützung mit gewaffneter Hand gegen die Pforte zur Annahme der Vorschläge die Rede gewesen sei. Jetzt, wo ihn individuelle Beleidigungen der Pforte zwingen, die Waffen zu ergreifen, habe er ja neuerdings allgemein erklärt, daß er trotzdem die Erreichung der Bestimmungen des Londoner Vertrages nicht aus den Augen verliere und daher beiden Angelegenheiten de front gehen würden. Hierin glaubt er, würden Sie ungefähr oder eigentlich dasjenige finden, was Sie vorschlügen. Daß nun England hierauf erklärt hat, daß es ihm sich nicht opponieren werde, aber auch nicht ihn mehr als in der Alliance seiend betrachte, dafür könne er nichts und ein erneuter Antrag dieser Art wäre ihm daher unmöglich zu machen... Dennoch versuchte ich aus Ihrem Briefe an mich dem Kaiser Ihren Antrag nochmals so darzustellen und annehmbar zu machen, daß Sie selbst recht wenig auf den glücklichen Ausfall dieses Schrittes bei der Pforte rechneten, aber Sie die Annahme hauptsächlich darum wünschten, um sein Recht nur noch heller erscheinen zu lassen, nachdem alle Versuche gemacht sind, friedlich zum Ziele zu gelangen; aber er gab mir wiederum dieselbe Antwort.
Der österreichische Courier... ist doch der Überbringer der langersehnten Antwort gewesen, was Graf Zichy jedoch einige Tage für sich behalten hat. Das Schreiben... enthält die längst bekannte Demarche Österreichs gegen die Pforte wegen des Waffenstillstandes und eine Menge Besorgnisse über die inneren Verhältnisse von Frankreich und der Halbinsel. Daß Graf Capo d’Istria den Waffenstillstand nicht angenommen hat, sondern die Instruktionen der drei ihn anerkannthabenden Mächte erwartet, die gewiß negativ sein werden, dürften Sie bereits wissen...
St. Petersburg, 14./26. April 1828.
Vorgestern erhielt der Kaiser aus London die Anzeige, daß das englische Kabinett die Proposition der österreichischen Intervention in der orientalischen Angelegenheit gänzlich von der Hand gewiesen habe, indem England niemals darauf eingehen könne, die völlige Freiheit Griechenlands als mit son (Englands) état physique unvereinbar anzuerkennen. Da dieser Vorschlag Österreichs, der ja bei der Pforte einseitig gemacht war, von den drei alliierten Mächten nicht gut geheißen worden ist, so gibt Graf Zichy diesem ganzen Vorschlage den Anstrich, als sei er von der Pforte gekommen und von seinem Hofe nur als ein Vorschlag mitgeteilt worden... Wie leicht übrigens Österreich seine Vorschläge fahren läßt, beweist mir noch mehr die auch vorgestern eingegangene Depesche des Grafen Tatischtscheff, die dem Kaiser meldet, daß er eine offizielle Unterredung mit Graf Metternich gehabt habe, der ihm annoncierte, daß unter den jetzigen Verhältnissen auch Österreich sich bewogen fühle, seine Relationen mit der Pforte aufzugeben und sich in Gemeinschaft mit Preußen dem trilateralen Vertrage anschließen würde... Auf mein Befragen, was er, der Kaiser, für einer Meinung sei wegen dieses Vorschlages, erwiderte er, daß ein Artikel des trilateralen Vertrages festsetze, daß, wer sich demselben anschlösse oder anschließen wolle, nicht zurückgewiesen werden würde... Daß Österreich anfing schwankend zu werden, zeigte sich wohl seit drei Monaten und namentlich seit der gewissen freimütigen Eröffnung von hier aus, die wohl mehr aus dem Leben gegriffen war und mehr Eindruck auf’s österreichische Cabinett gemacht hat, als es dasselbe eingestehen will... Nach dem jetzigen Benehmen und Vorschlägen Österreichs scheint es mir, als wäre eine dergleichen fortgesetzte Einwirkung auf dasselbe und namentlich so, wie sie der Kaiser im Februar von Ihnen wünschte, doch wohl auch zum Ziele führend gewesen und ich sage es mit einigem Stolze, Preußen hätte alsdann den Ruhm gehabt, die Einheit herbeizuführen, die es so sehr wünschte, während es jetzt umgekehrt geschieht und zwar von einer Macht, die sich das enorme Dementi gibt, seine stets vorgeschützten Prinzipien zu verleugnen oder aufzugeben, um das Ziel zu erreichen, was ihr früher ganz fremd sein wollte... Was England zu all dem sagen wird, ist am merkwürdigsten zu erwarten. Gott gebe, daß die Einheit endlich zu Stande kommt. Ob es die Furcht vor dieser wahrscheinlichen Einheit Europas ist oder die Concentrierung der russischen Armee, um die Grenze zu überschreiten, welche die Türken bewogen haben, den Großherrn zu zwingen, in Allem den Forderungen der Alliierten nachzugeben, ist jetzt noch nicht zu entscheiden, weil alle Details fehlen... Der Beweis würde wenigstens in dem Benehmen der Türken liegen, daß die Einheit nicht durch Österreich bisher gestört worden wäre und das Ernstmachen der Kriegsdrohung nicht beständig seit Jahren gegen Rußlands Forderungen und Vorschläge zurückgewiesen worden wäre, wir schon seit sehr langer Zeit zu dem Resultate gelangt sein würden, was sich jetzt ergeben zu wollen scheint.
St. Petersburg, 24. April/6. Mai 1828.
Durch die erste Ihrer Entscheidungen sehe ich mich nun endlich nach einer langen Reihe von Jahren, die voller Bewegung und Unruhe für mein Inneres waren, der Aufklärung und Feststellung meiner Zukunft mit der Gewißheit entgegen, die wenigstens für jetzt dem Teil gewahrt ist, der die Wahl getroffen hat. Die vorläufige Bestimmtheit hängt nun freilich noch von der Annahme der Wahl ab. Wie tief mich der Gedanke angriff, so weit nunmehr über meine Zukunft aufgeklärt zu sein, braucht keiner Worte. Aber die Worte des Dankes gegen Sie, teuerster Vater, kann ich nicht unterdrücken, daß Sie durch Ihren Ausspruch meinem Leben eine bestimmte Richtung gegeben haben. Wie in jeder Ihrer Bestimmungen, die auf mein ganzes Lebensverhältnis Einfluß haben, erkenne ich und erkläre ich auch hier wiederum nur Gottes Führung. Die getroffene Wahl war gewiß Sein Wille. Und so gehe ich getrost einem Zeitpunkt entgegen, der über mein ganzes ferneres Leben entscheidet, wenn die Wahl aufgenommen wird, da es einen Gegenstand betrifft, dem ich längst meine ganze Achtung gewidmet hatte, und an dessen Erwählung nur der Umstand hinderlich war, daß ich nicht leichtsinnig ein so zartes Verhältnis sich gestalten sehen wollte als es sein wird, in welchem nunmehr zwei Schwestern zu einander zu stehen kommen sollen... Was Ihre zweite Entscheidung betrifft, die mir das Beiwohnen der Campagne abschlägt, so können Sie leicht denken, daß ich von der Gewißheit, dieses so innig gewünschte Projekt aufgeben zu müssen, wie vernichtet war... Sie haben diesen Wunsch aus einem Gesichtspunkte abgeschlagen, gegen den ich, unter der Gefahr mich persönlich zu hoch oder zu niedrig anzuschlagen nichts einwenden kann... Hier, kann ich nicht verhehlen, hat Ihre abschlägige Antwort den Eindruck gemacht, als sei sie ein Beweis, daß Preußen doch wohl nicht so Rußlands Partei diesen Moment halte, als man es hoffte und glaubte... Für meine Persönlichkeit ist es mir sehr wert gewesen, daß hier die Freude über die Hoffnung, mich bei der Armee zu sehen, ebenso groß war als jetzt die Trauer, daß es nicht sein kann. Es mag dies etwas egoistisch und eitel lauten und nur auf diese Gefahr durfte ich es aussprechen.
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Der obige Brief ist die Antwort des Prinzen auf ein Schreiben seines königlichen Vaters aus Potsdam vom 20. April 1828:
Die Hauptgegenstände Deiner Briefe, auf die es ankommt, lassen sich auf drei Hauptpunkte reducieren: 1. Deine Verbindungsangelegenheiten, 2. die politischen Angelegenheiten, 3. die Campagne-Projekte betreffend.
Was den ersten Punkt betrifft, so habe ich mich darüber oft genug ausgesprochen, um alles Gesagte nicht von Neuem wiederholen zu müssen. Nach meinem Dafürhalten ist also jetzt leider nur auf Prinzessin Augusta Rücksicht zu nehmen. Gern überschickte ich Dir der Prinzessin Cäcilie wegen ein schriftliches Gutachten Hufelands, allein er ist schleunigst nach Ludwigslust berufen worden, da Alexandrine uns große Besorgnis gegeben. Ich hätte sehr gern gesehen, wenn Du womöglich die Ankunft der Großfürstin in Petersburg abzuwarten im Stande gewesen wärest... Den zweiten Punkt betreffend, muß ich mit Leidwesen bemerken, daß von Neuem Mißverständnisse über das, was hier beschlossen worden, entstanden sind, die ich zu berichtigen für höchst notwendig halte und deshalb beiliegendes P. M. habe anfertigen lassen. Die Nachrichten, die man über die Absichten Österreichs in Petersburg hat, stimmen nicht im geringsten mit den unsrigen, denn unter anderem ist die Armee noch nicht einmal auf den Friedensfuß complett und statt 11000 Pferde, die verlangt worden sind, um die Kavallerie-Regimenter zu complettieren, hat der Kaiser nur 3000 bewilligt. Die Nachricht der 200000 Mann, die man ausgehoben haben soll, ist also nur ein leeres Gerücht gewesen, denn wie gesagt: noch ist vom Kaiser kein Beschluß gefaßt, die Truppen auf den completten Friedensfuß zu setzen. Erst gestern erhielt ich von Wien aus diese Auskünfte. Es muß also durchaus Leute geben, die, um sich wichtig zu machen, dergleichen Gerüchte verbreiten, vielleicht weil sie glauben, sich dadurch angenehm zu machen... Nach allen Nachrichten scheint auch der türkische Einfall in Serbien wenigstens sehr übertrieben dargestellt, wo nicht gar durch die Zeitungen schon widerrufen zu sein.
Nun kommt der dritte und letzte Punkt. Sehr freundschaftlich und gütig war es vom Kaiser, Dir den Vorschlag gemacht zu haben, den türkischen Feldzug mit ihm zu machen. Daß ich es Dir jedoch nicht bewilligen kann, liegt klar zu Tage; die Gründe dazu wirst Du nach einiger Überlegung selbst zu finden im Stande sein. Wenn das Vaterland in Gefahr kommt, dann ist es Zeit, daß die Prinzen vom Hause mit leuchtendem Beispiel vorangehen, bis dahin aber liegen ihnen andere Pflichten ob. Erfahrung läßt sich allerdings in einem solchen Feldzuge sammeln und sein Leben auf’s Spiel zu setzen, finden sich auch wohl Gelegenheiten. Beides steht aber nicht im Gleichgewicht, da die dort zu sammelnde Erfahrung gegen jede andere Kriegsmacht wenig Anwendung finden dürfte; ich wäre also vor Gott verantwortlich, wenn ich zugäbe, daß Du in einer ganz fremden Angelegenheit Dein Leben aufs Spiel setzt.
Demnach also halte ich für passend, daß Du des Kaisers und Charlottens Abreise noch in Petersburg abwartest, dann aber Dich unverzüglich hierher zurückbegiebst. Ich weiß wohl, daß Dir das nicht gefallen wird, allein ich kann und darf nicht anders handeln, als es meine Pflicht ist...
Die Brautwerbung.
Auf die in Petersburg verbrachten vier Monate folgte im August 1828 ein kurzer Aufenthalt in dem Ostseebad Doberan; Varnhagen v. Ense weiß zu berichten, daß man unterdessen aus Petersburg unter der Hand bei der Prinzessin Marie anfragte, wie sie sich zu einer Heirat ihrer jüngeren Schwester mit dem älteren Bruder ihres Gatten stellen würde; man erhielt am russischen Hofe darüber wohl eine beruhigende Antwort; so sehr aber die Heirat des Prinzen Wilhelm nun auch entschieden war, „so hielt man dies doch noch ganz geheim“, ja im Juni schien sie dem klatschsüchtigen, aber trefflich unterrichteten Beobachter „noch keineswegs in Richtigkeit; man tut auf der russisch-weimarischen Seite sehr kostbar und der Prinz ist eben auch nicht sehr eifrig“. Dieser traf am 11. September in Wien ein, um dort den Manövern beizuwohnen; militärische Interessen und die Schilderung höfisch-gesellschaftlicher Interessen stehen in den Briefen der nächsten Wochen im Mittelpunkt; am 11. November reiste er wieder ab, um, ohne Berlin zu berühren, über Prag und Teplitz nach Weimar zu gehen. Denn von dort war nun der auch für seine Zukunft entscheidende Schritt erfolgt: man erwartete ihn als Brautwerber.
Schon 1823 hatte von Augusta v. Weimar Goethe in Marienbad geäußert, daß sie „ein ganz liebenswürdiges und originelles Geschöpf sei, das schon jetzt ganz seine eigentümlichen Gedanken und Einfälle habe“, und als sie verlobt war, rühmte er „ihren hellen Verstand, ihre hohe Bildung, ihr reiches Wissen: sie hat etwas gelernt, sie kann schon mitsprechen in der Welt“. Dieses Urteil des geistigen Hofes von Weimar wird durch eine Äußerung Wilhelm v. Humboldts bestätigt und ergänzt, der 1827 an den preußischen Minister v. Stein schrieb: „Prinzessin Augusta soll schon in früher, kaum der Kindheit entgangener Jugend einen festen und selbständigen Charakter haben. Ihr lebendiger und durchdringender Geist spricht aus ihrem Blick; ihre Züge sind im höchsten Grade bedeutungsvoll und ihre ganze Gestalt wird sich — wenn sie nicht ein wenig zu stark ist —, in einigen Jahren gewiß noch schöner als sie jetzt schon erscheint, entwickeln.“
Wien, den 26. September 1828.
Mit etwas ruhigerem Herzen kann ich Ihnen heute Mitteilung über die mich am wichtigsten und meisten interessierende Angelegenheit machen[37]. Ich erhielt nämlich gestern einen Brief vom Großherzog von Weimar, der mir sehr herzlich und freundschaftlich auf den meinigen antwortet. Und wenn freilich die Hauptperson noch nicht geredet hat, so bin ich doch schon zufrieden, daß der Vater sich beistimmend ausspricht, indem er schreibt: „Eben so offen wie Sie verehrtester Prinz, mit mir reden, gestehe ich Ihnen, daß ich nicht Nein sagen werde, wenn meine Tochter das Ja, bezüglich auf Sie ausspricht, welches Sie, gnädigster Herr, nicht ungern hören werden. Augusta sah Ew. Kgl. Hoheit freilich nur als erstere gleichsam noch ein Kind war; jetzt muß meine Tochter Sie, verehrtester Prinz, mit anderen Augen betrachten; es ist daher ratsam, daß man sich wiedersehe und spreche. Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, daß Sie, lieber gnädiger Herr, uns in jeder Hinsicht sehr willkommen sein werden.“
Der Nachsatz enthält also auch zugleich die Weisung, was gewünscht wird und die stillschweigende Antwort auf meine Demarsche bei Prinzessin Augusta selbst. Leider ist es aber nicht mehr möglich, über Berlin bis zum 30. September in Weimar zu sein. Außerdem fehlt mir auch noch eine Antwort von der Groß-Fürstin, die ich wohl jedenfalls abwarten muß, ehe ich nach Weimar reise...
Weimar, den 14. Oktober 1828.
Meinem Reiseplan gemäß bin ich am 12. glücklich hier angelangt, aber nicht, wie ich hoffte, um Mittag, sondern erst Abends 7 Uhr, indem ich beim Passieren des Erzgebirges von einem so ungeheueren Gewitter mit rasendem Sturm und Regengüssen überfallen ward, daß, wenngleich ich die Reise ununterbrochen fortsetzte, doch nur fast im Schritt fahren konnte, da die Nacht über alle Maßen dunkel war. So machte ich die 22 Meilen von Teplitz[38] bis Leipzig in 22 Stunden und mußte, um noch zur Soiree wenigstens hier zu sein, ohne zu dinieren bis hier fahren. Ich gestehe es, ich kam etwas matt an und die Erwartung eines solchen Wiedersehens, das meiner hier wartete, war auch nicht gemacht, meine Kräfte zu stählen. Karl[39] war mir bis Eckartsberga[40] entgegengekommen und fachte meine matten Lebensgeister wenigstens durch gute Aussichten hier auf. Ich machte in Eckartsberga halbe und hier ganze Toilette und erschien dann bei der verwitweten Großherzogin[41], wo, wie alle Sonntage, große Soiree war. Die Herrschaften empfingen mich sehr gnädig und zuvorkommend. Marie hatte aber glücklicher Weise sich mit ihrer Schwester und einer Gräfin Gourief in dem letzten Salon etabliert, sodaß ich dort also ohne viele Zeugen das erste Wiedersehen hatte. Daß dasselbe zwar mit starkem Herzklopfen, sonst aber mit allen den Formen geschah, als sei nichts im Werke, versteht sich. Prinzessin Augusta, die ich embelliert finde, empfing mich mit großer Herzlichkeit, wie ich es immer an ihr gewohnt war. Sie jetzt noch mit ganz anderen Augen betrachtend als früher, kann ich mir nur stets Glück wünschen, daß die Wahl auf sie fiel. Ihr Verstand, Geist, ihre Herzlichkeit und Herzensgüte spricht sich bei jeder Gelegenheit aus. Und ich möchte der Bemerkung gern Raum geben, als dürfte ich mir Hoffnung machen, mit glücklichem Erfolge einst hier abzugehen. Freilich konnte bis jetzt zwischen uns noch nicht viel verhandelt werden, was uns sehr viel näher in der zu erzielenden Beziehung gebracht hätte, denn dazu ist uns noch nicht Marge gegeben worden, aber Anspielungen konnte ich doch fallen lassen, die freilich nur mit starkem Erröten und embarassiertem Ausweichen beantwortet wurden.
Ich wünsche jetzt nur, bald klar über meine Zukunft zu sehen. Die Großfürstin sagte darauf, daß sie ihrer Tochter ganz freien Willen in ihrem Entschluß ließe; ihr einstiges Verhältnis zu Marie sei so delicat, daß sie nur eine wirkliche Neigung dasselbe überschreiten machen könne. Daher müsse eine genaue Bekanntschaft vorausgehen und Sie würden mir gewiß alle Zeit bewilligen hier zu bleiben, um dieselbe machen zu können. Ich bemerkte darauf, daß, was mich beträfe, eine nähere Bekanntschaft zu machen wohl nicht nötig sei, da ich mit Bedacht und Überzeugung, glücklich zu werden, die Hand der Princeß gefordert habe; doch, da mir vor allem daran liegen müsse, daß die Prinzessin mich aus ebenfalls eigener Überzeugung wähle, so würde ich abwarten, bis ich Ihren Beschluß darüber vernehmen würde. Da bis gestern mir jedoch auf keinerlei Weise Gelegenheit geboten ward, die Prinzessin zu sprechen anders als in großem Cerkel, so ließ ich darüber mein Bedauern durch Karl und Marie aussprechen, was denn zur Folge gehabt, daß ich jetzt eine Entrevue haben soll... Ich hoffe zu Gott, daß ich nach diesem Gespräch etwas klarer über die Ansichten der Prinzessin Augusta werde urteilen können als bisher, wo alles nur auf Mutmaßungen und Beobachtungen basiert ist.
Die Morgende verstreichen hier stets mit Jagden, von denen ich vergeblich bisher wegen einer Entrevue zurückbleiben zu dürfen bat.
Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn
Wilhelm.
Weimar, den 20. Oktober 1828.
Von hier und meinen hiesigen Verhältnissen kann ich Ihnen die besten Nachrichten geben, wenngleich ich noch nichts officielles mitteilen kann, indem von oben herab man noch schweigt. Aber in den unteren Haupt-Regionen ist es nicht mehr so stumm geblieben und dies ist allerdings die Hauptsache. Da ich nach einigen Tagen Aufenthalt hier bemerkte und nach den Äußerungen der Großfürstin es vielleicht mit Bestimmtheit ersah, daß sie wünschte, die Sache wenigstens nicht zu übereilen, wenn nicht auf die lange Bank zu schieben, dem ich mich ruhig unterworfen haben würde, wenn ich bemerkt hätte, daß Prinzessin Augusta mit dieser Hinausschiebung aus Unentschlossenheit einverstanden war, ich dies Letztere von der Prinzessin keineswegs gewahr ward, sondern mir aus hingeworfenen und sehr gut aufgenommenen und wohl verstandenen Worten die Überzeugung wurde, daß ich Alles zu hoffen hätte, so beschloß ich meinen Angriff direkt zu machen. So kam es denn, daß ich am 16. Abends nach dem Souper allein im Salon stand mit ihr, ihren zerbrochenen Eventail[42] in der Hand haltend; sie verlangte denselben zurück und indem ich ihr denselben hinhielt, legte ich meine Hand in die ihrige, sie fragend: wollen Sie diese behalten? Sie verlor fast alle Contenance vor Rührung, reichte mir aber gleich darauf die Hand hin und dieser Händedruck und ihr Blick sprachen Alles aus, was ihr Mund nicht auszusprechen vermögend war. Sie können denken, wie glücklich ich war und daß die Nacht ziemlich schlaflos dahinstrich. Den ganzen anderen Tag ließ ich ruhig vorübergehen, um die Prinzessin nicht in Verlegenheit zu setzen und nur einzelne Anspielungen erlaubte ich mir. Den 16. erfuhr ich dann von ihr, daß sie der Großfürstin von jener Scene gesprochen habe. Natürlich wollte ich nun gern auch mit dieser sprechen, aber doch abwarten, ob sie nicht zuerst mir ihrer Tochter Antwort sagen würde, die sie mir mitzuteilen gleich in der ersten Unterredung versprach, als ich ihr sagte, daß ich dieselbe ruhig erwarten würde. Da dies aber gestern, am 19., nicht geschah, so erfragte ich durch Prinzessin Augusta, ob ich heute kommen könnte und soeben brachte mir Mary die Antwort, daß ich morgen früh erst zur Groß-Fürstin kommen solle und ließ sie dabei fallen, als wünsche man die Entscheidung bis zum 26.[43], dem Geburtstag der Kaiserin-Mutter, hinauszuschieben. Das würde mich nun gar nicht arrangieren, weil ich, wie Sie sehen, mit der Prinzessin so ziemlich im Klaren bin, diese 8 Tage also noch als eine Comödie verstreichen müssen.
Nach dem Vorgefallenen sehen Sie, daß ich das Ja-Wort der Prinzeß eigentlich bereits habe. Ich glaube mit Zuversicht Ihnen sagen zu können, teuerster Vater, daß ich Ihnen eine Tochter zuführe, mit der Sie zufrieden sein, die Ihnen ihre ganze Liebe schenken wird und der Sie gewiß die Ihrige dann nicht versagen werden. Es ist nicht gut, zu viel Gutes im Voraus weder über innere noch äußere Vorzüge zu sagen; mein Urteil über die letzteren kennen Sie bereits und ich glaube aussprechen zu können, daß die inneren die äußeren übertreffen. Sie werden sich leicht denken können, in welcher Stimmung ich mich befinde, in diesen entscheidenden Tagen, in denen ich mein bisher so bewegtes Leben sich einem sicheren, frohen Ziele sich nähern sehe. Gott schenke mir in Gnaden die Erfüllung der Absichten, zu denen ich mich jetzt berechtigt sehe.
Weimar, den 25. Oktober 1828.
Kaum weiß ich die Feder zu führen, um Ihnen endlich zu melden, daß der geheimnisvolle Schleier von dem Verhältnis aufgezogen ist, welches sich seiner Entscheidung näherte oder eigentlich im Factum schon entschieden war.
Heute, à la veille des Geburtstages der Kaiserin-Mutter, war dazu ausersehen, um im Familienkreise mir das Ja-Wort der Prinzessin Augusta förmlich zu geben! Die Familie war dazu um 11 Uhr bei der Großfürstin versammelt; die Großfürstin empfing mich im Neben-Zimmer, wohin mich der Großherzog geleitet hatte und umarmten mich beide dort zum Erstenmale als zu ihnen gehörig; sie führten mich nun zu den Übrigen, legten unsere Hände in einander, worauf ich Augusten in die Arme sank, freilich, ohne ein Wort sprechen zu können!!! Die Großherzogin umarmte mich mit einer Herzlichkeit und Innigkeit und solcher Rührung, daß ich fast alle Fassung verlor; so waren denn auch Mary und Carl von einer Herzlichkeit und von einem so tiefen Gefühl, daß ich nie, niemals diese Scene schon wegen Aller Teilnahme vergessen werde, wenn nicht sie es wäre, welche mein Lebensglück mir sichert! Ja! dies kann ich mit aller Überzeugung aussprechen, denn ich habe Augusten in diesen Tagen so ganz kennen gelernt und gesehen, daß ich mich nicht einen Moment in ihr getäuscht habe und sie von jeher richtig beurteilte. Ich preise Gott, der mir in seiner Gnade dies Glück nach so manchem Sturm zu Teil werden läßt und kann nur zu ihm flehen, daß er mich würdig erhalte, dies Glück zu genießen und der Prinzeß das Glück zu bereiten, was mein einziges Streben von nun an sein wird!
Ihr Segen und der der teueren, unvergeßlichen Mutter wird mir nahe sein, jetzt und immerdar, wenn ich mich dessen würdig zeige! Dazu gebe Gott mir die Kraft!
Seit meinem letzten Briefe an Sie hatte ich die Unterredungen mit den zwei Eltern und der Großmutter. Ich kann nicht genug rühmen und loben, wie sehr sämtliche Herrschaften mich mit Gnade und Barmherzigkeit empfingen bei diesem entscheidenden Schritte. Da die Großfürstin sehr wünschte, den heutigen Tag abzuwarten, so konnte ich nach einigem Sträuben doch nichts dagegen einwenden, und ich gab nach.
Wie unendlich gut und liebevoll Augusta in diesen Tagen für mich war und wie ich nun heute seit dem entscheidenden Moment so ganz ihre Liebe zu mir erkannt habe, vermag ich nicht zu schildern. Ich verstehe mich manchmal selbst nicht, denn so wenig bin ich gewohnt, ein Glück festzuhalten und zu besitzen. Die ersten Worte, die mir Augusta heute sagte, zeigten mir eine Tiefe des Gefühls, die sie mir über Alles teuer macht; sie sagte: Möchte ich Ihnen doch jemals die ersetzen können, die ich ersetzen soll! Zweimal wiederholte sie diese Worte! Mehr vermag ich nicht zu sagen!
Sie werden mir wohl erlauben, nun noch 8 bis 10 Tage hier zu bleiben; den Oberst von Lützow sende ich aber nach Berlin mit dieser Freuden-Post, zugleich, weil er meine Geschäfte endlich übernehmen muß. Sie erlauben doch gewiß auch an Karl und Mary nun noch einige Tage über Urlaub zu bleiben, da der erteilte vierwöchentliche Urlaub das heutige schöne Ereignis nicht voraussah.
Die Briefe für Petersburg hat der Oberst Lützow und Sie haben wohl die Gnade, wie bei Karls Versprechung einen Feldjäger mit denselben an die Kaiserin-Mutter zu senden[44]. Den Brief für den Großfürsten Konstantin werde ich morgen nachsenden. Die Großfürstin wünscht, daß bis zur Antwort von der Kaiserin-Mutter Alles noch in Nebel gehüllt bleibe; ich soll es Ihnen ausdrücklich als ihren Wunsch mitteilen. Die Antwort aus Warna[45] wird aber wohl nicht abzuwarten nötig sein. Gott sei Dank, daß Warna über ist. Das war eine Freude und ein Jubel gestern, als ich beim Diner die Estafette mit dieser Nachricht erhielt. Also heute lauter Freude und Frohsinn.
Ich umarme Sie in Gedanken, teuerster Vater, und bitte, der Fürstin mich mit meinem Glück zu Füßen zu legen. Sie wird die Namens-Schwester gewiß freundlich empfangen. Ihren Segen anflehend
Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn
Wilhelm.
Weimar, den 31. Oktober 1828.
.... Vor allem war Augusta so gerührt, über Ihre gnädigen Ausdrücke und Bestellungen[46], daß sie kaum die Bestellung dafür an Sie mir auftragen konnte, die jedoch dahin zuletzt lautete: daß sie eigentlich keine Worte in solchem Augenblicke für Sie finden könne, daß sie zu gerührt und beschämt über Ihre Gnade sei und sich so glücklich fühle, Ihnen von nun an näher anzugehören und daß sie nur wünsche, auch in der Folge Ihre Gnade und Liebe zu verdienen. Daß sie sich derselben würdig zeigen wird, kann ich täglich mit mehr Überlegung aussprechen, denn täglich gewinnt Augusta mehr in meinen Augen, in meiner Liebe und Achtung. Doch ich mag ihr Lob nicht zu hoch im Voraus spannen, um sie nicht in der Wirklichkeit hinter demselben zurückbleiben zu sehen...
Wie haben wir uns gefreut über die Rückkehr Nicolaus’ nach Petersburg; welche enorme Freude wird es gewesen sein. Gott sei gepriesen, daß die Campagne doch noch so endigte; denn die letzten Momente waren gar sehr beängstigend. Hoffentlich wird le grand Turc nun im Winter traitable werden.
Weimar, 11. November 1828.
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie auffallend es mir oft ist, in welchem Grade unsere Ansichten über fast alle Lebens-Verhältnisse und überhaupt über alle Gegenstände, die wir besprechen, zusammentreffen und übereinstimmen und wie dennoch Augusta Alles von demselben Gesichtspunkte aus ansieht wie ich. Wie sehr dadurch unser gegenseitiges Vertrauen wächst, läßt sich ermessen und wie froh wir zusammen einer glücklichen Zukunft entgegen sehen. Oft sagt man: die verschiedensten Charaktere geben die besten Ehen; ich denke aber, wir wollen beweisen, daß auch übereinstimmende es recht gut zusammen haben können.
Vorgestern hat die Großfürstin die Unterredung mit mir auf den Zeitpunkt der Vermählung gebracht und gleich damit angefangen zu sagen: nous en sommes pas du tout empressés de marier notre fille. Ich erwiderte, daß in dem Grade, wie man es hier vielleicht nicht sei, man es gerade bei uns im Gegenteil sei; doch ich müßte bitten, zu sagen, was für einen Termin man sich hier denke. Gegen Ende des Sommers, Anfang August, war die Antwort. Ich erwiderte, daß Ihre Ansichten und meine Wünsche darin nicht sehr abwichen, indem wir den Monat Mai wünschten, es also vielleicht nur auf einen Unterschied von zwei Monaten ankäme; doch müßte dieser Unterschied nach unseren Ansichten ausgeglichen werden, indem der Sommer und namentlich der August eine Periode sei, wo ein Beilager in Berlin gar nicht mit dem nötigen Glanze, der doch zu solchen Dingen gehöre und den ich durchaus wünschen müßte, begangen werden könne. Darauf meinte die Großfürstin: dann könnte man ja die Vermählung hier begehen. Dagegen opponierte ich auf das allerbestimmteste, ausführend, daß dies bei keinem Ihrer Söhne der Fall gewesen sei, daß alle meine Verhältnisse und Interessen zu innig mit der Idee, meine Vermählung in Berlin begangen zu sehen, vereint seien, daß ich nie davon abgehen würde. Die Großfürstin sagte darauf, daß, wenn man ihr alle Wünsche abschlüge, sie ihrerseits gewiß in dem des Termines nicht nachgeben werde, denn es sei ihre letzte Tochter und die wäre sie gar nicht expressiert zu verlieren, auch könnte das Trousseau nicht fertig werden, etc. Ich entgegnete, daß Sie gewiß nachgeben würden über den Punkt des Termines, wenn Ihnen Gründe vorgeführt würden, die haltbar seien; die bisher angeführten seien es in meinen Augen keineswegs und würden es auch in den Ihrigen nicht sein, um so mehr, da, wenn der Mai nicht bestimmt werde zur Vermählung, dieselbe bis zum November, December aufgeschoben bleibe, weil die Manöver bis zum Oktober dauerten, die Sie einen Teil des Septembers am Rhein beschäftigten, und dann auch Berlin bis zum December nicht so gefüllt sei, um den gehörigen Glanz den Festlichkeiten zu geben. Da meinte die Großfürstin, das sei um so besser, um so länger behalte sie ihre Tochter, worauf ich aber entgegnete: um so schlimmer, denn um so länger entbehrte ich ihre Tochter, und ich sei alt genug geworden, um keinen langen Aufschub mehr erdulden zu wollen, um so mehr, da auch Karl und Marie nur vom November bis Mai versprochen gewesen wären und Karl doch damals nur 25 Jahre alt war. Kurzum, Jeder blieb bei seiner Meinung und ich endigte damit, daß ich durch den intentionierten Aufschub auch noch die Unannehmlichkeit hätte, nicht einmal häufiger Besuche hier machen zu können, indem ich es mit meiner Pflicht nicht vereinbaren könnte, noch ein zweites Jahr so lange von meinem Wirkungskreise entfernt zu sein, wie in diesem Jahre, indem die Geschäfte nur zu sehr darunter litten, wenn man sie so lange anderen Händen anvertrauen müßte.
Ein ebenso streitiger Punkt war der des Termines der Verlobung. Die Großfürstin will ihn nach Neu-Jahr, weil da die halbe Trauer um ist und man auf einige Tage farbige Kleider und Diamanten usw. anziehen könnte, Conzerte geben ect. Ich versicherte, daß, da die Verlobung doch nur eine Ceremonie sei, ich nicht darauf halte, daß alle jene Dinge dabei sich zutrügen, ich aber durch den gewünschten Termin verhindert würde, früher wiederzukommen, indem ich gehofft hätte, nach Karls Beispiel, gleich nach den Petersburger Antworten verlobt zu werden, also etwa zu Weihnachten; denn daß ich noch einmal herkäme, ohne verlobt zu werden, würde ich natürlich und ganz gewiß nicht tun. Es hinge also nur davon ab, ob ich in 4 Wochen oder in 2 Monaten wiederkommen sollte. Ich werde nun noch mit dem Großherzoge vor meiner Abreise über Alles sprechen und mündlich die Resultate berichten...
Der Fürstin lege ich mich zu Füßen. Seien Sie versichert, daß wir gewiß Alle täglich Gott danken und preisen für das Glück und die Zufriedenheit, die Sie in Ihrem Besitz finden und wir mit Ihnen. Möge es Ihnen lange, lange erhalten werden.
Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn
Wilhelm.
Weimar, den 12. November 1828.
Ach! Sie können sich denken, in welchem Zustande wir hier sind. Nein, wie war es denkbar, daß diese teuere Kaiserin[47], die so noch in der Kraft und Fülle der Gesundheit dazustehen schien, so bald uns entrissen werden würde. Ich betrauere in ihr ein Herz, das mir während 11 Jahren mit mütterlicher, wahrhaft mütterlicher Liebe zugetan war und das sich gerade jetzt diesen Namen mit Recht erringen sollte. O wie rührend ist sie noch in ihren letzten Stunden mit meiner Augusta und mir beschäftigt gewesen. Ich kann es nicht verschmerzen, daß sie nicht mehr die Kunde erhielt, daß Alles am Ziel sei...
Weimar den 22. November 1828.
.... Sonst hat die Großfürstin sehr viel Fassung dies Mal gezeigt ... hauptsächlich sagt sie immer, daß ihr der Anblick meines Verhältnisses zu Augusta Ruhe und Frieden wiedergäbe. Sie ist gegen mich von unendlicher Liebe und Herzlichkeit, denn sie sieht mich wie ein Vermächtnis der Kaiserin an, die mich viel mehr kannte als sie bisher und ihr immer so gnädig und liebevoll von mir gesprochen hat...
Wie mir bangt, Sie nach Allem wiederzusehen und zu umarmen, können Sie sich denken. Auf 14 Tage nahm ich von Ihnen Abschied und nun bin ich im dritten Monat schon abwesend.
Wegen des Wiederkommens[48] wird gegenseitig die Zeit zu Weihnachten gewünscht, wo Sie mir vielleicht erlauben, auf 8–10 Tage herzugehen. Die Zeit der Verlobung ist hier noch unschlüssig, teils zum 30. Januar als dem Geburtstag der alten Großherzogin, teils zum 15. Februar als dem Geburtstag der Großfürstin gewünscht, weil dann auch die Hälfte der neuen Trauer um ist. Ich hätte nicht gewünscht, vor der Verlobung wieder herzukommen; doch bei der nun eingetretenen Verzögerung muß ich diesen Plan wohl aufgeben, um so mehr, weil die Verzögerung jetzt einen anzuerkennenden Grund hat, der früher, in meinen Augen, mangelte... Auch habe ich der Großfürstin gesagt, daß ich vermutete, daß nunmehr bei uns wenigstens kein Geheimnis mehr aus meiner Versprechung gemacht werden würde, da keine Antwort mehr, leider, abzuwarten sei.
Weimar, den 8. Januar 1829.
.... Es scheint ja am politischen Himmel ganz einig mit einem Male auszusehen, in Beziehung auf Griechenland, indem Rußland, Frankreich und England jenes Land als unabhängig gegen die Pforte erklärt haben sollen und daß jeder Schritt von Seiten der Türkei, durch gewaffnete Hand diese Unabhängigkeit anzutasten als ein Angriff auf die drei führenden Mächte betrachtet werden würde. Da dies ganz und gar die Ansicht ist, welche der Kaiser von Österreich und noch mehr Fürst Metternich mir aussprach und es auch wohl die Ihrige gewiß ist, so wäre also in dieser Beziehung eine völlige Einheit der Ansicht eingetreten, wenn nicht Österreich seit den zwei Monaten wieder umgesattelt hat[49].
Berlin, den 5. Februar 1829.
Gestern Abend habe ich die Einlage als Antwort der Großfürstin auf meinen Brief erhalten, in welchem ich ihr in Ihrem Auftrage von dem Zeit-Punkt meiner Vermählung sprach. Daß diese Antwort nicht gleich günstig ausfallen würde, konnte ich wohl vermuten. Daß sie aber so abgefaßt sein würde, wie Sie sehen werden, mußte ich weit entfernt sein zu erwarten, da sie in Ausdrücken und einem Tone geschrieben ist, die ich noch niemals gehört habe. Zum Glück habe ich eine Abschrift der gedachten Stelle meines Briefes behalten, welche ich hier beifüge, um Ihrem eignen Urteile es zu überlassen, ob eine solche Antwort zu erwarten war und jemals zu billigen ist.
.... ich bemerke, daß jene einzige Conversation, welche ich mit der Großfürstin über den Vermählungs-Termin hatte, gar nicht oberflächlich und unvollständig war, denn wir hatten eine Stunde conferiert, als wir unterbrochen wurden; aber Alles war de part et d’autre völlig durchgesprochen, wie ich es Ihnen damals schrieb.
Daß ich neulich nicht wieder von dem Gegenstande sprach, war bei der erneuten Trauer sehr begreiflich. Und jetzt, wo also ein Austausch der Ansichten eingeleitet wird, erhalte ich diese Antwort, die mir vorwirft, im vernichtenden Tone geschrieben zu haben und die Pretension aufstellt, daß Sie hätten selbst schreiben müssen...
Weimar, den 16. Februar 1829.
Schon in Wittenberg hatte ich eine Antwort der Großfürstin auf meinen Brief erhalten, die ich beilege, und also Frieden geschlossen war. Den fand ich also auch durch die Art meines Empfanges als etabliert bestätigt und so störte nichts die Freude des Wiedersehens.
Ich habe gestern meiner Prinzeß das Brautgeschenk, die Perlen, überreicht, die sehr gütig von Allen aufgenommen wurden. Heute übergab die Groß-Fürstin an Augusta ihr Braut-Geschenk, in einem Kamm und Collier von Rubis balais bestehend, ganz superbe.
Um Mitternacht. Die Verlobung ist vorüber und ich dadurch um einen bedeutenden und wichtigen Schritt näher dem so lang ersehnten Ziel. Gott wolle mir stets die Zukunft so heiter und zufrieden gestalten, als sie mir jetzt leuchtet und wie es die Gegenwart ist. Dies ist Alles sagen, was ich vermag, indem es ja alles sagt, was ich über Augustens Eigenschaften aussprechen kann. Die wichtigen Momente im Leben weiß sie gerade auf eine so schöne und hohe Art zu nehmen und mit mir zu besprechen, daß sie mir täglich edler und besser erscheint. Zu Gott flehe ich, daß er sie mir so erhalte und mich ihr würdig.
Ewig ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Weimar, den 1. März 1829.
Ihre Wünsche sowie die meinigen sind hinsichtlich des Termines und Ortes glücklich erreicht... ich habe mich mit der Großfürstin vor mehreren Tagen völlig über Alles ausgesprochen, Vergangenes und Zukünftiges; über das Vergangene sagt sie, sei Friede geschlossen durch die gegenseitig zuletzt gewechselten Briefe. Über die Zukunft, d. h. Termin und Ort der Vermählung[50], erklärte ich, daß ich Ihnen Alles übergeben hätte, seitdem Sie die Gnade gehabt hätten, auf jenen Brief der Großfürstin an mich zu antworten, ich also ganz nach Ihren Ansichten handeln würde und gleich Ihnen ruhig der Entscheidung entgegen sähe. Schon in dieser Unterredung merkte ich, daß sie entschlossen war, in Alles einzuwilligen, daß aber, wie sie damals sagte Mühe haben würde, den Großherzog zu disponieren.
Weimar, den 10. März 1829.
Gerade in diesem Jahre den heutigen[51] Tag entfernt von Ihnen und dem teueren Ort zu begehen, der uns in der Mittagstunde zusammenführt, können Sie leicht denken, ist mir eine unendlich schmerzliche Entbehrung. Denn wie viel umfassend müßte heute wohl ein Gebet sein, daß an jener Stelle nur um so inbrünstiger und bedeutungsvoller gewesen sein würde. Ich habe ihren Segen erfleht auf Alles, was in diesem Jahre mich so entscheidend treffen soll. Wäre sie noch unter uns, so hoffe ich, würde sie mit der getroffenen Wahl zufrieden gewesen sein und die neue Tochter geliebt haben. An dem heutigen bedeutungsvollen Tag muß ich Ihnen also Augusta von Neuem empfehlen und Ihnen allein, da keine Mutter sie bei uns empfängt, deren Segen aber immer unter uns bleiben wird und so sich auch auf Augusten ausbreiten wird...
Die Mitteilungen kürzlich über unsern Finanz-Zustand haben allgemeines Interesse erregt, da sie den Flor desselben ankündigen. Mir, als Militär, ist dabei natürlich die ersparte Summe von 600000 Tlr. beim Kriegs-Etat in die Augen gesprungen und wenn ich freilich vermuten muß, daß diese Ersparnis für andere militärische oder allgemeine Staats-Haushalts-Angelegenheiten verwandt worden ist, so hat sich bei mir der Wunsch aufgedrängt, ob nicht ein Teil dieser Summe zum Etat des Kriegsministers gebracht werden könnte und zwar, um dafür unsere Cavallerie-Regimenter zu verstärken. Diese Argumentation scheint mir dasjenige zu sein, was Ihre Armee am notwendigsten bedarf, sobald die Finanzen es erlauben. Da Sie selbst vor Kurzem die Ansicht aussprachen und ich durch die Anschauung der starken russischen und österreichischen Cavallerie-Regimenter erneut auf die Wichtigkeit der Argumentation der unsrigen aufmerksam ward, so habe ich mich mit diesem Gegenstande beschäftigt... bei der Wichtigkeit des Gegenstandes und der vielleicht disponiblen Fonds unterstehe ich mich, hierauf aufmerksam zu machen, hoffend, daß diese freilich unberufene Einmischung mir von Ihnen nicht ungnädig aufgenommen werden wird.
Weimar, den 6. Juni 1829.
Um 11 Uhr bin ich hier angelangt und habe Alles wohl angetroffen, wenngleich auch Alles durch die bevorstehende Trennung und die vielen Abschieds-Scenen recht wehmütig gestimmt ist.
Vor allem soll ich aber melden, daß die Groß-Fürstin und der Großherzog sich entschlossen haben, nunmehr auch zur Vermählung nach Berlin zu kommen. Die Großfürstin fragte mich, ob sie es ohne Ihre Einladung tun dürfe; ich erwiderte, daß es den Eltern wohl nie benommen werden könne, ihr Kind zur Vermählung zu begleiten. Nun, dann soll mich der Kaiser beim König melden, sagte die Groß-Fürstin; der Großherzog wird Ihnen selbst dieserhalb schreiben... Sie können sich denken, wie froh Augusta und ich über diesen Entschluß ihrer Eltern sind, der den Abschied noch etwas hinausschiebt. Es ist kaum möglich, unter schöneren und froheren äußeren Auspizien eine Vermählung zu feiern; man könnte ganz hochmütig werden, wenn man nicht die Demut zu Hilfe nimmt. Gott gebe eine so glückliche Zukunft, als der Moment schön ist.
Halle, den 7. Juni 1829.
Die glücklich erfolgte Ankunft Augustens an Ihrer Grenze und im ersten Nachtquartier Merseburg eile ich Ihnen sogleich zu melden. Der heutige Morgen war natürlich ein schwerer Moment für meine arme Braut. Früh 7 Uhr waren wir in der Kirche, wo wir Stärkung und Fassung erflehten. Der Lehrer Augustens predigte und recht von Herzen. Bis 11 Uhr blieben wir dann beisammen en famille. Um halb 12 erfolgte die Abreise. Ich fuhr fort, als das Abschiednehmen begann. An der Grenze erwartete ich Augusta, wo sie kaum eine halbe Stunde nach mir eintraf und ich sie im neuen Vaterlande bewillkommnete. Im starken Regen verließen wir Weimar, aber an der Grenze schien die Sonne herrlich und warm. Möge es ein günstiges Vorzeichen meiner Zukunft sein. Wie glücklich ich mich fühle, Augusta bei uns zu wissen, begreifen Sie. Und nun auch zu sehen, wie sie sogleich nach der schweren Trennung eine Stütze in mir sucht, ist mir unbeschreiblich rührend und tröstlich.
Von der Grenze bis Merseburg fehlte es denn auch nicht an unzähligen Ehrenpforten, Reden, Gedichten, weißgekleideten Mädchen. Alles war sehr hübsch geordnet, ordentlich und herzlich. Morgen will Augusta noch in Merseburg dem Gottesdienste beiwohnen und um 10 Uhr abreisen. Ich habe mich der Etikette wegen hierher begeben, werde aber zur Kirche in Merseburg sein. Gott geleite uns gnädig in Ihre Arme und in die Mitte der teueren Familie.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Weimar, den 26. Oktober 1829.
Preußen scheint in einem nie gekannten Ansehen in Süddeutschland zu stehen und wohl sehr mit Recht. Ein Aufsatz im Hesperus, einer Dresdner Zeitschrift[52], zeugt hiervon aufs deutlichste, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Hier ist der Preußen-Sinn noch nicht der stärkste, was sich neuerdings durch den auf 12 Jahre verlängerten Zoll-Verband der kleinen Mächte erweiset. Ich habe hier mehrere der Herren gesprochen, die Alle wünschen sich anzuschließen an Preußen und Bayern ect., aber eine gewisse Rückschau ist allenthalben bemerkbar, die sie nie mit ganzer Sprache herauskommen läßt. Ich habe ihnen also die Zunge zu lösen gesucht und gesagt, daß wir wohl wüßten, daß Preußen von Wien aus als eine gefährliche, sich vergrößernde Macht geschildert würde, daß ich aber ersuchte, den Weg zu beobachten, den Sie seit 15 Friedensjahren gegangen wären, ob da wohl im geringsten eine solche Tendenz bemerkbar sei? Die embarassierten und widersprechenden und nichtssagenden Antworten, die ich darauf erhielt und die mir große Genugtuung waren, vermag ich hier nicht aufzuzeichnen. Auch an diesen Antworten habe ich gesehen, daß die Wahrheit ohne Rückhalt gesagt, Wunder wirkt, da man noch selten gewohnt ist, die Sachen und Verhältnisse beim rechten Namen zu nennen. Trotz dem 12jährigen Bunde kamen jetzt Deputierte nach Berlin, um zu einem gemeinsamen Bunde zu unterhandeln, also sind jene 12 Jahre eine reine Chimäre...
Weimar, den 5. November 1829.
Ich habe noch eine sehr lange und interessante Unterredung mit dem hiesigen Faiseur, Geheimrat Schweitzer[53], gehabt, den mir der Großherzog schickte, um über die Handels-Verhältnisse zu sprechen. Ich habe gegen ihn wie gegen Alle die gleiche offene und wahre Sprache geführt und die Satisfaction gehabt, zu sehen, daß auch dieser aus Verstand und Finesse zusammengesetzte Mann nichts einwenden konnte gegen die Tatsache, die ich anführte, nämlich daß ich niemals ein freundschaftliches Verfahren und kein annäherndes gegen Preußen darin finden könnte, wenn man sich in einem anti-Preußischen Bund auf 12 Jahre länger bindet, während man zugleich mit Preußen unterhandeln will. Da ich ganz und gar die Stellung Preußens so erkannt habe, wie Sie es angeben, so hoffe ich durch die freie Darlegung dieser unserer Stellung hier vielleicht Gutes bewirkt zu haben. Die Groß-Fürstin sprach mir heute ganz in diesem Sinne, nachdem sie noch vor wenigen Tagen, wie ich durch Augusta weiß, eine ziemlich andere Gesinnung offenbart hatte. Ja, sie ging sogar so weit, daß sie sagte: Sie müßten mehr tun, um Deutschland zu sich und von Österreich abzuziehen. Ich erwiderte, daß ich nicht glaubte, daß Sie dies tun würden, da mir dies auch nicht nötig schien, indem es nur Jalousie geben könne, auf der andern Seite aber Sie die Satisfaction bereits hätten, viele Mächte sich Ihnen nähern zu sehen, und in einem Worte faßte ich es so zusammen: Le Roi verra venir les autres.
Eine Klage, die ich öfters schon hörte und hier auch wieder, ist die, daß die Beamten nicht immer in dem geziemenden Tone zum Auslande sprechen und daß namentlich die Räte in den Ministerien und Regierungen darin fehlen und dadurch, daß sie in anmaßendem Ton reden und schreiben, sie mehr die Stimmung gegen Preußen als für dasselbe gewinnen. Eine Prüfung der Befehle in diesem Punkte dürfte gewiß nicht überflüssig sein, obgleich ich meine Überzeugung darüber dahin ausgesprochen habe, daß die Arrogance einiger Beamten doch unmöglich eine Mißstimmung gegen eine sonst so anerkannt erleuchtete Regierung erzeugen könne.
Das eigene Heim.
Berlin, den 11. März 1830.
Nachdem Sie so gnädig gewesen sind, für Carl und Albrecht bestimmte Palais zu ihren immerwährenden Wohnungen anzuweisen, darf auch ich wohl erneut mit der Bitte herantreten, auch uns ein wirkliches Palais verleihen zu wollen. Da freilich nun alle vorhanden gewesenen prinzlichen Palais, außer der Universität, zu ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgekehrt sind, so kann erklärlich nichts anderes übrig bleiben, wenn Sie die Gnade haben wollen, mich mit meinen Brüdern gleich zu stellen, als ein Privathaus zu wählen und dasselbe nach Palaisdimensionen einzurichten und umzubauen oder ein ganz neues zu erbauen. Zu letzterem Projekte lag Ihnen bereits früher ein Plan vor.
Wir können aber nicht leugnen, daß seitdem wir unser jetziges Haus bewohnen, uns die Lage desselben in jeder Beziehung so angenehm und so jeder anderen Lage vorzuziehen erscheint, daß wir den Plan gefaßt haben, dasselbe uns von Ihnen als bleibende Palais zu erbitten und es dieserhalb dem notwendigen Umbau zu unterwerfen. Wir haben daher einen Plan zu diesem Umbau selbst entworfen, ihn auch durch Geh. Rat Schinkel[54] prüfen und corrigieren lassen, und dieser Plan ist es, den ich Ihnen in der Anlage untertänigst vorlege[55].
Das Palais Wilhelms I. vor dem Umbau
Miniaturbild auf einem Prunktisch in den sogenannten Großherzoglichen Gemächern im Palais
Der große Übelstand, der unserem jetzigen Hause anklebt, ist, daß es weder Hofraum noch Stallungen hat und wegen seiner geringen Ausdehnung und Terrainbesitz keine Vergrößerung erlaubt, ohne das Grundstück, welches der Minister von Schuckmann jetzt inne hat, zu überschreiten.
Ohne Zuziehung dieses Grundstückes zu dem unsrigen ist daher eine Palais-Einrichtung hier für uns unmöglich. Der anliegende Plan zeigt, in welcher Art allein auf eine bequeme Art die Ställe und Remisen angelegt werden können und wie dadurch ein Hofraum noch übrig bleibt, der die notwendigste Größe hat.
Was nun unser Haus an und für sich anbetrifft, so glaubten wir anfänglich die Mauern der unteren Etage conservieren zu können: es hat sich aber gezeigt, daß sie viel zu schwach sind, um einen höheren Bau zu tragen; auch daß die Balkenlagen der Etagen schon so verdorben sind, daß sie erneuert werden müssen. Das Haus wird daher müssen ganz abgerissen werden; die dadurch entstehenden Kosten werden durch das dabei gewonnene Material wiederum gedeckt. Um dem Hause aber einige etwas größere und Palaisdimensionen im Innern geben zu können sowie eine regelmäßige Mitte, die ihm bisher fehlte, so ist eine Vertiefung nach dem Hofe zu, eine Erweiterung auf die Hälfte des kleinen Gartens und ein Überbau über die Gasse nach dem Niederländischen Palais[56] projektiert, wozu die Genehmigung der Tante[57] einzuziehen sein würde. Die so zu gewinnende Mitte ward bedingt durch das Grundstück der Bibliothek, von welchem dennoch einige Fuß genommen werden mußten und daher nicht noch mehr vom kleinen Garten zugezogen werden konnte. Der Rest des Gartens würde in eine Art Terrasse verwandelt werden können. Der kleine Hof hinter dieser Terrasse mußte wegen einiger Bibliotheksfenster ausgespart werden.
Die Einteilung der Wohnungen in den verschiedenen Etagen geht aus den Plänen hervor. Was die Wohnung anbetrifft, so ist sie für den Fall der möglichen Nachkommenschaft bestimmt. Das jetzige Schuckmannsche Haus würde nur die drei Wohnungen der Oberhofmeisterin und der beiden Hofdamen aufnehmen, sowie das Hofmarschallamt, meine beiden Militärbureaus und die Wohnung für das auf Quartier Anspruch habende Domesticale. Sollte dann noch Raum übrig bleiben, so würde ich einige meiner alten Diener, welche bis zu meiner Verheiratung freie Wohnung hier hatten, dort unterbringen, die es wohl verdienen, da einer derselben jetzt 30 Jahre, ein anderer 28 Jahre, 20 Jahre bei mir ist. Außerdem reicht das Kellergelaß im zu erbauenden Palais nicht aus, so daß die des Schuckmannschen Hauses ebenfalls gebraucht würden.
Sie werden sich hiernach gnädigst überzeugen, daß, wenn streng genommen nicht das ganze Schuckmannsche Haus vielleicht gebraucht würde, doch eine Teilung desselben unmöglich ist, es auf der anderen Seite wiederum gar nicht zu entbehren ist. Auch in der Zukunft dürfte es vielleicht noch sehr nützlich werden.
Die Unterbringung des Ministeriums des Innern dürfte keine Schwierigkeiten haben, indem das Haus des Staatskanzlers in sofern disponibel ist, als der Geheimrat v. Stägemann[58] in demselben zur Miete wohnt. Die Bureaus des Ministers Graf Lottum[59], welche sich in jenem Hause befinden, oder die des Ministers v. Schuckmann[60] würden die Acquisition eines kleinen Locals nötig machen. (Als Carl sein Palais erhielt, mußten für den Generalstab und für das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten gleichfalls Locale beschafft werden.) Übrigens wird die Deplacierung des Ministeriums des Innern ungefähr erst in zwei Jahren nötig, da der ganze Bau und die Einrichtung bis zum Einziehen wohl drei Jahre erfordern würde, im dritten Jahre aber erst mit dem Bau der Stallungen vorgeschritten zu werden braucht. Im Schuckmannschen Hause selbst würden nur unbedeutende Wohnungseinrichtungen vorkommen, wie dies in jedem lang bewohnt gewesenen Hause der Fall ist, die Damen sich überdies selbst möblieren müssen und für die Bureaux-Einrichtung alles existiert.
Demungeachtet kommt der Kostenanschlag schon hoch genug und erreicht dieselbe Summe, welche alle diejenigen Projecte erreichten, die ich Ihnen voriges Jahr vorlegte. Der Geh. Rat Schinkel hat nämlich den Bau nach den höchsten Sätzen (die des Museums) angeschlagen, um eher dahinter in der Ausführung zu bleiben, als sie zu übersteigen, wonach derselbe mit der ganzen Einrichtung bis zum Einziehen 340000 Thlr. beträgt. Von den hierin begriffenen 80000 Thlr. Einrichtungskosten gehen die sämtlichen Möbel ab, welche bei der Einrichtung unsers jetzigen Hauses angeschafft wurden, wodurch die Summe noch um Etwas also sich ermäßigt.
Was für eine Einrichtung hinsichtlich unsers jetzigen Hauses und des Schuckmannschen getroffen werden soll, wird von Ihrem Befehl abhängen, ob dieselben nämlich von ihren jetzigen Behörden erkauft werden oder ob sie wie bisher auf deren Rechnung benutzt werden sollen. Das unsrige gehört nämlich dem Militärfond und das Schuckmanns der Landeswitwenkasse. Der Kauf beider Grundstücke würde ungefähr 100000 Thlr. betragen.
Wenn Sie nun die Gnade hätten, diesen Bau zu genehmigen, so würde ich vorschlagen, denselben unter Schinkels Leitung durch einen Militärcommissarius, Capitän Moser, ausführen zu lassen, weil derselbe gewiß manche Ersparnis erzielen wird.
Während des Baues selbst würden wir Sie gnädigst ersuchen, uns im Schloß eine Wohnung zu bestimmen, vielleicht einen Teil des großen Appartements des seligen Königs, sodaß ich meine alten Zimmer wieder bewohnen könnte. Auf diese Art wird keines des gewöhnlich im Gebrauch seienden Fremden-Appartements der Disposition entzogen.
Wir dürfen vielleicht um so rascher einer Entscheidung von Ihnen entgegensehen, da für diesen Sommer unserm Hause, wenn wir es so ferner bewohnen müßten, eine Hauptreparatur bevorsteht, indem das Dach fast ganz neu gebaut werden muß, die Schornsteine so baufällig sind und so feuergefährlich angelegt, daß die Balken seit mehreren Wochen, vom Putz abgefallen, in den Schornstein frei hineinstehen, daß sie neu gebaut werden müssen, wobei sämmtliche Plafonds ruiniert werden und wahrscheinlich auch die Tapeten; die Balkenlage zwischen den Etagen teilweise erneuert werden muß, wodurch also die Parquets und die ganzen Stuben ruiniert würden. Somit würde diese Hauptreparatur sehr viel Geld kosten und doch nur ein sehr schlechtgebautes Haus nur teilweise ausflicken.
Wie schön übrigens das neu zu schaffende Palais den Platz hier zieren würde, brauche ich kaum anzuführen, da es zu den übrigen schönen Gebäuden ein schöner Schluß sein würde, um so mehr, da, wie ich höre, die Statue Friedrichs des Großen hier vor unsern Fenstern errichtet werden soll.
Der Geheimrat Schinkel hängt freilich sehr an seinem früheren Projekt auf dem Packhofe, was gewiß sehr schön ist, aber wegen seiner zurückgezogenen Lage uns mit der hiesigen Lage nicht vergleichbar erscheint. Ich lege dieses Projekt auch wiederum bei[61] und bemerke nur, daß der Kostenbetrag desselben, wie ich ihn voriges Jahr angab, viel zu gering war und er nach den jetzt für den hiesigen Bau von Schinkel angenommenen Sätzen sich nicht auf 300000 Thlr. beläuft, sondern auf 415760 Thlr., wobei der Bau von zwei Quais und der Ankauf des Platzes (aus dem Museumsfond) nicht mit inbegriffen ist.
Um die Übersicht zu haben, wie die jetzigen Grundstücke, welche wir und Schuckmann bewohnen, zu einander liegen und gebaut sind und wie die projektierten Veränderungen sich dazu verhalten, habe ich den Plan C beigefügt. So sehr wir nun erwartungsvoll Ihrer gnädigen Entscheidung entgegen sehen, wohl einsehend, daß es nichts Geringes ist, was für uns wir von Ihrer Gnade erbitten, namentlich wenn ein Vergleich der nötig werdenden Summen gegen die Summe gezogen wird, welche Sie für Carl und Albrecht bewilligt haben, aber dies gehet lediglich aus dem Verhältnis hervor, daß bei uns nicht wie bei den Brüdern von der Einrichtung eines Palais zum Palais, sondern von der Umformung eines Privathauses in ein Palais die Rede ist, da keine Palais mehr vorhanden sind, wenn nicht das Projekt wieder aufgenommen würde, die Universität dadurch wieder disponibel zu machen, daß man sie nach dem dazu einzurichtenden Academiegebäude überträgt.
Sollten wir von Ihrer Gnade die Bewilligung der hier gemachten Vorschläge erlangen, so würden wir Ihnen unendlich dankbar sein, wie wir es schon für so viele Beweise Ihrer Liebe und Gnade ewig sein werden.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Berlin, den 29. April 1830.
Soeben erhalte ich ein Schreiben des Kriegsministers, eine Antwort auf den Vortrag, den ich ihm in Bezug auf meine militärischen Ausgaben gemacht hatte, in welcher er mir Ihre genommene Entscheidung über diesen Punkt mitteilt. Wenngleich ich gehofft hatte, von Ihrer Gnade einen Zuschuß zu erhalten, bei den ganz klar nachgewiesenen Mehrausgaben jährlich von 800 Rthlr., so muß ich Ihre abschlägige Antwort hierauf freilich ruhig hinnehmen, nicht so aber kann ich dies mit der Ankündigung, die Sie mir durch den Kriegsminister machen lassen, daß Sie mich vom Commando der ersten Gardedivision entbinden wollten, wenn mich dasselbe wegen meiner pecuniären Verhältnisse geniere. Vor 10 Jahren berief mich Ihre Gnade zu diesem Commando, noch in einem sehr frühen Alter. Als Sie mich wenige Jahre darauf an die Spitze des III. Armeecorps stellten[62], beließen Sie mir jenes Commando und da durfte ich wagen zu hoffen, daß Ihr Vertrauen und Ihre Zufriedenheit mit meinen Leistungen es war, die mich dieses Vorzuges eines doppelten Commandos würdigten. Die Anhänglichkeit, welche ich an dies mein erstes selbstständiges Verhältnis habe, sowie, ich darf es aussprechen, die Anhänglichkeit, welche mir jene Untergebenen seit 10 und 12 Jahren bewiesen haben, sind Ihnen nicht unbekannt geblieben; meinen ganzen Stolz setzte ich in das bewiesene Vertrauen, einem Commando vorzustehen, von welchem die Instruction in die ganze Armee übergegangen ist und jährlich übergeht. Und diesen mir so teuer gewordenen, ehrenvollen Posten lassen Sie mir jetzt anbieten, um 400 Rthlr. aufzugeben, nachdem Sie durch den Kriegsminister mir sagen ließen, daß Sie annehmen, daß die Prinzen Ihres Hauses es als eine Ehrensache betrachten würden, wenn Ihre Gnade ihnen Militärcommandos anvertraut. Ich darf es Ihnen nicht verschweigen, daß dies Anerbieten, aus diesem Grunde, mein Inneres so gewaltsam erschüttert hat, daß nur Tränen meinem gepreßten Herzen Luft machen konnten. Das Gefühl der Ehre ist in mir so rege, daß es sich nur mit dem Gefühl der Dankbarkeit vergleichen kann, welche mich belebt, daß Ihre Gnade mich berief, in ausgedehntem Wirkungskreise dieses den Militär-Stand allein leitende Princip immer mehr zu verbreiten und recht innig mit dem Geiste meiner Untergebenen zu verschmelzen. Daß Sie dies Ehrgefühl je bei Ihren Söhnen vermissen könnten, ist unmöglich. Unfähig werden Sie mich daher auch halten, aus Mangel an Ehrgefühl und um 400 Rthlr. weniger auszugeben, eine Stelle aufzugeben, die bisher mein Glück wegen ihrer Wichtigkeit und wegen Ihres bewiesenen Vertrauens machte. Sollte ich dies Vertrauen verloren haben, so bin ich jeden Augenblick bereit, einem Würdigeren meine Stelle zu überlassen.
Was nun jedoch den von Ihnen verminderten Zuschuß von 800 Rthlr. betrifft, so muß ich mich wenigstens über den Verdacht rechtfertigen, als wäre jene Forderung unbillig. Denn ich kann nur annehmen, daß dies der Grund ist, der mir Ihre Verweigerung zuzog. Ich unterstehe mich daher Ihnen hier meine ganzen pecuniären Verhältnisse darzustellen.
Der mir bewilligte Etat von 88000 Thlr. ist in seine bestimmten Etats abgeteilt und Ersparnisse bei denselben sind sehr unsicher. Für unsere Person beziehen die Princeß und ich jeder 6000 Thlr. von diesem Haupt-Etat, von welchem, wie Sie leicht denken können, bei der Princeß, die gar nichts von zu Hause erhält, nichts erspart werden kann; ich kann nicht nur nichts zurücklegen, sondern brauche die mir von Ihnen so sehr gnädig verliehenen 11000 Thlr. Zulage vollkommen. Sollten Sie eine Durchsicht meiner Rechnungen befehlen, so scheue ich diese nicht, da ich, eingedenk Ihrer Worte, als Sie mir jene Zulage gaben: „daß wir auch eine gute Anwendung von derselben machen sollten“ versichern darf, daß die Hälfte auf Unterstützungen verwendet ist. Der erste Jahresabschluß meiner Etats-Rechnungen hat eine Ersparnis von 4000 Thlr. ergeben. Davon sind 3000 Thlr. zur Reise nach Weimar gebraucht worden, so daß 1000 Thlr. erspart sind. Sollte eine solche Reise also auch nur ein Geringes mehr einst kosten, so ist gar kein Überschuß vorhanden. Dieser Fall dürfte bereits in diesem Jahre eintreten, wo die schlesische Reise, die zur Revue usw. vorkommen werden. An den mir bewilligten Inspektionsreise-Geldern wird fast nichts erspart, da sie nach dem Bedürfnis bewilligt wurden. Aus dieser getreuen Übersicht werden Sie sich gnädigst überzeugen, wie sehr mich eine, nun also zur Norm werdende Mehrausgabe von jährlich 800 Thlr. genieren muß, da die möglichen Ersparnisse nur hinreichen, extraordinäre Ausgaben wie Reisen ect. zu leisten. Was nun noch die Summe betrifft, welche ich mein Vermögen nenne, und welche aus den Ersparnissen seit meinen Kinderjahren besteht, die mir der General Braun im Jahre 1817 übergab sowie aus der Erbschaft von Mama und aus den Etatersparnissen bis zum vorigen Jahr, so beläuft sich diese auf 70000 Rthlr. Von denselben habe ich beinahe 30000 Thlr. teils zinsenfrei, teils verzinset nach und nach verliehen und dürften mehrere (Teile) dieser Summe, wie ich bereits mehrfach die Erfahrung gemacht habe, wohl nicht zurückzuerhalten sein, ohne geizig und indelicat zu erscheinen.
Das ist also die einzige Summe, über die ich disponieren kann, die sich aber, wie gezeigt, nicht vermehren, sondern nur vermindern kann. Wenn Sie nun gnädigst bedenken, daß ich noch keine Besitzung habe, also weder zur Acquerierung einer solchen noch zur Unterhaltung derselben diese Summe bisher verwandte, ich auch noch kein Palais besitze, dessen Einrichtung gewöhnlich die angeschlagenen und bewilligten Kosten, wie bekannt fast bei allen Bauten, übersteigt, Sie diese Mehrkosten aber, wie bei Carls Palais-Bau, nicht zu übernehmen die Gnade haben, so werden Sie sich ebenso gnädigst überzeugen wollen, daß ich alle Ursache habe, mit meinem sogenannten Vermögen haushälterisch umzugehen, ungerechnet, daß man doch vernünftiger Weise eine Summe sich für unvorhergesehene Fälle und für jede Zukunft zu erübrigen sucht.
Ihrer gnädigen Überzeugung und Ansicht muß ich es nun, nach dieser wahrhaften Darstellung, überlassen zu beurteilen, ob ich eine unbillige Forderung tat, wenn ich um 800 Thlr. Zuschuß antrug und bemerke ich nur nochmals, daß ich beim Generalcommando 6 Zulagen an Adjutanten zu zahlen habe, aus dem Militär-Zuschuß, während Fritz[63] mit demselben Zuschuß nur 3 Zulagen zahlt, hier also eine Vergleichung, wie Sie sie mir durch den Kriegsminister aufstellen lassen, nicht haltbar erscheinen dürfte. Daß ich diese Zulagen jedoch verringern sollte, kann wohl in Ihrer Intention nicht liegen, da es sich mit der Würde meiner Stellung nicht vereinigen läßt.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Der Hallenser Kirchenstreit.
Ems, den 19. Juli 1830.
Die Ereignisse zu Halle[64] in kirchlicher Hinsicht ziehen die Aufmerksamkeit von ganz Deutschland ungemein auf sich. Überall hört man davon sprechen und ist sehr gespannt auf ihren Ausgang. Niemand kann sich denken, daß die zwei questionierten Professoren im Amt bleiben können, da eine bloße Verwarnung nicht ausreichend erscheint bei der allgemeinen Aufmerksamkeit, die die Sache erregt hat, und ein Exempel zu statuieren wohl im höchsten Grade notwendig geworden ist. Denn bei dem regen Leben für Religion und deren Wahrheiten, das sich jetzt wiederum zeigt, sollte ich meinen, könnte man der entgegengesetzten Richtung der verfälschten Religion nicht kräftig und bestimmt genug entgegentreten. Daher erscheint mir der Ausgang der Halleschen Händel ungemein wichtig in jeder Beziehung. Sehr schlimm ist es freilich, daß die gedruckte Dogmatik[65] dieser Herren so allgemein verbreitet ist, so allgemein nach ihr gelehrt wird und von allen rationalistischen Geistlichen, deren es nur noch zu viele gibt, den jüngeren Theologen empfohlen und gepriesen wird, so daß die Absetzung des Verfassers im Amt zwar noch nicht Allem abhelfen wird, aber doch Allen die Augen öffnen muß... Eine andere Klippe, die zu umschiffen bleibt, ist nun wieder die sogenannte Frömmelei, die affichierte Zungen-Religion, worin mir viel Eitelkeit und überhebendes Wesen zu liegen scheint, sowie ein böser Schritt zum Sectieren und Separieren. Ich höre, daß Herr v. Gerlach, der Bruder des meinigen[66], der jene Hallenser Dinge ans Licht brachte, auch in dieser frömmelnden Richtung sein soll und da wäre es auch wohl weniger eitel gewesen, wenn er die Sache nicht hätte drucken lassen, so ihm ja der Weg offen stand, Ihnen die Anzeige jener Abscheulichkeiten zu machen...
Die Pariser Julirevolution.
Mit dem Regierungsantritt Karls X. im Jahre 1824 waren in Frankreich rückschrittliche Tendenzen und Elemente erneut ans Ruder gekommen. Gesetzgebung, Verwaltung und Presse gerieten in mannigfache Abhängigkeiten, Parteikämpfe erfüllten die Kammern, Leitungen, Gerichte und Salons, deren Debatten einen europäischen Widerhall fanden. 1828 kam es zu einer regierungsfeindlichen Mehrheit unter den Deputierten; an Stelle des Ministerpräsidenten Villèle amtierte Herr von Martignac, der vergeblich versuchte, eine gemäßigte Mittelpartei zu bilden. Karl X. glaubte daher im Juli 1829 ein Ministerium seiner Wahl einsetzen zu können, an dessen Spitze der unbeliebte Herzog Jules de Polignac trat. Der König hoffte durch Erfolge in der auswärtigen Politik durch Eroberungen am Rhein oder durch Kolonialerwerb in Algier eine Regierung nach seinem Sinne durchführen zu können; als aber die heimgeschickte oppositionelle Mehrheit der Deputierten-Kammer durch die Neuwahlen wieder dorthin zurückkehrte, begann die Situation sich zuzuspitzen; der „rechtlose Willkürakt“, durch den Karl X. mit seinen „Ordonnanzen“ vom 25. Juli 1830 das Wahlrecht einschränkte und die Preßfreiheit aufhob, kostete ihm den Thron. Die Pariser Revolution vom 26. bis 29. Juli, deren allgemeine Bedeutung nach einem Worte Jakob Burckhardts in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ als europäische Erschütterung viel größer als die spezielle politische war, der dreitägige Aufstand, in welchem die Pariser Liberalen durch das großstädtische Proletariat den legitimen König davonjagen ließen und den nationalen auf den Thron setzten, das Werk der studierenden Jugend und gleich ihr republikanisch gesinnter Arbeiter triumphierte über die militärischen Mittel des verblendeten Königs. Der Befehlshaber der königlichen Truppen, Marschall Marmont, konnte die Lage nicht halten; die „Ordonnanzen“ wurden zurückgezogen und ein volkstümliches Ministerium mit dem Herzog von Mortemart in Aussicht genommen; trotzdem aber verhandelte der König insgeheim mit den Männern um Polignac weiter und verlor somit die letzte Möglichkeit eines Ausgleiches; in der Frühe des 30. Juli hatte der jugendliche Thiers, der Redakteur des „National“, der am meisten zum öffentlichen Widerstande gegen die „Ordonnanzen“ beigetragen hatte, durch einen glänzend stilisierten öffentlichen Aufruf auf den Herzog von Orléans als auf den kommenden Mann Frankreichs hingewiesen. Im Stadthaus von Paris führte der alte Lafayette wie einst im Jahre 1789 die Nationalgarden des Landes, und die Riesenstadt zitterte vor einer Wiederholung blutiger Straßenkämpfe.... da beschleunigte jener meisterhafte Aufruf die Bildung einer Partei Orléans.
Louis Philippe, Herzog von Orléans, hatte sich in den entscheidenden Tagen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; jetzt erging an ihn die Aufforderung, den Posten eines Generalstatthalters zu übernehmen, der er sich nicht mehr entziehen konnte. Im Laufe des 31. Juli hatte er durch eine Proklamation diese Würde angenommen und zeigte sich mit Lafayette unter der Trikolore dem Volk: das Schicksal Karls X. war besiegelt; am 2. August hat er mit dem Dauphin auf die Krone verzichtet, und wenige Tage später bestieg der „Bürgerkönig“ Louis Philippe den Thron von Frankreich. Seine europäische Anerkennung ist verhältnismäßig rasch erfolgt.... Prinz Wilhelm weiß in den nachfolgenden Briefen dieses Vorgehen der Mächte nicht scharf genug zu tadeln. Im selben Monat, am 25. August 1830, brach in Brüssel die belgische Revolution aus; noch waren die europäischen Kabinette durch die französischen Ereignisse derartig verwirrt, daß sie diesen neuen, gefährlichen Unruhen zunächst verhältnismäßig gleichgültig gegenüberstanden. Durch einen Besuch bei dem ihm verwandten niederländischen Hofe Im Haag hatte Prinz Wilhelm die Ereignisse in Paris fast aus nächster Nähe miterleben können; wenn ihn auch Ende August desselben Jahres eine militärische Inspektionsreise nach dem Rheinland rief, so blieb er doch mit dem niederländischen Hofe in enger Verbindung und erlebte den Beginn der Trennung der durch die Willkür der Großmächte 1814/5 zusammengekuppelten Nationalitäten der Holländer und Belgier.
Das kunstreiche Gebilde des europäischen Friedens mit seinen wohlabgemessenen und aufeinander berechneten Pfeilern, Legitimität der Krone, christlicher Sinn der zur heiligen Allianz vereinten Monarchen-Völker, die je nach ihrer geschichtlich gewordenen Eigentümlichkeit ihren gesetzlichen Anteil am Leben besaßen —, dies Gebäude, umsorgt von den einen, gehaßt von den andern, das selbst die gefährliche Erschütterung des Aufstandes der Griechen gegen ihren legitimen Sultan schließlich überdauert zu haben schien, stürzte zusammen. Kunst, Weisheit und Gesittung, die in seinem Innern Schutz gefunden hatten, schienen aufs neue gefährdet. Nichts Geringers als einen Rückfall in die Barbarei, einen neuen Dreißigjährigen Krieg weissagte Niebuhr. Die Angst, daß wie vor vierzig Jahren das Feuer nicht auf seinen Herd beschränkt bleiben und die Welt wiederum in seine Flammen getaucht werden würde, schien Recht zu bekommen, als die Revolution nach Belgien übergriff. Preußen begann vielleicht gar, nicht allein durch die Nachbarschaft der Rheinprovinz, sondern vor allem durch das nahe verwandtschaftliche Verhältnis seines Königs zu dem Beherrscher des niederländischen Gesamtstaates — Friedrich Wilhelms III. Schwester Wilhelmine war die Gattin des Königs der Niederlande — unmittelbar hineinverwickelt zu werden, ganz abgesehen davon, daß sich für ein revolutionäres Frankreich aus dem benachbarten — belgischen — Ereignis ungeahnte Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der Politik von 1792 ergaben. Eine Wolke neuer Revolutionskriege drohte am Horizonte heraufzuziehen.... Doch die belgischen Verhältnisse klärten sich.... die Londoner Botschafterkonferenz gab der von den Revolutionären durchgeführten Trennung ihren nachträglichen Segen; im Januar 1831 wurden unter dem Vorantritte Preußens von dem vereinigten Europa die Grundmauern des zukünftigen belgischen Staates gelegt.
Im Haag, den 28. Juli 1830.
.... Der gestern hier bekannt gewordene Coup d’état des Königs von Frankreich erregt allgemeines Aufsehen und allgemeine Besorgnisse. Die Nachrichten, die man hier haben will, sollen, wenn sie gegründet sind, die Besorgnisse sehr gegründet erscheinen lassen und eine nicht zu berechnende Reaction befürchten lassen. Im entgegengesetzten Falle, d. h. wenn dieser Coup d’état glückt und ohne Reaction verläuft, so ist Charles X. nur Glück zu wünschen, denn die Wirtschaft würde doch zu toll in Frankreich, wenn nicht, so sind leider die Folgen unberechenbar.
Im Haag, den 2. August 1830.
Wenngleich ich annehmen darf, daß Sie von Allem unterrichtet sind, was sich Schreckliches in Paris in den Tagen vom 27. bis 30. ereignet hat, so nehme ich keinen Anstand, dasjenige Ihnen hiermit schleunigst zukommen zu lassen, was man hier teils direkt, teils indirekt erfahren hat. Die Abdication des Königs und des Dauphins zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux, unter Vormundschaft des Herzogs von Orléans, scheint sich nicht zu bestätigen. Herr d’Agoult, von dem erst heute die ersten Meldungen eingegangen sind, schreibt, daß Marschall Marmont noch einen Teil von Paris besetzt hält; eine Deputation der sich constituiert habenden Regentschaft hat ihm folgende Vorschläge gemacht: Der König soll sogleich das Ministerium wechseln, sogleich die Ordres vom 25. Juli zurücknehmen und die Kammern zum 3. berufen, dann wolle man weiter mit ihm unterhandeln. Marmont habe erklärt, er habe keine Instruktionen, werde aber Polignac aufsuchen, der in der Nähe sei. Nach einer halben Stunde sei er mit der Antwort gekommen, daß auf solche Conditionen nicht unterhandelt werden könnte, worauf ihm die Deputation erwidert: Voulez-vous donc la guerre civile? was Marmont mit einer stillschweigenden Verbeugung und weggehend beantwortet habe. Der König soll, nach Einigen, mit 8–10000 Mann nach der Vendée, nach Anderen nach Lille sich gewendet haben. In Lille waren auch Unruhen ausgebrochen, die aber durch die Garnison ohne Blutvergießen gestillt worden sind. Nach eben eingehenden Nachrichten hat die Stadt aus ihrer Mitte eine Municipalität gewählt. Die ganze Picardie soll im Aufstand sein. In Rouen sind die Unruhen den Parisern gleich gewesen. Da alle Nachrichten übereinstimmen, daß die Garde und die übrigen Truppen in Paris trotz des enormen Verlustes treu geblieben sind und von der übrigen Armee also wohl dasselbe zu erwarten steht, so behalte ich die Hoffnung, daß, wenn der König nur fest bleibt, er noch im Stande sein wird, die Sache herzustellen, wenn die erste Wut in Paris sich gelegt haben wird und zugleich die Politik des übrigen Europas sich als recht einig und imposant darstellt. Der König der Niederlande, bei dem ich gestern und vorgestern in Loo[67] war, wo gerade diese Nachrichten ankamen, war noch unentschieden, was er tun sollte; bevor er irgend ein Message an Karl X. sendet, falls er sich der Grenze nähert, will er erst abwarten, was derselbe für Maßregeln ergreift, doch scheint es, werden hier die Grenz-Festungen stärker besetzt und armiert und Alles zu einer schleunigen Complettierung und Mobilmachung vorbereitet. Der König hier ist der Ansicht, daß, den Fall ausgenommen, daß Charles X. mit seiner treu bleibenden Armee die Ruhe und seine Autorität wiederherstellt, jeder andere Fall nur die mittelbare oder unmittelbare Einwirkung der bewaffneten Macht der anderen Staaten nach sich ziehen kann, d. h. entweder einen Grenz-Cordon oder geradezu einen Einmarsch in Frankreich auf Wunsch seines Königs, um ihn zu restituieren. Aber dann nur Einheit und Übereinstimmung, um nicht etwa einzeln sich Extras auszusetzen. Mir scheint dies Raisonnement des Königs sehr richtig. Er ist für seine südlichen Provinzen ganz ruhig bis jetzt, und mit Recht, da alle geheimen Nachrichten von dort den Geist als sehr gut beim Empfang der schrecklichen Pariser Begebenheit schildern. Die Festigkeit des Königs diesen Winter hier gegen die Generalstaaten ist von unberechenbarem Nutzen also gewesen, wie man sieht. Gott gebe, daß alles so bleibt.
Das Extra-Blatt des Courier français, welches die heillose Proclamation Lafayettes an die National-Garde enthält, wie die 1000 anderen kleinen Charakter-Züge der citoyens, werden Sie wohl erhalten haben, da es hier angekommen ist wie sonst die gewöhnlichen Zeitungen.
Ihnen den Eindruck, den dies Alles auf mich gemacht hat, zu schildern bin ich nicht im Stande. Bei Lesung dieser Sachen glaubt man Zeitungen von vor 40 Jahren zu lesen. Es ist wirklich gräßlich. Ich hatte den festen Glauben, bei Allem, was man in Frankreich sich trainieren sah, daß dennoch nichts zum Ausbruch kommen würde, weil eben die Nation die Greuel einer Revolution gesehen hat und kennt, und also eher wie jede andere davor zurückbeben müßte. Aber nein. Eine 40jährige bittere Erfahrung hat sie nicht klüger, nicht ruhiger gemacht.
Sollte es wirklich zu Truppenbewegungen in dieser großen Catastrophe kommen, so darf ich wohl mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß Sie mich nicht vergessen werden, wenn selbst mein Corps nicht mobil gemacht würde.
Soeben erfahre ich, daß der englische Ambassadeur hier sich bereits über die französischen Angelegenheiten abgesprochen hat und zwar Englands Verhalten als völlig passiv geschildert, selbst in dem Fall, daß Charles X. die Unterstützung der Alliance in Anspruch nimmt. Daß man hier diese Ansicht nicht teilt und wohl nicht von vielen Gouvernements geteilt werden dürfte, begreift sich leicht, und namentlich ist wohl Niemand mehr interessiert an der Sache als Preußen und Niederland durch die langen Grenzen. Die Unbegreiflichkeit der englischen Politik verleugnet sich also wiederum nicht. Mögen nur die anderen Mächte recht einig sein und einen gemeinschaftlichen raschen Entschluß fassen, denn mir scheint, daß der moralische Eindruck, den dies in Frankreich machen muß, so groß sein wird, daß ein Krieg dadurch évitiert wird. Trennung und Zeitverlust scheint mir in diesem Moment das Unglücklichste zu sein. Graf Douavaroff geht als Courir nach Petersburg auf Wilhelms[68] Wunsch und bringt diesen Brief nach Berlin; vielleicht dürfte von Ihrer Seite diese Gelegenheit nach Petersburg gleich benutzt werden, um Ihre Ansicht dahin zu überbringen.
Soeben erhielt Fritz einen Brief eines niederländischen Generales, der gerade auf Urlaub sich in Paris befunden hat und am 29. Mittags es verließ während der tollsten Massacres. Seine Schilderungen sind schrecklich. Die umgekommenen Menschen werden zwischen 15 und 20000 angegeben. Alle Bäume auf den Boulevards sind umgehauen, um Verhaue zu bilden, damit die Cavalerie nicht agieren konnte.
Im Haag, den 4. August 1830.
Die heutigen Nachrichten aus Frankreich sagen, daß der König auf dem Marsch nach Nantes ist, daß aber die ihn begleitenden Truppen nach und nach (ihn) verlassen und daß die Nachrichten, die man in Paris über die Stimmung der Vendee hat, sehr ungünstig lauten. Wohin wird sich also der König wenden? Der heute angekommene Constitutionel indigniert aufs Äußerste durch seine revolutionäre Sprache und durch die Erzählungen über des Herzogs von Orleans Benehmen. Es scheint danach aber nicht, daß der Herzog für den König und seine nächsten Agnaten zu arbeiten scheint. Die Sache des Königs scheint demnach verloren zu sein, sowie die des Dauphins; werden sie resignieren zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux? Wird der Herzog von Orleans die bloße Vormundschaft über den Bordeaux übernehmen wollen? Wird Charles X. nicht die Unterstützung der Alliance in Anspruch nehmen, um die Legitimität wiederherzustellen und einzusetzen? Dies sind wohl Fragen, die ganz Europa jetzt in Bewegung setzen werden und deren Antwort die größten Folgen haben muß.
Wäre doch eine Zusammenkunft der großen Souveraine[69] jetzt schnell möglich, um einen großen schnellen Entschluß zu fassen. Denn bevor man zusammenkommt, muß Alles so klar schon sein, daß man einen Entschluß fassen kann.
Der König ist heute vom Loo hier eingetroffen; es werden die Grenz-Festungen, welche nicht hinreichende Garnisonen haben, stärker besetzt werden, dieselben gegen einen gewaltsamen Angriff vorbereitend armiert werden und zum 1. September, wo die Beurlaubten stets einkommen, aber nicht vollzählig, sollen dieselben complett eingezogen werden, mit Ausnahme der Reserve-Bataillone. Man ist hier natürlich sehr gespannt, was Sie wegen Luxemburg und Saarlouis befehlen werden, so wie überhaupt auf die vorbereitenden Maaßregeln am Rhein, da die Niederlande von Niemand eher und kräftiger Unterstützung erwarten können, als von Preußen, wenn es zum Extreme kommen sollte. Von Thionville aus sind Vorposten gegen unsere Grenze ausgesetzt worden.
Im Haag, den 6. August 1830.
Die Hoffnung, daß der König von Frankreich das Äußerste wagen würde, um seine Macht und sein Ansehen, d. h. seinen Thron wieder herzustellen, ist verschwunden. Die heute hier erhaltene Eröffnungsrede des Herzogs von Orleans in den Kammern zeigt uns offiziell die Resignation des Königs und des Dauphins an. Glücklicherweise nicht die des Herzogs von Bordeaux, welche aber von der sublimen Nation auch verlangt wird. Sollte Charles X. auch zur Resignation für den minorennen Kleinen noch gezwungen werden, so scheint es mir, kann Europa diesen Akt nicht anerkennen; es würde ja die Revolution bis zur letzten Neige anerkennen und legalisieren.
Daß hier nur dieser Gegenstand die stete Conversation macht, können Sie leicht denken. Die Meinungen, die sich hier ausbilden, zerfallen in zwei Hauptabteilungen; 1.) darf man die stattgehabte Revolution ungestraft von Europa gehen lassen, also sie legalisieren, oder muß man ihr auf das Bestimmteste und Entschiedenste entgegen treten und Frankreich züchtigen? 2.) Darf man eine solche Züchtigung vornehmen, ohne befürchten zu müssen, die revolutionären Prinzipien fast in allen Staaten zum Ausbruch zu reizen und wird man nicht vielmehr aus dieser Befürchtung die Revolution anerkennen müssen, was mit anderen Worten heißt, die Revolutions-Partei in ganz Europa cajolieren und zur nächsten Nachahmung des 27. bis 29. Juli anspornen?