Leo N. Tolstoj
Novellen Band III
Leo N. Tolstoj
Sämtliche Werke
Von dem Verfasser genehmigte
Ausgabe von
Raphael Löwenfeld
III. Serie
Dichterische Schriften
Band
5
Mit Buchausstattung von J. B. Cissarz
Leo N. Tolstoj
Sewastopol
im Dezember * Sewastopol im Mai * Sewastopol im August * Der Holzschlag * Begegnung im Felde * Der Überfall
3. Auflage
Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig 1901
Inhalt
| Sewastopol im Dezember | [1] |
| Sewastopol im Mai | [34] |
| Sewastopol im August | [105] |
| Kaukasische Erzählungen | |
| Ein Überfall | [217] |
| Der Holzschlag | [267] |
| Begegnung im Felde | [339] |
Sewastopol im Dezember 1854, im Mai und August 1855
Leo Tolstoj war aus dem Kaukasus in die Heimat zurückgekehrt. Er war Soldat und konnte sich – nach den kleinen Scharmützeln mit den ungebändigten Gebirgsstämmen, – auch dem gewaltigen Völkerkriege nicht entziehen, dessen Schauplatz die Krim ward. Vor Sewastopol fiel die Entscheidung in diesem ungleichen Kampfe, den Rußland gegen zwei Großmächte des Westens zu führen hatte.
Am 23. September hatten die Russen ihre ganze Flotte in das Schwarze Meer versenkt, um den Angriff von der Seeseite her zu vereiteln, und Totlebens Kunst hatte die Festung durch Aufführung von Forts und Bastionen zu einer fast uneinnehmbaren gemacht. Die fortgesetzte Beschießung aber mit ihren Opfern an Menschenleben, die Abschneidung der Zufuhr von Lebensmitteln und die gänzliche Ermattung des russischen Heeres führten endlich am 27. August 1855 nach einem furchtbaren Sturmangriff zur Uebergabe Sewastopols.
Alle Leiden des russischen Heeres hatte der junge Offizier in der vierten Bastion, an einer der gefährlichsten Stellen der belagerten Festung, mitgemacht. Und gewohnt, das Erlebte im dichterischen Spiegelbilde festzuhalten, bannte Leo Tolstoj auch die Leidenstage von Sewastopol in drei gewaltige Schilderungen, die das entzückte Rußland mit steigender Bewunderung las, während noch der Heldenmut seiner Söhne vergeblich um den Sieg rang. Kaiser Nikolaus selbst, der Urheber des großen Völkerunglücks, war von dem Werke des jungen Offiziers begeistert. Er gab den Befehl, ihn von dem gefährlichen Orte zu entfernen, damit das Leben eines zukunftsreichen Talents geschont werde.
Tolstoj wählte für seine Schilderungen den Anfang, den Höhepunkt und das Ende der Kämpfe vor Sewastopol, und benennt sie äußerlich nach der Zeit: Sewastopol im Dezember, Sewastopol im Mai, Sewastopol im August.
Aus diesen drei Augenblicksbildern sprechen mit beredten Worten das tiefe Mitgefühl mit den Leiden des Volks, die Bewunderung für seine unwandelbare Tapferkeit und Leidensfähigkeit, der große Schmerz um den Völkerwahn des Krieges, die Geringschätzung für Eigenschaften, die eine hergebrachte Anschauung Tugenden nennt – genug, all die Grundideen Tolstojscher Ethik, die auch in seinen anderen dichterischen Werken zum Ausdruck kommen, und die erst im sechsten Jahrzehnt seines Lebens sich zu einer systematischen Weltanschauung verdichten sollten.
Aber trotz des scheinbar auf sittliche Ziele gerichteten Inhalts ist die Schilderung von ruhigster Sachlichkeit. Dem Dichter ist nichts gut, nichts böse; nicht zur Nachahmung aneifern will er in seinen Schilderungen der Tapferkeit, nicht abschrecken vom Bösen durch grausige Darstellung des Entsetzlichen, nicht einmal in den einzelnen Personen, die er handeln läßt, Muster kriegerischer Tugenden oder abschreckende Beispiele des Gegenteils vorführen. Die Menschen alle »können nicht die Uebelthäter, noch die Helden der Erzählung sein«.
»Der Held meiner Erzählung – sagt Tolstoj – den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird – ist die Wahrheit.«
Erscheinen in dieser Hinsicht die Schilderungen der Sewastopoler Kämpfe gewissermaßen als eine kunstlose Wiedergabe der Wirklichkeit, so zeigt sich die berechnende Kunst des Dichters deutlich in der Steigerung, die in der Wahl der drei Momente liegt, die von entscheidender Bedeutung für den Krieg waren: die Zeit der Entwicklung, der Wendung und des tragischen Abschlusses.
Alle drei Skizzen sind unter den Eindrücken der Sewastopoler Leidenstage selbst geschrieben, in den Jahren 1854 und 1855. Zwischen ihnen liegt nur die Abfassung der kurzen Erzählung: »Der Holzschlag«.
Die Kritik nahm die Sewastopoler Skizzen mit Bewunderung auf. Sie waren das erste Werk Leo Tolstojs, das einen allgemeinen, unbestrittenen Erfolg hatte. Das lesende Rußland sah in den poetischen Schilderungen des Grafen Tolstoj nicht bloß interessante Thatsachen in der Wiedergabe eines Augenzeugen, nicht bloß begeisterte Erzählungen von Heldenthaten, die auch den Leidenschaftslosesten hätten fortreißen können; jeder Leser erblickte darin die Verherrlichung der nationalen Tapferkeit und die Verewigung ihres Andenkens.
Nie vorher hatte Rußland Soldatenschilderungen solcher Art gekannt. Skobelews vielgelesene Erzählungen waren unter den Vorurteilen einer schönfärberischen Vaterlandsliebe entstanden und sind die Schöpfungen einer mittelmäßigen Dichtergabe. Tolstoj strebte nach einer treuen Wirklichkeitsschilderung und besaß zugleich die Kraft, dem Alltäglichen den Charakter des Erhabenen zu geben.
R. L.
Sewastopol im December 1854
Eben beginnt die Morgenröte den Horizont über dem Ssapunberg zu färben; die dunkelblaue Meeresfläche hat bereits das nächtliche Dunkel abgestreift und erwartet den ersten Sonnenstrahl, um in glänzenden Farben zu spielen; von der Bucht her weht es kalt und neblig; es liegt kein Schnee, alles ist schwarz, aber der scharfe Morgenfrost greift das Gesicht an und macht die Erde unter den Füßen knirschen; nur das entfernte, unaufhörliche, bisweilen von rollenden Schüssen in Sewastopol übertönte Brausen des Meeres unterbricht die Stille des Morgens. Auf den Schiffen ist es still; die achte Stunde schlägt.
Auf der Nordseite beginnt allmählich die Ruhe der Nacht der Thätigkeit des Tages zu weichen: hier marschiert eine Wachablösung, mit den Gewehren klirrend, vorbei; dort eilt ein Arzt schon ins Lazarett; hier kriecht ein Soldat aus einer Erdhütte, wäscht sich mit eisigem Wasser das sonnenverbrannte Gesicht und betet, nach dem sich rötenden Osten gewendet und sich schnell bekreuzigend, zu Gott; hier schleppt knarrend eine hohe, schwere, mit Kamelen bespannte Madshara (tatarischer Bauernwagen) blutige Leichen, mit denen sie fast bis an den Rand beladen ist, zur Beerdigung auf den Kirchhof ... Wir gehen auf den Hafen zu, – hier schlägt uns ein eigentümlicher Geruch von Steinkohlen, Dünger, Feuchtigkeit und Fleisch entgegen; tausend verschiedenartige Gegenstände – Brennholz, Fleisch, Schanzkörbe, Mehl, Eisen u. s. w. – liegen haufenweis am Hafen; Soldaten verschiedener Regimenter, mit Säcken und Gewehren, ohne Säcke und ohne Gewehre, drängen sich hier, rauchen, zanken sich, schleppen Lasten auf den Dampfer, der rauchend an der Landungsbrücke liegt; Privatkähne, voll von allerlei Volk, – von Soldaten, Seeleuten, Kaufleuten, Weibern, – legen an oder stoßen ab.
Nach der Grafßkaja, Euer Wohlgeboren, wenn's gefällig ist! bieten uns zwei oder drei verabschiedete Matrosen ihre Dienste an, indem sie in ihren Böten aufstehen.
Wir wählen den, der uns am nächsten ist, schreiten über den halbverfaulten Kadaver eines braunen Pferdes, der hier im Schmutz in der Nähe des Bootes liegt, und gehen an's Steuerruder. Wir stoßen vom Ufer ab. Rings um uns haben wir das schon in der Morgensonne glänzende Meer, vor uns den alten Matrosen, in einem Überrock aus Kamelhaar, und einen blonden Knaben, die unter Schweigen emsig die Ruder führen. Wir sehen die vielen segelfertigen Schiffe, die nah und fern in der Bucht zerstreut sind, die kleinen, schwarzen Punkte der auf dem glänzenden Azur des Meeres sich bewegenden Schaluppen und die auf der andern Seite der Bucht befindlichen, durch die hellroten Strahlen der Morgensonne gefärbten, schönen und hellen Häuser der Stadt; wir sehen die schaumbespritzte Linie des Molo und der versenkten Schiffe, deren schwarze Mastenspitzen hie und da düster aus dem Wasser ragen; unserm Blicke begegnet die entfernte feindliche Flotte, die am kristallenen Horizont des Meeres unthätig daliegt, endlich sehen wir die durch unsere Ruder in den schäumenden Wellen in die Höhe geworfenen und springenden Tropfen der Salzflut; wir hören den einförmigen Laut von Stimmen, die über das Wasser her zu uns dringen, und die majestätischen Töne der Kanonade, die, wie uns scheint, immer stärker wird in Sewastopol.
Es ist unmöglich, daß bei dem Gedanken: auch wir sind in Sewastopol, unsere Seele nicht das Gefühl eines gewissen Mutes und Stolzes durchdringe, und das Blut nicht schneller in unsern Adern fließe.
Euer Wohlgeboren! Steuern Sie direkt auf den Kistentin (das Schiff »Konstantin«), sagt zu uns der alte Matrose, indem er sich rückwärts wendet, um die Richtung, die wir dem Boote geben, zu berichtigen, das Steuerruder rechts!
Und er hat noch all seine Kanonen! bemerkt der blonde Bursche, während er am Schiffe vorbeirudert und es betrachtet.
Freilich. Er ist neu, Kornilow hat ihn befehligt, bemerkt der Alte, indem er ebenfalls das Schiff betrachtet.
Sieh, wie sie geplatzt ist! sagt der Knabe nach einem längeren Schweigen, indem er auf ein weißes Wölkchen zerfließenden Rauches sieht, das sich plötzlich hoch über der südlichen Bucht erhebt und von dem lauten Krachen einer platzenden Bombe begleitet ist.
Er feuert heut aus einer neuen Batterie, fügt der Alte hinzu, indem er sich gleichmütig in die Hände spuckt. Nun, Mischka, zugerudert, wir wollen die Barkasse überholen! ... Und unser Boot eilt schneller vorwärts über die weite, wogende Bucht, überholt wirklich die schwere Barkasse, die mit Säcken beladen ist und von ungeschickten Soldaten ungleich gerudert wird, und landet, zwischen einer Menge am Ufer befestigter Böte, im Grafßkaja-Hafen.
Auf dem Uferdamm bewegen sich lärmend Scharen von Soldaten in grauen Mänteln, von Matrosen in schwarzen Winterröcken und von buntgekleideten Frauen. Alte Weiber verkaufen Semmeln, Bauern mit Theemaschinen schreien: »Heißer Sbitjen!«[A] und dort auf den ersten Stufen der nach dem Landungsplatz führenden Treppe liegen verrostete Kanonenkugeln, Bomben, Kartätschen und gußeiserne Kanonen verschiedenen Kalibers; etwas weiter ist ein großer Platz, auf dem mächtige Balken, Kanonenlafetten, schlafende Soldaten liegen, und Pferde, Fuhrwerke, grüne Pulverkasten mit Geschützen, und Sturmgeräte der Infanterie stehen; Soldaten, Matrosen, Offiziere, Weiber, Kinder und Kaufleute bewegen sich durcheinander; Bauernwagen mit Heu, mit Säcken und Fässern kommen angefahren; hier reitet ein Kosak und ein Offizier, dort fährt ein General in einer Droschke. Rechts ist die Straße durch eine Barrikade gesperrt, auf der in Schießscharten kleine Kanonen stehen; neben diesen sitzt, seine Pfeife rauchend, ein Matrose. Links erhebt sich ein hübsches Haus mit römischen Ziffern an der Stirnseite, vor dem Soldaten neben blutigen Tragbahren stehen, – überall sehen wir die häßlichen Spuren des Lagerlebens im Kriege. Der erste Eindruck, den wir empfinden, ist jedenfalls der unangenehmste; die eigentümliche Vermischung des Lagerlebens mit städtischem Leben und Treiben, der schönen Stadt mit dem schmutzigen Biwak ist nicht nur unschön, sondern kommt uns wie ein widerwärtiges Durcheinander vor; es scheinen uns sogar alle bestürzt und unruhig, und nicht zu wissen, was sie thun sollen. Aber wenn wir den Menschen, die sich um uns herum bewegen, näher ins Gesicht sehen, kommen wir zu einer ganz andern Ansicht. Betrachten wir nur diesen Train-Soldaten, der seine drei Braunen zur Tränke führt, und so ruhig vor sich hinsummt, daß man ihm anmerkt, er wird sich in dieser bunten Menge, die für ihn nicht existiert, nicht verirren, er verrichtet seine Arbeit, welche es immer sei, ob Pferde zu tränken, oder am Geschütz zu ziehen, ebenso ruhig, selbstvertrauend und gleichgültig, als wenn das alles irgendwo in Tula oder Saransk geschehe. Denselben Ausdruck lesen wir auch auf dem Gesicht des jungen Offiziers, der in tadellosen weißen Handschuhen vorbeigeht, auf dem Gesicht des Matrosen, der rauchend auf der Barrikade sitzt, auf den Gesichtern der als Träger verwendeten Soldaten, die mit Bahren auf der Außentreppe des ehemaligen Kasinos warten, und auf dem Gesicht des Mädchens, das, in der Furcht, sein rosafarbenes Kleid naß zu machen, von Stein zu Stein über die Straße hüpft.
[A] Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern oder Salbei, das von den Aermeren als Thee getrunken wird. Anm. d. Herausg.
Wenn wir zum erstenmal in Sewastopol ankommen, sind wir unbedingt enttäuscht. Wir suchen vergebens, auch nur auf einem Gesicht, Spuren von Unruhe und Kopflosigkeit, oder auch von Begeisterung, Todesmut und Entschlossenheit, – nichts von alledem: wir sehen ruhig mit ihrer Alltagsarbeit beschäftigte Alltagsmenschen, so daß wir uns vielleicht selbst ein Übermaß von Enthusiasmus vorwerfen, daß wir leise Zweifel hegen an der Richtigkeit der Vorstellung von dem Heldenmut der Verteidiger Sewastopols, die wir uns nach den Erzählungen, den Beschreibungen gebildet haben und dem, was wir auf der Nordseite gesehen und gehört. Aber ehe wir zweifeln, gehen wir auf die Bastionen, betrachten wir Sewastopols Verteidiger auf dem Schauplatz der Verteidigung selber, – oder noch besser, gehen wir direkt in das Haus gegenüber, das früher das Sewastopoler Kasinogebäude gewesen und auf dessen Außentreppe Soldaten mit Tragbahren stehen, – da werden wir die Verteidiger Sewastopols sehen, da werden wir schreckliche, traurige, große, Erstaunen erregende und herzerhebende Szenen sehen.
Wir wollen in den großen Saal des Kasinos gehen. Kaum haben wir die Thür geöffnet, da erschreckt uns plötzlich der Anblick und der Geruch von vierzig oder fünfzig amputierten, sehr schwer verwundeten Kranken, die einen auf Pritschen, die meisten auf der Diele liegend. Wir dürfen dem Gefühl, das uns an der Schwelle zurückhält, nicht nachgeben – es ist kein schönes Gefühl; gehen wir nur vorwärts, schämen wir uns nicht, daß wir gekommen, von den quälendsten Schmerzen Gepeinigte zu sehen – schämen wir uns nicht, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu sprechen: die Unglücklichen sehen gern ein mitfühlendes Menschenantlitz, sprechen gern von ihren Qualen und hören gern Worte der Liebe und Teilnahme ... Wir wollen in der Mitte der Lagerstätten entlang gehen und ein weniger düsteres und schmerzdurchfurchtes Gesicht suchen, zu dem wir hingehen können, um zu sprechen.
Wo bist du verwundet? – fragen wir unentschlossen und zaghaft einen alten, abgemagerten Soldaten, der auf einer Pritsche sitzt, uns mit einem treuherzigen Blicke verfolgt und uns aufzufordern scheint, an ihn heranzukommen. Ich sage: zaghaft fragen wir, weil Leiden nicht nur tiefes Mitgefühl, sondern auch Scheu vor der Möglichkeit zu beleidigen und Hochachtung vor dem, der sie erträgt, einflößen.
Am Bein, antwortet der Soldat, aber zugleich bemerken wir selber an den Falten der Decke, daß ihm ein Bein bis zum Knie fehlt. Gott sei Dank, fügt er hinzu: ich werde jetzt aus dem Lazarett entlassen werden.
Und ist es schon lange her, daß du verwundet worden bist?
Ja, vor sechs Wochen, Euer Wohlgeboren.
Schmerzt es dich jetzt?
Nein, jetzt schmerzt es nicht, – gar nicht; nur die Wade scheint mir weh zu thun, wenn schlechtes Wetter ist, das ist alles.
Wie und wo bist du verwundet worden?
Auf der fünften Bastion, Euer Wohlgeboren, wie das erste Bombardement war, ich hatte das Geschütz hergerichtet, wollte nach einer anderen Schießscharte gehen, und da traf er mich ins Bein, es war mir, als ob ich in eine Grube stürzte, – fort war das Bein.
Empfandest du nicht Schmerz in diesem ersten Augenblick?
Nein, nur ein Gefühl, als wenn ich mit etwas Heißem ans Bein gestoßen würde.
Nun, aber dann?
Und dann war weiter nichts; nur als man mir die Haut straff zog, war mir, als ob sie wund gerieben würde. Das Erste, Euer Wohlgeboren, ist, an nichts denken; wenn man nichts denkt, dann ist auch weiter nichts. Alles kommt daher, daß der Mensch denkt.
Da tritt an uns eine Frau heran, in einem grauen gestreiften Kleide, mit einem um den Kopf gebundenen schwarzen Tuch, sie mischt sich in unser Gespräch mit dem Matrosen und beginnt von ihm zu erzählen, von seinen Leiden, dem verzweifelten Zustande, in dem er sich vier Wochen lang befunden, – wie er, verwundet, die Tragbahre hatte anhalten lassen, um die Salve unserer Batterie zu sehen, wie die Großfürsten mit ihm gesprochen und ihm 25 Rubel geschenkt, und wie er ihnen gesagt, daß er wieder auf die Bastion wolle, um die jungen Leute zu unterweisen, wenn er selber nicht mehr arbeiten könnte. Während die Frau dies in einem Atem hersagt, sieht sie bald uns, bald den Matrosen an, der, abgewandt und als wenn er nicht auf sie hörte, auf seinem Kopfkissen Charpie zupft, – und ihre Augen leuchten dabei von einem besonderen Entzücken.
Das ist meine Hausfrau, Euer Wohlgeboren! bemerkt uns der Matrose, mit einem Ausdrucke, als wenn er spräche: Sie müssen ihr schon verzeihen, es ist einmal so, Weiber müssen dummes Zeug schwatzen.
Wir beginnen die Verteidiger Sewastopols zu verstehen, wir schämen uns förmlich vor diesem Menschen. Wir möchten ihm gar viel sagen, um ihm unser Mitgefühl und unsere Bewunderung auszudrücken, aber wir finden keine Worte oder sind nicht zufrieden mit denen, die uns gerade einfallen, und beugen uns schweigend vor dieser schweigsamen und unbewußten Größe und Stärke des Geistes, dieser Scham vor dem eigenen Werte.
Nun möge Gott dich bald gesund werden lassen, sagen wir zu ihm und bleiben vor einem anderen Kranken stehen, der auf der Diele liegt und in unerträglichen Schmerzen den Tod zu erwarten scheint.
Es ist ein blonder Mensch mit einem geschwollenen und bleichen Gesicht. Er liegt auf dem Rücken, den linken Arm hinten unter gelegt, in einer Lage, die fürchterliche Schmerzen ausdrückt. Der vertrocknete, geöffnete Mund stößt mit Mühe röchelnden Atem aus; die blauen, glanzlosen Augen rollen nach oben gerichtet, und aus der umgeschlagenen Decke ragt der mit Binden umwundene Stumpf des rechten Arms hervor. Der dumpfige Geruch, den der leblose Körper ausströmt, fällt uns stark auf die Brust, und die verzehrende, innerliche Hitze, die alle Glieder des Dulders durchdringt, bemächtigt sich auch unser.
Wie, ist er besinnungslos? fragen wir die Frau, die hinter uns geht und uns, wie Verwandte, freundlich ansieht.
Noch nicht, er hört, befindet sich aber sehr schlecht, fügt sie flüsternd hinzu, ich habe ihm heute Thee zu trinken gegeben; obwohl er mir fremd ist, so muß man doch Mitleiden haben, – er hat fast gar nicht mehr getrunken.
Wie fühlst du dich? fragen wir ihn.
Der Verwundete bewegt auf unsere Frage die Pupillen, aber er sieht und versteht uns nicht.
Im Herzen brennt's.
Ein wenig weiter sehen wir einen alten Soldaten, der die Wäsche wechselt. Sein Gesicht und Körper sind ziegelfarbig und mager wie bei einem Skelett. Der eine Arm fehlt ihm gänzlich, er ist ihm an der Schulter abgenommen worden. Er sitzt gefaßt da, – er befindet sich auf dem Wege der Besserung; aber an dem toten, trüben Auge, an der schrecklichen Magerkeit und den Runzeln des Gesichts erkennen wir, daß dieses Wesen schon den größeren Teil seines Lebens durchlitten hat.
Auf der anderen Seite sehen wir auf einer Pritsche ein leidendes, bleiches und zartes Frauengesicht, auf dessen Wangen flammende Röte spielt.
Das ist unsere Matrosenfrau, am 5. hat sie eine Bombe am Bein getroffen, sagt uns unsere Führerin, sie brachte ihrem Manne Essen auf die Bastion.
Hat man sie amputiert?
Sie ist über'm Knie amputiert worden.
Jetzt gehen wir durch eine Thür links, wenn unsere Nerven stark sind; in diesem Zimmer werden die Verwundeten verbunden und operiert. Wir sehen hier die Ärzte mit Blut an den Armen bis zu den Ellbogen und mit blassen, finsteren Gesichtern um eine Pritsche beschäftigt, auf der mit geöffneten Augen und wie im Fieber sinnlose, bisweilen einfache und rührende Worte sprechend, ein Verwundeter chloroformiert liegt. Die Ärzte sind mit einer widerwärtigen, aber wohlthätigen Arbeit beschäftigt. Wir sehen, wie ein scharfes krummes Messer in den weißen, gesunden Körper einschneidet; – wir sehen, wie der Verwundete mit einem schrecklichen, herzzerreißenden Schrei und mit Verwünschungen plötzlich zur Besinnung kommt; – wir sehen, wie der Feldscher den abgeschnittenen Arm in eine Ecke wirft; – wir sehen in demselben Zimmer, auf einer Tragbahre, einen anderen Verwundeten liegen, der beim Anblick der Operation des Kameraden sich windet und stöhnt, nicht so sehr aus körperlichem Schmerz, wie aus Qual und Erwartung; – wir sehen schreckliche, herzerschütternde Szenen, wir sehen den Krieg nicht in dem üblichen schönen und glänzenden Gewande, mit Musik und Trommelklang, mit wehenden Fahnen und Generalen hoch zu Rosse, wir sehen den Krieg in seinem wahren Wesen – in Blut, in Leiden, in Tod ...
Treten wir aus diesem Hause der Qualen heraus, so empfinden wir unfehlbar ein tröstliches Gefühl, atmen voller die frische Luft ein, empfinden Vergnügen im Bewußtsein unserer Gesundheit, schöpfen aber zugleich aus der Anschauung dieser Leiden das Bewußtsein unserer eigenen Nichtigkeit und gehen ruhig und entschlossen auf die Bastionen ...
»Was bedeutet der Tod und die Leiden eines so nichtigen Wurmes, wie ich, im Vergleich zu dem Tode und dem Leiden so vieler?« Aber der Anblick des klaren Himmels, der strahlenden Sonne, der schönen Stadt, der geöffneten Kirche und des Kriegsvolks, das sich nach allen Richtungen hin bewegt, versetzt unsern Geist schnell in den normalen Zustand des Leichtsinns, der Alltagssorgen und des Genusses der Gegenwart.
Vielleicht begegnen wir einem aus der Kirche kommenden Begräbnis eines Offiziers, mit einem rosafarbenen Sarge, mit Musik und fliegenden Fahnen; an unser Ohr dringen vielleicht die Töne der Kanonade von den Bastionen, aber das versetzt uns nicht in die frühere Stimmung zurück: das Leichenbegängnis erscheint uns als ein wunderschönes militärisches Schauspiel, die Töne als ein minder schönes Kriegsgetön, und wir verknüpfen weder mit diesem Schauspiel, noch mit diesen Tönen den klaren, uns selbst betreffenden Gedanken an Leiden und Tod, wie wir das an dem Verbandort gethan haben.
An der Kirche und Barrikade vorüber kommen wir nach dem belebtesten Stadtteil. Auf beiden Seiten befinden sich Aushängeschilder von Verkaufsläden und Gastwirtschaften. Kaufleute, Frauen in Hüten und Tüchern, stutzerhafte Offiziere, – alles spricht uns von der Standhaftigkeit, dem Selbstvertrauen und der Sicherheit der Einwohner.
Wir müssen in ein Gasthaus rechter Hand gehen, wenn wir ein Gespräch von Seeleuten und Offizieren hören wollen; hier werden jedenfalls Gespräche über die verflossene Nacht, über Fenjka, über den 24. geführt, darüber, wie schlecht und teuer man die Koteletts bekommt, und wie der und jener Kamerad gefallen ist.
Hol's der Teufel, wie arg es heut bei uns ist! spricht mit Baßstimme ein bartloser Marineoffizier mit blonden Augenbrauen und Wimpern, der eine grüne, gestrickte Schärpe trägt.
Wo ist das – bei uns? fragt ihn ein anderer.
Auf der vierten Bastion, antwortet der junge Offizier, und wir betrachten unfehlbar mit großer Aufmerksamkeit und sogar mit einer gewissen Achtung den blonden Offizier bei den Worten: »auf der vierten Bastion«. Seine übermäßige Ausführlichkeit, sein Herumfuchteln mit den Händen, sein lautes Lachen und Sprechen, die uns erst keck erscheinen, erweisen sich als jene besondere prahlerische Stimmung, die leicht nach einer Gefahr über junge Leute kommt; wir denken, daß er anfangen wird, uns zu erzählen, wie arg es auf der vierten Bastion ist der Bomben und Gewehrkugeln wegen – weit gefehlt! arg ist es dort, weil es schmutzig ist. – »Man kann nicht nach der Batterie gehen, spricht er, indem er auf seine bis über die Waden mit Schmutz bedeckten Stiefel zeigt. Und heut habe ich meinen besten Kommandeur verloren, direkt in die Stirn ist er getroffen worden,« sagt ein anderer. – »Wer war es? Mitjuchin?« »Nein ... Nun, wird man mir endlich den Kalbsbraten geben ... Seid ihr Kanaillen!« fügt er hinzu, zu der Bedienung des Gasthauses gewandt. »Nicht Mitjuchin, sondern Abramow. Es war ein braver Kamerad – sechs Ausfälle hat er mitgemacht!«
Am andern Ende des Tisches sitzen bei Koteletts mit Schoten und einer Flasche sauren Krimweins, sogenannten Bordeaux, zwei Offiziere von der Infanterie: der eine mit rotem Kragen und zwei Sternen auf dem Mantel, ein junger Mann, erzählt dem andern, mit schwarzem Kragen und ohne Sterne, von dem Treffen an der Alma. Der erstere hat schon ein wenig getrunken, und man merkt es an den Pausen, die er in seiner Erzählung macht, an dem unentschlossenen Blick, der zweifelnd zu fragen scheint, ob man ihm auch glaube, hauptsächlich aber an der allzu großen Rolle, die er in allem spielt, und weil alles zu furchtbar klingt, daß er stark von der strengen Wiedergabe der Wahrheit abweicht. Aber wir sind nicht in der Stimmung, diese Erzählungen mit anzuhören, die wir noch lange an allen Enden Rußlands werden zu hören bekommen; wir wollen so schnell als möglich auf die Bastionen, besonders auf die vierte, von der man uns so vieles und so verschiedenartiges erzählt hat. Wenn jemand sagt, er sei auf der vierten Bastion gewesen, so sagt er das mit besonderer Befriedigung und mit Stolz; sagt jemand: ich gehe auf die vierte Bastion, so sieht man ihm sicher eine kleine Erregung oder allzugroßen Gleichmut an; will man jemanden necken, so sagt man: dich sollte man in die vierte Bastion schicken; begegnet man Tragbahren und fragt: woher? – so bekommt man meist die Antwort: von der vierten Bastion. Es giebt überhaupt zwei völlig verschiedene Meinungen über diese schreckliche Bastion: die Meinung solcher, die nie dort waren und die überzeugt sind, daß die vierte Bastion das sichere Grab für jeden ist, der dorthin geht – und solcher, die dort hausen, wie der blonde Midshipman, und die, wenn sie von der vierten Bastion sprechen, uns sagen, ob es in der Erdhütte trocken oder schmutzig, warm oder kalt ist u. s. w.
In der halben Stunde, die wir im Gasthaus zugebracht haben, hat sich das Wetter geändert: der Nebel, der über das Meer gebreitet lag, hat sich zu grauen, düsteren, feuchten Wetterwolken geballt und verhüllt die Sonne; ein trauriger Staubregen sprüht vom Himmel und netzt die Dächer, die Straßen und die Soldatenmäntel ...
Wir gehen noch durch eine Barrikade hindurch, dann treten wir zur Thür heraus, wenden uns rechts und steigen auf einer langen Straße bergauf. Hinter dieser Barrikade sind die Häuser zu beiden Seiten unbewohnt, Schilder fehlen, die Thüren sind mit Brettern vernagelt, die Fenster eingeschlagen, hier ist eine Mauerecke fortgeschossen, dort ein Dach durchgeschlagen. Die Gebäude gleichen Veteranen, die alle Not und Sturm erfahren haben, und scheinen stolz und geringschätzig auf uns herabzusehen. Unterwegs stolpern wir über herumliegende Kanonenkugeln und fallen in Löcher voll Wasser, welche die Bomben auf dem steinigen Grunde gerissen. Auf der Straße treffen wir Soldatendetachements, Grenzkosaken, Offiziere. Bisweilen begegnen wir einer Frau oder einem Kinde, aber die Frau geht nicht in Weiberkleidung; sie ist eine Matrosenfrau und trägt einen alten Pelz und Soldatenstiefel. Wenn wir auf der Straße weitergehen und unter eine kleine Anhöhe gelangt sind, bemerken wir um uns nicht mehr Häuser, sondern sonderbare Trümmerhaufen – Steine, Bretter, Lehm, Balken; vor uns sehen wir auf einer steilen Anhöhe eine schwarze, schmutzige, von Gräben durchzogene Fläche, und dies vor uns ist die vierte Bastion ... Hier begegnen wir noch weniger Menschen, Frauen sind gar nicht zu sehen, die Soldaten gehen schnell, auf dem Wege zeigen sich Blutstropfen, und unfehlbar treffen wir hier vier Soldaten mit einer Tragbahre, und auf der Bahre ein fahlgelbes Gesicht und einen blutigen Mantel. Wenn wir fragen: »Wo ist er verwundet?« sagen die Träger ärgerlich, ohne sich zu uns zu wenden, am Bein oder am Arm, wenn der Kranke leicht verwundet ist; oder sie schweigen mürrisch, wenn auf der Bahre der Kopf nicht sichtbar und der Getragene bereits tot oder schwer verwundet ist.
Das nahe Pfeifen einer Kanonenkugel oder Bombe, gerade da wir den Berg zu besteigen beginnen, überrascht uns in unangenehmer Weise. Wir begreifen plötzlich, und ganz anders, als wir es vorher begriffen haben, die Bedeutung der Kanonentöne, die wir in der Stadt gehört haben. Ein friedlich tröstliches Erinnern blitzt in unsern Gedanken auf; unser eigenes Ich beginnt uns mehr zu beschäftigen, als die Beobachtungen: die Aufmerksamkeit für alles, was uns umgiebt, nimmt ab, und ein unangenehmes Gefühl der Unentschlossenheit überkommt uns plötzlich. Wir achten dieser kleinlichen Stimme nicht, die bei dem Anblick der Gefahr plötzlich in unserm Innern sich vernehmen läßt, und bringen, – besonders da wir den Soldaten betrachten, der mit ausgebreiteten Händen über den flüssigen Kot schnell lachend an uns vorbei den Berg hinanklimmt, – diese Stimme zum Schweigen, strecken unwillkürlich die Brust vor, heben den Kopf empor und klettern den schlüpfrigen, lehmigen Berg hinauf. Kaum haben wir uns etwas auf den Berg hinaufgearbeitet, so beginnen rechts und links Kugeln aus Stutzen zu pfeifen, und wir denken vielleicht, ob wir nicht besser thäten, den Laufgraben entlang zu gehen, der mit dem Wege parallel läuft; aber der Laufgraben ist so voll von flüssigem, gelbem, übelriechendem, bis über die Knie reichendem Schmutz, daß wir unbedingt den Weg auf dem Berge wählen, umsomehr, als wir alle ihn gehen sehen. Zweihundert Schritt weiter gelangen wir zu einer aufgerissenen, schmutzigen Fläche, die auf allen Seiten von Schanzkörben und von Erdaufschüttungen umgeben ist, in denen sich Pulverkeller und Erdwohnungen befinden, und auf denen große gußeiserne Kanonen, mit regelmäßigen Haufen von Kugeln daneben, stehen. Das alles scheint uns ohne Zweck und Ordnung aufgetürmt zu sein. Da in der Batterie sitzt eine Schar Matrosen, dort in der Mitte des Platzes liegt eine halb in Schmutz versunkene, zerschossene Kanone; da geht ein Infanterist mit seinem Gewehr durch die Batterien und zieht mit Mühe seine Füße aus dem Schmutz. Aber überall, auf allen Seiten und allen Punkten, sehen wir Sprengstücke, nichtgeplatzte Bomben, Kanonenkugeln, Spuren des Lagerlebens, und das alles ist in flüssigen, morastigen Schmutz versunken; wir hören das Aufschlagen einer Kanonenkugel, hören die verschiedenen Töne der Gewehrkugeln, die wie Bienen summen, schnell pfeifen oder wie eine Darmsaite klingen, wir hören furchtbaren Geschützdonner, der uns alle erschüttert und mit furchtbarem Entsetzen erfüllt.
»Das ist also die vierte Bastion, das ist also der schreckliche, wirklich furchtbare Ort!« denken wir und empfinden ein kleines Gefühl des Stolzes und ein großes Gefühl unterdrückter Angst. Aber wir sind enttäuscht, das ist noch nicht die vierte Bastion. Das ist die Jasonow-Redoute, ein verhältnismäßig sehr gefahrloser und durchaus nicht schrecklicher Platz. Um nach der vierten Bastion zu gelangen, müssen wir rechts einen engen Laufgraben verfolgen, in dem ein Infanterist gebückt einhergeht. In diesem Graben treffen wir vielleicht wieder Tragbahren, Matrosen, Soldaten mit Schaufeln, sehen Leitungen zu Minen, Erdhütten voll Schmutz, in denen nur zwei Menschen gebückt herumkriechen können, wir sehen die hier wohnenden Plastuns[B] der Bataillone vom Schwarzen Meer, die sich dort umkleiden, essen, Tabak rauchen, wohnen, und sehen wiederum überall denselben übelriechenden Schmutz, die Spuren des Lagerlebens und in jedweder Gestalt umherliegendes Gußeisen. Nach dreihundert Schritten kommen wir wieder zu einer Batterie, – zu einem kleinen mit Löchern bedeckten Platze, der von Schanzkörben voll Erde, von Geschützen auf Plattformen und von Erdwällen umgeben ist. Hier sehen wir nun fünf Mann Matrosen, die unter der Brustwehr Karten spielen, und einen Marineoffizier, der uns, als neugierigen Neulingen, seine Wirtschaft und alles uns Interessierende zeigt. Dieser Offizier dreht sich so ruhig, auf dem Geschütz sitzend, eine Cigarette aus gelbem Papier, geht so ruhig von einer Schießscharte zur andern, spricht so ruhig mit uns, so gänzlich ungezwungen, daß wir ungeachtet der Gewehrkugeln, die häufiger als früher über uns pfeifen, kaltblütig bleiben, aufmerksam fragen und den Erzählungen des Offiziers lauschen. Dieser Offizier wird uns, aber nur, wenn wir ihn fragen, von dem Bombardement am 5. erzählen; er wird erzählen, wie in seiner Batterie nur ein einziges Geschütz thätig sein konnte, und von der ganzen Bedienungsmannschaft nur acht Mann übrig geblieben waren, und wie er dennoch am folgenden Morgen, am 6., aus allen Geschützen gefeuert; er wird uns erzählen, wie am 5. eine Bombe in eine Matrosen-Erdhütte eingeschlagen und elf Mann niedergestreckt hat; er wird uns von der Schießscharte aus die nicht mehr als dreißig bis vierzig Faden entfernten Batterien und Laufgräben des Feindes zeigen. Nur das eine fürchte ich, daß wir, zur Schießscharte hinausgelehnt, um zu dem Feinde hinüberzuschauen, unter dem Einflusse des Sausens der Kugeln nichts sehen, und wenn wir etwas sehen, uns sehr wundern werden, daß dieser uns so nahe weiße Steinwall, über dem weiße Rauchwölkchen emporsteigen, der Feind ist – »er«, wie die Soldaten und Matrosen sagen.
[B] Plastuns hießen die am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres und am Kuban lebenden Kosaken.
Es ist sogar leicht möglich, daß der Marineoffizier aus Eitelkeit oder nur so, um sich ein Vergnügen zu machen, in unserer Gegenwart ein wenig schießen lassen will. »Den Kommandor herschicken, Bedienungsmannschaft ans Geschütz!« – und an vierzehn Mann Matrosen, der eine seine Pfeife in die Tasche steckend, der andere Zwieback kauend, gehen frisch und munter, mit den beschlagenen Stiefeln auf der Plattform laut auftretend, an die Kanone und laden sie. Wir betrachten die Züge, die Haltung und die Bewegung dieser Leute: in jeder Falte dieses verbrannten Gesichts mit den starken Backenknochen, in jeder Muskel, in diesen breiten Schultern, in diesen kräftigen Beinen, die in gewaltigen Stiefeln stecken, in jeder dieser ruhigen, sicheren, langsamen Bewegungen erkennt man die Hauptcharakterzüge, die die Kraft des Russen ausmachen – Schlichtheit und Festigkeit; aber hier, dünkt uns, hat die Gefahr, der Zorn und die Leiden des Krieges jedem Gesicht außer diesen Hauptzügen noch die Spuren des Bewußtseins des eigenen Wertes, erhabenen Denkens und Empfindens eingeprägt.
Plötzlich überrascht uns ein schrecklicher, nicht nur unser Gehör, sondern unseren ganzen Organismus erschütternder Knall, so daß wir am ganzen Leibe erzittern. Gleich darauf hören wir, wie das Geschoß sich pfeifend entfernt, und dichter Pulverdampf hüllt uns, die Plattform und die schwarzen Gestalten der hin- und hergehenden Matrosen ein. Wir hören verschiedene Gespräche der Matrosen über diesen Schuß. Wir sehen, wie sie lebhaft werden und ein Gefühl offenbaren, das wir kaum erwartet hätten – das Gefühl der Wut, der Rache am Feinde, das in der Seele eines jeden verborgen ruht. »Gerade in die Schießscharte hat es getroffen; wie es scheint, sind zwei gefallen ... dort trägt man sie heraus,« hören wir freudig ausrufen. »Sieh, er ärgert sich, – gleich wird er hierher schießen,« sagt jemand, und wirklich sehen wir bald darauf Blitz und Rauch vor uns; der auf der Brustwehr stehende Posten schreit: »Kano–one!« und gleich darauf kommt eine Kanonenkugel an uns vorbeigeflogen, schlägt auf die Erde auf und wirft, sich trichterförmig einbohrend, Steine und Erdstücke um sich. Der Batteriechef, ärgerlich wegen dieser Kugel, befiehlt ein zweites und drittes Geschütz zu laden, – der Feind beginnt uns zu antworten, und wir durchleben interessante Empfindungen, hören und sehen interessante Dinge. Der Posten schreit wiederum: »Kanone!« und wir hören denselben Ton und Schlag, sehen dieselben Erdstücke; oder er schreit: »Mörser!« – und wir hören ein gleichmäßiges, ziemlich angenehmes Pfeifen der Bombe, mit dem man nur mühsam den Gedanken an etwas Furchtbares in Verbindung bringt, wir hören das Pfeifen, das sich uns nähert und sich beschleunigt, dann sehen wir eine schwarze Kugel, ihr Aufschlagen auf die Erde und das von einem starken Krach begleitete Platzen der Bombe. Mit Pfeifen und Zischen fliegen dann die Splitter umher, schwirren Steine durch die Luft und wir werden mit Schmutz beworfen. Bei diesen Tönen empfinden wir ein sonderbares Gefühl, gemischt aus Angst und Genuß. In dem Augenblicke, wo das Geschoß auf uns zufliegt, schießt uns unbedingt der Gedanke durch den Kopf, daß es uns tötet; aber das Gefühl der Eigenliebe stachelt uns, und niemand bemerkt das Messer, das uns ins Fleisch schneidet. Dafür aber leben wir, wenn das Geschoß vorübergeflogen ist, ohne uns zu streifen, wieder auf, und ein erquickendes, unsagbar angenehmes Gefühl kommt, wenn auch nur einen Augenblick, über uns, so daß wir an der Gefahr, an diesem Spiel um Leben und Tod einen besonderen Genuß finden; wir wünschen, es möchten noch näher und näher bei uns Kugeln oder Bomben niederfallen. Da schreit der Posten noch einmal mit seiner lauten, tiefen Stimme: »Mörser!« – wiederum ertönt das Pfeifen, Aufschlagen und Platzen der Bombe, aber zugleich mit diesem Ton erschreckt uns das Stöhnen eines Menschen. Wir gehen zu gleicher Zeit mit den Trägern zu dem Verwundeten heran, der blutig und beschmutzt ein seltsames, nicht menschliches Aussehen hat. Einem Matrosen ist ein Teil der Brust fortgerissen worden. In dem ersten Augenblick ist in seinem mit Schmutz bespritzten Gesicht nur Schreck und ein unechter, vorzeitiger Ausdruck von Leiden zu lesen, wie er einem Menschen in solcher Lage eigen ist; aber in dem Augenblick, wo man ihm die Tragbahre bringt, und er sich selbst mit seiner gesunden Seite darauf legt, bemerken wir, daß dieser Ausdruck sich in den Ausdruck einer gewissen Begeisterung und eines erhabenen, unausgesprochenen Gedankens verwandelt: die Augen leuchten heller, die Zähne pressen sich aufeinander, der Kopf richtet sich mit Anstrengung in die Höhe und in dem Augenblick, wo man ihn aufhebt, hält er die Bahre an und spricht mühsam mit zitternder Stimme zu den Kameraden: »Lebt wohl, Brüder!« – er will noch etwas sagen, man sieht, er will etwas Rührendes sagen, aber er wiederholt noch einmal: »Lebt wohl, Brüder!« Da geht ein Kamerad, ein Matrose, zu ihm, setzt ihm die Mütze auf den Kopf, den ihm der Verwundete hinhält, und kehrt ruhig, gleichmäßig die Arme schwenkend, zu seinem Geschütz zurück. »So ist es jeden Tag – sieben oder acht Mann,« sagt uns der Marineoffizier, indem er uns antwortet auf den Ausdruck des Entsetzens, das aus unsern Zügen spricht, und dabei gähnt und aus gelbem Papier eine Cigarette dreht.
So haben wir die Verteidiger Sewastopols an dem Orte der Verteidigung selber gesehen und gehen zurück, ohne den Kanonen- und Gewehrkugeln, die den ganzen Weg entlang bis zu dem niedergeschossenen Theater hin pfeifen, Beachtung zu schenken, – wir gehen mit ruhiger, erhobener Seele. Die hauptsächliche, tröstliche Überzeugung, die wir davontragen, ist die Überzeugung von der Unmöglichkeit, die Kraft des russischen Volkes an irgend einem Punkte zu erschüttern. Und diese Unmöglichkeit haben wir nicht in der Menge der Quergänge, der Brustwehren, der kunstvoll gezogenen Laufgräben, der Minengänge und Geschosse, die übereinander getürmt sind, gesehen, wovon wir nichts verstanden haben, nein, wir haben sie in dem Blick, in der Rede, in dem Gebahren gesehen, in dem, was man den Geist der Verteidiger Sewastopols nennt. Was sie thun, thun sie so schlicht, so ohne Anspannung und Anstrengung, daß wir die Überzeugung gewinnen, sie können noch hundertmal mehr – sie können alles. Wir begreifen, daß das Gefühl, das sie schaffen heißt, nicht das Gefühl der Kleinlichkeit, der Eitelkeit, der Unbedachtsamkeit ist, das wir selbst empfunden haben, sondern ein anderes Gefühl, ein gewaltigeres, das sie zu Menschen gemacht hat, die ebenso ruhig unter dem Regen der Kugeln leben, unter hundert Möglichkeiten des Todes anstatt der einen, der diese Menschen alle unterworfen sind, und die unter diesen Bedingungen leben mitten in ununterbrochener Arbeit, in Wachen und Schmutz. Um eines Ordens willen, um eines Titels willen, um des Zwanges willen können Menschen sich so entsetzlichen Lebensbedingungen nicht fügen: es muß eine andere, eine erhabenere Triebfeder sein. Und diese Triebfeder ist ein Gefühl, das selten, verschämt bei dem Russen in die Erscheinung tritt, das aber auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht – die Liebe zum Vaterland. Erst jetzt sind uns die Erzählungen von den ersten Zeiten der Belagerung Sewastopols, da es noch keine Befestigungen, keine Armee hatte, da es physisch unmöglich war, es zu halten, und doch nicht der mindeste Zweifel bestand, daß es sich dem Feinde nicht ergeben würde, glaubhaft geworden, – die Erzählungen von den Zeiten, da Kornilow, dieser des alten Griechenlands würdige Held, bei einer Musterung der Truppen sprach: »Wir wollen sterben, Kinder, aber Sewastopol nicht übergeben,« und unsere Russen, die kein Talent zur Phrasenmacherei haben, antworteten: »Wir wollen sterben! Urra!« – erst jetzt haben die Erzählungen aus jener Zeit aufgehört, für uns eine schöne geschichtliche Überlieferung zu sein, und sind zur Wahrheit, zur Thatsache geworden. Wir verstehen klar und würdigen die Menschen, die wir soeben gesehen, als die Helden, die in jener schweren Zeit den Mut nicht sinken ließen, sondern steigerten, und die freudig in den Tod gegangen sind, nicht für die Stadt, sondern für das Vaterland. Lange wird in Rußland diese Epopöe von Sewastopol, deren Held das russische Volk war, tiefe Spuren zurücklassen ...
Der Tag neigt sich schon. Die Sonne ist vor ihrem Untergange aus den grauen Wolken hervorgetreten, die den Himmel bedecken, und beleuchtet plötzlich mit purpurnem Licht: lilafarbene Wolken, das mit Schiffen und Böten bedeckte, gleichmäßig wogende grünliche Meer, die weißen Häuser der Stadt und die in den Straßen wogenden Menschen. Über das Wasser tönen die Klänge eines alten Walzers, den die Regimentsmusik auf dem Boulevard spielt, und der Schall der Geschosse von den Bastionen, der sie seltsam begleitet.
Sewastopol, den 25. April 1885.
Sewastopol im Mai 1855
I
Schon sind sechs Monate vergangen seit der Zeit, da die erste Kanonenkugel von den Bastionen Sewastopols pfiff und die Erde in den feindlichen Werken aufriß, und seit der Zeit sind unaufhörlich Tausende von Bomben, Kanonen- und Gewehrkugeln von den Bastionen in die Laufgräben und aus den Laufgräben nach den Bastionen geflogen, und unaufhörlich hat der Engel des Todes über ihnen geschwebt.
Tausendfach ist hier menschliche Eigenliebe gekränkt, tausendfach befriedigt und genährt, tausendfach in den Umarmungen des Todes zum Schweigen gebracht worden. Wie viel blumengeschmückte Särge, wie viel linnene Leichentücher! Und noch immer erschallen dieselben Töne von den Bastionen, noch immer sehen, mit unwillkürlichem Schrecken und Zittern, die Franzosen an einem klaren Abende aus ihrem Lager auf die gelbliche, aufgerissene Erde der Bastionen Sewastopols und die schwarzen, auf ihnen umherwogenden Gestalten unserer Matrosen und zählen die Schießscharten, aus welchen gußeiserne Kanonen trutzig hervorragen; noch immer beobachtet ein Unteroffizier vom Steuer vom Telegraphenhügel aus durch ein Fernrohr die bunten Gestalten der Franzosen, ihre Batterien, ihre Zelte, die Truppenmassen, die sich auf der grünen Höhe bewegen, und die in den Laufgräben aufsteigenden Rauchwölkchen, – und immer noch streben von allen Enden der Welt verschiedene Menschenscharen mit derselben Glut und mit noch verschiedenartigeren Wünschen nach dieser schicksalsreichen Stätte. Und immer noch ist die Frage, die die Diplomaten nicht gelöst haben, nicht gelöst durch Pulver und Blut.
II
In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen bewegten sich müßig in den Gängen. Die helle Frühlingssonne, die am Morgen über den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren Weg über die Bastionen, dann über die Stadt, über die Nikolai-Kaserne zurückgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmäßig wogende Wellen im Silberglanze funkelten.
Ein hochgewachsener, etwas gebückter Infanterieoffizier, der einen nicht ganz weißen, aber sauberen Handschuh über die Hand zog, trat aus dem Pförtchen eines der kleinen Matrosenhäuschen heraus, die auf der linken Seite der Seestraße standen, und ging, nachdenklich seine Füße besehend, über eine Anhöhe zum Boulevard. Der Ausdruck des unschönen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade große Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit und Ordnungsliebe. Er war nicht schön gebaut, ein wenig linkisch, gewissermaßen verschämt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig gebrauchte Mütze, einen dünnen Mantel von etwas eigentümlicher, veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit Strippen und reine, glänzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man hätte ihn für einen Deutschen halten können, wenn seine Gesichtszüge nicht seine rein russische Abkunft verraten hätten, oder für einen Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann hätte er Sporen tragen müssen), oder für einen Offizier, der für die Zeit des Feldzugs von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde übergetreten war. Es war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie übergetreten war, und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der jetzt außer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und seiner Gattin, der blassen, blauäugigen Natascha, seiner Busenfreundin, erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem der Kamerad schreibt:
»Wenn der Invalide bei uns eintrifft, stürzt Pupka (so pflegte der frühere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfüber in das Vorzimmer, greift nach der Zeitung und rennt damit nach der Plauderecke, in das Empfangszimmer (in dem wir so schön die Winterabende zusammen verlebt haben, weißt du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und liest mit solchem Feuereifer Euere Heldenthaten, daß Du Dir's kaum vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. ‚Nicht wahr, Michajlow – sagt sie – ist doch eine Seele von Mensch. Ich könnte ihn abküssen, wenn ich ihn sehe. Er kämpft auf den Bastionen und bekommt gewiß das Georgskreuz, und die Zeitungen werden über ihn schreiben ...‘ u. s. w. u. s. w., so daß ich entschieden anfange, auf Dich eifersüchtig zu werden.« An einer anderen Stelle schreibt er: »Die Zeitungen bekommen wir schrecklich spät, und wenn es auch viele mündliche Nachrichten giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B. haben die Dir bekannten jungen Damen mit der Musik erzählt, Napoleon sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube. Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzählt (er ist im Ministerium für besondere Aufträge, ein reizender Mensch, und jetzt, wo niemand in der Stadt ist, eine solche Ressource für uns, daß Du Dir's kaum vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen hätten Eupatoria genommen, so daß die Franzosen von Balaklava abgeschnitten sind, und wir hätten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren. Meine Frau war so entzückt davon, daß sie die ganze Nacht gezecht hat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne das, und hättest Dich ausgezeichnet.«
Trotz der Worte und Ausdrücke, die ich absichtlich durch die Schrift ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der Stabskapitän Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker gesessen und über »das Gefühl« gesprochen hatte, er dachte an den guten Kameraden, den Ulan, wie er böse war und brummte, wenn sie in seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin über ihn lachte – dachte an die Freundschaft, die diese Menschen für ihn hatten (vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine Phantasie in einem wunderbar süßen, beseligend-rosigen Lichte und, lächelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in der dieser ihm so liebe Brief steckte.
Von Erinnerungen ging der Stabskapitän Michajlow unwillkürlich zu Träumen und Hoffnungen über. »Wie groß wird Nataschas Verwunderung und Freude sein – dachte er, während er durch das schmale Gäßchen dahinschritt, – wenn sie auf einmal im Invaliden die Schilderung lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz bekommen habe! Kapitän muß ich nach altem Brauch werden. Dann kann ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewiß noch viele in diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und ich als ein berühmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ... den Annenorden um den Hals ... Oberst ...« und er war schon General, und würdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war – als die Töne der Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drängende Volk ihm in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte – als der alte Stabskapitän von der Infanterie.
III
Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen, denen statt der Pulte andere Soldaten desselben Regiments die Noten hielten und umblätterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer, Schreiber, Junker und Wärterinnen mit Kindern einen Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saßen und gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weißen Handschuhen. In der großen Allee des Boulevards spazierten Offiziere aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hüten, meist aber in Kopftüchern (es gab auch welche ohne Tücher und ohne Hüte), aber nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwürdig, alle waren jung. Unten in den schattigen, duftenden Alleen weißer Akazien gingen und saßen abgesonderte Gruppen.
Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitän Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitän Obshogow und Kapitän Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die Hand schüttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern, hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so rotes, schweißtriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und ausgelassen, daß es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor den Offizieren in weißen Handschuhen (von diesen begrüßte Stabskapitän Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier hätte er begrüßen können, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen Bekannten zusammengetroffen). Im übrigen aber, welches Vergnügen hätte es für ihn sein können, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen zusammentraf und ihnen die Hand drückte? Nicht darum war er zur Musik gekommen.
Er wäre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrüßt hatte, und hätte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit die Kapitäne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und die anderen sähen, daß er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzählt hätten.
Warum aber scheut sich der Stabskapitän Michajlow, warum entschließt er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? »Wie, wenn sie mich auf einmal nicht wiedergrüßen – denkt er – oder wenn sie mich grüßen und in ihrem Gespräch fortfahren, als ob ich nicht da wäre, oder sich ganz von mir entfernen und ich allein dort bleibe unter den Aristokraten?« Das Wort Aristokraten (im Sinne eines höheren, auserwählten Kreises, gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Rußland, wo es, wie man glauben müßte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit eine große Popularität bekommen und ist in alle Gegenden und in alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nur der Dünkel eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhältnisse dringt diese klägliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in Winniza – überall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dünkel, d. h. auch viel Aristokraten, obgleich jede Minute der Tod schwebt über dem Haupte jedes Aristokraten und Nicht-Aristokraten.
Für den Kapitän Obshogow ist der Stabskapitän Michajlow ein Aristokrat, für den Stabskapitän Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat, weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht. Für den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er Flügeladjutant ist.
Dünkel, Dünkel, Dünkel überall, selbst am Rande des Grabes und unter Menschen, die bereit sind, aus einer edlen Überzeugung in den Tod zu gehen, überall Dünkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den Menschen vergangener Zeit nichts gehört von dieser Leidenschaft, wie von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dünkels als eine notwendigerweise existierende, darum berechtigte Thatsache hinnehmen und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen unheilvollen, aber unüberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte, die unbewußt sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzählung von Snobs und Dünkel?
Der Stabskapitän ging zweimal an der Gruppe seiner Aristokraten vorüber, beim drittenmal überwand er sich und trat zu ihnen heran. Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows Bekannter, der Adjutant Fürst Galzin, der sogar für Kalugin selbst ein wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenannten Hundertzweiundzwanzig Bürgerlichen (Verabschiedete, die für diesen Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister Praßkuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows Glück war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben erst mit ihm höchst vertraulich gesprochen, und Fürst Galzin, der eben aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht für erniedrigend, dem Stabskapitän Michajlow die Hand zu reichen, was Praßkuchin jedoch sich nicht entschließen konnte zu thun, obgleich er sehr häufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war, mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar vom Préférence her zwölf und einen halben Rubel schuldete. Da er den Fürsten Galzin noch nicht näher kannte, wollte er vor ihm seine Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitän der Infanterie nicht zeigen. Er grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken.
Wie, Kapitän, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ... Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es ging heiß her?
Ja, es ging heiß her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der kühn und mutig mit dem Säbel klirrend, vorwärts ging.
Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...
Er wollte sagen, daß die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fähnrich übrig sei, hätte er es für seine Pflicht gehalten, sich für die Stelle des Leutnants Nepschißezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion. Kalugin ließ ihn nicht aussprechen.
Ich fühle, daß es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Fürsten Galzin.
Wie, wird es heut nichts geben? fragte schüchtern Michajlow, indem er bald Kalugin, bald Galzin ansah.
Niemand antwortete ihm. Fürst Galzin runzelte nur eigentümlich die Stirn, ließ seinen Blick an seiner Mütze vorbeischweifen und sagte nach einer kurzen Pause:
Ein prächtiges Mädchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht, Kapitän?
Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete der Stabskapitän.
Gehen wir, sehen wir sie uns an.
Und Fürst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen – den Stabskapitän unter den Arm; er war im voraus überzeugt, daß dies dem letzteren ein großes Vergnügen bereiten müsse, was in der That zutreffend war.
Der Stabskapitän war abergläubisch und hielt es für eine große Sünde, sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle spielte er den Schwerenöter, was ihm Fürst Galzin und Kalugin offenbar nicht glaubten, und was das Mädchen in dem roten Tuch außerordentlich verwunderte, da sie öfter bemerkt hatte, wie der Stabskapitän errötet war, wenn er an ihrem Fenster vorüberging. Praßkuchin ging hinterdrein, stieß den Fürsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in französischer Sprache; da es aber nicht möglich war, zu Vieren den schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehen und nahm nur in der zweiten Gruppe den berühmten, tapferen Marineoffizier Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gespräch mit ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe der Aristokraten anzuschließen. Und der berühmte Held schob mit Freuden seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Praßkuchins, der allen, auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter Mensch. Als Praßkuchin dem Fürsten Galzin seine Bekanntschaft mit diesem Marineoffizier erklärte und ihm zuraunte, er sei ein berühmter Held, schenkte Fürst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit; er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich daher für keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so mancher Ruhm werde für nichts gewonnen.
Dem Stabskapitän Michajlow machte es so viel Vergnügen, in dieser Gesellschaft umherzuschlendern, daß er den lieben Brief aus T. und die düsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange auf die Bastion überkommen hatten, vergaß. Er blieb so lange in ihrer Gesellschaft, bis sie ausschließlich untereinander zu plaudern begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben, daß er gehen könne, und sich schließlich ganz von ihm entfernten. Der Stabskapitän war trotzdem zufrieden und kränkte sich nicht im mindesten über die verdächtig-hoffärtige Art, in der der Junker Baron Pest sich brüstete und die Mütze vor ihm zog, als er an ihm vorüberging; der Junker war nämlich seit der gestrigen Nacht, – die er zum ersten Male in der Blindage der fünften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich für einen Helden hielt, – besonders stolz und selbstbewußt.
IV
Kaum aber hatte der Stabskapitän die Schwelle seiner Wohnung überschritten, als ihm völlig andere Gedanken in den Sinn kamen. Er sah sein kleines Zimmerchen mit dem unebnen Lehmboden und den schiefen, mit Papier beklebten Fenstern, sein altes Bett mit dem darüber befestigten Teppich, auf dem eine Reiterin abgebildet war und über dem zwei Pistolen aus Tula hingen, die schmutzige, mit einer Kattundecke versehene Lagerstätte des Junkers, der mit ihm zusammenwohnte; er sah seinen Nikita, der, mit verwirrtem, fettigem Haar, sich kratzend, von der Diele aufstand; er sah seinen alten Mantel, seine umgestülpten Stiefel und ein Bündel, aus dem das Ende eines Käses und der Hals einer großen Flasche mit Branntwein, den er sich für den Aufenthalt auf der Bastion besorgt, hervorragten; und plötzlich fiel ihm ein, daß er heut auf die ganze Nacht mit der Kompagnie in die Schützengräben gehen müsse.
»Gewiß, ich werde heut sterben müssen, – dachte der Stabskapitän – ich fühle es. Die Hauptsache ist, daß ich nicht zu gehen brauchte, aber mich selbst angeboten habe. Immer fällt der, der sich selber anbietet. Und was fehlt denn diesem verfluchten Nepschißezki? Er ist vielleicht gar nicht krank, und es soll ein anderer für ihn fallen, ja, gewiß fallen. Übrigens aber, wenn ich nicht falle, werde ich sicher vorgeschlagen. Ich habe wohl gemerkt, wie es dem Regimentskommandeur gefiel, als ich sagte: »Gestatten Sie, daß ich gehe, wenn Leutnant Nepschißezki krank ist.« Setzt es nicht den Major, so ist mir der Wladimir gewiß. Gehe ich doch schon das dreizehnte Mal auf die Bastion. Ach, dreizehn ist eine böse Zahl. Ich werde bestimmt fallen – ich fühle es, daß ich fallen werde. Aber Einer muß doch gehen, ein Fähnrich kann doch nicht die Kompagnie führen. Und wenn sich etwas ereignen sollte? ... die Ehre des Regiments, die Ehre der Armee hängt ja davon ab. Meine Pflicht war es, ja, meine heilige Pflicht. Aber ich habe Vorahnungen.« Der Stabskapitän vergaß, daß er derartige Vorahnungen mehr oder minder stark schon oft gehabt hatte, wenn er auf die Bastion gehen sollte, und wußte nicht, daß dieselbe Vorahnung mehr oder minder stark jeder empfindet, der ins Feuer geht. Beruhigt durch das Pflichtbewußtsein, das bei dem Stabskapitän besonders entwickelt und stark war, setzte er sich an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief an seinen Vater zu schreiben. Als er nach zehn Minuten den Brief beendet, stand er mit thränenfeuchten Augen vom Tische auf und begann, im Geiste alle ihm bekannten Gebete wiederholend, sich umzukleiden. Sein angetrunkener und grober Diener reichte ihm träge seinen neuen Rock (der alte, den der Stabskapitän gewöhnlich anzog, wenn er auf die Bastion ging, war nicht gereinigt).
Weshalb ist der Rock nicht gereinigt? Du willst nur immer schlafen, du! du! rief Michajlow zornig.
Was schlafen? brummte Nikita; den ganzen geschlagenen Tag läuft man umher wie ein Hund, da wird man wohl müde; und dann heißt es: schlaf' nicht mal ein!
Du bist wieder betrunken, sehe ich.
Nicht für Ihr Geld habe ich getrunken, was machen Sie mir Vorwürfe?
Schweig', Tölpel, schrie der Stabskapitän und wollte seinem Diener einen Schlag versetzen. Er war schon vorher erregt gewesen, jetzt war er vollends außer sich und erbittert über die Grobheit Nikitas, den er gern hatte, sogar verwöhnte, und mit dem er bereits zwölf Jahre zusammen lebte.
Tölpel? Tölpel ... wiederholte der Diener, und weshalb schimpfen Sie mich Tölpel, Herr? In solcher Zeit, wie jetzt, ist es nicht recht, zu schimpfen.
Michajlow erinnerte sich, wohin er zu gehen hatte und schämte sich.
Du bringst einen wirklich um alle Geduld, Nikita, sprach er mit sanfter Stimme, diesen Brief an meinen Vater laß auf dem Tische liegen, rühr' ihn nicht an, fügte er errötend hinzu.
Zu Befehl, Herr, sprach Nikita, den unter dem Einflusse des Weines, den er, wie er sagte, für sein eigenes Geld getrunken hatte, ein Gefühl der Rührung überkam, und der mit dem ersichtlichen Wunsche, in Thränen auszubrechen, mit den Augen zwinkerte.
Als der Stabskapitän auf der Außentreppe sagte: lebe wohl, Nikita! brach Nikita plötzlich in Schluchzen aus und stürzte auf seinen Herrn zu, um ihm die Hände zu küssen. Leben Sie wohl, Herr, sprach er schluchzend. Eine alte Matrosenfrau, die auf der Außentreppe stand, konnte als Weib dieser Gefühlsszene nicht unbeteiligt zuschauen, sie wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel die Augen und sprach ihre Verwunderung darüber aus, warum sich denn die Herren solchen Qualen aussetzten; sie sagte, sie sei eine arme Witwe, und erzählte zum hundertsten Male dem betrunkenen Nikita von ihrem Kummer: wie ihr Mann schon beim ersten »Bandirement« getötet und ihr Häuschen total zerstört worden (das, in dem sie jetzt wohnte, gehörte nicht ihr) u. s. w. Nachdem der Herr gegangen war, zündete Nikita sein Pfeifchen an, bat das Haustöchterchen, Schnaps zu holen und hörte sehr bald auf zu weinen. Ja, er begann sogar mit der Alten einen Zank wegen eines kleinen Eimers, den sie ihm zerschlagen haben sollte.
»Vielleicht werde ich nur verwundet, dachte der Stabskapitän, als er bereits in der Dämmerung mit der Kompagnie auf die Bastion ging. – Aber wo, wie: hier oder dort? er hatte den Leib und die Brust im Sinn. – Wenn hier (er dachte an den Oberschenkel), würde der Knochen ganz bleiben ... Wenn aber hier, besonders von einem Bombensplitter, dann ist es aus!«
Der Stabskapitän gelangte glücklich durch die Laufgräben bis zu den Schützengräben, stellte mit Hilfe eines Sappeuroffiziers bereits in vollständiger Dunkelheit die Leute zur Arbeit an und setzte sich in eine kleine Grube unter der Brustwehr. Es wurde wenig geschossen, nur bisweilen flammten bald bei uns, bald bei »ihm« Blitze auf und beschrieb eine leuchtende Bombenröhre einen feurigen Bogen am dunklen, gestirnten Himmel. Aber alle Bomben fielen weit hinten und rechts von dem Schützengraben nieder, in dessen Grube der Stabskapitän saß. Er trank seinen Schnaps, aß seinen Käse, rauchte seine Cigarette und versuchte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, ein wenig zu schlafen.
V
Fürst Galzin, Oberstleutnant Neferdow und Praßkuchin, den niemand gerufen hatte, mit dem niemand sprach, der sich aber immer zu ihnen hielt, verließen alle drei den Boulevard, um bei Kalugin Thee zu trinken.
Nun, du hast mir noch nicht zu Ende erzählt von Wasjka Mendel, sprach Kalugin; er hatte den Mantel abgelegt, saß am Fenster auf einem weichen, bequemen Sessel und knöpfte den Kragen seines weißen, gestärkten Oberhemdes auf, – wie hat er sich verheiratet?
Zum Kranklachen, Kamerad! ... Je vous dis, il y avait un temps, on ne parlait que de ça à Pétersbourg, sagte Fürst Galzin lachend, erhob sich von dem Klavier, vor dem er saß, und setzte sich auf das Fenster neben Kalugins Fenster, einfach zum Kranklachen. Ich kenne die Geschichte schon ganz genau ...
Und er begann lustig, witzig und lebendig eine Liebesgeschichte zu erzählen, die wir hier übergehen, weil sie für uns nicht interessant ist. Aber merkwürdig war's, daß nicht bloß Fürst Galzin, sondern alle diese Herren, die sich's hier bequem gemacht hatten, der eine im Fenster, der andere mit übergeschlagenen Beinen, der dritte am Klavier, ganz andere Menschen zu sein schienen, als auf dem Boulevard: frei von der lächerlichen Aufgeblasenheit und Dünkelhaftigkeit, die sie den Infanterie-Offizieren gegenüber hatten; hier waren sie unter sich, gaben sich natürlich und waren, besonders Kalugin und Fürst Galzin, höchst liebenswürdige, heitere und gute Jungen. Es war die Rede von Petersburger Kameraden und Bekannten.
Was macht Maslowski?
Welcher: der von den Leib-Ulanen oder von der Garde-Kavallerie?
Ich kenne sie beide. Den Gardisten habe ich noch als Knaben gekannt, wie er eben aus der Schule kam. Nicht wahr, der ältere ist Rittmeister?
O, schon lange!
Geht er noch immer mit seinem Zigeunermädel?
Nein, die hat er laufen lassen ... oder so ähnlich.
Dann setzte sich Fürst Galzin an das Klavier und sang prächtig ein Zigeunerlied. Praßkuchin, obwohl von niemand gebeten, begann ihn zu begleiten, und so gut, daß man ihn bat, in der Begleitung fortzufahren, was er auch sehr gern that.
Ein Diener trat ins Zimmer; er brachte Thee, Sahne und Bretzeln auf einem silbernen Präsentierteller.
Reiche dem Fürsten! sagte Kalugin.
Es ist doch eigentümlich, daran zu denken, sagte Galzin, indem er ein Glas nahm und ans Fenster ging, daß wir hier in der belagerten Stadt, ... »Klaviergesang«, Thee mit Sahne und eine solche Wohnung haben, wie ich sie wirklich in Petersburg haben möchte.
Ja, wenn auch das noch fehlte, entgegnete der mit allem unzufriedene alte Oberstleutnant, so wäre diese beständige Erwartung einfach unerträglich, – zu sehen, wie jeden Tag die Menschen fallen und fallen, ohne daß man ein Ende absieht, – wenn man dabei noch im Schmutz leben müßte und keine Bequemlichkeit hätte! ...
Und was sollen unsere Infanterieoffiziere sagen, rief Kalugin, die auf den Bastionen mit den Soldaten in den Blindagen liegen und Soldatensuppe essen? – was sollen die sagen?
Die? Die wechseln allerdings acht Tage lang nicht die Wäsche, aber das sind auch Helden, bewunderungswürdige Menschen.
In diesem Augenblick kam ein Infanterieoffizier ins Zimmer.
Ich ... ich habe Befehl ... kann ich als Bote des Generals N. den Gen... Seine Excellenz sprechen? fragte er schüchtern und grüßte.
Kalugin erhob sich; aber ohne den Gruß des Offiziers zu erwidern, fragte er ihn mit beleidigender Höflichkeit und einem erzwungenen offiziellen Lächeln, ob es »Ihnen« nicht beliebte zu warten, dann wandte er sich, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, an Galzin, sprach mit ihm französisch, so daß der arme Offizier, der mitten im Zimmer stehen geblieben war, absolut nicht wußte, was er mit seiner Person machen sollte.
In einer äußerst dringenden Angelegenheit, sagte der Offizier nach einem minutenlangen Schweigen.
Ich bitte Sie, mit mir zu kommen, sagte Kalugin, zog den Mantel an und begleitete den Offizier zur Thür.
Oh bien, messieurs, je crois, que cela chauffera cette nuit! sagte Kalugin, als er vom General zurückgekommen war.
Wie? Was? Ein Ausfall? begannen alle zu fragen.
Ich weiß nicht, Sie werden selber sehen, antwortete Kalugin mit einem geheimnisvollen Lächeln.
Mein Kommandeur ist auf der Bastion, darum muß ich wohl auch hingehen, sagte Praßkuchin und legte den Säbel an.
Aber niemand antwortete ihm, er mußte selber wissen, ob er zu gehen habe oder nicht.
Praßkuchin und Neferdow gingen hinaus, um sich auf ihre Plätze zu begeben.
Leben Sie wohl, meine Herren! Auf Wiedersehen, meine Herren! Wir werden uns heute Nacht noch wiedersehen! schrie Kalugin aus dem Fenster, als Praßkuchin und Neferdow über ihre Kosakensättel gebeugt, den Weg entlang trabten. Das Getrabe der Kosakenpferde verklang bald in der dunklen Straße.
Non, dites moi, est-ce qu'il y aura véritablement quelque chose cette nuit? sagte Galzin, während er mit Kalugin im Fenster lag und die Bomben betrachtete, die über den Bastionen aufstiegen.
Dir kann ich's erzählen. Siehst du, ... du bist ja auf den Bastionen gewesen? – (Galzin machte ein Zeichen der Zustimmung, obgleich er nur einmal auf der vierten Bastion gewesen war.) – Dort, unserer Lunette gegenüber war ein Laufgraben ... und Kalugin, der kein Fachmann war, trotzdem aber seine strategischen Ansichten für sehr richtig hielt, begann, ein wenig verwirrt und die technischen Ausdrücke verdrehend, den Stand unserer und der feindlichen Werke und den Plan des beabsichtigten Unternehmens zu schildern.
Aber um die Schützengräben beginnt es zu knallen. Oho! Ist das eine von uns oder von »ihm«? Da platzt sie, riefen sie, indem sie vom Fenster aus, die feurigen, in der Luft sich kreuzenden Linien der Bomben, die den dunkelblauen Himmel auf einen Augenblick erleuchtenden Blitze der Schüsse und den weißen Pulverrauch betrachteten und den Tönen des immer stärker werdenden Schießens lauschten.
Quel charmant coup d'oeil, a? sagte Kalugin, indem er die Aufmerksamkeit seines Gastes auf dies wirklich schöne Schauspiel lenkte. Weißt du, bisweilen kann man einen Stern nicht von einer Bombe unterscheiden.
Ja, ich dachte soeben, daß das ein Stern sei; aber er fällt ... sieh, sie ist geplatzt. Und dieser große Stern ... wie heißt er? – sieht ganz wie eine Bombe aus.
Weißt du, ich habe mich so an diese Bomben gewöhnt, daß mir in Rußland, ich bin davon überzeugt, in einer Sternennacht alles als Bomben erscheinen wird, – so gewöhnt man sich daran.
Soll ich aber nicht lieber diesen Ausfall mitmachen? sagte Fürst Galzin nach einem minutenlangen Schweigen.
Laß nur gut sein, Kamerad, und denk' nicht daran; ich lasse dich auch nicht fort, antwortete Kalugin, du kommst schon noch zurecht, Kamerad!
Im Ernst? ... Du meinst also, ich brauche nicht zu gehen – wie?
In diesem Augenblicke ließ sich in der Richtung, nach der die Herren sahen, auf das Kanonengebrüll, schreckliches Gewehrgeknatter hören, und Tausende von kleinen Feuern, die ununterbrochen aufflammten, blitzten auf der ganzen Linie.
So ist's, wenn's richtig losgeht! sagte Kalugin. Solches Gewehrfeuer kann ich nicht kaltblütig anhören: weißt du, es erschüttert einem gewissermaßen die Seele. Horch, das Urra! fügte er hinzu, indem er auf den entfernten, gedehnten Ton von Hunderten von Stimmen: »a–a, aa,« die von der Bastion her zu ihm drangen, horchte.
Wessen Urra ist das – das ihrige oder das unsere?
Ich weiß nicht; aber das Handgemenge ist schon losgegangen, denn das Feuer schweigt.
In diesem Augenblick kam ein Offizier, von einem Kosaken begleitet, unter das Fenster an die Außentreppe gesprengt und stieg vom Pferde.
Woher?
Von der Bastion. Ich muß zum General!
Gehen wir. Nun, was giebt's?
Wir haben die Schützengräben angegriffen ... genommen ... die Franzosen haben zahllose Reserven herangeführt ... haben die Unsrigen angegriffen ... wir hatten nur zwei Bataillone, sprach atemlos und nach Worten ringend, nach der Thür gewandt, derselbe Offizier, der am Abend dagewesen war.
Haben wir die Schützengräben geräumt? fragte Galzin.
Nein, antwortete ärgerlich der Offizier, ein Bataillon kam noch zur rechten Zeit, – wir haben sie zurückgeschlagen; aber der Regimentskommandeur ist tot, viele Offiziere, – es ist Befehl gegeben, um Verstärkung zu bitten.
Mit diesen Worten ging er, von Kalugin begleitet, zum General, wohin wir ihm nicht mehr folgen wollen.
Schon nach fünf Minuten saß Kalugin auf einem Kosakenpferde und wieder in der eigentümlichen quasi-kosakischen Weise, in der, wie ich beobachtet habe, alle Adjutanten etwas Besonderes, Anmutiges sehen, und ritt im Trabe nach der Bastion, um einige Befehle zu überbringen und Nachrichten über das endgültige Resultat des Treffens abzuwarten; Fürst Galzin begab sich unter dem Eindruck der peinigenden Erregung, welche die nahen Anzeichen eines Treffens auf einen Zuschauer zu machen pflegen, der nicht daran teilnimmt, auf die Straße, um hier ziellos hin- und herzugehen.
VI
Soldaten brachten Verwundete auf Tragbahren oder führten sie unterm Arme. Auf der Straße war es vollständig dunkel; nur selten glänzte Licht in einem Hospitale oder bei zusammensitzenden Offizieren. Von den Bastionen her drang der frühere Geschütz- und Gewehrdonner, und die früheren Feuer flammten unter dem schwarzen Himmel auf. Bisweilen hörte man den Hufschlag des Pferdes eines fortgesprengten Ordonnanz-Offiziers, das Stöhnen eines Verwundeten, die Schritte und das Gemurmel von Krankenträgern und die Reden bestürzter Einwohner, die auf die Außentreppe gegangen waren und sich die Kanonade mit ansahen.
Unter den letzteren befand sich auch der uns bekannte Nikita, die alte Matrosenfrau, mit der er sich schon versöhnt hatte, und deren zehnjährige Tochter. »Herr Gott, heil'ge Mutter Gottes!« sprach seufzend die Alte vor sich hin, als sie die Bomben sah, die wie Feuerbälle unaufhörlich von einer Seite nach der anderen flogen; schrecklich, wie schrecklich! ... i–i–hi–hi ... So schlimm war's nicht beim ersten »Bandirement«. Sieh, wo die Verfluchte geplatzt ist! gerade über unserm Hause in der Vorstadt.
Nein, weiter, zur Tante Arinka fallen alle in den Garten, sprach das Mädchen.
Und wo, wo ist jetzt mein Herr? sagte Nikita mit etwas singender Stimme und noch ein wenig betrunken. Wie ich diesen Herrn liebe, das kann ich gar nicht sagen, – ich liebe ihn so, wenn man ihn, was Gott verhüte, sündhaft töten sollte, dann, glauben Sie mir, liebe Tante, weiß ich selber nicht, was ich mit mir anfangen soll, – bei Gott! Ein solcher Herr ist er, daß ... mit einem Worte! Soll ich ihn denn mit denen vertauschen, die da Karten spielen? ... Was? – pfui, mit einem Worte! schloß Nikita und zeigte dabei auf das erleuchtete Fenster im Zimmer seines Herrn, wohin Junker Shwadtschewskij, während der Abwesenheit des Stabskapitäns, zur Feier seiner Dekoration den Oberstleutnant Ugrowitsch und den Oberstleutnant Nepschißezki, der an Reißen litt, zu einem Festmahl geladen hatte ...
Wie die Sternchen, die Sternchen fliegen! unterbrach, nach dem Himmel sehend, das Mädchen das Nikitas Worten folgende Schweigen: sieh, sieh, dort springt es noch! Weshalb ist das so, liebe Mutter?
Sie werden unser Häuschen ganz und gar vernichten, sprach seufzend und ohne auf die Frage des Mädchens zu antworten, die Alte.
Und wie ich heut mit der Tante dorthin ging, Mütterchen, fuhr das im singenden Tone sprechende Mädchen fort, da lag eine große Kanonenkugel in der Stube neben dem Schranke, sie hatte, wie man sah, den Vorraum durchgeschlagen und war in die Stube geflogen ... So groß, daß man sie nicht aufheben konnte!
Wer einen Mann hatte und Geld, der ist fortgezogen, – hier haben sie auch das letzte Häuschen zu Schanden geschossen, sagte die Alte. Sieh, sieh, wie er feuert, der Bösewicht! Herr Gott! Herr Gott!
Und wie wir gerade fortgehen, kommt eine Bombe geflogen, sie platzt und überschüttet uns mit Erde, fast hätte mich und die Tante ein Stück getroffen.
VII
Immer mehr und mehr Verwundete auf Tragbahren und zu Fuß, die einen von den andern gestützt und laut untereinander sprechend, kamen dem Fürsten Galzin entgegen.
Wie sie herangestürzt kamen, Kameraden, sprach mit Baßstimme ein großer Soldat, der zwei Gewehre auf dem Rücken trug, wie sie herangestürzt kamen und losschrien: »Allah, Allah!«[C] so klettert einer über den andern weg. Schlägt man die einen tot, gleich kommen andere hinterdrein geklettert – da ist nichts zu machen. Kopf an Kopf ...
[C] Unsere Soldaten waren aus den Türkenkriegen so an diesen Schlachtruf gewöhnt, daß sie jetzt immer erzählen, die Franzosen schreien auch Allah.
An dieser Stelle seiner Erzählung unterbrach ihn Galzin.
Kommst du von der Bastion?
Jawohl, Euer Wohlgeboren.
Nun, was gab's dort? Erzähle.
Was es dort gab? Ihre »Macht« rückte heran, Euer Wohlgeboren, sie klettern auf den Wall und aus war's. Sie haben vollständig gesiegt, Euer Wohlgeboren!
Was? gesiegt? ... Ihr habt sie ja doch zurückgeschlagen?
Wie soll man »ihn« zurückschlagen, wenn »seine« ganze »Macht« heranrückt! Er hat alle Unsrigen getötet, und Hilfe kommt nicht.
Der Soldat hatte sich geirrt, denn der Laufgraben war in unserem Besitz; aber das ist eine Eigentümlichkeit, die jeder beobachten kann: ein Soldat, der in einer Schlacht verwundet worden ist, hält sie stets für verloren und für schrecklich blutig.
Wie hat man mir da sagen können, daß Ihr den Feind zurückgeschlagen habt? sagte Galzin unwillig. Vielleicht ist er, nachdem du fort warst, zurückgeschlagen worden? Bist du schon lange von dort fort?
Diesen Augenblick, Euer Wohlgeboren! antwortete der Soldat, er ist schwerlich zurückgeschlagen; der Laufgraben ist jedenfalls in seinen Händen. – Er hat vollständig gesiegt.
Nun, und ihr schämt euch nicht, den Laufgraben geräumt zu haben? Das ist schrecklich! sagte Galzin, empört über diese Gleichgültigkeit.
Was soll man thun gegen die »Macht«? brummte der Soldat.
Euer Wohlgeboren, sprach in diesem Augenblick neben ihnen ein Soldat von einer Tragbahre herab, wie soll man nicht weichen, wenn er beinahe alle getötet hat. Wäre unsere Macht dagewesen, wir würden lebend nicht zurückgegangen sein. Was will man aber machen? Den einen habe ich niedergestoßen, da bekam ich auch sogleich einen Hieb ... O – ach, ruhiger, Brüderchen, gleichmäßiger, geh langsamer ... O–o–o! stöhnte der Verwundete.
Hier geht in der That, glaub' ich, viel überflüssig Volk, sagte Galzin, indem er den langen Soldaten mit den zwei Gewehren wieder zurückhielt. Warum gehst du fort? He, du, still gestanden!
Der Soldat blieb stehen und nahm mit der linken Hand die Mütze ab.
Wohin gehst du und weshalb? schrie er ihn barsch an. Verf...
Aber in diesem Augenblick war er ganz nah herangekommen, und bemerkte, daß sein rechter Arm über dem Aufschlag bis über den Ellbogen hinaus blutig war.
Bin verwundet, Euer Wohlgeboren.
Wodurch verwundet?
Hier, wohl durch eine Gewehrkugel, sagte der Soldat, auf seinen Arm zeigend, und hier, aber ich kann nicht sagen, was mich hier an den Kopf getroffen hat, er beugte den Kopf vor und zeigte die blutigen, zusammenklebenden Haare am Hinterkopf.
Und wem gehört das zweite Gewehr?
Ein französischer Stutzen, Euer Wohlgeboren, ich habe es einem fortgenommen. Ja, ich wäre auch nicht fortgegangen, wenn ich nicht diesen Soldaten hätte führen wollen, sonst fällt er, fügte er hinzu, indem er auf einen Soldaten wies, der ein wenig vor ihm ging, sich auf das Gewehr stützte und mit Mühe das linke Bein schleppend vorwärts bewegte.
Fürst Galzin schämte sich auf einmal sehr wegen seines ungerechten Verdachts. Er fühlte, wie er rot wurde, wandte sich ab und ging, ohne die Verwundeten weiter auszufragen oder zu beobachten, nach dem Verbandplatz.
Mit Mühe wand sich Galzin auf der Außentreppe durch die zu Fuß gehenden Verwundeten und durch die Krankenträger, die Verwundete brachten und Tote forttrugen, hindurch; dann ging er in das erste Zimmer, warf einen Blick hinein, wandte sich sogleich unwillkürlich zurück und eilte hinaus ins Freie – das war zu schrecklich!
VIII
Der große, hohe, dunkle Saal, nur von vier oder fünf Kerzen erleuchtet, bei deren Licht die Ärzte die Verwundeten besichtigten, war buchstäblich voll. Die Krankenträger brachten fortwährend Verwundete, legten sie nebeneinander auf die Diele, auf der es schon so eng war, daß die Unglücklichen sich stießen und einer in des andern Blute lag, und holten neue. Die auf den nicht besetzten Stellen der Diele sichtbaren Blutlachen, der fieberheiße Atem von einigen Hunderten Menschen und die Ausdünstungen der Träger erzeugten einen eigentümlichen, drückenden, dicken, übelriechenden Dunst, in dem die Lichte an den verschiedenen Enden des Saales trübe brannten. Stöhnen, Seufzen, Röcheln, bisweilen durch einen durchdringenden Schrei unterbrochen, erfüllte den ganzen Saal. Die »Schwestern« schritten mit ruhigen Gesichtern und mit dem Ausdruck thätiger, praktischer Teilnahme, nicht mit dem des wertlosen, frauenhaften, krankhaft-thränenreichen Mitleids, bald hierhin, bald dorthin durch die Reihen der Verwundeten mit Arznei, mit Wasser, mit Binden, mit Charpie, und tauchten zwischen blutigen Mänteln und Hemden auf. Die Ärzte knieten mit aufgestreiften Ärmeln vor den Verwundeten, in deren Nähe die Feldscher Lichte hielten, und untersuchten, befühlten, und sondierten die Wunden, ohne auf das schreckliche Stöhnen der Dulder zu achten. Einer der Ärzte saß in der Nähe der Thür an einem kleinen Tisch und trug in dem Augenblick, da Galzin ins Zimmer trat, bereits den 532ten Verwundeten in die Liste ein.
Iwan Bogajew, Gemeiner der dritten Kompagnie des S..-Regiments, fractura femuris complicata, rief ein anderer vom Ende des Saales her, indem er das zerschossene Bein befühlte. Dreh' ihn um.
O weh, Väterchen, mein liebes Väterchen! schrie der Soldat und flehte, man möchte ihn nicht anrühren.
Perforatio capitis!
Ssemjon Neferdow, Oberstleutnant im N..-Infanterieregiment. Sie müssen ein wenig Geduld haben, Oberst, sonst geht es nicht: ich lasse Sie sonst liegen, sprach ein dritter, indem er mit einem Häkchen in dem Kopfe des Oberstleutnants hin- und hertastete.
Ach, nicht doch! O, um Gotteswillen, schneller, schneller, um ... A–a–a–a–a!
Perforatio pectoris! ... Sewastjan Ssereda, Gemeiner ... von welchem Regiment? ... Lassen Sie das Schreiben: moritur. Tragt ihn weg, sagte der Arzt, und ging von dem Soldaten fort, der mit brechenden Augen dalag und schon röchelte.
Vierzig Mann, als Träger verwendete Soldaten, standen an der Thür, um die Verbundenen ins Lazarett, die Toten in die Kapelle zu tragen, und betrachteten von Zeit zu Zeit schwer seufzend dieses Bild ...
IX
Auf dem Wege zur Bastion traf Kalugin viele Verwundete; da er aber aus Erfahrung wußte, wie schlecht in der Schlacht ein solches Schauspiel auf den Geist eines Menschen wirkt, so blieb er nicht nur nicht stehen, um sie zu befragen, sondern suchte vielmehr sie gar nicht zu beachten. Unten am Berge begegnete ihm ein Ordonnanz-Offizier, der in gestrecktem Galopp von der Bastion gesprengt kam.
Sobkin! Sobkin! ... halten Sie einen Augenblick.
Nun, was giebt's?
Wo kommen Sie her?
Aus den Schützengräben.
Nun, wie geht's dort zu, heiß?
Ach, entsetzlich!
In der That hatte, obwohl das Gewehrfeuer schwächer geworden, die Kanonade mit neuer Heftigkeit und Wut begonnen.
»Ach, gräßlich!« dachte Kalugin, indem er ein unangenehmes Gefühl empfand, und ihn auch eine Vorahnung, ein sehr natürlicher Gedanke – der Gedanke an den Tod überkam. Aber Kalugin war ehrgeizig und mit stählernen Nerven begabt, mit einem Wort, was man tapfer nennt. Er gab sich nicht der ersten Empfindung hin und suchte sich Mut zu machen, er erinnerte sich eines Adjutanten, ich glaube Napoleons, der in dem Augenblick, wo er den Befehl zum Galopp weiter gab, mit blutendem Kopfe zu Napoleon herangesprengt kam.
Vous êtes blessé? sagte Napoleon zu ihm. – »Je vous demande pardon, Sire, je suis mort.« Und der Adjutant sank vom Pferde und war auf der Stelle tot.
Das erschien ihm sehr schön, und in seiner Einbildung kam er sich selbst ein wenig wie dieser Adjutant vor, er schlug sein Pferd mit der Peitsche, und gab sich noch mehr die kecke »Kosakenpose«, warf einen Blick zurück auf den Kosaken, der in den Steigbügeln aufrecht stehend hinter ihm her trabte, und kam als ein ganzer Held an der Stelle an, wo er vom Pferde steigen sollte. Hier traf er vier Soldaten, die auf Steinen saßen und ihre Pfeifen rauchten.
Was macht ihr hier? schrie er sie an.
Wir haben einen Verwundeten fortgebracht, Euer Wohlgeboren, und haben uns hingesetzt, um auszuruhen, antwortete der eine von ihnen, indem er seine Pfeife hinter dem Rücken verbarg und die Mütze abnahm.
Ja, ausruhen ... Marsch, an eure Plätze!
Er ging mit ihnen zusammen den Laufgraben entlang den Berg hinauf, wobei er auf Schritt und Tritt Verwundeten begegnete. Auf der Höhe des Berges wandte er sich links und befand sich, nachdem er einige Schritte gegangen war, ganz allein. Ein Bombensplitter sauste ganz nahe an ihm vorbei und schlug in den Laufgraben ein. Eine andere Bombe stieg vor ihm auf und kam, wie ihm schien, gerade auf ihn zu geflogen. Plötzlich wurde ihm schrecklich zu Mute: er lief trabend fünf Schritte weit und legte sich auf die Erde nieder. Als die Bombe platzte, und zwar entfernt von ihm, war er auf sich selber sehr böse, er stand auf und sah sich um, ob jemand sein Niederlegen bemerkt hätte; aber niemand war da.
Wenn die Furcht sich einmal der Seele bemächtigt hat, weicht sie nicht bald einem anderen Gefühle. Er, der sich immer gebrüstet hatte, daß er sich niemals bücke, ging jetzt mit beschleunigten Schritten und fast kriechend den Laufgraben entlang. »Ach, schlimm! dachte er, als er stolperte, ich werde unfehlbar getötet,« er fühlte, wie schwer es ihm wurde, zu atmen, und wie der Schweiß an seinem ganzen Körper hervortrat, und wunderte sich über sich selber, versuchte aber nicht mehr, seiner Empfindung Herr zu werden.
Plötzlich ließen sich Schritte vor ihm hören. Schnell richtete er sich auf, hob den Kopf in die Höhe und ging, munter mit dem Säbel klirrend, nicht mehr mit den früheren schnellen Schritten einher. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Als er einem Sappeuroffizier und einem Matrosen begegnete und der erstere ihm zurief: »Duck dich!« indem er auf den leuchtenden Punkt einer Bombe zeigte, die immer heller und heller, immer schneller und schneller sich näherte und in der Nähe des Laufgrabens platzte, – bog er nur ein wenig und unwillkürlich, unter dem Einfluß des warnenden Schreies, den Kopf und ging weiter.
Sieh da, der ist tapfer! sagte der Matrose, der ruhig die fallende Bombe betrachtet und mit erfahrenem Blick sofort berechnet hatte, daß ihre Splitter in den Laufgraben nicht einschlagen konnten, er duckt sich nicht einmal!
Nur noch einige Schritte hatte Kalugin über einen kleinen Platz bis zur Blindage des Kommandeurs der Bastion zu gehen, als ihn wieder das dumpfe Gefühl und die thörichte Furcht von vorhin überkam; sein Herz schlug stärker, das Blut strömte ihm nach dem Kopfe, und er mußte sich zusammennehmen, um nach der Blindage zu laufen.
Warum sind Sie so außer Atem? sagte der General, als er ihm die Befehle überbrachte.
Ich bin sehr schnell gegangen, Excellenz!
Wollen Sie nicht ein Glas Wein?
Kalugin trank ein Glas Wein und rauchte eine Cigarette an. Das Gefecht hatte bereits aufgehört, nur die starke Kanonade dauerte auf beiden Seiten fort. In der Blindage saß der General N., der Kommandeur der Bastion und sechs Offiziere, unter ihnen auch Praßkuchin, und sprachen über verschiedene Einzelheiten des Gefechts. Als Kalugin in diesem behaglichen Zimmer saß, das mit hellblauen Tapeten ausgeschlagen war, das ein Sofa, einen Tisch, auf dem Papiere lagen, ein Bett, eine Wanduhr und ein Heiligenbild, vor dem eine Lampe brannte, enthielt, – als er diese Zeichen der Wohnlichkeit und die fast drei Fuß dicken Balken der Decke sah und die in der Blindage nur schwach tönenden Schüsse hörte, – konnte er gar nicht begreifen, wie er sich zweimal von einer so unverzeihlichen Schwäche hatte können übermannen lassen. Er war über sich selber erzürnt und sehnte sich nach der Gefahr, um sich von neuem zu prüfen.
Ich freue mich, daß auch Sie hier sind, Kapitän, sagte er zu einem Marineoffizier im Stabsoffiziersmantel mit einem starken Schnurrbart und dem Georgskreuz, der inzwischen in die Blindage gekommen war und den General bat, ihm Arbeiter zu geben, um zwei auf seiner Batterie verschüttete Schießscharten wieder herzustellen. Der General hat mir befohlen, mich zu informieren, fuhr Kalugin fort, als der Batteriekommandeur aufgehört hatte, mit dem General zu sprechen, ob Ihre Geschütze den Laufgraben mit Kartätschen beschießen können.
Nur ein Geschütz kann es, antwortete mürrisch der Kapitän.
Jedenfalls wollen wir hingehen und nachsehen.
Der Kapitän runzelte die Stirn und schrie zornig:
Schon die ganze Nacht habe ich dort gestanden und bin hierher gekommen, um nur ein wenig auszuruhen, können Sie nicht allein hinuntergehen? Mein Stellvertreter, der Leutnant Karz, ist dort, er wird Ihnen alles zeigen.
Der Kapitän kommandierte schon seit sechs Monaten diese Batterie, eine der gefährlichsten, wohnte sogar schon seit Anfang der Belagerung, da es noch keine Blindagen gab, ununterbrochen auf der Bastion und hatte unter den Seeleuten den Ruf der Tapferkeit. Daher setzte seine Weigerung Kalugin nicht wenig in Erstaunen und Verwunderung. »Was bedeutet der Ruf!« dachte er.
Nun, so werde ich allein gehen, wenn Sie gestatten, entgegnete er in etwas spöttischem Tone dem Kapitän, der jedoch seine Worte nicht weiter beachtete.
Kalugin bedachte aber nicht, daß er zu verschiedenen Zeiten alles in allem nur an fünfzig Stunden auf den Bastionen zugebracht, während der Kapitän sechs Monate dort gewohnt hatte. Kalugin trieb noch die Eitelkeit, der Wunsch zu glänzen, die Hoffnung auf Auszeichnungen, auf Ruhm und der Reiz der Gefahr; der Kapitän hatte all das schon durchgemacht: auch er hatte der Eitelkeit, der Tapferkeit, der Gefahr nachgestrebt, der Hoffnung auf Auszeichnungen und Ruhm, und hatte auch beide errungen, jetzt aber hatten alle diese Reizmittel ihre Macht über ihn verloren, und er betrachtete den Krieg mit anderen Augen: er erfüllte aufs pünktlichste seine Pflicht, war sich aber dessen wohl bewußt, wie wenig Aussichten ihm für das Leben blieben, und setzte darum nach einem Aufenthalte von sechs Monaten auf der Bastion diese Aussichten nicht ohne die dringendste Not aufs Spiel, so daß der junge Leutnant, der vor acht Tagen bei der Batterie eingetreten war, der sie jetzt Kalugin zeigte, sich mit ihm unnützerweise zur Schießscharte hinauslehnte und auf die Banketts kletterte, ihm zehnmal tapferer erschien, als der Kapitän.
Als Kalugin die Batterie besichtigt hatte und nach der Blindage zurückging, stieß er in der Finsternis auf den General, der sich mit seinen Ordonnanzoffizieren auf die Höhe begab.
Rittmeister Praßkuchin! sagte der General, gehen Sie gefälligst in den rechten Schützengraben hinunter und sagen Sie dem zweiten Bataillon des M.-Regiments, das dort auf Arbeit ist, daß es die Arbeit abbrechen, ohne Lärm abmarschieren und sich mit seinem Regiment vereinigen soll, das unten am Berge in Reserve steht ... Verstehen Sie? Sie werden es selbst zum Regiment führen.