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Grote'sche Sammlung
von
Werken zeitgenössischer Schriftsteller.
Neunundachtzigster Band.
Gustav Frenssen,
Peter Moors Fahrt nach Südwest.
Peter Moors
Fahrt nach Südwest
Ein Feldzugsbericht von
Gustav Frenssen
167. Tausend
G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
Berlin 1912
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in andere Sprachen und auch das des Nachdrucks einzelner Teile, vorbehalten.
Published, October 18, 1906. Privilege of copyright in the United States reserved under the Act approved March 3, 1905, by G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung.❃
Buchschmuck von Hugo Steiner-Prag.
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Der deutschen Jugend,
die in Südwestafrika gefallen ist,
zu ehrendem Gedächtnis.
Peter Moors
Fahrt nach Südwest
»Grolle dem Sänger doch nicht, daß er singt von dem Leid der Achäer!
Solchem Liede ja geben den Preis vor andern die Menschen,
Welches, die Hörer umschwebend, das jüngst Gescheh'ne verkündet!«
Odyssee. I, 350.
I
Als ich ein kleiner Junge war, wollte ich Kutscher oder Briefträger werden; das gefiel meiner Mutter sehr. Als ich ein großer Junge war, wollte ich nach Amerika; da schalt sie mich. So um die Zeit, als die Schuljahre zu Ende gingen, sagte ich eines Tages, ich möchte am liebsten Seemann werden; da fing sie an zu weinen. Meine drei kleinen Schwestern weinten auch.
Aber am Tage nach meiner Schulentlassung stand ich, ehe ich recht bedachte, was mit mir geschah, in meines Vaters Werkstatt am Amboß, und unser Geselle, der aus Sachsen zugewandert war und schon lange Zeit bei Vater arbeitete, sagte: »Siehst Du – da stehst Du! Und da bleibst Du stehn, bis Du grau wirst,« und lachte. Da wir gerade eine gute Arbeit hatten, nämlich vor einem schönen Neubau an der Breiten Straße Tor und Gitter machten, gab ich mich zufrieden und blieb also die drei Jahre in der Werkstatt meines Vaters und arbeitete mit ihm und dem Gesellen und ging abends in die Gewerbeschule. Ich bekam zweimal einen ersten Preis.
Im zweiten Jahr meiner Lehrzeit, in meinem siebzehnten Lebensjahr, traf ich auf der Straße Heinrich Gehlsen, den Sohn vom Lehrer Gehlsen, der früher bei uns angestellt war und jetzt Hauptlehrer in Hamburg ist, mit dem ich als Junge zuweilen gespielt hatte. Er war einige Jahre älter als ich und war nun Student in Kiel. Während wir zusammen die Breitenburger Straße hinunter gingen, erzählte er mir, daß er im Herbst 1903 als Einjähriger beim Seebataillon eintreten wolle. Ich fragte: »Warum willst Du gerade da eintreten?« Er sagte: »Es ist eine feine Truppe. Und dann ist es möglich, daß man einmal auf Reichskosten übersee kommt. Denn wenn in irgendeiner unserer Kolonien ein Aufstand ausbricht, oder sonst in der weiten Welt was los ist, kommt zu allererst das Seebataillon unterwegs.« Ich sagte nichts weiter dazu; aber ich dachte in meinem Sinn, daß ich später auch zum Seebataillon gehen könnte. Ich war schon einige Male in Kiel gewesen; und ich mochte auch die Uniform wohl leiden. Auch gefiel mir, was er von Übersee gesagt hatte. Ich wußte aber damals noch nicht, wie ich das Ding anfassen sollte.
Aber im nächsten Jahr erfuhr ich eines Tages von einem älteren Schulkameraden, der in Kiel bei den Fünfundachtzigern diente, daß das Seebataillon Dreijährig-Freiwillige annähme. Da fragte ich am selben Abend meinen Vater, als ich beim Aufräumen war und er mit seiner halblangen Pfeife durch die Werkstatt ging, um ein wenig die Straße entlang zu sehen, wie er abends zu tun pflegte: ob ich mich melden solle. Ihm gefiel das wohl; denn er hatte es bei den Einunddreißigern in Altona bis zum Unteroffizier gebracht. Er sagte also nichts weiter als: »Deine Mutter wird vor dem Wort ›See‹ bange werden.« »Ja,« sagte ich, »aber sie hat doch die drei Mädchen.« »Geh hin,« sagte er, »und stelle es ihr vor; sie ist in der Küche.« Indem kam sie schon aus der Küche in die Werkstatt und sagte mißtrauisch: »Was steckt ihr noch die Köpfe zusammen?« Sie meinte: weil es schon Feierabend war und die Arbeit getan. Mein Vater sagte: »Der Junge will sich freiwillig beim Seebataillon in Kiel melden; Du mußt nicht bange werden: das Bataillon heißt nur darum so, weil es die Seefestung verteidigen muß. Und außerdem: wenn er sich nicht freiwillig meldet, kommt er vielleicht an die russische Grenze; und das ist weit weg.« Da ging sie still in die Küche und sagte nichts weiter dazu, und gab mir im Herbst die Wäsche mit, alles heil und rein, wie es sich gehört; das meiste war neu. Und sie war ganz zufrieden, weil Kiel so nah' bei Itzehoe liegt. Auch hatte ihr unser Kaufmann, der in Kiel Verwandte hat, erzählt, daß viele gute Handwerkersöhne im Seebataillon dienen.
II
Ich war gerne Soldat, besonders nachdem wir die Ausbildung hinter uns hatten. Wir hatten lauter ordentliche Leute auf der Stube, und der Unteroffizier, der ein Schleswiger war, war nur dann ungemütlich, wenn einer faul oder dreckig war. Den Leutnant taxierten wir damals nicht richtig. Wir meinten, er wäre für einen Offizier zu zart. Aber nachher haben wir erkannt, daß er ein Held war.
Am Anfang meines zweiten Dienstjahres, in den Weihnachtstagen 1903, war ich auf Urlaub bei meinen Eltern in Itzehoe und tanzte am zweiten Weihnachtstage auf dem Ball mit Maria Genthien. Ich kannte sie ein wenig von meiner Kindheit her; aber ich hatte sie nachher niemals wieder getroffen; ich wußte auch nicht, daß sie seit zwei Jahren in Kiel in der Holtenauer Straße diente. Als wir zum drittenmal miteinander tanzten, lachten wir uns an und sagten beide zu gleicher Zeit: »Das geht schön!« Wir dachten aber mit keinem Gedanken daran, daß es eine ernste Sache werden könnte. Am Tage nach Neujahr ging ich wieder nach Kiel in den Dienst.
Vierzehn Tage später, am Abend des 14. Januar, ging ich mit Behrens und einem andern Kameraden durch die Dänische Straße; da kam Gehlsen uns entgegen, der nun wirklich als Einjähriger diente und bei meiner Kompanie stand, und sagte zu mir: »Hast Du schon gelesen?« Ich sagte: »Was denn?« Er sagte: »In Südwestafrika haben die Schwarzen feige und hinterrücks alle Farmer ermordet, samt Frauen und Kindern.« Ich weiß ganz gut in der Erdkunde Bescheid; aber ich war erst doch ganz verwirrt und sagte: »Sind diese Ermordeten deutsche Menschen?« »Natürlich,« sagte er: »Schlesier und Bayern und aus allen andern deutschen Stämmen, und auch drei oder vier Holsteiner. Und nun, was meinst Du, wir vom Seebataillon …« Da erkannte ich plötzlich in seinen Augen, was er sagen wollte. »Wir müssen hin!« sagte ich. Er hob die Schultern: »Wer sonst?« sagte er. Da schwieg ich eine kurze Weile; es ging mir sehr viel durch den Kopf. Dann war ich damit fertig und sagte: »Na, denn man zu!« Und ich freute mich. Und ich sah im Weitergehn die Leute an, die des Weges kamen, ob sie vielleicht schon wüßten und uns anmerkten, daß wir nach Südwest gingen, um an einem wilden Heidenvolk vergossenes deutsches Blut zu rächen.
An einem Vormittag war es wirklich so weit. Der Major hielt auf dem Hof der Kaserne eine kurze Rede: das und das wäre draußen geschehen; es sollte ein Bataillon Freiwilliger geschickt werden; wer mit wolle. Da traten wir fast alle vor. Die Ärzte untersuchten uns, ob wir für den Dienst in den Tropen fähig wären. Sie fanden mich brauchbar. Am selben Nachmittag schon bekamen wir in den niedrigen Stuben der Kammer die gelben Langschäftigen ausgeliefert, dazu die kurze blaue Jacke oder Litewka. So ausgerüstet gingen wir sogleich in die Stadt.
Was war das für ein Zunicken und ein Anreden! Während sonst Soldaten, die sich nicht kennen, stumm und ohne Gruß aneinander vorüber gehen, wurden wir jetzt von allen angeredet. Die Fünfundachtziger waren sehr zurückhaltend, weil sie zu Hause bleiben mußten; die Matrosen sprachen mit Würde, als wenn jeder von ihnen dreimal um die Welt gefahren wäre. Auch viele Bürger redeten uns an, sagten, es würde eine sehr interessante Fahrt werden und es würde eine angenehme und schöne Erinnerung fürs ganze Leben bleiben, und wünschten uns gute Heimkehr.
Am andern Tage, als wir in der folgenden Nacht mit der Bahn nach Wilhelmshaven abreisen sollten, kamen Vater und Mutter auf zwei Stunden von Itzehoe herüber. Ich holte sie vom Bahnhof ab und ging ein wenig mit ihnen die Holstenstraße entlang bis nach dem Schloßplatz. Mein Vater fragte dies und das, ob da wilde Tiere wären, ob die Feinde schon Alle Gewehre hätten, oder ob sie noch mit Pfeil und Bogen schössen, ob es dort sehr heiß und fiebrig wäre und dergleichen. Ich konnte nicht viel drauf antworten; denn ich wußte alles dies nicht. Ich nahm aber an, daß es so wäre, wie er sagte, und gab ihm in allem recht. Wir saßen eine Stunde in einer Wirtsstube in der Nähe des Bahnhofs, sahen aus dem Fenster nach den Leuten, die vorbei gingen, und sagten nicht viel. Meine Mutter schwieg fast ganz. Sie starrte mit großen, steifen Augen auf den Fußboden und wenn sie aufsah und mich mit ihren Augen streifte, sah sie mich an, als ob sie mich das letzte Mal sähe. Als es Zeit wurde, brachte ich sie wieder nach dem Bahnhof.
Als der Hamburger Zug kam und sie einsteigen mußten, bat mich mein Vater, ich möchte ihm irgendeine Kleinigkeit mitbringen, ein Horn, oder einen Schmuck der Feinde, oder so was. Ich glaube: das hatte er sich aufgespart, damit er im letzten Augenblick etwas zu sagen hätte. Meine Mutter aber umarmte mich plötzlich mit Weinen. Da sie mich seit meiner frühesten Kindheit niemals mehr umarmt hatte, erschrak ich und sagte: »Was tust Du, Mutter?« Sie sagte: »Ich weiß nicht, mein Sohn, ob ich Dich wiedersehe.« Ich lachte und schüttelte ihre Hände und sagte: »Es ist ja gar keine Gefahr! Ich will schon wiederkommen!« Die Eltern von Behrens waren auch auf dem Bahnhof.
Als ich im Dunkeln nach der Kaserne zurück kam, war da ein großes Leben. Eltern, Geschwister, Verwandte, Bräute und Bekannte waren gekommen; sie tanzten und tranken und redeten. Da war einer, der hatte das eiserne Kreuz von 70 her, ein älterer Mann und Vorarbeiter auf der Werft; dessen Jüngster ging mit hinaus. Der stand auf und sprach einige Worte von Fahneneid und Tapferkeit, so, als wenn es gegen einen ernsthaften Feind ginge; aber wir hörten ihm doch gerne zu. Ja, wir wurden von seinen Worten Feuer und Flamme und vergaßen gern, daß wir wußten, es ginge gegen Flitzbogen und Holzkeule. Wir wollten ehrlich streiten, und wenn es sein mußte, auch sterben für die Ehre Deutschlands.
Um Mitternacht nahmen wir auf dem Hofe Aufstellung und gingen dann mit vollen Kapellen durch die Stadt.
Wenn ich hundert Jahre alt werde, so vergesse ich doch niemals diese nächtliche Stunde, als Tausende von Menschen mit uns zogen und in unsere Sektionen drangen, uns anriefen, grüßten und winkten, und Blumen auf uns warfen und unsere Gewehre trugen und uns zum Bahnhof brachten. Der Platz vor dem Bahnhof war schwarz von Menschen.
Auf der Bahnfahrt nach Wilhelmshaven schlief und döste ich so vor mich hin. Auch die andern waren müde. Als wir ankamen, ging ich mit einigen andern in eine kleine Wirtschaft nicht weit vom Hafen und bekam für viel Geld ein wenig schlechtes Essen. Um vier Uhr nachmittags traten wir wieder an und gingen unter dem Zuschauen vieler Menschen, die aus der ganzen Umgegend zusammengelaufen waren, zu zweien, mit voller Bepackung, die lange, schmale Holztreppe hinauf, die vom Kai auf das hohe Schiffsdeck führte. Es war ein heller, bitterkalter Wintertag.
III
Wir stiegen zwei kurze Treppen hinunter und kamen in einen ziemlich großen, niedrigen Raum, der so ganz und gar und so dicht mit Bettstellen belegt war, daß wir uns wunderten. In zwei Stockwerken standen sie über- und unter- und hart beieinander. Sehr schmale Gänge liefen zwischen ihnen hin und an den Wänden entlang. Ich bekam ein unteres Bett.
Da stellten und legten wir nun an und über unser Bett alles hin, was wir hatten: Gewehr, Tornister und Kleidersack. Und packten und hantierten und standen inzwischen an den Bullaugen und sahen aufs Wasser, und waren sehr lebhaft und guter Dinge, wie immer in einem neuen Quartier; und wurden nur fortwährend durch das Zittern, das vom Gang der Maschine her durch das ganze Schiff ging, erinnert, daß dies unser Quartier uns in die weite Ferne trug. Wir aßen im selben Raum, an der Seite, an langen Tischen, und bekamen an diesem Abend Erbssuppe und Kaffee.
Nachher ging ich noch einige Zeit hinauf und stand im Windschutz der ersten Kajüte an der Reeling und sah nach der Küste hinüber. Ich sah aber im Dunkeln nichts weiter als von den Lichtern des Schiffes einen gelblichen, wirren Schein in schwarzen, schwer rauschenden Wellen, und in der Ferne einige stillstehende Lichter, wohl von Leuchttürmen oder Feuerschiffen; und am Himmel die Sterne. Da wurde ich von dem Gedanken bedrückt, daß ich fortgebracht würde und mich nicht dagegen wehren könnte und in der Fremde vielleicht Furchtbares erleben müßte. Ich fand aber Hilfe, als ich vor Gott gelobte, daß ich gut und fröhlich und mutig sein wolle, was mir auch geschähe.
Am andern Morgen sahen wir nichts als weites, dunkelgraues Meer, soweit das Auge sah. Am Horizont standen einige Rauchwolken und einige kleine Segel. Wir gingen zum Appell an Deck und bekamen jeder auf unsern linken Arm einen Anzug aus leichtem braunen Leinen, das Khaki heißt, und große, topfartige, hellbraune Helme aus Kork, sogenannte Tropenhelme. Wir wunderten uns und lachten; und gingen in unsern Schlafraum und probierten die Helme und machten viel Unsinn. Nachher befestigten wir Knöpfe an die Anzüge. Wir standen aber viel an den Bullaugen und sahen hinaus. So waren wir den ganzen Tag sehr tätig. Einige schrieben schon die ersten Ansichtspostkarten.
Am Spätnachmittag stand ich noch längere Zeit mit Heinrich Gehlsen vorn an der Back und redete mit ihm über die Kinderzeit. Nachher kamen noch einige andere Einjährige, davon der eine ein Arzt war – wie ich nachher erfuhr –; und fingen an mit ihm zu reden. Da sie aber begannen von gelehrten Dingen zu sprechen, ging ich fort. Ich bin nachher häufig mit Gehlsen zusammengekommen. Er war nur klein von Figur und von Gesicht zart; aber es stak ein ganzer Mann in ihm. Er war auch nachher im Busch umsichtig, anschlägig und tapfer.
Am zweiten Tag standen wir lange an der Steuerbordreeling und sahen nach der Küste von England hinüber, welche, gar nicht fern, mächtig schroff und stark aus dem Wasser aufstieg, und nach den Fischerböten, welche mit ihren grauen oder schwarzen Segeln in großer Zahl auf dem weiten, bewegten Meer lagen. Als ich dies große, weite Bild sah, dachte ich daran, daß wohl so klein und noch kleiner jene Fahrzeuge gewesen waren, mit denen einst vor tausend und mehr Jahren unsere Vorfahren dicht über den Wogen, ja fast zwischen ihnen, diesen rauhen Weg übers Meer gefahren waren, den wir jetzt fuhren; und ich malte mir die wilden Kämpfe aus, die sie bestanden hatten, ehe sie oben auf diesen hohen, starken Ufern Hütten gebaut und Heimat gefunden hatten. An dies alles dachte ich und freute mich, daß ich einen so guten Lehrer gehabt hatte und daß ich wohl als der erste von allen, die mit mir die Itzehoer Volksschule besucht hatten, diese Gegend mit meinen Augen sah.
Als ich noch so stand, ging der Stabsarzt an mir vorüber; neben ihm ging ein Oberleutnant zur See. Sie wollten wohl einen Matrosen besuchen, der krank war. Wir hatten nämlich auch ein Kommando Matrosen an Bord, welches zum Ersatz für den Habicht hinausfuhr. Sie blieben eine Weile nicht weit von mir an der Reeling stehen und ich hörte, wie der Oberleutnant zu dem andern sagte: »Wir Seeleute denken anders über die Engländer, als die Menschen drinnen im Lande: Wir treffen sie in allen Häfen der Erde und wissen, daß sie von allen die respektabelsten Leute sind. Da hinter den hohen Kreidefelsen wohnt doch das erste Volk der Erde, vornehm, weltklug, tapfer, einig und reich. Wir aber? Eine einzige ihrer Eigenschaften haben wir von alters her: die Tapferkeit. Eine andre gewinnen wir langsam: den Reichtum. Ob wir den Rest jemals bekommen: das ist unsre Lebensfrage.« Ich wunderte mich über das Wort. Aber nachher sprachen auch die alten Afrikaner, die ich kennen lernte, mit großer Hochachtung von den Engländern.
Das Wetter war kalt, hell und windig. Wir sahen kleinere Schiffe auf den Wogen auf- und niedergehen; aber unser großes Schiff rührte sich nicht viel, und es waren nur Einige ein wenig seekrank. Ich konnte es nicht ertragen, das lange, lange Deck entlang zu sehn, wie es sich langsam ein wenig hob und dann wieder hinunterging. Es erschien mir so unvernünftig und unglaublich, und es legte sich ein Druck auf den Vorderkopf und auf den Leib. Auch andern ging es so. Aber wenn ich mich dann zusammennahm und mich aufrichtete und hin und her ging und weit übers Meer sah, verging es wieder. Aber als wir aus dem Englischen Kanal heraus und in das Gebiet der Biscaya kamen, da wurde es plötzlich schlimm.
Ich stand gerade in Gedanken vor meinem Bett, Behrens neben mir; wir besahen gemeinsam ein Bild seiner Eltern, das sie ihm mitgegeben hatten. In dem Augenblick hob und schob sich ganz plötzlich der Boden schräg unter unsern Füßen, während im gleichen Augenblick ein mächtiges Krachen, Klirren, Fallen und Schreien von überall her kam und wir beide übereinander und über das Bett fielen, und mit Armen und Beinen nach allen Richtungen Hilfe und Stützen suchten. Mühsam kamen wir wieder hoch und griffen nach den eisernen Stangen, welche die Bettstellen trugen, und torkelten, indem nun die andere Seite des Schiffes gewaltig hoch fuhr, gegen die andere Bettreihe; und strebten aus den Bettreihen heraus, als wenn da Rettung wäre. Ich hatte aber erst wenige Schritte gemacht, da war mir zumute wie damals, als ich zwölfjährig die erste Zigarre geraucht hatte. Ein Druck lag mir schwer auf dem Kopf, und mein Magen stieg und stieg zum Hals hinauf. Mein ganzer Mut und all meine Lebenslust war weg, und Angstschweiß tropfte mir von der Stirn. Da ging ich taumelnd und kläglich den Gang wieder zurück und warf mich auf mein Bett. Es war nur gut, daß ich nicht in ein oberes Bett hinauf mußte.
Es war eine schlimme Nacht. Wenn ich jetzt, nach zwei Jahren, daran denke, wird mir noch wieder schlimm zumute und ich muß schlucken. Was war das für ein Gespuck und ein Gewürge! Viele jammerten, als ob ihr letzter Tag gekommen wäre. Bloß einer, der ja wohl von der Kinderflasche an Seewasser getrunken hatte, oder auf irgendeine andere Art einen ausgepichten Magen hatte, lachte zuweilen auf, und zwar so heimlich und von Herzen, als wenn unter lauter heulend Verdammten ein Engel lacht, aus seiner schönen und sichern Seligkeit heraus.
Als ich gegen Morgen aus schwerem, dumpfem Schlaf erwachte, war es etwas ruhiger. Doch stöhnten noch viele. Der Ausgepichte aber pfiff leise und gemütlich. Da wurde ich zornig und überredete mich und nahm all meinen Willen zusammen und achtete auf das Hin- und Herfallen des Schiffes und dachte: ›Sieh! Hier geht es hin, da geht es hin. Es kann nicht anders. Es muß so. Und alles, was dran und drin ist, muß mit. Es kann nicht anders sein und es ist nichts dagegen zu machen, und daß man sich dagegen auflehnt, ist ein Unsinn. Geh hier hin! So! Kannst du nicht weiter? Dann geh dahin! So! Kannst du nicht weiter? Dann geh wieder nach der andern Seite!‹ So redete ich und wurde munter; und hörte dem Ausgepichten zu und merkte, daß er gut im Takt pfiff, in dem das Schiff hin- und herging.
Da merkte ich, daß es besser mit mir wurde, und gleichzeitig, daß eine schreckliche Luft im Raum war. Ich setzte mich bedächtig aufrecht im Bett, dann nahm ich vorsichtig die Füße herunter. Dreimal stellte ich mich auf die Füße, und dreimal setzte ich mich wieder hin. Dann ging ich stolpernd und ganz langsam und vorsichtig, als hätte ich einen Magen von dünnem Glas, und kam glücklich hinaus. Ich tappte mit beiden ausgestreckten Armen nach der Reeling und fiel gegen sie und atmete die frische Luft und starrte dumm und dumpf in den nachtgrauen Morgen.
Und da, als ich so stand und auf das Zittern des Schiffes und auf sein schweres Wiegen achtete und auf die großen, schwer aufrauschenden und schäumenden Wogen starrte, hatte ich noch wieder ein besonderes Glück. Ich sah, nicht weit von unserm Schiff, einen mächtigen Segler dahingleiten. Alle seine ungeheuren Segel hoch, lag er schräg vorm Wind, daß ich im grauenden Morgenschein das ganze Deck sehen konnte und den Steuermann im dicken Mantel so recht gemütlich auf dem Skylight sitzen sah, die kurze Pfeife im Mund. Es hob und senkte sich, von der Back bis zum Heck, schwer und machtvoll; aus zwei Fenstern kam heller Lichtschein. So zog es, eine mächtige Erscheinung, wie voll von einer ruhigen, großen Seele, lautlos, schön und mühelos im dunkelgrauen Morgen die dunkle, wilde Meerbahn. Ich habe niemals etwas Schöneres gesehen, von Menschen gemacht. Und ich wurde gesund davon.
Es wurde nun Tag für Tag wärmer. Nicht weil der Frühling kam, sondern weil wir immer weiter nach Süden fuhren und die Sonne also immer senkrechter auf uns fiel. Die Sonne strahlte, das Meer war wieder ruhig. Wir waren vormittags sehr fleißig. Es war überm Heck ein Balken aufgestellt, der an seinem oberen Ende eine Scheibe trug; danach schossen wir mit unseren neuen Gewehren. Die Offiziere schossen auch, jeder mit seinem Revolver; und jeder prahlte mit seiner Waffe. Nachmittags saßen wir auf dem Deck umher, reinigten die Gewehre, oder flickten, oder wuschen; und unterhielten uns und sangen dazu. Abends saßen wir im Kreise und erzählten uns Kasernengeschichten aus Kiel, oder es erzählte jeder aus seiner Heimat. Einige Schelme konnten Stücke vortragen, die sie gelernt hatten, oder aus der Luft griffen. Es ging alles auf Hochdeutsch. Sie neckten uns Holsteiner aber, weil wir das »s« so zwischen die Lippen nahmen, als wäre es eine Nadel. Ich freute mich, daß wir Schleswig-Holsteiner an Bord zufällig lauter ordentliche Leute waren. Es gibt ja auch in unserer Provinz kümmerliche Menschen.
Wir sprachen natürlich auch viel über die nächste Zukunft und ärgerten uns sehr, wenn wir daran dachten, daß der Aufstand vielleicht niedergeschlagen sein könnte, wenn wir einträfen, und wir also vielleicht gar nicht von Bord kämen. Wir wollten doch wenigstens das Land betreten haben und nachher zu Hause von den afrikanischen Urwäldern, Affenherden und Antilopenrudeln erzählen können und von Strohhütten unter hohen Palmenschatten.
Einige spielten immer Skat. Ihr Eifer wurde immer größer; ihre Karten immer schmutziger. Es war ihnen ganz einerlei, was um sie vorging. Ob wir zu ihnen sagten: »Ihr da, da sind fliegende Fische zu sehen! Sie schwenken ein wie Schwadronen!« Oder: »Ein großer englischer Dampfer kommt vorüber!« Oder: »Ihr da, seht mal auf, wie schön die Sonne untergeht: das ganze Meer bis zu ihr hin ist goldgrün, und jede Welle hat einen blauschwarzen Kamm.« Oder: »Wir sehen den Rücken von einem Walfisch!« Oder: »Habt Ihr schon Meerleuchten gesehn? Geht doch mal nach dem Heck und seht, wie die aufbrodelnden Wellen ganz voll von warmem, rotem Feuer sind.« Aber sie sahen nicht auf. Sie schüttelten ärgerlich den Kopf; oder sagten: »Guck Dir das man genau an!« und spielten weiter. Sie spielten um nichts.
Es waren ziemlich viele Kleine und ganz Junge unter uns, zwanzig Jahre alt und noch darunter. Ich glaube, von ihnen hatte mancher schweres Heimweh. Und einige von ihnen erschraken, so schien es mir, über alles Neue, das sie sahen. Es war ihnen verwunderlich und fast unheimlich und sie wurden immer stiller. Ich dachte darüber nach: wie wohl diese so Jungen, so Stillen sich machen würden, wenn wir jetzt in einen wirklichen, harten Krieg hineingingen. Wir gingen in einen wirklichen, harten Krieg hinein. Sie haben sich alle gut gemacht.
Andere saßen in einer Ecke und übten stundenlang, eine Kapelle zustande zu bringen. Der eine hatte einen Kamm quer vorm Mund, der andere klapperte mit Holzstücken, der dritte pfiff durch die Finger; unsere Spielleute lieferten Flöte und Trommel. Ein kleiner Schlesier war der Hauptmakker. Er war es auch, der an jedem Abend die Lieder anstimmte, die wir zusammen sangen. Und besonders war es ein Lied, das wir sangen, daß es weit und traurig übers Meer klang: ›Nach der Heimat möcht' ich wieder.‹ Wenn ich jetzt im Geist die einzelnen Gesichter sehe, die es damals sangen, wird mir das Herz still, und ich muß die Lippen zusammenpressen.
Es wurde immer wärmer und sonniger. Wir kamen in die Höhe der Straße von Gibraltar. Wir zogen die blauen Anzüge aus und zogen die leinenen braunen Khakisachen an. Immer, Tag und Nacht, zitterte das Schiff vom Gang der Maschine, wie der menschliche Körper vom Schlag des Herzens. Gott mag wissen, wie viel mal sie sich gedreht hat. Das Meer war immer gleicherweise sonnig, scheinend weithin. So jagten wir nach dem Süden, immer weiter, Tag und Nacht. Ich wunderte mich, wie groß die Welt war. Eines Tages sah ich auf der großen Karte, welche an der Treppe hing und auf welcher die tägliche Stellung unsres Schiffes bezeichnet war – wir standen oft in Haufen vor dieser Karte –, daß nun bald die Insel Madeira kommen mußte.
Und am andern Morgen schon, in aller Frühe, als ich sofort nach der Back ging, um Ausschau zu halten – viele standen schon da –: da lag vor uns, nicht mehr fern im Meer, ein buntes Eiland. Es erhoben sich rauhe Felsen breit, wuchtig und kahl, von denen der mittlere alte breite Festungsmauern als schwere Krone trug. Davor aber, vom Strand sanft aufsteigend, breitete und dehnte sich eine ziemlich große Stadt von weißen, plattdachigen Häusern, die sich weiter nach oben hin, rund zu Füßen der alten Feste, in üppigem Grün, in Wäldern und Blumenfeldern verloren.
Immer näher kamen wir dem schönen Wunder. Wir standen und staunten und glitten in die Bucht hinein, wie neugierige Kinder dem Bilderbuch näherrücken, bis wir dicht davor waren. Da hörten wir auf das Schreien und Zurufen unter uns und sahen unter uns Böte dicht am Schiff, deren Insassen aussahen wie Italiener, dunkelbraun von Haut und bunt gekleidet. Sie standen aufrecht in Böten und hielten Fruchtkörbe in die Höhe und riefen zu uns hinauf. Wir kauften aber nichts, da wir wußten, daß wir an Land kommen würden.
Am Vormittag noch ging ich mit vielen andern die schmale Holztreppe hinunter, die draußen an der Schiffswand hinabgelassen war, und stieg in eins unsrer großen Boote, und wurde an Land gerudert. Wie war alles neu! Und wie war alles bunt! Unser Leutnant hatte uns gewarnt: »Ich will Euch was sagen: Kauft nicht so dumm drauf los! Es ist nicht alles, was bunt ist, schön und echt. Und nehmt Euch mit dem Wein in acht!« Aber es dauerte nicht lange, da standen hier zwei, dort drei, dort fünf und sechs in den weit geöffneten und niederen Läden und kauften für ihre Schwestern und Bräute Blusen und Tücher, alles aus leuchtender Seide in allerschönsten Farben. Und sie riefen mich an und sagten: »Du mußt doch auch ein Andenken mitbringen, Moor. Vielleicht ist der Aufstand vorbei, wenn wir in Swakopmund ankommen und wir kommen gar nicht an Land. Wenn Du dann nachher zu Hause sagst, Du wärst auch mit gewesen und hast nichts aufzuweisen, glaubt es Dir keiner.« Da schien mir richtig, was sie sagten, und ich ging hinein und kaufte zwei kleine seidene Halstücher für die beiden ältesten Schwestern; denn einen Schatz hatte ich nicht, und meine Mutter würde so Buntes niemals anlegen. Als wir endlich wieder heraus kamen, ging gerade der Leutnant vorüber, der vorhin so großartig von »Ich warne Euch« geredet hatte und hatte auch schon ein Paket in der Hand und ich mußte ein wenig lachen und er lachte auch.
Es war überhaupt, als wenn wir alle, sobald wir das Land betreten hatten, von lieblichem Wein trunken waren: so schön hell und weich schien die Sonne und so prächtig glänzte alles in Farben und so fröhlich waren die Menschen. Ich dachte: ›Mach Deine Augen auf, daß Du jetzt etwas siehst; wer weiß, ob Du noch einmal im Leben wieder unterwegs kommst.‹ Ich ging durch mehrere Straßen und wunderte mich über alles, was ich sah, so über das langohrige Pferd, das vor seinem Karren ging, und erkannte plötzlich, daß es ein Maultier war, das ich zuweilen auf Bildern gesehen hatte. Ich besah die fremden Worte auf den Schildern der Läden und merkte mir am Inhalt des Ladens einige Worte. Ich sah nach den Frauen in bunten Kopf- und Schultertüchern und nach den Männern, die breite Schärpen um den Leib trugen; wunderte mich über den Stolz um den Mund und das dunkle Feuer im Auge. Ein Soldat kam langsam des Weges, ein schöner Mensch, aber in schlampiger Uniform. Er legte die Hand an die Mütze und sah mich freundlich an; da grüßte ich ihn ebenso.
Nachdem ich so eine Weile allein gegangen war, kam ich wieder an den Strand und fand einige Kameraden in einer offnen Weinstube sitzen, dicht an der Straße, fast auf dem Bürgergang. Sie saßen um kleine Tische und schrieben eifrig Ansichtspostkarten und tranken dabei aus kleinen Gläsern. Ich setzte mich zu ihnen, winkte und bekam auch ein Glas und schrieb auch eine Karte an meine Eltern. Ich wollte auch noch an meinen Onkel in Hamburg schreiben, aber ich kam nicht dazu. Ich mußte immer um mich sehn. Meine Mutter hat mich oft gescholten, daß ich so neugierig sei und in ihrem Nähtisch jedes Schubfach und jede Schachtel öffnete. Aber als sie es einst meinem Lehrer klagte, lachte er und sagte: »Das ist Lernbegierde.«
Nach einiger Zeit kamen einige der Unsrigen vorüber, die sangen und waren laut und wankten ein wenig. Da drängte ich die andern, daß wir weiter gingen. Der Wirt, in roter Weste und Hemdärmeln, konnte sicher kein einzig deutsches Wort sonst, aber die Namen der deutschen Geldstücke kannte er. Als ich den Leutnant am Kai stehen sah, war ich neugierig, ob er sich zu seinem schönen Tuch auch schönen Wein gekauft hatte; aber als ich ihm nahekam, sah ich, daß seine Augen nur trunken waren von all dem Schönen und Bunten und Freundlichen, das er gesehen hatte. Noch einen ganzen Tag lang, als wir schon wieder auf dem Meer schwammen, sah ich in träumender Seele schöne Menschen auf bunten, sonnigen Straßen gehn, dahinter erhoben sich weiche Hügel in schöner, frischer Fruchtbarkeit.
Am dritten Morgen hiernach stand ich ziemlich früh an der Reeling und wartete auf den Dienst und sah so in Gedanken verloren übers Wasser, ob ich wohl etwa in der Ferne eine der Kanarischen Inseln entdecken könnte, in deren Nähe wir nun waren. Es schien mir aber ziemlich zwecklos; denn es war noch nebelig.
Da sah Behrens, der neben mir stand, so von ungefähr nach dem Himmel auf und sagte: »Sieh mal, was für eine merkwürdige weiße Wolke da!« Ich sah auf und sah, ganz oben am Himmel, eine schwere, stillstehende, schneeweiße Wolke, von einem sanften Glanz, wie weißes Vogelgefieder, und stand noch und sah und dachte: ›Was ist das für eine merkwürdige Wolke.‹ Da kam Gehlsen nach vorne gelaufen, flink wie er war, und sagte in seiner raschen, kühnen Art: »Siehst Du schon? Dort? Siehst Du? Das ist der Berg von Teneriffa. Aus dem Meer steigt er auf, zu solcher Höhe, und sein Kopf ist mitten im Sonnenbrand weiß von Schnee.« Da erschrak ich, daß ich zitterte. So ergriff mich das Wunder, das Gott hier mitten ins weite Wasser und unter die brennende Sonne gestellt hatte. Sie standen alle und sahen hinauf. Einige redeten laut; aber viele sahen still hinauf. Und sahen, wie die Nebel da oben in der ungeheuren Höhe zur Seite glitten, und die glatten, schrecklich steilen Felsen sichtbar wurden, die wie alte, ungeheure Festungsmauern sich auftürmten, eine auf die andre. Und auf der obersten, breiten, zerfallenen Mauer lag der ewige Schnee. Langsam glitten wir an seinem steinernen Fuß dahin.
Es ging immer weiter, Tag und Nacht, immer nach Süden. Es ist ein Wunder, wie groß die Welt ist. Wie leicht und rasch gleitet auf der Landkarte die Hand von Hamburg nach Swakopmund; aber wie arbeitet die Maschine hastig, eintönig, dumpf, fleißig, unermüdet, durch Tag und Nacht, über drei Wochen lang. Was haben die Menschen doch für Kraft in sich und harten Willen, daß sie so in die Ferne fahren und dort leben, handeln, forschen und herrschen wollen.
Wir übten vormittags fleißig. Es knallte stundenlang; es wurde auch ein wenig exerziert. Die Stimmung war immer sehr gut. Wir steuerten südöstlich, der afrikanischen Küste zu. Wir sollten hier unterwegs siebzig Neger an Bord nehmen, wie die meisten Schiffe tun, die nach Swakopmund hinunterfahren. Diese siebzig Neger sind unterwegs Trimmer, Heizer und Helfer aller Art und da unten Schauerleute, laden ein und aus, und fahren nachher wieder mit dem Schiff zurück und werden an ihrer Küste wieder an Land gesetzt.
Am siebenten Tag nach Teneriffa sahen wir die Küste von Afrika aufsteigen. Sie war ganz so, wie wir sie uns gedacht hatten: liebliche Hütten unter Palmen, viele hohe und schöne Bäume an sanft aufsteigenden grünen Hügeln und es wimmelte von Menschen. Daß sie schwarz waren, konnten wir noch nicht sehen.
Als wir nicht mehr fern waren, kam Gehlsen zu mir und erzählte mir, daß die Väter und Großväter dieser Neger einst Sklaven in Nordamerika gewesen wären. Die dortige Regierung hatte sie wieder hierher in ihre Heimat zurück geführt und hilft ihnen bis heute, daß sie freie Republikaner sind. Als er mir das erzählt hatte, ging er nach vorn, um besser zu sehen; denn wir kamen nun schon dicht heran. Ich aber ging noch rasch nach unserm Schlafraum um eine Karte zu schreiben; denn es ging Post an Land. Als ich so saß und schrieb, ganz in Gedanken, kam von draußen ein Wundern und Schreien und dummes Gekreische, und ein Schleifen, und Rutschen, und Gleiten, daß ich aufsprang und hinausging. Da erschrak ich und staunte mit offenem Munde. Denn über beide Borde kam es, mit Katzenschleichen und Schlangengleiten, schwarz und lang und halbnackt, mit großen entblößten Gebissen, mit lachenden wilden Menschenaugen, ältere und jüngere, und kleine Jungen, um Brust und Leib ein wenig buntes Zeug, mit Säcken und Töpfen und Kisten. Sie liefen schwatzend und lachend über Deck ganz unbekümmert um unser Staunen und verkrochen sich unter Deck und richteten sich ein. Wir lagen nur einige Stunden dort. Dann ging die Fahrt weiter, Tag für Tag und die ganzen hellen Nächte hindurch.
An einem dieser Tage machte ich mich an den dritten Maschinisten, der ein Eckernförder war, sagte ihm, daß ich ein gelernter Schlosser wäre und bat ihn, mich in den Maschinenraum mitzunehmen. Wir kamen durch viele Gänge und Räume, die ich noch nicht kannte; stiegen kurze eiserne Treppen hinunter, die ich noch nicht gesehen hatte, immer tiefer und tiefer. Immer stärker stieß und schütterte es unter meinen Füßen, immer näher hörte ich das wuchtige Gleiten schwerer Wellen und Kolben. Dann öffnete er eine eiserne Tür und ich stand in der Maschine. Die größte Maschine, die ich bisher gesehen hatte, war die in einer Hamburger Bierbrauerei. Diese war fünfmal so groß. Die Kurbeln waren so lang und breit wie der Körper eines zehnjährigen Jungen, massiv von Eisen. Sie schwangen sich leicht und sicher im Kreise und die beiden mächtigen Wellen, an deren Ende draußen die Schrauben sind, stark wie zwanzigjährige Lindenstämme, drehten sich fleißig. Ein Mann von mittleren Jahren, ziemlich fett und ölig, den ich noch nie gesehen hatte, obgleich ich nun schon drei Wochen lang mit ihm auf demselben Schiff wohnte, stand ruhig in all dem Auf und Ab und dem Hin- und Herspiel auf der durchlöcherten eisernen Plattform, die heftig zitterte, und sah so gleichmütig um sich, wie ein Bauer im Viehstall über seine wiederkäuenden Tiere schaut. Ich ging auch vorsichtig die Plattform entlang und eine Treppe hinunter durch ein offenes Schott nach dem rötlichbraunen eisernen Heizraum, in dem zwischen Steinkohlen und eisernen Schiebern und zischenden Hähnen halbnackte Leute vor den Kesseln standen, unter denen die mächtigen Feuer glühten. Ich sah alles rasch und scharf an und wäre gern noch länger geblieben, aber ich schämte mich, den im heißen Raum schwer Arbeitenden untätig zuzusehen.
In meiner freien Zeit stand ich oft bei den Schwarzen und beobachtete sie, wie sie friedlich beieinander saßen und in gurgelnden Tönen miteinander schwatzten und wie sie um die großen Eßtöpfe hockten, mit den Fingern eine Unmenge Reis zum Munde führten, und mit ihren großen knarrenden Tiergebissen Beine, Gekröse und Eingeweide ungereinigt fraßen; es schien ihnen gar nicht drauf anzukommen, etwas Schmackhaftes zu essen, sondern nur, ihren Bauch zu füllen. Und es schien mir, daß es so stand, nämlich, daß die Leute von Madeira zwar Fremde für uns sind, aber wie Vettern, die man selten sieht, daß diese Schwarzen aber ganz, ganz anders sind als wir. Mir schien, als wenn zwischen uns und ihnen gar kein Verständnis und Verhältnis des Herzens möglich wäre. Es müßte lauter Mißverständnisse geben.
Wie von Anbeginn der Fahrt redeten wir viel von unsern Erwartungen, von den Palmen und Affen, die wir sehen würden und von den bunten Tierfellen und Vögeln und schönem Flechtwerk, das wir mit nach Hause nehmen wollten. Wir sprachen auch wieder von der Furcht, daß der Aufstand zu Ende sein könnte, wenn wir ankämen. Es wurde auch viel darüber gescherzt, daß wir dem Äquator näher kämen. Die ein wenig unbeholfen oder träumerisch waren, wurden geneckt, sie sollten aufpassen, daß sie den Strich auf dem Meer sehen könnten und sollten sich gut festhalten, wenn es nun bergab ginge, und dergleichen mehr. Ich nahm an diesen Neckereien nicht teil, da ich gar nicht dazu veranlagt bin; auch taten mir die leid, auf die sie zielten. Die waren nämlich lange nicht die Dummen. Sondern oft waren die, welche neckten, die Dummen und Gedankenlosen; sie hatten nur ein großes Maulwerk. Darum zog ich gern ihren Spott von jenen auf mich, indem ich mich dumm stellte. Wenn ich dann wollte, schüttelte ich die Hunde leicht wieder ab und lachte inwendig über ihr Bellen und Beißen. Gegen Abend fingen wir an zu singen, und am liebsten und meisten sangen wir von dem bekannten Liede den dritten Vers, und es klang schön über das abendliche Meer:
»Doch mein Schicksal will es nimmer,
Durch die Welt ich wandern muß.
Trautes Heim, dein denk' ich immer.« …
Die Nacht war in dem engen Raum sehr heiß, ja fast unerträglich. Einige schalten; aber die Vernünftigen sahen ein, daß es nicht anders sein könnte. Wenn man einmal erwachte, war es fast unmöglich wieder einzuschlafen. Einmal, als ich so schlaflos und unruhig lag, schien mir, als wenn der kleine Schlesier, der, welcher so gern und so fröhlich sang – er lag rechts neben mir –, heiß und kurz aufschluchzte. Als ich ihn fragte, was los war, schwieg er erst. Dann sagte er mit leiser, ruhiger Stimme: »Dies Fahren wird langweilig, meinst Du nicht auch? Immer, Tag für Tag, ich weiß nicht wie viele Meilen … es ist ja gar nicht möglich, daß wir einen so weiten Weg wieder zurückfinden.« Dann lag er wieder still.
Am siebenten Tage, nachdem die Neger über die Reeling geglitten waren, an einem Morgen, sagte uns ein Matrose, daß wir Swakopmund heute noch erreichen würden. Da standen wir stundenlang vorn an Backbord und sahen hinüber; aber ein Nebel verbarg uns die Küste. Gegen Mittag aber wich der Nebel und wir sahen am Himmelsrand einige große Dampfer liegen, und dahinter einen endlosen Streifen rötlichweißer Sanddüne aus dem Meer herausragen. Auf Meer und Dünen brannte grelle Sonne. Wir meinten erst, es wäre eine Barre, die vor dem Land läge, damit die schöne und große Stadt Swakopmund und die Palmen und Löwen nicht nasse Füße bekämen; aber bald, da der Nebel sich vollends verzog, sahen wir in der flimmernden Luft auf dem kahlen Sande weiße Häuser und lange Baracken stehen und einen Leuchtturm. Da standen alle und staunten und sprachen ihre Meinung aus. Viele sahen still und ernst nach dem ungastlichen, öden Lande; andere spotteten und sagten: »Eines solchen Landes wegen so weit fahren!«
Wir wurden an diesem Tage nicht ausgebootet. Einige sagten, wir kämen überhaupt nicht an Land, da der Aufstand schon niedergeschlagen wäre, andere sagten, die Sache würde noch sehr lange dauern. Es war eine große Unruhe und viel Hin- und Herreden unter uns. Zwischen dem Kanonenboot Habicht und uns wurden eifrige Flaggenzeichen gegeben bis an den Abend. So lagen wir, in ziemlich starkem Wellengang schaukelnd, diese Nacht vor Swakopmund.
IV
Am andern Morgen in aller Frühe stiegen wir der Reihe nach, den Tornister mit der weißen Schlafdecke auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter, den Patronengurt um den Leib, daran den Wassersack, den braunen Brotbeutel am Riemen, die Feldflasche daran, über die Reeling und kletterten die Strickleiter hinab nach dem sehr großen, flachen Boot, das in den starken Wellen wohl sieben Meter auf und nieder fuhr. Man mußte sehn, daß man zu rechter Zeit, nämlich, wenn das Boot oben auf einer Welle war, die Strickleiter los ließ; aber, obgleich ich es ganz richtig machte, fiel ich doch schwer gegen die Wandung. Als die Boote zwanzig bis dreißig Mann aufgenommen hatten, spannte sich ein kleiner flacher Dampfer davor und schleppte uns dem Lande zu.
Je näher wir dem Strande kamen, desto unruhiger wurde das Wasser. Das Boot warf sich immer heftiger und unruhiger durch die wühlenden, springenden Wassermassen. Wir lagen oft tief zwischen zwei hochlaufenden Wellenbergen und sahen von dem Dampfer vor uns nichts. Im nächsten Augenblick waren wir oben und meinten, wir würden herunterschlagen. Zuletzt fuhren wir durch lauter Gischt und Schaum, der hoch rund um uns aufsprang und seine Spritzer übers Boot warf und uns ganz und gar durchnäßte. Das Boot wurde eine Zeitlang in dem Gewirr der kurzen, schweren, sich überschlagenden Wogen hin und her, auf und nieder gestoßen, daß ich dachte, es müßte ineinander fallen. Viele wurden von plötzlicher und heftiger Seekrankheit befallen und lagen totenbleich an den Planken. Aber nach einer Weile waren wir hindurch, und kamen in flaches, ruhiges Wasser und stiegen an Land.
Durch den unendlich tiefen und heißen Sand, unter brennender Sonne, ungefähr sechzig Pfund auf den Schultern zogen wir landeinwärts. Wir hatten gedacht, daß ganz Swakopmund am Strand stehen würde, überglücklich, daß endlich Hilfe käme; aber es war kein einziger Mensch da. Wir kamen an einzelnen Häusern vorüber, die da im kahlen Sande standen, aber es zeigte sich kein Mensch, der uns einen freundlichen Gruß bot. Wo wir näher oder ferner im Schatten einer Veranda einen Menschen zu Gesicht bekamen, schien es uns, daß er uns gleichmütig und fast spöttisch zusah. Hinter uns hörten wir das schwere Tosen der Brandung – es klang uns fast schon lieblich –, rund um uns, so weit wir sehen konnten, war nichts als dürrer, heißer Sand, auf den die Sonne mit grellem Flimmern brannte. Die Augen zogen sich zusammen; ein heißes, trockenes Gefühl zog die Kehle herunter. Wir waren ziemlich still.
Wir erreichten den weiten, sandigen Bahnhof und sahen mißtrauisch und verwundert auf unsern Zug, der mit Rattern und Knattern vorfuhr. Er bestand aus einer endlosen Reihe von kleinen rohen Sandwagen; davor waren fünf oder sieben ganz kleine Maschinen gespannt. Wir wurden auf die Wagen verteilt und stiegen ein. Dann ging es langsam mit Fauchen und Stoßen und Klappern hinein ins Land.
Es ging immer bergan, Stunde auf Stunde. Soweit wir zu beiden Seiten und nach vorne sahen, war nichts da als weißgelbe Sanddünen, die zuweilen machtvoll emporstiegen. Wir standen und hockten und saßen dicht gedrückt in den kleinen offenen Wagen. Von der drückenden Hitze immer durstig, waren wir eifrig und sorglos bei unsern Wassersäcken. Wir waren noch so sorglos, daß wir den Kaffee, den wir uns in Swakopmund auf dem Bahnhof gebraut hatten, weggossen, als wir schmeckten, daß er sauer wurde. Ein- oder zweimal wurde gehalten, damit wir die lahm gestandenen oder gesessenen Beine ein wenig vertraten. Am Spätnachmittag wurde an einer Stelle die Steigung so stark, daß der Zug in drei Teile geteilt wurde, damit er so stückweise auf die mächtige Höhe käme. Da wir alle Mann nachschoben, kam er glücklich hinauf. Dann ging es wieder etwas rascher weiter, immer durch gelbe Sanddünen, immer weiter bergan. Abends erreichten wir die Höhe. Hinter uns lief der abfallende gelbe Sandweg bis zum Meer, das fünfzig Kilometer zurück, unten in der Ferne lag. Dicht vor uns stand ein ungeheures, schrecklich wildes Gebirge.
Ich hatte niemals ein Gebirge gesehen. Aber nicht allein ich und die andern Norddeutschen, sondern auch die Bayern staunten. Ganz nah vor uns, und fern und ferner ragten ungeheure nackte Felsen zum blauen Himmel empor. Einige waren von der Abendsonne beschienen und leuchteten hell und hart; andere, der Sonne abgewandt, drohten finster und fürchterlich, oft dicht über uns. Hier und da hatten alte ungeheure Mächte gewaltet, Stücke vom Felsen abgeschlagen und in die Tiefe gestürzt, andere Stücke, schon angerillt, hingen in ungeheurer Höhe, als ob sie jeden Augenblick abstürzen wollten. Kleine Mächte konnten auch hier nicht existieren. Wir sahen keinen Strauch, nicht einmal einen Grashalm, und kein Tier. Nur wir Menschen rollten auf unsern knarrenden Wägelein, drollig anzusehn, durch das ungeheure tote Wunderwerk.
Wir hielten an einer kleinen Station, einem kahlen Wellblechhaus, und kochten uns Kaffee und Reis. Als wir wieder aufstiegen, wurde uns befohlen, den Mündungsdeckel von unsern Gewehren abzunehmen und zu laden. Ich tat es mit einem wunderlich unbehaglichen Gefühl. Dann ging es mit lautem Getöse, das häßlich und hart widerhallte, in die helle graue Nacht hinein. Es ging immer in einem tiefen, schmalen Tal entlang; zu beiden Seiten stiegen hohe Felsen empor. Viele von uns kauerten schlaftrunken, andere standen, andere saßen auf dem Wagenrand; jeder hatte seine weiße Wolldecke um sich gelegt. Wir sagten nicht viel. Viele waren wohl mit ihren Gedanken zu Hause, oder sahen sich heimkommen und von allen geschauten Wundern fröhlich erzählen. Viele dachten wohl, wie der Feind von jedem Felsen herab auf unser Knäuel von Menschen schießen könnte, während wir, fast wehrlos, langsam vorüberfuhren. So brüteten wir müde und hungrig und an den Gliedern zerschlagen. Am weiten, klaren Himmel standen auf hellem blauen Grunde unzählige goldblinkende Sterne. Das war wohl ein schönes, erhabenes Bild. Doch war es nicht so schön, weder so mächtig, noch so ruhevoll, wie in der Heimat. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch. Die Nacht war unfreundlich kalt.
Wir fuhren auch noch den größten Teil des andern Tages, der wieder sehr heiß und sonnig war, in den Tälern des schrecklichen, kahlen Gebirges. Da wir meinten, daß wir unsere Wassersäcke an einer der nächsten Stationen wieder füllen könnten, tranken wir, bis sie leer waren. Als wir aber dann am Mittag wirklich an einer Station hielten und die Maschine Wasser bekam und wir uns auch nehmen durften, konnten wir es nicht trinken, weil es widerlich salzig war. Zu der Zeit war uns auch das Brot ausgegangen. Wir kochten von unserm Reis eine Handvoll halb gar und aßen es. Die Geschirre wischten wir ein wenig mit Sand aus. Dann ging es weiter. Mancher griff zu den eisernen Portionen, die er im Tornister hatte, obgleich verboten war, davon zu nehmen. Aber viel schlimmer als der Hunger war der Durst. Wir hatten keine Feuchtigkeit im Munde, die Lippen ein wenig naß zu machen. Dürr und heiß ging der Atemzug durch die Mundhöhle. Brandige Trocknis stieg wie mit Sporen und Stacheln immer tiefer in den Hals hinab.
Am Nachmittag kamen wir endlich aus dem Gebirge heraus und kamen auf eine weite Ebene.
Wir machten sehr lange Hälse, als wir herauskamen. Wir meinten, nun endlich, nun wir zuerst die aufsteigenden Dünen, dann das wilde Gebirge hinter uns hatten, müßten die wunderschönen Palmenhaine kommen. Aber was wir sahen, war eine weite, weite Hochebene von rötlichgelber Erde, dürftig bestanden mit grobem, gelblichem, trockenem Grase, das kniehoch wie dünner Roggen wehte. In dem Grase standen verstreut, bald lichter, bald dichter, feste, dornige Büsche, anfangs nur mannshoch, dann drei und vier Meter hoch. Sie standen zuletzt so dicht, daß sie mit den Kronen aneinander stießen. In der Ferne sah man aus dieser weiten, weiten Ebene, hier und da, plötzlich einzelne hohe Bergkegel steil aufsteigen. Einmal, zweimal sahen wir vor uns, in weiter, weiter Ferne, ein wenig über der Ebene, in der heißen, zitternden Luft flimmernd, das, was wir zu sehen begehrten: hohe, fruchtbare Bäume und blaue Flächen wie Wasserteiche. Aber sie verschwanden wieder und waren Nebelbilder.
Obgleich wir mit dem, was wir sahen, lange nicht zufrieden waren, wurde unsere Stimmung doch etwas besser. Es gab immer etwas zu sehn. Ein fremdes rehartiges Tier jagte in Rudeln durch das lange, wogende, gelbliche Gras; ein unbekannter bunter Vogel, papageienartig, flog auf. Die runden, spitzen Bergkegel standen scharf in der Sonne; genau sah man an ihrem Abhang und zu ihren Füßen klippige Felsenhaufen, welche von ihren Höhen hinabgestürzt waren. Je weiter wir kamen, wurden Gras und Buschwerk ein wenig saftiger, und das Bild ein wenig freundlicher. Alles, was wir sahen, das Nahe und Ferne, stand scharf in der wunderbar klaren Luft.
Wir waren ein wenig muntrer geworden, trotz unseres Durstes; da kamen wir zu der ersten Haltestelle, welche die Schwarzen zerstört hatten. Sie hatten das bescheidene Haus ausgebrannt, das Wellblechdach heruntergerissen, den kleinen Hausrat zerschlagen, den Rest mitgenommen. In dem schmalen, dürftigen Garten, dem man noch ansah, mit welcher Mühe deutsche Hände ihn in dem dünnen Erdreich gepflegt hatten, lag ein Haufe weißer Steine. Darunter lag, einen Meter tief in dem dürren Land verscharrt, der Streckenwärter mit seiner Frau, von den Schwarzen überfallen und erschlagen. Die fünf oder sechs Matrosen vom Habicht, welche die Haltestelle zurzeit besetzt hielten, hatten aus Kistenholz ein Kreuz zusammengenagelt und mit stumpfer Bleifeder die Namen der Erschlagenen drauf geschrieben und darunter: Fielen von Mörderhand. Die Fensteröffnungen hatten sie mit blechernen Zementfässern und mit Säcken voll Sand verschanzt.
Die Matrosen waren sehr ernst und still. Ihre Uniform war schmutzig und ganz zerschlissen. Einer trat an den Wagen heran, in welchem ich saß, und sagte: »Ihr werdet noch viel Arbeit bekommen. Wir sind seit drei Wochen nicht aus den Kleidern gekommen.« Ich sagte: »Wir wissen wenig. Wie steht es?« »Wie es steht?« sagte er. »Wir haben schwere Verluste gehabt.« »Tote?« sagte einer von uns. »Tote?« sagte der Matrose verwundert. »Wir haben in den letzten Wochen wieder über vierzig Tote. Sie schießen gut und mit guten Gewehren, nämlich mit denen, die wir ihnen verkauft haben, oder die sie unseren Magazinen oder unseren Toten abgenommen haben.« »So! so!« sagten wir. »Ich will Euch wünschen,« sagte er, »daß Ihr alle wieder zu Muttern kommt.«
Die Tagfahrt war wieder lang und durstig; und die Glieder waren ganz zerschlagen. Gegen Abend kamen wir an einen größeren Bahnhof und schliefen in einer Baracke aus Wellblech an der Erde, in unsere Decken gewickelt, den Tornister unter dem Kopf. Als ich am frühen Morgen, bevor der Tag graute, erwachte und mein Nebenmann, ein kleiner, stiller Thüringer, es merkte, sagte er leise zu mir: »Ich weiß nicht, was das werden soll, wenn ich nicht wieder nach Hause komme. Ich bin der Älteste und habe fünf Geschwister, und mein Vater ist kränklich; wenn der Alte stirbt, muß ich zu Hause sein und für alle sorgen.« Ich sagte: »Du wirst wohl wieder heim kommen.« »Das muß ich,« sagte er. Dann lag er still. Als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, sah er mit scharfen Augen nach oben. Ich glaube, daß er das Wellblechhaus, gegen das er blickte, gar nicht sah, sondern er sah Stube und Stall seines Elternhauses.
Als ich an diesem Morgen von ungefähr um das Bahnhofsgebäude herumging, sah ich die ersten Feinde, einen Gefangenen und sein Weib. Er war ein langer Mann von starkem und stolzem Körper, halbnackt, mit einem gedankenlosen, gleichgültigen Ausdruck in dem ruhigen und finsteren Gesicht. Das Weib war ältlich und sehr häßlich.
Am andern Mittag ging die Fahrt weiter, immer weiter durch das ebene Land, das nur etwas fruchtbarer war und etwas dichter mit dem gelben, langen Gras und den Büschen, und nun auch einzelnen Bäumen, besetzt war; aber es war doch alles graugrün und dürr. Die Haltestellen, an denen wir vorüberkamen, waren fast alle zerstört, neben mancher lag ein Haufe weißer Steine, welcher ein Grab bedeutete. Mitten in der nächsten Nacht kamen wir an ein großes Bahnhofsgebäude, dessen Fenster bis zu Schießscharten vermauert waren. In drei, vier Wellblechschuppen war viel Proviant aufgehäuft. Im viereckigen Hof einer Feste, die da war, bekamen wir endlich eine ordentliche Mahlzeit, nämlich Erbsensuppe mit Fleisch und Reis.
Am andern, dem vierten und letzten Tag der Fahrt, wurde das Land noch fruchtbarer und freundlicher. In der Nähe und Ferne standen zuweilen, in hohem Gras oder Buschwerk, in Gruppen starke Bäume, die wie Eichen aussahen. Dazwischen lief ein breiter Streifen gelben Sandes, das ausgetrocknete Bett eines Flusses. Da waren im Dezember vorigen Jahres, drei Tage lang, Wellen entlang getanzt; man sah noch im Sande ihre Sprünge; aber nun war und blieb es auf ein Jahr, vielleicht auf drei, ganz und gar trocken. So waren alle Flüsse im Lande, die wir getroffen haben: Sandstreifen waren sie, einen oder einen halben Meter niedriger als die Ebene.
Mir gefiel diese Landschaft, durch die wir an diesem vierten Tag fuhren, ziemlich gut. Eine kleine und größere Art von Antilopen, Rehen ähnlich, liefen zuweilen allein oder in Rudeln, behende über die Blößen im Busch. Fremdartige Vögel, etwas größer als Rebhühner, grau und weiß gesprenkelt, flogen über die Büsche hin und ließen sich nieder. Baumgruppen standen stattlich und schön in dem weichen Grün; von fern schauten grüne Bergabhänge nicht unfreundlich herüber. Aber meine Kameraden mochten das Land nicht leiden; ich glaube, es war ihnen nicht fremdartig, nicht wunderbar genug. Sie wollten, daß Afrika ganz, ganz anders aussähe als die Heimat.
Am Nachmittag kamen wir in der Hauptstadt an. Sie ist eine kleine Stadt, sehr weitläufig und ganz unregelmäßig gebaut. Hier und da zerstreut stehn ihre plattdachigen, weißen Häuser auf sandiger, grauer Erde; dazwischen stehn vereinzelt dürftige Bäume. Wir keuchten in voller Bepackung durch Sand und Sonne zu der Feste hinauf, die auf einem mäßigen Hügel lag. Im Hof der Feste, der voll von buntem Leben war, traten wir auseinander.
Was war das für ein Leben, das nun anging! Wir hatten vier Tage lang die Kleider nicht ausgehabt und uns nicht gewaschen. Wir hatten auch drei Tage lang keinen tüchtigen Schluck Wasser getan. Nun waren da Hähne an der Mauer des Hofes, aus denen warmes, fast heißes Wasser lief, das aus dem Berg kam. Wie rasch warfen wir unsere Kleider ab! Und wie fröhlich wuschen und spülten wir uns! Und wie rasch vergaßen wir Durst und Schmutz! Und wie neugierig sahen wir uns um!
Es gingen da Schutztruppler in ihrer Korduniform, braunsamtener Rock und Pluderhose und Reiterstiefel. Dazu grauer Schlapphut. Sie waren meist schon jahrelang in diesem Lande. Krank oder verwundet, oder bestimmt, uns als Landeskundige an den Feind zu begleiten, gingen sie mit Muße oder geschäftig hin und her. Diese redeten wir an, während wir uns wuschen, und fragten sie, wie es mit der Sache stände. Sie waren etwas steif, wie alte Feldsoldaten immer sind, besonders, wenn man dumm drauf los fragt, wie einige von uns taten. Als ich aber einen von ihnen, einen Sergeanten, mit Respekt und Verstand anredete, erzählte er von der Grausamkeit der Feinde gegen die Farmer, von den schweren Verlusten in den letzten Gefechten, von der Stellung der Feinde. Da traten viele von uns hinzu. Der Sergeant hieß Hansen und war ein Hamburger.
Es waren aber auf dem Hofe der Feste auch Weiber von den Feinden, von denen einige jung und nicht unschön waren, die meisten aber welk und häßlich. Sie holten sich Wäsche von den Soldaten und lungerten herum, schmutzig, eine kleine Pfeife im Munde. Es gefiel mir nicht, daß einige von uns sofort an sie herantraten und durch Gebärde und einige englische oder plattdeutsch-holländische Worte mit ihnen scherzten.
Es waren auch Buren auf dem Hof, stattliche braune, langbärtige Männer in Kord- oder Khakiuniform. Die deutsche Regierung hatte sie als Frachtfahrer angenommen. Mächtige, vierräderige Wagen, sogenannte Kapwagen, mit einer Leinwandplane überdeckt, standen draußen vor dem Hof. Diese Wagen sollten morgen mit uns ausziehen und uns Proviant und Futter in die Wildnis schleppen.
Wir schliefen in dieser Nacht auf dem Hof der Feste. Vor dem Einschlafen dachte ich lange an die Eltern und an Itzehoe und an mein bisheriges Leben. Es fiel mir dabei ein, daß ich wohl länger als ein ganzes Jahr nicht gebetet hatte und ich beschloß, daß ich wieder damit anfangen wollte.
V
Am andern Morgen, als es noch dunkel war, brachen wir auf. Wir sollten in einem großen Bogen nach Nordost den Feind umgehn, daß er nicht samt all seinen Viehherden, eigenen und gestohlenen, nach Osten hin ins englische Gebiet entliefe. Es marschierte vorläufig nur etwa eine Kompanie mit vier kleinen Kanonen; die andern sollten in einigen Tagen nachkommen.
Voran zogen unsre Führer, die Schutztruppler, auf ziemlich guten, zottigen Pferden, das Gewehr im Lederschuh rechts auf dem Bein. Es waren meist alte Afrikaner, Farmer, die als Landwehrmänner zur Fahne gerufen waren. Dann ritt der Hauptmann mit den Offizieren. Dann kam die lange Reihe der Wagen und der Geschütze.
Schwerfällig, von den langen Ochsenreihen gezogen, rumpelten die großen Wagen dahin. Bald mahlten die hohen, schweren Räder im tiefen Sand; bald kletterte ein Rad über einen in der Spur liegenden Stein; in allen Teilen krachend und knirschend fiel der Wagen wieder in seine Lage. Schwarze Treiber liefen neben her, schrien jeden Ochsen mit Namen an und klatschten mit der ungeheuren Peitsche, die sie mit beiden Händen angefaßt hatten. Hinter jedem Wagen, der mit seinem Gespann wohl fünfzig Meter lang war, marschierte eine Sektion in Staub und Sand, möglichst eben außerhalb der Wagenspur, das Gewehr über die Schulter gehängt, den Patronengurt um den Leib. Einzelne Reiter, Offiziere, zogen hier und da neben uns her. Zuletzt kam die sogenannte Nachspitze, ein halber Zug. Das Gelände war meistens mit mannshohem Busch bestanden, der bald lichter, bald dichter war. So zogen wir in unendlich langem Zug auf einem Weg dahin, der durch nichts als durch alte und neue Wagenspuren bezeichnet wurde. Bald stockte hier ein Wagen, weil das Geschirr der Ochsen in Unordnung gekommen war, bald da, weil ein Rad zu tief in ein Loch gefallen war, bald da, weil ein Ochse schlapp wurde und ausgespannt werden mußte.
Die Sonne glühte gleich an diesem ersten Tag trocken und heiß. Der Weg war ziemlich hügelig. Dazu voll von großen Unebenheiten. Um elf Uhr, als die Hitze unerträglich wurde, kamen wir zum Glück an einen schönen schattigen Platz und machten da Rast. Unfern davon war ein schönes stattliches Farmhaus von den Schwarzen ganz und gar zerstört worden: die Fenster waren herausgerissen, die Stuben ausgebrannt; die schweren, sauber gearbeiteten Möbel lagen zerschlagen durcheinander; viele Bücher lagen verschmutzt und zerrissen umher. Wir kochten uns, jede Backschaft für sich, ein wenig Reis zu Mittag und legten uns dann zur Rast in den Schatten der Wagen. Am Nachmittag zogen wir weiter bis in den späten Abend hinein.
In einer Lichtung machten wir dann ein Lager und befestigten es, indem wir die Wagen im Viereck rund um uns aufstellten. Dazu machten wir noch ungefähr fünfzig Meter außerhalb der Wagen, an allen vier Himmelsrichtungen, je einen kleinen Dornverhau, der mit seiner halbmondförmigen Rundung nach draußen wies, und legten in jeden einen Unteroffizier und drei Mann hinein. Der Unteroffizier mußte in der Mitte des Verhaus stehn und überweg sehn; zwei der Leute mußten seitwärts hinter ihm liegen; der vierte aber mußte bis zum nächsten Verhau, ungefähr vierhundert Meter weit, zwischen die Büsche durch, hin und her gehen. Es war bekannt, daß feindliche Haufen in der Nähe wären.
Ich gehörte in dieser Nacht zum Posten Nummer zwei, lag bis acht Uhr hinter dem Unteroffizier auf der Erde und lugte und horchte in die Nacht hinaus, das Gewehr zur Hand. Von fern her aus dem Busch kam das Geheul fremder wilder Tiere; leise und niedrig setzte es an und wurde dann höher und heiser. Dazwischen klang ein anderes Geheul, gröber und stoßweise. Dann und wann krachte ein dürrer Ast. Ist es der Posten, der vom andern Verhau zurückkehrt? Ist es der Feind? Ist es ein Tier? Da kommt der Posten langsam und vorsichtig heran. Er beugt sich ein wenig vor und meldet in den Verhau leise: »Von Patrouille zurück. Alles klar.« Es war eine sehr dunkle Nacht.
Kurz darauf kam an mich die Reihe unterwegs zu gehen, bis an den Morgen. Ich machte mich auf und tappte vorsichtig los und stand oft still und horchte in die dunklen Büsche hinein, die rings um mich standen, und kam zum nächsten Verhau, meldete und ging ebenso wieder zurück. Oft meinte ich deutlich, daß ein dunkler Körper da irgendwo an einem Busch im Grase kauerte. Das Herz klopfte mir wild. Nun brach hinter mir ein Ast. Ich trat mit einem leisen, vorsichtigen Schritt zurück, daß ich einen Busch im Rücken hatte, und spähte nach allen Seiten. Als alles wieder still war, ging ich vorsichtig weiter. Meine Augen gingen eilig hin und her, wie Mäuse in einer Falle.
Da, beim dritten Gang, fiel vor mir, nach dem nächsten Posten zu, ein Schuß. Er schlug knallend durch das stille Dunkel der Nacht. Ich stürzte auf das Knie, riß mein Gewehr hoch und wartete, ob ich ein Ziel sähe. Ich lag eben, da drangen sie auch schon aus der Wagenburg, dem Posten zur Hilfe. Ich hörte ihre Stimmen; dann blitzten ihre Schüsse seitwärts vor mir. Das ganze Lager kam in Bewegung; ich hörte Kommandos; sie schossen eifrig. Ich lag, und wartete wohl eine halbe Stunde oder mehr, und schoß nicht; denn ich sah kein Ziel. Dann wurde es still.
Da erhob ich mich und ging weiter, langsam und vorsichtig, damit ich nicht unversehens für einen Feind gehalten und beschossen würde. Ich kam glücklich zum Verhau und machte Meldung. Da war dort nur ein Mann. Ich fragte ihn leise, wo die andern wären. Er sagte ebenso leise, sie wären auf den ersten Schuß hinausgegangen, den Angegriffenen zu helfen und wären noch nicht zurückgekehrt. Da ging ich also wieder zurück.
So wanderte ich in der stillen Nacht hin und her, wie mir gesagt war, und jedesmal, wenn ich zu dem andern Posten kam, beugte ich mich vor und sah in den Verhau und fand immer nur den einen, der stand aufrecht, das Gewehr im Arm und sah ins Dunkle. Und wenn ich leise fragte: »Die andern?« wandte er den Kopf rasch zu mir und hob die linke Hand abwehrend und spähte weiter in die Nacht und sagte kein Wort. Da dachte ich daran, daß es ein Unglück gegeben hätte.
So ging ich hin und her, bis das Dunkel langsam grau und grauer wurde und die kleinen Stimmen in den Büschen zirpten und im Osten in fünf rosigen Streifen das Morgenlicht aufstieg. Da kam die Ablösung.
Und da, als ich ins Lager gekommen und auf meine Backschaft zuging, die um ihr Feuerloch saß, und ich mich so von ungefähr umsah – denn das ganze Bild war mir neu: die großen, schweren Wagen rundum, die alten Afrikaner in ihren hohen Stiefeln hemdärmlig um ihre Feuerlöcher, die beiden Zelte der Offiziere, die schwarzen Treiber in der Ecke in hockender Stellung schwatzend und lachend – und ich grade den Mund auftun und ganz munter und großprahlig fragen wollte: »Was war das für 'ne Schießerei diese Nacht?« da stand das ganze Lager plötzlich auf und blickte mit großen, ernsten Augen nach dem einen Ende, wo viele zusammenliefen und vor sich auf die Erde sahen. Und einer sagte: »Siehst Du? Da ist es.«
Da wußte ich, was geschehen war. Ich ging mit ihnen zu dem Haufen – die Füße waren mir ganz schwer – und sah drei Kameraden auf der Erde liegend, die ganze Brust blutig, mit offenem Mund und starren, trüben Augen. Ein Unteroffizier, der neben mir hinzugetreten war, sagte: »Es sind die vom Posten drei.« Wir standen und sahen auf sie nieder. Immer mehr kamen hinzu. Wir sagten kein Wort. Ein Offizier trat hinzu und schickte uns fort.
Einige Stunden später wurden die Toten, in ihre Wolldecken gehüllt, an einer sanften Anhöhe begraben. Acht Mann schossen über ihrem offenen Grab schräg hinauf in die Luft, zu ihrer Ehre. Der Hauptmann sprach ein Vaterunser. Dann saßen wir still und bedrückt an unsern Kochlöchern.
Wir blieben drei oder vier Tage an dieser Stelle. Denn es war Befehl gekommen, daß wir hier den Major erwarten sollten, der mit der andern Kompanie nachkam. Wir mußten viel Dienst machen: Gewehrappelle, Gefechtsübungen im Busch und dergleichen.
Daneben machte uns das Kochen viel Arbeit. Aber wir machten auch viel unnötige Umstände dabei und Ungeschicklichkeiten. Jede Backschaft – das waren meist sechs Mann – machte sich ein Kochloch, so schön, wie es nur möglich war, und machte mit viel Kunst und noch mehr Gerede in einem Kreis eine Rinne darum, knietief, darin ein jeder seine Beine stecken konnte, so daß wir recht behaglich herum saßen. Einige Backschaften prahlten mächtig mit solchen Erdarbeiten. Dann mußte einer, und zwar einer mit gutem Griff und Mundwerk, Proviant vom Wagen holen: Reis, Fleisch, Weizenmehl, Salz, Kaffee. Andere mußten aus dem Busch ums Lager trockenes Holz zusammen suchen. Andere mußten aus den steilen schwarzen Klippen aus tiefen Wasserlöchern Wasser holen. So hatte jeder seine Arbeit.
Eine schwierige Sache war das Brotbacken. Der eine erinnerte dies, der andere das. Jeder wußte etwas. Einige sahen in Gedanken auf die Erde und hatten dann glücklich eine Erinnerung wie ein Gesicht und sprudelten heraus, was ihnen im Geist erschienen war. Einer, ein Holsteiner aus der Gegend von Neumünster, schien die größte Zeit seiner Kindheit neben seiner Mutter vor dem Backofen gestanden zu haben, der in der Ecke des Gartens am Wall gestanden hatte; er behauptete sogar, seine Mutter hätte ihn mehrmals aus Versehen auf die Schaufel gesetzt und hineingeschoben, er wüßte also nicht allein wie einem Brotbäcker, sondern auch, wie einem Brot zumute sei. Er war ein Schelm und wir hörten nicht auf ihn. Wir waren sehr neugierig. Besonders machte der Sauerteig uns viel Gedanken. Nach langen, hitzigen Reden und nach viel Gelauf hin und her zu andern Backschaften machten wir ihn aus Rum und Mehl. Einige standen schon lange mit aufgekrempelten Ärmeln, bereit zum Kneten. Einer schlug vor, daß sie sich vorher die Hände waschen sollten. Er bekam aber einen scharfen Verweis, daß er einen Vorschlag mache, der lächerlich wäre. Es gab kein Wasser zum Händewaschen. Sie kneteten den Teig fleißig. Sie legten ihn vorsichtig ins Kochgeschirr auf das gelinde Kohlenfeuer. Er ging auch ein wenig in die Höhe. Er bräunte sich auch ein wenig. Aber er war dann doch klitschig und klebrig.
Abends saßen wir um das verglimmende Feuer und sprachen von der Stellung der Feinde und dem Verlauf des Feldzuges – es liefen viele wilde und auch wunderliche Gerüchte hin und her – und kamen auf das letzte Gefecht: daß wir keinen einzigen toten Feind gefunden hatten und ob die drei vielleicht von uns selbst erschossen wären, und schüttelten sehr die Köpfe und sahen in die Glut, und einer beugte sich vor und half dem Feuer ein wenig auf. Dann kamen wir auf Kiel zu sprechen und auf die Heimat. Und jeder erzählte von seinem Leben und seiner Kindheit und lobte sie. Und besonders die Schwaben redeten viele und große Worte, was sie da alles hätten und könnten. Dann legten wir uns so, wie wir saßen, im Kreis um das Kochloch, legten die Decke über uns und schliefen.
Am vierten Abend, als es schon dunkel war und wir um die Feuer saßen, sahen wir im Osten Lichter blitzen. Bald darauf blitzte es auch im Westen. Wir kamen sehr in Aufregung; wir meinten, es wären Signale, welche die Feinde sich gäben, uns anzugreifen. Es stellte sich einen Augenblick wie ein weißer Stern am Horizont, und verschwand, und erschien gleich wieder. Es schien ganz nahe. Aber am andern Morgen erzählte mir Gehlsen, daß es Lichtsignale der unsrigen gewesen wären, die fern im Osten, mitten unter den Feinden, in einer Feste saßen. Sie hatten über uns weg nach Westen hin, der Hauptstadt zu, ihre Meldung gemacht und von da Antwort bekommen.
Am andern, dem fünften Morgen, in aller Frühe, sahen unsere Posten den Major heranziehen. Da stiegen viele auf die Wagen und sahen den langen, langen Zug, der langsam aus den Schluchten der Berge herauf kam, und wir redeten, als wären wir schon alte Afrikaner, obgleich wir ihnen doch bloß um vier Tage und drei Tote voraus waren, und sagten einer zum andern: »Na, der Alte wundert sich! Das ist ein anderes Marschieren als in Kiel!« So standen wir und sahen, wie sie zu uns heraufzogen, und freuten uns besonders, als wir den Alten erkannten. Wir waren ihm zum erstenmal überlegen.
VI
Wir sollten den Feind nordostwärts im Bogen umgehn und ihn stellen, wie einer auf der Hofstelle einen Bogen läuft und das Fohlen stellt, daß es wieder zurück läuft, wo mit dem Halfter in der Hand der Knecht wartet. In Eilmärschen sollten wir marschieren, mit wenigen und leichten Wagen, das heißt, mit wenigem und leichtem Proviant, und weniger und leichter Kleidung. Wir waren gegen dreihundert Mann, Seesoldaten, Matrosen und die Schutztruppler, die uns führten.
Voran zog wieder der Haufe alter Afrikaner, Offiziere und einfache Soldaten, alle beritten. Dann kam der Alte mit einem Offizier. Dann kamen wir zu Fuß, in langer, dünner Linie, in Staub gehüllt. In unserer Linie, hier und da, fuhren unsere dreißig mächtigen Kapwagen mit Proviant und Munition, und die leichten Geschütze, von je zehn bis vierundzwanzig langhörnigen Ochsen gezogen, von Schwarzen unter lautem Schreien getrieben. Zu beiden Seiten des Weges war dichter oder lichter, graugrüner Dornbusch mit knochenhartem Holz und fingerlang gebogenen Dornen, mannshoch, zuweilen zwei Mann hoch. In solcher Weise und durch solches Gelände sind wir nun Tag für Tag, Woche für Woche gezogen. Und von Tag zu Tag und Woche zu Woche mühseliger. Denn bald fing die Zeit an, wo wir mehr und mehr verhungerten und verelendeten, wo die Ochsen vor Entkräftung stürzten und wo einige der schweren rumpumpelnden Wagen voll von dem Jammer der Verwundeten und Schwerkranken waren.
Wenn die Sonne über uns hoch und höher, fast bis zur höchsten Himmelshöhe stieg und der Sand unter unseren Füßen glühend wurde und Auge und Kehle brannten, hielt die Spitze an einer Lichtung, wo Wasser sein sollte. Nicht immer war Wasser da; oft mußten wir, die schwer dürstenden, Löcher graben, ob wir ein wenig fänden, welches langsam hervorsickerte; fast immer war es salzig, oder milchig von Kalk, oder stinkend. Oft aber fanden wir auch dieses lumrige, widerliche Wasser nicht und mußten durstig weiter ziehn bis in die Nacht.
Fanden wir es, so machten wir erst einen Dornverhau rund um uns. Dann holte sich jede Backschaft ihre schmale Nahrung: ein wenig Fleisch von einem frischgeschlachteten schlappen Ochsen, ein wenig Mehl, ein wenig Reis. Das Fleisch oder Mehl verrührten wir in unserm Kochgeschirr mit dem schlechten Wasser, setzten es aufs Feuer und nannten es Fleischsuppe, Bouillon mit Reis, oder Pfannkuchen, die sie Plinsen nannten. Die Kochgeschirre reinigten wir mit dem Sand, der daneben lag. Danach lagen wir noch eine Stunde im Schatten der Wagen oder einer hochgestellten Zeltbahn. Dann ging es weiter.
Müde und gleichgültig zogen wir in den Abend hinein. Ich weiß nicht, ob wir in diesen Wochen jemals gesungen haben. Oft zogen wir bis in die Nacht. Wunderlich fahl, wie helle Spinnweben, lag der Mondschein über dem weiten, buschigen Land; wunderlich wirr und unruhig funkelten die fremden Sterne. Der Gewehrriemen auf der Schulter drückte; die Füße stolperten in der unebenen Wegspur; die Gedanken waren langsam und stumpf.
Wenn wir dann in der Nacht eine Wasserstelle erreicht hatten und zuletzt ein oder zwei, oder, wenn es hoch kam, drei Kochgeschirrdeckel voll des schlimmen Wassers ausgeliefert bekommen hatten, waren wir zu müde, um noch ordentlich abzukochen. Wir rührten ein wenig zusammen, was wir bekamen, und aßen es halb gar. Es war uns befohlen, das Wasser erst zum Sieden zu bringen. Aber ich habe gesehen, daß auch die Offiziere, ja selbst die Ärzte es so wegtranken. Wir waren zu müde und zu stumpf.
So ging es Tag nach Tag, vier Wochen lang. Das Land war immer eben, buschig. Wir trafen kein einziges Haus und wir trafen keinen Menschen.
Es war schlimm, daß wir nicht reichlich Proviant mitnehmen konnten. Dann hätte mancher die Heimat wiedergesehen. Wir selbst merkten es nicht; aber die Offiziere und Ärzte haben es wohl gesehen, daß wir allmählich saft- und kraftlos wurden. Wenn wir noch Zeit und Lust gehabt hätten, ordentlich zu kochen; aber das Wasser war oft so widerlich, daß es keine Freude war. Und wir mußten noch dazu so sparsam damit umgehen, daß unsere Geschirre verschmutzten. Ich rieb sie mit Sand; ich rieb sie mit abgerissenem Gras, aber sie wurden nicht rein. Es war auch schlimm, daß wir nichts als den dünnen Khakianzug hatten. Die Beinkleider, morgens im kniehohen, nassen Gras, mittags im heißen Staub, den ganzen Tag zwischen dornigem Buschwerk, fransten unten aus und hingen bald in Fetzen. Wenn zuweilen ein Gewitter oder ein Regensturz herniederging und dann die Nacht kam, fror uns entsetzlich. Es gab sehr kalte Nächte.
So mußte es kommen, daß wir bald kraftlose Leute wurden. Wir selbst merkten es nicht. Ich dachte nur zuweilen verwundert: ›Es war doch so viel Reden und Streiten an Bord! Es waren doch so viele Schelme unter uns! Wo sind die Narren? Und warum singen wir nicht? Wie ist Behrens gelblich blaß und mager geworden! Wie liegen dem Unteroffizier die Augen tief und fiebrig im Kopf! Was haben wir für wunderliche dünne Bärte, wir jungen Menschen!‹ Es waren viele unter uns, die noch nicht zwanzig waren.
Einmal trafen wir einen großen Kapwagen. Verlassen stand er auf dem Weg. Ein Farmer oder Händler hatte entfliehen wollen, hatte seine wertvollste Habe auf den Wagen gepackt, seine Ochsen davor gespannt, seine übrige Herde vor sich hergetrieben. Bis hierher war er gekommen. Seine Knochen lagen von Tieren rein gefressen, seitwärts am Busch in der Sonne; seine Habe war gestohlen; und rund um den Wagen lag zerrissen das einzige, was der Feind nicht hatte brauchen können: Briefe und Bücher. Wir begruben die Knochen im Busch, banden mit Bindfaden ein Kreuz zusammen und stellten es auf das Grab, und nahmen einige Briefe und Buchfetzen an uns und lasen darin und warfen sie weg.
An einem andern Tag entdeckten wir, versteckt im Busch neben dem Weg, auf einer Anhöhe, viele verlassene Hütten der Feinde. Sie waren wie große Bienenkörbe, im Gerippe aus Ästen und Reisig, mit Kuhdung beschmiert. Obgleich wir so müde waren, nahmen wir uns doch Zeit, sie anzustecken, und standen nachher auf einer Steigung unseres Weges und sahen zurück. Die Glut färbte weithin den Abendhimmel.
Sonst weiß ich nicht, daß uns etwas Besonderes begegnet wäre. Wir zogen immer auf dem sandigen Weg dahin, in Staub gehüllt. Zu beiden Seiten war Buschfeld, das zuweilen dünner war, und zuweilen zur Seite wich, daß es eine stattliche Lichtung gab.
Unsere Reiter, die alten Afrikaner und die Offiziere, ritten oft voraus, oft stundenweit, und suchten den Feind zu erspähen. Wenn sie zurückgekommen waren, ging es oft durch die Reihen, und abends von Feuerstelle zu Feuerstelle: »Wir sind dem Feind nun ganz nah, morgen, übermorgen treffen wir ihn!« Dann freuten wir uns, und jeder saß und besah sein Gewehr und untersuchte den Patronengurt. Aber es kam ein neuer Tag, und noch einer, und wir wurden matter und schlapper und sahen nichts vom Feind.
So ging es vier Wochen, immer weiter, weiter. Es war schlimm, daß wir nie aus den Kleidern kamen und uns nie waschen konnten, selten und unvollkommen einmal das Gesicht und die Hände. Aber schlimmer war wohl, daß wir uns nie mehr satt essen konnten. Sie hatten es mir übergeben, den Proviant zu holen: ich brachte immer weniger zum Kochloch. Ein wenig Reis, ein wenig Büchsenfleisch, ein wenig Mehl, ein wenig Kaffee. Es gab keinen Zucker mehr. Und dann kam ich eines Tages vom Wagen zurück: da brachte ich kein Salz mit. Da buk ich Plinsen aus Mehl und schmutzigem Wasser. Das Wasser, das wir dazu tranken, schmeckte oft widerlich nach Glaubersalz, oft war es gelb wie Erbsensuppe und stank. Die Nächte waren kalt.
Ich kann nicht sagen, daß wir immer niedergeschlagen waren. Auch murrten wir nicht. Wir sahen ein, daß es nicht anders gehen konnte, und daß die Offiziere alles wie wir ertrugen. Wir waren aber still und sehr ernst. Wir dachten immer, und damit hielten wir uns aufrecht: »Wir kommen nun bald an den Feind und schlagen ihn und beenden damit den Feldzug, und dann … dann, ach, dann kehren wir nach der Hauptstadt zurück und bekommen einen neuen Anzug und baden. Wir springen ins Wasser. Und bekommen ein Taschentuch, ein schönes rotgewürfeltes, ganz reines, und bekommen einen großen Topf voll schönem Fleisch und eine Handvoll weißem, körnigem Salz, und einen großen, großen Becher voll reinem, silberblankem Wasser … wie das hell leuchtet! und trinken einen langen, langen Zug, und halten den großen leeren Becher wieder hin und – wieder fließt das Wasser hinein – und trinken und trinken … Und dann, nach einigen Tagen, fahren wir zur Küste und dann geht es in die Heimat. Was werden wir alles erzählen aus diesem Affenland!«
Unsere Stiefel gingen entzwei; unsere Beinkleider waren unten nichts als Fetzen und Lumpen; unsere Jacken bekamen vom Dorn große Löcher und wurden entsetzlich schmierig, weil wir alles daran abwischten; unsere Hände waren voll von entzündeten Stellen, weil wir oft in den Dorn greifen mußten.
Unser Leutnant sprach oft mit uns. »Seid munter!« sagte er. »Wir werden ein Gefecht haben und die Kerle nach Westen zu der Hauptabteilung in den Rachen werfen. Und im Juli sind wir wieder zu Hause.« Ich wunderte mich über ihn, daß er, obwohl er nicht viel älter war als wir, und alle Beschwerden hatte wie wir, immer gleichmäßig ruhig war, während wir doch oft unnütz waren und zornig wurden und schimpften. Es kam nicht davon, daß er mehr gelernt hatte als wir: ich glaube, es kam daher, daß er ein inwendig gebildeter Mensch war; das heißt: Seele und Geist in Gewalt hielt, daß sie die Dinge rund um ihn her ruhig, gerecht und nachsichtig überdachten. Sein Wille wollte so, und da geschah es. Da habe ich gemerkt, daß Wille zehnmal mehr wert ist als Wissen. Wir sagten mit keinem Wort, wie viel wir von ihm hielten. Aber wir sprachen oft von ihm und sahen oft nach ihm hin. Er war ein kleiner Mann und ritt ein starkes, ostpreußisches Pferd und trug den grauen Filzhut mit der aufgeklappten linken Krempe immer ein wenig auf dem linken Ohr.
Der Alte kam auch zuweilen zu uns und redete uns an. Dabei sah er jeden genau an, als wollte er erkennen, ob er irgendeine Not hätte. Wir fühlten alle, daß er ein kluger und wacher Mann war und daß er ein mildes, teilnehmendes Herz hatte. Darum fühlten wir uns sicher unter ihm, wußten auch, daß es nicht anders sein konnte, wie es war – sonst hätte er es geändert –, und liefen wie die Hasen, wenn wir ihm etwa eine Freude machen konnten. Und wenn einer so gelaufen war, verspotteten wir ihn: »Mensch, was bürstest Du!« Aber wenn die Reihe an einen andern kam, lief er ebenso.
Zuweilen, wenn wir an unserm Kochloch saßen, machte ich mich davon und ging zu den alten Afrikanern, die ihr Feuerloch immer an einem der Wagen hatten, die Sergeant Hansen führte. Dann winkte mir Hansen; denn er mochte mich leiden, seit ich ihn im Hof der Feste angesprochen hatte. Sie saßen immer für sich, nicht allein aus Stolz, sondern auch, weil sie meist fünf oder gar zwanzig Jahre älter waren als wir. Einige von ihnen waren schon zehn Jahre oder darüber im Lande.
Ich setzte mich still zu ihnen und hörte mit großer Begierde, was sie miteinander redeten. Zuweilen sprachen sie von den wilden fünfzehnjährigen Kämpfen in der Kolonie, die sie ganz oder zum Teil mitgemacht hatten, und von den Kämpfen der letzten drei Monate. Sie nannten manchen Ort tapferer Tat und manchen wackern Mann, Tote und noch Lebende. Ich wunderte mich, daß schon so große und harte Dinge von Deutschen in diesem Lande ausgeführt waren, davon ich nimmer auch nur ein Wort gehört oder gelesen hatte, und daß schon so viel deutsches Blut qualvoll in diesem heißen, dürren Lande geflossen war. Sie kamen auch auf die Ursachen des Aufstandes; und ein Älterer, der schon lange im Lande war, sagte: »Kinder, wie sollte es anders kommen? Sie waren Viehzüchter und Besitzer, und wir waren dabei, sie zu landlosen Arbeitern zu machen; da empörten sie sich. Sie taten dasselbe, was Norddeutschland 1813 tat. Dies ist ihr Befreiungskampf.« »Aber die Grausamkeit?« sagte ein anderer. Aber der erste sagte gleichmütig: »Glaubst Du, daß es ohne Grausamkeit abginge, wenn bei uns das ganze Volk gegen fremde Unterdrücker aufstände? Und sind wir nicht grausam gegen sie?« Sie sprachen auch darüber, was wir Deutschen hier eigentlich wollten. Sie meinten, darüber müßten wir uns klar werden. »Jetzt stände es so: Es wären Missionare hier, die sagten: ›Ihr seid unsere lieben Brüder in dem Herrn, und wir wollen Euch diese Güter bringen: Glauben, Liebe und Hoffnung,‹ und es wären hier Soldaten, Farmer und Händler, die sagten: ›Wir wollen Euch Euer Land und Euer Vieh so allmählich abnehmen und Euch zu rechtlosen Arbeitern machen.‹ Das ginge nicht nebeneinander. Das sei eine lächerliche und verrückte Sache. Es sei entweder recht und richtig, zu kolonisieren, das heiße entrechten, rauben und zu Knechten machen, oder es sei recht und richtig, zu christianisieren, das heiße Bruderliebe verkünden und vorleben. Man müsse das eine klar wollen und das andre verachten, man müsse herrschen wollen oder lieben wollen, gegen Jesus sein wollen oder für Jesus. Die Missionare predigten ihnen: Ihr seid unsre Brüder! Und verwirrten ihnen die Köpfe! Sie seien nicht unsre Brüder; sondern unsre Knechte, die wir menschlich aber streng behandeln müßten! Diese sollten unsre Brüder sein? Sie mögen es einmal werden, nach hundert oder zweihundert Jahren! Sie mögen erst mal lernen, was wir aus uns selbst erfunden hätten: Wasser stauen und Brunnen machen, graben und Mais pflanzen, Häuser bauen und Kleider weben. Danach mögen sie wohl einmal Brüder werden. Man nimmt niemanden in eine Genossenschaft auf, der nicht vorher seinen Einsatz bezahlt hat.«
Ein älterer Frachtfahrer, der manches englische und holländische Wort in seine Rede mischte, sagte, es wäre das Beste, wenn die Kolonie an die Engländer verkauft würde, die Deutschen seien wohl brauchbare Soldaten und Farmer, aber von der Verwaltung der Kolonien verständen sie nichts; sie wollten dies und sie wollten das. Ein jüngerer, der erst drei Jahre im Lande war, sagte darauf: »Es müssen erst tausend oder zweitausend deutsche Gräber in diesem Lande sein, und die werden vielleicht noch in diesem Jahre gegraben werden.«
Über diesen Gesprächen wurde es tiefe Nacht und die Feuer glühten noch wenig und ich sah in ihrem unsicheren Schein die Gesichter, die vom Brand der afrikanischen Sonne verwittert und dunkelbraun geworden waren.
In diesen schlimmen, heißen Marschtagen und mondhellen, kalten Nächten, da wir auf der Spur der Feinde mühselig, doch nicht mutlos durch das wilde, buschige Land zogen, eine Woche nach der andern – da war kein Haus, kein Graben, kein Baum, keine Grenze, im Sonnenbrand des Tages und in dem fahlen Mondlicht der klaren Nächte – da ich hungrig, schmutzig und müde neben der sandigen, holperigen Wagenspur dahinzog, das Gewehr am Riemen über der Schulter, da ich in heißer Mittagsstunde im Schatten des hohen Kapwagens und in bitterkalten Nächten hungrig und unruhig in dünner Decke auf der blanken Erde lag und am schönen, blauen Himmel die fremden Sterne standen: da, glaube ich, gerade in diesen schweren Wochen habe ich das wunderliche, endlose Land lieb gewonnen.
VII
Gegen Ende der vierten Woche kamen vorgeschickte Reiter wieder einmal mit der Meldung, der Feind wäre nahe. Da machten wir ein besseres Lager als gewöhnlich. Wir stellten unter einem großen Baum das Zelt des Alten auf und machten einen starken Dornverhau rund um uns und hoben draußen Latrinen aus, und schliefen die Nacht.
Am andern Morgen in aller Frühe, als ich vom Posten kam, hörte ich, daß alle unsere Reiter, nicht allein die alten Afrikaner, sondern auch die meisten Offiziere als Patrouille ausziehn und die Stellung der Feinde erkundigen wollten. Bald darauf sah ich auch, wie sie sattelten, und das Maschinengewehr und den einen zweiräderigen Karren mit Ochsen bespannten. Dann zogen sie, gegen vierzig Reiter, noch in aller Frühe aus dem Lager. Der Alte mit seiner kleinen strammen Gestalt und seinem forschen Gesicht ritt mitten unter ihnen. Auch unser Leutnant ritt mit. Ich ärgerte mich, daß er statt meiner den Unteroffizier mitgenommen hatte. Doch sah ich ihm nach, bis der schmale Sandweg in den Büschen verschwand. Er trug den Hut auf dem linken Ohr.
Nachdem sie fort waren, fingen wir eine große Wäsche an, denn es war an dieser Stelle ziemlich viel Wasser in tiefen Löchern, die in den hellgrauen kalkigen Boden hinein gegraben waren. Wir machten bei unserm Feuerloch eine breite Grube, legten eine wasserdichte Zeltbahn darüber, gossen das Wasser hinein, zogen unsere Lumpen aus und wuschen und rieben mit großem Eifer. Dann hingen wir sie über die Büsche zum Trocknen. So verbrachten wir den Tag ein wenig munterer als lange, und sprachen über unsere Reiter: ob sie den Feind wohl fänden, und wann sie wohl wiederkämen. Gegen Abend ging ich zu unsern Proviantwagen und empfing unser Teil für die Backschaft und machte einen Mehlpapp und wir setzten uns nach unserer Gewohnheit um das Kochloch und aßen.
Als wir noch so saßen, sahen wir plötzlich, wie die nächste Backschaft die Hälse reckte und aufstand. Zugleich hörten wir ein Rufen vom Ende her. Da sprangen wir auf und sahen, auf dem Weg her, auf dem unsere stolze Patrouille heute morgen ausgezogen war, einen einzelnen Reiter heran galoppieren. Er war vor Anstrengung matt, daß er mit den schweren Sprüngen des Pferdes hin und her wankte, und das Pferd war dunkelblank von Schweiß und mit Schaumflocken übersät. Sie halfen ihm vom Pferde. Sprechen konnte oder wollte er nicht. Der Hauptmann kam aus dem Zelt und nahm ihn mit sich.
In dem Augenblick kamen, kurz nacheinander, zwei weitere Reiter, alte Afrikaner. Der eine war ein Schleswiger, ein tüchtiger, ernster Mann. Sie riefen nach dem Hauptmann und sagten vom Pferd mit schwerer Stimme: »Über die Hälfte sind tot.«
Da riefen wir durcheinander: »Wer denn? Was denn? Wer lebt denn? Wo ist der Alte? Ist Peter tot? Ist unser Leutnant tot? Sag' es doch!« Aber sie sagten nichts. Da kam auch der erste wieder aus dem Zelt und sagte: »Die Karre wird gleich kommen mit mehreren Offizieren, die verwundet sind.«
Da machten wir unsere Gewehre bereit, verstärkten den Posten und schickten einen Zug aus, dem Wagen entgegen, und warteten und brüteten vor uns hin und sprachen mit leiser Stimme. Wir waren wie auf den Kopf geschlagen.
Bald hörten wir dann von ferne aus dem Busch Peitschenknallen; dann sahen wir das weiße Zeltdach des Wagens zwischen den Büschen schimmern. Das Geschirr der Ochsen war verwirrt; mehrere der Tiere waren verwundet. Auf der Kiste, mitten im Wagen, saßen die verwundeten Offiziere, mehrere andere lagen wie tot daneben. Der Alte aber stand in der Mitte aufrecht. Sein Haar war blutig und sein Gesicht war bleich. Die Lazarettgäste kamen mit wollenen Decken gelaufen und legten sie über die Liegenden und trugen sie vom Wagen. Das Blut sickerte in großen roten Tropfen vom Wagenbrett. Nach geraumer Zeit kamen, nach und nach, noch fünfzehn, unter ihnen der Sergeant Hansen. Das war alles was wiederkam.
Ich ging zu meiner Backschaft zurück und saß eine Weile trübsinnig unter ihnen. Die alten Afrikaner saßen nicht weit von uns. Ich wagte aber nicht zu ihnen zu gehn; denn sie waren ein kleiner Haufe geworden. Zuletzt ging ich doch und setzte mich stumm ein wenig zur Seite.
»Er wollte zurück,« sagte Sergeant Hansen und starrte vor sich in das Feuer. »Aber er hatte einen schlimmen Schuß im Bein. So ist er liegen geblieben.«
Es wurde ein anderer Mann genannt. »Der hatte Glück,« sagte der Schleswiger. »Er bekam einen Schuß in die Brust und lag gleich still.«
Ich fragte leise nach unserm Leutnant. »Ich weiß nicht,« sagte der eine. Der andere sagte: »Er ging zur Seitendeckung in den Busch. Karl hat ihn da fallen sehn.«
Einer erzählte vom Alten: »Ich höre mein Leben lang in all dem Jammer und Geschieße seine ruhige Stimme. Es ist ein Wunder, daß er lebend davon gekommen ist.«
Ein anderer sagte: »Sie haben sich alle gut gemacht. Sie lagen und standen und sprangen, und lagen todwund, als tapfere Männer.«
Der Schleswiger schüttelte den Kopf und legte die Hand schwer auf sein Knie: »Daß uns das geschehen konnte!« Sie nannten zwei gute Namen, alte Afrikaner, die geführt hatten und gefallen waren.
Ich sagte mit starker Stimme: »Es sind merkwürdig viele Tote und wenige Verwundete.« Aber Hansen sagte: »Sei nicht so dumm. Sie machen keine Gefangenen. Wir tun's ja auch nicht.«
Dann sprachen sie noch davon, daß wir nun wohl ein Gefecht haben würden und daß dies Gefecht ein sehr schweres sein würde.
Während ich noch bei ihnen saß und ihnen zuhörte, wurden in der Mitte unseres Lagers aus großen Pistolen rote und weiße Glühkugeln als Signale steil in den Nachthimmel hinauf geschossen. Viele standen auf den Wagen und auf den Ästen der Bäume und sahen über das weite, dunkle, schweigende Buschfeld, ob von der großen Abteilung eine Antwort käme. Aber es kam keine.
Als Ruhe im Lager befohlen wurde, ging ich zu meiner Backschaft zurück. Unser Unteroffizier war nicht wieder gekommen.
Da wurde ich am andern Tag zum Gefreiten befördert. Die Knöpfe, die Gehlsen mir schenkte, nähte ich mir mit weißem Zwirn an. Schwarzer Zwirn war nicht da.
Wir lagen noch mehrere Tage an dieser Stelle. Es kamen und gingen täglich mehrere Male Patrouillen; aber keine hatte vom Feind etwas gesehen. Auch kam immer noch keine Botschaft oder Signale von der Hauptabteilung. Wir sprachen viel über unsere Lage, und meinten, der Feind werde eines Tags, von der Hauptabteilung bedrängt, mit seinen Tausenden nach Osten zu auf uns los kommen und uns überrennen, um in die Wüste durchzubrechen. Das mochte wohl ein schwerer Stand werden.
Nach einigen Tagen wurde das Wasser knapp und schlecht. Wir brachen also am Nachmittag auf. Wir marschierten mit großer Vorsicht; denn es war anzunehmen, daß der Feind, der wegen seiner großen Viehherde viel Wasser brauchte, die nächsten Wasserlöcher, die sehr reichhaltig sein sollten, innehätte und hart verteidigen würde. Einige Sektionen mußten also zu beiden Seiten ausschwärmen und geduckt zwischen den Büschen vorschleichen, das Gewehr in beiden Händen bereit. Dazu wurde auch ich kommandiert.
Da unser Haupttrupp auf dem hindernislosen Weg rasch vorwärts kam, hatten wir, die wir immer vorn zur Seite sein mußten, tüchtig zu laufen, zu schleichen, zu bücken, zu springen, immer Fühlung zu halten. So ging es durch sieben Stunden. Als ich abgelöst wurde, war ich todmüde, meine Stiefel, die schon seit vierzehn Tagen vorn zerrissen waren, hatten lose Sohlen. Meine Füße waren wund. Im Weitermarschieren band ich mir die Sohlen mit Riemen aus frischer Ochsenhaut und zog mir starke Dornen aus Händen und Armen.
Wir gingen bis in die tiefe Nacht hinein, die besonders dunkel war. Mitten in der Nacht kam von der Spitze her plötzlich Befehl, Halt zu machen und aufzurücken. Auch die Wagen fuhren in großer Eile auf und zusammen. Im Viereck knieten wir um sie, das Gesicht nach draußen, das Gewehr bereit. Wir meinten, nun käme der Ansturm. Wir gierten alle danach. Aber es kam nichts, und bald hieß es: »Gewehre zusammenstellen und Decken empfangen!« Da stellten wir Posten auf und lagerten dort die Nacht.
Früh am andern Morgen zogen wir unbehindert weiter und kamen gegen Mittag an die Wasserstelle. Es war ein ziemlich großes, von kalkiger Erde weißliches Feld; in mehreren tiefen Löchern war ziemlich viel gutes Wasser. Da lagerten wir.
Am andern Morgen zog unsere Kompanie aus, um die Stelle zu suchen, an der unsere große Patrouille gefochten hatte und zur Hälfte vernichtet war. Nach einem langen, beschwerlichen Marsch durch dichten Busch, an mehreren flachen Teichen vorbei, die gutes Wasser hatten, sahen wir über dem Buschfeld gegen Mittag unendlich viele Geier und Adler in der Luft schweben und auf Bäumen sitzen. Wir gingen darauf zu, und kamen an eine lichte Stelle, die am andern Ende eine kleine buschig werdende Anhöhe sanft hinauf lief, auf welcher, schon im Busch ziemlich versteckt, verlassene Hütten der Feinde standen. An dieser Anhöhe, vor den Hütten des Feindes, lagen viele Leichen der Unserigen im hohen, dürren Gras, nackt, verstümmelt und zerfressen. Viele von uns waren still; andere knirschten mit den Zähnen und ballten die Hände und fluchten; andere spotteten und sagten: »Wie lange wird es dauern, dann liegen wir auch so. Dann haben wir keine Not mehr.«
Wir stellten Wachen rund um uns in den Busch und fingen an, die andern Toten zu suchen, besonders die, welche in den Busch ausgeschwärmt und dort gefallen waren, und fanden sie alle. Da gruben etliche Gräber, andere flochten aus dem dürren Gras Kränze, andere machten aus Holzstücken Kreuze, andere kappten mit ihren Messern und Seitengewehren die hornharten Dornbüsche. Dann legten wir die Toten in ihre Gräber, schaufelten sie zu und legten die abgehauenen dornigen Äste als einen Verhau darüber, damit die wilden Tiere und Menschen sie in Ruhe ließen, und zogen wieder nach dem Lager.
VIII
An diesem Abend oder am andern Morgen kam eine Patrouille mit der Nachricht zurück, daß es den Anschein hätte, als wenn die Feinde südlich von uns nach Osten durchbrechen wollten. Da diese Bewegung unsere Etappenlinie bedrohte, und da überdies immer noch keine Nachricht von der Hauptabteilung ankam, und wir ohne sie mit unserm kleinen Haufen dem Ansturm der Tausende schwerlich standhalten konnten, beschloß der Major, etwa drei Tagemärsche zurückzugehen und dort an unserer alten Wasserstelle, in einem befestigten Lager auf der Lauer zu liegen und auf Nachricht zu warten.
Also machten wir uns denn auf den Rückzug.
Wir waren alle unmutig; viele waren müde und stumpf. Als wir aber nach einigen Stunden an einen großen, schönen Wald kamen, dessen Bäume wie deutsche Eichen aussahen, wurden wir sehr an die Heimat erinnert, und wurden, während wir hindurchzogen, ein wenig lebhaft und munter. Wir kamen dann durch das sandige, trockene Bett eines Flusses, das einen Meter tiefer lag, als seine Ufer. Dann ging es wieder durch ziemlich enge Buschwege.
Als wir an diesem Abend lagerten, sahen wir endlich nach Südwesten zu Signale. Sie leuchteten in weißen und roten Raketen fünf- oder sechsmal auf und erregten und ermunterten uns. Wir dachten, daß es Signale der Hauptabteilung wären und daß wir nun doch noch wieder und auf den Feind losgehen würden. Später, nach Wochen, erfuhren wir, daß der Feind es war, der einige Raketen, die er bei unsern Toten gefunden hatte, spielenderweise abgeschossen hatte.
Wir waren an diesem Abend stiller als sonst. Es war Osterabend.
An diesem Abend vermachte mir Behrens für den Fall, daß er fiele, seine Pistole, die er sich von Kiel mitgenommen hatte, und ich vermachte ihm dafür meine Uhr mit Kette, die ich mir als vierzehnjähriger Junge mit freiwilligem Helfen in der Werkstatt verdient hatte. Der Einjährige Otto Hargens aus Ditmarschen, der an diesem Abend Unteroffizier wurde, ein munterer Junge, war Zeuge.
Am andern Morgen, als es noch dunkel war, machten wir mitten im Lager von trockenem Dornbusch ein schönes Osterfeuer und standen darum und sahen hinein und waren doch froh, daß wir das Leben noch hatten, obwohl es ein so schmutziges und freudloses und mühseliges war, und dachten an die Heimat, wie Mutter nun die Sonntagskleider ausgab, und die Stube so blank war, und der Morgenkaffee so festlich, und die Kirchenglocken über die Häuser hinriefen.
Um diese Stunde, im Morgengrauen, zog ein großer Haufe der Feinde wirklich nach Osten zu; aber nicht, um in die Wüste hinein durchzubrechen, sondern um an einer besonders buschigen Stelle des Weges, die wir heute passieren würden, auf uns zu lauern.
Gegen sechs Uhr, als die Ostersonne hell und klar heruntergekommen war, brachen wir auf. Wir zogen aber so: Voran die kleine Reiterschar, die wir noch hatten, auf abgemagerten, verwundeten und zottigen Pferden; dann marschierte eine Kompanie. Dann kamen unsere Kanonen. Dann kam wieder eine Kompanie. Dann kamen unsere fünfzig Wagen mit je vierundzwanzig Ochsen bespannt. Dann kam meine Kompanie. Ich ging im ersten Zug. Hinter unserm Zug marschierte, als die letzten der ganzen Kolonne, in einem Abstand von ungefähr dreihundert Meter, ein halber Zug. Die ganze Marschkolonne war fünf Kilometer lang. Man konnte in dem dichten, schmalen, staubigen Weg, der sich in Biegungen durch den dichten Busch wand, immer nur einen kleinen Teil davon sehen. Man hörte nur aus dem Peitschenknallen und dem Schreien der schwarzen Treiber: Wörk! wörk! Osse! wie der Zug weiter ging.
Ich ging so in Heimatgedanken vor mich hin, ging durch unser ganzes Haus, und ging vor die Tür, und sah die Straße entlang, wo die Leute zur Kirche gingen, und kehrte mich um und ging in die Küche, wo Mutter die Schwestern besah, ob sie ordentlich waren zum Kirchgang. Wie war da alles friedlich und rein und schön. Und ich zog hier in fremdem Land, fern von der Heimat, mitten unter wilden, heidnischen Feinden, müde, hungrig und in schmutzigen Lumpen. So sann ich. Ich glaube, ich hörte die Osterglocken, wie sie mit schwerfälligen Stößen über die Stadt wankten.
Da fielen nicht weit hinter mir zwei Schüsse. Ich wachte auf; aber ich dachte gleich, es wäre ein Offizier, der in den Busch gegangen und auf ein Stück Wild zum Schuß gekommen war.
Wir zogen weiter. Aber im nächsten Augenblick, während nun hinter uns Schuß auf Schuß fiel und wir uns umdrehten, das Gewehr schon zur Hand, kam ein Mann atemlos, lief an uns vorüber nach vorn und rief: »Die Nachspitze hat Feuer.« Im nächsten Augenblick riefen schon die Offiziere, in die Büsche vorzudringen. Ich lief schon mit Gehlsen und Behrens in den Busch, und dann, in der Richtung des Weges, den wir gekommen waren, auf die Schüsse zu. Ich drang ein wenig so vor. Da sah ich vor mir, zwischen den Büschen, zwei Rauchwolken aufsteigen, riß das Gewehr an die Backe und schoß im Stehen. Im selben Augenblick sah ich zur Seite etwas schwer nach vorn fallen, wie ein Pfahl umfällt. Als ich meinen Schuß getan, sah ich Behrens da in Krämpfen liegen. Ich sprang mit andern, die nachkamen, schräg nach vorn hinter den nächsten Busch, warf mich ins Knie und gab ein heftiges Schnellfeuer nach dem Rauch hin ab und nach etwas, was unruhig und dunkel hinter dem Buschwerk huschte. Ich weiß nicht, wie viel Schüsse. Da fiel mein anderer Kamerad, der neben mir kniete. Im Fall entfiel ihm das Gewehr; er stöhnte und jammerte laut auf. Ich warf mich ganz hin und schoß schnell weiter, um meine Kameraden aufmerksam zu machen, wo ich in großer Bedrängnis läge. So war es abgemacht worden. Die sprangen auch heran und warfen sich hier und da hin und schossen wie ich, gegen Feinde, von denen wir nichts sahen, als hier und da zwischen Büschen ein Wölkchen Rauch. Wir lagen wie Bäume. Dicht neben mir lag ein Unteroffizier, dem der linke Arm schwer blutete. Er hatte das Gewehr auf einen dürren Ast gelegt und feuerte in kurzen, ruhigen Abständen. Die Kugeln kamen von vorn und von beiden Seiten. Nun sah ich auch etwas Fremdes herankommen. In Klumpen lag und kniete und schlich es zwischen den Büschen. Ich sah keinen einzelnen; nur eine Masse. Es kam ganz nah. Die Kugeln splitterten um mich im Buschwerk. Ich schrie so laut ich konnte: »Hierher! Hier!«
Ich glaube fast, daß wir an unserer Stelle uns so gehalten hätten, bis Verstärkung gekommen wäre. Aber da kam der Ruf des Hauptmanns: »Sprungweise rückwärts.« Ich sprang mit vier Nebenleuten auf und lief um ein oder zwei Büsche zurück und warf mich wieder hin. Drei kamen wir an; einer wurde im Sprung getroffen und stolperte und fiel hin. Er versuchte leise jammernd nachzukriechen, konnte es aber nicht. Ich lag und schoß über ihn weg und rückte ein wenig zur Seite, weil er im Schmerz beide Arme hob. Wieder sprangen wir auf, und wieder im Lauf griff mein Nebenmann nach seiner Brust, ließ sein Gewehr fallen, lehnte sich ein wenig seitwärts nach einem Busch und sagte, mit einem Blick auf mich, noch im Stehen: »Gib meinem Bruder das Buch,« und fiel schwer hin und rührte sich nicht mehr. Ich konnte nach dem Buch nicht suchen; denn in diesem Augenblick sah ich, mich zum Schießen umwendend, hier und da zwischen den graugrünen Büschen fremde Menschen in Korduniform wie Schlangen aus dem Gras sich heben, sah um mich und sah, daß ich allein war. Da sprang ich wieder auf und lief drei, vier Sätze zu meinen Kameraden zurück, anderen, die nun gebückt vorgingen, wandte mich wieder um und kniete wieder unter ihnen und schoß; und sah nicht weit von mir eine schwarze, halbnackte Gestalt, wie einen Affen, mit Händen und Füßen, das Gewehr im Maul, auf einen Baum klettern, und zielte nach ihm, und schrie auf vor Freude, als er am Stamm herunterfiel.
Als ich dann wieder schießen wollte und den Zeigefinger krümmte, war die Hand plötzlich machtlos. Ich kam in rasenden Zorn und sah in Wut auf sie. Da sah ich Blut aus dem zerlumpten Ärmel laufen und fühlte auch, daß der Arm vom Ellbogen herunter naß war. Im Halbkreis um mich hörte ich ein dumpfes, wildes Schreien und Rufen der Feinde. Es war niemand mehr bei mir. Da dachte ich plötzlich an das Wort, das mein Vater so oft zu mir gesagt hatte: »Wenn Du Deine Nase in ein Ding steckst, vergißt Du darüber alle andern Dinge.« Ich kroch eilig auf allen vieren zurück, sprang auf und lief geduckt weiter. Da lief noch einer neben mir, ganz auf der Seite hängend, mit blutigem Leib. Ich griff im Laufen unter seinen Arm; aber er fiel stöhnend in die Knie und krümmte sich im Knien. Da nahm ich sein Gewehr, damit es den Feinden nicht in die Hände fiele. Mein eigenes hatte ich über die Schulter geworfen. Und lief so weiter und kam durch vordringende Kameraden hindurch auf eine Lichtung.
Da sah ich den Alten dastehen, straff und ruhig wie sonst, mitten auf dem Platz; um ihn einige Offiziere und Mannschaften. Von drüben aus dem Weg brachen Sektionen hervor, breiteten sich nach seiner Handweisung über die Lichtung rund um ihn aus, warfen sich hin und schossen gegen den Feind. Hinter den Laufenden kamen die Kanonen herangejagt und warfen sich auf seinen Wink dicht vor ihm herum und schossen über die vor ihm liegenden Kompanien weg gegen den Feind. An einer Revolverkanone entfielen mir beide Gewehre und meine Knie vergaßen die Kraft und ich sank zusammen. Ich sah verzweifelt auf meinen blutigen Arm. Im Kauern langte ich nach dem Verbandpäckchen, das ich im Rockschoß hatte, und bekam es auch zu fassen; als ich es aber umbinden wollte, stand das Blut nicht. Da half mir ein Matrose. Einige Verwundete lagen und knieten schon da; andere kamen mit schmerzvollen Gesichtern angekrochen und legten sich hinter die Kanonen, die mit Macht feuerten.
Bald darauf, als Munitionswagen und Lazarettkarren herangaloppiert kamen, stand ich auf und versuchte eine Munitionskiste heranzuschleppen, die sie mit Äxten aufschlugen. Ich konnte auch eine Weile mithelfen; ich weiß nicht wie lange. Aber plötzlich lösten sich wieder die mit Gewalt gefestigten Knie. Da schlich ich mich wieder zu den andern und saß bei ihnen und hielt mit der linken Hand das Blut auf und hob zuweilen die Augen und wenn ich sie hob, sah ich nach dem Alten, der mit seinen Augen die ganze Lichtung absuchte.
So lagen und standen sie im Halbkreis um uns Verwundete und um die ausgeladenen Kranken, die teilnahmlos mit geröteten Gesichtern unter ihren Decken lagen, und feuerten heftig gegen die herandrängenden Feinde. Sie kamen so nah, daß ich sie sah. Sie trugen meist die Uniform unserer Schutztruppe, andere hatten europäische Sommeranzüge, einige waren halbnackt. Ihre Glieder erschienen merkwürdig lang, ihre Bewegungen waren merkwürdig glatt und gewunden. So schlichen, glitten und sprangen sie durch die Büsche an uns heran. Zwei- oder dreimal schossen die Artilleristen mit Schrapnells; es rauschte wie ein Sturzbach durch die Luft; dann prasselte und knatterte es und sie wichen wieder. So lagen und standen die Unsern zwei Stunden lang um uns und hielten den wilden Ansturm aus, und konnten keinen Schritt vorwärtsdringen.
Dann aber drangen sie langsam in dem Busch vor und stießen den Feind zurück und drangen bis zu der Stelle, wo wir, die Nachspitze, gekämpft hatten, und hofften wohl, sie würden einige noch lebend finden. Aber sie waren alle tot und nackend. Sie brachten sie heran und legten sie in großem Halbkreis unter einen Baum. Ich und andere gingen heran; ich wollte meine beiden liebsten Kameraden noch einmal sehn. Aber wir wurden zurückgedrängt, daß wir den Jammer nicht sähen. Einige Kameraden gruben schon ein Grab; andere verschanzten das Lager. Denn wir wollten die Nacht hierbleiben.
Gegen Abend, als die Sonne unterging, wurden die Toten in das Grab gelegt. Zwanzig Mann schossen über ihrem offenen Grab; der Alte sprach von Vaterland und Gott, und von Tod und Osterglauben. Ich saß wund und halb von Sinnen bei den Verwundeten, von denen einige, ans Wagenrad gelehnt, leise redeten, andere mühselig seufzten, andere vor Ermattung oder Ohnmacht schliefen, einer oder zwei sterbend röchelten. Gehlsen, der auch einen Fleischschuß im Arm hatte, saß neben mir. Sie brachten uns ein wenig Reis und einen Kochgeschirrdeckel voll Wasser; das ist ungefähr ein halber Liter. Ich hätte gern drei Liter getrunken; es war aber weit und breit kein Wasser. Ich fühlte mich sehr verlassen und hatte heißes Heimweh.
Es war gut, daß Hansen und Wilkens kamen und mich unterm Arm nahmen und zu ihren Genossen, den alten Afrikanern brachten und mir heimlich noch etwas Wasser und noch ein Stück trockenen Pfannkuchen gaben und eine Decke. Sie waren immer etwas besser versehn, als wir. So saß ich und hörte mit düstern Sinnen, was sie redeten. Sie sagten, daß das Gefecht ein kleiner Erfolg gewesen war, da der Feind geflohen wäre; aber der Erfolg wäre doch wohl zu teuer bezahlt. Sie sagten auch, sie hätten dem Feind eine so große Tapferkeit nicht zugetraut und hielten für wahrscheinlich, daß er morgen wieder käme. Ich hörte auch noch, daß sie über unsere Kranken redeten und sagten, bei solch elender Nahrung und bei dem verdorbenen Wasser würden noch viel mehr krank werden. Ich wunderte mich im Halbschlaf, daß sie so viel Wesens von unsern Kranken machten und nicht viel mehr von den zweiunddreißig redeten, die unter dem großen Baum in der Erde lagen, und von deren Eltern und Geschwistern. Ich war müder und müder geworden und hatte mich in die Decke gewickelt und den brennenden Arm auf die Hüfte gelegt und hörte nur dann und wann ein Wort, bis alles um mich still schien. Da fing es wieder an durch die Büsche herzukommen. Im unruhigen Schlaf hörte ich wieder Schüsse und sah Schwarze rund umher, und sah sie auf die Bäume steigen, das Gewehr quer im Maul. Die alten Afrikaner standen rund um mich und trafen mit jedem Schuß. Aber es waren zu viel Feinde, und einer kam und faßte mich am Arm, und wollte mir die schützende Decke wegziehen. Da stöhnte ich sehr und erwachte halb, halb schlief ich noch, und hörte, wie Heinrich Hansen sagte: »Laß ihn da liegen: Ich brauche keine Decke, ich habe eine Haut von Speck und Dreck.«
Am andern Morgen bekamen wir ein bißchen Reis und ein wenig Wasser. Dann wurden die Kranken und Verwundeten auf die Wagen geladen; zwei von ihnen waren ohne Besinnung.
Ich setzte mich auf die Kiste vorn im Wagen, den Arm, in dem es stach und brannte, in der Binde. Hinter mir lagen in dem langen Kapwagen in zwei Reihen vier Verwundete und zwei Kranke. Der Schwarze neben den Ochsen hob seine langen, magern Arme zum ersten langen Peitschenschwung und schrie die Tiere an. Dann stieß das Wagenrad gegen den ersten Stein, der in der Spur lag, und fiel herunter, schwer aufstoßend; hinter mir stöhnte es mühsam. Ich stützte den gesunden Arm aufs Knie. So ging es vorwärts in langem, langem Zug, Wagen hinter Wagen, dazwischen eingestreut Kanonen und marschierende Kameraden. Als wir an dem großen Grab unterm Baum vorüber fuhren, sah jeder noch einmal mit einem langen Blick hinüber. Die es vergessen hatten, drehten den Kopf zurück. Ich dachte, als ich vorüber fuhr: ›Wenn Gott mich nach der Heimat zurückführt und mir langes Leben und Gesundheit gibt, will ich noch einmal davor stehn und überdenken, ob ich dann in meinen eignen Augen wert bin, daß ich einst aus diesem Feuerloch lebend heraus kam.‹ Dann lagen sie einsam.
Der eine, der einen Schuß in den Leib hatte, quälte sich langsam und mühselig dem Tode zu. Am Morgen sprach er noch mit leiser Stimme kurze Worte, am Mittag nahm er noch ein wenig von dem dreckigen Wasser; bald darauf röchelte er schwer und war ohne Besinnung. Gegen Abend lag er mit offenem Munde und gebrochenen Augen; ich merkte aber an dem Heben und Senken der schmutzigen Wolldecke, daß er immer noch lebte. Einer von unseren Einjährigen, der Arzt war, kam bei jeder Rast und sah in den Wagen, und ich sah das helle Mitleid in seinen Augen. Er war nicht viel älter als ich; es war ihm aber im Busch ein langer, starker Bart gewachsen.
Als ich gegen Abend aus einem Halbschlaf erwachte, saß einer vom ersten Zug, ein Rheinländer, neben mir auf der Kiste. Er klagte über Schwäche in den Füßen und Knien, fühlte sich bald heiß, dann wieder kalt. Er sah mich aus tiefen, trockenen Augen wunderlich wirr an; aus seiner Stirn traten große Schweißtropfen hervor. Der Einjährige kam, fühlte nach seinem Puls, sah ihn mißtrauisch an und sagte so vor sich hin: »Das ist der Zwölfte in sieben Tagen,« und ging wieder davon.
Gegen Abend erreichten wir unser altes Lager. Da wollten wir nun bleiben, auf der Lauer liegen und auf Nachricht warten.
IX
Ich konnte an diesem Abend vor Fieber nicht schlafen. Ich lag mit offenen Augen neben dem Lazarettzelt und sah zu, wie sie sich um die Verwundeten und um die Kranken mühten. Sie nahmen eine Zeltbahn und schlugen sie einmal zusammen und knüpften die offenen Seiten zu und stopften in diese so entstandenen Säcke das lange, dürre Gras und legten den Leidenden darauf und taten ihm Gutes so viel sie konnten. Gegen Morgen kam ein neuer Kranker; er kam mit schleppenden Füßen und halbgeschlossenen Augen, blaß wie der Tod. Am Vormittag kamen wieder zwei.
Nun lagen da schon neben siebzehn Verwundeten vierzehn Kranke. Die Kranken lagen teilnahmlos da, wie von einem Schlag vor den Kopf betäubt. Wenn man sie fragte, sagten sie, sie fühlten keinen Schmerz, sie wären aber so matt und so heiß.
In den folgenden drei Tagen wurden weitere zwölf krank. So ging es Tag für Tag.
Da sagten sie es offen, daß es Typhus wäre. Er war durch die geringe und schlechte Nahrung und durch das verdorbene Wasser und den Schmutz und das Frieren in den dünnen, verlumpten Kleidern gekommen.
Wenn wir am Morgen an möglichst großem Feuer, damit wir uns nach der kalten Nacht wärmten, unsern Kaffee oder unsere Mehlsuppe gebraut hatten, traten die Kameraden an und übten Griffe, als wenn sie in Kiel auf dem Kasernenhof wären. Dann schwärmten sie zugweise aus in den Busch, krochen, schlichen, duckten sich, warfen sich hin und lagen im Anschlag, zielten gegen die Sonne und mit der Sonne, sprangen auf und stürmten mit Hurra. Aber die alten Afrikaner höhnten und sagten, sie schrien nicht »Hurra«, sondern »Hunger«.
Um zwölf kam von den Wagen her die Stimme des Feldwebels: »Proviant empfangen.« Die Vertrauensmänner rannten hin und kamen mit ein wenig Mehl in der Zeltbahn und Reis und Salz und ungebranntem Kaffee wieder. Und dann begann in jeder Backschaft das Feuern und Rühren, Reden und Raten, Löffeln und Essen. Ich konnte nichts weiter tun als ein wenig Wassertragen.
Um drei begann wieder der Dienst. Korporalschaftsweise saßen sie in den Schützengräben und reinigten ihre Gewehre. Ich saß bei ihnen. Die Unterhaltung ging langsam und träge. Ein trauriges Lied wurde angestimmt: Zu Straßburg auf der Schanz', oder: Steh' ich in finstrer Mitternacht. Aber es klang stumpf und verstummte bald.
Abends dunkelte es rasch. Wir saßen im Windschutz der aufgestellten Zeltbahn, redeten von diesem und jenem und sangen ein Lied. Vom Zelt des Alten her kam eine helle Stimme, ein Scheltwort oder ein Lachen. Aus der dunklen Öffnung des langen Lazarettzeltes blinkte das irrende Licht des Wärters, der von einem zum andern ging. Hier und da glimmte noch aus einem Feuerloch ein Schein empor. Unter einem Baum saßen die schwarzen Ochsentreiber und sangen leise und mehrstimmig einen Choral, den die Missionare ihnen beigebracht hatten. Der Offizier vom Dienst kommt von den Unteroffiziersposten, die rund ums Lager stehen, ruft den Schwarzen kurz zu, den Mund zu halten: »Will jelle slap?!« und geht in sein Zelt.
So verging ein Tag nach dem andern. Wunderliche Gerüchte gingen immer wieder neu durchs Lager: tausend Reiter wären von Deutschland her unterwegs, uns zu helfen; der Gouverneur hätte die Schwarzen in einer zweitägigen Schlacht geschlagen; es wären unzählige Schwarze getötet und auf Scheiterhaufen verbrannt worden.
Wohl fünfzigmal kam immer wieder von neuem das Gerede: wir sollten abgelöst werden und nach Hause. Davon sprachen wir am liebsten. Nach Hause! Was werden sie zu Hause sagen, wenn wir wiederkommen! Was werden sie für frohe Gesichter machen! Was werden wir alles zu erzählen haben! Wenn die ausgesandte kleine Patrouille von fünf, sechs Mann auf ihren mageren und müden Pferden heimkam, wußte man bald an jedem Kochloch, was sie ausgekundschaftet hatte, und man stellte große Behauptungen auf. Jeder war ein Generalstäbler und weiser als alle andern. Und dann, wenn wir den Feind so oder so geschlagen haben; dann geht es nach Haus! O, nach Haus! Wir wollten alle, alle nach Haus.
Die drückende Hitze des Tags und die schneidende Kälte der Nacht, die jämmerliche Nahrung, das erbärmliche Wasser machten immer mehr Kameraden schlaff, träge und gleichgültig. Wir bekamen alle eine andere Sprache; ohne Leben, ohne Schwung; wie schlaftrunken redeten wir. Einige wenige blieben munter. Heinrich Gehlsen kam oft zu mir, mich zu ermuntern. Er war trotz seiner Armwunde immer tätig, hatte an allem, was er Neues sah, Interesse: an dem Vogel in der Luft, an der Wolke am Himmel, an der Sprache der schwarzen Treiber, an dem Fieber der Kranken. Heinrich Hansen, der alte Schutztruppler, winkte mir zuweilen heimlich und steckte mir im Schutz des Proviantwagens einen Lappen kalten Pfannkuchen in die Hand. Der durchgeschossene Arm schmerzte und fieberte; dazu hatte ich im Leib ein widerlich drückendes Gefühl. Ich war so matt, daß mir zuweilen am hellen Tage, wenn ich so am Feuerloch saß und das Leben um mich besah, die Augen zufielen und das Kinn auf die Brust sank und ich langsam zur Seite fiel und schlief.
Der Gesang im Lager wurde immer, immer weniger, die Unterhaltung immer mühsamer. Wir wurden immer hungriger, schmutziger, kranker. Gleichmütig und still sahen wir an jedem Abend einen oder zwei von uns in ihre abgerissenen, schmutzigen Lumpen und in ihre grauen Wolldecken gewickelt unten in der fremden, grauen Erde liegen, schwer und müde hoben die Befohlenen die Arme in die Luft zum Feuern, den Toten zur Ehre; müde und stumpfsinnig schaufelten sie Erde auf sie und legten Dornen darauf. Nachts erwachte ich von den müden, wirren Reden der Kranken und von dem Heulen der Schakale, welche die Gräber witterten.
Als wir vierzehn Tage so gelegen hatten, war es so weit, daß jeder vierte Mann krank war. In zwei langen Reihen lagen sie auf der nackten Erde in voller Uniform, eine Zeltbahn über sich gegen den Sonnenbrand. Sie mußten da in ihrer schweren Krankheit liegen, nicht allein ohne irgendwelche Medizin, sondern auch ohne Stärkung. Wir hatten nicht einmal Milch und Eier. Wir hatten nicht einmal ein Stück trockenes Brot. Wir hatten nicht einmal ein bißchen Reinlichkeit.
Der Alte stellte sich, als wenn er immer guten Mut hätte, und tat alles für uns, was er erdenken konnte. Mancher hat seine letzte Freude auf der Erde, ein gutes, munteres Wort, von ihm bekommen. Ich sah ihn oft aus dem Lazarettzelt kommen und freute mich oft an seinem guten Trost.
Als aber immer mehr von uns krank wurden und immer mehr so gleichgültig dumpf ihrer Arbeit nachgingen, und immer noch keine Nachricht, oder Proviant, oder Lazarett kam, da mußte auch er die Hoffnung aufgeben. Er dachte wohl einmal daran, wieder vorzugehen, aber er erkannte, daß seine kleine Truppe keinen Heerzug mehr darstellen würde, sondern einen Krankentransport. Da schickte er Boten an die Hauptabteilung, daß er ohnmächtig wäre und vom Feind ablassen müsse und dies Hinsterben der Jugend nicht länger ansehen dürfe und eine bessere Wasserstelle suchen wollte.
X
Da packten sie denn, während ich untätig und mit dumpfem, halbwirrem Kopf mit meinem entzündeten und brennenden Arm am Rad des Munitionswagens hockte, die Schwerverwundeten und die Kranken auf die Wagen. Die Gesunden marschierten neben und hinter den Wagen. Wenige saßen auf müden, zottigen Pferden. So zogen wir bedrückt davon. Ich saß auf dem Proviantwagen, den Hansen führte. Manche Stunde saßen wir nebeneinander auf der Kiste, während er aus seiner kurzen Pfeife rauchte und spärlich dazu redete.
Einmal ging einer im Irrsinn so einfach aus dem Wagen weg in den Busch hinein und wurde nicht wiedergefunden. Da mußten Wachen um die Wagen gestellt werden, daß niemand entfloh. Einer der Fiebernden ging mit dem Seitengewehr auf den Arzt los; ein anderer, der noch in Reihe und Glied ging, schoß plötzlich wild um sich. Drei von den Kranken starben unterwegs und wurden im Busch begraben. Der Einjährige war Arzt, Wärter, Soldat, alles zugleich. Sein Gesicht wurde schmaler und bleicher; aber sein Bart wurde länger und dichter.
In der dritten Nacht wurden mehrere Ochsen vor dem letzten Krankenwagen schlapp und einer verendete. Da ließen wir auch unsern Wagen halten, um ihnen zu helfen. Ich weiß nicht, wie es kam, daß die andern weiterzogen; sie meinten wohl, die Biwakstelle wäre ganz nah und wir würden gleich nachkommen. Aber wir hatten eine stundenlange Verzögerung. Da hielten wir denn auf dem schmalen Weg im Busch in der finstern Nacht: zehn Kranke mit drei Mann Bedeckung; und die Treiber behaupteten, sie hätten im Busch Feinde gesehen.
Ich kletterte mühsam in den Wagen und sagte den beiden Verwundeten, die noch leidlich bei Sinnen und Kräften waren, wie es um uns stand. Sie richteten sich halb auf und nahmen ihre Gewehre und hielten so mit uns andern Wache, bis wir weiter fahren konnten.
Am vierten Tag erreichten wir auf unserm Rückzug eine gute Wasserstelle. Es war da eine kleine, ganz schlichte Kirche, welche die Mission gebaut hatte, und das halbzerstörte Haus des Missionars; in diesem Gebäude wurden auf der Erde aus Gras und Decken Lager bereitet. Die Gesunden lagerten einige hundert Meter aufwärts an einem Hügel. Da wollten wir nun liegen bleiben, bis die Krankheit unter uns ausgewütet hatte. Zu der Zeit hörten wir, daß der Feldzug vorläufig ganz zum Stillstand gekommen wäre, weil der Aufstand für die kleine deutsche Macht, die zurzeit in der Kolonie vorhanden war, allzumächtig emporgelodert war.
Als wir ungefähr zehn Tage dagelegen hatten, kamen endlich Nahrungsmittel, und für die Kranken Matratzen und auch Stärkungsmittel, nämlich Wein, Bouillon, Eiweiß, Kakao, Quäker Oats, so daß die Kranken nun endlich gebettet und gesättigt wurden, und auch wir satt wurden. Wir blieben aber weiter in den schrecklich dreckigen Kleidern.
Wir lebten in großer Niedergeschlagenheit, wir lauter Kranke und immer einige Sterbende. Ich machte mich nützlich, soviel ich konnte. Matt und mit dumpfem Kopf ging ich von einem zum andern, gab mit meiner gesunden linken Hand dem einen Wasser, dem andern ein Stück Zwieback, und half dem dritten ein wenig in die Höhe, daß er seine Leibesbedürfnisse verrichten konnte.
In diesen jammervoll dumpfen Wochen traten mir besonders zwei Kameraden nahe. Wir hatten uns früher, da wir gesund waren, kaum gekannt. Der eine war ein Thüringer Junge mit kindlich-braunen Augen; er sprach wenig. Mir war schon auf dem Schiff aufgefallen, daß er so still war und so verwundert darein sah. Nachher, wie wir das Land betraten und dann in das Buschfeld eingedrungen waren, waren seine Augen immer banger, sein Mund immer stummer geworden. Er war sonst von kräftigem Körper und ertrug alles gut und klagte nicht, stand auch im Gefecht seinen Mann. Nun wurde er hier im Lager krank. Er kam mit Gewehr und Decke vom Lager her zu uns herab, fröstelnd, mit glanzlosen Augen, und sagte mit schüchternem Scherz: »Nun will ich Rentner bei Euch werden alle meine Tage,« und legte sich hin. Ich sprach nun oft mit ihm, nicht viel mit Worten; denn unser Gaumen war ein ausgedörrter Schlauch und unsere Gedanken hatten Schleppfüße; aber mit Andeutungen und Zeichen. Da wurde mir klar, daß ihm alles, alles, was wir erlebt hatten, seit wir Kiel verlassen hatten, unheimlich und grausig gewesen war. Die unendliche Weite des offenen Meeres, die trotzige, ernste Küste von England, der erhabene Berg von Teneriffa, die fremden Sternbilder, die stechende Sonne, der kahle Strand von Swakopmund, der Anblick unserer Toten, das Sterben der Kameraden: seine Seele war nicht stark genug für alle diese großen und harten Dinge. Er starb an Ruhr und Herzschwäche am siebenten Tag.
Der andere war schon schwerkrank, als wir dies Lager bezogen. Er war in Nürnberg geboren und hatte dort seine Kindheit zugebracht. Fünfzehnjährig war er wegen seines Stiefvaters aus der Heimat gegangen und war seitdem unruhig durch die Welt gewandert. Als Steward war er von Bremen aus nach Südamerika gefahren, war quer hindurch nach Chile gekommen, hatte Samoa gesehen und hatte in San Franzisko Kellner gespielt. Dann war er in die Marine der Vereinigten Staaten eingetreten; doch nicht auf lange. Einige hundert Mark, die er in der Tasche hatte, hatten ihn verleitet, von New Orleans nach Australien zu fahren, um Gold zu graben; er hatte aber wenig oder nichts gefunden. Als Australien gegen die Buren Freiwillige stellte, war auch er hinübergefahren, als Trimmer, aber um den Buren zu helfen. Er war gefangen genommen und hatte auf Ceylon böse Tage erlebt. Von da war er nach Kapstadt zurückgekehrt und war auf die erste Nachricht vom Aufstand in unserer Kolonie als Kriegsfreiwilliger eingetreten. Es gibt, glaube ich, nicht wenige Deutsche, die so unruhig und wirr und gutmütig dumm durch die Welt wandern. Ihr ganzes Leben geht damit hin, wahllos einem ersten Einfall ihres unruhigen, haltlosen Gemütes zum Rechten oder Verkehrten nachzulaufen und nach getanem Lauf ohne Nachdenken oder gar Reue sich auf ein anderes Ziel, das eben gerade in ihr Gesichtsfeld kommt, zu stürzen. Er schalt auf die Engländer, auf die Amerikaner und am meisten auf die Buren; aber ich war überzeugt, daß er zu den Franzosen und Japanern gelaufen wäre, wenn da bei ihnen irgend etwas los gewesen wäre. Es ist schlimm, wenn ein Mensch sein Leben nicht in der Hand behält. Nun lag er ziemlich lange schwerkrank an Typhus, obgleich er so sicher gemeint und geprahlt hatte, daß er ein »Gesalzener« wäre, und phantasierte in einem fort. Als er sich langsam wieder erholte, war er ganz vernünftig und erzählte mir von seinem ganzen Leben; er behielt aber noch eine ganze Woche lang den Wahn, daß ihm beide Beine abgeschossen wären. Ich saß manche Stunde bei ihm und habe aus der Unterhaltung mit ihm viel gelernt. Was nachher mit ihm geworden ist, weiß ich nicht.
Ich blieb immer so stark, daß meine Füße mich tragen konnten. Aber wenn ich vors Lager hinausging, meine Leibesbedürfnisse zu verrichten, was ich oft am Tage tun mußte, und ich mir vornahm, daß ich nicht hinter mich sehn wollte, sah ich doch hin und sah, daß es ganz blutig war. Dann kam ich sehr mutlos zu den andern und saß und brütete vor mich hin und meinte fest, ich müßte wohl auch hier sterben, und fand mich mit trüben Sinnen in dies Schicksal und dachte voll stiller Wehmut an mein Elternhaus. Dem Arzt sagte ich nichts. Es war aber ein Lazarettgast da, den ich fragte. Der sagte: »Du hast vorne im Leib den Typhus und hinten die Ruhr; aber Du hast eine glückliche Natur und machst es so im Gehn durch«; und gab mir Pillen. Ich nahm die Pillen genau wie er mir gesagt hatte; aber ich glaubte weiter an seine Predigt nicht; denn er war halb von Verstand. Da waren viele in diesem Feldzug: Offiziere, Ärzte, Lazarettgäste, Soldaten, die taten noch treu ihre Pflicht wie eine Maschine, die noch eine Weile weiterläuft, wenn der Dampf schon abgestellt ist, und waren inwendig schon krank und voll von wirren Gesichten.
Eines Abends – ich war schon wochenlang im Typhuslager – hatte jemand einen Brief bekommen, ich glaube aus Swakopmund, darin stand unter anderm, daß in Deutschland jedermann von dem Krieg zwischen Rußland und Japan spräche, von uns aber spräche kein Mensch, ja man spotte über uns und unsern Jammer als über Leute, die für eine lächerliche und verlorene Sache stritten, und man wolle nichts von uns wissen, weil wir das rasche Siegen nicht verstünden. Ich wollte den Brief erst wegwerfen; dann aber dachte ich, ich wollte ihn Heinrich Hansen zeigen. Der kam aber nicht. Doch kam am andern Tag ein andrer alter Schutztruppler, da zeigte ich dem den Brief; denn mir war aller Mut entfallen. Er las ihn und lachte und sagte: »Was wundert Dich das? Ist es nicht immer so gewesen? ›Wie viele Frauen hat der König von Siam? Was für ein Strumpfband trägt die Königin von Spanien? Welche Antwort hast Du auf die Postkarte bekommen, welche Du dem japanischen Feldherrn geschickt hast?‹ Sieh! Das sind die Dinge, welche die Deutschen interessieren. Du solltest mal hören, wie die Engländer über uns lachen, über uns Redefratzen und Hänse in allen Gassen. Die Engländer fragen bei jeder Sache: ›Was nützt es mir und England?‹« Damit ging er weg.
Ich ging wieder zu den kranken Kameraden, holte meine Decke und setzte mich an die Seite des Eingangs auf die Erde. Es war ein kalter, unfreundlicher Abend. In den Büschen knarrte vertrocknetes Astwerk; Geier flogen seitwärts nach höhern Bäumen, die plump und dunkel übers Buschfeld ragten. Aus dem Raum hinter mir kam lautes, stoßweises Wimmern eines Schwerkranken. Ein Leichtkranker saß vor dem Proviantzelt geduckt auf einer halbzerschlagenen Kiste, stierte vor sich hin und sang mit müder, dösiger Stimme unser altes Lied:
»Doch mein Schicksal will es nimmer,
Durch die Welt ich wandern muß.
Trautes Heim, dein denk' ich immer,
Trautes Heim, dir gilt mein Gruß.
Sei gegrüßt in weiter Ferne,
Teure Heimat, sei gegrüßt.«
Zwei Kameraden gingen in ihren Mänteln, Spaten auf der Schulter, querüber nach dem Hügel, ein neues Grab zu graben.
XI
In der vierten Woche meines Aufenthalts im Typhuslager hörte ich, daß von Deutschland her frische Truppen angekommen wären, und noch mehr ankommen würden, lauter Husaren, im ganzen viertausend, und daß der Feldzug nun also mit mehr Macht wieder losgehn sollte. Aber mir war es gleichgültig; ich dachte: ›Wärst Du bloß aus diesem Affenlande heraus.‹
Aber in der fünften Woche wich meine Krankheit. Wie aber Gesundheit und Kraft leise wieder kamen, dachte ich, daß es doch nicht schön wäre, so, nach diesen Erlebnissen, nach Hause zurückzukehren. Ich wollte gern bei dem zweiten und bessern Teil des Feldzugs, bei dem »raschen Siegen«, dabei sein.
Es traf sich, daß ein Oberleutnant mit einer kleinen Patrouille von drei Mann von Osten her kam und unterwegs einen Mann verlor und einen andern als Typhuskranken hier liegen lassen mußte. Dem sprang ich vor die Füße und bat ihn, daß er mich mitnähme. Er fragte mich, ob ich reiten könnte. Ich sagte: »Ja,« obgleich ich seit meinen Kindertagen nicht wieder auf einem Pferd, und auf einem Sattel noch niemals gesessen hatte. Er sah mich mißtrauisch an und sagte: »Du fällst mir unterwegs vom Pferd.« »Zu Befehl,« sagte ich, »ich bin stark wie ein Baum,« und sah ihn an. Er war mager wie ein Brett und seine Augen glitzerten unter der Stirn. Er sagte: »Ich habe vier Monate lang ein Hundeleben geführt.« »Zu Befehl,« sagte ich, »ich auch. Und darum möchte ich hier weg.« Da machte er mich beim Hauptmann los.
Bevor der Morgen graute, ging ich zu den Pferden, die schon an unsern Wagen angebunden standen, und sagte dem Unteroffizier, der mitritt und der schon neben den Pferden stand, daß ich noch nicht auf dem Sattel geritten hätte. Er schimpfte erst mächtig und fragte mich, ob ich denn wenigstens wüßte, wo bei einem Pferd vorn oder hinten wäre. Ich dachte: ›Mach' ihn nicht ganz wild‹ und griff nach dem Sattel und trat an das eine Pferd heran, und sah im Geist, wie ich in meinem Leben wohl schon hatte satteln sehn und machte es ja wohl nicht ganz falsch; denn er fing wieder an, gewaltig zu schimpfen und mir zu zeigen, wie es richtig wäre. Dann übte ich ebenso das Auf- und Abkommen und dachte: ›Das wird schon gehn.‹ Am andern Tag erfuhr ich von dem andern Mann, daß auch der Unteroffizier erst vor kurzer Zeit zum erstenmal ein Pferd bestiegen hatte, und mit viel mehr Ach und Krach als ich. Da wunderte ich mich was doch Gott für merkwürdige Kostgänger hat. Darüber habe ich mich überhaupt oft gewundert.