Anmerkungen zur Transkription

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Kindheit

Autobiographische Novelle
von

Leo N. Tolstoi

Aus dem Russischen übertragen
und eingeleitet von

Adolf Heß

Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.


Einleitung.

Tolstois Gattin und Herausgeberin seiner Werke, die Gräfin S. A. Tolstoi, schreibt in ihrem Vorwort zum ersten Bande der neuen Ausgabe von Tolstois Werken, die nach seinem Tode erschienen ist: »Als ich die neue Gesamtausgabe zum Druck vorbereitete, fand ich unter den auf die »Kindheit« bezüglichen Manuskripten einen Brief Tolstois an seinen Bruder Sergei, aus dem ich ein Bruchstück hier anführe: »… Du glaubst nicht, wie unangenehm es für mich war, meine Novelle (»Kindheit«) gedruckt zu lesen: so viel ist von der Zensur und Redaktion an ihr gestrichen und geändert. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, daß alle Trivialitäten und alle Absurditäten, die Du sicher an der Arbeit bemerkt hast, nicht von mir herrühren. Um Dir zu zeigen, welch' niederträchtige Änderungen man vorgenommen hat und wie sie mich empört haben, schicke ich Dir den Brief, den ich im ersten Augenblick an den Redakteur schrieb, aber nicht abgesandt habe … 5. Dezember 1852.«

Die Herausgeberin bemerkt dann, auf Grund dieses Briefes hätte sie sämtliche die »Kindheit« betreffenden Manuskripte durchgesehen und nach ihnen die Erzählung ohne jene »Trivialitäten und Absurditäten« wiederhergestellt, von denen Tolstoi in seinem Briefe schreibt.

Nach dieser letzten russischen Fassung erscheint Tolstois Werk »Kindheit« in Reclams Universal-Bibliothek zum erstenmal in deutscher Sprache. Es ist bezeichnend für die Sorgfalt, mit der Tolstois Schriften im In- wie Auslande, in Einzel- und sogenannten Gesamtausgaben – in Deutschland gibt es eine solche nicht – bislang veröffentlicht wurden, daß ein Werk wie die »Kindheit« fünfzig Jahre lang ausschließlich in einer Fassung vorlag, die den Autor nach seinen eigenen Worten empörte!

Tolstois »Kindheit« ist weder in bezug auf Umfang noch Inhalt mit den biographischen Meisterwerken eines Goethe und Rousseau auf eine Stufe zu stellen – der Autor stand am Anfang der zwanziger Jahre, als er sein Erstlingswerk veröffentlichte, das ihm Anwartschaft auf den Namen eines berühmten Schriftstellers einbrachte. Der russische Gutsbesitzerssohn, der sich noch wenig im Leben umgetan, wollte weder, noch konnte er damals ein Stück weltumspannender Zeitgeschichte im Rahmen eines ungewöhnlich reichen und fruchtbaren Einzelschicksals geben, wie Goethe; noch hatte er gleich Rousseau Bekenntnisse vorzutragen, die das Verkehrte und Schädliche ganzer Zeitströmungen an einem lebendigen Beispiel schilderten und der Bildung zukünftiger Generationen neue Wege wiesen. Der Russe lieferte ganz einfach ein Stückchen Familiengeschichte, Kindheitserinnerungen eines Werdenden, der für sich und andere festzuhalten sucht, was ihm damals das Liebste und Wertvollste war: seine Jugendgedanken. Tolstoi wählte die autobiographische Form, ging aber sehr frei mit den Personen und Ereignissen um. So hat er zum Beispiel seine Mutter tatsächlich im zartesten Kindesalter verloren und sie überhaupt nicht, und den Vater, der ebenfalls früh starb, nur sehr wenig gekannt. Auch besaß Tolstois Vater nicht die Eigenschaften des Vaters in der Erzählung »Kindheit«. Das alles sind zum Teil bewußte poetische Erfindungen, freie Phantasieschöpfungen oder Niederschläge aus den Erzählungen anderer, zum Beispiel der Tante Jergolskaja, die Mutterstelle bei Tolstois vertrat, und sonstiger Hausangehöriger. Wohl aber liegt den meisten Ereignissen und Gestalten, sogar nebensächlichen, wie der des Bruders Wolodja (Sergei), der Katjuscha (Maslowa in der »Auferstehung«), des Foka (ebendaselbst) Tatsächliches zugrunde.

Die eigentliche Bedeutung von Tolstois autobiographischer Novelle »Kindheit«, der das »Knabenalter« und die »Jugend« folgten, liegt darin, daß in diesem Werk der ganze zukünftige Tolstoi mit seiner unheimlichen Beobachtungsgabe und wunderbaren Darstellungskunst bereits zu finden ist. Alle kleinen und großen Charakterzüge, die ihn später auszeichneten: unbestechliche Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit gegen sich und andere, weichherzige Empfindsamkeit, Neigung zur Frömmigkeit, Mystik und Askese, und unmittelbar daneben überreife, reiche Sinnlichkeit, Vorliebe für körperliche Übungen, für geistige und körperliche Sauberkeit – alles das ist hier wie in einem Embryo bereits enthalten. Daneben sind diese Aufzeichnungen durch eine ans Wunderbare grenzende Psychologie und Selbstbeobachtung ausgezeichnet. Wie Tolstoi das erste Erwachen der Sinnlichkeit eines zehnjährigen Knaben und die Annäherung an die Gespielin im dunklen Verschlage beschreibt; wie seine noch blind umhertappende Neigung und Liebe sich auf den Kameraden Jotinjew wirft, den zu küssen er heftiges Verlangen trägt: wie die Liebe zur blondlockigen Sonja ihn dann sehend macht und er alsbald die ganze Süßigkeit der Untreue in der Liebe auskostet – das alles weicht etwas von dem ab, was man bislang als Jugenderinnerungen Tolstois las. Dafür ist es so kindlich, groß und frei, und durch und durch aufrichtig und wahr und dient vielleicht dazu, die Schwärmergestalt und das Asketengerippe der letzten Zeit nachträglich mit Fleisch und Blut zu umkleiden. In dieser Hinsicht ist der Wert, zunächst der »Kindheit«, nicht hoch genug anzuschlagen.

Unserer Jugend, der modernen Jugend, kann das Buch (als Aufklärungslektüre im besten Sinne) empfohlen werden: es verschweigt nichts, schreckt vor nichts zurück, predigt nicht und führt doch überall zu einer tiefernsten, sittlichen Auffassung der Dinge.

Charlottenburg, 1912.

Dr. Adolf Heß.


Kindheit.

1. Unser Lehrer Karl Iwanowitsch.

Am 12. August 1836, genau drei Tage nach meinem elften Geburtstag, an dem ich mein zehntes Lebensjahr vollendet und so herrliche Geschenke erhalten hatte, um sieben Uhr morgens, weckte mich Karl Iwanowitsch, indem er mit einer Fliegenklappe aus Packpapier an einem Stock nach einer Fliege schlug. Er tat dies so ungeschickt, daß er mein Heiligenbild an der eichenen Bettlehne berührte und daß die tote Fliege auf mein Kissen fiel. Ich schob den Kopf unter der Decke hervor, hielt das schaukelnde Bild mit der Hand fest, warf mit Abscheu die tote Fliege fort und blickte zwar mit verschlafenen aber bösen Augen Karl Iwanowitsch an, der in seinem bunten, wattierten, durch einen hinten angenähten Gürtel (aus demselben Stoff) zusammengehaltenen Schlafrock, einer roten, gestrickten Zipfelmütze mit Troddel, in weichen Saffianschuhen, die Fliegenklappe in der Hand, weiter die Wände entlang schlich, zielte und schlug.

Wenn ich auch klein bin, dachte ich, welches Recht hat er aber, mich zu stören, zu quälen und mit der Klappe nach dem Bild zu schlagen? Warum klatscht er nicht die Fliegen bei Wolodjas Bett? Da sind so viele! O, er hat Angst vor Wolodja, der könnte sich beklagen, weil er älter ist als ich – bald dreizehn Jahre. Ich bin der Allerjüngste, deswegen quält er mich. Nur daran denkt er sein ganzes Leben lang, wie er mich ärgern kann – flüsterte ich, die Zähne zusammenpressend. Er sieht sehr gut, daß er mich erschreckt hat, tut aber, als ob er nichts merkt, der abscheuliche Mensch … Sein Schlafrock, die Zipfelmütze und die Troddel – wie widerwärtig das alles ist.

Während ich so in Gedanken meinem Ärger über Karl Iwanowitsch, der mich nicht ausschlafen ließ, Ausdruck verlieh, trat er zu seinem Bett, sah nach der Uhr, die in einem mit Glasperlen gestickten Pantoffel hing, hängte die Fliegenklappe an den Nagel und rief uns, augenscheinlich in bester Stimmung, auf gut deutsch zu: »Auf, Kinder, auf; 's ist Zeit! Die Mutter ist schon im Saal,« kam dann zu mir, setzte sich zu meinen Füßen und holte seine Tabaksdose aus der Tasche. Ich tat, als schliefe ich; steckte den Kopf unter die Decke. Karl Iwanowitsch schnupfte, nahm sein gewürfeltes Taschentuch und schneuzte sich mit den tabakbeschmutzten Fingern. Dann schob er die Hand unter meine Bettdecke und kitzelte mich an den Fußsohlen. »Nun, nun, Faulenzer,« sagte er dabei und lachte. So große Angst ich auch vor dem Kitzeln hatte, sprang ich doch nicht aus dem Bett, antwortete ihm auch nicht, sondern steckte nur den Kopf wieder unter die Decke, schlug mit den Füßen um mich, kreischte und gab mir krampfhaft Mühe, das Lachen zu verbeißen.

Wie ist er gut und wie hat er uns lieb. Und ich konnte so schlecht von ihm denken!

Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten, schob den Kopf unter dem Kissen hervor und rief mit Tränen in den Augen: »Ach, lassen Sie, Karl Iwanowitsch!«

Er ließ verwundert meine Fußsohlen los und fragte mich besorgt, was mit mir wäre. Ob ich etwas Schlimmes geträumt hätte. Sein braves, deutsches Gesicht, die Teilnahme, mit der er sich bemühte, den Grund meiner Tränen zu erraten, verstärkten meine Rührung. Ich schämte mich; begriff nicht, wie ich eine Minute vorher solch' unschöne Gedanken hatte hegen, seinen Schlafrock, die Zipfelmütze und Troddel hatte widerwärtig finden können. Jetzt erschien mir, im Gegenteil, alles sehr lieb, und sogar die Troddel war mir ein klarer Beweis seiner Güte.

Ich sagte Karl Iwanowitsch, ich hätte geträumt, Mama stürbe. Und als er mich freundlich zu trösten und zu beruhigen suchte, kam es mir vor, als hätte ich wirklich diesen schrecklichen Traum gehabt, obgleich ich entschieden nichts mehr wußte – und meine Tränen flossen nun schon aus einem anderen Grunde.

Karl Iwanowitsch ging ins Klassenzimmer; ich zog schluchzend meine Strümpfe an und dachte über den schrecklichen, erfundenen Traum nach.

Jetzt trat unser Wärter Nikolas ins Zimmer, ein kleines, sauberes, geschorenes Männchen, stets ernst, akkurat, respektvoll und ein großer Freund von Karl Iwanowitsch. Er brachte unsere Kleider und das Schuhzeug: Stiefel für Wolodja, mir einstweilen noch diese dummen Schuhe mit Bändern. In seiner Gegenwart schämte ich mich zu weinen; außerdem schien die Morgensonne lustig ins Fenster, und Wolodja machte am Waschbecken nach, wie sich Marja Iwanowna (die Gouvernante unserer Schwester) wusch und lachte dabei so lustig und laut, daß sogar der ernste Nikolas mit dem Handtuch auf der Schulter, dem Wasserkrug in der einen und der Seife in der anderen Hand losplatzte und dann sagte: »Nun hören Sie auf, Wladimir Petrowitsch; bitte, waschen Sie sich.«

Ich war wieder ganz vergnügt.

Aus dem Klassenzimmer nebenan ertönte Karl Iwanowitschs Stimme, jetzt schon ohne den Ausdruck von Güte, die mich zu Tränen rührte. Er rief vielmehr streng: »Sind Sie bald fertig?«

Im Klassenzimmer war Karl Iwanowitsch ein ganz anderer Mensch: Amtsperson, Erzieher. Ich zog mich schnell an, wusch mich und folgte seinem Ruf, noch mit der Bürste in der Hand, das nasse Haar kämmend.

In demselben Aufzug, die Brille auf der Nase, über die hinweg er Wolodja ansah, der etwas ausgefressen hatte und in der Ecke kniete, saß auf seinem gewöhnlichen Platz, rechts zwischen Tür und Fenster Karl Iwanowitsch. Links von der Tür hingen zwei Bücherborte: das eine unseres, für Kinder; das andere seins, sein Eigentum! Auf unserem befanden sich alle möglichen Bücher: Lehrbücher und andere, gebunden und ungebunden; teils standen, teils lagen sie. Nur zwei große Bände »Histoire des voyages« in rotem Einband standen stets akkurat am Rande; dann kamen lange, dicke, kleine Bücher, Deckel ohne Bücher und umgekehrt – da wurde alles hingestopft und -geworfen, wenn er vor der Erholungspause die »Bibliothek«, wie Karl Iwanowitsch das Bücherbort nannte, in Ordnung bringen hieß. Die Büchersammlung auf seinem eigenen Bort war nicht so groß wie unsere, dafür aber noch mannigfaltiger. Ich erinnere mich an drei Bücher: eine deutsche Broschüre über die Düngung in Kohlgärten – ungebunden; ein Band der Geschichte des Siebenjährigen Krieges, in Pergament, an einer Ecke durchgebrannt; und ein vollständiges Lehrbuch der Hydrostatik. Während seines ganzen fünfzehnjährigen Aufenthaltes in unserem Hause las Karl Iwanowitsch nichts als diese Bücher und die Zeitschrift »Nordische Biene«, verbrachte aber die größere Hälfte des Tages mit Lektüre, so daß er sich die Augen verdarb. Außerdem las er noch die Bibel, aber nur Sonntags. Unter den Gegenständen auf seinem Bücherbort ist mir einer ganz besonders im Gedächtnis geblieben: das war eine Scheibe aus Pappe mit hölzernem Gestell, an dem sich die Scheibe durch Stifte hoch und niedrig stellen ließ. Auf die Scheibe war ein Bild geklebt, die Karikatur einer Dame und eines Friseurs. Karl Iwanowitsch war sehr geschickt im Kleben und hatte diese Scheibe eigenhändig zum Schutz seiner schwachen Augen vor dem Licht verfertigt. Noch jetzt sehe ich die lange Gestalt im wattierten Schlafrock und roter Zipfelmütze, unter der spärliches, graues Haar hervorguckt. Er sitzt am Tisch mit der Friseurpappscheibe; Schatten fällt auf sein Gesicht. In der einen Hand hält er das Buch gegen das Licht, die andere ruht auf der Sessellehne. Neben ihm liegt die Uhr mit einem Jäger auf dem Zifferblatt, sein gewürfeltes Schnupftuch, die schwarze, runde Tabaksdose, ein grünes Brillenfutteral, die Lichtschere auf dem Untersatz: alles liegt so akkurat und symmetrisch auf seinem Platz, daß man schon daraus auf das reine Gewissen und den Seelenfrieden dieses Mannes schließen kann.

Wenn ich unten im Saal genug herumgetollt hatte, schlich ich wohl auf Zehenspitzen oben ins Klassenzimmer und sah, wie Karl Iwanowitsch allein in seinem Lehnstuhl saß und mit dem gewöhnlichen wichtigen Ausdruck las. Bisweilen traf ich ihn nicht lesend: die Brille auf die große Adlernase heruntergerutscht, die blauen, halbgeschlossenen Augen mit sonderbarem Ausdruck über das Buch hinwegblickend und die Lippen zu einem traurigen Lächeln verzogen. Im Zimmer herrschte Stille; nur sein gleichmäßiges Atmen war zu hören und das Ticken der Jägeruhr. Da wurde einem traurig zumute.

Oft, wenn er mich nicht bemerkte, stand ich da und dachte: armer, armer Karl Iwanowitsch. Wir unten spielen – wir sind viele, sind vergnügt; er aber ist unglücklich und ganz allein, und niemand hat ihn lieb. Er sagt mit Recht, daß er verwaist ist. Wie schrecklich ist seine Lebensgeschichte, die er Nikolas einmal erzählt hat … Schrecklich ist seine Lage! Er tut einem so leid, daß man bisweilen hingeht, ihn bei der Hand faßt und sagt: »lieber Karl Iwanowitsch!« Er hatte es gern, wenn man so zu ihm sprach, streichelte mich stets und war augenscheinlich gerührt. Ich benutzte die Gelegenheit und bat ihn dann schnell, mir ein Hasen- oder Nonnenschattenbild an der Wand zu zeigen oder eine Maus aus dem Schnupftuch zu machen.

An der anderen Wand hingen Landkarten, fast sämtlich zerrissen, aber von Karl Iwanowitsch kunstgerecht wieder zusammengeklebt. Trotzdem sah Europa Gott weiß welchem Ungeheuer ähnlich.

An der dritten Wand, in deren Mitte die Tür nach unten führte, hingen auf der einen Seite zwei Lineale: eins zerschnitten für unseren Gebrauch, das andere, neue, sein Eigentum, wurde mehr zu unserer Aufmunterung als zum Liniieren gebraucht. Auf der anderen Seite eine schwarze Tafel, auf der mit Nullen unsere großen und mit Kreuzen die kleinen Sünden vermerkt wurden. Links vor der Tafel beim Ofen war die Ecke, in der wir niederknien mußten und in der gegenwärtig Wolodja kniete.

Als ich eintrat, blickte er Karl Iwanowitsch an, der aber die Augen nicht aufschlug. Da setzte Wolodja sich auf die Knie, schnitt mir eine furchtbar komische Grimasse und hielt sich die Nase zu, um nicht loszuplatzen. Aber das nützte nichts, er prustete dennoch, während Karl Iwanowitsch ins Schlafzimmer ging, um sich anzukleiden.

Wie genau ich mich an diese Ecke erinnere! Ich weiß noch die Ofenklappe, das Luftloch darin, das Sausen, wenn man die Klappe aufzog. Bisweilen kniete und kniete ich da in der Ecke und dachte: Karl Iwanowitsch hat dich vergessen; sah mich um, aber da saß er immer noch in derselben Haltung, las seine Geschichte des Siebenjährigen Krieges oder die Hydrostatik. Für ihn vielleicht ganz gemütlich; an mich aber denkt er nicht! Da fängt man denn an, um sich bemerkbar zu machen, leise die Ofenklappe zu öffnen und zu schließen, oder Kalk von der Wand zu kratzen; wenn man aber schließlich ein zu großes Stück lockert und dieses mit Gepolter auf den Boden fällt – dann ist wahrhaftig die Angst schlimmer als jede Strafe; man sieht sich um – er sitzt immer noch in derselben Haltung.

Die letzte Wand nahmen drei Fenster ein. Mitten im Zimmer stand ein Tisch mit zerrissenem schwarzen Wachstuch, unter dem an vielen Stellen die mit dem Federmesser zerschnittenen Tischecken hervorguckten. Ringsum ungestrichene, vom langen Gebrauch aber glänzend blank gewordene, harte Sitzböcke.

Als Karl Iwanowitsch hinausgegangen war, ging ich zu Wolodja und fragte: »warum?«

»Ach, Dummheit,« meinte er nachlässig, »weil ich mich zum Fenster hinausgelehnt habe, um Akim zu sehen (Akim war unser halbverrückter Gärtner) und nicht bemerkt habe, daß er da seine dummen Schachteln zum Trocknen aufgestellt hatte; da habe ich aus Versehen eine zerdrückt.«

»Welche denn?« fragte ich.

Er konnte mir nicht antworten, weil in diesem Augenblick Karl Iwanowitsch, vollständig angekleidet, im blauen Rock und grauen Hosen ins Zimmer trat. Wolodja deutete mit seinen dreisten, schwarzen Augen nur auf die Ecke hinter dem Ofen, hob wieder die Schultern und wäre beinahe losgeplatzt.

Ich sah hin; das beste Erzeugnis Karl Iwanowitschs – ein Futteral mit zwei Zwischenwänden, das nur noch trocknen und mit Einfassung beklebt werden mußte, um am Namenstage einem Familienmitgliede als Präsent dargebracht zu werden, ein Futteral, für welches Karl Iwanowitsch beim Tischler Kondratius extra eine Form bestellt, an dem er mit besonderer Sorgfalt und Liebe gearbeitet hatte – dieses Futteral lag zerdrückt, verbogen hinter dem Ofen zwischen Staub und neben der Dielenbürste auf dem Fußboden – wahrscheinlich hatte Karl Iwanowitsch es in einem Augenblick des Ärgers selbst dorthin geworfen.

Es kam mir sonderbar vor, daß Wolodja darüber lachen konnte.

Karl Iwanowitsch blieb vor der Tür stehen und begann auf dem oberen Balken mit Kreide Buchstaben und Ziffern zu malen. Er führte seinen Kalender auf dieser Tür; da aber der ganze Monat nicht auf das obere Gesims hinaufging, so wischte er an gewissen Tagen das Geschriebene aus und schrieb neue Zeichen hin.

Während er damit beschäftigt war, trat ich zum letzten Fenster. Die Aussicht von dort war folgende: gerade unter dem Fenster ein großer Fliederbusch, hinter dem Busch eine geschorene Lindenallee, durch die man die Wiese sah, mit der Tenne auf der einen Seite und dem Wald auf der anderen und gegenüber. Im Walde sah man die Wärterhütte. Es läßt sich nicht beschreiben, wie schön das alles war.

Aus dem Fenster rechts war ein Teil der Veranda sichtbar, auf welcher meistens alles bis zum Mittagessen saß. Bisweilen, während Karl Iwanowitsch das Diktat korrigierte, blickte ich nach jener Seite, sah dann das schwarze Köpfchen der Mutter, einen Rücken und hörte undeutliches Gespräch und Lachen. Ich war recht ärgerlich, daß ich nicht dabei sein konnte! Ich dachte: wann werde ich groß sein, aufhören zu lernen und immer bei denen sein, die ich liebhabe? Ärger überkam mich, und Gott mag wissen, an was ich so sehr dachte, daß ich gar nicht hörte, wie Karl Iwanowitsch über die Fehler böse war und schalt.

Wolodja durfte aufstehen und wir gingen hinunter, um die Mutter zu begrüßen.

2. Mama.

Mama saß im Gastzimmer und goß Tee ein; mit einer Hand hielt sie die Teekanne, mit der anderen den Samowarhahn, aus dem das Wasser über den Rand der Teekanne auf das Teebrett floß. Obgleich sie unverwandt auf diese Stelle blickte, bemerkte sie nichts, bemerkte nicht einmal, daß wir eintraten.

Wenn man versucht, die Züge eines geliebten, längst verstorbenen Wesens in Gedanken wachzurufen, tauchen so viele traurige Erinnerungen an die Vergangenheit auf, daß man durch diese Erinnerungen wie durch Tränen sieht. Das sind die Tränen der Erinnerung.

Wenn ich mich bemühe, mir meine Mutter so vorzustellen, wie sie damals war, sehe ich nur ihre wunderbaren braunen, stets gleichmäßige Güte und Liebe ausdrückenden Augen, das Muttermal am Halse, ein wenig unterhalb der Stelle, wo sich die kleinen Härchen kräuseln, das gestickte weiße Bäffchen und die magere, weiße, zarte Hand, die ich so oft küßte und die mich so oft gestreichelt hat.

Links vom Sofa an der Wand stand ein alter englischer Flügel, an dem mein schwarzbraunes Schwesterchen Ljubotschka saß und mit ihren rosigen, soeben in kaltem Wasser gewaschenen Fingerchen mit deutlich sichtbarer Anstrengung die Etüden von Clementi übte. Sie war elf Jahre alt, trug ein kurzes Leinenkleid und weiße, spitzenbesetzte Höschen. Die Oktaven konnte sie nur »Arpeggio« greifen. Neben ihr, halb seitwärts, saß Maria Iwanowna in einer rosa bebänderten Haube, blauen Jacke und mit rotem, bösem Gesicht, das einen noch böseren Ausdruck annahm, wenn Karl Iwanowitsch das Zimmer betrat. Sie maß ihn mit drohenden Blicken, grüßte nicht, sondern fuhr noch lauter und gebieterischer als vorhin fort zu zählen; un, deux, troisun, deux, trois

Karl Iwanowitsch achtete nicht darauf, ging gewöhnlich mit seinem deutschen Gruß direkt auf die Mutter zu, um ihr die Hand zu küssen. Dann fuhr sie auf, schüttelte das Köpfchen, wie um die traurigen Gedanken zu vertreiben, reichte Karl Iwanowitsch die Hand und küßte ihn auf die runzelige Schläfe, während er ihre Hand mit den Lippen berührte.

»Ich danke Ihnen, lieber Karl Iwanowitsch,« sagte sie und fragte weiter deutsch: »Haben die Kinder gut geschlafen?«

Karl Iwanowitsch war auf einem Ohr taub und konnte jetzt wegen des Lärms am Flügel gar nichts hören. Er beugte sich, eine Hand auf den Tisch gestützt und auf einem Bein stehend, näher zum Sofa, lüftete mit einem Lächeln, das mir damals als Gipfelpunkt feiner Sitte erschien, sein Käppchen und sagte: »Entschuldigen, was meinten Natalie Iwanowna?«

Karl Iwanowitsch nahm, um sich den kahlen Kopf nicht zu erkälten, niemals das rote Käppchen ab, bat aber jedesmal, wenn er das Gastzimmer betrat, deswegen um Entschuldigung.

»Bleiben Sie bedeckt, Karl Iwanowitsch. Ich frage, ob die Kinder gut geschlafen haben?« sagte die Mutter, sich zu ihm beugend, ziemlich laut.

Aber er hatte wieder nichts gehört, bedeckte seine kahle Platte mit dem Käppchen und lächelte nur.

»Hört einen Augenblick auf, Mimi,« sagte Mutter freundlich lächelnd zu Maria Iwanowna: »man kann nichts verstehen.«

Mutter hatte ein Lächeln, durch das, so hübsch ihr Gesicht auch war, es doch noch hübscher wurde und ringsum alles verklärte. Wenn ich in schweren Augenblicken des Lebens auch nur flüchtig dieses Lächeln sehen könnte, wüßte ich nicht, was Kummer ist. Mir scheint, daß im Lächeln eigentlich die Schönheit des Gesichtes liegt; wenn das Lächeln dem Gesicht mehr Reiz gibt, ist dieses schön; wenn es das Gesicht nicht verändert: gewöhnlich; wenn es entstellt: häßlich.

Nachdem Mama Wolodja begrüßt, küßte sie nach althergebrachter Gewohnheit in unserer Familie meine Hand; nahm dann meinen Kopf zwischen beide Hände, beugte ihn zurück, sah mich unverwandt an und fragte: »Du hast heute geweint?« Dann küßte sie mich auf die Augen und fragte deutsch: »Worüber hast du geweint?«

Wenn sie freundschaftlich mit uns sprach oder scherzte, bediente sie sich stets des Deutschen. Sie beherrschte diese Sprache vollkommen.

»Ich hab' im Traum geweint, Mama,« erwiderte ich, dachte dabei an meinen erfundenen Traum mit allen Einzelheiten und zitterte in Gedanken unwillkürlich. Karl Iwanowitsch bestätigte meine Worte, schwieg aber von dem Traum.

Nachdem man noch vom Wetter gesprochen, an welcher Unterhaltung auch Mimi sich beteiligte, legte Mama für einige bevorzugte Dienstboten sechs Stücke Zucker auf das Teebrett, stand auf und ging zum Stickrahmen am Fenster.

»Nun, Kinder, geht zum Vater und sagt ihm, daß er zu mir kommt, eh' er zur Tenne geht. Vous pouvez reprendre votre leçon, chère Mimi.«[1]

Wieder Musik, Zählen, drohende Blicke, und wir gingen zu Papa.

Wir gingen durch das Zimmer, das noch von Großvater her »Dienerzimmer« hieß und traten in das Arbeitszimmer des Vaters.

3. Papa.

Er stand am Schreibtisch und war, auf verschiedene Papiere, Kuverts und Geldpäckchen deutend, in lebhafter Unterhaltung mit dem Verwalter Jakob Michailow begriffen, der mit auf dem Rücken verschränkten Händen auf seinem gewöhnlichen Platz zwischen Tür und Barometer stand und die Finger sehr schnell nach verschiedenen Richtungen drehte. Je lebhafter Papa sprach, um so schneller bewegten sich die Finger; wenn er verstummte, ruhten auch die Finger; wenn aber Jakob selbst das Wort nahm, kamen auch die Finger wieder in starke Bewegung. Und aus ihren Bewegungen konnte man die geheimsten Gedanken Jakobs erraten, während sein Gesicht stets den Ausdruck von Würde und Unterwürfigkeit zeigte: »Ich habe recht, aber natürlich ganz wie es Ew. Gnaden beliebt.«

Bei unserem und Karl Iwanowitschs Anblick sagte Papa nur: »Einen Augenblick; sofort,« und deutete durch eine Kopfbewegung an, daß jemand von uns die Tür schließen sollte.

»Ach, lieber Gott! Was hast du heute nur, Jakob?« fuhr er, seiner Gewohnheit nach achselzuckend, zum Verwalter gewandt fort. – »Dieses Kuvert mit achthundert Rubeln …«

Jakob nahm das Rechenbrett, schob achthundert beiseite und starrte, in Erwartung des Weiteren, unbestimmt vor sich hin.

»… sind für Wirtschaftsausgaben in meiner Abwesenheit, verstanden? Für die Mühle bekommst du ja wohl tausend? Ja, oder nein? Für Hypotheken achttausend; für Heu, – nach deiner Rechnung kann man siebentausend Pud rechnen – sagen wir fünfundvierzig Kopeken das Pud, macht zirka dreitausend; also hast du zusammen wieviel? Zwölftausend. Ja oder nein?«

»Jawohl,« sagte Jakob, aber aus den schnellen Fingerbewegungen bemerkte ich, daß er etwas erwidern wollte. Papa schnitt ihm das Wort ab: »Also von diesem Gelde schickst du zehntausend zum Amt in Petrowskoie. Jetzt das Geld im Kontor,« fuhr Papa fort – Jakob warf die früheren zwölftausend zusammen und notierte einundzwanzigtausend – »das bringst du mir und trägst es unterm heutigen Datum als Ausgabe ein« – Jakob schob die Kugeln beiseite und kehrte das Rechenbrett um, dadurch wahrscheinlich andeutend, daß nun auch diese einundzwanzigtausend verloren wären. – »Diesen Geldbrief übergibst du an seine Adresse.«

Ich stand dicht am Tisch und las die Adresse. Da stand: An Karl Iwanowitsch Mauer. Papa bemerkte wohl, daß ich etwas las, was ich nicht zu wissen brauchte. Er sprach weiter, legte aber seine Hand auf meine Schulter und wies mich durch eine leichte Bewegung vom Tisch fort. Ich verstand nicht, ob das eine Liebkosung oder ein Tadel sein sollte, küßte aber für alle Fälle seine große, weiße, nervige Hand mit dem Trauring auf dem Goldfinger.

»Zu Befehl,« sagte Jakob. »Was soll aber mit dem Gelde von Chabarowka geschehen?«

Chabarowka war Mamas Gut.

»Das soll im Kontor bleiben und ohne meine Verfügung nicht angerührt werden,« sagte Papa.

Jakob schwieg einen Augenblick, dann drehten sich plötzlich wieder die Finger mit verstärkter Geschwindigkeit, er änderte den Ausdruck unterwürfigen Stumpfsinns, mit dem er die Befehle des Herrn anzuhören für nötig hielt, nahm den ihm eigenen Ausdruck spitzbübischer Findigkeit und Schlauheit an, zog das Rechenbrett heran und begann: »Gestatten Sie, zu bemerken, Peter Alexandrowitsch – ganz wie Sie wünschen, aber auf dem Amt werden wir das Geld kaum rechtzeitig bezahlen. Sie beliebten zu sagen: das Geld müßte von der Mühle, für Lombard und Heu einkommen …« Er rechnete den Betrag aus und schob die Kugeln auf der Rechenmaschine beiseite. »Ich fürchte aber, daß wir uns in den Voranschlägen irren,« fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, Papa dabei tiefsinnig anstarrend.

»Warum?«

»Ja, sehen Sie, was die Mühle betrifft, so hat mich der Müller schon zweimal aufgesucht und um Stundung gebeten, hat bei Gott und allen Heiligen geschworen, daß er kein Geld hätte. Er ist auch jetzt wieder da. Wollen Sie nicht selbst mit ihm sprechen?«

Papa machte mit dem Kopf ein Zeichen, daß er das nicht wünsche.

»Was sagt er denn?« fragte Papa.

»Das weiß man schon,« erwiderte Jakob. »Hätte nichts zu mahlen gehabt und alles Geld in das Wehr gesteckt. Wenn wir ihm kündigen, Herr, fragt sich noch, ob wir dabei profitieren. Was Sie über die Hypothek zu bemerken beliebten – so habe ich vielleicht schon ausgeführt, daß unser Geld dort festliegt und wir es so leicht nicht wiederbekommen. Ich habe eigens in der Angelegenheit eine Fuhre Mehl und ein Schreiben an Iwan Afanasjewitsch in die Stadt geschickt; der antwortet, er wolle sich gern Ihretwegen bemühen, die Sache hinge aber nicht von ihm ab und allem Anschein nach würden wir kaum in einem Monat Ihre Quittung bekommen. Bezüglich des Heus beliebten Sie zu bemerken – selbst angenommen wir verkaufen für dreitausend« – er warf dreitausend auf dem Rechenbrett zur Seite, schwieg einen Augenblick und blickte bald auf das Rechenbrett, bald in Papas Augen, als wollte er sagen: Sie sehen selbst, wie wenig das ist. »Und mit dem Heu fallen wir auch wieder herein, wenn wir es jetzt verkaufen, das wissen der Herr selbst.«

Offenbar hatte er noch einen großen Vorrat von Argumenten; deswegen unterbrach Papa ihn: »Es bleibt bei meinen Anordnungen. Sollte wirklich im Eingang des Geldes eine Verzögerung eintreten, dann ist nichts zu machen; dann nimmst du von Chabarowka Geld soviel wie nötig ist.«

»Zu Befehl.«

Jakob war Papas Leibeigener. Er war zunächst sein Wärter gewesen, dann Kammerdiener und jetzt Verwalter. Er hatte alle Feldzüge mit Papa mitgemacht, und dieser hatte ihn wegen seiner Anhänglichkeit, seines Eifers und seiner Treue gern. Wie alle guten Verwalter war er im Interesse seines Herrn äußerst knauserig und hatte von dessen Vorteil die sonderbarsten Vorstellungen. Er war stets bemüht, das Eigentum Papas auf Kosten Mamas zu vermehren und suchte zu beweisen, daß alle Einkünfte von Mamas Gütern auf Petrowskoie (das Dorf, in dem wir lebten) verwandt werden müßten. Gegenwärtig war ihm das gelungen, und als er »zu Befehl« sagte, konnte man an seinem Gesicht erkennen, daß er sehr mit sich zufrieden war, wie jemand, der seine liebste Tätigkeit ausübt.

Nachdem Papa uns begrüßt hatte, sagte er, wir wären jetzt keine kleinen Kinder mehr, es sei Zeit, daß wir ernstlich etwas lernten. Deswegen führe er heute nacht nach Moskau zur Großmutter und nähme uns ganz dahin mit. Er fügte noch hinzu, Mama bliebe mit den Mädchen hier, und das eine würde sie trösten, die Überzeugung, daß wir gut lernen und daß man mit uns zufrieden sein würde.

Obgleich wir an den Vorbereitungen seit einigen Tagen bemerkt hatten, daß etwas Ungewöhnliches im Gange war, überraschte uns diese Neuigkeit vollständig. Wolodja sagte, um seine Verwirrung zu verbergen: »Mama läßt dir bestellen, du möchtest zu ihr kommen, Papa,« und ging zum Fenster. Mir aber tat Mütterchen sehr, sehr leid, und gleichzeitig freute mich der Gedanke, daß wir nun groß seien.

Wenn wir heute reisen, gibt es keine Schule mehr, das ist famos, dachte ich. Aber der arme Karl Iwanowitsch tat mir leid; der wurde sicher entlassen, weil man das Kuvert für ihn zurechtgemacht … Dann schon lieber immer lernen, nicht fortreisen, sich nicht von Mama trennen und dem armen Karl Iwanowitsch nicht weh tun, der schon so sehr unglücklich ist.

Diese Gedanken zogen mir durch den Sinn. Ich rührte mich nicht von der Stelle und starrte unverwandt auf die schwarzen Schleifen an meinen Schuhen.

Nachdem Papa mit Karl Iwanowitsch noch einige Worte über das Fallen des Barometers gewechselt und Jakob befohlen hatte, die Hunde nicht zu füttern, weil er zum Abschied nach Tisch die jungen Treibhunde probieren wollte, schickte er uns wider Erwarten zum Unterricht. Allerdings bekamen wir den Trost mit auf den Weg, daß wir nach Tisch mit auf die Jagd genommen würden.

Traurig und zerstreut gingen wir nach oben zum Lernen in Begleitung unseres noch mehr zerstreuten und traurigen Mentors Karl Iwanowitsch, der seine Entlassung erwartete.

Unterwegs lief ich auf die Veranda. Dicht an der Tür lag mit zugekniffenen Augen in der Sonne, wie ein Hase im Lager, Papas Lieblingswindhund Milka.

»Milkachen,« sagte ich, den Hund streichelnd und auf die Schnauze küssend, »wir reisen heute, leb wohl, wir sehen uns nie wieder.«

Wahrscheinlich gefiel der Hündin mein tränenfeuchtes Gesicht nicht, oder sie war nicht bei Laune; jedenfalls brüllte sie mich an, stand auf, ging beiseite und legte sich faul an einer anderen Stelle nieder.

»Was bin ich für ein unglücklicher Junge,« sagte ich und rannte Hals über Kopf nach oben.

4. Was mein Vater für ein Mann war.

Er war groß und stattlich von Wuchs, machte auffallend kleine Schritte, hatte die Gewohnheit mit der Achsel zu zucken, besaß kleine, stets leuchtende Augen, eine große Adlernase, ungleichmäßige Lippen, die er ungeschickt, aber zu einem angenehmen Ausdruck zusammenlegte. Eine große, fast über den ganzen Kopf reichende Glatze, mangelhafte Aussprache und Lispeln vervollständigten das Äußere meines Vaters, seitdem ich ihn kenne, ein Äußeres, mit dem er aller Welt zu gefallen und als homme à bonne fortune bekannt zu werden wußte. Daß er dem weiblichen Geschlecht gefiel, verstehe ich, weil ich weiß, wie unternehmend und sinnlich er veranlagt war; aber welches Zaubermittel besaß er, um Leuten jeden Alters, Standes und Charakters, Greisen, Jünglingen, Berühmten, Einfachen, Männern der Welt, Gelehrten und besonders denen zu gefallen, auf die er es abgesehen hatte?

Er verstand im Verkehr mit jedermann die Oberhand zu gewinnen. Obgleich er nie zu den höchsten Kreisen gehört hatte, verkehrte er stets mit Angehörigen dieser Kreise und zwar so, daß man ihn achtete. Er kannte das Maß von Selbstvertrauen und Stolz, das ihn in den Augen der Welt erhöhte, ohne andere zu kränken. Bisweilen originell, verfiel er doch nie ins Extrem, sondern benutzte die Originalität als Mittel, das ihm bisweilen Stand und Reichtum ersetzte. Nichts in der Welt brachte ihn zum Erstaunen, und so glänzend auch seine Lage sein mochte, es schien stets, als sei er für sie geboren. Er wußte stets die Lichtseite seines Lebens nach außen zu kehren und verstand die andere, kleinliche, mit Ärger und Verdruß erfüllte, jedem Sterblichen beschiedene so gut zu verbergen, daß man ihn unbedingt beneiden mußte. Er war Kenner in allem, was Bequemlichkeit und Genuß verschafft und wußte sich dessen zu bedienen.

Obgleich er niemals etwas gegen die Religion sagte und äußerlich stets fromm war, zweifle ich bis auf die Gegenwart, ob er überhaupt an etwas glaubte. Seine Grundsätze und Lebensanschauungen waren so dehnbar, daß diese Frage sehr schwer zu entscheiden ist. Mir scheint, daß er fromm nur für andere war.

Moralische Überzeugungen, unabhängig von religiösen Geboten hatte er schon gar nicht; sein Leben war so voll von allen möglichen Passionen, daß er weder Zeit hatte, noch es überhaupt für nötig hielt, darüber nachzudenken. In reiferem Alter aber bildete er sich feste Grundsätze und Anschauungen nicht auf Grund moralischer oder religiöser, sondern praktischer Überzeugung; das waren die Handlungsweise und diejenige Lebensform, die ihm Glück oder Zufriedenheit verschafften, die er für gut hielt und meinte, daß alle so handeln müßten. Er sprach hinreißend, und diese Gabe begünstigte, glaube ich, die Dehnbarkeit seiner Grundsätze; er war imstande, ein und denselben Vorfall als unschuldigen Scherz und als erbärmliche Gemeinheit zu schildern, stets mit derselben Überzeugung.

Als Vater war er gnädig, glänzte gern mit seinen Kindern und war auch zärtlich, aber nur in Gegenwart anderer; nicht etwa, weil er sich verstellte, sondern weil Zuschauer ihn anregten – er brauchte Publikum, um etwas Gutes zu tun.

Er besaß heftige Leidenschaften, namentlich für das Spiel und die Frauen, hatte in seinem Leben etwa zwei Millionen gewonnen und alles wieder verloren. Ob er häufig spielte oder nicht, ist mir unbekannt; ich weiß nur, daß er wegen einer Spielaffäre verbannt wurde, dabei aber den Ruf eines tüchtigen Spielers genoß und als Partner gesucht war. Wie er es fertig brachte, die Leute bis zur letzten Kopeke auszuplündern und dabei ihr Freund zu bleiben, ist mir ein Rätsel – er tat den Leuten, die er rupfte, damit gleichsam einen Gefallen.

Sein Steckenpferd waren glänzende Verbindungen, über die er wirklich verfügte; teils verdankte er sie der Verwandtschaft meiner Mutter, teils seinen Jugendkameraden, über die er sich im stillen ärgerte, weil sie zu hohen Würden gelangt waren, während er stets Gardeleutnant a. D. blieb. Aber diese Schwäche nahm niemand an ihm wahr, außer einem Beobachter wie ich, der ständig bei ihm lebte und ihn zu ergründen suchte.

Wie alle alten Militärs verstand er nicht, sich elegant zu kleiden; im modernen Rock und Frack sah er etwas herausgeputzt aus; dafür war seine Hauskleidung originell und hübsch. Übrigens stand ihm bei seiner großen kräftigen Statur, dem kahlen Kopf und den selbstbewußten Bewegungen fast alles. Zudem hatte er eine besondere Gabe und den unbewußten Wunsch, stets und überall Eindruck zu machen. Er war sehr empfindsam und sogar zu Tränen gerührt. Wenn er beim Vorlesen an eine leidenschaftliche Wendung kam, begann seine Stimme oft zu zittern, Tränen traten in seine Augen, und er ließ das Buch sinken. Selbst in minderwertigen Theatern konnte er keine Rührszenen sehen, ohne zu weinen. In solchen Fällen war er über sich selbst ärgerlich und suchte seine Empfindsamkeit zu verbergen und zu unterdrücken.

Er liebte Musik und sang, sich selbst begleitend, nach dem Gehör Romanzen seines Freundes A…, Zigeunerlieder und einige Opernmelodien. Gelehrte Musik war ihm unsympathisch, und er sagte offen, ohne auf die allgemeine Meinung Rücksicht zu nehmen, daß ihn Beethovensche Sonaten langweilten und einschläferten und daß er nichts Schöneres kannte als »Weck mich junges Mädchen nicht« wie die Semjonowa und »Nicht Eine«, wie es die Zigeunerin Tanjuscha sang.

Er war ein Mann des vorigen Alexandrinischen Jahrhunderts und besaß die undefinierbaren Eigenschaften, welche der Jugend jener Epoche eigentümlich waren, nämlich: einnehmendes Wesen, Courmacherei, Ritterlichkeit, Unternehmungsgeist, Selbstvertrauen und moralische Verderbtheit. Auf die Menschen unseres Jahrhunderts blickte er verächtlich herab. Vielleicht geschah das nicht aus Stolz, sondern aus heimlichem Ärger darüber, daß er in unserer Zeit nicht mehr denselben Einfluß ausüben und den Erfolg haben konnte, wie in der seinigen …

Wer jemals auf dem Lande gelebt, wird wissen, wieviel Unannehmlichkeiten durch ihre Ränke und Streitereien die Nachbarn, durch Geschwätz die Gutsbesitzer desselben Kreises, und durch Händel und Schikanen die Behörden bereiten, wie sie einen bis aufs Blut peinigen und das ganze Leben verbittern können.

Um all diesen Nachstellungen zu entgehen, die unausbleiblich jeden Gutsbesitzer überraschen, gibt es drei Methoden. Die erste Pflicht besteht darin, in jeder Beziehung korrekt seine Pflichten als Gutsbesitzer zu erfüllen und die Rechte eines solchen zu genießen. Diese erste und einfachste, vernünftige Art besteht leider vorläufig nur in der Theorie, weil man unmöglich mit Leuten gesetzmäßig verfahren kann, die das Gesetz als Mittel benutzen, ungestraft Gesetzwidrigkeiten begehen zu können. Die zweite Methode besteht in der Bekanntschaft und Freundschaft nicht nur mit den Vertretern der Bezirks- und Gouvernementsbehörden, sondern auch mit allen Gutsbesitzern, mit denen uns das Schicksal in Berührung bringt, oder die unsere Bekanntschaft wünschen, sowie in gütlicher Beilegung aller entstehenden Streitigkeiten. Diese Art ist wenig zu empfehlen, weil erstens ein freundschaftlicher Verkehr mit dem ganzen Bezirk an und für sich schon eine Unannehmlichkeit bedeutet, nicht geringer als die, die man vermeiden wollte, und zweitens, weil es für Ungeübte schwer ist, unter Vermeidung aller üblen Nachrede und Bosheit inmitten all der Feindseligkeiten, Ungesetzlichkeiten und Gemeinheiten des Gouvernementslebens seinen Standpunkt zu bewahren, nichts zu vergessen, niemanden zu ignorieren, so daß alle ohne Ausnahme mit uns zufrieden sind. Wehe, wenn wir uns auch nur einen Feind erworben haben! Jeder Schmutzfink, der heute noch demütig an unserer Schwelle steht, kann uns morgen die größten Unannehmlichkeiten bereiten.

Die dritte Methode besteht darin, zu niemandem Beziehungen zu unterhalten und dafür Tribut zu zahlen. Der wird in zwiefacher Form entrichtet: als Ergebenheit und Leutseligkeit. Mit Ergebenheit zahlen Leute, die die dritte Methode erwählt haben, aber nicht imstande sind, der Willkür der Behörde zu begegnen. Mit Leutseligkeit zahlen Leute, die Beziehungen zu den höchsten Gouvernementsbehörden haben, aus Gründen der Sicherheit und Gewohnheit aber auf jene Steuer nicht verzichten.

Es gibt noch eine Art, die sehr im Schwange ist, die ich aber wegen ihrer Ungesetzmäßigkeit nur als Ausnahme erwähnen will. Sie besteht darin, sich im Gouvernement oder Kreis den Ruf eines gefährlichen Schikaneurs und Intriganten zu verschaffen.

Papa hielt es in bezug auf die Behörde und die Nachbarn mit der dritten Art, das heißt er war mit niemandem näher bekannt und zahlte den Tribut der Leutseligkeit. Obgleich er nicht häufig in die Gouvernementsstadt fuhr, wußte er es so einzurichten, daß wenigstens einmal im Jahre alle großen Tiere: der Gouverneur, der Adelsmarschall und der Staatsanwalt nach Petrowskoie kamen.

Natürlich erzählte dann Jakob Michailow bei seinem nächsten Aufenthalt in der Stadt dem Isprawnik und anderen umständlich, wie Seine Exzellenz bei uns übernachtet, und diese und jene Bemerkung fallen gelassen hätten, und die Folge war, daß weder Isprawnik noch Stanowoi die Nase nach Petrowskoie hineinsteckten, sondern ruhig den Leutseligkeitstribut abwarteten.

Wenn die Behörde in irgendeiner unbedingt notwendigen Angelegenheit dennoch nach Petrowskoie kam, ließ Papa sie durch Jakob empfangen; und wenn er wirklich selbst jemanden begrüßte, so geschah es so kalt, daß Mama oft zu ihm sagte: »Genierst du dich nicht, mon cher, die Leute so zu behandeln?«

Darauf erwiderte Papa: »Du weißt nicht, Liebe, was das für Leute sind; gib ihnen soviel –« dabei zeigte er den kleinen Finger – »so nehmen sie soviel,« dabei zeigte er den Arm bis zur Schulter.

Ebenso war der Verkehr mit den Nachbarn von der Höhe stolzer Erhabenheit herab.

Man darf ihm wegen solchen Verhaltens keine Vorwürfe machen; zu seiner Zeit, das heißt anderhalb Jahrzehnte zurück, war es das einzige Mittel, um auf dem Lande Ruhe zu haben. Jetzt hat sich das alles geändert und ist viel besser geworden. Ein Gutsbesitzer, den ich danach fragte, antwortete mir: »Ach, lieber Freund, Sie kennen unsere jetzigen Kreis- und Landrichter nicht. Diese Ordnung, Sauberkeit, Bescheidenheit, Klugheit. Der unterste Schreiber hat seinen Frack. Kommt man zum Isprawnik, so sieht man seine Frau in modernster Toilette; sie ist eine höchst gebildete Dame, spricht Französisch, Italienisch, Spanisch – was Sie wollen. Die Töchter sind höchst musikalisch: Piano – wird zum Flügel, Fußboden – Parkett. Oder, was noch besser, wir haben in unserem Bezirk zwei Stanowois; der eine kommt von der Moskauer Universität, der andere ist mit der Fürstin Schedrischpanskaja verheiratet – der reine Pariser! Sehen Sie, verehrter Herr, so sieht jetzt unsere Semstwopolizei aus.«

»Wie ist's denn jetzt mit den Schmiergeldern und Schikanen?« fragte ich. »Hat das aufgehört?«

Der Gutsbesitzer antwortete mir nicht direkt, sondern lobte weiter die neue Ordnung der Dinge, die Klugheit und Bildung der Gutsbesitzer, dabei bemerkend, daß mancher Stanowoi über tausend Rubel im Jahr ausgäbe und mit seinen Pferden, seiner Tafel und Wohnung manchen Gutsbesitzer in den Schatten stellte.

5. Das Klassenzimmer.

Als wir nach oben kamen, zog Karl Iwanowitsch seinen Schlafrock an, band den Gürtel um und setzte sich sehr nachdenklich auf seinen Platz. Wir gingen mit unserem Lesebuch zu ihm, er sah uns streng an und strich mit seinem starken Fingernagel die Stelle an, bis zu welcher wir auswendig lernen und ihm aufsagen sollten. Wolodja trieb nicht wie gewöhnlich Possen, sondern lernte ordentlich; ich dagegen war so zerstreut, daß ich entschieden nichts tun konnte. Ich starrte lange gedankenlos in das Buch, konnte aber vor Tränen nicht lesen. Und als ich Karl Iwanowitsch das Gelernte aufsagen sollte, konnte ich gerade an der Stelle, wo einer sagt: »Wo kommen Sie her?« und der andere antwortet: »Ich komme aus dem Kaffeehause« die Tränen nicht länger zurückhalten und vor Schluchzen die Worte: »Haben Sie die Zeitung nicht gelesen?« nicht herausbringen, obgleich ich die ganze Seite sehr gut auswendig konnte. Als es ans Schönschreiben ging, machte ich infolge der Tränen, die auf das Heft fielen, solche Kleckse, als hätte ich mit Wasser auf Löschpapier geschrieben.

Karl Iwanowitsch wurde böse, ließ mich niederknien, sagte, das sei Eigensinn, eine Puppenkomödie (sein Lieblingsausdruck), drohte mit dem Lineal und verlangte, ich sollte um Verzeihung bitten, während ich vor Tränen kein Wort herausbringen konnte. Endlich sah er sein Unrecht wahrscheinlich ein, ging in Nikolas' Zimmer und schlug die Tür zu.

Als er fort war, setzte ich mich nieder und beruhigte mich etwas. Vom Klassenzimmer aus konnte man die Unterhaltung im Wärterzimmer hören.

»Hast du gehört, Nikolas, daß die Kinder nach Moskau fahren?« fragte Karl Iwanowitsch beim Eintritt ins Zimmer.

»Gewiß habe ich das gehört.«

Wahrscheinlich wollte Nikolas aufstehen, denn Karl Iwanowitsch sagte: »Bleib sitzen, Nikolas,« und dann wurde die Tür geschlossen, und man konnte nur noch hören, daß sie sprachen, ohne einzelne Worte zu verstehen. Ich stand auf und lief hin, um zu horchen. Wolodja drohte mir scherzend mit dem Finger.

Durch das Schlüsselloch sah ich Nikolas mit gesenktem Kopf am Fenster Stiefel nähen, während Karl Iwanowitsch mit der Tabaksdose in der Hand vor ihm stand und eifrig redete.

Er sprach Deutsch recht gut und einfach; im Russischen aber machte er bei jedem Wort einige Fehler und bildete sich dabei, glaube ich, ein, ein guter Redner zu sein. Er zog die Worte so auseinander und sprach mit so kläglicher Betonung, daß seine Rede, so lächerlich das klingen mag, für mich stets besonders rührend war. Er sprach wie ein Professor vom Katheder, oder wie man gefühlvolle Verse deklamiert, in einer Art traurigem einförmigen Singsang.

»Man mag den Leuten noch soviel Gutes tun und noch so anhänglich sein – auf Dankbarkeit darf man nicht rechnen, Nikolas. Ich lebe zwölf Jahre in diesem Hause und kann vor Gott beteuern, Nikolas« – fuhr Karl Iwanowitsch, die Augen und die Tabaksdose gegen die Decke richtend, fort – »daß ich die Jungens geliebt und mich mehr mit ihnen beschäftigt habe, als wenn es meine eigenen Kinder wären. Weißt du noch, Nikolas, als Wolodja Fieber hatte, wie ich da neun Tage lang, ohne ein Auge zuzutun, an seinem Bette saß? Ja, damals war ich der liebe, gute Karl Iwanowitsch; damals hatte man mich nötig, aber jetzt,« fügte er ironisch lächelnd hinzu, »jetzt müssen sie etwas Ordentliches lernen. Als ob sie hier nichts lernten …«

»Gewiß doch, freilich lernen sie,« meinte Nikolas, den Pfriem hinlegend und mit beiden Händen den Pechdraht ziehend.

»Ja, jetzt bin ich nicht mehr nötig; da jagt man mich wie einen Hund vom Hofe! Wo bleibt da Dankbarkeit, wo alle Versprechungen, vornehme Gesinnung? Natalie Nikolajewna habe ich stets geliebt und verehrt und werde das auch in Zukunft tun, Nikolas. Aber was hat sie zu sagen? … Ihr Wille bedeutet in diesem Hause soviel wie das da!« dabei warf er einen Lederschnitzel von der Fensterbank auf den Boden. »Ich weiß, wer mir das alles eingefädelt hat und warum ich überflüssig geworden bin: weil ich nicht zu allem ja sagen und schmeicheln kann, wie gewisse Leute! Ich sage stets nur jedermann die Wahrheit. Gott mit ihnen! Dadurch, daß ich nicht mehr da bin, werden sie nicht reicher, während ich, so Gott will, schon noch mein Stück Brot finde, nicht wahr, Nikolas?«

Nikolas hörte auf zu nähen und blickte ihn einen Moment voll Teilnahme an, sagte aber nichts.

Lange und viel sprach Karl Iwanowitsch in dem Sinne: wo er früher gelebt, wie man ihn dort besser gewürdigt (es tat mir weh, das zu hören), sprach von Sachsen, von seinen Eltern, seinem Freunde namens Schönheit usw.

Aus alledem begriff ich, daß er Maria Iwanowna haßte und sie für die Urheberin all seines Unglücks hielt, daß er Papa nicht gern hatte, Mama und uns aber sehr liebte und Nikolas überzeugen wollte (vielleicht auch sich selbst), daß, wie schwer ihm auch die Trennung von uns würde, er diesen Schicksalsschlag dennoch mit Ruhe und Würde zu tragen hoffe.

Ich fühlte ihm seinen Kummer nach, und es tat mir weh, daß zwei Personen, die ich fast gleich liebhatte, Papa und Karl Iwanowitsch, sich nicht verstanden. Ich kniete wieder in meiner Ecke nieder und grübelte, wie man zwischen beiden eine Einigung herbeiführen könnte.

Karl Iwanowitsch kehrte bald ins Klassenzimmer zurück, ließ mich aufstehen und das Diktatheft vornehmen. Als das geschehen war, ließ er sich auf seinem Platz nieder und begann mit einer Stimme, die irgendwo aus der Tiefe zu kommen schien, zu diktieren: »Von allen menschlichen Leidenschaften …« er wiederholte: »menschlichen Leidenschaften … ist die grausamste … Haben Sie geschrieben …?« Er machte eine Pause und nahm langsam eine Prise, »ist die grausamste,« wiederholte er, »die Undankbarkeit. Ein großes U.«

Nachdem ich das letzte Wort geschrieben, sah ich ihn in Erwartung des weiteren an. Er aber sagte mit unbeschreiblicher Majestät »Punktum!« und gab ein Zeichen, ihm die Hefte zu übergeben. Mehreremal las er laut, mit verschiedener Betonung, augenscheinlich mit größter Zufriedenheit diese Phrase, die seine innersten Gedanken ausdrückte, gab uns dann ein Pensum aus der Geschichte und blieb selbst am Fenster sitzen. Sein Gesicht war aber schon nicht mehr so verdrießlich wie vorher; es drückte die Zufriedenheit eines Mannes aus, der sich für eine ihm zugefügte Schmach würdig gerächt hat.

Ich lernte am offenen Fenster gerade über Papas Zimmer. Unten hörte man Papas und Mamas Stimmen, aber Wolodja sagte Karl Iwanowitsch, der mit geschlossenen Augen dasaß, so laut seine Lektion her, daß man nicht hören konnte, was sie sprachen.

Warum ist Mama zu ihm gegangen, und nicht er zu ihr? dachte ich. Sie hat ihn zu sich gerufen, was macht ihm das für Mühe; warum muß er sie beunruhigen?

Papa und Mama lebten sehr gut miteinander. Niemals während ihrer Ehe wurde von irgendeiner Seite gegen den anderen ein Vorwurf laut oder bestand der geringste Verdacht der Untreue oder des Betruges. Mama war ein so reines, liebendes und gläubiges Wesen, daß sie nichts argwöhnen, geschweige selbst Argwohn einflößen konnte.

Oft, wenn ich an ihr Verhältnis dachte, wollte ich mir das Gefühl vergegenwärtigen, das sie verband; aber entweder weil meine Erinnerungen mich im Stich ließen oder weil ich Enttäuschung fürchtete, brachte ich das nicht fertig. Bald war mir das Gefühl, das ich mir ausmalte, in der Erinnerung nicht gegenwärtig, bald brachte ich es nicht fertig, daran zu glauben. Fest überzeugt war ich, daß Papa seine Wange hinhielt und Mama ihn küßte, das heißt, er übte stets und in allen Dingen einen großen Einfluß auf sie aus.

Sie gehörte zu den weiblichen Wesen, deren Lebensaufgabe Selbstaufopferung und das Glück anderer bilden. Deswegen war Papa, obgleich er aufmerksam war und mit einer anderen Frau ein guter Mann gewesen wäre, mit Mama grob. Das konnte man daran merken, daß er sich bisweilen von ihr bedienen, sich ihre kleinen Vergnügen zum Opfer bringen ließ, ihr bisweilen das Wort abschnitt. Ja selbst bei den häuslichen Anordnungen war das zu sehen. Wer hatte im Hause die meisten Fenster? Aus wessen Fenster hatte man die schönste Aussicht? Wessen Dienerschaft war am besten untergebracht? Wer hatte den schönsten und bequemsten Eingang? Wer den Ausgang in den Garten? Auf wessen Hälfte war der Kamin? Wer empfing die gemeinsamen Gäste? Wem brachte der alte Gärtner die Kaktus Grandiflora und erklärte mit ruhiger Wichtigkeit, morgen stände sie in Blüte? Vor wessen Fenstern tanzten Bienen und versammelten sich das Hofgesinde und Kinder? Alle diese Vorteile waren auf Papas Seite.

Als Wolodja mit Aufsagen innehielt, drangen aus dem Arbeitszimmer deutlich einige Sätze an mein Ohr. Aus diesen Bemerkungen verstand ich den ganzen Inhalt der Unterhaltung. Papa sagte, die Einnahmen seien dieses Jahr so klein und die Ausgaben so groß, daß man nicht daran denken könnte, mit der ganzen Familie nach Moskau zu übersiedeln, daß aber die Kinder, besonders Wolodja, der bald dreizehn Jahre alt würde, endlich etwas anderes lernen müßten als Tiroler Lieder und Karl Iwanowitschs Dialoge, daß er sie im Sommer aufs Land bringen und im nächsten Winter, so Gott wolle, alle nach Moskau überführen würde.

»Ich weiß, Liebster, daß es zu ihrem Besten dient, es ist aber doch recht traurig,« erwiderte Mama und trat vom Fenster fort.

Es war dreiviertel ein Uhr; einstweilen schien aber Karl Iwanowitsch nicht die Absicht zu haben, den unerträglichen Unterricht zu schließen. Ich sah das Hofmädchen vorübergehen, um die Teller zu waschen, hörte wie im Eßzimmer am Büfett mit Geschirr geklappert, der Tisch ausgezogen und mit Stühlen geschurrt wurde.

Wahrscheinlich werden wir bald zum Essen gerufen; nur eins kann es noch verzögern – ich hatte gesehen, daß Mama mit Mimi, Ljubotschka und Katja (das war Mimis zwölfjährige Tochter) in den Garten gegangen, aber nicht zurückgekehrt waren.

Da schien es, als wenn ihre Schirme auftauchten. Nein, es war Mimi mit dem Mädchen … Ach, und da war auch »sie«. Wie sie langsam ging und wie traurig, das arme Mädchen! Warum fuhr sie nicht mit uns?

Ich wollte folgendes tun: Wenn »er« sagte, es sei Zeit zur Reise, würde ich zu ihr gehen, sie umarmen und sagen: ich will lieber sterben, aber ohne sie gehe ich nicht. Dann würde man mich sicher bei ihr lassen. Dann würden Mama, ich, Ljubotschka, Katja und Karl Iwanowitsch alle zusammen stets in Petrowskoie bleiben; ich würde zu Hause bei Karl Iwanowitsch lernen und dann, wenn ich groß geworden wäre, ihm ein kleines Haus schenken, da würde er immer wohnen; ich würde dann beim Militär eintreten, wenn ich es bis zum General gebracht, jemanden heiraten, vielleicht Katja, und Karl Iwanowitschs Verwandte aus Sachsen kommen lassen, oder nein, ihm lieber Geld geben, um selbst nach Sachsen zu fahren …

Ich träumte noch manches von Sachsen, vom Generalsrang und von Mama, die mich, weil ich General wäre und bei ihr bliebe, am meisten liebhaben würde; aber all diese Träume sind schwer wiederzugeben, nicht weil sie zu töricht, sondern weil sie zu schön waren.

Da lief schon der Haushofmeister Foka mit einer Serviette unterm Arm in den Garten, um zu melden, daß angerichtet sei. Wie war er komisch in seinem langen Rock und der weißen Weste, und wie glänzte seine kahle Platte im Sonnenschein.

Gott sei Dank, da kam jemand, um auch uns zu rufen; man hörte Schritte auf der Treppe. Ich kannte alle Hausbewohner am Gang und an dem Knarren der Stiefel; aber die Schritte, die sich jetzt näherten, waren mir unbekannt, weshalb ich neugierig auf die Tür blickte.

Die Tür öffnete sich und es erschien eine mir ganz fremde Gestalt.

6. Der Narr.

Ins Zimmer trat ein Mann, dem Äußeren nach etwa fünfzig Jahre alt, mit blassem, länglichem, von Pockennarben durchfurchtem Gesicht, halb grauem Haar und einem kleinen, dünnen Bärtchen. Er war so groß, daß er nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Oberkörper bücken mußte, um die Tür zu passieren. Auf einem Auge blind, trug er halb bäurische, halb priesterliche Kleidung und hielt in der Hand einen riesigen Stab, mit dem er beim Eintritt ins Zimmer aus Leibeskräften auf den Fußboden stieß.

»Ach Vögelchen, Vögelchen! Das Weibchen härmt sich und weint, das liebe; aber die Jungen sind flügge, wollen aus dem Nest. Wird das Weibchen seine Jungen nicht wiedersehen. O weh! O weh!« schluchzte er und wischte sich richtige Tränen mit dem Rockärmel ab.

Seine Stimme klang rauh und heiser; die Bewegungen waren ungleichmäßig und seltsam; seine Rede unzusammenhängend und sinnlos; der Tonfall aber so rührend und das gelbe Gesicht so aufrichtig traurig, daß man sich bei seinem Anblick und dem Anhören eines sonderbaren, aus Mitleid, Furcht und Traurigkeit zusammengesetzten Gefühls nicht erwehren konnte. Er gebrauchte keine Fürwörter; dadurch bekamen seine einfachsten Bemerkungen einen rätselhaften, geheimnisvollen Sinn.

Das war der Narr Grischa. Er kam zur Großmutter und hatte Mama schon als kleines Kind bei ihr gesehen; er hatte sie sehr liebgewonnen und kam nun, nachdem er sie hier entdeckt, um sich über ihre »Jungen« zu freuen, so nannte er uns Kinder.

»Ah, ah!« schrie er plötzlich Karl Iwanowitsch an, der in diesem Augenblick seine blauen, gestrickten Hosenträger anlegte, die ihm in jungen Jahren eine Generalin verehrt hatte. »Du Narr, du Schaf … ziehst Hosenträger an, du Schaf!« Er riß den Mund weit auf und lachte laut.

Karl Iwanowitsch war in einer peinlichen Lage. Er wollte den Verrückten nicht anfahren; und doch war es ihm schmerzlich, in unserer Gegenwart seine Autorität untergraben zu sehen.

»Das fehlte noch,« sagte er, »geht hinunter, für euch ist hier kein Platz.«

Karl Iwanowitsch sagte das mit solchen Fehlern, und die ganze Szene war so komisch, daß wir fast losgeplatzt wären. (Wenn ich seine Worte anführe, verdrehe ich das Russische nicht, weil solche Verdrehungen mich mehr an gewöhnliche Erzählungen erinnern, die ich nicht ausführen kann, als an Karl Iwanowitsch.)

Endlich erschien der sehnlichst erwartete, pünktliche Foka, sagte: »Das Essen ist fertig«, und wir gingen nach unten. Grischa folgte uns, mit seinem Stock auf die Treppenstufen aufstoßend und allen möglichen Unsinn schwatzend.

Als wir eintraten, waren schon alle im Gastzimmer versammelt. Papa und Mama gingen Arm in Arm auf und ab und unterhielten sich leise über etwas. Maria Iwanowna saß auf einem genau rechtwinklig zum Sofa stehenden Sessel; neben ihr saß auf der einen Seite Ljubotschka, die bei unserem Anblick sofort aufsprang und uns entgegenlief, auf der anderen Katja, die gern dasselbe getan hätte, wenn es mit Mimis Anstandsregeln vereinbar gewesen wäre. So aber mußten wir erst zu ihr gehen und sagen »Bon jour, Mimi« und dann … – nein, ich weiß wirklich nicht, ob ich Katja küßte oder nicht. Ich weiß nur, daß Mimi mir bei allem hinderlich und im Wege war. In ihrer Gegenwart sprach ich niemals herzlich mit der reizenden, blonden, sauberen Katja.

Ach, wie hat diese unerträgliche Mimi mein kindliches Leben vergällt! Man brauchte nur etwas zu sagen, so begann sie auch schon mit ihrem Korrigieren und sah bald Papa, bald Mama an, um zu zeigen, daß sie auf dem Posten sei …

»Parlez donc français«, wenn man ihr zum Tort gerade gern russisch geplaudert hätte. Oder wenn einem bei Tisch etwas besonders schmeckte und man nicht gestört sein wollte, hieß es sicherlich: »Mangez donc avec du pain« oder »comment est ce que vous tenez votre fourchette?« Ach, wie war sie unerträglich! Und was ging ich sie an! Mochte sie doch ihre Mädchen unterrichten, wir hatten ja Karl Iwanowitsch dazu! Bisweilen teilte ich durchaus seinen Haß gegen »gewisse« Leute.

Ins Eßzimmer gingen die Großen vorauf, wir Kinder hinterher, was uns Gelegenheit bot, ein paar angenehme Worte zu wechseln – angenehm nur, weil man sie in Gegenwart der anderen nicht sagen konnte.

»Geht Papa auf die Jagd?«

»Ja.«

»Nimmt er euch mit?«

»Ja, zu Pferde. Und ihr?«

»Ich weiß nicht,« erwiderte Katja mit weinerlichem Gesicht.

»Das geht nicht … Aber wollen sehen.«

Man setzte sich zu Tisch. Die Suppe wurde gebracht. Grischa deklamierte von seinem Nebentisch aus, die Worte durch Schluchzen und jämmerliche Grimassen unterbrechend: »Vögelchen, Vögelchen, auf dem Grabe steht ein Stein; im Herzen ein Nagel; Taube flieg in den Himmel« usw.

Mama war seit heute morgen verstimmt. Grischas Gegenwart und Bemerkungen verstärkten diesen Zustand; obgleich sie es nicht zugab, waren Pilger und Narren ihre Schwäche. Im Grunde ihres Herzens verehrte sie Grischa und glaubte wahrscheinlich an seine Fähigkeit, die Zukunft vorauszusagen.

»Ach ja, ich habe vergessen, dich um etwas zu bitten,« sagte sie, dem Vater einen Teller mit Suppe hinreichend.

»Was denn, mein Liebling?« fragte Papa lebhaft.

»Laß, bitte, deine schrecklichen Hunde einsperren. Sie hätten den armen Grischa beinahe zerrissen, als er den Hof betrat. Ebensogut können sie sich auf die Kinder stürzen.«

Als Grischa hörte, daß von ihm die Rede war, wandte er sich zu unserem Tisch herum und zeigte kauend seine zerrissenen Rockschöße.

»Hat gehetzt … Hunde gehetzt. Sünde, große Sünde. Schlag ihn nicht Großer (so nannte er Papa). … Weshalb schlagen? Gott vergibt. Zeit ist nicht danach.«

Papa blickte ihn unverwandt und strenge an, wandte sich dann an Mama und fragte: »Was spricht er? Übersetz es mir bitte, sonst verstehe ich nichts. Vous seule avez le don de le comprendre.«

»Ich verstehe ihn,« meinte Mama lächelnd, »er erzählt, ein Jäger hätte absichtlich die Hunde auf ihn losgelassen; nun glaubt er, du würdest den Jäger dafür bestrafen und bittet, ihm zu verzeihen.«

»Ach so!« meinte Papa. »Woher weiß er denn, daß ich den Jäger bestrafen will? Vielleicht habe ich gar nicht die Absicht,« fuhr er französisch fort. »Du weißt, ich bin überhaupt kein Freund solcher Leute, aber dieser hier mißfällt mir besonders, muß ein abgefeimter Spitzbube sein.«

»Ach, sag das nicht!« unterbrach ihn Mama fast erschrocken. »Wie kannst du das wissen?«

»Nun, ich hatte, glaube ich, genügend Gelegenheit, diese Art Leute kennen zu lernen. Es kommen ja genug zu dir, alle vom selben Schlage und stets ein und dieselbe Geschichte: unbedingt vornehme Herkunft, tragen irgendein Kreuz und Leiden, nach denen niemand sie fragt. All diese Frömmelei und Scheinheiligkeit zielt nur darauf ab, leichtgläubige und schwachnervige Damen zu finden, die ihnen die dreckigen Hände küssen, sie für Propheten halten und ihnen Geld geben. All diese unverstandenen Heiligen pilgern nicht aus Liebe zu Gott, wie sie sagen, sondern aus Faulheit und gewohntem Müßiggang.«

Man sah, daß Mama in dieser Hinsicht ihre bestimmte Überzeugung hatte und nicht streiten wollte, deshalb fragte sie, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken, ob die Pasteten gut seien und bat, ihr eine zu reichen.

Papa dagegen wollte streiten; er nahm eine Pastete, hielt sie so weit, daß Mama sie nicht erreichen konnte, und fuhr erregt fort: »Nein, mich ärgert –« dabei schlug er mit der Gabel auf den Tisch, »wenn ich sehe, wie vernünftige und gebildete Leute donnent dans le panneau und an sie glauben wie an Heilige.«

»Gib mir doch die Pastete,« sagte Mama, etwas ungeduldig die Hand ausstreckend.

»Und man tut ganz recht,« Papa zog seine Hand noch weiter zurück, »diese Gesellschaft einzusperren. Der einzige Nutzen, den sie bringen, besteht darin, daß sie die ohnehin schwachen Nerven gewisser Personen ruinieren,« fügte er lächelnd hinzu, da er bemerkte, daß dieses Thema Mama mißfiel. Gleichzeitig reichte er ihr die Pastete.

»Ich will dir darauf nur eins erwidern,« sagte Mama. »Es fällt schwer zu glauben, daß ein Mensch, der trotz seiner sechzig Jahre beständig, Winter und Sommer, barfuß geht; der unter dem Anzug zwei Pud schwere Ketten trägt, die er nie ablegt, und der mehr als einmal das Anerbieten Mamas, bei ihr zu bleiben, abgelehnt hat (das weiß ich bestimmt) – daß ein solcher Mensch das alles aus Faulheit tun sollte. Was die Prophezeiungen anlangt,« fuhr sie nach kurzem Schweigen mit einem Seufzer fort – »je suis payée pour y croire: ich habe dir erzählt, wie Kiriuscha meinem Vater Tag und Stunde seines Endes vorausgesagt hat.«

»Ach, mein Gott, was richtest du da an!« sagte Papa, nach Mimis Seite die Hand an den Mund legend. (Wenn er diese Bewegung machte, horchte ich stets mit größter Aufmerksamkeit in Erwartung von etwas Komischem.) »Warum hast du mich an seine Beine erinnert? Jetzt kann ich nicht weiteressen.«

Das Mittagessen ging zu Ende. Ljubotschka und Katja zwinkerten mir beständig, bald in Mamas bald in Mimis Richtung zu. Dieses Zeichen bedeutete: jetzt ist Zeit zum Bitten; solch günstige Gelegenheit bietet sich sobald nicht wieder; jetzt alle zusammen. Ich stieß Wolodja an, und der faßte sich ein Herz; anfangs schüchtern, dann ziemlich bestimmt und laut sagte er: »Da wir heute fahren sollen, möchten wir gern, daß die Mädchen mit auf die Jagd kämen.« Mama sagte, sie führe selbst mit, und zur allgemeinen Freude wurde es erlaubt.

Wie schrecklich war es manchmal, mit Bitten anzufangen! Dabei schien gar nichts zu fürchten – alle waren so gut! Hatte man aber einmal angefangen, so wußte man nicht, woher auf einmal alle die Dreistigkeit kam. Selbst wenn nicht erlaubt wurde, um was man bat, stritt man bisweilen dagegen an und suchte zu beweisen, daß es eine Ungerechtigkeit sei.

Diese Schwäche, das heißt, daß mir der erste Schritt so schwer wurde, habe ich nicht nur in der Kindheit, sondern auch in reiferen Jahren an mir bemerkt. Was sage ich: diese! Nein, alle Schwächen der Kindheit sind dieselben geblieben. Der Unterschied ist nur der, daß sie andere Formen angenommen haben.

7. Vorbereitungen zur Jagd.

Während des Nachtisches wurde Jakob gerufen und ihm wegen der Hunde, des Jagdwagens und der Reitpferde Befehle erteilt, alles in größter Ausführlichkeit unter Nennung jedes einzelnen Pferdes. Wolodjas Pferd lahmte, deswegen ließ Papa ihm ein Jagdpferd satteln.

Dieses Wort »Jagdpferd« klang Mamas Ohren etwas befremdlich; sie stellte sich darunter einen feurigen Renner vor, der sicher durchgehen und Wolodja ums Leben bringen würde. Trotz Papas und Wolodjas Versicherungen, der mit jugendlichem Eifer beteuerte, daß das nichts zu bedeuten hätte und daß er es gern sähe, wenn das Pferd durchginge, wiederholte die arme Mama immerfort, sie würde während der ganzen Jagd keine Ruhe haben.

Das Essen war zu Ende; die Großen gingen ins Arbeitszimmer, um Kaffee zu trinken, während wir in den Garten liefen und mit den Füßen auf den mit gelben Blättern bedeckten Wegen schurrten. Diese Beschäftigung machte mir damals großes Vergnügen.

Wir unterhielten uns darüber, daß Wolodja ein Jagdpferd reiten würde; daß Ljubotschka sich schämen müsse, weil sie nicht so schnell laufen könnte wie Katja, und wie interessant es sein müsse, Grischas Ketten zu sehen und sein Beten zu hören; – darüber, daß wir uns trennen mußten, fiel kein Wort.

Wir sprachen lange über die verschiedensten Dinge; unsere Unterhaltung wurde erst durch das Rollen des Jagdwagens unterbrochen, auf welchem hinten an jeder Feder ein Bauernjunge hockte. Hinter dem Wagen ritten die Jäger mit den Hunden, und dann folgte der Kutscher Parthenius auf Wolodjas Pferd, das meinige am Zügel führend. Sofort stürzten wir sämtlich zum Zaun, von wo aus all diese Dinge zu sehen waren.

Als der ganze Zug hinter der Hausecke verschwunden war, liefen wir mit schrecklichem Gepolter und Geschrei nach oben, um uns anzuziehen, und zwar möglichst »weidgerecht«. Das Wichtigste dabei war, die Hosen in die Stiefel zu stecken. Unverzüglich ging es ans Werk, um schnell fertig zu werden, auf die Treppe laufen, die Hunde sehen, Pferde riechen und mit den Jägern plaudern zu können.

Der Geruchssinn muß sich mit den Jahren bei mir völlig geändert haben. Wie wäre es sonst zu erklären, daß, soviel Pferde ich jetzt auch rieche, dieser Geruch nicht im geringsten die Bedeutung und den Reiz mehr für mich hat wie in der Kindheit.

8. Die Jagd.

Es war ein heißer Tag; weiße, wunderbar geformte Wölkchen zeigten sich seit dem Morgen am Horizont; dann trieb ein leichter Wind sie näher und näher, so daß sie bisweilen für kurze Zeit die Sonne bedeckten. So zahlreich sie auch gegen Abend am Himmel entlang zogen, war es ihnen doch nicht bestimmt, sich zum Gewitter zusammenzuziehen und zum letztenmal unser Vergnügen zu stören. Sie begannen sich wieder zu zerteilen; nur im Osten hing eine große graue Wolke; die anderen wurden blasser, zogen sich in die Länge und eilten am Horizont hin; über dem Kopf aber verwandelten sie sich in weiße durchsichtige Schäfchen. Regen war nicht zu erwarten; selbst Karl Iwanowitsch, der stets wußte, wohin jede Wolke zog, erklärte, das Wetter bliebe gut.

Foka kam trotz seines vorgerückten Alters schnell und gewandt die Treppe heruntergelaufen, schrie: »vorfahren!« und faßte mitten in der Einfahrt, zwischen der Stelle, wo der Kutscher Iwan mit dem Jagdwagen erscheinen sollte und der Schwelle Posto in der Haltung eines Mannes, den man nicht an seine Pflicht zu erinnern braucht. Die Damen erschienen, und nach einigen Erörterungen darüber, auf welcher Seite jede sitzen und an wem sie sich festhalten sollte (obwohl das, meiner Meinung nach, überhaupt nicht nötig war), stiegen sie auf, spannten die Schirme auf und fuhren fort. Als der Jagdwagen sich in Bewegung setzte, deutete Mama ängstlich auf das »Jagdpferd« und fragte Iwan mit zitternder Stimme: »Ist das Wolodjas Pferd?«

Und als jener bejahend antwortete, machte sie nur noch eine Handbewegung und wandte sich ab. (Der Wagen mußte einen Umweg machen und fuhr deswegen vorauf.)

Sehr ungeduldig bestieg ich meinen Klepper und führte mit Hilfe der Reitpeitsche verschiedene Evolutionen auf dem Hofe aus, sorgfältig den umherliegenden Hunden ausweichend, um dem ewigen Vorwurf der Jäger zu entgehen: »Herr, seien Sie so gut, überreiten Sie die Hunde nicht!« Diese Bemerkung ärgerte mich sehr – als ob ich das nicht wüßte!

Wolodja schwang sich, trotz seines festen Charakters nicht ohne leises Zittern auf das Jagdpferd. Auf dem Tier aber machte er sich sehr gut, wie ein Erwachsener. Besonders lagen seine Schenkel so gut auf dem Sattel, daß ich ihn beneidete, weil ich, nach dem Schatten zu urteilen, bei weitem keine so gute Figur abgab.

Jetzt ertönten Papas Schritte auf der Treppe. Der Hundewärter trieb die Jagdhunde zurück, die sich losrissen; die Jäger riefen ihre Windhunde und saßen auf. Der Reitknecht führte das Pferd an die Treppe; die Hunde von Papas Meute, die bis dahin in malerischen Stellungen sein Pferd umlagert und umstanden hatten, stürzten auf ihn zu. Er trat auf die Treppe; hinter ihm kam lustig Milka mit dem Korallenhalsband voll Eisenstacheln. Sie begrüßte stets die anderen Hunde; einige knurrten sie an, mit anderen spielte sie, einigen wurden sogar die Flöhe abgesucht!

Papa bestieg sein Pferd, und wir ritten los. Der Pikör mit Beinamen »Türke« ritt vorauf, hinter ihm liefen in buntem Schwarm die zusammengekoppelten Jagdhunde. Es war ein kläglicher Anblick, wenn ein unglücklicher Hund sich einfallen ließ, stehenzubleiben, um irgendeinen interessanten Gegenstand zu beschnüffeln. Zuerst mußte er seine Gefährten zu sich herüberziehen, und dann ließ sich sicher einer der Hundewärter die Gelegenheit nicht entgehen, mit der Hetzpeitsche zuzuschlagen und zu schreien: »In die Koppel!«

Als wir auf das freie Feld kamen, verteilten sich die Jäger mit den Windhunden auf beide Seiten. Hier und da sah man so eine aus Mensch und Tieren bestehende Gruppe. Hübscher machten sich die Jäger zu Pferde, hinter denen die Hunde liefen – besonders wenn man ihnen Futter hinwarf. Dabei das Stoppelfeld oder Waldesgrün an dem sonnigen Tage – welch reizender Hintergrund für dieses Bild!

Die Ernte war in vollem Gange. Das unübersehbare glänzend gelbe Feld wurde nur auf einer Seite von einem bläulich schimmernden Hochwald begrenzt, der mir als die entfernteste geheimnisvollste Gegend vorkam, hinter welcher entweder die Welt ein Ende hatte oder unbewohnte Länder lagen. Das ganze Feld war mit Garben und Menschen bedeckt. In dem hohen dichten Roggen sah man hier und da auf dem gemähten Streifen den krummen Rücken einer Schnitterin; schwingende Ähren, wenn sie dieselben herüberwarf; ein Weib, das sich im Schatten über eine Wiege beugte, und zerstreute Garben auf dem mit Kornblumen besäten Stoppelfeld. Auf der anderen Seite luden Männer, in Hemd und Hose auf Wagen stehend, die Garben auf und wirbelten Staub über das trockene, heiße Feld. Der Aufseher in hohen Stiefeln und übergehängtem Rock, den Kerbstock in der Hand, hatte Papa schon von weitem bemerkt, nahm seinen Filzhut ab, wischte seinen roten Kopf und Bart mit einem Tuch ab und schrie die Weiber an. Der kleine Fuchs, den Papa ritt, ging spielend leicht, bisweilen den Kopf gegen die Brust werfend und die Zügel straff ziehend, oder mit dem dichten Schweif die Fliegen und Bremsen verscheuchend, die sich gierig an ihm festsetzten. Zwei Windhunde tänzelten mit sichelförmig nach oben gebogener Rute, die Beine hoch aufhebend, graziös über die hohen Stoppeln, hinter dem Pferde. Milka lief vorauf und erwartete mit erhobenem Kopf einen Leckerbissen. Die Stimmen der Menschen, der Lärm der Pferde und Wagen, das lustige Schlagen der Wachteln, das Gesumme der Insekten, die in unbeweglichen Schwärmen die Luft erfüllten, der Geruch von Wermut, Stroh und Pferdeschweiß, die tausend verschiedenen Farben und Schattierungen, die die sengende Sonne über das hellgelbe Stoppelfeld, die blaue Waldferne und die hellvioletten Wolken ergoß; die weißen Sommerfäden, die in der Luft schwebten, oder sich auf die Stoppeln legten – alles das sah, hörte und fühlte ich.

Beim Kalinowoer Wald angelangt, fanden wir den Jagdwagen schon vor, und wider Erwarten noch einen Einspänner, in dem der Küchenchef saß und einen Gegenstand in einer Serviette zwischen den Beinen hielt; aus dem Heu guckten ein Samowar und noch allerhand verlockende Dinge hervor. Kein Zweifel: das gab einen Teeabend im Freien mit Gefrorenem und Früchten. Bei diesem Anblick brachen wir in lauten Jubel aus, denn Tee im Freien, an einer Stelle, wo noch niemand getrunken, hielten wir für einen Hochgenuß.

Der Türke stieg vom Pferde und nahm Papas ausführliche Anordnungen entgegen: wie man sich verteilen und wo man herauskommen sollte (übrigens richtete er sich niemals nach diesen Befehlen, sondern handelte nach seinem Gutdünken), koppelte die Hunde los, legte gemächlich die Koppeln zusammen, bestieg sein Pferd und verschwand, leise pfeifend, hinter den jungen Birken. Die befreiten Jagdhunde bezeigten vor allen Dingen ihre Freude durch Schweifwedeln, schüttelten sich und verrichteten an unbekannt aus welchem Grunde ausgewählten Büschen das Werk und mehr als das, was Soldaten tun, wenn es heißt: »Austreten!« Dann machten sie sich mit lustigem Schweifwedeln schnüffelnd an die Arbeit.

»Hast du ein Taschentuch?« fragte Papa.

Ich zog es aus der Tasche und zeigte es ihm.

»Schön; bind den grauen Hund daran.«

»Giran?« fragte ich.

»Ja, und lauf den Weg entlang. Wenn du an die Lichtung kommst, bleib stehen. Und sieh zu, daß du nicht ohne Hasen zurückkommst.«

Ich schlang das Tuch um Girans Hals und stürmte Hals über Kopf an die bezeichnete Stelle. Papa lachte und rief mir nach: »Schnell schnell, du kommst zu spät!«

Giran blieb fortwährend stehen, spitzte die Ohren und horchte. Da meine Kräfte nicht reichten, ihn vorwärts zu ziehen, wählte ich eine List und schrie: »Faß ihn, faß ihn!« Dann konnte ich ihn wieder kaum halten und fiel mehrmals hin, bis ich meinen Platz erreichte.

Endlich ließ ich mich im Grase nieder, Giran neben mir, und wartete.

Meine Phantasie eilte der Wirklichkeit weit vorauf. Ich bildete mir ein, schon zwei Hasen gehetzt zu haben und war jetzt mit einem Fuchs beschäftigt – da gab zuerst ein Jagdhund Laut. Bei diesem Geräusch erstarrte ich auf der Stelle. Die Augen in die Weite gerichtet, lächelte ich sinnlos. Mir war, als ob dieser Augenblick über mein ganzes Leben entschiede. Der Schweiß floß in Strömen; die Tropfen rannen das Kinn entlang und kitzelten – ich wischte sie nicht ab. Diese Spannung war so unnatürlich, daß sie nicht lange dauern konnte. Die Hunde hetzten, kein Hase war zu sehen. Ich schaute nach rechts und links.

Mit Giran war genau dasselbe der Fall. Anfangs wollte er sich losreißen und winselte sogar; dann streckte er sich neben mir aus, legte die Schnauze auf meine Knie und beruhigte sich.

Rechts neben mir war ein Ameisenhaufen; in seiner Nähe schleppte eine Ameise einen riesigen Strohhalm, und obgleich dieser unaufhörlich an den Unebenheiten des Weges hängenblieb, bewegte sie ihn doch, bald an dieser, bald an jener Seite zerrend, zwar langsam aber beständig näher an den Haufen heran. Ich legte den Kopf in die Hand und sah mit großer Aufmerksamkeit zu.

Ein weißer Schmetterling mit gelben Flügelspitzen schwebte über einer wilden Kleeblüte und ließ sich darauf nieder. Ich weiß nicht, ob er den Saft aus der Blüte sog oder sich in der Sonne wärmte – jedenfalls mußte es ihm dort sehr gut gefallen. Er bewegte bisweilen die Flügel und blieb dann unbeweglich sitzen.

Plötzlich heulte Giran auf und stürmte mit solcher Kraft vorwärts, daß ich fast hingefallen wäre. Ich sah mich um und erblickte am Waldsaum einen Hasen, der, den einen Löffel angedrückt und den anderen gespitzt, leicht im hohen Grase dahinsprang. Im selben Moment vergaß ich alles, sogar Papas Rat, an mich zu halten; ich ließ den Hund los und schrie unnatürlich auf. Aber kaum war das geschehen, so überkam mich Reue: der Hase duckte sich, machte einen Satz und ward nicht mehr gesehen.

Wie groß war aber meine Scham, als hinter den Jagdhunden, die laut bellend am Waldrande hervorbrachen, der Türke erschien. Er sah sofort, was ich angerichtet hatte und sagte nur: »Ach Herr!« Aber wie er das sagte! Mir wäre leichter gewesen, wenn er mir wie einem Hasen die Läufe abgeschnitten und mich an den Sattel gehängt hätte.

Lange stand ich verzweifelt auf demselben Fleck, rief nicht einmal die Hunde, sondern schrie nur fortwährend mit ausdrucksvollen Gebärden: »Mein Gott, was habe ich getan!«

Ich hörte, wie die Hunde weiterjagten, wie auf der anderen Seite der Insel gehetzt wurde, wie man den Hasen zurückjagte und wie der Wärter die Hunde abrief. Ich rührte mich nicht von der Stelle.

9. Spiele.

Die Jagd war zu Ende. Im Schatten war ein Teppich ausgebreitet, auf dem die ganze Gesellschaft sich im Kreise lagerte. Der Küchenchef Gabriel hockte vor einem Korbe nieder und nahm daraus Birnen und Pfirsiche, die in Blätter eingewickelt waren. Um von diesen schönen Sachen etwas abzubekommen, mußte man geduldig warten, bis Gabriel jedes Stück ausgewickelt hatte, dann Teller holte, sie abwischte, alles darauf legte, die Teller symmetrisch auf den Teppich setzte, jeden einzelnen Teller noch einige Male zurechtrückte, als wenn das auf Wunsch und Willen dieser schönen Sachen geschähe, die nicht in ganz gleichem Abstand voneinander dalägen. Wenn ich diese Vorbereitungen sah, überkam mich stets ein Gefühl der Unzufriedenheit. Ich war überzeugt, daß das alles absichtlich und nur geschähe, um mich zu ärgern, besonders, weil ich an den Korb herangelassen den ganzen Inhalt mitsamt den Blättern verzehrt haben würde.

Als wir unsere Portion Gefrorenes und Früchte bekommen hatten, gab es auf dem Teppich für uns nichts mehr zu tun. Trotz der schrägen, sengenden Sonnenstrahlen standen wir auf, um zu spielen.

»Also was?« sagte Ljubotschka im Grase hüpfend und wegen der Sonne mit den Augen blinzelnd. »Laßt uns ›Robinson‹ spielen.«

»Nein, das ist langweilig,« sagte Wolodja, der sich faul im Grase wälzte und Blätter kaute. »Immer und ewig Robinson! Wenn ihr schon spielen wollt, laßt uns eine Laube bauen.«

Wolodja wollte sich augenscheinlich wichtig machen. Wahrscheinlich war er stolz auf sein Jagdpferd und stellte sich nun müde. Vielleicht besaß er auch zu viel gesunde Vernunft und zu wenig Einbildungskraft, um an dem Robinsonspiel Gefallen zu finden. Dieses bestand in der Darstellung von Szenen aus dem Schweizer Robinson, den wir kurz zuvor gelesen hatten.

»Nein bitte, warum willst du uns nicht den Gefallen tun!« drangen die Mädchen in ihn. »Du bist Charles oder Ernest oder Vater – was du willst,« sagte Katja, die ihn am Ärmel vom Boden hochzuziehen suchte.

»Ich mag wirklich nicht; ist so langweilig!« erwiderte Wolodja, sich dehnend, mit selbstgefälligem Lächeln.

»Dann kann man ja lieber zu Hause bleiben, wenn niemand spielen will,« brachte Ljubotschka unter Tränen heraus. Sie war eine schreckliche Heulliese.

»Also kommt; nur bitte, nicht weinen; das kann ich nicht ausstehen.«

Wolodjas gnädige Herablassung machte uns wenig Vergnügen. Sein faules und langweiliges Benehmen nahm dem Spiel den Reiz. Als wir auf der Erde saßen und auf den Fischfang fuhren, wobei wir aus Leibeskräften ruderten, saß Wolodja mit gekreuzten Armen in einer Haltung da, die mit der eines Fischers nicht die geringste Ähnlichkeit hat. Ich sagte ihm das, aber er erwiderte, daß wir durch unser stärkeres oder schwächeres Armschwenken nichts profitierten und nicht im geringsten vorwärts kämen. Darin mußte ich ihm unwillkürlich recht geben. Als ich mit einem Stock auf der Schulter dem Walde zuschritt und sagte, ich ginge jetzt auf die Jagd, legte Wolodja sich auf den Rücken, schlang die Hände um den Hinterkopf und sagte, er ginge jetzt auch auf die Jagd.

Dieses Benehmen und solche Worte kühlten unseren Spieleifer merklich ab, besonders, da wir im Grunde unseres Herzens Wolodjas Worte für ganz vernünftig erklären mußten.

Ich weiß selbst, daß man mit einem Stocke keinen Vogel töten und nicht schießen kann. Es ist Spiel. Wenn man so denkt, kann man auch auf Stühlen nicht fahren; ich denke aber, Wolodja weiß noch recht gut, wie wir an langen Winterabenden einen Sessel mit Tüchern bedeckten und einen Wagen daraus machten – einer war Kutscher, der andere Lakai, die Mädchen kamen in die Mitte; drei Stühle bildeten die Troika und dann ging's los. Und was für mannigfache Zwischenfälle passierten auf dieser Fahrt, und wie schnell und fröhlich vergingen die Winterabende! …

Wenn man alles genau nimmt, gibt es gar kein Spiel. Wenn das aber fehlt, was bleibt dann?!

10. Etwas wie eine erste Liebe.

Als Ljubotschka im Spiel von einem Baum amerikanische Früchte pflückte, riß sie ein Blatt mit einer großen grünen Raupe ab. Erschreckt schleuderte sie es auf den Boden und schnitt dabei eine komische Grimasse; hob die Hände hoch und sprang beiseite, als fürchtete sie, mit etwas bespritzt zu werden. Das Spiel hörte auf und wir bückten uns alle und steckten die Köpfe zusammen, um dieses Wundertier zu betrachten. Katja war so mutig, die Raupe aufzuheben, schob ihr einen trockenen Grashalm in den Weg und machte, um das besser zu können, eine Bewegung mit der Schulter, über die Mimi stets ärgerlich wurde und sagte: »C'est un mouvement de femme de chambre.«

Das Kleid mit dem Halsausschnitt rutschte den Mädchen beim Bücken von der Schulter. Sie brachten es dadurch wieder in die richtige Lage, daß sie die Schulter senkten und schnell hoben. Über die Raupe gebeugt, machte Katja eben diese Bewegung, als ich ihr über die Schulter blickte. Der Wind hob das Busentuch von ihrem weißen Halse. Ich blickte schon nicht mehr auf die Raupe, sondern auf die nur zwei Finger breit von meinen Lippen entfernte nackte Schulter. Ich sah und sah, und preßte dann meine Lippen so heftig darauf, daß Katja zurückwich, und empfand dabei solchen Genuß, daß ich am liebsten nie aufgehört hätte. Katja wandte sich nicht einmal um; aber ich bemerkte, daß nicht nur die Stelle, die ich geküßt, sondern ihr ganzer Hals rot wurde. Wolodja sagte verächtlich, ohne den Kopf zu heben: »Was sind das für Zärtlichkeiten!« und beschäftigte sich weiter mit der Raupe. Mir aber traten vor Lust und Scham Tränen in die Augen.

Dieses Lustgefühl war für mich ganz neu; nur einmal, als ich meinen bloßen Arm betrachtete, hatte ich etwas Ähnliches empfunden.

Obgleich ich mich sehr schämte, verwandte ich von jetzt ab kein Auge von Katja.

Während wir spielten, überredete Mama den Vater, die Trennung bis auf morgen nach dem ersten Frühstück zu verschieben, und davon wurde uns sofort Mitteilung gemacht.

Auf dem Heimweg ritten wir neben dem Jagdwagen. Wolodja und ich suchten uns gegenseitig an Schneidigkeit und Reitkunst zu überbieten und galoppierten um den Wagen herum. Mein Schatten war jetzt länger als vorhin; daraus schloß ich, daß ich einen stattlichen Reiteranblick böte. Das Gefühl der Zufriedenheit, das ich darüber empfand, wurde aber bald durch folgenden Vorfall beeinträchtigt.

In dem Wunsche, alle Insassen des Wagens endgültig für mich einzunehmen, besonders Katja, die zwar selten, aber doch nach mir ausschaute, blieb ich etwas zurück, trieb dann mein Pferdchen mit Gerte und Füßen vorwärts, nahm eine ungezwungen graziöse Haltung an und wollte im Galopp auf der Seite, wo Katja saß, am Wagen vorübersprengen. Ich war nur bezüglich eines Punktes unschlüssig, ob ich nämlich schweigend oder mit Hurrageschrei vorübersprengen sollte.

Als der unausstehliche Gaul aber neben den Wagenpferden war, blieb er trotz all meiner Bemühungen so unerwartet stehen, daß ich vom Sattel auf den Hals flog und fast gefallen wäre. Krebsrot vor Scham suchte ich wieder Haltung anzunehmen und ritt dann, ohne mich weiter umzusehen, hinter den anderen her. Im Augenblick meines Mißgeschicks hatte ich Geschrei, Kreischen und Gelächter aus dem Wagen gehört; und unter den Lachenden war Katja. Deswegen war ich ihr schrecklich böse.

Zu Hause angelangt, ließ Mama Lichter bringen, nahm ein Notenheft und setzte sich ans Klavier. Wolodja, Ljuboschka und Katja liefen in den Saal, um zu spielen; ich kletterte mit den Füßen auf den Großvaterstuhl im Gastzimmer und legte mich hin, um zuzuhören. Katja kam, um mich auch in den Saal zu holen; aber ich war ihr böse und bat sie, mich in Ruhe zu lassen.

11. Die Musik.

Mama spielte leicht und flüchtig mit beiden Händen eine Tonleiter, rückte dann den Klavierbock näher und spielte das graziöse scherzhafte zweite Konzert von Field – ihrem Lehrer.

Sie spielte herrlich, hämmerte nicht auf den Tasten herum, wie die Schüler und Schülerinnen der neuen Schule, trat nicht Pedal bei Harmoniewechsel, griff nicht Arpeggio und verlangsamte nicht unnötig das Tempo, um, wie viele tun, ihrem Spiel mehr Ausdruck zu geben; fügte auch nicht eigene Modulationen hinzu.

Mir gegenüber führte die Tür ins Arbeitszimmer von Papa. Ich sah, wie Jakob und einige bärtige Leute mit langen Röcken dort eintraten; hinter ihnen wurde die Tür sofort wieder geschlossen.

Jetzt beginnt da die Arbeit – dachte ich. Es kam mir vor, als wenn es etwas Wichtigeres, als im Arbeitszimmer geschah, in der ganzen Welt nicht geben könnte. Hierin bestärkte mich noch der Umstand, daß alle Leute ins Arbeitszimmer stets auf den Zehenspitzen und flüsternd eintraten, während von drinnen her laute Stimmen und Zigarrengeruch kamen, welcher Duft mir stets, ich weiß nicht warum, Ehrfurcht einflößte. Ich wollte bei den einfach herzlichen Klängen des Fieldschen Konzerts gerade in süße Träumerei versinken, als ich im Dienerzimmer plötzlich sehr bekanntes Stiefelknarren hörte und die Augen öffnete. Karl Iwanowitsch schritt, zwar mit einer Miene, die Entschlossenheit ausdrückte, aber ebenfalls auf Zehenspitzen, mit Papieren in der Hand zur Tür und klopfte leise an. Er wurde eingelassen, dann schlug die Tür wieder zu.

Wenn da nur nicht ein Unglück passiert, dachte ich. Karl Iwanowitsch ist böse und in solchen Augenblicken zu allem fähig.

In diesem Augenblick spielte Mama das Konzert von Field zu Ende, erhob sich von dem runden Klavierbock, nahm ein anderes Notenheft, stellte es auf das Pult, schob die Lichter näher und setzte sich, nachdem sie ihr Kleid geordnet, wieder an den Flügel. Die Aufmerksamkeit, mit der sie das alles tat, und der nachdenklich strenge Gesichtsausdruck deuteten an, daß sie ein sehr ernstes Stück spielen wollte. Was mochte das sein? dachte ich, schloß wieder die Augen und lehnte den Kopf gegen die Sesselecke. Der Geruch des Staubes, den ich beim Umdrehen aufwirbelte, kitzelte mir die Nase; die längst bekannten Klänge des Stückes, das Mama spielte, übten einen süßen und gleichzeitig beunruhigenden Eindruck auf mich aus … Sie spielte die Sonate pathétique von Beethoven. Obgleich ich diese ganze Sonate so gut kannte, daß mir nichts in ihr neu war, konnte ich vor Unruhe nicht einschlafen. Wenn nun plötzlich nicht das käme, was ich erwartete? Das verhaltene, majestätisch erhabene, aber unruhige Einleitungsmotiv, das gleichsam Scheu trägt, sich zu äußern, ließ mich den Atem anhalten. Je schöner und komplizierter die Phrasierung, um so stärker wurde das Angstgefühl, es könnte etwas diese Schönheit stören, und um so stärker das Gefühl der Freude, wenn die Phrase harmonisch endete.

Ich beruhigte mich erst, als das Einleitungsmotiv alles aussprach und geräuschvoll in das Allegro überging. Der Anfang des Allegro ist zu gewöhnlich; deswegen liebe ich es nicht. Man hat unterdessen Gelegenheit, von den starken Empfindungen des ersten Teiles auszuruhen. Was kann es aber Schöneres geben, als die Stelle, wo das Fragen und Antworten beginnt! Zunächst ist die Unterhaltung leise und zärtlich; dann spricht plötzlich jemand im Baß zwei so strenge, dabei von Leidenschaft erfüllte Phrasen, auf die man, scheint's, nichts antworten kann … Doch nein – es gibt eine Antwort, und noch eine und wieder eine, immer schöner, immer stärker, bis endlich alles in ein undeutliches Murren zusammenfließt. Diese Stelle hat mich stets in Erstaunen versetzt, und das Erstaunen war stets so stark, als wenn ich sie zum erstenmal hörte. Dann ertönt im Lärm des Allegro plötzlich ein Nachklang des Einleitungsmotivs; dann nochmals das Zwiegespräch, abermals der Widerhall, und plötzlich, im Moment, wo die Seele durch diese unaufhörliche Unruhe so erregt ist, daß sie um Schonung bittet, hört alles auf, unerwartet und schön …

Während des Andante träumte ich; im Herzen war mir ruhig und freudig; ich wollte lächeln und träumte etwas Leichtes, Vergangenes, Helles. Aber das Rondo in D-Moll weckte mich auf. Wovon handelte es? Wohin strebte, was wollte es? Man wünschte, daß alles schnell, schnell zu Ende ging. Als das Weinen und Bitten aber aufhörte, hätte ich gar zu gern den leidenschaftlichen Ausdruck des Wehs noch einmal gehört.

Die Musik wirkt weder auf den Verstand noch auf die Einbildungskraft. Wenn ich Musik höre, denke ich an nichts und stelle mir nichts vor, aber ein sonderbar wonniges Gefühl erfüllt in dem Maße meine Seele, daß ich das Bewußtsein meiner Existenz verliere; und dieses Gefühl ist – Erinnerung. Es scheint, als erinnert man sich an das, was nie da war.

Ist nicht die Grundlage des Gefühls, das jede Kunst in uns erweckt, Erinnerung? Rührt nicht der Genuß, den Malerei und Skulptur uns verschaffen, von der Erinnerung an bestimmte Gefühle und Gefühlsübergänge her? Ist das Gefühl der Poesie nicht die Erinnerung an Bilder, Gefühle und Gedanken?

Die Musik war schon bei den alten Griechen imitativ; Plato erklärte in seiner »Republik« als unbedingte Voraussetzung der Musik, daß sie edle Gefühle ausdrückte. Jede musikalische Phrase drückt ein Gefühl aus: Stolz, Freude, Kummer, Verzweiflung usw. oder eine der unendlichen Kombinationen dieser Gefühle. Musikwerke, die kein Gefühl ausdrücken, sind in der Absicht komponiert, entweder etwas zur Schau zu stellen, zu erklären, oder Geld zu verdienen – mit einem Wort, in der Musik gibt es, wie überall, Mißgeburten, nach denen man nicht urteilen kann. (Zu diesen Mißgeburten gehören Versuche in der Musik, Bilder zum Ausdruck zu bringen.) Gibt man zu, daß Musik die Erinnerung an Gefühle ist, so wird verständlich, warum sie so verschieden auf die Menschen wirkt. Je reiner und glücklicher die Vergangenheit eines Menschen war, um so mehr liebt er seine Erinnerungen und um so stärker fühlt er die Musik; umgekehrt, je schwerer die Erinnerungen für jemanden sind, um so weniger Sympathie hat er für sie. Daher kommt es, daß einige Menschen Musik nicht ertragen können. Es wird auch verständlich, warum das eine Musikstück diesem, das andere jenem gefällt. Für den, der dasjenige Gefühl erlebt hat, das die Musik ausdrückt, ist es eine Erinnerung, und er findet Genuß darin; für einen anderen aber hat es keine Bedeutung.

12. Ljubotschka.

Mama hörte auf zu spielen. Ich erwachte, schob den Kopf hinter der Sessellehne hervor und sah, daß Mama auf derselben Stelle saß, aber nicht mehr spielte, sondern horchte. Aus dem Saal drang lautes Weinen.

»Ach Gott!« rief Mama, »sicher ist eins von den Kindern zu Schaden gekommen!« Damit stand sie vom Klavierbock auf und lief fast in den Saal.

Ljubotschka saß zwischen zwei Stühlen auf dem Fußboden; über ihr Gesicht flossen Blut und Tränen. Wolodja und Katja standen mit erschreckten Gesichtern neben ihr.

»Was ist? Wo tut es dir weh? Sag, was ist mit dir! Liebling, Ljubotschka, Herzblatt, mein Engel!« rief Mama besorgt und selbst dicht vor dem Weinen. Als sie die Hand fortnahm, mit der Ljubotschka ihre Nase hielt, sah man, wie Mama sich freute, als sie wahrnahm, daß das Blut aus der Nase kam und daß nichts Ernstliches passiert war. Sofort änderte sich ihre Miene und sie fragte Wolodja strenge: »Wie ist das gekommen?«

Wolodja erklärte, Ljubotschka hätte einen Hasen gemacht und sei schon ganz weit fort gewesen, da wäre sie plötzlich gestolpert und mit der Nase gegen einen Stuhl gefallen.

»So, so,« sagte Mama und hob Ljubotschka auf. »Das wird dir eine Lehre sein, daß du nicht mehr so läufst wie eine Wahnsinnige. Geh ins Gastzimmer, Liebling, hast genug getollt.«

Ljubotschka ging vorauf; hinter ihr Mama; dann folgten wir drei.