Das Buch vom Brüderchen
Roman einer Ehe
von
Gustaf af Geijerstam
Zehnte Auflage
(Neunzehntes und zwanzigstes Tausend)
S. Fischer, Verlag, Berlin
1910
Autorisierte Übersetzung von Francis Maro
Alle Rechte vorbehalten
So laßt mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.
Dort ruh’ ich eine kleine Stille,
Dann öffnet sich der frische Blick;
Ich lasse dann die reine Hülle,
Den Gürtel und den Kranz zurück.
Und jene himmlischen Gestalten
Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
Und keine Kleider, keine Falten
Umhüllen den verklärten Leib.
Zwar lebt’ ich ohne Sorg’ und Mühe,
Doch fühlt’ ich tiefen Schmerz genung;
Vor Kummer altert’ ich zu frühe:
Macht mich auf ewig wieder jung.
Aus Goethes Wilhelm Meister.
Einleitung
Es war einmal ein Schriftsteller, der glücklich mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebte. Er war so glücklich, daß er es selbst nicht begriff, und in all diesem schrieb er viele Bücher von dem Unglück der Menschen.
Es war nicht die Liebe, in der sein höchstes Glück lag; auch bestand es nicht in der Vaterfreude, die er naiv als eine so natürliche Sache nahm, als könnten Eltern nie etwas anderes als Freude an ihren Kindern erleben; auch darin lag es nicht, daß der seltene Vogel, den man ungebrochene Jugend nennt, noch nach vieljähriger Ehe in seinem Hause in sicherem Neste saß. Sein höchstes Glück bestand darin, daß ihm niemals etwas Böses begegnet oder bekannt geworden war, das er nicht durch seine Kraft und Gesundheit überwinden zu können glaubte. Die Unglücksfälle, die aufzutauchen drohten, waren wie vorübergehende Wolken vom Horizonte verschwunden und hatten seinen Himmel nur noch reiner und freier gelassen. Wenigstens glaubte er so, und dieser Glaube war die Wirklichkeit, in der er lebte. Die Armut, gegen die er einen ununterbrochenen Kampf geführt, hatte er doch stets im Abstand zu halten vermocht. Es gab bloß einen Feind, mit dem er niemals seine Kräfte gemessen, und dieser Feind war der Tod. Vielleicht war es nicht das geringste Glück dieses Mannes zu nennen, daß er lange niemals ernstlich gefürchtet hatte, der Tod könnte ihn selbst oder die, die ihm am nächsten standen, treffen.
In diesem Gefühl der Fülle des Daseins schrieb dieser Schriftsteller ein sommerhelles Buch, das von seinen eigenen zwei großen Jungen handelte, ihren Spielen und Vergnügungen, ihren Abenteuern und Mißgeschicken. Das Buch ward ein heiteres Spiel für ihn selbst, und wenn ich jetzt an diese Zeit zurückdenke, glaube ich es kaum fassen zu können, daß dieser Mann, von dem ich hier spreche, einmal ich selbst war.
Als das Buch gedruckt und geheftet und alles klipp und klar war, sodaß es in die große weite Welt hinaus ziehen konnte, da nahm der Verfasser ein paar Exemplare des im Hause ersehnten Buches mit heim. Er schrieb Olofs Namen auf ein Buch und den Svantes auf ein anderes, und überreichte den verewigten Söhnen feierlich jedem sein Exemplar.
Olof nahm sein Buch in Empfang, und Svante nahm das seinige. Von Olof, der eine praktische Natur ist und nicht zum Litterarischen neigt, wird behauptet, daß er sich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male aus freien Stücken hinsetzte, um in einem Buche zu lesen. Ich glaube beinahe, er las drei ganze Kapitel. Svante hingegen las das ganze Buch in einem Zuge von Anfang bis zu Ende. Dann griff er gewisse Kapitel heraus, die ihm besonders gefielen, und las sie laut Jedem vor, der zuhören wollte. Es herrschte mit einem Worte großer Jubel im ganzen Hause.
Damals lief jedoch noch ein kleines Kerlchen in den Zimmern herum. Das war Olofs und Svantes kleines Brüderchen, und es hatte langes, lockiges lichtblondes Haar und die größten blauen Augen, die ein kleiner Junge nur haben konnte. Er hieß Sven und war erst zwei Jahre alt. Sprechen konnte er nicht ganz. Aber verstehen konnte er.
Als Svante ihm nun laut vorgelesen hatte, fragte Mama:
„Von wem, glaubst Du, ist da die Rede?“ Und da Sven nicht wußte, was er sagen sollte, fuhr Mama fort:
„Ja, weißt Du, von den großen Brüdern, versteht Nenne das nicht?“
Sven wurde nämlich für den Alltag Nenne gerufen. Das hatte er selbst erfunden, weil er kein S aussprechen konnte.
„Ja, aber die Brüder heißen doch nicht so, wie es im Buch steht,“ versuchte Nenne.
„Wie dumm Du bist,“ sagte Olof, „so hat er uns eben genannt.“
Da verstand Sven, und mit Augen, die vor Ungeduld leuchteten, fragte er:
„Steht da nichts von Nenne drin?“
Papa war inzwischen hereingekommen, er hob den Kleinen bis zur Decke empor, setzte ihn wieder nieder und sagte:
„Was sollte wohl von einem Knirpschen stehen, das so klein ist, daß es noch nichts gethan hat?“
Aber Sven gab sich nicht zufrieden. Er führte seine großen blauen Augen ins Treffen, so gut er nur konnte, er teilte mit seinem kleinen roten Munde Küsse aus, er kämpfte mit allen Waffen, die ihm zu Gebote standen. Er wollte ein Buch für sich haben.
„Ja, aber Nenne kann ja nicht lesen.“
Dieser Grund machte auf Nenne nicht den geringsten Eindruck. Er lief durch die Zimmer aus und ein, und sein ganzes kleines lebendiges Gesichtchen war vor Eifer rosenrot. Olof hatte ein Buch bekommen, und Svante hatte ein Buch bekommen. Warum sollte Sven allein leer ausgehen?
Und da half nichts. Der Schriftsteller hatte kein anderes Exemplar bei der Hand. Darum gab Mama ihres her, und nachdem ihr Name ordentlich ausradiert worden war, schrieb Papa feierlich auf das Buch:
Dem kleinen Nenne
von Papa.
Und erst da war Sven zufrieden.
Das heißt, es sah aus, als wäre er zufrieden. Denn er erhob keine weiteren Einwände. Er ging nur herum und las in seinem neuen Buch. Er konnte von vorwärts und von rückwärts lesen, er hielt das Buch nach oben und nach unten, und er las laut, so daß es im ganzen Hause wiederhallte.
Endlich setzte er sich für eine Weile allein hin und dachte nach. Und dann ging es durch alle Zimmer, als könnte er gar nicht rasch genug ans Ziel kommen. Sven lief direkt in Papas Stube, wo Papa am Schreibtisch saß und qualmte. Da machte er sich so klein, daß er zwischen Papas Stuhl und dem Tische durchkriechen konnte, und dann steckte er den Kopf durch und versuchte Papa ins Gesicht zu sehen.
„Was giebt es, Sven?“ fragte Papa, der es nicht liebte, gestört zu werden.
Aber Sven gab sich nicht früher zufrieden, bis der Stuhl weggeschoben wurde, so daß er heran kommen konnte. Dann stellte er sich zwischen Papas Kniee, sah zu Papas Gesicht auf und sagte milde, aber bestimmt:
„Papa ein Buch nur Nenne schreiben.“
„Was ist das?“ fragte Papa.
„Papa ein Buch nur Nenne schreiben,“ wiederholte der Kleine. Und diesmal erhob er die Stimme.
Da begriff Papa.
Es hatte das kleine Brüderchen gegrämt, daß er nicht mit in dem Buche hatte sein dürfen. So klein er war, hatte er seine Ansprüche an Gerechtigkeit. So klein er war, fand er vielleicht, daß er ein ebenso großes Recht an Papa hatte, wie die anderen Brüder, und so klein er war, wußte er, daß, wo Papa, Mama und die Brüder waren, auch sein Platz sein mußte. Er sah Papa mit großen, fragenden Augen an, und er war so eifrig, als gälte es Leben oder Tod.
Papa nahm die Sache auch sehr ernst und antwortete:
„Ich verspreche Dir, daß ich einmal auch über Dich ein Buch schreiben werde.“
„Nur Nenne,“ wiederholte das kleine Brüderchen, deutlich zeigend, daß darin eben das Hauptgewicht lag.
„Nur Nenne,“ sagte Papa ernst. Recht muß Recht bleiben.
Das kleine Brüderchen lief fort. Es verkündete die Neuigkeit bis in die Küche, und seine Ehrenrettung war in diesem Augenblick vollkommen.
Das kleine Brüderchen verabsäumte es auch nicht, daran zu erinnern. Aber ein Schriftsteller hat ja so viel zu schreiben. Er kann nicht jederzeit dazu kommen, über ein kleines helllockiges Kerlchen zu schreiben, das in der Welt nichts anderes ausgerichtet hat, als daß es kam und ging und Allen Freude machte. Und in der Dichtung wie im Leben müssen die Kleinen warten, weil die Großen sie nicht früher vorlassen wollen, bis die Reihe an sie kommt.
Darum hat das kleine Brüderchen auf sein Buch warten müssen, bis zum heutigen Tag. Jetzt bin ich selbst ein Anderer, und alles um mich ist neu. Der Kleine wußte wohl nicht, um was er mich bat, ebensowenig wie ich wußte, was ich versprach.
Aber ich höre eine Stimme, die mich zwingt, das, was ich versprach, zu halten.
Erster Teil
1.
Dieses ganze Buch ist ein Buch vom Tode, und doch handelt es, wie mir scheint, mehr von Glück als von Unglück. Denn Unglück heißt nicht, das verlieren, was Einem teuer ist, das Unglück liegt darin, es zu beschmutzen, zu verderben oder zu entstellen. Und es giebt ein Geheimnis, ich mußte lange leben, bevor ich es lernte. Die Liebe steht niemals stille. Sie muß mit den Jahren entweder wachsen oder abnehmen. Und nicht nur in dem letzten Fall kann sie Leiden verursachen. Der gewaltigste Eros ist der, der Leiden bringt, weil er immer stärker wird.
Aber ich will beim Anfange beginnen und all das, was in diesem Buch geschrieben ist, will ich so erzählen, wie man einen Traum erzählt. Und so seltsam es auch dem Leser klingen mag — all das zusammen ist nur das Buch, um das das kleine Brüderchen mich bat.
Habe ich geträumt, daß ich geliebt, geheiratet und Kinder bekommen habe? Habe ich geträumt, daß ich unsäglich glücklich und unsäglich unglücklich war? Habe ich geträumt? Oder habe ich wirklich all dies erlebt, das mich an nichts anderes von menschlichem Leben, das in meinen Gesichtskreis gekommen, zu erinnern scheint? Es kommt mir jetzt vor, als stünde ich in irgend einer unfaßbaren Weise — nicht über, ach, alles andere eher als über — aber wohl ferne von all dem, und das Einzige, das jetzt zu mir dringt, ist ein Ton der Andacht, so überschwänglich, daß nicht einmal Musik ihn fassen und in greifbarer Weise ausdrücken könnte. Ja, wenn ich einstmals das niedergeschrieben habe, was sich jetzt seinen Weg zu den unbeschriebenen Bogen sucht, die eines Tages vielleicht ein Buch bilden werden, glaube ich hoffen zu können, daß die Erzählung selbst mir den Leitfaden geben wird, um das Rätsel zu lösen, das mich jetzt quält und beunruhigt: was in meinem Leben Traum gewesen und was Wirklichkeit.
Es ist nämlich nicht nur der Kummer, der mich drückt. Es ist auch ein Wundern über das, was geschehen, dasselbe Wundern, das sich auf dem Grunde alles bewußten Lebens regt. — — —
Ich erinnere mich in diesem Augenblick, wie ich eines Abends in das Zimmer meiner Frau kam und sie grübelnd fand, mit einem aufgeschlagenen Buch vor sich. Sie las nicht in dem Buche, und ihr Gesicht drückte Unzufriedenheit aus.
Ich beugte mich über ihre Schulter und sah, daß sie in der Bibel gelesen hatte. Das Buch lag beim ersten Buch Mosis aufgeschlagen, und auf meine Frage, was sie gelesen, wies sie bloß auf ein paar Zeilen, die ich noch zu unterst auf einer Seite lesen zu können vermeine. — Und ich las die Worte:
Verflucht sei die Erde um deinetwillen ... Mit Schmerzen sollst du deine Kinder gebären.
„Ist das nicht gräßlich?“ sagte sie. „Ich erinnere mich nicht, ob ich mit Schmerzen geboren habe. Ich habe nie daran gedacht.“
Sie erhob sich und ging zu einem kleinen Bettchen, das quer hinter unseren eigenen Betten stand, und sie beugte sich hinab über ein rundes, blühendes, schlafendes Kindergesicht, dessen Lippen sich saugend regten, als läge der Knabe an der Mutterbrust.
„Habe ich Dich in Schmerzen geboren?“ sagte sie wie zu sich selbst. „Nein, in Glück habe ich Dich geboren, in Glück und Jubel, ein Glück, so namenlos groß, daß ich es nie gewußt habe, bis jetzt.“
Sie zog mich hinab aufs Sopha und lehnte ihren Kopf an meine Schulter, schmiegte sich in meine Arme, als wollte sie dort Schutz vor allem Ungemach und Schmerz der Welt finden. Ohne ihre Stellung zu ändern, streckte sie die Hand aus und schlug das Buch zu.
„Das ist ein dummes Buch,“ sagte sie. „Ich habe mich nie darauf verstanden.“
„Das ist es wohl nicht,“ sagte ich lächelnd.
„Das hast Du selbst gesagt,“ sagte sie und richtete sich zur Hälfte auf.
„Ich? Nie!“
„Nun, dann hast Du etwas anderes gesagt.“
Sie beugte sich wieder hinab.
„Ich erinnere mich nicht. Ich weiß nur, daß ich denken will wie Du, glauben wie Du, sein wie Du. Denn Niemand ist wie Du, Niemand auf der Welt.“
Auf solche Worte kann kein Mann antworten. Man braucht sie nicht abzuwehren, denn sie sind nicht als Rauchopfer der Eitelkeit gedacht. Sie kommen wie eine Liebkosung, so wie wenn ein Mann seine Frau ansieht und sagt: „Es giebt für mich kein Weib außer Dir.“ Meine Frau fuhr auch nach einer Pause, so kurz, daß ich sie kaum gemerkt hatte, fort:
„Ich habe Dir gewiß noch nie dafür gedankt, daß Du mich gelehrt hast, zu glauben, wie Du glaubst, aber ich bin so froh, daß Du es gethan. Du kannst es nicht so fühlen, wie ich es fühle. Du kannst es nie so fühlen. Jeder Tag, der vergeht, macht mich reicher. Jede Stunde scheint mir erfüllt von meinem Glück. Es ist so merkwürdig, mir jetzt zu denken, daß ich einmal, als ich um vieles jünger war, mich sehnte, sterben zu können, um in den Himmel zu kommen. Was meinte ich da, und wonach sehnte ich mich? Ich glaube, ich habe es vergessen, als wäre es nie gewesen. Das Einzige, was ich früher manchmal schwer empfand, war, daß ich niemals meinen Vater wiedersehen sollte, der tot ist. Aber jetzt kommt es mir vor, daß ich nichts anderes verlange, als mit Dir und den Knaben leben zu können. Ich würde nicht wünschen, daß es etwas anderes gäbe als das Leben, das Du und ich leben durften. Ich will mit Dir leben, bis die Knaben groß sind und hinausziehen. Dann wollen wir zusammen altern — Du und ich — und etwas anderes kann ich mir nicht denken.“
„Glaubst Du nicht an irgend eine Möglichkeit eines anderen Lebens?“ fragte ich.
Sie schüttelte mit einer energischen Geberde den Kopf.
„Nein,“ rief sie aus, „ich will nichts anderes als das, was ist. Ich will einmal in der Erde unter einem schönen Blumenhügel schlafen. Das ist Alles für mich, und darum bitte ich Gott jeden Abend.“
Sie betete jeden Abend zu Gott, und sie glaubte nicht an ein unsterbliches Leben. Ich wußte es, und fühlte aufs Neue das Wunderbare in diesem, ihrem eigenen Rätsel, das für sie bloß natürliche Wirklichkeit war. Ich streichelte ihre Schulter, um sie wissen zu lassen, daß ich gehört und verstanden hatte, und mit einem plötzlichen Uebergang fragte sie:
„Glaubst Du an etwas anderes?“
„Ich glaube weder, noch glaube ich nicht.“
Sie wiederholte meine Worte ganz tonlos, obgleich sie sie schon mehrere Male zuvor gehört, wiederholte sie, als enthielten sie etwas ganz Unfaßbares, und rief plötzlich:
„Dann hast Du Dich verändert.“
„Das glaube ich nicht.“
„Ja, das hast Du. Wie hätte ich sonst glauben können, daß das Leben mit dem Tode zu Ende sei? Du hast es mich gelehrt. Warum willst Du jetzt nicht glauben, wie ich?“
Bei ihren Worten flog eine Erinnerung durch meine Seele. Ich sah sie und mich auf einem schmalen Pfad unter den hellen Birken der Schären wandeln. Ueber uns funkelten des Himmels Sterne, und zu unseren Füßen zitterte im Grase der matte Lichtschein aus den Fenstern unseres ersten Sommerheims. Ich vermeinte noch die Worte hören zu können, die in der Stille des Abends zwischen uns geflüstert wurden, Worte vom Leben und vom Tode, von Gott und dem Kommenden, diese Worte, die von unserem ersten Liebesrausch Ernst und Glut empfingen. Ich erinnerte mich, daß sie es war, die fragte, und ich antwortete. Ich erinnerte mich, daß sie tief betrübt und stumm wurde, während sie über meine Antwort nachdachte, und als nun diese Erinnerung durch meine Seele zog, mit einer Deutlichkeit, die keine Worte wiederzugeben vermögen, war es mir, als müßte das, was ich damals gesagt, sie in ganz anderer Weise getroffen haben, als ich eigentlich gemeint, und ich fühlte einen Stich im Herzen, als hätte ich, ohne es zu wollen, ihr etwas zu Leide gethan.
Sie unterbrach mich, indem sie sagte:
„Ich kann das nicht fassen, das, weder zu glauben, noch nicht zu glauben. Ich muß eines von Beiden thun.“
Sie sprach diese Worte mit einem Ton aus, als bäte sie mich, ihr nicht zu widersprechen, und ich that es auch nicht. Ich behielt bloß in mir die Stimmung der lichten Insel unserer Jugend und wunderte mich darüber, daß ich die ganze Zeit die Sterne durch das Laubwerk der Birken zu sehen meinte.
Meine Frau hatte sich, während wir sprachen, erhoben und stand wieder neben dem kleinen Bette. Mitten im Gespräche hatte sie gemerkt, daß der Kleine sich bewegte. Sie hob ihn empor, nahm ihn in ihre Arme in jener sicheren, schützenden Art, wie nur Mütter es können, und legte ihn an die Brust. Ihr Gesicht strahlte, als sie sah und fühlte, wie er ihre Milch mit jener unbeschreiblichen Ruhe sog, die das Vorrecht des Kindes ist.
Wovon wir eben gesprochen und was ich jetzt sah, verschmolz in eigentümlicher Weise in meinem Gefühl zur Einheit, und ich erinnerte mich der Worte, die den Anfang des kurzen Gesprächs gebildet hatten. Lange saß ich und dachte an das, was ich sagen wollte. Ich dachte an die grausamen Worte: „Verflucht sei die Erde um Deinetwillen“ und an den Zusatz an die arme Erde: „Dornen und Disteln sollst Du tragen.“ Das Gefühl dessen, was ich besaß und was ich sah, war mir so übermächtig, daß ich fürchtete zu sprechen, nur um meine Bewegung nicht durch Thränen zu verraten, und gleichzeitig versuchte ich, meine eigenen Gedanken davor zurückzuhalten, die Form des Worts anzunehmen, um meiner Frau nicht pathetisch zu erscheinen.
Endlich nahm ich die Bibel in die Hand und legte sie weg.
„Du hast Recht,“ sagte ich, „und das harte Wort hat Unrecht. Da sollte stehen: ‚Gesegnet sei die Erde um Deinetwillen. Trauben und Rosen soll sie tragen.‘“
Und nachdem ich dies gesagt, beugte ich das Knie und lehnte die Stirn zugleich an mein Weib und an mein Kind. Mit der Hand, die sie frei hatte, strich sie mir übers Haar.
„Ach! Wir waren jung damals, jung und sehr glücklich.“
2.
Ich habe bis jetzt nicht den Namen meiner Frau genannt, und es fällt mir noch schwer, es zu thun. In meinen Gedanken nenne ich sie zuweilen Mignon, weil dieser Name der einzige ist, unter welchem ich sie sehen kann, so wie sie kam und ging. Was weiß ich im Uebrigen, ob ich jetzt sie selbst male oder die Erinnerung, die sie zurückgelassen? Ist ein Mensch das, was er Jenen zu sein scheint, die ihn nicht so gesehen, wie vielleicht bloß Einer ihn zu sehen vermag? Ist er nicht vielmehr in seinem innersten Wesen gerade das, was bleibt, nachdem das Aeußere und Zufällige verblaßt ist? Ist es nicht möglich, daß das, was Mancher Idealisierung nennt, eigentlich die innerste Aehnlichkeit ist, die, welche einmal in einer Welt, die kein menschliches Auge erreicht, unser wirkliches Ich werden wird, Allen sichtbar?
Sie war klein von Gestalt und zart, und als ich sie zum ersten Mal sah, war es bei einer flüchtigen Vorstellung auf der Straße beim Schein einer Gaslaterne. Als ich sie verlassen hatte, blieben mir ein paar wunderbar große und tiefe Augen in der Erinnerung. Im Uebrigen erinnerte ich mich nur an einen schwarzen Pelzkragen, ein paar lange schwarze Handschuhe und den Druck einer Hand, die einen plötzlichen und starken Eindruck von etwas Aufrichtigem, Wachem und Wahrem hervorrief. Sonst erinnerte ich mich an ihr ganzes Aussehen so wenig, daß ich ein paar Tage später an ihr vorbei ging, ohne sie zu erkennen. Und doch hatten mir diese Augen keine Ruhe gelassen, sie waren immer wieder vor meiner Phantasie aufgetaucht, gleichzeitig strahlend und schmerzgebunden, etwas zugleich Lebenverlangendes und Andachtsvolles bergend. Wenn je ein paar Augen eine Seele gespiegelt haben, waren es die ihren.
Wenn ich an Alles denke, was ich durch meine Frau erlebt habe, weiß ich, daß durch all die bunten Lebensjahre meines Daseins Niemand mich so wie sie gelehrt hat, das Gefühl für das Religiöse beizubehalten. Ich glaube jedoch nicht, daß ich sie je das Wort Religion habe nennen hören, und man hätte sie sicher narren können, Abraham mit dem Apostel Paulus zu verwechseln. Aber Alles, was sie mit ihrem Denken oder Fühlen umfaßte, wurde ihr in irgend einer besonderen Weise heilig. Ihr Wesen war Zärtlichkeit, und das Leben, das sie leben wollte, war ein Fest, ein Fest, bei dem ihr Gefühl für den Wert und die Heiligkeit des Lebens keinen Mißton ertragen konnte. Aber Alles, was in ihr stark und lebendig war, war zu gleicher Zeit gebrechlich und spröde. In der Tiefe ihrer Seele war eine Ganzheitsanbetung, die das Leben nicht ertrug, weil sie auf einem höheren Plan zu stehen schien als das Leben selbst.
Wir waren viele Jahre verheiratet gewesen, als sie eines Tages zu mir sagte, plötzlich, unvorbereitet und ohne äußeren Anlaß, sowie ihre stärksten Gefühle immer kamen:
„Du darfst mich nie, nie fühlen lassen, daß Etwas zwischen mir und Dir alt und gewohnt geworden ist. An dem Tage, wo das geschieht, will ich sterben.“
Wie viele Frauen haben nicht dasselbe gesagt, und wie Viele haben nicht gelebt, um nachher über ihre eigenen Worte zu lächeln! Ich habe einmal von einer Frau gehört, die zu einem Manne sagte:
„Glaubst Du nicht, daß es einige Frauen geben kann, die das fühlen, was alle Frauen sagen?“
Ich erinnere mich, daß dies mir bei den Worten meiner Frau in den Sinn kam und daß ich in dem Gefühl ihrer Wahrheit zur Antwort nur ihre Hand drückte. Ich begriff, daß das, was sie gesagt, ihr tiefster Ernst war, und ich wußte, daß hier das Wort Sentimentalität nicht am Platze war. Aber ich sah auch, daß sie ein Wort von mir erwartete, das ihr etwas sagte, und darum antwortete ich:
„Glaubst Du nicht, daß etwas alt und gewohnt werden kann, ohne darum an Stärke, Freudigkeit und Heiligkeit einzubüßen?“
Sie sah mich mit großen Augen an, als wollte sie auf den Grund meiner Seele sehen. Dann ging sie auf mich zu und küßte mich, und ich merkte, daß ihre Augen feucht waren, während ich fühlte, wie ihre ganze Gestalt sich zu der meinen neigte, in einer einzigen großen Zärtlichkeit.
„Laß es dann alt und gewohnt werden,“ sagte sie. „Ich sehne mich darnach, daß es so wird.“
Nicht ein Wort mehr wurde gesprochen. Aber den ganzen Tag sah ich, daß sie wie in stillem, stummem Jubel umherging. Am Nachmittag war sie draußen im Garten, und ich hörte von meinem Fenster, daß sie allein sang, mit vollen, glockenreinen Tönen.
Nach einer Weile kam sie mit einem kunstvoll gebundenen Strauß von Wiesenblumen herein, in dem die Flora des Sommers sich mischte, wie die Töne in einem Lied. Sie stellte ihn ohne ein Wort auf meinen Tisch und lächelte still, um meine Arbeit nicht zu stören. Dann setzte sie sich selbst ein Stück weit weg, und während ich schrieb, blickte ich zuweilen auf, nur um sie anzusehen. Die Abendsonne färbte ihr dunkles Haar und spielte in den Farben ihres Antlitzes, das stets neu war, niemals sich gleich.
3.
Es begab sich nie, daß etwas zwischen uns alt und gewohnt wurde. Ich weiß, daß ich ein großes Wort ausspreche. Aber es ist wahr. Und darum kann ich noch sagen: Gesegnet sei das Leben und was das Leben gab! Das Leben für das segnen, was es nahm, das kann ich nicht.
Aber es geschah uns, daß die Sorge in unser Haus kam, und ich begreife jetzt, daß sie uns hätte trennen können, weil ich es nicht vermochte, so zu trauern wie sie. Aber ich weiß mit demütiger Dankbarkeit, daß dies doch nie geschah. Und doch, hätten Menschen es vermocht, es würde gelungen sein.
Wie bald ich es sah, weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, daß der Eindruck so innig mit der Erinnerung an meine Frau verwoben ist, daß ich es jetzt nicht mehr fassen zu können glaube, daß ich sie je in dem Lichte der Jugend und des Glücks allein gesehen. Sie war nämlich frühzeitig krank, ja, ich habe sie eigentlich nie anders gekannt als mit dem Keim der Krankheit. Wie kam es da, daß ich bis zuletzt lange Zeiten vergessen konnte, daß ihre Gesundheit untergraben war und daß der Krankheitskeim, der bestand, sich entwickeln oder ganz verschwinden mußte? Ich wußte ja nur zu gut, daß er nicht verschwand. Und doch lernte ich nie ihr Leben in einem anderen Lichte sehen, als dem gewöhnlichen. Horchte ich nicht auf die Vorboten, die kamen? Stellte ich mich blind und taub gegen die Ahnungen, die in mir aufloderten, wie Feuersflammen meines Glückes Haus bedrohend, das ich so fest gemauert wähnte? Ich weiß nicht, ob es so war. Aber ich weiß, daß, als ich heiratete, ich so jung war, daß ich glaubte, die Liebe sei ein Heilmittel gegen alles Unglück der Welt, und wenn ich Elsa strahlend und glücklich sah, wenn wir uns gemeinsam in Wald und Wellen tummelten, wenn ich sah, wie die Sonne sie bräunte und die Sommerwellen ihre weißen Glieder bespülten, da vergaß ich, daß das Unglück kommen konnte, und ich spiegelte mir vor, daß das, was ich befürchtet hatte, nur Einbildung war. Ach, ich wurde schließlich so bewandert in der Kunst, das zu vergessen, was ich nicht sehen wollte, daß ich von Gesundheit und langem Leben träumte, auch nachdem Elsa dem Tod so nahe gewesen, daß es ein Wunder war, daß sie ihm entrann, und sie unter ihrem Kleid verborgen die Spuren des Messers des Operateurs trug, nie ganz frei von Schmerzen, sie nur dadurch vergessend, daß sie sich selbst Gewalt anthat, um uns, die sie liebte, den Kindern und mir, Freude und das Fest des Lebens zu schenken.
Aber ich erinnere mich doch, wie bald ich dieses Etwas sah, das zu vergessen unsere ganze Ehe ein wechselnder Kampf war. Ich sah es an ihrem Gesichte, wenn sie allein saß und sich unbeobachtet glaubte, und anfangs meinte ich, als ich dies sah, daß zwischen mir und ihr etwas stünde. Ich pflegte sie darnach zu fragen, und es ist schwer zu sagen, ob es meine Liebe oder meine Eigenliebe war, die mich glauben ließ, daß nichts anderes, als was mich selbst berührte, ihr Glück trüben konnte. Ich sah, daß ich sie mit meinen Fragen unsäglich quälte, aber ich fragte sie doch, und bei solchen Anlässen konnte sie mit einem Ausdruck lächeln, als weilte ihre Seele weit weg, einem Ausdruck, der mich noch in der Erinnerung quält, weil es dieser Ausdruck war, den ich jahrelang zu besiegen strebte, aber der schließlich die Oberhand bekam und mich besiegte.
„Du sollst mich nicht fragen,“ sagte sie einmal. „Ich weiß selbst nicht, was es ist. Ich weiß nur, daß kein Mensch es verstehen kann.“
In was sie da blickte, gehört dem Unbekannten an, wonach Alle fragen, aber worauf Niemandem eine Antwort wird. Doch wie hätte ich das damals verstehen können? Unser Leben war glücklich, unsere Tage froh, unsere Knaben wuchsen heran und erfüllten unser Heim mit ihrer frohen Munterkeit. Und niemals war Elsa zärtlicher gegen mich, als wenn ich diese Momente schweigender Betrübtheit bemerkt hatte, die ich das Recht gehabt hätte, unmotiviert zu nennen, wenn es keine anderen Motive gäbe als die, welche die Menschen in Worte kleiden können.
4.
Zu dieser Zeit waren unsere Knaben herangewachsen und waren schon große Jungen. Olof hatte bereits mit der Schule angefangen, und Svante näherte sich auch schon der Zeit, wo er beginnen sollte, die trockenen Nüsse vom Baume der Erkenntnis zu knacken.
Zu dieser Zeit war es, daß die dunklen Stunden zum ersten Male anfingen, meiner Frau übermächtig zu werden, und mehr als einmal sah ich, daß sie geweint hatte. Sie wich mir in ihrer stillen Weise aus, und sie that es, damit ich sie bei solchen Anlässen nicht fragen sollte. Ich kann nie vergessen, welche Angst mich in dieser Zeit beherrschte. Diese Angst schlich sich Nachts an mich heran, wenn ich einsam an meinem Schreibtisch saß. Sie folgte mir, wenn ich ging, um mich zur Ruhe zu legen, und sie blieb in der Dunkelheit auf dem Rande des Bettes sitzen, während ich wach lag und den Atemzügen meiner Frau lauschte, um zu hören, ob sie schlief.
So still wurde es zwischen uns in dieser Zeit, so wunderlich still. Wir konnten in unser Wohnzimmer kommen und die Lampe anzünden, und wir konnten dort sitzen, ohne ein Wort zu sagen, und wir fühlten, wie das Schweigen sich gleich einer Mauer zwischen uns aufrichtete, die Niemand aufgebaut, aber die auch Niemand niederreißen konnte. Und wenn unsere Hände sich suchten, war es nur, weil wir es mußten und Keiner von uns es ertragen konnte, ferne von dem Anderen zu sein, obgleich wir Beide fühlten, daß wir es im Grunde doch waren.
Die Knaben kamen herein, um Gutenacht zu sagen. Wir küßten sie Beide, und wir sahen ihnen nach, wenn sie gegangen waren. Aber kein Wort wurde gesprochen, und wenn ich meinen Kopf wieder nach der Richtung wandte, wo meine Frau saß, fühlte ich, daß sie weinte, aber ich hörte es nicht. Wir hätten nicht unglücklicher sein können, wenn Eines von uns oder wir Beide ein dunkles Geheimnis zu verbergen gehabt hätten. Und doch wußten wir Beide, daß es kein solches gab.
„Bist Du unglücklich mit mir, Elsa?“ fragte ich sie.
Und zur Antwort hörte ich sie schluchzen, wie in höchster Angst:
„Wenn ich Dich nicht hätte, glaubst Du, daß ich da leben könnte?“
5.
Wie lange diese Zeit währte, kann ich mich nicht mit Bestimmtheit entsinnen. Ich weiß nur, daß ich mich ihrer wie eines einzigen entsetzlichen Winters ohne Schnee erinnere, eines langen, dunklen Strichs in unserem Leben, das mich leer und ohne Sinn dünkte. Nachher habe ich den Tod das Teuerste, was ich besaß, aus meinen Armen reißen sehen, ich sah Freunde sterben, ich habe mich von Allem verlassen gefühlt, wofür ich geistig sterben oder leben wollte. Aber etwas, das sich mit diesem Winter vergleichen läßt, habe ich niemals erlebt, denn damals glaubte ich, daß Elsa im Begriffe stand, von mir fortzugleiten, und dieser Gedanke war mir furchtbarer als irgend etwas, das andere Menschen mir zufügen konnten oder das mich überhaupt im Leben zu treffen vermochte.
Diese Zeit war so bitter, weil ich damals das einzige Mal in meinem Leben in meinem Herzen hart gegen sie wurde, und ich wurde es, weil ich es nicht besser verstand. Ich kam schließlich dazu, mich in mich selbst zurückzuziehen so wie sie, denn der Gram beherrschte mich; endlich bekam der Gram Stimme, und die harten Worte zitterten in der Luft um uns.
Eines Tages fand ich sie in Thränen, und mit einer Stimme, die nicht mehr meine war, rief ich aus:
„Wie lange glaubst Du, daß ich das aushalten werde?“
Im selben Augenblick, in dem ich es gesagt, bereute ich meine Worte, und niemals werde ich den Ausdruck des Schreckens vergessen, der ihr ganzes Antlitz versteinerte.
„Was meinst Du?“ sagte sie.
„Das, was ich sage.“
Es war, als hätte ein böser Geist, den ich nicht zügeln konnte, durch meinen Mund gesprochen. Alles, was ich gelitten, stieg in mir empor, als wolle es mich ersticken, und ich empfand es als einen Triumph, daß ich ihr wehe gethan.
„Gehe doch,“ sagte sie, „gehe von mir. Warum bist Du je zu mir gekommen?“
Sie weinte nicht, als sie ging. Aber mitten durch meinen Zorn fühlte ich, daß ich ihr mit meinen unüberlegten Worten einen Schmerz zugefügt, so groß, daß ich selbst nie einen ähnlichen gefühlt hatte, noch fühlen werde. Aber ich schüttelte diesen Gedanken ab und verschanzte mich hinter dem beschränkten Hochmut, der den Menschen dazu bringt, ein Unglück nicht abzuwehren, sondern nachzurechnen, wessen Schuld es ist.
„Es ist ihre Schuld,“ sagte ich zu mir selbst, „wenn unser Glück vorüber ist. Was habe ich gethan, daß sie unglücklich sein und mich dadurch quälen muß, daß sie mir die Ursache nicht sagt? Sie liebt mich nicht mehr. Das ist ja der Lauf der Welt. Was schön ist, muß verunstaltet werden. Wer glücklich ist, darf es nicht lange bleiben.“
Hinter solchen Gedanken verbarg ich mein wirkliches Empfinden, das die ganze Zeit über von ihr erfüllt war. Ich glaubte, daß ich ein Recht zu grollen hätte, und ich fand, daß das, was ich gesagt, noch eine härtere Antwort erhalten hatte, als die Worte selbst verdient hatten.
6.
Diese Zeit war die einzige, in der unser Glück wirklich hätte untergehen können, und ich glaube, daß wir Beide gleich stark die Empfindung hatten, daß schicksalsschwere Mächte mit unserem Leben spielten. Ein ganzer Tag verging, während dessen kein Wort zwischen uns gewechselt wurde. Aber am Abend, als wir zur Ruhe gehen sollten, fielen wir einander in die Arme und weinten, ohne sprechen zu können.
Dann wurde alles wie zuvor. Aber die Frage, die mich verzehrte: „Was ist es, was kann es sein?“ war und blieb unbeantwortet. Doch war ich ruhiger, fühlte Reue über meine unausgesprochenen Gedanken und wartete zugleich gewissermaßen auf eine Lösung.
Zwei Tage später fand ich folgenden Brief auf meinem Tisch.
Ich erinnere mich, daß ich ihn mit einem Gefühl der Angst erbrach, so, als könnte mir dieses Papier ein Geheimnis entschleiern, das die Macht hatte, mein ganzes Leben zu vernichten. Aber gleichzeitig brannte ich vor Verlangen, Antwort auf die eine Frage zu erhalten: „Warum ist sie nicht glücklich? Kann man gleichzeitig glücklich und unglücklich sein?“
Der Brief lautete folgendermaßen:
Mein Geliebter.
Daß solche Worte fallen konnten zwischen Dir und mir! Daß es nur möglich ist, daß das geschah! Ich glaubte zuerst, die Sonne sei erloschen und ich könnte niemals mehr das Licht des Tages sehen. Und ich grübelte und grübelte, wie ich Dich wieder gut gegen mich stimmen könnte und wie Alles werden könnte, als sei dies nie gewesen.
Aber dann sah ich, daß Du doch gut warst in Deinem Herzen, obgleich es nicht den Anschein hatte, und ich begann zu verstehen, daß Du niemals anders werden kannst, und daß nur das, daß ich nicht auf Deine Fragen antworten konnte, Dich so zerrissen und bitter machte, und darum schlugst Du blind zu, ohne zu wissen, daß Du mir so wehe thun konntest, wie Du es thatst. Auch jetzt weiß ich nicht, was ich Dir antworten soll, aber Du darfst Dich nicht darüber wundern, daß ich schreibe. Es geschieht nur, weil, wenn ich versuchen wollte, davon zu sprechen, ich nie mehr als die Hälfte von dem sagen würde, was ich wollte.
Es giebt so vieles, das ich in mir herumtrage, Georg, so vieles, das ich nie gesagt, weder zu Dir noch zu irgend jemand Anderem, weil ich weiß, daß ich es nie sagen kann. Ich bin immer so gewesen, Georg, und ich werde wohl auch immer so bleiben.
Manchmal, wenn ich daran denke, wie Du gegen mich bist, von Allem sprichst, keinen Winkel Deines Herzens verbirgst, dann glaube ich, daß ich nur ein Echo von Dir bin, und ich bin so arm, daß ich Dir nichts wiederzugeben habe. Und wenn Du mir gesagt hast, daß dem nicht so ist, dann habe ich mich so glücklich gefühlt, Georg, so glücklich und reich. Und ich weiß, daß ich Dir alles gegeben habe, was ich geben kann, und alles, was ich habe.
Aber wenn Du siehst, daß ich sitze und in mich selbst hineinstarre, wie Du zu sagen pflegst, dann sollst Du wissen, daß ich nichts anderes thue, als was ich immer gethan habe, auch wenn ich am glücklichsten war, auch lange bevor ich Dich kannte und mein wirkliches Leben anfing. Und wenn ich weine, sollst Du nicht glauben, daß ich unglücklich bin. Das, woran ich da denke, macht mich nicht unglücklich. Es ist nur etwas, worüber ich zuweilen grübeln muß, weil ich weiß, daß es kommen wird und weil ich es immer gewußt habe.
Aber Du sollst mich nicht darnach fragen, denn ich kann Dir doch nicht antworten. Könnte ich es, ach, könnte ich es, dann würden ja meine Thränen von selbst trocknen. Vielleicht ist es auch nichts, vielleicht liegt es nur darin, daß ich zu glücklich bin.
Aber ich will, daß Du mir glaubst, wenn ich Dir sage, daß Du nicht zu fürchten brauchst, es gäbe etwas Verborgenes und Geheimes in meiner Seele, das ich verberge und geheim halte, weil Du es nicht sehen dürftest. Es ist bloß das, daß ich nicht kann.
Bitte mich darum nicht, zu sprechen, sondern sei mir gut, so wie ich bin. Sei mir gut als Deinem kleinen Mädchen und Deiner Freundin, die nichts anderes verlangt, als an Deiner Seite gehen zu dürfen, so lange Gott mir das Leben schenkt, und dann zu sterben und in Ruhe zu schlafen, von allen Anderen vergessen, außer von Dir. Denn Du sollst mich nicht vergessen, und das ist das einzige „unsterbliche Leben“, das ich verlange.
Aber eines wünsche ich zuweilen. Und das ist, daß wir Beide grau und alt wären und unsere Kinder schon recht alt. Ich bin so sehr Mutter, daß ich wünschte, meine Knaben wären erwachsen und ich könnte zu ihnen nach Hause gehen und kleine, kleine, ganz kleine hilflose Kindchen in meine Arme nehmen und sehen, daß ich auch ein bißchen in ihnen lebte. Meine Jungen sind jetzt so groß, daß sie mich bald nicht mehr brauchen. Aber es wäre so gut alt zu sein und zusammen mit Dir zu gehen und des Tages harren zu können, an dem die große Ruhe kommt. Ich glaube, ich würde Dich doppelt lieben, wenn Du alt und grau wärest und Niemand Dich mit denselben Augen ansehen könnte wie ich und ich denken dürfte, daß Niemand außer mir an Dich ein Recht gehabt und Niemand so recht wüßte, wer Du bist.
Nun habe ich Dir so viel gesagt, und das, was Du mich gebeten, Dir zu sagen, habe ich doch nicht gesagt. Aber denke nicht daran, Georg, denke nur, daß ich Dich jetzt liebe, so wie ich Dich immer geliebt habe, daß das, was ich jetzt für Dich fühle, mehr ist, als Worte ausdrücken können, mehr als Du selbst je wissen kannst. Denn bei Dir und hier ist mein Platz und ich habe alles, was je eine Frau gehabt hat oder haben kann, und wenn sie noch so glücklich wird. Glaube nichts Anderes, denn sonst machst Du mich unglücklicher, als Du ahnen oder glauben kannst.
Deine Frau.
7.
Ich saß lange mit diesem Brief in der Hand, und die Woge von Zärtlichkeit, die mir entgegenströmte, war so mächtig, daß sie alle Fragen erstickte und mich in meiner gewohnten Umgebung, in der nichts verändert schien, mit einem Gefühle umhergehen ließ, als sei ich der Märchenprinz, der auf den Flügeln des Westwinds die Insel der Glückseligkeit erreicht hat.
Ich hatte gefragt, warum meine Frau so verändert schien, und ich hatte es nicht erfahren. Ich hatte nur einen Beweis ihrer Zuneigung bekommen, und so ist ja die Liebe, daß sie nichts Anderes will als sich selbst, und alle Fragen, die sie dabei stellt, zielen auf nichts Anderes hin als auf die einzige Gewißheit, ohne die sie selbst nicht bestehen kann. Darum gab dieser kleine Brief uns die Lösung von allem, obgleich er nichts erklärte, und in stummer Dankbarkeit ging ich, nachdem ich ihn gelesen, zu meiner Frau hinein, glücklich, daß ich ganz glauben konnte.
Wir sprachen auch nicht viel von diesem Briefe, aber wir empfanden es Beide als eine Erleichterung, daß er geschrieben worden war, und des Abends saßen wir lange auf, nachdem die Kinder sich zur Ruhe begeben hatten. Ich erinnere mich, wie Elsa in dieser Zeit sang, sang, so wie sie nie für jemand Anderen als mich gesungen hat. Und ich saß und ließ meine Seele von den Tönen liebkosen, während ich in mir grübelte, wie es möglich gewesen war, daß eine Mißstimmung sich zwischen sie und mich hatte schleichen können.
Wie die Tage gingen, weiß ich nicht. Ich bemerkte nicht, daß sie länger wurden, daß der Schnee von den Dächern tropfte und daß die Bäume des Humlegartens zu knospen begannen. Höchstens bedauerte ich, daß der Winter nicht länger währte, so daß die Lampe zeitig angezündet werden und unsere Abende beginnen konnten.
„Hast Du gemerkt,“ sagte mir meine Frau eines Morgens, „daß ich froher bin als früher und daß ich nie mehr weine?“
Ich hatte es gemerkt. Aber undankbar wie ein Mensch ist, der eben einer Gefahr entgangen ist, die er nicht verstanden hat, hatte ich die Veränderung genossen, ohne darüber nachzudenken.
„Weinst Du vielleicht, wenn Niemand Dich sieht?“ fragte ich.
Und ich fühlte einen Schatten meines alten Mißtrauens in mir erwachen.
Aber meine Frau merkte es nicht. Sie stand vor mir so strahlend jung, als hätte keine Wolke ihre Stirne verdunkelt. Und um ihre Lippen spielte ein Lächeln, das ich schon einmal gesehen zu haben meinte. Ich konnte mich nur nicht erinnern, wann.
„Ich weine nicht mehr,“ sagte sie.
Und ihre Stimme hatte einen fast herausfordernden Klang, als sie hinzufügte:
„Das ist auch mein Geheimnis.“
Ich folgte ihrer Stimmung, ohne ihre Worte zu verstehen. Ich war zufrieden und glücklich in dem Gefühl, daß das Leben uns wieder lächelte.
Diese ganze Periode ließ in unserem Zusammenleben keine andere Spur zurück, als daß dieses noch inniger und gleichsam behutsamer wurde, als je zuvor. Ich kann nicht mehr sagen, in welcher Weise ich diese wunderliche Paranthese in einer glücklichen Ehe mir selbst zu erklären versuchte. Gewiß ist, daß ich damals weit entfernt war zu ahnen, daß sie den Keim zu der Tragik einer ganzen Zukunft barg.
8.
Obgleich sie sich mit Stolz die Mutter zweier Knaben nannte, war Elsa doch noch jung, und wenn sie am Arm ihres Mannes über die Strand-Promenade ging, waren ihre Schritte elastisch, und sie schmiegte sich, während sie ging, mit einer Bewegung an mich, die zeigte, daß, wenn etwas diesen schönen Kopf bedrückte, es nicht die Jahre waren.
Es war an einem dieser gefährlichen Frühlingsabende in Stockholm, wo die Sonne warm über frischknospende Bäume fällt, die Straßen gleichsam zum Spiel und zur Augenweide von Leuten wimmeln, wo die Landgasthäuser alte Eheleute locken, Neuvermählte oder Verlobte zu spielen, wo der Himmel blau ist und die Eisblöcke den Strom hinabtanzen, wo der Winter so weit weg scheint, als sollte er niemals wiederkommen, und der Frühling einen Sommer verspricht, so wie man noch keinen erlebt.
An einem solchen Abend war es, daß Elsa ihren Mann verlockte, bis zum Tiergartenbrunnen spazieren zu gehen, eine Absage nach Hause zu telephonieren und ein kleines Souper à deux zu bestellen, in einem niedrigen Zimmer mit weißen Gardinen, von wo aus man über die hellen Bäume sehen konnte, durch deren Zweige die Abendsonne zwischen langen Schatten schien.
Dies war eine unserer liebsten Vergnügungen, und je seltener wir uns, seit die Kinder heranwuchsen, derselben hingeben und diese allein lassen wollten, desto mehr genossen wir einen solchen Abend, der die ganze Freudigkeit und Schwärmerei mit sich brachte, die die Alltagskost der Jugend ist und die mit den Jahren zu Feierstunden wird, die man in der Erinnerung hegt.
Ich erinnere mich auch gerade an diesem Abend so gut an Elsa.
Vergnügt und zufrieden, in die Sophaecke geschmiegt, saß sie da und genoß langsam ihr letztes Glas Champagner. Sie glich einem Kätzchen, das darauf wartet, daß man es liebkost oder mit ihm spielt. Und ihr gegenüber saß ich selbst, rauchte bedächtig eine gute Cigarre und folgte mit meinen Blicken dem Sonnenschein, der zwischen den Schatten der Bäume zitterte. Ich fühlte mich glücklich und zufrieden, aber ich hatte in letzter Zeit viel gearbeitet, und es störte mich beinahe, daß meine Frau da saß und sich darnach sehnte, daß ich mich ganz mitreißen ließ. Denn sie selbst war in Fieberstimmung. Sie sah aus, als wollte sie im Zimmer umherspringen, spielen, rasen und sich fangen lassen, als sehnte sie sich nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, als wäre sie von dem mädchenhaften Verlangen nach den unsterblichen Thorheiten des Glücks erfüllt, was gerade zu dem gehörte, was ich bei ihr am allermeisten liebte. Aber ich konnte mich nicht mitreißen lassen, wie gerne ich auch wollte. Es war, als läge eine böse Ahnung oder eine unwiderstehliche Wehmut in mir auf der Lauer und hinderte mich, ganz dem Flug ihrer Gefühle zu folgen. Später kann man sich an etwas derartiges erinnern, und man kann sich selbst wegen dessen anklagen, was man damals versäumt hat, so als hätte man ein Verbrechen begangen. Ich erinnere mich noch, daß ich damals ihre Stimmung verstand; und durch das, was nachher folgte, weiß ich, welchen Weg ihre Träume nahmen.
Ein wenig darüber verstimmt, daß unsere Gefühle sich nicht wie gewöhnlich im selben Rhythmus bewegten, saß sie stumm da, das letzte Glas Champagner schlürfend, und während sie so saß, glitten ihre übermütigen Gedanken unmerklich in eine milde träumende Stimmung hinüber, und während sie ihren Mann anblickte, dessen Haar an den Schläfen schon ganz grau war, sah sie wie in einem Traum den Tag, an dem wir Beide vor vielen Jahren zu einer sonnenbeleuchteten Schärengarteninsel gerudert waren, hinter deren Bäumen unser erstes lichtes Sommerheim hervorschimmerte. Sie sah und sah. Das Bild wurde so deutlich und so scharf, daß sie jeden Strauch und jeden Baum zu unterscheiden vermeinte, alles bis zu dem feinen Spiel von Schatten und Lichtern, die die Abendsonne über das Schindeldach des grauen Häuschens warf. Sie sah die Bucht sich in unendlichem Blau weiten, und da, wo sie sich um die Insel schloß, wiegten ihre Wellen Spiegelbilder der hellen Birken und der dunklen Eichen und Tannen, die sich im Wasser beinahe schwarz abzeichneten.
Wie oft hat sie mir nicht die Klarheit dieser Visionen oder Erinnerungen beschrieben, die ihr eigenthümlich waren! Ich kann ihren Traum jetzt besser und klarer sehen, als ich es damals konnte.
Gewiß ist, daß sie all dies sah, bis ihre ganze tolle Laune verschwunden war, und ich sah, wie warme Thränen ihre Augen füllten. Mit einer hastigen Bewegung leerte sie den Rest ihres Glases, glitt von dem Sopha herab und lehnte ihren Kopf an meine Kniee.
Als hätte etwas von ihrem Gefühle sich unmittelbar auf mich übertragen, oder als wären sich unsere Gedanken in der Vergangenheit begegnet, in der der Glückstraum des Lebens uns beide umfing, wurde auch ich von einer Stimmung, die ganz verschieden von der vorhergehenden war, ergriffen, und indem ich sanft meinen Arm um ihren Hals legte und ihre Wange streichelte, sagte ich:
„Woran denkst Du?“
„Ich denke an unseren ersten Sommer.“
In diesem Augenblick kam es mir vor, als hätte ich auch an dasselbe gedacht. All meine Müdigkeit war wie fortgeflogen, und voll Bewegung bog ich ihren Kopf empor und küßte ihren Mund.
Im selben Moment saß Elsa aufrecht da.
Das Verlangen nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, das die Einförmigkeit des Alltäglichen durchbrach, vermischte sich im Augenblick mit der Erinnerung an das, was einst gewesen, und mit einem Tonfall, dem man nicht widerstehen konnte, rief sie aus:
„Ich will hinfahren, Georg! Ich will hinfahren!“
Aber im selben Augenblick fühlte ich mich wieder in die Wirklichkeit zurückversetzt. Meine Gemütsstimmung war im tiefsten Grunde vielleicht dieselbe wie die meiner Frau. Aber ich empfand gleichzeitig dieses wunderliche Gefühl einer wartenden Enttäuschung, das sich in uns erhebt und in den überspanntesten Augenblicken des Lebens unsere Träume zügelt. Ich scheute zurück vor diesem Versuch, die Jugend zum Leben zu erwecken, als fürchtete ich, anstatt dessen einem Schmerz zu begegnen, den ich um jeden Preis vermeiden wollte. Ich fühlte mich einer Enttäuschung so gewiß, daß der unschuldige Vorschlag meiner Frau, die kleine Fahrt in den Schärengarten, der Besuch des Ortes, wo ich jede Bucht, jeden Sund kannte, ja sogar die Steine auf dem Grunde des Fjords, mir etwas so Wichtiges und Entscheidendes zu bergen schien, daß ich mich genau bedenken mußte, bevor ich einen so schicksalsschweren Entschluß faßte. Aber gleichzeitig sah ich, daß dieser Gedanke meine Frau mit einem Entzücken erfüllte, so groß, daß ich nicht Nein sagen konnte. Darum sagte ich auch Ja und schloß sie in meine Arme, um meine eigene Mißstimmung zu verbergen.
Aber als wir dann heimwärts gingen, lag über Elsas ganzem Wesen etwas wie ein Schimmer von Jugend. Nichts von dem, was ich wirklich fühlte, hatte sie gemerkt. Gleichsam als glaubte sie einem großen Glück entgegenzugehen, so leuchteten ihre Züge, das ganze lebensvolle Gefühl wiederspiegelnd, mit dem sie das, was gewesen, mit dem, was war, verband. Und es durchzuckte mich eine so schmerzliche Empfindung bei dem Gedanken, meine böse Ahnung könnte sich vielleicht bestätigen, daß ich meine Gedanken nicht zurückhalten konnte.
„Bist Du sicher, daß es so wird, wie Du es erwartest?“ fragte ich.
Sie zuckte zusammen, und ihr Gesichtsausdruck war beinahe verbittert, als sie antwortete:
„Warum mußt Du mir alles verderben?“
„Pflege ich das wirklich zu thun?“
Sie wurde gleich wieder gut.
„Nein, aber ich war so glücklich, gerade jetzt.“
Ich schwieg und zog sie bloß enger an mich. Vor ihrem Glauben vergaß ich meine Zweifel, und in meiner Phantasie nahm unsere unbedeutende Reise ganz wunderliche Formen an, so wie wenn kleine nahegelegene Inseln sich zum Horizonte erheben und in phantastischem Glanze schimmern.
9.
So saßen wir endlich eines Sonntags Morgens auf dem Verdeck des Dampfschiffs und eilten dem bekannten Ziele zu.
Es waren viele Jahre vergangen, in denen wir diesen Weg nicht genommen hatten, Jahre, die Gutes und Böses gebracht, Jahre, die zersplittert, und Jahre, die vereint hatten. Getrennte Wege hatten unsere Gedanken genommen, aber sie waren sich wieder begegnet, und wie in einem wunderlichen mystischen Gefühl vereint, das das Schicksal herauszufordern schien, saßen wir Seite an Seite, während Gegend um Gegend an uns vorbeiglitt, von der klaren Lenzsonne beleuchtet, vom blauglitzernden Wasser bespült, das ein leichter Wind kräuselte.
Meine Widerspenstigkeit war nun gänzlich verflogen. Ich ließ mich willenlos von meiner Frau führen und nahm jeden Eindruck mit einer Rührung auf, als wäre ich zwölf Jahre jünger und säße auf dem Verdeck, neuen, unbekannten Zielen entgegenziehend, die mein Alltagsleben verändern und dem ganzen Dasein neue Ausblicke geben sollten. Meine Frau schien mir verjüngt, so wie ich selbst. Ihr Gesicht färbte eine zarte Röte, und die Augen leuchteten mit jenem Glanze, den das Glück verleiht. Ihre Stimme hatte Intonationen unbestimmbarer Zärtlichkeit, die mich mit der ganzen Stärke der Illusion liebkosten, die uns Beide erfüllte, und zwischen uns kamen und gingen Worte und Lächeln, Blicke und Gebärden, die nur der ersten Zeit der Liebe eigen zu sein pflegen.
Und als das Dampfboot uns endlich ans Land setzte und wir allein auf der Brücke standen und das Schiff fortdampfen sahen, da umschlangen wir einander und gingen langsam über den Weg, der sich zwischen Haselstauden und hohen knorrigen Eichen schlängelte, auf deren Zweigen kaum noch die Spur von den Knospen des Frühlings sichtbar war. Da erst sahen wir, wie wenig entwickelt die Vegetation um uns war. Das Meer, das den ganzen Schärengarten in seiner kalten Umarmung umschlungen hält, legt um Inseln und Schären eine Eiseskühle, die die Arbeit des Frühlings hemmt. Hier war es nicht grün wie im Inneren des Landes, wo Wiesen und Haine sich gerade im Schutz dieses weiten Schärengartens belauben, der die harten Nordwinde fern hält. Hier war es öde und kalt, auf den Zweigen der Bäume zeigten sich schwache, lichtgrüne Triebe, die gelb und braun schillerten, die Palmenweide trug Kätzchen, das Gras schlief unter welken Blättern, und die Anemonen, die im Inneren des Landes längst verblüht waren, wuchsen blau und weiß unter den Zweigen der Haselsträucher.
Gerade diese späte Entwicklung der Natur erfüllte uns Beide, die wir in unserer eigenen Stimmung wie gefangen waren, mit einem neuen Glück. „Siehst Du, hier kommt es so spät, wie damals?“ — „Weißt Du noch, man hat einen zweiten Frühling, wenn man in den Schären wohnt?“ und wir sahen hinaus über den weiten Fjord, der diesen ganzen späten Frühling umschloß, und freuten uns, daß die Fischmöven wie einst in weiten Bogen über dem blauen Wasser kreisten, freuten uns über ihre weißen Flügel, die in der Sonne glitzerten, und blieben stehen, um ihr freies Spiel zu betrachten, wenn sie durch die Luft schossen und das Wasser erreichten, wo ihre klaren Augen die Beute erspäht hatten.
Hand in Hand wie zwei Kinder gingen wir den Hügel hinauf zu einem kleinen, roten Haus, und wir betrachteten einander, als tauschten wir ein Geheimnis aus, als der Fährmann, der uns früher hinüber zu rudern gepflegt hatte, aus der Thüre trat und versprach, uns zu unserer Jugendinsel zu führen.
Still ging die Fahrt über das blaue Wasser. Ohne ein Wort zu wechseln, von der seltsamen Stimmung erfüllt, die uns Beide beherrschte und mit jedem neuen Blicke, der sich aufthat, zu wachsen schien, saßen wir Hand in Hand da und ließen uns von den Erinnerungen durchfluten, wohl wissend, daß dem Einen kund war, was der Andere dachte. Nie war uns diese Fahrt so herrlich erschienen, nie hatten wir wie jetzt die verführerische Pracht der Mittagssonne gesehen, nie hatte das Schimmern des Wassers und der reich belaubten Gestade sich so melodisch mit dem ernsten Hintergrund des dunklen Tannenwalds vermählt. Und als wir der kleinen Insel näher kamen, da war es uns, als ob jeder Stein, jeder Baum, jeder Strauch emporwüchse, nicht aus der verringerten Entfernung, sondern aus unserer eigenen Erinnerung, die getreuer als die Wirklichkeit diese Umgebung bewahrt hatte, aus der für uns das Glück des ganzen Lebens entsprossen war.
Aber als wir ans Land kamen, blieben wir Beide stehen, und der Ausruf des Entzückens, der schon auf Elsas Lippen geschwebt, erstarrte. Schweigend betrachteten wir einander, und wie von etwas Neuem, Unerwartetem bedrückt, das wir nicht einmal sehen oder erkennen wollten, gingen wir langsam den schmalen Pfad von der Landspitze weiter.
Was wir gesehen hatten, war, daß das Haus, das jetzt auf der Insel stand, nicht mehr grau war. Es war rot angestrichen. Es war nicht mehr ein breites, zweistöckiges Gebäude. Es war eine niedrige Hütte, die gleichsam auf demselben Platze zusammengeschrumpft war, auf dem unser erstes Heim gestanden hatte. Sie schien sich auf der alten Stelle zusammengedrückt zu haben, als hätte Armut und Not sie im Laufe der Jahre gezwungen, sich so klein zu machen. Wir standen eine Weile schweigend, als müßten wir erst Atem schöpfen.
„Georg,“ sagte Elsa, „was ist das?“
Ich brauchte bloß auf die alten Eichen zu weisen, die ringsumher standen. Ihre Aeste trugen schwarze Zeichen, und ihre Rinde war versengt. Ich wies ihr den rußgeschwärzten Grundstein, das kleine Gärtchen, das verwildert war, und einen Haufen alter Holzbalken, der quer über dem Grasplatz lag. Sie waren verbrannt und verkohlt, verfault und verwittert. Das war alles, was von unserem ersten Heim übrig war.
„Hier ist eine Feuersbrunst gewesen,“ sagte ich.
Und meine Stimme zitterte.
„Verbrannte Stätten.“
Als hätten wir uns Beide zusammengehörig mit jenem kleinen Fleck Erde gefühlt, den wir seit vielen Jahren nicht wiedergesehen, wurden wir nun von einem ganz neuen Interesse ergriffen, nämlich zu erfahren, was geschehen war, was diese unsere Glücksinsel so verwandelt hatte, daß sie für uns halb unkenntlich geworden war. Dieses Interesse verscheuchte gewissermaßen die ganze Welt der Träume, die uns bis dahin umfangen gehalten, und erweiterte unsere Gefühlswelt dahin, auch das Leben Derer zu umfassen, die hier draußen gelebt und gelitten, gearbeitet und gestrebt und die die Jahre so hart geformt und gemodelt hatten, daß keinerlei Glücksträume ihnen länger die harte Wirklichkeit vergoldeten.
Und während sich unsere Gedanken diesen Menschen zuwendeten, deren wir früher nur als eines notwendigen Anhängsels unserer eigenen Freude gedacht hatten, öffnete sich die Thür der Hütte, und in dem Sonnenlicht, das über die Stufe fiel, stand ein gebücktes, altes Mütterchen und blinzelte uns mit einem wiedererkennenden Lächeln zu. Sie sah so alt aus, daß sie geradeswegs einem alten Märchen entstiegen schien, sie war auf einen Stock gestützt, und das runzlige Gesicht verzerrte sich schmerzlich, als sie ihren gichtbrüchigen Körper bewegte.
„Das sieht jetzt anders aus, als wie die Herrschaften das letzte Mal da waren ...“ sagte die Alte.
Und indem sie sich mühsam vorwärtsbewegte, kam ein alter Mann zum Vorschein, der, seiner Gewohnheit treu, im Hintergrunde gestanden hatte, bis die Reihe an ihn kam. Die beiden Alten begrüßten die Beiden, die sich eben jung geträumt, und der Greis rieb sich die Hände, hustete und murmelte unverständliche Worte, während er langsam und bedächtig auf der Schwelle Platz machte, über die die Alte die beiden Reisenden einlud einzutreten.
Durch das Skelett einer unvollendeten Veranda sahen wir hinaus auf die Fjorde und Sunde unserer Jugend. Vernachlässigt war der Garten, verfallen schien das ganze neue Haus, das Gras überwucherte die Wege, die wir einst gegangen, und in der Laube unten am Strande faulten Tische und Bänke, weil Niemand gut machte, was Wind und Wetter zerstörten.
Ohne daß wir zu fragen brauchten, erzählten die beiden Alten, wie das Unglück über sie gekommen war. Die Frau erzählte, und der Mann wiederholte bekräftigend ihre Worte. Und das Unglück war so hinterlistig und unerwartet hereingebrochen, daß Niemand ihm Widerstand leisten und Niemand helfen konnte.
Denn an einem Frühlingstag im März, als der Nordwind frisch blies und das Eis zwischen den Inseln weder trug noch brach, war das Feuer ausgebrochen. Und weil das Eis weder trug noch brach, hatten die Nachbarn rings umher auf dem Lande gestanden und das Ganze angesehen, ohne ihnen zu Hilfe kommen zu können. Die beiden Alten hatten allein weggetragen, was sie aus dem brennenden Hause retten konnten; und machtlos danebenstehend sahen sie ihr Eigentum zu Asche verbrennen. Mit dieser Asche, in der sie die letzten Funken erlöschen sahen, erlosch ihnen auch jede Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter. Denn niedrig war das Haus, das sie nach langen Jahren auf dem Grund des alten aufgebaut. Gering war der Hausrat. Dürftig die Umgebung. Und sie selbst gebrochen und müde. Ein einziger Unglückstag hatte Alles genommen, was frühere Jahre aufgebaut.
Wie von demselben Schicksal gebeugt saßen die Beiden da, die sich eben jung geträumt, und lauschten den schweren, kargen Worten, in denen die Alten von dem Feuer erzählten, das ihr Haus verödet hatte. Gerade das ergreifend Alltägliche dieser Darstellung, unterbrochen von bedeutungslosen Einzelheiten, vermischt mit den Armeleuteerinnerungen an Hab und Gut, das zu Grunde gegangen, drückte die Gäste zu Boden, entkleidete unsere eigenen Träume der Pracht der Illusion und ergriff uns mit stiller, schwärmerischer Wehmut. Es dünkte uns beinahe, daß während wir nichts wußten, während wir unser Leben lebten und uns glücklich wähnten, hier auf einer kleinen Insel in den Schären etwas von jenem Schatze des Lebens verbrannt und verschwunden war, den wir gesammelt und in sicherer Hut zu haben glaubten. Elsa hatte die Empfindung, daß sie bei jenem Brande mehr verloren hatte, als die beiden Alten; und während die Erzählung fortschritt, sah ich, daß sie sich Gewalt anthun mußte, um nicht in Thränen auszubrechen. Denn was bedeuteten diese Möbel, Kleider und Hausgeräte? Was bedeutete es, daß zwei zusammengebrochene Menschen, deren Leben abgeschlossen war, hier saßen und sich grämten über den Gegensatz zwischen früher und jetzt, in jenem dürftigen Wohlstand, wo der Unterschied doch ein so geringer war? Was bedeutete all dies dagegen, daß sie niemals, niemals mehr die Insel ihrer Jugend so sehen sollte, wie sie sie einst geschaut?
So empfand sie, und sie wandte mir ihr Antlitz zu, und ich konnte ihr keinen Trost geben. Denn ich dachte daran, wie Unrecht ich gethan, nicht der Stimme meiner ersten Ahnung gefolgt zu sein und es uns Beiden erspart zu haben, die Brandstätte unseres ersten Glücks zu sehen. Aber ich hatte nicht das Herz, dies zu sagen, und indem ich ihren Arm nahm, gingen wir Beide noch einmal schweigend um die Insel.
Es erging uns wie den Kindern im Märchen, die sich einst im Wunderland verirrten und bei ihrer Heimkunft fanden, daß die Zeit weitergeeilt war und die Menschen rings um sie müde und alt gemacht hatte. Still und träumend saßen wir am Strande und blickten über den Fjord. Da war alles sich gleich geblieben, und wie wir da saßen, vergaßen wir das neue Haus und den Verfall hinter uns. Wir erinnerten uns nur, daß wir drei Jahre an dieser Bucht gewohnt hatten, jeden Sommer an einem anderen Orte; und in einer Art Verlangen, das fortzusetzen, was wir einmal begonnen, beschlossen wir, weiter, zu dem Heim des zweiten Sommers zu fahren, wo wir uns an zwei kleine, rote Häuschen am Waldessaum erinnerten und an eine kleine Wiese, auf der in einem weißen Korbwagen unter blauem Schleier unser erster Knabe geschlummert hatte.
Wir ließen uns hinüberrudern, und diesmal wußten wir, daß wir einem öden Strand entgegensteuerten. Denn wir hatten uns vorher erkundigt. Wir wußten, daß die Jahre auch hier die Spuren dessen, was gewesen, hinweg gefegt und alles verändert hatten.
Auf der kleinen Landzunge, an der wir ausstiegen, wohnte vor einigen Jahren ein alter Fischer mit seiner Frau. In einer Winternacht, als der Schnee um die Hütte stöberte, starb sie, und als eines Tages auch die Stunde des Alten schlug, da erbten die Kinder die beiden Hütten am Waldessaume, das Boot und den Fischerschuppen unten am Meer.
Aber es giebt gar manche Geschichten in den Schären, und eine davon war auch die Geschichte von den kleinen, roten Häuschen am Waldessaum. Als die fünfzig Jahre, für die die Verstorbenen einst den Boden gekauft hatten, um waren, kam der Bauer, dem das Land gehörte, und nahm es zurück. Er verjagte den neuen Besitzer von Haus und Hof. Und darum waren die Häuser der Erde gleich gemacht, das Holz fortgeführt, das frühere Kartoffelland von Disteln und Unkraut überwuchert, und der Boden sah aus, als hätte auch hier das Feuer gehaust.
Die beiden Reisenden, die die Spuren ihres Jugendglücks suchten, standen wieder unter den Trümmern eines verwüsteten Heims. Es war, als würden sie von Ruinen verfolgt. Und von einer unheimlichen Beklemmung ergriffen, die all den Illusionen, welche zerstört worden waren, auf dem Fuße folgte, ließ Elsa meinen Arm fahren. Den trockenen, reisigbedeckten Hügel hinaufgehend, kam sie zu dem Zaun, dessen Thüre herausgerissen war und an dem ein paar verrostete Angeln verkrümmt an den Haken der Pfähle hingen.
Hier stützte sie ihre beiden Arme auf den Rand des Zaunes, und all den wechselvollen Gefühlen, die ihre Seele durchströmt hatten, freien Lauf lassend, brach sie in heftiges Weinen aus. Sie schluchzte, als wäre alles Unglück des Lebens über ihr Haupt hereingebrochen. Sie stieß meine Hand zurück, als ich sie streicheln wollte, und sie weinte so lange, daß ich ungeduldig wurde und darauf drang, fortzugehen, um nicht zu spät zum Dampfschiff zu kommen.
Sie hörte mich nicht, umfaßte nur meine Schultern und sagte:
„Du hattest Recht, wir hätten nie herkommen sollen.“
Und sie gestand, daß sie lange an diese Reise gedacht hatte, daß sie sie gewünscht hatte, seit Jahren, daß sie durch einen Zufall — sie wußte nicht wie — auf den Gedanken verfallen war, daß sie jetzt unternommen werden solle, gerade jetzt. In ihren heimlichen Träumen hatte sich der Gedanke an diese Reise in wunderlicher Weise mit dem Gedanken an unser ganzes Lebensglück verknüpft. Es war ihr gewesen, als sollten, als müßten wir diese Reise einmal unternehmen, als könnte sie ihres Glücks nie wirklich sicher sein, bevor sie diese Orte wiedergesehen hätte, so wie sie sie einst gesehen, so wie sie sie stets in ihren Träumen sah. Sie sagte, daß es ihre Absicht gewesen war, wenn wir zusammen herauskämen, mich zu bitten, noch einen Sommer draußen zu wohnen. Und sie hatte gewußt, daß ich ihr diese Bitte nicht abschlagen würde. Aber jetzt, wo nichts übrig war, nichts von alledem, das einst das ihre gewesen, jetzt schien es, als sei ein Glied gerissen, das sie an das Leben selbst kettete.
Ich stand stumm bei ihrem verzweifelten Ausbruch da, und ich begriff nur zu wohl, daß ich einer jener Phantasieen oder Träume gegenüberstand, die für einen Menschen mit reichem Gefühlsleben in des Wortes eigentlichem Sinne mehr bedeuten können als das Leben selbst. Für mein eigen Teil hatte ich mich freilich auch erregt gefühlt, sowohl durch all die Erinnerungen, die diese Orte zum Leben erweckten, als durch die Zerstörung, die die teueren Punkte heimgesucht hatte. Aber diese Verwüstung in irgend einen Zusammenhang mit dem zu bringen, was für mich selbst teuer und bedeutungsvoll war, das fiel mir nicht ein. Und vor diesem Schmerzensausbruch stand ich völlig ratlos da.
Ich versuchte es mit dem gewöhnlichen Mittel, wodurch ein Mann weiblichen Schmerz zu beruhigen pflegt. Ich versuchte es mit Liebkosungen. Aber Elsa entzog sich meiner Hand, weil sie sah, daß in meiner Freundlichkeit ein Trost lag, den sie verschmähte, anstatt der Sympathie, die sie suchte. Ihr Gesicht nahm einen verschlossenen, unzugänglichen Ausdruck an, als setzte sie ihre ganze Persönlichkeit für die Phantasie ein, die sie beherrschte und in der sie sich von Niemandem stören lassen wollte.
Sie blickte um sich auf den zerklüfteten Plan, und während sich ihr Auge in Mitgefühl feuchtete, sagte sie:
Wieder ging ihre eigene Enttäuschung in ein Mitgefühl mit dem Unglück anderer Menschen über, für das dieser verödete Fleck Erde Zeugnis ablegte. Wieder setzten wir uns nieder und ließen unsere Blicke um den kleinen Hügel am Waldessaume schweifen, der uns die sorglose Ruhe eines ganzen Sommers in Erinnerung rief. Wir begannen zu sprechen. Und wir versuchten uns die Szenen auszumalen, die dieser Zerstörung vorausgegangen waren. Der Bauer, dem das Land gehörte, kam zu dem jungen Paar, das den Hof geerbt hatte. Er teilte ihnen kurz und bündig mit, daß die Zeit abgelaufen sei. Die fünfzig Jahre waren um, und nun sollten die Häuser niedergerissen werden. Er wollte sein Land wiederhaben. Es war klar, daß er keinen Vorteil dabei hatte. Es würde vielleicht günstiger für ihn gewesen sein, das Stück Erde noch einmal zu verkaufen. Aber er hatte gesehen, wie die Anderen im Sommer Mietsgäste gehabt hatten. Das Einkommen dieser Miete hatte seinen Neid erregt, und mit der Stärke einer fixen Idee schlug in seinem Hirn der Gedanke Wurzel, daß hier Niemand wohnen sollte. Der Boden sollte ihm gehören und niemand Anderem.
Und so mußten die Jungen, die hier gewohnt hatten, ihre Baulichkeiten niederreißen, sie auf eine andere Insel bringen und dort aufbauen, wo der Reiche sich bewegen ließ, dem Armen Platz zu gönnen. Aber als die letzte Bootsladung bereit stand, von der Brücke abzustoßen, da hatte den Mann Raserei erfaßt. Und nun seinerseits sein Recht ausübend, griff er zur Axt. Er hieb die Bäume nieder, die auf seines Vaters Grund standen, er entwurzelte die Beerensträuche, das Zaunthor riß er aus seinen Angeln und warf es zu oberst auf die Fähre. Und bevor er vom Lande abstieß, wälzte er Steine vom Stege ins Meer, so den Landungsplatz zerstörend, und fuhr von dannen, zufrieden mit der Rache, die seinen Feind nicht das Geringste gewinnen ließ.
Davon sprachen wir, aber die ganze Zeit über lag unsere eigene Enttäuschung auf der Lauer hinter unseren Worten, und Elsa erzitterte.
„Sind wir es, die das Unglück mit uns führen?“ sagte sie.
Ich lächelte. Die Worte meiner Frau kamen mir leer und überspannt vor.
„Fahren wir zu der dritten Insel. Dort, wissen wir ja, steht alles so, wie es gestanden hat,“ sagte ich.
Aber Elsa schüttelte nur den Kopf, und indem sie sich plötzlich erhob, sagte sie:
„Laß uns den alten Weg durch den Wald gehen.“
Und ohne meine Antwort abzuwarten, ging sie voraus. Es war, als sei ihre frühere Lebendigkeit zurückgekehrt, als hätte sie nun in einem Nu die ganze Schwere der Leiden und Sorgen Anderer von sich abgeschüttelt, all dies, das das Land unserer Erinnerungen umschattete und uns an diesem ganzen wunderlichen Tage mit allem Weh und Elend der Welt verfolgt hatte. Sie führte mich gerade in den Wald hinein, auf einem schmalen Pfad, auf dem die Tannen ihre Aeste über unseren Häuptern vereinigten. Der Weg war weich und leicht zu gehen. Rings um uns zitterte der Sonnenschein auf feuchtem Moos und einer Perspektive von Aesten und Stämmen. Der Pfad führte zu einer kleinen Bucht hinab. Dicht an einer steilen Klippe schnitt sie in den Wald, und gegen den Strand zu ließen die spärlichen Bäume das Sonnenlicht durch, das auf eine offene, schwach begrünte Lichtung fiel.
Hier blieb Elsa stehen und begann die Stämme der Bäume zu durchforschen. Und als ich sie so suchen sah, da erwachte auch in mir eine Erinnerung, die so lange geschlummert hatte, daß sie mir in elf Jahren kaum einmal in den Sinn gekommen war.
Es war an einem Abend, als wir noch in jenem Häuschen wohnten, das nun der Erde gleich gemacht war. An einem Augustabend war es. Und denselben Pfad verfolgend, waren wir hierher gekommen, um von einem schönen Sommer Abschied zu nehmen. Da hatte meine Frau eine schwarze Stecknadel aus ihrem Kleide genommen und sie in der Rinde einer Tanne befestigt.
„Ob sie wohl noch da ist, wenn wir das nächste Mal herkommen,“ hatte sie gesagt.
Diese Erinnerung huschte durch meine Seele, und es wurde mir wehmütig ums Herz. Da sah ich meine Frau mit einem leisen Aufschrei einer kleinen Tanne zueilen. Aus ihrer Rinde zog sie eine rostige Nadel, und indem sie mir um den Hals fiel und mich küßte, weinte sie Thränen des Glücks.
Behutsam steckte sie die Reliquie wieder in die Rinde des Baums. Denn sie brachte es nicht übers Herz, sie wegzunehmen. Vielleicht hatte sie eine abergläubische Furcht, daran zu rühren. Aber seit sie sie gefunden, verschwand der schmerzliche Eindruck eigener Enttäuschung und fremder Not, er verwischte sich in uns Beiden. Und als hätte uns dieser kleine Vorfall tröstende Grüße guter Geister gebracht, wanderten wir selig zurück über verbrannte Stätten, die uns nichts anderes gelassen hatten, als eine alte, rostige Nadel, die so gut geborgen war, daß Niemand sie fortnehmen konnte.
10.
Wie oft habe ich nicht dieser Fahrt über verbrannte Stätten gedacht, wie oft ist sie mir nicht seither als ein Symbol unseres ganzen Lebens erschienen!
Aber damals wirkte dieses Ereignis ganz anders auf uns, als jetzt, wo ich mich daran erinnere. Damals wirkte es so, daß wir zu unserem dritten Landaufenthalt gingen, den meine Frau zuerst gar nicht hatte sehen wollen, und dort zum zweiten Male unser Heim für den Sommer mieteten! und leichten Herzens zogen wir hinaus in die Gegend, an die wir uns durch eine rostige Nadel, die Niemand fortgenommen, gebunden fühlten.
Rein von Wolken, die die Sonne verdunkeln, steht der Sommer vor mir, der auf diesen Frühlingsausflug folgte. Mit welcher Lust arbeitete ich, und wie leicht schritt die Arbeit vorwärts. Blatt um Blatt wurde ruhig und mühelos zu dem Buche gelegt, das zum Herbst herauskommen sollte, und mehr als einmal stand das Mittagsbrot auf dem Tische, wenn die Thüre zum Arbeitszimmer verschlossen wurde und Elsa sich niedersetzte, um die Seiten vorlesen zu hören, die während des Vormittags geschrieben worden waren. Still und glücklich saß sie da und freute sich, daß der Stoß dicht beschriebener Blätter auf dem Tische gewachsen war. Denn sie wußte wohl, wer der Arbeit Leben gab. Sie wußte, daß das, was ich von Menschen dichtete, aus langen Gesprächen zwischen mir und ihr hervorwuchs, und sie war es zufrieden, daß ich sie mein Notizbuch nannte, das sicherer als irgend eine Schrift meine Gedanken bewahrte und sie mir frisch und erneut wiedergab. Denn wenn ich sie dann aus dem treuen Gedächtnis emporholte, das meine eigenen Gedanken besser barg als ich selbst, sah ich sie durch das Vergrößerungsglas der Liebe wieder, mit dem sie all das sah, was sie und mich betraf, und vor Allem meine Arbeit. Darum hatte auch sie, während ich las, die Empfindung, daß das, was sie selbst mit mir in ungeordneten Phantasieen gesehen, nun in dem Geschriebenen Form gewonnen hatte. Sie genoß eine stille, seltsame Mutterfreude, indem sie so diesen meinen geistigen Kindern auf ihrem Entstehungswege folgte, und dennoch war sie eifersüchtig auf sie, weil sie sich einbildete, daß sie meine Gedanken so erfüllen konnten, daß sie sie selbst, das Heim, die Kinder und alles, was es im Leben gab, verdrängten. Ja, ich glaube nicht, daß sie auch nur ahnte, wie dieses Zusammendichten mit ihr mir kostbarer war als die Dichtung selbst.
Wie kindisch es auch klingen mag, so ist es doch wahr, daß nichts mich je so zu geistiger Thätigkeit angespornt hat, als wenn ich aus ihrem Gesichtsausdruck, der nie das, was sie dachte, verhehlen konnte, entnahm, daß es mir geglückt und daß sie zufrieden war. Ich konnte, während ich schrieb, an dieses Vorlesen denken, und dieser Gedanke zerstreute die hundert ungebetenen Phantastereien, die sonst so gerne die Feder hindern wollen, zu arbeiten. Aber wenn wir die Lektüre beendet hatten und hinaus in das Speisezimmer kamen, da lachten wir darüber, daß der Hecht kalt geworden war und daß die Jungen, die notdürftig gewaschen, bloßbeinig und sonnverbrannt dasaßen, hungrig und erwartungsvoll aussahen.
„Wir sitzen schon so lange hier und warten,“ knurrte Olof. „Wo seid Ihr denn gewesen?“
„Wir haben Papas Buch gelesen,“ sagte Mama.
„Hättet Ihr damit nicht bis nach dem Mittagessen warten können?“
„Nein, das konnten wir nicht.“
„Das muß ein komisches Buch sein,“ bemerkte Olof.
Aber Svante, der noch nicht zu buchstabieren angefangen hatte, nahm Papas unbekanntes Buch in Schutz, und wie immer war Mama diejenige, die den Zwist beilegen und die unruhigen Gewässer beruhigen mußte.
Aber was für ein Sommer war das! Was für ein herrlicher Sommer, voll Arbeitsfreude, Schärenwinden, klarer Sonne und lauen Mondscheinabenden! Er steht vor meiner Erinnerung wie ein einziger Sonnentag. Ich erinnere mich der Freunde, die mit ihren Segelbooten an unserer Brücke landeten, ich erinnere mich der Ausfahrten mit Eßkörben bei frischem Sommerwind, des Badens im offenen Meer, wo Olof schwimmen lernte und Svante sich im Sande rollte, um seine Anlagen zu zeigen. Ich erinnere mich der Festtage mit Blumenguirlanden und Versen, Erdbeeren und Wein, der langen, stillen Spaziergänge durch den Tannenwald, der sich zu einem sonnenbeleuchteten Fjord öffnete, und ich erinnere mich an den Fährmann, der uns im Segelboot zu begleiten pflegte und uns alle aus seinem grauen Kinnbart anlachte.
Wie kurz war dieser Sommer, und wie frühe kam der Herbst! Mit welcher Wehmut verfolgten wir nicht die Veränderungen der Natur, wie die Abende länger und die Tage kürzer wurden, wie man die Wiesen mit ihren herrlichen Blumen abmähte, so daß Alles kahler wurde, wie der Roggen sich gelb färbte und das Schilf hoch und groß rings um die Ufer wuchs, einen dichten, wehenden Wald aus Grün mit violetten Blütenbüscheln bildend, wo früher das Wasser munter über die Steine geplätschert hatte.
Und als der Tag des Aufbruchs endlich herankam, wie suchten wir da nicht alle Plätze des Sommers auf, um sie ein letztes Mal wiederzusehen. Wir gingen den Aussichtsberg hinauf, und wir wanderten den Waldweg auf und ab, besonders wenn es dunkelte und die Sterne durch die Zweige der Tannen schimmerten. Beinahe eine ganze Woche brachten wir nur damit zu, Abschied zu nehmen. Wir nahmen die Knaben mit und segelten rings um die Insel, und wir sprachen von dem Buche, unserem Buche, das fertig war und zum Herbste herauskommen sollte. Stundenlang konnten wir über den schmalen Pfad gehen, der von dem rotgestrichenen Wohnhause hinab zum Strande führte, und jeden Abend verweilten wir lange auf der Brücke, dem Rauschen der Wogen horchend, das jetzt ruhiger klang als in dem unruhigen Frühling, zugleich jedoch härter.
Aber am letzten Abend, als der Augustmond schon im Abnehmen war, gingen wir allein zur Brücke hinab und stießen mit dem Boote ab.
In der Nachtbrise segelten wir hinaus über die schwarze Bucht, auf die der gelbe Halbmond glitzernde Streifen malte und um die die Bäume so dunkel und wunderlich standen, ganz andere Konturen bildend als die, die das Tageslicht gab. Wie durch eine Zauberlandschaft segelten wir dahin, dem Plätschern der kleinen Wellen am Bug des Bootes lauschend. Wir eilten über die nur gekräuselte Wasserfläche mit größerer Geschwindigkeit dahin als je am Tage, denn die Brise der Nacht hat größere Kraft, oder sie scheint sie wenigstens zu haben. Aber ohne zu sprechen oder irgend etwas zu verabreden, wendete ich das Boot, so daß es die Klippen umschiffte, und über die Steine der Badebucht gingen wir ans Land. Wir nahmen einander bei der Hand, und wir gingen unseren alten Weg zu der hohen Tanne, in deren Rinde die rostige Nadel steckte. Wir brauchten den Baum nicht zu suchen, denn während des Sommers waren wir oft hingepilgert, und wir hatten niemals gefürchtet, daß Jemand an das kleine Ding rühren würde, das so gut verborgen war und uns das Siegel unseres eigenen unermeßlichen Glücks zu sein schien, das zu entfliehen gedroht hatte, aber zurückgekehrt war.
Doch wie wir so in unsere Gedanken versunken standen und das Mondlicht in dem Dunkel der Nadelbäume untergehen sahen, sagte meine Frau:
„Ich will sie nicht dalassen. Ich möchte sie mitnehmen.“
Mit behutsamer Hand machte sie sie los und befestigte sie an der Innenseite ihres Kleides.
„Vielleicht komme ich nie mehr her, und da will ich nicht, daß Du sie nach mir findest.“
Dann segelten wir wieder hinaus in die nächtliche Brise, und eine Vorahnung dessen, von dem ich nie geglaubt hatte, daß es kommen würde, erfüllte mich mit einem unnennbaren Gefühl der Trauer. Ich sah auf die Stelle im Boote, wo Elsa saß. Es war mir, als würde sie vor meinen Augen leer und als segelte ich einsam über einen Wasserspiegel, der andere Konturen hatte als die, die das Sonnenlicht gegeben. Ich saß da, so stark von diesem Gefühl erfüllt, daß ich vergaß, daß ich nicht allein war, und zusammenzuckte, als erwachte ich zu einer neuen Wirklichkeit, als ich die Stimme meiner Frau vernahm. Sie sprach leise, so als spräche sie zu sich selbst, und ich hörte im Anfange die Worte, ohne sie zu verstehen.
„Ich habe so oft gedacht,“ sagte sie, „daß es Menschen geben muß, die etwas brauchen, an das sie glauben können, und denen Unrecht widerfährt, wenn man ihnen ihren Glauben nimmt. Ich bin so glücklich, daß ich so glaube wie Du. Ich will nichts thun, was Dir nicht recht ist, nicht einmal etwas glauben, was Du nicht weißt. Aber ich kann es nicht lassen, an Gott zu glauben. Bist Du sehr böse darüber?“
Wenn meine Frau mich dies in unserer ersten Jugend gefragt hätte, würde ich gewiß streitlustig geworden sein, und ich wäre mit all den Gründen gegen einen derartigen Glauben angerückt, den die illusionslose Richtung der Zeit mich gelehrt hatte fast mit nachsichtiger Geringschätzung zu betrachten. Die Jahre, die mich älter gemacht, hatten mir wohl keinen Glauben gegeben, mir aber doch das Verlangen genommen, auch nur einen einzigen Proselyten machen zu wollen, nicht einmal wenn dieser einzige meine eigene Frau wäre. Was ich glaubte, war nichts Festes, nur ein Suchen, das Größte zu finden, und mehr als ein Mal hatte mich schon in meiner frühen Jugend die Dürftigkeit dessen, was man mit einem schlechten Worte Materialismus nennt, durch seine trockene Kühle überrascht. Aber von solchen Dingen, die in mir selbst noch zu unklar und formlos waren, sprach ich im Allgemeinen ungerne, und ich fühlte mich jetzt durch die Worte meiner Frau gleichzeitig überrumpelt und gedemütigt.
„Wie sollte ich darüber böse sein können,“ antwortete ich bloß.
„Ah, wie froh ich bin,“ ertönte wieder ihre Stimme. Denn ihr Gesicht unterschied ich nur undeutlich. „Dann wirst Du auch nicht zürnen, wenn ich Dir sage, daß ich jeden Abend mein Abendgebet spreche, so wie, als ich ein Kind war. Ich weiß nicht, zu wem ich bete. Aber ich lasse auch die Knaben für Dich und mich und für einander beten. Glaubst Du, daß es unrecht ist?“
Ich legte das Ruder nieder, stand von meinem Platze auf, nahm das liebe Gesicht meiner Frau zwischen meine Hände und küßte sie, ohne ein Wort sagen zu können.
„Ich will nicht, daß es etwas geben soll, was Du nicht weißt,“ sagte sie einfach.
Wieder saß ich an meinem Platze am Ruder, wieder schoß das Boot dahin, und nach einer Weile sah ich durch das Laubwerk ein Licht, das mich zu der Brücke meines Heims leitete. Uns mit den Armen umschlungen haltend gingen wir den schmalen Pfad zu unserem Sommerheim, und als wir uns zur Gutenacht küßten, sagte Elsa:
„Du hast mich heute Abend so glücklich gemacht. Ah, Du weißt nicht, wie glücklich Du mich gemacht hast.“
An diesem Abend blieb ich lange auf, und ich that, was ich nicht oft während dieses ganzen glücklichen Sommers gethan. Ich dachte an Elsa und mich. Unaufhörlich tauchte der Gedanke wieder auf, warum sie mich hatte fragen müssen, ob ich ihr erlaubte, an Gott zu glauben und zu beten. Denn das war es ja, was sie gethan hatte. Und während mich diese weiche Weiblichkeit wie ein Hauch unnennbaren Glücks berührte, fühlte ich doch gleichzeitig den Stachel, der darin lag, daß sie je so hatte fragen müssen. Ich ging in Gedanken unsere Jugend durch und all die Jahre, in denen wir uns geliebt. Ich glaubte, daß ich sie immer auf den Händen hatte tragen wollen, ich glaubte, daß ich es immer gethan hatte, und nun klang durch ihr ganzes Wesen ein Ton, als hätte ich bei alledem achtlos ihr Innerstes zerrissen und ihr, ohne es zu wissen, eine Wunde geschlagen, die vielleicht lange geblutet hatte, bevor sie gewagt hatte, mich ahnen zu lassen, daß sie litt. Sie schien in irgend einer Weise mich oder meine Kritik oder Beides zu fürchten. Und ich fragte mich selbst: Warum?
Ich wußte, daß ich sie nicht darnach fragen konnte. Denn sie würde immer die Arme um meinen Hals schlingen und sagen: „Du, Du, niemals hast Du mir etwas anderes als Gutes gethan!“ Ich glaubte den Fanatismus ihrer Stimme zu hören, wenn sie dies sagte. Ja, ich wußte, daß sie so antworten mußte, und ich wußte auch, daß sie alles, was sie sagte, als die innerste Wahrheit empfinden würde, so gewiß als sie es sonst nicht hätte sagen können. Aber dieser Gedanke beruhigte mich nicht. Etwas ganz Anderes beschäftigte mich jetzt. Was kümmerte es mich im Uebrigen in dieser Stunde, ob meine Frau zu Gott betete oder nicht? Was kümmerte es mich, ob sie das oder jenes dachte? Was sie gesagt, hatte mich wie Pfeile getroffen, die geradenwegs in mein Herz gedrungen waren. Ihre Worte waren mit ihr selbst und dem ganzen Sommer, der vergangen war, verschmolzen, mit dem Gefühl der Kahnfahrt auf dem dunklen Wasser, mit dem Brausen des Waldes und dem Strahlenweg des Mondes über die krausen Wellen. Es verschmolz alles zu einem einzigen Ganzen und sang davon, daß ich einen Schatz gewonnen, der sich nicht teilen oder verwandeln ließ, aber der mein blieb, solange ich begriff, daß er nur in der Stille für mich wuchs.
Aber dabei quälte mich der Gedanke, daß ich sie, ohne es zu wollen, doch erschreckt hatte. Das quälte mich im Widerspruch zu ihren eigenen Worten, die noch in meinem Ohre klangen. In Gedanken durchlebte ich alles zwischen uns, woran ich mich erinnern konnte und was möglicherweise damit zusammenhing, und als ich mich an nichts mehr erinnern konnte, suchte ich in meinen Gedanken nach dem, was ich nicht zu finden vermochte.
Denn es war Schuldgefühl, was ich empfand, Schuldgefühl, was mich bedrückte. Ich konnte mich nur nicht entsinnen, wie oder wann ich schuldig geworden war. Ich meinte bloß, daß ich es war und sein mußte. Als ich hereinkam, um zu Bette zu gehen, sah ich bestürzt, daß meine Frau noch wach lag. Aber als ich mich niedergelegt hatte, beugte sie sich nur vor und küßte meine Hand.
Ich habe nie einen glücklicheren Ausdruck in ihrem Antlitz gesehen.
11.
So kam der Tag heran, den wir lange erwartet hatten, der Tag, an dem unser Kind geboren werden sollte, an dem das Geheimnis, das meine Frau mir schon seit langem anvertraut und das ihrer Seele Spannkraft und ihrer Hoffnung Flügel gegeben, an den Tag kommen und das Glück wieder auf immer in unser Haus einkehren sollte. Das Vorgefühl dessen hatte dazu beigetragen, unseren Sommer so hell zu machen, wenigstens sehe ich es jetzt so. Aber so wunderbar mir alles jetzt erscheint, wo ich die Erklärung dafür zu haben glaube, so natürlich und einfach kam damals alles, und ich war weit entfernt, die ganze Bedeutung dessen, was sich mit uns begab, zu ahnen.
Wir hatten ja schon vorher zwei Kinder bekommen, und ich hatte viele dieser rührenden Beweise der Mutterfreude der Erwartung gesehen, die ein Mann, der seine Frau liebt, niemals vergißt. Aber nie hatte ich meine Frau so von Freude über das Kommende erfüllt gesehen, wie sie es jetzt war. Nie war sie in einer so andachtsvollen Glückseligkeit umhergegangen wie jetzt, nie hatte sie es in diesem Maße verstanden, eine feiertägliche Stimmung über unser ganzes Alltagsleben zu breiten, wie in diesem düsteren Herbst in der tristen Stadt, wo der Regen unaufhörlich fiel und das ganze Leben um uns so schwer und trübe erschien wie wohl nie zuvor.
Wir hatten ja zwei Knaben, und darum war es natürlich, das kleine Wesen, das kommen sollte, „das Mädchen“ zu nennen. Sie erwarteten wir und von ihr sprachen wir, und eines Mittags, als ich von meiner Arbeit nach Hause kam, sagte meine Frau zu mir:
„Es ist mein Engel, der kommt, Georg, sie wird mich retten.“
So lange hatte ich in der Vergessenheit gelebt, daß irgend eine Gefahr uns je bedroht, daß ich zuerst ihre Worte nicht verstand.
„Dich retten?“ wiederholte ich mechanisch. „Wovor?“
In ihr Gesicht trat ein wunderlicher Ausdruck, so als zöge sie sich in sich selbst zurück, um darüber nachzudenken, wie es möglich war, daß zwei Menschen, die sich liebten, so verschieden empfinden konnten.
„Hast Du schon vergessen, wie es im Winter war?“ sagte sie.