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Der Todesprediger
Roman
von
Gustav Landauer.
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Dresden und Leipzig.
Verlag von Heinrich Minden.
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
Einleitung.
Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich in jener im Großen und Ganzen glücklichen Zeit, da sich die Planeten um die Sonne drehten ohne zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, ohne sich nach einem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden Strahlenbündel von sich schleuderte. Die Epoche, wo das Weltall begann, über sich selbst und seine Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, der Weltschmerz in des Wortes eigentlicher Bedeutung, das wehvolle Stöhnen des großen Kosmos, das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging, war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden der einzelnen Weltkörper schon wesentlich differenziert, und auf einem derselben, auf der Erde, zeigten sich für den feinen Beobachter bedrohliche Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich von einem grünlichen Schimmel überzogen worden, der sich bemühte, zugleich ein Spiegel und eine schlechte Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder auch der kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im mindesten um andere. In dieser überlegungslosen Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf dieser schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche Wesen, die für sich nichts waren und sich darum an einander anlehnen und einander befehden mußten und es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen, Gesellschaften statt Personen. Ein krankhafter Keim steckte in jedem kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, es war das Bewußtsein oder doch die Anlage dazu. Welche Art am meisten von diesem Gift in sich trug, die errang die Herrschaft über die übrigen, die war aber auch zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, der aus dem Selbstbewußtsein hervorging auf dem Wege über die Selbstverachtung und den Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer Zeit dem Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist die Aufgabe der Geschichte dieser merkwürdigen Tiergattung, zu zeigen, wie gerade sie besonders dazu befähigt war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen Ziele näherte. Ich darf das wohl als bekannt voraussehen und bitte sich rasch an diese ganze Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes rückzuerinnern bis zu dem Punkte, wo das Bewußtsein schon den Grad erreicht und überschritten hatte, wo der Selbstekel und der Selbstschmerz, den der Mensch in Überhebung vielleicht, vielleicht aber auch in zukunftsbanger Ahnung eine Zeit lang Weltschmerz nannte, begann. Die langsame Entwicklung und das stetig sich verändernde Fortschreiten und Umsichgreifen dieses Eigenwehs dauerte, oft unterbrochen und scheinbar verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an, das Christentum und dann die Reformation und dann der Rationalismus und die Revolution waren gewaltige Heilversuche, die aber notwendig fehlschlugen. Dann kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und verzweiflungsvollen Schmerzes, die Zeit des Romantismus, ironische und zerrissene, aber durchweg halbe Männer waren die führenden Geister, und in zweiter und dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen, frauenhaften Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und den zarten aristokratischen durchgeistigten Händen, schmiegsame Leute ohne Rückgrat, deren Wille gebrochen war.
Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch der Vernunft, sich kalten Blutes auf sich selbst zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf die Entwicklung der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, der Strich unter die ganze Rechnung der menschlichen Geschichte, und das Wagnis, nach all den Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen zu waschen und das Leben der Menschheit von vorn auf vorsichtig geprüftem Grund zu beginnen.
In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, Unreifes und Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes neben einander wohnte, fiel das Leben des Menschen, von dem ich im folgenden erzählen will.
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Erster Abschnitt.
Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam Starkblom und dessen Ehefrau Elisabeth und hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm erhalten; man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er sieben: zwei Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf Brüder: Adam, Justus, Leberecht, Friedrich und Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu thun gehabt und die Familie gut erhalten können, war aber später durch sein phlegmatisches und beschauliches Temperament allmählich heruntergekommen und hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze des Mannesalters überschritten, dem Trunke ergeben. Er starb am Herzschlag, 64 Jahre alt. Dieser Lebensführung des Vaters entsprechend war die Erziehung der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung gemäß in ein großes Handelshaus in Hamburg in die Lehre treten dürfen und brachte es dazu, ein vermögender Plantagenbesitzer in Haïti zu werden, Karl durfte studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule und heiratete, neunzehn Jahre alt, einen vermögenden Schlossermeister, Justus war beim Vater in die Lehre gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner, Friedrich Unteroffizier, Johannes war gänzlich verbummelt und schließlich vom ältesten Bruder mit nach Haïti genommen worden, von wo er aber bald auf einem englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine Spur war verschwunden und er blieb verschollen; Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein Operettentheater gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter war diesem letzten Wochenbett erlegen; kein Wunder, daß das hinterlassene Kind im Hause des blöden, trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt.
Karl hatte schon im Elternhause eine besondere Stellung eingenommen; er beteiligte sich nur ungern an den lärmenden Spielen der Brüder und Kameraden und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand, aus sich herauszugehen. In seinem neunten Jahre etwa fing er an viel zu lesen, alles was er im Vaterhause fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es immer und immer wieder, sodaß er große Stellen der Romane, die ihm in die Hände kamen, auswendig wußte. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte er mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art Lektüre und las nur noch wenig und planmäßig: die Klassiker, Bücher litterarhistorischen, religiösen und philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte er ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges Lesen auswendig. Er schloß sich gern an die Schwester Elise und deren Freundinnen an und war bald unter seinen Brüdern und Mitschülern, die den blassen Sonderling nicht leiden mochten, als »Mädlesschmecker« verspottet. Bei Tisch und wenn er sonst mit Eltern und Geschwistern zusammen war, war er still und in sich gekehrt, beteiligte sich aber gern, wenn ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er war darum verschrieen als altkluges, frühreifes Kind. In der Schule war er immer unter den Ersten, da er sehr schnell auffaßte und ein gutes Gedächtnis hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten ihn nicht leiden, einigen war er verhaßt. Er meldete sich selten, wenn etwas gefragt wurde, wußte aber fast stets Bescheid und antwortete kurz und klar. Nur manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand dann ruhig und blaß da, ohne den Mund zu öffnen. In seltenen Fällen ward er lebhaft, meldete sich, trug warm, ja manchmal feurig vor, was er wußte, oder meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem Lehrer zu widersprechen.
Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es ihm völlig fest, daß er Philosophie studieren und das Rätsel der Welt ergründen wolle. Am Ende des vorletzten Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater herunterkam, und es leuchtete ihm ein, daß er einen praktischen Beruf ergreifen müsse. So antwortete er von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren wolle: Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er sich dazu entschlossen hatte, sah er kein philosophisches Buch mehr an, beschäftigte sich eifriger als früher mit den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon für Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse zu gewinnen. Er machte ein gutes Abgangsexamen und bezog, etwas über achtzehn Jahre alt, die Universität.
Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren, als seine Neigung zur Philosophie hervortrat, kennen gelernt. Vorher hatte er kein Bedürfnis nach Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen, die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden Freunden vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen. Es fand sich so eine Anzahl hochstrebender junger Menschen zusammen, von denen indeß, wie es häufig zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht mitkamen. Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische Gesellschaft, in der aber auch dem Bedürfnis der Jugend zu dichten und das Geschaffene mitzuteilen und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten sich als Verein und gaben sich eigene Statuten. Später indessen zog sich Karl, der schon von früh an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit eine alte Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz davon zurück und verkehrte nur noch mit dreien der Genossen, intim nur mit einem, und selbst diesem vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen tagebuchartig nieder, einiges wenige arbeitete er in größerem Umfang aus; auch das gab er auf, sowie er einsah, daß seine Meinungen sich zu rasch änderten, daß er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne; von da an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen eigenen Neugierde die Vorgänge in seinem Hirn und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht besonders viel, weil er wußte, wie schnell die alten sich bisher immer verflüchtigt hatten.
Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu werden, zog er sich von den wenigen Freunden, denen er geblieben war, mehr und mehr zurück; einmal wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief mit der Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte er es nicht mitansehen, wie sich auch in ihnen die Wendung zur praktischen Thätigkeit und zum bürgerlichen Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe thun, ist’s nicht dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf, heroisch nannte, kam ihm bei allen andern verächtlich vor.
Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit Fachgenossen, die er im Kolleg kennen gelernt, verkehrte und sich von den geselligen Vergnügungen geflissentlich zurückhielt. Erst hier, in den praktischen Übungen an der Universität und in den Gesprächen mit den Bekannten am Biertisch und auf der Bude, ward es ihm zur unumstößlichen Gewißheit, daß er mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er dachte klarer, beurteilte alles von höherer Warte, faßte Zusammengehöriges aus entfernten Gebieten zusammen und konnte seiner Ansicht geläufig und elegant Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt fast ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings mit theoretischen Problemen, interessierte sich aber mehr als gewöhnlich üblich schon jetzt für Detailfragen. Bei dieser intensiven Bethätigung in der trockenen Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch den Kopf: »Wartet nur! ich bin noch der Alte! Noch ist nicht aller Tage Abend! Wohl treibt mein Bewußtsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber arbeitet es weiter, mir selber nicht bewußt; und finge ich jetzt an zu philosophieren, meine alten phantastischen Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue Gedanken kämen mir angeschwommen, ohne daß ich wüßte, woher. Wartet nur! Er ist noch nicht tot, der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch spät wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!« Dann vertrieb er diese Ahnungen wieder, beugte sich über seine dicken Bücher und ochste bis tief in die Nacht.
Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo andere Studenten gerade anfingen, ernstlich zu arbeiten, klappte er seine Bücher zu und machte eine Pause. Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht und für’s Examen wisse er jetzt schon völlig genug. Für kurze Zeit erwachte in ihm ein neuer Mensch: er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh und lernte auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht, verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen und verlobte sich heimlich mit ihr.
Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder auf; er wurde wieder der alte stille geruhsame Mensch, der sich in Gesellschaft nicht wohl fühlte, nur ernstes zu reden verstand, alles von seiner tiefen Seite nahm und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann kam das Examen, das er glänzend bestand.
Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment seiner Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich jede geistige Thätigkeit; er war nur Soldat; im Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert.
Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist, es kam die Praktikantenzeit und dann das zweite Examen und das allmähliche Emporklimmen an der Leiter der Beförderungen. Schon als Student war er entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben und Richter zu werden.
Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach sechzehnjähriger treuer Brautschaft wagen, sein Lorchen zu heiraten und einen Hausstand zu gründen. Es ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter, und es hätte auch jetzt noch nicht reichen können, hätte er es nicht endlich über sich gebracht, eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem Bruder Adam, dem es damals in Haïti schon recht gut ging, nach öfterem Anbieten von Seiten des treuen Menschen, leihweise anzunehmen.
Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu sollen; war Karl ruhig und ernst, so war Lorchen ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen Respekt vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig und willig, ihn zu verstehen und mit ihm zu reden über das, womit er sich beschäftigte. Das war freilich auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er zu ziehen pflegte. Mit anderen Dingen gab er sich nicht viel ab; ein wenig interessierte er sich für Kunst und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu beschäftigen, hatte er noch nicht die Zeit gefunden. »Wartet nur! jetzt bin ich ein alter Mann! aber ich werde noch einmal jung!« So pflegte er auch jetzt wieder zu sagen.
Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher Beharrlichkeit nicht nach, bis es das Äußerste erreicht hatte: das erste Kind, ein Mädchen, starb, nachdem es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite, wieder ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der Lungenentzündung; und das dritte Wochenbett bettete Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe gewesen, in den Tod.
Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom wieder allein auf der Welt. Äußerlich blieb er ruhig wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm die Frage keine Ruhe mehr: »wozu nun noch arbeiten? wofür jetzt noch leben? warum jetzt noch dein eigentliches wahres Geisterleben unterdrücken? jetzt wäre es Zeit, höchste Zeit!«
Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel aufkommen lassen, wohinaus es wolle, fügte es nach Verlauf von dreiviertel Jahren einen weiteren Todesfall hinzu: der Bruder Adam in Haïti starb plötzlich am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte er dem geliebten Bruder Karl testamentarisch vermacht.
Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens kam, war er gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit knapp drei Jahren war er Landgerichtsrat. Nunmehr sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: »Halt Mann! Umspannen!« Er kam um Urlaub ein und zog sich in ein freundliches Städtchen am Fuße des Schwarzwalds zurück. Kurze Zeit darauf nahm er nach reiflichem Überlegen seinen Abschied.
Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken bitter höhnische Bemerkungen über den unerhört frühen Rückzug Starkbloms; jetzt war er erkannt. Bisher freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte oder zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber erklärt; das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten, das sehe ihm völlig ähnlich, das sei von ihm zu vermuten gewesen: er sei eben ein ganz pflichtvergessener Mensch, dem es nur um möglichst schnellen Gelderwerb zu thun gewesen, und vermutlich sei er im geheimen ein roher Genußmensch; die große Erbschaft sei ihm recht zupaß gekommen. Jetzt konnte er seinen Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu müssen. Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen wahren Charakter; aristokratisch hatte er immer gethan, aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht verleugnen.
Was hätten diese Herren für dumme Gesichter gemacht, wenn er ihnen seine wahren Gründe anvertraut hätte: daß er einen anderen Beruf in sich fühle, als zeitlebens Richter zu sein, daß er seinen Geist und die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll und ganz auszuleben gedenke.
Sich selber ausleben – das war sein Ehrgeiz, an seine Jugend wollte er wieder anknüpfen. Was aber war er denn selbst? was steckte eigentlich in ihm? was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend? Was konnte er der Menschheit bringen?
Er schaute tief in seine eigene Seele und fand, daß trotz aller äußern Ruhe der Kern seines Wesens Trauer und Weh geworden war. Und er merkte mit einem Mal, daß Jammer und Schmerz die ganze Menschheit und die ganze Welt durchzog.
Als er aus der Unschuld des Kindes langsam zum Manne erwachte, war er rascher als wohl sonst die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des Aufblühens der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände waren schuld daran. Jetzt, da er ein reifer Mann war und alle Schmerzen und Wonnen, die der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet hatte, stürmte eigenes Weh, philosophische Verzweiflung und soziales Elend mit voller Wucht und gleichzeitig auf ihn ein.
Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig Jahre geschlafen und dummes unverständiges Zeug geträumt, als er jetzt wieder ernstlich begann, über Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der Welt umherzublicken.
Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf, er lebte jetzt in ganz eigentümlichen Stimmungen, wie er sie nie gehabt seit langer Zeit, und doch war es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal gedacht und empfunden, vor langer, unendlicher Zeit, vor mehr als tausend Jahren wohl.
Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten Tagebücher und Aufzeichnungen aus der Knabenzeit wieder vorsuchen, und er las eifrig darin. Gar manches verstand er nicht mehr, vieles mißverstand er und legte ihm einen ganz andern Sinn unter, als er damals gewollt; einiges aber fand er schon fast genau in derselben Art gedacht und ausgesprochen, wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen.
Ihm grauste vor sich selber; der Student und der Richter, wie hatte der denn nur je sein können? wie hatte er daran sein Genügen finden können? Und eine stille Freude überkam ihn, daß er wieder jung geworden war.
»Der Menschheit will ich meine Dienste weihen; ein neues Wort will ich sprechen, das noch keiner gesprochen hat.« So hatte er als Sechzehnjähriger geschrieben und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft fühlte er in sich. Er war mehr als die andern, er wußte es sicher; noch keinen hatte er getroffen, der ihm gleichkam.
Er beabsichtigte, vorerst in dem kleinen sonnigen Städtchen, wo er gegenwärtig weilte, zu bleiben. Die Einsamkeit sollte ihm wohlthun. In sich selbst wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen. In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich verjüngen im frischen Waldesgrün, seine poetische Phantasiethätigkeit, die er zu so langer Ruhe verurtheilt hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das Sonnenlicht einsaugen.
Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter den Fluß entlang zur Stadt hinaus, thalaufwärts. Er liebte diesen Weg besonders. Zur Seite hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer neuer Gestalt und Färbung, da die Straße in langsamer Krümmung das Gebirge vermied. Rechts war der Fluß, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt wieder Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden waren. Blickte er sich um, so sah er die Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen; die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor der Stadt, an dem er vorhin vorbeigegangen, drangen leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war fröhlich und unternehmend; seine Gedanken abgerissen und hüpfend, er träumte mehr als er dachte. Am frühen Morgen war ein starkes Gewitter niedergegangen, das erste des Sommers. Noch immer schoben die abziehenden Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten kurze Zeit das Thal. Doch bald wieder schwanden die Schatten und er schritt fröhlich vorwärts.
Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war, sah er etwa in der Mitte des Berges, der hinter der Krümmung des Flusses gerade vor ihm emporstieg, auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes schloßartiges kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich entgegen mit seinem weißen Verputz, seinen hell blinkenden Fenstern, seinem roten Ziegeldach und dem kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der linken Seite.
»Da wäre gut wohnen,« dachte er.
Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er auf einem andern Wege, der über die Anhöhen führte, zurück.
Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar, dem Stadtbaumeister, von seinem Ausflug und von dem Schlößchen, das ihm so sehr gefallen hatte. Der sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde schon seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer nach Wien gezogen sei. Liebhaber sei keiner da, da es für die Fabrikanten der Stadt und die paar andern, die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen war. Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz der reizenden Umgebung die Stadt kaum, die als Fabriknest verschrieen war.
Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben Mittag besuchte er den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit für den Weggezogenen in Händen hatte und nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft abgeschlossen.
Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und die nächsten Wochen schon verwandte er darauf, seine Möbel kommen zu lassen und einige neue zu kaufen. Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er Raum für eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung erlesener Bilder schwebte ihm für die spätere Zukunft vor.
Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm kochen und Wirtschaft führen.
Am 1. Juli bezog der neue Schloßherr das weiße Haus und er erschrak gleich nach den ersten Tagen, sowie er sich angewöhnt hatte, über die erbärmliche Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von jetzt ab anders. Nur Großes und Tiefes sollte ihm zuschwimmen mit den klaren Wellen des Flusses, der am Fuße »seines Berges« langsam und ruhig dahinfloß.
Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl Bücher, in die er sich in den nächsten Wochen vertiefte. Er merkte bald, als er sich mit Liebe seinem Studium und seinem Sinnen hingab, daß es besser sei Bücher zu haben als eine Bibliothek und noch besser Gedanken als Bücher und noch besser Erleben als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht, und was das Erleben anging, nun – er hatte ein ganzes reiches Leben hinter sich und gern vertiefte er sich in seinen Erinnerungen darein als in etwas völlig abgeschlossenes.
Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich so jammervoll gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte er sich noch an seine frühere bessere Zeit, wie er als gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen saß und mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme seine Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene Weisheit, die die Farbe der grauschwarzen Wichse an sich hatte, mit der er seine Stiefel schmierte … Dann die Mutter … an die war nicht viel zu erinnern. Das war eine arbeitsame Frau, die ihr Bündel Not und Kummer mit Ergebung trug nachts und tags über mit Raunzen und Brummen und Schelten. Sie hatte nie viel Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für den früh einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur Mutter hatte er nie kennen gelernt und bemühte sich auch jetzt nicht sie zu erwecken. Die große zärtliche Liebe zum Vater war ihm geblieben und seiner gedachte er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt, wo er über alles grübelte und sein eigenes Wesen nach allen Richtungen zu zerfasern und aufzudecken suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste und seinem ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den kleinen Zügen in Gang und Haltung.
Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten, zum Teil ganz in der Nähe seines neuen Wohnortes, waren ihm aus dem Gesicht entschwunden und er nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte er mehr mit freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz des verstorbenen Adam, dessen Testament der letzte Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines innern Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen von mächtigem Körper, umfassendem Blick für sein Geschäft und großer Energie; dabei soweit es anging voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich – so oft seine Gedanken sich Haïti zuwandten, immer war es der schwach umrissene Schatten eines Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen und der ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein jüngster Bruder, der verschollene Johannes wollte seine Wiedergeburt feiern in seiner Liebe. Ihre Wege in der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der Sinn des Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen Dingen zugewandt gewesen; aber Starkblom ging es jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie eingefallen war: es war ein glänzender, strahlender Geist in diesem schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege geraten und vielleicht für immer für sich und die Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt der philosophischen Stunden der Primaner, wo der braunlockige Knabe manchmal ins Zimmer gehuscht war und mit mancherlei Ulk und kindischem Gethue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der grübelnden und Pläne türmenden Jünglinge gestört hatte, bis er mit einem Mal eine Bemerkung dazwischen warf, von der man immer noch nicht recht wußte, war sie kindliche Einfalt oder geniale Improvisation. Der wilde Hans – was mochte aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom schien es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer Geist geworden sein, wenn er nicht gänzlich zu Grunde gegangen; ein Mensch, nach dem er sich sehnen konnte in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon seine Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte.
Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er selten ins Bewußtsein herauf. Desto öfter gedachte er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt hatten. Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er seiner Zeit kaum empfunden; ja des Knaben dachte er auch jetzt nur mit bitterer Empfindung. Aber doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr nah verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt! Er könnte jetzt ein kluges fünfjähriges Töchterchen haben. Eine leise Sehnsucht nach Vaterfreude und Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er würde die Erde nie mehr bevölkern helfen, das wußte er; so mußte er denn der Menschheit in anderer Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die von vorn herein auf Ehe und Kind verzichten und von Jugend auf ihren physischen Zeugungstrieb mit mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln. Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und die Menschheit, besser als die gewöhnlichen Väter. Und plötzlich überkam ihn auch da ein Grauen vor sich selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz gewöhnlicher Mensch verlieben können und alle die Thorheiten mitmachen? Und heiraten? Und – und? Zeugen? rohesten Sinnengenuß suchen? jahrelang? Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach das meiner wahren Natur? Nein, nein.
O warum hatte er sich denn nur je dem Joch des Eigennutzes und des Herkommens gebeugt? Wäre er doch ruhig und ohne nach rechts und links zu sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgiltig ob er sein Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich doch ausgelebt; wäre er doch jung geblieben! O diese häßliche gewöhnliche eingeengte niederdrückende Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er versäumt? Er mußte es einholen; er mußte denken, leben, wirken. Vorbild wollte er sein, Prophet … Erlöser – War er denn noch jung genug? Ja er glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er wollte doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im Spiegel und lächelte sich Mut zu; ja er war noch jung und frisch. Der Glanz seiner braunen Augen hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den sprechenden, eindringlichen Zug um den Mund. Wohl waren die Haare an seiner hohen energisch vorspringenden etwas plebejischen Stirn ein wenig zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu finden in seinem dichten, schwarzen Vollbarte.
Gewiß, gewiß, er war noch nicht zu alt; ihm war noch Frist genug übrig, um sein Werk zu vollenden. Und nun suchte er sich zu überzeugen, wie vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner Weisheit für ihn war, für ihn und die Welt, der er das Geschenk seiner Gedanken entgegentrug. Wäre damals, noch als er Schüler war, nicht die plötzliche Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein frühreifer, hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine jünglingshaften Ideen für unantastbare Wahrheit genommen hätte, ein intoleranter, fanatischer Sklave seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch vor dem Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht aufs Vergangene, aus erbärmlicher Liebe zu irgend einem gehätschelten Erfolg in der Gegenwart. Früh, vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen, mit leeren Händen und Taschen vor der erwartenden Welt dagestanden, die jetzt erst das beste hören wollte, was aber hätte er noch geben können? Ein besonderes, kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach langer Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich wieder gesammelt hätte zu neuer Weisheit; aber ob man ihn dann noch hören wollte – wer hätte es wissen können? Nein, nein – besser in der Jugend gelernt und geschwiegen, und geredet als Mann.
Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu besinnen auf alles, was er ohne besonders aufzumerken in seinem Leben gesehen, er brauche nur in Zusammenhang zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die ihm die Jahre her über die Seele gehuscht, und die Weltanschauung, die er in seinem Herzen ahnte, stände klar und abgerundet vor seinem Geiste, sein Wille sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu. Er meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur noch übrig, die Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen. Erst leben, dann lehren, das schien ihm das Motto zu sein für seine Aufgabe, das war die Grabschrift, die er sich im voraus verfaßte, und der erste Teil schien ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung mit der Jurisprudenz, die ihm damals noch alles Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön gesondert, alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ, die ihn verleitete, den gährenden Most des ungeschiedenen Lebensdranges auf die durchsichtigen Flaschen kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig einzupressen und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen, sich für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte ihm der äußere Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden, eine Herzenskälte vor, die er am Ende doch nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei jung geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft und Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein Herz sei gefeit gegen neues unerhörtes Erleben?
Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen. Kalt und energisch sammelte er seine zerstreuten Erfahrungen und Ideen, um dann unter die Menschen zu treten und zu zeigen, was er war und wußte und wollte. Vorderhand führte er wirklich nur ein reines Leben im Geiste, das ganz unabhängig war von seinem völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen Leben nach außen.
Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend, ließ er seine Weltanschauung sich weiter entwickeln, und lebte nur, um eben nicht zu sterben.
Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie kamen häufiger von Woche zu Woche, wo es ihm ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, daß er etwas besonderes sein wolle, daß er jetzt, wo er sich dem Alter näherte, sich über seine bescheidene Stellung erheben wollte, erheben über alle die anderen Mitmenschen. War er denn wirklich mehr als andere? Und wenn auch – wozu denn das alles? Was wollte er denn? Hatte er denn etwas zu sagen? Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie sind? Was ging ihn schließlich das alles an? In Ruhe und Zurückgezogenheit wollte er seinen Gedanken leben, und sich langsam dem Tode entgegengrübeln. Er war doch kein Weltverbesserer, war nicht geschaffen für das Auftreten in der Öffentlichkeit.
Denn schließlich – was war denn diese Welt? War denn da noch etwas zu bessern, oder auch nur zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer ein in das metaphysische Gespinnst, seine Gedanken schienen ihm bald das einzig Wahre, die Welt war das Produkt seiner Sinne und seines Bewußtseins überhaupt. Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen Schein ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu bringen, die Gestalt einer Seifenblase zu verbessern? Die Formen mochten wechseln, der innerste Kern der Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich.
Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn: war es denn nicht verwegenste Überhebung, alles für Trug erklären zu wollen, nur damit seine Gedankenwelt wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die Welt vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit seines eigenen Denkens zu zweifeln?
So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in Unzufriedenheit hinein und raubte sich vollends den Rest von Naivität und unfragsamer Lebensfreude, den er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich hatte er oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische oberflächliche unersprießliche Kindereien erschien, hauptsächlich dem Bedürfnis entsprungen, einen Vorwand für seine Weltfremdheit und Beobachtungsfaulheit zu haben.
Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So fragte er bald entschlossen. Mochten die anderen dahinleben, ohne zu fragen, mochten sie die Arbeit für ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck halten und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren, bis sie starben – was lag ihm daran? Er empfand mehr und mehr einen tiefen Ekel vor bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem dämmerhaftem Leben, vor Leuten, die nicht die Zeit hatten zu fragen, wozu?
Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen ihm alles lächerlich, fast verrückt vorkam. Wenn er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend, halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich immer wieder fragen: wozu denn aber in Drei-Teufels Namen das alles? Da rennen sie und hasten sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? was haben sie denn Großes vor Augen? haben sie sich denn überhaupt ein Ziel gesteckt? Hat auch nur jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten Rollen auf einen Punkt hin? Von alledem schien ihm keine Rede zu sein. »Machen sie sich gar was vor?« murmelte er einmal vor sich hin, als er an einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der Arbeit war. »Mir scheint wahrhaftig, das ist eine bunte Komödie, das alles! Wen wollen sie wohl täuschen?« Und so grübelte er weiter. Natürlich, jeder wollte dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse, wofür er arbeite, und jeder that, als glaube er dem andern. Dann kam er am Friedhof vorbei und da fiel ihm noch ein neues ein. Sich selber täuschten sie auch, und das war wohl die Hauptsache. Der Tod, der war es, der bestimmte ihr ganzes Leben, das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern, und alle hegten wohl insgeheim die Hoffnung, an ihn komme die Reihe nicht, er brauche nicht ins Gras beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht glaubten, betäubten sie sich durch lächerliche, ganz überflüssige Beschäftigung, und das nannten sie dann »leben«. War das nicht zum wahnsinnig werden? Wenn sie einsähen, daß alle ihre Arbeit ganz und gar überflüssig wäre, wenn sie sich zugeständen, es sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt, daß sie alle mit einander, einer nach dem andern, sterben müßten, dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur Ruhe bringen und ihr Handwerkszeug, die Requisiten der großartigen Komödie, unberührt an die Wand lehnen und – ja, wie denn? War es denn nicht überhaupt ungeheuer gleichgiltig, ob man jetzt stirbt, oder in zehn, zwanzig, fünfzig, siebzig Jahren? War denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in Betracht kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. So viel er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keinen andern Lebenszweck, als den Tod; auf den lief alles hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten Welt allerdings, daß man geboren wurde, um zu sterben, nur um zu sterben. Aber es war nun doch einmal so, und das beste mußte wohl sein, sich damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten, damit jeder, der das eingesehen, möglichst rasch sein Ziel erreiche und stürbe.
Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer Irrtum, eine großartige Stumpfheit seines Geistes, daß er, so lange er auch sein Hirn zermarterte, keinen andern Lebenszweck ausfindig machen konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern. Er war doch nicht der einzig Vernünftige unter den Lebenden, aber er hatte doch noch keinen gefunden, dem diese schauerliche Einsicht so klar, so selbstverständlich und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte sich doch erkundigen, was die andern eigentlich vom Leben hielten. »Was dünket euch vom Leben?« Er meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der Stadt war, den Leuten, die ihm begegneten, prüfend ins Gesicht, ob da wohl ihre Gedanken über ihr eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf lächerliche täuschende Kleinigkeiten, Essen, Schlafen, Trinken, Spazierenfahren, Kirchengehen, Theaterbesuchen, Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen, Schuhe flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken, Kinder unterrichten, Gemüse kaufen, Waaren verkaufen, Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern einziehen, Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten – immer und immer nur die Maske, der Schein, die Comödie; nirgends, auf keinem Gesicht zu lesen das Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die Verzweiflung. Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige; oder waren sie alle klug und er ein wahnsinniger Thor? Das hätte er gerne herausgebracht.
Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen während der ersten Monate seines Aufenthaltes in dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich erst wieder tiefer mit der Frau Welt und ihrer Weisheit eingelassen; eine unruhige, oft leidenschaftlicher Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr über ihn geworden. Das war besonders begünstigt worden durch seine gänzliche freiwillige Vereinsamung. Er hatte niemanden aufgesucht und Gelegenheiten vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder neue Menschen finden können.
Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm nicht schaden, wieder unter Menschen zu kommen, nun wo alles in ihm ins Wanken geraten war und er Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in anderes freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn der Zufall mit einem Freunde aus seinen ersten Jugendjahren zusammen, den er längst völlig aus den Augen verloren hatte.
Es war in den ersten Tagen des August, an einem schönen Nachmittag. Er hatte sich in die düstern Canzonen des Leopardi versenkt. Da brachte ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr warte außen, ob Herr Doctor zu sprechen sei. »Robert Wangaus, Fabrikant,« stand auf der Karte. Wangaus – Robert Wangaus – er mußte sich wirklich einen Augenblick besinnen. Dann schämte er sich, daß es ihm nicht gleich eingefallen war, wer den Namen trug, und daß er seit Jahrzehnten nicht mehr an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten, antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen Bekannten nach so langer Zeit wieder zu sehen, einen Freund aus seiner frühesten Jugend. So so, der war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch, wie er selbst noch bis vor Kurzem. Ja ja, das war vorauszusehen. Er war begierig, wie er nun war. Es war einer von seinen intimen philosophischen Freunden gewesen, der Wangaus, ein kühner, phantasievoller Knabe.
Ein dicker Herr mit glatt rasirter Miene trat ins Zimmer, legte seinen Seidenhut auf einen Stuhl an der Thür und die rothbraunen Handschuhe darauf. Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden und ihm entgegengetreten war.
»Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat, ich erkenne in Ihnen –«
»Aber Wangaus,« unterbrach ihn Starkblom, »natürlich bin ich der Karl Starkblom, wie Du der Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten, meinst du nicht? Wie ging dir’s denn immer? Du bist Fabrikant? Wohnst du hier? Bist du verheiratet? Bitte setz dich doch.«
In der nun folgenden Unterredung ergab sich, daß Wangaus Besitzer einer Goldwaarenfabrik am Orte war und mit seiner Familie – er war seit Jahren verheiratet – in der Stadt lebte. Er hatte schon vor mehreren Wochen von der Anwesenheit Starkbloms gehört, habe eigentlich gleich gewußt, daß er ein alter Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch schon früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es habe sich eben verzögert, er komme zu nichts mehr, die Geschäfte, die Geschäfte, die Geschäfte –
»Ja ja, die Geschäfte,« wiederholte er noch einmal, indem er bedächtig ein paar Haare am Rande seiner Glatze zurecht legte. »Sie, Herr – entschuldige, ich muß mich erst wieder daran gewöhnen – du hast’s nun freilich gut. Das heißt, offen gesagt, ich wüßte nicht, was ich den ganzen lieben langen Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht hätte.«
»Seit wann hast du denn das zu deinem Lebensberuf gemacht?«
»Wie?«
»Ich meine, seit wann du die Welt mit deinen Schmuckwaaren beglückst?«
»Erlaube, das ist nun eigentlich nicht ganz richtig ausgedrückt. Ich fabricire nicht eigentlich Schmuckgegenstände; – ich weiß nicht, hast du eigentlich die Entwicklung unserer Industrie genauer verfolgt? Sie hat einen riesigen Aufschwung genommen. Wenn du die Sache nicht studirt hast, kann ich dir’s nicht in Kürze erklären. Die Sache ist die, daß wir nur eine bestimmte Art Gold herstellen, wie es die Schmuckfabriken zu weiterer Verarbeitung gebrauchen. Es ist da eine kolossale Arbeitsteilung eingetreten; der ganze Verarbeitungsproceß hat sich mechanisirt; überhaupt, wenn ich einmal Zeit finde, mich theoretischer Betrachtung hinzugeben, die Entwicklung der modernen Industrie zu betrachten, werde ich nicht müde. Das ist etwas herrliches; einfach großartig! Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern –«
Starkblom unterbrach ihn durch ein feines, spöttisches Lächeln.
»O, du solltest nicht lächeln, daß ich Poesie citire. Ich bin freilich ein Geschäftsmann, habe wenig Zeit, aber man steht doch sozusagen immer noch unter dem Bann seiner Jugendduselei, und wenn ich Zeit hätte, ich würde wahrhaftig heute noch manchmal etwas von Goethe und Schiller lesen.«
»Ins Theater gehst du aber doch öfter?«
»Ins Theater? Ja freilich, ja freilich. Das heißt – meine Frau ist abonnirt, und wenn sie gerade keine Zeit hat oder auch keine Lust – du verstehst –«
»Jawohl, jawohl. Nun, da wird wohl Goethe und Schiller öfters an dich kommen?«
»Du meinst, meine Frau? – Ja allerdings. Aber doch nicht. Da gehen die Kinder herein. Klassische Stücke sind für die Kinder. Meinst du nicht auch?«
»Hm, ja – weißt du, wir wollen lieber erst gar nicht anfangen, darüber zu streiten. Ich fürchte, ich stehe da auf einem so ganz, ganz anderen Standpunkt, wie du.«
»So, wie du willst; das ist leicht möglich. Sag einmal, hast du eigentlich Kinder?«
»Nein.«
»Auch nie welche gehabt?«
»Gehabt? nein. Nur zu haben versucht. Drei. Das zweite überlegte sich’s drei Monate lang, ob es leben wollte, entschied sich dann aber auch für’s Gegenteil.«
»Das ist hart.«
»Nein. Es ist nicht hart. Oder meinst du wirklich? Wieso eigentlich hart?«
»Na, das ist aber doch nicht dein Ernst. Das ist doch selbstverständlich.«
»Daß der Mensch stirbt, früher oder später? Ja, das ist allerdings selbstverständlich.«
»Ja, aber es ist doch wahrhaftig ein Unterschied, ob ein kleines Kind stirbt oder ein Mann, der seine Lebensarbeit hinter sich hat. Das ist doch klar.«
»Merkwürdig – euch ist alles selbstverständlich und klar, was mir heute zweifelhafter als je ist. Lebensarbeit, Lebensarbeit. Was ist denn das? Ehrlich gesagt, was ist denn nun deine Lebensarbeit?«
»Gott stellt jeden auf den Platz, den er einnehmen muß. Es ist keine Arbeit vergebens. Wenn ich auch nur verschwindend wenig der Menschheit nütze, ein bischen ist’s immerhin und ich erhalte Weib und Kinder. Das ist meine Philosophie.«
»Meine ist’s nicht,« sagte Starkblom sehr ernst, indem er aufstand und hin und herging. »Ganz abgesehen von Gott, der, scheint’s, heutzutage nur noch zwei Zwecken dient.«
»Und die wären?«
»Erstens zur Ausrede und zweitens, vernünftige Menschen nervös zu machen. Gott stellt jeden auf seine Stelle! Haha! – Übrigens hast du in deiner Jugend auch anders gesprochen.«
»Nun, du hast doch diese Jugendtorheiten auch längst hinter dir. Man wird gesetzter. Übrigens ist’s dir wohl nicht ganz Ernst mit alledem. Ich erfülle als Fabrikant meine Pflicht so gut wie du als Richter – und erfülle sie heute noch.«
»Pflicht, Pflicht. Gegen wen denn Pflicht?«
»Das weiß doch jeder. Wozu solche Dinge fragen?«
»Warum nicht fragen? Nochmals – Pflicht gegen wen?«
»Nun, gegen die Mitmenschen.«
»Wirklich? Wann kam dir denn der Ruf?«
»Wie?«
»Wieso empfandest du denn das unwiderstehliche Bedürfnis, die Menschheit mit Schmuckwaaren, nicht doch, mit Gold einer bestimmten Art zu versorgen?«
»Ach, das läßt sich doch nicht so einfach sagen. Das sind sehr verwickelte Verhältnisse. Du als Jurist mußt das doch wissen, besser als ich. Nationalökonomie hast du ja doch jedenfalls studirt.«
»Ich studire sie sogar noch. Aber trotzdem –«
»Na, siehst du. Und übrigens – in die Wiege gelegt wurde dir wohl auch kaum die Bestimmung, Richter zu werden.«
»Da hast du sehr recht. Das darfst du mir vorwerfen. Du weißt aber auch, daß ich’s jetzt nicht mehr bin.«
»Ja allerdings. Du hast’s eben nicht mehr nötig. Glücklicher.«
»Du irrst. Das war nicht mein Grund. Mein Grund nicht.«
Jetzt war das Lächeln an Wangaus.
»Na, na. Täusche dich nicht selbst. Hätte ich so eine Erbschaft gemacht – überhaupt, wer hätte nicht so gehandelt an deiner Stelle?«
»Ja wo bleibt denn da der Beruf und die göttliche Bestimmung? So sagtest du doch?«
»Nun, nun – das schließt nicht aus, daß man sich im Alter zur Ruhe setzt. Wenn man’s kann, natürlich.«
»So alt bin ich noch nicht. Im Gegenteil – meine Arbeit fängt jetzt erst an.«
»So?«
»Ja allerdings. – Das Philosophieren hast du also gänzlich aufgesteckt?«
»Das kannst du dir doch wohl denken. Wozu auch, selbst wenn ich Zeit hätte? Das führt ja doch zu nichts.«
»So? Na, ich weiß nicht. – Ich will jedenfalls jetzt auch versuchen –«
Er hielt inne.
»Nun?«
»Ich meine, ich werde jetzt erst beginnen zu arbeiten, wie gesagt. Ich will auch Gold fabriciren.«
»Was? Das ist doch kaum dein Ernst. Die Branche liegt jetzt sehr darnieder. Leider.«
»Ich mein’s natürlich nur bildlich. Dir werde ich keine Concurrenz machen.«
»Nun, die Firma Wangaus u. Co. hätte das kaum zu fürchten. Bildlich? Das verstehe ich nicht.«
»Ja, anders kann ich’s kaum ausdrücken. Mein Beruf ist denken und aufklären.«
Wangaus schaute sich im Zimmer um und gewahrte die vielen zerstreut da liegenden Bücher.
»Ach so, du willst schriftstellern? Bücher besprechen, alte Meinungen umstoßen, neue aufstellen? Dazu wünsche ich dir von Herzen Glück. Dazu hast du jedenfalls Talent. Da kannst du dir bald einen Namen machen. Oder willst du pseudonym schreiben?«
»Nein. Das jedenfalls nicht. Überhaupt, ob’s auf’s Schriftstellern hinaus läuft, das weiß ich auch noch nicht. Ich bin kein sonderlicher Freund von Papier. Das ist alles noch ganz unbestimmt, übrigens auch ziemlich gleichgiltig. Auf’s Wirken kommt mir’s an, in welcher Weise, das wird sich schon finden.«
»Jawohl, freilich, es giebt ja auch noch andere Wege. Die kaufmännischen Vereine veranstalteten ja jetzt überall populäre Vorträge. Wenn du das willst, ich bin im Vorstand des hiesigen, da könnte ich dir behilflich sein im nächsten Winter.«
»Danke, danke, ich glaube kaum, daß mir das passen wird.«
»Oder bist du ein großer Politiker geworden? Willst dich um ein Reichstagsmandat bewerben? Dir stehen ja jetzt alle Wege offen.«
»Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in mir fühlen. Wie gesagt, das wird sich finden. Ich bin noch nicht so weit, das entscheiden zu können, aber bald, hoff’ ich.«
Wangaus stand auf.
»Soso. Na, jedenfalls freut’s mich, dich so wohl getroffen zu haben. Kann leider nicht länger bleiben. Das Geschäft ruft, das Geschäft. ’s ist verdammt weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du wirst ja wohl den Weg zu mir finden.«
Damit nahm er seine Handschuhe und den Cylinderhut und ging nach den üblichen Abschiedsredensarten. Als er die Treppe hinunterstieg, dachte er:
»Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf. Nicht im mindesten hat er sich verändert. Kaum glaublich, daß der’s zum Landgerichtsrat gebracht hat.«
Starkblom aber ließ zunächst alles persönliche beiseite, ihm war gegen Ende des Gesprächs eine psychologische Wahrnehmung aufgestoßen, die er schnell ein wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar nichts mehr mit einander zu thun haben, zusammen reden können, obwohl ihre Naturen so gänzlich verschieden sind, daß der eine immer den andern mißverstehen muß. Und das nennt man dann Unterhaltung! Er sprach von Aufklärung und Wirksamkeit, Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über Schriftstellern und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte an Ehrgeiz und Ruhmbegierde. Und schließlich ging dieser gute Philister noch weiter als er selbst, er fragte leidenschaftlich: wozu? und jener antwortete mit behäbiger Ruhe: wozu wozu? Und hatte er am Ende recht? Wozu sich quälen? Doch nicht nur, um sich eben zu quälen? Doch nicht blos, weil er nichts anderes zu thun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als unnützen werthlosen Luxus; er selbst aber verachtete die geistlose Arbeit, die aus bloßer Gewöhnung hervorging und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in das Denken für’s höchste. Wer war der Narr? Leicht beide?
Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen mit einem seiner liebsten Freunde aus der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern von den Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben. Er wurde nicht begriffen von diesen Menschen und ihm fehlte auch das Verständnis für ein Leben, wie sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit sehnte er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem eigenen selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen andern Umgang, ihn ekelten diese Menschen, und ihn ekelten seine eigenen Gedanken. – Er dachte im Ernst daran, sich einen großen edeln verständigen Hund anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch einmal mit etwas menschlichem. Er flüchtete nach Arkadien, ins Reich der reinen Formen, ins Land der Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die edelsten Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen sind: er las Goethes Iphigenie, Partien aus dem 2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem erlesenen Genuß zu Schillers Braut von Messina kam, klappte er das Buch nach wenigen Minuten schon angewidert zu: selbst diese Kost war ihm zu grob geworden, zu menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er nicht mehr lesen, der war ihm jetzt wie ein wildes gieriges Tier in enger stinkender Menageriezelle, das nicht durfte, wie es wollte. Selbst Leopardi war ihm zu unfein.
So hütete er sich denn von da an, mit Menschen und Büchern und Einfällen zusammen zu stoßen, die ihn hätten aus seiner Gemütsruhe reißen können, in die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts unangenehmes, nichts gewaltsames, nichts aufregendes. Vielleicht später … später … jetzt wollte er Ruhe. Er ging früh zu Bett und stand spät auf. Dann ein langsames Frühstück, während dem die Morgenträume sich weiterspannen und langsam verwehten. Darauf ein kleiner Spaziergang durch den Tannenwald, bei dem er nichts dachte. Dann las er: Goethe, Spinoza, Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles, Greisenhaftes war ihm das liebste. Daneben auch mystische Romantik und Heiterkindliches: Brentano’s Rosenkranz, Arnim, Eichendorff, Jean Paul, Gottfried Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang. Dieses oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren Vergnüglichkeit, während innen kaum bewußt etwas in ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam empornagte, hatte etwas bänglich – entsetzliches an sich. Und weiter ist demnach vorerst nichts über ihn zu vermelden.
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Zweiter Abschnitt.
Solche Menschen, die ähnlich Karl Starkblom, freilich selten so heftig von einem Trieb in den andern geschleudert, von einer Verzweiflung der andern geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit sich aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit hineinstahlen, gab es damals in Europa eine kleine Schaar, die nichts von einander wußte und nichts von einander wollte, die keinen Verein bildete und keine Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube zu schwächlich war, um in der Gegenwart etwas zu lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern fuhr es durch die Glieder und sie ehrten den unbekannten Toten, indem sie sich fragten, worauf sie selbst eigentlich warteten mit dem Sterben.
Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen, halb oder ganz verrückte Sonderlinge ohne Gefahr, die die Welt nicht weiter beachtete; ihretwegen hätte sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen Pflichten und bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine neue Lehre so gewaltig in die Massen der Völker hineingedrungen oder aus ihnen heraus entsprungen, man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker eine große Revolution ahnten, manche philosophische Historiker aber die Zeichen einer mächtigen religiösen Volksbewegung erblicken wollten. Die internationale Socialdemokratie war eine Weltmacht geworden, mit der der größte Staatsmann und der kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte.
Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte Wachstum des Sozialismus durch die Kläglichkeit des europäischen Bürgertums, wie es sich nach der französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr für immer dahin, nunmehr wurden so viele Freiheiten und Rechte von der Gesammtheit als ewige unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten Verhältnisse, deren Früchte sie genoß, und der ihr vererbten Freiheits- und Gleichheitsideen nicht mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen zu nähren und auf den Leibern des Proletariats Paläste zu bauen, mit zitternden Händen und schielenden Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um sich, zur Brutalität hatten sie keinen Mut und zur Entsagung keinen Gedanken.
Der Liberalismus war damals aufgekommen und die Verpönung aller Gewaltsamkeit, und eine dilettantische Moral machte sich breiter als je zuvor. In keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem so kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an ihre Lehre und an ihr Leben und ließen sich’s wohl sein, so gut es gehen wollte; denn niemals kam ihnen ein Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband, an ihrer Moral.
Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das fruchtbare Mistbeet, dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen entsprießen konnten. Das war die Zeit, wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem erstanden und angepriesen wurden als neue erlösende Wahrheiten, wo ein neuer Glaube schneller wieder weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand, das war die späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene gierig geschlürft wurde.
Damals berührten sich in der That die Extreme, und die Stärksten und die Schwächsten fanden sich zusammen im Ekel und in der Resignation. Damals pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende Macht der körperlichen Arbeit und entsagte seiner gesellschaftlichen Stellung und ward Bauer und Schuhmacher; und zu gleicher Zeit war der deutsche Schuhmacherssohn, der Schloßherr vom weißen Hause, nahe daran, die Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten diese beiden einsamen Prediger, denen der Ekel gemeinsam war, zusammen.
Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen sich weg vom Tische des Bürgertums; in der Socialdemokratie aber erstand eine organisierte Masse von Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß in die Paläste des Geistes. Diese Schaaren von zielbewußten Kämpfern boten ein Bild, wie es niemals dagewesen war. Es war in diesen Köpfen eine merkwürdige Mischung von Phantasie und Nüchternheit, von Leidenschaft und Zurückhaltung, von Glauben und Skepsis, von Aufschwung und Bedacht. Sie hatten die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten sich meist ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – was war geworden aus diesem berauschenden Kampfruf der Revolution? Freiheit? Nie war ein schönes Wort schnöder mißbraucht worden. Ja freilich, die Wahl stand ihnen völlig frei, nach den Bedingungen des Kapitalismus zu arbeiten, oder zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche Freiheit. Und Gleichheit – nun allerdings, sie waren eine im wesentlichen gleiche proletarische Masse geworden. Aber die Brüderlichkeit, die mußten sie selbst dazuthun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und sie wollte nun empor in der Socialdemokratie. Arbeiter aller Länder vereinigt euch! Dieser Ruf zog durch die ganze Welt und rüttelte die Unterdrückten auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung der Menschheit von der anarchischen Waarenproduction und Circulation, zur communistischen Herstellung und Distribution der Bedürfnisse, zur Vernichtung des blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit und Menschlichkeit.
***
Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender jugendlicher Begeisterung ein Ziel vor sich hatte erstehen sehen, als er sich dann vorbereitete zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des Karl Marx, ziemlich gründlich studirt. Dann aber war der neue Mensch in ihm emporgekommen, der so lange geschlummert, der ungestüme Frager und Peiniger, der Befriedigung wollte für sich selbst und seine unbestimmte Sehnsucht, der an alles herantrat mit der Frage: wozu? warum so? warum nicht anders? was soll werden? So konnte ihm, der sich selber auszuleben gedachte, und doch sich selber nicht ergründen konnte, ihm, der nicht wußte, was der Mensch sei, der Sozialismus, der die armseligen Proletarier zu Menschen machen wollte, damals keine abschließende Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen Suchen einer neuen Welt, in den Bereich einer alten fertigen toten Kunst und Weltanschauung zurückgezogen, um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um jeden Preis. Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer Gährung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer Karl sich in die Beamtenlaufbahn einfriedete, war der Mann nahe daran, sich unter der schützenden Decke einer vereinsamten und versteinerten Cultur zu begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem Manne, das immer wieder sich aufbäumte gegen den ruhsüchtigen Quietismus und die Selbstbetäubung des Schuhmacherssohnes; etwas robust in die Höhe Strebendes und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen Adam nach Haïti, Johannes in die weite Welt gezogen hatte. Sein Geist arbeitete zu rasch, als daß sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches Abbrechen und Vereinsamen des Denkens. Er war ein sehniger Mann von langem Leben und hatte Zeit; das schlummerte unbewußt hinter all seinem Thun und Lassen.
So war es denn allmählich so weit gekommen, daß ihn diese beschauliche Ängstlichkeit seines Lebens, diese Zurückgezogenheit und dieses Traumgedämmer anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen vorging und tastete vorsichtig nach Stützpunkten, um in frischer Öffentlichkeit und mitten unter den Menschen sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren. Er ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit leben und vielleicht auch ein Glaube. Er hatte die Gescheitheit und Gebundenheit seines Lebens satt und rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit.
Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen Wintertage, als sich mehr wie je wieder etwas wie Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei ihm einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen war, er suchte unter allerlei Gerümpel ein Paar altmodische Schlittschuhe vor, die er seit langen Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und machte sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest zugefrorenen Teich, auf dem sich die Einwohner des Städtchens zu tummeln pflegten. Es schien ihm selbst wunderbar, als er mit großen Schritten auf dem knisternden Schnee wandelte, daß er sich endlich wieder unter Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige Menschenkinder. Besonders wohl fühlte er sich anfangs nicht, er war den Lärm und das Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt, und er erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal staunend überlegt, bei welcher Gelegenheit wohl die Menschen zum ersten Male das Lachen gelernt. Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen sein, denn dies kindliche, heitere Lachen der harmlosen Jetztlebenden war gewiß nur das armselige mißratene und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen Erschütterung von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz und Lust nicht zu trennen gewesen.
Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches und Sanftes in ihn hinein, wobei indessen Wehmut und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten. Wie kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene jugendliche Schaar? Er sah sich forschend um und fand, daß er wohl fast der Älteste auf dem Eise war. Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch das störte ihn wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und zu Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall, daß er sich einen Christus auf Schlittschuhen nicht gut vorstellen könne. Er lachte bitter vor sich hin und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes zu holen? O man konnte auch einsam sein unter Menschen. In großen Bogen strich er über das klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald mitten durch die Menschenknäuel sich hindurchwerfend, und vertiefte sich in sein Grübeln. Wenn jetzt das Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen in sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was wäre viel dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke und die Erde in die Sonne stürzte und die Sonne – und die Welt – und alles hin – und nichts – was wäre dran? was wäre hin? Was für ein unendlicher Zweck wäre für immer geschwunden? und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War Ursprung und Fortgang und Ende und Mittel und Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe und eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles –
Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen tot! Damit unterbrach er schroff halb unmutig, halb doch belustigt sein Forschen. Es muß jetzt ein Ende werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe nach Hause und überlege, aber praktisch, was zu thun, wie mich wenden an die Menschen, wie ihnen mitteilen, was ich gedacht und will – ja was will ich denn, du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß man nicht mit klaren Worten. Das kommt schon. Oder vielmehr, es ist schon da. Es liegt schon in mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen zu reden. O mir ist auf einmal die Zunge gelöst. Ich habe lange genug geschwiegen. Ich muß nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir wie ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen, nur anfangen. Jetzt ist es Zeit.
Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem Beginnen, rannte er mit gewaltig großen ungeschickten Zügen zur Belustigung der hinter ihm dreinfahrenden Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die Schlittschuhe ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren Weg durch die Stadt wählend.
Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken große blaue, weiße und rote Plakate, vor denen sich Bürger und Schulkinder trotz der grimmigen Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier, vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem Treiben der Leute ließen Starkblom auch anhalten. Da las er auf dem großen hellblauen Plakat: Aufruf. Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor der Thür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand Größeres auf dem Spiel.
So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse ward aufgefordert, Mann für Mann einzutreten für den bewährten Kämpfer der freiheitlichen Sache, Herrn Commerzienrat N. N., und eine Versammlung für den folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen. Starkblom nahm sich vor, einmal da hin zu gehen, um zu sehen, ob es denn einen Sinn habe, sich um diese Dinge anzunehmen, und die Art kennen zu lernen, wie die Leute die Sachen betrieben.
Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat und seine Frau noch lebten, auf eine Zeitung abonnirt gewesen, und sein ordentliches Lorchen hatte die seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln, vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren Jahren noch einmal interessant werden, vielleicht aber auch nur, um die Papierballen später im Großen als Maculatur zu verkaufen. Doch war sie vorher gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt und auch mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ er sich von der Haushälterin vom Speicher herunterholen, soviel sie unter beide Arme bekommen konnte, und las darin am Montag Abend und im Laufe des Dienstags. Er wollte sich etwas vorbereiten auf die Wählerversammlung und glaubte, Zeitungslesen sei dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen Jahren schrieben oder wie. Es war eine üble Arbeit, dieses Lesen in den morsch und gelb und stinkend gewordenen Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno dazumal, aber er biß sich durch. Freilich hatte er schon lange nicht mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt.
Die Versammlung schien sich anfangs ganz so anzulassen, als ob sich in der politischen Welt inzwischen nichts verändert hätte. Da saßen ungefähr 800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und hörten mit Bedacht und ohne sich irgendwie activ einzumischen, ihre Redner an, die von Kornzoll sprachen und der Brodverteuerung, von Freihandel und freier Concurrenz, vom Militarismus und allzugroßer Belastung der Volksschultern, von Zuckerexportprämien und unerhörter Begünstigung der Agrarier, und was des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien Leben und Brodessen und einigermaßen gerechte Verteilung der Lasten und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit und bedächtiger Ehrgeiz als selbstverständliches Menschenrecht. Man müßte sie aufrütteln! dachte Starkblom. Man müßte ihnen mit Vernunft beizukommen suchen und mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung wäre ihnen einzuimpfen und Lust zum Tod. Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja so ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen Vegetieren. – Warum? Und warum nicht? Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es thun! Was brauchen sie dumpfe Tiere sein, wenn ich es nicht bin? Was muß ich ihnen ihr Glück gönnen, wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich sie lassen, wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann und in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr, wenn ich Macht über sie habe, will ich sie üben! Warum? wozu? Frage nicht länger. Weil ich will; zu meiner Freude!
Da wurde er in seiner Willenserwägung gestört durch eine knarrende Stimme, die von neuen Dingen sprach. Die Versammelten hörten aufmerksamer als bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske abzuwerfen, der Kampf gegen die Regierung schien nur ein vorläufiges Späßchen gewesen zu sein. Sie waren die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden, honnetten Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen und sie vor allem wollten sich wehren gegen begehrliche Arme, die von unten sich emporhoben und Unmögliches verlangten. Mit längst abgethanen Utopien köderten die Sozialdemokraten die ungebildete Masse der Arbeiter, die ihnen Glauben schenkte wie neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger waren eine Gefahr geworden für das Vaterland und die Gebildeten aller Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen. Der Freisinn allein bietet die wahre Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen; in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft. Sagt euch los, ihr irre geführten Arbeiter, von den Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer Beifall lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde übertönt von höhnischem Gelächter, das von einer kleinen Gruppe ausging, die festgeschlossen in einer Ecke des Saals stand.
Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt, lüftete die Maske noch mehr. Oder hatte er eine neue aufgesetzt? Der Freisinn war wieder fromm geworden. Erst redete er nur von der Natur und vom Kampf Aller gegen Alle und von Darwin. Auf einmal fiel auch das Wort Gott. Starkblom lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt so geschaffen, daß alle gleiche Rechte haben, aber nicht gleiche Gaben und gleichen Charakter und gleiches Glück. Reiche und Arme, Fleißige und Faule, Kluge und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten. Und wieder hörte er erbittertes Lachen. Und das Erben? fragte eine schreiende Stimme. Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für das Wohl des Staates, daß die Kinder von des Vaters Gaben zehrten. Die Familie sei die Grundlage des Staates und aller Gesittung.
Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus jener Ecke langsam einen Weg durch die Reihen gebahnt und war auf die Tribüne gegangen und hatte dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn zweifelhaft an und zuckte mit den Achseln. Der andere machte eine leichte selbstverständliche Handbewegung. Der Vorsitzende breitete fragend die Arme aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der Faust auf den Tisch, daß die Glocke, die darauf stand, leise zitternden Ton gab, und der Vorsitzende ergab sich zögernd darein. Nachdem nun der laute Beifall verklungen war, verkündete er, daß sich ein Gegner zum Worte gemeldet habe, und da freie Diskussion ihr Prinzip sei, müsse der das Wort erhalten. Er werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht lange in Anspruch nehmen.
Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren Jahren mit ernstem wenig sagendem Gesichtsausdruck vor. In der linken Hand hielt er seinen breiten Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er während er sprach seine lebhaften aber gleichmäßigen Bewegungen. Er will scheint’s Holz hauen, flüsterte jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und nicht schlecht und wunderlich mischte sich in seinen Worten nüchterne Trockenheit mit trivialen aufgefangenen Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er, die Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber er wolle ihnen seine Meinung sagen, damit sie sähen, wie der Arbeiter denke.
Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im Proletarierhirn und das sei das Verdienst der Sozialdemokratie. Diese allein habe ein Herz fürs Volk, sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze Menschheit zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott, wenn er uns in unserem Elend läßt? Wir haben uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein für sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die Lohnsklaverei nicht auf; darum muß die kapitalistische Gesellschaft mit Stumpf und Stil vernichtet werden. Die Menschen haben im wesentlichen gleiche materielle Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu Mittag essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich, daß einer gegen den andern streitet, wer das meiste Geld verwischt, dann muß die Produktion der Lebensmittel gemeinsam werden und das ist möglich. Der Kampf Aller gegen Alle muß aufhören, und das ist Ihre vielgerühmte Freiheit. Der Satte kann Freiheit brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und geknechtet zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt werden und das Paradies der Menschheit erobern für alle, meine Herren, für alle und jeden; dann wird die schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben einmal gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst unterdrückt waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt sind und obenauf, jetzt haben Sie die Sache des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch gar nicht mehr. Wir sind zielbewußte Proletarier, wir stehen auf dem Boden des Klassenkampfes und den werden wir nicht verlassen, bis die Sonne des Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den Angeln hebt. Und wie zum Hohn rief er zum Schluß, indem er fest auf die Versammlung blickte und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und jubelnd stimmten seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch! und der Einklang schwebte über dem gemischten Toben der Versammlung.
Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Nieerhörtem. Er stand auf und sah den Arbeitern nach, die den Hut auf dem Kopf, fest auftretend, wie zum Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem provocierendem Benehmen sprach, aber er hatte genug und wollte nicht länger bleiben. Er ging zu einer Seitenthüre hinaus. Herr Fabrikant Wangaus hat das Wort, hörte er gerade noch beim Schließen der Thüre. Also der wollte den Mann widerlegen. Er lächelte. Dessen Rede kannte er schon, der Hagere und der Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott stellt jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden und rüttelt nicht an der überlieferten Ordnung der Gesellschaft. Unsere ganze große Cultur ruht ja nur auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter rüttelten auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen nicht zusammen mit ihm. Die wollten noch leben, die wollten erst beginnen und das rechte freudige Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten sich wohl. Das Leben war keine Freude. Diese Naiven, wenn sie alles das hätten, was er sich errungen und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum, Unabhängigkeit, Bildung, Wissen – sie wären elender als jetzt. Oder sie wären stumpfsinnige Tiere wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder gab es ein drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein …? Er konnte es nicht glauben. Ja wenn er glauben könnte! An die Zukunft glauben. An eine Bestimmung des Menschen, an einen Zweck, an einen Sinn … aber so, alles dumm und zwecklos und so, freudlos und lächerlich. Werdet wie die Kinder. Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen, solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit erobern. Hatte er nicht so gesagt? Und warum genießen, nochmals und immer wieder? Ich kann nicht genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr frage und mich aufbäume und forsche und grüble und schließlich verzweifle: bin ich dann nicht ein Tier? – Und warum willst du kein Tier sein? Ein heiteres, herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen sich hinabstürzend und sich wieder emporschwingend zu himmlisch-reinen Ätherfernen und Glockentönen? Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde wurzeln und hinaufragen mit dem Götterleib zur reinen Höhe, das wäre doch schön, schön? Ja das wäre schön! Also doch – arbeiten? Arbeiten für ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln? Kämpfen? Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen? Wo? Sozial … demokraten? Ja? Ob das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn waren? Sie schienen ein Ziel zu haben, ein festes, unverrückbares, sie wollten etwas; und war es nicht schön und groß, was sie wollten? Und war es nicht möglich? O, aber es mußte ja möglich sein, wenn das Leben einen Sinn haben sollte. Und es mußte doch einen Sinn haben, da er leben wollte und sich freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der Mensch etwas denken konnte und wollen konnte, dann war es doch auch erfüllbar? Freilich leugneten das die Philosophen; aber sollte es nicht eben darum –? Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige wahrhaftig sehr unvernünftig. Also – versuchen wir es zum mindesten. Her mit dir, du meine Vernunft, und du, mein Leben! Wir wollen euch noch einmal erproben. Hierhin stell dich, Vernunft, und hier gegenüber, du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt, solange ich euch beobachte, dann werf’ ich euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen und krepieren. Und das Beobachterlein geht dann schon von selber mit ein ins Reich des Todes. Also: ich beginne. Ich will versuchen. Die Sozialdemokraten, die muß ich kennen lernen. Am Ende werde ich selber einer. Sie werden mich brauchen können. So wäre dann der Kreis glücklich vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen und verbindet sich mit ihr. Man wendet sich solange vom Leben ab, bis man ein neues beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn nicht nur dieses Leben, unter diesen Umständen, in diesen Verhältnissen? Und all mein Denken, und all mein Ekel und meine Verzweiflung – nur eine Frucht meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse schaffen? Fort mit der allgemeinen, unklaren, dem Einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe die Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft? Sozialdemokrat werden? Einrichtungen bekämpfen und nicht mehr den Menschen an sich? Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber? Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht mehr verzweifeln? Freude und nicht mehr dumpfer Schmerz? Leben und nicht mehr Tod? Sozialdemokrat werden? Sozialdemokrat sein?
Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück und hier blieb sein Denken stehen. Damit legte er sich ins Bett, damit schlief er ein und damit wachte er wieder auf.
Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um einer Versammlung beizuwohnen, die der sozialdemokratische Leseklub »Menschheit« einberufen hatte, war sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluß gefaßt, er hatte über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht, er hatte nichts studiert über soziale Zustände und materialistische Geschichtsauffassung, aber er war in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer, das sich in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen zu finden, denen er sich anschließen, die er leiten konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel!
Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war der große Saal noch ziemlich leer. Erst nach einer halben Stunde etwa kamen Gruppen von Arbeitern und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt, überall an den Wänden und zwischen den Tischen standen noch Menschen. Frauen waren ganz vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch etwa in der Mitte des Saales, wohl der einzige Fremde unter mehr als tausend Arbeitern. Nur kurz vor Eröffnung der Versammlung waren zwei feingekleidete junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute mit ausgeprägt jüdischem Typus und waren prüfend und unsicher im Saale hin und her gegangen. Dann sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir wollen gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein Arbeiter, der in der Nähe stand, drehte sich ruhig um, packte den einen links und den andern rechts hinten am Kragen, schob sie zur Thüre und warf sie mit einem tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom, der die Szene beobachtet hatte, lachte herzlich und nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam, freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch, und unterhielt sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche Dinge. Es war seit langer, langer Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem Anteil und mit Genuß führte.
Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte über das Thema: »Wie stellen wir uns zu den Wahlen?« sprechen. Er war noch ein junger Mensch, wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor Kurzem in Berlin zuerst in der Öffentlichkeit aufgetreten war und von Stadt zu Stadt zog, um für seine Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu neuer Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer Energie aufzurütteln.
Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der Thür, so begann auch er gleich den unzähligen Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall in Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber nur zum Spotte. Denn er fuhr gleich fort: Was gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den Volksverführern, die auf unsere Dummheit und auf die Aufregung dieser Zeit spekulieren, glauben, daß von dem Stimmzettel, den wir in die Urne werfen, von dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser Wohl und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß wir Arbeiter einen Vertreter brauchen, um zu erreichen, was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist diese Ansicht, wir wollen uns selber helfen.
Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht, das man uns vor einigen Jahrzehnten gegeben hat, sei ein Zugeständnis der Regierung an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im Gegenteil, es war ein überaus schlaues Mittel, um durch alle Künste der Lüge und der Verführung, mit Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch scheinbare Beteiligung an der politischen Macht ehrgeizige Demagogen, die sich als Vertreter des Volkes aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen Regierungsspießgesellen zu machen.
Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich geworden ist, unter parlamentarischem Ton eine gewisse aalglatte, höfliche, heuchlerische, durch und durch verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen? Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten die feinen, schwächlichen, sogenannt aristokratischen Leute, die nichts ihr eigen nennen als ihre geläufige alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen? Ja, wenn es so wäre, wie man uns vorzuspiegeln sucht auch von Seiten solcher, die es ehrlich mit uns meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien Wortes wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen darf, was man für gut hält, in allen Fragen, in denen der Religion, der Nationalität, der Rasse, des sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt, wenn da Männer aufträten mit dem Mute ihrer Überzeugung, und das mit ihrer feurigen Beredsamkeit verträten, was wir denken oder wenigstens unklar fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das sogenannte »Gesetz« es verbietet – dann hätten wir nichts gegen das Parlament, obwohl es auch dann noch lange nicht die Bedeutung hätte, die viele ihm jetzt schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es denn so? Fürchten sich denn nicht im Gegenteil unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf des Präsidenten oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter? Sprechen nicht auch diese Herren, wenn sie mitten unter uns stehen, wenn sie das Echo vernehmen, das aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier, mutiger, wahrhafter als dort? Oder – lügen sie da mit ihrem freien Ton ebenso sehr wie dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern und Führern! Dann sind wir verraten und verkauft!
Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine Einigung, ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen Regierung, des Junkertums, des Königtums von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit der bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist es wahr, solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen und der feudalen Welt ausgefochten wurde, war unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie; damals waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich anzukämpfen oder als lachende Dritte zuzusehen, wie sie mit einander stritten. Heute aber ist dieser Kampf überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute kämpft nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere, sondern nur ein Interesse gegen ein anderes. Nur wir, die wir stark sind in unserer Gemeinschaft, wir haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide bekämpfen. Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen Einrichtungen und ihre Kirche und ihr Parlament – wir stehen außen, und wo wir noch nicht außen stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst zu leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da werden wir auch einmal aufhören, aufhören mit einem Mal, dann, wann es uns beliebt, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist.
Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes Feuer hineingeredet hatte und seine Worte mit starken Bewegungen seiner Arme und seines Kopfes begleitete, durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck. Aufhören mit der Arbeit, wann es beliebt. Das war seine Sache. Freilich – es war alles in anderm Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum Leben, alles vielmehr um des Lebens willen, für das vernünftige Leben. Das war es, was diesen Männern allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft im Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und Lebenszweck, man hatte ein Interesse an der Welt, auch an den Nachkommen, man handelte und brachte Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein Ziel, auch wenn man es nicht erlebte. Das war es, das war es, wonach er sich gesehnt, so heiß gesehnt mit all seinem Sinnen – diese Männer hatten es, sie wußten wofür sie lebten, ja wofür sie starben. Und Starkblom bemühte sich, die Zweifel, die sich ungeordnet von allen Seiten her in ihm aufbäumen wollten, zu vernichten. Er wollte nicht mehr unglücklich sein, er wollte mitmachen und er konnte es. Er ließ sich hinreißen – gleichviel wohin.
Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier getrunken und fing nun wieder an.
Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert sich zu der Frage: Was geht uns die Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas größeres? Was ist denn Politik? Staatskunst nennt man sie zu deutsch, und das ist richtig. Ohne Staat giebt es keine Diplomatie und kein Parlament und keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht uns der Staat an, der Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung? Falsch ist die Meinung, wir könnten uns durch ein Hinterthürchen einschleichen in den heutigen Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen. Falsch ist die Ansicht, dieses Hinterthürchen, der Parlamentarismus, sei aus Versehen offen geblieben, oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit haben es die heutigen Machthaber geöffnet, um uns zu ködern und uns zu sanften Regierungsschafen und Staatseseln zu erziehen, und groß ist die Gefahr, sie könnten ihr Ziel erreichen.
Genossen, wir sind keine politische Partei; wir wollen keine Gesetze machen, um die Ordnung herzustellen im Interessenkampf und um die Schwachen zu unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen nicht flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher zu machen, nein, ich sage es offen, wir wollen sie unerträglich machen, um sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben. Wir kennen keinen Gegensatz zwischen den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen, daß alle Menschen eins werden als Menschen, als Individuen im Kampf gegen feindliche Naturkräfte, im Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals und immer wieder: wir wollen uns nicht beteiligen, wir wollen abseits stehen, wir wollen die heutige Gesellschaft allein lassen, und wenn es an der Zeit ist, im Stiche lassen.
Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem aufklärend an den einzelnen Menschen. Wir sagen ihm: siehe, mein Bruder, es giebt für dich keine Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit, es giebt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles hat man dir vorgelogen und anerzogen. Wie du zu handeln und was du zu glauben hast, darüber hast du dich einzig mit deiner Vernunft auseinanderzusetzen. Und dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung aller Menschen, daß sie trotz aller Ungleichheiten und Differenzen nur eine Vernunft haben, und daß ein normaler Geist das Größte zu erfassen wenigstens im Stande ist, was der Fortgeschrittenste, der Höchststehende, der Genialste, gefunden und entdeckt hat. Freilich, einen Wust von Aberglauben und Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen, das kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu sehr aufgepfropft worden, aber glücklicher Weise verträgt es sich auf die Dauer nicht mit seinen Interessen und daher kommt es, daß die Masse der Arbeiter sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee. Das gilt nicht für den Bourgeois – ihm kann man Vernunft predigen so lange man will, der Durchschnittsbourgeois kann uns nicht recht geben, selbst wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen lassen von einer Idee, die einer neuen Weltanschauung angehört, dann muß er ein freier Mensch sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige.
Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht, wenn ich ihm sage: du zahlst Steuern, du bist Soldat, du arbeitest in der Fabrik, nicht weil es dein Wille ist, sondern weil du mußt, weil du geknechtet bist, weil vorerst die dich knechten, noch die Stärkeren sind. Du kannst, auch du Einzelner kannst es, du kannst aufhören zu arbeiten, wenn du nur willst, aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen gegen Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts angehen, aber du wirst dann deiner Freiheit beraubt, wenn nicht getötet, und das von Rechtswegen – denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du thust, lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber unter der Knechtschaft, unter der du stehst, kannst du nicht thun, was du willst. Du kannst deinen heißen Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht aus der Welt schaffen, wovor dir ekelt, nicht die Schwindelgeschäfte, nicht die Börse, nicht die Prostitution, nicht lügnerisches Pfaffentum und Beamtentum, nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung. Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt leben, wie es die Verhältnisse wollen, die aufrecht erhalten und verteidigt und idealisiert werden von der heutigen bürgerlichen Gesellschaft.
Unter diesen Umständen giebt es nur ein Mittel. Wir alle, die wir unter diesen Verhältnissen leiden, thun uns zusammen zu einer kämpfenden Gemeinschaft. Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu lehren und die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben, daß die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben, um zu stürzen die kapitalistische Weltanschauung und einzurichten die sozialistische. Organisieren wir uns in den Gewerkschaften, werbet überall, in den Fabriksälen, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in der Familie, in großen Versammlungen. Ist diese freie Organisation stark genug, dann kann jede einzelne Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit, um Erhöhung des Lohns auf die Unterstützung aller andern rechnen und dem Kapital die Spitze bieten. Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der bürgerlichen Gesellschaft kündigen, sei es auch nur um zu zeigen was kommen wird. Und diese unsre Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut und Blut für den andern, für die gemeinsame Sache; einer für alle; alle für einen.
Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht zum Reichstag! Wählt keinen Vertreter, der für euch kämpfen soll durch Parlamentsreden. Das Wort ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und für den Kampf giebt es keine Vertretung. Kämpft selbst, Proletarier, nicht mit der Zunge, kämpft mit eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf ausgefochten werden muß, auf dem Boden der Arbeit, und da könnt ihr nicht allein kämpfen, sondern nur alle zusammen festgeschlossen und einig. Vereinigt euch, Proletarier klärt auf, Genossen, werbet für unsere Idee, der Sieg wird unser sein!
Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte Rufe der Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes: »ganz unrichtig«; kaum dringen konnte. Die Diskussion wurde nun eröffnet und ein Arbeiter nach dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig seine Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und nunmehr Ergänzendes beizubringen, indem hauptsächlich gegen die einzelnen Volksvertreter schwere Vorwürfe erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner, der sich vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen war, um außerordentlich fließend in ununterbrochener Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe seien, wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache erworben, wie vortrefflich die Parlamentswahlen und das Parlament selbst sich zur Agitation eigneten, wie auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter herauszuschlagen sei, – erhielt der Referent noch einmal das Wort, um das Ergebnis der Diskussion zusammenzufassen.
Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für ganz unrichtig muß ich es halten, wenn der Herr Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h. ihre Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen gemacht, weil wir eine in Betracht kommende Anzahl Abgeordnete ins Parlament gesandt hätten. Keineswegs, sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht worden (übrigens kann man ja bisher kaum schon von solchen reden, aber ich gebe zu, es werden noch solche gemacht werden) weil die Bewegung in den Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil etwas gethan werden mußte, um den Anschein zu erregen, die herrschende Klasse sei sich der Ungerechtigkeit unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen. Wieviel stärker und energischer aber wäre heute schon die sozialistische Bewegung, wenn unsere Agitation nicht nur Wahlagitation gewesen wäre, wenn wir von vornherein uns im Gegensatz zum Parlament gestellt hätten. Ich behaupte, die Herren im Reichstag und am grünen Tisch hätten ein ganz anderes Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere Konzessionen gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren Sitzungssaal betreten hätte, wenn sie ganz allein unter sich geblieben wären und nur die drohenden Stimmen gehört hätten, die lauter und lauter von außen eingedrungen wären, von dem arbeitenden Volk, das nichts mit ihnen gemein haben will. Was aber kümmern sich die Herren jetzt darum, wenn ihnen ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst maßvoll dies oder jenes auseinandersetzt und immer Rücksicht darauf nimmt, daß er nicht zuviel von den Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die Herren Bourgeois unter sich geblieben wären, wenn sie die Zeit vertrödelt hätten mit ihrem einsichtslosen und thörichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen tagelangen Streit über Formalien und Lappalien, während draußen die Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen zum Kampf ums Brod (was etwas anderes heißt als die Bekämpfung des Kornzolls), aber auch um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit! Und wenn dann einmal eine festgeschlossene Kolonne Arbeiter auf der Galerie erschienen wäre, um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung dann bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das Volk anfinge, mitzureden und den Herren zu sagen, was von ihnen zu halten ist, dann könnte man sehen, wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle Winkel verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches schon einmal erlebt, wenn einer unserer Abgeordneten gesprochen hat? O nein, man hat ihn höchstens aufmerksam angehört und hat dann die oratorische Leistung bewundert. Das muß anders werden. Auf diesem Wege verflacht unsre große Bewegung mehr und mehr. Hüten wir uns, daß nicht abgespannt wird; hüten wir uns, daß die Massen nicht anfangen zu ermatten und an unsere Sache nicht mehr zu glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche Begier, unsere Lage zu bessern und von Grundaus zu ändern, darf nicht schwinden, muß gesteigert werden. Und Aufklärung und Belehrung muß sich damit fort und fort vereinen. Nehmen wir uns in Acht! Stehen wir zusammen Mann für Mann! Und vor allem: nicht wählen wollen wir, sondern protestieren gegen das Wählen!
Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder erhob, während einige sich schon zum Weggehen bereiteten, indeß die große Masse ruhig sitzen blieb in der Erwartung, daß zum dritten Punkt der Tagesordnung »Verschiedenes« nach etwas von Interesse zur Sprache käme, stand Starkblom auf. Während der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke: Du mußt reden, und immer wiederholt das eine Wort: reden, reden, reden keine Ruhe mehr gelassen. Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder der Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas ohne Unterlaß an der Kehle, und nun war er aufgestanden, er wußte selbst nicht, um das Fieber und die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden.
Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit nach: »Wünscht noch jemand das Wort? – Es scheint, daß –« Da streckte Starkblom, wie er es vorher bei den andern, die sich gemeldet, gesehen hatte, gedankenlos den Arm in die Höhe und währenddem fuhr es ihm durch den Kopf: Nun mußt du reden, nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich weiß ja gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir ja aus, jetzt ist es Zeit, Zeit, Zeit, groß – bedeutend – mannhaft – alles, alles.
»Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und Wohnung, kommen Sie vor,« sagte der Vorsitzende sofort.
Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er konnte nicht überlegen; meine Herren, meine Herren, ich, meine Herren, ich will, meine Herren, so wiederholte er in seinem Denken immerfort und fast mit den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz ruhig zum Polizeilieutenant, der die Versammlung überwachte, gewendet: Karl Starkblom, Villa Weißes Haus, Privatmann.
»Sie haben das Wort,« wiederholte der Vorsitzende, während man in der Versammlung teils aufmerkte, teils durcheinander sprach; man war begierig, was der feine Herr zu sagen wußte.
Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang an fließend und ruhig sprechend, nur zwischen den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend, während deren er tief Athem holte, denn eine gewaltige Aufregung in ihm preßte sich gegen seine Brust.
Meine Herren, es ist richtig, was der erste Redner sagte. Damit sich einer aus den Reihen der Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner Umgebung, über das Denken und gewohnheitsmäßige Leben, das ihm von früh an eingelernt ist, dazu gehört ein freier und ungewöhnlicher Mensch. Und selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender Geistesanlage, selbst dann wird sein Leben sich ganz anders gestalten, wird er zu ganz andern Resultaten kommen, als Sie wohl annehmen, wenn ihm irgend welche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen zu lassen mit den Menschen, deren Denken von Anfang an eine ganz andere Richtung einschlagen muß als die seine. Ich bin nicht mehr jung, aber zum ersten Male in meinem Leben stehe ich heute unter Arbeitern. Ich bin kein Bourgeois in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen, wohl aber bin ich mir selbst nicht bewußt ausgegangen in all meinem Leben und in all meinem Denken und Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung, von der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man mir je angelernt hat, habe ich mich in langem Ringen und schwerem Kämpfen vollständig erhoben, nur das eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewußt: daß es Menschen giebt, die ganz anders empfinden und denken, wie wir da oben, und daß die Zukunft in den Händen dieser Menschen liegen kann. Ich habe die ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all das Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich habe geschaut, wie die Menschen dies und das treiben und sich doch stoßen lassen von jeglichem Zufall, daß sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe mich mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte, das nicht weiß, wofür es lebt und – noch schlimmer – es gar nicht wissen will. Und ich war nahe daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil ich trotz allem Grübeln und verzweiflungsvollen Forschen nicht finden konnte, wofür ich lebe. Ich habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das ist die Konsequenz eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise. Diese Konsequenz heißt: Selbstmord.
Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche Welt ist dem Tode verfallen, aber aus ihren Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und daran will ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische Gesellschaft, eine neue Welt.
Hier löste sich die Spannung, mit der die große Versammlung bisher in vollkommener Ruhe zugehört hatte, in ein vielstimmiges und gleichzeitiges Bravo auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn und holte tief Athem; dann sprach er weiter, nunmehr lebhafter und freudiger, wie getragen von der Sympathie der Versammlung.
Ja, meine Herren, heute ist es mir endgiltig klar geworden, und darauf baue ich: nicht der Mensch als solcher oder gar die Welt an sich ist es, vor der mir ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen, unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich mein ganzes Leben verbracht habe; es sind nur die Zustände, die heute herrschen und die sich von Geschlecht zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten Kreis verrotteter Gewohnheit. Ein Kind aber kenne ich, das noch nicht zugrunde gerichtet worden ist von diesen Einrichtungen, ein Feld, das noch nicht gejätet worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und das bereit liegt zu neuem Samen; eine Wolke, die sich noch nicht ausgeschüttet hat, sondern voll ist von neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen will zu rollen, wer weiß wohin? … Ich meine die Arbeiterklasse. Die Bildung, mit denen man unser Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee, dadurch sind Sie berufen, der alten morschen Gesellschaft den Todesstoß zu geben und sie abzulösen, und mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft das Ende ihrer Entwickelung erreicht hat. Unsere thörichte bürgerliche Gesellschaft glaubte dem Volk einen gewissen Grad von Wissen und Aufklärung zukommen lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige Gesellschaft hätte aufrecht erhalten werden können, wenn die Arbeiter systematisch zu Haustieren, noch schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären; aber da man in sentimentaler Duselei mit einer Reminiszenz an die Menschenrechte der französischen Revolution davor zurückschreckte und ihnen mit Halbheiten den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt, erwächst die neue große Revolution, die viel, viel gewaltiger werden wird als die sogenannte große Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben haben die Arbeiter, einen Glauben an sich und an die Zukunft der Menschheit. Die bürgerliche Gesellschaft aber hat keinen Glauben, keinen neuen und keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht gedankenlos dahinvegetirt und selbst zum Tier geworden ist. Die soziale Revolution wird siegen!
Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom fühlte, dies sei für die Empfindung seiner Zuhörer das Ende seiner Rede, und obwohl er noch lange weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu, laut durch das Getöse rufend:
Zu Ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer an der Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt und doch eine starke Ahnung hat, damit sei die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen Sie mich auf in Ihren Reihen. Unser Wille ist derselbe: die vernünftige Gestaltung des menschlichen Lebens!
Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen, um so schnell als möglich nach Hause zu kommen, fort aus diesem Saale in die freie Luft. Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen können. Aber der Vorsitzende, neben dem er stand, tippte ihn leicht auf die Schulter und sagte: »Herzlichen Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung ist ja jetzt doch wohl zu Ende. Hätten Sie die Güte?«
Starkblom drückte ihm die Hand. »Gewiß, sehr gern.«
Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten im Saale schon alles erhoben und lief durcheinander dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe fragte der Vorsitzende: Wünscht noch jemand das Wort? und fügte dann gleich hinzu: Dann schließe ich die Versammlung. Sofort begannen einige Stimmen mit dem kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: »Wohlauf, wer Recht und Wahrheit achtet,« und immer zahlreicher fielen die Anwesenden ein in den Chor, während alles langsam zum Ausgang drängte. Nur einige wenige strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich standen, während der Saal schon fast leer war, sieben Männer um Starkblom, ihm abwechselnd die Hand reichend und durcheinander auf ihn einredend. Er nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja – jawohl – ganz richtig – aber bitte sehr. – Er hörte nicht, was die andern sagten und wußte nicht, was er selbst sprach. So hätte er wohl noch Stunden lang dastehen können und seine erregte Freude auf- und abwogen lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz geführt hatte, rüttelte ihn auf, indem er den Vorschlag machte, sich an einen Tisch zu setzen und noch ein Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war Starkblom in ein Gespräch verwickelt mit seinen Nachbarn, erst über ziemlich gleichgiltige Gegenstände, über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort und über das bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber wurden sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen auf der andern Seite des Tisches geführt wurde. Man sprach über die Zustände und Spaltungen in der deutschen sozialdemokratischen Partei. Starkblom erfuhr da, daß durchaus nicht überall die prinzipienfeste, revolutionäre Richtung einen so großen Anhang habe wie hier; an andern Orten begnügten sich die Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen im übrigen alles ihren vergötterten Führern.
»Ja aber diese Führer«, fragte Starkblom erstaunt, »können denn diese wirklich glauben, es scheinen doch überaus vernünftige und begeisterte Leute zu sein, daß durch althergebrachtes Politisieren und Parlamentieren das große Ziel erreicht werden könne? Das ist doch ganz undenkbar.«
»Das will ich Ihnen erklären«, antwortete ihm Mathias Buvolski, der vorhin das Referat über die Wahlen gehalten hatte. »Die Herren sind überschlau, das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere. Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung und vor allem nicht an die Macht der Aufklärung. Sie halten große Reden von der wirtschaftlichen Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht eingreifen und sich nicht in Gefahr bringen. Aber sie wollen die Macht nicht aus den Händen geben, sie erwarten irgend etwas ganz besonderes, irgend einen großen Zufall, am liebsten eine Revolution von oben, einen Verfassungsbruch der Regierung und da wollen sie zuwarten. Und damit die Bewegung inzwischen nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie künstliche Mittel an, um das Interesse wach zu erhalten. Da wird also ein großer Entrüstungssturm in ganz Deutschland gegen die Kornzölle erregt, nur damit überall Massenversammlungen stattfinden. –«
»Was?« unterbrach ihn Starkblom. »Genau dasselbe hörte ich ja vor ein paar Tagen bei den Freisinnigen?«
»Allerdings, aber das thut nichts; bei uns zieht’s mehr. Und aus demselben Grunde muß gewählt werden und müssen die Abgeordneten Reden über Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle paar Wochen taucht dann wieder ein neues Projekt auf, irgend ein Detailvorschlag, der der Masse imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte, des Getreidehandels … Die Bewegung darf nicht einschlafen, das ist alles. Aber gethan wird nichts, es giebt keine ernstliche Aufklärung, nicht im Wort und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind miserabel, die Brochüren zu teuer, die Führer sitzen im Reichstag und haben keine Zeit zur Belehrung des Volks … Sie machen von sich reden und halten sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr kommt, die Macht in der Hand zu haben. Drum sind sie auch keineswegs unter sich einig, immerfort Zänkereien und Eifersucht.«
»Was reden wir da?« sagte Starkblom. »Das sind ja ganz gewöhnliche Menschen, nicht unbegabt, aber gewöhnlich. Aber was gehn uns Personen an? Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen Verkünder wohl ahnen. Was gehen uns diese Kleinlichkeiten an, wo es sich um die Zukunft der Menschheit handelt?«
Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber sagte: »Sie haben heute Abend schön und herzlich und feierlich gesprochen. Ich habe noch niemanden getroffen, glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das was er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr, Sie glauben felsenfest an die Macht der Vernunft?«
Starkblom fühlte wie er blaß wurde. Es lief ihm kalt über den Rücken. Wenn, wenn, wenn … Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den alten Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden. Ja, er glaubte.
Erst nach einer Pause, während der alle gespannt nach ihm blickten, antwortete er langsam:
»Viel gefragt. Ich glaube, daß ich nicht einzig bin.«
»Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie meinen Sie das?«
»Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil; ein einsamer, versprengter Teil, es ist wahr. Daß ich vernünftig bin, das weiß ich sicher; und was ich glaube, das ist das, daß ich mich nicht soweit über die andere Welt erhoben habe, daß sie mir nicht mehr nachfolgen kann. Man kann viel, wenn man will; und der Wille kann erweckt werden. Der Geist des Menschen ist so eingerichtet, daß, wenn einer allen Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens dazu gebraucht hat, um eines zu erreichen und daran festzuhalten, daß er allen anderen diese Not ersparen kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder bedeutende Mensch ein Heiland, der die Schmerzen der ganzen Welt auf sich nimmt und sich kreuzigen läßt, um die Welt zu erlösen. – Wo wohnen Sie? Bitte wollen Sie mir Ihre Adresse angeben?«
Alle schauten ihn verwundert an. Er aber stand auf.
»Ich kann nicht länger bleiben. Aber wir sind nicht das letzte Mal zusammen.«
Buvolski sagte ihm, wo er wohne, Starkblom bat die Männer, ihn doch bald zu besuchen, wenn sie Zeit hätten, und nach herzlichem Abschied ging er.
Er eilte nach Hause. So lange er in den Straßen der Stadt war, ging er nur sehr rasch und blies die Luft von sich und lächelte vor sich hin und schwang seinen Stock und schlug ab und zu auf die Steinplatten, daß die Funken heraussprangen. Sowie er aber auf der Landstraße war, auf der fester, aber noch weißer Schnee lag, und seine Blicke über die Felder schweiften, deren unermeßliche Schneedecke im Mondschein strahlte und glitzerte, fing er an zu rennen, als wollte er mit seinem Schatten um die Wette laufen. Dabei schrie er laut: Juhu, juhu! Eine unbeschreibliche, freudige Aufregung hatte sich seiner bemächtigt. Jetzt dachte er nicht, jetzt grübelte er nicht der Zukunft entgegen, er hatte etwas in der Gegenwart, worüber er sich freuen konnte, und gedankenlos wie ein Kind überließ er sich dem Genusse.
Er war schon in der Nähe seiner Villa, als ihm ein hochgewachsenes Mädchen begegnete. Schon von weitem rief sie ihm zu:
»Na, Ihr seid wohl eben entsprungen?«
Starkblom, der sie sofort verstand, lachte und ging weiter, bis er vor ihr stand und hielt dann an. Sie dachte an das große Irrenhaus drinn in der Stadt, in dem Unheilbare aus dem ganzen Lande eingesperrt waren.
»Nun, das gerade nicht«, antwortete er lustig. »Vielleicht bringe ich’s aber noch so weit. War’s schön heute Abend?«
Er schaute vergnügt dem Mädchen, das sehr hübsch war, ins Gesicht.
»Wie meinen Sie das?« fragte sie etwas verlegen und rückte das Tuch, das sie auf dem Kopfe trug, zurecht.
»Na, ich denke, ein Mädel ist doch nur aus einem Grund so spät noch hier außen. Ist er lieb? Meint er’s ehrlich?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie und errötete ein wenig. »Ich hab’ ihn eben gern.«
»Hast recht, Kind. Das ist genug und erklärt alles. Was ist er denn?«
»Fabrikarbeiter.«
»So? – Ist er auch Sozialdemokrat?«
»Ich sag Ihnen doch, daß er Fabrikarbeiter ist.«
»Jaso, hast recht.«
»Seit wann sind wir denn per Du?«
»Seit heute, liebes Mädel und nur für heute. Nichts für ungut, aber ich bin so froh und erhoben, wie nie zuvor.«
»Ich merk’s und es freut mich. Ich hab die lustigen Leute gar gern.«
»Ich war’s schon lange nicht mehr.«
»So?«
»Jaja, schon lange nicht mehr.«
»Jaja, Sie sehen auch recht ernst und traurig aus. Bleibt nur lustig, ’s ist besser.«
»Ich will’s, wenn’s geht. Komm, gieb mir ’nen Kuß.«
»Nein. Oder – ja, weil’s Sie sind.«
Sie legte die Hände auf seine Schultern und er küßte sie rasch. Dann gab sie ihm noch einige freiwillig drein, schüttelte seine Hand und wandte sich zum Gehen.
»Adieu, fröhlicher Herr. Denken Sie nichts schlimmes von mir.«
»Lebwohl, mein schönes Kind, und grüße mir deinen Schatz.«
Dann ging auch er und schnalzte noch ein paar Mal vor Vergnügen mit der Zunge. Dann schritt er den Berg hinauf, jetzt langsamer, er blieb ein paar Mal stehen und schaute sich um und ließ seinen Blick schweifen über Feld und Wald und Fluß, das alles weiß vor ihm lag, und über die Stadt hin. Er streckte den Arm aus und bewegte die Hand auf und ab, wie zum Segen oder zum Dank. Auch auf die Landstraße blickte er lächelnd und gewahrte schon ziemlich weit entfernt einen dunklen Punkt. Noch einmal brach die Spannung in seiner Brust durch und laut rief er wieder sein Juh! hinunter. Und leise vernahm er die Antwort des Mädchens: Hoijohehuhu! Er nickte und lächelte vor sich hin, dann schloß er die Thür auf und ging hinauf in sein Schlafzimmer und machte Licht. Da wurde er gleich ernster, er ging noch eine Zeit lang hin und her und brummte vor sich hin: Jaja, hm, hm, jaja. Dann kleidete er sich aus, löschte das Licht und legte sich ins Bett. Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen.
***
Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein leidenschaftlicher Anhänger und Verkünder des Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die Massen, er schrieb zündende Brochüren, reiste im Lande herum und hielt überall, in großen öffentlichen Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten Kämpfern gegen die bürgerliche Gesellschaft – wenn er auch nicht darauf verzichten wollte, die vorgeschrittensten Elemente derselben durch die Mittel vernünftiger Ueberzeugung für seine Sache zu gewinnen. So schien er ganz aufgegangen in dieser Thätigkeit; er schien zu wissen, wofür er lebte oder vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben.
Eines Abends aber – er stand schon seit Monaten mitten in der Bewegung – ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Freilich, wenn er später daran dachte, mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich, es hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immer war es ein jäher Einfall, der plötzliche Dolchstich eines Zweifels gewann, aber es war stets sofort wieder gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf. Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war eine Bangigkeit an ihm heruntergelaufen gleich einem körperlichen Übelsein, und dann Abends vor dem Einschlafen, und dann später wieder und nochmals und ein anderes Mal … aber ohne Zusammenhang … ein plötzliches Zurückschaudern … ein dummer Gedanke, der sich wieder vergaß …
Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor einer außerordentlich stark besuchten Versammlung in einer großen Stadt des westlichen Deutschland einen Vortrag über das Thema: Warum muß der Sozialismus siegen?
Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine entsetzlich schlechte Luft; draußen tobte und brüllte der Sturm. Er hatte im ersten Teil seiner Rede den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit unterließ er es, sich genau auf seine Reden vorzubereiten; er wollte sich tragen lassen vom Strom der Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß er diesmal in einen Gedankengang hineinkam, der ihm selbst neu war. Das störte ihn nicht, er redete geläufig weiter, aber er paßte selbst auf und mußte allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon, daß ein großer Unterschied sei, zwischen dem Kampf für die sozialistische Gesellschaft als Ideal und diesem Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht und zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Uebergang bilden zum zweiten Teil, der Schilderung der sozialistischen Gesellschaft in großen Zügen. Aber er kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu thun sei. Er sprach den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende und dann machte er eine Pause. Dann mußte ihm der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden gewartet hatte, kam ihm ein innerliches Lachen und Aufbäumen und ein fürchterlicher Nebengedanke, den er nicht abschütteln konnte. »Mann gieb’s auf! Es ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!« Das drehte sich ihm immer wirbelnd im Kopfe. »Hat alles keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gieb’s auf, Mann gieb’s auf!« Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußte ihm gelingen. »Meine Herren«, fing er gewaltsam an. »Indem ich zum zweiten Teil meiner Auseinandersetzung schreite.« – Er verstummte. »Hör’ doch auf – du lügst ja – denke doch erst über das andre nach – es hat ja keinen Sinn – die ganze Geschichte – was gehen dich denn andre Menschen an?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann that er einen unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand nach dem Kopf und sank um. Die Versammlung ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom aber erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte sich zum Verzweifeln elend und fuhr am nächsten Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr von sich hören. Ein paar Monate darauf aber erschien eine kleine Flugschrift, die in litterarischen und politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte. Sie hieß: »Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus.«
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Dritter Abschnitt.
Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus.
Jüngst las ich zufällig in einem sozialdemokratischen Provinzblatt die Notiz, »der bekannte Agitator Dr. Starkblom scheine von seiner bedauerlichen Krankheit immer noch nicht hergestellt und könne seine Thätigkeit vorderhand noch nicht aufnehmen«.
Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich überfallen hat, ich sollte sagen, wieder überfallen hat, will nicht von mir weichen. Diese Krankheit hat jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d. h. ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen, soweit sie mir Zutritt zu ihren Gedanken schenken, anzustecken, nur um frei zu werden von dem quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund und nur ich sei ausgestoßen aus der schönen Gemeinschaft.
Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt? Doch, ich weiß es mit Bestimmtheit, das Gegenteil ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig und ich – nun, ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist möglich, aber ich will euch verführen zu meinem Wahnsinn, damit ich gesund scheine. Denn Krankheit ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des Einzelnen aus der Gemeinschaft.
Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich will sagen, daß der Sozialismus eine Sache mittelmäßiger und gewöhnlicher Naturen ist, und ich will solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft der Genossen abziehen und mir und meiner Lehre verschwistern.
Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein, weil er Voraussetzungen macht, ohne es sich und andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht klug und alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte steht und weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen hat noch je zu sprechen im Stande ist. Der Sozialismus, gleichwohl er sich eine neue Weltanschauung zu nennen für gut findet, setzt voraus, es gebe eine Pflicht des Menschen sich um seinen Nachbarn zu kümmern, es gebe eine Gemeinschaft der Menschen und der Einzelne habe ein Interesse an der Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet diese wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit einem Worte, weil er gänzlich unter dem Banne einer alten Moral, des jüdisch-christlichen Sittengesetzes und seiner Variationen, steht und weil er unfähig ist, die Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung auch nur zu ahnen. Der Sozialismus ist nicht Original, sondern er ist nur eine Folge historischer Reminiscenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er eben das, was man bislang unter Revolution verstanden hat, und er kennt keine andern Mittel und Wege, als die bisher scheinbar wirksam gewesen sind. Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich. Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an den Tod. Der Sozialismus ist erbärmlich, denn er läßt sich von einer abstrakten Idee beherrschen. Der Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter Kranker, der fortwährend sein Testament macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu singen oder sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine Lüge, denn er redet von der Zukunft, und er ist Aberglaube, denn er nennt sich eine Wissenschaft.
Man verlangt Beweise von mir. Man verlange sie nicht. Ich will nicht beweisen. Ich bin keine Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter. Ich gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder. Ich hasse den schreienden Ton der Unbedingtheit. Aber die Selbstverständlichkeit liebe ich. Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Wer sich die Aufregung und das Für oder Wider mich noch nicht abgewöhnt hat, der bleibe dahinten. Leute wie mich, sucht man am besten, indem man sie meidet und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif. Und nur zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu Müden? Die Worte sind mir gleichgiltig geworden. Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist mir noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig und ich freue mich wie ein Dieb dieser Inkonsequenz. Dies eine aber ist – lachet, meine Freunde, ich lache mit – dies eine ist der Tod. Er liegt mir am Herzen und von ihm muß ich noch viel erzählen. Seid ihr bereit? Ich will euch etwas erzählen – vom Leben.
Halt – sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben zu sprechen komme und auf meine Gedanken und die Vergangenheit und Geschichte meiner innersten Vorgänge und Stimmungen – sollte ich nicht vorher von den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich nicht die unumstößliche Wahrheit von vorneherein annageln, daß die materiellen Erscheinungen die Ideen hervorbringen, und daß alle meine Gedanken und Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des Kapitalismus sind? Sollte ich nicht von Gottes und Rechts wegen anders organisirt sein als ich es bin, sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage was ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die Ereignisse nehmen müssen, wohinaus die Geschichte nach den immanenten ökonomischen Gesetzen des Karl Marx gelangen muß? Kurz – sollte ich nicht ein Thor sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen mehr wert sind, als seine gehäuften unbewußten zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette einer festgelegten Entwicklung fühlen? Sollte ich mich nicht in zwei Teile teilen und den einen vom andern beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den Wissenden anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts wissen will?
Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig und absonderlich und vielleicht auch wichtig vorkomme: ich gehöre zu denen – denn ich bin doch nicht der Einzige? – die vergessen wollen, vergessen alles, was dagewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung haben, aber nichts davon wissen wollen, die zu keusch sind, um ihr Leben zu leben nach Kenntnissen und Mitteilungen und Beobachtungen, anstatt wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund hin, einem unbekannten Ziele zu. O ihr Klaren und Unabänderlichen, ihr historisch Begründeten und Zielbewußten, ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen, ihr Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse, ihr Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen, ihr Vielseitigen und Vielzeitigen, ihr Tiertöter und Gottschänder und Menschenverstümmler, ihr Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich, höchst widerlich! Jener Sokrates, der zugab, es wisse nichts, war wenigstens nicht so gar übelriechend; aber wo findet man einen, der nichts wissen will? Der nur leben will, nur leben – oder sterben?
Vom Leben also will ich meine Rede beginnen, vom Leben des Menschen, des höchsten Menschen. Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des Lebens, von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen. Und nun sollte ich, so gehörte es sich, affectieren, ich sei ein harter Mensch, ein Fürst der Erde, hocherhoben über alles, was unter ihm steht, weit entrückt vor allem der schwächlichen Regung des Mitleids. Ich liebe es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag nicht die erzwungene Konsequenz. O ja, ich fühle Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes Mitleid, so gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes Gefühl. Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist nur trotz alledem da und ich verbitte mir, daß es sich zum Zentralpunkt machen will, von dem alle meine Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen. Ihr lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem in strahlendem Glanze erblickt, die ihr die Not kennet und den Schein des Lebens, das Leben aber, nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr auch das gute Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um das Leben und was ihr den Genuß des Lebens nennt, zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht werdet. Früher kann ich nicht zu euch sprechen. Suchet das Leben, damit ihr es fliehen lernt.
Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer und Führer, unter denen, meine ich, sollten welche sein, die etwas vom Leben wissen könnten. Und wenn sie dennoch jenem weichen Wachse die Sehnsucht nach dem Leben eindrücken, dann thun sie es teils aus Dummheit, indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden Seele beruhe auf demselben Grunde wie die Nöte der arbeitenden Kinder – nämlich auf den Wirtschaftsverhältnissen des Zeitalters; oder sie sind gewöhnliche Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß sie andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres eigenen Menschen zu begreifen und auszudenken verstehen, die die äußere Welt mit scharfer Brille betrachten und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein Gelüste verspürt haben, die Gründe ihres eigenen Handelns, ihres eigenen Lebens zu prüfen – und zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen, die sich selber das Leben erträglich machen durch ihr Gerede – und das nennen sie neue Weltanschauung! – und die nichts weniger als großartig sind in ihrer Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen nicht einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Thoren genug, zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft willen, sie sind Egoisten und wissen es nicht – o über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas, weil man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen Seele ist, sie aber reden sich ein, ihre ganze Seele werde angezogen von dem etwas außerhalb. Sie wissen nicht, daß das etwas nur ein gleichgiltiges und zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß es in die Zukunft projektiert ist, um glanzvoller zu wirken und zu beherrschen! Daß man es zu andern Zeiten in den Himmel projektiert hätte. Und zu andern auf die Insel Utopia. Und ein drittes Mal auf den Olymp. Oder auch in das goldene Zeitalter oder in den Garten des Paradieses. Sie glauben, Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit, das sei etwas, was den Menschen mehr angehe, als Himmel und Hölle. O über diese Kindsköpfe!
Nochmals – diese Führer muß ich ganz und gar in meiner Betrachtung trennen von den Geführten und Verführten. Mit diesen habe ich zwar Mitleid, ich gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit großem Schmerz, wie lang und umständlich der Weg ist, den diese vielfach trefflichen Menschen noch gehen müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis sie sehen, daß ihre Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese zu überwinden sind, daß aber im innersten Kern des Lebens, des menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel tieferer Jammer steckt als in jener häßlichen Beschalung. Freilich, es will mir so scheinen, als ob auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet sei, diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während er ihn bei der großen Masse gänzlich verschüttet und unbetretbar und ungesehen macht. Ich kenne einige ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter, die ich, wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange Jahre waren sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten, dann aber durchschauten sie schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen Dinge an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens allzu großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist nicht zu glauben, mit welcher unheimlichen entsetzlichen Geschwindigkeit sie – aber nur ganz wenige sind das – nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder gerissen, geschmettert wurden. Sie nannten sich noch Sozialisten, wo sie es schon nicht mehr waren, sie suchten immer neue, immer weniger betretene Pfade, um ihr »großes Ziel«, das sie immer noch einzig suchten, zu erreichen; sie streiften die Lehre von der ökonomischen Grundlage von sich ab und nannten sich wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden sie Individualisten, aber Individualisten ganz eigener, nie erhörter Art, denn sie suchten den Individualismus immer noch in der Zukunft als Ideal, sie wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben verlangten sie schon, auch die Mittel und Wege müßten individualistisch sein. Und nun streiften sie das Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas, nicht mehr Individualisten, sondern Individuen. Und damit waren sie auch schon gänzlich auf sich gestellt und dem Pessimismus verfallen, und ihren Glauben hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht nach dem Leben dazu. Merkwürdig, ihnen, diesen auserwählten Menschen, ihnen ekelt vor dem Leben, obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur eine ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele gehuscht, und schon wenden sie sich scheu von ihm ab. Und ich glaube, während ich von ihnen erzähle, stehen sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen gehören zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der vordersten Reihe, und ihre Herzen liegen mir offen da, und sie harren des Wortes, das ich sprechen soll. Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort »Tod«, dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind mürbe geworden und verstehen mich und folgen mir nach. Ich segne euch, meine Brüder, unsere Wege kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben sie sich gefunden und bleiben beisammen.
O über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet und vor allem so vieles behalten haben, die alles wissen, nur nichts von den unbewußten Regungen ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer Persönchen! O über diese gelehrten Menschlein, die von Wörtern leben, die glauben, ein Wort sei ein Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles Zusammengesetzte sehen, als ob es einfach wäre, die Gegensätze für Einheiten halten. Weil sie beglückt sind in ihrem Streben nach der Zukunft, wähnen sie, das Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn der Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht, daß Absicht und Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen kommen, sie glauben, es sei dasselbe. Wie ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne steht, von einem Manne, bei dem alles unbewußt ist, der so gut wie gar keine gewollte und kontrolierte Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt in die Worte ausbricht:
»Freiheit du wunderbares Wort, du Signal des Lebens, du Ruf aus einer andern Welt, wie durchdringst du sogleich meinen ganzen Körper; wie einen Adler läßt du mich hinaufschwingen, hinauf in das strahlende Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und alles Menschenelend zurücklassend, aber ach, wie der Adler wieder zurückkehren muß zu seinem Horst, so muß auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat und muß es bei deinem Klang mitfühlen mit den Tausenden, die ihr Leben in ungerechten Fesseln des Körpers dahinbringen müssen, muß bei deinem Klang so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft und Licht in Fesseln geschlagen sehe.
Ȇberall, wo ungerechten Fesseln halber der Ruf Freiheit erschallt, ist das der Ruf des Guten, ist es der Ruf der Vernunft, hier bedeutet Freiheit das Gute; die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute, vielmehr bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen, herrscht die Freiheit, das ist das Schlechte und fehlt das Gute, das ist die Vernunft.
»Freiheit und Vernunft sind die beiden sich bethätigenden und bekämpfenden Kräfte im einzelnen Menschen wie im ganzen Geschlecht, und je mehr die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie Hörern zur Herrschaft gelangt, um so mehr wird der Ruf Freiheit und mit ihm der Ruf Gleichheit verschwinden.«
Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und einer, der vom Sozialismus weniger berührt wurde als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr nicht, was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe euch abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht ihr nicht, daß dieser stammelnde und ahnende Arbeiter beinahe schon jetzt über euch lacht? Was hättet ihr erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn ihr große frivole Kerle gewesen wäret! Wenn ihr zum Einzelnen gesprochen hättet und ihm das Lachen und Sterben gelehrt hättet! Aber was wißt ihr vom Lachen und Sterben? O ihr ernsthaften langweiligen lebenslänglichen Hanswurste und Kindsköpfe! O ihr Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und Ökonomischen! O wie ist euer Sozialismus so verkehrt, weil er geradeaus gehen wollte, immer geradeaus in Marschkolonne! Weil ihr nur eines vor euch seht, ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien, ihr Mittelmäßigen!
Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, daß ihr noch warten könnt? Ist denn solch eine rasende Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr habt vor dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige Schlüsse gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen und nun habt ihr einen Glauben darauf gepfropft – o nein, entschuldigt, eine ewige Wissenschaft, nicht wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr gebildet und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie ihr es prophezeiht habt, und da die bürgerliche Welt ganz langsam zerbröckeln will, und da eure Partei allmählich zunimmt, predigt ihr immer dasselbe und predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid, im Gedächtnis der Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich ganz an eure Unfehlbarkeit, daß ihr so fürchterlich langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch gar nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet ihr denn eine Ahnung, vor 30, 40 Jahren, daß auch einmal Stimmen klingen könnten, aus der bürgerlichen Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu thun haben? Stimmen wie die meine, wenn sie Gehör finden und Echo, gehn sie euch denn gar nichts an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere, als ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft lachend über seinen eigenen Schatten springt und über seine eigene Klinge? Wenn wir uns selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren?
Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt von Marxismus und hungrig nach Kapital:
»Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung des Verfalls und der Korruption. Ihr seid vereinzelte Bourgeois, die übersättigt sind und blasirt und keinen Genuß mehr finden. Ihr spielt keine Rolle, im übrigen bleibt alles wie es war. Der Kapitalismus beutet aus, das Proletariat hungert oder lebt mindestens in menschenunwürdigen Zuständen – bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so wird es sein!«
Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher wird vielleicht finden, der Mann habe recht.
Der Mann hat aber nicht recht, weil er den wahren Schmerz nicht kennt und nicht den Ekel, und in einem zu sagen, weil er das Leben nicht kennt. Um euch nun aber endlich meine Meinung vom Leben zu sagen, will ich in einem Gleichnis zu euch sprechen:
Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des Kindes? Aber eben fällt mir ein, daß ihr Geschichte überhaupt nicht kennt; ihr kennt nur Weltgeschichte und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze Erlogenheiten aber Geschichten von einzelnen Dingen und ihren Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen euch ab. Nun also – richtet eure Gedanken auf das Kind, das kleine Kind. Wißt ihr, mit welchem Gefühle frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit, man bedauerte das Menschlein, daß es das Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuß noch nicht verstand; man sprach immer nur von dem »armen Kinde«. Wie aber ist es heute? Nennt man nicht heute das Kind glücklich und überglücklich, weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man das Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit zurück als die Zeit, wo er ganz und gar glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem Schlafe? Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht. Erschrak man nicht früher vor dem Einschlafen? War es nicht ein Entsetzliches, das Bewußtsein zu verlieren und die Freude am Dasein? Fürchtete man sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes? Aber jetzt? Man freut sich auf’s Schlafen, man lächelt dem Einschlummern entgegen, das Bewußtsein zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten Schläflein, in dem man mit voller Absicht seine Träume weiterspinnt, und wacht dann auf, verstört und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die Sonne des Lebens. Und was giebt es für die Jetztlebenden Entsetzlicheres als eine schlaflose Nacht? Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen, zu schlafen.
Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus sei es, der das bewirke, dieses Entsetzen vor dem Leben und diese Sehnsucht nach todesähnlichen Zuständen? O nein, geht mir weg mit eurer Lüge vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt. Wir haben ein recht gutes Gewissen und die Ausbeutung stört uns wenig. Hunderte und Tausende giebt es und hat es schon immer gegeben, und es sind, ihr könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und höchsten unter den Menschen, die dahin leben, als wäre die Menschheit schon viel weiter als euer Sozialismus sie bringen will, die sich nichts, aber auch gar nichts um die Produktion bekümmern, und in deren Familie ist es schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare und auch ganz gleichgiltige großartigste Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und allen Luxus des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von eurer Entdeckung, daß die Maschinerie, die sie bedient, aus Menschen besteht, aus armen, schwitzenden geknechteten Menschenkindern; folglich kann diese kapitalistische Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt sie auch nicht. Zu diesen Menschen, die wie Götter schreiten auf der Höhe hinweg über die Rücken arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten Denker und Dichter – und doch, was halten diese schließlich vom Leben? Meinte nicht Goethe am Ende seines Lebens, wenn er alles zusammennehme, wahrhaft glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen in seinem ganzen langen Leben? Wer wollte diesem erschütternden Bekenntnis nicht glauben? Ein paar wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und wessen Fanatismus der Dummheit ist so grenzenlos, daß er behaupten will, daran seien die ökonomischen Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein! Der Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen Natur des Menschen und des Lebens! Der Grund ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist, daß er den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie und in Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an den er glauben kann, finden wird. Und wenn einer geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn, dafür zu leben verlohne sich nicht. Und das wird so bleiben, ihr mögt an den ökonomischen Grundlagen ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine Arbeit mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier Willkür thun kann, was seinem Körper und seinem Geist frommt, und wenn er so bis auf einen einzigen Punkt ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird immer in ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals wozu? und der keine Antwort mehr findet, keine, ewig keine.
Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht wäre, dann wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott, nämlich ein Wesen, dessen entsetzliches Elend vollkommen wäre. Müßte der Mensch ewig leben und ewig fragen, wozu – o der Gedanke ist nicht auszudenken, laßt mich schweigen und mich freuen, daß es nicht so ist. Ja, eines giebt es, dessen freue sich der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe werfe er sich tief, tief hinein, und er wage es jetzt gleich sich zu stürzen in diesen herrlichen, strahlenden Abgrund des Glückes: das ist der Tod, jauchzet und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen Freunde, das ist der Tod!
Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt alle schon ähnliches erwogen, aber nun ich es ausspreche ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr Ausflüchte, nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, das das Leben lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich sage euch, ihr werdet nichts finden.
Die Sozialisten sind Thoren. Sie leben ganz im Kampf für ihr Ziel und bedenken nicht, daß eine Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich und in Freuden. Dann haben sie den Himmel auf Erden, wie sie uns oftmals versichert haben. Mir aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch eine andere Schilderung geben.
Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist da. Denkt euch, sie ist schon sehr lange Zeit da und schon gänzlich konsolidirt. Die Technik hat noch riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme Beschäftigungen giebt es ganz und gar nicht mehr. Die Kinder werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet, gegen einen fünfzehnjährigen Knaben aus jener Zeit, ist unser größtes Genie ein armes Waisenkind. 1½ Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene zur Arbeit, das ist für den Einzelnen eine Erholung und für die Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur Produktion und Distribution aller Bedürfnisse, so hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert. Die übrige Zeit vertreibt jeder mit dem, wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde, glaubt ihr nicht mit mir, daß wenn dieser anscheinend so herrliche Zustand sich immer mehr vervollkommnet und immer mehr zur Gewohnheit wird, daß dann die ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit mehr und mehr in ihrer Masse sich einem hingeben wird, nämlich der Philosophie, daß sie, nun sie keine Nöte mehr zu bestehen hat und der Kampf mit dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat, den ganzen Tag zu denken, an sich zu denken, und zu fragen: wozu sind wir denn eigentlich da? Wozu dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte Apparat? Sind wir Selbstwerk? Nein, unmöglich, sonst würden wir nicht danach fragen. Sind wir ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar nichts von der Freude, die sie an unserem Dasein hat, wir nehmen ja keinen Teil daran, wir sind ja ausgeschlossen. Und dann, das würden diese göttlichen Menschen immer und immer wieder fragen müssen: besteht denn eine Einheit und ein Zusammenhang der Menschheit? Giebt es denn in der wirklichen Erscheinungswelt eine Gesammtheit? O nein, würden sie antworten müssen, über solche zusammenfassende Abstraktionen sind wir ja längst hinaus, der einzelne Mensch ist freilich kein Konglomerat blos von einzelnen Zellen, er ist eine Einheit, er hat ein Bewußtsein, aber was ginge den einzelnen Menschen der andere im geringsten an, wenn er nicht auf ihn angewiesen wäre? Und vor allem, was gehen uns die an, die nach uns kommen? Und wenn also der ganze Witz aus ist mit meinem Tod, was war denn dann dran? War das denn alles? Und darum, darum die unendliche Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten von anno dazumal? Wegen der paar Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen können! Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle diese Spaziergänge, dieses Musikhören, Dichten, Instheatergehen, Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen, Güterspiel (so etwa werden sie das Arbeiten nennen), dieses Erfinden und diese Reisen, das Fliegen nicht zu vergessen – das hat doch alles keinen Sinn? Es ist ja doch kein Bewußtsein da und keine Freude, die bleibt. Es schwindet ja doch alles. Wir sind ja ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen sind, weil wir nicht blos leben, sondern auch das Leben beobachten und etwas vom Leben wissen, weil wir nicht blos sterben, sondern den Tod im voraus kennen und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod (denn das Wort Mord würde längst vergessen worden sein), der freie Tod, der ist eigentlich, was uns wesentlich trennt von allen andern Tieren. Beendigen wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche Komödie, die zu gar nichts führt, aber auch zu gar nichts. Töten wir uns doch; töten wir uns, aber rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig! Was sagt ihr dazu, meine Freunde? Müßte es nicht so kommen? – Was? Was höre ich? Dieser Einwand von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie kommen, ihr verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt, es ginge anders, ihr wähnt, es gäbe irgend etwas anderes? O, das ist feige, sehr feige. Ich aber sage euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter sage ich euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des Menschen. Oder wollt ihr sagen, so wie der Mensch heute ist, sei er weniger veranlaßt, an den Tod zu denken, an den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist wahr. Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und wenn er sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder Langeweile, was dasselbe besagt, sondern aus Notdurft, aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht ein niederträchtiger, unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus zu nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum philosophischen Massentod der Menschheit, was haben wir anderes, größeres zu thun, als diesen Tod schon jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen? –
Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet ihr denn, wie ihr da seid, in die Welt stürzen, um den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und ihr merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so daß ich fast lachen müßte? Ihr seid mir noch viel zu flink, meine jungen und alten Gefährten. Aber ihr seid nicht die ersten, die sich von der Logik verführen lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich, ich bedaure, daß ich euch mit der Logik in den Schlingen meiner Inkonsequenz gefangen habe. Aber ich will euch jetzt verraten, was mich lachen macht. Wie kann man denn den Tod – predigen? Ist es nicht dasselbe, als wollte ich den Tod – leben? Ist es nicht wahr, daß man den Tod nur sterben kann, wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne Rücktritt? Gehn euch doch andre Menschen nichts an, warum wollt ihr sie verführen, statt sie in Ruhe zu lassen? Sterbet doch, meine Freunde, aber sterbe jeder für sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm! Habe ich nicht recht?
Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid! Ihr gebt mir schon wieder Recht. Fast sollte ich jetzt über euch weinen. Warum bleibt ihr denn neben mir stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt, was ich? Wenn euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer ist als der meine? Sehet doch, ich bin zum Tod noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich habe noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am Tod. Und darum rede ich meine Rede zum ganzen Menschengeschlecht, wer immer mich hören will oder mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an den Menschen, die den Tod und die Todessehnsucht noch nicht kennen, es macht mir Freude, übermenschliche Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu verhöhnen und dennoch zu ködern. Ich lebe noch, weil es mir Genuß bereitet, mit meinem Schmerze zu spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen gleich einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum lebe ich. Und außerdem bin ich ein abergläubischer Mensch, warum nicht? Es fröstelt mich, wenn ich daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten könnten, wenn ich einmal allein sterbe, wenn sie mich einen Selbstmörder nennten, die Unsinnigen. Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und darum predige ich den Tod, weil das meinem Leben noch Reiz verleiht bis zum Ende. Aber ich werde sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf, ich werde sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich noch anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll zusammenfallen mit meinem Willen. Ich werde sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht mehr: ich soll sterben. Verhaßt und gemein ist mir der Tod auf dem Strohsack, der schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod habe ich abgesagt, ihn lache ich aus mit all meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir, stimmet hell ein, meine Freunde, in den Ruf: Es lebe der Tod!
Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit. Oder erschrecket ja. Denn ich bin nicht ehrlich um der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit ist mir lange nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es nur, weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben zu spielen und mich euch von allen meinen Seiten zu zeigen. Ich durchschaue mich selber und lache mich aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich freue mich, daß ihr mein Vorderteil ernsthaft nehmt, obwohl ihr die Kehrseite meines Herzens geschaut habt.
Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, so viel ich nur mag, wer mich versteht, der weiß, was ich meine mit dieser Schrift. Ich sage mich los vom Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft nehmen kann. Und diejenigen, die mich fassen und mich gern haben, denen predige ich den Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir zu sterben und also noch ein wenig zu warten, bis wir alle beisammen sind.
Die aber noch ächzen unter den Nöten des Lebens, den Sklaven der Arbeit, denen rate ich, sofern sie mich hören wollen: Verzaget nicht, aber hoffet auch nicht, sondern machet euch frei! Schmeißt den Bettel weg, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Einsicht, daß das Leben ein sinnloses Ding ist. Und dann schließet euch mir an und meiner Schar des Todes.
Wer aber ungeduldig ist und nicht mehr warten will, der stirbt zwar nicht den schönen Tod, wie ich Narr ihn vorbereite, aber ich wünsche ihm doch: Gute Reise – und unbewußte Verwesung!
Euch andern aber sage ich: Auf Wiedersehen – beim großen Sterben. Ich harre nun eures Echos und dann will ich wieder reden.
Dem Sozialismus aber wünsche ich – ein langes Leben, ein schönes Greisenalter und den Tod auf der Matratze.
Karl Starkblom.
❦
Vierter Abschnitt.
Die Vision des Todespredigers.
Zweites Sendschreiben an das Menschengeschlecht
von
Karl Starkblom.