Die Abenteuer des
Fliegers von Tsingtau

Die Abenteuer des
Fliegers von Tsingtau

Meine Erlebnisse in drei Erdteilen

von

Kapitänleutnant

Gunther Plüschow

1916

Verlag Ullstein & Co, Berlin

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co., Berlin.

Inhalt

Fliegerfreuden und Fliegerleiden [11]
Herrliche Tage in Tsingtau [28]
Kriegsalarm — Meine Taube [37]
Allerhand Scherze der Japs [61]
Meine Kriegslist [70]
Hurra! [79]
Der letzte Tag [86]
Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes [98]
Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin [108]
Sie haben mich! [135]
Hinter Mauern und Stacheldraht [148]
Die Flucht [188]
Schwarze Nächte an der Themse [196]
Ein blinder Passagier [237]
Der Weg in die Freiheit [239]
Wieder im Vaterland! [243]

Fliegerfreuden und Fliegerleiden

Es war im August des Jahres Neunzehnhundertunddreizehn, als ich in meiner Heimatstadt Schwerin anlangte. Mehrere Wochen hatte ich mich in England aufgehalten, hatte mich vor allen Dingen in London dem Studium der dortigen reichhaltigen Kunstschätze hingegeben und mich tagelang in London und seiner Umgebung herumgetrieben. Damals ahnte ich nicht, wie wertvoll mir diese Streifzüge zwei Jahre später werden sollten.

Eine gewisse innere Erregung und Unruhe hatte mich schon auf der ganzen Reise befallen, und als ich in Schwerin ankam, wagte ich nicht, meinem Onkel, der mich abholte, die Frage, die mir seit Tagen auf der Seele gebrannt hatte, zu stellen. Denn in diesen Tagen sollten die neuen Herbstkommandierungen der Marine herauskommen, und für mich handelte es sich darum, ob mein seit Jahren genährter Wunsch endlich in Erfüllung gehen sollte.

Die Frage meines Onkels: „Weißt du, wo du hinkommst?” traf mich wie ein elektrischer Schlag.

„Nein.”

„Na, dann herzlichen Glückwunsch, Marine-Fliegerabteilung!”

Vor Freude hätte ich am liebsten mitten auf der Straße einen Handstand gemacht, doch die guten Schweriner Mitbürger wollte ich nicht zu sehr in Aufruhr versetzen.

Endlich war also mein Wunsch erfüllt!

Die letzten Tage des Urlaubs vergingen wie im Fluge, und froh kehrte ich zur Marineschule zurück, um die letzten Wochen meiner anderthalbjährigen Tätigkeit als Inspektionsoffizier zu vollenden, und wohl noch nie habe ich mit größerer Freude meine Koffer gepackt, um meiner neuen Bestimmung entgegenzufahren.

Gerade einige Tage vor meiner Abfahrt kam einer meiner Kameraden zu mir und rief mir zu:

„Wissen Sie schon das Neueste, wo Sie hinkommen sollen?”

„Ja, Flieger.”

„Mensch, Sie ahnen ja noch gar nicht Ihr Glück, Sie kommen ja nach Tsingtau!”

Ich war sprachlos und muß ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben.

„Ja, Tsingtau, und zwar als Flieger! Sie Glückspilz, Sie sollen der erste Marineflieger in Tsingtau werden!”

Es war wohl kein Wunder, daß ich dieses nicht glauben wollte, bevor ich die offizielle Bestätigung erhielt. Es war Wirklichkeit. So viel Dusel sollte ich tatsächlich haben.

Drei Monate Wartezeit noch in Kiel, und endlich brach der erste Januar Neunzehnhundertundvierzehn an, und ich befand mich im geliebten Berlin.

Und die Unruhe! Gar nicht zu bremsen war ich. Und schon am zweiten Januar stand ich in Johannisthal und dachte, sofort mit dem Fliegen anfangen zu können. Aber mir ging es wie wohl den meisten Flugschülern. Zum ersten Male erfuhr ich den alten Erfahrungssatz der Fliegerei: Nur die Ruhe kann es machen, wer fliegen will, muß vor allen Dingen warten lernen!

Warten, warten und immer wieder warten. Achtzig Prozent der ganzen Fliegerei besteht nur aus Warten und Sich-klar-Halten.

Es hatte nämlich Frau Holle gefallen, ihre Daunenkissen auszuschütteln, und das ganze Flugfeld war unter einer tiefen Schneeschicht begraben. Fliegen unmöglich. Und wochenlang kam ich jeden Morgen wieder und dachte: Nun muß doch der Schnee fort sein! Aber enttäuscht kehrte ich nachmittags wieder nach Hause zurück.

Im Februar endlich wurde es schön. Und am ersten Februar saß ich glücklich vorn in meiner Taube, und auf ging es zum ersten Male in die herrliche kalte Winterluft hinauf. Das Wetter meinte es gut in diesen Tagen, und unermüdlich wurde Tag für Tag geschult.

Die Fliegerei lag mir, das hatte ich bald heraus. Und ich war ganz stolz, als ich schon am dritten Tage allein fliegen durfte. Zwei Tage war ich gerade allein geflogen, da kam an einem schönen Sonnabendnachmittag mein unermüdlicher Lehrer Werner Wieting zu mir und sagte: „Na, wie wär's, Herr Oberleutnant, wollen Sie nicht gleich Ihr Pilotenexamen machen? Das wäre doch ein netter kleiner Rekord!”

„Ja, natürlich, ich bin klar!”

Zehn Minuten später saß ich bereits in der Maschine, und lustig drehte ich mit meinem Täubchen die vorgeschriebenen Kurven. Es war eine wahre Lust, sich in der herrlichen Winterluft herumzutummeln. Und als die letzte Prüfungslandung tadellos geglückt war, und als mein Lehrer mir stolz zum Glückwunsch die Hand reichte, da war mir so recht wohl zumute, und ein Gefühl der inneren Befriedigung und des Glücks beschlich mich.

Nun war ich also Pilot. Die Schulzeit war vorüber, und frei und allein konnte ich von jetzt ab täglich eine der großen hundertpferdigen Maschinen nach Herzenslust fliegen.

Ein Sonderunternehmen sollte mir damals viel Freude bereiten. Rumpler hatte einen neuen Eindecker herausgebracht, der besonders auf gutes Steigen gebaut war. Es galt nun, mit diesem Flugzeug den Welthöhenrekord zu erringen. Der bekannte Flieger Linnekogel sollte dieses Flugzeug steuern, und er bat mich, als sein Beobachter mitzufliegen. Was war selbstverständlicher, als daß ich ja sagte!

An einem der letzten Tage im Februar starteten wir zum ersten Versuch. Dicht eingehüllt zum Schutz gegen die große Kälte saßen wir in unserem Flugzeug, und voll Neid blickten uns viele Menschenaugen nach, als sich leicht wie eine Libelle schon nach kurzem Anlauf der Vogel erhob. Mit der Uhr in der Hand beobachtete ich die Höhe, und schon nach fünfzehn Minuten waren zweitausend Meter erreicht, damals eine außerordentliche Leistung. Nun ging es aber langsam. Die Luft wurde sehr unruhig, und wie eine Feder wurden wir durch die heftigen Fallböen auf und ab geworfen. Nach einer Stunde hatten wir endlich viertausend Meter erreicht, als mit einem Fauchen und Spucken der Motor anfing zu streiken und nach wenigen Sekunden mit einem Ruck stehenblieb. In Spiralen glitten wir mit großer Geschwindigkeit dem Boden zu, und wenige Minuten später stand das Flugzeug wohlbehalten auf dem Flugplatz.

Die Kälte war zu groß gewesen, der Motor war einfach eingefroren und dieses Hindernis nicht bedacht worden. Emsig wurden Verbesserungen eingebaut. Schon einige Tage später starteten wir zum selben Versuch, und dieses Mal schienen wir mehr Glück zu haben.

Ruhig und sicher gewannen wir stetig an Höhe.

Viertausend Meter, viertausendzweihundert, viertausendfünfhundert Meter, Gott sei Dank, der Rekord vom letzten Male war gebrochen! Die Kälte war fast unerträglich, und ich glaube, selbst die dickste Pelle hätte bei dem scharfen Luftzug nichts geholfen.

Viertausendachthundert, viertausendneunhundert Meter! Nun fehlten nur noch vierhundert Meter, dann war das gesteckte Ziel erreicht. Aber wie verzaubert weigerte sich das Flugzeug, auch nur einen Meter höher zu klettern. Es half nichts. Der Betriebsstoff ging auf die Neige, und wiederum setzte der Motor plötzlich aus, diesmal in Höhe von viertausendneunhundert Metern.

Ohne einen Tropfen Benzin langten wir wohlbehalten unten an, fast zu einem Eisklotz erfroren.

Alles hatten wir nicht erreicht, aber doch einen schönen Erfolg: der deutsche Höhenrekord war glänzend gewonnen!

Der Erfolg spornte uns aber dazu an, auch das letzte Ziel zu erreichen. Und Anfang März endlich war das Wetter wieder so weit, daß ein neuer Versuch unternommen werden konnte. Noch dicker eingehüllt wie das letztemal, mit Thermometer versehen, aber ohne Sauerstoffapparat verließen wir zu einem dritten Versuche den Flugplatz.

Die ersten Höhen wurden wieder spielend gewonnen. Große Wolken schwebten am Himmel, die Temperatur war eisig. Als wir durch die Wolkendecke nach oben in den strahlenden Sonnenschein durchstießen, hatten wir ein herrliches Erlebnis. Plötzlich sahen wir nämlich vor uns von der Sonne wunderbar beleuchtet ein Zeppelin-Luftschiff, welches ebenfalls zu einer Höhenfahrt aufgestiegen war.

Welch wunderbare Begegnung in über dreitausend Metern Höhe! Weitab von allem Menschengetriebe, hoch über des Alltags Sorge und Last trafen sich die beiden Maschinen, die so beredt von Deutschlands Kraft und Können zeugten.

Wir umkreisten den großen Bruder einige Male und winkten ihm mit den Händen ein stummes „Glück ab” zu!

Dann fing der Ernst für uns wieder an. Und unermüdlich mußten wir arbeiten, um unser Ziel zu erreichen. Nach einer Stunde hatten wir viertausendachthundert Meter erreicht, dann kamen viertausendneunhundert, mein Barograph zeigte bald fünftausend, und immer noch brummte der Propeller seine gleichmäßige Melodie. Ruhig und sicher zog Linnekogel seine Kreise. Das Thermometer zeigte bereits minus siebenunddreißig Grad Celsius, aber wir achteten der Kälte nicht. Nur die Luft wurde etwas knapp. Ein leises Gefühl der Müdigkeit beschlich mich, und die Lungen arbeiteten nur noch in ganz kurzen schnellen Stößen. Jede Bewegung war beschwerlich. Und selbst das einfache Umdrehen nach dem hinter mir sitzenden Führer war mit großer Anstrengung verbunden.

Der Himmel war inzwischen herrlich geworden. Die Wolkenbänke hatten sich verzogen, und wunderbar klar lag unter uns Berlin und seine Umgebung. Nur so groß wie eine Handfläche sah die Weltstadt aus dieser enormen Höhe aus. Ein schwarzer Fleck, in dem man aber klar und deutlich die Straße Unter den Linden und die daran schließende Charlottenburger Chaussee verfolgen konnte.

Von diesem wunderbaren Anblick gänzlich hingerissen, hatte ich längere Zeit nicht auf Uhr und Barograph acht gegeben, und voll Schrecken entsann ich mich meiner Pflichtvergessenheit. Zwanzig Minuten waren etwa vergangen, seitdem ich das letztemal nachgesehen hatte, daß mein Barograph auf fünftausend Meter stand, und jetzt mußte eigentlich das Ziel erreicht sein. Aber wie wurde ich enttäuscht, als mein Zeiger immer noch auf fünftausend stand. Dabei fing Linnekogel an, mir Zeichen zu machen, den Flugplatz zu suchen, und deutete mit der Hand nach unten. Nein, das war mir doch zu arg. Ärgerlich drehte ich mich um, und als Linnekogel dieses nicht sah, versetzte ich ihm einen nicht gerade sanften Tritt gegen sein Schienbein. Dabei hielt ich ihm meine gespreizten fünf Finger vor die Nase und deutete mit der Hand nach oben. Das sollte heißen: Höher, höher, wir sind ja erst fünftausend Meter!

Linnekogel lachte nur, er ergriff meine Hand, schüttelte sie kräftig und zeigte mit der Rechten zweimal fünf. Ich dachte erst, der hat einen Klaps. Und dies wurde noch bestärkt, als Linnekogel den Motor abstellte und in einem steilen Gleitfluge (wir waren senkrecht über Potsdam) in gerader Linie dem Flugplatz Johannisthal zuraste. Nun hieß es für mich aufpassen, den Flugplatz finden. Und glücklich standen wir sechzehn Minuten später vor den Rumplerwerken, freudig begrüßt von den Zuschauern.

Es war erreicht! Der Welthöhenrekord war mit fünftausendfünfhundert Metern gebrochen.

Eine Stunde fünfundvierzig Minuten hatte im ganzen die Fahrt gedauert. Stolz standen wir unter unseren untengebliebenen Mitmenschen. Linnekogel hatte doch recht gehabt; mein Barograph war eingefroren, der Linnekogels, der besser und wärmer eingepackt war, hatte richtig durchgehalten.

Die Tage vergingen, und für mich kam die Zeit, wo ich die Heimat verlassen mußte.

Meine für Tsingtau neu gebaute Taube näherte sich ihrer Vollendung, und mit einem ganz seltsamen Gefühl flog ich mein zukünftiges Flugzeug ein, nachdem es die Abnahmebedingungen bestanden hatte. Mich dünkte es damals das schönste Flugzeug der Welt!

Doch mein Ehrgeiz war damit nicht gestillt. Und unbedingt mußte ich vor meiner Abreise nach dem fernen Osten einen größeren Überlandflug in Deutschland ausführen.

Ich hatte Glück. Meine Bitte fand bei Herrn Rumpler Gehör, und er überließ mir eines seiner Flugzeuge, um mehrere Tage in Deutschland herumzufliegen. Mein Feldpilotenexamen war schnell gemacht, und Ende März saß ich an einem Tage früh um sieben Uhr in meiner voll ausgerüsteten Taube, vor mir als Beobachter mein Freund, der lange Oberleutnant Strehle von der Kriegsakademie.

Dieser saß heute zum erstenmal in einem Flugzeug. Aber an diesen Flug wird er, glaube ich, sein ganzes Leben lang denken.

Glänzend war der Start. Und stolz zog ich meine Kreise, bis ich in fünfhundert Meter Höhe in nördlicher Richtung davonflog. Alles klappte famos. Die Havelseen wurden überquert, Nauen kam in Sicht, als es plötzlich anfing, diesig zu werden, und keine zehn Minuten später war das Pech auch schon da. Dichter Nebel umhüllte uns. Vom Boden war nichts mehr zu sehen. Das war für den ersten Überlandflug, den ich in meinem Leben machte, eine etwas harte Prüfung. Aber sorglos, wie man eben nur als junger Flieger ist, dachte ich bei mir: Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen. Und ruhig flog ich in dem dichten Nebel, mich nach meinem Kompaß richtend, nach Norden zu, denn Hamburg war unser Ziel. Nach zwei Stunden konnte ich endlich in dreihundert Metern Höhe den Boden unter mir wieder sehen, und wer beschreibt meine Freude, als ich einen großen schönen Acker bemerkte. Im stolzen Gleitfluge, just als ob ich über dem Flugfelde wäre, glitt ich nieder und stand bald wohlbehalten mitten auf dem Sturzacker. Leute kamen zu Dutzenden herbei, und groß war meine Freude, als ich erfuhr, daß ich mich auf gutem mecklenburgischem Boden befand und vor allen Dingen dort, wo wir uns nach meines Beobachters und meiner Berechnung befinden mußten. Es war Feiertag, und so hatten wir den guten Leuten ein schönes Sonntagsvergnügen bereitet. Als es aufklarte, wollten wir weiter. Aber der weiche Boden hielt die Räder so fest, daß an ein Hochkommen nicht zu denken war. Unter Freude und Gelächter, unter Hü und Hott und unter manchem derben Scherzworte, welches wir über uns ergehen lassen mußten, zogen die willigen Zuschauer den Riesenvogel über den Acker.

Und nachdem einige Bäume gefällt waren, ging es dann noch über einen Graben hinüber und auf ein hartes Feld.

Trotzdem wir starten wollten, ließ man uns erst weg, nachdem wir uns an vorzüglichem Kaffee und Napfkuchen gestärkt hatten.

Nach reichlichem Händeschütteln und vielem Hurrageschrei und Tücherwinken beim Start waren wir wieder oben und zogen nördlichen Kurs ein.

Die Freude dauerte nur kurze Zeit. Und schon fünfzehn Minuten später waren wir wieder in graue Nebelschichten eingehüllt. Nach zwei Stunden wurde die Sache ungemütlich, denn mit einem Male fing der verdammte Motor an zu spucken und zu fauchen. Bald machte er dreihundert Touren zu wenig, bald zweihundert zu viel!

Ich untersuchte alle meine Apparate und Ventile und bemerkte zu meinem Schrecken, daß der Benzinvorrat rasend abnahm. So gut es ging, hielt ich mein Flugzeug fest und glitt auf dreihundert Meter herunter.

Aber, o Schreck! Der Nebel verzog sich etwas, und wo war ich? Mitten über der Alster! Und dabei ein aussetzender Motor und nur dreihundert Meter hoch und keine Ahnung, wo der Flugplatz Fuhlsbüttel lag. Nun gab's nur eins: Ruhe und Entschlossenheit. Ein Gedanke durchzuckte mich: Raus aus der Stadt, und keine unschuldigen Menschenleben gefährden! Auf einen Zettel schrieb ich meinem Beobachter: „Wir müssen in fünf Minuten gelandet sein, sonst haben wir keinen Betriebsstoff mehr und gehen baden!” Suchend spähte mein Beobachter nach unten, und plötzlich zeigte er freudig erregt mit der Hand nach einem unter uns liegenden Kirchhof. Der gute Kamerad! Er ahnte ja nicht, in welcher Lage wir uns befanden und welch ein Hohn eigentlich aus seiner Armbewegung sprach.

Wir waren bereits zweihundert Meter herunter. Der Motor ruckte ungleichmäßig, die Benzinuhr zeigte zehn Liter. Ich aber war froh. Aus der Stadt waren wir glücklich heraus, und wenn auch an eine glatte Landung in dem Gartengewirr für uns nicht zu denken war, fremde Menschenleben konnten wir wenigstens nicht mehr gefährden. In solchen Situationen ist jede Sekunde eine Ewigkeit, und Gedanken und Überlegungen jagen sich in unheimlicher Geschwindigkeit. Wer da nicht ruhig bleibt, eisernen Willen zeigt, der ist verloren. Mein Beobachter fing plötzlich an mit der Hand zu schwenken und nach vorn zu zeigen. Und ich sehe jetzt noch im Geiste seine strahlenden Augen vor mir, die mir durch seine Fliegerbrille entgegenleuchteten.

Vor uns schimmerte, von den Strahlen der untergehenden Sonne durch den Nebel matt beleuchtet, die Luftschiffhalle von Fuhlsbüttel.

Hurra! Unser Ziel war erreicht.

Wer beschreibt meine Freude! Mit dem letzten Liter Benzin machte ich noch eine Ehrenrunde um den Flugplatz, und nach steilem Gleitfluge setzte die Taube leicht und sicher auf dem Platze auf.

In der ersten Freude wäre ich meinem Beobachter am liebsten um den Hals gefallen. Der gute Kerl hatte ja gar nicht geahnt, in welcher Gefahr wir uns befunden hatten, und war höchst erstaunt, als ich ihm davon erzählte. Noch jetzt, wo ich wirklich weiß, was fliegen heißt, überläuft es mich kalt, wenn ich an diesen ersten Überlandflug denke! Der Versager war bald festgestellt. Der untere Teil des einen Vergasers war abgebrochen, und das Benzin floß durch die Bruchstelle ab, so oft durch die Erschütterungen des Motors der Riß erweitert wurde. Daher auch das schnelle Fallen des Benzins und der ungleiche Gang des Motors. Daß kein Vergaserbrand entstand, ist mir heute noch ein Rätsel.

Nachdem wir drei Tage bei liebsten Freunden in Bremen zugebracht hatten, kam endlich der neue Vergaser in Hamburg an. Nun wollen wir weiter.

Nächstes Ziel: Schwerin in Mecklenburg.

An einem regnerischen, stürmischen Nachmittage setzte ich mich in meine vollbeladene Maschine. Ein Zug am Hebel, und mit Vollgas schwirrten wir los.

Heutzutage würde ich bei solchem Wetter nur fliegen, wenn es unbedingt nötig wäre. Damals besaß ich aber die Naivität und vor allen Dingen die Begeisterung eines jungen Fliegers. Das Glück im Unglück ließ auch nicht lange auf sich warten. Das schwergeladene Flugzeug wollte nicht hoch, die Böen warfen es hin und her wie einen Spielball, und ich wäre gerne umgedreht. Aber daran war bei der geringen Höhe nicht zu denken. Nun kamen auch schon die ersten Häuser von Hamburg. Darüber hinwegzukommen unmöglich! Ich war sechzig Meter hoch, unter mir sah ich ein kleines Feld. Also kurz entschlossen: Gas weg! Landen! Im selben Augenblick faßte mich eine Fallbö, ich fühlte, wie das Flugzeug unter mir weggezogen wurde, und da ich dachte: Jetzt zerschellst du auf dem Boden, gab ich Vollgas und riß das Höhensteuer hoch, um den Anprall abzuschwächen. Aber im selben Moment fühle ich einen Ruck unter mir, und die Maschine stellte sich steil auf den Kopf, als wenn eine unsichtbare Hand das Fahrgestell festgehalten hätte.

Das Folgende war nur noch ein Werk von Bruchteilen von Sekunden. Ich riß an meinem Höhensteuer, nahm Gas weg, und schon erhielt ich einen schweren, harten Stoß. Krampfhaft hielt ich mein Steuerrad fest und flog mit meinem Kopf hart gegen die Karosserie.

Totenstille um mich herum.

Tiefe Finsternis und furchtbares Schweigen. Durch einen Strom beißender Flüssigkeit, der über mein Gesicht herabfloß, kam ich wieder zu mir.

Mit den Beinen nach oben, den Körper zusammengepreßt und das Gesicht gegen meine Brust gedrückt, lag ich still da. Da durchzuckte es mich:

Du bist ja abgestürzt, das Flugzeug kann jeden Moment anfangen zu brennen, und du bist mit deinem Beobachter verloren! Tastend suchte ich in meiner zusammengequetschten Stellung nach dem Zündhebel und war froh, ihn endlich gefunden und die Zündung ausgeschaltet zu haben. Dann kam langsam das Bewußtsein der Wirklichkeit zu mir zurück, und ich dachte an meinen armen Beobachter. Der saß ja vorne, hatte den ersten Anprall abzuhalten und mußte bereits zerquetscht sein, wenn die Karosserie den Stoß nicht ausgehalten hatte. Als sich vorn nichts rührte, fragte ich endlich mit gepreßter Stimme, denn ich war so zusammengequetscht, daß ich kaum noch Luft bekam: „Strehlchen, leben Sie noch?”

Pause, entsetzliche Stille.

Auf meine zweite Frage vernahm ich dann:

„Ja! Was ist eigentlich los? Hier ist es so dunkel, ich glaube, es muß etwas passiert sein.”

O, wie frohlockte ich da. Ich schrie förmlich vor Vergnügen: „Strehlchen, Mensch, Sie sind ja am Leben, das ist die Hauptsache! Sind Ihre Knochen eigentlich noch heil?” Der gute lange Kerl war in dem kleinen Raum schrecklich zusammengequetscht, und ich hörte nur noch sein: „Ja, ich weiß nicht, das wird sich hoffentlich später feststellen lassen.”

Dann war es wieder still. Das Benzin floß noch aus dem mit hundertsiebzig Litern gefüllten Tank in Strömen aus, und nach einer Zeit, die mir die Ewigkeit dünkte, klopfte jemand draußen an, und von weither erklang eine Stimme:

„Na, lebt da noch jemand drin?”

„Und ob,” rief ich, „nun man dalli, sonst ersticken wir hier noch drin!”

An dem Flugzeugrumpf wurde gehoben. Ich hörte mit Spaten graben, und endlich drang frische Luft zu uns herein.

„Halt”, rief Strehle, „anderen Weg anlüften, ihr brecht meinen Arm ab!”

Die Helfer versuchten es von der anderen Seite, und endlich wurde mir mein Sitz abgelüftet, und ich lag frei und weich auf einem wunderbar duftenden Mistbeet. Da kroch auch schon der lange Strehle hervor, und nicht oft habe ich einem Menschen so glücklich die Hand geschüttelt wie diesem treuen Begleiter.

Donnerwetter! Sah das böse aus. Die Maschine vollkommen überschlagen, ungefähr ein Meter in den weichen Düngerhaufen tief hineingebohrt. Der Rumpf dreimal gebrochen, die Tragflächen nur noch ein Knäuel von Holz, Leinwand und Drähten.

Und diesen Absturz hatten zwei Menschen heil und glücklich überstanden!

Strehle hatte sich nur das Rückgrat etwas verstaucht und ich mir zwei Rippen gebrochen. Das war alles. Nie in meinem Leben schimpfe ich wieder über einen Misthaufen. Möge ihm und seinen Nachfolgern ewiges Gedeihen beschieden sein!

Traurig und etwas hinkend legten wir den Rest der Abschiedsreise per Bahn zurück.

Aber dann kamen Tage voll Sonnenschein und Licht, voller Wärme und Glückseligkeit und voller Blumen, wunderbarster Blumen in unerhörtester Schönheit und Fülle.

Und dann kam die Pflicht, und die Fahrt begann.


Herrliche Tage in Tsingtau

Tagelang ging's in der Eisenbahn durch Rußlands Steppen und Wüsten hindurch der Bestimmung, dem fernen Osten, entgegen.

Endlich Mukden! Peking war bald vorüber ... Tsinanfou! Die ersten deutschen Laute klangen mir entgegen, dann kamen die letzten zehn Stunden der Eisenbahnfahrt durch wunderbares blühendes Ackerland voller Gärten, Felder und Blumen; und endlich lief der Zug langsam auf dem Hauptbahnhof von Tsingtau ein.

Tsingtau sah ich nun nach sechs Jahren wieder!

Nun war ich wieder auf deutschem Grund und Boden, in einer deutschen Stadt im fernen Osten.

Meine Kameraden holten mich ab. Unter schnellem Trippel-Trappel zogen mich die kleinen mongolischen Steppenpferdchen der neuen Heimat zu.

Zuerst ging es auf den Iltis-Platz, welcher unsere Rennbahn war und gleichzeitig mein Flugplatz werden sollte. Festlich prangte der Ort, und ganz Tsingtau war hier versammelt. In der Mitte der weiten Rasenfläche hatte sich ein ungeheurer Kreis von Zuschauern gebildet, welche den Fußballplatz umgaben. Heute war Festtag, und ein großes Fußballwettspiel wurde zwischen den deutschen Matrosen und ihren englischen Kameraden vom englischen Flaggschiff „Good Hope” ausgetragen.

„Good Hope” weilte zu Besuch in Tsingtau. Es wurde ein glänzendes Spiel und endete 1: 1.

Wer hätte das damals geahnt! Knapp sechs Monate später traten sich dieselben Gegner gegenüber, aber dann war es ernstes, furchtbares Spiel, bei dem es nur Siegen oder Sterben gab. Es war bei der Seeschlacht von Coronel, in der die deutschen Blaujacken in siebenundzwanzig Minuten das englische Flaggschiff „Good Hope” in die furchtbare Tiefe des Stillen Ozeans hinabsandten.

Heute wußte noch keiner etwas von den kommenden Ereignissen, und froh bewegt und in bester Kameradschaft vereint nahmen die deutschen Matrosen ihre englischen Gäste mit nach Hause. Zwei Tage später lief das englische Geschwader aus, kurz hinterher unser Kreuzergeschwader unter der Führung des Admirals Grafen von Spee.

Und lustig flatterten die Flaggen im Winde, die das Signal der beiden Geschwaderchefs überbrachten, welches lautete: „Leben Sie wohl, auf Wiedersehen!”

Wer ahnte es: Bei Coronel sollte es geschehen.

Gleich nach meiner Ankunft und nachdem die dienstlichen Meldungen erledigt waren, sah ich mich nach meinem Flugzeug um und hoffte schon in den nächsten Tagen den erstaunten Tsingtauern meinen Riesenvogel vorführen zu können. Aber Mahlzeit! Ruhig konnte ich wieder einige Wochen warten, denn mein Flugzeug schwamm noch quietschfidel um Indien herum, und der Dampfer wurde erst im Juli erwartet.

Na, denn nicht, liebe Tante, sagte ich und hatte nunmehr vollauf Zeit, mich in Tsingtau umzusehen und mir eine Wohnung zu suchen. Eine entzückende kleine Villa war bei meinem Flugplatze gerade frei, und schleunigst wurde diese gemietet, und ich bezog dieses entzückende Heim mit meinem neuen Kameraden Patzig.

Alles, um mich wirklich glücklich zu fühlen, war vorhanden. Mein schönes Kommando, das Landkommando der Marine; ich war in Tsingtau, dem Paradiese auf Erden, meine dienstliche Tätigkeit war die schönste, die ich mir wünschen konnte, und dabei diese entzückende Villa, hoch auf einer Anhöhe gelegen mit wunderbarer Aussicht auf den Iltis-Platz und das weite tiefblaue Meer. Außerdem gehörte ich zur berittenen Truppe, drei wunderbare Jahre lagen vor mir. Wer sollte glücklicher und zufriedener sein als ich? Jetzt ging's an die Inneneinrichtung der Wohnung. Ich hatte eine ganze Anzahl Bilder über Wohnungseinrichtungen aus der „Kunst”, und mit diesen zog ich zu unserem tüchtigen Chinesentischler und bestellte danach eine Einrichtung. Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher fabelhaften Geschicklichkeit die Chinesen alles nachmachen können, und dabei in unglaublich kurzer Zeit und ganz besonders billig. Als vier Wochen später alles angelangt war, die Möbel an dem richtigen Platz standen und das Haus von oben bis unten glänzte und leuchtete, da zogen wir frischgebackenen „Villenbewohner” stolz und freudig in unser neues Heim. Nichts fehlte. Und besonders war auch das erforderliche Dienstpersonal vorhanden. Damit der Europäer im fernen Osten Ansehen vor den Chinesen gewinnt, muß er sich mit viel chinesischem Dienstpersonal umgeben, und es ist fast eine moralische Pflicht jedes Europäers, dies zu tun.

Moritz, der Koch, in seinem schönen blauseidenen Ischang; Fritz, der Mafu (Pferdeknecht), stets grinsend, dafür aber um das Wohl der Pferde sehr bedacht; Max, der Gärtner, faul wie die Sünde, und endlich August, der freche kleine Laufjunge, bildeten das Heer unserer dienstbaren Geister.

Dazu kamen „Herr” Dorsch und „Herr” Simon.

Diese beiden „Herren” waren unsere Burschen, die von der Sitte des fernen Ostens, daß der Europäer im Beisein der Chinesen nicht körperlich arbeiten darf, redlich Gebrauch machten.

Ein großer Garten umgab unser Haus, in dem sich auch noch der Pferdestall mit Wagenremise, Autogarage und Chinesenwohnungen befanden. Das Wichtigste aber war: mein Hühnerstall. Schon zwei Tage nach meiner Ankunft hatte ich mir eine Bruthenne gekauft, ihr ein Dutzend Eier untergelegt, und als wir die Wohnung bezogen, hatte ich bereits sieben lebendigen Küken das Leben geschenkt.

Geflügel ist billig in China. Das Huhn kostet zehn Pfennig, eine Ente oder Gans eine Mark, und so hatte ich auch bald einen Geflügelhof von fünfzig Tieren zusammen.

Ja, richtig, ich war ja „Reiter” geworden! Also ein Pferd beschaffen! Einer der Kameraden hatte einen entzückenden kleinen Fuchs. Wir wurden handelseinig, und bald darauf stand „Fips” in meinem Stall. „Fips” war ein entzückendes Tier, gutes Dienstpferd, dabei tadellos für Jagdreiten und Polospielen. Aber Wamse bekommt er doch, wenn ich ihn mal wiedersehen sollte; denn während der Belagerung ließ der Lümmel mich am Tage vor der Einschließung einfach im Stich, als ich ins Vorgelände geritten war. Da einige Schrapnells in seiner Nähe krepierten, riß er sich los und lief zum Feinde über.

Das ganze Leben in Ostasien ist für den Europäer recht eintönig. Wenig Geselligkeit, keinerlei Theater, keine Musik, nichts von alledem, das man so ungern vermißt. Die einzige Erholung und der einzige Trost sind eben, daß man etwas besser lebt wie unter den gleichen Verhältnissen zu Hause, und der Pferdesport. In Tsingtau blühte letzterer ganz besonders.

Mit Begeisterung widmete ich mich dem Poloreiten, und nachdem ich mich einigermaßen an die ungewohnten Schlinger- und Stampfbewegungen meines Pferdes gewöhnt hatte, ging die Kiste herrlich.

Der erste Absturz in Tsingtau.

Mitte Juli wurde endlich meine Sehnsucht gestillt. „Der” Dampfer war da und hatte die Flugzeuge mitgebracht. Kaum standen die riesigen Kisten auf dem Kai, als ich auch schon mit meinen Leuten dabei war und die armen Vögel, die zum Fluge durch Luft und Sonne geboren waren, aus ihren dunklen Gefängnissen befreite, in denen sie monatelang gesessen hatten. Da die Kisten zu schwer waren, mußten die Flugzeuge an Ort und Stelle ausgepackt werden. Hei! Das Hallo unter den chinesischen Gaffern. Als alles schön ausgepackt war, wurde der Triumphzug angeordnet. Erst kamen die beiden Flugzeuge, dann kamen drei Wagen mit den Tragflächen und dann zwei Wagen mit den Zubehörteilen. Die Pferde zogen an, und stolz durchfuhren wir Tsingtau und zogen im Triumphe in die Flughalle auf dem Iltis-Platz ein.

„August”, der freche Laufjunge.

Nun gab es keine Ruhe mehr. Tag und Nacht arbeiteten wir am Zusammensetzen und Verspannen, und zwei Tage später, ganz in der Frühe, als noch kein Mensch es ahnte, stand mein Flugzeug klar am Startplatz, und als die Sonne aufging, gab ich Vollgas und schoß in die wunderbare reine Seeluft hinaus.

Den ersten Flug in Tsingtau werde ich nie vergessen. Der Flugplatz war außerordentlich klein, nur sechshundert Meter lang und zweihundert Meter breit, voll von Hindernissen und rings umgeben von Hügeln und Felsen. Wie klein der Platz aber wirklich war und wie ungeheuer schwer zum Starten und Landen, das sollte ich bald noch zur Genüge erfahren. Mein Freund Clobuczar, ein früherer österreichischer Fliegeroffizier, der jetzt auf der „Kaiserin Elisabeth” war, sagte mir mal: „Ein Flugplatz soll das hier sein? Höchstens ein Kinderspielplatz! In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht gesehen, daß ein Mensch in einem solchen Platze fliegen soll.” Mir ging's ähnlich so. Und ich würde mir in Deutschland ein solches Plätzchen höchstens mal als Notlandungsplatz aussuchen.

Aber zu machen war nichts. Es war dies der einzige Platz im ganzen Schutzgebiete, alles andere war wild zerklüftetes Gebirge, durchzogen von tiefen Ravinen. Doch an diesem wunderbar sonnigen Morgen kümmerte ich mich nicht darum, und froh bewegt zog ich über Tsingtau meine Kreise und scheuchte durch das Gebrumm meines Propellers die gänzlich überraschten Tsingtauer aus ihrem Schlafe. Als ich zum Landen schritt, wurde mir doch ein bißchen komisch zumute! Donnerwetter, war der Platz klein! Und unwillkürlich drehte ich immer länger meine Kreise und verschob immer wieder den kommenden kritischen Moment der Landung.

Doch ewig oben bleiben konnte ich ja nicht. Und endlich gab ich mir einen Ruck, nahm Gas weg und stand einen Augenblick später nach einer tadellosen Ziellandung auf meinem Platz. Nun war ich meiner Sache sicher. Und den ganzen Morgen bin ich kaum aus meinem Flugzeug herausgekommen.

Jetzt gings aber wieder an die Arbeit. Das zweite Flugzeug, auch eine Rumpler-Taube, welches von meinem Kameraden vom Seebataillon, Leutnant Müllerskowski, geflogen werden sollte, mußte zusammengebaut und verspannt werden. Nach zwei Tagen, am einunddreißigsten Juli Neunzehnhundertvierzehn, nachmittags war alles in Ordnung.

Müllerskowski stieg in sein Flugzeug, und nachdem ich ihm einige Erfahrungen, die ich mit diesem Flugplatz nun schon gemacht, mitgegeben hatte, zog er Vollgas und schwirrte los.

Das Glück blieb meinem Kameraden nicht hold.

Sein Flugzeug war eben einige Sekunden in der Luft und befand sich zirka fünfzig Meter hoch gerade an der kritischen Stelle, wo Flugplatz und gleichzeitig das Land endet und mit steilen Felsen ins Meer abfällt, als es sich plötzlich zur Seite neigte und wir mit Schrecken sehen konnten, wie es in sausender Fahrt mit dem Kopf vorneweg in die Felsen hineinstürzte.

So schnell wir es vermochten, liefen wir zur Unfallstelle. Da sah es bös aus. Das Flugzeug war vollständig zertrümmert, und zwischen diesen Trümmern lag Müllerskowski. Schwer verletzt brachten wir ihn ins Lazarett, wo er bis kurz vor Ende der Belagerung liegenbleiben mußte. Das Flugzeug war vernichtet.

Inzwischen hatte sich auch in Tsingtau manches zugetragen. Der Juli mit all seiner Schönheit und Pracht, mit wunderbarstem Sonnenschein und tiefblauem Himmel war ins Land gezogen. Es ist der schönste Monat für Tsingtau.

Das Badeleben stand in vollster Blüte; es waren besonders viele und nette Fremde, in erster Linie Damen, aus den europäischen und amerikanischen Niederlassungen Chinas und Japans herbeigeströmt, um sich an Tsingtaus Schönheit zu erfreuen und in dem „Ostende des fernen Ostens” das Badeleben zu genießen.

Es war eine ganz herrliche Stimmung. Auto- und Reitpartien, Polospiel und Tennis füllten die dienstfreien Stunden aus, und besonders schön waren abends die Reunions, bei denen Terpsichore voll zu Ehren kam.

Wie auch in den früheren Jahren waren die Engländerinnen unter den Gästen am stärksten vertreten, und bald entwickelte sich ein reizender Verkehr.

Anfang August sollte ein Polowettspiel stattfinden, zu dem wir als Gegenspieler den englischen Poloklub in Schanghai eingeladen hatten.

Da, am dreißigsten Juli, traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel der Befehl der „Sicherung” in Tsingtau ein!


Kriegsalarm — Meine Taube

Ich weiß es noch wie heute.

In aller Frühe kam eine Ordonnanz in unsere Villa und überbrachte Patzig und mir den Befehl, umgehend zum Abteilungskommandeur zu kommen, es wäre Sicherung befohlen. Wir dachten natürlich, es sei nur eine Übung, und redlich brummend ob der Störung der Morgenruhe begaben wir uns an den befohlenen Ort. Hier erhielten wir die Bestätigung der kaum faßbaren Kunde. Und im Inneren fest daran zweifelnd, daß es Krieg geben würde, eilten wir auf unsere Gefechtsstationen und begannen mit den notwendigen Arbeiten.

Der Befehl: „Drohende Kriegsgefahr!”, der am nächsten Tage eintraf, brachte endlich Gewißheit.

Und dann kam der erste August, die Mobilmachung wurde befohlen. Der zweite August brachte die Kriegserklärung gegen Rußland und der dritte die gegen Frankreich.

Diese Tage zu beschreiben, ist kaum möglich.

Man stelle sich bloß vor: Hier war deutsche Kolonie, deutsche Festung, der größte Teil der Tsingtauer waren Offiziere und Soldaten. Dabei war Tsingtau aber in seinem äußeren Gepräge international geworden. Russen, Franzosen und Engländer befanden sich als Gäste mitten unter uns. Es war ein Gegeneinanderwogen von Meinungen und Gefühlen, ein Zustand, wie er wohl kaum wo anders auf der Welt angetroffen werden konnte.

Die Hauptfrage, ich möchte sagen, die Frage, die uns alle beschäftigte, war: Gibt es Krieg mit England?

Nur der, der im fernen Osten gelebt hat, wird ermessen können, was diese Frage bedeutete.

Am zweiten August wurde gerade unser Angebot an England bekannt, ich ritt am selben Tage mit einer englischen Dame spazieren, und es war nur selbstverständlich, daß dieses Thema unsern Hauptgesprächsstoff bildete. Die Ansicht meiner Begleiterin deckte sich mit der all ihrer Freunde und Freundinnen, daß ein Krieg zwischen England und Deutschland undenkbar wäre, sonst würde auch besonders im fernen Osten das Prestige der weißen Rasse vorüber sein und der gelbe Japs lachend die Früchte unserer Zwietracht einheimsen können.

Auch uns Deutsche beschäftigte selbstverständlich nur dieser eine Gedanke, und besonders bei uns Seeoffizieren war von nichts anderem mehr die Rede. Eine Spannung, schlimmer als vor und während der ersten Mobilmachungstage, beherrschte uns. Und wie eine Erlösung kam für uns alle am vierten August die Nachricht:

Der Krieg gegen England ist erklärt!

Nun waren also in Europa die Würfel gefallen.

Daß wir uns alle sehr glücklich fühlten, kann ich nicht behaupten. Ganz im Gegenteil. Immer und immer wieder sagten wir uns: „Nun sitzen wir hier in dem fernen Tsingtau, zu Hause da sind unsere Brüder, unsere Kameraden; die Glücklichen dürfen die wunderbaren Tage der Mobilmachung miterleben, sie dürfen ausziehen gegen eine Welt von Feinden, sie dürfen unser heiliges geliebtes Vaterland, dürfen Weib und Kind verteidigen, und wir Armen sitzen hier und können nicht helfen!”

Schon der Gedanke, wie es in diesen Tagen zu Hause aussähe, konnte uns rasend machen. Denn das wußten wir: Die Engländer, Russen und Franzosen, die uns hier draußen an Zahl weit überlegen waren, würden nicht den Mut finden, uns hier anzugreifen.

Und doch hatten wir immer wieder den einen Funken von Hoffnung: Sie kommen doch noch!

Ach, wie hätten wir die empfangen!

An Japan dachte selbstverständlich niemand!

In all der Arbeit der Mobilmachungstage wurden unsere Gäste nicht vergessen. Sie waren zwar fast alle unsere Feinde, aber sie blieben unsere Gäste.

Die Aufregung unter ihnen ist wohl begreiflich. Vor allen Dingen, da bereits Nachrichten über die geradezu bestialische Behandlung der Deutschen durch die Engländer in den englischen Kolonien zu uns kamen.

Daß unser Verkehr mit den Fremden abgebrochen wurde, war selbstverständlich, aber ebenso selbstverständlich war auch, und das möchte ich an dieser Stelle ganz besonders den Engländern gegenüber hervorheben, daß die vielen Angehörigen der feindlichen Staaten mit einer Rücksicht behandelt wurden, wie es eben nur bei uns „Barbaren” möglich war.

Den Fremden wurde bekanntgegeben, daß sie sich nach Belieben weiter in Tsingtau aufhalten oder aber abfahren könnten, ohne irgendwelchen Zwang, und daß das Gouvernement rechtzeitig ankündigen würde, wenn alle Fremden die Kolonie räumen müßten. Verlangt wurde nur, daß keiner das Stadtgebiet verließe und niemand sich mehr den Befestigungen näherte oder Spionage triebe. Man halte sich hiergegen das Benehmen unserer lieben Vettern in Hongkong und in so vielen anderen Orten der Welt vor Augen!

Die, die es miterlebt haben, könnten Bände darüber schreiben.

Ein Trost war für uns: Wir erhielten täglich drahtlose Nachrichten von Hause!

Den Jubel und die Freude kann man sich kaum vorstellen, die wir beim Eintreffen der Nachrichten empfanden. Meist kamen die Telegramme abends, und wir Offiziere saßen zusammen in unserem kleinen Kasino, selbstverständlich von nichts anderem als vom Kriege sprechend. Und wenn die herrlichen Siegesnachrichten eintrafen, dann war ein Jubel ohnegleichen, aber doch empfanden wir dabei eine ganz unendliche Traurigkeit, denn:

Wir konnten nicht dabei sein!

Dann kam der fünfzehnte August, und wir hielten eine Nachricht von solcher Ungeheuerlichkeit in der Hand, daß wir an der Wahrheit des Gelesenen zweifelten.

Die Ankündigung war folgende:

Extrablatt

„Wir betrachten es als äußerst wichtig und notwendig, in der jetzigen Lage Maßnahmen zu treffen, um die Ursachen aller Störungen des Friedens im fernen Osten zu beseitigen und die allgemeinen Interessen zu schützen, die im englisch-japanischen Allianzvertrag festgelegt sind, mit dem Zweck, festen und dauernden Frieden in Ostasien zu sichern. Dieser Zweck ist die Grundlage des Übereinkommens. Die kaiserlich japanische Regierung glaubt, daß es ihre Pflicht ist, der kaiserlich deutschen Regierung zu raten, die folgenden Vorschläge anzunehmen:

Erstens, die deutschen Kriegsschiffe sofort von den japanischen und chinesischen Gewässern zurückzuziehen, ebenso die bewaffneten Schiffe aller Art und diejenigen Schiffe, die nicht sofort zurückgezogen werden können, zu entwaffnen.

Zweitens, das ganze Pachtgebiet von Kiautschou alsbald, nicht später als am fünfzehnten September, den kaiserlich japanischen Behörden ohne Bedingung und ohne Entschädigung zu übergeben, mit der Aussicht auf evtl. Rückgabe an China.

Die kaiserlich japanische Regierung kündigt zugleich an, daß, im Falle sie bis zum dreiundzwanzigsten August Neunzehnhundertvierzehn keine Antwort von der kaiserlich deutschen Regierung erhalte, in der sie die unbedingte Annahme der Vorschläge übermittelt, die japanische Regierung gezwungen sein wird, ihre Maßnahmen zu treffen, die sie in Anbetracht der Lage für notwendig erachtet.”

Darunter stand von unserem Gouverneur geschrieben:

„Es ist selbstverständlich, daß wir niemals darauf eingehen können, Tsingtau an Japan ohne Schwertstreich auszuliefern. Nach der ganzen Frivolität der japanischen Forderung kann man sich schon vorher sagen, welche Antwort allein darauf erfolgen wird. Das aber bedeutet natürlich, daß wir mit Ablauf der für die Beantwortung gesetzten Frist auf die Eröffnung der Feindseligkeiten rechnen müssen, und das wird natürlich ein Kampf bis zum Äußersten sein.

Angesichts des Ernstes der Lage darf jetzt selbstverständlich mit der Fortschaffung von Frauen und Kindern keinen Augenblick länger gezögert werden, das Gouvernement wird deshalb heute, Freitag vormittag, auch noch einen Dampfer nach Tientsin abgehen lassen, der bereits für die Aufnahme von rund sechshundert Personen vorbereitet ist. Es ist dringend zu raten, daß von diesen Gelegenheiten, die Züge der Schantungbahn verkehren ja auch weiter, nun auch von allen Gebrauch gemacht wird, die nicht hierbleiben wollen.

Tsingtau macht klar zum Gefecht!”

Nun wußten wir, woran wir waren!

Über die Art und Schwere des Kampfes und über seine Aussichten waren wir uns klar, aber wohl nie ist freudiger und unermüdlicher gearbeitet worden. Eine Titanenarbeit wurde in diesen Wochen vollbracht. Und vom ältesten Offizier bis zum jüngsten fünfzehnjährigen kriegsfreiwilligen Automobilfahrer setzte jeder sein ganzes Können und sein ganzes Denken, seine ganze Vaterlandsliebe darein, Tsingtau in den Verteidigungszustand zu setzen.

Ich selber hatte bereits besonderes Pech gehabt. Drei Tage nachdem Müllerskowski abgestürzt war, startete ich bei herrlichstem Sonnenschein zu meinem ersten großen Erkundungsfluge und kehrte, nachdem ich das ganze Schutzgebiet und Hunderte von Kilometern darüber hinaus aufgeklärt hatte, froh der getanen Arbeit, nach Tsingtau zurück.

Ich war tausendfünfhundert Meter hoch, und die Landung war infolge der Luftverhältnisse ganz besonders schwierig. Als ich mitten über dem Platze in ungefähr hundert Metern Höhe noch mal Vollgas gab, um die letzte Runde zu fliegen und dann gegen den Wind zu landen, sprang der Motor eine Sekunde lang wieder voll an, fing aber im selben Moment an zu spucken und versagte ganz. Nur Sekunden brauchte ich, um meine Apparate nachzusehen, aber die genügten, daß die Maschine bereits so weit war, daß an ein Landen auf dem Platze nicht mehr zu denken war.

Auch nach rechts oder links konnte ich nicht abdrehen. Rechts war das Poloklubhaus und ein tiefer Graben, links das Strandhotel und die Villen.

Daß nichts mehr zu machen war, wußte ich, und nur eins dachte ich: Halte den Motor heil!

Vor mir war ein kleines Wäldchen, und da hinauf hoffte ich die Maschine noch setzen zu können. Ich zog das Höhensteuer, aber in der heißen dünnen Tropenluft sackte die Maschine wie ein Klotz schwer durch. Ich kam mit dem Kopf gerade noch an Telegraphendrähten klar, dann zog ich die Knie an und stützte unwillkürlich die Füße nach vorn ab, und schon gab es einen mächtigen Stoß, ich hörte Krachen und Splittern um mich herum und flog mit Kopf und Knien recht unsanft gegen den Benzintank. Dann war es still.

Und als ich mich, selber heil und gesund, im Kreise umsah, da lag meine Taube mit der Nase im Straßengraben, streckte das Schwänzchen hoch in die Luft, und die Flügel und das Fahrgestell bildeten ein Knäuel von zerbrochenen Holzstreben, Leinwand und Drähten.

Ach, mein armes Täubchen! Ausgerechnet am dritten Tage der Mobilmachung ließ es mich im Stich. Mir war ganz unsäglich hoffnungslos zumute. Ohne jedoch den Mut ganz sinken zu lassen, schaffte ich die Trümmer in den Schuppen. Ich hatte ja noch Reservepropeller und Reservetragflächen von Hause mitbekommen.

Wenn nur der Motor heil geblieben war! Ersatzteile für diesen besaß ich nicht, und sie wären auch beim besten Willen nicht herbeizuschaffen gewesen.

Voller Hoffnung ging ich an die Reservekisten und öffnete zuerst die, worin die Tragflächen lagen. Aber o Schreck! Ein widerlicher Moderduft schlug mir entgegen, und Böses ahnend, öffneten wir den inneren Zinkeinsatz.

Der Anblick, der sich uns bot, war geradezu fürchterlich. In der Kiste befand sich nur ein Haufen von moderndem Gerümpel. Die ganze Bespannung der Tragflächen war verfault. Die einzelnen Rippen und Spanten und die Holzklötzchen, die vorher tadellos geleimt und bewickelt waren, lagen regellos durcheinander, und alles war von einer dicken Schimmelschicht bezogen.

Ein trauriger Anblick!

Nun wurde die Propellerkiste geöffnet. Da drinnen sah es ähnlich aus. Die fünf mitgenommenen Reservepropeller hatten sich ebenfalls in Wohlgefallen aufgelöst oder sich so stark verzogen, daß sie nicht mehr zu gebrauchen waren. Wenn zu Hause der Propeller mehr als vier bis fünf Millimeter an den Spitzen ausschlägt, denkt kein Mensch daran, ihn so zu fliegen. Meine schlugen bis zu zwanzig Zentimetern aus! Nun war guter Rat teuer.

Aber unverzagt ging mein hervorragender Monteur, der Obermaschinistenmaat Stüben, an die Arbeit, und am selben Nachmittage saß ich mit Stüben und meinen beiden Heizern Frinks und Scholl und noch acht Chinesen von der Werfttischlerei an der Arbeit und baute die vermoderten Flügel wieder zusammen.

Dann ging ich mit meinem am wenigsten verbogenen Propeller zur Werft, und hier half mir der treffliche Modelltischler R. aus meiner Not und ließ unter seiner Anleitung von den Chinesen einen neuen Propeller bauen.

Das war geradezu eine Glanzleistung.

Man stelle sich folgendes vor:

Sieben Eichenbohlen wurden mit gewöhnlichem Tischlerleim zusammengeleimt. Dann gingen zwei Chinesen mit Äxten her und schlugen nach Lehren, die der Modelltischler angefertigt hatte, mit den Äxten aus dem Bohlenklumpen einen tadellosen Propeller aus. Die Arbeit war, obwohl mit der Hand ausgeführt, so genau und sorgfältig, wie sie nur von Chinesen geleistet werden kann.

Mit diesem Propeller habe ich dann meine sämtlichen Flüge während der Belagerung von Tsingtau ausgeführt!

Auch wir im Schuppen waren nicht untätig geblieben. Tag und Nacht arbeiteten wir mit äußerster Anspannung, und bereits am neunten Tage nach meinem Absturz stand frühmorgens bei Sonnenaufgang mein Täubchen an der Startstelle klar zum Probeflug.

Es ist wohl begreiflich, wenn mir vor diesem Fluge meine Aussichten nicht im rosigsten Lichte erschienen.

Meine Tragflächen hatte ich aus einem vermoderten Haufen wieder zurechtgebaut. Verspannen mußten wir sie, da wir nirgends eine ebene Fläche hatten, so gut es ging; der Propeller war, wie oben beschrieben, entstanden und machte über hundert Umdrehungen zu wenig. Dabei waren die Flugplatzverhältnisse so überaus ungünstig und schwierig, daß bei jedem Start nur ein sofortiges Gelingen oder ein unweigerliches Abstürzen in Frage kam.

An all das durfte ich nicht denken. Es war Krieg, ich war der einzige Flieger, und meine Aufgabe mußte ich erfüllen. Und ich hatte Glück!

Alles irgendwie Entbehrliche hatte ich zur Erleichterung aus dem Flugzeug herausgerissen, und anfangs etwas unwillig meiner Faust gehorchend erhob sich mein großer Vogel doch in die Luft, und bald hatte ich ihn wieder vollkommen in meiner Gewalt. Da zog ich denn wieder froh meine Kreise, und stolz warf ich vor dem Hause unseres Gouverneurs die Meldung ab: „Flugzeug ist wieder klar!”

Und dann begannen meine großen Aufklärungsflüge. Das ganze Schutzgebiet durchkreuzte ich, und weit, weit draußen, Hunderte von Kilometern vom Schutzgebiet entfernt, überflog ich das weite Land und bewachte die Anmarschstraßen und flog längs der wild zerklüfteten Küste und schaute aus, ob nicht irgendwo der Feind sich näherte oder landete.

Es waren mit die schönsten Flüge meines Lebens.

Die Luft war so klar und durchsichtig, der Himmel so wunderbar blau und schön, und die Sonne strahlte mit so inniger Liebe auf das herrliche Land, auf die wild zerklüfteten hohen Gebirge und auf das alles einrahmende tief-, tiefblaue Meer herab. Das waren Stunden hinreißendster, erhabenster Schönheit, die ich überquellenden Herzens und mit nach Schönheit lechzender Seele genoß.

Aber die Sorgen blieben nicht aus. Bereits nach dem zweiten Aufklärungsfluge stellte sich heraus, daß die Leimfugen des Propellers auseinander gespalten waren, und daß der Propeller nur wie durch ein Wunder nicht auseinandergerissen war. Nun mußte er abmontiert und wieder frisch geleimt werden. Dieses Schauspiel hat sich von nun ab nach jedem Fluge wiederholt. Sobald ich zurück war, wurde „der” Propeller abgenommen, ich fuhr mit meinem Auto zur Werft, dort wurde er schnell geleimt, in eine Presse geschraubt, und spät abends holte ich ihn wieder ab, setzte ihn auf, und dann ging's damit am nächsten Tage wieder los.

Und als der Propeller immer wieder aufplatzte, da beklebte ich seine ganze Eintrittskante mit Bespannungsstoff und Heftpflaster, und da hielt wenigstens diese Kante einigermaßen!

In Tsingtau hatte ich auch noch einen zweiten Dienstzweig zu versehen, und zwar war ich Führer der Fesselballonanlage, meiner „aufgeblasenen” Konkurrenz.

Vor meiner Ausreise hatte ich in Berlin einen Luftschifferkursus durchgemacht, bestehend aus einer Freiballonfahrt und etwas Exerzieren am Fesselballon nebst Ballonflicken.

Die gesamte vollständig neue Fesselballonanlage in Tsingtau bestand aus zwei je tausend Kubikmeter großen Ballons, einem Ballonsack und allem nötigen Zubehör zum Gaserzeugen und zur Bedienung des Ballons.

Ein Unteroffizier der Marine, der kurze Zeit bei den Luftschiffern ebenfalls zur Ausbildung gewesen war, und ich waren die einzigen, die vom Ballon eine Ahnung hatten. Nachdem wir die ganze neue Anlage ausgepackt und aufgestellt hatten, gingen wir äußerst gewissenhaft und vorsichtig ans Füllen des Ballons. Und wie stolz waren wir, als die erste gelbe Wurst dick und prall, wohlgefesselt dicht über der Erde lag. Dann knüpfte ich mit meinem Unteroffizier persönlich jede einzelne Leine an, und bald darauf hing das gelbe Ungetüm leise hin und her pendelnd am Himmelszelt. Dann wurde es wieder heruntergeholt, und ich kletterte zum ersten Aufstieg allein in den Korb. Beinahe hätte ich schon bei diesem Aufstieg meine verzwickte Reise nach Deutschland antreten können, denn als „Los” kommandiert wurde, hatte das Haltetau versehentlich reichlich lose gehabt, und mit einem mächtigen Satz sprang der Ballon senkrecht zirka fünfzig Meter in die Luft und ruckte dann mit Macht in das Haltekabel ein. Mich durchzuckte dabei der Gedanke: Jetzt geht er ab! Es gab einen ganz gewaltigen Stoß, und viel hätte nicht gefehlt, so wäre ich aus meiner Gondel herausgeschleudert worden. Da das Drahtseil aber ebenfalls ganz neu war, hielt es gottlob, und ich war um eine Lehre reicher. Dann begann das systematische Ausbilden und Einexerzieren meiner Mannschaft, und bald funktionierte der Laden, als wenn wir von Kind auf Luftschiffer gewesen wären.

Auf den Fesselballon waren vom Gouvernement sehr große Hoffnungen gesetzt worden. Allgemein versprach man sich durch ihn große Hilfe beim Beobachten des heranrückenden Feindes und zur Beobachtung der feindlichen Artillerie. Leider haben sich diese Hoffnungen in keiner Weise erfüllt, und meine Befürchtungen, die ich in bezug auf den Nutzen der Ballonanlage gehabt hatte, bewahrheiteten sich in jeder Beziehung.

Trotzdem ich den Ballon sogar bis auf eintausendzweihundert Meter gebracht hatte, gelang es uns nicht, von ihm aus hinter die unseren befestigten Stellungen vorgelagerten Höhenzüge zu sehen und damit die Bewegung des Feindes und vor allen Dingen die Stellungen seiner schweren Belagerungsartillerie zu beobachten.

Das aber war wiederum für die Verteidigung Tsingtaus von fundamentalster Bedeutung.

Um dieses und überhaupt die ganze überaus schwierige Lage, in der wir uns in Tsingtau befanden, einigermaßen verständlich zu machen, muß ich folgendes vorausschicken:

Das ganze Schutzgebiet Kiautschou liegt auf einer langgestreckten Landzunge, auf deren äußerstem, südwestlichem Zipfelchen wiederum die Stadt Tsingtau liegt. Von drei Seiten vom Meere umschlossen, wird die Stadt im Nordosten durch die halbkreisförmige Hügelkette der Moltke-, Bismarck- und Iltisberge, die sich von Meer zu Meer hinziehen, eingerahmt. In diesen Bergen lagen unsere Hauptbefestigungen eingenistet, und am nordöstlichen Fußrande dieser Kette lagen die fünf Infanteriewerke mit dem Hauptdrahthindernis. Dann kam ein breites Tal, welches zum Teil vom Haipo-Fluß durchzogen wurde, und daran schlossen sich wiederum halbkreisförmig die ebenfalls von Meer zu Meer sich hinziehenden, für uns kritischen und uns Verderben bringenden Hügelketten des Kuschan, des Taschan, der Waldersee-Höhen und der Prinz-Heinrich-Berge, von denen die Prinz-Heinrich-Berge eine so wildromantische Form hatten, als wenn sie dem Monde direkt entnommen wäre. Hinter diesen Höhen schloß sich wiederum ein breites Tal an, und daran türmten sich die wild zerklüfteten Steinmassen des Lau-Hou-Schan, des Tung-Liu-Schui und des Lauschan zum Himmel empor.

Da uns vor allen Dingen daran lag, zu wissen, was geht im Vorgelände vor, und, als wir vom siebenundzwanzigsten September ab hinter unserem Drahthindernis vollkommen eingeschlossen waren, zu sehen, wo baut der Feind seine Belagerungsartillerie auf, da wir ferner in unseren Hoffnungen, die wir in dieser Beziehung auf den Fesselballon gesetzt hatten, vollkommen getäuscht wurden, blieben uns zur Erreichung unseres Zieles nur noch: gelegentliche schneidige Erkundungen und — — mein Flugzeug!

Unter unermüdlicher Arbeit gingen die Tage des August dahin. Tsingtau und vor allem das Vorgelände waren kaum wiederzuerkennen. Artillerie und Verteidigungsstellungen wurden ausgehoben, und was das traurigste war, die entzückenden Wäldchen, die mit so viel Mühe und Liebe angepflanzt waren, der Stolz Tsingtaus, mußten zum Freimachen der Schußfelder unter Beilhieben fallen. Wieviel Kulturarbeit, wieviel unendliche Mühe und Liebe ist da mit einem Schlage vernichtet worden!

Der dreiundzwanzigste August, der Tag des Ablaufs des Ultimatums an Japan, kam heran, und es war wohl selbstverständlich, daß der gelbe Jap überhaupt keiner Antwort gewürdigt wurde. Die Parole an diesem Tage lautete:

„Immer feste druff!”

Das war uns allen aus dem Herzen gesprochen.

Ich weiß noch, wie ich am folgenden Morgen von meinem Balkon aus über das unendliche blaue Meer schaute und in der Entfernung von einigen Seemeilen mehrere schwarze Schatten bemerkte, die sich langsam hin und her bewegten. Durch das Doppelglas konnte ich dann Torpedoboote erkennen. Auch Patzig, der herbeieilte, überzeugte sich davon. Richtig, heute war ja der Vierundzwanzigste. Nun hatte die Bande die Blockade gegen uns eröffnet.

So war es also wirklich wahr, die Japaner wagten es, das Deutsche Reich anzugreifen!

Der Kampf eines gelben Kaiserreiches, unterstützt von einem Häuflein Engländer, gegen ein kriegsstarkes deutsches Regiment hatte begonnen.

Gleich nach Ablauf des Ultimatums rückte ein Trupp von tausend Mann ins Vorgelände ab, um dieses und die Anmarschstraßen auf Tsingtau zu so lange als möglich zu verteidigen. Dieses kleine Häuflein hat seine Aufgabe hervorragend gelöst. Eine Strecke von dreißig Kilometern Breite, dann von zehn Kilometern mit gänzlich ungenügender Artillerieausrüstung war zu verteidigen. Da, wohin zwei Armeekorps gehört hätten, standen nur tausend Mann. In zähem, unerschrockenem Kampf, oft nur Patrouillen ganzen feindlichen Bataillonen gegenüberstehend, wichen sie langsam der zwanzigfachen Übermacht. Erst am achtundzwanzigsten September wurde die tapfere Schar hinter das Haupthindernis zurückgedrängt, welches sich nun für uns bis nach Austoben des Kampfes für immer schloß.

In den ersten Tagen der Belagerung hielten die leitenden Kreise in Tsingtau von dem Nutzen meines Flugzeuges, wie von der ganzen Fliegerei überhaupt, nicht viel.

Nach allem, was sie bis jetzt von uns hier draußen gesehen hatten, war dies ja auch nicht weiter zu verwundern.

Das wurde bald anders!

An einem der ersten Tage der Belagerung überflog ich wiederum die Südküste der Schantung-Halbinsel, um nach feindlichen Schiffen und besonders nach feindlichen Truppenlandungen Ausschau zu halten. Die Küste war wie ausgestorben, auch nicht das geringste war zu sehen gewesen. Ganz beruhigt, daß wir von dieser Seite aus sicher waren, flog ich nach Hause zurück. Nur so nebenbei ging ich an diesem Abend noch auf das Gouvernement, um einem Kameraden Guten Tag zu sagen. Zufällig traf ich hier mit dem Chef des Stabes zusammen, der große Eile hatte, da er eine wichtige Sitzung beim Gouverneur für einen Augenblick verließ, um sich ein Buch zu holen.

Im Vorbeigehen rief er mir noch zu: „Na, Plüschow, sind Sie wieder mal geflogen?”

„Jawohl”, sagte ich, „ich komme eben zurück. Ich habe mehrere Stunden lang die Küste nach feindlichen Truppenlandungen abgesucht, habe aber nichts vom Feinde gesehen.”

Ich sehe noch heute das überraschte Gesicht unseres Chefs.

„Was? Die Küste sind Sie abgeflogen, und das sagen Sie erst jetzt? Wir sitzen seit zwei Stunden und beraten, wie wir die großen Truppenlandungen in der Dsin-Dsia-Kou-Bucht, die uns heute durch unsere Kundschafter gemeldet wurden, abwehren können. Und Sie kommen gerade daher und können so einwandfreie Meldung bringen? Nun aber hinein zum Gouverneur und Ihre Beobachtung gemeldet!”

Mit einigen Worten konnte nun die ganze Beratung erledigt werden. Die Kundschafter-Aussagen waren selbstverständlich erfunden.

Ich aber war froh; die Ehre und das Ansehen der Fliegerei hatte ich gerettet!

Und nun begann für mich die schwerste, aber auch schönste Fliegerzeit.

Meine Feuertaufe im Flugzeug empfing ich schon bald. Es war in den ersten Tagen des September, als ich weit, weit draußen das Vorgelände abgraste und mich in eintausendfünfhundert Metern Höhe so recht des schönen Sonnenschein-Sonntages erfreute. Unter mir gewahrte ich plötzlich eine im Anmarsch befindliche größere japanische Truppenmasse, die mich mit lebhaftem Infanterie- und Maschinengewehrfeuer begrüßte. Mit zehn Schußlöchern in den Tragflächen kehrte ich stolz nach Hause zurück. In Zukunft blieb ich aber immer in zweitausend Meter Höhe, wodurch eventuelle Gewehr- und Maschinengewehrtreffer in meinen Motor und Propeller wesentlich ungefährlicher wurden.

Die Feuertaufe an Land ließ auch nicht lange auf sich warten.

An einem der nächsten Tage fuhr ich mit meinem Auto nach Schatsy-Kou, wo wir vorgeschobene Posten besaßen. Ohne an Böses zu denken, hielt ich vor dem Hause an. Zu meinem Erstaunen lagen alle Offiziere und Mannschaften längs einer nach See zu geschützten Böschung, winkten lebhaft mit den Armen, was ich selbstverständlich als Begrüßung auffaßte und durch ebensolches Winken erwiderte. Ich saß noch in meinem Auto, als ich dicht über meinem Kopfe ein lautes Pfeifen und Zischen und einen Augenblick darauf bereits ein ohrenbetäubendes Krachen vernahm. Nur zehn Schritt von uns entfernt war mitten im Mauerwerk des Hauses die erste Granate krepiert, und ehe ich mich auch nur besinnen konnte, langten auch schon die folgenden Geschosse an.

Nun wir aber raus aus dem Auto und die Beine in die Hand genommen und schnell zu den anderen an die allerdings nur fragliche Deckung gelehnt. Meine Kameraden bogen sich schier vor Lachen, denn so ernst die Situation auch war, so ulkig muß der Anblick gewesen sein.

Nun erfuhren wir auch, was los war.

Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor uns und versuchte durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou zu zerstören. Zwei volle Stunden lagen wir, ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckung und ohne uns rühren zu können, im Granatfeuer. Dann schien die Mittagspause für den Jap zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir die Schäden des Hauses besichtigten, waren die kleinen Chinesenjungens schon längst dabei, die Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt hatten, kamen drei kleine Chinesenstifte freudestrahlend an, in ihren schmutzigen kleinen Fingern drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor uns auf den Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen wären, das hätte ein schönes Schützenfest gegeben!

Nun mußten wir zurück, und als das Auto in das erste Felsental einbog, krepierten hinter uns schon wieder die Granaten der neu einsetzenden Beschießung.

Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou mit dem ganzen übrigen Schutzgebiet geräumt werden, und am achtundzwanzigsten September wurden wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen, und gleichzeitig setzte von See aus die erste große Beschießung ein.

Das war eine Ballerei!

Am frühen Morgen dieses Tages saß ich quietschfidel in meiner Badewanne, um mich zu einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da unsere Geschütze bereits tage- und nächtelang gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter auf den verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf das Feuern unserer Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen der Bismarck-Batterie, die, um Munition zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren Fuß meine Villa lag.

Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem Flugzeug, um nachzusehen, ob alles klargemacht würde. Aber schon nach einigen Minuten kam er atemlos und etwas blaß zurück und meldete: „Herr Oberleutnant, wir müssen schnell die Villa verlassen, wir werden von vier großen Schiffen beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben ganz dicht beim Flugzeugschuppen krepiert, aber Gott sei Dank ist das Flugzeug heil geblieben, und niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück, und das wollte ich doch als Andenken mitnehmen; na, und das war so heiß, aber mitgebracht habe ich es doch!” Und dabei hob er freudestrahlend ein halb verbranntes Taschentuch hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate lag. Nun war ich aber raus aus meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand ich bei meinem schwer gefährdeten Flugzeug, und mit vereinten Kräften schoben wir den teuren Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter einem Abhang etwas geschützter stand. Dann lief ich auf den Küstenkommandeurstand, um mir das Schauspiel der Beschießung anzusehen.

Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel, von dem man einen geradezu idealen Überblick über Tsingtau hatte. Von hier aus konnte man jede einzelne Granate einschlagen sehen, und wenn ich nicht flog, saß ich während der ganzen nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um dem Kampf zuzusehen.

Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem achtundzwanzigsten September war besonders eindrucksvoll.

Das Krachen und Krepieren der Granaten und das Gedröhne wurden durch die rings herumliegenden Berge bedeutend verstärkt. Schlag auf Schlag folgten die Einschläge der langen Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und wir hatten den Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen Trümmerhaufen verwandelt werden würde. Ein unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell gewöhnt. Man ist ja doch den einschlagenden Granaten gegenüber vollkommen machtlos und kann nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist.

Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu stehen, wo solch ein unheimliches Ding niedersaust.

Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden Beschießungen für die Engländer gewesen sein!

Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen, daß unsere Geschütze sie nicht erreichen konnten. Also in vollster Sicherheit. Vorneweg fuhren drei japanische Schlachtschiffe und als letztes Schiff hinterher unter japanischem Befehl: das englische Linienschiff „Triumph”.

Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher Henkersarbeit vorgekommen sind!

Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement angerichtet hatte, nicht groß gewesen, und von nun ab sahen wir den kommenden Beschießungen mit größter Ruhe entgegen.

Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer besonders traurigen Begebenheit.

Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis” und „Luchs” wurden von uns versenkt, nachdem sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten.

Es war ein ganz trostloser Anblick.

Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht, wurden durch einen Dampfer in tiefes Wasser geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt und verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe wüßten, daß sie zur Schlachtbank geführt wurden. So unendlich traurig und hilfesuchend reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor; und unter den Flammen wanden sich die Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt hätten, bis endlich die Wogen über ihnen zusammenschlugen und sie von ihren Leiden befreiten. Wie krampfte sich mir das Seemannsherz zusammen bei diesem Anblick! Diesen drei folgten „Lauting” und „Taku” und kurz vor der Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem diese beiden letzteren Schiffe uns unendliche Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden Schiffe füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte von Tsingtaus Kampf und Tod.


Allerhand Scherze der Japs

Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee war für uns ein großes Rätsel. Nach der ersten großen Beschießung dachten wir alle, die Japaner würden versuchen, die Festung sofort zu stürmen, aber nichts dergleichen geschah. Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie nur ein einziges Drahthindernis zu überwinden brauchten, um in der Festung zu sein.

Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte auf.

„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen, die Sache steht in Europa zu gut für uns!” Dann wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!” Und dann: „Die Japaner wollen uns nur aushungern, sie wollen, daß Tsingtau so heil wie möglich in ihre Hände fällt!”

Aber alles blieb nur Vermutung.

Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie daran hindern konnten, landeten die Japaner ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen, schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und Munition heran, gruben sich unseren Hindernissen gegenüber ein und arbeiteten sich vorwärts gegen unsere Verteidigungslinie.

Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit: das Erkunden der feindlichen schweren Batterien.

Und Tag für Tag, wenn das Wetter und der Propeller es erlaubten, stand ich früh im ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug.

Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal entgegen. Und wenn die Sonne aufging, dann schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte hinab auf das geliebte Schutzgebiet, in das sich ein frecher Feind einnistete, um uns Tod und Verderben hinüberzusenden.

Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie wurde durch den Erfolg reichlich belohnt.

Und daß ich Erfolg hatte, das merkte ich am besten aus den Anstrengungen, welche der Feind machte, um mich herunterzuholen und mich unschädlich zu machen.

Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich jetzt der einzige Flieger in Tsingtau, „der Vogelmaster von Tsingtau”, wie mich die Chinesen nannten, und hatte auch nur diese eine Taube zur Verfügung. Nun galt es aufpassen und nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der Fliegerei.

Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert durch den kleinen, von hohen Bergen wie ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse. Durch die hohen, schroffen Gebirge, durch den Wechsel von Land und Wasser und durch die starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der Luft ganz ungewöhnlich stark und die Luftverhältnisse schon morgens um acht Uhr so ungünstig, wie sie in Deutschland während der heißesten Jahreszeit um die Mittagsstunden kaum vorkommen. Nur der kann wohl einen Begriff von den Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen Gelände sich bilden, der das selbst durchgemacht hat.

Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für normale Verhältnisse zu Hause gebaut war, in dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor hundert Umdrehungen zu wenig machte und ich mit einem Propeller flog, der auf die oben angeführte Weise entstanden war.

Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken konnte, jemals einen Beobachter mitzunehmen. Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin und Öl wurden so bemessen, daß ich eben auskam, ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke zu Hause, nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen.

Der Start, der war ja das Verhängnisvolle!

Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann war es um mich und mein Flugzeug geschehen.

Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger Kampf auf Leben und Tod, und wie oft hat es nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug nicht zerschellte.

Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete, setzten am Ende des Platzes, ungefähr da, wo das Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt, enorme Fallböen ein, das Flugzeug fiel direkt unter mir weg, ich riß es eben noch über die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel das Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es sich nur um Handbreiten, daß ich es über dem Meeresspiegel wieder abfing, wo es sich langsam erholte und zu klettern anfing.

Der Start nach Norden zu (andere als diese beiden Richtungen kamen nicht in Frage) war furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht; aber an diese Male denke ich dafür mein Leben lang.

Im äußersten Südzipfel des Platzes mußte ich dann starten. Und in einer geraden Linie ging es über den nur wenige hundert Meter langen Platz hinweg, über meinen Schuppen, über mehrere Villen und über unseren Kirchhof, der bereits an einem zirka einhundertundfünfzig Meter hohen schmalen Sattel lag, der von beiden Seiten von den Felsmassen des Bismarck-Berges und der Iltis-Berge eingeschlossen wurde. Sowie ich links den Bismarck-Berg hinter mir hatte, kamen die ersten Seitentäler, und aus diesen setzten scharfe Böen ein, mein Flugzeug bekam einen mächtigen Stoß und legte sich schwer nach Steuerbord über, und trotz voller Verwindung konnte ich das Flugzeug nicht wieder aufrichten. Seitensteuer durfte ich nicht geben, um nicht in die Felsen hineinzurennen.

Das Dienstpersonal des Verfassers in Tsingtau.

So raste denn mein Flugzeug in dieser Stellung mit der rechten Flügelspitze nur wenige Zentimeter von den unter mir liegenden Baumkronen und Felsmassen entfernt durch dieses Höllental hindurch, und ich konnte nichts weiter tun, als mein Steuer mit eiserner Ruhe führen, um nicht unten zu zerschellen. Bis ich dann endlich auf der anderen Seite über dem Wasser der Kiautschou-Bucht schwebte und mein Flugzeug wieder vernünftig wurde.

Kapitänleutnant Plüschow.

Ich will's gestehen, heiß und kalt hat's mich bei jedem Start überlaufen, und ordentlich froh war ich, wenn ich ihn hinter mir hatte und mich höher und höher schraubte, bis ich endlich meine zweitausend Meter erreicht hatte. Das war allerdings eine Geduldsprobe. Manchmal kam ich in einer Stunde hinauf. Gewöhnlich aber dauerte es bis zu einunddreiviertel Stunden. Während dieser ganzen Zeit flog ich weit, weit draußen über See, um den Schrapnells, die die Japaner nach mir sandten, zu entgehen.

Was konnte ich noch lange darüber nachdenken, daß ich ein Landflugzeug hatte, und daß ich bei der geringsten Motorpanne ertrinken mußte. Es wäre ja doch dasselbe gewesen, als wenn eine Panne oder womöglich ein Volltreffer mich über dem Lande erreicht hätte. Im ganzen Schutzgebiet gab es nur Felsen, Schluchten und außer meinem Flugplatz nicht ein einziges Plätzchen, wo ich hätte heil landen können.

Die Gedanken daran kamen mir wohl ab und zu in den ersten Tagen, aber da sie doch zwecklos waren, gab ich sie wieder auf.

Während der ganzen Zeit dieses Emporkletterns erfreute ich mich dann an dem herrlichen Sonnenschein, an dem wunderbaren Anblick der schroffen Felsenküsten und an dem tiefblauen Meer. Meist sang oder pfiff ich ein Liedchen, und wenn der Höhenmesser zweitausend Meter zeigte, dann brummte ich ein Gott sei Dank, und auf dem kürzesten Wege schoß ich der feindlichen Linie zu und begann meine Beobachtungen.

Diese führte ich dann folgendermaßen aus:

Sobald ich über dem Feinde war, drosselte ich den Motor so, daß das Flugzeug die Höhe von selber hielt. Dann hängte ich meine Karte vor mich an das Höhensteuer, nahm einen Bleistift mit Notizheft zur Hand und beobachtete nach unten, zwischen Tragfläche und Rumpf hindurchsehend, den Feind. Das Höhensteuer ließ ich ganz los, und die Seite steuerte ich mit den Füßen.

Eine Stellung umkreiste ich dann so lange, bis ich alles ausgemacht, in die Karte eingetragen, mir genau aufgeschrieben und eine ganz genaue Skizze angefertigt hatte. Ich hatte bald eine solche Übung darin, daß ich oft, ohne überhaupt aufzusehen, einundeinhalb bis zwei Stunden nach unten beobachtete und alles genau aufschrieb.

Und wenn mir dann das Genick steif wurde, drehte ich mich um und sah nach der anderen Seite hinunter. Bis ich dann endlich mit meinen Aufzeichnungen zufrieden war und ein Blick auf die Benzinuhr mich belehrte, daß es höchste Zeit sei umzukehren, um noch meinen Platz zu erreichen.

Der Rückflug war jedesmal derselbe. In stolzem Bogen umkreiste ich die Werft und die Stadt, und über meinem Platz angekommen, stellte ich den Motor ab, und in rasendem Kurven-Gleitflug ging es der Erde zu, und vier Minuten später stand ich wohlbehalten unten.