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Der junge Gelehrte

Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Gotthold Ephraim Lessing

Verfertigt im Jahre 1747

Personen:

Chrysander, ein alter Kaufmann Damis, der junge Gelehrte, Chrysanders
Sohn Valer Juliane Anton, Bedienter des Damis Lisette

Der Schauplatz ist die Studierstube des Damis.

Erster Aufzug

Erster Auftritt

Damis (am Tische unter Büchern). Anton.

Damis. Die Post also ist noch nicht da?

Anton. Nein.

Damis. Noch nicht? Hast du auch nach der rechten gefragt? Die Post von Berlin—

Anton. Nun ja doch; die Post von Berlin; sie ist noch nicht da! Wenn sie aber nicht bald kömmt, so habe ich mir die Beine abgelaufen. Tun Sie doch, als ob sie Ihnen, wer weiß was, mitbringen würde! Und ich wette, wenn's hoch kömmt, so ist es eine neue Scharteke oder eine Zeitung oder sonst ein Wisch.—

Damis. Nein, mein guter Anton; dasmal möchte es etwas mehr sein. Ah! wann du es wüßtest—

Anton. Will ich's denn wissen? Es würde mir weiter doch nichts helfen, als daß ich einmal wieder über Sie lachen könnte. Das ist mir gewiß etwas Seltnes?—Haben Sie mich sonst noch wohin zu schicken? Ich habe ohnedem auf dem Ratskeller eine kleine Verrichtung; vielleicht ist's ein Gang? Nu?

Damis (erzürnt). Nein, Schurke!

Anton. Da haben wir's! Er hat alles gelesen, nur kein
Komplimentierbuch.—Aber besinnen Sie sich. Etwa in den Buchladen?

Damis. Nein, Schurke!

Anton. Ich muß das Schurke so oft hören, daß ich endlich selbst glauben werde, es sei mein Taufname.—Aber zum Buchbinder?

Damis. Schweig, oder—

Anton. Oder zum Buchdrucker? Zu diesen dreien, Gott sei Dank! weiß ich mich, wie das Färbepferd um die Rolle.

Damis. Sieht denn der Schlingel nicht, daß ich lese? Will er mich noch länger stören?

Anton (beiseite). St! Er ist im Ernste böse geworden. Lenk ein, Anton.—Aber, sagen Sie mir nur, was lesen Sie denn da für ein Buch? Potz Stern, was das für Zeug ist! Das verstehen Sie? Solche Krakelfüße, solche fürchterliche Zickzacke, die kann ein Mensch lesen? Wann das nicht wenigstens Fausts Höllenzwang ist—Ach, man weiß es ja wohl, wie's den Leuten geht, die alles lernen wollen. Endlich verführt sie der böse Geist, daß sie auch hexen lernen.—

Damis (nimmt sein muntres Wesen wieder an). Du guter Anton! Das ist ein Buch in hebräischer Sprache.—Des Ben Maimon Jad chasaka.

Anton. Ja doch; wer's nur glauben wollte! Was Hebräisch ist, weiß ich endlich auch. Ist es nicht mit der Grundsprache, mit der Textsprache, mit der heiligen Sprache einerlei? Die warf unser Pfarr, als ich noch in die Schule ging, mehr als einmal von der Kanzel. Aber so ein Buch, wahrhaftig! hatte er nicht; ich habe alle seine Bücher beguckt; ich mußte sie ihm einmal von einem Boden auf den andern räumen helfen.

Damis. Ha! ha! ha! das kann wohl sein. Es ist Wunders genug, wenn
ein Geistlicher auf dem Lande nur den Namen davon weiß. Zwar, im
Vertrauen, mein lieber Anton, die Geistlichen überhaupt sind schlechte
Helden in der Gelehrsamkeit.

Anton. Nu, nu, bei allen trifft das wohl nicht ein. Der Magister in meinem Dorfe wenigstens gehört unter die Ausnahme. Versichert! der Schulmeister selber hat mir es mehr als einmal gesagt, daß er ein sehr gelehrter Mann wäre. Und dem Schulmeister muß ich das glauben; denn wie mir der Herr Pfarr oft gesagt hat, so ist er keiner von den schlechten Schulmeistern; er versteht ein Wort Latein und kann davon urteilen.

Damis. Das ist lustig! Der Schulmeister also lobt den Pfarr, und der Pfarr, nicht unerkenntlich zu sein, lobt den Schulmeister. Wenn mein Vater zugegen wäre, so würde er gewiß sagen: Manus manum lavat. Hast du ihm die alberne Gewohnheit nicht angemerkt, daß er bei aller Gelegenheit ein lateinisches Sprüchelchen mit einflickt? Der alte Idiote denkt, weil er so einen gelehrten Sohn hat, müsse er doch auch zeigen, daß er einmal durch die Schule gelaufen sei.

Anton. Hab ich's doch gedacht, daß es etwas Albernes sein müsse; denn manchmal mitten in der Rede murmelt er etwas her, wovon ich kein Wort verstehe.

Damis. Doch schließe nur nicht daraus, daß alles albern sei, was du nicht verstehst. Ich würde sonst viel albernes Zeug wissen.—Aber, o himmlische Gelehrsamkeit, wieviel ist dir ein Sterblicher schuldig, der dich besitzt! Und wie bejammernswürdig ist es, daß dich die wenigsten in deinem Umfange kennen! Der Theolog glaubt dich bei einer Menge heiliger Sprüche, fürchterlicher Erzählungen und einiger übel angebrachten Figuren zu besitzen. Der Rechtsgelehrte bei einer unseligen Geschicklichkeit, unbrauchbare Gesetze abgestorbner Staaten, zum Nachteile der Billigkeit und Vernunft, zu verdrehen und die fürchterlichsten Urtel in einer noch fürchterlichern Sprache vorzutragen. Der Arzt endlich glaubt sich wirklich deiner bemächtiget zu haben, wann er durch eine Legion barbarischer Wörter die Gesunden krank und die Kranken noch kränker machen kann. Aber, o betrogene Toren! die Wahrheit läßt euch nicht lange in diesem sie schimpfenden Irrtume. Es kommen Gelegenheiten, wo ihr selbst erkennet, wie mangelhaft euer Wissen sei; voll tollen Hochmuts beurteilet ihr alsdann alle menschliche Erkenntnis nach der eurigen und ruft wohl gar in einem Tone, welcher alle Sterbliche zu bejammern scheinet, aus: Unser Wissen ist Stückwerk! Nein, glaube mir, mein lieber Anton: der Mensch ist allerdings einer allgemeinen Erkenntnis fähig. Es leugnen, heißt ein Bekenntnis seiner Faulheit oder seines mäßigen Genies ablegen. Wenn ich erwäge, wieviel ich schon nach meinen wenigen Jahren verstehe, so werde ich von dieser Wahrheit noch mehr überzeugt. Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Englisch, Italienisch—das sind sechs Sprachen, die ich alle vollkommen besitze: und bin erst zwanzig Jahr alt!

Anton. Sachte! Sie haben eine vergessen; die deutsche—

Damis. Es ist wahr, mein lieber Anton; das sind also sieben Sprachen; und ich bin erst zwanzig Jahr alt!

Anton. Pfui doch, Herr! Sie haben mich oder sich selbst zum besten.
Sie werden doch das, daß Sie Deutsch können, nicht zu Ihrer
Gelehrsamkeit rechnen? Es war ja mein Ernst nicht.—

Damis. Und also denkst du wohl selber Deutsch zu können?

Anton. Ich? ich? nicht Deutsch! Es wäre ein verdammter Streich, wenn ich Kalmuckisch redete und wüßte es nicht.

Damis. Unter können und können ist ein Unterschied. Du kannst Deutsch, das ist: du kannst deine Gedanken mit Tönen ausdrücken, die einem Deutschen verständlich sind; das ist, die ebendie Gedanken in ihm erwecken, die du bei dir hast. Du kannst aber nicht Deutsch, das ist: du weißt nicht, was in dieser Sprache gemein oder niedrig, rauh oder annehmlich, undeutlich oder verständlich, alt oder gebräuchlich ist; du weißt ihre Regeln nicht; du hast keine gelehrte Kenntnis von ihr.

Anton. Was einem die Gelehrten nicht weismachen wollen! Wenn es nur auf Ihr "das ist" ankäme, ich glaube, Sie stritten mir wohl gar noch ab, daß ich essen könnte.

Damis. Essen? Je nun wahrhaftig, wenn ich es genau nehmen will, so kannst du es auch nicht.

Anton. Ich? ich nicht essen? Und trinken wohl auch nicht?

Damis. Du kannst essen, das ist: du kannst die Speisen zerschneiden, in Mund stecken, kauen, herunterschlucken und so weiter. Du kannst nicht essen, das ist: du weißt die mechanischen Gesetze nicht, nach welchen es geschiehet; du weißt nicht, welches das Amt einer jeden dabei tätigen Muskel ist; ob der Digastrikus oder der Masseter, ob der Pterygoideus internus oder externus, ob der Zygomatikus oder der Platysmamyodes, ob—

Anton. Ach ob, ob! Das einzige Ob, worauf ich sehe, ist das, ob mein
Magen etwas davon erhält und ob mir's bekömmt.—Aber wieder auf die
Sprache zu kommen. Glauben Sie wohl, daß ich eine verstehe, die Sie
nicht verstehen?

Damis. Du, eine Sprache, die ich nicht verstünde?

Anton. Ja; raten Sie einmal.

Damis. Kannst du etwa Koptisch?

Anton. Foptisch? Nein, das kann ich nicht.

Damis. Chinesisch? Malabarisch? Ich wüßte nicht woher.

Anton. Wie Sie herumraten. Haben Sie meinen Vetter nicht gesehn? Er besuchte mich vor vierzehn Tagen. Der redete nichts als diese Sprache.

Damis. Der Rabbi, der vor kurzen zu mir kam, war doch wohl nicht dein
Vetter?

Anton. Daß ich nicht gar ein Jude wäre! Mein Vetter war ein Wende; ich kann Wendisch; und das können Sie nicht.

Damis (nachsinnend). Er hat recht.—Mein Bedienter soll eine Sprache verstehen, die ich nicht verstehe? Und noch dazu eine Hauptsprache? Ich erinnere mich, daß ihre Verwandtschaft mit der hebräischen sehr groß sein soll. Wer weiß, wieviel Stammwörter, die in dieser verloren sind, ich in jener entdecken könnte!—Das Ding fängt mir an, im Kopfe herumzugehen!

Anton. Sehen Sie!—Doch wissen Sie was? Wenn Sie mir meinen Lohn verdoppeln, so sollen Sie bald so viel davon verstehen als ich selbst. Wir wollen fleißig miteinander wendisch parlieren, und—Kurz, überlegen Sie es. Ich vergesse über dem verdammten Plaudern meinen Gang auf den Ratskeller ganz und gar. Ich bin gleich wieder zu Ihren Diensten.

Damis. Bleib itzt hier; bleib hier.

Anton. Aber Ihr Herr Vater kömmt. Hören Sie? Wir könnten doch nicht weiterreden. (Geht ab.)

Damis. Wenn mich doch mein Vater ungestört lassen wollte. Glaubt er denn, daß ich so ein Müßiggänger bin wie er?

Zweiter Auftritt

Damis. Chrysander.

Chrysander. Immer über den verdammten Büchern! Mein Sohn, zuviel ist zuviel. Das Vergnügen ist so nötig als die Arbeit.

Damis. O Herr Vater, das Studieren ist mir Vergnügens genug. Wer neben den Wissenschaften noch andere Ergötzungen sucht, muß die wahre Süßigkeit derselben noch nicht geschmeckt haben.

Chrysander. Das sage nicht! Ich habe in meiner Jugend auch studiert; ich bin bis auf das Mark der Gelehrsamkeit gekommen. Aber daß ich beständig über den Büchern gelegen hätte, das ist nicht wahr. Ich ging spazieren; ich spielte; ich besuchte Gesellschaften; ich machte Bekanntschaft mit Frauenzimmern. Was der Vater in der Jugend getan hat, kann der Sohn auch tun; soll der Sohn auch tun. A bove majori discat arare minor! wie wir Lateiner reden. Besonders das Frauenzimmer laß dir, wie wir Lateiner reden, de meliori empfohlen sein! Das sind Narren, die einen jungen Menschen vor das Frauenzimmer ärger als vor Skorpionen warnen; die es ihm, wie wir Lateiner reden, cautius sanguine viperino zu fliehen befehlen.—

Damis. Cautius sanguine viperino? Ja, das ist noch Latein! Aber wie heißt die ganze Stelle?

Cur timet flavum Tiberim tangere? cur olivum Sanguine viperino Cautius vitat?—

Oh, ich höre schon, Herr Vater, Sie haben auch nicht aus der Quelle
geschöpft! Denn sonst würden Sie wissen, daß Horaz in ebender Ode die
Liebe als eine sehr nachteilige Leidenschaft beschreibt, und das
Frauenzimmer—

Chrysander. Horaz! Horaz! Horaz war ein Italiener und meinet das italienische Frauenzimmer. Ja vor dem italienischen warne ich dich auch! das ist gefährlich! Ich habe einen guten Freund, der in seiner Jugend—Doch still! man muß kein Ärgernis geben.—Das deutsche Frauenzimmer hingegen, o das deutsche! mit dem ist es ganz anders beschaffen.—Ich würde der Mann nicht geworden sein, der ich doch bin, wenn mich das Frauenzimmer nicht vollends zugestutzt hätte. Ich dächte, man sähe mir's an. Du hast tote Bücher genug gelesen; guck einmal in ein lebendiges!

Damis. Ich erstaune—

Chrysander. O du wirst noch mehr erstaunen, wenn du erst tiefer hineingehen wirst. Das Frauenzimmer, mußt du wissen, ist für einen jungen Menschen eine neue Welt, wo man so viel anzugaffen, so viel zu bewundern findet—

Damis. Hören Sie mich doch! Ich erstaune, will ich sagen, Sie eine Sprache führen zu hören, in der wahrhaftig diejenigen Vorschriften nicht ausgedruckt waren, die Sie mir mit auf die hohe Schule gaben.

Chrysander. Quae, qualis, quanta! Jetzt und damals! Tempora mutantur! wie wir Lateiner sagen.

Damis. Tempora mutantur? Ich bitte Sie, legen Sie doch die
Vorurteile des Pöbels ab. Die Zeiten ändern sich nicht. Denn lassen
Sie uns einmal sehen: was ist die Zeit?—

Chrysander. Schweig! die Zeit ist ein Ding, das ich mir mit deinem unnützen Geplaudre nicht will verderben lassen. Meine damaligen Vorschriften waren nach dem damaligen Maße deiner Erfahrung und deines Verstandes eingerichtet. Nun aber traue ich dir von beiden so viel zu, daß du Ergötzlichkeiten nicht zu Beschäftigungen machen wirst. Aus diesem Grunde rate ich dir also—

Damis. Ihre Reden haben einigen Schein der Wahrheit. Allein ich dringe tiefer. Sie werden es gleich sehen. Der Status Controversiä ist—

Chrysander. Ei, der Status Controversiä mag meinetwegen in Barbara oder in Celarent sein. Ich bin nicht hergekommen mit dir zu disputieren, sondern—

Damis. Die Kunstwörter des Disputierens zu lernen? Wohl! Sie müssen also wissen, daß weder Barbara noch Celarent den Statum—

Chrysander. Ich möchte toll werden! Bleib Er mir, Herr Informator, mit den Possen weg, oder—

Damis. Possen? diese seltsamen Benennungen sind zwar Überbleibsel der scholastischen Philosophie, das ist wahr; aber doch solche Überbleibsel—

Chrysander. Über die ich die Geduld verlieren werde, wann du mich nicht bald anhörst. Ich komme in der ernsthaftesten Sache von der Welt zu dir,—denn was ist ernsthafter als heiraten?—und du—

Damis. Heiraten? Des Heiratens wegen zu mir? zu mir?

Chrysander. Ha! ha! Macht dich das aufmerksam? Also ausculta et perpende!

Damis. Ausculta et perpende? ausculta et perpende? Ein glücklicher
Einfall—

Chrysander. Oh, ich habe Einfälle—

Damis. Den ich da bekomme!

Chrysander. Du?

Damis. Ja, ich. Wissen Sie, wo sich dieses ausculta et perpende herschreibt? Eben mache ich die Entdeckung; aus dem Homer. O was finde ich nicht alles in meinem Homer?

Chrysander. Du und dein Homer, ihr seid ein paar Narren!

Damis. Ich und Homer? Homer und ich? wir beide? Hi! hi! hi! Gewiß, Herr Vater? O ich danke, ich danke. Ich und Homer! Homer und ich! —Aber hören Sie nur: sooft Homer—er war wirklich kein Narr, so wenig wie ich—sooft er, sag ich, seine Helden den Soldaten zur Tapferkeit ermuntern oder in dem Kriegsrate eine Beratschlagung anheben läßt; sooft ist auch der Anfang ihrer Rede: Höret, was ich vortragen werde, und überlegt es! Zum Exempel in der Odyssee:

"Keklute dae nun meu, Ithakhsioi, oti ken eipo." [Greek]

Und darauf folgt denn auch oft:

"Oy eiath' oi d' ara tau mala men chluon, aed' epithonto," [Greek]

das ist: so sprach er, und sie gehorchten dem, was sie gehöret hatten.

Chrysander. Gehorchten sie ihm? Nu, das ist vernünftig! Homer mag doch wohl kein Narr sein. Sieh zu, daß ich von dir auch widerrufen kann. Denn wieder zur Sache: ich kenne, mein Sohn—

Damis. Einen kleinen Augenblick Geduld, Herr Vater. Ich will mich nur hinsetzen und diese Anmerkung aufschreiben.

Chrysander. Aufschreiben? was ist hier aufzuschreiben? Wem liegt daran, ob das Sprüchelchen aus dem Homer oder aus dem Gesangbuche ist?

Damis. Der gelehrten Welt liegt daran; meiner und Homers Ehre lieget daran! Denn ein Halbhundert solche Anmerkungen machen einen Philologen. Und sie ist neu, muß ich Ihnen sagen, sie ist ganz neu.

Chrysander. So schreib sie ein andermal auf.

Damis. Wenn sie mir aber wieder entfiele? Ich würde untröstlich sein.
Haben Sie wenigstens die Gütigkeit, mich wieder daran zu erinnern.

Chrysander. Gut, das will ich tun; höre mir nur jetzt zu. Ich kenne, mein Sohn, ein recht allerliebstes Frauenzimmer; und ich weiß, du kennst es auch. Hättest du wohl Lust—

Damis. Ich soll ein Frauenzimmer, ein liebenswürdiges Frauenzimmer kennen? Oh, Herr Vater, wenn das jemand hörte, was würde er von meiner Gelehrsamkeit denken?—Ich ein liebenswürdiges Frauenzimmer?—

Chrysander. Nun wahrhaftig; ich glaube nicht, daß ein Gastwirt so
erschrecken kann, wenn man ihm schuld gibt, er kenne den oder jenen
Spitzbuben, als du erschrickst, weil du ein Frauenzimmer kennen sollst.
Ist denn das ein Schimpf?

Damis. Wenigstens ist es keine Ehre, besonders für einen Gelehrten. Mit wem man umgeht, dessen Sitten nimmt man nach und nach an. Jedes Frauenzimmer ist eitel, hoffärtig, geschwätzig, zänkisch und zeitlebens kindisch, es mag so alt werden, als es will. Jedes Frauenzimmer weiß kaum, daß es eine Seele hat, um die es unendlich mehr besorgt sein sollte als um den Körper. Sich ankleiden, auskleiden und wieder anders ankleiden; vor dem Spiegel sitzen, seinen eignen Reiz bewundern; auf ausgekünstelte Mienen sinnen; mit neugierigen Augen müßig an dem Fenster liegen: unsinnige Romane lesen und aufs höchste zum Zeitvertreibe die Nadel zur Hand nehmen: das sind seine Beschäftigungen; das ist sein Leben. Und Sie glauben, daß ein Gelehrter, ohne Nachteil seines guten Namens, solche närrische Geschöpfe weiter als ihrer äußerlichen Gestalt nach kennen dürfe?

Chrysander. Mensch, Mensch! deine Mutter kehrt sich im Grabe um. Bedenke doch, daß sie auch ein Frauenzimmer war! Bedenke doch, daß die Dinger von Natur nun einmal nicht anders sind! Obschon, wie wir Lateiner zu reden pflegen, nulla regula sine exceptione. Und so eine Exzeption ist sicherlich das Mädchen, das ich jetzt im Kopfe habe und das du kennst.—

Damis. Nein, nein! ich schwöre es Ihnen zu; unsere Muhmen ausgenommen und Julianen—

Chrysander. Und Julianen? bene!—

Damis. Und ihr Mädchen ausgenommen, kenne ich kein einziges Weibsbild. Ja, der Himmel soll mich strafen, wenn ich mir jemals in den Sinn kommen lasse, mehrere kennenzulernen!

Chrysander. Je nun, auch das! wie du willst! Genug, Julianen, die kennst du.

Damis. Leider!

Chrysander. Und eben Juliane ist es, über die ich deine Gedanken vernehmen möchte.—

Damis. Über Julianen? meine Gedanken über Julianen? O Herr Vater, wenn Sie noch meine Gedanken über Erinnen oder Korinnen, über Telesillen oder Praxillen verlangten—

Chrysander. Schocktausend! was sind das für Illen? Den Augenblick schwur er, er kenne kein Frauenzimmer, und nun nennt er ein halb Dutzend Menscher.—

Damis. Menscher? Herr Vater!

Chrysander. Ja, Herr Sohn, Menscher! Die Endung gibt's gewiß nicht?
Netrix, Lotrix, Meretrix.—

Damis. Himmel, Menscher! griechische berühmte Dichterinnen Menscher zu nennen!—

Chrysander. Ja, ja, Dichterinnen! das sind mir eben die rechten.
Lotrix, Meretrix, Poetrix—

Damis. Poetrix? O wehe, meine Ohren! Poetria müßten Sie sagen: oder
Poetris—

Chrysander. Is oder ix, Herr Buchstabenkrämer!

Dritter Auftritt

Chrysander. Damis. Lisette.

Lisette. Hurtig herunter in die Wohnstube, Herr Chrysander! Man will
Sie sprechen.

Chrysander. Nun, was für ein Narr muß mich jetzo stören? Wer ist es denn?

Lisette. Soll ich alle Narren kennen?

Chrysander. Was sagst du? Du hast ein unglückliches Maul, Lisette.
Einen ehrlichen Mann einen Narren zu schimpfen? Denn ein ehrlicher
Mann muß es doch sein; was wollte er sonst bei mir?

Lisette. Nu, nu; verzeihen Sie immer meinem Maule den Fehler des
Ihrigen.

Chrysander. Den Fehler des meinigen?

Lisette. O gehen Sie doch! der ehrliche Mann wartet.

Chrysander. Laß ihn warten. Habe ich doch den Narren nicht kommen heißen.—Ich werde gleich wieder da sein, mein Sohn.

Lisette (beiseite). Ich muß doch sehen, ob ich aus dem wunderlichen
Einfall meiner Jungfer etwas machen kann.

Vierter Auftritt

Lisette. Damis.

Damis. Nun? geht Lisette nicht mit?

Lisette. Ich bin Ihre gehorsamste Dienerin. Wenn Sie befehlen, so werde ich gehorchen. Aber nur eines möchte ich erst wissen. Sagen Sie mir, um des Himmels willen, wie können Sie beständig so allein sein? Was machen Sie denn den ganzen Tag auf Ihrer Studierstube? Werden Ihnen denn nicht alle Augenblicke zu Stunden?

Damis. Ach, was nutzen die Fragen? Fort! fort!

Lisette. Über den Büchern können Sie doch unmöglich die ganze Zeit liegen. Die Bücher, die toten Gesellschafter! Nein, ich lobe mir das Lebendige; und das ist auch Mamsell Julianens Geschmack. Zwar dann und wann lesen wir auch; einen irrenden Ritter, eine Banise, und so etwas Gutes; aber länger als eine Stunde halten wir es hintereinander nicht aus. Ganze Tage damit zuzubringen wie Sie, hilf Himmel! in den ersten dreien wären wir tot. Und vollends nicht ein Wort dabei zu reden wie Sie; das wäre unsre Hölle. Ein Vorzug des ganzen männlichen Geschlechts kann es nicht sein, weil ich Mannspersonen kenne, die so flüchtig und noch flüchtiger sind als wir. Es müssen nur sehr wenig große Geister diese besondere Gaben besitzen.—

Damis. Lisette spricht so albern eben nicht. Es ist schade, daß ein so guter Mutterwitz nicht durch die Wissenschaften ausgebessert wird.

Lisette. Sie machen mich schamrot. Bald dürfte ich mich dafür rächen und Ihnen die Lobeserhebungen nacheinander erzählen, die Ihnen von der gestrigen Gartengesellschaft gemacht wurden. Doch ich will Ihre Bescheidenheit nicht beleidigen. Ich weiß, die Gelehrten halten auf diese Tugend allzuviel.

Damis. Meine Lobeserhebungen? meine?

Lisette. Ja, ja, die Ihrigen.

Damis. O besorge Sie nichts, meine liebe Lisette. Ich will sie als die Lobeserhebungen eines andern betrachten, und so kann meine Bescheidenheit zufrieden sein. Erzähle Sie mir sie nur. Bloß wegen Ihrer lebhaften und ungekünstelten Art, sich auszudrücken, wünsche ich sie zu hören.

Lisette. O meine Art ist wohl keine von den besten. Es hat mir ein
Lehrmeister wie Sie gefehlt. Doch ich will Ihrem Befehle gehorchen.
Sie wissen doch wohl, wer die Herren waren, die gestern bei Ihrem
Herrn Vater im Garten schmauseten?

Damis. Nein, wahrhaftig nicht. Weil ich nicht dabeisein wollte, so habe ich mich auch nicht darum bekümmert. Hoffentlich aber werden es Leute gewesen sein, die selbst lobenswürdig sind, daß man sich also auf ihr Lob etwas einbilden kann.

Lisette. Das sind sie so ziemlich. Was würde es Ihnen aber verschlagen, wenn sie es auch nicht wären? Sie wollen ja Ihre Lobeserhebungen aus Bescheidenheit als fremde betrachten. Und hängt denn die Wahrheit von dem Munde desjenigen ab, der sie vorträgt? Hören Sie nur—

Damis. Himmel! ich höre meinen Vater wiederkommen. Um Gottes willen, liebe Lisette, daß er nicht merkt, daß Sie sich so lange bei mir aufgehalten hat. Geh Sie hurtig unterdessen in das Kabinett.

Fünfter Auftritt

Damis. Chrysander.

Chrysander. Der verzweifelte Valer! er hätte mir zu keiner ungelegnern Zeit kommen können. Muß ihn denn der Henker eben heute von Berlin zurückführen? Und muß er sich denn eben gleich bei mir anmelden lassen? Hui daß—Nein, Herr Valer, damit kommen Sie zu spät. —Nun mein Sohn—(Damis steht zerstreut, als in tiefen Gedanken.) Hörst du, mein Sohn?

Damis. Ich höre; ich höre alles.

Chrysander. Kurz, du merkst doch, wo ich vorhin hinauswollte? Einem
Klugen sind drei Worte genug. Sapienti sat! sagen wir Lateiner.
—Antworte doch—

Damis (noch immer als in Gedanken). Was ist da zu antworten?—

Chrysander. Was da zu antworten ist?—Das will ich dir sagen. —Antworte, daß du mich verstanden; daß dir mein Antrag lieb ist; daß dir Juliane gefällt; daß du mir in allem gehorchen willst.—Nun, antwortest du das?—

Damis. Ich will gleich sehn—(Indem er in der angenommenen
Zerstreuung nach einem Buche greift.)

Chrysander. Was kann in dem Buche davon stehen?—Antworte aus dem Herzen und nicht aus dem Buche.—Ex libro doctus quilibet esse potest; sagen wir Lateiner.—

Damis (als ob er in dem Buche läse). Vollkommen recht! Aber nun wie weiter?—

Chrysander. Das weitere gibt sich, wie 's Griechische. Du sagst ja; sie sagt ja; damit wird Verlöbnis; und bald darauf wird Hochzeit; und alsdenn—Du wirst schon sehen, wie's alsdenn weitergeht.—

Damis. Wenn nun aber diese Voraussetzung—(Immer noch als ob er läse.)

Chrysander. Ei, ich setze nichts voraus, was im geringsten zweifelhaft wäre. Juliane ist eine Waise; ich bin ihr Vormund; ich bin dein Vater; was muß mir angelegner sein, als euch beide glücklich zu machen? Ihr Vater war mein Freund und war ein ehrlicher Mann, obgleich ein Narr. Er hätte einen honetten Bankerott machen können; seine Gläubiger würden aufs Drittel mit sich haben akkordieren lassen; und er war so einfältig und bezahlte bis auf den letzten Heller. Wie ist mir denn? hast du ihn nicht gekannt?

Damis. Von Person nicht. Aber seine Lebensumstände sind mir ganz wohl bewußt. Ich habe sie, ich weiß nicht in welcher Biographie, gelesen'

Chrysander. Gelesen? gedruckt gelesen?

Damis. Ja, ja; gelesen. Er ward gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts geboren und ist, etwa vor zwanzig Jahren, als Generalsuperintendent in Pommern gestorben. In orientalischen Sprachen war seine vornehmste Stärke. Allein seine Bücher sind nicht alle gleich gut. Dieses ist noch eines von den besten. Eine besondere Gewohnheit soll der Mann an sich gehabt haben—

Chrysander. Von wem sprichst denn du?

Damis. Sie fragen mich ja, ob mir der Verfasser dieses Buchs bekannt wäre?

Chrysander. Ich glaube, du träumest; oder es geht gar noch etwas Ärgers in deinem Gehirne vor. Ich frage dich, ob du Julianens Vater noch gekannt hast?

Damis. Verzeihen Sie mir, wann ich ein wenig zerstreut geantwortet habe! Ich dachte eben nach,—warum wohl die Rabbinen—das Schurek M'lo Pum heißen.

Chrysander. Mit dem verdammten Schurek! Gib doch auf das acht, was der Vater mit dir spricht!—(Er nimmt ihm das Buch aus der Hand.) Du hast ihn also nicht gekannt? Ich besinne mich; es ist auch nicht wohl möglich. Als er starb, war Juliane noch sehr jung. Ich nahm sie gleich nach seinem Tode in mein Haus, und Gott sei Dank! sie hat viel Wohltaten hier genossen. Sie ist schön, sie ist tugendhaft; wem sollte ich sie also lieber gönnen als dir? Was meinst du?—Antworte doch! Stehst du nicht da, als wenn du schliefest!—

Damis. Ja, ja, Herr Vater. Nur eins ist noch dabei zu erwägen.—

Chrysander. Du hast recht; freilich ist noch eins dabei zu erwägen: ob du dich nämlich geschickt befindest, bald ein öffentliches Amt anzunehmen, weil doch—

Damis. Wie? geschickt? geschickt? Sie zweifeln also an meiner Geschicklichkeit?—Wie unglücklich bin ich, daß ich Ihnen nicht sogleich die unwidersprechlichsten Beweise geben kann! Doch es soll noch diesen Abend geschehen. Glauben Sie mir, noch diesen Abend.—Die verdammte Post! Ich weiß auch nicht, wo sie bleibt.

Chrysander. Beruhige dich nur, mein Sohn. Die Frage geschahe eben aus keinem Mißtrauen, sondern bloß weil ich glaube, es schicke sich nicht, eher zu heiraten, als bis man ein Amt hat; so wie es sich, sollte ich meinen, auch nicht wohl schickt, eher ein Amt anzunehmen, als bis man weiß, woher man die Frau bekommen will.

Damis. Ach, was heiraten? was Frau? Erlauben Sie mir, daß ich Sie allein lasse. Ich muß ihn gleich wieder auf die Post schicken. Anton! Anton! Doch es ist mit dem Schlingel nichts anzufangen; ich muß nur selbst gehen.

Sechster Auftritt

Anton. Chrysander.

Anton. Rufte mich nicht Herr Damis? Wo ist er? was soll ich?

Chrysander. Ich weiß nicht, was ihm im Kopfe steckt. Er ruft dich; er will dich auf die Post schicken; er besinnt sich, daß mit dir Schlingel nichts anzufangen ist, und geht selber. Sage mir nur, willst du zeitlebens ein Esel bleiben?

Anton. Gemach, Herr Chrysander! ich nehme an den Torheiten Ihres
Sohnes keinen Teil. Mehr als zwölfmal habe ich ihm heute schon auf
die Post laufen müssen. Er verlangt Briefe von Berlin. Ist es meine
Schuld, daß sie nicht kommen?

Chrysander. Der wunderliche Heilige! Du bist aber nun schon so lange um ihn; solltest du nicht sein Gemüt, seine Art zu denken ein wenig kennen?

Anton. Ha! ha! das kömmt darauf hinaus, was wir Gelehrten die Kenntnis der Gemüter nennen? Darin bin ich Meister; bei meiner Ehre! Ich darf nur ein Wort mit einem reden; ich darf ihn nur ansehen: husch, habe ich den ganzen Menschen weg! Ich weiß sogleich, ob er vernünftig oder eigensinnig, ob er freigebig oder ein Knicker—

Chrysander. Ich glaube gar, du zeigst auf mich?

Anton. O kehren Sie sich an meine Hände nicht!—Ob er—

Chrysander. Du sollst deine Kunst gleich zeigen! Ich habe meinem Sohne eine Heirat vorgeschlagen: nun sage einmal, wenn du ihn kennst, was wird er tun?

Anton. Ihr Herr Sohn? Herr Damis? Verzeihen Sie mir, bei dem geht meine Kunst, meine sonst so wohl versuchte Kunst, betteln.

Chrysander. Nu, Schurke, so geh mit und prahle nicht!

Anton. Die Gemütsart eines jungen Gelehrten kennen wollen und etwas daraus schließen wollen, ist unmöglich; und was unmöglich ist, Herr Chrysander—das ist unmöglich.

Chrysander. Und wieso?

Anton. Weil er gar keine hat.

Chrysander. Gar keine?

Anton. Nein, nicht gar keine; sondern alle Augenblicke eine andre. Die Bücher und die Exempel, die er liest, sind die Winde, nach welchen sich der Wetterhahn seiner Gedanken richtet. Nur bei dem Kapitel vom Heiraten stehenzubleiben, weil das einmal auf dem Tapete ist, so besinne ich mich, daß—Denn vor allen Dingen müssen Sie wissen, daß Herr Damis nie etwas vor mir verborgen hat. Ich bin von jeher sein Vertrauter gewesen und von jeher der, mit dem er sich immer am liebsten abgegeben hat. Ganze Tage, ganze Nächte haben wir manchmal auf der Universität miteinander disputiert. Und ich weiß nicht, er muß doch so etwas an mir finden; etwa eine Eigenschaft, die er an andern nicht findet—

Chrysander. Ich will dir sagen, was das für eine Eigenschaft ist: deine Dummheit! Es ergötzt ihn, wenn er sieht, daß er gelehrter ist als du. Bist du nun vollends ein Schalk und widersprichst ihm nicht und lobst ihn ins Gesicht und bewunderst ihn—

Anton. Je verflucht! da verraten Sie mir ja meine ganze Politik! Wie schlau ein alter Kaufmann nicht ist!

Chrysander. Aber vergiß das Hauptwerk nicht! Vom Heiraten—

Anton. Ja darüber hat er schon Teufelsgrillen im Kopfe gehabt. Zum
Exempel: ich weiß die Zeit, da er gar nicht heiraten wollte.

Chrysander. Gar nicht? so muß ich noch heiraten. Ich werde doch meinen Namen nicht untergehen lassen? Der Bösewicht! Aber warum denn nicht?

Anton. Darum: weil es einmal Gelehrte gegeben hat, die geglaubt haben, der ehelose Stand sei für einen Gelehrten der schicklichste. Gott weiß, ob diese Herren allzu geistlich oder allzu fleischlich sind gesinnt gewesen! Als ein künftiger Hagestolz hatte er sich schon auf verschiedene sinnreiche Entschuldigungen gefaßt gemacht.—

Chrysander. Auf Entschuldigungen? kann sich so ein ruchloser Mensch, der dieses heilige Sakrament—Denn im Vorbeigehen zu sagen, ich bin mit unsern Theologen gar nicht zufrieden, daß sie den Ehestand für kein Sakrament wollen gelten lassen—der, sage ich, dieses heilige Sakrament verachtet, kann der sich noch unterstehen, seine Gottlosigkeit zu entschuldigen? Aber, Kerl, ich glaube, du machst mir etwas weis; denn nur vorhin schien er ja meinen Vorschlag zu billigen.

Anton. Das ist unmöglich richtig zugegangen. Wie stellte er sich dabei an? Lassen Sie sehen; stand er etwa da, als wenn er vor den Kopf geschlagen wäre? sahe er etwa steif auf die Erde? legte er etwa die Hand an die Stirne? griff er etwa nach einem Buche, als wenn er darin lesen wollte? ließ er Sie etwa ungestört fortreden?

Chrysander. Getroffen! du malst ihn, als ob du ihn gesehen hättest.

Anton. O da sieht es windig aus! Wann er es so macht, will er haben, daß man ihn für zerstreut halten soll. Ich kenne seine Mucken. Er hört alsdenn alles, was man ihm sagt; allein die Leute sollen glauben, er habe es vor vielem Nachsinnen nicht gehört. Er antwortet zuweilen auch; wenn man ihm aber seine Antwort wieder vorlegt, so wird er nimmermehr zugestehen, daß sie auf das gegangen sei, was man von ihm hat wissen wollen.

Chrysander. Nun, wer noch nicht gestehen will, daß zu viel Gelehrsamkeit den Kopf verwirre, der verdient es selber zu erfahren. Gott sei Dank, daß ich in meiner Jugend gleich das rechte Maß zu treffen wußte! Omne nimium vertitur in vitulum: sagen wir Lateiner sehr spaßhaft.—Aber Gott sei dem Bösewichte gnädig, wann er auf dem Vorsatze verharret! Wann er behauptet, es sei nicht nötig, zu heiraten und Kinder zu zeugen, will er mir damit nicht zu verstehn geben, es sei auch nicht nötig gewesen, daß ich ihn gezeugt habe? Der undankbare Sohn!

Anton. Es ist wahr, kein größter Undank kann unter der Sonne sein, als wenn ein Sohn die viele Mühe nicht erkennen will, die sein Vater hat über sich nehmen müssen, um ihn in die Welt zu setzen.

Chrysander. Nein; gewiß, an mir soll der heilige Ehestand seinen
Verteidiger finden!

Anton. Der Wille ist gut; aber lauter solche Verteidiger würden die
Konsumtionsakzise ziemlich geringe machen.

Chrysander. Wieso?

Anton. Bedenken Sie es selbst! drei Weiber, und von der dritten kaum einen Sohn.

Chrysander. Kaum? was willst du mit dem, kaum sagen, Schlingel?

Anton. Hui, daß Sie etwas Schlimmers darunter verstehn als ich.

Chrysander. Zwar im Vertrauen, Anton: wenn die Weiber vor zwanzig Jahren so gewesen wären, wie die Weiber jetzo sind, ich würde auf wunderbare Gedanken geraten. Er hat gar zu wenig von mir! Doch die Weiber vor zwanzig Jahren waren so frech noch nicht wie die jetzigen; so treulos noch nicht, wie sie heutzutage sind; so lüstern noch nicht—

Anton. Ist das gewiß? Nun wahrhaftig, so hat man meiner Mutter unrecht getan, die vor 33 Jahren von ihrem Manne, der mein Vater nicht sein wollte, geschieden wurde! Doch das ist ein Punkt, woran ich nicht gern denke. Die Grillen Ihres Herrn Sohns sind lustiger.

Chrysander. Ärgerlicher, sprich! Aber sage mir, was waren denn seine Entschuldigungen?

Anton. Seine Entschuldigungen waren Einfälle, die auf seinem Miste nicht gewachsen waren. Er sagte zum Exempel, solange er unter vierzig Jahren sei und ihn jemand um die Ursache fragen würde, warum er nicht heirate, wolle er antworten, er sei zum Heiraten noch zu jung. Wäre er aber über vierzig Jahr, so wolle er sprechen, nunmehr sei er zum Heiraten zu alt. Ich weiß nicht, wie der Gelehrte hieß, der auch so soll gesagt haben.—Ein anderer Vorwand war der: er heiratete deswegen nicht, weil er alle Tage willens wäre, ein Mönch zu werden; und würde deswegen kein Mönch, weil er alle Tage gedächte zu heiraten.

Chrysander. Was? nun will er auch gar ein Mönch werden? Da sieht man,
wohin so ein böses Gemüt, das keine Ehrfurcht für den heiligen
Ehestand hat, verfallen kann! Das hätte ich nimmermehr in meinem
Sohne gesucht!

Anton. Sorgen Sie nicht! bei Ihrem Sohne ist alles nur ein Übergang. Er hatte den Einfall in der Lebensbeschreibung eines Gelehrten gelesen; er hatte Geschmack daran gefunden und sogleich beschlossen, ihn bei Gelegenheit als den seinen anzubringen. Bald aber ward die Grille von einer andern verjagt, so wie etwann, so wie etwann—Schade, daß ich kein Gleichnis dazu finden kann! Kurz, sie ward verjagt. Er wollte nunmehr heiraten, und zwar einen rechten Teufel von einer Frau.

Chrysander. Wenn doch den Einfall mehr Narren haben wollten, damit andre ehrliche Männer mit bösen Weibern verschont blieben.

Anton. Ja, meinte er: es würde doch hübsch klingen, wenn es einmal von ihm heißen könnte: unter die Zahl der Gelehrten, welche der Himmel mit bösen Weibern gestraft hat, gehöret auch der berühmte Damis; gleichwohl kann sich die gelehrte Welt nicht über ihn beklagen, daß ihn dieses Hauskreuz nur im geringsten abgehalten hätte, ihr mit unzählbaren gelehrten Schriften zu dienen.

Chrysander. Mit Schriften! ja, die mir am teuersten zu stehen kommen. Was für Rechnungen habe ich nicht schon an die Buchdrucker bezahlen müssen! Der Bösewicht!

Anton. Geduld! er hat auch erst angefangen zu schreiben! Es wird schon besser kommen.

Chrysander. Besser? vielleicht damit man ihn endlich einmal auch unter die zählen kann, die ihren Vater arm geschrieben haben!

Anton. Warum nicht? wenn es ihm Ehre brächte—

Chrysander. Die verdammte Ehre!

Anton. Um die tut ein junger Gelehrter alles! Wann es auch nach seinem Tode heißen sollte: unter diejenigen Gelehrten, die zum Teufel gefahren sind, gehört auch der berühmte Damis! was schadet das? Genug, er heißt gelehrt; er heißt berühmt—

Chrysander. Kerl, du erschreckst mich! Aber du, der du weit älter bist als er, kannst du ihn nicht dann und wann zurechte weisen?—

Anton. Oh, Herr Chrysander! Sie wissen wohl, daß ich keinen Gehalt als Hofmeister bekomme. Und dazu meine Dummheit—

Chrysander. Ja, die du annimmst, um ihn desto dümmer zu machen.

Anton (beiseite). St! der kennt mich.—Aber glauben Sie, daß ihm mit der bösen Frau ein Ernst war? Nichts weniger! Eine Stunde darauf wollte er sich eine gelehrte Frau aussuchen.

Chrysander. Nun, das wäre doch noch etwas Kluges!

Anton. Etwas Kluges? Nach meiner unvorgreiflichen Meinung ist es
gleich der dümmste Einfall, den er hat haben können. Eine gelehrte
Frau! bedenken Sie doch! eine gelehrte Frau; eine Frau wie Ihr Herr
Sohn! Zittern und Entsetzen möchte einem ehrlichen Kerl ankommen.
Wahrhaftig! ehe ich mir eine Gelehrte aufhängen ließ'—

Chrysander. Narre, Narre! sie gehen unter andern Leuten, als du bist, reißend weg. Wann ihrer nur viel wären, wer weiß, ob ich mir nicht selbst eine wählte.

Anton. Kennen Sie Karlinen?

Chrysander. Karlinen? Nein.

Anton. Meinen ehemaligen Kameraden? meinen guten Freund? kennen Sie den nicht?

Chrysander. Nein doch, nein.

Anton. Er trug ein hechtgraues Kleid mit roten Aufschlägen und auf seiner Sonntagsmontur rote und blaue Achselbänder. Sie müssen ihn bei mir gesehen haben. Er hatte eine etwas lange Nase. Sie war ein Erbstück; denn er wollte aus der Geschichte wissen, daß schon sein Ururältervater, der ehedem einem gewissen Turnier als Stallknecht beigewohnt, eine ebenso lange gehabt habe. Sein einziger Fehler war, daß er etwas krumme Beine hatte. Besinnen Sie sich nun?

Chrysander. Soll ich denn alle das Lumpengesindel kennen, das du kennst? Und was willst du denn mit ihm?

Anton. Sie kennen ihn also im Ernste nicht? Oh! da kennen Sie einen sehr großen Geist weniger. Ich will Sie zu seiner Bekanntschaft verhelfen; ich gelte etwas bei ihm.

Chrysander. Ich glaube, du schwärmst manchmal so gut als mein Sohn.
Wie kömmst du denn auf die Possen?

Anton. Eben der Karlin, will ich sagen—Oh! es ist ärgerlich, daß Sie ihn nicht kennen.—Eben der Karlin, sage ich, hat einmal bei einem Herrn gedient, der eine gelehrte Frau hatte. Der verzweifelte Vogel—er sah gut aus, und wie nun der Appetit sich nach dem Stande nicht richtet—kurz, er mußte sie näher gekannt haben. Wo hätte er sonst so viel Verstand her? Endlich merkte es auch sein Herr, daß er bei der Frau in die Schule ging. Er bekam seinen Abschied, ehe er sich's versah. Die arme Frau!

Chrysander. Ach schweig! ich mag weder deine noch meines Sohnes
Grillen länger mit anhören.

Anton. Noch eine hören Sie; und zwar die, welche zuletzt seine
Leibgrille ward: er wollte mehr als eine Frau heiraten.

Chrysander. Aber eine nach der andern.

Anton. Nein, wenigstens ein halb Dutzend auf einmal. Der Bibel, der
Obrigkeit und dem Gebrauche zum Trutze! Er las damals gleich ein
Buch—

Chrysander. Die verdammten Bücher! Kurz, ich will nicht weiter hören. Es soll ihm schon vergehen, mehr als eine zu nehmen, wenn er nur erst die genommen hat, die ich jetzt für ihn im Kopfe habe. Und was meinest du wohl, Anton? quid putas? wie wir Lateiner reden; wird er's tun?

Anton. Vielleicht; vielleicht nicht. Wenn ich wüßte, was er für ein Buch zuletzt gelesen hätte, und wenn ich dieses Buch selbst lesen könnte, und wenn—

Chrysander. Ich sehe schon, ich werde deine Hilfe nötig haben. Du bist zwar ein Gauner, aber ich weiß auch, man kömmt jetzt mit Betrügern weiter als mit ehrlichen Leuten.

Anton. Ei, Herr Chrysander, für was halten Sie mich?

Chrysander. Ohne Komplimente, Herr Anton! ich verspreche dir eine Belohnung, die deinen Verdiensten gemäß sein soll, wenn du meinen Sohn quovis modo, wie wir Lateiner reden, durch Wahrheiten oder durch Lügen, durch Ernst oder durch Schraubereien, vel sic vel aliter, wie wir Lateiner reden, Julianen zu heiraten bereden kannst.

Anton. Wen? Julianen?

Chrysander. Julianen; illam ipsam.

Anton. Unsere Mamsell Juliane? Ihr Mündel? Ihre Pflegetochter?

Chrysander. Kennst du eine andre?

Anton. Das ist unmöglich, oder das, was ich von ihr gehört habe, muß nicht wahr sein.

Chrysander. Gehört? so? hast du etwas von ihr gehört? doch wohl nichts Böses.

Anton. Nichts Gutes war es freilich nicht.

Chrysander. Ei! ich habe auf das Mädchen so große Stücken gehalten.
Sie wird doch nicht etwa mit einem jungen Kerl—he?

Anton. Wann es nichts mehr wäre! so ein klein Fehlerchen entschuldigt die Mode. Aber, es ist noch etwas weit Ärgers für eine gute Jungfer, die gerne nicht länger Jungfer sein möchte.

Chrysander. Noch etwas weit Ärgers? ich versteh dich nicht.

Anton. Und Sie sind gleichwohl ein Kaufmann?

Chrysander. Noch etwas weit Ärgers? Ich habe immer geglaubt,
Eingezogenheit und gute Sitten wären das Vornehmste—

Anton. Nicht mehr! nicht mehr! vor zwanzig Jahren wohl, wie Sie vorher selbst weislich erinnerten.

Chrysander. Nun so erkläre dich deutlicher. Ich habe nicht Lust, deine närrischen Gedanken zu erraten.

Anton. Und nichts ist doch leichter. Mit einem Worte: sie soll kein
Geld haben. Man hat mir gesagt, in Ansehung ihres Vaters, der Ihr
guter Freund gewesen wäre, hätten Sie Julianen, von ihrem neunten
Jahre an, zu sich genommen und aus Barmherzigkeit erzogen.

Chrysander. Da hat man dir nun wohl keine Lügen gesagt; gleichwohl aber soll sie doch kein andrer haben als mein Sohn, wann nur er—Denn sieh, Anton, ich muß dir das ganze Rätsel erklären.—Es liegt nur an mir, Julianen in kurzer Zeit reich zu machen.

Anton. Ja, durch Ihr eigen Geld; und auf diese Art könnten Sie auch mich wohl reich machen. Wollen Sie so gut sein?

Chrysander. Nein, nicht durch mein eigen Geld.—Kannst du schweigen?

Anton. Versuchen Sie es.

Chrysander. Höre also; mit Julianens Vermögen steht es so: ihr Vater kam durch einen Prozeß, den er endlich doch mußte liegenlassen, kurz vor seinem Tode um alle das Seine. Jetzt nun ist mir ein gewisses Dokument in die Hände gefallen, das er lange vergebens suchte und das dem ganzen Handel ein ander Ansehen gibt. Es kömmt nur darauf an, daß ich so viel Geld hergebe, den Prozeß wieder anzufangen. Das Dokument selbst habe ich bereits an meinen Advokaten nach Dresden geschickt.—

Anton. Gott sei Dank! daß Sie wieder zum Kaufmanne werden! Vorhin hätte ich bald nicht gewußt, was ich aus Ihnen machen sollte.—Aber Julianens Einwilligung haben Sie doch schon?

Chrysander. Oh! das gute Kind will mir, wie es spricht, in allem gehorchen. Unterdessen hat sich doch schon Valer auf sie gespitzt. Er hat mir vor einiger Zeit auch seine Gedanken deshalb eröffnet. Ehe ich das Dokument bekam—

Anton. Ja, da war uns an Julianen so viel nicht gelegen. Sie machten ihm also Hoffnung?

Chrysander. Freilich! Er ist heute von Berlin wieder zurückgekommen und hat sich auch schon bei mir melden lassen. Ich besorge, ich besorge—Doch wenn mein Sohn nur will—Und diesen, Anton, du verstehest mich—Ein Narr ist auf viel Seiten zu fassen; und ein Mann wie du kann auf viel Seiten fassen.—Du wirst sehen, daß ich erkenntlich bin.

Anton. Und Sie, daß ich ganz zu Ihren Diensten bin, zumal wenn mich die Erkenntlichkeit zuerst herausfordert und—

Siebenter Auftritt

Anton. Chrysander. Juliane.

Juliane. Kommen Sie doch, Herr Chrysander, kommen Sie doch hurtig herunter. Herr Valer ist schon da, Ihnen seine Aufwartung zu machen.

Chrysander. Tut Sie doch ganz fröhlich, mein Jungferchen!

Anton (sachte zu Chrysandern). Hui! daß Valer schon den Vogel gefangen hat.

Chrysander. Das wäre mir gelegen.

(Anton und Chrysander gehen ab.)

Achter Auftritt

Juliane. Lisette.

Lisette (guckt aus dem Kabinett). Bst! bst! bst!

Juliane. Nun, wem gilt das? Lisette? bist du's? Was machst du denn hier?

Lisette. Ja, das werden Sie wohl nimmermehr glauben, daß ich und
Damis schon so weit miteinander gekommen sind, daß er mich verstecken
muß. Schon kann ich ihn um einen Finger wickeln! Noch eine
Unterredung wie vorhin, so habe ich ihn im Sacke.

Juliane. Und also hätte ich wohl, in allem Scherze, einen recht guten
Einfall gehabt? Wollte doch der Himmel, daß die Verbindung, die sein
Vater zwischen uns—

Lisette. Ach, sein Vater! der Schalk, der Geizhals! Jetzt habe ich ihn kennenlernen.

Juliane. Was gibst du ihm für Titel? Seine Gütigkeit ist nur gar zu groß. Seine Wohltaten vollkommen zu machen, trägt er mir die Hand seines Sohnes und mit ihr sein ganzes Vermögen an. Aber wie unglücklich bin ich dabei!—Dankbarkeit und Liebe, Liebe gegen den Valer, und Dankbarkeit—

Lisette. Noch vor einer Minute, war ich in ebendem Irrtume. Aber glauben Sie mir nur, ich weiß es nunmehr aus seinem Munde: nicht aus Freundschaft für Sie, sondern aus Freundschaft für Ihr Vermögen will er diese Verbindung treffen.

Juliane. Für mein Vermögen? du schwärmst. Was habe ich denn, das ich nicht von ihm hätte?

Lisette. Kommen Sie, kommen Sie. Hier ist der Ort nicht, viel zu schwatzen. Ich will Ihnen alles erzählen, was ich gehört habe.

Zweiter Aufzug

Erster Auftritt

Lisette. Valer. Juliane.

Lisette (noch innerhalb der Szene). Nur hier herein; Herr Damis ist ausgegangen. Sie können hier schon ein Wörtchen miteinander im Vertrauen reden.

Juliane. Ja, Valer, mein Entschluß ist gefaßt. Ich bin ihm zu viel schuldig; er hat durch seine Wohltaten das größte Recht über mich erhalten. Es koste mir, was es wolle; ich muß die Heirat eingehen, weil es Chrysander verlangt. Oder soll ich etwa die Dankbarkeit der Liebe aufopfern? Sie sind selbst tugendhaft, Valer, und Ihr Umgang hat mich edler denken gelehrt. Mich Ihrer wert zu zeigen, muß ich meine Pflicht, auch mit dem Verluste meines Glückes, erfüllen.

Lisette. Eine wunderbare Moral! wahrhaftig!

Valer. Aber wo bleiben Versprechung, Schwur, Treue? Ist es erlaubt, um eine eingebildete Pflicht zu erfüllen, einer andern, die uns wirklich verbindet, entgegen zu handeln?

Juliane. Ach, Valer, Sie wissen es besser, was zu solchen
Versprechungen gehört. Mißbrauchen Sie meine Schwäche nicht. Die
Einwilligung meines Vaters war nicht dabei.

Valer. Was für eines Vaters?—

Juliane. Desjenigen, dem ich für seine Wohltaten diese Benennung schuldig bin. Oder halten Sie es für keine Wohltaten, der Armut und allen ihren unseligen Folgen entrissen zu werden? Ach, Valer, ich würde Ihr Herz nicht besitzen, hätte nicht Chrysanders Sorgfalt mich zur Tugend und Anständigkeit bilden lassen.

Valer. Wohltaten hören auf, Wohltaten zu sein, wenn man sucht, sich für sie bezahlt zu machen. Und was tut Chrysander anders, da er Sie, allzu gewissenhafte Juliane, nur deswegen mit seinem Sohne verbinden will, weil er ein Mittel sieht, Ihnen wieder zu dem größten Teile Ihres väterlichen Vermögens zu verhelfen?

Juliane. Fußen Sie doch auf eine so wunderbare Nachricht nicht. Wer weiß, was Lisette gehört hat?

Lisette. Nichts, als was sich vollkommen mit seiner übrigen Aufführung reimt. Ein Mann, der seine Wohltaten schon ausposaunet, der sie einem jeden auf den Fingern vorzurechnen weiß, sucht etwas mehr als das bloße Gotteslohn. Und wäre es etwa die erste Träne, die Ihnen aus Verdruß, von einem so eigennützig freigebigen Manne abzuhängen, entfahren ist?

Valer. Lisette hat recht!—Aber ich empfinde es leider; Juliane liebt mich nicht mehr.

Juliane. Sie liebt Sie nicht mehr? Dieser Verdacht fehlte noch, ihren Kummer vollkommen zu machen. Wann Sie wüßten, wieviel es ihr, gegen die Ratschläge der Liebe taub zu sein, koste; wann Sie wüßten, Valer—ach, die mißtrauischen Mannspersonen!

Valer. Legen Sie die Furcht eines Liebhabers, dessen ganzes Glück auf dem Spiele steht, nicht falsch aus. Sie lieben mich also noch? und wollen sich einem andern überlassen?