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Graf Leo Tolstoi
Roman einer Ehe
Deutsch
von
Alexander Eliasberg
O. C. Recht Verlag München
Copyright by O. C. Recht Verlag München 1921
Viertes bis siebentes Tausend
Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig
Erster Teil.
I
Wir trugen Trauer um unsere Mutter, die im Herbste gestorben war. Den ganzen Winter verlebten wir, Katja, Ssonja und ich, auf dem Lande.
Katja war eine alte Freundin unseres Hauses, unsere Gouvernante, die uns alle großgezogen hatte, und die ich kannte und liebte, seit ich mich meiner überhaupt erinnere. Ssonja war meine jüngere Schwester. Wir verlebten einen düsteren und traurigen Winter in unserem alten Hause zu Pokrowskoje. Das Wetter war kalt, und der Wind hatte die Schneewehen bis über die Fensterhöhe herangefegt; die Fenster waren immer vereist und undurchsichtig, und wir gingen und fuhren fast den ganzen Winter nicht aus. Nur selten kam jemand zu uns, und wenn auch jemand kam, so brachte er uns weder Fröhlichkeit noch Freude ins Haus. Alle hatten traurige Mienen, alle sprachen so leise, als fürchteten sie, jemand zu wecken, niemand lachte, alle seufzten und weinten oft, wenn sie mich und besonders die kleine Ssonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen. Im Hause ließ sich noch die Gegenwart des Todes spüren; Trauer und Todesgrauen erfüllten die Luft. Mamas Zimmer war geschlossen, und es war mir unheimlich zumute, und ich fühlte mich zugleich hingezogen, in dieses kalte und leere Zimmer hineinzublicken, sooft ich auf dem Wege nach meinem Schlafzimmer vorbeimußte.
Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte noch im gleichen Jahre, als sie starb, die Absicht gehabt, in die Stadt zu übersiedeln, um mich in die Gesellschaft einzuführen. Der Verlust meiner Mutter bedeutete für mich einen schweren Kummer, aber zu diesem Gefühl gesellte sich, ich muß es gestehen, auch noch der Gram darüber, daß ich, die ich, wie mir alle sagten, jung und hübsch war, schon den zweiten Winter in der ländlichen Einöde nutzlos verbringen mußte. Kurz vor dem Ende des Winters steigerte sich das Gefühl der Trauer, der Einsamkeit und auch der gewöhnlichen Langweile dermaßen, daß ich mein Zimmer nicht mehr verließ, mein Klavier nicht mehr öffnete und kein Buch in die Hand nahm. Wenn Katja mir zuredete, ich solle das eine oder andere beginnen, so antwortete ich ihr: »Ich habe keine Lust, ich kann nicht!« In meinem Herzen regte sich aber die Frage: – Wozu? Warum soll ich etwas beginnen, wenn meine beste Zeit unnütz dahingeht? Wozu? – Und auf dieses »Wozu« gab es keine andere Antwort als Tränen.
Man sagte mir, ich sei während dieser Zeit mager geworden und hätte viel von meiner Schönheit eingebüßt, aber auch das interessierte mich nicht. Wozu? Für wen? Mir schien, als müsse mein ganzes Leben in dieser Einöde, in dieser hilflosen Trauer dahingehen, aus der mich zu befreien ich selbst keine Kraft und nicht einmal den Willen hatte. Gegen Ende des Winters nahm sich Katja, die um mich sehr besorgt war, vor, mich unbedingt ins Ausland zu bringen. Dazu brauchte man Geld, wir wußten aber kaum, was uns nach dem Tode unserer Mutter geblieben war und erwarteten von Tag zu Tag unseren Vormund, der kommen sollte, um die Vermögensverhältnisse zu klären.
Im März kam der Vormund.
»Nun, Gott sei Dank!« sagte mir einmal Katja, als ich wie ein Schatten, müßig, ohne Gedanken und ohne Wünsche von Winkel zu Winkel irrte. »Ssergej Michailytsch ist angekommen, hat schon nach uns gefragt und sich zum Mittagessen angemeldet. Nimm dich zusammen, Maschetschka,« fügte sie hinzu. »Was soll er von dir denken? Er hat ja euch alle so sehr geliebt.«
Ssergej Michailytsch war unser naher Nachbar und mit unserem verstorbenen Vater befreundet gewesen, obwohl er viel jünger war als dieser. Ganz abgesehen davon, daß seine Ankunft alle unsere Pläne über den Haufen warf und uns die Möglichkeit gab, aus der ländlichen Einöde herauszukommen, war ich schon von der frühesten Kindheit an gewöhnt, ihn zu lieben und zu achten, und Katja hatte, als sie mir den Rat gab, mich zusammenzunehmen, ganz richtig erraten, daß es mir schmerzvoller war, mich Ssergej Michailowitsch als jemand anderem von unsern Bekannten in ungünstigem Lichte zu zeigen. Abgesehen davon, daß ich ihn, wie alle im Hause, von Katja und Ssonja, seiner Patentochter an, bis zum letzten Kutscher schon aus Gewohnheit liebte, hatte er für mich noch eine ganz besondere Bedeutung infolge einer Bemerkung, die Mama einmal in meiner Gegenwart gemacht hatte. Sie hatte gesagt, daß sie mir einen solchen Mann wünsche. Damals war mir das sonderbar und sogar unangenehm erschienen. Mein Held sollte ganz anders aussehen: schlank, hager, bleich und traurig, aber Ssergej Michailytsch war schon in den Jahren, groß gewachsen, wohlbeleibt und, wie mir schien, immer lustig; aber die Worte meiner Mutter hatten sich trotzdem in meiner Erinnerung festgesetzt, und ich hatte mich noch vor sechs Jahren, als ich erst elf Jahre alt war und er zu mir »du« sagte und mich »Veilchenmädchen« nannte, zuweilen nicht ohne Schrecken gefragt, was ich tun sollte, wenn er mich plötzlich heiraten wollen würde. –
Vor dem Mittagessen, bei dem es auf Katjas Anordnung außer den gewöhnlichen Speisen auch noch Gefrorenes, eine Creme und eine Spinatsauce gab, kam Ssergej Michailytsch an. Ich sah ihn durchs Fenster in seinem kleinen Schlitten heranfahren; als er um die Ecke bog, eilte ich ins Wohnzimmer und wollte so tun, als hätte ich ihn gar nicht erwartet. Aber als ich im Vorzimmer seine Schritte, seine laute Stimme und die Schritte Katjas hörte, hielt ich es doch nicht aus und ging ihm entgegen. Er hielt Katja bei der Hand, sprach laut und lächelte. Als er mich erblickte, verstummte er und sah mich einige Zeit, ohne mich zu begrüßen, an. Ich wurde verlegen und fühlte, daß ich errötete.
»Ach! Sind Sie es wirklich?« sagte er in seiner bestimmten, einfachen Art, vor Erstaunen die Arme spreizend und auf mich zugehend. »Kann sich denn ein Mensch so verändern! Wie groß Sie geworden sind! Das soll ein Veilchen sein! Sie sind zu einer Rose aufgeblüht.«
Er ergriff mit seiner großen Hand die meine und drückte sie herzlich und so stark, daß es mir fast weh tat. Ich glaubte, er würde mir die Hand küssen und hatte mich schon vorgeneigt, um mit den Lippen seine Stirn zu berühren, aber er drückte noch einmal meine Hand und sah mir mit einem festen und lustigen Blicke gerade in die Augen.
Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht gesehen. Er hatte sich sehr verändert: war älter und brauner geworden und hatte sich einen Backenbart wachsen lassen, der ihm gar nicht stand; aber seine einfachen Manieren, sein offenes, ehrliches Gesicht mit den scharfen Zügen, die klugen, leuchtenden Augen und das freundliche, fast kindliche Lächeln waren noch dieselben.
Nach fünf Minuten schon hatte er aufgehört Gast zu sein und war wieder zu einem altvertrauten Familienmitglied geworden, wie für uns alle, so auch für das Hausgesinde, das sich, was man seiner Dienstfertigkeit ansah, über seine Ankunft besonders freute.
Er benahm sich ganz anders als alle Nachbarn, die nach dem Tode Mamas zu uns kamen und es für nötig hielten, während der ganzen Dauer des Besuchs zu schweigen oder uns zu bemitleiden; er war vielmehr sehr redselig, lustig und kam mit keinem Worte auf Mama zu sprechen, so daß diese Gleichgültigkeit seitens eines so nahe stehenden Menschen mir zuerst seltsam und sogar unpassend vorkam. Später begriff ich aber, daß dieses Gebaren keine Gleichgültigkeit, sondern eine besondere Herzlichkeit bedeutete, und ich war ihm dafür dankbar. Abends tranken wir im Wohnzimmer Tee; Katja schenkte wie bei Mamas Lebzeiten den Tee ein und saß auf ihrem alten Platz; Ssonja und ich setzten uns neben sie; der alte Grigorij brachte ihm Papas alte Pfeife, die er aufgefunden hatte, und er begann wie vor Zeiten im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Wenn man es so bedenkt, welche furchtbaren Veränderungen in diesem Hause!« sagte er, stehen bleibend.
»Ja,« erwiderte Katja mit einem Seufzer. Sie deckte den Samowar zu und blickte Ssergej Michailytsch an, im Begriff, in Tränen auszubrechen.
»Sie können sich wohl noch Ihres Vaters erinnern?« wandte er sich an mich.
»Kaum,« antwortete ich.
»Wie gut hätten Sie es jetzt, wenn er noch am Leben wäre!« sagte er, indem er mir still und nachdenklich auf die Stirne blickte. »Ich habe Ihren Vater immer sehr lieb gehabt!« fügte er leiser hinzu, und es kam mir vor, als wären seine Augen noch glänzender geworden.
»Der Herr hat aber auch sie zu sich genommen!« sagte Katja. Sie legte eine Serviette auf die Teekanne, holte ihr Tuch aus der Tasche und fing zu weinen an.
»Ja, furchtbare Veränderungen in diesem Hause,« sagte er noch einmal, sich wegwendend. »Ssonja, zeig mal deine Spielsachen,« fügte er nach einer Weile hinzu und ging in den Salon. Als er fort war, sah ich Katja mit Tränen in den Augen an.
»So ein guter Freund!« sagte sie.
Die Teilnahme dieses fremden und gütigen Menschen tat mir wirklich warm und wohl.
Man hörte Ssonja im Salon lustig kreischen, während er mit ihr spielte. Ich schickte ihm ein Glas Tee hinüber; dann hörten wir, wie er sich ans Klavier setzte und mit Ssonjas Händchen auf die Tasten schlug.
»Marja Alexandrowna!« hörte ich ihn rufen, »kommen Sie her, spielen Sie etwas.«
Es war mir angenehm, daß er sich so ungezwungen und in einem freundschaftlich gebieterischen Ton an mich wandte; ich stand auf und ging auf ihn zu.
»Spielen Sie mal das,« sagte er, das Beethovenheft bei dem Adagio der Sonate Quasi una fantasia aufschlagend. »Wir wollen mal sehen, wie Sie spielen,« fügte er hinzu und zog sich mit seinem Teeglas in eine Ecke des Salons zurück.
Ich hatte, ich weiß selbst nicht warum, das Gefühl, daß es mir unmöglich gewesen wäre, mich zu weigern oder vorauszuschicken, daß ich schlecht spiele; ich setzte mich gehorsam ans Klavier und spielte so gut ich konnte, obwohl ich mich vor seinem Urteil fürchtete: ich wußte, daß er sich auf Musik verstand und sie liebte. Das Adagio entsprach ganz der Stimmung der Erinnerungen, die das Gespräch am Teetisch in mir geweckt hatte, und ich spielte es, glaube ich, recht anständig. Aber das Scherzo wollte er mich nicht spielen lassen. »Nein, das werden Sie nicht gut spielen,« sagte er, auf mich zugehend. »Lassen Sie das, aber der erste Teil war nicht schlecht. Sie scheinen Verständnis für Musik zu haben.« Dieses recht mäßige Lob freute mich so sehr, daß ich sogar rot wurde. Es war mir so neu und so angenehm, daß er, der Freund und beinahe Altersgenosse meines Vaters, zu mir ernst und wie zu seinesgleichen sprach, und nicht wie zu einem Kinde wie einst. Katja ging mit Ssonja hinauf, um sie zu Bett zu bringen, und wir blieben allein im Salon.
Er erzählte mir von meinem Vater; wie er sich ihm angeschlossen hatte, wie lustig sie gelebt hatten, als ich mich noch mit meinen Lehrbüchern und Spielsachen abgab; und mein Vater erschien mir in diesen Erzählungen als ein einfacher und lieber Mensch, wie ich ihn noch gar nicht gekannt hatte. Er erkundigte sich auch danach, was ich besonders liebe, was ich lese, was ich zu unternehmen gedenke und gab mir Ratschläge. Er war jetzt für mich nicht mehr der stets zu Scherzen aufgelegte lustige Patron, der mich einst gerne neckte und mir Spielsachen anfertigte, sondern ein ernster, einfacher und liebender Mann, dem ich unwillkürlich Achtung und Sympathie entgegenbrachte. Es war mir so leicht und wohl ums Herz, zugleich spürte ich auch eine gewisse Befangenheit, als ich mit ihm sprach. Ich fürchtete für jedes meiner Worte; ich wollte bei ihm selbst die Liebe verdienen, die er mir schon aus dem Grunde entgegenbrachte, weil ich die Tochter meines Vaters war.
Nachdem Katja Ssonja zu Bett gebracht hatte, gesellte sie sich zu uns. Sie beklagte sich über meine Apathie, von der ich selbst nichts gesagt hatte.
»Das Wichtigste hat sie mir verschwiegen,« sagte er lächelnd und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.
»Was soll ich darüber erzählen!« entgegnete ich. »Es ist sehr langweilig und wird sich auch bald geben.« (Mir schien in jenem Augenblick nicht nur, als müßte meine Langeweile vorübergehen, sondern als wäre sie schon vorübergegangen und würde niemals wiederkehren.)
»Es ist nicht gut, wenn man die Einsamkeit nicht ertragen kann,« sagte er. »Sind Sie denn ein Fräulein?«
»Natürlich bin ich ein Fräulein,« antwortete ich lachend.
»Nein, Sie sind ein schlechtes Fräulein, das nur dann lebendig ist, solange man es bewundert, und das den Mut sinken läßt und zu nichts mehr Lust hat, sobald es allein geblieben ist; alles nur als Schauspiel für die anderen, und nichts für sich selbst.«
»Eine nette Meinung haben Sie von mir!« sagte ich, nur um etwas zu sagen.
»Nein!« versetzte er nach kurzem Schweigen. »Nicht umsonst sehen Sie Ihrem Vater ähnlich. Es steckt etwas in Ihnen …« Sein freundlicher, aufmerksamer Blick schmeichelte mir wieder und brachte mich in freudige Verlegenheit.
Erst jetzt entdeckte ich in seinem, im ersten Moment lustig scheinenden Gesicht, diesen einzigen, nur ihm allein eigentümlichen Blick, der anfangs heiter schien und dann immer forschender und sogar etwas traurig wurde.
»Sie dürfen und können sich nicht langweilen,« sagte er. »Sie haben Ihre Musik, für die Sie Verständnis haben, Ihre Bücher, Ihr Studium, Sie haben ein ganzes Leben vor sich, auf das Sie sich nur jetzt vorbereiten können, um es später nicht zu beklagen. Nach einem Jahr wird es schon zu spät sein.«
Er sprach zu mir wie ein Vater oder wie ein Onkel, und ich fühlte, daß er sich fortwährend die Mühe gab, sich wie meinesgleichen zu geben. Es kränkte mich, daß er auf mich eigentlich von oben herabsah, und es war mir zugleich angenehm, daß er sich mir zuliebe bemühte, als ein anderer zu erscheinen.
Den Rest des Abends sprach er mit Katja über geschäftliche Dinge.
»Nun, lebt wohl, meine lieben Freunde,« sagte er, indem er sich erhob, auf mich zuging und meine Hand ergriff.
»Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte Katja.
»Im Frühjahr,« antwortete er, mich noch immer bei der Hand haltend. »Jetzt fahre ich nach Danilowka (so hieß unser anderes Gut), um dort alles festzustellen und, soweit ich kann, in Ordnung zu bringen, dann in meinen eigenen Geschäften nach Moskau, und im Sommer werden wir uns wiedersehen.«
»Warum verlassen Sie uns für so lange? …« sagte ich furchtbar traurig; ich hatte in der Tat gehofft, ihn jeden Tag zu sehen, und es wurde mir plötzlich so trist und bange zumute, daß meine Schwermut wiederkehren sollte. Wahrscheinlich war das auch in meinem Blick und in meinem Ton zu lesen.
»Suchen Sie die Zeit mit Arbeit totzuschlagen und fangen Sie keine Grillen,« sagte er mir, wie es mir schien, in einem viel zu kalten und gleichgültigen Tone. »Im Frühjahr werde ich Sie examinieren,« fügte er hinzu, meine Hand loslassend, und ohne mich anzublicken.
Im Vorzimmer, wohin wir ihn begleiteten, hatte er es sehr eilig, seinen Pelz anzuziehen und vermied es, mich anzublicken. – Umsonst gibt er sich solche Mühe! – dachte ich mir. – Glaubt er denn wirklich, es sei mir so angenehm, daß er mich ansieht? Er ist ein guter Mensch, ein sehr guter Mensch … aber das ist auch alles. –
Aber an diesem Abend konnten Katja und ich lange nicht einschlafen; wir sprachen immer, doch nicht von ihm, sondern davon, wie wir den Sommer verleben und wie und wo wir den nächsten Winter zubringen würden. Die schreckliche Frage: »Wozu?« kam mir nicht mehr in den Sinn. Es erschien mir so einfach und so klar, daß man leben müsse, um glücklich zu sein, und daß mich in der Zukunft viel Glück erwarte. Als wäre unser altes, düsteres Gutshaus von Pokrowskoje plötzlich mit Licht und Leben erfüllt.
II
Indessen kam der Frühling. Meine frühere Schwermut war vergangen und an ihre Stelle die träumerische Frühlingssehnsucht voller unbegreiflicher Hoffnungen und Gelüste getreten. Ich lebte zwar nicht mehr so wie zu Beginn des Winters, sondern gab mich mit Ssonja ab und beschäftigte mich mit Musik und mit Lektüre; aber ich ging oft in den Garten und irrte lange, lange allein durch die Alleen oder saß auf einer Bank, und Gott allein weiß, was ich mir da dachte, was ich wünschte und worauf ich hoffte. Manchmal saß ich ganze Nächte, besonders beim Mondschein bis zum Morgen am Fenster meines Zimmers; zuweilen schlich ich mich leise, damit es Katja nicht höre, bloß mit der Nachtjacke bekleidet, in den Garten und lief über das taubedeckte Gras bis zum Teiche; einmal gelangte ich sogar ins freie Feld und umwanderte eines Nachts allein den ganzen Garten.
Jetzt fällt es mir schwer, mich der Träume, die damals meine Phantasie beschäftigten, zu erinnern und sie zu begreifen. Wenn ich jetzt sogar daran zurückdenke, kann ich kaum glauben, daß es wirklich meine Träume gewesen seien: so seltsam und lebensfremd waren sie.
Ende Mai kam Ssergej Michailytsch, so wie er versprochen hatte, von seiner Reise zurück.
Zum erstenmal besuchte er uns am Abend, als wir ihn gar nicht erwarteten. Wir saßen auf der Terrasse und schickten uns an, Tee zu trinken. Der Garten war schon dicht belaubt, und im Gebüsch nisteten während der Petrifasten die Nachtigallen. Die krausen Fliederbüsche sahen so aus, als wären sie oben mit etwas Weißem und Lila überpudert. Das waren die aufbrechenden Knospen. Das Laub der Birkenallee war im Scheine der untergehenden Sonne ganz durchsichtig. Auf der Terrasse lag ein frischer, kühler Schatten. Das Gras erwartete reichlichen Abendtau. Im Hofe hinter dem Garten ließen sich die letzten Laute des Tages, die Geräusche der heimgekehrten Herde vernehmen; der närrische Nikon fuhr mit einem Fasse auf dem Gartenwege vor der Terrasse auf und nieder, und der kalte Wasserstrahl aus seiner Gießkanne schwärzte die aufgewühlte Erde an den Stengeln der Georginen und ihren Stäben. Bei uns auf der Terrasse funkelte und kochte auf dem weißen Tischtuch der blank geputzte Samowar, standen Sahne, Brezeln und Gebäck. Katja spülte als sorgsame Hausfrau mit ihren rundlichen Händen die Tassen. Ich hatte nach dem Bade solchen Hunger, daß ich den Tee nicht erwarten konnte und das Brot mit dicker frischer Sahne aß. Ich hatte eine Leinenbluse mit offenen Ärmeln an, und meine feuchten Haare waren mit einem Tuch umwunden. Katja hatte ihn als erste durch das Fenster erblickt.
»Ah, Ssergej Michailytsch!« rief sie. »Wir haben doch soeben von Ihnen gesprochen.«
Ich stand auf und wollte gehen, um mich umzukleiden, er kam aber gerade in dem Augenblick, als ich schon in der Türe war.
»Macht man denn auf dem Lande so große Umstände?« sagte er lächelnd, mit einem Blick auf meinen mit dem Tuche umwundenen Kopf. »Vor Grigorij genieren Sie sich doch nicht, ich bin aber für Sie doch so gut wie Grigorij.« Aber es kam mir gerade in jenem Augenblick vor, als sähe er mich gar nicht so an, wie mich Grigorij ansehen könnte, und ich wurde verlegen.
»Ich komme gleich wieder,« sagte ich fortgehend.
»Warum sollte das unpassend sein!« rief er mir nach. »So sehen Sie doch ganz wie eine junge Bäuerin aus.«
– Wie seltsam hat er mich eben angesehen, – dachte ich mir, während ich mich oben umzog. – Nun, Gott sei Dank, daß er gekommen ist: jetzt wird es wieder lustiger werden! – Ich warf noch einen Blick in den Spiegel, eilte lustig die Treppe hinunter und kam außer Atem, ohne irgendwie zu verheimlichen, daß ich mich beeilt hatte, auf die Terrasse. Er saß am Tisch und sprach mit Katja über unsere Vermögensverhältnisse. Er sah mich lächelnd an und fuhr in seinem Gespräch fort. Unsere Verhältnisse waren nach seinen Worten im besten Zustande. Wir müßten jetzt nur noch den Sommer auf dem Lande verbringen und könnten dann entweder nach Petersburg, um für Ssonjas Erziehung zu sorgen, oder ins Ausland gehen.
»Ja, wenn Sie doch mit uns ins Ausland mitkommen wollten,« sagte Katja. »Allein würden wir uns dort so einsam wie in einem Walde fühlen.«
»Ach, wie gerne würde ich mit Ihnen eine Reise um die Welt machen!« sagte er halb im Scherz und halb im Ernst.
»Nun,« erwiderte ich, »machen wir doch wirklich eine Reise um die Welt.«
Er lächelte und schüttelte den Kopf.
»Und meine Mutter? Und meine Geschäfte?« versetzte er. »Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie die Zeit verbracht haben. Haben Sie denn wieder Grillen gefangen?«
Als ich ihm berichtete, was ich in seiner Abwesenheit getrieben, und daß ich mich nicht gelangweilt hatte, und als Katja meine Worte bestätigte, lobte er und liebkoste mich mit Worten und Blicken, als ob ich noch ein Kind wäre, und er ein Recht darauf hätte. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm ausführlich und besonders aufrichtig über alles zu berichten, was ich Gutes getan hatte, und ihm wie in der Beichte alles zu gestehen, was seine Unzufriedenheit erregen konnte. Der Abend war so schön, daß wir auch nach dem Tee auf der Terrasse blieben, und das Gespräch fesselte mich so, daß ich gar nicht merkte, wie ringsum allmählich alle menschlichen Laute verstummten. Von allen Seiten duftete es nach Blumen, reichlicher Tau netzte das Gras, eine Nachtigall begann in der Nähe in einem Fliederbusch zu schmettern und verstummte, als sie unsere Stimmen hörte; der gestirnte Himmel senkte sich gleichsam auf uns herab.
Ich merkte den Anbruch der Nacht erst dann, als eine Fledermaus lautlos unter die Leinenmarkise der Terrasse geflogen kam und mein weißes Kopftuch zu umflattern begann. Ich drückte mich an die Wand und wollte schon aufschreien, aber die Fledermaus flog ebenso lautlos und schnell, wie sie gekommen war, unter der Markise hinaus und verschwand im Halbdunkel des Gartens.
»Wie liebe ich Euer Pokrowskoje,« sagte er, das Gespräch unterbrechend. »Ich könnte mein ganzes Leben hier auf dieser Terrasse sitzen.«
»Nun, bleiben Sie doch wirklich hier sitzen,« sagte Katja.
»Ja, sitzen,« erwiderte er, »das Leben sitzt nicht still.«
»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie wären doch ein vorzüglicher Ehemann.«
»Weil ich gerne sitze?« Er lachte auf. »Nein, Katerina Karlowna, wir beide heiraten nicht mehr. Man hat schon längst aufgehört, mich für einen Menschen zu halten, den man verheiraten könnte. Ich selbst denke erst recht nicht daran, und seitdem ich es nicht mehr tue, fühle ich mich wirklich wohl.«
Es kam mir vor, als spräche er das irgendwie unnatürlich und affektiert.
»Großartig! Mit sechsunddreißig Jahren wollen Sie schon das Leben hinter sich haben,« versetzte Katja.
»Und wie!« fuhr er fort. »Ich habe nur noch den einen Wunsch, still zu sitzen. Um zu heiraten, braucht man aber etwas anderes. Fragen Sie mal sie,« fügte er hinzu, mit einer Kopfbewegung auf mich deutend. »Solche müssen heiraten. Wir beide werden uns aber ihrer freuen.«
Im Tone seiner Stimme lagen eine verhaltene Trauer und Erregung, die mir nicht entgingen. Er schwieg eine Weile; Katja und ich versetzten kein Wort.
»Stellen Sie sich nur vor,« fuhr er fort, sich auf seinem Stuhle umdrehend, »das Unglück wollte es, daß ich mich mit einem siebzehnjährigen Mädchen verheiratete, zum Beispiel mit Masch… mit Marja Alexandrowna. Das ist sogar ein schönes Beispiel, und ich freue mich, daß es so gut paßt … es ist das allerbeste Beispiel.«
Ich lachte und konnte unmöglich verstehen, worüber er sich so freute und was da so gut paßte.
»Nun, sagen Sie mir aufrichtig, die Hand aufs Herz,« fuhr er fort, sich scherzend an mich wendend, »wäre es denn für Sie kein Unglück, Ihr Leben an das eines alten, abgelebten Mannes zu binden, der nur noch ruhig sitzen will, während in Ihnen Gott weiß was für Wünsche gären?«
Ich wurde verlegen und schwieg, da ich nicht wußte, was darauf zu antworten.
»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag,« fuhr er lachend fort. »Sagen Sie mir aber aufrichtig, Sie ersehnen sich doch nicht einen solchen Mann, wenn Sie abends allein durch die Alleen wandeln? Das wäre doch ein Unglück?«
»Kein Unglück …« begann ich.
»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz zu Ende.
»Aber ich kann auch irren …«
Er unterbrach mich wieder.
»Nun sehen Sie es selbst. Sie hat vollkommen recht, ich bin ihr für die Aufrichtigkeit dankbar und freue mich, daß die Rede darauf gekommen ist! Und noch mehr als das, es wäre auch für mich das größte Unglück,« fügte er hinzu.
»Sie sind doch wirklich komisch und haben sich nicht im geringsten verändert,« sagte Katja und verließ die Terrasse, um den Tisch zum Abendessen decken zu lassen.
Als Katja gegangen war, verstummten wir beide, und auch alles um uns herum war stumm. Nur die Nachtigall schmetterte, so daß es durch den ganzen Garten schallte, doch nicht mehr so abgerissen und zaghaft wie vorhin, sondern auf ihre nächtliche Weise, ruhig und ohne Übereilung; eine zweite Nachtigall, die sich heute abend zum erstenmal vernehmen ließ, antwortete ihr aus der Schlucht. Die erste Nachtigall verstummte für eine Weile, als lauschte sie der anderen, und ließ dann noch lauter und mächtiger ihre hellen Triller erschallen. Majestätisch und ruhig klangen diese Stimmen durch ihre, uns fremde nächtliche Welt. Der Gärtner ging vorüber, um sich im Gewächshaus schlafen zu legen; seine Schritte in den schweren Stiefeln entfernten sich auf dem Gartenwege und verhallten. Am Fuße des Berges ließ jemand zweimal einen durchdringenden Pfiff erschallen, und alles wurde wieder still. Kaum hörbar regte sich das Laub, schwankte die Zeltleinwand der Markise; etwas Duftendes zog durch die Luft und verbreitete sich über die Terrasse. Es war mir peinlich, nach allem, was schon gesagt worden war, zu schweigen, aber ich wußte auch nicht, was zu sagen. Ich sah ihn an. Er richtete seine im Halbdunkel glänzenden Augen auf mich.
»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sagte er.
Ich seufzte auf, ich wußte selbst nicht warum.
»Was?«
»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sprach ich seine Worte nach.
Und wir schwiegen wieder, und ich fühlte mich wieder verlegen. Mir kam immer wieder der Gedanke, daß ich ihm wehgetan hätte, als ich zugegeben, daß er alt sei; ich wollte ihn trösten, wußte aber nicht, wie.
»Nun, leben Sie wohl,« sagte er, sich erhebend. »Meine Mutter erwartet mich zum Abendessen. Ich habe sie heute fast gar nicht gesehen.«
»Und ich wollte Ihnen gerade eine neue Sonate vorspielen,« sagte ich.
»Ein anderes Mal,« entgegnete er, wie mir schien, etwas kühl.
»Leben Sie wohl.«
Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh getan hätte, und er tat mir leid. Katja und ich begleiteten ihn hinaus und blieben noch auf dem Hofe, bis er unseren Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines Pferdes verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die Terrasse und begann wieder in den Garten hinauszuschauen; im taufeuchten Nebel, in dem alle nächtlichen Töne lebten, sah und hörte ich noch lange alles, was ich sehen und hören wollte.
Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit, die von unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte, war ganz verschwunden und kehrte nicht wieder. Im Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns zwei- und dreimal wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn, daß es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde, allein zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat, wenn er mich so allein ließ. Er behandelte mich wie einen jungen lieben Freund, fragte mich über alles, forderte meine herzlichste Aufrichtigkeit heraus, gab mir Ratschläge, lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe und wies mich manchmal zurecht. – Aber trotz seiner Bemühungen, immer auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß hinter dem, was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir fremde Welt blieb, in die mich einzuführen er nicht für notwendig hielt, und das unterstützte meine Achtung vor ihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja und von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte Mutter, mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft und den mit der Vormundschaft verbundenen Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im Adelsausschuß hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und Hoffnungen er hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren. Wenn ich nur die Rede auf seine Geschäfte brachte, verzog er eigentümlich das Gesicht, als wollte er sagen: »Hören Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,« und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs kränkte mich das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr daran, nur noch von Dingen zu sprechen, die mich allein angingen, daß ich es vollkommen natürlich fand.
Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit sogar angenehm wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit und beinahe Verachtung gegen mein Äußeres. Er deutete niemals, weder mit einem Blicke, noch mit einem Worte an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch nannte. Er liebte es sogar, äußere Mängel an mir zu finden und mich mit ihnen zu necken. Die modernen Kleider und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen herauszuputzen liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen, die die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig machten. Katja, für die es feststand, daß ich ihm gefalle, konnte unmöglich begreifen, wie es ein Mann nicht gerne sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau in einem möglichst günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald dahinter, was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine Spur von Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und in den Bewegungen; an ihre Stelle trat die allzu naive Koketterie der Einfachheit, während ich noch gar nicht so einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich liebte; ob aber wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch nicht; seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts anderes wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe. Und ich täuschte ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn täuschte, wurde ich selbst besser. Ich fühlte, daß es besser und würdiger für mich sei, ihm die schönsten Seiten meiner Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine Haare, Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien, gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob gut oder schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut, daß ich meinem Äußern nichts mehr hinzufügen konnte, außer der Sucht, ihn zu täuschen. Meine Seele kannte er aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich gerade in dieser Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich ihn täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in seiner Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die grundlosen Hemmungen, alle Befangenheit war vollständig verschwunden. Ich fühlte, daß er mich, ganz gleich, ob er mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder stehend, mit hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei, so wie ich war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine Gewohnheit plötzlich wie einer der anderen gesagt hätte, daß ich ein schönes Gesicht habe, ich darüber gar nicht froh gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir dagegen ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich gerade gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter Stimme, der er einen scherzhaften Ton zu geben versuchte, sagte:
»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes Mädchen, und ich muß es Ihnen sagen.«
Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein Herz mit Stolz und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte, daß ich die Liebe des alten Grigorij zu seiner Enkelin teile, oder weil mich ein Gedicht oder ein Roman, den ich gelesen, zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem Schulhof vorzog. Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was man lieben müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, was gut ist und was man lieben muß. Die Mehrzahl meiner früheren Gewohnheiten und Neigungen gefiel ihm nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung seiner Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das, was ich eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche, mitleidige, fast verächtliche Miene zu machen, damit es mir gleich vorkäme, daß ich das, was mir erst eben gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte er erst die Absicht, mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte schon zu wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein Blick entlockte mir sofort jeden Gedanken, den er nur wollte. Alle meine damaligen Gedanken, alle meine damaligen Gefühle waren gar nicht mein; es waren nur seine Gedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing ich an, alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst und auch meine Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen. Die Bücher, die ich früher zu lesen pflegte, nur um die Langeweile zu vertreiben, waren für mich plötzlich zu einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie zusammen lasen und er mir welche brachte. Die Beschäftigung mit Ssonja, die Stunden, die ich ihr erteilte, waren für mich früher eine schwere Last gewesen, die ich nur aus Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die Fortschritte Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher unmöglich, ein ganzes Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo ich wußte, daß er mir zuhören und mich vielleicht auch loben würde, spielte ich oft vierzigmal hintereinander die gleiche Stelle, so daß die arme Katja sich Watte in die Ohren stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte. Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und gerieten mir auch anders und viel besser. Selbst Katja, die ich so gut wie mich selbst kannte und liebte, war in meinen Augen wie verändert. Jetzt erst begriff ich, daß sie gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter, eine Freundin und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu sein. Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung dieses liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete, und liebte sie noch mehr als früher. Er lehrte mich auch alle unsere Leute – die Bauern, das leibeigene Hausgesinde und die Dienstmädchen – mit ganz anderen Augen ansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen, unter denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte, waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte; es war mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß diese Menschen ebenso liebten, wünschten und litten wie ich. Unser Garten, unsere Wälder, unsere Felder, die ich so lange schon kannte, waren für mich plötzlich neu und schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben nur ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern zu leben. Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es nicht; aber diese Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir viel überlegte, ins Herz. Er eröffnete mir eine ganze Welt von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas in meinem Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit an stumm umgab, war plötzlich lebendig geworden. Er brauchte nur zu mir zu kommen, und alles fing sofort zu sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit Glück erfüllend.
Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf, legte mich aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit ihren Wünschen und Hoffnungen auf die Zukunft, umfing mich die Unruhe eines gegenwärtigen Glücks. Ich konnte nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu Katja aufs Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie konnte es mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie sich nichts mehr wünsche, daß auch sie glücklich sei, und sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es erschien mir so notwendig und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja wollte schlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch, was mich so glücklich machte. Manchmal stand ich auf und betete, betete mit eigenen Worten, um Gott für all das Glück zu danken, das Er mir gab.
Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im Schlafe, neben ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin und her und flüsterte irgendwelche Worte oder bekreuzigte mich und küßte das Kreuz, das ich am Halse trug. Die Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und irgendeine Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen Stelle. Und mir war es, als wollte ich dieses Zimmer niemals verlassen, als wollte ich nicht, daß der Morgen komme, daß die mich umgebende seelische Atmosphäre sich verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete und Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln neben mir wohnten, mein Bett umschwebten und über mir stünden. Und jeder Gedanke war sein Gedanke, und jedes Gefühl – sein Gefühl. Ich wußte damals noch nicht, daß es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein könne, daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben werde.
III
Während der Getreideernte gingen wir, Katja, Ssonja und ich eines Nachmittags in den Garten zu unserer Lieblingsbank im Schatten der Linden über der Schlucht mit der Aussicht auf die Wälder und Felder. Ssergej Michailytsch hatte uns schon seit drei Tagen nicht besucht, und wir erwarteten ihn an diesem Tage, um so mehr als unser Verwalter gesagt hatte, er hätte versprochen, aufs Feld herauszukommen. Gegen zwei Uhr sahen wir ihn, wie er aufs Kornfeld geritten kam. Katja ließ Pfirsiche und Kirschen bringen, die er gerne aß, blickte mich lächelnd an, legte sich auf die Bank und schlummerte ein. Ich brach mir einen krummen und flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern und saftigem Bast, der mir die Hand befeuchtete, fächelte damit Katja und fuhr in meiner Lektüre fort, blickte aber immer vom Buche auf und spähte nach dem Feldweg hin, auf dem er kommen mußte. Ssonja baute an den Wurzeln der alten Linde eine Laube für ihre Puppen. Der Tag war heiß und windstill, es war schwül, die Wolken ballten sich zusammen und wurden immer schwärzer, ein Gewitter war schon seit dem frühen Morgen im Anzug. Ich war erregt wie immer vor einem Gewitter. Aber nach der Mittagsstunde hatten die Wolken angefangen, sich zu zerstreuen, und die Sonne war in einen wolkenlosen Teil des Himmels getreten; nur an einem Ende des Himmels grollte es noch, und die schwere Wolke, die tief über dem Horizonte stand und mit dem Staube der Felder zusammenfloß, wurde ab und zu bis zur Erde vom bleichen Zickzack des Blitzes zerrissen. Es war klar, daß das Gewitter an diesem Tage nicht zur Entladung kommen würde, wenigstens bei uns nicht. Auf dem hier und da hinter dem Garten sichtbaren Wege zogen sich ununterbrochen Fuhrwerke hin: bald die langsamen, knarrenden, hoch mit Garben beladenen Wagen, bald die ihnen schnell entgegenfahrenden leeren; die Beine der auf ihnen stehenden Bauern zitterten, und ihre Hemden flatterten. Die dichten Staubwolken stiegen weder in die Höhe, noch sanken sie auf die Erde nieder, sondern blieben hinter der Hecke zwischen dem durchsichtigen Laube der Bäume des Gartens hängen. Etwas weiter, auf der Tenne, ließen sich die gleichen Stimmen und das gleiche Knarren der Räder vernehmen, und dieselben gelben Garben, die langsam längs des Zaunes vorübergefahren waren, flogen dort durch die Luft und häuften sich vor meinen Augen zu ovalen oben spitz zulaufenden Zelten, auf denen die Bauern sich wie die Ameisen regten. Vorne, auf dem staubigen Felde bewegten sich ebenfalls Wagen, waren ebenfalls gelbe Garben zu sehen, und das gleiche Knarren der Wagen, Schreien und Singen hallten von fern. An einem Ende wurde das Feld immer nackter und nackter, und die Streifen der mit Beifuß bewachsenen Raine traten darauf hervor. Unten rechts hoben sich vom abgemähten Felde, auf dem das Korn noch unordentlich herumlag, die bunten Kleider der Frauen ab, die die Garben banden, sich bückten und mit den Armen fuchtelten, und das unordentliche Feld säuberte sich allmählich, und die Garben erschienen in hübschen, engen Reihen. Es war, als verwandelte sich vor meinen Augen der Sommer in den Herbst. Überall herrschten Staub und Glut; nur unser Lieblingsplätzchen im Garten blieb davon verschont. An allen Seiten redete, lärmte und bewegte sich in diesem Staube, unter dieser sengenden Sonne das Arbeitervolk.
Katja schlief aber so süß mit dem Batisttaschentuch auf dem Gesicht auf unserer kühlen Bank, die schwarzen Kirschen glänzten so saftig auf dem Teller, unsere Kleider waren so frisch und rein, das Wasser im Kruge spielte und schillerte so hell in der Sonne, und es war mir so wohl ums Herz. – Was soll ich machen? – dachte ich. – Ist es meine Schuld, daß ich glücklich bin? Aber wie kann ich dieses Glück den anderen mitteilen? Wie und wem soll ich mich und mein ganzes Glück hingeben? –
Die Sonne sank hinter die Wipfel der Birkenallee; der Staub auf den Feldern legte sich; die Ferne wurde beim schräg fallenden Lichte immer deutlicher und klarer; die Wolken hatten sich vollständig verzogen; auf der Tenne ragten drei neue Getreideschober über die Bäume hinauf, und die Bauern waren von ihnen herabgestiegen; die Wagen fuhren, wohl zum letztenmal, unter lautem Geschrei der Arbeiter vorbei; die Weiber gingen mit den Rechen auf den Schultern und den Garbenbändern im Gürtel laut singend nach Hause, aber Ssergej Michailytsch wollte noch immer nicht kommen, obwohl ich schon längst gesehen hatte, wie er von der Anhöhe hinuntergeritten war. Plötzlich tauchte in der Allee, an der Seite, wo ich ihn gar nicht erwartete, seine Gestalt auf (er war um die Schlucht herumgegangen). Mit freudigem, strahlendem Gesicht, den Hut in der Hand, näherte er sich mir mit schnellen Schritten. Als er sah, daß Katja schlief, biß er sich in die Lippen, kniff die Augen zusammen und kam auf den Fußspitzen näher; ich merkte sofort, daß er sich in der eigentümlichen Stimmung einer grundlosen Freude befand, die ich an ihm so furchtbar liebte und die wir »wildes Entzücken« nannten. Er war wie ein Schuljunge, der aus der Schule entlaufen ist; sein ganzes Wesen, vom Gesicht bis zu den Füßen atmete Zufriedenheit, Glück und kindliche Ausgelassenheit.
»Nun, guten Tag, junges Veilchen, wie geht es Ihnen? Gut?« flüsterte er, auf mich zugehend und mir die Hand drückend. »Mir geht es ausgezeichnet,« antwortete er auf meine Frage nach seinem Befinden, »ich bin heute dreizehn Jahre alt und habe Lust, Pferdchen zu spielen und auf die Bäume zu klettern.«
»In wildem Entzücken?« fragte ich, ihm in die lachenden Augen blickend und fühlend, daß dieses »wilde Entzücken« sich auch mir mitgeteilt hatte.
»Ja,« antwortete er, mir mit einem Auge zublinzelnd und ein Lächeln unterdrückend. »Warum schlagen Sie aber Katerina Karlowna auf die Nase?«
Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich, ihn immerfort ansehend, mit dem Zweige das Taschentuch von Katja heruntergeworfen hatte und ihr mit den Blättern über das Gesicht fuhr. Ich mußte lachen.
»Sie wird aber behaupten, sie hätte gar nicht geschlafen,« sagte ich im Flüstertone, als fürchtete ich Katja zu wecken; aber ich tat es gar nicht aus diesem Grunde: es war mir einfach angenehm, mit ihm so zu sprechen.
Er bewegte, mir nachäffend, die Lippen, als hätte ich so leise gesprochen, daß er nichts hören konnte. Als er den Teller mit den Kirschen sah, ergriff er ihn mit einer Miene, als täte er es heimlich, ging zu Ssonja unter die Linde und setzte sich auf ihre Puppen. Ssonja wurde anfangs böse, aber er besänftigte sie bald damit, daß er ein Spiel ersann, bei dem sie beide die Kirschen um die Wette essen mußten.
»Soll ich noch mehr holen lassen?« fragte ich. »Oder wollen Sie selbst welche holen?«
Er nahm den Teller, setzte die Puppen darauf, und wir begaben uns zu dritt zum Gewächshause. Ssonja lief uns lachend nach und zupfte ihn am Mantel, damit er ihr ihre Puppen zurückgebe. Er gab sie ihr wieder und wandte sich mit ernster Miene zu mir.
»Und Sie wollen kein Veilchen sein?« sagte er mir, immer noch leise, obwohl niemand in der Nähe war, den er hätte wecken können. »Als ich nach all dem Staub, der Hitze und Arbeit auf Sie zuging, da duftete es gleich nach Veilchen. Und zwar nicht nach den starkriechenden Gartenveilchen, sondern nach den anderen, ersten, dunklen, die nach tauendem Schnee und Frühlingsgrase riechen.«
»Ist in der Wirtschaft alles in Ordnung?« fragte ich ihn, um die freudige Verwirrung zu verbergen, die seine Worte in mir weckten.
»Ausgezeichnet! Diese Leute sind überall ausgezeichnet. Je mehr man sie kennt, um so mehr liebt man sie.«
»Ja,« sagte ich, »ehe Sie kamen, sah ich heute vom Garten aus den Arbeitern zu, und ich mußte mich plötzlich schämen, daß sie sich abmühen, während es mir so wohl ist, daß …«
»Kokettieren Sie nicht damit, liebes Kind,« unterbrach er mich, indem er mir plötzlich ernst, doch liebevoll in die Augen blickte. »Das ist eine heilige Sache. Behüte Sie Gott davor, damit zu kokettieren.«
»Aber ich sage es doch nur Ihnen.«
»Nun ja, ich weiß es. Wo sind aber die Kirschen?«
Das Gewächshaus war zugesperrt, und von den Gärtnern sah man niemand (er hatte sie alle aufs Feld hinausgeschickt). Ssonja lief fort, den Schlüssel zu holen; er wartete aber ihre Rückkehr nicht ab, stieg auf den Eckpfosten, hob das Drahtnetz ab und sprang hinüber.
»Wollen Sie Kirschen?« hörte ich seine Stimme von drüben. »Geben Sie mir den Teller.«
»Nein, ich will auch selbst pflücken, ich will den Schlüssel holen,« sagte ich. »Ssonja wird ihn nicht finden …«
Zugleich empfand ich den Wunsch, zu sehen, was er dort wohl tue und wie er sich bewege, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Eigentlich wollte ich ihn einfach für keinen Augenblick aus den Augen lassen. Ich lief auf den Zehen durch die Brennesseln an die andere Seite des Gewächshauses, wo die Umzäunung niedriger war, stieg auf ein leeres Faß, so daß die Mauer mir bis an die Brust reichte, und lehnte mich hinüber. Ich warf einen Blick in das Innere des Gewächshauses mit den alten, krummen Bäumen und den breiten, zackigen Blättern, unter denen die schwarzen, saftigen Kirschen schwer und senkrecht niederhingen; ich steckte den Kopf unter das Netz und erblickte unter dem Aste eines alten Kirschbaumes Ssergej Michailytsch. Er glaubte wohl, ich sei fortgegangen und niemand beobachte ihn. Er saß ohne Hut, die Augen geschlossen, auf dem morschen Stamme eines alten Kirschbaumes und rollte mit den Fingern ein Stück Kirschharz zu einem Kügelchen zusammen. Plötzlich zuckte er die Achseln, schlug die Augen auf, sagte etwas und lächelte. Dieses Wort und dieses Lächeln nahmen sich bei ihm so ungewohnt aus, daß ich mich schämte, ihn belauscht zu haben. Es schien mir, als wäre dieses Wort – »Mascha!« gewesen. – Es kann nicht sein, – dachte ich mir. »Liebe Mascha!« wiederholte er noch leiser und noch zärtlicher. Diese beiden Worte hörte ich aber schon ganz deutlich. Mein Herz schlug so heftig, eine so aufregende, gleichsam verbotene Freude hatte mich plötzlich ergriffen, daß ich mich an die Mauer klammerte, um nicht umzufallen und mich nicht zu verraten. Er hörte meine Bewegung, sah sich erschrocken um, schlug plötzlich die Augen nieder und errötete wie ein Kind. Er wollte mir etwas sagen, konnte es aber nicht, und immer neue Blutwellen röteten sein Gesicht. Aber er lächelte, als er mich ansah. Auch ich lächelte. Sein ganzes Gesicht erstrahlte vor Freude. Er war nicht mehr der alte Onkel, der mich liebkoste und belehrte, er war ein Mann, der mir gleichstand, der mich liebte und fürchtete und den auch ich fürchtete und liebte. Wir sagten nichts und sahen bloß einander an. Plötzlich runzelte er aber die Stirn, das Lächeln und der Glanz seiner Augen waren verschwunden, und er wandte sich wieder kühl und väterlich an mich, als hätten wir etwas Schlimmes getan, als wäre er zur Besinnung gekommen und rate auch mir, zur Besinnung zu kommen.
»Steigen Sie herab, Sie können sich weh tun,« sagte er mir. »Bringen Sie Ihr Haar in Ordnung, wie sehen Sie aus!«
– Warum verstellt er sich so? Warum will er mir weh tun! – fragte ich mich ärgerlich. Im gleichen Augenblick kam mir das unwiderstehliche Verlangen, ihn noch einmal in Verlegenheit zu bringen und meine Gewalt über ihn zu erproben.
»Nein, ich will selbst pflücken!« sagte ich. Ich ergriff mit den Händen den nächsten Ast und sprang mit den Füßen auf die Mauer. Er hatte nicht Zeit, mich zu stützen, denn ich sprang mit einem Satz in das Gewächshaus hinunter.
»Was machen Sie für Dummheiten!« sagte er, wieder errötend und seine Verwirrung hinter der ärgerlichen Miene verbergend. »Sie haben sich doch weh tun können. Wie wollen Sie von hier heraus?«
Er war in noch größerer Verwirrung als früher, aber dies freute mich nicht mehr, sondern machte mir Angst. Diese Angst konnte ich nicht verbergen, ich errötete, wich seinen Blicken aus und fing an, da ich nicht wußte, was zu sagen, die Kirschen zu pflücken, die ich aber nirgends hintun konnte. Ich machte mir Vorwürfe, ich bereute alles, ich fürchtete, und es war mir, als hätte ich mich durch diesen Streich für immer in seinen Augen blamiert. Ssonja, die mit dem Schlüssel gelaufen kam, befreite uns aus dieser peinlichen Situation. Lange Zeit sprachen wir nicht mehr miteinander und wandten uns nur an Ssonja. Als wir zu Katja zurückkehrten, welche beteuerte, sie habe gar nicht geschlafen und alles gehört, wurde ich wieder ruhig, während er versuchte, wieder den herablassenden väterlichen Ton anzuschlagen; aber dieser Ton wollte ihm nicht mehr gelingen, und er vermochte mich mit ihm nicht mehr zu täuschen. Ich erinnerte mich lebhaft des Gesprächs, das wir vor einigen Tagen geführt hatten.
Katja hatte gesagt, daß der Mann es leichter habe, zu lieben und seine Liebe zu äußern als die Frau.
»Der Mann kann sagen, daß er liebt, die Frau kann es aber nicht,« hatte sie gesagt.
»Mir scheint aber, auch der Mann kann und darf gar nicht sagen, daß er liebt,« hatte er eingewandt.
»Warum?« hatte ich gefragt.
»Weil es immer eine Lüge sein wird. Was ist das für eine neue Offenbarung, daß der Mensch liebt? Als ob in dem Augenblick, wo er das sagt, etwas einschnappte: fertig, er liebt! Als müßte in dem Augenblick, wo er dieses Wort ausspricht, irgend etwas Außergewöhnliches geschehen, irgendein Zeichen am Himmel erscheinen, als müßte ein Salut aus allen Kanonen erschallen. Mir scheint,« hatte er weiter gesagt, »daß die Menschen, welche feierlich die Worte: ›Ich liebe Sie‹ sprechen, entweder sich selbst oder, was noch schlimmer ist, die andern betrügen.«
»Wie soll dann die Frau erfahren, daß man sie liebt, wenn man es ihr nicht sagt?« hatte Katja gefragt.
»Das weiß ich nicht,« hatte er geantwortet. »Jeder Mensch hat seine eigene Ausdrucksweise. Wo aber ein Gefühl ist, da kommt es auch von selbst zum Ausdruck. Wenn ich einen Roman lese, so muß ich immer denken, was für ein verdutztes Gesicht die Leutnants Strelskij oder Alfred machen, wenn sie die Worte sprechen: ›Ich liebe dich, Eleonore!‹ und erwarten, daß plötzlich etwas Außergewöhnliches geschieht; es geschieht aber weder an ihr noch an ihm etwas, die Augen, die Nase usw. bleiben dieselben.«
Aus diesen scherzhaften Worten hatte ich schon damals etwas Ernstes herausgehört, was sich auf mich bezog; aber Katja wollte nicht dulden, daß er die Helden ihrer Romane so leichtfertig behandele.
»Ewig diese Paradoxen!« hatte sie gesagt. »Sagen Sie aufrichtig: haben Sie denn nie einer Frau gestanden, daß Sie sie lieben?«
»Das habe ich niemals gesagt und habe auch nie ein Knie vor einer Frau gebeugt,« hatte er lachend geantwortet, »und ich werde es auch niemals tun.«
– Er braucht mir wirklich nicht zu sagen, daß er mich liebt, – dachte ich nun, mich lebhaft an dieses Gespräch erinnernd. – Er liebt mich, ich weiß es. Und wenn er sich noch solche Mühe gibt, gleichgültig zu erscheinen, wird er mir diese Gewißheit doch nicht nehmen. –
An diesem ganzen Abend sprach er sehr wenig mit mir, aber ich las in jedem seiner Worte, die er an Katja oder Ssonja richtete, in jeder seiner Bewegungen, in jedem seiner Blicke seine Liebe, und ich zweifelte nicht mehr an ihr. Es verdroß und dauerte mich nur, daß er es für nötig hielt, sein Gefühl zu verheimlichen und sich kalt zu stellen, wo alles schon so klar war und wo man auf eine so leichte und einfache Weise so unglaublich glücklich werden konnte. Aber mich bedrückte es immer wie ein Verbrechen, daß ich zu ihm in das Gewächshaus hineingesprungen war. Mir schien immer, als würde er nun aufhören, mich zu achten und als sei er mir böse.
Nach dem Tee trat ich ans Klavier, und er folgte mir.
»Spielen Sie mir doch etwas, ich habe Sie schon lange nicht spielen hören,« sagte er, als er mich im Wohnzimmer einholte.
»Ich wollte auch selbst … Ssergej Michailytsch!« sagte ich, ihm plötzlich gerade in die Augen blickend. »Sie sind mir doch nicht böse?«
»Weshalb denn?« fragte er.
»Weil ich heute nachmittag auf Sie nicht gehört habe,« antwortete ich errötend.
Er verstand, was ich meinte, schüttelte den Kopf und lächelte. Sein Blick sagte mir, daß er mich schelten müßte, aber keine Kraft dazu hätte.
»Es ist nichts passiert, wir sind wieder gute Freunde,« sagte ich, indem ich mich ans Klavier setzte.
»Und ob!« antwortete er.
Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen auf dem Klavier, der übrige Raum war halbfinster. Durch die offenen Fenster blickte die helle Sommernacht herein. Alles war still, wir hörten nur hin und wieder, wie Katja im dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein unter einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit den Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter mir, so daß ich ihn nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall – im Halbdunkel dieses Zimmers, in den Tönen, in mir selbst – seine Gegenwart. Ich spürte in meinem Herzen jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich nicht sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart, die er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für ihn einstudiert hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich spielte, aber ich glaube, daß ich gut spielte, und es schien mir, daß es ihm gefiel. Ich hatte den gleichen Genuß, den er empfand und fühlte auch, ohne ihn anzusehen, seinen Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich ganz unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos über die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden Hintergrunde des nächtlichen Himmels ab. Er saß, den Kopf in die Hände gestützt, und sah mich unverwandt mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den Blick bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und wies vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit ich weiter spiele. Als ich fertig war, leuchtete der Mond, der nun hoch am Himmel stand, ins Zimmer herein, und außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das durch die Fenster eindrang und sich auf den Boden legte. Katja sagte, es sei ganz unerhört, daß ich gerade an der schönsten Stelle aufgehört, und daß ich schlecht gespielt hätte; er aber meinte, ich hätte noch nie so gut gespielt wie heute; und er fing an, auf und ab zu gehen, – durch den Saal ins dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal, und sooft er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch ich lächelte und hatte sogar Lust, ohne jeden Grund zu lachen: so froh war ich über etwas, was sich heute, soeben ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand, umarmte ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf meine Lieblingsstelle – den vollen Hals unter dem Kinn; sobald er aber wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und hielt mit Mühe das Lachen zurück.
»Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn Katja.
Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an: er wußte, was mit mir los war.
»Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem Wohnzimmer, vor der offenen, auf den Garten hinausgehenden Balkontüre stehen bleibend.
Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie ich sie später nie wieder gesehen habe. Der Vollmond stand hinter uns über dem Hause, so daß wir ihn nicht sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem sandbestreuten Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze. Alles übrige war hell und von Tau und Mondlicht versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte Weg, auf den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt, durch den Nebel in die Ferne hin, und der Schotter, mit dem er bestreut war, glänzte. Hinter den Bäumen leuchtete das Dach des Gewächshauses hervor, und aus der Schlucht stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten Fliedersträuche waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom Tau befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu unterscheiden. In den Alleen hatten sich Licht und Schatten so innig miteinander vermischt, daß die Alleen nicht mehr als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als durchsichtige, schwankende und zitternde Gebäude erschienen. Rechts, im Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt und unheimlich. Dafür ragte aus diesem Dunkel noch heller der phantastische Wipfel der Pappel hervor, die so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen Himmel emporzufliegen.
»Wollen wir etwas gehen,« sagte ich.
Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine Galoschen anziehen müßte.
»Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej Michailytsch wird mir ja den Arm geben.«
Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen! Aber damals kam es uns allen dreien ganz natürlich und gar nicht sonderbar vor. Er hatte mir noch niemals den Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und er fand auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die Terrasse hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser Garten, diese Luft waren nicht mehr dieselben, die ich kannte.
Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war es mir, als sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe die Welt des Möglichen dort ihr Ende, als müsse dies alles für immer in seiner Schönheit erstarren. Aber wir gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit öffnete sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien unser alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem Laub zu liegen. Es war, als ob wir über die Wege gingen, mit den Füßen auf die Licht- und Schattenseite träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war, als ob er es wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir gehend, behutsam meinen Arm hielt; als ob es wirklich Katja wäre, unter deren Schritten neben uns der Sand knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel, der auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien …
Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand wieder vor uns und hinter uns, und ich hörte zu glauben auf, daß es möglich sei, noch weiter zu gehen, und ich glaubte nicht mehr an das, was war.
»Ach! Ein Frosch!« rief Katja.
– Wer sagt das und warum sagt er das? – dachte ich mir. Aber später begriff ich, daß es Katja sei, daß sie sich vor den Fröschen fürchtete, und ich blickte vor meine Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb dann unbeweglich vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete sich auf dem hellen, lehmigen Wege ab.
»Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er.
Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der Allee eine Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Es war so schön und so glücklich …
Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich hörte ihn sagen: – Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! – Ich liebe, ich liebe dich! – sagten sein Blick und sein Arm; auch Licht und Schatten und die Luft sagten dasselbe.
Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben uns mit ihren kleinen Schritten und atmete schwer vor Müdigkeit. Sie sagte, daß es Zeit sei, umzukehren, und die Ärmste tat mir so furchtbar leid. – Warum fühlt sie nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. – Warum sind nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie wir beide?
Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange bei uns, obwohl die Hähne schon gekräht hatten, obwohl alle im Hause schliefen und sein Pferd vor dem Fenster immer ungeduldiger schnaubte und mit den Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten Dingen sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten Morgenstunde auf. Die Hähne krähten schon zum drittenmal, und der Morgen dämmerte, als er uns verließ. Er verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte nichts Außergewöhnliches; aber ich wußte, daß er von diesem Tage an mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald ich mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich alles Katja. Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich es ihr erzählte, aber die Ärmste konnte diese ganze Nacht nicht einschlafen. Ich ging noch lange auf der Terrasse auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte durch die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und suchte mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen zu entsinnen. Ich schlief diese ganze Nacht nicht und sah zum erstenmal in meinem Leben den Sonnenaufgang und den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen solchen Morgen habe ich später nie wieder erlebt. – Aber warum sagt er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? – dachte ich. – Warum erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum nennt er sich einen alten Mann, während alles doch so einfach und so herrlich ist? Warum verliert er die goldene Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur einmal mit Worten sagen, mag er meine Hand in die seine nehmen, seinen Kopf über sie beugen und sagen: »ich liebe dich«. Mag er erröten und die Augen vor mir niederschlagen, und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen, mich an ihn schmiegen und zu weinen anfangen. – Aber wenn ich mich täusche, wenn er mich gar nicht liebt? – ging es mir plötzlich durch den Kopf.
Ich erschrak vor meinem Gefühl, – Gott weiß, wohin es mich hätte führen können; ich erinnerte mich seiner und meiner Verwirrung im Gewächshaus, als ich plötzlich zu ihm hinuntersprang, und es wurde mir so schwer, so schwer ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen, und ich begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke, der mich beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich. Ich entschloß mich, gleich vom nächsten Morgen an zu fasten, an meinem Geburtstage zu beichten und zu kommunizieren und am gleichen Tage seine Braut zu werden.
Wie und warum es so kommen mußte, wußte ich gar nicht, aber von diesem Augenblicke an glaubte ich fest, daß es so kommen würde. Es war schon ganz hell geworden, und die Leute standen auf, als ich in mein Zimmer zurückkehrte.
IV
Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und niemand im Hause wunderte sich darum über meinen Entschluß, mich zur Beichte vorzubereiten.
Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen, und mir fiel es nicht nur nicht ein, mich darüber zu wundern, mich zu beunruhigen und ihm deswegen zu zürnen, sondern ich war sogar froh, daß er nicht kam und erwartete ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser ganzen Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man den Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten auf und ab, nahm alle meine Sünden des vorhergehenden Tages durch und überlegte mir, was ich heute machen sollte, um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein einziges Mal zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich ein wenig zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich stieg mit Katja oder einem der Dienstmädchen in die Liniendroschke, und wir begaben uns nach der drei Werst entfernten Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich mich jedesmal, daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden« betet, und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden grasbewachsenen Stufen des Kirchenportals zu treten. In der Kirche waren um diese Stunde nie mehr als an die zehn Bauern und Bäuerinnen, die sich ebenfalls zur Beichte vorbereiteten; ich erwiderte mit besonderer Demut ihre Verbeugungen, ging selbst, was mir als ein gottgefälliges Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten, einem alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte sie dann selbst vor die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte« sah ich die von meiner Mama gestickte Altardecke: über der Heiligenwand waren zwei Engel mit Sternen angebracht, die mir, als ich noch klein war, so groß erschienen, und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das zerbeulte Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder unserer Leibeigenen als Taufpatin gehalten hatte und in dem ich einst selbst getauft worden war. Der alte Priester trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem Bahrtuch meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war, und sprach die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er immer, soweit ich mich erinnern konnte, in unserem Hause die Gottesdienste abgehalten, Ssonja getauft, die Seelenmesse für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme des Küsters klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die ich in dieser Kirche von jeher und bei jedem Gottesdienste gesehen hatte, stand gebückt an der Wand, blickte mit weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor, drückte die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an ihr verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem Munde. Dies alles weckte jetzt in mir nicht mehr Neugierde, auch nicht bloß liebe Erinnerungen, sondern war groß und heilig und schien mir von einer tiefen Bedeutung erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets, das der Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mit innerem Gefühl Antwort zu geben, und wenn ich etwas nicht verstand, so bat ich in Gedanken Gott, mich zu erleuchten, oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich nicht folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen wurden, erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit, und diese kindliche und unschuldige Vergangenheit erschien mir im Vergleich mit dem jetzigen lichten Zustande meiner Seele so schwarz, daß ich weinte und mich über mich selbst entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies alles vergeben würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden hätte, die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der Priester am Ende des Gottesdienstes die Worte sprach: »Gottes Segen über Euch«, glaubte ich im gleichen Augenblick von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme ins Herz drängen. Nach dem Gottesdienste kam der Priester zu mir heraus und fragte, ob und wann er zu uns ins Haus kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen; aber ich dankte ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen zur Kirche kommen werde.
»Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen.
Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde des Hochmuts zu verfallen.
Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, die Pferde immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. Unterwegs verbeugte ich mich demütig vor allen, denen ich begegnete und suchte Gelegenheit, jemand mit Tat oder Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald half ich einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald wiegte ich ein Kind und trat bald von der Straße in den Schmutz, um jemand den Weg frei zu machen. Eines Abends hörte ich, wie der Verwalter Katja erzählte, daß der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter zu einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel für die Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben habe. »Sind denn die Leute so arm?« fragte ich. – »Sie sind sehr arm, gnädiges Fräulein, sie haben nicht mal Salz,« antwortete der Verwalter. Mein Herz schnürte sich zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie Freude, als ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr wenig, aber doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und ging allein über die Terrasse und den Garten ins Dorf zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am Rande des Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand kam aus dem Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck zitternd und am ganzen Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin heim. Katja fragte mich, wo ich gewesen und was mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was sie zu mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir auf einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und ging lange auf und ab, außerstande, etwas zu tun, an etwas zu denken, außerstande, mir Rechenschaft über meine Empfindungen zu geben. Ich dachte an die Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an die Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der das Geld hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich ihnen das Geld nicht in die Hand gegeben hatte. Ich dachte auch daran, was wohl Ssergej Michailytsch sagen würde, wenn er von dieser Tat erführe und freute mich darüber, daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so schlecht, und ich betrachtete mich und die anderen so mild, daß der Gedanke an den Tod mir wie ein Traum von Glück erschien. Ich lächelte und betete und weinte und liebte in diesem Augenblick alle Menschen und auch mich selbst so heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses Buch, immer rührender und einfacher erschien mir die Geschichte dieses göttlichen Lebens und immer unheimlicher und unergründlicher die Tiefe des Gefühls und der Gedanken, die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach erschien mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so schwer, nicht gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und von allen geliebt zu werden. Alle waren so gut und sanft zu mir; sogar Ssonja, der ich noch immer Unterricht erteilte, war eine ganz andere geworden und gab sich Mühe, mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch zu mir. Ich überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die ich vor der Beichte um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte mich nur eines jungen Mädchens aus der Nachbarschaft, über das ich mich einmal vor Gästen lustig gemacht hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie um Vergebung bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, in dem sie mich selbst um Verzeihung bat und auch mir verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich diese einfachen Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und rührendes Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, als ich sie um Vergebung bat. – Warum sind sie alle so gut zu mir? Womit habe ich solche Liebe verdient? – fragte ich mich. Ich erinnerte mich auch unwillkürlich Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich konnte nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo ich zum erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an ihn wie an mich selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich mit jedem Gedanken an meine eigene Zukunft. Der erdrückende Einfluß, den ich in seiner Gegenwart verspürt hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden. Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn vollkommen von der Höhe der geistlichen Stimmung herab, in der ich mich befand. Alles, was mir an ihm früher seltsam erschienen, war mir jetzt klar. Erst jetzt begriff ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin liege, für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein unendliches und ruhiges Glück erwartete. Ich dachte aber dabei nicht an Reisen ins Ausland, nicht an den Glanz der großen Welt, sondern an ein ganz anderes, stilles Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung, mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis der milden und hilfreichen Vorsehung in allen Dingen.
Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, an meinem Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der Kirche zurückkehrte, war mein Herz von einem so vollkommenen Glück erfüllt, daß ich mich vor dem Leben, vor jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke vor unserer Freitreppe entstiegen, als auf der Brücke das mir bekannte Kabriolett rasselte und ich Ssergej Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir, und wir traten zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an diesem Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, die er nicht begriff, die größer war als er. Ich empfand vor ihm nicht die geringste Verlegenheit. Er merkte wohl, woher das kam, und benahm sich besonders zartfühlend, sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier, aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.
»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.«
Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an; dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an, daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann ich mir das unmöglich erklären; aber an jenem denkwürdigen Tage war es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen wird.
Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden. Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann, das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick, als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber, die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand. Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr aufgeregten Mannes sein.
»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm gerade ins Gesicht blickend.
Er antwortete nicht gleich.
»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend.
Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.
»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es wissen muß. Warum verreisen Sie?«
»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß. Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer … Und Sie verstehen es doch.«
Mein Herz fing heftig zu schlagen an.
»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »ich kann es nicht, aber Sie selbst, sagen Sie es mir um Gottes willen, schon weil es ein so besonderer Tag für mich ist, ich kann alles ruhig anhören!«
Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den Fliederzweig wieder zu sich.
»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer Stimme, die sich vergebens bemühte, fest zu erscheinen, »obwohl es dumm und unmöglich ist, es mit Worten auszusprechen, obwohl es mir schwer fällt, will ich mich doch bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend.
»Nun?« fragte ich.
»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein Herr, sagen wir ein Herr A.,« begann er, »ein alter und abgelebter Mann, und es war ein gewisses Fräulein B., ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und die Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte gar nicht daran, sie anders lieben zu können.«
Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht.
»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, daß das Leben für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er plötzlich schnell und entschlossen fort, ohne mich anzublicken, »daß es sehr leicht sei, sie anders zu lieben, und daß dies ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er hatte sich aber geirrt und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so schwer wie die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen abbrechen könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor dies geschähe.« Als er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, mit der Hand die Augen und schloß sie wieder.
»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« fragte ich kaum hörbar, meine Erregung zurückhaltend, so daß meine Stimme ruhig klang; ihm erschien aber mein Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie beleidigt:
»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen spielen, aber ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, aber nur nicht mit mir, denn sonst werde ich es vielleicht ernst nehmen, und das wäre für mich nicht gut, und Sie würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. »Es sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, warum ich verreise. Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte Sie!«
»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich aus, und meine Stimme zitterte vor zurückgehaltenen Tränen. »Liebte er sie oder nicht?«
Er gab keine Antwort.
»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann mit ihr wie mit einem Kinde?« fragte ich.
»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, mich hastig unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und sie schieden … als Freunde.«
»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer Ausweg möglich?« brachte ich mit Mühe hervor und erschrak gleich darauf über meine eigenen Worte.
»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, indem er die Hand von seinem aufgeregten Gesicht nahm und mir gerade in die Augen blickte. »Es gibt zwei verschiedene Auswege. Aber um Gottes willen, unterbrechen Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich erhob, mit einem schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, »die einen sagen, A. sei verrückt geworden, hätte sich in die B. wahnsinnig verliebt und ihr seine Liebe gestanden … Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es nur ein Spiel, für ihn aber eine Lebensfrage.«
Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen, daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine eigenen Gedanken unterzuschieben, aber er legte seine Hand auf die meine, um mich zurückzuhalten.
»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die einen sagen, sie hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, die die Menschen noch nicht kannte, hätte sich eingebildet, daß sie ihn wirklich lieben könne, und eingewilligt, seine Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt, daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte selbst begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie … Sprechen wir nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, weiter zu sprechen, und fing an, vor mir auf und ab zu gehen.
Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich sah, daß er mit der ganzen Sehnsucht seiner Seele ein Wort von mir erwartete. Ich wollte sprechen, konnte es aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen. Ich sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich fühlte Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, zerriß plötzlich die Fesseln des Schweigens und begann mit leiser, verhaltener Stimme, die, wie ich fürchtete, jeden Augenblick versagen konnte.
»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; aber er schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie nicht liebte und ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte zu sein, und verließ sie und rühmte sich auch noch dessen. Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für mich, ich habe Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte ich, und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin leise und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, vor dem ich selbst erschrak.
Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, und zwei Tränen rollten über seine Wangen.
»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die unterdrückten Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. »Womit habe ich das verdient?« fragte ich und erhob mich, um fortzugehen.
Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem Schoße, seine Lippen küßten meine zitternden Hände, und seine Tränen netzten sie. »Mein Gott, wenn ich es gewußt hätte!« rief er.
»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner Seele war ein Glück, das dann für immer entschwand und nie wiederkam.
Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und schrie, daß es im ganzen Hause hallte: »Mascha will Ssergej Michailytsch heiraten!«
V
Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, und weder er, noch ich wünschten das. Katja wollte allerdings erst nach Moskau fahren, um Verschiedenes für die Aussteuer einzukaufen und zu bestellen, und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe und das Haus neu tapezieren lasse; wir beide setzten aber unseren Entschluß durch, dies alles, wenn es schon so notwendig sei, erst später zu besorgen und uns zwei Wochen nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer, ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner und sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. Er erzählte mir, wie ungehalten seine Mutter darüber war, daß unsere Hochzeit ohne Musik, ohne einen Berg von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die einst dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter seinem Rücken die alten Kisten und Kasten durchwühlt und sich mit der Wirtschafterin Marjuschka ernsthaft wegen der für unser Glück unentbehrlichen Teppiche, Gardinen und Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es ebenso mit der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr nicht scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir von unserer Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn trieben, wie es Menschen in dieser Lage überhaupt eigen sei, daß aber das wesentliche Glück unserer Zukunft nur davon abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und genäht und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien. Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal am Tage geheime Berichte darüber ausgetauscht, was auf der einen und auf der anderen Seite vorbereitet wurde; obwohl die Beziehungen zwischen Katja und seiner Mutter äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas feindselige, wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine Mutter, Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen lernte, war eine steife und strenge Hausfrau, eine Dame der guten alten Zeit. Er liebte sie nicht nur als Sohn aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher Neigung, da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer gut zu uns, besonders zu mir, und freute sich, daß ihr Sohn heiraten wollte; als ich sie aber als seine Braut besuchte, kam es mir vor, als wollte sie mich fühlen lassen, daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch besser hätte sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und war mit ihr einverstanden.
In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte – und ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, – daß er ohne mich gar nicht lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen blieben bis zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit, mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück fassungsloses Kind. – Das ist also alles, was an ihm war! – sagte ich mir oft: – Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. – Jetzt schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles, was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand.
Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab. Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein.
»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel aufgeblieben waren. »Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.«
»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.
»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«
»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.
»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte von A. und B. erzählte?«
»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist gut, daß sie so ausgegangen ist …«
»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu Ende erzählen.«
»Ach, bitte nicht.«
»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will mich nur rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit langen Betrachtungen kommen.«
»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll man niemals.«
»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen meinen Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem Leben begangen hatte, sagte ich mir, als ich diesmal aufs Land kam, so entschieden, die Liebe sei für mich zu Ende und es bleibe mir nur noch die Pflicht, mein Leben irgendwie abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine Rechenschaft darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie sei und wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte auch nicht. Bald schien es mir, daß Sie kokettieren, bald glaubte ich wieder, Sie seien aufrichtig, und ich wußte selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach jenem Abend, Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen, erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir viel zu groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, wenn ich mir erlaubt hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? Aber ich dachte natürlich nur an mich, denn ich bin ein ganz gemeiner Egoist.«
Er schwieg eine Weile und sah mich an.
»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals sagte. Ich durfte und mußte auch fürchten. Ich empfange von Ihnen so viel und kann Ihnen so wenig geben. Sie sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst aufbrechen wird, Sie lieben zum erstenmal, während ich …«
»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit …« begann ich, bekam aber plötzlich Angst vor seiner Antwort. »Nein, lieber nicht …«
»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, meinen Gedanken sofort erratend. »Das kann ich Ihnen sagen. Nein, ich habe noch nicht geliebt. Ich habe noch nie etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich wäre …« Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie lieben zu dürfen,« sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir nicht vorher überlegen, ehe ich Ihnen sagen durfte, daß ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine Liebe, allerdings.«
»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen blickend.
»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« fuhr er fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend! Ich kann jetzt oft in der Nacht vor Glück nicht einschlafen und denke immer daran, wie wir zusammen leben werden. Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was ich zum Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames Leben in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den Menschen Gutes zu tun, solchen Menschen, denen es so leicht ist, Gutes zu erweisen, weil sie daran noch nicht gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der man Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, Musik, die Liebe zu den uns Nahestehenden, – das ist mein Glück, das höchste Glück, das ich mir ersehnte. Dazu noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht auch eine Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.«
»Ja!« sagte ich.
»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«
»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon gedacht habe.«
Er lächelte.
»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder.
Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte.
»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder um meiner selbst willen?«
»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit einem durchdringenden und anziehenden Blicke an.
Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen. Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das, was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir, und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen; dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich, ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick weckte …
Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend. Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke, daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt. Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum erstenmal silbern auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen.
– Ist es wirklich heute? – fragte ich mich, meinem Glücke nicht trauend. – Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr ängstigen? – Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend, er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. – Werde ich denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda, ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht, Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für immer? – Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so schwer, allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr.
Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen verstorbenen Vater zu hören.
– Wenn er doch jetzt am Leben wäre! – dachte ich, als wir nach Hause zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte, der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er, mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus, von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren.
Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen wollte. – Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke? – kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn übrigens zu nennen.
»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹«
»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der den meinigen stützte, noch fester an mich.
»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie damals ›Mascha‹.«
»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.
»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher, anziehender Blick ruhte auf mir.
Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker. Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen, als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße Sonne spielte.
Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch.
»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone, und mußte dabei erröten.
Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch freudiger und glücklicher an.
Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein.
Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur, daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. – Ist das alles?! – dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond. Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte ich doch seine Nähe. – Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab, von dem ich so viel erwartet hatte? – dachte ich, und es kam mir noch immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und Angst an seine Stelle getreten.
»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick.
»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich.
»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine Hand und beugte über sie sein Gesicht.
Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor Kälte weh.
»Ja,« flüsterte ich.