Herr und Knecht
Novelle
von
L. N. Tolstoi
Ins Deutsche übertragen
von
H. Röhl
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Zweite Auflage
11. – 15. Tausend
I
Es war in den siebziger Jahren, an einem 7. Dezember, also am Tage nach St. Nikolaus. Im Kirchspiel war Feiertag, und der Herbergswirt und Kaufmann zweiter Gilde Wasili Andrejitsch Brechunow hatte das Dorf noch nicht verlassen können; denn zuerst hatte er in der Kirche anwesend sein müssen, da er Kirchenältester war, und dann hatte er nicht umhin gekonnt, in seinem Hause seine Verwandten und Bekannten zu empfangen und zu bewirten. Aber nun waren die letzten Gäste abgefahren, und Wasili Andrejitsch machte sich bereit, sofort zu einem benachbarten Gutsbesitzer zu fahren, um diesem einen kleinen Wald abzukaufen, um den er schon lange gehandelt hatte. Wasili Andrejitsch hatte es mit dieser Fahrt eilig, damit ihm nicht städtische Händler dieses vorteilhafte Geschäft wegschnappten. Der junge Gutsbesitzer forderte für den Wald nur aus dem Grunde zehntausend Rubel, weil Wasili Andrejitsch ihm siebentausend dafür geboten hatte. Diese siebentausend Rubel bildeten aber nur den dritten Teil des wirklichen Wertes des Waldes. Wasili Andrejitsch hätte vielleicht noch länger um den Preis gefeilscht, da der Wald in seinem Bezirke lag und zwischen ihm und den andern ländlichen Händlern des Kreises schon seit langer Zeit eine Abmachung bestand, nach welcher ein Händler in dem Bezirke eines andern den Preis nicht in die Höhe treiben durfte; aber Wasili Andrejitsch hatte erfahren, daß Holzhändler aus der Gouvernementsstadt vorhätten, nach Gorjatschkino zu fahren und um den Wald zu handeln, und so hatte er denn beschlossen, sofort selbst hinzufahren und die Sache mit dem Gutsbesitzer zum Abschluß zu bringen. Sowie ihn daher der Feiertag loskommen ließ, nahm er aus dem Kasten siebenhundert Rubel, die ihm gehörten, tat noch zweitausenddreihundert Rubel Kirchengelder, die er in Verwahrung hatte, dazu, so daß dreitausend Rubel herauskamen, zählte die ganze Summe sorgsam durch, steckte sie in seine Brieftasche und traf Anstalten zur Abfahrt.
Der Knecht Nikita, der einzige von Wasili Andrejitschs Leuten, der an diesem Tage nicht betrunken war, ging hinaus, um anzuspannen. Der Grund, weswegen Nikita an diesem Tage nicht betrunken war, war der: er war ein arger Trinker; aber nach der Fastnacht, wo er die Jacke vom Leibe und seine Lederstiefel vertrunken hatte, hatte er das Trinken verschworen und nun schon seit mehr als einem Monat nicht mehr getrunken; auch jetzt hatte er nicht getrunken, trotz der starken Verführung, da überall an diesen beiden ersten Festtagen eine tüchtige Menge Branntwein konsumiert wurde.
Nikita war ein Bauer aus einem Nachbardorfe und jetzt fünfzig Jahre alt; er war, wie man von ihm sagte, kein rechter Hauswirt und hatte den größten Teil seines Lebens nicht in seinem eigenen Hause, sondern bei andern Leuten als Knecht verbracht. Überall schätzte man ihn wegen seines Fleißes, seiner Geschicklichkeit und Arbeitskraft, ganz besonders aber wegen seines guten, freundlichen Wesens; aber nirgends blieb er lange im Dienst, weil er etwa zweimal im Jahre, mitunter auch häufiger, ins Trinken hineingeriet und dann nicht nur alles vertrank, was er auf dem Leibe hatte, sondern auch händelsüchtig und gewalttätig wurde. Auch Wasili Andrejitsch hatte ihn schon ein paarmal fortgejagt, ihn aber immer wiedergenommen, da Nikitas Ehrlichkeit, seine Liebe zu den Tieren und vor allem seine Anspruchslosigkeit bei ihm stark ins Gewicht fielen. Wasili Andrejitsch zahlte ihm nicht achtzig Rubel, was der angemessene Lohn für einen solchen Knecht gewesen wäre, sondern vierzig Rubel, und diese verabfolgte er ihm ohne genaue Abrechnung, in kleinen Posten, und großenteils nicht in barem Gelde, sondern in Gestalt von hoch berechneten Waren aus seinem Laden.
Nikitas Frau, Marfa, die früher einmal ein hübsches, flinkes Weib gewesen war, wirtschaftete zu Hause mit einem nahezu erwachsenen Sohne und zwei Töchtern und forderte ihren Mann gar nicht dazu auf, zu Hause zu wohnen, erstens weil sie schon seit zwanzig Jahren mit einem aus einem fremden Dorfe stammenden Böttcher zusammenlebte, der bei ihnen im Hause wohnte, und zweitens weil sie zwar mit ihrem Manne ganz nach ihrem Belieben umsprang, wenn er nüchtern war, aber eine Heidenangst vor ihm hatte, sobald er zu trinken anfing. Einmal, als Nikita sich zu Hause betrunken hatte, hatte er, wahrscheinlich um sich an seiner Frau für die Knechtung zu rächen, die er in nüchternem Zustande erlitt, ihre Truhe erbrochen, ihre besten Kleider hervorgeholt, das Beil genommen und alle ihre Röcke und Umhänge auf dem Hauklotz in kleine Stückchen zerhackt. Der gesamte Lohn, welchen Nikita verdiente, wurde seiner Frau ausgehändigt, und Nikita erhob dagegen keinen Widerspruch. So war Marfa auch diesmal zwei Tage vor dem Feste zu Wasili Andrejitsch gekommen, hatte sich von ihm Weizenmehl, Tee, Zucker und ein Achtel Branntwein, zusammen für ungefähr drei Rubel, sowie noch fünf Rubel in bar geben lassen und sich dafür wie für eine besondere Gnade bedankt, während doch Nikita, selbst bei niedrigster Berechnung, von Wasili Andrejitsch zwanzig Rubel zu fordern hatte.
„Ich habe doch mit dir keinen förmlichen Kontrakt gemacht,“ pflegte Wasili Andrejitsch zu Nikita zu sagen. „Wenn du etwas brauchst, so laß es dir von mir geben; du wirst es schon abarbeiten. Bei mir ist es nicht wie bei anderen Leuten, wo das Gesinde auf seinen Lohn bis zum Termin warten muß und dann peinlich gerechnet wird und Strafabzüge gemacht werden. Zwischen uns beiden geht es anständig zu: du dienst mir, und ich lasse dich nicht im Stiche.“ Und wenn Wasili Andrejitsch in dieser Weise redete, so war er der aufrichtigen Meinung, daß er Nikitas Wohltäter sei; denn was er sagte, überzeugte ihn selbst, und alle Leute, Nikita allen voran, bestärkten ihn, um sich seine Gunst zu erhalten, durch ihre Zustimmung in dieser Überzeugung.
„Das sehe ich ja auch ein, Wasili Andrejitsch, und ich meine, ich diene Ihnen so eifrig, wie wenn Sie mein leiblicher Vater wären. Ich sehe es sehr wohl ein,“ antwortete Nikita, der sehr wohl einsah, daß Wasili Andrejitsch ihn betrog, sich aber sagte, daß er keinen Versuch machen dürfe, seine Rechnung mit ihm klarzustellen, sondern, solange er keine andere Stelle habe, dableiben und nehmen müsse, was man ihm gebe.
Jetzt also, wo Nikita von dem Herrn den Befehl erhalten hatte anzuspannen, begab er sich vergnügt und willig wie immer mit seinem munteren, leichten, etwas watschelnden Gange nach dem Schuppen, nahm dort den schweren, aus Riemen verfertigten, mit einer Troddel geschmückten Zaum vom Nagel und ging, mit der Gebißkette klirrend, nach dem verschlossenen Stall, in welchem für sich allein das Pferd stand, das Wasili Andrejitsch anzuspannen befohlen hatte.
„Na, du langweilst dich wohl, Dummerchen?“ sagte Nikita als Antwort auf das leise begrüßende Gewieher, mit welchem ihn der einzige Bewohner dieses Stalles, ein mittelgroßer, wohlgebauter Hengst, mit etwas hängendem Hinterteil, dunkelbraun mit gelblichen Flecken am Maul, an den Füßen und in den Weichen, empfing. „Na na! Nicht zu eilig, ich will dir erst zu saufen geben, Dummerchen!“ redete er zu dem Pferde, ganz so, wie man mit solchen Wesen redet, die die Worte verstehen, und nachdem er mit dem Schoße seines Pelzes den wohlgenährten, fetten, in der Mitte ausgekehlten, mit Staub bedeckten Rücken des Hengstes abgewischt hatte, legte er ihm den Zaum um den hübschen, jugendlichen Kopf, wobei er ihm die Ohren und den Haarschopf freimachte, warf das Halfter herunter und führte das Tier zum Tränken.
Als der Braungelbe vorsichtig aus dem stark voll Mist liegenden Stalle herausgeschritten war, begann er zu spielen und schlug aus, indem er sich stellte, als wolle er mit dem Hinterfuße dem Knechte, der trabend mit ihm zum Ziehbrunnen lief, einen Schlag versetzen.
„Ei, wie übermütig, du Schelm!“ sagte Nikita zu ihm; er wußte recht wohl, daß der Braungelbe vorsichtig genug war, mit dem Hinterfuße nur so zu schlagen, daß er ihm den kurzen Schafpelz berührte, aber ihn nicht wirklich an den Körper traf. An diesem Kunststück des Hengstes hatte Nikita immer eine ganz besondere Freude.
Als das Pferd sich an dem kalten Wasser satt getrunken hatte, stand es ein Weilchen still, holte tief Atem und bewegte dabei die nassen, kräftigen Lippen, von deren Haarborsten durchsichtige Tropfen in den Trog zurückfielen; dann prustete es.
„Wenn du nicht mehr magst, brauchst du nicht; wir werden uns das merken; aber daß du nicht nachher mehr verlangst,“ sagte Nikita, der in vollständigem Ernst und mit aller Gründlichkeit dem Braungelben sein Verfahren auseinandersetzte. Dann lief er wieder zum Schuppen, indem er am Zügel das muntere, junge Pferd mit sich zog, das mit den Hinterbeinen ausschlug und so kräftig schnaubte, daß der ganze Hof davon erscholl.
Von den andern Knechten war niemand da; Nikita erblickte nur einen nicht zum Hause gehörigen Menschen, den Mann der Köchin, der für die Feiertage zu ihr auf Besuch gekommen war.
„Geh doch mal hin, lieber Mann,“ sagte Nikita zu ihm, „und frage den Herrn, welchen Schlitten ich anspannen soll, den großen, breiten oder den kleinen.“
Der Mann der Köchin ging ins Haus und kehrte bald mit der Nachricht zurück, der Herr habe befohlen, den kleinen Schlitten anzuspannen. Nikita hatte unterdessen dem Pferde schon das Kumt angelegt, das mit kleinen Nägeln beschlagene Rückenpolster festgebunden und ging nun, in der einen Hand das leichte, mit Ölfarbe gestrichene Krummholz tragend, mit der andern das Pferd führend, zu den beiden Schlitten, die unter dem Schuppen standen. „Wenn er den kleinen will, mir ist es recht,“ sagte er, führte das kluge Pferd in die Gabeldeichsel, das die ganze Zeit über tat, als ob es ihn beißen wolle, und begann mit Hilfe des Mannes der Köchin anzuspannen.
Als schon alles beinah fertig war und nur noch übrig blieb die Leinen an den Zügeln zu befestigen, schickte Nikita den Mann der Köchin in den Schuppen hinein, um Stroh, und nach dem Speicher, um einen leeren groben Sack zu holen.
„So! Alles richtig! Na na, tu nur nicht so üppig!“ sagte Nikita und stopfte das frisch ausgedroschene Haferstroh, das der Mann der Köchin gebracht hatte, in den Schlitten hinein. „Und nun gib mir da die Packleinwand her, so als Überzug, und obendrauf kommt der Sack. Siehst du wohl: so, und so; nun wird es sich gut darauf sitzen,“ sagte er und führte dabei das aus, was er sagte, und stopfte den Sack über dem Stroh auf allen Seiten um den Sitz herum fest.
„So, nun danke ich dir auch schön, lieber Freund,“ sagte Nikita zu dem Manne der Köchin. „Zu zweien fleckt es doch mit aller Arbeit besser.“ Und nachdem er die ledernen, am verbundenen Ende mit einem Ringe versehenen Lenkriemen in Ordnung gebracht hatte, setzte sich Nikita auf den Schlittenrand und lenkte das nach Bewegung verlangende brave Pferd über den mit gefrorenem Miste bedeckten Hof zum Tore.
„Onkel Nikita, Onkelchen, ach Onkelchen!“ rief ihm ein siebenjähriger Knabe nach, der geräuschvoll die Tür aufklinkte und eilig aus dem Hausflur auf den Hof herausgelaufen kam; er trug ein schwarzes Pelzröckchen, neue weiße Filzstiefel und eine warme Mütze. „Setz mich hinein!“ bat er mit seinem hohen Stimmchen und knöpfte sich im Gehen sein Pelzröckchen zu.
„Na, dann komm flink her, mein Täubchen,“ sagte Nikita, hielt an, setzte das freudestrahlende Söhnchen seines Herrn in den Schlitten und fuhr auf die Straße hinaus.
Es war zwischen zwei und drei Uhr nachmittags, kalt (zehn Grad), trübe und windig. Auf dem Hofe kam einem die Luft ruhig vor; aber auf der Straße blies ein scharfer Wind: von dem Dache des danebenstehenden Schuppens stiebte der Schnee herunter, und an der Ecke beim Badehause wirbelte er nur so. Kaum war Nikita herausgefahren und hatte das Pferd zur Haustür herumgewendet, als auch schon Wasili Andrejitsch, eine Zigarette im Munde, den mit Tuch überzogenen Schafpelz tief unten mit einem breiten Gurte fest zusammengeschnallt, aus dem Flur auf die Stufen heraustrat, wo der festgetretene Schnee unter seinen Filzstiefeln laut knirschte. Dort blieb er stehen und bog zu beiden Seiten seines rotwangigen, mit Ausnahme des Schnurrbartes rasierten Gesichtes die Ecken des Kragens seines Schafpelzes mit der Pelzseite nach innen, damit das Pelzwerk nicht vom Atem feucht werde.
„Sieh mal an; so ein Racker; sitzt schon drin!“ sagte er, als er sein Söhnchen im Schlitten erblickte, und zeigte beim Lächeln seine weißen Zähne. Wasili Andrejitsch war durch den Branntwein, den er mit seinen Gästen getrunken hatte, in angeregte Stimmung geraten und daher in noch höherem Grade als sonst mit allem, was ihm gehörte, und mit allem, was er tat, zufrieden. Wasili Andrejitschs blasse, magere, schwangere Frau, den Kopf und die Schultern mit einem wollenen Tuche umwickelt, so daß nur ihre Augen zu sehen waren, gab ihm zu seiner Abfahrt das Geleite und stand hinter ihm im Hausflur.
„Wirklich, du solltest Nikita mitnehmen,“ sagte sie und trat schüchtern aus der Tür heraus. Wasili Andrejitsch antwortete nichts und spuckte nur aus. „Du hast eine große Geldsumme bei dir,“ fuhr die Frau in demselben kläglichen Tone fort. „Und wenn nur nicht auch noch ein Unwetter kommt. Wirklich, du solltest es tun.“
„Ach was, kenne ich etwa den Weg nicht, so daß ich durchaus einen Begleiter nötig hätte?“ erwiderte Wasili Andrejitsch; er sprach mit jener besonderen, gekünstelten Anstrengung der Lippen, mit der er gewöhnlich mit Verkäufern und Käufern redete; augenscheinlich fand er an seiner eigenen Redeweise großes Gefallen.
„Aber wirklich, du solltest ihn mitnehmen. Ich bitte dich um Gottes willen!“ sagte die Frau noch einmal und mummte sich auf der einen Seite noch dichter in ihr Tuch ein.
„Sie läßt doch nicht locker. Na, wo soll ich ihn denn im Schlitten lassen?“
„Das wird schon gehn, Wasili Andrejitsch; ich bin bereit,“ sagte Nikita fröhlich. „Nur müßten, wenn ich weg bin, die Pferde gefüttert werden,“ fügte er, zu der Hausfrau gewendet, hinzu.
„Ich werde dafür sorgen, lieber Nikita; ich will Semjon damit beauftragen,“ antwortete die Hausfrau.
„Also wie ists? Soll ich mitfahren, Wasili Andrejitsch?“ fragte Nikita, auf die Entscheidung seines Herrn wartend.
„Ja, ich werde der Alten schon den Gefallen tun müssen. Aber wenn du mitfährst, mußt du dir vorher ein wärmeres Staatskleid anziehen,“ erwiderte Wasili Andrejitsch, wieder lächelnd, und blinzelte dabei mit dem einen Auge nach Nikitas Halbpelz hin, der schmierig und verfilzt und unter den Achseln und am Rücken zerrissen und am Saume ausgefranst war; er hatte offenbar schon viel durchmachen müssen.
„He, lieber Freund, komm doch mal heraus und halte das Pferd!“ rief Nikita nach dem Hofe hinein dem Manne der Köchin zu.
„Ich werde es tun, ich werde es halten!“ sagte der Knabe, nahm seine frierenden, roten Händchen aus den Taschen und ergriff mit ihnen die kalten ledernen Lenkriemen.
„Verbrauche nur nicht zu viel Zeit dabei, dein Galakostüm anzulegen; beeile dich!“ rief Wasili Andrejitsch seinem Knechte spöttisch zu.
„In einem Augenblicke bin ich wieder da, Väterchen Wasili Andrejitsch,“ antwortete Nikita, und mit einwärts gesetzten Fußspitzen in seinen geflickten, schmierigen Filzstiefeln hurtig dahinhuschend, rannte er auf den Hof und in die Gesindestube.
„Flink, liebe Arina, gib mir meinen Mantel vom Ofen herunter; ich muß mit dem Herrn wegfahren!“ rief Nikita, während er ins Zimmer hineingelaufen kam, und nahm seinen Gurt vom Nagel.
Die Köchin, die nach dem Mittagessen geschlafen hatte und jetzt gerade dabei war, den Samowar für ihren Mann zurechtzumachen, begrüßte den guten Nikita freundlich, und von seiner Eilfertigkeit angesteckt, rührte sie sich ebenso schnell wie er, langte vom Ofen seinen dort trocknenden, schlechten, abgetragenen Tuchmantel herunter, schüttelte ihn und machte ihn biegsam.
„Nun wirst du hier Raum genug haben, um den Feiertag mit deinem Manne vergnüglich zu verleben,“ sagte Nikita zu der Köchin; denn aus gutmütiger Höflichkeit redete er immer ein bißchen mit jedem Menschen, mit dem er allein zusammen war. Dann legte er sich den schmalen, zusammengefilzten Gurt um, zog seinen an sich schon dünnen Bauch ganz in sich hinein und schnallte den Gurt über dem Halbpelz aus Leibeskräften zusammen.
„Siehst du, so!“ sagte er hierauf, nicht mehr zu der Köchin, sondern zu dem Gurte gewendet, und steckte dessen Enden unter. „Nun wirst du nicht aufgehen!“ Er hob und senkte die Schultern, damit die Arme sich bequem bewegen könnten, zog hierauf den Mantel darüber an, reckte wieder den Rücken, um den Armen Freiheit zu verschaffen, schlug sich unter die Achseln und langte sich seine Handschuhe von dem Wandbrette. „Na, nun ist alles in Ordnung.“
„Du solltest dir etwas anderes auf die Füße ziehen, Nikita Stepanütsch,“ sagte die Köchin. „Deine Stiefel sind recht schlecht.“
Nikita blieb stehen und schien zu überlegen.
„Das wäre eigentlich nötig … Na, es wird auch so gehen; es ist ja nicht weit!“
Damit lief er auf den Hof und auf die Straße.
„Wird es dir auch nicht zu kalt sein, lieber Nikita?“ fragte die Hausfrau, als er zu dem Schlitten kam.
„Kalt? Bewahre! Mir ist ganz warm,“ antwortete Nikita, schob am Vorderende des Schlittens das Stroh zurecht, um sich damit die Füße zu bedecken, und steckte die bei einem so braven Pferde entbehrliche Peitsche in das Stroh hinein.
Wasili Andrejitsch saß schon im Schlitten, dessen gebogenen hinteren Teil er fast ganz mit seinem in zwei Pelzen steckenden Rücken ausfüllte, und ergriff nun sofort die Leine und trieb das Pferd an. Nikita setzte sich, während der Schlitten schon fuhr, vorn links zurecht und steckte das eine Bein heraus.
II
Der brave Hengst zog unter leisem Knarren der Kufen den Schlitten an und schritt in munterem Gange auf der innerhalb der Ortschaft glattgefahrenen, gefrorenen Straße dahin.
„Wie kannst du dich unterstehen, dich da aufzuhocken? Gib mal die Peitsche her, Nikita!“ rief Wasili Andrejitsch; er freute sich augenscheinlich über seinen Sohn, der sich hinten auf die Kufen gekauert hatte. „Wart, ich will dich! Lauf zu deiner Mutter, du Schlingel!“
Der Knabe sprang ab. Der Braungelbe beschleunigte seinen Paßgang, schüttelte sich und ging in Trab über.
Das Dorf Krestü, zu welchem Wasili Andrejitschs Haus gehörte, bestand nur aus sechs Häusern. Sobald sie an dem letzten Hause, der Schmiede, vorbei waren, merkten sie sofort, daß der Wind weit stärker war, als sie geglaubt hatten. Vom Wege war fast gar nichts mehr zu sehen. Die Spur der Kufen wurde sofort wieder verweht, und man konnte den Weg nur daran unterscheiden, daß er höher war als das übrige Terrain. Über das ganze Feld hin stürmte es, und die Linie, wo Erde und Himmel sich berühren, war schlechterdings nicht zu erkennen. Der Teljatiner Wald, der sonst immer so gut zu sehen war, erschien durch das Schneegestöber hindurch nur undeutlich als etwas Schwarzes. Der Wind blies von links; er trieb hartnäckig die Mähne an dem drallen, wohlgenährten Halse des Braungelben nach der einen Seite, drückte sogar den aufgebundenen Schweif des Tieres seitwärts und preßte den langen Kragen an dem Mantel Nikitas, der auf der Windseite saß, gegen dessen Gesicht und Nase.
„Er kann nicht ordentlich zutraben, wegen des Schneetreibens,“ sagte Wasili Andrejitsch, der auf sein gutes Pferd stolz war. „Ich bin einmal mit ihm nach Paschutino gefahren, da hat er mich in einer halben Stunde hingebracht.“
„Was?“
„Ich sage, ich bin mit ihm in einer halben Stunde nach Paschutino gefahren.“
„Das kann niemand bestreiten: es ist ein gutes Pferd,“ erwiderte Nikita.
Sie schwiegen ein Weilchen. Aber Wasili Andrejitsch hatte Lust, ein bißchen zu reden.
„Na, wie ist es? Du hast doch wohl deiner Frau verboten, dem Böttcher Schnaps zu geben?“ sagte Wasili Andrejitsch; er war so fest davon überzeugt, daß Nikita sich geschmeichelt fühlen müsse, wenn er sich mit einem so bedeutenden, klugen Manne, wie er, unterhalten dürfe, und so zufrieden mit seinem eigenen Späßchen, daß es ihm gar nicht in den Sinn kam, dieses Gespräch könne seinem Knechte vielleicht unangenehm sein.
Nikita hatte wieder nicht verstanden, da der Wind den Ton der Worte seines Herrn weggetragen hatte.
Wasili Andrejitsch wiederholte mit seiner lauten, deutlichen Stimme seinen Scherz über den Böttcher.
„Gott möge es ihnen verzeihen, Wasili Andrejitsch; ich mische mich nicht in diese Sachen. Wenn sie nur meinem Jungen nichts zuleide tut; sonst mag sie machen, was sie will.“
„Da hast du recht,“ antwortete Wasili Andrejitsch. „Na, was meinst du? Willst du dir zum Frühjahr ein Pferd kaufen?“ fragte er, zu einem neuen Gegenstande übergehend.
„Das wird wohl nötig werden,“ antwortete Nikita; er schlug den Kragen seines Mantels zurück und bog sich zu seinem Herrn hin.
Jetzt war das Gespräch für Nikita interessant geworden, und er hatte den Wunsch, alles zu verstehen.
„Der Junge ist nun herangewachsen und muß selbst pflügen; bisher haben wir immer einen Pflüger und ein Pferd gemietet,“ fügte er hinzu.
„Weißt du was? Nehmt meinen Kreuzschwachen; ich werde euch einen billigen Preis machen,“ rief Wasili Andrejitsch. Er fühlte sich in angeregter Stimmung und verfiel infolge dessen auf seine Lieblingsbeschäftigung, der er seine gesamten Geisteskräfte widmete, auf den Handel.
„Sonst könnten Sie mir ja auch fünfzehn Rubel geben, und ich kaufe mir ein Pferd auf dem Pferdemarkt,“ antwortete Nikita, der recht wohl wußte, daß für den Kreuzschwachen, welchen Wasili Andrejitsch an ihn loswerden wollte, sieben Rubel der richtige Preis war, Wasili Andrejitsch aber, wenn er ihm dieses Pferd überließe, es ihm mit fünfundzwanzig Rubeln anrechnen werde und er dann ein halbes Jahr lang von ihm kein Geld werde zu sehen bekommen.
„Es ist ein gutes Pferd. Ich meine es mit dir ebenso gut wie mit mir selbst. Auf mein Gewissen. Brechunow übervorteilt keinen Menschen. Lieber verliere ich selbst mein Hab und Gut, als daß ich es so machen sollte wie andere Leute. Auf Ehre!“ rief er in jenem ihm geläufigen Tone, in welchem er diejenigen, mit denen er als Käufer oder Verkäufer handelte, zu beschwatzen suchte. „Es ist ein tüchtiges Pferd.“
„Gewiß, gewiß,“ sagte Nikita mit einem Seufzer, und in der Überzeugung, daß es keinen Zweck habe weiter zuzuhören, ließ er mit der Hand den Kragen los, der ihm sofort wieder das Ohr und das Gesicht bedeckte.
Etwa eine halbe Stunde lang fuhren sie schweigend. Der Wind blies bei Nikita an der Seite und am Arme da hindurch, wo der Pelz zerrissen war.
Er krümmte sich zusammen und atmete in den Kragen hinein, der ihm den Mund bedeckte, und es kam ihm vor, als ob dieser Hauch ihn erwärme.
„Nun, was meinst du? Wollen wir über Karamüschewo fahren oder direkt?“ fragte Wasili Andrejitsch.
Über Karamüschewo ging die Fahrt auf einer vielbenutzten Landstraße, bei der zu beiden Seiten gute Merkstangen aufgestellt waren; aber es war weiter, direkt war es näher; aber der Weg war wenig befahren, und die Merkstangen waren teils nicht mehr vorhanden, teils in so üblem Zustande, daß sie nicht aus dem Schnee hervorragten.
Nikita überlegte einen Augenblick lang.
„Über Karamüschewo ist es ja weiter, aber der Weg ist besser befahren,“ antwortete er.
„Aber direkt brauchen wir nur darauf zu achten, daß wir, ohne uns zu verirren, durch den Hohlweg kommen, und dann ist guter Weg,“ erwiderte Wasili Andrejitsch, welcher Lust hatte, direkt zu fahren.
„Wie Sie belieben,“ antwortete Nikita und ließ den Kragen wieder los.
Wasili Andrejitsch tat, was er in Aussicht genommen hatte: eine halbe Werst weiter, bei einer Merkstange, einem im Winde hin und her wackelnden Eichenstämmchen, an dem noch hier und da trockene Blätter hafteten, bog er links ab.
Nach dieser Biegung hatten sie den Wind fast gerade entgegen. Das Schneetreiben wurde dichter. Wasili Andrejitsch lenkte das Pferd; er blähte die Backen auf und blies sich den Atem von unten in den Schnurrbart. Nikita war eingedruselt.
So fuhren sie etwa zehn Minuten schweigend. Plötzlich sagte Wasili Andrejitsch etwas.
„Was?“ fragte Nikita und öffnete die Augen.
Wasili Andrejitsch gab keine Antwort, sondern drehte und wendete sich und hielt Umschau, nach hinten und am Pferde vorbei nach vorn. Das Pferd, das von Schweiß an den Weichen und am Halse ganz kraus geworden war, ging Schritt.
„Was ist denn? Was ist denn?“ fragte Nikita von neuem.
„Ja, was ist denn, was ist denn?“ äffte Wasili Andrejitsch ihm ärgerlich nach. „Es sind keine Merkstangen zu sehen! Wir müssen vom Wege abgekommen sein!“
„Dann halten Sie doch; ich will den Weg wieder suchen,“ sagte Nikita. Er sprang behende aus dem Schlitten, zog die Peitsche aus dem Stroh heraus und ging nach links zu, nach der Seite, auf der er gesessen hatte.
Der Schnee lag in diesem Jahre nicht tief, so daß man überall gehen konnte; aber an einzelnen Stellen reichte er doch bis ans Knie und füllte von oben her einen Stiefel Nikitas voll. Nikita ging hin und her und tastete mit den Füßen und mit der Peitsche; aber ein Weg war nirgends.
„Nun, wie steht's?“ fragte Wasili Andrejitsch, als Nikita wieder zum Schlitten herankam.
„Auf dieser Seite ist kein Weg. Ich muß nach der anderen Seite suchen gehen.“
„Da nach vorn zu ist etwas Schwärzliches; geh doch mal dahin und sieh zu,“ sagte Wasili Andrejitsch.
Nikita ging dorthin und näherte sich dem, was schwärzlich aussah: dieses Schwärzliche war Erde, die von entblößten Wintersaatfeldern durch den Wind über den Schnee getrieben war und den Schnee schwarz gefärbt hatte. Nachdem Nikita dann auch noch auf der rechten Seite umhergegangen war, kehrte er zum Schlitten zurück, klopfte sich den Schnee ab, schüttelte ihn auch aus dem Stiefel aus und setzte sich wieder in den Schlitten.
„Wir müssen rechts fahren,“ sagte er in entschiedenem Tone. „Vorher bekam ich den Wind in die linke Seite und jetzt gerade ins Gesicht. Fahren Sie nach rechts,“ sagte er mit aller Bestimmtheit.
Wasili Andrejitsch befolgte seine Weisung und hielt nach rechts. Aber auf einen Weg kamen sie dennoch nicht. So fuhren sie eine Zeitlang. Der Wind hatte nicht nachgelassen, und es schneite immer noch.
„Wir sind offenbar ganz und gar vom Wege abgekommen, Wasili Andrejitsch,“ sagte Nikita auf einmal, wie es schien, mit einer Art von Vergnügen. „Was ist das da?“ fuhr er fort und zeigte auf schwarzes Kartoffelkraut, das aus dem Schnee hervorragte.
Wasili Andrejitsch hielt das Pferd an, das schon ganz in Schweiß geraten war und mit den Flanken heftig atmete.
„Was willst du damit?“ fragte er.
„Ich will sagen, daß wir auf dem Felde von Sacharowka sind. Nun seh mal einer, wohin wir geraten sind!“
„Quatsch!“ erwiderte Wasili Andrejitsch, der jetzt in durchaus ungekünstelter, bäuerlicher Sprache redete, ganz anders als zu Hause.
„Das ist kein Quatsch, Wasili Andrejitsch, sondern was ich sage, ist richtig,“ antwortete Nikita. „Auch am Schlitten ist es zu hören, daß wir über ein Kartoffelfeld fahren; und da sind auch Haufen, da haben sie das Kartoffelkraut zusammengeworfen. Das ist das Feld, das zur Brennerei von Sacharowka gehört.“
„Ei ei, wohin haben wir uns verirrt!“ sagte Wasili Andrejitsch. „Was sollen wir nun machen?“
„Wir müssen geradeaus fahren, weiter nichts; irgendwohin werden wir schon kommen,“ erwiderte Nikita. „Kommen wir nicht nach Sacharowka, dann kommen wir nach der herrschaftlichen Meierei.“
Wasili Andrejitsch gehorchte und ließ das Pferd gehen, wie es Nikita geheißen hatte. So fuhren sie ziemlich lange. Manchmal fuhren sie über entblößte Wintersaat, wo die beschneiten Raine und die Schneewehen obenauf mit Erdstaub bedeckt waren. Dann wieder kamen sie auf Stoppelfeld, bald von Wintergetreide, bald von Sommergetreide, wo Beifußstauden und Strohhalme aus dem Schnee hervorragten und im Winde schwankten. Dann wieder kamen sie in tiefen, überall gleichmäßig weißen, eben daliegenden Schnee, aus dessen Oberfläche nichts mehr hervorschaute. Schnee rieselte von oben herab, und Schnee stiebte von unten auf. Manchmal glaubten sie bergauf, manchmal bergab zu fahren; bisweilen hatten sie die Vorstellung, als ständen sie still auf einem Fleck und das Schneefeld liefe neben ihnen vorbei. Beide schwiegen sie. Das Pferd war offenbar sehr ermattet, infolge des Schweißes am ganzen Leibe rauh geworden und von Reif bedeckt; es ging im Schritt. Plötzlich sank es ein und blieb in einer Vertiefung stecken, mochte dies nun eine vom Wasser ausgespülte Stelle oder ein Graben sein. Wasili Andrejitsch wollte anhalten, aber Nikita schrie ihm zu:
„Wozu sollen wir halten? Sind wir hineingefahren, so müssen wir auch wieder hinausfahren. Hü, mein lieber Freund, hü, hü, du lieber Kerl!“ rief er in heiterem Tone dem Pferde zu; er sprang aus dem Schlitten und sank selbst tief in die Höhlung hinein.
Das Pferd zog kräftig an und arbeitete sich sofort auf einen gefrorenen Damm hinauf. Augenscheinlich war es also ein von Menschenhand hergestellter Graben.
„Wo sind wir denn?“ fragte Wasili Andrejitsch.
„Das werden wir schon erfahren!“ antwortete Nikita. „Fahren Sie nur einfach zu. Irgendwohin werden wir schon kommen.“
„Das wird da wohl der Wald von Gorjatschkino sein?“ sagte Wasili Andrejitsch und zeigte auf etwas Schwarzes, das vor ihnen durch den Schnee hindurch sichtbar wurde.
„Wenn wir herankommen, werden wir sehen, ob das ein Wald ist und was für einer,“ antwortete Nikita.
Nikita hatte bemerkt, daß aus der Gegend, wo sich dieser schwarze Gegenstand befand, trockene, längliche Weidenblätter vom Winde herübergetrieben wurden, und wußte daher, daß da kein Wald war, sondern menschliche Wohnungen; aber er wollte es nicht sagen. Und wirklich waren sie nach dem Graben noch nicht dreißig Schritt weitergefahren, als sie zweifellos dunkle Bäume vor sich hatten, und ein neues, melancholisches Geräusch vernahmen. Nikita hatte richtig vermutet: es war kein Wald, sondern eine Reihe hoher Weidenbäume, an denen noch hier und da Blätter im Winde raschelten. Die Weidenbäume waren augenscheinlich an dem Graben, der eine Tenne umgab, gepflanzt.
Als sie sich den Bäumen näherten, die im Winde so schwermütige Töne von sich gaben, hob sich das Pferd auf einmal mit den Vorderfüßen über die Höhe des Schlittens hinaus, arbeitete sich dann auch mit den Hinterfüßen hinauf und ging nun nicht mehr bis an die Knie im Schnee. Das war ein Fahrweg.
„Da sind wir nun glücklich angekommen,“ sagte Nikita. „Ich weiß bloß nicht, wo wir sind.“
Das Pferd schritt auf dem verschneiten Fahrwege, ohne von ihm abzukommen, dahin, und sie waren auf ihm noch nicht hundert Schritte weit gefahren, als sie wie eine dunkle Masse das Flechtwerk einer Getreidedarre vor sich hatten, von der unaufhörlich Schnee herunterrieselte. Als sie an der Darre vorbei waren, machte der Weg eine Biegung, so daß sie nun den Wind hinter sich hatten, und sie fuhren in eine Schneewehe hinein. Aber darüber hinaus sahen sie vor sich eine Gasse zwischen zwei Häusern, so daß offenbar die Schneewehe auf dem Fahrwege zusammengeweht war und sie hindurchfahren mußten. Und wirklich kamen sie, sobald sie durch die Schneewehe hindurch waren, in die Dorfstraße. Auf dem ersten Gehöfte flatterte steifgefrorene Wäsche, die an einer Leine aufgehängt war, wild im Winde: zwei Hemden, ein rotes und ein weißes, ein Paar Unterhosen, Fußlappen und ein Unterrock. Das weiße Hemd bewegte sich besonders wild und schlug, an den Ärmeln festgesteckt, heftig umher.
„Na, das muß ein faules Weib sein, wenn sie nicht etwa im Sterben liegt; hat die Wäsche zum Fest nicht abgenommen!“ sagte Nikita beim Anblicke der flatternden Wäschestücke.
III
Am Anfang der Dorfstraße war es noch windig, und der Weg war verschneit; aber in der Mitte des Dorfes wurde es still, warm und angenehm. Auf einem Gehöfte bellte ein Hund; bei einem andern kam eine Frau, die sich den Rock über den Kopf geschlagen hatte, von irgendwo hergelaufen und blieb, als sie in die Haustür trat, auf der Schwelle stehen, um nach den Vorbeifahrenden hinzusehen. Aus der Mitte des Dorfes hörte man Mädchen Lieder singen. Wind und Schnee und Kälte, alles schien in dem Dorfe gelinder zu sein.
„Das ist ja Grischkino,“ sagte Wasili Andrejitsch.
„Ja, das stimmt,“ antwortete Nikita.
Und es war auch wirklich Grischkino. Es stellte sich also heraus, daß sie zu weit nach links geraten und ungefähr acht Werst in falscher Richtung gefahren, dabei aber doch ihrem Bestimmungsorte näher gekommen waren. Von Grischkino nach Gorjatschkino waren noch etwa fünf Werst.
In der Mitte des Dorfes stießen sie auf einen hochgewachsenen Mann, der mitten auf der Straße ging.
„Wer kommt denn da angefahren?“ schrie der Mann, hielt das Pferd an, faßte, sobald er Wasili Andrejitsch erkannte, sofort nach der Gabeldeichsel, griff an ihr mit den Händen weiter, gelangte so zum Schlitten und setzte sich auf den Rand desselben.
Es war dies ein Bauer, namens Isai, welchen Wasili Andrejitsch kannte; in der ganzen Umgegend war er als der größte Pferdedieb berüchtigt.
„Ah, Wasili Andrejitsch! Wohin geht denn die Reise?“ fragte Isai und hüllte beim Reden Nikita in eine Wolke von Branntweinduft ein.
„Wir wollen nach Gorjatschkino.“
„Wie kommt ihr denn dann hierher? Da hättet ihr doch über Malachowo fahren sollen.“
„Das hätten wir freilich sollen, aber wir haben den Weg verfehlt,“ antwortete Wasili Andrejitsch und hielt das Pferd an.
„Ein hübsches Pferdchen,“ bemerkte Isai, das Pferd musternd, und zog ihm an dem aufgebundenen Schwanze den locker gewordenen Knoten mit wohlgeübtem Griffe bis ganz an die Rübe hinauf.
„Da wollt ihr wohl hier über Nacht bleiben, wie?“
„Nein, lieber Freund, wir müssen notwendig weiterfahren.“
„Ihr müßt es wohl sehr eilig haben. Und wer ist denn das hier? Ah! Nikita Stepanütsch!“
„Wer soll es denn auch sonst sein?“ erwiderte Nikita. „Aber was haben wir zu tun, lieber Mann, damit wir uns nicht noch einmal verirren?“
„Wie könnt ihr euch hier verirren! Wendet um und fahrt geradeaus auf der Dorfstraße zurück, und dann, wenn ihr hinauskommt, immer geradeaus. Nicht links. So kommt ihr an die große Landstraße; und von der müßt ihr dann links abbiegen.“
„Und wo ist die Stelle, wo man von der großen Landstraße abbiegen muß? Ist es ein unbezeichneter Sommerweg oder ein bezeichneter Winterweg?“ fragte Nikita.
„Winterweg, Winterweg. Gleich wenn ihr hinkommt, sind da Sträuche, und gegenüber von den Sträuchen steht noch eine große, eichene Merkstange mit Laub daran; da ist es.“
Wasili Andrejitsch wendete um und fuhr wieder durch die Ortschaft zurück.
„Sonst bleibt doch lieber hier über Nacht!“ rief ihnen Isai nach.
Aber Wasili Andrejitsch gab ihm keine Antwort, sondern trieb das Pferd an: fünf Werst ebenen Weges und davon zwei durch Wald, die hoffte er mit Leichtigkeit zurücklegen zu können, um so mehr da, wie es schien, der Wind sich gelegt und das Schneetreiben nachgelassen hatte.
Sie fuhren wieder auf der glatt gefahrenen Straße zurück, auf welcher hier und da frischer Mist dunkle Flecke bildete, kamen bei dem Gehöft mit der Wäsche vorbei, wo inzwischen das weiße Hemd sich zum Teil losgerissen hatte und nur noch an dem einen steif gefrorenen Ärmel hing, fuhren wieder hinaus zu den unheimlich raschelnden Weidenbäumen und gelangten wieder auf das freie Feld. Das Schneetreiben hatte nicht nachgelassen, sondern war im Gegenteil noch heftiger geworden. Der ganze Weg war verschneit, und nur an den Merkstangen konnte man erkennen, daß man nicht von ihm abgekommen war. Aber auch die Merkstangen auf der vor ihm liegenden Wegstrecke zu unterscheiden war für Wasili Andrejitsch sehr schwierig, weil sie gegen den Wind fuhren.
Wasili Andrejitsch kniff die Augen zusammen, beugte den Kopf nach vorn und hielt Ausschau nach den Stangen; großenteils aber ließ er das Pferd gewähren, da er zu dessen Klugheit viel Vertrauen hatte. Und wirklich kam das Pferd nicht vom Wege ab, sondern ging, bald nach rechts bald nach links biegend, unbeirrt weiter, immer den Krümmungen des Weges folgend, den es unter den Füßen fühlte. Auf diese Art sahen sie fortwährend die Merkstangen, bald zur Rechten bald zur Linken, obgleich der Schneefall und der Wind stärker geworden waren.
So waren sie etwa zehn Minuten gefahren, als sich plötzlich gerade vor dem Pferde etwas Schwarzes zeigte, das sich in dem schrägen Netzwerk des vom Winde getriebenen Schnees bewegte. Das waren Leute, die nach derselben Richtung fuhren. Der Braungelbe hatte sie bald eingeholt und schlug mit den Füßen gegen die Rücklehne des vor ihnen fahrenden Schlittens.
„Fahrt doch vorbei! … he! … fahrt doch vor!“ wurde ihnen aus dem Schlitten in herausforderndem Tone zugerufen.
Wasili Andrejitsch begann vorbeizufahren. In dem Schlitten saßen drei Bauern und ein Weib. Offenbar waren sie auf der Heimfahrt von einem Festbesuche. Einer der Bauern schlug mit einer Gerte das kleine Pferdchen fortwährend auf das Hinterteil. Die beiden andern, die gleichfalls vorn im Schlitten saßen, gestikulierten erregt mit den Armen und schrien etwas. Die Frau, ganz vermummt und mit Schnee bedeckt, saß still im Hinterteil des Schlittens, wie ein Vogel, der seine Federn sträubt.
„Wo seid ihr her?“ schrie Wasili Andrejitsch.
„Aus A…a…a…!“ war nur zu hören.
„Wo ihr her seid, frage ich.“
„Aus A…a…a…!“ schrie einer der Bauern aus Leibeskräften; aber trotzdem war es unmöglich, den Namen des Dorfes zu verstehen.
„Hau zu! Laß sie nicht vor!“
„Die sind gewiß zum Feste auf Besuch gewesen,“ sagte Nikita zu Wasili Andrejitsch.
„Vorwärts, vorwärts! Hau zu, Semjon! Fahr ihnen vor! Hau zu!“
Die Schlitten stießen mit den Flügeln aneinander, verfingen sich beinahe, kamen aber doch wieder los, und der Bauerschlitten begann zurückzubleiben.
Das zottige, dickbauchige Pferdchen, das ganz mit Schnee bedeckt war und unter dem niedrigen Krummholz schwer keuchte, schleppte sich augenscheinlich unter Aufbietung seiner letzten Kräfte mit den kurzen Beinen, die es ganz unter den Leib zog, durch den tiefen Schnee. Der Kopf des offenbar noch jungen Tieres, mit hinaufgezogener Unterlippe wie bei einem Fische, mit weit geöffneten Nüstern und angstvoll zurückgelegten Ohren, hielt sich einige Sekunden lang neben Nikitas Schulter und begann dann zurückzubleiben.
„Was doch der Branntwein tut,“ sagte Nikita. „Ganz zuschanden gequält haben sie das Pferdchen. Die reinen Barbaren!“
Einige Minuten lang war noch das Schnaufen des gequälten Pferdes und das Geschrei der betrunkenen Bauern zu hören; dann wurde das Schnaufen still, und darauf verstummte auch das Geschrei. Und nun hörten sie wieder ringsum nichts weiter als den an ihren Ohren vorbeipfeifenden Wind und ab und zu das leise Knarren der Kufen an kahlgewehten Stellen des Weges.
Diese Begegnung hatte auf Wasili Andrejitsch ermunternd und ermutigend gewirkt, und er trieb das Pferd, auf das er sich verließ, dreister an, ohne mehr besonders auf die Merkstangen achtzugeben.
Nikita hatte nichts zu tun und versank wieder in Halbschlummer. Auf einmal blieb das Pferd stehen; Nikita hackte mit der Nase nach vorn und wäre beinahe hinausgefallen.
„Wir fahren ja schon wieder falsch,“ sagte Wasili Andrejitsch.
„Was?“
„Es sind keine Merkstangen zu sehen. Wir müssen wieder vom Wege abgekommen sein.“
„Wenn wir vom Wege abgekommen sind, müssen wir ihn wiedersuchen,“ antwortete Nikita kurz, stand auf und begann wieder, mit seinen einwärts gedrehten Füßen behend ausschreitend, durch den Schnee zu wandern. Lange ging er so hin und her, indem er bald aus dem Gesichtskreise verschwand, bald wieder auftauchte und wieder verschwand; endlich kehrte er zurück.
„Da ist kein Weg; vielleicht weiter nach vorn,“ sagte er und setzte sich auf den Schlitten.
Es fing schon an merklich dunkel zu werden. Das Schneetreiben hatte nicht zugenommen, aber sich auch nicht verringert.
„Wenn wir doch wenigstens die Bauern hörten, die wir vorhin trafen,“ sagte Wasili Andrejitsch.
„Die haben uns nicht eingeholt; also müssen wir weit vom Wege abgekommen sein. Aber vielleicht haben die sich auch selbst verirrt,“ bemerkte Nikita.
„Wohin sollen wir denn nun fahren?“ fragte Wasili Andrejitsch.
„Wir müssen dem Pferde seinen eigenen Willen lassen,“ antwortete Nikita. „Es wird uns schon irgendwohin bringen. Geben Sie mir die Leine.“
Wasili Andrejitsch überließ ihm die Leine um so lieber, als ihm die Hände trotz der warmen Handschuhe zu frieren begannen.
Nikita nahm die Leine; er hielt sie nur, vermied es aber, sie zu bewegen, und freute sich über die Klugheit seines Lieblings. In der Tat machte das kluge Pferd, das bald das eine bald das andre Ohr bald nach der einen bald nach der anderen Seite hin drehte, allmählich mit dem Schlitten eine Wendung.
„Nur nicht reden!“ murmelte Nikita ab und zu. „Sehen Sie nur, was er tut. Geh nur, geh nur; wirst es schon finden. So ist's richtig, so ist's richtig.“
Sie bekamen jetzt den Wind in den Rücken; es wurde wärmer.
„Und klug ist er,“ fuhr Nikita fort sich über das Pferd zu freuen. „Unser junger ‚Kirgise‘ ist ja stark, aber nur dumm. Aber dieser, sehen Sie bloß, was er mit den Ohren anstellt. Der braucht keinen Telegraphen; eine Werst weit spürt er alles.“
Und es war noch keine halbe Stunde vergangen, als vor ihnen wirklich eine dunkle Masse, ein Wald oder ein Dorf, auftauchte und rechter Hand wieder Merkstangen sichtbar wurden. Offenbar waren sie wieder auf einen Weg gekommen.
„Aber das ist ja wieder Grischkino,“ rief auf einmal Nikita.
Wirklich, jetzt stand da links von ihnen jene selbe Getreidedarre, von der der Schnee herunterstiebte, und weiterhin kam dieselbe Leine mit der steif gefrorenen Wäsche, den Hemden und Unterhosen, die noch immer ebenso wild im Winde flatterten.
Wieder fuhren sie in die Dorfstraße hinein, wieder wurde es still, warm und angenehm, wieder sahen sie den frischen Mist auf dem Wege, wieder hörten sie Stimmen und Lieder, wieder fing der Hund an zu bellen. Es war schon so dunkel geworden, daß hinter einigen Fenstern Licht angezündet war.
In der Mitte der Dorfstraße lenkte Wasili Andrejitsch das Pferd zu einem großen, zweistöckigen Hause aus Backstein und hielt es vor dem Tore an.
„Ruf doch mal Taras heraus,“ sagte er zu Nikita.
Nikita trat an das stark verschneite, erleuchtete Fenster, in dessen Scheine die vorbeiflatternden Schneeflocken glänzten, und klopfte mit dem Peitschenstiel an.
„Wer ist da?“ antwortete eine Stimme auf Nikitas Pochen.
„Aus Krestü, lieber Mann; Brechunow und sein Knecht,“ antwortete Nikita. „Komm doch mal auf einen Augenblick heraus.“
Der Mann drinnen trat vom Fenster zurück, und gleich darauf hörte man, wie die Tür nach dem Flur geöffnet wurde, und wie dann die Klinke der Außentür knackte; und die Tür wegen des Windes festhaltend, trat ein alter, weißbärtiger Bauer heraus, mit hoher Mütze, einen Halbpelz über das weiße Feiertagshemd geworfen; hinter ihm stand ein junger Bursche in rotem Hemde, mit Lederstiefeln.
„Bitte näherzutreten,“ sagte der Alte.
„Wir haben den Weg verfehlt, Bruder,“ sagte Wasili Andrejitsch. „Wir wollten nach Gorjatschkino und gerieten hierher zu euch. Dann fuhren wir wieder los und haben uns noch einmal verirrt.“
„Ei, ei, da seid ihr ja arg in der Irre gefahren,“ erwiderte der Alte. „Peter, geh und mach das Tor auf,“ wandte er sich an den jungen Burschen im roten Hemde.
„Schön! Gleich!“ antwortete dieser in munterem Tone und lief in den Hausflur.
„Über Nacht bleiben wollen wir nicht, Bruder,“ sagte Wasili Andrejitsch.
„Wohin wollt ihr denn jetzt noch fahren? Es ist ja schon Nacht. Übernachtet doch hier.“
„Das würde ich gern tun; aber ich muß fahren.“
„Nun, dann wärme dich wenigstens auf; der Samowar ist gerade fertig,“ sagte der Alte.
„Sich ein bißchen aufwärmen, das könnte man schon tun,“ erwiderte Wasili Andrejitsch. „Dunkler wird es nicht werden; im Gegenteil, sobald der Mond aufgeht, wird es heller. Komm, Nikita, wir wollen hineingehen und uns aufwärmen.“
„Schön, das können wir ja,“ antwortete Nikita, der arg durchgefroren war und nichts lieber wünschte, als seine erstarrten Glieder am Ofen zu erwärmen.
Wasili Andrejitsch ging mit dem Alten in das Haus hinein, Nikita aber fuhr durch das von Peter geöffnete Tor und brachte nach dessen Anweisung das Pferd unter das Schutzdach des Schuppens. Unten auf dem Boden lag viel Mist, und das hohe Krummholz stieß oben gegen die Querstange. Die Hühner mit ihrem Hahn, die sich bereits auf die Querstange gesetzt hatten, fingen unzufrieden an zu gackern und klammerten sich mit den Krallen fester an die Querstange. Die geängstigten Schafe drängten sich in dichtem Haufen zur Seite; ihre hornigen Klauen klapperten laut auf dem gefrorenen Miste. Ein Hund, offenbar ein noch junges Tier, stieß zunächst ein entsetztes Gewinsel aus und bellte dann in seinem Schreck und Ingrimm den fremden Eindringling heftig an.
Nikita redete mit allen: er entschuldigte sich bei den Hühnern und suchte sie durch die Versicherung zu beruhigen, daß er sie nicht weiter belästigen werde; er machte den Schafen Vorwürfe, daß sie sich fürchteten, ohne selbst zu wissen wovor, und redete, während er das Pferd festband, unaufhörlich dem jungen Hunde ins Gewissen.
„So, jetzt wird es in Ordnung sein,“ sagte Nikita und klopfte nun den Schnee von seinem eigenen Leibe ab. „Aber was er für einen Spektakel macht!“ fügte er mit Bezug auf den Hund hinzu. „Warte du nur! Na, nun genug … dummer Kerl. Genug. Regst dich bloß auf,“ sagte er. „Es sind ja keine Diebe; gute Bekannte …“
„Das sind, wie man so sagt, die drei häuslichen Ratgeber,“ sagte der junge Bursche und schob mit kräftigen Armen den noch draußen stehenden Schlitten unter das Schutzdach.
„Was heißt das: Ratgeber?“ fragte Nikita.
„So steht im Paulson gedruckt: ‚Schleicht ein Dieb zum Hause, so bellt der Hund; das bedeutet: schlaf nicht, paß auf. Der Hahn kräht; das bedeutet: steh auf. Die Katze wäscht sich; das bedeutet: ein werter Gast kommt; mach dich bereit, ihn zu bewirten,‘“ sagte der junge Bursche lächelnd her.
Peter konnte lesen und schreiben, wußte das einzige Buch, das er besaß, das Lesebuch von Paulson, beinah auswendig und zitierte, namentlich wenn er, wie an diesem Tage, etwas getrunken hatte, gern daraus Denksprüche, die ihm zu der Gelegenheit zu passen schienen.
„Das stimmt,“ erwiderte Nikita.
„Du bist wohl tüchtig durchgefroren, Onkelchen?“ fragte Peter.
„Ja freilich,“ antwortete Nikita. Sie gingen über den Hof und durch den Flur in die Stube.
IV
Die Bauernwirtschaft, in welcher Wasili Andrejitsch eingekehrt war, war eine der reichsten im Dorfe. Die Familie hatte fünf ihr zugewiesene Landparzellen inne und pachtete außerdem noch Land dazu. In der Wirtschaft waren sechs Pferde, drei Kühe, zwei Kälber und gegen zwanzig Schafe. Die Zahl der Familienmitglieder, die zu der Wirtschaft gehörten, belief sich im ganzen auf zweiundzwanzig: vier verheiratete Söhne, sechs Enkel, von denen einer, Peter, schon verheiratet war, zwei Urenkel, drei Waisen und vier Schwiegertöchter mit kleinen Kindern. Es war eine der seltenen Wirtschaften, die noch ungeteilt geblieben waren; aber auch hier war im Innern schon längst die stille Wühlarbeit der Zwietracht im Gange, die, wie immer, unter den Weibern ihren Anfang genommen hatte und unvermeidlich in Bälde zur Teilung führen mußte. Zwei Söhne lebten in Moskau als Wasserfahrer, einer war Soldat. Zu Hause waren jetzt der Alte, seine Frau, ein in der Wirtschaft tätiger Sohn und ein Sohn, der aus Moskau zu den Feiertagen auf Besuch gekommen war, ferner Peter, sowie Weiber und Kinder. Außer den Familienangehörigen war noch ein Gast da, der Nachbar Dorfschulze.
In der Stube hing über dem Tische eine Lampe mit einem Schutzschirm darüber und warf ihr helles Licht auf das darunter stehende Teegeschirr, die Flasche mit Schnaps, die kalten Speisen, sowie auf die mit Ziegeln bekleideten Wände in der Ehrenecke, wo mehrere Heiligenbilder und zu beiden Seiten davon andere Bilder hingen. Auf dem Ehrenplatze am Tische saß, nur im schwarzen Halbpelz, Wasili Andrejitsch, der an seinem gefrorenen Schnurrbart sog und mit seinen hervorstehenden Habichtsaugen um sich herum die anwesenden Leute und die Stube musterte. Außer Wasili Andrejitsch saß am Tische der weißbärtige, kahlköpfige alte Hausherr in weißem, hausgewebtem Hemde, neben ihm der aus Moskau zu den Feiertagen gekommene Sohn, mit kräftigem Rücken und starken Schultern, in einem feinen Kattunhemde, ferner jener andere Sohn, der breitschultrige älteste Bruder, der im Hause die Wirtschaft führte, und endlich der hagere, rothaarige Dorfschulze.
Die Männer, die bereits gegessen und Branntwein dazu getrunken hatten, wollten gerade zum Tee übergehen, und der Samowar, der beim Ofen auf dem Fußboden stand, summte bereits. Auf den Schlafgerüsten und auf dem Ofen lagen eine Anzahl von Kindern. Auf einer Pritsche saß, über eine Wiege gebeugt, ein Weib. Die alte Hausfrau, deren Gesicht nach allen Richtungen hin von kleinen Fältchen überzogen war, durch die sogar ihre Lippen gerunzelt waren, versorgte Wasili Andrejitsch mit Speise und Trank.
In dem Augenblicke, als Nikita in die Stube trat, hatte sie gerade ein aus sehr dickem Glase bestehendes Gläschen mit Branntwein gefüllt und trug es zu Wasili Andrejitsch hin.
„Nimm fürlieb, Wasili Andrejitsch,“ sagte der Alte. „Das geht schon nicht anders: dem Feiertag zu Ehren muß man ein Gläschen trinken.“
Der Anblick und der Geruch des Branntweins, namentlich jetzt, wo er durchgefroren und ermattet war, versetzten Nikita in starke Erregung. Er machte ein finsteres Gesicht, schüttelte sich den Schnee von der Mütze und vom Mantel ab, trat vor die Heiligenbilder und bekreuzte und verbeugte sich dreimal vor ihnen, als ob er keinen der im Zimmer Anwesenden überhaupt gewahr würde; dann erst wandte er sich zu dem alten Hauswirt, verbeugte sich zuerst vor ihm, dann vor allen übrigen, die am Tische saßen, dann vor den am Ofen stehenden Weibern, und nachdem er gesagt hatte: „Ich wünsche Glück zum Feiertage,“ begann er, ohne nach dem Tische hinzublicken, seinen Mantel auszuziehen.
„Na, du bist aber mal gut bereift, Onkel,“ sagte der älteste Sohn mit einem Blick auf Nikitas Gesicht, Augen und Bart, die ganz mit Schnee gepudert waren. Nikita legte den Mantel ab, schüttelte ihn noch einmal aus, hängte ihn an den Ofen und trat an den Tisch. Man bot ihm ebenfalls Branntwein an. Es war ein Augenblick qualvollen Kampfes: beinahe hätte er das Gläschen genommen und die verlockend duftende, helle Flüssigkeit in den Mund gegossen; aber er blickte Wasili Andrejitsch an, erinnerte sich an sein Gelöbnis, erinnerte sich an die vertrunkenen Stiefel, erinnerte sich an den Böttcher, erinnerte sich an seinen Jungen, dem er versprochen hatte, ihm zum Frühjahr ein Pferd zu kaufen; er seufzte und lehnte den Branntwein ab.
„Ich danke ergebenst; ich trinke nicht,“ sagte er mit finsterer Miene und setzte sich an das zweite Fenster auf die Bank.
„Warum denn nicht?“ fragte der älteste Sohn.
„Das ist nun mal so: ich trinke eben nicht,“ antwortete Nikita; er hob seine Augen nicht auf, sondern schielte nach seinem Schnurr- und Kinnbart und brachte die darin befindlichen Eisstückchen zum Schmelzen.
„Es bekommt ihm nicht,“ bemerkte Wasili Andrejitsch und aß zu dem Gläschen Schnaps, das er getrunken hatte, einen Fastenkringel hinterher.
„Nun, dann ein Täßchen Tee,“ sagte die freundliche alte Frau. „Du bist gewiß tüchtig durchgefroren, guter Mann. Was trödelt ihr denn so lange mit dem Samowar, ihr Weiber?“
„Er ist fertig,“ antwortete eine junge Frau, fächelte mit einem Vorhang dem überkochenden, zugedeckten Samowar Luft zu, trug ihn mit Mühe heran, hob ihn in die Höhe und setzte ihn mit einem lauten Stoß auf den Tisch.
Unterdessen hatte Wasili Andrejitsch erzählt, wie sie vom Wege abgekommen seien, wie sie zweimal zu demselben Dorfe gelangt wären, wie sie irre gefahren und wie sie mit den Betrunkenen zusammengetroffen seien. Die Leute vom Hause wunderten sich, setzten ihm auseinander, wo und warum sie vom Wege abgekommen seien, und wer die Betrunkenen gewesen wären, und belehrten ihn, wie er fahren müsse.
„Von hier nach Moltschanowka kann ein kleines Kind fahren; man braucht nur auf die Stelle aufzupassen, wo der Weg von der großen Landstraße abbiegt; da ist ein Gebüsch. Wunderlich, daß ihr euch nicht hingefunden habt!“ sagte der Schulze.
„Ihr solltet die Nacht über hierbleiben. Die Frauen werden euch ein Nachtlager zurechtmachen,“ redete ihnen die Alte freundlich zu.
„Morgen früh fahrt ihr dann weiter; das wäre schon das Beste,“ fügte der Alte bekräftigend hinzu.
„Es geht nicht, Bruder. Die Geschäfte!“ erwiderte Wasili Andrejitsch. „Was man in einer Stunde versäumt hat, bringt man in einem Jahre nicht wieder ein,“ fuhr er fort und dachte dabei an den Wald und an die Händler, die ihm bei diesem Kaufe zuvorkommen konnten. „Wir werden ja doch wohl hinkommen?“ wandte er sich an Nikita.
Nikita gab lange keine Antwort und tat, als wäre er mit dem Auftauen seines Bartes vollauf beschäftigt.
„Wenn wir nur nicht wieder den Weg verfehlen,“ sagte er endlich mürrisch. Nikita war mißgestimmt, weil er ein leidenschaftliches Verlangen nach Branntwein hatte; das Einzige, was ihm über dieses Verlangen hätte hinweghelfen können, war Tee; aber Tee war ihm noch nicht angeboten worden.
„Wenn wir nur glücklich bis dahin kommen, wo der Weg abzweigt,“ sagte Wasili Andrejitsch. „Dann können wir uns ja nicht mehr verirren; dann geht es durch Wald bis zu unserem Ziele.“
„Sie haben zu bestimmen, Wasili Andrejitsch, ob wir fahren sollen oder nicht,“ sagte Nikita, indem er ein ihm hingereichtes Glas Tee in Empfang nahm.
„Wir wollen tüchtig Tee trinken, und dann vorwärts!“
Nikita schwieg und wiegte nur den Kopf hin und her. Behutsam goß er den Tee in die Untertasse und wärmte an dem Dampfe seine durchgefrorenen Hände. Darauf biß er von einem Stück Zucker eine kleine Ecke ab, verbeugte sich vor den Wirtsleuten, sagte: „Auf Ihr Wohl!“ und schlürfte dann die wärmende Flüssigkeit ein.
„Wenn uns doch jemand bis an den Scheideweg bringen könnte,“ sagte Wasili Andrejitsch.
„Gewiß, das kann geschehen,“ antwortete der älteste Sohn. „Peter kann ja anspannen und euch bis an den Scheideweg begleiten.“
„Nun, dann spann an, liebster Freund. Ich werde dir dafür sehr dankbar sein.“
„Was redest du, lieber Mann!“ sagte die freundliche Alte. „Wir freuen uns von Herzen, dir behilflich sein zu können.“
„Geh, Peter, und spanne die Stute an,“ sagte der älteste Sohn.
„Schön,“ erwiderte Peter lächelnd, nahm sofort seine Mütze vom Nagel und lief hinaus, um anzuspannen.
Während das Pferd angeschirrt wurde, ging das Gespräch wieder zu dem Gegenstande über, um den es sich zu der Zeit gedreht hatte, als Wasili Andrejitsch vor das Fenster gefahren kam. Der Alte beklagte sich bei seinem Nachbar, dem Dorfschulzen, über seinen dritten Sohn, der zu den Feiertagen ihm selbst gar nichts und seiner Frau ein französisches Tuch als Geschenk geschickt hatte.
„Das junge Volk entzieht sich ganz der elterlichen Zucht,“ sagte der Alte.
„Ganz und gar,“ erwiderte der Dorfschulze. „Es ist nicht mehr zum Aushalten. Sie sind gar zu klug geworden. Da zum Beispiel dieser Demotschkin, der hat seinem Vater bei einem Streite den Arm gebrochen. Das kommt alles von der großen Klugheit her; da ist kein Zweifel.“
Nikita hörte zu, blickte den Redenden ins Gesicht und hätte sich offenbar gern ebenfalls an dem Gespräche beteiligt; aber er war von dem Teetrinken vollständig in Anspruch genommen und nickte nur beistimmend mit dem Kopfe. Er trank ein Glas nach dem andern, und es wurde ihm immer wärmer, immer behaglicher. Im weiteren Verlaufe blieb das Gespräch lange bei ein und demselben Gegenstande stehen, bei den schädlichen Folgen der Wirtschaftsteilungen, und das Gespräch hatte offenbar nicht etwa einen theoretischen Charakter, sondern es handelte sich dabei um die Teilung in diesem Hause, eine Teilung, die der zweite Sohn forderte, der hier mit dabei saß und mürrisch schwieg. Augenscheinlich war dies ein wunder Punkt, und diese Frage war für alle Hausgenossen von größtem Interesse; aber aus Anstandsgefühl mochten sie in Gegenwart Fremder ihre Privatangelegenheit nicht erörtern. Indes konnte sich der Alte schließlich doch nicht halten und erklärte mit einer Stimme, der man anhörte, daß ihm die Tränen nahe waren, solange er lebe, werde er in keine Teilung willigen; jetzt habe er, Gott sei Dank, ein wohleingerichtetes Haus; wenn aber die Wirtschaft geteilt würde, dann könnten sie allesamt betteln gehn.
„So wie es bei den Matwejews gegangen ist,“ sagte der Schulze. „Es war ein schönes Anwesen; aber da haben sie es geteilt, und nun hat keiner etwas.“
„Dahin möchtest du es auch bringen,“ wandte sich der Alte an seinen Sohn.
Der Sohn antwortete nichts, und es trat ein unbehagliches Stillschweigen ein. Dieses Stillschweigen unterbrach Peter, der das Pferd angespannt hatte und vor einigen Minuten wieder in die Stube gekommen war. Er hatte, seit er in der Stube war, dem Gespräche zugehört und dabei fortwährend gelächelt.
„Eine solche Geschichte steht auch im Paulson,“ sagte er. „Ein Vater gab seinen Söhnen ein Rutenbündel zum Zerbrechen. Das Bündel konnten sie nicht zerbrechen; aber jede einzelne Rute zerbrachen sie leicht. So ist es hier auch,“ sagte er und lächelte über das ganze Gesicht. „Es ist fertig,“ fügte er hinzu.
„Nun, wenn's fertig ist, dann wollen wir fahren,“ sagte Wasili Andrejitsch. „Und was die Teilung betrifft, Großväterchen, so gib du nur nicht nach. Du hast alles erworben, und du bist Herr darüber. Mach eine Eingabe an den Friedensrichter; der wird schon Ordnung stiften.“
„Immer macht er Randal, immer macht er Randal,“ fuhr der Alte mit weinerlicher Stimme in seinen Klagen fort. „Es ist gar nicht mehr mit ihm auszukommen. Rein des Teufels ist er.“
Unterdessen hatte Nikita sein fünftes Glas Tee ausgetrunken, stellte aber sein Glas auch jetzt noch nicht umgekehrt hin, sondern legte es auf die Seite, in der Hoffnung, es werde ihm auch noch ein sechstes eingegossen werden. Aber es war kein Wasser mehr im Samowar, und die Hausfrau goß ihm nicht mehr ein; auch begann Wasili Andrejitsch sich anzuziehen. So war denn weiter nichts zu machen. Nikita stand gleichfalls auf, legte sein Stück Zucker, von dem er auf allen Seiten abgebissen hatte, in die Zuckerdose zurück, wischte sich mit dem Schoße seines Halbpelzes den Schweiß vom Gesichte und ging an den Ofen, um sich seinen Mantel anzuziehen.
Als er damit fertig war, seufzte er schwer auf, bedankte sich bei den Wirtsleuten und verabschiedete sich von ihnen; dann ging er aus der warmen, hellen Stube in den dunklen, kalten Flur, wo der eindringende Wind tobte und heulte und der durch die Türritzen getriebene Schnee den Fußboden bedeckte, und trat von da auf den dunklen Hof hinaus.
Peter, in einem Pelz, stand mitten auf dem Hofe bei seinem Pferde und sagte lächelnd eine Strophe aus dem Paulson her:
„Der Schneesturm verdunkelt den Himmel schier,
Wild wirbeln die Flocken im Wind;
Bald klingt's, als heulte ein wildes Tier,
Und bald, als weinte ein Kind.“
Nikita nickte beifällig mit dem Kopfe und brachte die Lenkseile in Ordnung.
Der Alte, welcher Wasili Andrejitsch hinausbegleitete, kam mit einer Laterne in den Flur, um ihm zu leuchten; aber die Laterne erlosch sofort. Und auf dem Hofe konnte man sogar spüren, daß der Schneesturm noch ärger geworden war als vorher.
„Na, das ist einmal ein Wetter!“ dachte Wasili Andrejitsch. „Da kommen wir womöglich gar nicht hin. Aber es muß sein; die Geschäfte! Und ich habe mich ja auch schon fertig gemacht. Und das Pferd des Wirtes ist auch schon angespannt. Mit Gottes Hilfe werden wir schon hinkommen.“ Der alte Hauswirt dachte gleichfalls, daß es nicht rätlich sei zu fahren; aber er hatte schon einmal zum Bleiben zugeredet, ohne daß der Gast auf ihn gehört hatte. „Vielleicht ist es auch nur mein Alter, was mich so ängstlich macht; sie werden schon hinkommen,“ sagte er bei sich. „Und wenigstens können wir uns dann rechtzeitig schlafen legen und haben keine Mühe und Umstände.“
Auch Peter sah, daß es gefährlich war zu fahren, und hatte seine Besorgnisse; aber das hätte er um keinen Preis gezeigt; vielmehr spielte er den Couragierten und tat, als hätte er nicht die geringste Furcht; auch hatten ihn wirklich die Verse über den Schneesturm dadurch einigermaßen ermutigt, daß sie so vollständig das zum Ausdruck brachten, was draußen vorging. Nikita hatte schlechterdings keine Lust zu fahren; aber er hatte sich schon längst daran gewöhnt, keinen eigenen Willen zu besitzen und anderen zu gehorchen. So hielt denn niemand die Abfahrenden zurück.
V
Wasili Andrejitsch trat zu seinem Schlitten (er konnte in der Dunkelheit nur mit Mühe unterscheiden, wo dieser stand), stieg hinein und ergriff die Leine.
„Na, dann fahr voran!“ rief er.
Peter, der in seinem Schlitten kniete, trieb sein Pferd an. Der Braungelbe, der schon lange gewiehert hatte, da er die Stute vor sich witterte, rannte ihr nach, und sie kamen auf die Dorfstraße hinaus. Wieder fuhren sie durch die Ortschaft, auf demselben Wege, an demselben Gehöfte mit der aufgehängten, steif gefrorenen Wäsche vorbei, die jetzt nicht mehr zu sehen war, vorbei an derselben Darre, die bereits fast bis zum Dache verschneit war, und von der unaufhörlich der Schnee herunterrieselte, vorbei an denselben traurig raschelnden, pfeifenden, sich biegenden Weidenbäumen, und fuhren nun wieder hinein in das von oben und unten her tobende Meer von Schnee. Der Wind war so stark, daß, da er von der Seite kam und gegen die Fahrenden wie gegen ein Segel drückte, er den Schlitten aufkippte und das Pferd zur Seite legte. Peter fuhr mit seiner flott austrabenden tüchtigen Stute voran und stieß von Zeit zu Zeit einen ermunternden Schrei aus. Der Braungelbe lief hinter ihr her.
Als sie so etwa zehn Minuten lang gefahren waren, wandte sich Peter um und rief ihnen etwas zu. Weder Wasili Andrejitsch noch Nikita konnte es bei dem Winde verstehen. Aber sie vermuteten, daß sie bei der Wegscheide angekommen seien. Und wirklich bog Peter links ein, und der Wind, der bisher von der Seite gekommen war, blies ihnen jetzt wieder entgegen, und da wurde auch durch den Schnee hindurch etwas Dunkles sichtbar. Das war das Gesträuch an der Wegscheide.
„Nun, dann fahrt mit Gott weiter!“
„Vielen Dank, lieber Peter!“
„Der Schneesturm verdunkelt den Himmel schier, wild wirbeln die Flocken im Wind,“ rief Peter und verschwand.
„Ei sieh mal, was das für ein Dichter ist,“ sagte Wasili Andrejitsch und schüttelte mit der Leine.
„Ja, es ist ein tüchtiger Bursche, so ein richtiger Bauer,“ erwiderte Nikita.
Sie fuhren weiter. Nikita hatte sich tief eingemummt und den Kopf so in die Schultern hineingezogen, daß sein kleiner Bart ihm den Hals bedeckte; so saß er schweigend da, darauf bedacht, die durch den Tee in seinem Körper angesammelte Wärme nicht wieder zu verlieren. Vor sich sah er die geraden Linien der Gabeldeichsel, die ihn fortwährend in die Täuschung versetzten, als ob da ein vielbefahrener Weg sei, und das hin und her schaukelnde Hinterteil des Pferdes mit dem nach einer Seite gewendeten, in einen Knoten gebundenen Schwanze, und weiter vorn das hohe Krummholz und den auf und ab gehenden Kopf und Hals des Pferdes mit der auseinanderflatternden Mähne. Mitunter fiel sein Blick auf Merkstangen, so daß er wußte, daß sie noch auf dem Wege fuhren und es für ihn nichts zu tun gab.
Wasili Andrejitsch führte die Zügel, überließ aber meist dem Pferde, selbst dafür zu sorgen, daß sie auf dem Wege blieben. Aber trotzdem der Braungelbe sich im Dorfe ausgeruht hatte, lief er doch nur ungern, und es machte den Eindruck, als ob er vom Wege abbiegen wollte, so daß Wasili Andrejitsch ihn einige Male zurechtlenken mußte.
„Da rechts ist eine Merkstange, da die zweite, da die dritte,“ zählte Wasili Andrejitsch im stillen. „Und da vorn ist auch der Wald,“ dachte er, da er etwas Dunkles vor sich erblickte. Aber was er für einen Wald gehalten hatte, war nur ein Strauch. Sie fuhren an dem Strauche vorbei, sie fuhren noch etwa sechzig Schritt weiter: aber es war weder von der vierten Merkstange noch vom Walde etwas zu sehen.
„Der Wald muß doch gleich kommen,“ dachte Wasili Andrejitsch, und erregt durch den genossenen Branntwein und Tee, trieb er unaufhörlich das Pferd mit den Zügeln an, und das folgsame, gute Tier gehorchte und lief bald im Paßgang bald in kurzem Trabe dahin, wohin es gelenkt wurde, obwohl es wußte, daß sein Herr es ganz und gar nicht nach der richtigen Seite lenkte. Es vergingen noch zehn Minuten; der Wald wollte immer noch nicht kommen.
„Da haben wir ja wieder den Weg verloren!“ sagte Wasili Andrejitsch und hielt das Pferd an.
Nikita stieg schweigend aus dem Schlitten, und seinen Mantel haltend, der infolge des Windes ihm bald dicht am Körper klebte, bald sich bauschte und von ihm weg wollte, machte er sich daran, durch den Schnee zu waten; er ging nach der einen, er ging nach der anderen Seite. Dreimal verschwand er ganz aus der Sehweite. Endlich kehrte er zurück und nahm seinem Herrn die Leine aus der Hand.
„Nach rechts müssen wir fahren,“ sagte er kurz und in bestimmtem Tone und wendete das Pferd.
„Na, wenn du das meinst, wollen wir nach rechts fahren,“ erwiderte Wasili Andrejitsch, überließ ihm die Leine und schob seine frierenden Hände in die Ärmel. „Und wenn wir auch nur nach Grischkino zurückkommen.“
Nikita antwortete nicht.
„Nun, Freundchen, leg dich mal ordentlich ins Zeug!“ rief er dem Pferde zu; aber das Pferd ging trotz alles Schüttelns mit der Leine nur im Schritt. Der Schnee lag stellenweise knietief, und der Schlitten kam bei jeder Bewegung des Pferdes nur mit einem Ruck vorwärts.
Nikita griff nach der Peitsche, die am Vorderteile des Schlittens hing, und schlug das Pferd. Das gute, an solche Behandlung nicht gewöhnte Tier machte ein paar heftige Sätze und setzte sich in Trab, ging dann aber sogleich wieder in Paßgang und in Schritt über. So fuhren sie etwa fünf Minuten. Es war so dunkel, und der Schnee stiebte so dicht von oben und von unten, daß mitunter nicht einmal das Krummholz zu sehen war. Manchmal schien es, als ob der Schlitten auf einem Fleck stillstände und das Feld nach hinten hin liefe. Plötzlich machte das Pferd kurz halt; offenbar witterte es vor sich irgend etwas Unheimliches. Nikita sprang, die Leine hinwerfend, wieder behende hinaus und ging vor das Pferd, um nachzusehen, weshalb es stehen geblieben sei; aber kaum hatte er einen Schritt über den Kopf des Pferdes hinaus gemacht, als ihm die Füße ausglitten und er einen Abhang hinunterrutschte.
„Halt, brr, halt!“ rief er sich selbst zu, während er hinabsank und einen Halt suchte; aber es gelang ihm nicht eher, zum Stillstand zu kommen und festen Fuß zu fassen, als bis er mit den Beinen in eine am Grunde der Schlucht zusammengewehte tiefe Schneeschicht hineingefahren war.
Eine am oberen Rande der Schlucht überhängende Schneewachte war durch Nikitas Fall erschüttert worden, stürzte auf ihn herunter und schüttete ihm Schnee in den Nacken.
„Aber was ist das für ein Benehmen von euch,“ sagte Nikita vorwurfsvoll, sich an die Schneewachte und an die Schlucht wendend, und schüttelte sich den Schnee aus dem Kragen.
„Nikita! He! Nikita!“ rief Wasili Andrejitsch von oben. Aber Nikita antwortete nicht auf den Ruf.
Er hatte keine Zeit; er mußte sich den Schnee abschütteln und dann die Peitsche suchen, die er beim Herunterrutschen von dem Abhange verloren hatte. Als er die Peitsche gefunden hatte, wollte er geradeswegs wieder da hinaufklettern, wo er herabgeglitten war; aber dies war ein Ding der Unmöglichkeit; er rutschte immer wieder zurück, so daß er unten umhergehen mußte, um eine geeignete Stelle zum Aufstieg zu suchen. Ungefähr acht Schritte entfernt von der Stelle, wo er heruntergerutscht war, kroch er mühsam auf allen vieren die Anhöhe hinauf und ging nun am Rande der Schlucht nach der Stelle zu, wo das Pferd sein mußte. Indessen Pferd und Schlitten waren nicht zu sehen; aber da er gegen den Wind ging, so hörte er, bevor er noch etwas sah, das Schreien Wasili Andrejitschs und das Wiehern des Braungelben, die ihn riefen.
„Ich komme, ich komme. Was schreist du so?“ sagte er vor sich hin.
Erst als er schon ganz dicht beim Schlitten war, erblickte er das Pferd und den neben dem Schlitten stehenden Wasili Andrejitsch, der übermäßig groß erschien.
„Zum Teufel, wo warst du denn geblieben?“ schalt dieser ärgerlich den Herankommenden. „Wir müssen zurückfahren. Meinetwegen wollen wir nach Grischkino zurückkehren.“
„Zurückfahren möchte ich schon ganz gern, Wasili Andrejitsch; aber nach welcher Seite sollen wir fahren? Hier ist eine so zerklüftete Gegend, wenn wir da irgendwo mit dem Schlitten hineinfallen, kommen wir nicht wieder heraus. Ich bin da so hinuntergeschurrt, daß ich mich nur mit Not und Mühe wieder heraufgearbeitet habe.“
„Na, aber wir können hier doch nicht stehen bleiben; irgendwohin müssen wir doch fahren!“ sagte Wasili Andrejitsch.
Nikita gab keine Antwort. Er setzte sich auf den Schlitten, mit dem Rücken gegen den Wind, zog sich die Stiefel aus und schüttelte den Schnee heraus, der ihm da hereingekommen war; dann nahm er etwas Stroh und verstopfte damit sorgfältig von innen ein Loch im linken Stiefel.