E-text prepared by Project Gutenberg Distributed Proofreaders

Aus dem Durchschnitt

Roman

von

Gustav Falke

Hamburg

1900

Meinem Bruder Albert gewidmet.

I.

Dem undurchdringlichen Nebel des Märzabends war eine Frostnacht gefolgt. An der Ecke der Gärtnerstraße und des Durchschnitts, in einem östlichen Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Glätte des übereisten, abgenutzten Straßendammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so unglücklich gestürzt, daß an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen gebrochen. Schweißbedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer.

Der Kutscher, ein älterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei.

"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein
Schlachter drängte sich durch die Menge:

"Na, Beuthien, is he henn?"

"To'n Dübel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran, den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien.

Der Frager und ein junger kräftiger Mann, dessen frisches, wettergebräuntes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich.

"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann.

"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort.

In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich Mitleid, Neugier und Lust am Unglück die Wage. Auch fehlte es nicht an schlechten Witzen. Vergeblich bemühte sich ein Schutzmann, die Menge zu zerstreuen. Er ließ seinen Aerger dafür an den Kindern aus, aber die auf der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der anderen beharrlich wieder an.

Hatte das Publikum nur spöttische Mienen, halblaute Scherze für die heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines Geschäftskellers, in dem sich eine Weiß- und holländische Warenhandlung befand, um so energischer bemüht, den Mann der Ordnung wenigstens durch ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt.

Die kleine, rundliche Frau war in beständiger Bewegung. Unter Mittelmaß, kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu ermöglichen.

Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern.

"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender
Stimme in das Gewühl hinein.

"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurück, unter dem
Gelächter der Umstehenden.

Ein Dienstmädchen suchte, mit unwilligem Ellbogenstoß die Zärtlichkeit eines Gesellen abwehrend, die Nähe der Geärgerten zu gewinnen.

"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur für'n Groschen Haarnadeln haben, von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man bloß mal eben Kartoffel holen."

"Recht, Fräulein, holen Sie man bloß mal eben Kartoffel", lachte die
Wittfoth.

Gewandt schlüpfte das Mädchen durch das Gedränge.

Allmählich verlor sich die Menge. Das gestürzte Tier ward bis zur
Ankunft des Frohnes durch übergeworfene Decken dem Anblick der
Vorübergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der
Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde später zeugte nichts mehr
von dem Vorfall.

Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelpäckchen beschäftigt, ihr nervöser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu richten, zu verändern und zu verbessern, als auch schon jenes Dienstmädchen, mit der gefüllten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig in den Laden trat.

"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln rausgesucht?"

"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten
Haarnadeln einwickelnd.

"Ich? Ne, wie meinem Sie das?"

"Na, ich meine man, weil Sie so vergnügt sind."

"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man sich so schon genug."

"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?"

"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint wunder, was sie ist, und muß sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr was beißt."

"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefühl erheuchelnd. Die andere ließ sich jedoch gemütlich auf dem einzigen Rohrstuhl an der Tonbank nieder.

"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "Nächstens ißt sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen Finger in Wasser? I bewahre, könnt ja naß sein".

"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein.
"Wenn ich die Mutter wäre".

"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf".

"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte eine bezeichnende Handbewegung.

"Dreimal auf'n Tag und düchtig", eiferte das Mädchen. "Aber Herrjeses! ich vergeß mir ja ganz. Na, das wird'n schönen Segen geben. Sie hat so keinen Guten heute".

Sie riß ihre Kartoffelkiepe an sich und stürzte mit einem vertraulichen "Schüüß Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thür hinter sich schließend.

"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher.

II.

Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr außer einer geringfügigen Pension soviel hinterlassen hatte, daß sie die Weiß- und holländische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingeführte Geschäft mit Glück fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie sich bald in die neuen Verhältnisse hineingearbeitet. Sie wußte, was sie wollte. Die Geschäftsreisenden merkten, daß sie der kleinen helläugigen Frau nichts aufschwätzen konnten und respektierten ihre Geschäftstüchtigkeit.

Mehr Mühe und Verdrießlichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen Mädchen gemacht, deren sie zwei benötigte, eine Verkäuferin und eine Schneiderin für die Anfertigung der Dienstmädchenkostüme.

Sie hatte viel wechseln müssen. Die meistens ungebildeten, anspruchsvollen Mädchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau Caroline Wittfoth ließ sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren". Sie hatte immer kurzen Prozeß gemacht und, wenn nötig, alle acht Tage gewechselt, bis sie schließlich die brauchbaren Persönlichkeiten gefunden und sich in diesem täglichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit, Unordnung und Trägheit soweit geschult und gestählt hatte, daß sie sich fortan in Respekt zu setzen wußte.

Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Saß, die Tochter einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein zweiundzwanzigjähriges, schwächliches, etwas verwachsenes Mädchen, das erkenntlichen Charakters die Fürsorge der Tante durch hingebende Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und erlebte die Genugthuung, daß neuerdings auch einzelne Damen der Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenröcke, von ihr anfertigen ließen.

Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Geschäftes, und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem zweiten jungen Mädchen unterstützt wurde.

Die achtzehnjährige blühende Blondine mit den großen grauen, blitzenden Augen wußte ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schwächen und Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das hübsche Mädchen durch sein gefälliges, entgegenkommendes Wesen.

Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine wärmere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmütig, fühlte sie Mitleid mit der kränklichen, in einer freudlosen Jugend Verkümmerten, und diese empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere Lebensfreude verurteilten Daseins.

So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengehörigkeit.
Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein
Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im
Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besaß.

Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen Mädchen wegen. Der verwandtschaftlichen Freundschaft für Therese gesellte sich eine aufrichtige Wertschätzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der hübschen Verkäuferin seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken.

Mimi hatte keinen glühenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wußte das und verwandte alle kleinen Künste der Koketterie, um ihn an sich zu fesseln.

Das gutmütige, etwas fade, von einem dünnen blonden Bart umrahmte Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu sagen pflegte. Ihre Schwärmerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen.

Die goldene Brille, die Hermann trug, söhnte sie jedoch wieder etwas mit seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen Mädchen, eine Vorliebe für Augengläser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend. Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen Schutz etwas blöde in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an Glanz und Leben.

Auch der Umstand, daß die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so mußte sie hierzu triftige Gründe haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und auskömmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafür durfte er schon blond sein und einen schlichten Scheitel tragen.

Hermann hatte den beiden Mädchen versprochen, sie am ersten Ostertage spazieren zu führen, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das Nähere zu bereden. Man wollte bei günstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee getrunken werden.

Die Mädchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten ein Vergnügen wurde, freute sich wie ein Kind.

Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an?

Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich
auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens
Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig.
Auch trug sie nur schwarz.

Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der Voraussetzung, daß sie ablehnen würde. Man wußte, daß sie um keinen Preis an irgend einem Tage ihr Geschäft schloß und etwas darin suchte, zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte überhaupt einen Hang, die Märtyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das geplagteste war.

Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entrüstet die Zumutung zurückwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu schließen. Sie hatte tausend Gründe dagegen. Gerade an diesem Tage hätte sie noch in jedem Jahre die glänzendsten Geschäfte gemacht. Für sie gäbe es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die Ladenglocke schellte.

"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die hastig aufgerissene Thür. "Fräulein Behn will Maß genommen haben."

Mit Metermaß und ihrem Notizbüchlein folgte Therese.

Mimi saß am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus bläulichem Milchglas dicht vor sich gerückt und war beschäftigt, die dünnen, schmiegsamen Stahlstäbchen in der Taille eines hellen Mädchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre etwas großen, aber weichen, schöngeformten Hände, die gut gepflegt waren, wenn auch nicht jede Spur häuslicher Thätigkeit sich hatte entfernen lassen.

Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers führte sie die Nadel.
Die gleichmäßige Bewegung der vollen, rosigen Mädchenhand, an deren
Mittelfinger ein schmächtiger Ring mit einem falschen grünen Stein matt
glänzte, fesselte Hermanns Blick.

"Wie mögen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Fräulein Mimi", sagte er.

"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne aufzusehen.

"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er.

"Bin ich das nicht immer?"

Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen, der ihm entging.

In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie ihm heute doppelt verführerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in diese verfängliche Unterhaltung geraten, fühlte er sich ganz in der Gewalt ihrer Reize.

Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend.

Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfüm, das sie jedoch diskret gebrauchte, stieg zu ihm auf.

Er zog den Duft ein.

"Ah, Veilchen."

"Das letzte Tröpfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus mit der Veilchenherrlichkeit."

"Dann bleiben die Rosen."

"Wie so?"

Er berührte mit dem Rücken der rechten Hand sanft ihre linke Wange.

"Wie Feuer."

Sie schlug nach ihm.

Sie hatte ihn kräftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem
Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekretär aus
Eichenholz, dessen Messingringe und Schlüssellochumkleidungen der
Verdruß der jungen Mädchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der
Wittfoth glänzend genug leuchten.

Hermann, auf der Verfolgung des Ausreißers, lag bäuchlings auf dem Fußboden und angelte und fegte pustend und ächzend mit einem langen hölzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen Möbel umher, als das Zimmer von außen geöffnet und die helle Stimme der Tante laut wurde:

"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Fräulein."

Gleichzeitig erschien Fräulein Behn in dem Rahmen der Thür, noch ehe die
Wittfoth die ungewöhnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte.

In größter Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln und Rockschößen, an welchen sich auch die unvermeidlichen Fäden der Nähstube festgesetzt hatten.

Schallendes Gelächter begrüßte ihn, in das er notgedrungen einstimmte.

"Fräulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor.

Die junge Dame maß den Neffen mit etwas spöttischem Blick, der jenem entging, da er bei seinem demütigen Ritterdienst die Brille vorsichtig abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand ängstlich von sich abhielt.

Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der
Kleiderbürste an die Reinigung ihres Vetters machte.

III.

Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas kühlen
Festtag. Voller Sonnenschein lag über der herben Frühlandschaft, als die
Glocken von St. Gertrud die Gläubigen und Erbauungsbedürftigen zum
Gottesdienst riefen.

Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den Kirchgängern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, daß sie sie in zehn Minuten erreichen konnte, versäumte die kleine, lebenslustige, keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die Predigt zu hören und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen.

"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich gehöre durchaus nicht zu den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas Höheres haben. Und für mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben singen und die Orgel dazu spielt."

Therese begleitete die Tante regelmäßig in die Kirche, besuchte auch häufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges Herzensbedürfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle Angelegenheiten des Herzens, umfaßte sie auch diese Dinge mit großer Innigkeit und fühlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante, die auch hier ihre Oberflächlichkeit nicht verleugnete.

"Ach, ich glaub an gar nichts", erklärte die Wittfoth einmal. "Mir soll's auch einerlei sein. Sterben müssen wir alle, und von oben ist noch keiner lebendig wieder runter gekommen".

Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren".

"Dann könnt Ihr meine Asche in alle Winde streuen. Dann seid Ihr mich los", sagte sie. "An mein Grab kommt ja doch niemand, da ist es besser, Ihr verbrennt mich gleich".

Vor der Kirchenthür trafen Therese und ihre Tante auf Frau Behn mit ihren Töchtern.

"Na, Frau Behn, auch'n bischen hier?" fragte die Wittfoth.

"Dat is ja nu mal de Dag dorto", meinte die Angeredete, die zum Aerger ihrer vornehmen Aeltesten gerne platt sprach.

Fräulein Lulu musterte mit lässigem Gruß die Toiletten der Tante und
Nichte.

"Dann beten Sie man recht", lachte die Wittfoth der Mutter zu, glätte schnell die Falten ihres vergnügten rundlichen Gesichts zu andachtsvollem demütigem Ausdruck und drängte sich mit dem allgemeinen Strom durch den etwas engen Eingang in die freundliche, erst neu erbaute Kirche.

Mimi Kruse hütete inzwischen den Laden. Ihr war die Kirche nichts als ein Haus mit einem Turm. Seit ihrer Konfirmation hatte sie nur einmal wieder eine Predigt gehört, das heißt, eine solche in den Kauf genommen zu dem Gesang des Kirchenchors, um dessen willen eine Freundin sie mit in die Kirche "geschleppt" hatte. Denn der Kirchenchor war gerade Mode geworden.

"Wenn das Herz man gut ist, das Beten thut's nicht", behauptete sie, und entschlug sich im Vertrauen auf ihr gutes Herz aller christlichen Uebungen.

Auch jetzt hatte sie statt des Gesangbuches den Generalanzeiger neben
sich auf dem Fensterbrett liegen und überflog den Roman im Feuilleton.
Ihre Gedanken weilten jedoch nur zur Hälfte bei der schnöde verlassenen
Gräfin, die andere Hälfte gehörte dem blauen Kleid, das sie am
Nachmittag anziehen wollte, und an dem noch allerlei kleine
Ausbesserungen und Aenderungen vorzunehmen waren.

Mimi wollte hübsch sein an Hermanns Seite, der mit seinem sonntäglichen, dunkelblauen Ueberzieher, dem weichen hellgrauen Filzhut, den "Bismarckfarbenen" und der goldnen Brille immer so nobel aussah.

Wenn er nur nicht so langweilig sein wollte, so lästig durch seine unaufhörliche Kurmacherei. Am meisten zuwider war ihr sein beständiges, verliebtes Anlächeln. Ihr Schlag am Freitag Abend war ernst gemeint gewesen. Sie haßte diese "Antatzerei", wie sie es nannte. Als er dann der Länge nach auf dem Fußboden lag, war er ihr sehr lächerlich erschienen.

Heute aber, zum Ausgehen, war er ihr gut genug. Er war nicht "angewachsen", gab gerne und mit einer gewissen Prahlerei. Mimi dachte schon an die Chokolade, Törtchen und Liqueure, die er ihr am Nachmittag spendieren würde.

Ein wenig Schatten in ihre Vorfreude warfen nur die Wolken, die in kürzeren oder längeren Zwischenräumen die Sonne überzogen. Besorgt sah sie auf. Es wäre doch zu ärgerlich, wenn sich das Wetter nicht halten würde. Wenn es regnete, was sollte sie dann anziehen?

Und wirklich fielen jetzt große, schwere Tropfen, denen sich bald weiche, zerfließende Schneeflocken beimischten, gegen die Scheiben.

Mimi nahm eine Rolle Zwirn und warf sie wütend durch das ganze Zimmer.
Ihre Stirn legte sich in bitterböse Falten, und dem unmutig verzogenen
Mund entfuhr ein derbes Wort.

Die Flocken verdichteten sich, die Sonne verschwand ganz. Wirbelnd fegte der lose Schnee um die Straßenecken, als wäre es Weihnachtszeit und nicht Ostern.

Trotzdem stellte sich Hermann am Nachmittag zur bestimmten Stunde ein, in Gummischuhen und dickem Flausrock. Statt des hellen, weichen Künstlerhutes schwenkte er eine steife, bienenkorbartige Kopfbedeckung heftig in der Hand, um sie von den Schneeflocken zu befreien. Da die benäßte, angelaufene Brille ihn am Sehen hinderte, blieb er unbeholfen in der Thür stehen.

"Eine schöne Bescherung, meine Damen, der reine Winter", näselte er verschnupft.

"Wie schade", bedauerte Therese. "Aber vielleicht klärt sich's noch auf."

"Klärt sich was", brummte Mimi. "Wird'n netter Matsch sein."

"O, ich stelle Ihnen meine Galoschen zur Verfügung, gnädiges Fräulein", scherzte Hermann.

"Höchst ungnädiges Fräulein", verbesserte Therese. "Mimi trauert um ihr helles Kleid."

"Fällt mir nicht ein", leugnete diese. In Wahrheit war sie sehr mißgestimmt, sich nicht nach Vorhaben putzen zu können. Auch Hermann sah nicht so aus daß man viel Staat mit ihm machen konnte. Eine verfehlte Partie, dachte sie.

"Meinetwegen laßt uns zu Hause bleiben," meinte aufrichtig Therese.

"Mir ist's auch gleich", stimmte Mimi bei, und die Partie drohte wirklich noch im letzten Augenblick zu Wasser zu werden, als die Wittfoth den Ausschlag gab.

"Was?" schalt sie. "Das sind junge Leute, und fürchten sich vor Schnee?
Marsch, fort mit Euch!"

"Man nich so eitel, Fräulein", wandte sie sich direkt an Mimi. "Sie sind noch lange hübsch genug. Wenn der Rechte kommt, sieht er nicht erst aufs Kleid."

"Das mein ich auch", bekräftigte Hermann eifrig. "Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten."

"Nun wird's Zeit", rief die Wittfoth, "wenn Schiller erst redet."

"Rückert, liebe Tante", belehrte Hermann.

Die liebe Tante überhörte diese Belehrung und wandte sich an Therese:
"Daß Du Dich mir warm anziehst, Kind. Du weißt, Du bist gleich erkältet.
Und daß Ihr mir fahrt heute Abend, hörst Du Hermann? Die Abendluft ist
so gefährlich."

Mimi, die sich mürrisch zum Ankleiden entfernt hatte, kam wie verwandelt wieder. Sie lachte über das ganze Gesicht.

Sie trug ein schlichtes graues Kleid, eine knapp anschließende schwarze Plüschjacke, ein schwarzes, langhaariges Müffchen und ein dunkelbraunes kokettes Pelzbarett, das ihr allerliebst stand. Ein Blick in den Spiegel hatte sie schnell über das blaue Kleid getröstet, und höchst zufrieden fand sie sich wieder bei den andern ein. Sie war der Wettermacher. Ihre Stimmung war immer ausschlaggebend, sie hatte etwas mitreißendes, dominierendes in ihrem Wesen.

Hermann war glücklich über diesen schnellen Umschlag ihrer Laune und bemerkte mit Wohlgefallen ihr vorteilhaftes Aussehen. Therese freute sich, wenn andere sich freuten, und so nahm man gut gelaunt von der Tante Abschied.

IV.

Die Wittfoth hatte sich eine Tasse starken Kaffee bereitet, ihr Lieblingsgetränk, der zwar für die vollblütige, nervöse Frau das reine Gift war, dem sie jedoch mit wahrer Leidenschaft zusprach. Wenn Frau Caroline von "einer Tasse Kaffee" sprach, so war das nur der einfachere Ausdruck für ein gefülltes Kannenmaß. Heute, zur Feier des Festtages, hatte sie sogar noch für eine Tasse über das gewöhnliche Maß gesorgt, sich guten Rahm statt der sonst bei ihr üblichen Milch gegönnt und neben der gefüllten Zuckerschale einen selbstgebackenen Kuchen gestellt.

Seit Jahren kam zu allen Festlichkeiten ein solcher Kuchen, ein großer, flacher Platenkuchen mit Zucker- und Mandelaufguß auf den Tisch. Wer dieses Gebäck nicht genug zu würdigen wußte, hatte es mit der kleinen Frau verdorben. Ihr Platenkuchen war ihr Stolz.

Behaglich in den tiefen Lehnstuhl fast versinkend, ließ sich die Wittfoth ihren Festkaffee vortrefflich schmecken. Sie steckte ihre Näharbeit in die Ecke des Sofas und nahm sich vor, den Rest des Nachmittags mit gemütlichem Nichtsthun zu verbringen. Sie wollte auch ihren Feiertag haben. Sie mußte sich wahrlich genug plagen. "Ich wundere mich nur, daß mir der Kaffee noch so gut schmeckt", sagte sie oft.

Im Grunde hatte sie wenig Ursache zum Klagen. Die Mädchen nahmen ihr alle Arbeit ab. Selbst die Küche brauchte sie nicht allein zu besorgen. Dennoch war sie überzeugt, daß niemand so mit Arbeit überbürdet sei wie sie.

Sie war immer in Bewegung und meistens in unnötiger. Sie war überall und nirgends, bald in der Küche, bald im Laden oder im Arbeitszimmer, hier einen Topf oder eine Pfanne, dort einen Flicken oder einen Bindfaden aus dem Wege räumend, um ihn an anderer Stelle abzulagern, wo er oft noch mehr im Wege war. Alle Augenblicke seufzte sie "meine Beine, meine Beine" und brummkreiselte doch wieder ruhelos auf ihren kurzen Beinen weiter. Kein Wunder, wenn sie am Abend "von all der Arbeit" müde war.

Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefühl überkam sie.

Aus einer der über ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang gedämpftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strauß und dann Ketterers beliebtes Salonstück "Silberfischchen".

"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgespräch. Schnutentante war eine vierzehnjährige "höhere Tochter", der sie wegen ihrer das Normalmaß überschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte.

Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die Musik stimmte sie sentimental. Das Gefühl des Alleinseins überkam sie, die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst.

Das Wetter draußen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne
Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Höhe mit dem
Trottoir lagen.

Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen strahlte so gemütliche Wärme aus. Gott sei Dank, daß sie nicht draußen "rumzupatschen" brauchte.

Aber die Musik von oben führte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins
Konzerthaus. Sie hörte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte,
besuchten sie häufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt
Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen".

Das war lange her.

Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergnügen. Sie fühlte sich überflüssig in deren Gesellschaft.

Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fünfunddreißig Jahre ein Alter?

Zu den achtzehnjährigen Backfischen allerdings paßte sie nicht mehr. Aber um schon auf alle Lebensfreuden zu verzichten, sich zum alten Eisen zu rechnen, war es doch noch zu früh.

Freilich, eine alleinstehende Witwe in ihren Jahren muß sich schon zufrieden geben. Man muß froh sein, wenn man nur im Stillsitzen seinen guten Ruf wahrt. Dem Klatsch entgeht man nimmer.

Was war das doch für ein Gerede damals gewesen, mit dem hübschen Reisenden von Rosinsky und Söhne. Weil sie höflich gegen Herrn Bellermann war, sollte sie natürlich Heiratsabsichten haben. Als ob es nicht ihre Pflicht gewesen wäre, im Beginn ihrer Geschäftsthätigkeit sich mit Kunden und Lieferanten auf möglichst guten Fuß zu stellen.

Und wie viele Nachfolger hatte Herr Bellermann gehabt. Bald war es der, bald jener, den sie ködern, oder der nach ihr seinen Haken auswerfen sollte. Und immer waren die Leute boshaft genug, nicht von ihrer Person, sondern von ihrem Geschäft zu reden. Als ob sie nicht immer noch ansehnlich genug sei.

Jetzt war es Herr Pohlenz, der Stadtreisende von Müller und Lenze, der großen Knopffabrik, der Absichten auf sie haben sollte. Nun ja, diesmal hatten die Leute ja recht. Ein Blinder mußte sehen, daß Herr Pohlenz auf die Firma Caroline Wittfoth spekulierte. Aber lieber ginge sie in die Alster, als daß sie diesen Pohlenz heiratete. Schon vor seinen feuchten, kalten Händen schauderte ihr.

Dann lieber den alten Beuthien, der schon einmal Andeutungen gemacht
hatte. Zwar nahm sie es damals für Scherz und nahm es auch noch dafür.
Aber gesetzt, er hätte die Absicht, lieber den Droschkenkutscher als den
Pomadenhengst mit den Leichenhänden.

Aber was fiel ihr denn ein, wie kam sie doch nur jetzt auf diese
Heiratsgedanken? Sie mußte über sich selbst lachen.

Sie füllte zum dritten Mal ihre Tasse und schob ein längliches Stück
Kuchen in den Mund, als die Ladenglocke ging.

Sie hörte am schweren Auftreten, daß männliche Kundschaft sie beehrte.

Es war der junge Beuthien, der sonntäglich gekleidet vor der Tonbank stand.

Er bat um einen neuen Halskragen.

"Welche Nummer, Herr Beuthien?"

Ja, wenn er das wüßte, lachte er. Seine Kragen wären ihm zu eng geworden. "Dat kniept all bannig".

Sie legte ihm verschiedene Weiten vor, und er paßte sie unbeholfen an. Da er sich nicht entschließen konnte, half sie ihm und legte eigenhändig einen Kragen um seinen Hals.

"De paßt", empfahl sie.

Als er gewählt hatte, mußte sie ihm wieder behilflich sein, die kleinen widerspenstigen Hornknöpfe durch die neuen steifen Knopflöcher zu drücken. Seine großen plumpen Finger waren nicht geschickt dazu.

Sie hatte Mühe davon, und es dauerte lange. Sein rotblonder Bart kitzelte sie auf der Hand. Er hob das Kinn höher, und sie bewunderte seinen braunen kräftigen Hals.

Beim Umlegen der Krawatte ging er etwas ungestüm zu Werke, so daß das
Halsband riß.

"Dunner", schalt er. "Dat Schiet is mör".

Verlegen besah er den Schaden. Aber es ließ sich nichts daran ändern, und er verstand sich dazu, einen neuen Slips zu fordern.

Sein verlegener Aerger rührte sie. Und da seine Krawatte noch so gut wie neu war, erbot sie sich, den Schaden mit einigen Nadelstichen zu reparieren.

Sie nötigte ihn in die Stube. Zögernd folgte er und nahm mit etwas umständlichem Gebahren auf dem angebotenen Stuhl Platz, während sie ihr Nähzeug aus dem auf der Fensterbank stehenden Korb zusammensuchte.

Ein Blick auf die Straße zeigte ihr, daß im Parterre gegenüber Lulu
Behn wieder ihrer Gewohnheit nach am Fenster rekelte.

"Immer as'n Blomenpott vor't Finster", sagte sie und ließ die Rouleaux herunter, um jener einen Einblick zu versperren.

Beuthien schien ihre Bemerkung überhört zu haben.

Im Begriff, sich zu setzen, kam ihr der Einfall, ihm eine Tasse Kaffee anzubieten.

"Warum nich", nahm er dankbar an. Sie schenkte ihm ein und schob ihm den
Kuchenteller zu.

Es schien ihm zu behagen, und sie war schneller mit ihrer Arbeit fertig, als er mit seinem Kaffee.

Sie lud ihn ein sich Zeit zu lassen, fragte nach diesem und jenem und stillte ihre Neugier.

Als er gesprächig Auskunft gab und auch auf die Absicht seines Vaters zu sprechen kam, sich bald zur Ruhe zu setzen, meinte sie: "Dann heiraten Se woll gliek?"

"Ja", antwortete er scherzend. "Wülln Se min Fru sin?"

"Da föhrt wi immer fein tosamen in de Kutsch", ging sie darauf ein.

"Un mit söß", lachte er und schob die geleerte Tasse von sich.

Schwerfällig erhob er sich, und sie bemerkte erst jetzt, daß er ein wenig schwankte. Er wischte sich mit dem Rücken der linken Hand langsam über die etwas niedrige braune Stirn und reckte die breiten Schultern.

Als sie ihm die ausgebesserte Krawatte zurückgab griff er nach ihrer
Hand und legte den Arm um ihre Taille.

"Dat laten S' unnerwegs", rief sie, sich losreißend. "So wiet sünd wi ja woll noch nich".

Er versuchte noch einmal die hinter den hohen Lehnstuhl sich flüchtende zu erhaschen.

"Nichts für ungut, Madammchen", lachte er dann, ablassend. "Spaß muß sind, sagt der Berliner".

"All wo's hin gehört", sagte sie pikiert.

"Na, denn nich", brummte er gekränkt und fragte, was er schuldig sei.
Aber sie wollte für die kleine Mühe nichts haben.

"Se föhrt mi mal ut", scherzte sie, wieder versöhnlich gestimmt.

"Na, dann besten Dank und fröhlich Fest".

Er gab ihr die Hand, und sein kräftiger Druck zwang ihr ein leises Au ab.

Als er fort war, stand sie wie selbstvergessen mitten im Laden und rieb noch immer mechanisch die Stelle, wo sich die roten Spuren seiner kräftigen Finger längst verzogen hatten.

V.

Therese und Mimi waren spät nach Hause gekommen, hatten die Vorwürfe der
Tante unter Lachen und Schmeicheleien durch ein mitgebrachtes
Veilchensträußchen und eine Tafel Chocolade erstickt, beides von Hermann
gespendet, und waren schnell ins Bett gehuscht.

Beim Frühkaffee des zweiten Festtages nun kramten sie ihre Geschichten aus. Sie hatten sich "himmlisch" amüsiert, wie Mimi versicherte. Hermann sei "zu nett" gewesen. Sie wußte, wie gerne die Wittfoth ihren Neffen loben hörte.

Nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Torte bei Homann, hatte man zu Fuß den Weg nach Ludwigs Konzerthaus zurücklegen müssen, da alle Pferdebahnen infolge des schlechten Wetters überfüllt waren. Auch dort hatte man nur mit Mühe Platz an einem Tisch in der Mitte des Saales erwischen können. Die unfreundliche Witterung trieb die Vergnügler schnell von der Straße in die Lokale, und auch der große Saal des Ludwigschen Etablissements war bald überfüllt.

Froh des erlangten Sitzes, gab man sich um so empfänglicher der Musik des vortrefflichen Orchesters hin. Das Programm bot mit Rücksicht auf das Sonntagspublikum meist heitere Weisen, worunter natürlich ein Straußischer Walzer nicht fehlte, Mimis Universalmittel gegen jegliche Art von Trübsinn und Verstimmung.

Wie immer zog das hübsche Mädchen die Blicke der näher sitzenden Herren auf sich. Auch Herrn Pohlenz begrüßte man von weitem. Hermann, um nicht aus dem Felde geschlagen zu werden, hatte seine Liebenswürdigkeit verdoppelt und zuletzt, noch vor dem Schluß des Konzertes, die Mädchen zu einem kleinen Souper in einem benachbarten Restaurant eingeladen, wo man vorzüglich aß und vor allen Dingen ungestört genießen konnte. Vielleicht bestimmte dieser letzte Umstand ihn besonders. Es war jedenfalls die einfachste und nobelste Art, sich seiner Konkurrenten zu entledigen.

Die Wittfoth hatte den fröhlichen Berichten der Mädchen nichts entgegenzusetzen. Ihr Erlebnis mit dem jungen Beuthien brannte ihr auf der Zunge. Es prickelte sie, aber sie wußte nicht den rechten Ton zu finden und begnügte sich, eine große Zufriedenheit zu erheucheln, daß sie doch einmal einen ruhigen, ungestörten Nachmittag ganz für sich allein gehabt hätte. Zuletzt aber mußte sie doch wenigstens so viel verraten, daß der junge Beuthien sich einen neuen Kragen gekauft hatte.

"Der schöne Wilhelm?" fragte Mimi mit lachendem Spott.

"Ist er eigentlich so schön?" meinte Therese, während die Tante, ohne auf dies Thema einzugehen, eifrig die Tassen abräumte, mit mehr Geklapper, als sonst ihre Art war.

Mimi erklärte Beuthien für einen ganz ansehnlichen Mann. Für Köchinnen, setzte sie hinzu, und ließ durchblicken, daß ihre Ansprüche höher gingen. Therese fand etwas Rohes in seinen Zügen und lobte dagegen das ehrliche, gutmütige Gesicht seines Vaters.

Mimi war der zweite Festtag frei gegeben worden, ihre Verwandten in
Bergedorf zu besuchen. Sie machte sich früh auf den Weg, und Nichte und
Tante blieben allein.

Hermann kam am Nachmittag auf eine Viertelstunde, um zu fragen, wie den Damen der gestrige Abend bekommen sei. Er war heute, da das Wetter freundlich geworden war, so nobel gekleidet, wie Mimi sich ihn gestern gewünscht hatte. Man sah und hörte ihm an, wie glücklich ihn die Erinnerung an den vergangenen Tag machte. Er brachte drei kleine Bouquets, je eine Rose von Veilchen umgeben, überreichte, anscheinend wahllos, der Tante die Theerose, Therese eine weiße und bestimmte die übrig bleibende tiefrote für "Fräulein Kruse".

Auch ein Buch, von dem er dem Mädchen gesprochen hatte, lieferte er ab:
Rückerts Liebesfrühling.

"Liebesfrühling und Veilchenbouquets. Da kann man sich ja ordentlich was auf einbilden", meinte die Wittfoth.

Sie stand dem Verhältnis zwischen ihrem Neffen und ihrem Ladenmädchen nicht blind gegenüber. Es amüsierte sie. Eine unschuldige Kurmacherei, die zu nichts Ernstlichem führen würde. Keinem würde das Herz dabei brechen, am allerwenigsten dem Mädchen. Uebrigens wollte sie gelegentlich mit Hermann darüber reden.

Therese hatte das Buch in Empfang genommen und blätterte mechanisch darin.

"Mimi wird sich freuen", sagte sie und legte es vor sich auf die
Nähmaschine.

"Und Du?" fragte Hermann.

"Du weißt, ich schwärme für Gedichte".

"Und nun gar Liebesgedichte", scherzte er. "Einen ganzen Band voll
Liebe."

Sie wurde auf einmal sehr rot und machte sich an den paar kümmerlichen Geranienpflanzen zu thun, die in irdenen Töpfen auf dem Fensterbrett standen.

"Werft doch die elenden Stöcke fort", schalt er. "Es kommt doch nichts darnach."

"Sie wollen nicht gedeihen, zu wenig Sonne", antwortete sie.

Sie hatte wieder ihre gewöhnliche, gelbblasse, kränkliche Farbe.

Zu wenig Sonne. Er fing dies Wort auf. Sie war ihm nie so schwächlich vorgekommen, wie in diesem Augenblick.

"Ihr geht doch spazieren nachher?" fragte er. "Das Wetter ist so milde.
Sitzt nur nicht wieder den ganzen Tag hier im Keller."

"Du kennst ja die Tante", entschuldigte sie.

"Luft und Licht sind Euch beiden nötig ", eiferte er. "Also steckt die
Nase man mal hinaus."

Er reichte ihr die Hand zum Abschied.

"Willst Du schon gehen?" fragte sie bedauernd, mit aufrichtiger
Betrübnis.

"Meine Freunde warten", erklärte er.

"Kommst Du bald wieder?" bat sie.

Er versprach es.

"Adieu, liebe Tante", rief er über den Korridor in die Küche hinein, wo die Wittfoth mit Messern und Gabeln klapperte.

Therese gab ihm das Geleit bis an die Thür. Lange sah sie ihm nach.

Auf ihren Platz am Fenster zurückgekehrt, las sie im Liebesfrühling, brockenweise, hier ein Gedicht, dort eine Strophe, ohne ganz bei der Sache zu sein.

Sie wußte ja, das Buch war eigentlich für Mimi bestimmt.

Mimi und Gedichte!

Was waren der alle schönen Gefühle und erhabenen Gedanken. Was war ihr überhaupt Hermann. Nichts mehr, als jeder andere heiratsfähige Kurmacher.

Mimi war ein gutes Mädchen, aber leicht und oberflächlich. Und anspruchsvoll war sie.

Wie hatte sie sich gestern alle Aufmerksamkeiten als selbstverständlich gefallen lassen. Und Hermann war doch kein Krösus.

Therese hatte tausend Gründe gegen eine Verbindung zwischen ihrem Vetter und Mimi, denn sie liebte ihn selbst.

Sein gutes, freundliches, sich immer gleich bleibendes Wesen sprach sie an. Er galt ihr für gescheut. Sein bischen Lehrerweisheit imponierte dem unwissenden, früh der Schule entrissenen, aber lerneifrigen Mädchen.

"Weinst Du?" fragte die Tante, in ihrer fahrigen, kreiselnden Weise ins
Zimmer tretend.

"Ich? Nein. Wie so?" stotterte Therese und versuchte zu lachen.

Bei Behns drüben fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor. Die
Familie kehrte von einer Ausfahrt zurück.

Die Wittfoth stürzte ans Fenster.

"Die können's. Immer nobel."

Fräulein Lulu verließ als letzte etwas langsam den Wagen.

"Greif Dich man nich an," spottete die Wittfoth. "Wie sie schlappt."

Therese, solche Bemerkungen der Tante gewohnt und wenig erbaut davon, schwieg.

"Hast Du gesehn?" fuhr diese fort. "Beim Aussteigen? Die hat ja wohl seit acht Tagen keine frischen Strümpfe angezogen."

"So?" zweifelte Therese.

"Pechschwarz, und 'n Loch war auch drin," eiferte die Tante.

"Das kannst Du von hier sehen?" wunderte sich das Mädchen.

"Na, jedenfalls würd' ich mich schämen, mit solchen Strümpfen auszufahren," lenkte die Wittfoth ein. "Und noch dazu auf'n Ostern."

VI.

Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen Liebling die ihm ähnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen, etwas beschränkten Mutter an Verstand weit überlegen, genoß sie nach Kräften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr ermöglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Trägheit aus, je weniger die unter harter Arbeit groß gewordene Mutter vom Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren oft kränkelnden Frau von dem gutmütigen Mann in jeder Weise Erleichterung zu Gebote gestellt wurde.

Mit Hilfe eines Dienstmädchens und der zweiten, vierzehnjährigen Tochter
Paula, die in allem der Mutter ähnelte, konnte sie recht gut den
Pflichten des schlicht bürgerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die
Unterstützung der älteren Tochter angewiesen zu sein.

Lulu, die früh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine für ihre Verhältnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer auswärtigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen.

Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus zurückgekehrt.

Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unüberwindliche Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum Hauswesen. Hoch aufgeschossen, kräftig, kerniger als die Mutter, arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmädchen um die Wette. Gab es nichts zu scheuern, putzen, spülen oder schrapen in der Küche, so spielte sie lieber auf der Straße mit ihren Altersgenossen, am liebsten mit den Knaben, als hinter den Schulbüchern zu sitzen.

Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer hinaufgearbeitet hatte, war vernünftig genug, die Kleine, ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken.

"Die wird noch mal 'ne fixe Köksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach seiner Art."

Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der wollte er höher hinaus.

Schon zweimal hätte Lulu eine anständige Partie machen können, aber beide Freier waren kleine Handwerker, Anfänger, und der alte Behn wollte für seine Lulu einen "Herrn".

Glücklich war er, wenn ihm das Mädchen vorspielte. Das Blumenlied von Gustav Lange, der Kußwalzer von Strauß und die Ouverture zum "Kalifen von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestücke. Diese und zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populär gewordenes Lied "Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem Dienstmädchen, teilte.

Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinär geblieben. Auf dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben.

Sie kleidete sich mit einem Hang zum Auffälligen und sah infolge ihrer Trägheit und Unordnung in jedem neuen Kostüm bald schlampig und gewöhnlich aus. Gefallsüchtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in Betreff ihrer äußern Erscheinung zur Schau. Sie wußte, daß sie hübsch war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Männer auf sich zog.

Ihre mittelgroße, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen, eigenartig verschleiert glänzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare und vor allem der sinnlich müde, lüsterne Ausdruck ihres Gesichtes machten sie jedem Manne interessant.

Das in der Pension verwöhnte Mädchen hatte nach der Rückkehr ins Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Berührung kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu ließ deutlich durchblicken, daß sie höhere Ansprüche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab.

Als aber auch bei ihr dann das Liebesbedürfnis sich einstellte und sie, der vornehmen Maske müde, Annäherung suchte, war man in ihren Kreisen ihrer überdrüssig geworden.

Die Mutter war besorgt, die Tochter könnte auf diese Weise ganz leer ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren hätte Lulu noch keine so große Eile.

"Tid hätt se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu.

"Du mit Din Baron", schalt er, "för'n Discher is se mi to god".

"De Hugelmann wär'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern is man krütsch".

"Kann se ok", behauptete er. "För'n Discher is se nich in de Pangschohn wesen."

"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn.

Während die Eltern über die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch manchmal viel überflüssige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit zurück lag, in ihren Kindertagen entsprungen war.

Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes Häuschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei Jahre früher verheirateten, älteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschäft eröffnet hatte.

Hier hatten die Kinder, der zehnjährige Wilhelm und die neunjährige Lulu im täglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten Trennungen, durch Wohnungsveränderungen bedingt, überstand, bis allmählich der intelligentere, vom Glück begünstigte Behn einen zu weiten Vorsprung vor seinem früheren Schulkameraden gewann und "das Pensionsfräulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde.

Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Straße vereinigte, war die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern längst erkaltet. Die Väter begrüßten sich noch gewohnheitsmäßig mit Du, nannten sich aber nicht mehr beim Vornamen, wie sonst.

Lulu war natürlich für den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt das Fräulein Behn, wie er für sie Herr Beuthien.

So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus zwingenden Geschäftsrücksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie durch vornehme Zurückhaltung das frühere Verhältnis in Vergessenheit zu bringen bemüht war, so wenig schien er von der Nähe der Jugendfreundin und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als hätte er sie garnicht mit auf der Rechnung. Der hübsche, von allen Weibern beachtete junge Mann schien durchaus keinen großen Abstand zu empfinden zwischen einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter eines fünffachen Hausbesitzers. Er grüßte sie, wie er ihre Anna, das Dienstmädchen, grüßte und die Krämersfrau oder die Wittfoth und andere Frauen und Mädchen aus den Geschäfts- und Wohnkellern der Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen überlegenen Herablassung eines siegesüberdrüssigen Don Juans.

Er war ihr gegenüber entschieden im Vorteil. Das ärgerte sie.

Als es mit der Vornehmheit nicht glücken wollte, suchte sie den Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Höhe auszugleichen.

Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm Fräulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte die gekränkte Eitelkeit.

Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse für ihn zu einer fast krankhaften Leidenschaft.

Fuhr er aus, er mußte immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewiß am
Fenster. Sie lauerte ihm förmlich auf.

Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wußte bald, wie er mit Fräulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz.

Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm nicht mehr als hundert andere hübsche Mädchen auch.

Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen könnte, wie mit der Anna, er würde etwas darum geben. Es wäre ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen lassen, wie jede andere Lise.

VII.

Früher als sonst stellte sich der Frühling ein. Dem späten, aber immer noch winterlichen Ostern folgten warme Tage. Was an Sträuchern im März schon seine ersten vorsichtigen Taster ausgestreckt hatte, wagte sich im April zuversichtlich heraus.

Ueberall ein Schwellen und Knospen. Grüner Hauch über Busch und Baum. Es gab schon einzelne heiße Tage, an denen der Ueberzieher lästig wurde, und man an die Sommergarderobe dachte.

Eine weiche, milde Luft wehte, und die Wittfoth öffnete ihr die Thür ihres Kellergewölbes. Mit der zunehmenden Wärme stand diese den ganzen Tag auf. Fräulein Mimi hatte dann ihren beständigen Sitz hinter der Tonbank, weil die Glocke nicht mehr die eintretenden Kunden melden konnte.

Die Dienstmädchen, die jetzt durch die immer geöffnete Thür bequem "mal
vorspringen" konnten, hatten ihre sommerlichen, kurzärmeligen
Kattunkleider angelegt, die ihnen so gut stehen. Die frischen, vollen
Arme waren nicht mehr blau und rot gefroren.

An der Ecke gegenüber, beim Gastwirt Tetje Jürgens, der unter dem
Parterre des Behnschen Hauses einen "Bier- und Frühstückskeller" seit
Jahren hatte, hielt schon die erste offene Break mit Ausflüglern.
Singend waren sie angekommen, singend fuhren sie nach einem hastigen
"Stehseidel" weiter.

Es war Frühling, sonnenwarmer Frühling.

Schon in den ersten Tagen des Mai konnte der alte Behn auf dem Holsteinischen Baum, einem Bier- und Tanzetablissement in der Nachbarschaft, sein Glas Grogk im Freien, unter der breiten, glasbedachten Veranda, trinken und den Uebergang von diesem Wintergetränk zum sommerlichen Trunk kühlen Augustinerbräus bewerkstelligen.

Im Winter pflegte er allabendlich in dem geräumigen, gemütlichen
Gastzimmer zwischen neun und zehn Uhr, nach dem Abendessen, seinen
Steifen zu trinken.

Einmal in der Woche hielt er eine längere Skatsitzung ab.

Den Karten wurde auch im Sommer geopfert. Oft saßen die Frauen und
Kinder in der Veranda bei einem Glas Bier oder einer Flasche
Brauselimonade, während sich die Männer und Väter im Gastzimmer beim
Spiel erhitzten.

Es war an einem solchen Skatabend, einem Mittwoch, als Lulu Behn mit der
Mutter und Schwester in der Veranda des Holsteinischen Baums die milde
Abendluft genossen. Es herrschte ein reges Leben um sie. An jedem
Mittwoch war in den hintern Sälen großes Tanzvergnügen. Da sprachen die
Köchinnen und Dienstmädchen, oft nur auf ein paar Minuten, vor, "nur
einmal rum". Zu Hause wartete indessen die Herrschaft auf den Belag zum
Abendbrot.

Wer Ausgehtag hatte, kam auch wohl in Balltoilette, mit Blumen im Haar, geführt von sonntäglich geputzten jungen Burschen.

Schlachtergesellen in ihren gestreiften Leinenblousen, die Fleischmulde an der Thür absetzend, drängten sich zu einem kurzen Rundtanz in den Saal. Hausknechte traten im Vorübergehen ein, Kutscher ließen ihre Droschke halten, sprangen vom Bock und huldigten einen Augenblick den Freuden des Tanzes. "Damen" fanden sie immer im Ueberfluß im Saal vor, oder sie nahmen von den draußen stehenden die erste beste mit hinein. Es gab immer neugierige oder schüchterne am Eingang, denen es an Mut, Zeit oder Geld gebrach, sich in den erleuchteten Saal zu wagen. Es war wie vor einem Bienenkorb. Ein beständiges Kommen und Gehen.