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Aus grauen Mauern
und grünen Weiten
Schauen und Sinnen
auf Heimatwegen
Von
Gustav Rieß
»Nehmt die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die Hand, durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen Fluren, die deutschen Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet Quellen finden und erschließen, aus denen Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit in Überfülle hervorsprudeln, als segenspendende Ströme für unser Volk und für die Welt.«
Paul Graf v. Hoensbroech.
5. Band der Heimatbücherei
des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Dresden 1924
Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.
Meiner Frau und Wandergenossin
durch Heimat und Leben
Inhaltsverzeichnis.
| Seite | ||
| 1. | Alt-Freibergs Romantik | [5–19] |
| 2. | Von festen Mauern und festen Herzen | [20–59] |
| 3. | Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus | [60–103] |
| 4. | Was der Petriturmknopf erzählt | [104–125] |
| 5. | Spruchweisheit in alter und neuer Zeit | [126–170] |
| 6. | Im Freiberger Dom | [171–213] |
| 7. | Vor der Goldenen Pforte | [214–229] |
| 8. | Haldenwanderung | [230–243] |
| 9. | Das Tännichttal im Tharandter Wald | [244–272] |
| 10. | Der Königstein | [273–322] |
| 11. | Eine Fahrt ins Weihnachtsland | [323–361] |
| 12. | O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit | [362–370] |
Alt-Freibergs Romantik.
Nicht lange vor dem Kriege hatte ich mit meinem Freunde Heinz eine köstliche Wanderfahrt ins Blaue mit dem Rade unternommen. Die alten lieben Städtchen am Main, wie Wertheim und Miltenberg, übten ihren mittelalterlichen Zauber, die Landschaft und der Frankenwein ließ unsere Herzen höher schlagen. Wie auf leichten Schwingen flogen wir durchs liebliche Taubertal. Eines Tages war das alte herrliche Rothenburg o. T. unser lockendes Ziel. Wir hatten das schöne Weickersheim mit seinem mächtigen Hohenlohe-Schloß und vergessenem, verwunschenem, verträumtem Park besucht und kamen gegen Sonnenuntergang über die Höhen an den Rand des Taubertales. Wir traten aus dem Walde: da lag plötzlich vor uns wie ein Märchen in rotglühendem Abendschein aus duftigem Talgrunde aufsteigend die alte herrliche Stadt mit ihren Mauern und Türmen, mit ihren Giebeln und Dächern und malerischen Toren in wundervollem Umriß vor dem leuchtenden Abendhimmel. Wir konnten nur stumm und atemlos schauen und schauen und haben den unvergeßlichen Eindruck nie wieder aus dem Herzen verloren. – Einige Jahre nach dem Kriege kam ich mit der Bahn von Würzburg nach dem alten herrlichen Rothenburg, um meiner Frau dieses Kleinod der Erinnerung zu zeigen. Wehe – ein nüchterner Bahnhof, eine langweilige Landstraße zur Stadt – – nichts von Romantik bis wir in der Stadt waren und der mittelalterliche Zauber unsere empfänglichen, zunächst so enttäuschten und ernüchterten Herzen wieder umsponnen hatte. –
Freiberg ist kein Rothenburg, und Tausend mögen durch seine Gassen wandern ohne je eine Spur von Romantik oder mittelalterlichem Zauber zu finden. Tausend mögen kopfschüttelnd wieder davongehen mit enttäuschtem, ernüchtertem Herzen, weil der karge, spröde, ernste Geist und Charakter der Stadt kein Lächeln für sie fand, das ihre Seele aufschloß und warm machte, wie jenes heitere, köstliche Stadtjuwel im Süden so leicht es vermag.
Und doch kann Romantik in Freiberg lebendig noch werden, wenn auch die grausame Gegenwart unendlich viel davon geraubt hat. Die rechte Stunde, den rechten Ort, die rechte Art zu schauen und zu lauschen, muß man haben, muß man suchen und finden, dann wird der Zauber lebendig und die verschütteten Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen, die Augen und Herzen werden sehend, das Verlorene ist wieder da und lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg und nüchtern schienen. Öffne dein Herz der Heimat, dann nimmt sie dich an ihr Herz und raunt dir wundersame Kunde zu und stille Geheimnisse, die dich reich und froh und stille machen. Heimat ist nicht Sache der verstandesmäßigen Vorstellung, sondern der seelischen Empfindung. Die Heimat hat nur der, welcher Heimatgefühl hat. Die Heimat liegt nicht draußen irgendwo, wo der nüchterne Verstand und kritische Geist seine harten, kalten Grenzsteine setzt, nein, wer sie sucht, der muß im eigenen Herzen suchen, muß die Arme ausbreiten, wie das Kind der Mutter entgegen, er muß glauben und lieben.
Willst du an das Herz und das innere Wesen der alten getreuen Bergstadt herankommen, willst du willig den spröden Reiz ihrer Herbheit kennenlernen und dir erobern, dann darfst du nicht mit der Bahn zu ihr kommen und durch das geräuschvolle Gewühl des nüchternen Bahnhofs und die Langweile der freudlosen Bahnhofstraße in die Altstadt wandern.
Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales oberhalb Halsbach im Osten der Stadt. Tief im Grunde windet sich die Mulde zwischen den grünen Abhängen. Hie und da tritt der nackte Fels schroff zutage. Häuser und kleine Gehöfte sind da und dort wie ein Spielzeug hingestellt. Birken leuchten mit ihren weißen Stämmen und winken mit ihrem grünen, zarten Schleier. Und droben, gegenüber auf den Höhen, die aus dem Talgrunde aufsteigen, türmt sich nicht ein malerisches Stadtbild mit Zinnen, Mauern und Toren, es türmen sich riesenhafte Halden mit ihren Werkbauten, Stätten der Arbeit vieler Jahrhunderte, die der Landschaft ihren Stempel aufgedrückt hat. Die Romantik der Arbeit, die Romantik, welche in die Tiefe der Erde, ins Dunkel hinabsteigt, die Schrecken der Finsternis mit kühnem Wagemut und raschem Erfindergeist besiegt, blinkende Schätze zutage fördert und aus dem Gestein der Tiefe Berge zum Himmel türmt von gigantischer Wucht und Denkmalsgröße, diese heroische Romantik der Arbeit schuf das Landschaftsbild.
Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales am linken Ufer gegenüber Muldenhütten. Wie ein schwarzer riesenhafter Kessel liegt es vor dir im Grunde. Schwarz blinkend fließt die Mulde und trägt weiße Schaumflocken, wie eine langsam gleitende gefleckte Schlange der Unterwelt scheint sie in der Tiefe unheimlich zu schleichen. Und es türmen sich bergaufwärts vom Grunde schwarze Schlackenmauern, Dächer über Dächer, Häuser über Häuser, Giebel über Giebel, die Essen rauchen und recken sich wie schlanke Türme dazwischen, und es ist als zitterte und dröhnte eine ungeheure Spannung, eine unbändige Lebenskraft und unzähmbare Arbeitswucht im Körper eines gefesselten Riesen. Sein heißer Atem stößt empor und flockt in weißlichen Wolken in den blauen Himmel hinein. Kahle mächtige Halden schieben sich hervor mit steil abstürzenden Seiten in ihrer schwarzen Nacktheit wie aus der Unterwelt und Nacht emporgehobene Felsenklippen mit trotziger Stirn in die flimmernde Welt des Lichtes starrend. Und darüber die Talhänge in goldgelber Farbe des herbstlichen rauhen langen Grases leuchten wie ein ungeheurer goldener Reif über dem Haupte des arbeitenden Giganten. Romantik der Arbeit schuf dieses Landschaftsbild als Ausdruck heroischer Schönheit und Kraft der Industrie. – Wandere mit mir durch das Muldental, wo steil die Halden der Bergwerke ins Tal abstürzen. Der Ludwigschacht mit seinen riesenhaften Sturzmassen schwarzer Blöcke schiebt sich wie ein gewaltiger Felsriegel dunkel und drohend ins Landschaftsbild. Aus finsterem Stollenmundloch strömt das Wasser des Kunstgrabens hervor und eilt hellgrün schimmernd neben unserem Pfad. Hie und da ein Häuslein am Wege oder dort auf grüner Halde unter leuchtenden Birken zierlich ein freundliches Idyll. Die Mulde strömt in raschem Flusse bald dicht an unserem Wege, bald in weitem Bogen im breiteren Talgrunde. Bald lieblich und freundlich, bald ernst und schwermütig oder gar finster ist diese Landschaft des Muldentales, geworden und gestaltet durch die Arbeit der Jahrhunderte, durch das Ringen starker Fäuste von tausend Geschlechtern im Bergmannskleid. Die Romantik der Arbeit mit Schlägel und Eisen geht im Bergkittel und mit dem Bergleder neben dir auf dem Weg durchs Muldental und raunt dir ins Ohr und fragt dich stolz: Wo gibt es Täler, deren Eigenart und Schönheit, deren landschaftlicher Charakter erst durch die industrielle Arbeit zu solcher Größe und Bedeutung im Wandel der Zeiten emporgehoben ist? –
Und dann komm und steige mit mir den steilen Weg der alten Dresdner Straße am linken Muldenhang, den Hammerberg, aufwärts, vorbei an der riesigen Halde des Abrahamschachtes, deren schwarze Steinmassen an der Straße zu mächtigen Mauern gepackt sind und weiter hinauf in steiler Böschung sich türmen. Wir gehen zu der etwa 100 m vom Wege rechts liegenden Grube Elisabeth, zur »Alten Liese«, wie sie der Freiberger Volksmund nennt. Ihre Grubengebäude über der mächtigen grau und weiß und gelblich schimmernden Haldenböschung sind echte Charakterbauten des Bergbaus mit ihren hohen, durch Fensterluken geteilten grauen Dächern und niedrigen hellen Mauern. Als wären sie aus der Halde gewachsen und geworden wie ein Naturgebilde, nicht wie gebaut oder hingestellt, sind sie echt, wahr und bodenständig.
Da liegt die alte Bergstadt vor uns in malerischer Umrißlinie mit ihren Türmen, Dächern und Giebeln, mit ihrer sturmerprobten, verwitterten Stadtmauer und dem starken Donatsturm und dem buschigen Grün der Wallpromenade im Vordergrunde. Die ruhende Masse des Domes, die beiden Türme von Nikolai und als stolzragende Krönung die Türme von St. Petri und Rathaus gliedern das Stadtbild in klarem, klingendem Rhythmus. Lachende Felder und Fluren weitumher, dort die grünen Wogen des Waldes, der bis in die Stadt seine harzduftigen Grüße schickt, und in der Ferne die Linien der Berge und Höhen, die in dem leuchtenden Himmel mit wundersamer Zartheit ferner und ferner, weicher und weicher sich zeichnen. Zu unseren Füßen blühende Gärten, in denen Kinder lachen und spielen, und dort drüben ein andrer großer Garten, wo stille Schläfer ruhen von ihrer Arbeit, der ehrwürdige Donatsfriedhof.
Vergangenheit und zukunftsfrohe Gegenwart, Geschichte, Sage und tausend Erinnerungen, das Leben, welches heute in den alten Gassen und Häusern wirkt und drängt, die Gestalten, Herzen und Gedanken, welche diese Giebel und Mauern, Türme und Straßenbilder einst schufen, darin lebten, liebten und schließlich dort drüben ihre Ruhe fanden, alles vereinigt sich zu einem geheimnisvollen Zauber, der verklärend über dem Alltag des Lebens liegt und über Nüchternheit und kalte Prosa und graue Sorge erhebt. Und mögen wir nichts wissen, was dort in jenen winkligen Gassen und alten Häusern an Leid und Lust geschah, wir fühlen es, daß sie viel erlebt haben und erzählen können, daß ihre heimlichen Worte die Romantik uns erwecken könnten, die mit ihrem Lächeln das Herz gewinnt und warm macht. Der Bergbau ist zur Rüste gegangen, aber immer noch klingt seine Poesie über die Firste der alten Häuser, wenn das Bergglöckchen noch läutet wie einst zur Schicht. Sie schreitet durch die alten Gassen mit den schlichten Häusern und lugt um die Ecken winkliger Straßen, die mit ihm jung waren, wo an Portalen hie und da die Gestalt des Bergmanns oder das Bergmannszeichen in Stein gehauen, Schlägel und Eisen, dich grüßt oder irgendein frommer Spruch oder Gruß, wie ihn unsre Zeit nicht mehr kennt. Poesie wandert hinaus zu den alten Schächten und Halden, die wie Hünenmale uralter Zeit die Höhen rings um die Stadt krönen. Sie steigt hinab in die tiefen dunklen Schächte, die jetzt so still und einsam sind. Wo einst des Fäustels muntrer Schlag erklang, »und sie gruben das Silber und das Gold bei der Nacht,« und wo das funkelnde Erz aus schwarzer Tiefe zur strahlenden Sonne gleißend emporstieg, wo man die Grubenwässer murmeln und fließen hört, und die Gänge und Stollen in schweigender Finsternis sich tief unter der Stadt und weit darüber hinaus wie ein ungeheures Netz meilenweit erstrecken, da lugt sie aus Spalten und Klüften, da huscht sie um die Ecken und Winkel, da hörst du sie flüstern vom Berggeist, von Gnomen und Kobolden, von den märchenhaften Schätzen der Berge, von den »Walen«, den zauberkundigen Venetianern, die ihren Ort wußten, von all den Wundern der Tiefe, die noch kein Menschenauge geschaut und der Erlösung harren, von den Geheimnissen der Wünschelrute. Da werden die Schatten lebendig, Vergangenheit wird Gegenwart, zeitlos und ohne Stunde ist das Dasein. Du weißt nicht, ist es droben Tag oder Nacht, Sommer oder Winter – eine Poesie ganz eigener Art hat dich in ihr Reich geführt, hält dich in ihrer Macht. –
Dort der alte Donatsfriedhof, ist er nicht auch Poesie? Seit 400 Jahren fast schlafen im Ringe seiner altersgrauen Mauern Freiberger Geschlechter. Sie zogen aus dem weiten Ringe der starken Mauern der Stadt, aus ihren schönen steinernen Häusern in den engeren Mauerring des alten Friedhofes, in die schmalen hölzernen Wohnungen aus sechs Brettern. Über ihren alten Grüften rauschen hohe Bäume. Um ihre schönen Denkmäler rankt sich der Efeu und Heckenrosen, duftet der Flieder und jubeln die Singvögel das Lied des Lebens und der unvergänglichen Liebe. – Pestzeiten waren es, als Herzog Heinrich der Fromme 1531 diesen Friedhof anzulegen befahl. Das Sterbeglöcklein stand nimmer still. Mit immer neuer Furchtbarkeit erhob die Seuche ihr schreckliches Haupt und erstickte mit ihrem giftigen Hauche das Leben, schonte weder jung noch alt, nicht arm noch reich, nicht Mann noch Weib. Die Friedhöfe an den Kirchen reichten nicht aus und aus den Grüften schien der Tod allnächtlich aufzustehen und mit gespenstischer Faust an die Türen von Hoch und Niedrig zu pochen, oder aus zahnlosem Knochenmunde seine Opfer grinsend anzuhauchen. Da befahl der Herzog, daß »wegen der Dünste, so sich in den gefährlichen und geschwinden Sterbensläuften aus den Todtengräbern ziehen und erheben, und manchen Menschen tödtlich vergiften mögen, daß ein gemeines Begräbniß außerhalb der Stadt zu halten sei«. Wo die Kapelle des heiligen Donatus stand, dicht vor dem Tor der Stadt, am Wege nach der Grube Himmelfahrt, zog man den ovalen Mauerring um die neue Stadt der Toten. Sinnvolle Beziehungen für gläubige Herzen mag man daraus erkennen: draußen der Weg der Bergknappen zur Arbeitsschicht in das Dunkel der Grube Himmelfahrt, drinnen der Gang zur letzten Schicht in das Dunkel einer Grube, deren Rätsel noch kein Wissen erleuchtet hat, die der Glaube in den Sprüchen auf Steinen und Kreuzen als »Himmelfahrt« deutet. Wie ist es doch auch so sinnig und tief empfunden, den ernsten Baum, der so feierlich und schön an den Gräbern steht, »Lebensbaum« zu nennen, und so in einem Namen sinnbildlich eine ganze Lebens-, Welt- und Religionsauffassung zusammenzufassen, nämlich, daß es keinen Tod gibt, sondern nur Wechsel und Übergang, Himmelfahrt.
Auf dem ergreifenden Gefallenen-Gedächtnismal des Friedhofs stehen die Worte: »Euer Tod soll Leben werden, deutscher Zukunft edle Saat.« Saat ist Leben und Sterben, Saat ist Tun und Denken, Saat ist Anfang, Ernte ist Vollendung. –
Eine tiefe, sinnige Poesie lebt so in den grünen Räumen des alten Friedhofes, der Ruhestätte des alten Freibergs, heute der stimmungsvolle Vorhof der neueren weiten Gräberfelder. – –
Wo sollen wir noch die Poesie und Romantik in Freiberg suchen? Ach, du brauchst sie nicht zu suchen, denn draußen, über das Friedhofstor hinweg, siehst du den gewaltigen Donatsturm ragen und in den Friedhof hineinschauen. Als Wahrzeichen der Stadt reckt sich seine wuchtige Gestalt empor wie ein Bild echten Bürgertrotzes und kernhafter Treue. Die Dohlen, die in den zahlreichen Mauerlöchern unzugänglich nisten, gehören zum Turm, wie seine Gestalt ins Bild der Stadt. Da scharen sich die schwarzen Gesellen zusammen zu einer Wolke, zu einem flatternden Geschwader; schreiend beraten sie, wohin der Flug sie tragen soll. Zum Spittelwald? Hin und her schwebt die Wolke, bald dicht zusammengeballt, bald weit auseinandergezogen droben in der blauen Luft und entschwindet schließlich in der Ferne am Saume des Waldes. Der Donatsturm, die Stadtmauern mit ihren alten Verteidigungswerken und Türmen, mit den Gräben, in denen jetzt die Bäume rauschen, wissen zu erzählen von alter Zeit, und ihre Steine reden von Kampf und Blut und Not und dem Heldentum schlichter Bürgertreue. Da klirrt es von Waffen, da kracht es aus den groben Stücken und Kartaunen, da rühmt es von kühner Tat, da raunt es aber auch von Verrat, da ist die Romantik der Geschichte lebendig, deren Zeuge diese Mauern und Steine waren. –
Und mitten im Herzen der Stadt, wo der Puls des Lebens am kräftigsten, am raschesten pocht, lacht oft die Poesie aus blanken jungen Augen, die Poesie der Jugend und fröhlicher Burschenzeit trotz trüber schwerer Gegenwart. Der Marktbrunnen rauscht und plätschert neben dir. Aus breitem vierteiligem Granitbecken steigt die wuchtige Mittelsäule auf, die vier kleinere Becken mit wasserspeienden Löwenköpfen trägt. Die Bronzegestalt Ottos des Reichen, des Gründers der Stadt steht mit wallendem Mantel in Panzer und Helm als Säulenheiliger oben auf dem romanischen Schaft und hält die Gründungsurkunde in der Rechten, den Griff des langen Schwertes in der Linken. Vier Bronzelöwen halten am Sockel der Säule Wacht und speien im Bogen Wasser in die unteren Granitschalen. Das unvermischte nasse Wasser, wie hier von allen Seiten es den Wettiner wie einen Wassergott umsprüht, umrieselt, umplätschert, und die von Löwen bewachte Säuleneinsamkeit dort oben mag nicht sein besonderer fürstlicher Geschmack gewesen sein. Das empfinden die Herren Studenten, denen anderer Stoff lieber ist als Wasser, mit unfehlbarem Feingefühl und wie der Hanfried auf dem Markte zu Jena spürt auch der reiche Otto flotten Burschengeist und kecken Übermut.
Nacht ist es. Der Vollmond leuchtet mit märchenhaftem Schein über die alten Giebel. Wie Silber blinken die Dächer und Erker der ehrwürdigen Häuser und blinzeln mit verschlafenen Augen in die Träume der Nacht. Der Rathausturm ragt hoch in den schimmernden Glanz. Wie das große rote Auge eines Zyklopen schaut seine Uhr auf den stillen Markt, als wollte es spähen und wachen für die Sicherheit der Stadt, ob nicht in den breiten schwarzen Schatten der Häuser oder in den engen Finsternissen der Straßenmündungen sich Geheimnisse verbergen. Da regt es sich gespensterhaft. Da klingt es wie heimliches Gemurmel. Ein Klappen, ein Schleifen, ein Trappeln und Huschen. Im Gänsemarsch zieht es herbei und bewegt sich im großen Kreise um den Brunnen, wie eine geisterhafte Prozession. Ein Ruck, die Prozession erstarrt, ein leises Kommando und ein kräftiger Salamander steigt auf dem granitenen Brunnenrand oder auf dem schwarzen Stein, da Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, einst enthauptet wurde, eine Ansprache an den ehernen Brunnenfürsten dort oben, der wahrhaftig sein hartes Gesicht zum Lächeln verzieht, ein Prosit auf sein wässeriges Wohl in braunem Bier, das seine steifen Lippen nicht erreicht, ein brausender Burschensang, der von den Häuserwänden widerhallt, ein »Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt« und der Spuk ist spurlos verschwunden, als die Polizei erscheint. – Ruhig grinsend spucken die Löwen ihr Wasser im plätschernden Bogen, ein Philister schimpft zum Fenster heraus und Otto der Reiche guckt in den Mond. –
O Mondnachtmärchen und Mitternachtszauber am Obermarkt!
O Romantik jugendfrischer Studentenzeit, wie steigst du auf und lächelst dem Frohsinn ungebrochener Jugendlust und übermütiger Studentenstreiche. Auch der Löwenritt zwischen sprudelnden Strahlen und tiefem Wasserbecken zu mitternächtiger Stunde, unmittelbar angesichts der Polizeiwache, hat gar manchem üppigen Füchslein zu unfreiwilligem Bad oder Strafmandat, dem bronzenen Säulenheiligen dort oben aber öfter zu einer »feuchtfröhlichen« Huldigung in seinem steifen Dasein verholfen. Ja einstmals hielt dieser hochgestellte Erzheilige am Morgen eine große Klingel in der Hand, welche am verborgenen Drahte gezogen, frisch in den Morgen schellte, als wäre er der Ortsdiener und wollte seinen getreuen Freibergern ausschellen, daß der alte Burschengeist noch lebt. –
Was wallen die bunten Studentenfahnen aus den Fenstern, wo ein flotter Bursche wohnt, und flattern fröhlich im zausenden Winde, wenn irgendein Verbindungsfest oder ein Ehrentag der ehrwürdigen alma mater im Reigen der Zeit uns grüßt! Sie werfen buntjubelnde Freude ins Straßenbild. Der behäbige Bürger lächelt zu ihnen empor und freut sich, wenn die schlanken Burschen durch die farbenfrohe Poesie ihrer Jugend den grauen Alltag vergolden. Es lächeln aber auch lieblich verschämt oder auch keck und bewußt, je nach Temperament, die jungen Damen, wenn abends um 6 Uhr auf dem Bummel an der östlichen Marktseite die bunten Farben sich zeigen und mancher Gruß und mancher Wink aus schönen Augen spricht von Suchen und Finden, von Maienzeit und seligem Hoffen – »denn du weißt, du weißt es ja!«
Wenn der neue Rektor der Bergakademie durch seine Studenten mit einem Fackelzug begrüßt und der Scheidende zum Abschied geehrt wurde, was war das für ein Leben in der alten Bergstadt! Der Ausschuß der Studierenden in seiner eigenartigen kleidsamen bergmännischen Tracht voran, die bunten Farben und Mützen, Pekeschen und Jacken in reichem lebendigen Wechsel, der kräftige Sang froher Burschenlieder, die lodernden Fackeln mit ihrer roten Glut in den alten Gassen, die jugendfrohe, frische Begeisterung in lachenden, leuchtenden Augen, und herzudrängend in froher Teilnahme alt und jung, die liebe Mädchenwelt und die begeisterten Schüler, als wäre es ein Fest der ganzen Stadt, nicht bloß der alma mater: die Poesie des ganzen Studentenlebens schien sich in einem lachenden Bilde zusammenzuschließen. – Die harte Not der Zeit hat dieses herrliche Bild in den letzten Jahren nicht wieder lebendig werden lassen, hat die lodernden Fackeln ausgelöscht, hat aber nicht den feurigen Mut löschen können, der in den jungen begeisterten Herzen lebt, der auch das deutsche Leid überwinden wird.
»Frei ist der Bursch« klingt und singt es durch die Straßen nicht minder als durch die Herzen in Alt-Freiberg, der einzigen sächsischen Stadt, die noch den Zauber der Romantik studentischen Lebens bei allem tiefgründigen Ernst der Arbeit trotz aller Lebensnot uns spüren läßt. Wie klingen die alten Bergmannslieder, wie jauchzt das »Glückauf« in begeistertem Zuruf in froher studentischer Runde und machen die Romantik der bergmännischen Vergangenheit der Stadt und der eigenen bergmännischen Zukunft den jungen Sängern voll Begeisterung lebendig: »Glück auf! ihr Bergleut’, jung und alt!« Und wenn der Bursche hinauszieht ins Philisterland, wie begleitet ihn noch die Poesie bis in die rauchige Prosa der Bahnhofshalle, wenn das Abschiedslied in mächtigem Chore klingt und die farbigen Mützen dem Scheidenden winken: »Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus in die Welt. Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus!« – Die Fahrgäste schauen und winken mit aus dem Zuge, der aus der Halle schnaubend davonkeucht. Die Poesie Alt-Freiberger Romantik und frischen Burschengeistes hat sie berührt und klingt in ihren Herzen noch, wenn längst die Petritürme am Horizont versunken sind.
Ja die Romantik der Stadt! Wandere durch den Dom, tritt vor die goldene Pforte oder vor die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz aus der Todesschlacht von Sievershausen, stelle dich unter die Torstensonlinde und laß dir von ihren Blättern zuraunen, wie der podagrageplagte Feldherr über das »Hexennest« Freiberg fluchte, oder steige hinab in das Verließ des Kunz von Kaufungen, oder denke an Friederikus Rex, wie er durch Freibergs Straßen ritt, oder an nächtliche Bergparaden beim wuchtigen, ehernen Klange der russischen Hörner bei Fackelschein und rhythmischer Bewegung der brennenden Froschlampen, denke an die feierlichen Leichenbegängnisse in düsterer Pracht, wenn ein Fürst im Dome beigesetzt wurde. Die Bilder drängen sich, Gestalten und Männer treten vor dein Auge und Herz und füllen dich mit Heimatstolz, denn nun erst hat die Stadt eine Seele bekommen, eine Seele, die mit dir wandert und spricht; du hast die Seele der Heimat gefunden.
Ja die Romantik in Freibergs Mauern, das ist die Geschichte der Stadt, die in ihr lebendig wird und in Erinnerungen redet. Ihrem ernsten Gewande braucht man nicht den Flitterkram phantasievoller Erfindung anzuhängen, um zu fesseln, zu packen und zum Sinnen und Denken und innerlichen Schauen anzuregen, daß es uns nicht wieder losläßt. Vieles ist vergessen, zerstört, hinabgesunken in das dunkle Reich des Schweigens, aber schaut die alten Häuser und Mauern, die alten schönen Portale, den herrlichen Dom mit seiner goldenen Pforte, den Kanzeln und der Wettiner Gruft, die anderen Kirchen, die altertümliche »Thümerei« mit ihren Museumsschätzen, das Rathaus mit dem, was diese Bauten in sich bergen, blättert in den alten Chroniken, Urkunden oder Akten, dann steigt es herauf und wird wieder lebendig, dann blüht ein verklärendes Lächeln auf, das Lächeln, das wie ein geheimnisvoller Zauber die alte getreue Bergstadt verschönt und die Herzen an sie fesselt. Verschüttete Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen, versunkene, verwunschene Schätze steigen empor, die Augen und Herzen werden sehend, das Verlorene ist wieder da und lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg, ernst und kalt und nüchtern schienen: Du hast die Seele der Heimat gefunden.
Von festen Mauern und festen Herzen.
Drei trotzige Türme mit Zinnen und flachen Kegeldächern, und ein zinnengekröntes Mauertor, in dem ein Herzschild mit wehrhaftem Löwen den Zugang sperrt, das ist das Wappen des alten Vriberch, »Sigillum Burgensium in Vriberch«, »das Siegel der Bürger in Vriberch«. An einer der ältesten erhaltenen Freiberger Urkunden von 1227 hängt es bedeutungsvoll, und man darf annehmen, daß seit der Stadtgründung, etwa 50 Jahre zuvor, dieses Wappen geführt wurde und den Stolz und trutzigen Sinn der Stadt auf dem freien Berge, der deutschen Bergmannsstadt in slavischer Wildnis, zum Ausdruck brachte. Dieses Siegel sagte Freund und Feind, daß die junge Stadt eine ummauerte, wohlbefestigte sei, an deren Toren der Freiberger Löwe Wache hält und seine Klauen zum mächtigen Schlage dem Freunde zum Schutz, dem Feinde zum Trutz erhebt. Ein »redendes« Wappen, dessen Rede im Lauf der Geschichte zu Taten wurde.
Durch alle Jahrhunderte hat die Stadt dies Wappen mit den silbernen Türmen geführt, festgegründet auf silberdurchwachsenem freiem Felsengrunde.
Märchen gingen durch alle Lande von dem wunderbaren Reichtum der Stadt, wo die Ziegel auf den Dächern von Silber wären, und Bürger und Bergmann von Gold und Silber speisten. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht klingt es z. B., was uns der Chronist über das große Turnier berichtet, welches im Jahre 1263 der Markgraf Heinrich der Erlauchte von dem Freiberger Silber in Nordhausen ausrichtete: »Da er in der Mitte der Bahn einen gantzen silbernen Baum aufrichten lassen von halb gülden und halb silbern Blettern, auch einem jeden, welcher im rennen seinen Speer gebrochen, und auf dem Rosse sitzen blieben, ein silbern Blat, welcher aber den andern gar herabgestochen, ein gülden Blat verehret; dabey denn eine solche kostbare Zubereitung in allen Sachen gewesen, und gegenwärtige Fürsten, Graffen, Herren, Ritter und Adels Personen 8 Tage nacheinander dermassen stadlich tractiret worden, daß es, wie die alten historici berichten, einem Keyser schwer würde gefallen seyn, solches nachzuthun.« Von diesem Markgraf sagte man, daß er durch seinen »fürtrefflichen Reichthum gantz Böhmen mit baaren Gelde hette bezahlen, auch sonst andere Länder an sich und seine Nachkommen bringen können«. Auch die Chronik der Stadt Schneeberg, welche 1470 gegründet war, berichtet aus dem Jahre 1477: »Auch war in St. Georgen die große Silber-Stuffe wie ein Tisch verstrosset, darauff Herzog Albrecht Tafel gehalten und daraus hernachmals 400 Zentner Silber geschmelzet worden.«
Solche reiche Silberausbeute mußte wohl märchenhaft erscheinen und die Phantasie des Volkes mächtig anregen.
Hat man doch sogar in neuerer Zeit noch erstaunliche Funde gediegenen Silbers gemacht, wie z. B. im Jahre 1847 auf der Grube Himmelfahrt 17 Zentner auf einem Gangkreuz, im Jahre 1857 auf der Grube Himmelfürst sogar 91 Zentner plattenförmig auf einem Punkte beisammen. Da war es kein Wunder, daß in der Zeit, als das Silber fast zu Tage lag und das Erz mühelos gebrochen wurde, Markgraf Otto, der Gründer der Stadt, der »Reiche« genannt wurde, daß er dieses Schatzkästlein mit festen Mauern und Türmen umgab, und daß er die Wehrhaftigkeit durch Siegel und Wappen besonders betonte. Reste dieser ersten Mauer darf man wohl heute noch in den unteren Teilen der erhaltenen alten Stadtmauer am Donatsring vermuten. Ein stolzes Bild hat durch die Jahrhunderte die mauerumgürtete, turmgekrönte, zinnenumwehrte Stadt geboten, namentlich nachdem im Laufe des Mittelalters alle Erfahrungen und Künste der Befestigung und des Wehrbaues an ihre Wehrhaftmachung gesetzt waren. Sie war mit doppelten Mauern, 44 Türmen, fünf starken Torbauten, mit Gräben und breiten Teichen gesichert.
Der Chronist Möller schreibt im Jahre 1653:
»Die Ringmawern sind dick und stark, umb und umb zwiefächtig mit einem Zwinger. Die eine ist sehr hoch, und mit vielen Außwerken und Thürmen befestiget. Die andere, welche sonst die Zwinger Mawer genennet wird, ist etwas niedriger, und hat auch etliche besondere Thürmlein und Außwerke. Für den Ringmawern gehet umb die Stadt ein tieffer gefütterter Graben, welcher zum theil voll Wasser, zum theil leer ist. Man hat für diesen zur Lust etliche Stücke Wild drinnen gehalten und vermehret, wie auch noch bei Mannes gedenken etliche weisse Hirsche, sampt anderen Stücken, von der hohen Obrigkeit deßwegen dahin gesendet, und der Stadt verehret worden.
In den Ringmawern seynd fünff Haupt Thore, welche alle mit festen Thürmen, Brustwehren, Rondelen, hangenden Zugbrücken, und drey unterschiedlichen grossen Pforten, theils auch mit starken Schutzgattern, und anderen zur Defension und wider feindlichen Anlauff gehörenden Stücken wol verwahret seynd.«
Möller erwähnt hier nicht die Befestigung durch die Teiche, obschon sie bereits auf dem Stadtplan von 1554 vorhanden sind. Vom Peterstor bis dicht zum Meißner Tor, zehn an der Zahl, waren sie mit ihren senkrechten gemauerten Ufern oder Böschungen ein starkes Hindernis noch vor der Stadtmauer. Auch heute noch bietet sich, namentlich im Winter, dem Blicke, z. B. über den Schlüsselteich, auf die hohen Mauern und Türme ein trotziges stolzes Bild der alten Wehrhaftigkeit.
Von den fünf starken Torbauten ist nichts erhalten geblieben als der gewaltige Donatsturm im Osten der Stadt. Immer noch steht er, als kraftvolles Wahrzeichen der Stadt, wie ein treuer Wächter und ragt weit über Dächer und Giebel in die blaue Luft. Wie zu unzerstörbaren Felsenmauern gefügt türmen sich seine braunen und schwarzen Gneisquadern zu mächtigem Rundbau empor. 5 m stark sind seine Wände, so daß er auch für die schwersten Geschütze der älteren Zeit als unzerstörbar gelten mußte. Sein Umfang ist 44 m, sein Durchmesser 14 m und seine Höhe 29 m. So ragt er gen Himmel, über die Stadt und die Jahrhunderte, wie ein trotziger Fels, an dem die Wogen der Zeit und die Stürme des Schicksals sich brechen und zerstieben.
Die Rüstlöcher der fleißigen Werkleute sind in regelmäßigen Abständen sein einziger Schmuck. Schießscharten mit Rundöffnung für die Rohre der kleinen Feldschlangen, Geschütze, Doppelhaken und Falkonetlein und mit Schlitzen für die Beobachtung und den Abzug der Pulvergase durchbrechen im oberen Teil des Turmes 18 m über der Erde in drei Reihen übereinander von je neun Stück das Mauerwerk und sind von innen durch gewölbte, tunnelartige, ringförmige Umgänge im Mauerkerne zugänglich. Oben öffnen sich im Ringe dicht unter dem spitzen Kegeldach die neun Schießluken oder Scharten für die groben Stücke. Von hier brüllten sie dem Feinde ihre rauhen Grüße zu. Die letzten Kanonen sollen erst 1796 herabgestürzt und von Hammerschmieden als altes Eisen gekauft worden sein.
Im vorigen Jahrhundert erst wurde das eigentliche Tor mit dem weitvorspringenden Rondell abgebrochen, und weit klaffte die große Lücke zwischen dem mächtigen Turm und dem Reste der Stadtmauer. Erst im Jahre 1922 wurde von mir ein Wohnhaus für die Stadt dort errichtet. Durch weitgespannten Torbogen ist es mit dem Turm verbunden und zu einer malerischen, geschlossenen Gruppe zusammengefaßt, welche das Straßenbild abschließt. Am Tor ließ ich in Sandstein die Sprüche meißeln: »Gemeinwohl geht über dein Wohl« und »Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod«. Dafür ist der Turm selbst Zeuge und Mahnung durch seine Entstehung und seine Geschichte.
Bergmannstreue soll ja diesen starken Schutz und Wächter der Stadt geschaffen haben, indem jeder Bergmann für das Gemeinwohl sich von seinem Schichtlohn einen Betrag kürzen ließ, und indem er selbst mit Hand anlegte. So wuchs das Bollwerk empor, seiner Bestimmung entgegen und hat in den Stürmen der Jahrhunderte unerschüttert und unzerstörbar, wuchtig und stolz seinen Platz in der Mauer, im Stadtbilde und vor dem Feinde ausgefüllt, denn Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!
Er sah trotzig hernieder mit seiner Felsenstirn auf Sorben und Hussiten, auf Wallensteins Söldner und schwedische Heerscharen, auf die Füsiliere des Friderikus Rex, auf Napoleons Truppen und die Sieger von 70. Wie brandete um seine Mauern die sturmbewegte Geschichte der Stadt und der ganzen Heimat! Er hörte einst die dunkle bittere Kunde von Sievershausen, da Herzog Moritz, die Hoffnung des evangelischen Deutschlands, fiel, von Lützen, da Gustav Adolf starb, die Siegeskunde von Leuthen und Leipzig, die Schmach von Jena, von Moskaus Brand und von dem Fall von Paris, von Sedan, von Lüttich, Tannenberg und Skagerrak. Das deutsche Leid sank lastend auf ihn nieder, und schwarze Wolken deckten blühende Fluren.
An ihm rumpelte die gelbe Postkutsche mit hellem Hornruf vorbei, und lustige Wagen mit Maien und lachenden Mädchen, und auch der dunkle Wagen mit seinen schwarzen Rossen zum nahen Donatsfriedhof und seinem grünen Frieden. So viele Bergmannsgeschlechter, die längst vergessen dort der Ewigkeit entgegenschlummern, hat er gekannt, wie sie als Kinder zu seinen Füßen spielten.
Johann Tetzel verkaufte zu seinen Füßen seine Ablaßzettel an die Bergknappen und schleppte viel Geld mit fort, denn er predigte, daß alle Schächte verfallen würden, wenn man nicht reichliche Spenden in seinen Ablaßkasten werfen würde. Bruder Martinus, der Bergmannssohn aus Wittenberg sah vielleicht mit seinen tiefen Augen dieses trotzige Bollwerk der Stadt, den Psalm und sein Lied von der festen Burg im Herzen. Er trug Seelen und Herzen mit sich fort und riß die Geister zu höherem Fluge mit sich empor.
Des Alten Fritzen blaues Königsauge maß den alten Turmrecken mit prüfendem Feldherrnblick, nachdem er schon sechs Jahre im Heldenkampfe siegreich einer Welt von Feinden Trotz geboten und neuen Lorbeer um seine kriegs- und siegesmüde Stirn geflochten.
Humboldt, der die Welt umwanderte und neu als Kosmos in seinen Werken erstehen ließ, Goethe, der eine Welt in seinem Herzen trug, und neue Geisteswelten schuf und deutschen Geistes stolze Stirn zu den Sternen hob, sie schauten empor zum alten Turm, der wie etwas Zeitloses am Wege steht und mit stummer Sprache raunt von ewigen Dingen.
Theodor Körner im Bergkittel sang zu ihm seine Burschen- und Bergmannslieder empor und trug seine begeisterte Seele von hier wie einen lodernden Opferbrand ins Morgenrot der Freiheit.
An ihm schritt der Handwerksbursche vorbei, die Wahrzeichen der Stadt sich noch einmal bedenkend, hinaus, wo ihm das Leben und die Zukunft lachte.
Der Bergmann zog vorüber mit Glückauf zur Schicht in schwarzer Tiefe, zum Schacht anfahrend, dessen Glöckchen traulich herüberklang.
Die Wogen und Wellen der Zeit und der Menschen strömten dahin. Das Tor und die Mauern fielen zum Teil. Der alte, graue, riesige Wächter aber blieb und sah sinnend, wie zu seinen Füßen buntes Bürgerleben hinausquoll über Wälle und Gräben, wie die frische neue Jugend hinausdrängte in Gärten und Grün, in Wälder und Berge, zu Sport und Spiel, in Sonnenglück und stählende Winterlust, wenn sie Gott oder ihrer eignen Seele tiefste Sehnsucht fühlten im Wehen der Halme, im Rauschen der Bäume, im weißen Glanz der Winterpracht, in den Wundern der Weite, als sie die Heimat fanden und immer wieder suchten in Sehnsucht und in der Heimat die Seele und die Kraft, welche sie gesund und reich macht.
Goldene Volkslieder klingen empor zu ihm wie aus dem Zauberbrunnen der Märchenzeit, die süßen Wunderweisen von Schubert und Silcher. Sehnsuchtsklänge von Herrmann Löns und erzgebirgischer Heimatsang von Anton Günther ranken sich mit Lautenklang um die mondscheinumflimmerten Mauern des Turmes und der alten Stadt.
Der alte graue Landsknecht aber, mit seinen mächtigen breiten Schultern, der alte getreue Ekkehard und Hüter der Stadt schaut hernieder und lächelt über das bunte Getriebe, über das Lieben und Leiden, das Eilen und Weilen, das Hasten und Rasten, das Jagen und Plagen der Ameisen zu seinen Füßen.
Wie um seine Stirn die Dohlen schreien und flattern, abstreichen und heranschweben, so eilen und ändern sich Geschichte, Geschlechter und Geschicke; Seelen und Gedanken flattern und schweben. Warum? Wohin?
Der Donatsfriedhof, der Gottesacker mit seinen rätselhaften Schollen, die Jahrhundert für Jahrhundert immer aufs neue umgestürzt werden, ist so nah, in dem von Ewigkeit so viel gesprochen wird, und die Vergänglichkeit so grausam uns ins Antlitz starrt, in dem die Blumen der Hoffnung und die Dornen der Verzweiflung dicht nebeneinander wachsen, welken und immer wieder sprießen, in dem die Fragen und die Rätsel keimen, und die bangende Seele Antwort und Lösung pflücken will und sucht, bis ihr hier draußen die Antwort wird, wenn einst hinter dem dunklen Tor sich ihr die letzten Rätsel lösen.
Wohin rinnt der Strom des Lebens, der unaufhaltsam durch die Jahrhunderte fließt, an dessen Ufer der alte Turm wie ein Felsen unerschüttert steht? Über ihn spannt sich des Himmels unendliches dunkles Gewölbe mit seinen Myriaden flimmernder Welten. Ein Stern schießt seine leuchtende Bahn in weitem Bogen und ist verschwunden. Warum? Wohin?
Weltall und Ewigkeit – unfaßbare Gedanken nicht auszudenkender Gewalt! Menschenseele! nicht faßbares Wunder von unerklärlicher Größe! Leben und Vergänglichkeit, Menschenseele und Ewigkeit, die Rätselfragen alles Seins, schweben empor über die mondscheinumflimmerten Dächer. Nie gestillte, nie erfüllte dürstende Sehnsuchtsgedanken wandern in den dunklen Abgrund des Weltalls, in die schweigenden dunkelblauen Fluren der Unendlichkeit.
Selig sind, die da Heimweh haben,
Denn sie sollen nach Hause kommen.
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Die anderen Tore schienen wohl auch für die Ewigkeit gebaut zu sein. Doch was durch Jahrhunderte feindlichen Stürmen Trotz geboten und der Stadt und ihren Bürgern als Schutz und Hort gedient hatte, das mußte unter der Spitzhacke dieser Bürger fallen.
So sank ein prächtiger, wehrhafter Torbau nach dem andern, ein malerisches Bild alter Stadtherrlichkeit nach dem andern dahin. Wenn man die alten Darstellungen der Tore betrachtet, so könnte man glauben, jene Zeit der Spitzhacke, des Meißels und Brecheisens sei blind und gefühllos gewesen gegen die reizvolle Schönheit und gegen den Zauber der Geschichte, welcher die alten Türme und Mauern mit ihren Ranken umsponnen hielt. 1846 fiel z. B. das Erbische Tor, das einen Ludwig Richter zu einer entzückenden Kupferradierung begeistert hatte. Wie ein Blick auf das Juwel mittelalterlicher Stadtschönheit, auf Rothenburg ob d. Tauber, wirkt dieser Ausschnitt aus Alt-Freibergs verlorener alter Herrlichkeit. Aus tiefem Wallgraben rauschen die Baumwipfel empor, aber höher steigen die trotzigen Türme und Mauern, über welche Giebel und Dächer schauen, und zwischen ihnen der Torturm des Erbischen Tors, feingegliedert, auf vierkantigem Unterbau achteckig aufragend. Acht große ovale Schießluken für die schweren Geschütze und darüber, getrennt durch ein glattes Gesimsband, acht schmale horizontale Schießschlitze sind der wirksame und zweckvolle Schmuck des wuchtigen Bauwerkes. So friedlich und gar nicht kriegerisch mehr schaut das Tor darein.
Die vier letzten, alten, eisernen Kanonen, welche einst grimmig von hier oben hinabdrohten, wurden 1802 verkauft und der Erlös wurde zur Stärkung der Laternenkasse verwendet, die zur Einrichtung einer öffentlichen Beleuchtung gegründet war. – Liegt nicht darin die ganze Behaglichkeit des Spießbürgers, den Krieg und Kriegsgeschrei nicht stört, weil er meint, ihm sei der Friede sicher und der Krieg dahinten weit in der Türkei so fern, so fern, und doch stand Mars schon drohend am Himmel und die apokalyptischen Reiter hatten ihre Rosse gezäumt zum Ritte durch Deutschlands blühende Fluren und auch Freibergs Gassen in der napoleonischen Zeit. Hier, auf unserem Bilde von Ludwig Richter, sind diese schweren Tage vorübergebraust und das friedlich behagliche Leben macht sich wieder breit und vergißt so gern die dunklen Tage. Zum Turme staffeln sich auf, wie mächtige Stufen, die Mauern des »Rondells«, des Vorhofes oder Vortores. Stolze Pappeln stehen wie ragende Wächter daneben und breite Baumkronen lehnen sich an das alte Mauerwerk. Im Vordergrunde aber bewegen sich die lieben Gestalten, mit welchen Ludwig Richters sonniges Kinderherz in stets wechselnder Fülle seine Werke zu beleben wußte. Der vornehme Bürger mit hohem Hut, der seine zwei Damen im Reifrock auf dem Walle spazieren führt, zwei Bergleute in ihrer altertümlichen, charakteristischen Tracht, die Bauersfrau, welche ihren schweren Korb zu Markte trägt, das dralle Mädchen mit einem wackeren Handwerksmeister, Hunde und Zicklein und fernes Gewimmel. –
So friedlich und freundlich diese Bilder ausschauen, so bittere Not, Wunden und Tod haben doch diese Mauern gesehen, wenn der Feind vor ihnen lag, die Häuser der Vorstädte brannten und die Pest und der Hunger durch die Gassen schlich und mit knöchernem Finger an die Pforten pochte. Das waren die Notzeiten und Heldenzeiten der Stadt, wenn Kriegsstürme diese starken Mauern und Türme umtobten und manch wackeres Stücklein von trotzigem Bürgermut und unverzagter Treue aus harter Faust und festem Herzen sprang. Not lehrt beten und Not macht Helden! Eintracht bricht Not! Das Peterstor war es vor allem, dem immer wieder die Wut der Feinde, die furchtbarsten Angriffe galten. Seine stärkste Probe mußte dieses Bollwerk mit seinem gedrungenen vierkantigen Turme und mächtigem Rondell im dreißigjährigen Kriege aushalten. Doch was nützen Mauern und Türme, wenn nicht heldenmütige Treue die Wache hält. Es ist ein Ruhmesblatt von höherem Werte als ein Blatt von jenem silbernen Baum einst im Turnierhofe zu Nordhausen, welches sich hier tapferer Soldatengeist und Bürgermut für alle Zeiten errang.
Furchtbares hatte die Stadt bereits erlitten. Plünderungen und Kontributionen von Freund und Feind, Einquartierungen, Seuchen und Brandschatzungen.
Besonders schwer war das Jahr 1632. Bald waren churfürstliche Truppen, bald Wallensteins Regimenter, bald die berüchtigten Horden des Holck, bald kaiserliche »Krabaten«, bald Böhmen oder andere Völker in der Stadt oder vor ihren Mauern. Dann kam der kaiserliche General Feldmarschall Graf von Gallas auf Wallensteins Befehl Ende September mit großer Übermacht und bombardierte die unglückliche Stadt. Granaten bis zu 90 Pfund hämmerten auf das Peterstor mit furchtbaren Schlägen und auf die Straßen, und Brandgeschosse »viel Fewerballen« fielen auf der Petersgasse und Fischergasse auf die Dächer der Häuser immer und immer wieder und bedrohten mit Feuersbrunst die Stadt. Den tapferen Verteidigern, welche schon 300 feindliche Soldaten erschossen, ging die Munition aus und an Lebensmitteln war Mangel, der Feind legte die Sturmleitern an und hat »dannenhero hoher Beträwungen verlauten lassen, alles ohne unterscheid nieder zu hawen, und die Stadt gäntzlicher zu verderben, wo sie nicht ohne ferneren verzug auffgegeben würde, ist der Schrecken in der Stadt bey den Einwohnern und Eingefleheten desto grösser worden, und ist dieses eine recht ängstliche Nacht, und die Stadt in grosser Gefahr gewesen.« Die Stadt mußte sich ergeben und den übermütigen Feind in ihre Mauern lassen. Die kurfürstliche Garnison mußte die Waffen ablegen und erhielt freien Abzug. Von den Bürgern wurden aber 50 000 Reichstaler verlangt als Ablösung für die Plünderung innerhalb 3 Tagen aufzubringen. Auf inständiges Bitten wurde durch Vermittlung des Feldmarschall-Leutnants Holck diese Summe auf 30 000 Taler ermäßigt. Da aber die Bürgerschaft schon zuvor für die Garnison an Verpfleggeldern innerhalb 6 Wochen 45 143 Taler, 5 Groschen, 3 Pfennige hatte aufbringen müssen, so war sie »dermassen erschöpffet und verarmet, daß aller Vorrath hinweg, und bey vielen mehr nicht als das liebe Leben übrig. Drumb gab es wegen Einbringung dieser hohen Rantzion große difficulteten, und mußte alles, was noch etwan an güldenen Ketten, silbernen Bechern, Gürteln, Messerscheiden, und dergleichen Geschmeide bey einem oder dem andern vorhanden, herausgegeben werden.«
So wurde zwar die Stadt vor der Plünderung noch bewahrt, aber tief und bitter war noch trotzdem der Leidenskelch, den die unglückliche Bürgerschaft leeren mußte. Die Bürger mußten ihre Waffen und Harnische abliefern und wehrlos gemacht, wurden sie durch übermütige Einquartierung geschunden, gepeinigt und ausgesogen und »also ausgezehret, daß der Vorrath an victualien und fourage aller gantz dahin, und nicht ein bißlein Brods mehr bey den Becken, oder ein trunck Biers, viel weniger etwas von Saltze, Gewürtze, und anderer Nothdurfft zu bekommen, deßwegen auch etliche Personen auff den offnen Gassen niedergefallen, verschmachtet und Hungers gestorben.« »Dessen aber allen ungeachtet wurden bey manchen Bürger 10, 12, 15, 20 auch wohl mehr Soldaten einquartiret, welche ihre volle verpflegung haben wollten.« »Die arme Bürgerschafft wurde also geängstet, daß ihrer viel mit Weib und Kindern aus den Häusern entwichen, und alles im Stiche liessen, (wie man denn nach abzug des Feindes fünffhundert Häuser in der Ringmauer befunden, welche gantz leer und wüste gelegen).« Über dieses alles war kein Mensch in seinem eigenen Hause sicher, denn die Soldaten »grossen Muthwillen und Frevel verübeten, zumal des Nachts, da mit Gewalt in die Häuser, Gewölbe und Keller gebrochen, und alles auffgeschlagen, durchsuchet und weggestolen war. Darzu fiel wegen mangelung nothdürfftiger victualien viel und mancherley Krankheiten, und endlichen eine geschwinde infection und Pest ein, welche inkurtzen etliche tausend Menschen in und vor der Stadt hinrisse, und fast den dritten Theil der Bürger mit wegraffete. Die meisten wurden heimlichen begraben, öffentlichen hat man dreytausend Personen gezehlet, die mit gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestattet worden.«
Wenn man bedenkt, daß diese Häufung von Elend und Jammer sich auf zwei Monate, Oktober und November, zusammendrängte, daß die Stadt klein und wahrscheinlich nicht mehr als 10 000 Einwohner zählte, so gewinnt diese Zahl an unheimlicher Bedeutung, denn heute beträgt die Zahl der jährlichen Todesfälle 500 bei rund 35 000 Einwohnern!
Wie ein Würgeengel ging die Pest durch die Häuser und klopfte fast an jede Türe. Die Särge reichten nicht aus und viele wurden heimlich verscharrt, weil die Not dazu zwang. Die lateinische Schule war zehn Wochen lang geschlossen, und als sie wieder eröffnet wurde, fand sich noch nicht die Hälfte der Schüler wieder ein. Die größere Hälfte dieser blühenden Jugend war verloren, verdorben, verstorben.
Doch nicht genug »der außgestandenen so grossen Noth, Angst, Elendes und Jammers, so sich diese zeit über bey der guten Stadt Freybergk befunden!« Die Schlacht bei Lützen war geschlagen, der Schwede rückte heran und trieb die kaiserliche Armee vor sich her. Da ließ »der Commendant anfahen, und die schöne grosse Vorstadt mit allen Forwercken fürm Meißnischen Thore, wie auch die eine Seite fürm Petersthore, sambt der Viehgassen anzünden, und in die Asche legen. Was nicht brennen wollte, ward niedergerissen, oder sonst durchlöchert und verwüstet, und geschach diesen und hernachfolgende Tage mit abbrennen und niederwerfung derer so alten wolgebawten und weitläufftigen Vorstädte, und schönen Forwercken, Scheunen, Mühlen und anderen sowol gemeinen als Privat-Gebäuden solcher Schade, der nicht genugsam zu schätzen.« Sogar die Friedhöfe entgingen der Vernichtung nicht, indem »auch die schönen Bogen und Mawren eingerissen, und alles schändlichen verwüstet« wurde. Doch alle diese furchtbaren Leiden hatten den Mut und die Treue der Bürger und des Rates nicht gebrochen. Die Hammerschläge des Schicksals hatten ihre Herzen fest geschmiedet. Es leuchtet ein Wort aus jenen dunklen Tagen wie ein silberner Turm herüber in unsre dunkle Zeit, dessen strahlende Zinne echter Mannesmut und echte, in Schicksalsglut gehärtete Treue ist. Der Schwede, mit dem der Kurfürst verbunden war, rückte heran, der Feind in der Stadt richtete sich auf eine Belagerung ein und wollte ihm trotzen.
Da rief der kaiserliche Kommandant Mohr vom Walde die Bürgermeister der Stadt und etliche Ratsmitglieder zu sich, ob sie zu ihm halten und die Stadt mit ihm verteidigen wollten: Er habe Befehl, sich, solange er könnte, zu halten, hernach aber auf das Schloß sich zurückzuziehen und die Stadt an 20 Orten in Brand zu stecken. Die tapfere Antwort war, »daß sie wider ihren gnädigsten Landsfürsten, und ihm geleistete Pflicht, derer sie noch nicht loßgezehlet weren, nicht thun könnten noch wollten, hetten deßwegen einmütig beschlossen, wo sie mit dergleichen Anmutungen nicht könnten verschonet werden, lieber die Stadt und alles das ihrige zu verlassen, da sie auch gleich betteln gehen solten, als wider Pflicht und Gewissen, auch wider die löblichen exempla ihrer in Trewe hochberühmten Vorfahren zu handeln. Bäten den Herrn Commendanten, ihrer und der armen Bürgerschaft hierinnen gnädig zu verschonen. Wo es aber nicht seyn könte, ihnen zu vergönstigen, daß sie mit Weib und Kindern dürfften abziehen, und sich nach Dresden begeben.« Es klingt der Trotz des Lutherliedes aus diesen Worten. Es waren nicht leere Worte schlauer Berechnung, denn dazu war man zu tief durch Blut, Brand und Greuel des Krieges gewatet. Man kannte den Gegner nur zu gut und hatte am eigenen Leibe verspürt, was die Wut und Zuchtlosigkeit des Feindes bedeutete. Nicht leere Worte, sondern opferbereite, tatenmutige Entschlossenheit war das Wort:
Nehmen sie den Leib
Gut, Ehr, Kind und Weib,
Laß fahren dahin
Sie habens kein Gewinn
Das Reich muß uns doch bleiben.
Doch es kam nicht zum Äußersten: der Kommandant bekam plötzlich Befehl vom kaiserlichen Hauptquartier in Böhmen, die Stadt zu räumen. Das war die Rettung vor dem angedrohten furchtbaren Schicksal. Nachdem noch die wilde Soldateska Tag und Nacht geplündert und gebrandschatzt hatte und man von der Stadt noch 900 Taler Kontribution erpreßt hatte, rückte der Feind über das winterliche Gebirge nach Böhmen ab, die Wagen mit gestohlenem Gute der Stadt und der Bürger gefüllt. Hinter ihm jagte aber die Angst vor dem Schweden. Auf rauhen Wegen im tiefen Schnee, auf steiler vereister Straße blieb manch Wagen mit reicher Beute stecken und manches kostbare Stück aus Silber, Zinn oder Kupfer, welches beim Rückzug hinderlich war, wurde auf die Straße geworfen. Manch Bäuerlein oben im Gebirge mag da ein kostbares Stück heimlich auf einsamem Hofe geborgen haben.
Die Stadt war frei nach einer furchtbaren Leidenszeit von zwei Monaten. Tore, Mauern und Türme waren hart mitgenommen, aber die silbernen Türme des Mutes und der Treue waren ungebrochen.
Immer wieder und wieder tobten die Stürme und Wetter des unseligen Krieges um diese Türme und Zinnen der Stadt. Es war die Zeit, wo jeder Soldat an sich schon Feind des Bürgers war, ob nun lutherisch oder papistisch, ob kaiserlich oder sächsisch oder schwedisch. Der Feind von heute konnte morgen der Freund sein, mit dem man Schulter an Schulter kämpfte, der gemeinsame Feind der Soldaten war aber der Bürger und Bauer, den zu schinden ein Teil der Soldatenfreude und des Lohnes war.
Die schweren Einquartierungen einer durch die langen Kriegszüge ganz verwilderten rohen Soldateska, welche meist sich selbst versorgen mußte, drückten als harte Last gleichviel ob Freund oder Feind. Jetzt war der Schwede der Befreier von der Belagerung durch das kaiserliche Heer. Zehn Jahre später war es der kaiserliche Graf Pikkolomini, der als Befreier vom schwedischen Joch freudig begrüßt wurde. Und zwischendurch wurden bald kaiserliche, bald schwedische Truppen abgewiesen und erhielten keinen Einlaß in die feste alte Stadt, sondern eine tapfre Antwort voll männlicher Energie.
Dem kaiserlichen Oberst Ulefeld, der 1633 mit starken Truppen vor der Stadt erschien und drohend Einlaß begehrte, antwortete man, daß man ihm, »so er die Stadt attakieren wolte, mit nichts als Kraut und Loth begegnen wolle, wo er nicht Churfürstl. Befehl brächte, die Stadt zu öffnen«.
Auch dem kaiserlichen Oberst Abraham Schönnickel, der aus Chemnitz stammte, ist 1634 nur eine »schlechte Antwort und nichts als Kraut und Loth gewilliget worden«. Der Bürgermeister Jonas Schönlebe verhandelte mit ihm vor dem Tor und sagte auf seine Verheißungen des Schutzes und seine Drohungen mit Plünderung und Brand, »daß man nechst Gott, sonst keiner Beschützung von nöthen hette« und warf ihm vor, daß er ein Landeskind sein wollte »und fürgebe, er were dem Lande und der Stadt zum besten ankommen, und verderbete doch alles in grund, und man jetzo für Augen sehe, wie der alte schöne Hospital für der Stadt liechter Lohe brennete«. Das war dem Schönnickel zu viel! Nach vielen Wortwechseln ist er im Zorn davongerannt mit wilden Drohungen und hat die ganze Vorstadt und Scheunen vor dem Peterstor in Brand gesetzt, so daß »letzlichen das an der Stadt gelegene große Glockengießhaus ergrieffen, davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken in und über die Stadt hauffenweise geflohen, auch schon allbereit ein Hauß in der Ringmauer am Thore zu brennen angefangen«. Dieses Gießhaus war die Werkstatt des berühmten Gießergeschlechts der Hilliger vor dem Peterstor, aus welcher die herrlichen Grabplatten aus Messing und die Bronzedenkmäler in der Begräbniskapelle der sächsischen Fürsten am Dom, ferner die schönsten Glocken in Sachsen, heute noch ein Stolz der Gemeinden, und weiter über seine Grenzen hinaus und nicht zuletzt künstlerisch mit besonderem Reichtum und Geschmack verzierten Bronzegeschütze in großer Zahl hervorgegangen waren. Das Stammhaus der Hilliger stand in der Petersstraße, nicht weit vom Tore. Ihr Familienwappen, ein Bär mit einem Zirkel oder Taster in den Vorderpranken, ziert noch heute das alte Portal. Welcher Grimm und Zorn mag Hilliger durchtobt haben, als wenige 100 Schritte von seinem Hause die Stätte seiner Arbeit und Erfolge, seines Ruhmes und seiner Existenz in Flammen aufging und der Funkenregen vom Westwinde über die Stadt getragen wurde, als in Asche sank, woran sein Herz und seine Kunst hing, und er ohnmächtig zuschauen mußte, ohne den Mordbrennern heimzahlen zu können. – Schönnickel zog ab, ohne sein eigentliches Ziel zu erreichen.
Viele Stürme und Wetter brausten so im Laufe der Jahre noch über die starken Tore, Mauern und Türme, wie über die trotzigen Häupter der Bürger dahin. Kein Sturm aber war stärker, kein Wetter war furchtbarer als das der Belagerung der Stadt durch den schwedischen Feldherrn Torstensson. Vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, rund 50 Tage, dauerte diese furchtbare Zeit, in der die Bürgerschaft mit den Bergleuten und der kleinen Garnison einen Heldenmut gegen gewaltige Übermacht und Ausdauer in größter Not bewiesen hat, so daß diese Tat sich würdig neben die größten Heldentaten der Geschichte stellt, ein leuchtendes Beispiel in dem Jammer und Elend jener Tage, ein leuchtendes Beispiel und Fackel auch im Dunkel unserer Zeit!
Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne steht der Spruch: »Salus urbis est concordia civium!« Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger. Dies Wort stand nicht nur auf dem Stadtplan eingeprägt, sondern stand auch im Herzen und im Hirn jedes Bürgers und Bewohners festgeprägt, eingehämmert durch die jahrzehntelange gemeinsame Not.
Erst 1639, also 4 Jahre zuvor hatten sie zwei Belagerungen durch den schwedischen General Banner ertragen und siegreich überstanden. Vom 2. März bis 20. März und dann zum zweiten Male vom 10. April bis 17. April hatte Banner versucht, die Stadt zu stürmen und manche mannhafte Tat und mannhaftes Wort ist uns aus diesen schweren Tagen überliefert.
Mit gewaltiger Übermacht war Banner vor die Stadt gerückt und stand plötzlich vor den Toren, denn ein dicker, finsterer Nebel war eingefallen und hatte sich über die Stadt und das Land gewälzt, so daß man sich nicht hatte in der Nähe erkennen können. »Solches hat bey drey Stunden gewehret, daß jedermann dafür gehalten, es sey dieser Nebel von Finnen oder Lappländern gemacht.« Banner nahm im Freibergsdorfer Rittergut Quartier und begann alsbald mit der Beschießung, Schanzen und Laufgräben zu bauen und in der Vorstadt zu sengen und zu brennen. Mit seinem schweren Geschütz hat er angefangen »auff das Peters und Erbische Thor zu spielen, und an beyden Orten über hundert Schösse anbracht, dadurch die Brustwehren durchlöchert«. Er drohte, falls die Stadt nicht übergeben würde, »wollte er keines Menschen schonen, sondern allen die Hälse brechen!« Der Kommandant von Haubitz gab die unerschrockene Antwort, »daß er den vertrawten Platz, vermöge seiner Pflicht und geleisteten Eids mainteniren müste, solches auch biß auff den letzten Blutstropffen trewlich thun wolte.« Es erinnert dieses Wort an das berühmte Telegramm des unverzagten Verteidigers von Tsingtau, des Gouverneurs von Meyer-Waldeck, in den ersten großen Tagen des Weltkrieges: »Einstehe für Pflichterfüllung bis zum Äußersten«. Durch Ausfälle und tapfere Gegenwehr wurde dem Feinde viel Schaden zugefügt. Am 9. März sollte das Peterstor erstürmt werden und alle feindliche Macht richtete sich gegen das Bollwerk. Nach starker Beschießung stand der Feind mit Sturmzeug und Leitern bereit und versuchte von dem vor dem Tore stehenden Zollhaus aus das Rondell, den schützenden, runden Mauerbau vor dem eigentlichen Torturm, zu ersteigen. Sie sind aber tapfer empfangen und mit Verlust zurückgetrieben und es ist auch »durch außgeworffenes Geströde, Pech und Fewerkugeln, das Zollhauß in brand gerathen, daß ein groß Fewer auffgangen, und sich der Feind mit schimpff reterieren müssen. Die Schösse, so beyderseits geschehen, sind unzehlich gewesen«. Während hier am Peterstor so der wilde Kampf tobte, machte der Hauptmann Thörmer am Meißner Tor einen Ausfall, fand keinen Widerstand »indem alles zum Hauptwerke fürs Petersthor gelauffen, und auff eingebildete Eroberung der Stadt gewartet, hat er nicht allein des Feindes angefangene Baterien niedergerissen, sondern auch so lange sichere Verweilung gehabet, daß er viel Hew und Stroh, so wegen der Pferde und Viehes fast beynötig gewesen, in die Stadt einbringen können.« Dieses Stücklein zeigt, welch kecker Mut die Verteidigung beseelte.
Trotz dieses Mißerfolges schickte der Feind wieder einen Unterhändler, dieses Mal einen ehemaligen Kriegskameraden des Kommandanten, der jetzt im anderen Lager focht und nun die frühere Kameradschaft geltend machen wollte. »Hat sich dabey beklaget, daß ihnen die weile gar lang für der Stadt were.« »Dem der Commendant zur Antwort gegeben, die weile zu vertreiben, wolte er ihm ein baar Spiel Charten liefern, inmassen er auch dieselben hinauswerffen lassen.« Ein grimmiger Humor klingt aus dieser Art der Verhandlung. Wort und Tat, Geist und Schwert werden von einem entschlossenen und geschlossenen Willen geführt!
Einer späteren Aufforderung, das arme Volk, Weib und Kinder aus der Stadt zu schaffen, damit nicht unschuldig Blut vergossen würde, ferner die Stadt in Güte auffzugeben, sonst sollten die Bergwerke eingefüllt und alles verwüstet und verdorben werden, setzte Haubitz die Antwort entgegen: »Er wüste von keinem armen Volcke, und hette man in der Stadt genung zu leben, deßwegen er nicht einen Hund naußgeben wolte; die gantze Stadt were unschuldig, und hette wider die Kron Schweden nichts verbühret, wolte der General sich nicht mit unschuldigen Blute beflecken, so solte er für sich selbst der Stadt und der unschuldigen Einwohner schonen. Mit dem Bergwercke müste er geschehen lassen, was der General nicht unterlassen könte.«
Nach diesen Abweisungen verdoppelte der Feind seine Anstrengungen, den Trotz der Stadt zu brechen. Durch eine trommelfeuerartige Beschießung wurde eine Bresche in die Mauer gelegt in der Nähe des sogenannten Pestturmes, wo der Pestprediger, der pestilentialis, während der Seuche seinen vom Verkehr gesperrten Wohnsitz nehmen mußte, um seinen Kranken mit Gefahr seines Lebens, aber ohne Gefahr für die Allgemeinheit dienen zu können. Der Turm und die Mauer stehen heute noch im städtischen Bauhofe an der Mönchsstraße. Der Turm ist jetzt bis übers Dach mit Epheu umsponnen, ein rechter alter, sturmfester Geselle mit grünem Wettermantel, und draußen auf der Feldseite zieht sich am Fuße der starken Mauern der alte Stadtgraben entlang, und über lauschige Promenadenwege rauschen hohe stolze Bäume. Wenn diese alten grauen Quadern und Blöcke des Turmes und der Mauern erzählten könnten, welch ein Heldenlied würde erstehen, wachsen und klingen von wuchtiger Größe, von Tapferkeit im Kampfe, von todesmutigem Ausharren in Not und Tod, von seelischer Größe und Opfermut im Ringen und Ausharren gegen die furchtbare Seuche, welche als Geißel des Krieges die Seelen und Körper des armen, mißhandelten, aus tausend Wunden blutenden, hinsiechenden Volkes schlug! Doch die Steine schweigen. Ist es vergessen und verklungen, daß Mannesmut und Opfergeist, daß zähe Treue und Gottvertrauen den Sieg auch gegen Übermacht über Pest und Tod und widriges Schicksal erzwingen können? – –
Als der Sturm des Feindes gegen diese Bresche einsetzte, haben die Verteidiger anfangs ein wenig zugesehen, »biß eine gute anzahl, und wie man vermercket bey vierhundert im Graben, theils auch im Zwinger und auff den Leitern gewesen, da dann die Trajoner und Bürger, so im Zwinger hinter den Abschnitten im Fewer gelegen, eine grimmige Salve unter sie gegeben, daß sie mit hauffen herunter gepurtzelt, und bevoraus der Oberste Magnus Jahnsohn, welcher diese Völcker angeführet, und sich hoch vermessen, er wollte und müste diesen Tag in der Stadt seyn, nachdem er auff der Leiter kaum zur Bresche hinein gegucket, geschwinde einen Schoß durch den Kopff bekommen und abgestürtzet worden, welches, als es die andern, so hernach getrungen, und den Sturm auch antreten wollen, ersehen, wie es noch außwendig der Stadt so scharff hergangen und leicht erachten können, daß sie inwendig der Mawren ein viel ärgeres zu erwarten hätten, haben sie weiter nicht fortgewolt, ob sie schon von Officirern mit blossen Degen hefftig angetrieben, auch etliche erstochen worden, sondern haben ihre Mußqueten und ander Gewehre in Zwinger und Stadtgraben geworffen, und sich reteriret, denen die in der Stadt eilends nachgesetzet, mit kurtzen Wehren, Schlachtschwerdten, Morgenstern und dergleichen ihrer noch viel niedergemacht, und gute Beuten davon bekommen. Was und wieviel vom Feinde diesen Tag umbkommen, hat man nicht eigentlich wissen können, denn sie unterschiedene Personen der Beschädigten und Toden weggeschleppet, auch unter andern einen Obersten Leutenant, laut der Gefangenen Aussage, auff dem Rücken mit fortbracht. In Zwinger und Graben sind etwan hundert Mann liegen blieben, darunter sich ernenter Oberster Jahnsohn, ein Hauptmann, und etliche andere Officirer mehr befunden, dabey zweene gequetzschte, die also fest und gefroren gewesen, daß man ihnen auch mit Beilen die Köpffe nicht hat abhawen können. Fünffe sind lebendig in die Stadt bracht, der Oberste, der so gern in der Stadt seyn wolte, und der Hauptman beygesetzt, die andern begraben worden. In der Stadt ist kein einiger Mensch umbs Leben kommen, aber für dem Sturm über der Arbeit sind drey Bergmänner in Schaden gerathen, darunter der eine verstorben.«
Der Oberst Jahnsohn »soll zwar ein statlicher Soldat, doch ein sehr grimmiger und blutgieriger Mensch (wie auch das Gesichte fast außgewiesen) und laut der Gefangenen Bericht des Banners Schwester Sohn gewesen seyn, deßwegen er von selben sehr lieb gehalten und hoch betawert worden«. Wie vom Kampf um Trojas Mauern und wie von der Trauer des Achill um seinen gefallenen Freund Patroklos’ klingt es aus dieser Schilderung des Zeitgenossen, der selbst diese schweren und großen Tage in den Mauern Freibergs mit durchlebt hat.
Nach diesem Sturme war die Stoßkraft des Feindes erlahmt. Nach drei Tagen kam der Stadt Hilfe von kaiserlichen und kurfürstlich sächsischen Truppen. Banner zog sich zurück in der Richtung auf Chemnitz.
Er soll geklagt haben, daß er soviel Verlust gehabt und daß ihm das Glück in allen zuwider gewesen wäre, »sonderlich, daß er für diesem Rattenneste etliche hohe liebe Officirer und über tausend Mann hatte einbüssen müssen«.
Banner dachte aber an Rache! Drei Wochen später stand er wieder mit mächtigem Heere vor der Stadt. 20 000 Mann und etliche 70 große und kleine Stücke sollten die Stadt in seine Hand bringen und er dachte mit Durst die trotzigen Bürger zu zwingen. Die Quell- und Röhrwässer, deren Lage ihm Verräter gewiesen hatte, schnitt er ab und den Münzbach, welcher die Stadt durchfließt, ließ er abstechen und in einen Schacht leiten, so daß dadurch auch die Gruben überschwemmt, der Bergbau zerstört und gefährdet und der heimliche unterirdische Verkehr der eingeschlossenen Stadt mit der Außenwelt auf Gängen und Stollen tief unter Tage behindert war. Gleichzeitig ließ er mit glühenden Brandkugeln die Stadt beschießen. So glaubte er endlich den harten Mut der Freiberger erschüttern zu können. Mit der Drohung, »daß keines Menschen solte geschonet werden, so man sich ferner opponiren würde«, schickte er seinen Generaladjutanten: »Er wüßte, daß nicht viel zu leben und gantz kein Wasser in der Stadt sei« Die tapfere Antwort des Kommandanten dagegen lautete, daß er seiner Pflicht genug tun und sich wehren müste. »Es weren, Gottlob, bey der Stadt noch nirgends solche extrema, daß man nichts solte zu leben haben. Was an Wasser abgienge, were an Wein und Biere vorhanden, und dürffte ihm der General hier keine andere Willfährigkeit als Kraut und Loth einbilden.« Nachdem er noch einige Tage vergeblich vor der Stadt gelagert und manchen Schuß in ihre Mauern gesandt, sah er wohl ein, daß nicht so leichten Kaufes das »Rattennest« auszuheben sei. Nach einer Belagerungszeit von etwa 7 Tagen brach er auf und zog nach Böhmen. Die Stadt war frei! Vor den Feinden draußen hatten die starken Mauern und Türme und der trotzige Mut geschützt, doch wehe, wer schützt die Stadt vor den Freunden? Starke Einquartierungen, Kontributionen, Steuern, Lieferungen drückten die Bürger. Das ganze Land war unsicher. Feindliche Reiter schwärmten überall umher und Marodebrüder folgten wie die Aasgeier den Spuren der Truppen, sei es Freund oder Feind. Die Bestellung der Felder konnte nur mangelhaft erfolgen und »über die grossen herumbstreifenden vielfältigen Kriegsmäuse, hat es auch eine gewaltige Menge kleiner Feldmäuse in Gärten, Äckern und Wiesen gegeben, welche nicht allein das Getreide in Scheunen, sondern auch die Wintersaat im Felde durchfahren und platzweise gefressen«. Wo noch etwas geblieben war, wurde es gestohlen, obschon der Bürger kaum mehr das Brot zahlen konnte.
Drei Jahre gingen so in Not und Sorgen, Kriegsgefahr und drückenden Ängsten und Leiden dahin, eine Zeit, geeignet auch den härtesten Sinn, die stärksten Herzen zu beugen und mürbe zu machen. Da zog sich ein neues Wetter unheildrohend, finster um die Stadt zusammen. Das war das Wetter, aus welchem die schwersten Blitze zuckten und das so recht eigentlich die Feuerprobe für die Türme, Mauern und Bollwerke der Stadt, wie für die silbernen Türme unentwegter Treue der Bürgerschaft werden sollte. Die Schweden rückten mit neuer furchtbarer Macht heran. Tilli war bei Breitenfeld am 23. Oktober 1642 geschlagen und seine fliehenden Truppen eilten raubend und sengend vor den Schweden her, an Freiberg vorbei nach Böhmen. Leipzig war am 26. November gefallen und in der Gewalt des schwedischen Feindes, dem nichts mehr widerstehen konnte, der »das gantze Land in grosse zerrüttung und verderbnüs versetzet«. Wehe dir, kleines Freiberg, du Städtchen, dessen Mauerring nur 2700 m lang und in einem halben Stündchen leicht umschritten ist, dessen Längsachse nur 1000 m, dessen Querachse nur 700 m mißt, dessen Bürgerschaft durch Not und Teuerung, durch Pest und Brandschatzung seit Jahren geschlagen und gepeinigt und mehr und mehr vermindert und verarmt war, du willst mit deinen Mauern und Türmen und deinen wenigen Männern dem Feinde trotzen, dem furchtbaren, erbarmungslosen Torstensson, dem noch keine feste Stadt widerstanden, der sieggewöhnt soeben erst in offener Feldschlacht auf dem blutigen Plane von Breitenfeld 46 Stücke Geschütz eroberte!? Du Städtchen mit deiner Besatzung von nur 290 Soldaten des Kurfürsten, wie willst du der ganzen, von Sieg zu Sieg stürmenden schwedischen Armee trotzen, 8 Brigaden Infanterie, 104 großen und kleinen Stücken Geschütze, 5 Feuermörsern, 700–800 Reitern und noch 3 Reiterregimentern? Wie von einer furchtbaren Lawine wirst du doch hinweggefegt werden, wie von einer Sturmflut, die über dich zusammenschlägt, dich zerschmettert und nur Trümmer hinterläßt! – –
Und dennoch hat sie es gewagt! Sie sprachen trotzig ihr »Dennoch!« und glaubten an das Wort: »Eine feste Burg ist unser Gott!« Täglich wurden in jeder Kirche drei bis vier Betstunden abgehalten und als der Feind Bresche geschossen hatte, hat der Vesper-Prediger Glaser jeden Tag zweimal »und zwar offters mitten unter der Gefahr, und zunächst bey den geschossenen brechen, in mit anhörung der Feinde, die Betstunden gehalten und verrichtet«. Das Gebet war ihr Harnisch, das Gebet war ihre Mauer, die sie bauten, wo die Stadtmauer in Trümmer ging, im Gebet überwanden sie die Schrecken und Verzagtheit, als strömten immer wieder neue Kräfte ihnen zu und verzehnfachten die Zahl, die Kraft und den Mut der Verteidiger. Die starken Kräfte der Seelen, die in unergründlichen Tiefen des Glaubens wurzelten und daraus emporwuchsen, waren die silbernen Türme der Stadt, welche keine feindliche Übermacht erstürmen oder in Trümmer legen konnte. Wenn unser deutsches Volk im tiefsten Innern seiner Seele sich solche silbernen Türme erst wieder baut, dann hat noch heute die deutsche Not ihr Ende, denn stärker als das Schicksal ist doch der Mut, der’s unerschüttert trägt. –
Die Führer in diesem Heldenkampf waren der tapfere Kommandant von Schweinitz und der Bürgermeister Jonas Schönlebe. Als v. Schweinitz zur Übergabe aufgefordert und gefragt wurde, ob er sich wehren wolle angesichts der Übermacht, antwortete er, »der Feldmarschall solle nicht fragen, er würde einen Soldaten an ihm finden.« Er hat dieses Wort eingelöst und dem furchtbaren Ansturme des Feindes getrotzt. Als schwedische Hauptstellung, die stark mit Geschützen besetzt war, war die Johanniskirche und das alte Johannishospital mit seinem Garten ausgebaut. Wo die alten Hospitaliten beteten oder ihre Ruhe genießen wollten, brüllten die Kanonen, wieherten und stampften die Pferde, heulten die glühenden Brandkugeln ihrer Vaterstadt entgegen und donnerten an die Mauer des starken Petersturmes. Der Friedhof um das alte Spittelkirchlein herum war von Schanzen und Laufgräben durchwühlt. Den Toten war ihre Ruhe geraubt, um von dort Tod und Verderben zu säen. Heute noch rauscht dort der grüne Wipfel der mächtigen, ehrwürdigen Spittellinde, der Torstenssonlinde, unter der Torstensson sein Zelt hatte, von wo er, durch die Gicht oft an den Stuhl gefesselt, die Angriffe und wilden Sturmläufe auf das Peterstor leitete, ein lebendiger Zeuge schwerster und großer Tage, ein Natur- und Geschichtsdenkmal von besonderer heiliger Bedeutung.
50 Tage dauerte die Belagerung und Bestürmung, vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, während harter Winterkälte. Immer wieder richtete sich der Sturm mit ungeheurer Wucht gegen das Peterstor. Das Rondell, das starke, im Halbkreis vor den eigentlichen Torturm vorgeschobene Mauerwerk, wurde von den Schweden erobert und bildete nur noch einen Trümmerhaufen. Der Turm selbst war fast ganz zerschossen. Von Stockwerk zu Stockwerk wurden die Geschütze tiefer gestellt, weil Mauern und Gewölbe zusammenbrachen unter dem Gehämmer der aus nächster Nähe feuernden Geschütze. Die vordere Hälfte des Turmes wurde schließlich ganz in Trümmer gelegt, so daß nur noch die Rückwand als zerschossene Ruine in die Lüfte ragte.
Neben dem Turm wurde die Mauer zerschmettert, so daß eine Bresche von 20 Ellen Breite offenen Eingang in die Stadt verhieß. Offenen Eingang – wenn nicht der Wall tapferer Männerherzen als eiserne Wehr die Bresche geschlossen hätte, so daß kein Feind eindringen konnte!
»Als zerbrochen war der Stein,
Stellten Bürger sich zu Mauern.
– – – – – – – – –
Und aus allen offenen Lücken
Tritt hervor manch Angesicht,
Brust an Brust zusammenrücken,
Und die Mauer selber ficht.«
In jenen Tagen war mancher Bürger vier, fünf oder mehr Tage und Nächte auf seinem Posten mit der Waffe in der Hand, das Gesicht zum Feind.
Mit Laufgräben und Mörsern, mit Handgranaten und Minen und Gegenminen wurde gekämpft. Wie ein Bericht aus dem Schützengrabenkriege im Weltkrieg klingt es zuweilen in der Chronik, wenn man liest, wie die Bergleute den Feind beim Bau seiner Laufgräben und Minen belauschten und ihre Gänge dagegen trieben, Wasser hineinschlugen oder mit Feuer und Pulver entgegenarbeiteten. Der Feind suchte den Mut der Verteidiger, der tapferen Bürger, vor allem dadurch zu lähmen und zu brechen, sie von den Mauern wegzulocken und die Verteidigungskraft zu zersplittern, daß er ihre Straßen und Häuser immer wieder in Brand zu schießen unternahm. Wenn ihre Häuser brennen und von ihren Dächern die Brunst zum Himmel lodert, so war seine Rechnung, sucht jeder das Seine zu retten. Die gierige Flamme im Rücken der Verteidiger sei der Bundesgenosse. Feuerballen und Granaten wurden in die Stadt geworfen. Pechkränze und brennende Lunten zusammengebunden, mit Schwefel untermischt und dergleichen Mittel der Brandstiftung fielen auf Straßen und Dächer tagaus tagein, fielen und entzündeten manche Feuersbrunst, fielen auch und verlöschten. Was aber nicht fiel und verlöschte war der Mut der Verteidiger. Da versuchte es der Feind mit Drohung und mit Verheißung: Wenn die Stadt sich nicht ergeben wolle, ließ er dem Woledlen, Vest- und Mannhaften Herrn Obrister Leutenant und Commandeur und durch ihn der ganzen Bürgerschaft sagen, so habe sie »sich dieses gäntzlich zu versehen, daß nicht allein die Stadt und Bürgerschaft mit Fewer und Schwerd zu grund gerichtet, sondern auch Weib und Kind nicht verschonet, und also verfahren werden, daß andere obstinate Örter ein Exempel daran haben sollen«. Der Kommandant würde selbsten, »weil er einig und allein ursache an dem unschuldigen Blut, so vergossen werden möchte, und keine gütliche Offerten annehmen will, nicht als ein cavallier tractiret werden.«
Welche schwere Versuchung für ein schwaches, ängstliches Herz, für friedliche, stille Gemüter, die nur in Ruhe ihrer Arbeit, ihrem stillen Berufe leben und verdienen wollten, jetzt nachzugeben, schwach zu werden, die Tore zu öffnen und den so freundlichen Feind, der so viel versprach, einzulassen! Dem aussichtslosen Kampfe, dem doch keine Märtyrerkrone winkte, diesem Schrecken ohne Ende, ein glimpfliches Ende zu bereiten, ein glimpfliches, nicht ein schimpfliches, denn der »Ehre« war schon genug getan, mehr als in andren deutschen Städten mit stärkeren Mauern und Türmen! – Doch nein, in Freiberg schlugen Heldenherzen unter dem Bürgerrock wie unter der bunten Jacke des Soldaten. Die Stadt hielt stand, weil kein Verräter sich fand. Die Stadt hielt stand, weil in der Bresche Männer als lebendiger Wall todesmutig den Angriffen wehrten, die Stadt hielt stand, denn ihr Spruch lautete »urbis salus est civium concordia«, das Heil, die Rettung der Stadt ist die Eintracht der Bürger! concordia bedeutete hier mehr als nur Eintracht, es war das Zusammengeschmiedetsein der Herzen, zusammengeschmiedet durch Not und Tod zur Einheit für Leben und Sterben. Nur solche concordia konnte die Rettung sein.
Die Antwort auf die Drohung und Verheißung des Feindes war, daß man dem Kurfürsten die Treue halten müsse, und im übrigen »dahin es lassen muß, was Gottes Allmacht schicken wolle«.
Ähnliche tapfere Worte klingen noch mehr herüber. Auch auf die furchtbarsten Drohungen »es würde keines Menschen, auch des Kindes im Mutterleibe nicht verschonet«, merkt man kein Schwanken in der mannhaften Sprache, keine Übergabe: »Der Feind solle erfahren, daß so viele redliche ehrliche Leute in der Stadt finden würde, die ihr Eyd und Pflicht in acht haben, und biß auff den letzten Blutstropffen ritterlich fechten, ja auch lieber sterben als zugeben würden, daß diese freye Bergstadt und die ihrigen unter das schwedische Joch gelangen solten«.
Torstensson war es jedoch Ernst mit seinen Drohungen. Er unternahm den Generalsturm auf die unglückliche Stadt, indem er zunächst durch eine furchtbare Beschießung sie sturmreif zu machen suchte. Zwei Tage lang hat er sie bombardiert und 2500 Stück Schüsse in ihre Mauern geschleudert. Dann kam der eigentliche Sturm »mit unaussprechlicher furi und Geschrey« zugleich auf das Peterstor, Erbische Tor und Meißner Tor. Der Hauptangriff galt dem Peterstor, »da zugleich mit und unter den stürmen die Feuerwerker, theils aus Mörseln, große schreckliche Hauffen Steine, Ballen und Granaten in die Stadt geworffen, theils aus groben Stücken auf die breche gespielet, und sonsten Creutzweiß und also hefftig durch die Häuser flanquiret, daß alles erbebet, und ein solcher lerm in der Stadt worden, als wenn Himmel und Erden ineinander gingen«.
Während dieses furchtbaren Sturmes lag alles Volk, das nicht Waffen führte, in den Kirchen betend auf den Knien und alle Glocken läuteten und trugen mit ihrem Dröhnen den Notschrei der Stadt zum Himmel empor, um schließlich mit dem Sange des Te Deum laudamus den Dank der Erretteten emporzujubeln.
Auch dieser furchtbare Angriff wurde zurückgeschlagen, so daß die Feinde unter großem Verlust sich zurückziehen mußten »in großer confusion«, wobei »aus Stücken mit Hagel und Kardetzschen, wie auch aus Doppelhacken, gezogenen Röhren und Musqueten, noch großen schaden unter ihnen gethan, ohne was durch ihr eigenes hefftiges schiessen wider die brechen und Thürme geschehen, dadurch sie selbst von zurück schlagenden Stückkugeln nicht wenig verletzet, theils auch mit Steinen verfallen, und übel beschädigt worden«. Bei diesem Kampfe hat jeder, der kämpfen konnte, die Waffe geführt. Der Kommandant Georg Hermann von Schweinitz an der Spitze, nicht nur in Worten tapfer, hat »sich tapffer und rühmlich sehen lassen, indem er nicht allein in allen gute anstellung gemacht, und stets bey der höchsten Gefahr sich funden, sondern auch selbst aus einem Schießloch am Thurme, zeit wehrenden Sturms, Fewer gegeben, und Granaten außgeworffen, daß er dadurch vom Pulver im Gesichte verletzet, und ihm der eine Schenkel blaissiret worden«. Seinem Beispiele der persönlichen Tapferkeit folgten die Offiziere, Soldaten, Ratsherrn und Beamten, Bürgerschaft und Bergleute. »Ist auch jedermann darby unerschrocken, mutig und frewdig gewesen, also daß etliche Mußquetirer, ungeschewet aller Gefahr, und des so grimmigen Schiessens, auff die brechen gesprungen, mit Morgenstern und Schlachtschwerdten agiret und Fewer auff den Feind im Graben gegeben. Die eine Seite des Zwingers, da die breche am niedrigsten und gefährlichsten gewesen, haben die Bürger, welche unter die Defension Fahne gehören, innen gehabt, und männlichen beschützt, dabey sich der Stadt Leutenant Peter Schmol befunden, und tapffere Gegenwehre gethan.«
An diesen wackeren Peter Schmohl erinnert uns heute noch der letzte Rest des Stadtmauerturmes am Peterstor, der uns an jener Stadtseite erhalten geblieben ist aus der Heldenzeit der Stadt. Es ist der letzte Stumpf des alten Rotgießerturmes, den Schmohl verteidigte. Wenig beachtet und kaum verstanden steht er im grünen Rasen und über ihm rauschen die hohen Bäume. Was könnte er wohl erzählen aus jenen Tagen des Sturmes, als die weiße und die blaue schwedische Brigade heranrückte mit fliegenden Fahnen und vollem Spiel, mit Leitern und Sturmgerät, und des kleinen Häufleins todesmutige Tapferkeit dennoch den Sieg errang! Diese wenigen Steine, dieser schlichte Mauerrest verkörpert Geschichte, die mit der stolzesten Heldensage aller Zeiten sich messen kann. Noch ein anderes schlichtes Zeichen, das sich im Altertumsmuseum befindet, erinnert an den tapferen Peter Schmohl. Es ist der Ehering, den er einst seiner Gattin Catharina am 3. Februar 1635 in der Nikolaikirche an den Finger gesteckt. Sie mag in den Tagen der Belagerung und des Krieges besonders schwer getragen und gelitten haben, da sie ihren Helden kannte, der sich nicht schonte, den sie stets an dem gefährlichsten Posten wußte. Sie mag durch Seelenstärke ihm eine starke Stütze gewesen sein. Eine treue Gattin und Mutter war sie, und ihre Ehe war ein glückliche und kinderreiche, denn es entstammten ihr 7 Söhne und 7 Töchter. – Beim Bau der 3. Bürgerschule auf dem Gelände der alten Nonnen- oder Jakobikirche stieß man im Jahre 1902 auf die Schmohlsche Gruft und fand außer den Resten eines braunen Sammetkleides den Trauring. Der künstlerisch schöne goldene Reif, wohl eine Arbeit Samuel Klemms, zeigt äußerlich ein zierlich gestaltetes Sternenmuster, innerlich die Inschrift: »Peter Schmol den 3. Febru. 1635« auf schwarzer Emaille. Nicht ohne Rührung schaut man diesen Ring, der für das Leben des alten Freiberger Helden von so großer Bedeutung war, und damit vielleicht auch für das Schicksal der Stadt in schweren Tagen wichtige innere Werte umschloß. Seine Sterne haben nicht getrogen. – Auch das Wappen Peter Schmohls erzählt von seiner Art und entsprach seinem Leben und seinen Taten. Es zeigte einen bewehrten Arm mit einem Säbel in der Faust, die Helmzierde trägt drei Straußenfedern. Er war ja der tapfere Arm seiner Vaterstadt, ein Kriegsmann, der schon in der Schlacht bei Lützen und bei Nördlingen unter den Schweden gekämpft hatte, ehe er heimkam und der Heimat diente. Am alten Zinnpokal der Freiberger Defensionerschaft im Museum mit der Jahreszahl 1639, der auf dem Deckel einen alten Defensioner in Eisenrüstung trägt, ist dieses Wappen im Lorbeerkranz an bevorzugter Stelle angebracht mit der Inschrift:
PETTER SCHMAL. LEUTENAMPT.
Er war der erste Vorsteher der Gesellschaft und hat vermutlich den Pokal mit anderen Mitgliedern unmittelbar nach seiner Ernennung zum Defensionerleutenant gestiftet. Die schöne Form des Pokals mit dem Schmuck der angehängten Münzen und den Gravierungen zeugt ebenso wie der künstlerisch feine Ring dafür, daß Schmohl nicht ein roher, ungebildeter Kriegsmann war, sondern daß lebhaftes Schönheitsempfinden in ihm lebendig war.
Drei Dinge erinnern so an Peter Schmohl, drei Dinge, die viel sagen und zu deuten vermögen: Der Turm, der Ring, der Pokal, der mannhaft erfüllte Beruf, die glückliche Ehe und die Geselligkeit mit wackeren Männern, welche wie Sinnbilder die Summe seines Lebens, die Sinnesart und die Taten dieses echt deutschen Mannes und Kämpfers für die Heimat erklären, eines Mannes, dessen Freiberg dankbar gedenkt. Er stand auf schwerstem Posten bei der Belagerung und mit wenigausgebildeten Leuten, die sonst nur gewöhnt waren, ihren friedlichen Beschäftigungen nachzugehen, denen er erst seinen Heldengeist einhauchen mußte durch Wort und Beispiel und rücksichtsloses Einsetzen seiner Person. Seinem Namen begegnen wir in den Berichten auf Schritt und Tritt und können ihn noch zwischen den Zeilen vielfach lesen: Peter Schmohl einer der besten Söhne Alt-Freibergs in schwerster Zeit!
50 Tage dauerte die Belagerung, 50 Tage, von denen jeder mit neuer Not und Gefahr, mit neuen Leiden, Sorgen und Ängsten blutigrot am Morgenhimmel emporstieg und blutig in der Nacht versank. Der Mut der Verteidiger blieb unerschüttert. In immer neuen Ausfällen und tapferster Gegenwehr taten sie dem Feinde Abbruch, wenn auch der Entsatz und die Hilfe, welche der Kurfürst versprochen hatte, und das kaiserliche Heer, welches sie von Böhmen erwarteten, länger und länger auf sich warten ließen.
Die Not in der Stadt stieg immer höher, und sehnsuchtsvoll schaute man von den Türmen in die Ferne nach Frauenstein, wo die Straße zu den Höhen des Gebirges sich emporzieht, ob nicht die Kaiserlichen nahten. Jede ungewöhnliche Bewegung bei den schwedischen Belagerern wurde als hoffnungsreiches Zeichen nahender Hilfe gedeutet und brachte doch immer wieder Enttäuschung. Am 23. Januar hatte ein wackerer Bergmann, der sich bis zum Feldmarschall Octavio Piccolomini nach Böhmen durchgeschlagen und heimkehrend von den Schweden vor der Stadt aufgefangen, ihnen aber wieder entwischt und in die Stadt zurückgelangt war, Briefe des Feldmarschalls gebracht, daß er in wenig Tagen die Stadt entsetzen werde und daß sie bis dahin, »wie bishero zu ihrem unsterblichen Ruhm geschehen, dem Feinde noch mehrere gute Resistenz erweisen, und zu keinem accord sich einlassen« solle. Dieses Schreiben ist »der Stadt sehr tröstlichen gewesen«, aber 25 Tage lang wurde jeder Tag eine neue Enttäuschung, denn das kaiserliche Heer kam nicht. Immer wieder sandte man Botschaft an den Kurfürsten nach Dresden und nach Böhmen an Piccolomini. Aus allerlei Zeichen des Himmels suchte man Trost und Hoffnung zu gewinnen. Bald war es ein schwarzes Kreuz, das am Himmel stand und sich zum Feinde hin bewegte, bald war es brausender Sturm mit Donner gleich einem Erdbeben, ein Ungewitter, das mit Feuer und Wasser den Feinden schadete, die Stadt aber verschonte, bald waren es feurige Kugeln am nächtlichen Himmel, welche rotfeurige Strahlen von sich gaben, bald hat es beim Feinde Blut und Feuer geregnet, ohne daß die Stadt etwas davon verspürte, bald sind Kinder und Bürger der Stadt in wunderbarer Weise vor Schüssen, die ihre Umgebung zerschmetterten, unverletzt bewahrt geblieben, bald sind Minen und Schüsse, welche der Stadt galten, den Feinden selbst verderblich geworden. Alle diese tröstlich ausgelegten und empfundenen Zeichen änderten aber nichts daran, daß täglich die Lage der Stadt schlimmer wurde und der Grimm der Feinde, die Gewalt der Angriffe mit allen Mitteln, namentlich mit Minen, Handgranaten und Feuer von Tag zu Tag furchtbarer wurden. Am 9. Februar geriet das Peterstor in die Gewalt der Schweden, und ihre Schüsse fegten von dort in die Petersgasse und ihre Häuser, auf die Mauern und Türme, welche von dort im Rücken oder Flanke beschossen werden konnten. Doch grimmig wehrte sich der Freiberger Löwe: War auch das Tor gebrochen, die Straße, den Weg gab er nicht frei. Eine starke Batterie wurde in der Petersstraße gebaut, welche das jetzt feindliche Tor unter wirksames Feuer nahm, so daß der Feind sich in die unteren Torgewölbe zurückziehen mußte. Alle Häuser der Petersstraße wurden durchbrochen, so daß sie wie ein Wehrgang untereinander verbunden und mit Musketieren stark besetzt zu feuer- und verderbenspeienden Mauern werden konnten, falls der Feind hätte weiter vordringen wollen. Der Schwede erkannte wohl, daß dieser Weg in die Stadt, den nicht mehr Mauern, sondern eine eiserne Wehr von Männern verriegelte, ein Todesweg für ihn sein würde und wagte sich nicht weiter vor zwischen die grimmigen Tatzen des Löwen.
Der letzte wilde Verzweiflungskampf der Stadt schien heranzunahen. Doch auch bei den Feinden machte sich Unruhe bemerkbar, da sie wohl Kunde hatten vom Heranrücken des kaiserlichen Heeres. Am 10. Februar langten Boten in der Stadt an, daß in längstens acht Tagen die kaiserliche Armee Freiberg befreien werde und ihre Ankunft durch ein oder zwei brennende Häuser in Lichtenberg und durch Kanonenschüsse von der Höhe melden würde. Diese Frist war noch eine harte Probe für die Verteidiger, denn der Feind setzte alles daran, die Stadt noch zu gewinnen. Tag und Nacht dauerte das Schießen und das Granatenwerfen. Granaten von 1 Zentner Gewicht fielen in die Straßen und auf den Obermarkt, töteten Bürger und richteten manchen schweren Schaden an. Mit Minen wurde ein unterirdischer Kampf geführt: »Abends sind des Feinds Minirer und die Bergleute in der Stadt unter der Erden so nahe zusammen kommen, daß die Bergleute den Feind hören reden.« Auch durch Verhandlungen und Versprechungen suchte nochmals der Schwede die Stadt zu gewinnen. Alles vergeblich, alle Versuche prallten an der todesmutigen, stahlharten Treue wirkungslos ab.
Man glaubte mit allen Fasern des Herzens an die baldige Erlösung, und als in der Nacht vom 15. zum 16. Februar die verabredeten Zeichen die Nähe des kaiserlichen Heeres kündeten, konnten weder Drohungen noch glatte Worte, noch alle Wut des Ansturmes den tapferen Mut mehr erschüttern.
Das Morgenrot des 17. Februars 1643 brachte die Befreiung aus der furchtbaren Not. Der Feind rückte ab, die Stadt war frei. Staunend sahen die kaiserlichen Offiziere, an ihrer Spitze Oktavius Piccolomini, was die Stadt geleistet, und man hat sich verwundert, »wie man gegen einen dermaßen mächtigen und grimmigen Feind solchen Ort also lange halten können; deßwegen auch die Standhafftigkeit, Fleiß und tapffere Gegenwehr der redlichen Guarnison und trewen Bürgerschafft hoch gerühmet«.
Der Feind aber hat die »Stadt Freybergk verwüntschet und verfluchet, und das schöne Volk beklaget, so dafür sitzen blieben«. Man hätte Nachricht, »daß über dreytausend Mann für der Stadt sich verlohren: Man hette ingemein die Stadt nur die Hexenstadt genennet, und dafür gehalten, es gienge mit zaubern zu, daß man bey so überaus grossem Ernste eine Landstadt nicht gewinnen könte«. »Der General Torstensohn were darüber so erzürnet gewesen und hette ihm gäntzlich fürgesetzet, außzutawren, und die Stadt sambt aller Zubehör ohne Schonung einiges Menschen in grund zu schleiffen«.
4500 Schüsse aus großen Kanonen, etliche hundert Würfe aus Mörsern, 14 Minen hat er angebracht und hat dennoch, trotzdem er »schon den Stadtgraben, Zwinger, und das eine Thor, sambt den beygelegenen Thurm in seiner Macht gehabet, und die Ringmawer auff etliche zwantzig Ellen also niedergefüllet, daß er ebenes Fusses in die Stadt lauffen können, sich doch derselben nicht vollends bemächtigen mögen«. Wohl nie zuvor war das Te Deum laudamus so »mit hertzlicher Freude und Andacht« gesungen und im jubelnden Dankgottesdienst das Jauchzen der Erlösten zum Himmel gestiegen, und auch nach den Predigten so froh »mit allerley instrumenten lieblich musiciret« worden, um den Dank emporzutragen, als bei dem Dankfeste am 26. Februar 1643. Der Feind hatte gar übel draußen gehaust. Die Hospitalkirche war verwüstet und entweiht, Gestühl, Kanzel, Emporen, Bilder usw. verbrannt und zerstört. Häuser waren abgebrochen, verbrannt und vernichtet, Balken ausgeschnitten, Tür und Tore ausgerissen, die Obstbäume nah und fern abgehauen. In den Bergwerken waren »die Fahrten verderbet, der Vorrath an Ertzen verschüttet, die Wercke, Glethe, Herd und anders in Hütten weggenommen, die Räder und Wellen zerhawen, die Öfen eingerissen, die Künste und Zeuge verbrennet und solcher schade geschehen, der nicht genugsam kan geschätzet noch beschrieben werden.«
Die festen Mauern, die festen Tore und Türen haben nicht dem Ansturm des Feindes standgehalten, die festen Herzen blieben unerschüttert, sie blieben stärker als das Schicksal! – – – –
Im Albert-Museum zu Freiberg liegt im Kleinodienschranke eine schimmernde, kunstvoll aus massivem, goldenem Bande geflochtene Kette. Kaiser Ferdinand III. hat sie als Lohn und Dank für die tapfere Verteidigung nach der Belagerung dem wackeren Bürgermeister Jonas Schönlebe verliehen und ihm zugleich den Adel angeboten. Für die Stadt hatte Schönlebe seine ganze Kraft und Leben, seine ganze Persönlichkeit eingesetzt und mit ihm seine Freiberger bis zum letzten Mann. Wenn er diesen goldenen Schmuck sich über die Schulter legte, so trug in ihm die ganze Stadt gleichsam dieses Kleinod als Ehrung für ihren Mut, ihre Treue und Tapferkeit, ein unschätzbares Sinnbild und redendes Zeichen von der Treue wie Gold. Mit leuchtenden Worten singt es und sagt es seit Jahrhunderten und in die kommenden Tage hinein von der Ehre der Stadt, der alten, freien, getreuen Bergstadt, von der Stadt mit den silbernen Türmen, den Türmen der Treue, von festen Mauern und festen Herzen.
Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus.
Aus dem Stadtplan von Freiberg kann man auch die Entwicklungsgeschichte der alten Stadt lesen, die in großen unverwischbaren Zügen ihr aufgeprägt ist. Der Stadtplan ist gebaute Geschichte. Da ist die erste dörfliche Siedlung des alten Christiansdorf in den unregelmäßig und scheinbar willkürlich sich zusammenschließenden Gassen der Sächsstadt erkennbar, da zeigt sich die Unterstadt mit dem Untermarkt und Dom als weitere Stufe der Entwicklung zur Stadt und endlich schließt das Gründungswerk Ottos des Reichen und seiner Nachfolger die Stadtbildung ab. Die westliche Hälfte der Stadt mit dem Rechtecksschema des Straßennetzes, das sich an die von Norden nach Süden durchlaufende Hauptachse des Straßenzuges der Erbischen Straße und Burgstraße anschließt, verrät deutlich und klar die ordnende Hand des Städtebauers, der nach bestimmtem Plane Straßen und Plätze anlegt und die Bauflächen absteckt und schließlich das Ganze mit starker, wehrhafter Mauer umgibt. Im Herzen der ganzen Anlage, dort wo der Hauptverkehr vom Peterstor und Erbischen Tor und von den anderen Himmelsrichtungen her zusammenströmt, liegt der große, rechteckige Obermarkt mit dem Rathause. Dort erhebt sich in unmittelbarer Nähe am höchsten Punkte der Stadt mit dem höchsten Turme der Stadt die Peterskirche als Hauptpfarrkirche der neuen Gründung und bereichert durch ihre wirkungsvolle Baugruppe das Stadtbild. Der Obermarkt selbst ist ein Meisterwerk geschlossener Raumbildung und wirkt mit seinen harmonisch gebildeten Häuserwänden und hohen, altertümlichen Dächern wie ein gewaltiger Saal unter freiem Himmel. Die Türen, welche in diesen stolzen Saal hineinführen, die Straßenöffnungen, sind so geschickt angelegt, daß nirgends die Geschlossenheit der Wände unangenehm unterbrochen wird. Es sind keine Prachtgebäude mit üppigem Beiwerk, mit sprudelndem Reichtum der Formen und Ornamentik, von denen eins das andere wohl überbieten möchte, nein es sind einfache schlichte Glieder einer großen Familie, die zusammengehören und zusammenhalten, die ihr bescheidenes Gewand mit Würde tragen. Es sind anständige, ehrenfeste Bürger, die dort um den Markt sich sammelten und nun Schulter an Schulter stehen. Nur hie und da ein reicheres Portal, ein Giebel, ein Erkerchen, ein Bildwerk, eine schöne Haustür unterbricht die Schlichtheit und Ruhe der Fassaden ohne viel Gesimse, Fensterumrahmungen und Ausladungen.
Und alle diese wackeren, wortkargen Bürger schauen hinüber zum Rathause, dem Hause, in dem sie seit alters Rat geben, Rat nehmen, Rat suchen und Rat finden, wo das Herz der Stadt liegt, das durch seine Arbeit den Lebensorganismus der Stadt im Gange hält, das den Lebenssaft des Blutes durch alle Adern, Nerven und Muskeln des Körpers treibt und ihn lebendig und regsam erhält.
Das Rathaus paßt so recht in seiner behäbigen Ruhe und Schlichtheit zu den Bürgerbauten des Obermarktes. Breit gelagert mit ragendem Turm und zierlichem Erker aus alter Zeit, mit Giebeln und Dachaufbauten aus neuer Zeit, ist es ein Ausdruck geschlossener Kraft und stolzen Bürgertums, anspruchslos aber in ruhiger Sicherheit seinen Platz behauptend. Seine Geschichte zu erzählen, hieße die Geschichte der alten Bergstadt selber erzählen, denn auf dem Obermarkt und in den Räumen des Rathauses pochte am lebendigsten das Wollen und Wirken, das Leben und Weben aller geistigen und wirtschaftlichen Kräfte der Stadt, und so wurde es zum Ort und Ausdruck allen Geschehens, zum Sinnbild des Geistes und der Geschichte der Stadt.
Viele Jahrhunderte hat es den Stürmen schon Trotz geboten, hat es im Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, bei Seuchen, Pestzeiten und Stadtbränden, aber auch bei rauschenden Festen der Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate, den Zünften, und ja, auch Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und Aufopferung, von Blut und Tod, von jauchzendem Leben und Kerkernacht flüstern und raunen die mächtigen Quadern der Wände und alten Gewölbe, singt und stöhnt der Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel saust und die Fledermäuse im krachenden Gebälk über der Stundenglocke aufscheucht. Und tief drunten in den unterirdischen Gewölben werden um Mitternacht unheimliche Schatten lebendig, Schatten, vor denen dein Herz vor Grauen bebt wegen der furchtbaren Taten, die sie getan, Schatten, vor denen dein Herz vor Erbarmen zittert, wegen der furchtbaren Strafen, die sie erlitten, erlitten wohl manchmal ohne Schuld.
Dieses unterirdische Rathaus mit seinen wuchtigen Tonnengewölben stammt aus den ältesten Zeiten der Stadt und hat in seiner urtümlichen Gestalt alle Stadtbrände und Zerstörungen, Umbauten und Neubauten unversehrt überstanden.
Die etwa 1170 neugegründete Stadt war rasch emporgeblüht. Aus allen Stämmen Deutschlands war die Bevölkerung gemischt. Abenteurer und Glücksjäger, die rasch reich werden wollten und Gott und Teufel nicht fürchteten, verwegene Gesellen aller Art mögen nicht selten gewesen sein. Eine eiserne Rechtspflege und rasche schwere Sühne jedes Verbrechens konnte da nur Rechtssicherheit schaffen und erhalten. Der Obermarkt war das »forum«, die Dingstätte, wo unter freiem Himmel Recht gesprochen, wo auch die Strafen an Leib und Leben vollzogen wurden. Am Obermarkt wurde dann in der Mitte der Ostseite das »Dinghaus«, vermutlich nur eine offene Halle, eine »Gerichtslaube«, errichtet, zunächst nur, um eine geschützte Stätte für Recht und Gericht, verbunden mit Gefängnis, zu haben, dann in weiterer Entwicklung für Beratung und Verwaltung gemeinsamer Angelegenheiten. Dieses uralte Dinghaus ist nach meinen Untersuchungen in seinen Grundmauern oder besser Kellergeschoß noch wohl erkennbar und erhalten. Es ist z. T. umschlossen von den Grundmauern und Kellerräumen der späteren Erweiterungsbauten des Mittelalters und mag etwa 11 m Tiefe bei 9 m Frontlänge am Markte gehabt haben. Vielleicht ist auch das Erdgeschoß wenigstens z. T. in den Wänden noch erhalten in dem Raume, der jetzt die Feuerwehrgeräte birgt und in früheren Jahrhunderten die alte Wage, »die Ratswage für Kaufmannsgüter«, enthielt. Es ist ein hallenartiger, rundgewölbter, nach dem Obermarkt offener Raum, der sehr wohl als offene Halle zum Gerichthalten vor allem in frühester Zeit gedient haben mochte, von wo aus der Verurteilte unmittelbar hinaus zum Markte, zur Richtstätte, zum Tode geführt werden konnte. Der schwarze Stein, der die Stätte der Enthauptung Kunzens von Kauffungen bezeichnet, liegt grade gegenüber. Kunz mag nicht der erste gewesen sein, der an jener Stelle gerichtet wurde. Offene Hallen, die »Gerichtslauben« am Markte, sind noch in manchen mittelalterlichen Städten in Verbindung mit dem Rathause erhalten.
Unter dieser Halle, ursprünglich nur durch einen Schacht mit Leiter zugänglich, liegt der im Volksmunde mit »Marterkeller« bezeichnete Raum, das wuchtige schwere Kellergewölbe des Dinghauses der ältesten Zeit, Gerichtslaube, Marterkeller und Gefangenenzelle in engster furchtbarer Verbindung. Nur sehr wenig Freiberger sind in diesem schwerzugänglichen Raum gewesen, dessen Dasein nur noch wie eine dunkle Kunde in der Öffentlichkeit hie und da bekannt oder halb vergessen ist. Es ist ein Raum von etwa 4 m Breite und 8 m Länge mit einer tiefen seitlichen Nische von 1,50 m Tiefe und 2,70 m Breite. Er ist von schwerem Tonnengewölbe aus Bruchsteinen überdeckt und seine Wände sind z. T. in Felsen gehauen. Kein Lichtstrahl fällt hier herab, kein Schrei eines zermarterten und gefolterten armen Sünders oder auch nur Verdächtigten drang aus dieser schwarzen grauenvollen Tiefe durch die Felsenmauern und Gewölbe zur barmherzigen Oberwelt.
Eine winzige Zelle, z. T. aus dem Felsen gehauen, öffnet wie ein schwarzes Grabgewölbe seine schmale, enge, niedrige Tür zum Marterkeller. Nur zwei Schritt lang in der Länge und Breite ist dieses furchtbare Verließ, so daß der, der hier sitzen mußte in Finsternis und Dunkel, in Zwang und Eisen, gefesselt in Ketten, mit Gewichten belastet, nicht einmal auf dem feuchten, harten Felsboden sich ausstrecken konnte. Bei jeder Bewegung in dieser schwarzen Nacht der Verzweiflung konnte er sich am harten Stein den Schädel einrennen. Der Unglückliche, welcher hier der hochnotpeinlichen Frage entgegenbebte, mochte glauben, in einen wahren Höllenabgrund gestürzt zu sein, aus dem ihn wahre Teufel zu weiteren Höllenqualen führen sollten. Wie Furchtbares mögen diese Wände und Gewölbe gehört und gesehen haben an Qualen, Blut und Not an Leib und Seele, an Roheit, Grausamkeit und unmenschlicher Verworfenheit, wovon ein Kind unserer Zeit sich schwer einen Begriff zu machen vermag. Die jetzt im Freiberger Altertumsmuseum befindlichen Marterwerkzeuge, die ehemals an diese Mauern geschmiedeten Halseisen und Ketten, die Daumenschrauben, der »gespickte Hase«, das Streckbett und wie diese Henkerswerkzeuge alle heißen mögen, die Haken in der Decke, an denen die Opfer der Tortur zur Peinigung in die Höhe gezogen wurden, sie legen Zeugnis ab von den blutigen Schrecken und Entsetzen der »scharfen Frage«, die hier in verschiedenen Graden gestellt wurde.
Der Chronist Möller berichtet einmal von den furchtbaren Strafen, die hier vollzogen wurden. Ein Tagelöhner, Simon Kastner, hatte einen Bürger und Kramer, Andreas Köhler, mit seinem Weibe, dem Sohne und der Tochter in seinem Hause auf der Futtergasse mit der Holzaxt erschlagen und das Haus, nachdem er es beraubt, in Brand gesteckt. Er wurde aber ergriffen und man hat »weil er nicht allein diese, sondern mehr andere grewliche Thaten bey der tortur bekennet, ihm seinen verdienten Lohn, nach ergangenen Urtheil und Recht, wiederfahren lassen, also daß er erstlich sechsmal mit glüenden Zangen zerfleischet, als einmal für dem Rathhause, zweymal für der Erschlagenen Hause, zweymal auff dem Markte, und einmal auff der Petersgasse, für dem Kramladen in Michael Pragers Hause, daraus er den Sohn selbst abgeholet und heimkommen heissen, ehe er ihn erschlagen. Hernach ist er auff dem Rabensteine, damit es jederman sehen könne, von unten auff gerädert (da er denn, als er schon sieben und zwantzig starke Stösse mit dem Rade auff die Schenkel, Arme und Leib außgestanden, noch den Kopff auffgerichtet, und zu trincken begehret) letzlichen auff ein hohes Rad geflochten, die Mordaxt über ihn auffgestecket, und zu dessen Gedächtnis eine Schrifft auff ein Täfflein an die Seule, darauff das Rad gestanden, angeheftet worden.« Für die mittelalterliche Justiz ist bezeichnend, daß die Rechtsprechung und Strafe in vollster Öffentlichkeit geschah und bei den Strafen vor allem durch Abschreckung »zum Abschew und Exempel« gewirkt werden sollte. Der Verbrecher wird durch die ganze Stadt geschleppt und dann erst auf dem Rabenstein, »damit es jedermann sehen könne« langsam zu Tode gemartert. Wir gehen jetzt mildere, vielleicht allzumilde Wege in den Strafurteilen und der Strafdurchführung. Die Strafe soll zur Besserung dienen. In jenen Zeiten mag durch solch blutiges, widerliches Schauspiel zum Abscheu und Exempel wohl mehr die Roheit des gemeinen Pöbels gesteigert als eine Steigerung der sittlichen Kräfte erreicht worden sein.
Wieviele, auch unschuldige Menschen und adlige Seelen mögen hier im Marterkeller unter blutigen Folterqualen zu furchtbaren, unmöglichen Geständnissen gepreßt worden und zu einem qualvollen Verbrechertode geschleppt worden sein! – Gespenstisch zucken die Schatten im Raum, den unsere Leuchte nur schwach erhellt. Hören wir nicht ächzen und stöhnen hinter uns oder dort vor uns? Kam nicht ein schwerer, todesbanger Seufzer, ein grauses Röcheln aus jenem dunklen Winkel? Ist dort nicht Blut, Menschenblut an jenen Steinen der Wand? – Es schnürt uns die Kehle zu, als griffe jemand mit kalter, klammernder Faust uns an die Gurgel, ein Schauer geht über den Rücken, als hauchte uns der kalte, keuchende, gespenstische Atem Gefolterter an. Es ist uns, als senkte sich das schwere Gewölbe mit seiner Last von Blut und Schuld über uns hernieder, als rückten die Wände in ihrer schreckhaften Finsternis näher und näher zusammen, um uns zu erdrücken, als kämen wir nimmermehr aus dieser grauenhaften Nacht zum barmherzigen Lichte empor – – – – hinaus! hinaus! Wir wenden unsere Schritte zum schmalen Ausgang zur steilen Treppe, die in die Tiefe führt, die uns wieder zum Lichte führen soll.
Draußen aber atmen wir tief und voll die köstliche Luft der goldenen Freiheit. – –
Wenn für die älteste Zeit und bei der raschen Rechtspflege, die nicht viel Umstände machte, der Marterkeller mit der einen Einzelzelle genügte, so brachte das Anwachsen der Bevölkerung, die erweiterte Gerichtshoheit der Stadt und auch vielleicht der Stadtbrand von 1375 den Zwang und die Gelegenheit, Erweiterungswünschen und Neubauabsichten nachzugehen. Ein regelrechtes unterirdisches Gefängnis wurde im neuen Rathausbau angelegt mit drei nebeneinanderliegenden Zellen, die z. T. in den Felsen gehauen sind und Mauern von 1½ m Stärke haben. Im Erdgeschoß des Rathausturmes wird uns eine Falltür geöffnet und wir steigen durch die viereckige Schachtöffnung auf einer Leiter in die schwarze Tiefe hinab. Dumpfe Luft, wie aus einem Grabgewölbe, schlägt uns entgegen. Am Ende eines 7 m langen, mit schwerem Tonnengewölbe überdeckten, 2 m breiten Ganges befindet sich eine kleine, schmale Türöffnung in der Seitenwand, welche wir nur tief gebückt durchschreiten können, um zu den engen Vorplätzen der Einzelzellen zu gelangen. Drei Vorplätze und drei Zellen reihen sich aneinander, derart, daß jede Zelle besonders verschließbar ist und einen besonders verschließbaren, engen Vorraum hat. Wie eine enge Spalte im Felsen wirken die drei Vorräumchen, zu denen sich die winzigen Öffnungen der dunklen Zellengräber wie schwarze Stollen unheimlich öffnen. Die Türöffnungen oder besser Türschlitze in den meterdicken Mauern sind nur 50 cm breit und so niedrig, daß nur ein Kind ohne tiefes Bücken hindurchzuschlüpfen vermag. Kein Lichtstrahl fällt in diese Räume, keine Lüftung ist vorhanden. Durch die Spalten im Felsen sickert das Grundwasser und feuchtet den Boden und die Wände.
In der letzten dieser unheimlichen Zellen hat Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, seinem Spruche entgegengeharrt. Sechs Türen mußten geschlossen werden ehe man bis zu diesem Gefangenen vordringen konnte. Hier in diesem finsteren, unterirdischen Felsengrabe und dort oben an der Stelle des schwarzen Steines auf dem Markte fand ein Schicksal seinen Abschluß, das für ein Drama wirkungsvollen Stoff bieten könnte.
Wer war dieser Kunz von Kaufungen? Ein Michael Kohlhaas, der um sein Recht bis zur Selbstvernichtung kämpft, oder ein gewöhnlicher Raubritter, Verbrecher und gemeiner Verräter? Nein, nicht mit einem Namen, Wort oder Etikett ist ein Charakter, ein Menschenschicksal erschöpft und beurteilt. Verstehen ist mehr als richten! Kunz war ein ganzer Mann, ein tapferer Ritter, der sich in vielen Schlachten bewährt und den Herren, für welche er das Schwert gezogen, treue Dienste geleistet hatte. Im sächsischen Bruderkriege, der fünf Jahre dauerte, hatte er für den Kurfürsten Friedrich den Sanftmütigen tapfer gekämpft, denselben Kurfürsten, gegen den er sich später erhob und der sein Schicksal wurde. Seine Bildung scheint eine für einen Edelmann des 15. Jahrhunderts nicht gewöhnliche gewesen zu sein; er war nicht nur des Lesens und Schreibens kundig, sondern die unter seinem Namen ausgegangenen Schriften zeugen auch von einer gewissen Kraft und Gewandtheit des Ausdrucks. So wurde er Hauptmann und Voigt auf dem Schlosse zu Altenburg und der Kurfürst sagte von ihm nach dem Prinzenraube: »Kunz sei ihm nie, kein Tag und keine Stunde, unsicher gewesen und habe von ihm und den Seinen viel Gutes empfangen, alles auf guten Glauben und Vertrauen, die er zu ihm vor Andern gehabt habe.« Sollte dieses Urteil unverdient gewesen sein? Später finden wir Kunz im Dienste der alten Reichsstadt Nürnberg im Kampfe gegen den Markgrafen Albrecht Achilles. Er war der Hauptmann der Armbrustschützen und hat mit großer Tapferkeit und Treue für die Stadt gefochten und auch sein Blut vergossen. Die Nürnberger Chronik sagt von einem Ausfall: »… auch ward Kuntz von Kauffungen auf den Tag mit einem Pfeil durch den leib geschossen, doch ward er geheilt und gesunt (der war der stat diener, ein Edelmann).« In einem anderen Schlachtbericht heißt es: »Ein ander Hauf ward gemacht, der waren bei 50 gereisigen und des was ein Hauptmann der edel und menlich Conrat von Kauffungen; be ihm waren die erbern (Patrizier) Gabriel Tezel, Wilhelm Loffelholz und mere erbern auß der edeln stat Nürnberg.« Wenn man bedenkt, wie selten in diesen Kriegsberichten die Anführer genannt und die Taten Einzelner hervorgehoben werden und daß in seiner Schar die stolzen Patrizier sich befanden, so kann man auf die hohe Achtung schließen, welche Kunz sich erworben hatte. Das zeigt auch der Bericht von der Schlacht am Pillenreuter See, durch welche der Krieg gegen Albrecht siegreich für Nürnberg entschieden wurde: »Also ließ der edel Herr von Blawen aufdrumeten und legt’ ein sein sper und rait frischlich gegen den feinten. indem ward sich auch mengen der edel und fest Conrat von Kauffungen mit seinen gesellen unter die feint. Indem sich die mennlichen der spitzen von Nürnberg so hart hielten und so keck und menlich gegen den feinten ritten gar in still und mit keinem geschrei, da hub sich zu fliehen der Fürst« (Markgraf Albrecht). Ja, auch im Liede wurde Kunz von Kauffungens Anteil an diesem stolzen Siege gefeiert und der Rat zu Nürnberg erneuerte den Soldvertrag mit ihm auf weitere drei Jahre unter Erhöhung seines Soldes und es heißt von ihm: »er hielt sich gar redlich also, daz in meniglich liep hat.« Und dieser tapfere, redliche Kriegsmann, den man in Nürnberg im Jahre 1452 »meniglich liep hat«, soll im Jahre 1455 nur ein Räuber sein? Nein, nimmermehr! Ein Mann war er, der herrisch für das, was er für sein Recht hielt, eintrat bis zum äußersten, und im trotzigen Vertrauen auf seine Kraft, wenn ihm sein Recht nicht wurde, sein Recht sich selber holte. Die mittelalterliche Auffassung vom Rechte und der Freiheit eines Ritters, der nur dem gehorcht, dem er gerade seine Dienste geweiht, und der auf eigne Hand Fehde führen darf, stieß hart zusammen mit der stärker und stärker sich ausprägenden Macht des Landesfürsten und dem Untertanenverhältnis und mit neueren Rechtsauffassungen und Auslegungen, die ihm zuwider waren. Es ist das Drama des ausgehenden Rittertums. Der Grund zu den Zwistigkeiten zwischen dem Kurfürsten und Kunz war der Streit um das leidige Mein und Dein! Kunz fühlte sich ungerecht behandelt; ein Gut, das ihm zustand, sei ihm trotz treuer Dienste vorenthalten worden. Der Kurfürst beschuldigte ihn verschiedener Raubrittertaten, feindseliger Gesinnung und des Verrates mit Böhmen, das ihm feindlich gesinnt war. Eine Einigung kam nicht zustande. Einen anscheinend stark vom Kurfürsten beeinflußten Schiedsspruch eines Schiedsgerichtes erkannte er nicht an, und so griff er denn trotzig zur Selbsthilfe. Vielleicht auch standen wirklich weitergehende politische Absichten im Hintergrunde und dadurch, daß er sich mit dem Raub der Prinzen vom Schlosse zu Altenburg Geiseln und sichere Unterpfänder schaffte, diente er nicht nur seiner Rache, indem er das Herz des Vaters traf, und seine Forderungen durchsetzen zu können glaubte, sondern er hatte vielleicht einen Mächtigeren im Auge, Georg Podiebrad von Böhmen! Dieser konnte die Geiseln wohl brauchen, um seine ehrgeizigen Pläne auf sächsische Gebiete besser durchzusetzen, und Kunz war verdächtig oft in Böhmen gewesen, wo er das Schloß Eisenberg bei Brüx besaß.
So geschah in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 der Prinzenraub vom Schlosse zu Altenburg, die Tat, welche weithin größtes Aufsehen erregte. Kunz wurde bald ergriffen und samt einem Teil der Steigleiter als handgreiflichem Merkmal der Tat – corpus delicti – nach Freiberg gebracht, um dort sein Urteil zu empfangen. Warum nach Freiberg? Freiberg war damals die größte Stadt Sachsens, die freie stolze Stadt auf dem Berge! Das Freiberger Stadtrecht, dieses berühmte, alte deutsche Rechtsbuch, hatte hier seine Stätte und Anwendung. Der Rat zu Freiberg, die zwölf Geschworenen, hatte die Gerichtsbarkeit und führte ein strenges und gerechtes Gericht. Er hatte vom Landesherrn das alte Privilegium vom Jahre 1294 als Lohn für die vielfach bewiesene Treue erhalten: wenn sich jemand gegen den Landesherrn vergehen sollte, so solle die Entscheidung dieses Falles den Geschworenen zu Freiberg überlassen werden. »Vorwirket sich eymand gen uns das wollen wir rugen unde teidingen nach irme rate.« Der Kurfürst mag auch durch kluge Rücksichten auf die öffentliche Meinung bestimmt worden sein, über Kauffungens Tat durch einen Gerichtshof, der aus unabhängigen Bürgern bestand und als völlig unparteilich gelten mußte, anstatt von einem seiner eigenen Beamten oder durch einen von ihm eingesetzten Sondergerichtshof entscheiden zu lassen.
Der Spruch lautete nach mündlicher Verhandlung, wie nicht anders zu erwarten war, auf den Tod durch das Schwert. Am 14. Juli 1455 wurde Kaufungen auf dem Markte hingerichtet. Vielleicht hat das uralte Freiberger Richtschwert im Albert-Museum sein Blut getrunken. Das Urteil mußte so fallen, wie geschehen, denn er war auf handhafter Tat ergriffen, der Tat überführt und auch wohl geständig. Durch weitverzweigte Verschwörung hatte er den Landfrieden gebrochen, er war als »vridebrecher« »mit unrechter Gewalt und gewappneter Hand und geruckter Wehre« in das Haus eingebrochen, und darauf stand das Schwert! So wurde z. B. auch im Jahre 1493 zu Freiberg ein Herr v. Carlowitz, welcher mit gespannter Armbrust durch die Stadt geritten war und den Bürgermeister mit Erschießen bedroht hatte, gefangengesetzt und enthauptet. Vielleicht hat Carlowitz auch in jener unterirdischen Zelle seinen Spruch erwartet und hat droben auf dem Markt an gleicher Stelle mit seinem Blute den Sand genetzt, wie Kaufungen 38 Jahre zuvor. Das Freiberger Stadtrecht sagt: »Ist ir vire, sechse oder cehene derselben vridebrecher oder wi vil ir ist da gewest an handhafter tat, man slet in abe die Helse mit rechte.« Sie waren dem Freiberger Stadtrecht verfallen! Das Schwert in jener Zeit war rasch und das Hälseabschlagen eine glatte Sache, denn ein toter Hund kann nicht mehr beißen. Recht und Vorteil mag öfter Hand in Hand gegangen sein und manchmal mag der Richter auch unbewußt Partei zwischen Gerechtigkeit und Staatsklugheit gewesen sein.
Wir blicken in das feuchte, enge Verließ, das viele Jahrhunderte als Gefängnis gedient hat. Wenn diese Mauern erzählen könnten, welche grauenhafte Reihe schauerlicher Taten, Reden, Gedanken, Flüche und Seufzer, welcher Jammer, Elend, Schuld und Sünde, aber auch unschuldige Leiden und Qualen, zertretene Hoffnungen, zerschmettertes Glück würde uns da offenbar werden, so daß wir nimmermehr froh werden könnten unter der Last der Geschichten und Gesichte aus der dunkelsten Nacht des Lebens.
Dort sitzt der gefürchtete Kunz von Kaufungen, ein starker Mann mit schwarzem Vollbarte und Haupthaare auf dem rohen Steinsitz seiner Zelle, und hofft auf die Stunde der Freiheit, die doch nicht schlagen sollte. Er grübelt und knirscht in verzweifelter Wut. Mächtige Freunde hat er, die nicht dulden werden, daß einer ihres Standes dem Schwerte verfallen soll, weil er sich selbst sein Recht gesucht. Den jungen Prinzen ist kein Leid geschehen, das etwa mit Leib und Leben zu büßen wäre. Das Fehderecht in seiner gerechten Sache gegen den Kurfürsten ist gutes ritterliches Recht. Was gilt ihm das Freiberger Stadtrecht! Die Tat geschah nicht im Banne des Freiberger Stadtrechtes! Kann der Kurfürst als Kläger sich Recht und Richter selber wählen? Wird der Kurfürst, welcher der Sanftmütige genannt wird, das Schwert gebrauchen, obschon er einst sein treuer Diener war, will er die Tat sühnen oder will er einen Feind vernichten? – – Er grübelt und grübelt und dazu diese rabenschwarze Finsternis, diese Totenstille, in welcher er lebendig begraben sich glaubt. Ist es Nacht, ist es Tag, ist es Zeit oder ist es schon schaurige Ewigkeit? Er stöhnt in verzweifeltem Grimm und schlägt die Faust sich blutig an den eichenen Bohlen der schmalen Tür, doch nur die unbarmherzigen Ketten klirren. Er brüllt wie ein verwundeter Bär, doch niemand hört ihn, niemand kommt, ihn in die Freiheit zu führen. Vier Tage und Nächte vergehen so in Nacht und Grauen, und als man ihn zum Lichte führt mit der Last seiner Ketten, da führt man ihn zum Tode, da blitzt über seinem Nacken das Schwert, sein Haupt rollt in den Sand. Die Tat hat ihre Strafe, die Schuld ihre Sühne gefunden. Gerechtigkeit und Staatsklugheit reichen sich die Hand und die Bänkelsänger ziehen durch die Märkte des Landes und singen das Lied von Kaufungens Glück und Not und Ende, und später, im Kasperletheater, erregt das Spiel vom Prinzenraub das Grauen und Entzücken der Kinder. Ein altes Lied singt von ihm:
»Was blast dich, Kunz für unlust an,
daß du ins Schloß neinsteigest
und stiehlst die zarten Herren raus,
als der Kurfürst eben war net zu Haus,
die zarten Förstenzweige?
So geht’s, wer wider die öberkeit
sich unbesonnen empöret.
Wer es nicht meint, der schau an Kunzen
sin Kop tut zu Freiberg noch herußen schmunzen
und jedermann davon lernt.«
Ein schwarzer Stein mit verwischtem Kreuz liegt an der Stelle, wo sein Haupt fiel, und ist seit Jahrhunderten eines der Wahrzeichen der alten Bergstadt, die jeder wandernde Handwerksbursche und Zunftgenosse als Ausweis seiner Ortskenntnis kennen und nennen mußte. Heute noch speit auf den Stein jeder Schulbube, der vorübergeht: Er meint nach alter Sage, es ginge ihm besonders in der Schule gut, wenn er zuvor als braver Knabe dem Andenken des bösen schwarzen Raubritters und Prinzenräubers seine Nichtachtung bezeigt hätte. 123 Jahre später, im Jahre 1578, wurde das Rathaus von Andreas Lorentz »des Rats Steinmetz«, mit einem Erker geziert. Aus dem Giebel schaut weit herausgereckt das Haupt eines Geharnischten mit Eisenhaube mit trotzigen Mienen hernieder auf den schwarzen Stein. Es soll Kunz von Kaufungen sein, der nach seiner Richtstätte schaut und keine Ruhe findet, bis ihm Gerechtigkeit nach seinem Sinne geworden.
Noch ein anderes Erinnerungsstück hält das Gedächtnis an Kunz von Kaufungen den wechselnden Geschlechtern lebendig. Es ist die Steigeleiter, welche er zur Tat benutzt hatte und welche seit jenen Tagen im Rathause zu Freiberg aufbewahrt wird. Der untere kürzere Teil befindet sich im Schlosse zu Altenburg. Die Beschaffenheit der Leiter zeigt, daß es sich nicht um eine rasche Tat handelte, sondern mit welcher kalten Überlegung und Sorgfalt lange vorher die Tat vorbereitet und geplant war. In diesem Sinne mag sie in den Augen der Richter besonders belastend und für das Urteil mit entscheidend gewesen sein. Sie ist aus doppelt genähten, starken Ledergurten mit Holzsprossen hergestellt und hat eine Länge von 7,50 m mit 30 Sprossen. Jede Sprosse ist mit hölzerner Mutter sorgfältig von außen an den seitlichen Gurten befestigt und gesichert. Mit jeder achten Sprosse sind fest zwei Stützhölzer von etwa 20 cm Länge verbunden, durch welche die an der Mauer hängende Leiter eine ziemliche Steifigkeit erhielt, so daß sie, sich fest gegen die Wand stützend, genügend Abstand halten und auch ein Hin- und Herschwanken und Pendeln vermeiden konnte. Drei Paare solcher festen Sprossenstützen sind vorhanden.
Das obere Ende der Leiter ist durch ein Dreieck von Rundeisen an einem eisernen Bügel oder Überwurf befestigt, der ähnlich einer festen Klammer über die Fenstersohlbank des zu ersteigenden Fensters geworfen wurde und sich dort fest einbiß. Dieser Klammerbügel ist jedoch lang genug, daß das obere Leiterende entsprechend den Sprossenstützen im Abstand von der Mauer gehalten wurde, um ein bequemes Steigen mit Hand und Fuß zu ermöglichen. Es ist eine Arbeit raffinierter Überlegung und Erfahrung, an welcher lange gearbeitet ist, um nur nicht etwa an einem technischen Mangel den kühnen Plan scheitern zu lassen. – –
An den gotischen Spitzbögen der oberen Ratsdiele befinden sich noch zwei andere Zeichen mittelalterlicher Rechtspflege. Es sind zwei große, schwärzliche Steine von halbkugeliger Form mit einem scharfkantigen Eisenringe. Auf dem Stein ist das Bild zweier zänkischer Weiber zu erkennen, die sich gegenseitig die Haare raufen. Sie stehen in steifer Haltung mit erhobenem Arm nebeneinander in ihrer Renaissancetracht, – roter, langer Rock, weißem Mieder und schwarzer Jacke mit Puffärmeln – und rollen mit den Augen. Im Bautzener Stadtmuseum befindet sich ein ähnlicher Stein in Form einer runden Pilgerflasche und daher »Büttelflasche« oder auch »Graue Suppe« genannt. Sie trägt die Umschrift: »Mägde und Weiber, die sich schlagen, müssen diese Flasche tragen.« Dieser Widmungsspruch erklärt auch unsere Steine dort oben. Mit ihnen, den Prangersteinen, am Halse wurden vom Stockmeister oder Büttel zänkische Weiber auf dem Markte an den Pranger gestellt. Der eiserne Ring von 29 cm Durchmesser konnte bequem über den Kopf gestreift werden. Der Stein ist aus Granit zurechtgehauen und glatt bearbeitet. Auf der Rückseite ist eine Höhlung für den Busen der Delinquentin herausgearbeitet. Das Gewicht beträgt 25 Pfund. In der rückwärtigen Höhlung des einen Steines ist, von grünen Zweigen eingerahmt, folgende Inschrift angebracht: Renoviret im Jahre Christi 1769 auf Anordnung Tit. Herrn Stadtr. Gottlob Hieron. Waegers durch Joh. Gottlob Blöden. Stockmeister.
Dieser Stein war also schon vor mehr als 150 Jahren durch fleißigen Gebrauch so abgenutzt im Laufe von vielleicht 200 Jahren, daß er im Anstrich und Malerei neu aufgefrischt werden mußte. Der Stockmeister hat sich mit großer Liebe und Sorgfalt, wie die saubere Inschrift beweist, dieser Aufgabe unterzogen und sich selbst dabei mit verewigt. Er glaubte wohl sicher, daß dieses drastische Erziehungsmittel holder Weiblichkeit zur Friedfertigkeit, das zugleich eine derbe Volksbelustigung von Rechtswegen war, noch lange sich seiner Beliebtheit erfreuen würde. Abgesehen von der demütigenden Wirkung und moralischen Pein, bedeutete diese Strafe auch körperlich eine Qual, denn der Druck des scharfkantigen Ringes im Nacken und auf den Schultern, dazu das schwere niederziehende Gewicht des Spottsteines, mehrere Stunden hindurch die Roheit und Gehässigkeit und niederen Leidenschaften des Pöbels dazu, mochten fast unerträglich gewesen sein. Es mochte ein eigenartiges für unser heutiges Empfinden abstoßendes Volksschauspiel abgegeben haben, wenn solche unholde Unglückliche entweder allein oder paarweise sich gegenüberstehend, mit ihrem schweren Halsschmuck geziert, mit Schimpf und Schmutz, faulen Eiern und anderen übelriechenden Dingen beworfen wurden, und wenn sie dann ihre losen, scharfen, schimpffertigen Zungen mit mittelalterlicher Deutlichkeit und Schlagkraft gegeneinander und gegen ihre Angreifer rücksichtslos gebrauchten, ein Wettkampf der Bosheit und giftiger Leidenschaften, der wohl schwerlich zur Hebung und Läuterung des sittlichen Empfindens beitragen konnte. Der derbe Volkswitz wird dabei manche kräftige Blüte getrieben haben, die unserem heutigen Empfinden vielleicht etwas zu urwüchsig erscheinen würde. Der erzieherische Wert der Strafe für die Gestraften und das Volk mag nur gering gewesen sein. Zweifellos sind diese echten alten Prangersteine im Freiberger Rathause wichtige und interessante Zeugen alter Rechtspflege und Strafauffassung. Was könnten diese Zeugen wohl berichten von menschlicher Schuld, Tücke und innerer und äußerer Qual! – –
Das Obergeschoß des Rathauses war einst eine einzige große Halle, an deren Westende das Archiv und die alte Gerichtsstube, jetzt Stadtverordnetensaal, am Ostende die frühere Kommissionsstube, jetzt Ratssitzungszimmer sich befanden. Alle anderen Räume und Flure, vierzehn an der Zahl, welche jetzt die alte Halle einnehmen, sind erst später durch Einziehen von Wänden und Decken eingerichtet worden. Diese einstige große Ratshalle hatte eine Breite von 16½ m und war von der Marktseite und Burgstraßenseite her durch stattliche Fenster gut beleuchtet. Die hohe, buntbemalte, hölzerne Balkendecke wurde durch sechs gotische Spitzbögen auf fünf kräftigen, kurzen Pfeilern von Grillenburger Sandstein getragen, so daß die mächtige Halle in zwei gleich breite Schiffe getrennt wurde. Das Schiff an der Marktseite zwischen Kommissionsstube und Gerichtsstube hatte 28½ m Länge, während das nördliche Schiff an der Burgstraße die ganze Ausdehnung des Rathauses mit 50 m Länge einnahm. Dieser gewaltige Saal, in dessen Mitte die Spitzbögen mit ihren starken Pfeilern wie im wuchtigen Gange einherschritten und den aufstrebenden elastischen Schwung ihrer Linien zur Decke emportrugen, mit seinen bunten Farben, Gemälden und dem Schmucke von Waffen, Schilden, Panzern, Sturmhauben, Harnischen, Fahnen u. dgl. muß eine starke Raumwirkung gehabt haben, die anderen berühmten Rathaussälen wohl gleich kam, oder sie vielleicht gar übertraf.
Hier vereinte sich das ganze festliche Leben der reichen Silberstadt und brachte glanzvolle Tage und Nächte, deren malerische Wirkung und derbe Fröhlichkeit wir uns nur schwer vorzustellen vermögen.
Hier hielt 1512 Herzog Heinrich seine Hochzeit und den Hochzeitstanz ab. Welche Pracht der Gewänder, kostbarer Stoffe und herrlicher Schmuckstücke mag da entfaltet worden sein. Hier gab der Rat den Fürsten, die in Freiberg residierten oder zu Gaste waren, üppige Prunkmähler, hier feierten die stolzen Patrizierfamilien ihre Feste, weswegen der Saal auch das »Tanzhaus« hieß, hier fanden die Bergknappschaftsfeste statt, welche alle Männer vom Leder, den Oberberghauptmann mit Berggeschworenen und Knappen, den reichen Silberherren und den armen Bergjungen zu gemeinsamer Feier bei reichem Mahle, gutem Trunke und schließlich fröhlichem Tanze vereinten. Hier fanden auch Theateraufführungen fahrender Künstler und die Festspiele des Gymnasiums statt. Längst sind die Feste verklungen, die Fröhlichkeit verrauscht, die Blumen verwelkt und Nelkenkränze verdorrt. Andere Zeiten kamen, nüchtern, sachlich, kalt und sorgenschwer, in denen die Fröhlichkeit andere Stätten suchte, der Sinn der Zusammengehörigkeit auch in der Freude wie bei der Arbeit zersplitterte und sich nach hie und da verkroch. Die Handwerker kamen, nahmen die Waffen und allen Zierrat von den Wänden und bauten in den herrlichen Saal Zimmer auf Zimmer ein, mauerten drei Bogenöffnungen zu, so daß aus dem fröhlichen Tanzhaus, aus dem ernsten Rüsthaus mit seinen Waffen zu Schutz und Trutz, ein nüchternes Geschäftshaus oder Verwaltungsgebäude wurde. Nur die Feder und das Wort sind die Waffen, die hier noch geführt werden. An die Stelle von Tanz und lauter Fröhlichkeit ist stille Emsigkeit, treue Arbeit und unermüdliche Pflichterfüllung im Dienste der Allgemeinheit getreten.
Nur die Ratsdiele ist vom alten fröhlichen Saale noch übrig geblieben. Durch zwei Fenster wird sie beleuchtet mit tiefen Nischen der starken Mauern, in denen Banksitze Platz gefunden haben. Eine schwere, spätgotische Sandsteinbrüstung grenzt die Öffnung der von unten aufsteigenden Treppe ab. Stumm schauen die Gestalten der sächsischen Fürsten in Lebensgröße von den Wänden hernieder.
Mit Panzer oder seidenen Prachtgewändern bekleidet, mit Hermelinmantel, mit Schwert oder Feldherrnstab in der Rechten, sind diese stolzen Herren und Herrscher charakteristische Vertreter ihrer Zeit mit allen ihren Vorzügen und Schwächen. Mag einzelnen Bildern die letzte Meisterschaft fehlen, so sind sie doch ein künstlerisch und historisch wertvoller Besitz und Schmuck des Rathauses, welchen die Jahrhunderte seit Herzog Heinrich d. Frommen (1505 bis 1544) zusammengetragen und sorgfältig bewahrt, gehegt und gepflegt haben. Vierzehn Fürstenbilder hängen auf der Rathausdiele, sechs im Stadtverordnetensaale. Es ist ein gutes Stück sächsischer und deutscher Geschichte, die an uns vorüberzieht, wenn wir der Zeiten und Geschicke jener Männer und Frauen gedenken. Dort Johann Georg I. und seine Gattin, die Kurfürstin Sibylla Magdalena, haben die furchtbare Prüfung des dreißigjährigen Krieges über ihr Land dahinbrausen sehen. In ganzer Figur am Tische stehend trägt er ein grünseidenes Prachtgewand. Dunkel ist sein Haar und Spitzbart. Drei Jahre vor Ausbruch des großen Krieges hat ihn und auch seine Gattin, eine blonde anmutige Frau mit schönem weißem Spitzenkragen, gleichfalls mit einem grünen, prachtvoll geschmückten Seidengewand angetan, sein Hofmaler Johann Gerhardt, in voller jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt.
Dort das Bild des Kurfürsten Johann Georg III., des Türkensiegers mit rötlichblondem, lockigem Haar und Schnurrbart, der an der Befreiung Wiens durch die Schlacht am Kahlenberge am 12. September 1683 so ruhmreichen Anteil hatte. Zur großen Siegesbeute jener Schlacht gehörten bekanntlich große Mengen Kaffee. Der Genuß des Kaffees, die Entwicklung des »Wiener Kaffees« datiert aus jener Zeit, und auch die besonderen engen Beziehungen des Sachsen zum Kaffee mögen in jenem Siege ihres Kurfürsten ihren Ursprung gehabt haben. Er ist in Rüstung mit malerisch zusammengefaßtem Hermelinmantel dargestellt und weist mit dem Feldherrnstab auf den Feind. Eine Kanone mit dunklem, drohendem Rohr spricht von seinen Schlachten.
Dort ist August der Starke in dunkler Rüstung mit blauem Samtmantel und dem Bande des Weißen Adlerordens. Welche Fülle von Bildern, Vorstellungen und Geschichten tritt uns vor das geistige Auge, wenn wir seinen Namen hören und ihn im Bilde in seiner etwas theatralischen Haltung betrachten. Mag er ein großer Egoist gewesen sein, ein Genießer von besonderem Ausmaß, so ist doch seine Prachtliebe, sein Sammlungseifer, seine Kunstfreude, seine Baulust für die Entwicklung und Befruchtung der Kunst in Sachsen und insbesondere Dresden von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Durch ihn wurde Dresden zum Elbflorenz. –
Dort fällt uns ein Bild ganz anderer Art durch seine Farbenpracht in die Augen, das Bild des Königs Anton, der 1827–1836 regierte, ein König der Biedermeierzeit. Er ist ein kleiner Mann mit gemütlichem aber doch ernsthaftem Gesicht, dem man glaubt, daß er kein Feind des Schnupftabaks und eines guten Rotspohns, aber mit Maßen und gehöriger Würde und Herablassung ist. Er trägt einen scharlachroten Frack mit schwefelgelber Weste und breitem, grünem Ordensband und dazu hübsche, enge, mattblaue Hosen und hält in der Hand einen großen zweispitzigen Federhut mit mächtiger Feder. Er sieht aus wie der König im Bilderbuch, und, hätte er den schönen Federhut auf, würde er einem der schönsten Papageien mit großem Schopfe im Zoo gleichen. – Ist es erst wirklich hundert Jahre her, daß sich ein König so verewigen ließ? oder ist es nicht doch etwa ein König aus Biedermeiers buntem Bilderbuch? Das fröhliche gemütliche Bild lacht als lustiger Farbenfleck in die ernste Ratsdiele so leuchtend herunter, wo so viel Sorgen und schwere Gedanken hin- und hergetragen werden, daß mancher mit Lächeln zu ihm aufsieht, ihm zunickt und denkt: Du bunter Vogel, wie kamst du hierher aus dem lustigen Märchenbuch. »Es war einmal ein König, der hatte einen …?« –
Die wertvollsten Gemälde der Fürstengalerie hängen im Stadtverordnetensaale. Es sind die Bilder Herzog Heinrichs des Frommen, des Kurfürsten Moritz, des Kurfürsten August und seiner Gemahlin Anna.
Herzog Heinrich der Fromme, der Freund und Gönner Freiberger Art und Bürgertums, der Gründer Marienbergs, zeigt sich in seiner waffenfrohen, ja waffenklirrenden Art. Es ist eine feste Mannesgestalt, der Herzog Heinz, der da vor uns steht, mit braunem Vollbart und Haupthaar. Er ist schwer gepanzert mit Kettenringkragen, Brust- und Beinharnisch. Die Panzerschuh und Panzerschilde an den Knien sind vergoldet. Im rechten Arm liegt ihm ein gewaltiges, bloßes, zweihändiges Schwert, mit großem, goldenem Griff hoch an der Brust, das fast so groß wie der Herzog selbst ist. Die linke Hand hält er am Griff eines zweiten, an der linken Seite hängenden Schwertes, und an der rechten Seite trägt er noch einen Dolch. Waffen und Kanonen waren seine Leidenschaft, und im Zeughaus des Schlosses Freudenstein unter seinen schönen blanken Bronzekanonen mit ihren Bildwerken und anzüglichen Sprüchen sein liebster Aufenthalt. Einen kräftigen Trunk unter seinen ehrenfesten Bürgern in der Ratstrinkstube, oder auch ein fröhliches Schützenfest mit eigenhändigem Armbrustschießen nach der Scheibe, eine weidgerechte Jagd in den Wäldern des Gebirges verschmähte er jedoch nicht. Sein Mohr und sein großer englischer Windhund durften jedoch nicht fern sein. Dafür hatte jedoch sein Kanzler Freydiger desto mehr Mühe, ihn zum Schreiben zu bringen, und wenn es nur eine einfache Unterschrift war. Lieber ein zweihändiger Riesenflamberg in beiden Händen, als einen Gänsekiel zwischen den Fingern einer Hand! – Heinrich hatte jedoch mehr noch als kriegerischen Mut, er hatte Bekennermut und seelische Kraft. Trotz des grimmigen Drohens und Schnaubens seines mächtigen Bruders Georg schaffte er Luthers Lehre freie Bahn in Freiberg und ließ sich auch durch Versuchungen nicht in seiner Treue und Festigkeit erschüttern. Als Herzog Georg mit Zorn und Gewaltdrohungen nichts bei ihm erreichte, versuchte er’s mit schlauer Überredung und Bestechung: Er schickte Gesandte an Heinrich, um ihm sein Herzogtum als Erbe anzubieten, falls er wieder zur alten päpstlichen Lehre sich wenden wollte. Der Chronist sagt: »Die Gesandten wiesen auf die Fürtrefflichkeit des Landes und großen vorhandenen Vorrates an Silberkuchen, baren Gelde, Golde, Kleinodien und vielen köstlichen Zierrathe hin ohne ihn bewegen zu können.« Heinrichs Antwort lautete:
»Es gemahne ihm ihr fürbringen nichts anders, als da der Satan dem Herrn Christo alle Reichthume und Herrlichkeiten der Welt zeigete und zu ihm sagete, dieses alles will ich dir geben, so du niederfällest und mich anbetest, welches er nimmermehr thun, noch seinen Herrn Christum um des Zeitlichen willen verraten würde, wenn er auch gleich mit seiner Gemahlin an einem Stäblein betteln aus dem Lande gehen sollte!«
Er liebte sein Freiberg, in dem er seit 1506 fast 35 Jahre Hof gehalten und ließ in sein Testament als letzten Willen schreiben, »er hette die Freyberger in aller Trew und Gehorsam gegen Gott und ihm befunden, drumb wolte er auch bey denselben ruhen und schlaffen«. Unter ihm und seiner milden aber starken Hand hat Freiberg wohl seine glücklichste Zeit erlebt.
Unruhige Jahre kamen unter der Herrschaft seines Sohnes, des Kurfürsten Moritz, dem Sachsen viel zu enge war, der mit hochfliegenden Plänen sich trug, und dem Religion mehr ein Mittel der Politik und hohen Ehrgeizes war. Vielleicht wären seine Pläne zum Wohle des Reiches gewesen, wäre er nicht zu früh, erst 32 Jahre alt, dahingerafft. Welchen Lauf hätte wohl ohne den heimtückischen Schuß die Weltgeschichte genommen? Vielleicht wäre Deutschland der dreißigjährige Krieg erspart geblieben.
Dort aus dem Bilde neben seinem Vater schaut uns im Schmucke seines rötlichen Vollbartes sein edler, ernster, länglicher Kopf mit klugem, festem Blicke an. Man fühlt, daß hier ein Besonderer steht und den Feldherrnstab in der Hand trägt. Er ist mit einem Panzer von dunkler Farbe und gelber Feldbinde darüber gerüstet. Ist es derselbe schwarze Panzer, den er in der Schlacht von Sievershausen trug, als ihn am 9. Juli 1553 der meuchlerische Schuß von hinten traf, der Panzer, der nun schon Jahrhunderte im Dome zu Freiberg sich befindet? Die bei Sievershausen erbeuteten Fahnen dort im Dom, von denen fast nur die Schäfte noch mit wenig Resten, Fetzen und Fasern übrig sind, wissen zu erzählen von jener Schlachtennot und frühem Schlachtentod, durch den Deutschland seiner besten Hoffnung mit beraubt wurde. Der uralte deutsche Mythos vom blinden Hödur, der den lichten Baldur durch heimtückischen Schuß tötet, wird immer wieder neu und wahr bis in die neueste Zeit. Dieser Mythos ist der Mythos von Deutschlands Schicksal und Leid. –
Die Bilder des Kurfürsten August und seiner Gattin Anna stammen von Lukas Cranach d. Jüngeren. Sie sind in schwarzer, spanischer Tracht mit vollendeter Kunst gemalt. August trägt ein reiches, mit Gold gesticktes Wams mit schwarzem, goldgesticktem Mantelkragen darüber und enganliegende hohe, schwarze Strümpfe. Die Hand hält er links am Degengriff. Nichts Kriegerisches liegt in dieser Erscheinung, sondern mehr von einem eleganten Hofmann. Sein rötlichblonder Vollbart ist kurz geschnitten und gepflegt. Auf seinem Haupte trägt er eine eigenartige Kopfbedeckung, die etwa einer weichen, hohen Bergmannskappe gleicht.
Seine Gattin ist auch in Schwarz gekleidet. Das ganze untere Drittel des Kleides, die Puffärmel und der Latz, sind reich in Gold gestickt. Ihr helles, rötlichblondes Haar legt sich glatt gescheitelt über Haupt und Schläfen und ein kleines Barettchen mit Feder deckt rechts den Scheitel. Mit rührend schlichter, steifer Haltung steht sie da, hat die Hände zusammengelegt und schaut mit blassem, kindlichem Blick auf den Beschauer, wie eine Konfirmandin, die auf ihren Pfarrer lauscht.
Der Hintergrund beider Bilder, die als Gegenstücke gemalt sind, ist ein großer hellgehaltener Fensterbogen, durch welchen der helle Himmel hineinschaut, vor dem die schwarzen Gestalten stehen.
Das also ist »Vater August« und »Mutter Anna«, der kluge Volkswirt und Haushalter seines Volkes und die treue Landesmutter neben ihm! Wie so ganz anders stellt man sich dieses Fürstenpaar vor, als hier auf diesen Cranachbildern! Nicht modisch elegant mit sattem, zufriedenem, geistig unbedeutendem Antlitz wie er es zeigt, nicht geistig so unentwickelt und schüchtern und leer, wie sie sich stellt, nein, als tatkräftige, geistig bedeutende Persönlichkeiten, denen der geistige Adel und das tüchtige Wollen und Können von der Stirne und aus den Augen leuchtet. Nein, da sind die Bronzedenkmäler von Carlo de Cesare in der Begräbniskapelle des Domes doch schöner, überzeugender und vielleicht auch trotz aller Steigerung doch noch wahrer als hier, wo mehr der körperliche als der geistige Mensch gegeben ist. –
Neben dem Stadtverordnetensaale, dessen alte Holzdecke von zwei gewaltigen gotischen Unterzugbalken mit reicher Profilierung getragen wird, liegt das alte gewölbte Urkundenarchiv. Durch einen gotischen Türbogen mit tiefen Kehlen und Rundstäben, durch eine wuchtige eiserne Plattentür mit schönen durchbrochenen Beschlägen und alter kunstvoller, mehrfacher Verriegelung, die nur durch Drehung des prachtvollen messingnen Löwenkopfes in der Mitte gelöst werden kann, ein Meisterwerk der Schmiedekunst, und dann durch eine zweite, mit Eisenplatten beschlagene Tür mit mächtigem, altem Kunstschloß treten wir in diesen altertümlichen Raum, in dem wie in einer weltentrückten Klause das Leben draußen schweigt und die Jahrhunderte zu uns zu reden und lebendig zu werden scheinen. Eine andere Luft und anderer Duft ist in diesem Raum wie in den übrigen Räumen des Rathauses. Ein schönes Kreuzgewölbe spannt sich über uns. Der Boden ist mit roten Ziegelplatten belegt, die dem Raume eine warme Farbstimmung geben.
Wir sind in der alten Silberkammer des Rathauses, dem feuer- und diebessicheren Ort, wo die Kostbarkeiten und die Geldvorräte der Stadt in schweren eisernen Truhen mit kunstreichen Schlössern und Riegeln einst aufbewahrt wurden. Im dreißigjährigen Kriege 1632 brachte man hier die städtischen Urkunden und kostbaren Stadtbücher unter. Das große Fachwerk dort mit seinen vielen bunten Kästchen, das uns anschaut wie die Wand einer altertümlichen Apotheke, wurde 1635 von dem Tischler Georg Köhler hergestellt und nahm in seinen sogenannten »Kammerkästchen« wohlgeordnet alle Urkunden, Verträge, Briefe usw. auf bis auf den heutigen Tag, welche für die Stadt von besonderem Werte und Wichtigkeit sind. Jedes Kästchen kann an einem hübschen, hängenden Handgriff herausgezogen werden und ist mit fröhlichem Blattornament in bunten Farben bemalt. Den Sockel dieser Kammerkästchenwand bilden vorspringende Truhen, die für die Aufbewahrung von Bücherschätzen ebenso wie als Sitze dienen können.
In der Mitte des ehrwürdigen Raumes steht ein uralter Tisch in der Form des Tisches der Lutherstube auf der Wartburg und wohl aus derselben Zeit stammend. Der Wurm hat eifrig schon sein Werk an ihm getan. Verborgene Schubkästen sind unter seiner Platte. Ein Archivar soll einst mit besonderer Begeisterung gerade an diesem Tische in den alten Stadtbüchern geforscht haben. Ein feiner Duft stieg nämlich von dem Tisch in seine Nase, denn hier im geheimen Schubfach hatte er seinen besten Tabak heimlich geborgen, der ihn begeisterte wie einen schwärmenden Jüngling das Veilchen, das im Verborgenen blüht. Freudig schnuppernd graste er so auf den Feldern des Mittelalters und der Stadtgeschichte.
Das Regal der zweiten Wand ist dicht mit Bänden aus allen Jahrhunderten besetzt. Da sind vor allem die mächtigen Stadtbücher und Ratsprotokolle in Schweinsleder gebunden, Bände von einer Größe und einem Gewicht, daß sie nur schwer zu heben sind. Andere alte Bände sind in Pergamentblätter mit gotischer Schrift gebunden, die aus alten Klosterbüchern stammen. Kostbare Bände liegen auf dem alten Tisch. Wir schlagen einen uralten Band auf mit schwerem Deckel aus Holz mit Spuren eines roten abgeschabten Überzuges und mitgenommenen Messingbeschlägen und fünf sehr starken, großen Messingnägeln auf beiden Deckeln. Es ist das alte berühmte rote Freiberger Stadtrecht vom Jahre 1294, ein kostbares, unersetzliches Werk, in prachtvoller gotischer Schrift auf starkem Pergament geschrieben, mit vielen schönen Initialen. Das erste herrliche Initial in Blau, Grün und Gold gehalten, über die ganze Seite reichend, klingt noch in der Ornamentik an romanische Formen an und umschließt in dem Buchstaben »G« das Wort »Got«. Die Einleitung dieses ehrwürdigen, durch Jahrhunderte und weit über Sachsens Grenzen anerkannten Gesetzbuches lautet:
»Got der Himel und erde geschuf,
der helfe uns volbrengen diz buch,
des helfe uns got amen. Ich hebe an
in gotis namen. Unde schribe
vribersch recht. wer mir helfe
der si gotis knecht.
Diz ist von deme erbe«
womit dann bezeichnenderweise der erste Abschnitt beginnt.
Daneben liegt die berühmte Handschrift des Freiberger Bergrechts von 1324, ein Band von ähnlicher Art und Schrift. Markgraf Heinrich hatte im Jahre 1255 den Bergschöppenstuhl errichtet mit der Befugnis, in allen Bergsachen Recht zu sprechen. Bis 1856, also 600 Jahre bestand dieser Berggerichtshof. Er hat das Bergrecht entwickelt, welches hier auf diesen schönen Pergamentblättern seine erste Niederschrift fand und für ganz Sachsen maßgebend war. Bereits im dreizehnten Jahrhundert fand es im Ordensland Preußen, in Schlesien und Mähren, ferner in Siebenbürgen und Serbien Eingang und übte einen bedeutenden Einfluß auf die gesamte deutsche Berggesetzgebung aus. Im Jahre 1332 betrieben schon sächsische Freiberger Bergleute in Serbien fünf Gold- und Silbergruben und wendeten ihr heimisches Bergrecht an. –
Ein anderer schmaler, langer aber starker Band in Schweinsleder gebunden und in mittelalterlicher Handschrift und Sprache geschrieben erregt besonders unsere Aufmerksamkeit. »Catalogus Truffatorum oder Schwarze Register« steht auf seinem Rücken. Wir blättern darin und fühlen uns versetzt in das alte Dinghaus am Markte vor die Schranken des Gerichtes, um die sich Volk drängt. Der Angeklagte fehlt, aber ein Ankläger schildert mit zorniger Stimme die Verbrechen des Entwichenen und fordert seine Strafe, Verbannung bei Todesstrafe od. dgl. Es ist das Verzellbuch oder Verzählbuch, das wir aufgeschlagen haben, die schwarze Liste, in welcher seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis 1518 über 2100 Übeltäter verzeichnet sind. Der Verzählung, einer Art Verbannung und Ächtung, fiel anheim, wer wegen eines Verbrechens flüchtig geworden war und auf Anklage nicht vor den Schranken des Gerichtes erschien, um sein Urteil zu empfangen. Wurde ein so Verzellter später ergriffen, so wurde ohne weitere Verteidigung und Gerichtsverfahren das Urteil an ihm vollstreckt. Von wieviel menschlichen Leidenschaften, Schuld und Sühne aus früheren Jahrhunderten weiß dieser Schweinslederband zu berichten, und zu erzählen von der straffen Strenge der Rechtspflege und der Sitten und den harten Strafen alter Zeit. »Uff den Hals« verzählen, d. h. Todesstrafe wird nicht selten verhängt, und mancher mag seinen flüchtigen Feind, der sich nicht verteidigen konnte oder wollte, auf diese Weise vernichtet haben. Da lesen wir z. B.: »Reinfried Große hat lassin vortzeln Frantzen Hekeler uff sinen Hals darumb das er ym gedreuwet hat er wolle im schaden am lybe und am gute.« Also auf eine Drohung wurde Todesstrafe gesetzt!
»Die Burger lassen vertzeln uff synen hals Hans Ysenhut darumb daz er in dem frauwenhuße gewest ist und dorinne geunfugit hat.« Unfug im Frauenhause oder im Weinhause mit leichten Frauenzimmern fällt öfter der Verzählung anheim. – Als Kuntze Braun »eyner frauwe by nacht in yr huß gelaufen und sie obil behandelt« hatte, wurde er »uff sinen hals« verzählt und sie »lysen ym darumb seinen kopp abehawen«. – Einem anderen Übeltäter, der einen Beutel, worin das Erz gewaschen wurde, »abegesnyden« hatte, hat man »laßin die oren absnyden« und verbannte ihn »uff seynen hals« auf ewige Zeiten aus Stadt und Land. Ja sogar darauf, daß fremdes Bier ausgeschenkt wurde, stand Verbannung: Meister Nikols des Zimmermanns swester wurde bei Todesstrafe auf Jahr und Tag verbannt »darumb das sy Kemnitzer bier geschenkt hat wider der Burgergebot uff iren hals«.
Anfangs wendete man die Verzählung nur bei schweren Verbrechen an, später, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wurden aber sogar geringe Vergehen und Übertretungen damit gestraft. Es konnte jedoch zuweilen die Strafe losgekauft werden. Thomas Strellers »Wyb« wurde verzählt, weil sie gesagt hatte: »Nein – die Burger allhie eßen nicht die großen heringe sondern wenn dy von Zeydaw (Sayda) die großen guten heringe eßen so müssen sie hie den dregk essen.« Zwei Burschen wurden verzählt, weil sie »uff der Paucke geslagin habin«, ein anderer, weil er Spottverse gedichtet und gesungen hat, Kaspar Kirchberger »darumb das er an dem Tore gehüt hat und hat geslaven«. – Herzog Heinrich der Fromme verbot 1525 die Verzählungen, weil offenbar viel Mißbrauch damit getrieben wurde und z. T. auch mündliches Verfahren üblich geworden war.
Wir schließen das ehrwürdige Buch, in dem sich uns wie in einem Spiegel Alt-Freiberger Leben zeigte, ein Leben so tüchtig und ehrenfest in festen Sitten und Gesetzen gehalten, daß wir nicht ohne Beschämung darauf zurückschauen müssen.
Dort weiter lockt uns das alte mächtige Bürgerbuch, in ihm zu blättern. Das älteste Bürgerbuch, welches 1404 begonnen ist und über längst dahingesunkene Geschlechter Auskunft gibt, trägt auf seiner ersten freien Seite spätere Einträge zum Lobe Freibergs z. T. in lateinischer Sprache, etwa aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Aussprüche Herzog Georgs:
»Leipzig die beste, Freybergk die größte,
Chemnitz die feste, Annabergk die liebste,«
ferner »Lipsia ter in anno, Friberga vero quater fructum refundit.« Leipzig schüttet dreimal im Jahre, Freiberg aber viermal Frucht! –
Dieser Stolz auf die Stadt war wohl begründet, denn 1474 belief sich die Zahl der Hausgrundstücke auf 579 in Freiberg, in Leipzig 519, in Dresden 427. Bereits 1400 hatte Freiberg eine Wasserleitung und dafür einen Röhrmeister angestellt. Eine unterirdische Beschleusung hatte ihre Anfänge den Bergleuten zu verdanken. 1484 war bereits eine Bauordnung erlassen, welche steinerne Häuser, harte Dachung und massive Brandgiebel vorschrieb. 1490 hatten die Tuchmacher schon eine Kranken- und Sterbekasse. Freibergs Handel und Privilegien reichten über das ganze Erzgebirge. Manche der alten Bürgergeschlechter hatten Besitzungen und Reichtümer wie kleine Könige und blühten durch Jahrhunderte. Das Bürgerbuch war so ein Buch des Stolzes für sie. Die Namen der Prager und Alnpeck, der Schönlebe und Schönberg, der Lingke, Monhaupt und Molsdorf usw. waren weit berühmt im Lande. – Wir schauen auch in die bunten Kammerkästchen und nehmen von den kostbaren, ehrwürdigen Urkunden einige zur Hand mit ihren mächtigen Siegeln in Holzkapseln. Die älteste ist ein kleines Schreiben auf Pergament, etwa 50 Jahre nach der Gründung Freibergs geschrieben, eine Bulle des Papst Honorius III. vom Jahre 1224, in welcher er versichert, daß er das zu Freiberg neu gestiftete Hospital St. Johannis in seinen Schutz genommen habe. Ein bleiernes Siegel hängt daran in vorzüglicher Prägung mit den Köpfen zweier Heiligen und einem Kreuz dazwischen. Ehrfürchtig betrachten wir dies 700 Jahre alte Schreiben, welches das heute noch blühende Hospital in seinem Geburtsjahr grüßt und bestätigt. Honorius III., der Stifter des Dominikaner- und Franziskanerordens, der den glänzenden Hohenstaufen Friedrich II. zum Kaiser krönte, sandte es aus der Weltstadt Rom in das rauhe, unwirtliche Gebirge hoch im Norden, wo eine junge Siedlung als neuer Kulturmittelpunkt in Urwäldern unter heidnischen Sorben sich ausbreitete und aufblühte. Welch ein Gegensatz echt deutscher Art und Schicksals wird uns bei dieser Urkunde lebendig: Dort der deutsche Kaiser im sonnigen Sizilien, im schimmernden Palermo seinen halb sarazenischen Hof haltend, der in sich alle Pracht des Morgenlandes und des Abendlandes vereinigte, dem deutschen Lande und deutscher Not fremd geworden und seine ganz große, staatsmännische Begabung auf Kunst und Wissenschaft und die wirtschaftliche Entwicklung, auf Handel, Rechtspflege und Heer in Italien und Sizilien verwendend, seine deutsche Heimat vergessend und der Gesetzlosigkeit und Raublust innerer und äußerer Feinde überlassend, hier dagegen gleichzeitig im Norden ein hartes, eisernes, einfaches Geschlecht von deutschen Bürgern, Bergleuten, Bauern in dunkler Waldwildnis und rauhem Gebirge in unermüdlicher Arbeit die Heimat sich erobernd, dem heimatlichen Boden Schätze abringend und aus eigener Kraft und tiefster Seelenstärke eine Kulturblüte hervortreibend, die durch die Jahrtausende leuchtet. Die goldene Pforte und die Kreuzigungsgruppe des Domes, Werke erhabenster Kunst und deutschester Art, Gesetzbücher und soziale Einrichtungen des Erzbergbau- und Hüttenwesens mit ihrer glänzenden Entwicklung sind heute noch redende Zeugen dieser alten schwer errungenen Kultur.
Eine andere Urkunde fällt uns besonders durch ihre zwei köstlichen, großen Wachssiegel in Holzkapseln auf, wahre Meisterwerke der Kleinkunst. Sie haben 11 cm Durchmesser und stellen in feiner gotischer Zeichnung einen Ritter auf anreitendem, gepanzertem Turnierroß dar mit Fahne im Arm und einzelnen wunderbar zart durchgeführten Wappen in der freien Fläche. Es ist die Urkunde, in welcher Bischof Johannes zu Meißen am 25. August des Jahres 1480 die Kirche unsrer lieben Frau zu Freiberg zu einer Stiftskirche erhob und das Domkapitel daselbst einrichtete. Vor unserem Auge steigt die Zeit der ausgehenden Spätgotik auf, als im deutschen Boden tausend neue Keime sich regten und Altes fallen und sterben sollte, als ein Suchen und Fragen durch die Lande ging und neue Welten aus dem Dunkel emporstiegen. Wir sehen Freiberg in Flammen stehen, den alten Dom stürzen und wieder aufsteigen aus den Trümmern mit schlanken Schäften und kunstvollen Netzgewölben, während eine neue Kunst mit belebendem Hauche neue frische Blüten sprießen läßt. – Dort der Ablaßbrief mit seinen bunten Heiligenbildern aus jener Zeit erinnert uns an Johann Tetzel, der auch in Freiberg seinen einträglichen Handel trieb. Freilich erkannte der gerade ehrliche Sinn gar bald, wie hohl und unwürdig dies Treiben war. Luthers Hammerschläge am Tor der Schloßkirche von Wittenberg hatten auch in Freiberg kräftigen Widerhall gefunden. Als Tetzel kurz nach dem weltgeschichtlichen 31. Oktober 1517 nach Freiberg mit seinem Ablaßhandel kam, »hat es ihm so wol als zuvor nicht glücken wollen, also gar, daß mehr allein wenig Personen seiner geachtet, sondern auch die Bergleute ihn zu beschimpffen sich unterstanden und verlauten lassen, das gesamlete Ablaßgeld ihm gar abzunehmen, deßwegen er bald fortgewandert …«
Aus den Kammerkästchen im alten ehrwürdigen Archiv, aus den Urkunden und pergamentenen Handschriften, aus den mächtigen Foliobänden längst vergangener Tage steigt so altes deutsches Leben, großes Geschehen, das Gedenken großer Taten und Männer auf. Luther und Melanchthon, Johann Sebastian Bach und Bismarck wandeln an uns vorüber, werden lebendig, wenn wir ihre Handschriften sehen und in der Hand halten. Wir sind nicht mehr im Urkundenarchiv zwischen engen Mauern abgeschlossen vom Leben, von dem kaum ein Laut hereindringt, nein, wir stehen wie auf einer hohen Warte und schauen hinein in das flutende Leben, wie es durch die Jahrhunderte strömt und seine Wellen aufwirft, und in seinem Vorwärtsdrängen die Geschlechter durcheinanderwirbelt und treibt, aneinanderreibt, emporträgt und niederreißt, aus dem Ursprung ferner Vergangenheit her aus dem Zeitenwandel Geschichte schaffend; das Schauen wird uns Erlebnis, Erlebnis der Heimat, Erlebnis ihrer ringenden, kämpfenden Seele; das Leben der Heimat rauscht uns, und die Liebe zur Heimat ist die aus dem inneren Erlebnis emporwachsende Frucht.
Aus dem Urkundenarchiv, wo vergangene Zeiten eindringlich zu uns sprechen, gehen wir hinüber zum Ratssitzungszimmer, wo mit den Forderungen, Leiden und Nöten der Gegenwart gerungen wird und ernste Männer raten und taten, sich mühen und sorgen um das Wohl der Stadt. Wir schreiten durch eine altertümliche doppelflüglige Eisentür, die aus geschmiedeten Platten zusammengenietet und mit durchbrochenen Auflagen und Bändern reich verziert ist, ähnlich der schönen Eisentür am Archiv. Ein mächtiges Kunstschloß dient zur besonderen Zierde und Sicherung. Eine zweite Tür aus starkem Holze in eingelegter Arbeit mit reicher Profilierung liegt hinter der Eisentür und wird umrahmt von einem reichen Renaissanceportal im Ratszimmer. Der Raum ist 7,50 × 9 m groß und ist mit einem flach gespannten Netzgewölbe mit aufgeputzten Rippen überspannt, in das die Stichkappen über den Fenstern tief hineinschneiden. Die Stimmung des Raumes, ein sattes Grün der Wände mit leuchtendem Goldgelb der Wölbung, mit dem großen länglichrunden Ratstisch und den hochlehnigen, geschnitzten Stühlen ist ungemein behaglich. Dazu trägt nicht zum mindesten bei die den ganzen Raum beherrschende kostbare Vertäfelung der Ostseite mit ihren Gesimsen, Pilastern, Füllungen aus edlen Hölzern in eingelegter Arbeit und reichen Profilierungen. Beim näheren Zuschauen finden wir, daß diese hoch bis an den Gewölbekämpfer hinaufgehende Vertäfelung ein wunderbares Schranksystem ist, das in tiefen Wandnischen mit vielen Fächern eingebaut ist. Die Türen dieser Wandschränke haben zierliche durchbrochene Beschläge, welche von demselben geschickten Schlosser stammen, der die Türen zum Archiv und zum Ratszimmer schuf, dem Ratsschlosser Paul Winkler, der 1630 acht Gulden für seine Arbeit erhielt. Die Kunst der Schlosser und Schmiede stand in Freiberg in hoher Blüte, und gar manches prächtige Werk zeugt heute noch von ihrer geschickten Hand. Da sind vor allem die köstlichen geschmiedeten Tore und Einfriedigungen am grünen Friedhof am Dom aus der Hand Gabriel Mehners (1653–1705) mit ihrer reichen, materialgerechten Ornamentik, Spiralen, üppigen Blumen und Rankenzügen, zu nennen, ferner die schönen Gitter in der Begräbniskapelle und in der Annenkapelle am Dom, geschmiedete Grabkreuze, Vorhangträger, Schlosserzeichen, Türbänder, Fenstergitter usw. im Altertumsmuseum. Der Rat der Stadt wußte den Wert solcher kunstvollen Handwerksarbeit wohl zu schätzen nicht nur dadurch, daß er die tüchtigsten Meister zur Arbeit heranzog, sondern auch dadurch, daß er schön gearbeitete Meisterstücke ankaufte und gelegentlich verwendete. Durch diese Art praktischer Kunstpflege wurde das Handwerk gestärkt, der Wetteifer geweckt und die Leistungsfähigkeit erhöht, so daß der Ruf der Freiberger Arbeit sich weit verbreitete.
Der Wandschmuck des Ratszimmers ist sonst schlichter Art. Zwei mächtige Geweihe, Zwölfender aus den Rehefelder Waldrevieren stammend, mit blank gefegten, weißen Enden bringen einen Hauch von Harzduft, frischer Bergluft und der grünen Freiheit der Berge in den gestrengen Raum städtischer Verwaltung und Sorgen. Ein Ölbild des früh verstorbenen trefflichen Malers Mißbach an der anderen Wand führt in die heimische Landschaft, in ein grünes Wiesental, über dem blauduftiger Waldhang sich erhebt. Im Wiesengrün leuchten blaue Blumen als hätte der blaue Frühlingshimmel seine Pracht mit vollen Händen darin ausgestreut, und ein Busch glänzt mitten im Grün im funkelnden Sonnenglanz als sollten Wiese und Wald, Himmel und Sonne nur seiner Schönheit dienen.
Gar manchmal, wenn in schwerer Beratung die Geister sich erhitzen, oder im Redefluß die Stunden zähe sich dehnen, mag ein Auge in diesen grünen Frühling sich flüchten, sich erfrischen und den Geist zurücklenken von trocknem Aktenstaub und grauer Theorie, zum grünenden frischen Leben freier Entschlüsse.
Noch ein anderes Bild erregt unsere Aufmerksamkeit, der alte Kupferstich von F. B. Werner »Freyberg in Meißen«, etwa aus der Zeit um 1710, aus welchem man so recht die stolze Wehrhaftigkeit der alten Stadt erkennen kann. Mit peinlicher Genauigkeit und Schärfe und großem malerischen Reize sind die Türme und Mauern, die Wälle, Gräben und Teiche der Befestigung dargestellt und über sie hinausragend das bunte Gewirr der Dächer und Häuser und hoch in die Lüfte steigend die Türme der Kirchen und des Rathauses. Ja, wenn einst ein Stadtkind von außen sich dieser seiner Heimatstadt näherte, oder von einer der hochgetürmten Halden hinabsah auf dieses stolze wehrhafte Stadtbild, so mochte ihm mit Recht sein Herz höher schlagen, denn kaum eine andere in weiten Gauen mochte ihm gleichen an Schönheit, Eigenart und trotziger, auf sich selbst gestellter und bewährter Kraft. Die Stadt ist die Krone der Landschaft und damit der künstlerisch vollendete Ausdruck, die echte Ausprägung ihrer Geschichte und ihrer inneren Bedeutung und Kraft. –
Hier im Ratszimmer, wo die Geschicke der Stadt seit Jahrhunderten sich flechten und lösen und die Gedanken und Sorgen um ihr Wohl und Wehe seit Jahrhunderten sich kreuzten, aufwuchsen und wieder zur Ruhe gingen, hier spricht eine Stimmung voller Eigenart zu dir, wenn du es hören und fühlen willst, als wäre dort das Herzpochen eines lebendigen Wesens, das groß und heilig ist, viel erfuhr und viel erfühlte, viel erlitt, doch nie erlahmte, als wären wir in einer der Herzkammern der Heimat, durchpulst von warmem, lebendigen Blute und Geiste, voll des Großen und Schönen, voll von Erinnerungen und Geschichte, voll von Drang, Arbeit, Hoffnung, Zukunft. –
Noch einen Raum müssen wir betreten, ehe wir das alte Rathaus verlassen, den Raum, in dem Einzelgeschicke sich flechten, in dem Gedanken sich kreuzen und binden, in dem Herzen pochen ganz anders, als wie sonst im Leben, Herzen voll von Entschlüssen, Plänen, Drang, Hoffnung, Zukunft – es ist das Eheschließungszimmer, die alte Lorenzkapelle im Rathausturme.
Der Turm, die beherrschende Zierde des Rathauses und Marktes, ist von dem Bürgermeister Nikol Weller von Molsdorf auf seine eigenen Kosten erbaut worden, »der Stadt Freyberg zu Ehren, weil ihn Gott der Herr durch das Bergwerck und geführte Handlungen reichlichen gesegnet«. Schon von außen sieht man, daß das Geschoß der Lorenzkapelle seine besondere Bedeutung hat, denn an den Außenkanten des Turmes sind zwei Nischen ausgespart mit schlichtem, kleinen Baldachin, in welchen einst die Gestalten der Mutter Gottes und des heiligen Lorenz, als der Schutzheiligen des Rathauses, sich befanden.
Von der großen Ratsdiele her betreten wir durch einen halbdunklen Vorraum die alte gotische Lorenzkapelle. Es ist ein neckischer Zufall, daß gerade der heilige Lorenz der Schutzheilige des jetzigen Raumes für die bürgerlichen Eheschließungen mit den beiden feierlichen Stühlen vor dem grünen Tisch ist, denn dieser Märtyrer wurde auf dem Rost gebraten. Hoffentlich bleiben derartige Märtyrergefühle allen erspart, die zum Lebensbunde sich auf die entscheidenden Stühle niederlassen.
Zwei andere Schmuckstücke aus der Zeit der Erbauung passen sich in sinnig symbolischer Weise dem jetzigen späten Zweck der alten Kapelle an, die in Stein gehauenen Wappen ihrer Erbauer, der Bürgermeister Weller von Molsdorf und Jobst Krohe. Das Molsdorfsche Wappenzeichen stellt zwei Schwanenhälse dar, die in den Schnäbeln einen goldenen Ring halten, das Symbol der Treue, welche zwei Seelen bindet, das Krohesche Wappen, eine Krähe, welche sich die Brust aufreißt, das Symbol der Aufopferung, welche das eigene Herzblut hingibt.
Diese redenden Wappen alter Freiberger Geschlechter, die heute noch so ganz besonders zur Zweckbestimmung des Raumes sprechen, sind über dem herrlichen Eingangsportale zur Kapelle angebracht. Dieses reiche gotische Portal ist das prächtigste Stück gotischer Kunst, – wenn man die unvergleichliche Tulpenkanzel im Dome ausnimmt, – welches in Freiberg erhalten ist. Reiches Stabwerk von Rundstäben, tiefen Hohlkehlen und scharfen gratartigen Profilen mit kräftiger Schattenwirkung schließt sich in schräger Laibung von 1 m Tiefe in kühnem Schwung zum edlen Spitzbogen zusammen. Die schlanken Rundstäbe haben schöne senkrecht oder schraubenförmig geriefte Sockel. Der äußerste Stab rechts und links blüht zu einer schlanken Säule auf mit schönem, spätgotischem Blattkapitell, das auf einem glatten Kämpferblock je eine schlanke Fiale trägt mit zierlichen Kantenblättern und Kreuzblume als Abschluß. Zwischen den Fialen ist ein schwungvoller Kielbogen, wie ihn die spätere Gotik liebte, eingespannt, aus dem reich und stark modellierte Blätter hervorwachsen und der schließlich zu einer stolzen Kreuzblume mit doppeltem Blätterkranz bis fast an das Gewölbe oben aufschießt. Überrascht stehen wir vor diesem Meisterwerke der Steinmetzkunst, das etwa um 1440 von Freiberger Handwerkern geschaffen, ein Beweis für den großzügigen, künstlerischen Sinn der Erbauer und das Können jener Zeit ist. Ein schönes, hochgeschwungenes Sterngewölbe mit edel profilierten Rippen überdeckt den etwa 12 qm großen, quadratischen Raum. 3 große, farbig verglaste Fenster mit tiefen Nischen in den starken Turmwänden, die als Rosenlauben zart bemalt sind, spenden eine Fülle von Licht und geben dem Raume eine festlich feierliche Wirkung.
Zierliche symbolische Malerei an den Türen der eingebauten Schränke ist wie eine liebliche Begleitmelodie zu dem Rhythmus und der klangvollen Harmonie des ganzen Raumes. Die alte Lorenzkapelle, das Eheschließungszimmer, ist als ganzer Raum und in ihren Teilen wie ein Symbol ihrer Bestimmung, ein Symbol des tiefen Sinnes und Zweckes des Ehebundes, daß Treue und Hingebung, Klarheit und Harmonie erst die rechte Vollendung geben, daß das Einzelne dem Ganzen dienen muß, um seine Bestimmung zu erfüllen, und daß das Ganze erst durch die Harmonie der einzelnen Teile lebt und gewinnt. – – – –
Sollen wir noch weiter durch das Rathaus wandern und uns erzählen von Räumen und neuen Dingen, die noch keine Geschichte haben? Gar manches wäre noch der Beachtung wert. Da hängt in der großen Diele ein mächtiger Kronleuchter aus Holz von der bunten Balkendecke herab, der in eigenartiger Zusammenfügung und Gestaltung schlichter erzgebirgischer Volkskunst dem Raume einen volkstümlichen Heimatklang verleiht. Da steht in der kleinen Stadthausdiele auf der Treppensäule frei im Raume die Gestalt eines Bergmanns mit dem Wappen der Stadt und einem großen Hammer über der Schulter, der Sohn der alten Bergstadt, der über ihr Wohl und Wehe, über Recht und Ehre Wacht hält. Da hängt an der Wand das eiserne Kreuz, welches 1915 opferbereite Hände nagelten.
»Dies Denkmal eisenharter Zeit,
gehüllt in schlichtes Eisenkleid
künde der Heimat Dankbarkeit«
ist sein Widmungsspruch.
Welche Gedanken und Erinnerungen werden da lebendig. Dinge, die keine Geschichte haben? Ach, wir haben Geschichte erlebt, daß uns das Herz stolz und groß und doch wieder weh und wund wie von sieben Schwertern wird. –
Ein großes Schlachtenbild von 1870 hängt dort an der Wand, wo stolz der Kommandeur mit seinen Offizieren hoch zu Roß auf der Höhe hält; die besiegten und gefangenen Franzosen ziehen ab, und Sieg klingt es wie mit jubelnden Fanfaren aus dem Bilde. Wir haben Geschichte erlebt!
Einst hing dieses Bild im Kasino der Offiziere des Freiberger Jägerbataillons Nr. 12, das ruhmbedeckt aus dem Weltkriege heimkehrte. Das Offizierkasino ist nicht mehr. Das Rathaus nahm das Bild als Zeugen ruhmreicher Tage des der Stadt so eng verbundenen Bataillons in treue Verwahrung. Unser Herz ist stolz und wund!
Unten im Rathausflur ist die große Ehrentafel mit den Namen derer, die treu im Dienste der Stadt gestanden, ihr Leben dem Vaterland geopfert haben. Lang sind die Reihen, zahlreich die Namen, welche uns die Treue bis in den Tod für Vaterland und Heimat predigen. Eine trauernde Mutter mit ihrem Säugling im Arm als Sinnbild der verlassenen Familie, ein bärtiger Krieger mit Stahlhelm in der Hand, das Sinnbild des treuen Kameraden, stehen links und rechts von den Namen der dreiteiligen Tafel. Unser Herz ist wund, wenn wir ihrer gedenken, und an das deutsche Leid, die dunkle Zeit seit jenen Tagen, doch wenn wir zurückschauen in unsere Geschichte, die Geschichte der Heimat, deren stummer Prediger auch das alte Freiberger Rathaus ist, dann spüren wir die Gewißheit, daß aus dem Heimatboden und der Heimatliebe neue Kraft emporwachsen wird.
Die Freiheit und das Glück der Heimaterde kann nur aus dem Heimatgeist geboren werden. O Heimat, Heimat, wann wirst du erwachen, wann wird dein Tag kommen und neuer Heimatstolz deinem Morgen lachen?
Wir stehen wieder auf dem Obermarkt und um uns hastet, lärmt und eilt das tägliche Leben. Da hebt das Häuerglöckchen vom Petriturm, der hoch in den Markt hereinschaut, zu rufen und zu klingen an, so wie seit Jahrhunderten seine helle Stimme mahnend über die Straßen, die Dächer und Giebel ging. Mitten im lärmenden Leben drängender Gegenwart faßt uns der Zauber der Vergangenheit, der Zauber der alten Stadt, welcher Geschichte und Kunst, Bergmannsleben und Bürgerkraft einen besonderen, eigenartigen Charakter gegeben hat.
Glück auf! Glück auf! Du alte getreue Bergstadt! Hüte deine Vergangenheit, dann blüht dir der Segen der Zukunft!
Was der Petriturmknopf erzählt.
Eines Tages schaute aus der obersten Turmluke hoch über den Glocken des hohen Petersturmes ein Mann heraus. Das war ein seltener Besuch dort oben in luftiger Höhe, und erregt flatterten und kreischten die Dohlen um den funkelnden goldenen Turmknopf und die knarrende Wetterfahne. Was wollte dieser Eindringling dort oben im Reiche der Dohlen, der Schwalben und Fledermäuse, hoch über den Glocken, wohin nicht Treppe noch Leiter führt, sondern nur gefährliche Kletterkünste über den Bronzeleib der Glocken, durch Streben, Stiele, Sparren und Gebälk?
Im Sturme hatte die Spitze des Turmes geschwankt, und die Wetterfahne mit dem eisernen Gestänge hatte sich geneigt. Heute fand der Zimmerpolier Dietrich, daß das Holzwerk des »Kaiserstils«, welcher die eiserne Spille der Wetterfahne und des Turmknopfes trägt, morsch geworden und ihr Absturz möglich war. Da galt es denn, die Turmspitze über den Glocken zu erneuern, denn auch Streben und Sparren hatten gelitten. In schwindelnder Höhe schoben sich nun Balken und Streben, Stiele und Zangen heraus und fügten sich zu kühner, luftiger Konstruktion, anzuschauen von unten wie ein zierliches, feines Gespinst, das die Konturen der schlanken Spitze umhüllte und in dem die Männer wie kleine Spinnen kaum sichtbar umherstiegen.
O wie weit und wie frei ist von dort oben der Blick! Auf dem Turmknopf hab ich gestanden und über die Wetterfahne weggeschaut in blaue, unendliche Fernen, in schimmernde Sehnsuchtsweiten, wo Erde und Himmel eins sind, und habe jäh hinabgeblickt in die Tiefe unten, in die Straßen und Höfe der Stadt, wie in dunkle Gräben und Schächte, so eng und so klein, in denen geschäftiges Ameisenleben wimmelt, so fern und so fremd uns und so sonderbar und zwecklos uns scheinend, als wären wir in einer anderen Welt, als schauten wir von einem Stern, als ein von Erdendruck und Zwang befreiter Geist.
O ihr Ameisen dort unten im Schatten, was rennt und eilt ihr hin und her, der eine hier sein Ziel, der andere dort seinen Weg suchend, ruhelos hier im Gewühl sich drängend und stoßend, rennend dort den Nachbar überholend, mit den Augen gebannt auf die niedrige Enge, die dumpfen Gassen und selten einer den Blick in die Höhe, zum Lichte, das über jeder Dunkelheit und Enge wartet. O, ihr Ameisen dort unten im Schatten, jede ein Menschenschicksal, jede mit dem Verlangen nach Glück und jede mit der Saat der Schmerzen und des Leides in der Seele, jede mit hundert Banden an die Erde gefesselt, und jede doch mit heimlicher, oft unbewußter stummer Sehnsucht, über dies Dunkel sich zu erheben: Des Himmels blaue Kuppel steht über euch! Er ist das hohe Dach der engen Gassen, er ist das hohe Dach auch für das engste Leben! Hebt nur die Augen empor aus dem Zwang der dumpfen Höfe eures Schicksals, und eure stumme Sehnsucht wird Flügel gewinnen, die euch emportragen. Greift nur zu und packt mit den Armen eurer Seele und drückt an die Brust, was euch, ja jedem von euch, die Heimat und der Himmel der Heimat bietet und geben kann an tiefem Erleben von Schönheit und innerem Glücksbewußtsein: Alles ist dein, was dein Herz sich zu eigen macht, dann fühlst du es: Der Wald rauscht nur für dich allein, die Wiese lacht nur dir mit ihrem leuchtenden Grün und bunten Blumen, dir schmettert der Vogel sein Lied, dir raunt der Bach mit seinem Plaudermund seine trauliche Melodie, für dich segeln am Himmel die Schiffe der Sehnsucht mit schimmernden Segeln, die ziehenden Wolken, für dich wandern die funkelnden Sterne durch die schwarzen Abgründe des Weltalls von Ewigkeiten zu Ewigkeiten, für dich baut sich Berg und Tal und blauende Ferne, das goldene Ährenfeld und die purpurne duftende Kleebreite, die Pracht des Winters mit seinen stillen, reinen Wundern und kristallenem Zauber an Halmen und Zweigen, dein, dein ist die Heimat, dein alle ihre Herrlichkeit, und dich macht sie reich, deine Augen helle, dein Herz froh und stolz und deine Seele rein und edel. Laßt nur durch enge Gassen und dumpfe Mauern die Seele nicht enge und dumpf, nicht dunkel und klein werden. Vergeßt nicht im Ameisengewimmel und Tagesgewühl von den köstlichen Einsamkeiten der Heimat zu schmecken und ihre heilige reinigende Kraft in euch zu trinken. Auch über dunklen Gassen steht der blaue Himmel und er ist dein, wenn du mit deiner Seele dich zu ihm erhebst. –
Es saust der Wind in starken Stößen, als wollte er den einsamen Träumer von seinem Stern, von seinem luftigen Standpunkt, dem höchsten Punkte der alten Bergstadt, herunterwehen, und Schwalben schießen sirrend und schwirrend vorüber, wie stahlblaue und silberne Pfeile. Wollen sie necken und spotten, daß der Träumer doch keine Flügel hat?
Aber unsere Blicke trinken die Ferne. Dort die blauen Linien der Bergzüge duftiger und duftiger in fernen Himmeln versinkend, ertrinkend, dort die dunkleren Wogen des Tharandter Waldes. Dort, wie ein ungeheures, buntes Tuch über die steigenden und fallenden Wellen des Landes gezogen, wie lebend, mit leisem Atem sich hebend und senkend, die Felder und Wiesen, die Äcker und Fluren in allen Tönen von Grün zum Braun, von Blau, Violett und Gelb, Wälder und Bäume, darin Hügel und Halden, Häuser und Höfe und Dörfer wie wunderfeines Spielzeug eingestreut, Teichspiegel blitzend wie Silberfunken, schimmernde Straßen wie leuchtende Bänder mit dem dunklen Perlensaum der Bäume, Wolkenschatten fliegen, bald leuchtend und lächelnd, bald ernst und trübe, bald hell in Freude, bald dunkel in Schwermut. Über alles gespannt so hoch und licht und weit des Himmels blauseidenes Zelt in dem die silbernen Wolken wie selige Gestalten einherziehen. Die blaue Erdenferne, die blaue Himmelsferne hat mich verzaubert. Ich stehe auf dem goldnen Knopf, auf meinem Stern im Mittelpunkt der Welt, außerhalb der armen Erde hoch im Licht, und um mich dreht sich Himmelsferne wie eine leuchtende Glocke von schimmerndem Opal und der schwebende Reigen träumender Wolken hebt über alles Irdische empor, und die blaue Erdenferne grüßt im ungeheuren Rund von aller Erdenschwere befreit in einer leuchtenden Schönheit, die sich in Sehnsucht wandelt und die Flügel der Seele spannt zur Unendlichkeit. Ich schaue nur empor in die blaue Gottesferne und grüße die Wolken, die stillen Gefährten der Höhengedanken, die schwebenden Wandrer des Lichtes. Ihr Wolken dort oben, wie nahe bin ich euch, als schwebte ich mit leise tragender Schwinge in eurer schimmernden Schar, wie seid ihr das Bild menschlicher Sehnsucht, menschlicher Träume! Aufsteigend, schwebend, dahinziehend in ziellose Ferne, zur Sonne sich erhebend und selig zerfließend im Licht, neu sich schließend zu leuchtenden Gestalten, zwischen Himmel und Erde wandernd. In Farben sich wandelnd, zu Purpur und Gold, zu Silber und Schwarz, zu blauem Sammet und rosenfarbener und blaßblauer Seide, vom Lichte strahlend durchwirkt, von Goldfäden zart durchsponnen. Ruhelos und ewig wechselnd, bald dunkel und schwer wie ein lauerndes Schicksal, bald silbern und glänzend wie strahlende Erfüllung, bald zart und schimmernd wie träumende Erwartung, bald jagend und eilend wie trotziges Begehren, bald stille rastend wie wunschloses Glück, bald sich ballend und türmend zu goldenen Gipfeln mit sehnsuchtsblauen Tälern, bald wandernd wie zarter Schaum ziehender Wogen, die aus dem tiefen Blau der Unendlichkeit quellen und wallen, wie weichen Nebels Spitzengeriesel fließend und fallend, immer neu und nimmer Ruhe, immer wechselnd und nimmer bleibend, zwischen Himmel und Erde wandernd, steigend und sinkend, werdend und vergehend, – menschlicher Seelen, menschlicher Sehnsucht Gleichnis und Abbild seid ihr dort oben, ihr Wolken des Himmels, ihr Wolken der Erde, euch fühle ich mich nahe, ihr schwebenden Wandrer des Lichts.
»Kein Herz kann sie verstehen,
Dem nicht auf langer Fahrt
Ein Wissen von allen Wehen
Und Freuden des Wanderns ward.
Ich liebe die Weißen, Losen
Wie Sonne, Meer und Wind,
Weil sie der Heimatlosen
Schwestern und Engel sind.«
Hermann Hesse.
Aus der Stadt dort unten dringt kaum ein Laut herauf zu meinem Stern. Nur ein fernes Summen und Sausen eint sich mit der großen Harmonie der Schöpfungsmelodie, welche aus den tausend Stimmen des Lebens und der Natur emporrauscht und mich umflutet. – – – –
Wie lustig sind die Dächer in der alten Stadt in der Tiefe zu unseren Füßen, welche der grüne Ring der Promenaden auf dem Gelände der alten Gräben und Wälle umgibt. Rot und braun, schwarz verräuchert und violett getönt, bei aller Buntheit eine fröhliche Harmonie in Ziegelfarben auf steilen Dächern. Hie und da ein Treppenturm dazwischen mit geschwungener Haube oder Kegeldach, oder dort ein kecker Giebel. Dort wieder stehen wie schweigende Hirten inmitten wimmelnder Herde die großen Gestalten der ragenden Türme von St. Nikolai, der Donatsturm, der Rathausturm und in breiter Masse gelagert des ehrwürdigen Doms mächtiger Bau und dort die klotzigen Mauern, breiten Dächer und der Rundturm des Schlosses Freudenstein mit spitzem Kegeldach. Blau kräuselt sich der Rauch empor und zerfließt in der klaren flimmernden Luft. Weiße Taubenschwärme flattern über die Dächer dahin. Ein aufgeschlagenes Buch ist uns die Stadt, in dem die Züge der Straßen hier so gerade und rechtwinklig sich schneidend, dort in unregelmäßiger Krümmung scheinbar regellos sich windend die Zeilen sind, aus denen wir Geschichte lesen. Das eine ist die Stadt, welche Otto der Reiche baute, dessen Denkmal wie ein Tafelaufsatz mitten auf blanker Tischplatte dort unten auf dem rechteckigen Obermarkt steht, das andere ist die Sächsstadt, die Stätte des alten Christiansdorf, der alten Siedlung, aus welcher die freie Bergstadt emporwuchs. Was der grüne Promenadenring umschließt, das ist die alte, freie, getreue Bergstadt, von deren Glück und Leid, Geist und Leben, Kraft und Treue in alter Zeit uns Andreas Möllers Chronik von 1653 so stolze, ruhmreiche Dinge zu berichten weiß.
Über den Dächern, Giebeln und Türmen, über den alten Wällen, Gräben und Mauern liegt der Zauber der Geschichte und der Sage, liegt der träumerische, anheimelnde Reiz der alten Stadt, welche Jahrhunderte kennt, welche Geist und Schicksal hat, welche sicher auf heimatlichem Grunde ruht, wie eine steinerne Riesenblume aus Jahrhunderten herangeblüht und in weitere Jahrhunderte hineinwachsend aus Felsengrunde dem Lichte entgegen.
Es ist mir, wie ich auf die alte Stadt herniederschaue, als blickte ich tief hinein in ihre Seele und hinab auf ihre Geschicke und sähe Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden für ihre alte Heimatstadt, die Stadt, die heute noch der Ausdruck ihrer Seele ist und bleiben soll. – – –
Die Turmspitze ist nun erneuert und verspricht wieder 100 Jahre und mehr unter dem Schutze der neuen kupfernen Dachhaut Sturm und Wetter zu trotzen. Der goldene Turmknopf funkelt hell und blitzend im Sonnenschein. Er scheint ein schweigsamer Geselle zu sein und nicht ohne weiteres zur Zwiesprache aufgelegt, wenn die Schwalben um ihn her schwirren oder die Dohlen ihn umschreien. Er will auch nicht mit jedem sprechen, den nur die Neugier juckt. Seine Höhengedanken sind schwer zugänglich für den, der nicht in die Tiefe dringen will, oder nicht Welt, Leben und Seele aus der Höhe beschauen will.
Die Wetterfahne ist schon lebendiger und gesprächiger. Wenn der Wind sie dreht, dann klingt wohl das Sprüchlein, das auf ihr angebracht ist und mit dem Hugo Meeser bei seiner kühnen Turmknopfbesteigung ohne Gerüst zur Fahnenreparatur sich einst verewigte:
»Mußt durch die Zeit du sehr auch leiden
Mit Gott hab ich dich jung gemacht.
Drum drehe dich der Stadt zur Freude
Sei stets auf guten Wind bedacht.«
Hugo Meeser,
Mechaniker, Freiberg.
Gesprächiger sind auch die Glocken tiefer unten, deren hallender Mund über die Stadt täglich eherne Klänge dröhnen läßt. Die Läuteglocke von 1570 ruft zum Kirchgang mit dem Spruch:
»Mein Klang ruft dich zum Kirchgang, merks Wort,
Gott dank, sing Lobgesang.«
Das Bergglöcklein aber ruft zur Arbeit mit vertrautem Klingen:
»Auf auf zur Grube ruf ich euch,
Ich, die ich oben steh,
So oft ihr in die Tiefe fahrt,
So denket in die Höh!«
»In die Höhe denken« tut uns allen heute mehr denn je not, und dem, was die Glocken uns sagen und erzählen können, sollte man wohl gerne lauschen, denn Leben und Dasein des einzelnen Menschen, wie von Stadt und Volk, sind von ihnen durchklungen und sind begleitet von ihren ehernen schwingenden Schritten hin und her.
Der Turmknopf dagegen, so hoch erhaben über den Glocken, besitzt den Stolz und die Verschlossenheit der Einsamen und ist ein schweigsamer Geselle. Er schaut sich still die närrische Welt von oben an, und selten, selten öffnet er den schweigsamen Mund. Doch als ich bei ihm oben war, hat er doch manches mir ins Ohr geraunt. Manches, was ich da erlauschte hoch über dem Brausen der geschäftigen und ach so kleinen Welt da unten, und was er so lange schweigend bei sich bewahrte, gibt einen Höhenblick über Zeit und Menschen, als stünden wir bei ihm auf der Spitze oben an der Wetterfahne und sähen den Geist der alten Stadt an seinem Schicksal weben, als sähen wir die Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden. Wie manche Menschen scheint zwar der brave Knopf zu sein: »Außen blank und blendend, innen nichts, hohl und leer!« Doch nein, »er hat es in sich!« Wenn er auch nur vielleicht alle hundert Jahre einmal spricht, und man ihm dazu erst recht energisch auf seinen runden Leib rücken muß, um ihn zum Reden zu bringen, so ist doch das, was er dann sagt, um so bemerkenswerter, denn Stimmen und Geister von Männern und Geschlechtern früherer Jahrhunderte werden lebendig und steigen empor aus enger Haft und reden von dem, was Ihnen einst wichtig war. – – –
Eine alte gute Sitte ist es, in Grundsteine, Schlußsteine, Turmknöpfe bemerkenswerter Gebäude, Urkunden einzulegen und mit ihnen Zeugnisse über die Zeitverhältnisse, Proben von Geldmünzen und was etwa besonders bemerkenswert erscheint. Diese Dinge müssen gut verwahrt sein, denn bei dem Wechsel von Frost und Hitze und der Möglichkeit von Zutritt von Feuchtigkeit z. B. als Schweißwasser würden die Urkunden sonst bald zerstört sein. Man verwahrt sie darum in besonderen metallnen Kapseln, die verlötet oder verfalzt und dann dem Turmknopf einverleibt werden. Im Jahre 1580, als die ersten Urkunden in unseren Turmknopf eingelegt wurden, beachtete man dies nicht. Die Urkunden sind daher fast ganz zerstört und nur dadurch z. T. erhalten, daß sie im Jahre 1803 in die Kapsel mit aufgenommen wurden.
Der Turmknopf des hohen Petersturmes ist eine Hohlkugel aus Kupferblech von 70 cm Durchmesser, d. h. von einer Größe, daß zwei Knaben von 10 Jahren darin zusammengekauert Platz fanden, als bei der Erneuerung sein goldenes Kleid neuen Glanz erhalten sollte und er auf die profane Erde dazu herniederstieg. Zwei kupferne Kapseln zylindrischer Gestalt von etwa 35 cm Länge waren sein Inhalt, welche Urkunden auf Pergament, Drucksachen und in besonderen kleinen Behältern Geldmünzen enthielten. Die Urkunden stammen aus den Jahren 1822, 1803, 1731 und 1580. Der Inhalt der Urkunden ist einander ziemlich ähnlich. Er behandelt zunächst die Gründe der Ausbesserungsarbeiten, dann die Zusammensetzung des Rates und schließlich die Preise von Lebensmitteln und einige Zeitereignisse, die besonders bemerkenswert erschienen. Die älteste Urkunde von 1580 auf Pergament ist stark beschädigt und nur schwer noch leserlich. Diese Urkunde beginnt: »Anno Domini. Tausendfünfhundertundachtzig, als man die Spize auf den runten Thurm zu St. Peter renoviret, den Knopff neu vergoldet, und gewahr wurde, daß die Spize uf den andern und höchsten Thurm auch wandelbar ward, hat man die aus Noth anderthalben Ellen oben herab abschneiden müssen, denn die Spille so hoch uf der einen Seiten gar verfaulet war, so lang hat man Nikol Schmiden einen Bergschmid, uf der Peterstraßen, so allerhand künstlich Schmiedewerk machen können, wiederumb einen eisernen Schuch und Stange machen lassen.« Der wackere Bergschmied bewährte seinen Ruf. Er schmiedete einen Engel mit einer Armbrust und brachte ihn über dem Knopfe an. Leider fing dieses Schmiedewerk zu viel Wind, so daß es 1589 herabgenommen und durch die Fahne mit dem Stadtwappen ersetzt wurde. Es war die Zeit des Kurfürsten August, des »Vater« August und der »Mutter« Anna, aber doch wird in der Urkunde über die Zeit geklagt: »zu dieser Zeit waren diese Lande, sowohl die Bischoffthümer harte betränget, mit dem Wildpret von Hirschen und wilden Schweinen, deren in großer Anzahl in diesen Landen gehegt waren. Man mußte auch von jeden Fasse Freybergischen Biere 22 gr. Tranksteuer und 27½ gr. Ungeld geben, dadurch die Leute gar verarmeten und große Wehklagen unter dem Volke war, denn man muste von jedes Kandel Wein über die Tranksteuer 2 Pf. Ungeld, und von einer Kandel Bier 1 Pf. geben. War hierzu große Theurung, man muste um Pfingsten einen Scheffel umb 5 alte Schock bezahlen usw.«
Dieser Stoßseufzer aus schweren Herzen, der dem verschwiegenen Innern des höchstgestellten Knopfes der Stadt anvertraut wurde, zeigt, daß die Landes»kinder« doch wohl nicht mit ihrem Landes-»Vater« und -»Mutter« ganz einverstanden waren, sondern auch die Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf ballten. Es wirft diese Klage auch ein helles Licht auf die Jagdleidenschaft des Kurfürsten, dem das Wohl des Wildes bei weitem höher stand als das Wohl des Bauern. Die Jagdstrecken der alten weidwerksfrohen Wettiner waren ja so ungeheuerlich groß, daß man ebenso staunen muß über den Wildreichtum des Landes wie über die Zeit und das Geld, welche die Fürsten dieser Leidenschaft opferten. Wo gar einem hohen Gaste eine Jagd geboten wurde, scheute man nicht vor verschwenderischem Aufwand zurück, um durch glanzvolles Schauspiel zu blenden. August I. hielt in Lichtenburg eine Jagd mit dem Könige von Preußen im Jahre 1730 ab: Alle Jäger erhielten dazu neue Uniformen und silberne Hifthörner, auch sogar die Treiber grüne Westen und Schärpen aus »Silberlahn«. Für die höchsten Herrschaften war ein hölzernes Jagdschloß mit vergoldeten Simsen und Fensterrahmen erbaut. Man erlegte an diesem Tage an 600 Hirsche und Rehe und über 400 Keiler, Bachen und Frischlinge. Es fällt uns hierbei die ungeheure Zahl des Schwarzwildes auf, das aus sächsischen Forsten jetzt wohl fast ganz verschwunden ist. Welchen Schaden mögen diese Wühler den Feldern der Bauern zugefügt haben!
Der Jagdgast in Lichtenburg war der strenge, sparsame Vater Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm I. Es war das für Vater und Sohn so furchtbar tragische Jahr, in welchem Friedrich in Küstrin gefangen saß und sein Freund Katte zum Tode geführt wurde, der Riß zwischen Vater und Sohn am tiefsten und schmerzlichsten war, ja unheilbar schien. In dieser düsteren Tragik die silbernen Hifthörner von Lichtenburg und der leichtsinnige Tand und die wilde Genußsucht Augusts des Starken, ein seltsamer Gegensatz, so scharf wie der Unterschied zwischen der Auffassung von Königsberuf und Herrscherpflicht bei diesen beiden Männern. –
Aus dieser Jagdleidenschaft, welche alle alten Wettiner mehr oder weniger beherrschte, und der rücksichtslosen Pflege des Wildes, läßt sich ermessen, wie »harte betränget« namentlich der Bauer und gemeine Mann gewesen sein mußte. Und dazu das Bier und der Wein so hoch besteuert, daß man nicht mal seine stille Wut ertränken konnte! Da war die heimliche Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf der letzte Ausdruck nicht sehr untertäniger Gefühle sogar zur Zeit und im Lande des »Vater« August und der »Mutter« Anna, und nach heutigen Begriffen nicht ganz unberechtigt!
Als bemerkenswertes Ereignis wird in unserer Urkunde weiter noch folgendes erzählt: »Im Junio diss Jahr, stach Hanss Harrer, Churfürstl. Kammermeister zu Dresden im Schlosse, ihme mit des Churfürsten Taffel Messer, selbst die Gurgel dreymahl entzwey, ward vermutet, er hätte helffen das Ungeld aufbringen, hat aber den Pfeffer Handel in diese Lande bracht, und viel Rotte von Augspurg, der ihn darauf geführt, aufgestanden und Pankrott gemacht, hat er Ihme in die 70 bis 80 tausend Gulden mitgenommen.«
Bei der Aufzählung der Ratsmitglieder fällt auf, daß eine Reihe von ihnen nicht aus Freiberg stammte. Da ist der Bürgermeister Kilian Steck, von St. Gallen, der Kamerer Ludewig Budewitz von Erfurt, Hanß Pocksch von Pauzen, Jakob Heindel von Lengefeld, Adam Bellmann, der gelehrte Stadtschreiber, welcher die Urkunden verfaßt hat, stammt von Sayda. Er setzt seinem Namen den Sinnspruch bei: Virtuti fortuna comes, auf deutsch »Das Glück begleitet die Tüchtigkeit« oder »Jeder ist seines Glückes Schmied«. Er war also anscheinend von seiner Tüchtigkeit und seinen Erfolgen sehr überzeugt. Seinem Ratskollegen Christoph Rudolf von Leisnig gibt er auch ein paar lateinische Worte mit: »Dieser war so arm, ut hostiatim quereret eleemosinar«, d. h., daß er um Almosenopfer bat. Soll diese Bemerkung für Christoph Rudolf eine Auszeichnung sein oder einen Makel bedeuten? – Im Bergamt regierte »Herr Wolff von Schönberg, uf Reinsberg« als Berghauptmann. Oberbergmeister war Martin Planer. Martin Planer war ein berühmter Mann, ein hervorragender Techniker, der durch seine Tüchtigkeit dem Bergbau großen Nutzen bis auf den heutigen Tag gebracht hat. Er hat die großen Teiche im Hospitalwalde, den Hüttenteich, Erzengler und Rotbächer Teich angelegt, in welchen er das Wasser für bergbauliche Zwecke als Kraft aufstaute. Die Planersche (Kannegießer) Wasserleitung, die aus dem Hospitalwalde kommt, führt heute noch seinen Namen. Er führte im Bergbau die Wasserhaltung durch Kunstgezeuge ein, während bis zu seiner Zeit das Wasser durch Göpel und Haspel, Pferde und Knechte mit Kübeln bewältigt wurde. 38 Zeuge hat er so eingerichtet, und er rechnet in einer Aufstellung aus, daß er dadurch jährlich 102 400 fl. 8 gr., das sind rund 650 000 Mark an Betriebskosten erspart hat. In Posern bei Weißensee und in Artern hat er Salzwerke angelegt. Der berühmte Brunnen auf der Augustusburg, 170 m tief in den Felsen getrieben, ist von ihm erbaut. Auch am Ausbau des Schlosses Freudenstein in Freiberg, das als prächtiger Renaissanceneubau unter Hans Irmischs Leitung der Fertigstellung entgegenging, mag er nicht unbeteiligt gewesen sein.
Noch andere bekannte Namen aus der Freiberger Geschichte werden in unserer Urkunde genannt. Michael Schönleben der Ältere, Oberhüttenverwalter, und Michael Schönleben der Jüngere, Hüttenreuther. Sie sind die Vorfahren des Bürgermeisters Jonas Schönlebe, der Freiberg gegen die Schweden verteidigte und die Bergmannskanzel im Dom stiftete, und dessen Wappen heute noch an ihrem ehemaligen Hause, Obermarkt, Ecke Erbische Straße von dem alten Geschlecht redet, das dort für Freiberg lebte und arbeitete. – Schließlich erwähnt die alte Urkunde das, was in dieser Zeit gesteigerten religiösen Lebens und religiöser Kämpfe alle Gemüter besonders bewegte, die Einigung auf die sogenannte Konkordienformel: »Diese Zeit war die reine heilsame Lehre, wie der Hr. D. Martin Luther seel. durch den heil Geist ans Tage Licht bracht, sehr gefälschet, dadurch Churfürst Augustus, der Gottes Wort lieb hatte, geursacht, uf Wege zu denken, damit die Verführer ausgerottet, und das Göttl. Wort lauter und klar, rein erhalten würde, ließ die alte Augspurgische Confession ufs neue drucken und ward ein Buch gemacht, welches man die Concordiam nennete, welches viel Chur- und Fürsten im Reiche unterschrieben, und alle Vornehme Theologen im Lande. Gott helf, daß es wohl gerathe, und das Göttliche Wortt bis an der Welt Ende bey uns bleibe.« – – –
Doch wir wollen uns nun der Erneuerung von 1731 und ihrer Urkunde zuwenden. 150 Jahre stand die Peterskirche stolz und sicher. Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges und die zweimalige Belagerung und Beschießung Freibergs hatte sie ohne Schaden überstanden, da traf sie ein furchtbares Geschick. Unsere Urkunde berichtet: »Anno Christi. Ein Tausend Sieben Hundert und Acht- und Zwanzig den 1. May an einem Sonnabend, ist allhier in der Stadt Freyberg auf der Petersgasse in Johann Jakob Schossens, eines Böttgers Hause (No. 6) vermutlich durch Fahrlässigkeit eine Feuersbrunst entstanden, welche jähling um sich gegriffen, und überhand genommen, daß nebst 16 in die Asche gelegten Bürgerhäusern auch die Kirche zu St. Petri mit dem höhesten Turm und den runden sogenannten Hahnsturme in den Brand geraten und gänzlich verdorben, darbey aber der Glockenthurm noch unverletzet stehen blieben.« Wie an anderer Stelle berichtet wird, löschte man zwar von außen her ein paar mal von den Türmen, aber leider war in der Kirche aller Rat und Hilfe vergebens. Der damalige Superintendent D. Wilisch, welcher vor dem Altar auf den Knien betend lag, mußte samt den übrigen Anwesenden der Gefahr wegen, sich zurückziehen, und diese so schöne Kirche ward »mit allen ihren inwendigen Gemählden und Denkmählern ein Morgenopfer der wüthenden Flammen«. »Um Mittag brach das helle Feuer bey dem hohen Thurme heraus und nach etlichen Stunden zerschmolz die Saigerschelle; der Knopf aber samt seiner Spindel fiel in die Frühpredigerwohnnung durch das Dach, jedoch ohne zu schaden.« Außer den stark zerstörten Umfassungsmauern und dem Glockenturm blieb nicht viel von der Kirche übrig. Sie mußte fast völlig neu aufgebaut werden. Unsere Urkunde sagt dazu: »E. E. Rath hat sobald zu Wiederaufbauung der abgebranden Peterskirche sorgfältige Anstalt gemachet, daß die äuserlichen Mauern um in den Schiffe, in der Höhe mehreren Plaz zu gewinnen, annoch in besagten 1728ten Jahre erhöhet, das Sparrwerk darauf gesezet, Ao. 1729, im Chore das alte Gewölbe, welches nach der zwar anfangs gemachten Hoffnung, nicht zu erhalten gewesen, abgetragen, und ein neues geschlossen, ferner ao. 1730 im Schiffe das alte Gewölbe gleichfals abgetragen, Vier neue steinerne Pfeiler von Grund aus, aufgeführet, und ein neues Gewölbe verferttiget, auch die Fenster allenthalben adaptiret, in diesen 1731 Jahr aber, die Kirche inwendig abgepuzet worden. Hiernechst hat man bey dem eingeäscherten großen Peters Thurme zu Erhaltung des Mauerwerks anno 1728 nur einen Schauer aufgesezet, anno 1730 das Mauerwerk am Gesimsse ausgebessert, mit großen neuen Ankern befestiget, und die hölzerne Haube glücklich gehoben, solche auch ao. 1731 vollends ausgebauet, und mit Kupffer gedecket, worauf heute den 6. July ao. 1731. Der große Knopff aufgestecket, und diese Nachricht vor die liebe Posteritaet mit eingeleget worden.«
In dem Berichte unserer Urkunde folgen nun die Namen von Kaiser, König und Prinzen, von den Ratsmitgliedern, Stadtgeistlichen und den Beamten des Bergamtes mit ihren alten schönen Titeln. Dann wird über das kirchliche Leben berichtet und daran erinnert, daß im Jahre zuvor (1730) das zweihundertjährige Jubiläum der Augsburgischen Konfession gefeiert sei: Hierüber ist von diesem Jahre anzumerken gewesen: »In Ecclesiasticis, daß man Gott sey gepreiset alhier zu Freyberg mit der Protestantischen Kirche das Wort Gottes, rein und lauter prediget, die beyden heil. Sacramente nach ihrer Einsetzung administriret, und von andern Gottes Dienst, oder Religion nichts weiß, vielmehr bey der unveränderten Augspurgischen Confession in völliger Gewissens-Freyheit geblieben, auch in abgewichenen 1730 Jahre, das andere Evangelische Jubileum hochfeyerlich begangen habe.«
Kurz wird über die Bergwerke u. a. berichtet: »Das Bergwerk ist unter Göttl. Seegen aniezo in guten Flor und Aufnehmen.
In was vor Werth die Kuxe stehen, solches besagen die beygefügten Ausbeuth-Zeddul.« Zum Schluß der Urkunde wird über den Holzmangel bei den Bergwerken geklagt: »indem der Preiß desselben bey dem gemeinen Einkauf gegen eine Zeit von 10 bis 12 Jahren noch einmal so hoch gestiegen, daß man deswegen auf Künfftigen Zeiten sich allerhand Besorgniß machet. Jedoch auch hierbey Göttlicher Providenz vertrauet.« –
72 Jahre bis zum Jahre 1803 blieb der Turmknopf unberührt. Da meldete der Türmer auf dem hohen Petersturme, Johann Gottfried Drese, »daß ihm bey Zerstörung eines Dolennestes in der obersten Kuppel dieses Turmes faules Holz in die Hände gefallen sey«. Die nähere Untersuchung ergab zwar keine Einsturzgefahr, jedoch mußten größere Erneuerungsarbeiten vorgenommen werden. Als die Kapseln für die alten Urkunden geöffnet wurden, ergab sich, daß Feuchtigkeit eingedrungen war, obschon sie fest verlötet schienen, und den Inhalt beschädigt hatte. »Auch eine steckende Dunst verbreitete sich, wovon die Schriften und selbst die beygelegten Münz Sorten einen sehr heftigen Gestank angenommen hatten; da hingegen die im Knopfe ohne besondere Verwahrung aufgefundenen Druckschriften fast ganz verfault befunden wurden.« Auch hier wird über Teuerung geklagt. Es wird »bey den immer höher steigenden Preisen aller Lebensmittel, ein zunehmender Verfall der bürgerlichen Nahrung bemerket, so, daß für die Zukunft, wenn nicht dem städtischen Gewerbe durch kräftige Maasregeln aufgeholfen wird, sehr traurige Zeiten zu befürchten sind«.
Freiberg hatte 1802 eine Einwohnerzahl von 8299 Personen.
Nach kurzer Zeit, nach nur 17 Jahren, bereits im Jahre 1820, mußte die Spitze des hohen Petriturmes aufs neue einer Ausbesserung unterzogen werden. Es stellte sich heraus, daß das Gebälk stark verfault war und Einsturz drohte. Es wurde daher »die Thurmspitze über dem Durchsichtigen mit langen hölzernen Schienen belegt, mit eisernen Ketten und starken Seilen zusammengeschnürt, und nun mit größter Behutsamkeit, aber auch mit unaussprechlicher Gefahr die Fahne, der Knopf und die eiserne Spindel abgenommen«. »Der Thurm wurde dazu vom Durchsichtigen aus, äußerlich fünfmal übereinander, in 26 Ellen Höhe berüstet.« In dieser Urkunde werden auch einige historische Notizen gegeben. War doch die Zeit der Fremdherrschaft und der Befreiungskriege noch frisch im Gedächtnis. Nachdem die Jahre 1803–1809 kurz behandelt sind, heißt es weiter: »Nur wenig Jahre genoß Sachsen Ruhe; denn im Jahre 1813 wurde dieses Land aufs neue von Franzosen, Russen, Preußen und Österreichern mit Krieg überzogen und unaussprechlich hart mitgenommen. Freybergs Einwohner insbesondere hatten, was schon bey den im vorhergegangenen Jahre 1812, und in den Jahren 1806, 1807, 1808 und 1809 stattgefundenen Durchmärschen zahlreicher Heerschaaren ausländischer Kriegvölker in fast unerträglicher Masse auch der Fall gewesen, durch kostspielige Verpflegung dieser Soldaten nicht nur, sondern auch durch andere, ihnen von den Heerführern und ausländischen Behörden, welche nach der Völkerschlacht bey Leipzig im Oktober 1813, und nachdem Sachsens ehrwürdiger König in fremde Gewalt gerathen war, unter dem Namen General-Gouvernement dieses Land beherrschten, aufgebürdete Leistungen unendlich viel zu dulden und die ganze hiesige Commun kam noch überdies in Gefolg dieser anhaltenden, bis in Jahr 1815 fortgedauerten Kriegsunruhen in eine Schuldenlast von nahe an 200 000 Thlr. Der 18. September 1813 war insbesondere für Freyberg ein schrecklicher Tag, indem in den frühesten Morgenstunden dieses Tags der österreichische General Scheiter mit Freyjägern und Dragonern hiesige Stadt, in welcher französische und westphälische Truppen sich eingeschlossen hatten, überfiel, wobey im Rathause ein Wachtmeister erschossen ward.«
Die Einwohnerzahl Freibergs betrug 8320 Personen, also fast genau derselbe Stand wie 1803.
Berghauptmann war zu jener Zeit Siegmund August Wolfgang Freiherr von Herder, der letzte große ungekrönte König des Bergbaues, der Sohn des Dichters Herder, der seinen Vornamen Wolfgang von seinem Paten Goethe erhalten hatte. Goethe war mehrmals bei ihm in Freiberg zu Gaste und holte sich hier Anregungen für seine mineralogischen Studien.
Den Kapseln waren auch alte Ausbeutebogen beigefügt, aus welchen die Namen längst verschwundener Schächte mit seltsamem altertümlichem Klange uns grüßen, ferner ein Stadt-, Land- und Bergkalender vom Jahre 1822 und andere Schriften.
Ein gewisser Humor liegt in der Form, in welcher der Bauschreiber des Jahres 1803 seinen Namen dem Gedächtnis zu überliefern suchte. Auf einem Pergamentblatt von Besuchskartengröße schreibt er in schöner Druckschrift: »Bauschreiber E. E. Raths war im Jahr 1803 Hr. Johann Christian Friedrich Herrmann 51 Jahre alt, mittlerer Statur, belebten Temperaments.« Dies Blättchen hat er offenbar heimlich mit eingeschmuggelt und so seine Verewigung im Turmknopf erreicht.
Besonders interessant sind die Beigaben von Münzen. Im Jahre 1803 wurden die aufgefundenen Münzen der Beigaben von 1580 und 1731 und neue Münzen in einer sehr schönen, aus Serpentin gedrehten Dose gesammelt, zusammen 26 Münzen. Sie haben zum Teil noch Stempelglanz.
Die ältesten Silbermünzen sind vom Jahre 1559 und 1580. Sie zeigen in sehr schöner Prägung, mit der sich unsere jetzigen Münzen bei weitem nicht messen können, auf der Vorderseite das Bild des Kurfürsten August mit dem Kurhut auf dem bärtigen Haupte und dem Kurschwert über der hermelingeschmückten Schulter, auf der Rückseite das einfache sächsische Wappen mit den Kurschwertern. Unter den Münzen von 1731 ist besonders bemerkenswert ein Speziesthaler von 46 mm Durchmesser mit dem Bilde des Königs Friedrich August mit lang herabwallendem Lockenhaar mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt das sächsische und das polnische Wappen unter der Königskrone. Die Münzen des Jahres 1822 sind in einer stark verzinnten Blechdose verwahrt. Es sind 13 Stück und sie zeigen fast alle noch Stempelglanz. Auf der Vorderseite das Bild König Friedrich Augusts, auf der Rückseite das sächsische Wappen. Drei dieser Münzen sind für Freiberg besonders bemerkenswert. 1. Ein Ausbeutethaler mit der Umschrift auf der Rückseite »Der Segen des Bergbaus«. 2. Ein Speziesthaler von 46 mm Durchmesser. Auf der Vorderseite das Bild des Königs in starkem Relief, matt gehalten auf poliertem Grund, auf der Rückseite das Bild der Grube Bescheert Glück mit der umgebenden Landschaft und der Umschrift: »Beschert Glück Fdgr. Ohnweit Freiberg« und der Unterschrift: »Kam in Ausbeuth im Quartal Crucis 1786 1/5 Mark Fein Silber.« 3. Eine Denkmünze von 67 mm Durchmesser vom Jahre 1818 mit dem Bilde des Königs Friedrich August matt auf blankem Grund in starkem Relief mit der Umschrift: »Friedrich August König von Sachsen seit 50 Jahren Vater seines Volks und Beschützer des Bergbaus«. Unter dem Kopf des Königs im ovalen Ring einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, das Datum »Am 15. Sept. 1818«. Am erhabenen Rande darunter stehen die Worte: »Gott seegne Sachsen«. Die Rückseite zeigt das Bild der Grube Himmelsfürst, matt gehalten auf blankem Grund, das mit seinen Fichten und Häusern sehr reizvoll wirkt. Die Umschrift lautet: »Himmelsfürst Fundgrube hinter Erbisdorf gab seit 50 Jahren 1 100 458 Thlr. 16 Gr. – Ausbeute.« Unter dem Relief ist Schlägel und Eisen angebracht und auf dem erhabenen Rande darunter die Worte: »Gott erhalte den Bergbau.«
Hundert Jahre sind vorübergezogen, seitdem diese Münzen dort oben im Turmknopf ihren Platz gefunden. Auch unsere Zeit hat in ähnlicher Art der Nachwelt kurzen Bericht überliefert und mit den Urkunden von 1822 und 1803 im Turmknopf geborgen, während die stark beschädigten Urkunden von 1580 und 1731 im Urkundenarchiv des Stadtrates aufbewahrt werden. Jedoch nicht blankes, hartes Geld nahm dieses Mal die Kapsel auf, sondern als echten Ausdruck unserer Notzeit unser Notgeld von Papier, unsere Nahrungsmittelkarten und Bezugsscheine.
Die neue Urkunde schließt mit den Worten: »Mögen, wenn einst diese Kapsel wieder geöffnet und diese Urkunde gelesen wird, glücklichere Zeiten in unserem Vaterlande sein. Möge in einem neuen stolzen Reiche ein kräftiges, tüchtiges, junges, selbstbewußtes deutsches Geschlecht in Frieden den Segen und die Früchte seiner Arbeit genießen zu eigenem Glück und des deutschen Namens Ehre!
Das walte Gott!«
Nun ist der Mund des einsilbigen Knopfes da oben wieder geschlossen, und ob die Sonne ihn mit heißem Strahl durchglüht, ob der Mondenschein mit silbernem Glanz ihn umhüllt, ob knisternd oder krachend elektrische Ströme und Funken ihn umzucken, oder ob geschwätzige Regentropfen auf seiner blanken Schädelwölbung trommeln, er wird schweigend in die Ferne schauen, einsam der Einsamkeiten tiefste schauend unter seinem Fuß, denn er ist älter als alles Leben um ihn, er sah und hörte mehr als irgend ein Auge und Ohr der vergänglichen Wesen dort unten, er muß allein sein, ein Einsamer bleiben, um von Höhengedanken beseelt seines Daseins Hochziel zu erfüllen. –
Oh, hätten wir recht viele solche Knöpfe, hoch geartet, alles überschauend, viel Inhalt, aber wenig redend!