Anmerkungen zur Transkription

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Original-Einband

Pastor Hallin

Roman von

Gustaf af Geijerstam

S. Fischer, Verlag, Berlin

Autorisierte Übertragung
aus dem Schwedischen von Gertrud Ingeborg Klett.

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt

Seite
Erstes Kapitel [5]
Zweites Kapitel [18]
Drittes Kapitel [24]
Viertes Kapitel [34]
Fünftes Kapitel [46]
Sechstes Kapitel [54]
Siebentes Kapitel [66]
Achtes Kapitel [79]
Neuntes Kapitel [92]
Zehntes Kapitel [97]
Elftes Kapitel [115]
Zwölftes Kapitel [125]
Dreizehntes Kapitel [151]
Vierzehntes Kapitel [164]
Fünfzehntes Kapitel [173]
Sechzehntes Kapitel [180]
Siebzehntes Kapitel [192]
Achtzehntes Kapitel [204]
Neunzehntes Kapitel [215]
Zwanzigstes Kapitel [227]

Erstes Kapitel

E

Eine kleine Studentenbude in Upsala. Ein trübes Morgenlicht fällt durch das einzige Fenster und scheint auf ein ungemachtes Schlafsofa und einen ganz mit Büchern und Papieren übersäten schmalen Schreibtisch. Die Lampe brennt; ihr Schein wird matter und matter vor der zunehmenden Tageshelle.

Den Schlafrock eng um sich gezogen sitzt im Schaukelstuhl neben dem Schreibtisch ein junger Mann und liest eifrig. In seiner schmalen weißen Hand hält er ein Kollegheft; sein von einem kurzen, weichen Bart bedecktes Gesicht beugt sich über die beschriebenen Blätter. Während er liest, bewegen sich lautlos und hastig seine Lippen. Er sieht nicht, daß das Tageslicht draußen die Lampe längst unnötig macht, trotzdem die Sonne nicht durch das dichte Gewölk dringt. Es ist fast hell in der Stube, so hell es Mitte Januar überhaupt werden kann. Aber er sieht es nicht.

Nachdem er eine Zeitlang gelesen hat, steht er auf und geht ein paar Schritte durchs Zimmer. Er dehnt die Brust, tut ein paar tiefe Atemzüge und trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß ab, der seine Stirn bedeckt. Aber er sieht nicht, daß es draußen hell ist, sondern setzt sich still wieder an die Arbeit, indem er den Schaukelstuhl so nach der Lampe zu dreht, daß er beim Lesen gut sieht.

Ein Beobachter hätte in seinem Gesicht vergeblich nach wirklichem Interesse gesucht. Es lag darin derselbe Ausdruck wie bei einem überanstrengten Schuljungen, der gerade eine schwere Aufgabe lernt. Er legte das Buch aufs Knie, murmelte das, was er sich soeben eingeprägt hatte, auswendig vor sich hin, und fing dann an, laut herzusagen, während er mit der freien Hand auf dem Arm des Schaukelstuhls den Takt dazu schlug.

Dann saß er wieder still und lernte mechanisch, bis die Uhr, die neben ihm auf dem Schreibtisch lag, auf Neun wies. Da erhob er sich, schaute zum Fenster hinaus, und als er wieder ins Zimmer blickte, merkte er plötzlich, wie unnatürlich bleich das Petroleumlicht dem Tageslicht gegenüber war. Er schraubte die Lampe herunter, löschte sie aus und begann mit dem Kollegheft in der Hand im Zimmer auf und ab zu gehen. Gleich darauf klopfte es an die Tür, und eine Frauenstimme rief:

„Bist du fertig?“

Der junge Mann legte das Heft aufgeschlagen auf den Schreibtisch und begann vor dem kleinen viereckigen Spiegel, der über der Kommode hing, seine Toilette in Ordnung zu bringen.

„Guten Morgen, Tante... Gleich!“

Er vertauschte den Schlafrock gegen einen Rock aus billigem grauem Tuch und ging hinaus ins Eßzimmer, das neben seiner Stube lag.

Eine ältere Dame stand wartend vor dem gedeckten Frühstückstisch, auf dem die Teemaschine dampfte und pustete.

„Guten Morgen, lieber Junge!“ sagte sie.

Sie betrachtete ihn eine Weile ängstlich forschend: „Schrecklich, wie müde und mitgenommen du aussiehst! Bist du wieder seit sieben Uhr auf?“

Der junge Mann setzte sich mit niedergeschlagener Miene an den Tisch.

„Es ist ja jetzt bald vorüber; wenn ich nur durchs Examen komme!“ sagte er.

„Ja, wenn’s nur schon vorüber wäre!“ sagte seufzend die alte Dame. „Du reibst dich ja vollständig auf auf die Weise. Was glaubst du, daß deine Mutter sagen wird, wenn sie dich wiedersieht?“

Der junge Mann zuckte die Achseln und trank schweigend seinen Tee. Nach einer Weile fragte er: „Weißt du, ob es sehr kalt ist heute, Tante?“

Sie warf einen Blick zum Fenster hinaus.

„Es scheint recht rauh“, erwiderte sie. „Es hat geschneit heut Nacht. Du mußt dich schon warm anziehen, wenn du ausgehst.“

Und als er gefrühstückt hatte, begleitete sie ihn ins Vorzimmer, um nachzusehen, ob er auch seinen Überzieher ordentlich zuknöpfte.

Ernst Hallin ging die Järnbrostraße hinab und schlug den Weg nach der Flusterpromenade ein. Fünf Jahre war er jetzt in Upsala, und in all diesen Jahren hatte er denselben Spaziergang gemacht gleich nach dem Frühstück. Ehe sein Freund Simonson das Staatsexamen gemacht und angefangen hatte, zu „praktizieren“, hatte ihn der immer in der Wohnung abgeholt und auf dem Spaziergang begleitet. Aber seit Simonson letztes Frühjahr Upsala verlassen hatte, war er immer allein gegangen, nicht zum Vergnügen, sondern weil es notwendig war, wenn er vormittags studieren wollte.

Seit ebenso vielen Jahren, als er diesen Spaziergang machte, wohnte er auch bei seiner Tante, Fräulein Edla Lund.

Fräulein Lund war eigentlich garnicht Ernst Hallins Tante. Sie war überhaupt nicht mit ihm verwandt. Aber er nannte sie Tante, weil sie eine Freundin seiner Mutter war, die Freundin, der seine Mutter den Sohn anvertraut hatte, als sie sich entschließen mußte, ihn zum erstenmal in die Welt hinaus zu schicken.

Fräulein Lund war eine fromme Dame, die nur einen einzigen Pensionär — eben Ernst Hallin — und im übrigen einen Kosttisch für Studenten hatte. Außerdem war sie Mitglied der christlichen Gesellschaft in Upsala, teilte ihr Interesse zwischen dem Kosttisch, der ihren Leib, und halbtheologische Lektüre, die ihre Seele speiste. Als die populärtheologischen Vorlesungen Mode wurden, gehörte sie zu deren ständiger Zuhörerschaft. Sie besaß einen kleinen Feldstuhl, den sie immer bei sich trug, damit sie nicht stehen mußte. Und alles, was das alte Fräulein an unverbrauchtem Muttergefühl besaß, hatte sie in diesen fünf Jahren über Ernst Hallin ausgeschüttet, den sie hegte und pflegte, für den sie handelte und dachte, den sie vergötterte und verwöhnte.

Ernst Hallin ging mit langen, etwas wiegenden Schritten seinen gewohnten Weg hinunter nach der Flusterpromenade. Es war trüb und rauh außen, bloß wenige Spaziergänger waren zu sehen, und wer sich blicken ließ, hatte es eilig, hastete mit den Händen in den Taschen und tief zwischen die Achseln geducktem Kopf durch die Straßen, wo der frisch gefallene Schnee von den Trottoirs gefegt war und auf beiden Seiten des Fahrdamms hoch in den Rinnsteinen lag.

Er vermied die Straßen am Fluß, um nicht die Neue Brücke und die „akademische Ecke“ passieren zu müssen, wo immer viele Leute waren, und wählte statt dessen die Trädgårdsstraße, durch die er ungestört hinab zur Flusterpromenade gelangen konnte. Er wollte allein sein. Sonst kam er nicht rechtzeitig heim, und eine halbe Stunde später als gewöhnlich bedeutete drei Seiten zu wenig im Kollegheft.

Er dachte mit Unbehagen daran, daß ihm nur noch so kurze Zeit in Upsala blieb. Während seiner ganzen Studienzeit hatte er sich so wohl gefühlt hier. Das Studentenleben liebte er nicht, und vor dem Wirtshaus hegte er einen Abscheu, den er von daheim geerbt hatte. Aber Upsala liebte er. Es ließ sich so gut ruhig arbeiten in dieser Stadt. Wenn man nicht wollte, so brauchte nichts, kein Ding des äußeren Lebens, nichts von der Welt draußen einem dazwischen zu kommen und einen zu stören. Ruhig, friedvoll und still konnte man in der glatten gleichmäßigen Flut des Studierens und Lernens versinken. Die Welt ringsum war wie verschwunden und tot. Die Studierlampe verblaßte erst vor dem Tageslicht.

Und er hatte studiert. Wie friedlich und wohltuend waren nicht die ersten Jahre gewesen! Ohne Hast hatte er sein Pensum durchgenommen, die Vorlesungen besucht, Kolleg nachgeschrieben, Privatstunden genommen, die Bibel im Urtext gelesen, gearbeitet und seine Examina gemacht. Daneben hatte er noch alles mögliche lesen können, was ihn interessierte. Keine leichte Tagesliteratur oder unruhvolle Streitschriften, sondern die Kirchenväter, weitläufige Kirchengeschichten, Abhandlungen über die Gottheit Christi oder über den Glauben, Schilderungen aus dem Leben heiliger Männer, und Weltgeschichte, im Licht des Christentums gesehen. Oder auch hatte er die alten Dichter, manchmal auch einen oder den anderen neueren, der seiner Ansicht nach auf irgendeine Art dem Christentum nahstand, gelesen.

Es war eine seltsame Zeit, voll aufeinanderfolgender neuer Eindrücke und wechselnder reicher Gedanken. Je einförmiger die Tage hingingen, desto inhaltsreicher erschienen sie ihm und desto leichter kam er zurecht mit seinen Zweifeln.

Denn Ernst Hallin dachte mit einer Mischung von Furcht und Stolz daran, daß er Zweifel gehabt hatte, Zweifel, die er, wie Augustinus und andere heilige Streiter der Kirche, stetig aus seinem aufrührerischen Herzen herauszuarbeiten suchte. Das war ein Geheimnis, das er tief in sich barg, und bei seiner anspruchslosen Art hätte niemand ahnen können, wie tief er im innersten auf alle die Kinder der Welt, die nie eine derartige Leidensgeschichte durchgemacht hatten, herabsah.

Jetzt aber, da er im Begriff stand, seine Studien abzuschließen, war diese Zeit gleichsam vergessen — verschwunden. Jetzt ward er von unwillkommenen prosaischen Gedanken heimgesucht, die ihn Tag und Nacht quälten. Das Allersonderbarste dabei war, daß die Zweifel gar nicht so ganz erstickt waren, wie er in den glücklichen und ruhigen Tagen seiner Studienzeit geglaubt hatte. Nun er keine Zeit mehr hatte, sie täglich und stündlich einzulullen, nun kamen sie in den neuesten, trivialsten Erscheinungen und beunruhigten ihn.

Und zu allem andern hin trug er noch eine ständig wachsende Angst mit sich herum vor dem Tag, der immer näher rückte, dem Tag, an dem er als fertiger Mensch ins Leben hinaustreten sollte.

Fertig!

Ja, er wußte ja, daß er fertig werden mußte. Der Vater hatte es ihm geschrieben. In einem Jahr wurde sein jüngster Bruder Student. Und der Vater hatte nicht die Mittel, zwei Söhne auf der Universität zu unterhalten.

Der Schnee lag weiß auf den Bäumen der Promenade. Er deckte die Sträucher in den Anlagen, daß sie aussahen, wie poröse runde Schneehügel, über dem ganzen Gelände lag es gleich einer ausgebreiteten weißen Decke, und der Himmel hing voll grauen treibenden Gewölks.

Ernst Hallin sah heute nichts von der Natur. Er dachte in einer Art seltsamer, halbwacher Reflexion an die Armut, von der er eigentlich gar nicht wußte, was sie überhaupt war, er, der ja doch seiner Lebtag noch nie selber für sich hatte zu sorgen brauchen. Und dabei fiel ihm die Heimat ein, Gammelby, wo der Vater ein armer Gymnasiallehrer war, der seit mehr als zwanzig Jahren am Gymnasium dort unterrichtete. Und in ihm erwachte das Religionsgefühl für die Heimat.

Als er auf der Promenade so weit gekommen war, daß er das Ende vor sich sah, blieb er stehen und zog die Uhr. Es war über Zehn. Er kehrte um und ging, etwas gebückt und mit eiligen Schritten, heimwärts. Unterwegs begegnete er ab und zu einem, der in der gleichen Absicht wie er hier herumlief — um ein bißchen frische Luft zu schöpfen vor dem Im-Zimmer-Hocken. In der nebligen Morgenluft strichen sie an ihm vorüber, ohne daß er sie auch nur bemerkt hätte. Er dachte bloß noch daran, so schnell wie möglich heimzukommen, wieder in seinen Schlafrock zu schlüpfen und sich dann in seinen Schaukelstuhl zu setzen, um zu studieren, zu studieren bis zum Mittagessen.

So viel war noch durchzunehmen, so viel mußte getan werden. Es war fast, als würde es immer mehr, je länger er studierte. Und er hatte solche Angst, vielleicht etwas versäumt zu haben, daß ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand, so oft er nur an das Examen dachte, das vor ihm lag. Und das, trotzdem er ja wußte, daß das Examen eigentlich nur noch eine Formsache war, trotzdem jedermann ihm sagte, er könne gar nicht durchfallen.

Sachte zog er im Vorzimmer den Mantel aus und ging durch das Eßzimmer in seine Stube. Dort vertauschte er die Stiefel gegen ein Paar Filzschuhe, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich in den Schaukelstuhl.

Aber ehe er zu arbeiten begann, erwartete ihn noch ein Genuß. Aus einer Ecke hinter dem Schreibtisch nahm er eine lange Holzpfeife, zündete sie an und ließ ein paar Minuten lang den Rauch um sich qualmen.

Hierauf griff er aufs neue nach dem Kollegheft, das noch aufgeschlagen auf dem Schreibtisch lag, begann genau da, wo er am Morgen aufgehört hatte, und bald ging der Schaukelstuhl in gleichmäßigem Takt über die Dielen des Fußbodens, während Ernst Hallin sich eifrig bemühte, das Niedergeschriebene seinem Gedächtnis einzuprägen.

Derselbe Ausdruck uninteressierten Auswendiglernens wie am Morgen lag auf seinem Gesicht. Nachdem die erste Stunde so vergangen war, erhob er sich aus dem Schaukelstuhl und ging ungeduldig ein paarmal im Zimmer auf und ab. Dann steckte er sich eine frische Pfeife an und stellte sich ans Fenster. Auf seinem Gesicht lag ein unsagbar müder, gequälter Ausdruck. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und die Arbeit des letzten Jahres hatte ihn stark mitgenommen. Im ersten Jahre nach dem Abiturientenexamen war er so kränklich gewesen, daß er nicht einmal nach Upsala konnte. Er vermochte nicht mehr als eine, höchstens zwei Stunden zu studieren, ohne daß seine Stirn sich mit Schweiß bedeckte, eine matte Schläfrigkeit seinen ganzen Körper überfiel, und in seinem Gehirn sich eine seltsame Leere fühlbar machte, die ihn beunruhigte und erschreckte. Bücher, die ihn interessierten, konnte er haufenweise lesen, ohne daß er sich dabei unwohl fühlte. Das einförmige Dreschen und Bohren, das war es, was ihn aufrieb. Eine einzige Fähigkeit — das Gedächtnis — bis aufs äußerste anstrengen, während die andern alle ruhten — das wars, was ihm einen Knacks gegeben hatte! Aber er wußte — er mußte weitermachen; er nahm die Arbeit wieder vor, ging im Zimmer auf und ab und las laut, um die Gedanken besser wachzuhalten. Ab und zu blieb er am Fenster, am Schreibtisch oder mitten in der Stube stehen, schlug mit der Hand in die Luft, stampfte dazu auf den Boden und drosch so wieder und immer wieder eine schwierige Stelle, die nicht festsitzen wollte, durch. Manchmal schlug er sich, damit es besser haften sollte, zu wiederholten Malen mit dem Heft vor die Stirn. Schließlich lief er, das Heft auf dem Rücken haltend, mit Sturmesschritten im Zimmer auf und ab, während er halblaut die Worte des Kollegs dazu murmelte.

Und trotzdem vermochte er seine Gedanken nicht zusammen zu halten. Mitten drin, während er suchte, sich den Inhalt des Kollegs äußerlich ins Gedächtnis zu prägen, diese alten, bekannten Dinge, die er seit Jahren wußte, konnten seine Gedanken plötzlich, wie aus Müdigkeit oder Unvermögen, zu etwas anderem weggleiten. Er dachte auf einmal ans Examen, grübelte darüber nach, was für ein Gefühl es wohl sein mochte, bestanden zu haben und heim zu dürfen! Wie würde das sein? In ein paar Tagen würde er es wissen. Dann dachte er daran, wie die Mutter daheimsitzen und sich ängstigen, und daß er nun bald wieder bei den Seinen sein würde.

Oder auch flog ihm ein anderes Bild durchs Gehirn, irgend etwas, das er auf der Straße gesehen hatte, eine Szene zwischen ein paar Hunden, der Rektor Magnificus, den er vor der Domkirche getroffen hatte, oder eine bleiche Schöne im langen Mantel und koketten Federbarett, die ihm Augen gemacht hatte, als er vor ein paar Tagen die Karolinenhöhe hinaufgegangen war. Während er auf dem Läufer, der quer durchs Zimmer gelegt war, auf und ab ging, setzte er manchmal die Füße in gewissen berechneten Zwischenräumen, trat nur auf gewisse Farben und zählte, wieviele Schritte es dabei von der Wand zum Fenster waren. Dann kehrte er um und versuchte, die Füße genau auf dieselben Stellen zu setzen, auf die er zuvor getreten war. Oder auch er trommelte mit den Fingern Melodien und bemühte sich, sie so herauszukriegen, daß sie gleich ausgingen, so daß, wenn er mit dem Daumen anfing, sie beim kleinen Finger aufhörten.

Ohne zu lesen, ohne zu denken, ohne sich überhaupt nur bewußt zu sein, daß die Zeit verstrich, konnte er dann wieder im Schaukelstuhl sitzen und träumen oder heftig im Zimmer umherlaufen, die Hände in den Hosentaschen, mit flatterndem Schlafrock, bis er dann plötzlich instinktiv vor der Uhr stehen blieb, die auf dem Schreibtisch lag, und sah, daß es fast halb Zwei war.

Sofort ergriff er wieder das Heft und lernte, als gälte es das Leben — bis zum Mittagessen.

Fräulein Edla Lund machte sich inzwischen in ihrer Wohnung zu schaffen und besorgte das Essen. Bald war sie draußen in der Küche, bald innen im Eßzimmer. Nicht eine Minute kam sie zum Sitzen, wie sie sagte.

Aber ihre größte tägliche Sorge war, wie sie sich möglichst still verhielte, damit ihr lieber Kandidat drinnen in Ruhe arbeiten konnte. Wurde er auch nur im geringsten gestört, so war es ihm unmöglich, zu lesen und zu denken, das wußte sie. Darum achtete sie genau darauf, daß die Tür hinaus in die Küche geschlossen war, damit in der Stube des Kandidaten gewiß kein Laut klappernden Kochgeschirrs zu vernehmen wäre. Sie selber ging auf dünnen, weichen Schuhen leicht wie eine Katze hin und her und machte die Türen so sorgsam und vorsichtig zu, daß nicht einmal das Einschnappen des Schlosses durch seine geschlossene Tür dringen konnte. Wenns ans Tischdecken ging, so besorgte sie das immer selber, und es war ganz merkwürdig, wie gut sie gelernt hatte, mit Silber und Porzellan zu hantieren, ohne zu klappern.

So still war es in dem alten Haus an der Järnbrostraße, als wäre man mit einmal auf den Kirchhof draußen versetzt. Der einzige Laut, der hörbar wurde, war der Schritt des Kandidaten, wenn er auf der Matte in seiner Stube auf- und abwanderte, oder das Knarren des Schaukelstuhls, wenn er über eine unebene Diele ging.

Wenn es drei Uhr war, begann es an der Vorzimmertür zu läuten, und die Mittagsgäste stellten sich nacheinander ein. Um ein Viertel nach Drei waren alle da, und Fräulein Lund klopfte wieder an Ernst Hallins Zimmertür.

„Es ist angerichtet.“

Bald darauf standen alle andächtig hinter ihren Stühlen und beteten das Tischgebet. Das dauerte eine gute Weile, und nachdem man sich gesetzt hatte, schwieg im Anfang alles, gleichsam über das Gebet nachdenkend, während Fräulein Lund die Suppe ausschöpfte.

Außer Ernst Hallin und der Wirtin bestand die Gesellschaft aus drei jungen Kandidaten der Theologie und einem Kandidaten der Philosophie, einem Pietisten. Fräulein Lund nahm nur Studenten, die christlich gesinnt waren.

Ernsts Freund, Pastor Simonson, hatte früher auch zu dieser Gesellschaft gehört; er hatte es immer am besten verstanden, das Gespräch in Gang zu halten. Er hatte immer eine ganze Menge Gesprächsstoff, brachte theologische Fragen aufs Tapet während des Essens und hielt selber kleine improvisierte Vorträge, um diese Fragen zu entscheiden. Mit einem Wort — er war die Seele der Gesellschaft gewesen.

Seitdem er fort war, fand sich viel schwerer ein Gesprächsstoff. Jeder einzelne saß stumm, nur mit seinem Teller beschäftigt, da, und statt der früheren lebhaften Debatten hörte man jetzt bloß vereinzelte abgebrochene Bemerkungen oder kurze Fragen und Antworten.

Wenn das Essen zu Ende war, versammelten sich auf eine Weile alle im Zimmer der Wirtin, das auf der anderen Seite des Eßzimmers lag, um den Kaffee zu nehmen.

Es war ein feines, hübsches Zimmer, mit einem Teppich auf dem Fußboden und alten Gravüren an den Wänden. Die Möbel waren zum großen Teil altmodisch, im Empirestil, mit vergoldeten Kanten und geraden, schmalen Beinen. Unter einem hohen, vergoldeten Spiegel stand ein eingelegtes Bureau mit Bronzehandgriffen, und zu beiden Seiten des Tisches standen weiche, altmodische Lehnsessel. Über dem ganzen Zimmer lag ein starker Lavendelduft, der schwächer auch in der übrigen Wohnung bemerkbar war und dem Eintretenden, der von außen die Vorzimmertür öffnete, entgegenschlug.

Für Ernst Hallin hatte dieser Duft eine Bedeutung erlangt, die eng verknüpft war mit seinem Heimatsgefühl. Er genoß ihn ganz unbewußt, und wenn er nach der Arbeit nervös war, beruhigte er ihn stets. Manchmal kam ihm eine solche Sehnsucht danach, daß er sich irgend etwas außerhalb seines Zimmers zu schaffen machte, nur um ihn besser zu riechen.

Er war wenig gesellig und verstand sich nicht auf den Verkehr mit andern. Deshalb saß er schweigend in Fräulein Lunds Zimmer und ließ die andern reden, ohne überhaupt zuzuhören, was sie sagten. Waren sie alle gegangen, so zog er sich zum zweiten Mal zum Ausgehen an, um seinen Spaziergang zu machen, ehe er sich aufs neue an die Arbeit setzte.

Diesmal gings in den Karolinenpark. Der war so nah bei der Hand, und abends zog es ihn am meisten dorthin. Die großen, astreichen Bäume verdichteten die Dämmerung noch mehr, und die Nähe des Kirchhofs hatte für ihn etwas Stimmungsvolles, Wohltuendes.

Hier waren seine Gedanken am freiesten.

Weich von Gemüt, gewöhnt, sich selber zu hätscheln, hatte er einen gewissen Hang zur Melancholie. Es kam vor, daß er ihr geradezu aus Genußsucht nachging, wenn sie nicht von selber kam.

Über eine Stunde lang pflegte er hier einsam auf dem breiten Weg, der längs der steinernen Kirchhofmauer hinlief, umherzuwandern. Wenn er dann wieder heim kam, setzte er sich aufs neue vor die brennende Lampe und studierte.

Abends, wenn die Lampe angezündet war, fühlte er sich stets ruhiger, als wenn er bei Tageslicht studierte. Er war dann gezwungen, vor seinem Buch stillzusitzen, und die zerstreuungssüchtigen Gedanken waren ganz von selbst fort. Es war so warm und ruhig im Zimmer; über den Blättern des Buchs stieg der Rauch von der einzigen Zigarre auf, die er täglich zu rauchen pflegte.

In diesen Stunden arbeitete er immer am besten.

Wenn es halb acht Uhr war, erhob er sich und machte aufs neue „Gesellschaftstoilette“. Dann hatte er sich müde studiert, die Gedanken verlangten darnach, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, — er hielt es nicht länger aus. Und er fühlte sich frischer und lebenslustiger jetzt als den ganzen Tag über. Mit einem Seufzer der Befriedigung löschte er sein Licht und ging hinüber in das kleine Zimmer auf der andern Seite der Eßstube, wo Fräulein Lund schon bei der brennenden Lampe saß und auf ihn wartete.

Da ließ er sich häuslich nieder und war so lebendig und heiter, als hätte er das Büffeln und Schinden überhaupt ganz vergessen. Er hatte die Tante aufrichtig lieb und redete mit ihr, wie er mit seiner Mutter nie hatte reden können!

An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden Seele von Nutzen sein durfte.

Sie saß im Sofa mit ihrem Strickzeug, und ihr ein bißchen dickliches, freundliches Gesicht lachte ihm liebevoll entgegen, als er eintrat.

„Ist Schluß für heute?“ fragte sie.

„Ja“, antwortete er und ließ sich in den einen Lehnstuhl niedersinken. „Jetzt ist Schluß.“

Als er eine Weile so gesessen hatte, nahm er vom Tisch Ibsens „Brand“.

„Wollen wir weitermachen?“ fragte er.

Die alte Dame nickte; Ernst Hallin wandte das Buch nach dem Lampenlicht und begann zu lesen.

Mit milder, wohllautender Stimme las er das gewaltige Gedicht von einem Menschen, der nicht leben kann in der Stadt. Er träumte sich selber hinein in diesen Konflikt, der unlösbar ist, er kämpfte in der Phantasie den Kampf der gewaltigen Gedanken; und er glaubte, das Urteil eines christlichen Asketen über die elenden Menschenkinder zu lesen.

Als er einen Akt gelesen hatte, legte er das Buch nieder; es ward still in dem kleinen Zimmer.

„Das ist Christentum!“ sagte er endlich.

Das alte Fräulein nickte; und sie redeten lange davon, was Ibsen mit Brand gemeint hätte.

Dann gingen sie ins Eßzimmer und tranken Tee. Ganz von selber kam das Gespräch wieder ins gewöhnliche Geleise. Sie redeten von dem bevorstehenden Examen, dem nahen Scheiden, von Gammelby und von Ernsts Elternhaus.

Zweites Kapitel

G

Gammelby liegt auf einer weiten Fläche; auch da, wo die Fläche jäh zum Berghang aufbiegt, geht noch die Stadt mit, und auf dem Gipfel des Hügels liegen schöne neue Häuser zwischen Gärten. Unten, am Fuß des Hügels, dehnt sie sich weit und breit verästet aus, als wäre sie zu beiden Seiten um die Große Straße ausgequollen, die vom Burghof, wo die Statthalterei liegt, sich hinüber erstreckt bis zum Tor, bei dem eine alte Brücke über den Fluß führt.

Die Stadt ist voll von kleinen Gassen und Quergassen, winkligen, wunderlichen, phantastischen Gäßchen mit langen, verwitterten Zäunen, über die dürre Apfelbäume ihre nackten Zweige strecken. Schmal sind die Gassen da; dicht unter den Fenstern sind die Rinnsteine; im Sommer, wenn es warm ist, steht da verdorbenes Wasser und stinkt, und der Geruch dringt in die niederen Häuser, die in langen Reihen, ein Stadtviertel neben dem andern, zu beiden Seiten der Großen Straße stehen.

Hier kehrt das Unglück ein in den Heimstätten der Armen; die Kinder sterben an ansteckenden Krankheiten. Und die klugen Leute sagen, dies sei das einzige und wahre Hilfsmittel der Natur gegen die Volksvermehrung.

Aber wenn der Winter kommt, liegt der Schnee dick zwischen den Häusern. Wo der Schneepflug gefahren ist, drängen dichte Wälle sich hoch gegen die Fensterrahmen, und mitten auf der Gasse läuft ein schmaler Pfad, grau getrampelt von groben Schuhen. Aus den großen Schornsteinen der kleinen Häuser steigt der Rauch; und schlecht steht’s um die, die kein Holz in ihren Herd zu schieben haben.

Hier wohnt die Bevölkerung, von der die ganze Stadt lebt. Hier wohnen die Fabrikarbeiter, die Zimmerleute, die Flößer und die Arbeiter auf den großen Holzplätzen. Hier sind die großen Höfe, auf denen Familien, vom Großvater her, seit mehr als hundert Jahren wohnen. Die Männer haben die großen Holzflöße den gewaltigen Strom hinab geleitet oder haben in der dumpfen Luft der Fabriken geschafft. Und die Weiber haben neue Arbeiter geboren, die die Alten, wenn sie gingen, ersetzen sollten. Neue Arbeiter sind herzugezogen aus anderen Gegenden des Landes, seit die Eisenbahn geht, immer lebhafter ist der Verkehr geworden, immer mehr Fabriken sind erstanden.

Und es ist, als nähme der reinliche, reiche Teil der Stadt seine Schmuckheit und seinen Wohlstand von diesem schmutzigen Stadtteil.

Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten verdrängen will.

Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen in großen Karren den überflüssigen Schnee fort.

Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große, lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat.

Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß alte, ehrwürdige Familien wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet, sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie wissen, Einigkeit macht stark.

Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter, gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien.

Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage, und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern verborgen lagen.

Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen. Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und Aktienbanken ins Leben. Und die neuen Lebensbedingungen brachten eine neue Lebensweise mit sich.

Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei Jahre leben, solange er eins lebt.

Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen, verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird.

Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz, das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesangbuch, das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen, oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen, davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht.

Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern, mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien.

Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren Gesellschaft bilden, was sich hier, wie anderswo, bei näherer Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt.

Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine Kleinstadt, wo — bestenfalls — die ersten zehn Jahre zur Bezahlung der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war.

Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer „Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr Urteil und nennen sie Bücherwürmer.

Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären. Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern, die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie leben und sich entwickeln.

Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist.

Drittes Kapitel

D

Der Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge; die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie schwanzwedelnde Hunde.

„Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den Unterschied zwischen cado und caedo merken kannst! Wie war das? Cado, cecidi, casum — casum, sag’ ich — cadere. Also — sprich es nach. Wie war es?“

Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen, ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit leiser Stimme: „Cado, cecidi, casum, cadere.“

„Lauter!“ schrie der Adjunkt. „Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und lauter!“

Lundberg wiederholte mit lauter Stimme.

„Na also! Jetzt war’s recht. Weiter. Wie ist’s mit caedo?“

Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern.

Aber es war eine alte Geschichte — Einblasen gab’s nicht bei Adjunkt Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen, der so unvorsichtig war, einem andern zu helfen oder mit den Augen um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln, das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: „Hör mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes an dem kleinen Petterson da neben dir links?“

Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht, das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune.

„Na,“ fährt der Adjunkt fort, „kannst du nicht antworten? Findest du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse auf das unglückselige Verb caedo zu übertragen? Mit ae.“

Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig: „Caedo, cecídi, caesum, caedere.“

„Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!“

Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen.

„Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz’ den letzten Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist ein langer Satz. Qui quum usw.“

Und der Nächste übersetzte, rein und fließend, mit Hilfe des alten Kalmodin, zog Subjekt und Prädikat aus und konjugierte die Verben, leicht, rasch, sicher und ruhig.

Und grade als er fertig war, hörte man von Korridor zu Korridor auch das Bimmeln der Glocke; der Adjunkt erhob sich, und im Nu entstand ein unerhörter Lärm. Pultdeckel wurden auf- und zugeschlagen, Bücher zugeklappt, auf den Boden geworfen, wieder aufgehoben und in Riemen zusammengeschnallt. Am Kleiderständer herrschte ein wildes Gedränge; Mäntel und Mützen wurden heruntergerissen, mit der vollkommensten Mißachtung des Futters und der Aufhänger. Droben am Katheder stand ein dienernder, dicker Bauernjunge und half dem Adjunkt in den Mantel. Er hatte das das ganze Semester durch getan, damit er am Schluß ein gutes Zeugnis kriegen und versetzt werden sollte.

Plötzlich, eben als die Ersten Hals über Kopf zur Tür hinaus stürzen wollten, schlug der Adjunkt das spanische Rohr auf den Tisch, daß das Tintenfaß hüpfte und alle Jungens mit der Mütze in der Hand stehen blieben.

„Eine neue Seite zum nächstenmal!“ rief er.

„Und nicht zu vergessen — wer cado oder fallo nicht kann, kommt Sonntag vormittag zu mir nachhaus!“

Damit nahm der Adjunkt seinen Hut und ging mit raschen Schritten durchs Zimmer. Vor ihm rasten schon sechs, acht Stück der Allerhungrigsten die Treppe hinunter, hinaus auf die Lange Straße, die sich von der Schule durch die ganze Stadt bis hinaus zum Tor erstreckte.

Es war ein windiger, kalter Januartag; der Adjunkt trug einen dicken Winterüberzieher, den er bis zum Halse hinauf zugeknöpft hatte. Auf dem Kopf hatte er seine Pelzmütze, die tief in die Stirn gezogen war, in der Hand das unvermeidliche spanische Rohr und unter dem Arm einen Haufen blauer, mit einer Schnur umwickelter Hefte.

Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er seine Brust dehnen; dann senkte er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten sich, als spräche er mit sich selber.

Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man doch einen viel besseren.

Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem heiligen Abend zu seiner Frau: „Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?“ Und so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen brauchte.

Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft — bloß ein „paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum Auspacken hatte!“ Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama für Papa. Und ein paar Flaschen Wein mußten doch auch da sein, und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch.

Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden. Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von morgens bis abends in Tätigkeit.

Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben. Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war; er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz nach seiner Wohnung ging.

Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am Mittagstisch.

Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen Haufen blaueingebundener Hefte mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß.

„Wie geht’s heut, Papa?“

„Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!“ Gleich darauf erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf.

„Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.“ Im selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte.

„Na, da bist du ja!“ sagte der Adjunkt. „Geh rasch auf dein Zimmer und wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!“

Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern kommen könne.

Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah, wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete er es überhaupt noch.

Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater, Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch.

„Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,“ sagte Frau Hallin.

Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum Zeichen, daß man anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten Häuptern da; dann setzten sie sich.

Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber; zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas — die Gläser waren alle sehr klein — vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche. Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die das Mädchen eben herumbot.

Die Tür ging auf und Gustaf trat ein. Er legte beide Hände auf den Stuhlrücken, verbeugte sich mit einem hastigen Kopfnicken, zog den Stuhl zurück und setzte sich, zugleich mit einer raschen Bewegung die Serviette über die Knie legend. Die Mutter schüttelte den Kopf und bestrafte ihn für das zu kurze Tischgebet mit einem vorwurfsvollen Blick, der Gustaf herzlich amüsierte. „Ach so, heut gibt’s wieder Fleischklöße!“ bemerkte er. Der Adjunkt war nach und nach in etwas bessere Laune gekommen. Das Appetit-Gläschen und das warme Essen hatten ihn aufgetaut, und er war eben im Begriff, etwas Lustiges von der Schule zu erzählen, was er stets im Vorrat hatte, als Gustaf sich unglücklicherweise über die Fleischklöße ausließ. Augenblicklich kamen ihm wieder die fünfzig Kronen in den Sinn, diese verwünschten fünfzig Kronen, und durch eine nicht ganz klare Ideenverbindung kam ihm dann der Gedanke, wie unzufrieden doch Kinder mit allem wären, wie ihre armen Eltern arbeiteten und sich abrackerten, und die Kinder dann das Essen bekrittelten, das die Eltern mit Mühe und Schweiß für sie erarbeitet hatten. All das sagte er auch dem Sohn, in einem väterlich-ermahnenden Ton, der den ganzen Tisch zum Schweigen brachte, aber mit einer Logik, die ein Lächeln auf des Sohnes Gesicht hervorrief.

Als der Vater geendet hatte, bemerkte Gustaf, den die Schwester vermittels Zublinseln und Grimassen vergeblich zum Schweigen zu bringen suchte: „Ich versteh nicht, was du willst, Papa. Ich hab ja doch sechs Fleischklöße auf meinem Teller!“

Selma lachte hell auf. Sie mochte den Vater gewiß nicht gern reizen, wenn er über irgend etwas ärgerlich war, und das Gezänke bei Tisch war ihr gradezu verhaßt. Aber sie konnte nicht anders. Es war ihr unmöglich, ihren Ernst zu bewahren; und so lachte sie laut auf. Die Mutter versuchte vergeblich, mit ein paar beruhigenden Worten den Sturm abzulenken. Der Adjunkt war böse und es war ihm ein Bedürfnis, die andern durch seine üble Laune herabzustimmen, — ein Bedürfnis, das allen Menschen eigentümlich ist, die von täglichen kleinen Widerwärtigkeiten heimgesucht werden.

„Ich kann mir nicht helfen,“ brach er los, „aber es macht mir nun einmal zum mindesten einen traurigen Eindruck, wenn meine Kinder es so offenbar an Respekt mir gegenüber fehlen lassen! Daß Selma ihren Bruder noch unterstützt, wenn er sich schlecht aufführt, das hatte ich nicht erwartet; daß Gustaf gradezu unverantwortlich dreinhaut, das ist ja freilich nichts Neues.“ Gustaf sah schweigend vor sich nieder, um seinen Gesichtsausdruck zu verbergen, und murmelte etwas vor sich hin, was er nicht laut zu sagen wagte. Er wollte kein weiteres Gezänke. Im stillen grübelte er darüber nach, ob er nun Schelte gekriegt hatte, weil er die Fleischklöße bekrittelt oder weil er zu viel davon genommen hatte. Und er gelobte sich im stillen, wenn das nächste Gericht käme, würde er das mit einer so abgezirkelten Mäßigkeit genießen, daß es dem Adjunkten in der Seele weh tun müsse!

Inzwischen entkorkte der Adjunkt die Bierflasche und schenkte sich ein Glas voll ein. Den Rest ließ er für Selma und Gustaf übrig. Diese Sparsamkeit war etwas, was Gustaf tief verachtete; er leerte gewöhnlich sein Glas mit scherzhafter Anstrengung und stieß nachher ein langgezogenes „Ah“! aus, als wolle er andeuten, daß es seine schwachen Kräfte übersteige. Heute begnügte er sich damit, das Bierglas so hastig zu leeren, als wäre es nur ein Fingerhut voll. Eh er es niedersetzte, guckte er ernsthaft hinein, wie um nachzusehen, ob nicht noch etwas drin sei.

Frau Hallin, die den Frieden wiederherstellen wollte, hatte inzwischen begonnen, von Ernsts Heimkehr zu sprechen. Sie fragte den Adjunkten, ob er schon daran gedacht hätte, wo Ernst wohnen solle. Sollte er in des Vaters Stube schlafen? Oder sollte man nachts eine eiserne Bettstelle im Wohnzimmer aufschlagen? Aber der Adjunkt machte bloß eine abwehrende Handbewegung und sagte: „Frag doch mich nicht! Ich hab doch nichts zu sagen hier im Haus!“

Nach und nach taute er aber doch ein bißchen auf. Ein Wort gab das andere; man sprach davon, wie es werden würde, wenn Ernst heimkam; man war neugierig, ob er wohl ein gutes Zeugnis mitbringen würde, ob er recht mager wäre vom vielen Studieren usw. Selma mischte sich sehr lebhaft ins Gespräch und schwatzte mit. Frau Hallin wurde ernsthaft, als das Gespräch auf den Sohn kam.

„Wann glaubst du, daß die Ordination ist?“ fragte sie ihren Mann.

Jedoch der Adjunkt war noch immer schlechter Laune. „Das ist noch nicht bestimmt“, sagte er und machte eine abweisende Handbewegung.

Aber das Gespräch war doch nach und nach lebhaft und allgemein geworden. Die Frage, wo Ernst wohnen sollte, ward eifrig erörtert. Der Vater bestand darauf, er solle im Wohnzimmer schlafen. Die Mutter erklärte sehr bestimmt, er müsse in des Vaters Zimmer schlafen; und die Geschwister stimmten ihr bei. Er mußte sich doch auf die Probepredigt und so allerlei ähnliches vorbereiten. Da konnte er ungestört arbeiten, die ganzen Nachmittage lang, solange der Adjunkt in der Schule war. Während des Gesprächs war eine friedlichere Stimmung entstanden. Der Adjunkt gab in der Frage um das Zimmer nach und begnügte sich damit, noch einmal die Besorgnis auszusprechen, es möchte doch zu umständlich sein. Frau Hallin drang eifrig darauf, daß jeder auch seine Arbeit möglichst im voraus tun sollte, damit man, wenn Ernst heimkam, ein bißchen frei wäre. Sie würde backen und noch einmal Weihnachtsbier machen. Ernst tat ihr so leid. Er hatte natürlich in Upsala kein Weihnachtsbier bekommen! Selma erklärte, sie würde sich diese Woche tüchtig hinter ihre Hefte setzen, damit sie dann frei wäre. Gustaf schwieg und sah verärgert aus. Nur als vom Weihnachtsbier die Rede war, flog ein Ausdruck der Zufriedenheit über seine Züge. Wenn es Weihnachtsbier gab — das wußte er — so brauchte er wenigstens nicht von den Resten aus Vaters Bierflasche zu leben!

Jetzt nahm Frau Hallin selber die Teller ab, und als sie mit dem zweiten Gericht hereinkam, leuchteten Gustafs Augen ganz merkwürdig auf. Mit triumphierender Miene packte er seinen Löffel und sah dabei ganz kannibalisch aus. Denn es gab Apfelgrütze, warme, süße, frische Apfelgrütze mit kalter Milch; das war das Lieblingsgericht der ganzen Familie. Alle nahmen sie sich große Portionen, und als Gustaf an die Reihe kam —, nun er hätte sicher neue Vorwürfe vom Adjunkten geerntet, wenn er selber nicht sich mindestens ebensoviel auf den Teller geschöpft hätte! Und eine lange Weile hörte man nichts als schmatzende Zungen, kratzende Löffel und gurgelnde Milch.

Das Dankgebet nach Tisch ward sehr viel fröhlicher gebetet, und als Gustaf dem Vater nach Tisch dankte, klopfte ihm der Adjunkt versöhnlich auf die Achsel, ohne daß der Sohn auch nur ein Wort zu sagen brauchte. Dann trank man im Wohnzimmer Kaffee, und der Adjunkt erzählte dort seine Schulgeschichten, die er während des Mittagessens hatte verschlucken müssen.

Eine Weile später war der Adjunkt auf seine Stube gegangen. Ein Stündchen lag er auf dem Sofa und ruhte aus — die Zeitung auf dem Bauch. Dann saß er am Schreibtisch, und die Feder machte rote Bogen und Striche und wütete in falschen Lateinsätzen, während er selber seinen alten Cavallin im Verein mit Georges um Rat fragte. Und auf ihrem Stübchen saß Selma und tat dasselbe mit ihren französischen Aufgabeheften. Gustaf hatte sein Zimmer oben unterm Dach, eine Treppe hoch, dem des Vaters gegenüber. Es war ein kleines Zimmerchen, eigentlich nur ein Verschlag. Da saß er in seinem Schaukelstuhl und dampfte aus einer langen Pfeife, während er seine etwas geteilte Aufmerksamkeit der Repetition der griechischen Verben auf μι widmete.

Und in der Wohnstube drunten saß Frau Hallin und nähte bei der Lampe. Die Stunden verrannen; es schlug acht Uhr; und der Teetisch versammelte die zerstreuten Glieder der arbeitenden Familie wieder um sich.

Viertes Kapitel

A

Am folgenden Tag ging der Adjunkt zehn Minuten früher als sonst zur Schule. Er wollte gern seinen Freund Bruhn sprechen, eh die andern kamen. Von ihm konnte er ganz gewiß die fünfzig Kronen entlehnen. Bruhn war Professor und Junggesell, lebte sehr zurückgezogen und hatte stets Gelder auf der Bank, die er im Winter zusammensparte, um im Sommer reisen zu können.

Aber als der Adjunkt ins Lehrerzimmer kam, war es leer; kein Bruhn war zu sehen.

Es war kühl in dem großen Raum; das kalte Licht der Gasflammen brach sich gegen den flackernden Schein des Kachelofens. Der große Tisch mit den hochlehnigen Sesseln darum erstreckte sich durch die ganze Länge des Zimmers und gab ihm das Aussehen eines Gerichtssaals, während die Karten, die an den Wänden hingen, und die Schränke zwischen den Fenstern bezeugten, daß hier die Götter der Weisheit und Gelehrsamkeit das Szepter führten.

Der Adjunkt trat zum Ofen und wärmte sich die Hände. Dann lauschte er eifrig. Sie fingen doch nicht schon mit Orgelspielen an droben? Dann sangen sie ihren Choral, und die Morgenandacht war aus. Und dann kamen sie, einer nach dem andern, der Rektor, die Professoren, die jungen, unverheirateten Lehrer, die natürlich nicht zu begreifen vermochten, daß ein alter, verheirateter Mensch Sorgen haben konnte! Die Jungens würden nach Karten und physikalischem oder anatomischem Lehrmaterial aus- und einlaufen. Vor der Pause würde er Bruhn dann nicht mehr treffen. Und nachher kam so leicht etwas dazwischen.

Die Tür ging auf; zwei junge Lehrer traten ein. Der eine war ein kleiner, energischer Mann mit funkelnden, hellblauen Augen und einem scharfen Zug um den Mund. Er war stellvertretender Lehrer in Schwedisch und Latein. Der andere hieß Ephraim Simonson. Auch er war klein von Wuchs. Etwas Raubvogelhaftes lag in seinem Gesicht, seine Augen waren klein und beweglich und rasch und liefen eifrig hin und her, als beobachte er stets. Unten an dem spitzigen Kinn hing ein flachsfarbener Bart, und um das ganze Gesicht lief ein Rahmen dünnen Haars von derselben Farbe wie der Bart. Die Nase war schmal und gebogen und wölbte sich über ein paar dünnen Lippen, die, wenn er schwieg, sehr fest zusammengepreßt waren, sich aber, wenn er redete, rasch, mit eigentümlichem kurzem Schnalzen öffneten, während die Augen dann einen scharfen, stechenden Ausdruck erhielten. Er war Theologe und außerordentlicher Lehrer an der Schule; sein Fach war Religion.

Als der Adjunkt die beiden erblickte, bewölkte sich sein Gesicht und er machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern. Aber Simonson war ein Studienkamerad von Ernst, und den andern mochte er ganz gern wegen seines jugendlichen Wesens und seiner frischen Upsalageschichten. Er konnte nichts anderes machen, als freundlich grüßen. Die Herren schüttelten einander die Hand, und Simonson sagte etwas vom Wetter. Der Adjunkt bemerkte, es sei kalt im Lehrerzimmer, und so sei es gewesen in all den achtzehn Jahren, seit er hier wäre. Der Stellvertretende stand schweigend da und führte ein paarmal die Hand zum Munde, um das Gähnen zu verbergen.

Jetzt kam Bruhn. Er war ein großer, breitschultriger Mann, von einem Äußern, das unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Gesicht war ganz durchfurcht von Linien, er war kahl, aber der nackte Teil seines Kopfes sah aus, als wäre er nur eine Fortsetzung der Stirn, und mitten auf der Stirn war eine große, unförmliche Beule, die im Verein mit den tiefliegenden Augen und starken Augenbrauen dem ganzen Gesicht ein Gepräge kolossaler Gedankenkraft gaben, einer Kraft, die sicher und fest verschlossen war. Das ganze Äußere war höchst ungepflegt. Über einer abgetragenen Weste, die bedenklich ins Grüne spielte, hing ein zottiger, graugesprenkelter Bart, in dem sich sehr deutlich Schnupftabaksreste bemerkbar machten. Der Rock war an den Nähten sehr verschossen, ein paar Knöpfe waren, wie es schien, gewaltsam abgerissen, und unten an den Hosen hatten die großen, schiefgetretenen Stiefel einen ganzen Saum von Wollfäden ausgefranst, die um ihn her hingen und schleiften.

Nachdem er ins Zimmer getreten war, zog er mit einer eckigen Bewegung den Überzieher aus und hängte — oder schmiß — ihn auf den Kleiderständer, warf dann den Hut mit einem Klatsch auf einen Sessel und nickte den Anwesenden zu, ohne ihnen die Hand zu geben. Pastor Simonson machte eine Grimasse, sobald er den Professor erblickte. Der Ankömmling ging zum Ofen, spreizte die Beine und stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer. Die Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt; den einen Rockschoß hielt er unterm Arm. Als er eine Weile so dagestanden hatte, zog er eine silberne Schnupftabaksdose heraus und schnupfte geräuschvoll, daß der Tabak in langen Streifen über Bart und Weste rann. Worauf er wieder seine Lieblingsstellung einnahm.

„Hat jemand von den Herren gestern die Zeitung gelesen?“ bemerkte er schließlich. „Ich möchte wohl wissen, ob’s in Rußland irgendwas Neues gibt!“

Der Stellvertretende hatte die Zeitung gelesen und belehrte ihn, daß nichts darin stünde.

„So, also lebt er noch!“ sagte der Professor und wechselte die Füße vor dem Feuer. „Es interessiert mich, das Land!“ Eine Weile war es still im Zimmer. Niemand schien so früh am Morgen Sinn für Politik zu haben.

Plötzlich hörte man vom Oberstock her den singenden, eintönigen Laut der Orgel; er ward stärker und stärker, spann sich zum Akkord, zu kunstvollen Läufen aus und endete in einem Choral, in den die schrillen Stimmen der Kleinen bis zu den rauhen Mutationsstimmen der Großen energisch einstimmten.

Professor Bruhn machte eine sonderbare Bewegung mit Körper und Gesicht, die aussah wie eine einzige große Grimasse.

„Satansmusik!“ äußerte er.

Der Adjunkt Hallin warf dem Kollegen — der beiden jungen Lehrer wegen — einen warnenden Blick zu. Pastor Simonson mißbilligte durch seine ganze Haltung, seinen ganzen Gesichtsausdruck die unpassende Äußerung; der andere Lehrer schien es komisch zu finden; man sah es seinem Gesicht an, wie er sich über den wunderlichen Kauz am Kachelofen amüsierte.

Professor Bruhn kümmerte sich keineswegs um die Warnung, die im Blick des Adjunkten lag; ruhig fuhr er in seinen Bemerkungen fort.

„Eine Satansmusik! sag ich! Ist’s etwa ein Verbrechen, wenn man das sagt? Ist vielleicht die Orgel, die da droben in dem alten Saal steht, und vor der Petterson sitzt und aus Haeffners Choralbuch spielt, so was ganz besonders Heiliges? Spielt man vielleicht jetzt Gottes Wort? Und wird es etwa heiliger darum, daß die Jungens hinter ihren Choralbüchern dazu grinsen?“

Pastor Simonsons Nasenflügel bebten. Er hegte eine Antipathie gegen Bruhn; denn er ahnte instinktiv in ihm den Gegner und hielt ihn außerdem für roh und ungeschliffen. Auch führte er lieber selber das Wort.

„Für mich“, sagte er, „hat der Ton der Orgel immer etwas Ehrwürdiges, auch wenn man sich — in künstlerischer Hinsicht — eine vollendetere Ausführung vorstellen könnte.“

Professor Bruhn schneuzte sich.

„O!“ sagte er ruhig. „Das ist ja eine sehr interessante Erklärung!“

Der junge Lehrer lachte laut auf, und Pastor Simonson sah aus, als ertrage er mit christlicher Geduld eine unerhörte Verunglimpfung.

Plötzlich verstummte die Orgel oben. Eine kleine Weile herrschte Schweigen.

„Glauben Sie, daß die Jungens jetzt beten, Herr Pastor? Wenn sie auch ihre Choralbücher unter der Nase haben?“ fragte Professor Bruhn und nahm eine gewaltige Prise.

„Ja“, erwiderte der junge Pastor mit einer Stimme, die vor Verdruß bebte. „Ich möchte es zum mindesten glauben.“

„Ach so“! sagte Professor Bruhn. „Na — ich nicht!“

Inzwischen hörte man von droben das Scharren von Bänken, die zur Seite geschoben, das Trampeln von Füßen, die ungeduldig ausgestreckt wurden und den Boden stampften. Man hörte, wie die großen Doppeltüren aufgerissen wurden, hörte den taktfesten Schritt der kleinen Füße der unteren Klassen, der immer ungeregelter wird. Eine heitere Knabenstimme drang ab und zu ins Lehrerzimmer, ein helles Lachen, das durch den Korridor klang und ein Echo weckte. Mehr wurden es, immer mehr, und als sich schließlich noch der feste Schritt der älteren Jungens mit dem der Kleinen mischte, da ging bald alles über in ein unordentliches, wirres Geräusch von Stimmen, Trampeln, Lachen, Schreien, Gedränge, Gepuffe, Türzuwerfen. Als die Schar am Lehrerzimmer vorbeikam, ward es stiller, aber als sie an der gefahrvollen Stelle vorüber waren, nahm der Lärm wieder zu. Und durch all das Unwesen hörte man die Stimme des Religionslehrers, der an der Treppe mit seinem Stock aufs Geländer schlug und rief: „Wollt ihr wohl Ordnung halten, ihr da drunten!“

Und während all des Unwesens stand der Professor Bruhn und lachte in sich hinein, ein glucksendes, sarkastisches Lachen, als wollte er sagen: jetzt nehmen sie wieder Schaden an ihrer Seele — nach all dem Gebet und Choralsingen!

Pastor Simonson merkte das freilich nicht. Er hatte Professor Bruhn den Rücken zugewandt und redete mit ein paar älteren Lehrern, die inzwischen gekommen waren.

Es war mittlerweile fünf Minuten über Sieben geworden; alle machten sich fertig, in ihre Klassenzimmer zu gehen. Der Religionslehrer kam pustend vor Zufriedenheit ins Lehrerzimmer. Fünf Schüler aus den obersten Klassen hatte er entdeckt, die beim Beten gefehlt hatten. Derartige Beweise von Scharfsinn bildeten seinen Stolz und seine Freude im Leben. Er wußte die ganze Liste auswendig, und während einer von den älteren Schülern das Gebet las, stand er, den Hut vor den Augen, und rechnete die ganze Zeit über nach, ob auch alle da wären. Da es in der Schule etwa zweihundert Schüler gab, mußte er wohl oder übel eine gewisse Fertigkeit im Rechnen entwickeln. Er lernte auch täglich seine Aufgabe besser, und es war sein höchster Ehrgeiz, daß er die ganze Schule, die Kleinsten mitinbegriffen, inspizieren konnte, eh das Frühgebet zu Ende war. Die Abwesenden behielt er treulich im Gedächtnis, und nach beendeter Andacht ging er stets in die Klassenzimmer, aus denen ein Unglücksvogel gefehlt hatte, schnüffelte mit seiner langen Nase herum und fragte den Delinquenten wohlwollend: „Wo warst du denn heute?“ Der Angeredete versuchte dann immer, beschämt auszusehen; aber es glückte nur selten. Denn die ganze Schule wußte, welch einen Genuß diese Inquisitionsbesuche dem Professor Kumlander bereiteten. Heute war er ganz besonders zufrieden. Er hatte fünfe erwischt, von denen einer bis jetzt noch nie zu spät gekommen war, und mit dem alten Norbeck in der Tasche schlurfte er zufrieden und krummbucklig davon, um in der Siebenten seine Stunde zu geben.

Adjunkt Hallin war der einzige, der es nicht besonders eilig hatte. Sonst war er immer einer von den ersten, die in ihre Klasse gingen. Heute aber saß er ganz eigensinnig da und guckte in ein Exemplar des Cavallinschen Lexikons. Er wartete darauf, daß Professor Bruhn sich auf den Weg machen sollte, damit er eine Gelegenheit erwischte, mit ihm zu reden. Aber der Professor hatte es auch gar nicht eilig; er stand noch immer vor dem Ofen und wärmte sich; und Adjunkt Hallin wurde nachgerade nervös. Denn der Rektor war keineswegs liebenswürdig, wenn er merkte, daß die Lehrer die Zeit für die Stunden nicht pünktlich einhielten.

Dennoch — er mußte sich die Geschichte vom Hals schaffen. Er seufzte tief auf und sah einen Augenblick lang aus, wie ein ganz alter, lebensmüder Mann. Aber er blieb sitzen und wartete, bis die letzten fort waren. Und noch immer stand der Professor in derselben Stellung am Kachelofen. „Daß er sich auch hat mit dem verwünschten Pastor zanken müssen!“ dachte der Adjunkt. „Jetzt ist er natürlich schlechter Laune!“

„Gehst du nicht in deine Klasse?“ sagte er laut. Es wurde ihm immer schwer, eine derartige Angelegenheit einzuleiten.

„Meine verdammte Lauffrau hat mich eine Stunde zu früh geweckt! Schließlich kann ich ja grad so gut hier philosophieren, wie anderswo!“ lautete die Antwort.

Und Bruhn machte eine ungeduldige Bewegung mit den Achseln und warf den Kopf herum.

Adjunkt Hallin saß eine Weile ganz still da und blätterte im Cavallin. Es wurde doch mit jedem Jahre schwerer, um Geld zu bitten, wenn auch manche behaupteten, der Anfang wäre das schlimmste. Schließlich legte er das Buch weg, erhob sich und sagte mit gedämpfter Stimme, als wolle er eine lange Einleitung machen: „Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“

Professor Bruhn ließ den Rockschoß fallen und holte die Schnupftabaksdose heraus, die er von nun an unaufhörlich zwischen den Fingern drehte.

„So!“ sagte er. „Und was denn?“

„Weihnachten hat recht viel gekostet heuer.... Und in ein paar Tagen kommt Ernst heim.... Am ersten habe ich die Miete bezahlen müssen.... Ich hätt’ mich ja ganz gut einrichten können.... aber es kamen unerwartete Ausgaben.... könntest du mir fünfzig Kronen leihen bis zum nächsten Quartal?“

Der erste Teil der Rede ward langsam, in eigentümlich scharfem Ton, leise und mit beinah zitternder Stimme gesprochen. Der letzte Satz dagegen kam heftig und überstürzt heraus, ungefähr, wie wenn man eine schlechtschmeckende Arznei nimmt.

Professor Bruhns Gesichtsausdruck veränderte sich ganz plötzlich. Er brach in ein gutmütiges, geräuschvolles Lachen aus und machte die fürchterlichsten Grimassen, während die Schnupftabaksdose wie ein Ball in seinen Händen tanzte.

„Bist du ein verdammt komischer Kerl, Hallin!“ sagte er. „Gehst wie die Katze um den heißen Brei herum und mühst dich ab und schwitzst, wegen fünfzig Kronen! Selbstverständlich kannst du sie haben; mir liegen sie ja bloß da. Ich geh gleich und hole sie; dann hast du sie in der Pause.“

Und Professor Bruhn lachte immer lauter vor seinem Kachelofen, trampelte mit beiden Füßen auf den Boden, wand sich aus purer guter Laune und wiederholte in einem fort: „So ein komischer Kauz! Fünfzig Kronen! Hahaha! Das kommt davon, wenn man verheiratet ist! Jawohl!“ Und dabei sah er aus, wie ein vergnügter Tanzbär.

Adjunkt Hallin fühlte sich plötzlich wie ein ganz anderer Mensch. Er war froh, daß es so leicht und gut abgelaufen war. Er hatte seine fünfzig Kronen und war wieder ein freier Mann. Und er lachte und schüttelte Bruhn freundschaftlich am Arm.

„Dank dir, Kamerad“, sagte er. „Aber sag, warum warst du denn gegen unsern jungen Kollegen, den Pastor, so ausfällig?“

Professor Bruhn hielt plötzlich mitten in seiner Frohlaune inne; sein Gesicht sah auf einmal ganz anders aus. Die Augen hatten einen fast grimmigen Ausdruck und er schlug mit der rechten Hand in die Luft, daß man fürchten mußte, der Arm würde aus dem Schulterblatt gehen.

„Kollege!“ sagte er. „Meinst du, so einen jungen Hund nehm’ ich als Kollegen? Noch vor fünf Jahren war er mein Schüler. Er taugte nichts, verstand nichts, wußte nichts. Dann ist er fünf Jahre lang in Upsala gewesen und hat es zu einem jämmerlichen Examen gebracht. Und dann kommt er hierher und legt los, als hätt’ er mittlerweile alle Weisheit der Welt mit Löffeln gefressen! Meinethalben — ich gönn ihm ja seinen Glauben! Mag er ein Idiot sein — meinethalben! Aber aus meinem Bereich soll er wegbleiben. Hab ich nicht recht? War die Musik nicht unter der Kanone? Na also, warum braucht er mit mir anzubändeln? Kann ich dafür?“

Professor Bruhn war keineswegs gut auf Pfarrer zu sprechen und versagte es sich im allgemeinen nicht, seiner Antipathie sehr freien Lauf zu lassen. Besonders wenn er ärgerlich war bediente er sich einer fast affektierten, regelrechten und grammatikalischen Redeweise, die ihm gleichsam zur zweiten Natur geworden war. Diese Redeweise klang um so komischer, als er sie immer mit den kräftigsten Flüchen vermischte. Er redete heftig und lange und ging schließlich zu einem stillen, inwendigen Gebrumm über.

Der Adjunkt sah ein bißchen geniert aus.

„Mein Sohn ist ja auch Theologe!“ sagte er endlich.

„Ja — aber der ist aus ganz anderem Stoff!“ sagte der Professor heftig. „Freilich — er kann sich ja auch verändert haben. Man kann ja nie wissen.“

Er schwieg, wie beschämt ob seiner eigenen Grobheit.

„Es wird am besten sein, du gehst in deine Klasse!“ sagte er dann plötzlich. „Das Geld kriegst du in der Pause.“ Hallin blickte rasch in den Schulhof hinaus. Über die Staffel, die zwischen Eisengeländern zur Schule hinaufführte, schritt soeben ein ungewöhnlich kleiner Mann von intelligentem, gewecktem Aussehen. Seine kleinen, scharfen Augen sahen sich lebhaft um, sein Stock stieß energisch gegen die Staffel, und er setzte die Füße auf eine Weise, die ein cholerisches Temperament andeutete.

„Ich danke dir!“ sagte der Adjunkt. Und indem er seinen Virgil zur Hand nahm, ging er hastig in den Korridor hinaus. Es gelang ihm auch, in seine Klasse zu schlüpfen, noch ehe der Rektor in den Korridor trat. Professor Bruhn aber stellte sich wieder vor dem Ofen auf — mit gespreizten Beinen — den linken Rockschoß unter dem Arm und die Hände in den Hosentaschen.

Als Frau Hallin am Nachmittag allein war, legte sie eine Weile den Kopf auf den Tisch und weinte. Schwere, bittere Tränen, hervorgepreßt von der Sorge, die am schwersten und bittersten ist und am meisten schmerzt, weil sie Tag für Tag da ist, weil nichts sie verscheucht: die Sorge ums tägliche Brot. Sie verstand so wohl den Grund der Mißstimmung ihres Mannes, es tat ihr so weh, wenn die böse Laune über ihn kam und er mit den Kindern haderte. Denn sie wußte ja, die Kinder konnten ihn nicht verstehen, wie sie ihn verstand. Sie hatten ihn ja nicht gesehen, als er sich ihr anverlobte, mit ihr das Leben zu leben, das so reich und so herrlich vor ihnen lag! Sie hatten ihn nicht gesehen, wie er jung und schön, im Bräutigamsstaat, sie durch all die gaffenden Leute in der Kirche zum Altar führte! Sie hatten ihn nicht gesehen, wie er, jung, voller Hoffnung, wie ein lustiger Junge umhergesprungen war und ihr geholfen hatte, alles in ihrem neuen Heim einzurichten. Sie glaubten bloß, er sei ein krittliger, engherziger alter Mann, der ihre Freude störte und für nichts Sinn hatte als für das Niedrige und Kleinliche. Denn die Kinder beurteilen die Alten unrecht — vielleicht urteilen auch die Alten dafür wieder unrecht. Aber sie fühlte dies alles nicht klar; sondern ihre Tränen rannen, wie so oft zuvor, weil ihr das Leben so seltsam ungerecht vorkam im Vergleich zu dem, was sie früher gelernt hatte, daß es sein sollte. Und das Sonderbare war — man lernte auch später nichts Besseres! Wenn sie jetzt darüber nachdachte, so ganz im allgemeinen, so war es noch genau wie vor dreißig Jahren, als ihre frohen Mädchenträume um ein helles, freundliches Heim geflattert waren, in dem zwei Menschen für einander lebten, in dem es immer ruhig war und fröhlich, wie auch des Lebens Stürme draußen tobten. Aber weshalb war es nicht so? Weshalb nicht? Weshalb?

Ihre Tränen rannen, schwer und bitter; sie sah alt und müde aus. Es quälte sie so schrecklich, daß ihr Mann ihretwegen Sorgen haben sollte. Wie sie auch sparte — nie wollte es reichen. Sie dachte daran, wie die Kinder immer scherzten über diese übertriebene Sparsamkeit, wie sie es nannten. Begriffen sie denn nicht, daß man nur ihretwillen sparte? Um ihnen vorwärts zu helfen? Damit sie etwas lernen, etwas Rechtes werden sollten?

Sie trocknete hastig ihre Tränen, und während ihre Lippen noch von unterdrücktem Weinen zitterten, ging sie hinaus ins Vorzimmer und holte ihren alten Mantel herbei, breitete ihn auf den Tisch unter der Lampe aus und prüfte ihn.

Viele Jahre lang hatte er gedient, und oft war er so untersucht worden. Der Stoff war recht gut. So einen Stoff kriegte man nicht so leicht wieder. Zuerst war er ganz grade, ohne Garnierung, bis hinab zu den Füßen gegangen — weite Ärmel hatte er gehabt. Dann hatte man die weiten Ärmel in enge umgewandelt, und hatte den Stoff zum Ausbessern benützt. Man sah das Geflickte gar nicht, wenn man den Muff darüber hielt. Dann hatte sie Seidenaufschläge um die Ärmel und die Kanten gesetzt, und schließlich hatte sie aus dem langen Mantel einen kurzen gemacht, der dicht unter den Hüften schloß. Aber jetzt legte sie ihn hoffnungslos beiseite. Er war so abgenützt, daß das Licht durch die Stelle über der Brust schien; an den Ellenbogen war er schon fast zerrissen, und ein paar von den Knopflöchern konnte man unmöglich mehr ausbessern. Mit einem Seufzer hängte sie den Mantel wieder auf und setzte sich an ihre Arbeit. Ihre Tränen trocknete sie, fest entschlossen, daß niemand beim Abendessen sehen sollte, daß sie geweint hatte.

Aber als der Adjunkt aus der Schule heimkam und ihr die fünfzig Kronen gab, da kam das alte Gefühl wieder über sie. Sie weinte, während sie den Schein in der linken Hand hielt, als wolle ihr das Herz brechen, und bückte sich nieder und küßte ihres Mannes Hand, als müsse sie ihn um Verzeihung bitten.

Der Adjunkt zog seine Hand zurück und strich ihr über die Stirn. Es war ihm immer ein Schmerz, wenn er sie so sah. Und mit einer etwas erzwungenen Stimme sagte er: „Weine doch nicht. Es hilft ja doch nichts. Denk lieber daran, daß Ernst jetzt bald heimkommt!“

Sie blickte ihn voll Dankbarkeit an, weil er versuchte, etwas zu sagen, das ihr Freude machte. Aber wider Willen drängten sich ihr die Tränen hervor.

„Und wenn er dann eine feste Anstellung hat,“ fuhr der Adjunkt fort, „so wird das immerhin eine Erleichterung.“ Frau Hallin nickte. Und die tägliche Sorge ward für diesmal beiseite gelegt.

Fünftes Kapitel

D

Der Gymnasiallehrer Hallin war der Sohn eines Pastors, der ein paar Meilen südlich von Gammelby ein großes Pastorat gehabt hatte. In der ganzen Familie waren überhaupt immer viele Geistliche gewesen; und alle hatten sie zu dem Stift Gammelby gehört, und alle hatten sie ihr Teil gehabt an den Gütern dieser Welt. Der alte Propst war ein recht gedeihlicher Mann, das wußte alle Welt, und daß man im Pastorat gut und behaglich lebte, das sah man dem Propst und seiner Frau Propstin deutlich genug an.

Wenn nur nicht die vielen Kinder gewesen wären! Aber es schien, als wolle Gottes Segen in dieser Beziehung überhaupt kein Ende nehmen. Jedes liebe geschlagene Jahr war bei Propstens Kindtaufe; und wären die Kinder alle am Leben geblieben — die Zahl wäre weit über die Zehne hinausgewachsen. So waren es, als der Propst starb, neun.

Das Vermögen reichte natürlich nicht so weit; wenn die Söhne mit der Schule fertig waren, mußte der Propst Geld aufnehmen, um ihnen auf der Universität und der landwirtschaftlichen Hochschule weiterzuhelfen. Und als der Alte nicht mehr da war, wunderten sich noch alle höchlich darüber, daß er mit seinem guten Pastorat so große Schulden hatte machen können. Jene von den Söhnen, die mit ihren Studien noch nicht fertig waren, mußten nun selber mit Schuldenmachen anfangen, damit sie zu Ende studieren konnten.

Adjunkt Erik Hallin war der dritte der Söhne. Daheim, wo alles reichlich zuging, hatte er sich Gewohnheiten zugelegt, die während der Universitätszeit keineswegs eingeschränkt wurden, und er kam von Upsala zurück mit viertausend Kronen Schulden, die sich in den zwei Jahren seit des Vaters Tod so angesammelt hatten.

Also jetzt galt’s sparen! Er erhielt eine Anstellung als Hilfslehrer an einer fünfklassigen Lateinschule mit ein paar hundert Kronen Gehalt, kam bald in den Ruf eines guten Lehrers und erteilte in fast allen seinen freien Stunden Privatunterricht. Man rechnete ihm nach, daß er im Durchschnitt täglich zehn Stunden gab. Und im ersten Jahr sparte er wirklich so viel, daß er fünfhundert Kronen an seinen Schulden abbezahlen konnte.

Dann verliebte und verlobte er sich, bewarb sich um die Gymnasiallehrerstelle in Gammelby, erhielt sie und heiratete.

In dieser Zeit, jung, fröhlich, glücklich verlobt, ganz mit Zukunftsplänen beschäftigt, konnte er natürlich keine Schulden bezahlen. Es war noch alles mögliche, daß er bei der Einrichtung nicht noch neue dazu machte. Aber das tat er nicht, wenigstens keine, die der Rede wert waren. Nur ein paar hundert Kronen für Möbel, die in den ersten zwei Jahren abbezahlt werden mußten.

Sie wurden auch abbezahlt; der Möbelhändler konnte selbstverständlich nicht warten.

Dann wurde Ernst geboren; und ein paar Jahre später Selma. Dann kam ein Junge, der gleich nach der Geburt starb, und ein paar Jahre darauf Gustaf.

Mit jedem Jahr stiegen die Bedürfnisse und die Ausgaben, und in all den einundzwanzig Jahren seit seiner Verheiratung hatte er nicht mehr als zweitausend Kronen abbezahlen können. Jetzt war er sechsundfünfzig Jahre alt und noch immer nicht schuldenfrei. Noch waren fünfzehnhundert Kronen zu bezahlen. Und wenn sie bezahlt waren wieviel Zeit blieb ihnen beiden dann noch übrig zum ruhig und frei leben? Ob sie dann überhaupt noch die Kraft dazu hatten?

Aber daran dachten sie jetzt nur noch selten. Oder vielmehr — sie hatten es sich abgewöhnt, darüber nachzudenken. Denn das waren gefährliche, aufrührerische Gedanken, die nur Leid und Bitterkeit brachten, Gedanken, die sie aus der Ruhe des täglichen Lebens aufscheuchten und die Kraft zur Arbeit lähmten. Wenn der Adjunkt manchmal doch auf diese Gedanken geriet, so war seine Frau immer gleich bei der Hand und verjagte sie. Murren, das war nicht recht, und der liebe Gott hatte gewiß seine ganz besonderen Absichten mit ihnen, wenn er ihnen Lasten auferlegte und sie Wege führte, die sie in ihrer Jugend nicht hatten gehen wollen. Denn das Entbehren ist der Weg zum Himmel.

Und die Jahre gingen über sie weg und schufen sie um und lehrten sie, das Leben so zu leben, wie es kam und wie es war. Frau Hallin magerte nach ihren Wochenbetten immer mehr ab, ihre Stirn furchte sich, die Augen hatten nicht mehr den Glanz von früher. Sie ging fleißig in die Kirche, besonders wenn ein gewisser Geistlicher predigte, und las täglich in der Bibel und im Thomas a Kempis.

Es kam ihr vor, als würde alles, was sie zu tragen hatte, leichter für sie, wenn sie nur so recht klar einsähe, daß es eben so sein mußte. Und wenn das Haushaltungsgeld nicht reichen wollte, oder sie sich bedrückt und gequält fühlte von all dem tagaus, tagein In-der-Küche stehen, Essenkochen, Zimmeraufräumen und Nachmittage lang vor einem ganzen Berg Wäsche Sitzen, die ausgebessert werden mußte, da legte sie zwischendurch oft die Arbeit aus der Hand und holte sich ihre Bibel mit all den zahllosen Buchzeichen und angestrichenen Stellen. Und dann las sie ein paar Kapitel aus Davids Psalmen, las, wie der Herr den Gerechten, der auf ihn hoffet, nicht verläßt, wie des Gerechten Feinde dereinst zu Schanden werden müssen. Ganz unbewußt umschrieb und änderte sie diese Worte so, daß sie auf ihre Verhältnisse paßten, auf die täglichen Sorgen, die auf ihr lasteten. Ihre Kümmernisse und Mühsale, ihre schwere Arbeit und aufrührerischen Gedanken — all das ward ihr zu Feinden, und sie selber war der Gerechte, den der Herr dereinst erlösen würde und in das Land führen, da kein Leid und Weinen mehr den Frieden stört, der höher ist denn alle Vernunft.

Wenn sie das Buch zugeschlagen hatte, schloß sie auf eine Weile die Augen. Und wenn sie sie wieder öffnete, ging sie mit verdoppeltem Eifer an die Arbeit, und auf ihrem Gesicht lag ein stiller, fast glücklicher Ausdruck.

Der Adjunkt war besser dran. Zwar ging er nur selten aus. Es war dies ein Sparsamkeitsgrundsatz, den er sich zugelegt hatte und den er nur selten übertrat. Aber wenn er in seiner Schule war, vergaß er die kleinen häuslichen Kümmernisse meist. Er hatte ein heiteres Temperament; sobald er unter Menschen kam, ließ er sich mitreißen, ward lebendig und aufgeräumt. Er war draußen ein ganz anderer Mensch als der schwersinnige, ein bißchen reizbare Mann, der er daheim sein konnte.

Frau Hallin litt ganz besonders darunter, daß sie glaubte, ihren Kindern nicht nah genug zu stehen. Ernsts Briefe schienen ihr, besonders in der letzten Zeit, außergewöhnlich kühl und zurückhaltend. Er schrieb ja wohl freundlich; aber er erzählte nichts von dem, was sie wissen wollte, nichts von sich selber, wie ihm zumute war, nun er ins Leben hinaustreten, ein Diener des Herrn werden sollte. Wie oft las sie seine Briefe, wieder und wieder, erwog den Sinn jeder Zeile, buchstabierte und zerlegte jedes Wort, ob sie vielleicht darin den Schlüssel zum richtigen Verständnis finden möchte! Denn in erster Linie wollte sie Mutter sein. Dies Wort stand vor ihr in einer Bedeutung, die mehr war als eine bloß religiöse. Denn für sie bedeutete es vor allem: ihre Kinder zum Herrn führen! Und manche heimliche Träne weinte sie in Furcht und Zittern um ihrer Kinder Seelen! Eine reine Mutterfreude hatte sie eigentlich nie gekannt; die war bei ihr zu stark vermischt mit Furcht. Die Furcht kam daher, daß sie wußte, nur ein Weg war der rechte. Wer diesen Weg nicht ging, der war verloren. Und darum weinte sie über ihre Kinder, weinte und betete manch einsame Stunde, schon als sie sie noch in ihrem Schoß wiegte und ihrem tiefen, kinderruhigen Schlummer lauschte. In der letzten Zeit hatte sie am meisten Angst um Ernst ausgestanden. Sie zählte die Tage, bis er heimkommen mußte. Weshalb war er so kurz und knapp in seinen Mitteilungen über sich selbst? Ahnte er denn nicht, wie sie sich danach sehnte, etwas von ihm zu hören, wie sie mit fieberhaftem Eifer seine Briefe öffnete, als wäre sie ein junges Mädchen, das einen Brief vom Liebsten erhält? Ahnte er es denn nicht? Und ging es denn nicht um mehr als Leben und Sterben? Ging es nicht um das ewige Heil seiner Seele?

Von all dem wagte sie ihrem Sohn direkt nichts zu schreiben. Sie fürchtete, sie könnte ihn dadurch von sich stoßen. Aber sie war täglich von diesen Empfindungen gepeinigt; ganz besonders kamen sie dann über sie, wenn irgend sonst etwas auf ihr lastete. Manchmal hatte sie das Gefühl, als müßte all das Schwere und Drückende nur eine gerechte Strafe des Herrn sein, weil sie eine so schlechte Mutter war. Selma verstand sie am wenigsten von ihren Kindern. Sie war so kalt, bezeugte den Eltern so wenig Freundlichkeit, meinte Frau Hallin. Auch so still war sie, tat ihre Arbeit, machte nie auch nur das geringste Wesen aus sich, und wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, saß sie meist in ihrer Stube und las. Frau Hallin mochte die Bücher, die sie las, oft gar nicht. Das hatte manchmal sogar schon zu Auftritten zwischen Mutter und Tochter geführt. Aber sie endeten immer damit, daß Selma tat, was sie wollte. Und jetzt war es so, daß, wenn Frau Hallin auf dem Tisch der Tochter ein Buch liegen sah, sie es nur in die Hand nahm, das Titelblatt ansah, seufzte und es wieder weglegte. Manchmal hatte sie Tränen in den Augen, wenn sie hinausging.

Als Selma zwanzig Jahr alt war, war sie einmal zum Vater gegangen und hatte gesagt, sie wolle fort von daheim. Der Adjunkt war ganz bestürzt gewesen und hatte keine bestimmte Antwort gegeben. Er würde mit Mama sprechen, hatte er gesagt. Frau Hallin verstand, wie die Sache zusammenhing. Es war die Welt, die Selma lockte, die Welt mit all ihren Gefahren, Freiheiten und Verführungen.

Das Resultat war, daß Selma daheim bleiben sollte, bis sie mündig wäre. Und als sie mündig war, wurde nicht mehr von der Sache gesprochen. Der Adjunkt verschaffte ihr ohne weiteres eine Anstellung in der städtischen Mädchenschule.

Seit der Zeit aber war gleichsam ein stummer Kampf zwischen Selma und den Eltern.

Auf Gustaf glaubte Frau Hallin sich noch am meisten verlassen zu können. Er war noch so ganz Kind; freilich kann niemand wissen, wo und wie der Versucher seine Fallstricke für die schwachen Menschenkinder auslegt. Aber der Junge war immer heiter und zufrieden, nörgelte natürlich hie und da, war aber gleich wieder gut, und wenn er sich mit Mutter oder Schwester neckte, war das so lustig, daß Frau Hallin oft lachen mußte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Er war das Nesthäkchen, der Liebling, das Zuckerbengelchen, wie Papa ihn nannte, wenn er bei guter Laune war; er durfte auch ab und zu noch, wenn es niemand sah, auf Mutters Schoß sitzen, obgleich er schon ein großer Junge und ihr ein gut Stück über den Kopf gewachsen war.

Es war eigen mit den Kindern, besonders mit den Söhnen. Sie hatten alle ein großes Freundschaftsbedürfnis, und hatten gute Freunde gesucht und gefunden. Aber sie waren meist außerhalb des Hauses mit ihnen zusammen. Sie besuchten die Freunde in deren Familien; das Umgekehrte kam gar nicht vor, das Hallinsche Haus war nie ein Sammelpunkt für die Freunde der Kinder. Und die Eltern hatten immer zu klagen, daß sie in ihren freien Stunden so wenig von den Kindern sahen.

Frau Hallin konnte das gar nicht verstehen. Sie wußte, sie liebte ihre Kinder, mehr vielleicht als irgendeine andere Mutter in ihrem Bekanntenkreis. Sie hatte sie mit einer warmen Zärtlichkeits-Atmosphäre umgeben, einer Atmosphäre, die vielleicht nur zu warm war, sodaß sie allzu empfindsam waren, wenn sie sie einmal missen mußten. Und trotzdem hatte sie das instinktive Empfinden, daß ihre Kinder sich mit den Jahren immer mehr von ihr entfernten, daß sie ihre Befriedigung außerhalb des Vaterhauses suchten, sei es nun in lärmendem Kinderspiel oder in dem unbegrenzten Bedürfnis der Jugend, Menschen zu finden, mit denen sie sich frei aussprechen, all das rätselvolle, wechselnde Leben bereden konnten, das sich mit jedem Jahr in ihren jungen Gemütern entwickelte und nach Nahrung schrie. Es gab Tage, an denen sie die Kluft zwischen den Kindern und ihrem Vaterhaus stärker ahnte als sonst; dann tat sie alles, um ihnen Freude zu machen. Sie kochte ihnen ihre Lieblingsgerichte, sie zwang den Vater, guter Laune zu sein, bat sie, abends ihre Freunde einzuladen, und war selber eitel Sonnenschein und Lächeln.

Solche Tage waren Freudentage für die Kinder; da fühlten sie noch mehr als sonst, wie sie an der Mutter hingen. Und sie selber fühlte sich auch so froh. Denn sie glaubte, nach einem derartigen Versuch wäre der Anfang zu einer ernsthaften Annäherung gemacht und die Kinder würden sich mehr ans Vaterhaus anschließen.

Aber das war nicht der Fall. Und dann kam die Niedergeschlagenheit über sie und eine Bitterkeit, die ihr harte Worte auf die Lippen legte und sie antrieb, den Kindern Vorwürfe zu machen, deren Ursache sie nicht begreifen konnten. Sie bereute diese Vorwürfe nachher immer, bereute sie bitterlich. Denn sie begriff, daß ein einziger derartiger Ausbruch in einem jugendlichen Gemüt länger lebt, als die Erinnerung an wer weiß wie viele Wohltaten, wer weiß wie viel Freundlichkeit. Und wenn sie manchmal über ihr Verhältnis zu ihren Kindern nachdachte und sich die ganze Sache einmal so recht menschlich, ohne den lieben Gott darein zu mischen, vorstellte, da konnte sie manchmal das Gefühl haben, als ginge ihr vielleicht die geheimnisvolle Kunst ab, ihre Kinder zu verstehen und sie durch das bloße Verstehen, ohne jede Anstrengung, ans Vaterhaus zu fesseln. In solchen Stunden ahnte sie, was die Kinder entbehrten. Aber sie wußte auch, das konnte sie ihnen nie geben. Nie, ihrer Lebtag nicht! Denn was nützte es den Menschen, so er die ganze Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Über ihre Lippen kam dieser Gedanke auch nie, nicht einmal im Augenblick, wenn sie ganz deutlich sah, was es war. Sie schob ihn von sich; sie zwang sich, ihn in der Tiefe ihres Herzens zu begraben. Ihr Leben hatte sie gelehrt, daß der Gedanke Sünde war. Und wenn die Sehnsucht nach dem Vertrauen ihrer Kinder allzu stark ward, so fand sie tausend Arten, sich ihnen zu nähern; sie konnte sich geradezu demütigen, um das zu gewinnen, wonach sie so eifrig strebte. Nicht bloß ihre Liebe. Nein. Die besaß sie. Daran hatte sie nie gezweifelt. Aber ihr Vertrauen.

Und manchmal, wenn sie mit ihrem Mann allein war, geschah es, daß sie ganz vorsichtig über all dies mit ihm sprach; und wenn er dann nicht gerade irgendeine äußere Sorge hatte, die ihn drückte, so konnte auch er ganz ernst werden und mit einem merkwürdigen Blick vor sich hin sagen: „Ja, die Kinder entwachsen einem. Es ist wohl der Lauf der Natur.“

Meist aber schüttelte er nur den Kopf und sagte, es habe keinen Sinn, sich mit Einbildungen herumzuschlagen. Man habe schon so genug Widerwärtigkeiten.

Aber auch er wußte wohl, daß er nicht die Wahrheit sprach. Was den Kindern fehlte, das war die Freudigkeit, die Freiheit. Die Freiheit, die macht, daß man natürlich ist und sich wohlfühlt in seiner Umgebung, wie der Baum, die Pflanze in gutem Erdreich, die Freiheit, die die Naturanlagen lenkt und entwickelt, ohne sie zu hemmen; die Freiheit kann nirgends gedeihen, wo nicht die Freude daheim ist. Denn Freude macht frei, Freude veredelt, Freude macht glücklich.

Die pietistische Scheu der Mutter vor der Welt und allem, was von der Welt war, die war es, die die Freiheit aus dem Haus scheuchte. Und die Freude floh vor etwas anderem — vor den kleinen, drückenden, wirtschaftlichen Sorgen — sie verscheuchten die starken Mächte des blühenden Lebens. Die beiden hatten einen Bund geschlossen — und was die Geldsorgen verschonten, das raffte der Pietismus hinweg.

Vor diesem doppelten Rätsel saß Frau Hallin manch einen Abend ohne Antwort, grübelte und grübelte, während sich immer wieder die Tränen hervordrängten. Es war so schwer, so schwer, das pochende Herz im Glauben zur Ruh zu legen, so deutlich und klar auch das Wort der Schrift lautete: „Hoffe auf den Herrn! Er wird’s wohl machen!“

Sechstes Kapitel

A

Adjunkt Hallin hätte die fünfzig Kronen auch recht gut von seinem Bruder, dem Professor der lebenden Sprachen, entlehnen können. Der Professor war reich verheiratet und freute sich immer, wenn er dem ärmeren Bruder gefällig sein konnte. Zudem waren die Brüder seit ihrer Kindheit gut Freund gewesen, und nichts war darum natürlicher, als daß der eine dem andern half.

Die Freundschaft zwischen dem Professor und dem Adjunkt Hallin war im Gymnasium fast sprichwörtlich, und manch einer von den Schuljungens grüßte freundlicher als sonst oder blieb stehen und blickte den beiden nach, wenn sie in den Pausen Arm in Arm in dem großen Schulkorridor, auf dem geräumigen Hof oder unter den hohen Ulmen auf und ab gingen, die auf dem grünen Plan zwischen Schule und Kirche schattige Alleen bildeten.

In der Schule gingen sie unter dem Namen „die Brüder“. Und obgleich man schwerlich auffallendere Kontraste hätte finden können, hatten sie ihr Leben lang, von den Schuljahren an, stets treulich zusammengehalten. Beide hatten — nur mit einem Semester Zwischenraum — ihr Examen gemacht, und als der eine Adjunkt am Gymnasium zu Gammelby wurde, bewarb sich der andere ebenfalls um eine Anstellung dort, sobald eine solche frei war — und erhielt sie auch. Der einzige Unterschied war, daß der ältere Bruder binnen kurzem zum Professor avanzierte, während der jüngere keinerlei Hoffnung auf eine derartige Beförderung zu haben schien. Das gute Verhältnis zwischen den Brüdern ward jedoch dadurch keineswegs gestört. „Abel hat es auch verdient,“ sagte der Adjunkt immer. „Er war allen anderen Mitbewerbern überlegen.“ Wenn sie sich morgens in der Schule sahen, grüßte der Professor seinen Bruder mit einem heiteren: „Guten Morgen, Erker!“ Immer war es der Professor, der zuerst grüßte. Und der Adjunkt schielte über die angelaufenen Brillengläser weg und sagte: „Guten Morgen, Kain.“

Es war dies ein alter Scherz zwischen den Brüdern, der immer wieder aufgefrischt wurde. Der Professor hatte als Kind seinen Bruder einmal die Treppe hinuntergestoßen, daß der Kleine fast das Genick gebrochen hatte. Wie der Kleine drunten lag und schrie, daß es im ganzen Hause widerhallte, und Abel außer sich vor Schreck hinuntersprang, um nach ihm zu sehen, hörte Erik einen Augenblick mit Schreien auf und stieß zwischen zwei Schluchzern heraus: „Du hättest Kain heißen sollen!“ Und brüllte dann wieder weiter.

Als die Knaben älter wurden, erzählten die Eltern ihnen die Geschichte. Und seitdem nannte der jüngere Bruder, wenn er zärtlich sein wollte, den älteren Kain. Das war zu einem Schmeichelnamen geworden.

Die Gymnasiasten kannten die Geschichte natürlich, und die zwei Brüder hießen seit Jahren bei ihren Schülern nicht anders als Kain und Abel.

Professor Hallin hatte ein flottes Junggesellenleben geführt, manche behaupteten, ein zu flottes, und wenn er von seinen Ferienreisen im Ausland zurückkam, die er „der Sprachen wegen“ machte und zu denen er sich irgendwie immer die Mittel zu verschaffen wußte, brachte er einen Hauch vom Luxus und von der Eleganz der großen Welt mit, die ihn zum Löwen der kleinen Stadt machten. Wenn er gewollt hätte, er hätte wer weiß wie oft heiraten können.

Er gehörte zu denen, die „Glück haben“. Alles, was er wollte, erreichte er auch ganz merkwürdig rasch. Er nahm das Leben leicht; Sorgen — wenn er überhaupt solche hatte — schüttelte er ab wie eine Möve, die ins Wasser taucht und ihre Schwingen schüttelt, so daß auch nicht ein Tropfen an dem glänzenden Gefieder hängen bleibt. Er machte Schulden über Schulden, ohne auch nur daran zu denken, die immer höher anwachsenden Summen einmal zurückzubezahlen, und als er volle vierzig Jahre alt war und die Gläubiger zu drängen begannen, verlobte er sich ganz plötzlich mit einem der reichsten Mädchen in der Stadt, einer Großkaufmannstochter. Der Schwiegervater bezahlte die Schulden, und die Neuvermählten zogen nach der Hochzeit in ein neues Steinhaus an der Langen Straße, das der Konsul Bergmann dem jungen Paar überließ.

Nach der Hochzeit änderte sich das Verhältnis zwischen den zwei Brüdern in gewissem Sinn. Nicht als ob ihre Freundschaft Einbuße erlitten hätte. Aber die beiden Schwägerinnen kamen von Anfang an nicht miteinander aus, und, wie das meist so ist, — die Antipathie zwischen ihnen nahm mit den Jahren eher zu als ab. Darum entlehnte auch der Adjunkt nicht gern Geld von seinem Bruder, sondern benützte ihn, wenn es nötig war, lieber als Bürgen. Das brauchte dann die Schwägerin nicht zu wissen.

Die Frau des Adjunkten hatte im Grunde niemals die „Schwäche ihres Mannes für seinen Bruder“, wie sie es nannte, verstehen können. Sie sah in ihm eine verlorene Seele, ein Weltkind, und im Anfang ihrer Ehe, als der Adjunkt noch jung war, hatte sie große Angst, der Professor könne einen bösen Einfluß auf ihren Erik haben. Denn er war der einzige, dem es ab und zu gelang, den Adjunkt zu einem fröhlichen Junggesellenabend zu verlocken. Er kam manchmal nachmittags zum Bruder auf seine Stube, und sie hörte ihn dort lachen, mit seinem lustigen, schallenden Gelächter, sie hörte, wie die zwei Brüder miteinander kicherten und flüsterten; und dann kam der Adjunkt und sagte, er würde ausgehen und würde wahrscheinlich zum Abendbrot nicht nach Hause kommen. Frau Hallin sah den Professor so ziemlich für den leibhaftigen Bösen an! —

Als er dann eine so reiche Heirat machte — er heiratete zwei Jahre später als der Adjunkt — da konnte sie es nicht lassen, immerwährend Vergleiche zu ziehen zwischen dem reichen, wohlversorgten Haushalt des Schwagers und ihren eigenen, dürftigen und bedrückten Verhältnissen; und sie verwunderte sich manchmal darüber, daß Gott seine Gaben so ungleich unter die Menschen verteilt. Ihr war, als könne ihr Mann gar nicht anders, als auch vergleichen und bereuen, daß er es nicht gerade so gemacht hatte, wie der Bruder. Vor allem aber beklagte sie den Schwager. Hätte der eine weniger weltliche und oberflächliche Frau bekommen, so wäre auch er vielleicht durch den stillen Einfluß des Weibes zum Herrn gezogen worden.

Es wäre vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß Frau Hallin ihre Schwägerin um ihren Reichtum geradezu beneidete. Aber ganz frei von einem derartigen Gefühl war sie doch nicht. Sie bildete sich immer ein, die Schwägerin sehe auf sie alle herab, ganz besonders auf sie, und es quälte sie, wenn sie wußte, daß ihr Mann sich in irgend einer Sache an seinen Bruder gewandt hatte. Die Professorin ihrerseits meinte wieder, die Schwägerin wolle sich ihr überlegen zeigen. Sie redete immerzu von den Kindern, und von der Freude, die sie ihr machten, und die Professorin hatte ganz den Eindruck, als solle das ein Hieb sein auf sie. Denn die Kindererziehungsmethode der Professorin war tatsächlich nicht gerade die beste. Dafür hegte sie auch einen stillen, aber tiefen Haß gegen die Frau des Adjunkten. Einerseits wußte sie, daß ihr jene in vielem überlegen war, und andererseits fühlte sie, sobald die beiden Schwägerinnen einmal nachmittags allein beieinander saßen, die unausgesprochene und darum um so aufreizendere Kritik der anderen.

Und wenn sich das manchmal zu einem ziemlich lauten Meinungsaustausch zwischen den zwei Frauen steigerte, so drehte sich das Gespräch sicher um Kindererziehung oder Religion.

Professor Hallin versuchte stets, diesen Verhältnissen gegenüber ein Auge zuzudrücken. Er lud die Familie des Bruders bei jeder nur möglichen Gelegenheit ein, und obgleich es für Frau Hallin ein Kummer war, so vertraut in einem Haus verkehren zu müssen, in dem alles so ganz das Gepräge der Weltlichkeit trug, wollte sie ihren Mann doch nicht durch Absagen betrüben. Sie versuchte bloß, wenigstens die Kinder so viel wie möglich von der Familie des Bruders fernzuhalten, vielleicht, weil sie ahnte, daß dort manches von dem vorhanden war, was sie daheim vermißten.