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Leo Tolstoi

Das Licht leuchtet in
der Finsternis

Drama in vier Aufzügen

Aus dem Russischen übertragen und eingeleitet

von Adolf Heß

Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig

Alle Rechte vorbehalten.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Recht der Aufführung ist allein durch Oesterheld & Co., Berlin W. 15 (Abteilung für Bühnenvertrieb) zu erwerben.

Berlin-Charlottenburg, Juni 1912.

Adolf Heß.

Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig

Einleitung.

In Tolstois Nachlaß fanden sich neben den erzählenden Schriften zwei größere dramatische Werke vor; das vollendete: »Der lebende Leichnam«[1] und das unvollendete: »Das Licht leuchtet in der Finsternis …« Der Titel dieses letzteren Dramas ist dem Evangelium Johannis Kap. I, Vers 5 entnommen und erhält seinen vollen Sinn durch die zweite Hälfte des Verses: »und die Finsternis hat es sich nicht zu eigen gemacht.«

[1] Deutsch von Fred M. Balte, Uni.-Bibl. Nr. 5364; von Adolf Heß im Verlage von Schulze & Co., Leipzig.

Das Drama umfaßt fünf Aufzüge, deren letzter nur skizziert, nicht ausgeführt ist. Die gründlichste Bearbeitung hat der erste Aufzug erfahren. Begonnen wurde das Werk in den achtziger Jahren; weitergeführt wurde es in den neunziger. Das ist vorläufig alles, was wir über die Entstehung wissen. Wenn einmal der gesamte Nachlaß Tolstois, besonders die Tagebücher, veröffentlicht sein werden, die uns infolge bekannter unglücklicher Verhältnisse noch immer nicht zugänglich sind, werden wir Näheres auch über diese Arbeit erfahren, von deren Existenz bei Lebzeiten des Dichters selbst seine nähere Umgebung nichts wußte.

Tolstoi behandelt in diesem Werk – und das erklärt vieles – in bisweilen autobiographischer Form die Kämpfe, die er in seiner Familie durchzufechten hatte; die Zweifel, die ihn überkamen, als er die Wirkung seiner Gedanken auf seine Umgebung beobachtete; den Widerstand, dem er beim Umsetzen der Gedanken in die Tat begegnete, und die Konflikte, die zwischen idealen Bestrebungen und dem realen Leben überall zutage treten.

Der wohlhabende russische Gutsbesitzer Sarynzew, der nach dem Evangelium leben, seine Habe an die Armen verteilen, seine Nächsten wie sich selbst lieben will; der das Christentum nicht als schöne Gedankenrichtung, sondern als praktische Lebensweisheit auffaßt; der die Kirche als schadenbringende Institution verwirft und der Obrigkeit den Gehorsam kündigt – dieser Sarynzew ist Tolstoi selbst. Wir wissen, wie Tolstoi sich bemüht hat, als echter Christ zu leben, wie er gleich Sarynzew seine Habe den Armen geben wollte und, als ihm das nicht gelang, die Besitzung auf den Namen seiner Frau überschreiben ließ; wie er auf dem Felde und in der Werkstatt arbeitete; wie junge, den Militärdienst verweigernde und dafür grausam bestrafte Bauern mit ihm in Briefwechsel standen; wie er Bauern aus dem Gefängnis befreite, und anderes mehr. Über diese Beziehungen zwischen den Vorgängen im Drama und in Tolstois Leben ließe sich noch manches sagen. Wir haben es hier in erster Linie mit dem Drama zu tun. Da fällt zunächst auf, daß Tolstoi in diesem Werk ein Problem behandelt, das gerade unserer Zeit so recht den Stempel aufdrückt. Es ist der Kampf und Ausgleich zwischen arm und reich, in dem sich alle idealen Bestrebungen der Gegenwart vereinen. Tolstoi sucht den Frieden dadurch herbeizuführen, daß er den Reichen auf Grund eigener Erkenntnis freiwillig auf sein Gut verzichten läßt. Aber dieser Verzicht gelingt Sarynzew nur zum Teil, nur für seine Person, nicht für Weib und Kinder. Daraus entstehen neue, unlösbare Konflikte. Hinzu kommen die heftigen Vorwürfe einer Mutter, deren Sohn angeblich durch Sarynzews Lehren ins Verderben gestürzt ist. Bekehrungsversuche eines Bischofs, den die besorgte Schwägerin verschrieben hat. Abfall eines jungen Geistlichen von der Landeskirche mit baldigem reumütigem Zurückkehren in ihren Schoß usw. Die Katastrophe tritt, nach dem Szenarium, dadurch ein, daß die Mutter des verführten jungen Mannes, als eine Audienz beim Zaren ergebnislos verlaufen ist, Sarynzew ersticht. Diese Katastrophe wirkt, als Faktum, ohne Worte, nach dem sehr auf Innerlichkeit und tiefreichenden Gedankenaustausch gestellten übrigen Teil des Dramas stark theatralisch.

Alles in allem bedeutet Tolstois unvollendet gebliebenes Drama, das dem unbezwinglichen Drange des Dichters, die wichtigsten inneren Erlebnisse und schwersten Seelenkämpfe poetisch darzustellen, entsprungen ist, ein ebenso wichtiges Zeugnis für Tolstois Leben, wie ein starkes Glaubensbekenntnis und erschütterndes Drama eines Propheten und Apostels, der starr wie ein Fels in unsere Zeit hineinragt. Daneben aber mahnt und erinnert es, ohne eine Lösung des sozialen Problems bieten zu wollen, mit größter Kraft und Eindringlichkeit an die Pflichten, die jeder gegen seine Nächsten hat – Pflichten, die kein Gesetz befiehlt und keine Verordnung, sondern nur das eigene Gewissen.

Berlin, 1912.

Dr. Adolf Heß.

Personen

  • Nikolai Iwanowitsch Sarynzew
  • Maria Iwanowna Sarynzewa, seine Gattin
  • Ljuba, ihre Tochter
  • Stefan, ihr Sohn
  • Wanja, ihr Sohn
  • Missi, ihre Tochter
  • Kleine Kinder Sarynzews
  • Alexander Michailowitsch Starkowski, Ljubas Verlobter
  • Mitrofan Jermilytsch, Wanjas Hauslehrer
  • Gouvernante bei Sarynzews
  • Alexandra Iwanowna Kochowzewa, Frau Sarynzews Schwester
  • Peter Semjonowitsch Kochowzew, deren Gatte
  • Lisa, beider Tochter
  • Fürstin Tscheremschanowa
  • Boris, ihr Sohn
  • Tonja, ihre Tochter
  • Jüngere Tochter der Fürstin
  • Wassili Nikanorowitsch, junger Priester
  • Kinderwärterin
    Diener
  • bei Sarynzews
  • Iwan Sjabrem, ein Bauer
  • Malaschka, seine Tochter
  • Sein Weib
  • Peter, ein Bauer
  • Der Dorfpolizist
  • Pater Gerassim, Bischof
  • Ein Notar
  • Ein Tischler
  • Ein General
  • Adjutant des Generals
  • Ein Oberst
  • Ein Regimentsschreiber
  • Posten
  • Zwei Eskortesoldaten
  • Ein Gendarmerieoffizier
  • Schreiber
  • Regimentsgeistlicher
  • Oberarzt
    Unterarzt
    Mehrere Wärter
    Ein kranker Offizier
  • im Lazarett in der Abteilung für
    Geisteskranke
  • Klavierspieler
  • Bauern. Bäuerinnen. Studenten. Damen. Tanzende Paare.
Kinderwärterin
Diener
bei Sarynzews
Oberarzt
Unterarzt
Mehrere Wärter
Ein kranker Offizier
im Lazarett in der Abteilung für
Geisteskranke

Erster Aufzug.

Bedeckte Veranda eines vornehmen Landhauses.

Vor der Veranda der Garten, Lawn-Tennis- und Krocketplatz. Die Kinder spielen mit der Gouvernante Krocket. Auf der Veranda sitzen Maria Iwanowna Sarynzew, mit vierzig Jahren hübsch, elegant; ihre Schwester Alexandra Iwanowna Kochowzew, fünfundvierzig Jahre alt, korpulent, energisch, dumm; und deren Gatte, Peter Semjonowitsch Kochowzew, ein dicker, aufgedunsener Herr im Sommeranzug und Pincenez. Auf dem gedeckten Tisch ein Samowar und Kaffeegeschirr. Man trinkt Kaffee; Peter Semjonowitsch raucht.

Erster Auftritt.

Maria Iwanowna, Alexandra Iwanowna und Peter Semjonowitsch.

Alexandra Iwanowna. Wenn du nicht meine Schwester, sondern eine fremde Person wärest und Nikolai Iwanowitsch nicht dein Mann, sondern irgendein Bekannter, so würde ich seine Handlungsweise originell und nett finden und ihn vielleicht sogar darin bestärken. Da ich aber sehe, daß dein Gatte Narrheiten treibt, direkt Narrheiten, muß ich dir meine Meinung sagen. Ihm, deinem Gatten, werde ich sie ebenfalls sagen. Angst habe ich nicht.

Maria Iwanowna. Das kränkt mich durchaus nicht; ich sehe es ja selbst ein. Glaubte nur nicht, daß die Sache so wichtig sei.

Alexandra. Ja, du glaubst es nicht; ich sage dir aber, wenn du den Dingen ihren Lauf läßt, kommt ihr noch an den Bettelstab. So, wie er es treibt!

Peter Semjonowitsch. Bettelstab! Bei ihrem Vermögen!

Alexandra. Jawohl: Bettelstab. Und du, mein Lieber, unterbrich mich bitte nicht. Für dich ist natürlich alles gut, was Männer tun …

Semjonowitsch. Ich weiß ja gar nicht, ich sage nur …

Alexandra. Du weißt eben nie, was du sagst. Wenn ihr Männer einmal anfangt, Dummheiten zu machen, gibt es kein Halten mehr. Ich sage nur, ich an deiner Stelle würde das nicht erlauben. Würde dem schon einen Riegel vorschieben. Was soll denn das heißen! Ein Mann, Familienvater, beschäftigt sich mit gar nichts, gibt alles weg und spielt nach rechts und links den Großmütigen. Ich weiß schon, wie das endet. Wir können davon ein Lied mitsingen.

Semjonowitsch (zu Maria). So klären Sie mich doch endlich einmal darüber auf, Maria, was diese neue Richtung bedeutet? Liberalismus: Selbstverwaltung, Verfassung, Schulen, Lesehallen und was daran bimmelt und bammelt – das verstehe ich. Auch die Sozialisten mit ihren Streiks und Achtstundentag sind mir noch begreiflich. Aber das hier? Was ist das eigentlich? Erklären Sie es mir.

Maria. Er hat Ihnen gestern ja selbst die Erklärung gegeben.

Semjonowitsch. Offen gesagt, habe ich ihn nicht verstanden. Evangelium, Bergpredigt; die Kirche sei überflüssig … Wie soll man denn da seine Andacht verrichten und alles?

Maria. Das ist es ja eben, daß er alles zerstört und nichts Neues an die Stelle setzt.

Semjonowitsch. Wie hat es eigentlich angefangen?

Maria. Im vorigen Jahr. Mit dem Tode seiner Schwester. Er hatte sie sehr lieb, und ihr Tod wirkte derart auf ihn, daß er ganz tiefsinnig wurde, stets vom Sterben sprach und schließlich, wie Sie wissen, selbst erkrankte. Dann, nach dem Typhus, war er wie umgewandelt.

Alexandra. Er war doch aber im Frühjahr bei uns in Moskau so lieb und nett. Spielte Karten, genau wie andere …

Maria. Und war doch schon ganz anders …

Semjonowitsch. Ja, aber wie denn eigentlich?

Maria. Vollkommen gleichgültig gegen seine Familie und dabei von dieser fixen Idee besessen. Ich meine das Evangelium. Er las tagelang darin, schlief nachts nicht, stand auf, um zu lesen, machte sich Notizen und Auszüge, fuhr dann zu Bischöfen und Mönchen und disputierte mit ihnen.

Alexandra. Geht er denn zum Abendmahl?

Maria. Seit unserer Verheiratung, also seit fünfundzwanzig Jahren, war er nicht hingegangen. Dann nahm er es einmal im Kloster, erklärte aber hinterher sofort, es sei nicht nötig und der Kirchenbesuch überflüssig.

Alexandra. Ich sage ja, keine Spur von Konsequenz.

Maria. Noch vor einem Monat hat er keinen Gottesdienst versäumt, alle Fastentage streng gehalten – und dann ist auf einmal alles überflüssig. Da red’ einer mit ihm.

Alexandra. Ich habe mit ihm gesprochen und werde es tun.

Semjonowitsch. Aber das alles ist doch nicht so schlimm …

Alexandra. Für dich ist nichts schlimm, weil ihr Männer keine Religion habt.

Semjonowitsch. So laß mich doch ausreden. Ich meine, daß es darauf doch nicht ankommt. Wenn er die Kirche verwirft, was soll ihm dann das Evangelium?

Maria. Er sagt, man müsse nach dem Evangelium, nach der Bergpredigt leben, alles hingeben.

Semjonowitsch. Wie soll man denn aber leben, wenn man alles hingibt?

Alexandra. Und wo hat er in der Bergpredigt dieses Shake hands mit den Dienstboten gefunden? Da steht wohl: Selig sind die Sanftmütigen; von Händedrücken steht aber nichts da.

Maria. Natürlich hat er sich wieder hinreißen lassen, wie das stets bei ihm der Fall ist, und wie er sich eine Zeitlang von der Musik, Jagd, von seiner Schule hinreißen ließ. Aber mein Los wird dadurch nicht leichter.

Semjonowitsch. Wozu ist er denn wieder in die Stadt gefahren?

Maria. Das hat er mir nicht gesagt; ich weiß aber, daß es wegen des Holzfrevels ist; die Bauern haben widerrechtlich bei uns Holz geschlagen.

Semjonowitsch. In dem selbstangelegten Tannenwald?

Maria. Ja. Man hat die Täter auch zu Geld- und Gefängnisstrafe verurteilt, und heute kommt, wie er mir sagte, die Sache im Plenum vor dem Friedensrichter zur Verhandlung. Ich nehme an, daß er deswegen hingefahren ist.

Alexandra. Er wird ihnen alles verzeihen, und morgen kommen sie dann und schlagen unseren Park nieder.

Maria. Ja, so fängt die Sache an. Alle Apfelbäume haben sie umgeknickt und den ganzen Rasen zertreten – er sagt ihnen nichts.

Semjonowitsch. Sonderbar.

Alexandra. Eben deswegen mein’ ich: es kann nicht so bleiben. Wenn das so fortgeht, bringt er alles durch. Meiner Ansicht nach bist du als Mutter verpflichtet, deine Maßnahmen zu treffen.

Maria. Was kann ich dagegen tun?

Alexandra. Du? Ihn zurückhalten, sagen, daß es nicht so weitergeht. Du hast Kinder! Was bekommen die für ein Beispiel!

Maria. Gewiß ist es schwer; aber ich ertrage alles in der Hoffnung, daß es vergehen wird, wie die früheren Schwärmereien.

Alexandra. Sehr schön, aber es heißt: hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Man muß ihm zu verstehen geben, daß er nicht allein in der Welt ist, und daß man so nicht leben kann.

Maria. Das Schlimmste ist, daß er sich nicht mehr um die Kinder kümmert. Ich muß alles allein besorgen. Dabei habe ich das Kleine und die Älteren, Mädchen und Knaben, die Aufsicht und Leitung verlangen. Alles fällt mir zu. Früher ein so zärtlicher, besorgter Vater – jetzt ist ihm alles gleich. Ich sagte ihm gestern, daß Wanja nicht lernt und sicher wieder durchs Examen fällt; da meinte er, es wäre viel besser, wenn er das Gymnasium ganz verließe.

Semjonowitsch. Was soll er denn anfangen?

Maria. Nichts. Das ist ja das Schreckliche, daß er alles verurteilt, selbst aber nicht sagt, was man tun soll.

Semjonowitsch. Sonderbar, sehr sonderbar.

Alexandra. Wieso sonderbar? Ist doch die gewöhnliche Art der Männer: alles zu verurteilen und selbst nichts zu tun.

Maria. Stefan hat jetzt sein Studium beendet und muß sich für eine Karriere entscheiden – der Vater sagt ihm nichts. Anfangs wollte er in eine Ministerialkanzlei eintreten, aber Nikolai Iwanowitsch meinte, das sei eine überflüssige Tätigkeit; dann wollte der Junge zur Garde – das verwarf der Vater gänzlich. Schließlich fragt er ihn: was soll ich denn eigentlich anfangen? Etwa pflügen? Da antwortet Nikolai Iwanowitsch: warum nicht pflügen? Das ist weit nützlicher als in der Kanzlei hocken. Also was soll er tun? Kommt natürlich zu mir, und ich muß die Entscheidung treffen. Dabei hat er als Vater alles in Händen.

Alexandra. Das muß man ihm offen sagen.

Maria. Gewiß; und ich werde es auch tun.

Alexandra. Sag ihm direkt, du ertrügst es nicht länger. Du tätest deine Pflicht, also müsse er die seinige erfüllen, oder dir alles abtreten.

Maria. Ach, das ist so peinlich.

Alexandra. Wenn du willst, sage ich es ihm; ich nehme kein Blatt vor den Mund.

Ein junger Priester (tritt verlegen und aufgeregt mit einem Buche in der Hand ein; er begrüßt alle durch Händedruck).

Zweiter Auftritt.

Die Vorigen und der junge Priester.

Priester. Ich wollte nämlich zu Nikolai Iwanowitsch, um ihm das Buch zurückzubringen.

Maria. Er ist in die Stadt gefahren, kommt aber bald zurück.

Alexandra. Was haben Sie denn für ein Buch?

Priester. Ein Werk von Renan. »Das Leben Jesu« nämlich.

Semjonowitsch. Nun sieh einer! Solche Bücher lesen Sie!

Priester (zündet sich in der Verlegenheit eine Zigarette an). Nikolai Iwanowitsch hat es mir zur Durchsicht gegeben.

Alexandra (verächtlich). So, so, Nikolai Iwanowitsch hat es Ihnen zur Durchsicht gegeben. Sind Sie denn mit Nikolai Iwanowitsch und diesem Herrn Renan einer Meinung?

Priester. Natürlich bin ich das nicht. Wenn es der Fall wäre, wäre ich nämlich kein Diener der Kirche mehr.

Alexandra. Wenn Sie ein treuer Diener der Kirche sind, weshalb überzeugen Sie dann Nikolai Iwanowitsch nicht?

Priester. In diesen Dingen kann nämlich jeder seine eigenen Gedanken haben, und Nikolai Iwanowitsch hat in mancher Hinsicht recht. In der Hauptsache aber, bezüglich der Kirche, hat er sozusagen unrecht.

Alexandra (verächtlich). In welcher Hinsicht hat denn Nikolai Iwanowitsch recht? Etwa, daß man nach der Bergpredigt sein Vermögen an Fremde geben und die eigene Familie betteln lassen soll?

Priester. Die Kirche heiligt sozusagen die Familie, und die Kirchenväter haben sie gesegnet; die höhere Vollkommenheit fordert aber doch sozusagen Verzicht auf irdische Güter.

Alexandra. Gewiß, Glaubensstreiter haben so gehandelt: einfache Sterbliche aber, denke ich, müssen so handeln, wie es sich für brave Christen geziemt.

Priester. Niemand kann wissen, wozu er berufen ist.

Alexandra. Sie sind natürlich verheiratet?

Priester. Gewiß.

Alexandra. Und haben Kinder?

Priester. Zwei.

Alexandra. Warum verzichten Sie denn nicht auf die irdischen Güter? rauchen sogar Zigaretten?

Priester. Aus Schwäche, Unwürdigkeit sozusagen.

Alexandra. Ja, ich sehe, anstatt Nikolai Iwanowitsch zur Vernunft zu bringen, bestärken Sie ihn in seiner Torheit. Muß Ihnen offen sagen, das ist nicht hübsch.

Wärterin (tritt ein).

Dritter Auftritt.

Die Vorigen. Wärterin.

Wärterin. Hören gnädige Frau denn nicht? Der Kleine schreit, will die Brust haben.

Maria. Ich komme, komme schon. (Steht auf und geht ab.)

Vierter Auftritt.

Die Vorigen ohne Wärterin und Maria Iwanowna.

Alexandra. Sie tut mir schrecklich leid, die Schwester. Ich sehe, wie sie sich quält. Wahrhaftig keine Kleinigkeit, solch einen Hausstand zu führen. Sieben Kinder, eins noch an der Brust; dazu er mit seinen »Ideen«. Mir scheint wirklich bisweilen, daß er hier nicht ganz richtig ist. (Sie deutet auf die Stirn. Zum Priester.) Ich frage Sie: was haben Sie da eigentlich für eine neue Religion entdeckt?

Priester. Ich verstehe nicht ganz …

Alexandra. Hören Sie doch auf mit Ihren Spiegelfechtereien! Sie verstehen sehr gut, was ich meine.

Priester. Erlauben Sie …

Alexandra. Ich frage, was das für eine Religion ist, aus der hervorgeht, daß man allen Bauern die Hand drücken, ihnen den Wald überlassen und Geld zum Schnaps geben, die eigene Familie aber im Stich lassen muß?

Priester. Davon weiß ich nichts …

Alexandra. Er sagt, das sei Christentum. Sie sind Priester der rechtgläubigen christlichen Kirche, also müssen Sie unbedingt Bescheid wissen, ob das Christentum zum Diebstahl treibt.

Priester. Aber ich kann doch …

Alexandra. Wozu sind Sie denn Priester, tragen langes Haar und ein Talar?

Priester. Danach werden wir nicht gefragt …

Alexandra. Wieso nicht gefragt? Ich frage doch aber. Er sagte mir gestern, im Evangelium stände: So dich einer bittet, dem gib. In welchem Sinne ist das zu verstehen?

Priester. Ich denke, ganz wörtlich.

Alexandra. Ich denke aber: nicht. Uns hat man gelehrt, jedem sei das Seine von Gott bestimmt.

Priester. Natürlich, indessen …

Alexandra. Man merkt ganz deutlich, daß Sie tatsächlich, wie man mir gesagt, auf seiner Seite sind. Und ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich das für unrecht halte. Wenn irgendeine Lehrerin oder ein unreifer Junge seine Gedanken nachredet, so ist das begreiflich; Sie in Ihrem Amt müßten aber bedenken, welche Verantwortung auf Ihnen ruht.

Priester. Ich bemühe mich …

Alexandra. Was ist das für eine Religion, wenn er nicht zur Kirche geht und die Sakramente nicht anerkennt! Und Sie, statt ihn zur Vernunft zu bringen, lesen Renan mit ihm und legen das Evangelium auf Ihre Art aus.

Priester (erregt). Darauf weiß ich nichts zu erwidern. Bin sozusagen einfach sprachlos.

Alexandra. Ich sollte nur Bischof sein, dann würde ich Ihnen das Renanlesen und Zigarettenrauchen schon austreiben!

Semjonowitsch. Um Himmels willen hör auf! Was nimmst du dir da heraus!

Alexandra. Bitte keine Zurechtweisung! Batjuschka ist mir sicher nicht böse, daß ich offen meine Meinung gesagt habe. Im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn ich hinter dem Berge hielte. Habe ich recht?

Priester. Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht richtig ausgedrückt habe; verzeihen Sie bitte.

(Ungemütliches Schweigen.)

Ljuba und Lisa (kommen. Ljuba, Maria Iwanownas Tochter, ein zwanzigjähriges, hübsches, energisches Mädchen; Lisa, Alexandra Iwanownas Tochter, ist etwas älter. Beide tragen Kopftücher und Körbe, um Pilze zu sammeln. Ljuba begrüßt die Tante und den Onkel, Lisa Vater und Mutter, sowie den Priester).

Fünfter Auftritt.

Die Vorigen. Ljuba und Lisa.

Ljuba. Wo ist denn Mama?

Alexandra. Eben fortgegangen, um den Kleinen zu nähren.

Semjonowitsch. Seht mal zu, daß ihr recht viel Pilze bringt. Ein Mädchen hat heute herrliche weiße gebracht. Ich würde euch begleiten, aber es ist so heiß.

Lisa. Komm doch mit, Papa.

Alexandra. Geh nur, geh; du wirst sonst zu dick.

Semjonowitsch. Also meinetwegen. Will nur Zigaretten holen. (Er geht ab.)

Sechster Auftritt.

Die Vorigen ohne Peter Semjonowitsch.

Alexandra. Wo steckt denn das junge Volk?

Ljuba. Stefan ist per Rad zur Station; Mitrofan Jermilytsch begleitet Papa in die Stadt; die Kleinen spielen Krocket, und Wanja jagt mit den Hunden herum.

Alexandra. Hat Stefan sich nun für etwas entschieden?

Ljuba. Ja, er will als Freiwilliger dienen. Hat selbst ein Gesuch eingereicht. Gestern ist er schrecklich frech gegen Papa geworden.

Alexandra. Na ja, leicht hat er es auch nicht. Schließlich reißt jedem einmal die Geduld. Will jetzt anfangen zu leben, und da sagt man ihm: geh pflügen.

Ljuba. So hat Papa es ihm nicht gesagt. Er sagte …

Alexandra. Ganz egal. Jedenfalls beginnt jetzt sein Leben, und was er auch unternimmt, alles wird ihm zuwider gemacht. Aber da ist er selbst.

Priester (tritt beiseite, öffnet sein Buch und liest).

Stefan (fährt auf dem Rade vor).

Siebenter Auftritt.

Die Vorigen. Stefan.

Alexandra. Wie der Wolf in der Fabel … Eben war von dir die Rede. Ljuba sagt, du hättest dich mit dem Vater gezankt.

Stefan. Absolut nicht. Nichts Besonderes. Er sagte mir seine Meinung, ich ihm meine. Ich bin nicht schuld daran, daß unsere Ansichten nicht übereinstimmen. Ljuba versteht gar nichts und will über alles mitsprechen.

Alexandra. Was ist denn nun herausgekommen?

Stefan. Ich weiß nicht, was Papa beschlossen hat; fürchte, er ist sich selbst nicht klar darüber. Ich für meine Person habe beschlossen, als Einjähriger bei der Garde einzutreten. Hier wird aus allem so viel Wesens gemacht; dabei ist die Sache ganz einfach. Mein Studium habe ich beendet und muß nun meiner Dienstpflicht genügen. In der Linie unter betrunkenen, rohen Offizieren ist das kein Vergnügen, deswegen diene ich bei der Garde, wo ich Freunde habe.

Alexandra. Schön. Warum ist denn aber dein Papa dagegen?

Stefan. Ach der! Der steht jetzt ganz im Banne seiner fixen Idee und sieht nur, was er sehen will. Er sagt, der Militärdienst sei der abscheulichste von allen; deshalb dürfe man nicht dienen, und deswegen gibt er mir kein Geld.

Lisa. Stefan, das hat er nicht gesagt! Ich war doch dabei! Er hat gesagt, wenn man schon nicht anders könnte, sollte man wenigstens bis zur Aushebung warten. Durch den Eintritt als Freiwilliger aber zeige man, daß man diesen Dienst selbst wähle.

Stefan. Schließlich soll ich doch dienen und nicht er. Er hat ja selbst gedient.

Lisa. Gewiß. Er sagt aber auch gar nicht, daß er dir kein Geld geben will, sondern, daß er nicht an einer Sache teilnehmen kann, die gegen seine Überzeugung geht.

Stefan. Es handelt sich hier nicht um Überzeugungen, sondern um den Dienst, und damit basta!

Lisa. Und ich sage nur, was ich gehört habe.

Stefan. Ist ja ganz klar, daß du immer auf Papas Seite bist. Tante, du weißt auch, daß Lisa stets Papa die Stange hält.

Lisa. Alles, was recht ist! …

Alexandra. Für mich nichts Neues, daß Lisa stets alle Dummheiten mitmacht. Sie wittert förmlich, wo eine Dummheit aushängt.

Wanja (kommt, von Hunden begleitet, in roter Bluse, ein Telegramm in der Hand schwingend).

Achter Auftritt.

Die Vorigen. Wanja.

Wanja (zu Ljuba). Rat mal, wer da kommt.

Ljuba. Wie kann ich das raten! Gib her. (Sie streckt die Hand nach dem Telegramm aus. Wanja gibt es ihr nicht.)

Wanja. Ich geb’ es nicht und sage es nicht. Der, bei dem du immer so rot wirst.

Ljuba. Dummheit, von wem ist das Telegramm?

Wanja. O, wie sie rot wird, wie sie rot wird! Tante Aline, ist sie nicht ganz rot geworden?

Ljuba. Ach, laß die Dummheiten. Von wem ist es? Tante Aline, von wem ist das Telegramm?

Alexandra. Von Tscheremschanows.

Ljuba. Ach so!

Wanja. Na, siehst du wohl: ach so! Und bei wem wirst du immer rot?

Ljuba. Tante, zeig bitte. (Sie liest.) »Mit Schnellzug, drei Personen, Tscheremschanows«. Also die Fürstin, Boris und Tonja. Das freut mich aber wirklich.

Wanja. Es freut sie aber wirklich! Stefan, sieh mal, wie sie rot geworden ist.

Stefan. Hör doch endlich auf; immer ein und dasselbe.

Wanja. Jawohl, das sagst du nur, weil du selbst in Tonja verkeilt bist. Da müßt ihr beide schon losen, denn das geht doch nicht, daß die Schwester den Bruder nimmt und der Bruder die Schwester.

Stefan. Laß dein dummes Geschwätz. Wie oft hat man dir gesagt, du sollst nicht überall deinen Senf dazu geben!

Lisa. Mit dem Schnellzug müssen sie bald hier sein.

Ljuba. Gewiß. Also gehen wir nicht zum Pilzsammeln.

Semjonowitsch (kommt mit Zigaretten).

Neunter Auftritt.

Die Vorigen und Peter Semjonowitsch.

Ljuba. Onkel Peter, wir gehen nicht.

Semjonowitsch. Was ist denn los?

Ljuba. Tscheremschanows kommen bald. Laß uns lieber eine Partie Tennis spielen. Stefan, machst du mit?

Stefan. Meinetwegen.

Ljuba. Ich spiele mit Wanja gegen dich und Lisa. Wollt ihr? Also ich hole die Bälle und die Jungens. (Sie geht ab.)

Zehnter Auftritt.

Die Vorigen ohne Ljuba.

Semjonowitsch. Das nennt man: versetzt.

Priester (will gehen). Ich habe die Ehre.

Alexandra. Nein, warten Sie, Batjuschka; ich möchte mit Ihnen sprechen. Auch muß Nikolai Iwanowitsch gleich kommen.

Priester (setzt sich wieder und zündet sich eine Zigarette an). Es dauert vielleicht noch lange.

Alexandra. Eben kommt jemand angefahren – das muß er sein.

Semjonowitsch. Was für eine Tscheremschanow ist das eigentlich? Die geborene Golizyn?

Alexandra. Nun ja, die mit ihrer Tante in Rom lebte.

Semjonowitsch. Wird mir ein Vergnügen sein. Haben uns seit Rom nicht wiedergesehen. Ach, die schönen Duette! Wie reizend sie sang! Hat ja wohl zwei Kinder, nicht wahr?

Alexandra. Ja; mit denen kommt sie.

Semjonowitsch. Ich wußte gar nicht, daß sie und Sarynzews so intim sind.

Alexandra. Intim nicht. Sie waren voriges Jahr zusammen im Ausland; und es kommt mir vor, als ob die Fürstin für ihren Sohn Absichten auf Ljuba hat. Sie ist eine ganz Gerissene. Spekuliert auf eine große Mitgift.

Semjonowitsch. Tscheremschanows waren doch selbst reich?

Alexandra. Das war einmal. Der Fürst lebt ja noch, hat aber alles durchgebracht und vertrunken. Sie hat dann an höchster Stelle eine Eingabe gemacht und wenigstens den Rest des Vermögens gerettet. Der Mann hat sie verlassen, dafür aber den Kindern eine ausgezeichnete Erziehung gegeben. Die Gerechtigkeit muß man ihm lassen. Die Tochter ist sehr musikalisch; der Sohn hat die Universität absolviert und ist ein lieber Bursche. Ich fürchte nur, unsere Hausfrau wird von den Gästen jetzt nicht sehr erbaut sein. Aber da ist ja Nikolai!

Nikolai (tritt auf).

Elfter Auftritt.

Die Vorigen mit Nikolai Iwanowitsch.

Nikolai. Guten Tag, Aline und Peter Semjonowitsch. (Zum Priester.) Ach, Wassili Nikanorowitsch! (Er begrüßt ihn.)

Alexandra. Kaffee ist noch da. Soll ich dir eingießen? Er ist etwas abgekühlt, aber man kann ihn wärmen. (Sie klingelt.)

Nikolai. Nein, danke. Ich habe schon getrunken. Wo ist meine Frau?

Alexandra. Sie nährt das Kind.

Nikolai. Fühlt sie sich wohl?

Alexandra. Es geht. Na, hast du deine Angelegenheiten erledigt?

Nikolai. Ja. Übrigens, wenn noch Tee oder Kaffee da ist, gib her. (Zum Priester.) Haben Sie das Buch mitgebracht? Es gelesen? Ich habe während der ganzen Reise an Sie gedacht.

Ein Diener (tritt ein).

Zwölfter Auftritt.

Die Vorigen und ein Diener, der Nikolai Iwanowitsch begrüßt. Dieser reicht ihm die Hand. Alexandra Iwanowna tauscht achselzuckend mit ihrem Manne Blicke.

Alexandra. Wärmen Sie bitte den Samowar.

Nikolai. Ach das ist nicht nötig, Aline. Wenn ich trinken will, trinke ich so.

Dreizehnter Auftritt.

Die Vorigen. Missi.

Missi (die den Vater vom Krocketplatz erblickt hat, kommt auf ihn zugelaufen und wirft sich ihm um den Hals). Papa, du sollst mitkommen!

Nikolai (sie streichelnd). Sofort, sofort, laß mich nur erst trinken. Geh spielen, ich komme sofort.

Missi (geht ab).

Vierzehnter Auftritt.

Die Vorigen ohne Missi.

Alexandra. Nun, sind die Bauern schuldig?

Nikolai (setzt sich an den Tisch, trinkt hastig Tee und ißt etwas dazu).

Alexandra. Sind sie verurteilt?

Nikolai. Gewiß sind sie verurteilt; haben ja alles zugegeben. (Zum Priester.) Ich habe mir gedacht, daß Renan Sie nicht überzeugen würde …

Alexandra. Du bist aber mit dem Urteil nicht einverstanden?

Nikolai (ärgerlich). Natürlich nicht. (Zum Priester.) Für Sie handelt es sich nicht um die Gottheit Christi und nicht um die Geschichte des Christentums, sondern um die Kirche …

Alexandra. Was heißt das: die Bauern geben ihre Schuld zu, und du widerlegst ihre Aussagen? Sie haben das Holz wohl nicht gestohlen, sondern einfach genommen?

Nikolai (beginnt wieder mit dem Geistlichen zu reden, wendet sich dann aber energisch an Alexandra Iwanowna). Liebe Aline, laß mich endlich mit deinen Sticheleien und Anspielungen in Ruhe.

Alexandra. Aber ich habe doch gar nicht …

Nikolai. Wenn du ernstlich wissen willst, weshalb ich wegen des Holzes, das sie nötig hatten, mit den Bauern nicht prozessieren kann …

Alexandra. Vielleicht haben sie diesen Samowar auch nötig …

Nikolai. Also, wenn du wirklich wissen willst, weshalb ich es nicht zulassen kann, daß diese Leute ins Gefängnis wandern, weil sie in dem Walde, der als meiner gilt, zehn Bäume gefällt haben …

Alexandra. Er gilt nicht als deiner, er ist es!

Semjonowitsch. Schon wieder Streit!

Nikolai. Ja, selbst wenn es, was ich nie zugeben kann, mein von allen anerkanntes Eigentum ist, so besitze ich neunhundert Morgen Wald, auf jeden Morgen kommen zirka fünfhundert Bäume, macht vierhundertfünfzigtausend Bäume, nicht wahr? Zehn von diesen, das heißt ein Fünfundvierzigtausendstel, haben sie gefällt. Nun frage ich: lohnt es sich, darf man wegen solcher Lappalie jemanden von seiner Familie losreißen und ins Gefängnis werfen?

Stefan. Ja; wenn sie aber wegen dieses einen Fünfundvierzigtausendstel nicht bestraft werden, hauen sie die übrigen vierundvierzigtausendneunhundertneunundneunzig Fünfundvierzigtausendstel auch bald um!

Nikolai. Ich sage das nur der Tante. Tatsächlich habe ich gar kein Recht auf diesen Wald. Der Grund und Boden gehört allen gemeinsam, kann also nicht Eigentum eines einzelnen sein. Wir haben auf diesen Grund und Boden keine Arbeit verwandt.

Stefan. Du hast ihn doch aber in Stand gehalten, bewachen lassen …

Nikolai. Wie habe ich denn das gemacht? Hab’ doch nicht selbst die Arbeit getan … Aber das läßt sich nicht beweisen. Wenn jemand nicht fühlt, wie schändlich es ist, einen andern zu ruinieren …

Stefan. Das tut ja niemand.

Nikolai. Genau so, wie man jemandem, der sich nicht schämt, ohne eigene Tätigkeit die Arbeit anderer zu benutzen, das nicht beweisen kann. Und die ganze Nationalökonomie, die du auf der Universität studiert hast, ist nur dazu da, um die sozialen Zustände, in denen wir leben, zu rechtfertigen.

Stefan. Im Gegenteil: die Wissenschaft beseitigt alle vorgefaßten Meinungen.

Nikolai. Übrigens lege ich darauf nicht viel Wert. Für mich ist wichtig, zu wissen, daß ich an Stelle der Bauern genau so gehandelt hätte und verzweifeln würde, wenn man mich dafür ins Gefängnis würfe. Da ich nun gegen andere so handeln muß, wie ich selbst behandelt werden möchte, kann ich sie unmöglich schuldig sprechen, sondern muß alles tun, was ich kann, um sie frei zu bekommen.

Semjonowitsch. Wenn das richtig ist, darf man überhaupt nichts besitzen. Alexandra. Dann ist Stehlen weit vorteilhafter als Arbeiten. Stefan. Du gehst nie auf meine Argumente ein. Ich sage, wer Aufwendungen für einen Gegenstand macht, erwirkt dadurch ein Anrecht auf seine Benutzung. (Alle
gleichzeitig.)

Nikolai (lächelnd). Ich weiß nicht, wem ich zuerst antworten soll. (Zu Peter Semjonowitsch.) Man darf auch nichts besitzen.

Alexandra. Wenn man nichts besitzen darf, darf man auch keine Kleidung, kein Brot haben, sondern muß alles hingeben und darf überhaupt nicht leben.

Nikolai. Man darf auch nicht so leben wie wir jetzt.

Stefan. Das heißt, den Tod vorziehen. Folglich taugt diese Lehre nicht für das Leben.

Nikolai. Im Gegenteil: sie gilt nur für das Leben. Ja, man muß alles hingeben. Das heißt, nicht den Wald, den man nicht benutzt und niemals sieht, sondern Kleidung und Nahrung muß man hingeben.

Alexandra. Auch die der Kinder?

Nikolai. Auch die. Und nicht nur Kleidung und Nahrung muß man hingeben, sondern sich selbst. Darin besteht die ganze Lehre Christi. Alle Kraft muß man darauf verwenden, sich völlig hinzugeben.

Stefan. Das heißt mit anderen Worten: sterben.

Nikolai. Wenn du für deine Freunde stirbst, so ist das schön für dich wie für sie. Freilich ist der Mensch nicht nur Geist, sondern Geist im Fleische. Das Fleisch aber, der Körper, trachtet danach, für sich zu leben, während der aufgeklärte Geist für Gott, für andere lebt. Unser aller Leben ist kein tierisches, sondern es liegt auf der Mittellinie, und je näher es dem göttlichen kommt, um so besser ist es. Deswegen müssen wir möglichst nach Gott trachten; der Leib sorgt schon für sich selbst.

Stefan. Wozu denn aber die Mittellinie? Wenn schon solches Leben gut ist, muß man eben alles hingeben und sterben.

Nikolai. Gewiß; das ist sehr schön. Bemüh dich, trachte danach, so wird dir wohl sein und andern.

Alexandra. Nein, das ist unklar, durchaus nicht einfach, sondern an den Haaren herbeigezogen.

Nikolai. Was soll ich dazu sagen. Mit Worten läßt sich das nicht erklären. Übrigens – genug davon.

Stefan. Ja, wirklich genug. Ich verstehe es auch nicht. (Er geht ab.)

Fünfzehnter Auftritt.

Die Vorigen ohne Stefan.

Nikolai (zum Priester). Also, welchen Eindruck hat das Buch auf Sie gemacht?

Priester (erregt). Wie soll ich sagen: die historische Seite ist genügend berücksichtigt, aber ganz zuverlässig, völlig überzeugend wirkt das Ganze nicht, weil das Material nicht genügt. Die Göttlichkeit oder Nichtgöttlichkeit Christi kann man historisch nicht beweisen; es gibt nur einen unwiderleglichen Beweis …

(Während der Unterhaltung entfernen sich zunächst die Damen, dann auch Peter Semjonowitsch. Es bleiben nur der Priester und Nikolai Iwanowitsch.)

Nikolai. Sie meinen die Kirche?

Priester. Nun gewiß doch, die Kirche, das Zeugnis zuverlässiger, heiliger Männer.

Nikolai. Allerdings wäre es schön, wenn solch eine sündlose Gemeinschaft existierte, der man glauben könnte. Sogar sehr wünschenswert. Daß etwas wünschenswert ist, beweist aber noch nicht, daß es existiert.

Priester. Ich denke doch, gerade das beweist es. Gott konnte seine Gebote nicht der Möglichkeit aussetzen, daß sie verdreht, entstellt, falsch gedeutet wurden, sondern mußte eine Hüterin seiner Wahrheiten einsetzen, die dafür sorgte, daß sie rein erhalten blieben.

Nikolai. Schön. In diesem Falle müssen Sie aber nicht nur die Wahrheiten selbst, sondern auch die Daseinsberechtigung ihrer Hüterin beweisen.

Priester. Daran muß man eben glauben.

Nikolai. Gewiß muß man glauben; ohne Glauben kommt man nicht aus. Aber nicht an das muß man glauben, was andere einem sagen, sondern an das, was die eigenen Gedanken, die eigene Vernunft einem zeigen … Dahin gehört der Glaube an Gott, an ein wahres, ewiges Leben.

Priester. Die Vernunft kann trügerisch sein; jeder hat seine eigene Vernunft.

Nikolai (leidenschaftlich). Das ist eine schreckliche Gotteslästerung! Nur dieses eine heilige Werkzeug zur Erkenntnis der Wahrheit, das einzige, das uns alle vereinigen kann, hat Gott uns gegeben. Und dabei glauben wir nicht daran!

Priester. Wie kann man auch, wo so viele Meinungsverschiedenheiten existieren.

Nikolai. Wo sind die! Daß zweimal zwei vier ist; daß man einem anderen nicht zufügen darf, was man sich selbst nicht wünscht; daß alles in der Welt eine Ursache hat und ähnliche Wahrheiten anerkennen wir alle, weil sie mit unserer Vernunft übereinstimmen. Daß aber Gott sich auf dem Berge Sinai Moses geoffenbart, daß Buddha auf einem Sonnenstrahl davongeflogen, oder Mohammed gen Himmel gefahren und Christus ebenfalls – in diesen und ähnlichen Dingen sind wir alle verschiedener Meinung.

Priester. Nein, die in der Wahrheit sind, sind nicht verschiedener Meinung. Wir sind alle eins in dem einen Glauben an Gott, Christus.

Nikolai. Nicht einmal darin sind wir einig. Und dann: warum soll ich Euch mehr glauben als einem buddhistischen Lama? Nur, weil ich in Eurem Glauben geboren bin?

(Streit zwischen den Tennisspielern. Eine Stimme ruft: »Out!« – »Nein, nicht outWanja: »Ich hab’ es gesehen!« – Während der Unterhaltung räumt ein Diener den Tisch auf und bringt wieder Tee und Kaffee.)

Nikolai. Sie sagen: die Kirche führt die Einigung herbei. Im Gegenteil: die schrecklichste Zwietracht ist stets von der Kirche ausgegangen. »Wie oft wollte ich euch sammeln, wie eine Henne die Küchlein …«

Priester. Das war vor Christus; Christus aber hat alle versammelt.

Nikolai. Wohl hat Christus alle versammelt, wir aber haben sie wieder zerstreut, weil wir ihn verkehrt verstanden haben. Er hat alle Kirchen zerstört.

Priester. Wie stimmt dazu das: »Sag es der Kirche.«

Nikolai. Es kommt nicht auf Worte an. Diese Worte sagen übrigens gar nichts über die Kirche. Ausschlaggebend ist der Geist einer Lehre. Die Lehre Christi ist für die ganze Welt bestimmt, schließt alle Bekenntnisse in sich und läßt keine Sonderheiten, nichts Ausschließliches zu; keine Auferstehung, keine Gottheit Christi, keine Sakramente – nichts, was die Menschen voneinander trennt.