Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1912 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen in Antiquaschrift werden, mit Ausnahme der [Buchwerbung] am Ende, kursiv dargestellt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.
Allerhand Sprachdummheiten
Die erste Ausgabe dieses Buches ist 1891 erschienen, die zweite
1896, die dritte 1903, die vierte 1908, die fünfte 1911.
Allerhand
Sprachdummheiten
Kleine deutsche Grammatik
des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Ein Hilfsbuch für alle
die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen
von
Gustav Wustmann
Gewohnheit macht den Fehler schön
Den wir von Jugend auf gesehn
Gellert
Sechste Auflage
Straßburg
Verlag von Karl J. Trübner
1912
Aus dem Vorwort des Verfassers zur dritten Auflage
Viele von denen, in deren Hände dieses Buch gekommen ist, haben es als Nachschlagebuch benutzt, als eine Art von „Duden“ für Grammatik und Stilistik. Das ist ein Irrtum. Die „Sprachdummheiten“ sind kein Sprachknecht, der auf jede grammatische oder stilistische Frage die gewünschte Antwort bereit hat, sondern ein Buch für denkende Leser, das im Zusammenhange studiert und gehörig verarbeitet sein will. Wer Nutzen davon haben will, muß sich den Geist des Buches zu eigen machen. Gewiß soll es auch der herrschenden Fehlerhaftigkeit und Unsicherheit unsers Sprachgebrauchs steuern, aber vor allem soll es doch das Sprachgefühl schärfen und dadurch das Aufkommen neuer Fehler verhüten, und seine Hauptaufgabe ist eine ästhetische: es soll der immer ärger gewordnen Steifheit, Schwerfälligkeit und Schwülstigkeit unsrer Sprache entgegenarbeiten und ihr wieder zu einer gewissen Einfachheit und Natürlichkeit verhelfen, die, gleichweit entfernt von Gassensprache wie von Papierdeutsch, die Freiheit einer feinern Umgangssprache mit der Gesetzmäßigkeit einer guten Schriftsprache vereinigt.
Vorwort zur fünften Auflage
Die fünfte Auflage dieses Buches erscheint unter veränderten Umständen.
Am 22. Dezember 1910 starb der Verfasser des Buches. Kurz darauf erhielt ich von dem Grunowschen Verlag die Aufforderung, eine neue Auflage zu besorgen. Mir lag dazu das mit Nachträgen versehene Handexemplar des Verfassers von der vierten Auflage vor und manche sonstige von ihm aufgezeichnete Einzelbemerkung. Davon ist aber nur das wenige, was den Text wirklich berichtigte oder durch ein besonders treffendes Beispiel verbesserte, in die neue Auflage aufgenommen worden, sodaß diese im ganzen der vierten Auflage gleicht.
Während des Druckes der fünften Auflage ist das Buch aus dem Verlag von Fr. Wilh. Grunow, der die ersten vier Auflagen des Buches verlegt hat, sich aber nun in anderer Richtung zu betätigen wünscht, in den von Karl J. Trübner übergegangen.
Ende September 1911
Rudolf Wustmann
Inhaltsverzeichnis
Seite | |
Starke und schwache Deklination | |
Frieden oder Friede? Namen oder Name? | |
Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke? | |
Des Rhein oder des Rheins | |
Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes? | |
Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen? | |
Kaiser Wilhelms | |
Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes? | |
Böte oder Boote? | |
Generäle oder Generale? | |
Die Stiefeln oder die Stiefel? | |
Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte? | |
Das s der Mehrzahl | |
Fünf Pfennig oder fünf Pfennige? | |
Jeden Zwanges oder jedes Zwanges? | |
Anderen, andren oder andern? | |
Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem Werte? | |
Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme? | |
Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer Gelehrter oder großer Gelehrten? | |
Das Deutsche und das Deutsch | |
Lieben Freunde oder liebe Freunde? | |
Wir Deutsche oder wir Deutschen? | |
Verein Leipziger Gastwirte – an Bord Sr. Maj. Schiff | |
Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder schwerer wiegend? | |
Größtmöglichst | |
Gedenke unsrer oder unser? | |
Derer und deren | |
Einundderselbe | |
Man | |
Jemandem oder jemand? | |
Jemand anders | |
Ein andres und etwas andres | |
Zahlwörter | |
Starke und schwache Konjugation | |
Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter | |
Frägt und frug | |
Übergeführt und überführt | |
Ich bin gestanden oder ich habe gestanden? | |
Singen gehört oder singen hören? | |
Du issest oder du ißt? | |
Stände oder stünde? Begänne oder begönne? | |
Kännte oder kennte? | |
Reformer und Protestler | |
Ärztin und Patin | |
Tintefaß oder Tintenfaß? | |
Speisenkarte oder Speisekarte? | |
Äpfelwein oder Apfelwein? | |
Zeichnenbuch oder Zeichenbuch? | |
Das Binde-s | |
ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich | |
Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer? | |
Hallenser und Weimaraner | |
Unterdrückung des Subjekts | |
Die Ausstattung war eine glänzende | |
Eine Menge war oder waren? | |
Noch ein falscher Plural im Prädikat | |
Das Passivum. Es wurde sich | |
Ist gebeten oder wird gebeten? | |
Mißbrauch des Imperfekts | |
Worden | |
Wurde geboren, war geboren, ist geboren | |
Erzählung und Inhaltsangabe | |
Tempusverirrung beim Infinitiv | |
Relativsätze. Welcher, welche, welches | |
Das und was | |
Wie, wo, worin, womit, wobei | |
Wechsel zwischen der und welcher | |
Welch letzterer und welcher letztere | |
Relativsätze an Attributen | |
Einer der schwierigsten, der oder die? | |
Falsch fortgesetzte Relativsätze | |
Relativsatz statt eines Hauptsatzes | |
Nachdem – zumal – trotzdem – obzwar | |
Mißbrauch des Bedingungssatzes | |
Unterdrückung des Hilfszeitworts | |
Indikativ und Konjunktiv | |
Die sogenannte consecutio temporum | |
Der unerkennbare Konjunktiv | |
Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit | |
Vergleichungssätze. Als ob, als wenn | |
Würde | |
Noch ein falsches würde | |
Der Infinitiv. Zu und um zu | |
Das Partizipium. Die stattgefundene Versammlung | |
Das sich ereignete Unglück | |
Hocherfreut oder hoch erfreut | |
Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes | |
Falsch angeschloßnes Partizipium | |
In Ergänzung | |
Das Attribut | |
Leipzigerstraße oder Leipziger Straße? | |
Fachliche Bildung oder Fachbildung? | |
Erstaufführung | |
Sedantag und Chinakrieg | |
Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen | |
Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen | |
Die Sammlung Göschen | |
Die Familie Nachfolger | |
Ersatz Deutschland | |
Der grobe Unfugparagraph | |
Die teilweise Erneuerung | |
Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer denkende? | |
Die Apposition | |
Der Buchtitelfehler | |
Frl. Mimi Schulz, Tochter usw. | |
Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße | |
Der Dichter-Komponist und der Doktor-Ingenieur | |
In einer Zeit wie der unsrigen | |
Gustav Fischer, Buchbinderei | |
Die persönlichen Fürwörter. Der erstere und der letztere | |
Derselbe, dieselbe, dasselbe | |
Darin, daraus, daran, darauf usw. | |
Derjenige, diejenige, dasjenige | |
Jener, jene, jenes | |
Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich? | |
Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten? | |
Zur Steuerung des Notstandes | |
Voller Menschen | |
Zahlwörter. Erste Künstler | |
Die Präpositionen | |
Nördlich, südlich, rechts, links, unweit | |
Im oder in dem? zum oder zu dem? | |
Aus: „Die Grenzboten“ | |
Nach dort | |
Bis | |
In 1870 | |
Alle vier Wochen oder aller vier Wochen? | |
Donnerstag und Donnerstags – nachmittag und nachmittags | |
Drei Monate – durch drei Monate – während dreier Monate | |
Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar | |
Bindewörter. Und | |
Als, wie, denn beim Vergleich | |
Die Verneinungen | |
Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels | |
Natürliches und grammatisches Geschlecht | |
Mißhandelte Redensarten | |
Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts – ein schwieriger Fall | |
Die fehlerhafte Zusammenziehung | |
Tautologie und Pleonasmus | |
Die Bildervermengung | |
Vermengung zweier Konstruktionen | |
Falsche Wortstellung | |
Die alte gute Zeit oder die gute alte Zeit? | |
Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges | |
Die sogenannte Inversion nach und | |
Die Stellung der persönlichen Fürwörter | |
In fast allen oder fast in allen? | |
Zwei Präpositionen nebeneinander | |
Zur Interpunktion | |
Fließender Stil | |
Die Stoffnamen | |
Verwechselte Wörter | |
Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit | |
Vertauschung der Hilfszeitwörter | |
Der Dritte und der Andre | |
Verwechslung von Präpositionen | |
Hin und her | |
Ge, be, ver, ent, er | |
Neue Wörter | |
Modewörter | |
Der Gesichtspunkt und der Standpunkt | |
Das Können und das Fühlen | |
Bedingen | |
Richtigstellen und klarlegen | |
Fort oder weg? | |
Schwulst | |
Rücksichtnahme und Verzichtleistung | |
Anders, andersartig und anders geartet | |
Haben und besitzen | |
Verbalsurrogate | |
Vermittelst, mit Zuhilfenahme von | |
Seitens | |
Bez. beziehungsweise bezw. | |
Provinzialismen | |
Fremdwörter | |
Alphabetisches Wortregister | |
Zur Formenlehre
Starke und schwache Deklination
Bekanntlich gibt es – oder wir wollen doch lieber ehrlich sein und einfach sagen: es gibt im Deutschen eine starke und eine schwache Deklination. Unter der starken versteht man die, die einen größern Formenreichtum und eine größere Formenmannigfaltigkeit hat. Sie hat in der Einzahl im Genitiv die Endung es, im Dativ e, in der Mehrzahl im Nominativ, Genitiv und Akkusativ die Endung e (bei vielen Wörtern männlichen und sächlichen Geschlechts er), im Dativ en (ern). Die Stammvokale a, o, u und der Diphthong au werden dabei in der Mehrzahl gewöhnlich in ä, ö, ü, äu verwandelt, was man den Umlaut nennt.[1] Unter der schwachen Deklination versteht man die formenärmere. Hier haben alle Kasus der Einzahl (mit Ausnahme des Nominativs) und alle Kasus der Mehrzahl die Endung en. Die schwache Deklination hat auch keinen Umlaut. Zur starken Deklination gehören Wörter männlichen, weiblichen und sächlichen, zur schwachen nur Wörter männlichen und weiblichen Geschlechts. Die Wörter weiblichen Geschlechts verändern in beiden Deklinationen nur in der Mehrzahl ihre Form.
Zur starken Deklination gehören z. B. der Fuß, die Hand, das Haus; zur schwachen der Mensch, die Frau.[2]
Im Vergleich zu dem großen Reichtum unsrer Sprache an Hauptwörtern und der großen Mannigfaltigkeit, die innerhalb der beiden Deklinationen besteht, ist die Zahl der Fälle, wo heute Deklinationsfehler im Schwange sind, oder wo sich Unsicherheit zeigt, verhältnismäßig klein. Aber ganz fehlt es doch nicht daran.
Mehr und mehr greift die Unsitte um sich, schwach zu deklinierende Maskulina im Akkusativ ihrer Endung zu berauben: den Fürst, den Held, den Hirt. Es heißt aber: den Fürsten, den Helden usw.
Zu Mann gibt es eine doppelte Mehrzahl: Männer und Leute. Man sagt: die Bergleute, die Hauptleute, die Spielleute, aber die Wahlmänner, die Ehrenmänner, die Biedermänner, die Ehemänner; unter Eheleuten versteht man Mann und Frau zusammen.
Ein Wort, mit dem die Leute nicht mehr recht umzugehen wissen, und das sie doch jetzt sehr gern gebrauchen, ist Gewerke (für Handwerker). Ein Gewerke ist ein zu einer Innung gehörender Meister oder ein Teilnehmer an einem gesellschaftlichen Geschäftsbetrieb (das alte gute deutsche Wort für das heutige Aktionär). Das Wort ist aber schwach zu flektieren, die Mehrzahl heißt die Gewerken (die Baugewerken). Daneben gibt es aber das Wort auch im sächlichen Geschlecht: das Gewerk (für Handwerk, Innung), und das ist stark zu flektieren; hier heißt die Mehrzahl die Gewerke. Viele gebrauchen aber jetzt fälschlich die starke Form, auch wo sie offenbar die einzelnen Personen, nicht die Handwerksinnungen meinen, z. B. heimische Künstler und Gewerke. Umgekehrt sind jetzt die Gauen beliebt: das Lied ging durch alle deutschen Gauen. Aber auch sie sind falsch; Gau, ursprünglich sächlichen Geschlechts (das Gäu), jetzt Maskulinum, bildet den Genitiv des Gaus und die Mehrzahl die Gaue.
In Leipziger Zeitungen werden oft Darlehne gesucht (Pfanddarlehne, Hypothekendarlehne), und die Geistlichen treten für ihre alten Kirchlehne ein. Die Einzahl heißt aber das Lehen, und wenn das auch kein substantivierter Infinitiv ist, wie Wesen, Schreiben, Vermögen, Verfahren, Vergnügen, Unternehmen, so wird es doch in der guten Schriftsprache so flektiert wie diese, und die Mehrzahl heißt: die Lehen, die Darlehen, die Kirchlehen, so gut wie die Wesen, die Verfahren, die Unternehmen.
Frieden oder Friede? Namen oder Name?
Bei einer kleinen Anzahl von Hauptwörtern schwankt der Nominativ zwischen einer Form auf e und einer auf en; es sind das folgende Wörter: Friede, Funke, Gedanke, Gefalle, Glaube, Haufe, Name, Same, Schade und Wille. Die Form auf en ist aber eigentlich falsch. Diese Wörter gehören der schwachen Deklination an,[3] neigen jedoch zur starken: im Genitiv bilden sie eine Mischform aus der starken und der schwachen Deklination auf ens (des Namens), und von Schade hat der Plural sogar den Umlaut: die Schäden. Da hat sich nun unter dem Einflusse jener Mischform das en aus dem Dativ und dem Akkusativ auch in den Nominativ gedrängt.[4] Die alte richtige Form ist aber doch überall daneben noch lebendig und im Gebrauch (von Schade allerdings fast nur noch in der Redensart: es ist schade). Der Gefalle (bei Lessing öfter) ist wenigstens in Sachsen und Thüringen noch ganz üblich: es geschieht mir ein großer Gefalle damit. Daher sollte die alte Form auch immer vorgezogen, also gesagt werden: der Friede von 1871, nicht der Frieden von 1871. Vollends der künstlerische Gedanken, wie man bisweilen lesen muß, ist unerträglich.[5]
Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke?
Ob in der starken Deklination die volle Genitivendung es oder das bloße Genitiv-s vorzuziehen sei, ob man lieber sagen solle: des Amtes, des Berufes, oder des Amts, des Berufs, darüber läßt sich keine allgemeine Regel aufstellen. Von manchen Wörtern ist nur die eine Bildung, von manchen nur die andre, von vielen sind beide Bildungen nebeneinander üblich; selbst in Zusammensetzungen stehen ältere Bildungen wie Landsmann und Landsknecht neben jüngern wie Landesherr und Landesvater. Oft kommt es nur auf den Wohlklang des einzelnen Wortes und vor allem auf den Rhythmus der zusammenhängenden Rede an: die kurzen Formen können kräftig, aber auch gehackt, die langen weich und geschmeidig, aber auch schleppend klingen, je nach der Umgebung. Ich würde z. B. schreiben: die sicherste Stütze des Throns liegt in der Liebe und Dankbarkeit des Volkes, die täglich neu aus der Überzeugung geboren werden muß, daß die berechtigten Interessen des Volks ihre beste Stütze im Throne finden.
Zu beklagen ist es, daß immer mehr die Neigung um sich greift (teils von Norddeutschland, teils von Süddeutschland aus), das Dativ-e ganz wegzuwerfen und zu sagen: vor dem König, in dem Buch, aus dem Haus, nach dem Krieg, nach dem Tod, im Jahr, im Recht, im Reich, im Wald, auf dem Berg, am Meer (statt Könige, Buche, Hause, Kriege, Jahre, Rechte usw.). Ja manche möchten das jetzt geradezu als Forderung aufstellen. Aber abgesehen davon, daß dadurch der Formenreichtum unsrer Deklination, der ohnehin im Vergleich zu der ältern Zeit schon stark verkümmert ist, immer mehr verkümmert, erhält auch die Sprache, namentlich wenn das e bei einsilbigen Wörtern überall weggeworfen wird, etwas zerhacktes. Ein einziges Dativ-e kann oft mitten unter klapprigen einsilbigen Wörtern Rhythmus und Wohllaut herstellen. Man sollte es daher sorgfältig schonen, in der lebendigen Sprache wie beim Schreiben, und die Schule sollte sich bemühen, es zu erhalten. Besonders häßlich wirkt das Abwerfen des Dativ-e, wenn das Wort dann mit demselben Konsonanten schließt, mit dem das nächste anfängt, z. B. im Goldland des Altertums. Nur wo das Wort mit einem Vokal anfängt, also ein sogenannter Hiatus entstehen würde, mag man das e zuweilen fallen lassen – zuweilen, denn auch da ist immer der Rhythmus zu berücksichtigen; eine Regel, daß jeder Hiatus zu meiden sei, soll damit nicht ausgesprochen werden. Ganz unerträglich würde das Fehlen des Dativ-e in formelhaften Wendungen erscheinen wie: zustande kommen, im Wege stehen, zugrunde gehen, zu Kreuze kriechen, ebenso unerträglich freilich die Erhaltung des Dativ-e in andern formelhaften Wendungen wie: mit Dank, von Jahr zu Jahr, von Ort zu Ort.
An den Wörtern auf nis und tum und an Fremdwörtern wirkt das Dativ-e meist unangenehm schleppend; man denke an Dative wie: dem Verhältnisse, dem Eigentume, dem Systeme, dem Probleme, dem Organe, dem Prinzipe, dem Rektorate, dem Programme, dem Metalle, dem Offiziere, dem Romane, dem Ideale, dem Madrigale, dem Oriente, dem Manifeste, dem Archive usw. Man kann nicht sagen, daß diese Formen an sich häßlich wären, denn die Plurale, die die meisten dieser Wörter bilden, klingen ja ebenso; aber als Dative des Singulars wirken sie häßlich.
Des Rhein oder des Rheins?
Vielfache Unsicherheit herrscht in der Deklination der Ortsnamen. Haben sie keinen Artikel, wie die meisten Länder- und Städtenamen, so bildet wohl jedermann einen richtigen Genitiv (Deutschlands, Wiens); bei den Berg- und Flußnamen aber, die den Artikel bei sich haben, muß man jetzt immer öfter Genitive lesen wie des Rhein, des Main, des Nil, des Brocken, des Petersberg, des Hohentwiel, des Vesuv, und ebenso ist es bei Länder- und Städtenamen, wenn sie durch den Zusatz eines Attributs den Artikel erhalten; auch da hat sich immer mehr die Nachlässigkeit verbreitet, zu schreiben: des kaiserlichen Rom, des modernen Wien, des alten Leipzig, des damaligen Frankreich, des nordöstlichen Böhmen, des erst noch zu erobernden Jütland. Bei den Personennamen ist ja, wenn sie den Artikel haben, der Genitiv rettungslos verloren; des großen Friedrichs oder die Leiden des jungen Werthers (wie Goethe noch 1774 schrieb) getraut sich heute niemand mehr zu schreiben. Ebenso geht es den Monatsnamen. Auch diese wurden früher alle zwölf richtig dekliniert: des Aprils, des Oktobers (Klopstock: Sohn des Mais; Schlegel: Nimm vor des Märzen Idus dich in acht). Heute schreibt man fast nur noch: zu Anfang des Oktober, wenn man nicht lieber gar stammelt: Anfang Oktober. Aber bei Ortsnamen sind wir doch noch nicht ganz so weit.
Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes?
Großes Vergnügen macht es vielen Leuten, den Genitiv von Personennamen mit einem Apostroph zu versehen: Friedrich’s, Müller’s. Selbst große Gelehrte sind in den Apostroph so verliebt, daß es ihnen ganz undenkbar erscheint, Goethes ohne das hübsche Häkchen oben zu schreiben. Nun ist ja der Apostroph überhaupt eine große Kinderei. Alle unsre Schriftzeichen bedeuten doch Laute, die gesprochen werden. Auch die Interpunktionszeichen gehören dazu. Nicht bloß das Ausrufe- und das Fragezeichen, sondern auch Komma, Kolon, Semikolon und Punkt, Klammern und Gedankenstriche lassen sich beim Vorlesen sehr wohl vernehmlich machen. Nur der Apostroph bedeutet gar nichts; ja er soll geradezu einen Laut bedeuten, der – nicht da ist, der eigentlich da sein sollte, aber ausgefallen ist. Ist nicht das schon kindisch? Nun ist ja aber bei diesen Genitiven gar nichts ausgefallen. Wenn man schreibt: des Müllers Esel, warum soll man nicht auch Otfried Müllers Etrusker schreiben?[6]
Nun aber vollends bei Personennamen auf s, ß, z und x – welche Anstrengungen werden da gemacht, einen Genitiv zu bilden! Die Anzahl solcher Namen ist ja ziemlich groß; man denke an Fuchs, Voß, Krebs, Carstens, Görres, Strauß, Brockhaus, Hinrichs, Brahms, Begas, Dickens, Curtius, Mylius, Cornelius, Berzelius, Rodbertus, Marx, Felix, Max, Franz, Fritz, Moritz, Götz, Uz, Schütz, Schwarz, Leibniz, Opitz, Rochlitz, Lorenz, Pohlenz, nicht zu reden von den griechischen, römischen, spanischen Namen, wie Sophokles, Tacitus, Olivarez usw.; die Veranlassung ist also auf Schritt und Tritt gegeben. Bei den griechischen und römischen Namen pflegt man sich damit zu helfen, daß man den Artikel vorsetzt: die Tragödien des Sophokles, die Germania des Tacitus. Man ist an diese Genitive von seiner Schulzeit her so gewöhnt, daß man gar nichts anstößiges mehr darin findet, obwohl man es sofort als anstößig empfinden würde, wenn jemand schriebe: die Gedichte des Goethe. Der Artikel vor dem Personennamen ist süddeutscher oder österreichischer Provinzialismus (in Stuttgart sagt man: der Uhland, in Wien: der Raimund), aber in die Schriftsprache gehört das nicht; in kunstgeschichtlichen Büchern und Aufsätzen immer von Zeichnungen des Carstens und Entwürfen des Cornelius lesen zu müssen oder gar, wie in der beschreibenden Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler Leipzigs, von einem Bildnis des Gottsched, einem Bildnis des Gellert, ist doch gar zu häßlich. Manche setzen denn nun auch an solche Namen fröhlich das Genitiv-s (natürlich mit dem unvermeidlichen Apostroph davor!), also: Fues’s Verlag, Rus’s Kaffeehandlung, Harras’s Grabstein in der Thomaskirche, Kurfürst Moritz’s Verdienste um Leipzig, Leibniz’s ägyptischer Plan, Gabriel Max’s Illustrationen zu Uhlands (oder vielmehr Uhland’s) Gedichten. Noch andre – und das ist das beliebteste und das, was in Grammatiken gelehrt, in den Druckereien befolgt und jetzt auch für die Schulen vorgeschrieben wird – meinen, einen Genitiv zu bilden, indem sie einen bloßen Apostroph hinter den Namen setzen, z. B. Celtes’ Ausgabe der Roswitha, Junius’ Briefe, Kochs’ Mikroskopierlampe (der Erfinder heißt wirklich Kochs!), Uz’ Gedichte, Voß’ Luise, Heinrich Schütz’ sämtliche Werke, Rochlitz’ Briefwechsel mit Goethe. Und solche Beispiele, in denen der Name vor dem Worte steht, von dem er abhängt, sind noch nicht die schlimmsten. Ganz toll aber ist: die Findung Moses’, der Kanzler Moritz’ (das soll heißen: der Kanzler des Herzogs Moritz), die berühmte Ketzerschrift Servetus’, auf Anregung Gervinus’, der Besuch König Alfons’, der Stil Rabelais’, der Dualismus Descartes’ (in Descartes ist ja das es stumm, und der Genitiv von Descartes wird wirklich gesprochen: karts!). Das neueste ist, daß man sogar Namen, die auf sch endigen, in diesen Unsinn mit hereinzieht und schreibt: in den Tagebuchblättern Moritz Busch’, zum siebzigsten Geburtstage Wilhelm Busch’, das allerneueste, daß man sogar im Dativ(!) schreibt: Dr. Peters’ als Vorsitzendem lag die Pflicht ob!
Sollten wir uns nicht vor den Ausländern schämen ob dieser kläglichen Hilflosigkeit? Ist es nicht kindisch, sich einzubilden und dem Ausländer, der Deutsch lernen möchte, einzureden, daß im Deutschen auch ein Kasus gebildet werden könne, indem man ein Häkchen hinter das zu deklinierende Wort setzt, ein Häkchen, das doch nur auf dem Papiere steht, nur für das Auge da ist? Wie klingt denn der Apostroph hinter dem Worte? Kann man ihn hören? Spreche ihn doch einer! Soll man vielleicht den Mund eine Weile aufsperren, um ihn anzudeuten? oder sich einmal räuspern? Irgend etwas muß doch geschehen, um den Apostroph fürs Ohr vernehmlich zu machen, sonst ist ja zwischen Leibniz und Leibniz’, zwischen dem Nominativ und dem angeblichen Genitiv, gar kein Unterschied. Nachdenklichen Setzern und Buchbindern will denn auch die Sache gewöhnlich gar nicht in den Kopf. Daher kommt es, daß man in den Korrekturabzügen und auf Bücherrücken so oft Titel lesen muß wie: Sophokle’s Tragödien, Carsten’s Werke, Dicken’s Romane, Brahm’s Requiem, Friedrich Perthe’s Leben und Siever’s Phonetik.
Eine gewisse Schwierigkeit ist ja nun freilich da, und es fragt sich, wie man ihr am besten abhilft. Die ältere Sprache schrieb entweder unbedenklich Romanus Haus (ohne den Apostroph), oder sie half sich bei deutschen Namen damit, daß sie (wie bei andern Substantiven, z. B. Herz, und bei den Frauennamen) eine Mischform aus der schwachen und der starken Deklination auf ens bildete, also: Fuchsens, Straußens, Schützens, Hansens, Franzens, Fritzens, Götzens, Leibnizens (vgl. Luisens, Friederikens, Sophiens). Im Volksmunde sind diese Formen auch heute noch durchaus gang und gäbe (ebenso wie die Dative und Akkusative Hansen, Fritzen, Sophien – hast du Fritzen nicht gesehen? gibs Fritzen! –, die jetzt freilich in der Sprachziererei der Vornehmen mehr und mehr durch die unflektierte Form verdrängt werden: hast du Fritz nicht gesehen? gibs Fritz!), und es ist nicht einzusehen, weshalb sie nicht auch heute noch papierfähig sein sollten.[7] Oder wollen wir vielleicht nun auch im Götz von Berlichingen Hansens Küraß in Hans’ Küraß verwandeln? Franzensbad und Franzensfeste in Franz’bad und Franz’feste verschönern? Verständige Schriftsteller, die vom Papierdeutsch zur lebendigen Sprache zurückkehren, gebrauchen denn auch die flektierte Form allmählich wieder und schreiben wieder: Vossens Luise. Wenn sie nur auch die Schule wieder zu Gnaden annehmen wollte!
Unmöglich erscheint dieser Ausweg natürlich bei Namen, die selbst Genitive sind, wie Carstens (eigentlich Carstens Sohn), Hinrichs, Brahms. Brahmsens dritte Geigensonate – das klingt nicht schön. Auch Phidiassens Zeus und Sophoklessens Antigone nicht, obwohl auch solche Formen zu Goethes und Schillers Zeit unbedenklich gewagt worden sind; sprach man doch damals auch, da man den Familiennamen der Frau auf in bildete, von der Möbiussin. Das beste ist wohl, solchen Formen aus dem Wege zu gehen, was sehr leicht möglich ist, ohne daß jemand eine Verlegenheit, einen Zwang merkt. Man kann durch Umgestaltung des Satzes den Namen leicht in einen andern Kasus bringen, statt des Genitivs sein setzen, des Dichters, des Künstlers dafür einsetzen usw. Aber nur nicht immer: die Zeichnungen des Carstens! Und noch weniger Voß’s Luise oder gar das Grab Brahms’, denn das ist gar zu einfältig.
In dieselbe Verlegenheit wie bei den Eigennamen auf us gerät man übrigens auch bei gewissen fremden Appellativen. Man spricht zwar unbedenklich von Omnibussen, aber Not machen uns die Ismusse, und der Deutsche hat sehr viel Ismusse! Die Komödie erlognen Patriotismus’, wie jetzt gedruckt wird, oder: im Lichte berechtigten Lokalpatriotismus’ oder: ein unglaubliches Beispiel preußischen Partikularismus’ oder ein Ausfluß erstarkten Individualismus’ – das sind nun einmal keine Genitive, trotz des schmeichelnden Häkchens. Da hilft es nichts, man muß zu der Präposition von greifen oder den unbestimmten Artikel zu Hilfe nehmen und sagen: eines erlognen Patriotismus, von preußischem Partikularismus.
Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen?
Daß von Friedrich der Genitiv Friedrichs heißt, das weiß man allenfalls noch. Aber sobald eine Apposition zu dem Namen tritt, wissen sich die meisten nicht mehr zu helfen. Man frage einmal nach dem Genitiv von Friedrich der Große; die Hälfte aller Gefragten wird ihn Friedrich des Großen bilden. Fortwährend begegnet man jetzt so abscheulichen Genitiven wie: Heinrich des Erlauchten, Albrecht des Beherzten, Georg des Bärtigen. Es gibt Leute, die alles Ernstes glauben, solche Verbindungen seien eine Art von Formeln oder Sigeln, die nur am Ende dekliniert zu werden brauchten! Auch wenn die Apposition eine Ordinalzahl ist – der häufigste Fall –, wird kaum noch anders geschrieben als: die Urkunden Otto III., die Gegenreformation Rudolf II., die Gemahlin Heinrich VIII., die Regierungszeit Ludwig XIV. Wenn man das aussprechen will, so kann man doch gar nicht anders sagen als: Otto der dritte, Rudolf der zweite, Heinrich der achte. Denn wie kann der Schreibende erwarten, daß man die Zahl im Genitiv lese, wenn der Name, zu dem sie gehört, im Nominativ steht?[8]
Kaiser Wilhelms
Tritt vollends der Herrschertitel dazu, so pflegt alle Weisheit zu Ende zu sein. Wie dekliniert man: Herzog Ernst der Fromme, Kaiser Friedrich der Dritte? Bei einer vorangestellten Apposition wie Kaiser, König, Herzog, Prinz, Graf, Papst, Bischof, Bürgermeister, Stadtrat, Major, Professor, Doktor, Direktor usw. kommt es darauf an, ob die Apposition als bloßer Titel, oder ob sie wirklich als Amt, Beruf, Tätigkeit der Person aufgefaßt werden soll oder aufgefaßt wird. Im ersten Fall ist es das üblichste, nur den Eigennamen zu deklinieren, den Titel aber ohne Artikel und undekliniert zu lassen, also Kaiser Wilhelms, Papst Urbans, Doktor Fausts Höllenfahrt, Bürgermeister Müllers Haus. Der Titel verwächst für das Sprachgefühl so mit dem Namen, daß beide wie eins erscheinen.[9] Im achtzehnten Jahrhundert sagte man sogar Herr Müllers, Herr Müllern, nicht: Herrn Müller. Im zweiten Falle wird der Artikel zur Apposition gesetzt und die Apposition dekliniert, dagegen bleibt der Name undekliniert: des Kaisers Wilhelm, des Herzogs Albrecht, ein Bild des Ritters Georg. Freilich geht die Neigung vielfach dahin, auch hier die Apposition undekliniert zu lassen, z. B. des Doktor Müller, des Professor Albrecht. Treten zwei Appositionen zu dem Namen, eine davor, die andre dahinter, so ist für die voranstehende nur das erste der eben besprochnen beiden Verfahren möglich, also: die Truppen Kaiser Heinrichs des Vierten, das Denkmal König Friedrichs des Ersten, eine Urkunde Markgraf Ottos des Reichen, die Bulle Papst Leos des Zehnten. Beide Appositionen zu deklinieren und den Namen undekliniert zu lassen, z. B. Königs Christian des Ersten, des Kaisers Wilhelm des Siegreichen, wirkt unangenehm wegen des Zickzackganges der beiden Kasus (Genitiv, Nominativ, Genitiv).[10]
Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes?
Verlegenheit bereitet vielen auch die Deklination adliger Namen oder solcher Namen, die adligen nachgebildet sind. Soll man sagen: die Dichtungen Wolframs von Eschenbach oder Wolfram von Eschenbachs? Richtig ist – selbstverständlich – nur das erste, denn Eschenbach ist, wie alle echten Adelsnamen, ein Ortsname, der die Herkunft bezeichnet; den kann man doch hier nicht in den Genitiv setzen wollen.[11] So muß es denn auch heißen: die Heimat Walters von der Vogelweide, die Burg Götzens von Berlichingen, die Lebensbeschreibung Wiprechts von Groitzsch, die Gedichte Hoffmanns von Fallersleben, auch die Werke Leonardos da Vinci, die Schriften Abrahams a Sancta Clara.
Wie steht es aber mit den Namen, die nicht jedermann sofort als Ortsnamen empfindet, wie Hutten? Wer kann alle deutschen Ortsnamen kennen? Soll man sagen Ulrichs von Hutten oder Ulrich von Huttens deutsche Schriften? Und nun vollends die zahllosen unechten Adelsnamen, über die sich schon Jakob Grimm lustig gemacht hat: diese von Richter und von Schulz, von Schmidt und von Weber, von Bär und von Wolf, wie stehts mit denen? Soll man sagen: Heinrichs von Weber Lehrbuch der Physik, Leopolds von Ranke Weltgeschichte? Streng genommen müßte es ja so heißen; warum behandelt man Namen, die alles andre, nur keinen Ort bezeichnen, als Ortsnamen, indem man ihnen das sinnlose von vorsetzt! Im achtzehnten Jahrhundert war das Gefühl für die eigentliche Bedeutung der adligen Namen noch lebendig; da adelte man einen Peter Hohmann nicht zum Peter von Hohmann, sondern zum Peter von Hohenthal, einen Maximilian Speck nicht zum Maximilian von Speck, sondern zum Maximilian Speck von Sternburg, indem man einen (wirklichen oder erdichteten) Ortsnamen zum Familiennamen setzte; in Österreich verfährt man zum Teil noch heute so. Da aber nun einmal die unechten Adelsnamen vorhanden sind, wie soll man sich helfen? Es bleibt nichts weiter übrig, als das von hier so zu behandeln, als ob es nicht da wäre, also zu sagen: Leopold von Rankes sämtliche Werke, besonders dann, wenn der Genitiv vor dem Worte steht, von dem er abhängig ist; steht er dahinter, so empfiehlt es sich schon eher, den Vornamen zu flektieren: die Werke Leopolds von Ranke, denn man möchte natürlich den Genitiv immer so dicht wie möglich an das Wort bringen, zu dem er gehört. Und so verfährt man oft auch bei echten Adelsnamen, selbst wenn man weiß, oder wenn kein Zweifel ist, daß sie eigentlich Ortsnamen sind. Es ist das ein Notbehelf, aber schließlich erscheint er doch von zwei Übeln als das kleinere.
Böte oder Boote?
Bei einer Anzahl von Hauptwörtern wird der Plural jetzt oft mit dem Umlaut gebildet, wo dieser keine Berechtigung hat. Solche falsche Plurale sind: Ärme, Böte, Bröte, Röhre, Täge, Böden, Bögen, Kästen, Krägen, Mägen, Wägen, Läger. Man redet jetzt von Geburtstägen, Musterlägern, Fußböden, Gummikrägen usw. Bei den Wörtern auf en und er wird dadurch allerdings ein Unterschied zwischen der Einzahl und der Mehrzahl geschaffen, der namentlich in Süddeutschland üblich geworden ist.[12] Dennoch ist nur die Form ohne Umlaut richtig: die Arme, die Kasten, die Lager, die Rohre usw. Man denke sich, daß es in Eichendorffs schönem Liede: O Täler weit, o Höhen – am Schlusse hieße: Schlag noch einmal die Bögen um mich, du grünes Zelt! Auch Herzöge ist eigentlich falsch; das Wort ist bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nur schwach dekliniert worden: des Herzogen, dem Herzogen, die Herzogen. Dann sprang es aber in die starke Deklination über (des Herzogs), und nun blieben auch die Herzöge nicht aus: der Trog, die Tröge – der Herzog, die Herzöge, die Ähnlichkeit war überwältigend.
Generäle oder Generale?
Von den Fremdwörtern sind viele in den Umlaut hineingezogen worden, obwohl er ihnen eigentlich auch nicht zukommt, nicht bloß Lehnwörter, deren fremde Herkunft man nicht mehr fühlt, wie Bischöfe, Paläste, Pläne, Bässe, Chöre, sondern auch Wörter, die man noch lebhaft als Fremdwörter empfindet, wie Altäre, Tenöre, Hospitäler, Kanäle. Aber von andern wird doch die Mehrzahl noch richtig ohne Umlaut gebildet, wie Admirale, Prinzipale, Journale. Wenn sich daher irgendwo ein Schwanken zu zeigen beginnt, so ist es klar, daß die Form ohne Umlaut den Vorzug verdient. Besser also als Generäle ist unzweifelhaft Generale. Bisweilen hat die Sprache auch hier die Möglichkeit der doppelten Form zu einer Unterscheidung des Sinnes benutzt: Kapitale (oder Kapitalien) sind Gelder, Kapitäle Säulenknäufe; hier heißt freilich auch schon die Einzahl Kapitäl.
Auch zwischen der starken und der schwachen Deklination hat die Pluralbildung der Fremdwörter vielfach geschwankt und schwankt zum Teil noch jetzt. Im achtzehnten Jahrhundert sagte man Katalogen, Monologen; jetzt heißt es Kataloge, Monologe. Dagegen sagen die meisten jetzt Autographen und Paragraphen; Autographe und Paragraphe klingt gesucht. Unverständlich ist es, wie unsre Techniker dazu gekommen sind, die Mehrzahl Motore zu bilden, da es doch nicht Faktore, Doktore und Pastore heißt; wahrscheinlich haben sie an die Matadore im Skat gedacht. Effekte und Effekten werden wieder dem Sinne nach unterschieden: Effekte sind Wirkungen, Effekten Wertpapiere oder Habseligkeiten.
Die Stiefeln oder die Stiefel?
Von den Hauptwörtern auf el und er gehören alle Feminina der schwachen Deklination an; daher bilden sie den Plural: Nadeln, Windeln, Kacheln, Kurbeln, Klingeln, Fackeln, Wurzeln, Mandeln, Eicheln, Nesseln, Regeln, Bibeln, Wimpern, Adern, Nattern, Leitern, Klaftern, Scheuern, Mauern, Kammern; alle Maskulina und Neutra dagegen gehören zur starken Deklination, wie Schlüssel, Mäntel, Wimpel, Zweifel, Spiegel, Kessel, Achtel, Siegel, Kabel, Eber, Zeiger, Winter, Laster, Ufer, Klöster.[13] Die Regel läßt sich sehr hübsch bei Tische lernen: man vergegenwärtige sich nur die richtigen Plurale von Schüssel und Teller, Messer, Gabel und Löffel, Semmel, Kartoffel und Zwiebel, Auster, Hummer und Flunder. Sie gilt, wie die Beispiele zeigen, ebenso für ursprünglich deutsche wie für Lehnwörter, und sie ist so fest, daß, wenn ein Lehnwort (wie es im Laufe der Sprachgeschichte oft geschehen ist) in ein andres Geschlecht übergeht, sofort auch die Pluralbildung wechselt. Im sechzehnten Jahrhundert sagte man noch in der Einzahl die Zedel (schedula), folglich in der Mehrzahl die Zedeln, im achtzehnten Jahrhundert noch in der Einzahl die Aurikel (auricula), folglich in der Mehrzahl die Aurikeln; heute heißt es der Zettel, das Aurikel und folglich die Mehrzahl die Zettel, die Aurikel. Also sind Plurale wie Buckeln, Möbeln, Stiefeln, Schlüsseln, Titeln, Ziegeln, Aposteln, Hummern falsch und klingen gemein. Nur Muskel, Stachel, Pantoffel und Hader (Lump, Fetzen) machen eine Ausnahme (die Muskeln, die Stacheln, die Pantoffeln, die Hadern), doch auch nur scheinbar, denn diese Wörter haben seit alter Zeit neben ihrer männlichen auch eine weibliche Singularform (ital. pantofola) oder, wie Hader, eine schwache männliche Nebenform (des Hadern), und die hat bei der Pluralbildung überwogen. Ein Fehler ist auch: die Trümmern (in Trümmern schlagen); die Einzahl heißt: der oder das Trumm (in der Bergmannsprache noch heute gebräuchlich), die Mehrzahl die Trümmer. Wer noch gewöhnt ist, Angel als Maskulinum zu gebrauchen (Türangel ebenso wie Fischangel), wird die Mehrzahl bilden die Angel, wer es weiblich gebraucht, sagt die Angeln. Ebenso ist es mit Quader; wer Quader männlich gebraucht, wird in der Mehrzahl sagen: die Quader, wer es für weiblich hält, kann nur sagen: die Quadern. Der Oberkiefer und der Unterkiefer heißen zusammen die Kiefer; im Wald aber stehen Kiefern. Die Schiffe haben Steuer (das Steuer), der Staat erhebt Steuern (die Steuer).
In der niedrigen Geschäftssprache machen sich jetzt aber noch andre falsche schwache Plurale breit. In Leipziger Geschäftsanzeigen muß man lesen: Muffen, Korken (auch Korkenzieher, Korkenfabrik), Stutzen (Federstutzen), auch Korsetten und Jaquetten (als ob die Einzahl Jaquette und Korsette hieße!). Anständige Kaufleute werden sich vor solcher Gassensprache hüten. Muff, Kork, Stutz gehören in gutem Schriftdeutsch zur starken Deklination: der Muff, des Muffs, die Müffe, der Kork, des Korks, die Korke; die Muffen sind eins der vielen Beispiele, wo sich – unter dem Einflusse Berlins – das Plattdeutsche, das man schon für abgetan hielt, wieder durchzusetzen versucht.
Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte?
Die meisten reden von Fremdwörtern, manche aber auch von Fremdworten. Was ist richtig? Die Pluralendung er, die namentlich bei Wörtern sächlichen Geschlechts vorkommt (Gräber, Kälber, Kräuter, Lämmer, Rinder, Täler), aber auch bei Maskulinen (Männer, Leiber, Geister, Wälder, Würmer, Reichtümer), im Althochdeutschen ir (daher der Umlaut), ist im Laufe der Zeit auf eine große Masse von Wörtern namentlich sächlichen Geschlechts ausgedehnt worden, die sie früher nicht hatten. Um 1500 hieß es noch: die Amt, die Kleid, die Pfand, die Land, die Dach, die Fach, die Gemach, die Rad, die Schloß, die Schwert, die Faß, die Bret, daneben: die Amte, die Rade, die Schwerte, die Fasse, und endlich kam auf: die Ämter, die Räder usw. Bei manchen Wörtern hat sich nun neben der jüngern Pluralform auf er auch noch die ältere erhalten. Dann erscheint aber die ältere Form jetzt als die edlere, vornehmere und ist auf die Ausdrucksweise des Dichters oder des Redners beschränkt.[14] Man denke an Denkmale und Denkmäler, Gewande und Gewänder, Lande und Länder, Tale und Täler (Es geht durch alle Lande ein Engel still umher – Die Tale dampfen, die Höhen glühn u. ähnl.). Bei andern Wörtern hat sich zwischen der ältern und der jüngern Form ein Bedeutungsunterschied gebildet. So unterscheidet man Bande (des Bluts, der Verwandtschaft, der Freundschaft) und Bänder, Bande sind gleichsam ein ganzes Netz von Fesseln, Bänder sind einzelne Stücke. Auch Gesichte und Gesichter, Lichte und Lichter sind dem Sinne nach zu unterscheiden. Gesichte sind Erscheinungen (im Faust: die Fülle der Gesichte). Lichte sind Kerzen (Wachslichte, Stearinlichte), Lichter sind Flammen (durch das Fenster strahlen unzählige Lichter, Sonne, Mond und Sterne sind die Himmelslichter). Auf dem Altar stehen immer große Kirchenlichte, auf der Kanzel aber nicht immer große Kirchenlichter. Bisweilen kommt auch noch ein Geschlechtsunterschied dazu: Schilde (der Schild) gehören zur Rüstung; Schilder (das Schild) sind an den Kaufmannsläden. Neben den Banden und den Bändern stehen noch die Bände (der Roman hat drei Bände). So kam auch neben der Mehrzahl die Wort oder die Worte im sechzehnten Jahrhundert die Form auf er auf: die Wörter. In der Bedeutung wurde anfangs kein Unterschied gemacht. Im achtzehnten Jahrhundert aber begann man unter Wörtern bloße Teile der Sprache (vocabula), unter Worten Teile der zusammenhängenden Rede zu verstehen. Man sprach also nun von Hauptwörtern, Zeitwörtern, Fürwörtern, Wörterbüchern, dagegen von Dichterworten, Textworten, Vorworten (Vorreden), schöne Worte machen usw. Und an diesem Unterschied wird auch seitdem fast allgemein festgehalten. Worte haben Sinn und Zusammenhang, Wörter sind zusammenhanglos aufgereiht. Wenn es also auch nicht gerade falsch ist, von Fremdworten oder Schlagworten zu reden, so ist doch die Mehrzahl Fremdwörter vorzuziehen. Dagegen wird niemand sagen: der Wörter sind genug gewechselt.
In der Sprache des niedrigen Volkes ist nun eine starke Neigung vorhanden, die Pluralendung auf er immer weiter auszudehnen. Es ist das aber ein durchaus plebejischer Sprachzug. Nur das niedrige Volk redet in Leipzig von Gewölbern und Geschäftern, der Gebildete von Gewölben und Geschäften. Nur das niedrige Volk bildet Plurale wie Zelter, Gewinner, Mäßer, Sträußer, Butterbröter, Kartoffelklößer. Nur die „Ausschnitter“ preisen ihre Rester an, nur die Telephonarbeiter kommen, um „die Elementer nachzusehen“.[15] Und wie gemein erscheinen die Dinger, mit denen sich das Volk überall da hilft, wo es zu unwissend oder zu faul ist, einen Gegenstand mit seinem Namen zu nennen![16] So kommt es, daß die Endung er in der guten Schriftsprache bisweilen selbst da wieder aufgegeben worden ist, wo sie früher eine Zeit lang ausschließlich im Gebrauch war, wie bei Scheit; die Mehrzahl heißt jetzt Scheite, früher hieß sie Scheiter (vgl. Scheiterhaufe und scheitern). Auch bei Ort ist eine rückläufige Bewegung zu beobachten: während früher die Mehrzahl Örter ganz gebräuchlich war, ist sie in neuerer Zeit fast ganz verschwunden; man spricht fast nur noch von Orten. Dagegen hat leider der plebejische Plural Gehälter (Lehrergehälter, Beamtengehälter) gleichzeitig mit dem häßlichen Neutrum das Gehalt von Norddeutschland aus selbst in den Kreisen der Gebildeten große Fortschritte gemacht. Auch in Leipzig, wo Freytag noch 1854 in seinen Journalisten richtig der Gehalt und die Gehalte geschrieben hat, halten es schon viele für fein, das Gehalt und die Gehälter zu sagen. Nun verteilen sich ja die Hauptwörter, die aus Zeitwortstämmen mit dem Präfix Ge- gebildet sind, auf alle drei Geschlechter. Männlich sind: Geruch, Geschmack, Gedanke; weiblich: Geburt, Geduld; sächlich: Gehör, Gesicht, Gewehr, Gewicht. Man mag auch die Unterscheidung von: der Gehalt (Gedankengehalt, Silbergehalt des Erzes) und das Gehalt (Besoldung) in Norddeutschland als willkommne Bereicherung der Sprache empfinden (vgl. der Verdienst und das Verdienst, wo freilich der Bedeutungsunterschied gerade umgekehrt ist).[17] In Mitteldeutschland klingt aber vorläufig vielen Gebildeten das Gehalt noch gemein, und die Gehälter stehen für unser Ohr und unser Gefühl durchaus auf einer Stufe mit den Gewölbern, den Geschäftern und den Geschmäckern.[18] Weshalb sollen wir uns also so etwas aufnötigen lassen?
Das s der Mehrzahl
Von zwei verschiednen Seiten her ist eine Pluralbildung auf s in unsre Sprache eingedrungen. Wenn wir von Genies, Pendants, Etuis, Portemonnaies, Korsetts, Beefsteaks und Meetings reden, so ist das s natürlich das französische und englische Plural-s, das diesen Wörtern zukommt. Aber man redet auch von Jungens und Mädels, Herrens und Fräuleins, Kerls und Schlingels, Hochs und Krachs, Bestecks, Fracks, Schmucks, Parks und Blocks (Baublocks), Echos und Villas (statt Villen), Vergißmeinnichts und Stelldicheins, Polkas, Galopps, Tingeltangels und Trupps (Studententrupps), Uhus und Känguruhs, Wenns und Abers, U’s und T’s, Holbeins und Lenbachs (zwei neue Lenbachs, ein paar echte Holbeins), von den Fuggers und den Schlegels, und einzelne Universitätslehrer kündigen gar schon am schwarzen Brett ihre Kollegs an! Alle diese Formen sind unfein. In Süddeutschland bezeichnet man sie als pluralis Borussicus. Ihr Plural-s stammt aus der niederdeutschen Mundart[19]; nur dieser gehören ursprünglich die Jungens und die Mädels an. Aus Verlegenheit ist dieses s dann auch im Hochdeutschen an Fremdwörter, an unechte Substantiva und schließlich auch an echte deutsche Substantiva gehängt worden.
Beschämend für uns Deutsche, die wir uns so gern etwas auf unsre Kenntnisse zugute tun, sind Formen wie Solis, Mottis, Kollis und Portis, denn da ist das falsche deutsche Plural-s an die richtige italienische Pluralendung gehängt! Die Einzahl heißt ja Solo, Motto, Kollo und Porto. Freilich wird auch schon in der Einzahl das Kolli gesagt, und nicht bloß von Markthelfern und Laufburschen!
Fünf Pfennig oder fünf Pfennige?
Wenn fünf einzelne Pfennige auf dem Tische liegen, so sind das unzweifelhaft fünf Pfennige; wenn ich aber mit diesen fünf Pfennigen (oder auch mit einem Nickelfünfer) eine Zigarre bezahle, kostet die dann fünf Pfennige oder, wie auf dem Nickelfünfer steht, fünf Pfennig? Schwierige Frage!
Bei Angaben von Preis, Gewicht, Maß, Zeit, Lebensalter usw. ist oft eine Pluralform üblich, die sich vom Singular nicht unterscheidet, wenigstens bei Wörtern männlichen und sächlichen Geschlechts,[20] wie bei Taler, Gulden, Groschen, Heller, Pfennig, Batzen, Pfund, Lot, Fuß, Zoll, Schuh, Faden, Faß, Glas (zwei Glas Bier), Maß, Ries, Buch (drei Buch Papier), Blatt,[21] Jahr, Monat, Mann (sechs Mann Wache), Schritt, Schuß (tausend Schuß), Stock (drei Stock hoch). Diese Formen sind natürlich keine wirklichen Singulare, sondern zum Teil sind es alte Pluralformen (vgl. [S. 20] Fach und Fächer), zum Teil Formen, die solchen unwillkürlich nachgebildet worden sind. Von einer Regel also, daß in allen solchen Fällen der Singular stehen müsse, kann keine Rede sein. Es ist ganz richtig, zu sagen: das Kind ist drei Monate alt, drei Jahre alt, wie denn auch jeder drei Taler, drei Gulden, drei Groschen sicherlich als Plural fühlen, folglich auch sagen wird: ich habe das Bild mit zehn Talern bezahlt (nicht mit zehn Taler!). Und so haben wir auch in Mitteldeutschland früher immer Pfennige gesagt so gut wie Könige, Käfige und Zeisige. (In dem alten Liede von der Seestadt Leipzig heißt es sogar: Und ein einzig Lot Kaffee kostet sechzehn Pfennigee.) Bis 1880 war auch auf unsern Briefmarken so gedruckt. Wahrscheinlich war das aber nicht „schneidig“ genug, und so hieß es von da an 3 Pfennig, 5 Pfennig, worauf 1889 die Abkürzung Pf. erschien, die jeder lesen konnte, wie er wollte, bis schließlich gar nur noch die Ziffer übrig blieb!
Jeden Zwanges oder jedes Zwanges?
Zu den unbehaglichsten Kapiteln der deutschen Grammatik gehört die Deklination zweier miteinander verbundner Nomina, eines Substantivs und eines Adjektivs. Heißt es: jeden Zwanges oder jedes Zwanges? sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme? großer Gelehrter oder großer Gelehrten? ein schönes Ganzes oder ein schönes Ganze? von hohem praktischen Werte oder von hohem praktischem Werte? So unwichtig die Sache manchem vielleicht scheint, so viel Verdruß oder Heiterkeit (je nachdem) bereitet sie dem Fremden, der Deutsch lernen möchte, und so beschämend ist es für uns Deutsche selbst, wenn wir dem Fremden sagen müssen: Wir wissen selber nicht, was richtig ist, sprich, wie du willst! Mit einigem guten Willen ist aber doch vielleicht zu ein paar klaren und festen Regeln zu gelangen.
Die Adjektiva können stark und auch schwach dekliniert werden. In der schwachen Deklination haben sie, wie die Hauptwörter, nur die Endung en, in der starken haben sie die Endungen des hinweisenden Fürwortes: es, em, en usw. Nach der starken Deklination gehen sie, wenn sie allein beim Substantiv stehen, ohne vorhergehenden Artikel, und im Singular, wenn ein Pronomen ohne Endung vorhergeht: mein guter Hans, du alter Freund, unser jährlicher Umsatz, welch vorzüglicher Wein. In allen andern Fällen gehn sie nach der schwachen Deklination. Es muß also heißen: gerades Wegs, guter Hoffnung, schwieriger Fragen, dagegen des geraden Wegs, der guten Hoffnung, der schwierigen Fragen, dieser schwierigen Fragen, welcher schwierigen Fragen, solcher schwierigen Fragen, auch derartiger und folgender schwierigen Fragen, beifolgendes kleine Buch (denn derartiger steht für solcher, folgender und beifolgender für dieser).
So ist auch die ältere Sprache überall verfahren; Luther kennt Genitive wie süßen Weines fast noch gar nicht. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert aber drang, obgleich Sprachkundige eifrig dagegen ankämpften, bei dem männlichen und dem sächlichen Geschlecht im Genitiv des Singulars immer mehr die schwache Form ein, und gegenwärtig hat sie sich fast überall festgesetzt; man sagt: frohen Sinnes, reichen Geistes, weiblichen Geschlechts, größten Formats. Höchstens gutes Muts, reines Herzens, gerades Wegs wird bisweilen noch richtig gesagt. Bei den besitzanzeigenden Adjektiven (mein, dein, sein, unser, euer, ihr) hat sich die starke Form überall unangetastet erhalten (meines Wissens, unsers Lebens), dagegen ist es bei den Zahlbegriffen (jeder, aller, vieler, keiner, mancher) ins Schwanken gekommen. Wie man sagt: größtenteils und andernteils, so sagt man auch jedenfalls und allenfalls neben keineswegs, keinesfalls, jedes Menschen, keines Worts, alles Lebens, alles Ernstes. Nur wenige schreiben noch richtig: trotz alles Leugnens, trotz manches Erfolgs, trotz vieles Aufwands; die meisten schreiben: trotz allen Leugnens usw.
Bei jeder erklärt sich das Schwanken vielleicht daher, daß jeder wie ein Adjektiv auch mit dem unbestimmten Artikel versehen werden kann (ein jeder Mensch), eine Verbindung, die manche Schriftsteller bis zum Überdruß lieben, als ob sie das bloße jeder gar nicht mehr kennten.
Die Schule sollte sich auch hier bemühen, die alte, richtige Form, wo sie sich noch erhalten hat, sorgfältig zu schützen und zur Schärfung des Sprachgefühls zu benutzen. Und wo ein Schwanken besteht, wie bei jeder, da sollte doch kein Zweifel sein, wie man sich zu entscheiden hat. Falsch ist: die Abwehr jeden Zwanges; richtig ist nur: die Abwehr jedes Zwanges oder eines jeden Zwanges (wie die Bekämpfung solches Unsinns oder eines solchen Unsinns).
Merkwürdig ist, daß sich nach solcher die schwache Deklination noch nicht so festgesetzt hat wie nach welcher. Während jeder ohne Besinnen sagt: welcher gute Mensch, welches guten Menschen, welche guten Menschen, auch solcher vollkommnen Exemplare, hört man im Nominativ und Akkusativ der Mehrzahl viel öfter: solche vollkommne Exemplare. Es kommt das wohl daher, daß auch solcher oft mehr etwas adjektivisches hat. Ebenso ist es bei derartiger (für solcher) und folgender (für dieser). Jeder wird im Nominativ vorziehen: folgende schwierige Fragen, dagegen im Genitiv vielleicht folgender schwierigen Fragen (wie dieser schwierigen Fragen).
Manche Leute glauben, daß Adjektiva, deren Stamm auf m endigt, nur einen schwachen Dativ bilden könnten, weil mem „schlecht klinge“, daß es also heißen müsse: mit warmen Herzen, mit geheimen Kummer, mit stummen Schmerz, mit grimmen Zorn, von vornehmen Sinn, bei angenehmen Wetter, bei gemeinsamen Lesen – ein ganz törichter Aberglaube.
Anderen, andren oder andern?
Ein garstiger Mißbrauch herrscht in der Deklination bei den Adjektiven, deren Stamm auf el und er endigt, wie dunkel, edel, eitel, übel, lauter, wacker; auch die Komparativstämme, wie besser, größer, unser, euer, inner, äußer, ander, gehören dazu. Bei diesen Adjektiven kommen in der Deklination zwei Silben mit kurzem e zusammen, also des eitelen Menschen, dem übelen Rufe, dem dunkelen Grunde, unseres Wissens, mit besserem Erfolge, aus härterem Holze. Diese Formen sind unerträglich: man schreibt sie wohl bisweilen, aber niemand spricht sie, eins der beiden e muß weichen. Aber welches von beiden? Die richtige Antwort darauf gibt der Infinitiv der Zeitwörter, die von Stämmen auf el und er gebildet werden. Auch da treffen zwei e zusammen, von denen eins beseitigt werden muß. Nun ist es zwar hie und da in Deutschland, z. B. in Hannover, beliebt, zu sagen: tadlen, handlen, wandlen, veredlen, vermittlen, verdunklen, verwechslen, ausbeutlen, mildren, verwundren, erschüttren, veräußren, versilbren, versichren, erläutren, im allgemeinen aber spricht, schreibt und druckt man doch tadeln, veredeln, erinnern, erläutern, d. h. man opfert das e der Endung und bewahrt das e des Stammes. Ebenso geschieht es auch in der Flexion des Verbums: er vereitelt, er verändert, nicht er vereitlet, er verändret. Und so ist es gut und vernünftig. Denn nicht nur daß das Stamm-e wichtiger ist als das der Endung, die Formen auf eln und ern klingen auch voller und schöner.[22] Genau so verhält sichs bei den genannten Adjektiven. Aber fast in allen Büchern und Zeitungen druckt man die häßlich weichlichen Formen: unsres Jahrhunderts, des üblen Rufes, die ältren Ausgaben, meiner teuren Gemeinde, in der ungeheuren Menschenmenge, und doch spricht fast jedermann: unsers Jahrhunderts, des übeln Rufes, die ältern Ausgaben, meiner teuern Gemeinde, in der ungeheuern Menschenmenge. Man druckt ja nicht: die Eltren, überall wird richtig Eltern gedruckt, warum also nicht auch die ältern? beides ist doch dasselbe.[23] Bei dem Dativ-m kann man zugeben, daß, wenn das Stamm-e erhalten und das e der Endung ausgeworfen wird, zuweilen etwas harte Formen entstehen; im allgemeinen ist aber auch hier auf dunkelm Grunde, mit besserm Erfolg gewiß vorzuziehen.
Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem Werte?
Wenn zu einem Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so ist es selbstverständlich, daß sie in der Deklination gleichmäßig behandelt werden müssen. Da haben nun manche in der starken Deklination, wenn das Eigenschaftswort allein, ohne Artikel oder Fürwort steht, im Dativ der Einzahl einen künstlichen Unterschied schaffen wollen. Sie haben gelehrt, nur dann, wenn zwei Adjektiva gleichwertig nebeneinander stünden, wenn sie dem Sinne nach koordiniert wären, a-a-s, dürften sie gleichmäßig behandelt werden, z. B. Tiere mit rotem, kaltem Blute, nach langem, heißem Kampfe; wenn dagegen das zweite Adjektiv mit dem Substantiv einen einheitlichen Begriff bilde, der durch das erste Adjektiv nur näher bestimmt werde, das erste also dem zweiten übergeordnet sei, a(a-s), so müsse das zweite schwach dekliniert werden, wie wenn es hinter einem Fürwort stünde, z. B. mit echtem Kölnischen Wasser, nach allgemeinem deutschen Sprachgebrauch, zu kühnem dramatischen Pathos, mit eigentümlichem humoristischen Anstrich, von großem praktischen Wert, aus übertriebnem patriotischen Zartgefühl, aus süddeutschem adligen Besitz. Ebenso müsse im Genitiv der Mehrzahl unterschieden werden zwischen: frischer, süßer Kirschen (denn die Kirschen seien frisch und süß) und neuer isländischen Heringe, scharfer indianischen Pfeile, einheimischer geographischen Namen, ehemaliger freien Reichsstädte (denn die Heringe seien nicht neu und isländisch, sondern die isländischen Heringe seien neu).
Diese Unterscheidung ist logisch unzweifelhaft notwendig, und sie muß auch in der Interpunktion zum Ausdruck kommen: koordinierte Adjektiva werden durch ein Komma getrennt, während zwischen zwei Eigenschaftswörtern, von denen eins dem andern übergeordnet ist, kein Komma stehen darf. Grammatisch aber ist die Unterscheidung die reine Willkür. Warum sollte sie auch gerade auf diese beiden Kasus beschränkt werden? auf den Dativ im Singular und den Genitiv im Plural? Nur in diesen beiden Kasus aber soll sie gelten, in den übrigen Kasus fällt es niemand ein, das zweite Adjektiv jemals in die schwache Form zu bringen. Oder sagt jemand: ohne selbständiges geschichtliche Studium? von bewährter christlichen Gesinnung?[24] Dazu kommt, daß sich in manchen Fällen kaum entscheiden läßt, ob zwei Adjektiva einander koordiniert sind oder eins dem andern untergeordnet, z. B. nach ergebnislosem zweijährigem Versuche. Unsre Romanschriftsteller scheinen zu glauben, daß stets eine Unterordnung vorliege, wenn das zweite Adjektiv eine Farbe bedeutet: sie schreiben fast ausnahmlos: bei schönem blauen Himmel, mit langem schwarzen Haar, mit schmalem braunen Rande, mit auffälligem roten Bande. Das ist völlig widersinnig. Freilich gibt es langes schwarzes Haar und kurzes schwarzes Haar. Aber eine solche Sortierung schwebt doch hier nicht vor. Bei dem schönen, blauen Himmel vollends denkt doch niemand an eine andre, weniger schöne Art von blauem Himmel, sondern blau ist eine weitere Ausführung und Begründung von schön: der Himmel ist schön, weil er blau ist. Ebenso ist das Band auffällig, weil es rot ist. In Todesanzeigen kann man täglich lesen, daß jemand nach langem, schweren Leiden oder nach kurzem, schweren Leiden gestorben sei. Man liest es so häufig, daß man fast glauben möchte, die Setzer setzten auch das gewohnheitsmäßig so, selbst wenn in der Druckvorlage richtig gestanden hat: nach langem, schwerem Leiden. Denn daß auch gebildete Menschen das immer falsch schreiben sollten, ist doch kaum anzunehmen.
Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme?
Große Unsicherheit herrscht in der Deklination der Adjektiva im Genitiv der Mehrzahl nach den Zahlbegriffen alle, keine, einige, wenige, einzelne, etliche, manche, mehrere, viele, sämtliche, denen sich auch die Adjektiva andre, verschiedne und gewisse anschließen, die beiden letzten, wenn sie in dem Sinne von mehrere und einige stehen. Da sagt man: aller guten Dinge, aller halben Stunden, mancher kleinen Souveräne, einzelner ausgezeichneten Schriftsteller, verschiedner schweren Bedenken, gewisser aristokratischen Kreise, aber auch: vieler andrer Gebiete, vieler damaliger preußischer Offiziere, einzelner großer politischer Ereignisse, sämtlicher deutscher evangelischer Kirchenregimente, gewisser mathematischer Kenntnisse. Sollte es denn nicht möglich sein, hier Ordnung und Regel zu schaffen?
Tatsache ist, daß auch nach allen diesen Wörtern die Adjektiva ursprünglich stark dekliniert worden sind. Ebenso ist es Tatsache, daß die schwache Form nur nach zweien von ihnen endgültig durchgedrungen ist: nach alle und keine. Sollte das nicht einen tiefern Grund haben? Die schwache Form ist endgültig durchgedrungen auch hinter dem bestimmten Artikel, hinter den hinweisenden Fürwörtern (dieser und jener) und hinter den besitzanzeigenden Adjektiven (mein, dein usw.). In allen diesen Fällen aber handelt es sich um eine ganz bestimmte Menge. Dagegen bezeichnet die artikellose Form eine unbestimmte Menge. Sollte es nun Zufall sein, daß gerade alle (mit seiner Negation keine) der Form gefolgt ist, die eine bestimmte Menge ausdrückt? Alle und keine sind die einzigen in der ganzen Reihe. Alle übrigen (viele, einige, manche usw.) bezeichnen eine unbestimmte Menge; viele und einige bleiben viele und einige, auch wenn einer dazukommt oder abgeht. Sollte sich nicht deshalb hier die artikellose Form erhalten haben? Im Nominativ überall: viele junge Leute, manche bittre Erfahrungen, verschiedne schwere Bedenken, gewisse aristokratische Kreise. Erst im Genitiv beginnt das Schwanken zwischen vieler junger Leute und vieler jungen Leute, verschiedner freisinniger Blätter und verschiedner freisinnigen Blätter, mehrerer andrer ausländischer Blätter und mehrerer andern ausländischen Blätter. Unzweifelhaft wäre also die starke Form hier überall vorzuziehen. Nur noch hinter sämtliche wäre die schwache am Platze, denn sämtliche bedeutet ja dasselbe wie alle, also eine bestimmte Menge.
Hinter den wirklichen Zahlwörtern zwei, drei, vier, fünf usw. steht im Nominativ überall die starke Form, so auch im Genitiv, solange die Zahlwörter selbst undekliniert bleiben: die Kraft vier starker Männer, um fünf Gerechter willen. Dagegen beginnt das Schwanken, sobald die Zahlwörter selbst wie Adjektiva dekliniert werden: ein Kampf zweier großen Völker steht neben einem Kampf zweier großer Völker. Daß aber auch hier die starke Form vorzuziehen sei, kann wohl keinem Zweifel unterliegen. Beide dagegen schließt sich natürlich an alle und keine an: beide großen Männer, beide hier mitgeteilten Schriftstücke.
Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer Gelehrter oder großer Gelehrten?
Adjektiva und Partizipia, die substantiviert wurden, nahmen in der ältesten Zeit stets die schwache Form an, auch hinter dem unbestimmten Artikel. Reste davon sind Junge (ein Junge), eigentlich ein Junger, das in der Form Jünger noch daneben steht, und Untertan (e), eigentlich ein Untertaner. Später ist auch bei solchen substantivierten Adjektiven und Partizipien überall hinter ein die starke Form eingetreten: ein Heiliger, ein Kranker, ein Fremder, ein Gelehrter, ein Verwandter, ein Junges (von Hund oder Katze), ein Ganzes, und stark wird auch überall der alleinstehende artikellose Plural jetzt dekliniert: Heilige, Verwandte, Geistliche, Gelehrte, Junge (der Hund hat Junge bekommen). Werden aber diese substantivierten Adjektiva und Partizipia mit einem Adjektiv versehen, so erhält sich ihre schwache Form: ein schönes Ganze (noch genau so wie ein guter Junge), mein ganzes Innere, von auffälligem Äußern, mit zerstörtem Innern, und namentlich im Genitiv der Mehrzahl: eine Anzahl wunderlicher Heiligen, eine Versammlung evangelischer Geistlichen, ein Kreis lieber Verwandten, die Stellung höherer Beamten, die Arbeiten großer Gelehrten, ein Kreis geladner Sachverständigen, große Züge französischer Kriegsgefangnen, die Lehren griechischer Weisen usw.
Neuerdings versucht man, auch hier überall krampfhaft die starke Form durchzudrücken und lehrt, weil es heißt ein Ganzes, so müsse es auch heißen: ein schönes Ganzes, mein ganzes Inneres, ein ungewöhnliches Äußeres, mit zerrüttetem Innerm, und im Genitiv der Mehrzahl: ein Dutzend deutscher Gelehrter, die Aufnahme choleraverdächtiger Gefangner, das Eigentum französischer Staatsangehöriger, inmitten scheelblickender Fremder, die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger, der Verband sächsischer Industrieller, zum Besten armer Augenkranker, zur Unterstützung verschämter Armer, die Anstellung pensionierter Geistlicher, Mißgriffe preußischer Polizeibeamter, die Einführung neugewählter Stadtverordneter, Geldbeiträge reicher Privater, der Streit zweier berühmter deutscher Gelehrter, die Zustimmung vieler amerikanischer, spanischer und französischer Gelehrter, die Einbildung etlicher wunderlicher Heiliger usw. Daß die gehäuften er in den Endungen nicht gerade schön klingen, würde nichts zu sagen haben; das ließe sich auch gegen manche andre Endung einwenden. Aber da die schwache Form in diesem Falle das ältere ist, so verdient sie unbedingt den Vorzug. Unsre besten Schriftsteller haben nie anders geschrieben als: zur Unterstützung verschämter Armen, Lieder zweier Liebenden, zur Bewaffnung unbegüterter Freiwilligen, inmitten eifersüchtiger Fremden usw. Wenn man heute hört: nach dem Urteil hervorragender Gelehrter, so vermißt man stets das Hauptwort, denkt sich unwillkürlich hervorragender gelehrter geschrieben (mit g) und meint, es müsse noch folgen: Männer. Nur die schwache Form erzeugt das Substantivgefühl. Ein schönes Ganzes und nach dem Urteil hervorragender Gelehrter sind unnatürliche, gewaltsame Erzeugnisse der Halbwisserei.
Eine Liederlichkeit ist es, substantivierte weibliche Adjektivformen, wie die Rechte, die Linke, die Weiße (eine Berliner Weiße), wie Substantiva zu behandeln und zu schreiben: die Einführung der Berliner Weiße; richtig ist nur: der Berliner Weißen, wie in seiner Rechten, auf der äußersten Linken. Auch die Herbstzeitlose gehört hierher und die junge Schöne, die natürlich ebenso wie die Maskulina im Genitiv der Mehrzahl bilden muß: Ein Kreis junger Schönen (nicht Schöner).
Das Deutsche und das Deutsch.
Die Sprach- und die Farbenbezeichnungen bilden ein substantiviertes Neutrum in zwei Formen nebeneinander, in einer Form mit Deklinationsendung und einer Form ohne Endung: das Deutsche und das Deutsch, das Englische und das Englisch, das Blaue (ins Blaue hinein reden) und das Blau (das Himmelblau), das Weiße (im Auge) und das Weiß (das Eiweiß). Zwischen beiden Formen ist aber ein fühlbarer Bedeutungsunterschied. Das Deutsche bezeichnet die Sprache überhaupt, und dem schließt sich auch das Hochdeutsche, das Plattdeutsche usw. an. Sobald aber irgendein beschränkender Zusatz hinzutritt, der eine besondre Art oder Form der deutschen Sprache bezeichnet, wird die kürzere Form gebraucht: das heutige Deutsch, ein fehlerhaftes Deutsch, das beste Deutsch, Goethes Deutsch, mein Deutsch, dieses Deutsch, das Juristendeutsch, das Tintendeutsch (Goethe im Faust: in mein geliebtes Deutsch zu übertragen; der Deutsche ist gelehrt, wenn er sein Deutsch versteht).
Die längere Form: das Deutsche, das Blaue muß natürlich schwach dekliniert werden: der Lehrer des Deutschen, die beste Zensur im Deutschen, ein Kirchlein steht im Blauen, Willkommen im Grünen! Die kürzere Form halten manche für ganz undeklinierbar und schreiben: des Juristendeutsch, eines feurigen Rot. Sie steht aber durchaus auf einer Stufe mit andern endunglosen substantivierten Neutren, wie: das Gut, das Übel, das Recht, das Dunkel, das Klein (für Kleinod, Kleinet, z. B. Gänseklein), das Wild, und es ist nicht einzusehen, weshalb man nicht sagen soll: des Eigelbs, des Tintendeutschs. An das tschs braucht sich niemand zu stoßen, sonst dürfte man auch nicht sagen: des Erdrutschs, des Stadtklatschs.
Ganz unsinnig ist, was man fort und fort auf den Titelblättern aus fremden Sprachen übersetzter Bücher lesen muß: aus dem Französischen des Voltaire übersetzt u. ähnl. Man kann über das Französisch Voltaires (nicht das Französische!) eine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, aber übersetzen kann man etwas nur aus dem Französischen schlechthin; der Name des französischen Verfassers muß an andrer Stelle auf dem Titelblatt angebracht werden: Voltaires Briefe, aus dem Französischen übersetzt usw.
Lieben Freunde oder liebe Freunde?
Obwohl es keinem Menschen einfällt, in der Anrede zu sagen: teuern Freunde, geehrten Herren, geliebten Eltern, schwankt man wunderlicherweise seit alter Zeit bei dem Adjektivum lieb. Das ursprüngliche ist allerdings, daß beim Vokativ die schwache Form steht. Aber bereits im Althochdeutschen dringt die starke Form ein, und im Neuhochdeutschen gewinnt sie bis zum achtzehnten Jahrhundert die Oberhand. Auch die Kanzleisprache sagte schließlich: liebe Getreue statt: lieben Getreuen! Und heute haben wir bei einer Verbindung wie lieben Freunde (wie Luther noch schreibt) nicht mehr das Gefühl von etwas organischem, von etwas, das so in Ordnung wäre, sondern die Empfindung einer gewissen Altertümelei. Wer diese Empfindung nicht erregen will, wird die schwache Form in der Anrede vermeiden.
Wir Deutsche oder wir Deutschen?
Ist es richtiger, zu sagen: wir Deutsche oder wir Deutschen? Diese Frage, die eine Zeit lang viel Staub aufgewirbelt hat, würde wohl gar nicht entstanden sein, wenn nicht Bismarck in der bekannten Reichstagssitzung vom 6. Februar 1888 den Ausspruch getan hätte, der dann auf zahllosen Erzeugnissen des Gewerbes (Bildern, Gedenkblättern, Denkmünzen, Armbändern usw.) angebracht worden ist: Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt. Denn so hat er nach den stenographischen Berichten gesagt, und so war er also wohl gewohnt zu sagen. Aber schon der Umstand, daß die Zeitungen am 7. Februar (vor dem Erscheinen der stenographischen Berichte!) druckten: Wir Deutschen, und daß sich die Gewerbetreibenden vielfach zu vergewissern suchten, wie er denn eigentlich gesagt habe, zeigt, daß seine Ausdrucksweise auffällig war; dem Volksmunde war geläufiger: wir Deutschen, und so ist in der Tat schon im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert viel öfter gesagt worden als wir Deutsche, obwohl es in der Einzahl heißt: ich Deutscher, und heute vollends sagt niemand mehr: wir Arme, ihr Reiche, wir Alte, ihr Junge, sondern wir Armen (Gretchen im Faust: am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach wir Armen!), ihr Reichen, wir Alten, ihr Jungen, wir Konservativen, wir Liberalen, wir Wilden (Seume: wir Wilden sind doch beßre Menschen), wir Geistlichen, wir Gesandten, wir Vorgenannten, wir Unterzeichneten, wir armen Deutschen, wir guten dummen Deutschen, wir Deutschen sind halt Deutsche! Es ist gar nicht einzusehen, weshalb gerade die Deutschen von all diesen substantivierten Adjektiven und Partizipien eine Ausnahme machen sollen. Wenn sich augenblicklich gewisse Leute, denen es gar nicht einfallen würde, zu sagen: wir Arme, mit dem vereinzelt aufgeschnappten und ihrem eignen Munde ganz ungewohnten wir Deutsche spreizen, so ist das einfach lächerlich.
Die Ursache, weshalb hinter wir und ihr schon früh die schwache Form bevorzugt worden ist, ist offenbar dieselbe, die hinter den hinweisenden Fürwörtern, den besitzanzeigenden Adjektiven und hinter alle und keine wirksam gewesen ist (vgl. [S. 32]): daß es sich um eine bestimmte Menge handelt. Wenn man sagt: wir Deutschen, so meint man damit entweder alle Deutschen überhaupt oder alle Deutschen in einem bestimmten Falle, z. B. alle, die in einer aus Angehörigen verschiedner Nationen gemischten Versammlung anwesend sind. Daß im Akkusativ der Mehrzahl die starke Form vorgezogen worden ist: uns Deutsche, hat seinen Grund wieder darin, daß man ihn sonst nicht hätte vom Dativ unterscheiden können (bei Burkhard Waldis aber: und das Reich an uns Deutschen kummen).
Ein Unterschied läßt sich zwischen wir beiden und wir beide machen. Wenn der Lehrer am Schluß der Stunde fragt: wer ist noch nicht drangewesen? ein Schüler dann antwortet: Wir beiden sind noch nicht drangewesen, der Lehrer das bezweifelt und sagt: Ich dächte, du wärst schon drangewesen, so kann der Schüler das zweitemal antworten: Nein, wir beide sind noch nicht drangewesen. Im zweiten Falle wird beide zum Prädikat gezogen, wir beiden dagegen ist dasselbe wie wir zwei. Freilich heißt es in Holteis Mantellied auch: Wir beide haben niemals gebebt.
Verein Leipziger Gastwirte – an Bord Sr. Maj. Schiff
Ein gemeiner Fehler, für den leider in den weitesten, auch in gebildeten Kreisen schon gar kein Gefühl mehr vorhanden zu sein scheint, liegt in Verbindungen vor wie: Verein Leipziger Gastwirte, Ausschank Zwenkauer Biere, Hilfskasse Leipziger Journalisten, Verein Berliner Buchhändler, Radierungen Düsseldorfer Künstler, Photographien Magdeburger Baudenkmäler, eine Sammlung Meißner Porzellane, die frühesten Namen Breslauer Konsuln, zur Topographie südtiroler Burgen, nach Meldungen Dresdner Zeitungen.
Die von Ortsnamen gebildeten Formen auf er werden von vielen jetzt für Adjektiva gehalten, wie sich schon darin zeigt, daß sie sie mit kleinen Anfangsbuchstaben schreiben: pariser, wiener, thüringer, schweizer. Das ist ein großer Irrtum. Diese Formen sind keine Adjektiva, sondern erstarrte Genitive von Substantiven. Der Leipziger Bürgermeister ist, wörtlich ins Lateinische übersetzt, nicht consul Lipsiensis – das wäre der Leipzigische Bürgermeister –, sondern Lipsiensium consul, der Bürgermeister der Leipziger. Man sieht das deutlich, wenn man solche Verbindungen zugleich mit einem wirklichen Adjektivum dekliniert, z. B. der neue Berliner Ofen. Dann lauten die einzelnen Kasus: des neuen Berliner Ofens, dem neuen Berliner Ofen, den neuen Berliner Ofen, die neuen Berliner Öfen usw. Während also das Adjektiv neu und das Substantiv Ofen dekliniert werden, bleibt Berliner stets unverändert. Ganz natürlich; es ist eben kein Adjektivum, sondern ein eingeschobner, abhängiger Genitiv. Der Irrtum ist dadurch entstanden, daß man, durch den Gleichklang der Endungen verführt, solche abhängige Genitive mit dem Genitiv von wirklichen Adjektiven wie deutscher, preußischer zusammengeworfen hat. Weil man richtig sagt: eine Versammlung deutscher Gastwirte, glaubt man auch richtig zu sagen: ein Verein Leipziger Gastwirte. Leider heißt nur hier der Nominativ nicht Leipzige, während er dort deutsche heißt.
Nun ist aber in der artikellosen Deklination der Genitiv der Mehrzahl, wenn er nicht durch ein hinzugesetztes Adjektiv kenntlich gemacht wird, überhaupt nicht kenntlich; er muß (leider!) durch die Präposition von umschrieben werden. Wenn man sagt: eine Versammlung großer Künstler, so ist der Genitiv durch das Attribut großer genügend kenntlich gemacht; aber societas artificum läßt sich nimmermehr übersetzen: ein Verein Künstler, sondern nur ein Künstlerverein oder: ein Verein von Künstlern; erst durch das von entsteht ein erkennbarer Genitiv. Ganz ebenso ist es aber auch, wenn zu dem Substantiv ein Attribut tritt, das nicht deklinierbar ist, z. B. ein Zahlwort oder ein abhängiger (kein attributiver) Genitiv. So unmöglich und so falsch es ist, zu sagen: infolge Streitigkeiten, wegen Sonderzüge, mangels Beweise, ein Bund sechs Städte, innerhalb vier Wochen, nach Verlauf vier Wochen, die Lieferung fünftausend Gewehre, in der ersten Zeit dessen Leitung, mit Bewilligung dessen Eltern, unter Angabe deren Kennzeichen, die Neubesetzung Herrn Dornfelds Stelle, unterhalb Dr. Heines Brücke, der Verkauf ihres Mannes Bücher, Genüsse mancherlei Art, eine Quelle allerhand Verlegenheiten, so gewiß in allen diesen Fällen der Genitiv nur mit Hilfe der Präposition von kenntlich gemacht werden kann (ein Bund von sechs Städten, eine Quelle von allerhand Verlegenheiten), so gewiß muß es auch heißen: Verein von Leipziger Gastwirten, Verhaftung von Erfurter Bürgern, Verkauf von Magdeburger Molkereibutter; bei Verein Berliner Künstler glaubt man immer nur einen Nominativ zu hören: ein Verein Künstler, wie bei: eine Menge Menschen, ein Haufe Steine, ein Sack Geld, ein Stück Brot usw.[25]
Ebenso falsch ist es, wenn geschrieben wird: an Bord Sr. Majestät Schiff Möwe, die Forschungsreise Sr. Majestät Schiff Gazelle. Der Genitiv Sr. Majestät hängt ab von Schiff. Aber wovon hängt Schiff ab? Von nichts: es schwebt in der Luft. Und doch soll auch das ein Genitiv sein, der von Bord oder Reise abhängt. Der kann nur dadurch erkennbar gemacht werden, daß man schreibt: an Bord von Sr. Majestät Schiff Gazelle, denn an Bord Sr. Majestät Schiffs Gazelle wird niemand sagen wollen.[26]
Anstatt des abhängigen dessen und deren braucht man sich nur des attributiven sein und ihr zu bedienen, und der Genitiv ist sofort erkennbar. Falsch ist: ich gedenke dessen Güte und Macht – die Briefe Goethes an seinen Sohn während dessen Studienjahre in Heidelberg – eine Darstellung der alten Kirche und deren Kunstschätze – die Interessen der Stadt und deren Einwohner – eine Aufzählung aller Güter und deren Besitzer – eine Versammlung sämtlicher evangelischen Fürsten und deren Vertreter – eine Tochter des Herrn Direktor Schmidt und dessen Gemahlin – zum Besten der Verunglückten und deren Hinterlassenen – die Sicherstellung der Zukunft der Beamten und deren Familien; es muß heißen: seiner Güte und Macht, seiner Gemahlin, ihrer Hinterlassenen, ihrer Familien usw.[27]
Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder schwerer wiegend?
Mannigfachen Verstößen begegnet man in der Steigerung der Adjektiva (Positiv, Komparativ, Superlativ). Von viel heißt der Komparativ nicht mehrere, sondern mehr: ich habe in meinem Garten viel Rosen, du hast mehr Rosen, er hat die meisten Rosen. Mehrere ist nichts andres als einige, etliche. Wenn also ein Hausbesitzer genötigt wird, zu bescheinigen, daß mehrere Hunde als die hier verzeichneten in seinem Hause nicht gehalten werden, so wird er genötigt, einen Schnitzer zu unterschreiben.
Bei Adjektiven, deren Stamm auf einen Zischlaut endigt, stoßen im Superlativ zwei Zischlaute zusammen. Das stört nicht, wenn die Wörter mehrsilbig sind (der weibischste, der malerischste), wohl aber, wenn sie einsilbig sind (der hübschste, der süßste). Man bewahrt dann lieber das e, das sonst immer ausgeworfen wird, und sagt: der hübscheste, der süßeste. Von groß ist allgemein der größte üblich geworden (Goethe im Götz auch: der hübschte, in den Briefen aus Italien: der genialischte).
Bei der Vorliebe, womit jetzt einfache Begriffe wie groß, stark, schwer durch schleppende Zusammensetzungen wie tiefgehend, weitgehend, weittragend, schwerwiegend ersetzt werden, entsteht oft Verlegenheit, wie man solche Zusammensetzungen im Komparativ und im Superlativ behandeln soll. Logisch ist ja die Frage leicht zu beantworten; was gesteigert werden soll, ist nicht das Partizip gehend, sondern das dabeistehende Adverb tief oder weit. In vielen solchen Zusammensetzungen ist aber das Adverb mit dem Partizip so innig verwachsen, daß man kaum noch die Zusammensetzung empfindet. Wenn also auch niemand wagen wird, eine weitverbreitete Unsitte zu steigern: eine weitverbreitetere Unsitte, sondern eine weiter verbreitete,[28] das hochbesteuerte Einkommen, nicht: das hochbesteuertste, sondern das höchstbesteuerte, so ist doch gegen einen Komparativ wie zartfühlender nichts einzuwenden, denn das Partizipium fühlend wird hier gar nicht mehr als Verbalform empfunden, sondern etwa wie fühlig in feinfühlig, und solche Zusammensetzungen (feinsinnig, kleinmütig, böswillig, fremdartig, gleichmäßig) gelten für einfache Wörter und können nur steigern: kleinmütiger, der kleinmütigste. Ihnen würde sich auch das neumodische hochgradig anschließen. Dazwischen liegen aber nun Zusammensetzungen, bei denen manchmal kaum zu entscheiden ist, ob man sie als einfache oder als zusammengesetzte Wörter behandeln soll; sogar derselbe Mensch kann darin zu verschiednen Zeiten verschieden fühlen. Ganz unerträglich sind: der schöngelegenste Teil, die vielgenannteste Persönlichkeit, die naheliegendste Erklärung, die leichtlaufendste Maschine, die tiefliegendere Bedeutung, tiefgehendere Anregungen, die feinschmeckenderen Sorten, die weitblickendere Klugheit, eine engbegrenztere Aufgabe; es muß heißen: der schönstgelegne, noch besser der am schönsten gelegne Teil, die am meisten genannte Persönlichkeit, die tiefer liegende Bedeutung, tiefer gehende Anregungen, die feiner schmeckenden Sorten, die nächstliegende Erklärung, die weiter blickende Klugheit, eine enger begrenzte Aufgabe. Nicht ganz so anstößig erscheint: die wohlgemeinteste Warnung, die weitgehendste Mitwirkung, die weittragendste Bedeutung, die fernliegendsten Dinge, die hochfliegendsten Pläne, obwohl natürlich der bestgemeinte Rat, die weitestgehende Mitwirkung vorzuziehen ist. Völlig gewöhnt haben wir uns an den tiefgefühltesten Dank und an die hochgeehrtesten oder hochverehrtesten Damen und Herren. Schön kann man trotzdem solche Steigerungen nicht nennen; sie klingen alle mehr oder weniger schleppend und schwülstig, und was sie ausdrücken sollen, kann meist durch ein einfacheres Wort oder durch einen kurzen Nebensatz ebenso kräftig und deutlich gesagt werden.
Größtmöglichst
Noch schlimmer freilich sind die jetzt so beliebten doppelten Superlativbildungen, wie die besteingerichtetsten Verkehrsanstalten, die bestbewährtesten Fabrikate, die höchstgelegenste Wohnung, der feinstlaubigste Kohlrabi u. ähnl. (statt der besteingerichteten oder der bewährtesten). Für so gut wie möglich kann man natürlich auch sagen: möglichst gut. Es gibt ja verschiedne Grade der Möglichkeit, es kann etwas leichter möglich sein und auch schwerer möglich; man sagt auch: tue dein möglichstes! Wie muß sich aber diese Steigerung mißhandeln lassen! Die einen stellen die Wörter verkehrt, bringen den Superlativ an die falsche Stelle und sagen bestmöglich, in der irrigen Meinung, das Wort sei eine Zusammenziehung aus: der beste, der möglich ist; andre wissen sich gar nicht genug zu tun und bilden auch hier wieder den doppelten Superlativ bestmöglichst, größtmöglichst: mit größtmöglichster Beschleunigung. Das beste ist, auch solche schwülstige Übertreibungen zu vermeiden. Das gilt auch von der beliebten Steigerung: der denkbar größte. Wenn ein Nutzen nicht der denkbar größte wäre, so wäre er doch auch nicht der größte. Welch unnötiger Wortschwall also! Manche sind aber in dieses denkbar so verliebt, daß sie es sogar zum Positiv setzen: in ihrer Stimmung sind beide Altarflügel denkbar verschieden.
Vollkommener Unsinn ist es natürlich, wenn gedankenlose Menschen jetzt der erste beste zusammenziehen in der erstbeste, wenn ein Arzt bittet, möglichst keine Briefe an ihn zu richten, da er verreist sei, eine Herrschaft einen möglichst verheirateten oder einen möglichst unverheirateten Kutscher zu möglichst sofortigem Antritt sucht, Zeitungen ihre Abonnenten auffordern, das Abonnement baldgefälligst zu erneuern, oder ein Kaufmann seine Kunden bittet, ihm baldmöglichst oder baldgefälligst ihre geschätzten Aufträge oder Bestellungen zukommen zu lassen. Was sie meinen, ist weiter nichts als: womöglich keine, womöglich verheiratet, womöglich sofort, und: möglichst bald, gefälligst bald. Aber namentlich das baldgefälligst, so albern es auch ist, gehört zu den Lieblingswörtern aller Geschäftsleute und Beamten.
Ebenso unsinnig ist es, wenn ein Superlativ von einzig gebildet wird: der Einzigste, der bisher Großes in diesem Fache geleistet hat. Einziger als einzig kann doch niemand sein.
Gedenke unsrer oder unser?
Auch in der Deklination der Fürwörter herrscht hie und da Unwissenheit oder Unsicherheit. Daß man eine Frage besprechen muß wie die: gedenke unsrer oder unser? ist sehr traurig, aber es ist leider nötig, denn der Fehler: wir sind unsrer acht – es harrt unsrer eine schwere Aufgabe, oder: wir gedenken eurer in Liebe, kommt so oft vor, daß man fast annehmen möchte, die Leute wären der Meinung, die kürzeren Formen seien nur durch Nachlässigkeit entstanden.
Die Genitive der persönlichen Fürwörter ich, du, er, wir, ihr, sie heißen: mein, dein, sein, unser, euer, ihr, z. B.: gedenke mein, vergiß mein nicht, der Buhle mein, ich denke dein, unser einer, unser aller Wohl, unser keiner lebt ihm selber.[29] Daneben sind freilich im Singular schon früh die unorganischen Formen meiner, deiner, seiner aufgekommen und haben sich festgesetzt, aber doch ohne die echten, alten Formen ganz verdrängen zu können (Gellert: der Herr hat mein noch nie vergessen, vergiß, mein Herz, auch seiner nicht); ihr ist leider ganz durch ihrer verdrängt worden; wir wollen uns ihrer annehmen. Aber in der ersten und zweiten Person der Mehrzahl ist doch die richtige alte Form noch so lebendig, daß es unverantwortlich wäre, wenn man sie nicht gegen die falsche, die sich auch hier eindrängen will, in Schutz nähme. Unsrer und eurer sind Genitive des besitzanzeigenden Eigenschaftswortes, aber nicht des persönlichen Fürworts. Also: erbarmt euch unser und unsrer Kinder![30]
Derer und deren
Die Genitive der Mehrzahl derer und deren sind der alten Sprache überhaupt unbekannt, sie hat nur der; beide sind – ebenso wie die Genitive der Einzahl dessen und deren – erst im Neuhochdeutschen gebildet worden und als willkommne Unterscheidungen des betonten und lang gesprochnen Determinativs und Relativs der (dēr) von dem gewöhnlich unbetonten und kurz gesprochnen Artikel der (dĕr) festgehalten worden. Derer steht vor Relativsätzen (und verdient dort den Vorzug vor dem schleppenden derjenigen); deren ist Demonstrativum: die Krankheit und deren Heilung (d. i. ihre Heilung) und Relativum: die Krankheiten, deren Heilung möglich ist. Falsch ist es also, wenn Relativsätze angefangen werden: in betreff derer, vermöge derer.
Ein ganz neuer Unsinn, den man jetzt bisweilen lesen muß, ist dessem und derem: der Dichter, dessem löblichen Fortschreiten ich mit Freuden folge – die Geschäfte werden inzwischen von dessem Stellvertreter besorgt – die fremde Kunst, bei derem Studium der Deutsche seine eigne Kunst vergaß – für die Behörden zu derem alleinigen Gebrauch ausgefertigt. Der Dativ, der in diesen Sätzen steht, hat gleichsam den vorangehenden abhängigen Genitiv angesteckt und dadurch die Mißbildungen geschaffen. Die Verirrung geht aber wohl öfter in den Köpfen der Setzer als in denen der Schriftsteller vor; bei der Korrektur lesen die Verfasser über den Unsinn weg, und so wird er mit gedruckt. Auch dergleichem findet sich schon: er ist zu Verschickungen und dergleichem gebraucht worden.[31]
Einundderselbe
Der arge Mißbrauch, der mit dem Pronomen derselbe getrieben wird (daß man es fortwährend für er oder dieser gebraucht; vgl. [S. 226]), hat dazu geführt, daß man nun einundderselbe sagen zu müssen glaubt, wo man derselbe mit seiner wirklichen Bedeutung meint. Diese überflüssige Zusammensetzung wird vollends schleppend, wenn man sie pedantisch dekliniert: eines und desselben, einem und demselben. Wer sie nicht entbehren zu können glaubt, der schreibe wenigstens: an einunddemselben Tage, im Laufe einunddesselben Jahres, in einundderselben Hand. Dieselbe Freiheit nimmt man sich ja auch bei Grund und Boden: die Entwertung des Grund und Bodens (als ob beides nur ein Wort wäre), nicht des Grundes und Bodens; ebenso: ein Hut mit blau und weißem Band, wenn nicht zwei verschiedenfarbige Bänder gemeint sind, sondern ein zweifarbiges.
Man
Daß auch das unpersönliche Fürwort man dekliniert werden kann, dessen sind sich die allerwenigsten bewußt. In der lebendigen Rede bilden sie zwar, ohne es zu wissen, die casus obliqui ganz richtig, aber wenn sie die Feder in die Hand nehmen, getrauen sie sich nicht, sie hinzuschreiben, sondern sinnen darüber nach, wie sie sich ausdrücken sollen. Der Junge, der von einem andern Jungen geneckt wird, sagt: laß einen doch gehn! und wenn er sich über den Necker beschwert, sagt er: der neckt einen immer. Auch der Erwachsne sagt: das kann einem alle Tage begegnen. Und Lessing schreibt: macht man das, was einem so einfällt? – so was erinnert einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will – muß man nicht grob sein, wenn einen die Leute sollen gehn lassen? – Goethe sagt sogar: eines Haus und Hof steht gut, aber wo soll bar Geld herkommen? Es ist also klar, die casus obliqui von man werden in der lebendigen Sprache gebildet durch eines, einem, einen. Aber viele scheinen diese Ausdrucksweise jetzt nicht mehr für fein zu halten, scheinen sich einzubilden, daß sie nur der niedrigen Umgangssprache zukomme. Das ist bloßer Aberglaube, man kann sich gar nicht besser ausdrücken, als wie es Goethe getan hat, wenn er z. B. sagt: wenn man für einen reichen Mann bekannt ist, so steht es einem frei, seinen Aufwand einzurichten, wie man will.
Jemandem oder jemand?
In jemand und niemand ist das d ein unorganisches Anhängsel. Die Wörter sind natürlich mit man (Mann) zusammengesetzt (ieman, nieman), im Mittelhochdeutschen heißen Dativ und Akkusativ noch iemanne, niemanne, ieman, nieman. Da sich das Gefühl dafür durchaus noch nicht verloren hat, da es jedermann noch versteht, wenn man sagt: ich habe niemand gesehen, du kannst niemand einen Vorwurf machen, so ist nicht einzusehen, weshalb die durch Mißverständnis entstandnen Formen jemandem, niemandem, jemanden, niemanden den Vorzug verdienen sollten.
Jemand anders
Der gute Rat, bei den Adjektiven, deren Stamm auf er endigt, immer die schönen, kräftigen Formen: unsers, andern den weichlichen Formen: unsres, andren vorzuziehen (vgl. [S. 29]), erleidet eine Ausnahme bei dem Neutrum anders. Unser heutiges Umstandswort anders (ich hätte das anders gemacht) ist ursprünglich nichts „andres“ als das Neutrum von andrer, andre, andres (ein andres Kleid). Die Sprache hat sich hier des ganz äußerlichen Mittels bedient, das einemal den Vokal der Endung, das andremal den des Stammes auszuwerfen, um einen Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb zu schaffen. (Ebenso bei besondres und besonders.) An diesem Unterschied ist natürlich nun festzuhalten, niemand wird schreiben ein anders Kleid. Zum Glück hat sich aber in der lebendigen Sprache in den Verbindungen: wer anders, was anders, jemand anders, niemand anders die kräftigere Form erhalten; man sagt: wer anders sollte mir helfen? – das ist niemand anders gewesen als du – und die Schlußzeile einer bekannten Fabel: ja, Bauer, das ist ganz was anders – ist durchaus nicht bloß wegen des Reimes auf Alexanders so geschrieben. In allen diesen Verbindungen ist anders nicht etwa als Adverb aufzufassen, sondern es ist der Genitiv des geschlechtslosen Neutrums, das zur Bezeichnung beider Geschlechter dient, wie in jemand fremdes. Darnach kann nun auch kein Zweifel sein, wie diese Verbindungen zu deklinieren sind. Der Volksmund hat das richtige, wenn er sagt: von wem anders soll ich mir denn helfen lassen? – ich bin mit niemand anders in Berührung gekommen. Mit niemand anderm ist falsch, freilich nicht viel falscher als: von was anderm, zu was besserm, zu nichts gutem, wo auch das abhängige Wort, das eigentlich im Genitiv stehen müßte, die Kasusbezeichnung übernommen hat, die in was und nichts nicht zum Ausdrucke kommt.
Ein andres und etwas andres
Das Neutrum von jemand anders heißt etwas andres, im Volksmunde was andres. Die Mutter sagt: ich habe dir was schönes oder etwas schönes mitgebracht. Ebenso etwas gutes, etwas rechtes, etwas wahres, etwas großes, etwas wesentliches, etwas neues, etwas weiteres. Dieses schlichte was oder etwas verschmäht man aber jetzt, man schreibt: und noch ein andres muß ich erwähnen – zunächst möchte ich ein allgemeines voranschicken – und nun können wir noch ein weiteres hinzufügen – man darf nicht glauben, daß damit ein wesentliches gewonnen sei – auch der reichhaltigste Stoff muß ein spezifisches haben, das ihn von tausend andern unterscheidet; und man kommt sich äußerst vornehm vor, wenn man so schreibt. Sogar ein Lied von Oskar von Redwitz, das in der Komposition von Liszt das Entzücken aller Backfische ist, fängt an: Es muß ein wunderbares sein ums Lieben zweier Seelen! Es ist aber nichts als alberne Ziererei. Poetischer wird das Lied durch das ein sicherlich nicht.
„Etwas andres“ ist es, wenn ein nicht das unbestimmte Fürwort, sondern das Zahlwort bedeuten soll, z. B.: dann hätte das Unternehmen wenigstens ein gutes gehabt. Das ist natürlich ebenso richtig wie: das eine gute.
Zahlwörter
Gegen die richtige Bildung der Zahlwörter werden nur wenig Verstöße begangen; es ist auch kaum Gelegenheit dazu. Lächerlich ist es, daß manche Leute immer sechszig und siebenzig drucken lassen, denn in ganz Deutschland sagt man sechzig und siebzig. Für fünfzehn und fünfzig sagen manche lieber funfzehn und funfzig. Im Althochdeutschen stand neben unflektiertem funf ein flektiertes funfi, woraus im Mittelhochdeutschen fünfe wurde. Funfzig ist nun mit funf gebildet, mit fünf dagegen fünfzehn und fünfzig, die in der Schriftsprache die Oberhand gewonnen haben.[32]
Statt hundertunderste kann man jetzt öfter lesen: hundertundeinte, aber doch nur nach dem unbestimmten Artikel: nicht als ob ich zu den hundert Fausterklärungen noch eine hundertundeinte hinzufügen wollte. Es schwebt dabei wohl weniger die Reihenfolge und der neue letzte Platz in dieser Reihenfolge vor, als die Zahl, die von hundert auf hundertundeins steigt. Trotzdem hat die Form keine Berechtigung.
Die Bildungen anderthalb (d. h. der andre, der zweite halb), drittehalb (2½), viertehalb (3½) sind jetzt mehr auf die Umgangssprache beschränkt; in der Schriftsprache sind sie seltner geworden. Es ist aber nichts gegen sie einzuwenden.
Starke und schwache Konjugation
Wie bei den Hauptwörtern zwischen einer starken und einer schwachen Deklination, so unterscheidet man bei den Zeitwörtern zwischen einer starken und einer schwachen Konjugation. Starke Zeitwörter nennt man die, die ihre Formen nur durch Veränderung des Stammwortes bilden, schwache die, die zur Bildung ihrer Formen andrer Mittel bedürfen. Ein starkes Zeitwort ist: ich springe, ich sprang, ich bin gesprungen, ein schwaches: ich sage, ich sagte, ich habe gesagt. Die Veränderung des Stammvokals nennt man den Ablaut, die verschiednen Wege, die der Ablaut einschlägt, die Ablautsreihen.[33] Die wichtigsten Ablautsreihen sind: ei, i, i (reite, ritt, geritten), ei, ie, ie (bleibe, blieb, geblieben), ie, o, o (gieße, goß, gegossen), i, a, u (binde, band, gebunden), i, a, o (schwimme, schwamm, geschwommen), e, a, o (nehme, nahm, genommen), i, a, e (bitte, bat, gebeten), e, a, e (lese, las, gelesen), a, u, a (fahre, fuhr, gefahren). Außerdem gibt es noch eine Mischgruppe mit ie im Imperfekt und einunddemselben Vokal im Präsens und im Partizip, wie falle, fiel, gefallen, stoße, stieß, gestoßen, rufe, rief, gerufen, laufe, lief, gelaufen, heiße, hieß, geheißen, wofür man jetzt bisweilen falsch gehießen hören muß, als ob es in die zweite Ablautsreihe gehörte.
Fast noch bewundernswürdiger als in der Deklination der Hauptwörter ist in der Flexion der Zeitwörter die Sicherheit, mit der auch der Mindergebildete der Fülle und Mannigfaltigkeit der Formen gegenübersteht. Freilich gibt es auch hier Schwankungen und Verirrungen, darunter sogar recht ärgerliche und beschämende. Es gibt Verbalstämme, die eine starke und auch eine schwache Flexion erzeugt haben mit verschiedner Bedeutung; da ist dann Verwechslung eingetreten. Es gibt aber auch Zeitwörter, die sich bloß in die andre Flexion verirrt haben ohne Bedeutungswechsel. Bei gutem Willen ist aber doch vielleicht auch hier noch manches zu verhüten oder aufzuhalten.
Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter
Das intransitive hangen und das transitive hängen (eigentlich henken) jetzt noch streng auseinanderhalten zu wollen wäre wohl vergebliches Bemühen. Wenn auch im Perfekt noch richtig gesagt wird: ich habe das Bild aufgehängt, und aufgehangen hier als fehlerhaft empfunden wird, so hat sich doch leider fast allgemein eingebürgert: ich hing den Hut auf, und hangen, abhangen, zusammenhangen erscheint uns altertümlich gesucht, obwohl es das richtige ist (Heine: und als sie kamen ins deutsche Quartier, sie ließen die Köpfe hangen). Ähnlich verhält sichs mit wägen und wiegen; man sagt jetzt ebenso: der Bäcker wiegt das Brot, wie: das Brot wiegt zu wenig, obwohl es im ersten Falle eigentlich wägt heißen müßte. Auch bei schmelzen, löschen und verderben ist von Rechts wegen zwischen einer transitiven schwachen und einer intransitiven starken Flexion zu unterscheiden: die Sonne schmelzt den Schnee, hat den Schnee geschmelzt, aber der Schnee schmilzt, er ist geschmolzen; der Wind löscht das Licht aus, hat es ausgelöscht, aber das Licht verlischt, ist verloschen; das Fleisch verdirbt, verdarb, ist verdorben, aber der schlechte Umgang verderbt die Jugend, verderbte sie, hat sie verderbt. Leider wird der Unterschied nicht überall mehr beobachtet (am ehesten noch bei löschen). Sehr in Verwirrung geraten sind das intransitive und das transitive schrecken. Das intransitive erschrecken wird allgemein noch richtig flektiert: du erschrickst, er erschrickt, ich erschrak, ich bin erschrocken (in der niederdeutschen Vulgärsprache: ich habe mich erschrocken!); ebenso das transitive: du erschreckst mich, ich erschreckte, ich habe erschreckt. Bei aufschrecken und zurückschrecken aber hat die schwache Form die starke fast ganz verdrängt; selten, daß man noch einmal richtig liest: daß die Sozialdemokratie hiervor nicht zurückschrickt. Von dem ursprünglich intransitiven stecken (der Schlüssel steckt an der Tür) hat sich ein transitives stecken abgezweigt (ich stecke den Schlüssel an die Tür). Beide werden jetzt meist schwach flektiert; das intransitive war aber früher stark: wo stickst du? Und mundartlich heißt es ja noch heute: der Schlüssel stak.
Schlechterdings nicht verwechselt werden sollte gesonnen und gesinnt, geschaffen und geschafft. Gesonnen kann nur die Absicht oder den Willen bedeuten: ich bin gesonnen, zu verreisen; gesinnt, das gar nicht von dem Zeitwort sinnen, sondern von dem Hauptwort Sinn gebildet ist (wie gewillt nicht von wollen, sondern von Wille), kann nur von der Gesinnung gebraucht werden: er war gut deutsch gesinnt, er ist mir feindlich gesinnt. Schaffen bedeutet in der starken Flexion (schuf, geschaffen) die wirklich schöpferische Tätigkeit, das Hervorbringen: der Dichter hat ein neues Werk geschaffen. Ist aber nur arbeiten, hantieren, ausrichten, bewirken, bringen (z. B. Waren auf den Markt schaffen) gemeint, so muß es schwach flektiert werden (schaffte, geschafft). Von Rat schaffen also, Nutzen schaffen, Abhilfe schaffen, Ersatz schaffen, Raum schaffen, Luft schaffen und dem jetzt in der Zeitungssprache so beliebten Wandel schaffen dürfen durchaus nur die schwachen Formen gebildet werden; es ist falsch, zu sagen: hier muß Wandel geschaffen werden. Ein neuer Raum (ein Zimmer, ein Saal) kann geschaffen werden, aber Raum (Freiheit der Bewegung) wird geschafft.
Auch das starke Zeitwort schleifen (schliff, geschliffen) hat im Laufe der Zeit ein schwaches von sich abgespaltet (schleifte, geschleift), das andre Bedeutung hat. Das Messer wird geschliffen, aber die Kleiderschleppe wird über den Boden geschleift. Früher wurden auch Städte und Festungen geschleift, auch Verbrecher auf einer Kuhhaut auf den Richtplatz geschleift; jetzt wird nur noch ein Student vom andern in die Kneipe geschleift, und dort wird dann gekneipt (nicht geknippen), denn kneipen „in diesem Sinne“ ist nur eine Ableitung von Kneipe.
Zwei ganz verschiedne Verba, ein starkes und ein schwaches, begegnen einander in laden. Zwar werden jetzt ebenso Gäste geladen wie Kohlen und Gewehre, auch sagt man schon in beiden Fällen: ich lud. Im Präsens wird aber doch noch bisweilen unterschieden zwischen: du ladest oder er ladet mich ein (Schiller: es lächelt der See, er ladet zum Bade) und: er lädt das Gewehr.
Sehr unangenehm fällt die fortwährende Vermischung von dringen und drängen auf. Dringen ist intransitiv und hat zu bilden: ich drang vor, ich bin vorgedrungen. Drängen dagegen ist transitiv oder reflexiv und kann nur bilden: ich drängte, ich habe gedrängt; also auch: ich drängte mich vor, ich habe mich vorgedrängt, es wurde mir aufgedrängt. Durchaus falsch ist: ich dringe mich nicht auf, ich habe mich nicht aufgedrungen, diese Auffassung hat sich mir aufgedrungen.
Eine ärgerliche Verwirrung ist bei dünken eingerissen. Man sollte dieses Wort, das ohnehin für unser heutiges Sprachgefühl etwas gesucht altertümelndes hat, doch lieber gar nicht mehr gebrauchen, wenn man es nicht mehr richtig flektieren kann! Das Imperfekt von dünken heißt deuchte; beide Formen verhalten sich zueinander ebenso wie denken und dachte, womit sie ja auch stammverwandt sind. Aus deuchte hat man aber ein Präsens deucht gemacht, noch dazu falsch mit dem Dativ verbunden: mir deucht (!). Wer sich ganz besonders fein ausdrücken will, sagt immer: mir deucht (statt mir scheint) und macht dabei zwei Schnitzer in zwei Worten. Das richtige ist: mich dünkt und mich deuchte.
Willfahren und radebrechen (eine Sprache) sind nicht mit fahren und brechen zusammengesetzt, sondern von Hauptwörtern abgeleitet, von einem nicht mehr vorhandnen willevar und von der Radebreche, einer abschüssigen, für die Wagen gefährlichen Straßenstelle.[34] Beide werden also richtig schwach flektiert: er willfahrt, willfahrte, hat gewillfahrt, er radebrecht, radebrechte, hat geradebrecht.
Von manchen schwachen Verben ist vereinzelt ein starkes Partizip gebräuchlich mit einer besonders gefärbten Bedeutung, z. B. verschroben (von schrauben), verwunschen (der verwunschne Prinz, von verwünschen), unverhohlen (ich habe ihm unverhohlen meine Meinung gesagt, von verhehlen).
Frägt und frug
Eine Schande ist es – nicht für die Sprache, die ja nichts dafür kann, wohl aber für die Schule, die das recht gut hätte verhüten können und doch nicht verhütet hat –, mit welcher Schnelligkeit in ganz kurzer Zeit die falschen Formen frägt und frug um sich gegriffen haben, auch in Kreisen, die für gebildet gelten wollen und den Anspruch erheben, ein anständiges Deutsch zu sprechen. Der Fehler wird deshalb so ganz besonders widerwärtig, weil sichs dabei um ein Zeitwort handelt, das hundertmal des Tags gebraucht wird. Das immer falsch hören und – lesen zu müssen, ist doch gar zu greulich.
Die Zeitwörter mit ag im Stamme teilen sich in zwei Gruppen; die eine Gruppe gehört dem starken Verbum, die andre dem schwachen an. Die erste Gruppe bilden die beiden Verba: ich trage, du trägst – ich trug – ich habe getragen, ich schlage, du schlägst – ich schlug – ich habe geschlagen; sie haben dieselbe Ablautsreihe wie fahre, fuhr, gefahren – grabe, grub, gegraben – wachse, wuchs, gewachsen u. a. Zur zweiten Gruppe gehören: ich sage, du sagst – ich sagte – ich habe gesagt, ich jage, du jagst – ich jagte – ich habe gejagt; ebenso klagen, nagen, plagen, ragen, wagen, zagen. Fragen hat nun seit Jahrhunderten unbezweifelt zur zweiten Gruppe gehört: ich frage, du fragst – ich fragte – ich habe gefragt. Unsre Klassiker kennen keine andre Form. Zwei der besten deutschen Prosaiker, Gellert und Lessing, wissen von frägt und frug gar nichts. Nur ganz vereinzelt findet sich in Versen, also unter dem beengenden Einflusse des Rhythmus, frug; so bei Goethe in den Venezianischen Epigrammen: niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König um mich bekümmert – bei Schiller im Wallenstein: jawohl, der Schwed frug nach der Jahrszeit nichts. Auch Bürger hat es (Lenore: sie frug den Zug wohl auf und ab, und frug nach allen Namen), und da haben wir denn auch die Quelle: es stammt aus dem Niederdeutschen. Bürger war 1747 in Molmerswende bei Halberstadt geboren; wahrscheinlich sagte man dort schon zu seiner Zeit allgemein frug.[35] Aber noch in den fünfziger und sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hörte man die Dialektform in der gebildeten Umgangssprache so gut wie gar nicht. Auf einmal tauchte sie auf. Und nun ging es ganz wie mit einer neuen Kleidermode, sie verbreitete sich anfangs langsam, dann schneller und immer schneller,[36] und heute schwatzen nicht bloß die Ladendiener und die Ladenmädchen in der Unterhaltung unaufhörlich: ich frug ihn, er frug mich, wir frugen sie, sondern auch der Student, der Gymnasiallehrer, der Professor, alle schwatzens mit, alle Zeitungen, alle Novellen und Romane schreibens, das richtige bekommt man kaum noch zu hören oder zu lesen. Es fehlte nur, daß auch noch gesagt und geschrieben würde: ich habe gefragen, er hat mich gefragen usw.[37] Wie lange wird die alberne Mode dauern? wird sie nicht endlich dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? Alle guten Schriftsteller und alle anständigen Zeitschriften und Zeitungen brauchten nur die falschen Formen beharrlich zu meiden, so würden wir sie bald ebenso schnell wieder lossein, wie sie sich eingedrängt haben.[38]
Merkwürdig ist es, daß in diesem Falle die Sprache einmal aus der schwachen in die starke Konjugation abgeirrt ist. Gewöhnlich verläuft sie sich in umgekehrter Richtung. Wie kleine Kinder, die erst reden lernen, anfangs starke Verba gern nach der schwachen Konjugation bilden: ich schreibte, der Käfer fliegte, der Mann, der da reinkamte, so haben es auch immer die großen Kinder gemacht, die nicht ordentlich hatten reden lernen. So werden falten und spalten, die ursprünglich stark flektiert wurden (falte, fielt, gefalten), jetzt schwach flektiert: mit gefalteten Händen; von spalten hat sich nur das starke Partizip erhalten: gespaltnes Holz. Aber einzelne Zeitwörter sind schon in alter Zeit auch den umgekehrten Weg gegangen; so ist das ursprüngliche geweist und gepreist schon längst durch gewiesen und gepriesen verdrängt worden, und in Mitteldeutschland kann man im Volksmunde hören: es wurde mit der großen Glocke gelauten, ich habe den ganzen Winter kalt gebaden.[39]
Übergeführt und überführt
Auch das transitive führen (d. h. bringen) und das intransitive fahren (d. h. sich bewegen) noch auseinanderhalten zu wollen, wäre vergebliches Bemühen. In beiden Bedeutungen wird schon längst bloß noch fahren gebraucht: ich fahre im Wagen, und der Kutscher fährt mich. Es kann aber gar nichts schaden, wenn man sich an Fuhre, Fuhrmann, Bierführer, dem ältern Buchführer (statt Buchhändler) u. a. den ursprünglichen Unterschied gegenwärtig hält. Und dazu könnte auch überführen dienen, das jetzt in der Zeitungsprache (als Ersatz für transportieren) beliebt geworden ist, wenn man es nur nicht fortwährend falsch flektiert lesen müßte! Täglich muß man in Zeitungen von überführten Kranken und überführten Leichen lesen, das soll heißen: von Personen, die in das oder jenes Krankenhaus oder nach ihrem Tode in die Heimat zum Begräbnis gebracht worden sind. Wie kann sich das Sprachgefühl so verirren! Verbrecher werden überführt, wenn ihnen trotz ihres Leugnens ihr Verbrechen nachgewiesen wird: dann aber werden sie ins Zuchthaus übergeführt, wenn denn durchaus „geführt“ werden muß.
Es gibt eine große Anzahl zusammengesetzter Zeitwörter, bei denen, je nach der Bedeutung, die sie haben, bald die Präposition, bald das Zeitwort betont wird, z. B. übersetzen (den Wandrer über den Fluß) und übersetzen, überfahren (über den Fluß) und überfahren (ein Kind auf der Straße), überlaufen (vom Krug oder Eimer gesagt) und überlaufen (es überläuft mich kalt, er überläuft mich mit seinen Besuchen), überlegen (über die Bank) und überlegen, übergehen (zum Feinde) und übergehen (den nächsten Abschnitt), unterhalten (den Krug am Brunnen) und unterhalten, unterschlagen (die Beine) und unterschlagen (eine Geldsumme), unterbreiten (einen Teppich) und unterbreiten (ein Bittgesuch), hinterziehen (ein Seil) und hinterziehen (die Steuern), umschreiben (noch einmal oder ins Reine schreiben) und umschreiben (einen Ausdruck durch einen andern), durchstreichen (eine Zeile) und durchstreichen (eine Gegend), durchsehen (eine Rechnung) und durchschauen (einen Betrug), umgehen und umgehen, hintergehen und hintergehen, wiederholen und wiederholen usw. Gewöhnlich haben die Bildungen mit betonter Präposition die eigentliche, sinnliche, die mit betontem Verbum eine übertragne, bisweilen auch die einen eine transitive, die andern eine intransitive Bedeutung. Die Bildungen nun, die die Präposition betonen, trennen bei der Flexion die Präposition ab, oder richtiger: sie verbinden sie nicht mit dem Verbum (ich breite unter, ich streiche durch, ich gehe hinter, daher auch hinterzugehen) und bilden das Partizip der Vergangenheit mit der Vorsilbe ge (untergebreitet, durchgestrichen, hintergegangen); die dagegen, die das Verbum betonen, lassen bei der Flexion Verbum und Präposition verbunden (ich unterbreite, ich durchstreiche, ich hintergehe, daher auch zu hintergehen) und bilden das Partizip ohne die Vorsilbe ge (unterbreitet, durchstrichen, hintergangen). Darnach ist es klar, daß von einem Orte zum andern etwas nur übergeführt, aber nicht überführt werden kann. Ebenso verhält sichs mit übersiedeln, wo das Sprachgefühl neuerdings auch ins Schwanken gekommen ist. Richtig ist nur, wann siedelst du über? ich bin schon übergesiedelt, aber nicht: wann übersiedelst du? ich bin schon übersiedelt, die Familie übersiedelte nach Berlin.
Die Verwirrung stammt aus Süddeutschland und namentlich aus Österreich, wo nicht nur der angegebne Unterschied vielfach verwischt wird, sondern überhaupt die Neigung besteht, das Gebiet der trennbaren Zusammensetzung immer mehr einzuschränken. Der Österreicher sagt stets: überführt, übersiedelt; er anerkennt etwas, er unterordnet sich, eine Aufgabe obliegt ihm, er redet von einem unterschobnen Kinde, von dem Text, der einem Liede unterlegt ist, er unterbringt einen jungen Mann in einem Geschäft, er überschäumt vor Entrüstung, er hat die verschiednen Weine des Landes durchkostet usw. Wir sollen uns mit allen Kräften gegen diese Verwirrung wehren, da sie ein Zeichen trauriger Verlotterung des Sprachgefühls ist.
Von den mit miß zusammengesetzten Zeitwörtern sind Partizipia mit oder ohne ge- gebräuchlich, je nachdem man sich lieber miß oder das Verbum betont denkt, also mißlungen, mißraten, mißfallen, mißbilligt, mißdeutet, mißgönnt, mißbraucht, mißhandelt, neben gemißbraucht, gemißbilligt, gemißhandelt. Die Vorsilbe ge- kann aber niemals zwischen miß und das Zeitwort treten, miß bleibt in der Flexion überall mit dem Zeitwort verwachsen. Daher ist es auch falsch, Infinitive zu bilden wie mißzuhandeln, es muß unbedingt heißen: zu mißhandeln, zu mißbrauchen.
Für neubacken wird jetzt öfter neugebacken geschrieben: ein neugebackner Doktor, ein neugebackner Ehemann usw., aber doch immer nur von solchen, die sich die gute alte Form nicht zu schreiben getrauen. Und doch fürchten sie sich weder vor neuwaschen noch vor altbacken noch vor hausbacken.
Ich bin gestanden oder ich habe gestanden?
Ufm Bergli bin i gsässe, ha de Vögle zugeschaut; hänt gesunge, hänt gesprunge, hänt’s Nestli gebaut – heißt es in Goethes Schweizerlied. Ich bin gesessen, gestanden, gelegen ist das Ursprüngliche, das aber in der Schriftsprache längst durch habe gesessen, gestanden, gelegen verdrängt ist. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben läßt man sichs auch gern gefallen, auch in der Dichtersprache (Rückert: es ist ein Bäumlein gestanden im Wald); in einem wissenschaftlichen Aufsatz ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das hänt gesprunge! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit sein; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit haben bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: Der Custos zu S. Niclas hat mit dem Frohnen nach Erbgeld gangen, d. h. er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt es allgemein: vorige Woche haben wir gejagt, aber: ich bin in der ganzen Stadt herumgejagt, eine Zeit lang bin ich diesem Trugbilde nachgejagt, wir haben die halbe Nacht getanzt, aber: das Pärchen war ins Nebenzimmer getanzt. Jedermann sagt: ich bin gereist, nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ich habe nun schon zehn Jahre gereist, denn das Reisen ist seine Beschäftigung![40] Wenn er aber sagt: Ich bin mit Müller und Kompagnie zehn Jahre lang verkehrt, so ist das falsch: auch verkehren bildet sein Perfektum mit haben. Und geradezu entsetzlich ist es, wenn er seine junge Frau in der Stadt herumführt und ihr ein Haus zeigt mit den Worten: Hier bin ich ein Jahr lang jewohnt! Richtig unterschieden wird wohl allgemein zwischen: er ist mir gefolgt (nachgegangen) und er hat mir gefolgt (gehorcht), er ist fortgefahren (im Wagen) und er hat fortgefahren (zu lügen).
Singen gehört oder singen hören?
Eine der eigentümlichsten Erscheinungen unsrer Sprache, die dem Ausländer, der Deutsch lernen will, viel Kopfzerbrechen macht, wird mit der Frage berührt, ob es heiße: ich habe dich singen gehört oder singen hören.
Bei den Hilfszeitwörtern können, mögen, dürfen, wollen, sollen und müssen und bei einer Reihe andrer Zeitwörter, die ebenfalls mit dem Infinitiv verbunden werden, wie heißen, lehren, lernen, helfen, lassen (lassen in allen seinen Bedeutungen: befehlen, erlauben und zurücklassen), machen, sehen, hören und brauchen (brauchen im Sinne von müssen und dürfen) ist schon in früher Zeit das Partizipium der Vergangenheit, namentlich wenn es unmittelbar vor dem abhängigen Infinitiv stand (der Rat hat ihn geheißen gehen), durch eine Art von Versprechen mit diesem Infinitiv verwechselt und vermengt worden. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts heißt es bunt durcheinander: man hat ihn geheißen gehen und heißen gehen, und passiv: er ist geheißen gehen, er ist heißen gehen, er ist geheißen zu gehen, ja sogar er ist gegangen heißen. Schließlich drang an der Stelle des Partizips der Infinitiv vollständig durch, namentlich dann, wenn der abhängige Infinitiv unmittelbar davorstand, und so sagte man nun allgemein: ich habe ihn gehen heißen, ich habe ihn tragen müssen, ich habe ihn kommen lassen, ich habe ihn kennen lernen, ich habe ihn laufen sehen, ich habe ihn rufen hören, er hat viel von sich reden machen (Goethe im Faust: ihr habt mich weidlich schwitzen machen, der Kasus macht mich lachen), du hättest nicht zu warten brauchen.[41] Das merkwürdigste ist, daß bei vieren von diesen Zeitwörtern der abhängige Infinitiv ebenfalls erst durch ein Mißverständnis aus dem Partizip entstanden ist, nämlich bei hören, sehen, machen und lassen: ich höre ihn singen, ich mache ihn schwitzen, ich lasse ihn liegen ist ja entstanden aus: ich höre ihn singend, ich mache ihn schwitzend, ich lasse ihn liegend.[42] In der Verbindung also: ich habe ihn singen hören sind, so wunderbar das klingt, zwei Partizipia, eins der Gegenwart und eins der Vergangenheit, durch bloßes Mißverständnis zu Infinitiven geworden! Diese merkwürdige Erscheinung ist aber nun durch jahrhundertelangen Gebrauch in unsrer Sprache so eingebürgert, und sie ist uns so vertraut und geläufig geworden, daß es gesucht, ungeschickt, ja geradezu fehlerhaft erscheint, wenn jemand schreibt: ich habe sie auf dem Ball kennen gelernt – Dozent auf der Hochschule hatte ich werden gewollt (behüt dich Gott! es hat nicht sein gesollt!) – er hatte ein Mädchen mit einem Kinde gewissenlos sitzen gelassen – wir haben die Situation kommen gesehen – über diesen Versuch hat er nie Reue zu empfinden gebraucht – du hast mir das Verständnis erschließen geholfen usw. Wer sich ungesucht ausdrücken will, bleibt beim Infinitiv, ja er dehnt ihn unwillkürlich gelegentlich noch auf sinnverwandte Zeitwörter aus und schreibt: wir hätten diese Schuld auch dann noch auf uns lasten fühlen (statt: lasten gefühlt). (Lenau: Drei Zigeuner fand ich einmal liegen an einer Weide.)
Kommen zwei solche Hilfszeitwörter zusammen, so hilft es nichts, und wenn sich der Papiermensch noch so sehr darüber entsetzt: es stehn dann drei Infinitive nebeneinander: wir hätten den Kerl laufen lassen sollen, laufen lassen müssen, laufen lassen können. Klingt wundervoll und ist – ganz richtig.
Du issest oder du ißt?
In der Flexion innerhalb der einzelnen Tempora können keine Fehler gemacht werden und werden auch keine gemacht. Bei Verbalstämmen, die auf s, ß oder z ausgehen, empfiehlt sichs, im Präsens in der zweiten Person des Singular das e zu bewahren, das sonst jetzt ausgeworfen wird: du reisest, du liesest, du hassest, du beißest, du tanzest, du seufzest. Allgemein üblich ist freilich: du mußt, du läßt, fast allgemein auch: du ißt. Aber zu fragen: du speist doch heute bei mir? wäre nicht fein; zwischen speisen und speien muß man hübsch unterscheiden. (Vgl. auch du haust und du hausest.) Bei Verbalstämmen dagegen, die auf sch endigen, kann man getrost sagen: du naschst, du wäschst, du drischst, du wünschst, sogar du rutschst. Auch in der zweiten Person der Mehrzahl wird das e, wenigstens in Nord- und Mitteldeutschland, schon längst nicht mehr gesprochen; also hat es auch keinen Sinn, es zu schreiben. Über Maueranschläge, wie: Besuchet Augsburg mit seinen Sehenswürdigkeiten, oder: Waschet mit Seifenextrakt, lacht man in Leipzig schon wegen des altmodischen et. Nur bei der Abendmahlsfeier läßt man sich gern gefallen: Nehmet hin und esset.
Stände oder stünde? Begänne oder begönne?
Immer größer wird die Unbeholfenheit, den Konjunktiv des Imperfekts richtig zu bilden. Viele getrauen sichs kaum noch, sie umschreiben ihn womöglich überall durch den sogenannten Konditional (würde mit dem Infinitiv), auch da, wo das nach den Regeln der Satzlehre ganz unzulässig ist (vgl. [S. 158]). Besonders auffällig ist bei einer Reihe von Zeitwörtern die Unsicherheit über den Umlautsvokal: soll man ä oder ü gebrauchen? Das Schwanken ist dadurch entstanden, daß im Mittelhochdeutschen der Pluralvokal im Imperfektum vielfach anders lautete als der Singularvokal (half, hulfen; wart, wurden), dieser Unterschied sich aber später ausglich. Da nun der Konjunktiv immer mit dem Umlaut des Pluralvokals gebildet wurde, so entstand Streit zwischen ü und ä. Da aber die ursprünglichen Formen (hülfe, stürbe, verdürbe, würbe, würfe) doch noch lebendig sind, so verdienen sie auch ohne Zweifel geschützt und den später eingedrungnen hälfe, stärbe, verdärbe, wärbe, wärfe vorgezogen zu werden. Neben würde ist die Form mit ä gar nicht aufgekommen. Von stehen hieß das Imperfekt ursprünglich überhaupt nicht stand, sondern stund, wie es in Süddeutschland noch heute heißt; das u ging durch den Singular wie durch den Plural. Folglich ist auch hier stünde älter und richtiger als stände. Bei einigen Verben, wie bei beginnen, hat der Streit zwischen ä und ü im Anschluß an das o des Partizips (begonnen) im Konjunktiv des Imperfekts ö in Aufnahme gebracht. Auch diese Formen mit ö (beföhle, begönne, besönne, empföhle, gewönne, gölte, rönne, schölte, schwömme, spönne, stöhle) verdienen, da sie den Formen mit umgewandeltem Pluralvokal entsprechen, den Vorzug vor denen mit ä.
Kännte oder kennte?
Ein Irrtum ist es, wenn man glaubt, aus dem Indikativ kannte einen Konjunktiv kännte bilden zu dürfen. Die sechs schwachen Zeitwörter: brennen, kennen, nennen, rennen, senden und wenden haben eigentlich ein a im Stamm, sind also schon im Präsens umgelautet. Ihr Imperfekt bilden sie ebenso wie das Partizip der Vergangenheit (durch den sogenannten Rückumlaut) mit a: brannte, gebrannt, sandte, gesandt, und da der Konjunktiv bei schwachen Verben nicht umlautet, so sollte er eigentlich ebenfalls brannte, sandte heißen. Zur Unterscheidung hat man aber (und zwar ursprünglich nur im Mitteldeutschen) einen Konjunktiv brennete, kennete, nennete, rennete, sendete und wendete gebildet. Das e dieser Formen ist nicht etwa ein jüngerer Umlaut zu dem a des Indikativs, sondern es ist das alte Umlauts-e, das durch das Präsens dieser Zeitwörter geht. Wirft man nun, wie es jetzt geschieht, aus brennete, kennete das mittlere e aus, das in sendete und wendete beibehalten wird, so bleibt brennte, kennte übrig. In früherer Zeit gehörten noch andre Verba zu dieser Reihe, z. B. setzen und stellen; der Konjunktiv des Imperfekts heißt hier setzte, stellte, der Indikativ und das Partizipium aber hießen früher: sazte, stalte, gesazt, gestalt (das noch in wohlgestalt, mißgestalt, ungestalt erhalten ist).
Zur Wortbildungslehre
Reformer und Protestler
Erstaunlich ist die Fülle und Mannigfaltigkeit in unsrer Wortbildung, noch erstaunlicher die Sicherheit des Sprachgefühls, mit der sie doch im allgemeinen gehandhabt und durch gute und richtige Neubildungen vermehrt wird. Doch fehlt es auch hier nicht an Mißhandlungen und Verirrungen.
Im Volksmund ist es seit alter Zeit üblich, zur Bezeichnung von Männern dadurch Substantiva zu bilden, daß man an ein Substantiv, das eine Sache bezeichnet, oder an ein andres Nomen die Endung er hängt. In Leipzig sprach man im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert nicht bloß von Barfüßern, sondern nannte auch die Insassen der beiden andern Mönchsklöster kurzweg Pauler und Thomasser, und im siebzehnten Jahrhundert die kurfürstliche Besatzung der Stadt Defensioner. Dazu kamen später die Korrektioner (die Insassen des Arbeitshauses) und die Polizeier, und in neuerer Zeit die Hundertsiebener, die Urlauber, die Sanitäter, die Eisenbahner und die Straßenbahner. Im Buchhandel spricht man von Sortimentern, in der gelehrten Welt von Naturwissenschaftern und Sprachwissenschaftern, in der Malerei von Landschaftern, und in der Politik von Botschaftern, Reformern und – Attentätern![43] Da manche dieser Bildungen unleugbar einen etwas niedrigen Beigeschmack haben, der den von Verbalstämmen gebildeten Substantiven auf er (Herrscher, Denker, Kämpfer) nicht anhaftet, so sollte man sich mit ihnen recht in acht nehmen. In Reformer, das man dem Engländer nachplappert, liegt unleugbar etwas geringschätziges im Vergleich zu Reformator; unter einem Reformer denkt man sich einen Menschen, der wohl reformatorische Anwandlungen hat, es aber damit zu nichts bringt. Noch viel deutlicher liegt nun dieses geringschätzige in den Bildungen auf ler, wie Geschmäckler, Zünftler, Tugendbündler, Temperenzler, Abstinenzler, Protestler, Radler, Sommerfrischler, Barfüßler, Zuchthäusler; deshalb ist es unbegreiflich, wie manche Leute so geschmacklos sein können, von Neusprachlern und von Naturwissenschaftlern zu reden. Eigentlich gehen ja die Bildungen auf ler auf Zeitwörter zurück, die auf eln endigen, wie bummeln, betteln, grübeln, kritteln, sticheln, nörgeln, kränkeln, hüsteln, frömmeln, tänzeln, radeln, anbändeln, sich herumwörteln, näseln, schwäbeln, französeln. So setzen Neusprachler und Naturwissenschaftler die Zeitwörter neuspracheln und naturwissenschafteln voraus; das wären aber doch Tätigkeiten, hinter denen kein rechter Ernst wäre, die nur als Spielerei betrieben würden. An Künstler haben wir uns freilich ganz gewöhnt, obwohl künsteln mit seiner geringschätzigen Bedeutung daneben steht, auch an Tischler und Häusler.
Ärztin und Patin
Von Substantiven, die einen Mann bezeichnen, werden Feminina auf in gebildet: König, Königin – Wirt, Wirtin – Koch, Köchin – Berliner, Berlinerin – sogar Landsmann, Landsmännin (während sonst natürlich zu Mann das Femininum Weib oder Frau ist: der Kehrmann, das Waschweib, der Botenmann, die Botenfrau). Von Arzt hat man in letzter Zeit Ärztin gebildet. Manche getrauten sich das anfangs nicht zu sagen und sprachen von weiblichen Ärzten, es ist aber gar nichts dagegen einzuwenden, und es ist abgeschmackt, wenn unsre Zeitungen immer von männlichen und weiblichen Arbeitern, männlichen und weiblichen Lehrern reden statt von Arbeitern und Arbeiterinnen, Lehrern und Lehrerinnen (abgeschmackt auch, wenn es in Polizeiberichten heißt, daß ein neugebornes Kind männlichen oder weiblichen Geschlechts im Wasser gefunden worden sei, statt ein neugeborner Knabe oder ein neugebornes Mädchen). Dagegen ist es nicht gut, ein Femininum auf in zu bilden von Pate, Kunde (beim Kaufmann) und Gast. In der ältern Sprache findet sich zwar zuweilen auch Gästin, auf Theaterzetteln konnte man noch vor gar nicht langer Zeit lesen, daß eine auswärtige Schauspielerin als Gastin auftrete, aber wer möchte noch heute eine Frau oder ein Mädchen seine Gästin oder Gastin nennen? Bei Pate unterscheidet man den Paten und die Pate, je nachdem ein Knabe oder ein Mädchen gemeint ist, und der Kaufmann sagt: das ist ein guter Kunde oder eine gute Kunde von mir. Entsetzlich sind die in der Juristensprache üblichen Bildungen: die Beklagtin, die Verwandtin und – das neueste – die Beamtin. Von Partizipialsubstantiven – und ein solches ist auch der Beamte, d. h. der Beamtete, der mit einem Amte versehene – können keine Feminina auf in gebildet werden; niemand sagt: meine Bekanntin, meine Geliebtin, auch Juristen nicht.
Tintefaß oder Tintenfaß?
Zusammensetzungen aus zwei Substantiven wurden im Deutschen ursprünglich nur so gebildet, daß der Stamm des ersten Wortes, des Bestimmungswortes, an das zweite, das bestimmte Wort vorn angefügt wurde, z. B. Tage-lohn; das e in Tagelohn ist der abgeschwächte Stammauslaut. Später sind zusammengesetzte Wörter auch dadurch entstanden, daß ein vorangehendes Substantiv im Genitiv mit einem folgenden durch einfaches Aneinanderrücken verschmolz, z. B. Gottesdienst, Sonntagsfeier, Tageslicht, Heeressprache, Handelskammer. In manchen Fällen sind jetzt beide Arten der Zusammensetzungen nebeneinander gebräuchlich in verschiedner Bedeutung, z. B. Landmann und Landsmann, Wassernot und Wassersnot. Nun endet bei allen schwachen Femininen der Stamm ursprünglich ebenso wie der Genitiv, beide gehen eigentlich auf en aus, und so haben diese schwachen Feminina eine sehr große Zahl von Zusammensetzungen mit en gebildet, auch in das Gebiet der starken Feminina übergegriffen, sodaß en zum Hauptbindemittel für Feminina überhaupt geworden ist. Man denke nur an Sonnenschein, Frauenkirche (d. i. die Kirche unsrer lieben Frauen, der Jungfrau Maria), Erdenrund, Lindenblatt, Aschenbecher, Taschentuch, Seifensieder, Gassenjunge, Stubentür, Laubendach, Küchenschrank, Schneckenberg, Wochenamt, Gallenstein, Kohlenzeichnung, Leichenpredigt, Reihenfolge, Wiegenlied, Längenmaß, Breitengrad, Größenwahn, Muldental, Pleißenburg, Parthendörfer, Markthallenstraße u. a. Sogar Lehn- und Fremdwörter haben sich dieser Zusammensetzung angeschlossen, wie in Straßenpflaster, Tintenfaß, Kirchendiener, Lampenschirm, Flötenspiel, Kasernenhof, Bastillenplatz, Visitenkarte, Toilettentisch, Promenadenfächer, Kolonnadenstraße. Ein reizendes Bild in der Dresdner Galerie ist das Schokoladenmädchen.
Bei dem einfachen Zusammenrücken von Wörtern stellten sich nun aber Genitive im Plural als erster Teil der Zusammensetzung ein, und das hat neuerdings zu einer traurigen Verirrung geführt. Man bildet sich ein, das Binde-en sei überhaupt nichts andres als das Plural-en, man fühlt nicht mehr, daß dieses en ebenso gut die Berechtigung hat, einen weiblichen Singular mit einem folgenden Substantiv zu verbinden, und so schreibt und druckt man jetzt wahrhaftig aus Angst vor eingebildeten widersinnigen Pluralen: Aschebecher, Aschegrube, Tintefaß, Jauchefaß, Sahnekäse, Hefezelle, Hefepilz, Rassepferd und Rassehund, Stellegesuch, Muldetal, Pleißeufer, Parthebrücke, Gartenlaubekalender, Gartenlaubebilderbuch, Sparkassebuch, Visitekarte, Toiletteseife, Serviettering, Manschetteknopf, Promenadeplatz, Schokoladefabrik usw. In allen Bauzeitungen muß man von Mansardedach und von Lageplan lesen (so haben die Architekten, die erfreulicherweise eifrige Sprachreiniger sind, Situationsplan übersetzt), in allen Kunstzeitschriften von Kohlezeichnungen und Kohledrucken, offenbar damit ja niemand denke, die Zeichnungen oder Drucke wären mit einem Stück Stein- oder Braunkohle aus dem Kohlenkasten gemacht – nicht wahr? Wer nicht fühlt, daß das alles das bare Gestammel ist, der ist aufrichtig zu bedauern. Es klingt genau, wie wenn kleine Kinder dahlten, die erst reden lernen und noch nicht alle Konsonanten bewältigen können. Man setze sich das nur im Geiste weiter fort – was wird die Folge sein? daß wir in Zukunft auch stammeln: Sonneschein, Taschetuch, Brilleglas, Gosestube, Zigarrespitze, Straßepflaster, Roseduft, Seifeblase, Hülsefrucht, Laubedach, Geigespiel, Ehrerettung, Wiegelied, Aschebrödel usw.[44] Sollten einzelne dieser Wörter vor der Barbarei bewahrt bleiben, so könnte es nur deshalb geschehen, weil man annähme, ihr Bestimmungswort stehe im Plural, und der sei richtig, also ein Taschentuch sei nicht ein Tuch für die Tasche, sondern – für die Taschen!
Wo das Binde-en aus rhythmischen oder andern Gründen nicht gebraucht wird, bleibt für Feminina nur noch die eine Möglichkeit, den verkürzten Stamm zu benutzen, der wieder mit dem eigentlichen Stamm der alten starken Feminina zusammenfällt und dadurch überhaupt erst in der Zusammensetzung von Femininen aufgekommen ist. So findet sich in früherer Zeit Leichpredigt neben Leichenpredigt, und so haben wir längst Mühlgasse neben Mühlenstraße, Erdball und Erdbeere neben Erdenrund und Erdenkloß, Kirchspiel und Kirchvater neben Kirchenbuch und Kirchendiener, Elbtal, Elbufer und Elbbrücke neben Muldental und Muldenbett. Vor dreißig Jahren sagte man Lokomotivenführer, und das war gut und richtig. Neuerdings hat die Amtssprache Lokomotivführer durchgedrückt. Das ist zwar ganz häßlich, denn nun stoßen zwei Lippenlaute (v und f) aufeinander, aber es ist ja zur Not auch richtig. Aber ein Wort wie Saalezeitung oder Solebad, wie man auch neuerdings lallt (das Solebad Kissingen), ist doch die reine Leimerei. Bei Saalzeitung könnte wohl einer an den Saal denken statt an die Saale? Denkt denn beim Saalkreis, beim Saalwein und bei der Saalbahn jemand dran?[45] Die Amtssprache fängt jetzt freilich auch an, vom Saalekreis zu stammeln. Als 1747 das erste Rhinozeros nach Deutschland kam, nannten es die Leute bald Nashorn, bald Nasenhorn. Hätte man das Tier heute zu benennen, man würde es unzweifelhaft Nasehorn nennen.[46] Das Neueste ist, daß sich die Herren von der Presse jetzt Pressevertreter nennen und bisweilen ein Pressefest oder einen Presseball veranstalten. Von einem Preßfest oder einem Preßball zu reden fürchten sie sich, offenbar damit niemand an die Preßwurst denke! Ein Glück, daß die Wörter Preßfreiheit, Preßgesetz, Preßvergehen, Preßpolizei, Preßbureau schon in einer Zeit gebildet worden sind, wo die Herren von der Presse noch deutsch reden konnten!
Besonders bei der Zusammensetzung mit Namen wird jetzt (z. B. bei der Taufe neuer Straßen oder Gebäude) fast nur noch in dieser Weise geleimt. Wer wäre vor hundert Jahren imstande gewesen, eine Straße Augustastraße, ein Haus Marthahaus, einen Garten Johannapark zu nennen! Da sagte man Annenkirche, Katharinenstraße, Marienbild, und es fiel doch auch niemand ein, dabei an eine Mehrzahl von Annen, Katharinen oder Marien zu denken.
Speisenkarte oder Speisekarte?
Da haben also wohl die Schenkwirte, die statt der früher allgemein üblichen Speisekarte eine Speisenkarte eingeführt haben, etwas recht weises getan? Sie haben den guten alten Genitiv wiederhergestellt? Nein, daran haben sie nicht gedacht, sie haben die Mehrzahl ausdrücken wollen, denn sie haben sich überlegt: auf meiner Karte steht doch nicht bloß eine Speise. Damit sind sie aber auch wieder gründlich in die Irre geraten. In Speisekarte ist die erste Hälfte gar nicht durch das Hauptwort Speise gebildet, sondern durch den Verbalstamm von speisen. Alles, was zum Speisen gehört: die Speisekammer, das Speisezimmer, der Speisesaal, das Speisegeschirr, der Speisezettel – alles ist mit diesem Verbalstamm zusammengesetzt. So ist auch die Speisekarte nicht die Karte, auf der die Speisen verzeichnet stehen, sondern die Karte, die man beim Speisen gebraucht, wie die Tanzkarte die Karte, die man beim Tanzen gebraucht, das Kochbuch das Buch, das man beim Kochen benutzt, die Spielregel die Regel, die man beim Spielen beobachtet, die Bauordnung die Ordnung, nach der man sich beim Bauen richtet, der Fahrplan der Plan, der uns darüber belehrt, wann und wohin gefahren wird, die Singweise die Weise, nach der man singt, das Stickmuster das Muster, nach dem man stickt, die Zählmethode die Methode, nach der man zählt. Alle diese Wörter sind mit einem Verbalstamm zusammengesetzt. Hätten die Schenkwirte mit ihrer Speisenkarte Recht, dann müßten sie doch auch Weinekarte sagen.[47] Glücklicherweise läßt sich der Volksmund nicht irremachen. Niemals hört man in einer Wirtschaft eine Speisenkarte verlangen, es wird aber immer nur gedruckt, entweder auf Verlangen der Wirte, die damit etwas besonders feines ausgeheckt zu haben glauben, oder auf Drängen der Akzidenzdrucker, die es den Wirten als etwas besonders feines aufschwatzen. Ganz lächerlich ist es, wenn manche Wirte einen Unterschied machen wollen: eine Speisekarte sei die, auf der ich mir eine Speise aussuchen könne, eine Speisenkarte dagegen ein „Menu“, das Verzeichnis der Speisen bei einem Mahl, wofür man neuerdings auch das schöne Wort Speisenfolge eingeführt hat. Die Speisekarte ist die Karte, die zum Speisen gehört, ob ich mir nun etwas darauf aussuche, oder ob ich sie von oben bis unten abesse.
Ein Gegenstück zur Speisenkarte ist die Fahrrichtung; an den ehemaligen Leipziger Pferdebahnwagen stand: nur in der Fahrrichtung abspringen! Es spricht aber niemand von Fließrichtung, Strömrichtung, Schießrichtung, wohl aber von Flußrichtung, Stromrichtung, Schußrichtung, Windrichtung, Strahlrichtung. Bedenkt man freilich, daß der Volksmund die Fahrtrichtung unzweifelhaft sofort zur Fahrtsrichtung verschönert hätte (nach Mietskaserne), so muß man ja eigentlich für die Fahrrichtung sehr dankbar sein.
Äpfelwein oder Apfelwein?
Unnötigen Aufruhr und Streit erregt bisweilen die Frage, ob in dem Bestimmungswort einer Zusammensetzung die Einzahl oder die Mehrzahl am Platze sei. Einen Braten, der nur von einem Rind geschnitten ist, nennt man in Leipzig Rinderbraten, eine Schüssel Mus dagegen, die aus einem halben Schock Äpfel bereitet ist, Apfelmus. Das ist doch sinnwidrig, heißt es, es kann doch nur das umgekehrte richtig sein! Nein, es ist beides richtig. Es kommt in solchen Zusammensetzungen weder auf die Einzahl noch auf die Mehrzahl an, sondern nur auf den Gattungsbegriff. Im Numerus herrscht völlige Freiheit; die eine Mundart verfährt so, die andre so,[48] und selbst innerhalb der guten Schriftsprache waltet hier scheinbar die seltsamste Laune und Willkür. Man sagt: Bruderkrieg, Freundeskreis, Jünglingsverein, Ortsverzeichnis (neuerdings leider auch Namensverzeichnis und Offizierskasino!), Adreßbuch, Baumschule, Fischteich, Kartoffelernte, Trüffelwurst, Federbett, obwohl hier überall das Bestimmungswort unzweifelhaft eine Mehrzahl bedeutet; dagegen sagt man Kinderkopf (in der Malerei), Liedervers, Eierschale, Lämmerschwänzchen, Hühnerei, Städtename, Gänsefeder, obwohl ein Vers nur zu einem Liede, eine Schale nur zu einem Ei gehören kann. Wer näher zusieht, findet freilich auch hinter dieser scheinbaren Willkür gute Gründe. Baumschule, Bruderkrieg und Fischteich sind noch nach der ursprünglichen Zusammensetzungsweise, die nach singularischer oder pluralischer Bedeutung des Bestimmungswortes nicht fragte, mit dem bloßen Stamme des ersten Wortes gebildet. Jünglingsverein und Ortsverzeichnis haben das s, das eigentlich nur dem vorgesetzten maskulinen Genitiv zukommt, aber von da aus weiter gegriffen hat und zum Bindemittel schlechthin, selbst für pluralisch gemeinte Substantiva, geworden ist; auch Freundeskreis ist ein Absenker dieser Bildungsweise. Und ebenso natürlich erklärt sich die Gruppe mit scheinbar pluralischer Form und singularischer Bedeutung. In ihr kommen nur Neutra mit der Pluralendung er und umgelautete Feminina in Frage. Aber sowohl der Umlaut der Feminina wie das er (und der Umlaut) der Neutra gehörte in alter Zeit nicht nur dem Plural, sondern dem Stamme dieser Wörter an, und daß es sich bei den Zusammensetzungen mit ihnen um nichts weiter als um den Stamm handelt, können wir bei einigem guten Willen noch jetzt nachfühlen. Kein Mensch denkt bei dem Worte Gänseblume an mehrere Gänse, sondern jeder nur an den Begriff Gans, so gut wie er bei Rinderbrust nicht mehrere Rinder vor Augen hat.
Trotz alledem ist natürlich Äpfelwein neben Apfelwein nicht zu verurteilen. Der wirklich pluralischen Zusammensetzungen und der pluralisch gefühlten gibt es zu viel, als daß ihnen ein Eingreifen in dieses Gebiet der Zusammensetzungen mit Gattungsbegriffen verwehrt werden könnte. Schwankt man doch auch in Zusammensetzungen wie Anwaltstag, Juristentag, Ärztetag, Bischofkonferenz, Rektorenkonferenz, Gastwirtverein, Gastwirtstag, Architektenverein u. a. Wenn etwas hier bestimmend wäre, so könnte es nur der Wohlklang sein. Die schwach deklinierten ziehen augenscheinlich den Plural, die stark deklinierten den Singular vor; zu Ärztetag hat man ausnahmsweise gegriffen, weil Arzttag undeutlich, Arztstag unerträglich klingt, während gegen eine Arztversammlung niemand etwas einwenden wird, also auch die Ärztekammer (statt Arztkammer) überflüssig war, ebenso überflüssig wie der Wirteverein. Höchst ärgerlich aber ist es, wenn man, nachdem man vierzig Jahre lang von Kollegienheften hat sprechen hören, plötzlich an dem Ladenfenster eines Schreibwarenkrämers Kolleghefte angepriesen sieht. Aber der gute Mann macht es ja bloß den Professoren nach, die jetzt keine Kollegiengelder mehr beanspruchen, sondern Kolleggelder!
Zeichnenbuch oder Zeichenbuch?
Die falschen Zusammensetzungen Zeichnenbuch, Zeichnensaal, Rechnenheft sind in der Schule, wo sie sich früher auch breitmachten, jetzt wohl überall glücklich wieder beseitigt; außerhalb der Schule aber spuken sie doch noch und gelten noch immer manchen Leuten für das Richtige. In Wahrheit sind es Mißbildungen. Wenn in Zusammensetzungen das Bestimmungswort ein Verbum ist, so kann dieses nur in der Form des Verbalstammes erscheinen; daher heißt es: Schreibfeder, Reißzeug, Stimmgabel, Druckpapier, Stehpult, Rauchzimmer, Laufbursche, Spinnstube, Trinkhalle, Springbrunnen, Zauberflöte, oder auch mit einem Bindevokal: Wartesaal, Singestunde, Bindemittel.[49] Nun gibt es aber Verbalstämme, die auf n ausgehen, z. B. zeichen, rechen, trocken, turn; die Infinitive dazu heißen: rechnen (eigentlich rechenen), zeichnen (eigentlich zeichenen), trocknen, turnen. Werden diese in der Zusammensetzung verwendet, so können natürlich nur Formen entstehen wie Rechenstunde, Zeichensaal, Trockenplatz, Turnhalle. Wäre Rechnenbuch und Zeichnensaal richtig, so müßte man doch auch sagen: Trocknenplatz, Turnenhalle, ja auch Schreibenfeder und Singenstunde.
Das Binde-s
In ganz unerträglicher Weise greift jetzt das unorganisch eingeschobne s in zusammengesetzten Wörtern um sich. In Himmelstor, Gotteshaus, Königstochter, Gutsbesitzer, Feuersnot, Wolfsmilch kann man ja überall das s als die Genitivendung des männlichen oder sächlichen Bestimmungswortes auffassen, wiewohl es auch solche Zusammensetzungen gibt, in denen der Genitiv keinen Sinn hat, das s also nur als Bindemittel betrachtet werden kann, z. B. Rittersmann, segensreich (Schiller hat in der Glocke noch richtig segenreiche Himmelstochter geschrieben). Aber wie kommt das s an Wörter weiblichen Geschlechts, die gar keinen Genitiv auf s bilden können? Wie ist man dazu gekommen, zu bilden: Liebesdienst, Hilfslehrer, Geschichtsforscher, Bibliotheksordnung, Arbeitsliste, Geburtstag, Hochzeitsgeschenk, Weihnachtsabend, Fastnachtsball, Zukunftsmusik, Einfaltspinsel, Zeitungsschreiber, Hoheitsrecht, Sicherheitsnadel, Wirtschaftsgeld, Konstitutionsfest, Majestätsbeleidigung, ausnahmsweise, rücksichtsvoll, vorschriftsmäßig?
Dieses Binde-s stammt ebenso wie das falsche Plural-s (vgl. [S. 23]) aus dem Niederdeutschen. Dort wird es wirklich aus Verlegenheit gebraucht, um von artikellosen weiblichen Hauptwörtern einen Genitiv zu bilden, natürlich immer nur dann, wenn er dem Worte, von dem er abhängt, voransteht, wie Mutters Liebling, vor Schwesters Tür, Madames Geschenk (Lessing: Antworts genug, über Naturs Größe), und so ist aus diesem Verlegenheits-s dann das Binde-s geworden. Es gehört aber erst der neuern Zeit an. Im Mittelhochdeutschen findet es sich nur vereinzelt, erst im Neuhochdeutschen ist es eingedrungen, hat sich dann mit großer Schnelligkeit verbreitet und sucht sich noch immer weiter zu verbreiten. Schon fängt man an zu sagen: Doktorsgrad, Wertspapiere, Raumsgestaltung, Gesteinsmassen, Gewebslehre, Gesangsunterricht, Kapitalsanlage, Inventursaufnahme, Examensvorbereitung, Aufnahmsprüfung, Einnahmsquelle, teilnahmslos, Niederlagsraum, Schwadronsbesichtigung, ja in einzelnen Gegenden Deutschlands, namentlich am Rhein, sogar schon Stiefelsknecht, Erbsmasse (statt Erbmasse), Ratshaus, Stadtsgraben, Nachtswächter, Zweimarksstück, Schiffsbruch, Kartoffelsbrei u. a. In Leipzig sind wir neuerdings mit einem Kajütsbureau beglückt worden (!), und die sächsischen Eisenbahnen reden seit einiger Zeit nur noch von Zugsverkehr, Zugsverbindungen und Zugsverspätungen. Das widerwärtigste aber wegen ihrer Häufigkeit sind wohl die Zusammensetzungen mit Miets- und Fabriks-: das Mietshaus, die Mietskaserne, der Mietsvertrag, der Mietspreis, der Fabriksdirektor, das Fabriksmädchen, das tollste der in rheinischen Städten übliche Stehsplatz und der Verpflegsdienst. Das Binde-s hinter einem Verbalstamm eingeschmuggelt!
Nur eine Wortgattung hat sich des Eindringlings bis jetzt glücklich erwehrt: die Stoffnamen. Von Gold, Silber, Wein, Kaffee, Mehl, Zucker usw. wird nie eine Zusammensetzung mit dem Binde-s gebildet. Nur mit Tabak hat man es gewagt: Tabaksmonopol, Tabaksmanufaktur, natürlich durch das verwünschte k verführt. Der Fabrikstabak und die Tabaksfabrik sind einander wert. Die Tabakspfeife geht freilich schon weit zurück.
Wo das falsche s einmal festsitzt, da ist nun freilich jeder Kampf vergeblich, und das ist der Fall bei allen Zusammensetzungen mit Liebe, Hilfe, Geschichte, hinter vielen weiblichen Wörtern, die auf t endigen, ferner bei allen, die mit ung, heit, keit und schaft gebildet sind, endlich bei den Fremdwörtern auf ion und tät. Hier jetzt noch den Versuch zu machen, das s wieder loszuwerden, wäre wohl ganz aussichtslos.[50] Wo es sich aber noch nicht festgesetzt hat, wo es erst einzudringen versucht, wie hinter Fabrik und Miete, da müßte doch der Unterricht alles aufbieten, es fernzuhalten, das Sprachgefühl für den Fehler wieder zu schärfen.[51] Es ist das nicht so schwer, wie es auf den ersten Blick scheint, denn dieses Binde-s ist ein solcher Wildling, daß es nicht die geringste Folgerichtigkeit kennt. Warum sagt man Rindsleder, Schweinsleder, vertragsbrüchig, inhaltsreich, beispielsweise, hoffnungslos, da man doch Kalbleder, Schafleder, wortbrüchig, gehaltreich, schrittweise, gefühllos sagt? Hie und da scheint wieder der Wohllaut im Spiele zu sein, aber doch nicht immer.
Nach Hilfe wird übrigens in der guten Schriftsprache ein Unterschied beobachtet: man sagt Hilfsprediger, Hilfslehrer, Hilfsbremser, hilfsbedürftig und hilfsbereit, auch aushilfsweise, dagegen Hilferuf und Hilfeleistung, weil man bei diesen beiden das Akkusativverhältnis fühlt, bei den übrigen bloß die Zusammensetzung. Ähnlich ist es mit Arbeitgeber im Gegensatz zu Arbeitsleistung, Arbeitsteilung, mit staatserhaltend und vaterlandsliebend im Gegensatz zu kriegführend, rechtsuchend, betriebstörend. Niemand redet von kriegsführenden Mächten, auch nicht von Kriegsführung, weil hier die einzelne Handlung vorschwebt und deshalb der Akkusativ (Krieg) deutlich gefühlt wird, während vaterlandsliebend und staatserhaltend eine dauernde Gesinnung bezeichnen. Was nützt aber die Freude über diesen feinen Unterschied? In der nächsten Zeitungsnummer stößt man auf den geschäftsführenden Ausschuß, auf die verkehrshindernde Barriere und auf die vertragsschließenden Parteien.[52]
ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich
Eigenschaftswörter können im Deutschen von Hauptwörtern auf sehr verschiedne Arten gebildet werden: mit ig, lich, isch, sam, bar, haft usw. Zwischen allen diesen Bildungen waren ursprünglich fühlbare Bedeutungsunterschiede, die heute vielfach verwischt sind. Doch sind sie auch manchmal noch deutlich zu erkennen, selbst bei den am häufigsten verwendeten und deshalb am meisten verblaßten Endungen ig, lich und isch; man denke nur an weiblich und weibisch, kindlich und kindisch, herrlich und herrisch, launig und launisch, traulich und mißtrauisch, göttlich und abgöttisch, väterlich und altväterisch, gläubig und abergläubisch u. a.
Das von Adel gebildete Adjektiv soll nach der „neuen Orthographie“ nun endgiltig adlig geschrieben werden. Es schadet aber vielleicht nichts, wenn man sich darüber klar bleibt, daß das eigentlich falsch ist. Adlich ist entstanden aus adel-lich, es gehört zu königlich, fürstlich, ritterlich, männlich, weiblich, geistlich, weltlich, fleischlich, aber nicht zu heilig, geistig, luftig, fleißig, steinig, ölig, fettig, schmutzig. Dieselbe Verwirrung des Sprachgefühls wie bei adlig findet sich auch bei billig (das noch bis in das siebzehnte Jahrhundert richtig billich geschrieben wurde) und bei unzählig und untadlig, die eigentlich unzählich und untadlich geschrieben werden müßten. Nur bei allmählich, das eine Zeit lang allgemein falsch allmählig geschrieben wurde (es ist aus allgemächlich entstanden), ist das richtige in neuerer Zeit wiederhergestellt worden, wohl deshalb, weil hier doch gar zu offenbar ist, daß das l nicht zum Stamme gehören kann.
Wenn aus einem Substantiv mit vorhergehendem Eigenschaftswort oder Zahlwort ein Adjektiv gebildet wird, so geschieht es immer mit der Endung ig. Bei kurzweilig, langstielig, großmäulig, dickfellig, gleichschenklig, rechtwinklig, vierzeilig könnte man meinen, sie wären deshalb auf ig gebildet worden, weil der Stamm auf l endigt; es heißt aber auch: fremdartig, treuherzig, gutmütig, schöngeistig, freisinnig, hartnäckig, vollblütig, breitschultrig, schmalspurig, freihändig, buntscheckig, eintönig, vierprozentig usw.
Da hat man nun neuerdings fremdsprachlich und neusprachlich gebildet – ist das richtig? Leider Gottes! muß man sagen. Diese Adjektiva sind nicht etwa entstanden zu denken aus fremd und Sprache, neu und Sprache (so wie fremdartig aus fremd und Art), sondern es sollen Adjektivbildungen zu Fremdsprache und Neusprache sein. Diese beiden herrlichen Wörter hat man nämlich gebildet, um nicht mehr von fremden und neuen Sprachen reden zu müssen; nur die Altsprachen fehlen noch, aber stillschweigend vorausgesetzt werden sie auch, denn neben neusprachlich steht natürlich altsprachlich. Und wie man nun nicht mehr von Sprachunterricht, sondern nur noch von sprachlichem Unterricht redet, so nun auch von fremdsprachlichem, altsprachlichem und neusprachlichem. Neben diesen Bildungen gibt es aber auch fremdsprachig, das nun wirklich aus fremd und Sprache gebildet ist. Während mit fremdsprachlich bezeichnet wird, was sich auf eine fremde Sprache bezieht, bezeichnet fremdsprachig eine wirkliche Eigenschaft. Man redet oder kann wenigstens reden von fremdsprachigen Völkern, fremdsprachigen Büchern, einer fremdsprachigen Literatur (wie von einer dreisprachigen Inschrift und einer gemischtsprachigen Bevölkerung). Sogar ein Unterricht kann zugleich fremdsprachlich und fremdsprachig sein, wenn z. B. der Lehrer die Schüler im Französischen unterrichtet und dabei zugleich französisch spricht. Fremdsprachig steht also neben fremdsprachlich wie gleichaltrig (gebildet aus gleich und Alter) neben mittelalterlich (gebildet von Mittelalter).
Streng zu scheiden ist zwischen den Bildungen auf ig und denen auf lich bei den Adjektiven, die von Jahr, Monat, Tag und Stunde gebildet werden. Auch hier bezeichnen die auf ig eine Eigenschaft, nämlich die Dauer: zweijährig, eintägig, vierstündig. Bis vor kurzem konnte man zwar oft von einem dreimonatlichen Urlaub oder einer vierwöchentlichen Reise lesen; jetzt wird erfreulicherweise fast überall nur noch von einem dreimonatigen Urlaub und einer vierwöchigen Reise gesprochen. Dagegen bezeichnen einstündlich, dreimonatlich so gut wie jährlich, halbjährlich, vierteljährlich, monatlich, wöchentlich, täglich und stündlich den Zeitabstand von wiederkehrenden Handlungen. Da heißt es: in dreimonatlichen Raten zu zahlen, einstündlich einen Eßlöffel voll zu nehmen, ebenso wie: nach vierteljährlicher Kündigung. Unsinn also ist es, von halbjährigen öffentlichen Prüfungen zu reden; es gibt nur halbjährliche, das sind solche, die alle halben Jahre stattfinden, und halbstündige, das sind solche, die eine halbe Stunde dauern.
Falsch ist es auch, von einem unförmlichen Fleischklumpen zu reden. Unförmlich könnte nur als Verneinung von förmlich verstanden werden. Das Betragen eines Menschen kann unförmlich sein (ohne Förmlichkeit, formlos), ein Fleischklumpen aber nur unförmig (gebildet von Unform; vgl. unsinnig und unsinnlich).
Genau zu unterscheiden ist endlich auch noch zwischen abschlägig (eine abschlägige Antwort) und abschläglich (eine abschlägliche Zahlung). Abschlägig ist unmittelbar aus dem Verbalstamm gebildet, eine abschlägige Antwort ist eine abschlagende; abschläglich dagegen ist von Abschlag gebildet, eine abschlägliche Zahlung ist eine Abschlagszahlung. (Vgl. geschäftig und geschäftlich.) Wenn Kaufleute oder Buchhändler neuerdings davon reden, daß Waren oder Bücher wegen ihres niedrigen Preises den weitesten Kreisen zugängig seien, oder eine Zeitung schreibt: die Kinder müssen so viel Deutsch lernen, daß ihnen die deutsche Kultur zugängig ist, oder das „Tuberkulosemerkblatt“ des Kaiserlichen Gesundheitsamtes als Hauptmittel gegen die Ansteckung eine dem Zutritte (!) von Luft und Licht zugängige Wohnung bezeichnet, so ist das dieselbe Verwechslung. Die Wohnung soll der Luft zugänglich sein, d. h. sie soll der Luft Zugang bieten. Zugängig könnte höchstens (aktiv!) etwas bedeuten, was jedermann zugeht, z. B. die Probenummer einer Zeitung, wie das neumodische angängig (für möglich) doch das bedeuten soll, was angeht. (Vgl. auch verständlich und verständig.) Wenn also amtlich bekanntgemacht wird, daß die sächsischen Sterbetaler der Allgemeinheit unmittelbar zugängig gemacht werden sollen, so könnte ich mit Recht sagen: Schön, wann wird mir der meinige zugeschickt? Der Unterschied liegt auf der Hand, und doch hat das dumme zugängig in der letzten Zeit mit ungeheurer Schnelligkeit um sich gegriffen.
Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer?
Eine rechte Dummheit ist in der Bildung der Adjektiva auf isch eingerissen bei Orts- und Personennamen, die auf e endigen; man liest nur noch von der Halle’schen Universität, von Goethe’schen und Heine’schen Gedichten und von der Ranke’schen Weltgeschichte. Man übersehe ja den Apostroph nicht; ohne den Apostroph würde die Sache den Leuten gar keinen Spaß machen. In dieses Häkchen sind Schulmeister und Professoren ebenso verliebt wie Setzer und Korrektoren (vgl. [S. 8]).
Die Adjektivendung isch muß stets unmittelbar an den Wortstamm treten. Von Laune heißt das Adjektiv launisch, von Hölle höllisch, von Satire satirisch, von Schwede schwedisch; niemand spricht von laune’schen Menschen, hölle’schen Qualen, satire’schen Bemerkungen oder schwede’schen Streichhölzchen. Und sagt oder schreibt wohl ein vernünftiger Mensch: dieses Gedicht klingt echt Goethe’sch? oder: mancher versucht zwar Ranke nachzuahmen, aber seine Darstellung klingt gar nicht Ranke’sch? Jeder sagt doch: es klingt Goethisch, es klingt Rankisch. Wenn man aber in der undeklinierten, prädikativen Form das Adjektiv richtig bildet, warum denn nicht in der attributiven, deklinierten? Es könnte wohl am Ende einer denken, der Dichter hieße Goeth oder Goethi, wenn man von Goethischen Gedichten spricht? Denkt vielleicht bei der hansischen Geschichte irgend jemand an einen Hans oder Hansi? August Hermann Francke, der Stifter des Hallischen Waisenhauses (noch bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein sagte man sogar mit richtigem Umlaut hällisch),[53] würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß seine Stiftung jetzt das Halle’sche Waisenhaus genannt wird. Genau so lächerlich aber sind die Laube’schen Dramen, die Raabe’schen Erzählungen, das Fichte’sche System, die Heyse’schen Novellen, die Stolze’sche Stenographie, der Grote’sche Verlag, die Moltke’sche Strategie und der Lippe’sche Erbfolgestreit. Unbegreiflicherweise stammelt man jetzt sogar in Germanistenkreisen von der Manesse’schen Handschrift, die doch seit Menschengedenken die Manessische geheißen hat.[54]
Man spricht aber neuerdings auch von dem Meiningen’schen Theater (statt vom Meiningischen), von rügen’schen Bauernsöhnen (statt von rügischen), vom schonen’schen Hering (statt vom schonischen) und von hohenzollern’schem Hausbesitz (statt von hohenzollerischem). Dann wollen wir nur auch in Zukunft von thüringen’schen Landgrafen reden, von der franken’schen Schweiz, vom sachsen’schen und vom preußen’schen König! Nein, auch hier ist die Bildung unmittelbar aus dem Wortstamm das einzig richtige. Die Ortsnamen auf en sind meist alte Dative im Plural. Wenn ein Adjektiv auf isch davon gebildet werden soll, so muß die Endung en erst weichen. Es kann also nur heißen: hohenzollerisch, meiningisch.
Derselbe Unsinn wie in meiningen’sch liegt übrigens auch in Bildungen wie Emdener, Zweibrückener, Eislebener, St. Gallener vor; da ist die Endung er an die Endung en gefügt, statt an den Stamm. In den genannten Orten selbst, wo man wohl am besten Bescheid wissen wird, wie es heißen muß, kennt man nur Emder, Zweibrücker, Eisleber, (das Eisleber Seminar), St. Galler, wie anderwärts Bremer, Kempter, Gießer (meine Gießer Studentenjahre), Barmer. Bei Bingen ist das Binger Loch, und in Emden wird einer sofort als Fremder erkannt, wenn er von der Emdener Zeitung redet. Ein wahres Glück, daß der Nordhäuser und der Steinhäger schon ihre Namen haben! Heute würden sie sicherlich Nordhausener und Steinhagener genannt werden: Geben Sie mir einen Nordhausener![55]
All dieser Unsinn hat freilich eine tiefer sitzende Ursache, er hängt zusammen mit der traurigen Namenerstarrung, zu der wir erst im neunzehnten Jahrhundert gekommen sind, und die, wie so manche andre Erscheinung in unserm heutigen Sprachleben, eine Folge des alles beherrschenden juristischen Geistes unsrer Zeit ist. Im fünfzehnten, ja noch im sechzehnten Jahrhundert bedeutete ein Name etwas. Um 1480 heißt derselbe Mann in Leipziger Urkunden bald Graue Hänsel, bald Graue Henschel, bald Hänsichen Grau, um 1500 derselbe Mann bald Schönwetter, bald Hellwetter, derselbe Mann bald Sporzel, bald Sperle (Sperling), derselbe Mann bald Sachtleben, bald Sanftleben, derselbe Mann bald Meusel, bald Meusichen, Albrecht Dürer nennt 1521 in dem Tagebuch seiner niederländischen Reise seinen Schüler Hans Baldung, der den Spitznamen der grüne (mundartlich der griene) Hans führte, nur den Grünhans,[56] und selbst als sich längst bestimmte Familiennamen festgesetzt hatten, behandelte man sie doch immer noch wie alle andern Nomina, man scherte sich den Kuckuck um ihre Orthographie, man deklinierte sie, man bildete frischweg Feminina und Adjektiva davon wie von jedem Appellativum. Noch Ende des achtzehnten Jahrhunderts berichtete der Leipziger Rat an die Landesregierung, daß er Gottfried Langen, Hartmann Wincklern, Friedrich Treitschken, Tobias Richtern und Jakob Bertramen zu Ratsherren gewählt habe. Frau Karsch hieß bei den besten Schriftstellern die Karschin (das heute von „gebildeten“ Leuten wie Berlin betont wird!), und so war es noch zu Anfange des neunzehnten Jahrhunderts. Heute ist ein Name vor allen Dingen eine unantastbare Reihe von Buchstaben. Wehe dem, der sich daran vergreift! Wehe dem, der es wagen wollte, den großen Winckelmann jetzt etwa Winkelmann zu schreiben, weil man auch den Winkel nicht mehr mit ck schreibt, oder Joachimsthal mit T, weil man auch das Tal jetzt nicht mehr mit Th schreibt, oder gar Goethe mit ö! Er wäre sofort von der Wissenschaft in Acht und Bann getan. Das alles haben wir dem grenzenlosen juristischen Genauigkeitsbedürfnis unsrer Zeit zu danken, das keinen gesunden Menschenverstand kennt und anerkennt, das alles äußerlich in Buchstaben „festlegen“ muß, und dessen höchster Stolz es ist, selbst eine Straße mit einem Vornamen, eine Stiftung mit einem Doktortitel und ein Denkmal mit einem Doktortitel und einem Vornamen zu schmücken: Gustav Freytag-Straße, Dr. Wünsche-Stiftung, Dr. Karl Heine-Denkmal.
Hallenser und Weimaraner
Daß wir Deutschen bei unsrer großen Gelehrsamkeit und Gewissenhaftigkeit die Bewohner fremder Länder und Städte mit einer wahren Musterkarte von Namenbildungen versehen, ist zwar sehr komisch, aber doch immerhin erträglich. Sprechen wir also auch in Zukunft getrost von Amerikanern, Mexikanern, Neapolitanern, Parmesanern und Venezolanern, Byzantinern, Florentinern und Tarentinern, Chinesen und Japanesen, Piemontesen und Albanesen, Genuesern, Bolognesern und Veronesern, Bethlehemiten und Sybariten (denen sich als neue Errungenschaft die Sansibariten angereiht haben), Samaritern und Moskowitern, Asiaten und Ravennaten, Candioten und Hydrioten, Franzosen, Portugiesen, Provenzalen, Savoyarden usw. Daß wir aber an deutsche(!) Städtenamen noch immer lateinische Endungen hängen, ist doch ein Zopf, der endlich einmal abgeschnitten werden sollte. Die Athenienser und die Carthaginienser sind wir aus den Geschichtsbüchern glücklich los, aber die Hallenser, die Jenenser und die Badenser, die Hannoveraner und die Weimaraner wollen nicht weichen, auch die Anhaltiner spuken noch gelegentlich. Und doch ist nicht einzusehen, weshalb man nicht ebensogut soll Jenaer sagen können wie Gothaer, Geraer und Altonaer,[57] ebenso gut Badner wie Münchner, Posner und Dresdner, ebenso gut Haller wie Celler, Stader und Klever, ebenso gut Hannoverer und Weimarer wie Trierer, Speierer und Colmarer.
Freilich erstreckt sich die häßliche Sprachmengerei in unsrer Wortbildung nicht bloß auf geographische Namen, sie ist überhaupt in unsrer Sprache weit verbreitet; man denke nur an Bildungen wie buchstabieren, halbieren, hausieren, grundieren, schattieren, glasieren (im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von geglästen Ziegeln und Kacheln), amtieren, Hornist, Lagerist, Probist, Kursist, Wagnerianer, Börsianer, Goethiana, Beethoveniana, Lieferant, Stellage, Futteral, Stiefeletten, Glasur, schauderös, blumistisch, superklug, hypergeistreich, antideutsch usw. Manches davon stammt aus sehr früher Zeit und wird wohl nie wieder zu beseitigen sein; vieles aber ließe sich doch vermeiden, und vor allem sollte es nicht vermehrt werden.
Zur Satzlehre
Unterdrückung des Subjekts
Die meisten Fehler gegen die grammatische Richtigkeit und den guten Geschmack werden natürlich auf dem schwierigsten Gebiete der Sprache, auf dem des Satzbaues begangen. Hier sollen zunächst Subjekt und Prädikat und dann die Tempora und die Modi des Zeitworts in Haupt- und Nebensätzen besprochen werden.
Nicht bloß in dem Geschäfts- und Briefstil der Kaufleute, sondern im Briefstil überhaupt halten es viele für ein besondres Zeichen von Höflichkeit, das Subjekt ich oder wir zu unterdrücken. Kaufleute schreiben in ihren Geschäftsanzeigen: Kisten und Tonnen nehmen zum Selbstkostenpreise zurück, Zeitungen drucken über ihren Inseratenteil: Sämtliche Anzeigen halten der Beachtung unsrer Leser empfohlen, und Ärzte machen bekannt: Habe mich hier niedergelassen, oder: Meine Sprechstunden halte von heute ab von acht bis zehn Uhr. Aber auch gebildete Frauen und Mädchen, denen man etwas Geschmack zutrauen sollte, schreiben: Vorige Woche habe mit Papa einen Besuch bei R.s gemacht.
Wenn man jemand seine Hochachtung unter anderm auch durch die Sprache bezeugen will, so ist das gar nicht so übel. Aber vernünftigerweise kann es doch nur dadurch geschehen, daß man die Sprache so sorgfältig und sauber behandelt wie irgend möglich, aber nicht durch äußerliche Mittelchen, wie große Anfangsbuchstaben (Du, Dein), gesuchte Wortstellung, bei der man den Angeredeten möglichst weit vor, sich selbst aber möglichst weit hinter stellt (so bitte Ew. Wohlgeboren infolge unsrer mündlichen Verabredung ich ganz ergebenst), oder gar dadurch, daß man den grammatischen Selbstmord begeht, wie es Jean Paul genannt hat, ich oder wir wegzulassen. Derartige Scherze schleppen sich aus alten Briefstellern fort – wer Gelegenheit hätte, in den Briefen des alten Goethe zu lesen, würde mit Erstaunen sehen, daß sich auch der nie anders ausgedrückt hat –, sie sollten aber doch endlich einmal überwunden werden.
Noch schlimmer freilich als die Unterdrückung von ich und wir ist die Albernheit, wenn man den andern nicht recht verstanden hat, zu fragen: Wie meinen? Hier mordet man grammatisch gar den Angeredeten!
Die Ausstattung war eine glänzende
Eine häßliche Gewohnheit, die in unserm Satzbau eingerissen ist, ist die, das Prädikat, wenn es durch ein Adjektiv gebildet wird, nicht, wie es doch im Deutschen das richtige und natürliche ist, in der unflektierten, prädikativen Form hinzuschreiben, z. B.: das Verfahren ist sehr einfach, sondern in der flektierten, attributiven Form, als ob sich der Leser dazu das Subjekt noch einmal ergänzen sollte: das Verfahren ist ein sehr einfaches (nämlich Verfahren). Es ist das nicht bloß ein syntaktischer, sondern auch ein logischer Fehler, und daß man das gar nicht empfindet, ist das besonders traurige dabei.
Ein Adjektiv im Prädikat zu flektieren hat nur in einem Falle Sinn, nämlich wenn das Subjekt durch die Aussage in eine bestimmte Klasse oder Sorte eingereiht werden soll. Wenn man sagt: die Kirsche, die du mir gegeben hast, war eine saure – das Regiment dort ist ein preußisches – diese Frage ist eine rein wirtschaftliche – der Genuß davon ist mehr ein sinnlicher, kein rein geistiger – der Begriff der Infektionslehre ist ein moderner – der Hauptzweck der Regierung war ein fiskalischer – das Amt des Areopagiten war ein lebenslängliches – das Exemplar, das ich bezogen habe, war ein gebundnes – das abgelaufne Jahr war für die Geschäftswelt kein günstiges – so teilt man die Kirschen, die Regimenter, die Fragen, die Genüsse usw. in verschiedne Klassen oder Sorten ein und weist das Subjekt nun einer dieser Sorten zu. Es wäre ganz unmöglich, zu sagen: diese Frage ist rein ästhetisch oder: das Regiment dort ist preußisch. Die Kirsche ist sauer – das kann man wohl von einer unreifen Süßkirsche sagen, aber nicht, wenn man ausdrücken will, daß die Kirsche zu der Gattung der sauern Kirschen gehöre. Das unflektierte Adjektiv also urteilt, das flektierte sortiert. An ein Sortieren ist aber doch nicht zu denken, wenn jemand sagt: meine Arbeit ist eine vergebliche gewesen. Es fällt dem Schreibenden nicht im Traume ein, die Arbeiten etwa in erfolgreiche und vergebliche einteilen und nun die Arbeit, von der er spricht, in die Klasse der vergeblichen einreihen zu wollen, sondern er will einfach ein Urteil über seine Arbeit aussprechen. Da genügt es doch, zu sagen: meine Arbeit ist vergeblich gewesen.
In der Unterhaltung sagt denn auch kein Mensch: die Suppe ist eine zu heiße, aber eine sehr gute. Der lebendigen Sprache ist diese unnötige und häßliche Verbreiterung des Ausdrucks ganz fremd, sie gehört ausschließlich der Papiersprache an, stellt sich immer nur bei dem ein, der die Feder in die Hand nimmt, oder bei dem Gewohnheitsredner, der bereits Papierdeutsch spricht, oder dem gebildeten Philister, der sich am Biertisch in der Sprache seiner Leibzeitung unterhält. Die Papiersprache kennt gar keine andern Prädikate mehr. Man sehe sich um: in zehn Fällen neunmal dieses schleppende flektierte Adjektiv, im Aktendeutsch durchweg, aber auch in der wissenschaftlichen Darstellung, im Essay, im Leitartikel, im Feuilleton. Lächerlicherweise ist das Adjektiv dabei oft durch ein Adverb gesteigert, sodaß gar kein Zweifel darüber sein kann, daß ein Urteil ausgesprochen werden soll. Aber es wird nirgends mehr geurteilt, es wird überall nur noch sortiert: das Befinden der Königin ist ein ausgezeichnetes – die Ausstattung war eine überaus vornehme – die Organisation ist eine sehr straffe, fast militärische – der Andrang war ein ganz enormer – der Beifall war ein wohlverdienter – diese Forderung ist eine durchaus gerechtfertigte – die Stellung des neuen Direktors war eine außerordentlich schwierige – in einigen Lieferungen ist die Bandbezeichnung eine falsche – der Erfolg mußte von vornherein ein zweifelhafter sein – diese Anschauung vom Leben der Sprache ist eine durchaus verkehrte – die Verfrachtung ist eine außerordentlich zeitraubende und kostspielige – die Beurteilung des Gedichts war eine verschiedne, doch günstige – dieser Standpunkt ist ein völlig undurchführbarer – die kirchliche Lage der kleinen Gemeinden war eine sehr gedrückte, wenig beneidenswerte – die Aussicht auf die kommende Session ist eine sehr trübe – dieses Gedicht ist ein dem ganzen deutschen Volke teures (!) – allen Verehrern Moltkes dürfte der Besitz dieses Kunstblattes ein sehr willkommner (!) sein – die Notwendigkeit einer Ausdehnung wird schwerlich so bald eine fühlbare (!) sein usw. Ebenso dann auch in der Mehrzahl: die Meinungen der Menschen sind sehr verschiedne – die Pachtsummen waren schon an und für sich hohe – die mythologischen Kenntnisse der Schüler sind gewöhnlich ziemlich dürftige – ich glaube nicht, daß die dortigen Verhältnisse von den unsrigen so grundverschiedne (!) seien. Ist das Prädikat verneint, so heißt es natürlich kein statt nicht: die Schwierigkeiten waren keine geringen – die Kluft zwischen den einzelnen Ständen war keine sehr tiefe – die Rührung ist keine erkünstelte – die Grenze ist keine für alle Zeiten bestimmte und keine für alle Orte gleiche – bei Goethe und Schiller ist der Abstand von der Gegenwart kein so starker mehr. Eine musterhafte Buchkritik lautet heutzutage so: ist der Inhalt des Lexikons ein sehr wertvoller und die Behandlung der einzelnen Punkte eine vorzügliche, so hält die Ausstattung gleichen Schritt damit, denn sie ist eine sehr gediegne.[58]
Von dem einfachen mit der Kopula gebildeten Prädikat geht aber der Schwulst nun weiter zu den Verben, die mit doppeltem Akkusativ, einem Objekts- und einem Prädikatsakkusativ, verbunden werden. Auch da heißt es nur noch: diesen Kampf kann man nur einen gehässigen nennen (statt: gehässig nennen!) – mehr oder minder sehen wir alle die Zukunft als eine ernste an (statt: als ernst an) – ich möchte diesen Versuch nicht als einen durchaus gelungnen bezeichnen – ich bin weit davon entfernt, diese Untersuchung als eine abschließende hinzustellen – das, was uns diese Tage zu unvergeßlichen macht (statt: unvergeßlich macht!) – und passiv: der angerichtete Schade wird als ein beträchtlicher bezeichnet – abhängige Arbeit löst sich los und wird zu einer unabhängigen (statt: wird unabhängig) – bis die Bildung der Frauen eine andre und bessere wird (statt: anders und besser wird) – unsre Kenntnis der japanischen Industrie ist eine viel umfassendere und gründlichere geworden – durch diese Nadel ist das Fleischspicken ein müheloseres (!) geworden usw.
Besonders häßlich wird die ganze Erscheinung, wenn statt des Adjektivs oder neben dem Adjektiv ein aktives Partizip erscheint, z. B.: das ganze Verfahren ist ein durchaus den Gesetzen widersprechendes. Hier liegt ein doppelter Schwulst vor: statt des einfachen verbum finitum widerspricht ist das Partizip gebraucht: ist widersprechend, und statt des unflektierten Partizips auch noch das flektierte: ist ein widersprechendes. Aber gerade auch solchen Sätzen begegnet man täglich: das Ergebnis ist ein verstimmendes – da die natürliche Beleuchtung doch immer eine wechselnde ist – der Anteil war ein den vorhandnen männlichen Seelen entsprechender – die Mache ist eine verschiedenartige, der Mangel selbständiger Forschung aber ein stets wiederkehrender – die Stellung des Richters ist eine von Jahr zu Jahr sinkende – das schließt nicht aus, daß der Inhalt der Sitte ein verwerflicher, d. h. dem wahren Besten der Gesellschaft nicht entsprechender sei (statt: verwerflich sei, d. h. nicht entspreche) – die Armierung ist eine sehr schwache und absolut nicht ins Gewicht fallende – die Sprache des Buchs ist eine klare, einfache und allgemein verständliche, vom Herzen kommende und zum Herzen gehende – im ganzen ist das Werk freilich kein den Gegenstand erschöpfendes – und auch hier passiv: der Zweck des Buchs ist ein durchaus anzuerkennender (statt: durchaus anzuerkennen).
Es ist kein Zweifel, daß diese breitspurig einherstelzenden Prädikate allgemein für eine besondre Schönheit gehalten werden. Wer aber einmal auf sie aufmerksam gemacht worden oder von selbst aufmerksam geworden ist, der müßte doch jeden Rest von Sprachgefühl verloren haben, wenn er sie nicht so schnell wie möglich abzuschütteln suchte.
Eine Menge war oder waren?
Wenn das Subjekt eines Satzes durch ein Wort wie Zahl, Anzahl, Menge, Masse, Fülle, Haufe, Reihe, Teil und ähnliche gebildet wird, so wird sehr oft im Prädikat ein Fehler im Numerus gemacht. Zu solchen Wörtern kann nämlich entweder ein Genitiv treten, der als Genitiv nicht erkennbar und fühlbar ist, sondern wie ein frei angeschlossener Nominativ erscheint (eine Menge Menschen) und deshalb sogar ein Attribut im Nominativ zu sich nehmen kann (eine Menge unbedeutende Menschen[59]), oder ein auf irgendeine Weise erkennbar gemachter Genitiv (eine Menge von Menschen, eine Menge unbedeutender Menschen); die eine Verbindung ist so gebräuchlich wie die andre. Nun ist wohl klar, daß in dem ersten Falle das Prädikat in der Mehrzahl stehn muß; der scheinbare Nominativ Menschen tritt da so in den Vordergrund, daß er geradezu zum Subjekt, daher für die Wahl des Numerus im Prädikat entscheidend wird. Ebenso klar ist aber doch, daß in dem zweiten Falle das Prädikat nur in der Einzahl stehn kann, denn der abhängige Genitiv von Menschen bleibt im Hintergrunde, und entscheidend für den Numerus im Prädikat kann dann nur der Singular Menge sein. Man kann zwar zu solchen Begriffen – nach dem Sinne – das Prädikat auch in die Mehrzahl setzen, aber doch nur, wenn sie allein stehen; durch den abhängigen deutlichen Plural-Genitiv wird das zusammenfassende, einheitliche in dem Begriff Menge so eindringlich fühlbar gemacht, daß es in hohem Grade stört, wenn man Sätze lesen muß wie: eine auserlesene Zahl deutscher Kunstwerke sind gegenwärtig in Leipzig zu sehen – eine große Anzahl seiner Erzählungen beginnen mit dem jugendlichen Alter des Helden – erfreulich ist es, daß eine große Anzahl unsrer Ärzte schon über zehn Jahre ihren Dienst versehen haben – die größere Anzahl der Lieder und Bearbeitungen sind nicht frei – eine Menge abweichender Beispiele dürfen nicht dazu verleiten, die Regel als ungiltig zu bezeichnen – außer den Seen müssen noch eine Menge kleiner Kanäle benutzt werden – dem Reichsdeutschen treten in dem schweizerischen Schriftdeutsch eine ganze Menge von Besonderheiten entgegen – von diesem schönen Unternehmen liegen nun schon eine Reihe von Heften vor – eine Reihe von Kunstbeilagen ermöglichen dem Kunsthistoriker weitergehendes Studium – kaum ein halbes Dutzend der vorzüglichsten Dramen finden nachhaltige Teilnahme – der größte Teil der Grundbesitzer waren gar nicht mehr Eigentümer – ein ganz geringer Bruchteil der Stellen sind auskömmlich bezahlt – mindestens ein Viertel seiner Lieder stehen in jedem Gesangbuche – wer da weiß, wie schrecklich unbeholfen die Mehrzahl unsrer Knaben sind – dem Erfolge stehen eine Fülle von verschiednen Bedingungen entgegen usw. Alle, die so schreiben, verraten ein stumpfes Sprachgefühl und lassen sich von dem Krämer beschämen, der in der Zeitung richtig anzeigt: ein großer Posten zurückgesetzter Unterröcke ist billig zu verkaufen. Besonders beleidigend wird der Fehler, wenn das Zeitwort im Plural unmittelbar vor dem singularischen Begriff der Menge steht.
Umgekehrt sind manche geneigt, alle Angaben von Bruchteilen als Singulare zu behandeln und zu schreiben: bei Aluminium wird zwei Drittel des Gewichts erspart – es wurde nur fünf Prozent der Masse gerettet. Hier ist der Singular natürlich ebenso anstößig wie in den vorher angeführten Beispielen der Plural.
Dem Deutschen eigentümlich ist die Anrede Sie, eigentlich die dritte Person der Mehrzahl. Sie ist dadurch entstanden, daß man vor lauter Höflichkeit den Angeredeten nicht bloß, wie andre Sprachen, als Mehrzahl, sondern sogar als abwesend hinstellte. Man wagte gleichsam gar nicht, ihm unter die Augen zu treten und ihn anzublicken. Das pluralische Prädikat zu diesem Sie wird aber nun sogar mit singularischen Subjekten verbunden, wie Eure Majestät, Exzellenz, der Herr Hofrat (Goethe im Faust: Herr Doktor wurden da katechisiert). So unnatürlich das ist, es wird schwerlich wieder zu beseitigen sein. Die wunderlichste Folge dieser Spracherscheinung ist wohl ein Satz wie der: Verzeihen Sie, daß ich Sie, der Sie ohnehin so beschäftigt sind, mit dieser Frage belästige.
Noch ein falscher Plural im Prädikat
Ein Prädikat, das sich auf zwei oder mehr Subjekte bezieht, muß selbstverständlich im Plural stehen, wenn die Subjekte zu einer Gruppe zusammengefaßt werden. Das geschieht aber immer, wenn sie durch das Bindewort und verbunden sind. Dagegen werden die Subjekte niemals zu einer Gruppe vereinigt, wenn sie mit trennenden (disjunktiven) oder gegenüberstellenden Bindewörtern verbunden werden – eigentlich ein Widerspruch, aber doch nur ein scheinbarer, denn die Verbindung ist etwas äußerliches, rein syntaktisches, die Gegenüberstellung ist etwas innerliches, logisches. Zu diesen Bindewörtern (zum Teil eigentlich mehr Adverbien) gehören: oder, teils – teils, weder – noch, wie, sowie, sowohl – wie, sowohl – als auch. Es ist eins der unverkennbarsten Zeichen der zunehmenden Unklarheit des Denkens, daß in solchen Fällen das Prädikat jetzt immer öfter in den Plural gesetzt wird. Verhältnismäßig selten liest man ja so unsinnige Sätze wie: wenn ein schwacher Vater oder eine schwache Mutter der Schule ein Schnippchen schlagen (schlägt!) – es ist sehr fraglich, ob ein roher, trunksüchtiger Mann oder eine böse, schlecht wirtschaftende Frau im Hause mehr Schaden anrichten (anrichtet!) – so war es teils die Willkür des Geschmacks, teils die Willkür des Zufalls, die zu entscheiden hatten (hatte!) – oder gar: sein Milieu, wenn nicht etwas andres in ihm, erhalten (erhält!) ihn unparteiisch und nüchtern. Aber schon etwas ganz alltägliches ist der Fehler bei weder – noch: wenn weder der Beklagte noch er selbst sich stellen – während doch sonst weder Tinte noch Papier gespart werden – da weder der Vater noch die Mutter des Jungen mit uns das geringste zu tun haben – weder die Gräfin noch ihr Bruder verfügen über ein größeres Vermögen – weder Boccaccio noch Lafontaine haben solche Abweichungen geduldet – weder Preußen noch das junge Reich waren stark genug, das Zentrum zu überwinden. Am häufigsten wird der Fehler bei wie, sowie und den verwandten Verbindungen begangen: die vornehme Salondame wie die schlichte Hausfrau stellen an Dienstboten oft unerhörte Anforderungen – der Verfasser zeigt, wie sich von da an das Heer wie das Reich immer mehr barbarisierten – da der Rationalismus den Grundzug dieser Religion bildet, so ist es klar, daß ihr der Gebildete wie der Ungebildete in gleicher Weise anhängen – die Ausbildung der städtischen Verfassung wie die Entwicklung der Fürstentümer zwangen zur Vermehrung der Beamten – der höchste Gerichtshof sowie der Rechnungshof des Reichs befinden sich nicht in der Reichshauptstadt – Frankreich sowohl wie Deutschland entwickeln sich sozialistisch – Custine sowohl wie die französische Regierung waren hinlänglich davon unterrichtet – sowohl der romantische als der realistische Meister hatten der Entwicklung eine breite Bahn geöffnet – sowohl der Wortschatz als auch die Formenlehre haben im Verlaufe von hundert Jahren merkliche Veränderungen erfahren – die freundlichen Worte, die sowohl der Vizepräsident an mich als auch der Herr Ministerpräsident an die Direktoren gerichtet haben. In allen diesen Sätzen kann gar kein Zweifel sein, daß nur von einem Singular etwas ausgesagt wird. Dieser Singular wird einem andern Singular gleichgestellt, von dem dieselbe Aussage gilt. Aber dadurch wird doch aus den beiden Singularen noch kein Plural. Wer das Prädikat in den Plural setzen will, muß eben die Subjekte durch und verbinden, nicht durch wie.
Das Passivum. Es wurde sich
Beim Gebrauche der Zeitwörter kommen in Betracht die Genera (Aktivum und Passivum), die Tempora und die Modi. Im Gebrauche der Genera können kaum Fehler vorkommen. Zu warnen ist nur vor der unter Juristen und Zeitungschreibern weit verbreiteten Gewohnheit, alles passivisch auszudrücken, z. B.: namentlich muß von dem obersten Leiter der Politik dieser Zustand als eine Erschwerung seines Amtes empfunden werden (statt: der oberste Leiter muß empfinden) – das hat sehr dazu beigetragen, daß von der Regierung nicht an den bisher befolgten sozialpolitischen Grundsätzen festgehalten worden ist (statt: daß die Regierung nicht festgehalten hat) – bei einem Pachtverhältnis sollte von seiten (!) des Verpächters nicht bloß auf die Höhe der gebotnen Pachtsumme gesehen werden, sondern auch die Persönlichkeit des Bewerbers berücksichtigt und auf dessen Befähigung Wert gelegt werden (statt: der Verpächter sollte berücksichtigen). Das nächstliegende ist doch immer das Aktivum.
Geschmacklos ist es, ein Passivum von einem reflexiven Zeitwort zu bilden: es brach ein Gewitter los, und es wurde sich in ein Haus geflüchtet – mit dem Beschlusse des Rats wurde sich einverstanden erklärt – über dieses Thema ist sich in pädagogischen Zeitschriften wiederholt geäußert worden. Dergleichen Sätze kann man höchstens im Scherz bilden. In gutem Deutsch müssen sie mit Hilfe des Fürworts man umschrieben werden.
Ist gebeten oder wird gebeten?
Zahlreiche Verstöße werden gegen den richtigen Gebrauch der Tempora begangen. Ganz undeutsch und nichts als eine gedankenlose Nachäfferei des Französischen, noch dazu eines falsch verstandnen Französisch, ist es, zu schreiben: die Mitglieder sind gebeten, pünktlich zu erscheinen. In dem Augenblicke, wo jemand eine derartige Aufforderung erhält, ist er noch nicht gebeten, sondern er wird es erst. Man kann wohl sagen: du bist geladen, d. h. betrachte dich hiermit als geladen. Aber die Mitteilung einer Bitte, einer Einladung usw. kann nur durch das Präsens, nicht durch das Perfektum ausgedrückt werden.
Mißbrauch des Imperfekts
Ganz widerwärtig und ein trauriges Zeichen der zunehmenden Abstumpfung unsers Sprachgefühls ist ein Mißbrauch des Imperfekts, der seit einiger Zeit mit großer Schnelligkeit um sich gegriffen hat.
Das Imperfektum ist in gutem Deutsch das Tempus der Erzählung. Was heißt erzählen?
Mariandel kommt weinend aus der Kinderstube und klagt: Wolf hat mich geschlagen! Die Mutter nimmt sie auf den Schoß, beruhigt sie und sagt: erzähle mir einmal, wies zugegangen ist. Und nun erzählt Mariandel: ich saß ganz ruhig da und spielte, da kam der böse Wolf und zupfte mich am Haar usw. Mit dem Perfektum also hat sie die erste Meldung gemacht; auf die Aufforderung der Mutter, zu erzählen, springt sie sofort ins Imperfektum über. Da sehen wir deutlich den Sinn des Imperfekts. Erzählen heißt aufzählen, herzählen. Das Wesentliche einer Erzählung liegt in dem Eingehen in Einzelheiten. Weiterhin besteht aber zwischen Imperfekt und Perfekt auch ein Unterschied in der Zeitstufe: das Imperfekt berichtet früher geschehene Dinge (man kann sich meist ein damals dazu denken), das Perfektum Ereignisse, die sich soeben zugetragen haben, wie der Schlag, den Mariandel bekommen hat. Wenn ich eine Menschenmasse auf der Straße laufen sehe und frage: was gibts denn? so wird mir geantwortet: der Blitz hat eingeschlagen, und am Markt ist Feuer ausgebrochen; d. h. das ist soeben geschehen. Wenn ich dagegen nach einigen Wochen oder Jahren über den Vorgang berichte, kann ich nur sagen: der Blitz schlug ein, und am Markte brach Feuer aus. Nur wenn ich etwas, was mir ein andrer erzählt hat, weiter erzähle, gebrauche ich das Perfektum; selbst dann, wenn mirs der andre im Imperfekt erzählt hat, weil ers selbst erlebt, selbst mit angesehen hatte, kann ich es nur im Perfekt weiter erzählen. Wollte ich auch im Imperfekt erzählen, so müßte ich auf die Frage gefaßt sein: bist du denn dabei gewesen?
Also mit dem Imperfekt wird erzählt, und zwar selbsterlebtes; es ist daher das durchgehende Tempus aller Romane, aller Novellen, aller Geschichtswerke, denn sowohl der Geschichtschreiber wie der Romanschreiber berichtet so, als ob er dabeigewesen wäre und die Dinge selbst mit angesehen hätte. Das Perfektum ist dagegen das Tempus der bloßen Meldung, der tatsächlichen Mitteilung. Der Unterschied ist so handgreiflich, daß man meinen sollte, er könnte gar nicht verwischt werden.
Nun sehe man einmal die kurzen Meldungen in unsern Zeitungen an, die das Neueste vom Tage bringen, unter den telegraphischen Depeschen, unter den Stadtnachrichten usw. – ist es nicht widerwärtig, wie da das Imperfekt mißbraucht wird? Da heißt es: Prinz A. erkrankte schwer in Venedig; seine Gemahlin reiste aus München dahin ab – Bahnhofsinspektor S. in R. erhielt das Ritterkreuz zweiter Klasse – in Heidelberg starb Professor X – Minister Soundso reichte seine Entlassung ein – in Dingsda wurde die Sparkasse erbrochen – ein merkwürdiges Buch erschien in Turin. Wann denn? fragte man unwillkürlich, wenn man so etwas liest. Du willst mir doch eine Neuigkeit mitteilen und drückst dich aus, als ob du etwas erzähltest, was vor dreihundert Jahren geschehen wäre. Ein merkwürdiges Buch erschien in Turin – das klingt doch, als ob der Satz aus einer Kirchengeschichte Italiens genommen wäre.
Etwas andres wird es schon, wenn eine Zeitbestimmung der Vergangenheit hinzutritt, und wäre es nur ein gestern; dann kann der Satz den Charakter einer bloßen tatsächlichen Mitteilung verlieren und den der Erzählung annehmen. Es ist ebenso richtig, zu schreiben: gestern starb hier nach längerer Krankheit Professor X, wie: gestern ist hier nach längerer Krankheit Professor X gestorben. Im zweiten Falle melde ich einfach das Ereignis, im ersten Falle erzähle ich. Fehlt aber jede Zeitangabe, soll das Ereignis schlechthin gemeldet werden, so ist der Gebrauch des Imperfekts ein Mißbrauch.
Der Fehler ist aber nicht auf Zeitungsnachrichten beschränkt geblieben; auch unsre Geschäftsleute schreiben schon in ihren Anzeigen und Briefen und halten das für eine besondre Feinheit: ich verlegte mein Geschäft von der Petersstraße nach der Schillerstraße – ich eröffnete am Johannisplatz eine zweite Filiale u. ähnl. Ein Schuldirektor schreibt einem Schüler ins Zeugnis: M. besuchte die hiesige Schule und trat heute aus. Eine Verlagsbuchhandlung schreibt in der Ankündigung eines Werkes, dessen Ausgabe bevorsteht: wir scheuten kein Opfer, die Illustrationen so prächtig als möglich auszuführen; den Preis stellten wir so niedrig, daß sich unser Unternehmen in den weitesten Kreisen Eingang verschaffen kann. Wann denn? fragt man unwillkürlich. Sind diese Sätze Bruchstücke aus einer Selbstbiographie von dir? erzählst du mir etwas aus der Geschichte deines Geschäfts? über ein Verlagsunternehmen, das du vor zwanzig Jahren in die Welt geschickt hast? Oder handelt sichs um ein Buch, das soeben fertig geworden ist? Wenn du das letzte meinst, so kann es doch nur heißen: wir haben kein Opfer gescheut, den Preis haben wir so niedrig gestellt usw. Eine andre Buchhandlung schreibt auf die Titelblätter ihrer Verlagswerke: den Buchschmuck zeichnete Fidus. Zeichneetee! Wann denn?
Es kommt aber noch eine weitere Verwirrung hinzu. Das Perfekt hat auch die Aufgabe, die gegenwärtige Sachlage auszudrücken, die durch einen Vorgang oder eine Handlung geschaffen worden ist. Auch in dieser Bedeutung wird es jetzt unbegreiflicherweise durch das Tempus der Erzählung verdrängt. Da heißt es: die soziale Frage ist das schwierigste Erbteil, das Kaiser Wilhelm von seinen Vorfahren erhielt (statt: erhalten hat, denn er hat es doch nun!) – auch die vorliegende Arbeit führt nicht zum Ziel, trotz der großen Mühe, die der Verfasser auf sie verwandte (statt: verwendet hat, denn die Arbeit liegt doch vor!) – da die Ehe des Herzogs kinderlos blieb (statt: geblieben ist) – folgt ihm sein Neffe in der Regierung – die letzten Wochen haben dazu beigetragen, daß das Vertrauen in immer weitere Kreise drang (statt: gedrungen ist) – wir beklagen tief, daß sich kein Ausweg finden ließ (statt: hat finden lassen) – kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse hervorgingen usw. Der letzte Satz klingt, als wäre er aus irgendeiner geschichtlichen Darstellung genommen, als wäre etwa von Wahlen zum ersten deutschen Parlament die Rede. Es sollen aber die letzten Reichstagswahlen damit gemeint sein, die den gegenwärtigen Reichstag geschaffen haben! Da muß es doch heißen: kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse hervorgegangen sind, denn diese Ergebnisse bilden doch die gegenwärtige Sachlage.
Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber sein, woher der Mißbrauch des Imperfekts stammt. In Norddeutschland ist er durch Nachäfferei des Englischen entstanden und mit dem lebhaftern Betriebe der englischen Sprache aufgekommen. Der Engländer sagt: I saw him this morning (ich habe ihn diesen Morgen gesehen) – I expected you last Thursday (ich habe Sie vorigen Donnerstag erwartet) – Yours I received (ich habe Ihr Schreiben erhalten) – That is the finest ship I ever saw (das ist das schönste Schiff, das ich je gesehen habe) – Sheridan’s Plays, now printed as he wrote them (wie er sie geschrieben hat). Wahrscheinlich weniger durch nachlässiges Übersetzen aus englischen Zeitungen als durch schlechten englischen Unterricht, bei dem nicht genug auf den Unterschied der Sprachen in dem Gebrauche der Tempora hingewiesen, sondern gedankenlos wörtlich übersetzt wird, ist der Mißbrauch ins Deutsche hereingeschleppt worden. In Leipzig kann man schon hören, wie ein Geck, der den Tag zuvor aus dem Bade zurückgekehrt ist, einem andern Gecken auf der Straße zuruft: Jä, ich käm gestern zurück, wie ein Geck in Gesellschaft sagt: ich hatte schon den Vorzug (ich habe schon die Ehre gehabt). In Süddeutschland aber kommt dazu noch eine andre Quelle. Dem bayrisch-österreichischen Volksdialekt fehlt das Imperfektum (mit Ausnahme von ich war) gänzlich; er kennt weder ein hatte, noch ein ging, noch ein sprach, er braucht in der Erzählung immer das Perfekt (bin ich gewesen – hab ich gesagt). Daher hat diese Form in Süddeutschland und Österreich den Beigeschmack des Vulgären, und wenn nun der Halbgebildete Schriftdeutsch sprechen will, so gebraucht er überall, auch da, wo es gar nicht hinpaßt, das Imperfektum, weil er mit dem Perfekt in den Dialekt zu fallen fürchtet. In großen Dresdner Pensionaten, wo englische, norddeutsche und österreichische Kinder zusammen sind, soll man den Einfluß beider Quellen gleichzeitig beobachten können.
Ein wunderliches Gegenstück zu dem Mißbrauch des Imperfekts verbreitet sich in neuern Geschichtsdarstellungen, nämlich die Schrulle, im Perfektum zu – erzählen! Nicht bloß vereinzelte Sätze werden so geschrieben, wie: der Enkel hat ihm eine freundliche und liebevolle Erinnerung bewahrt (statt: bewahrte ihm), sondern halbe und ganze Seiten lang wird das Imperfekt aufgegeben und durch das Perfektum ersetzt. Geschmackvoll kann man auch das nicht nennen.
Worden
Ebenso schlimm wie die beiden eben bezeichneten ist aber nun noch eine dritte Verwirrung, die neuerdings aufgekommen ist und in kurzer Zeit reißende Fortschritte gemacht hat: die Verwirrung, die sich in dem Weglassen des Partizips worden im passiven Perfektum zeigt. Es handelt sich auch hier um eine Vermengung zweier grundverschiedner Zeitformen, der beiden, die man in der Grammatik als Perfektum und als Perfectum praesens bezeichnet.
Nicht nur in gutem Schriftdeutsch, sondern auch in der gebildeten Umgangssprache ist noch bis vor kurzem aufs strengste unterschieden worden zwischen zwei Sätzen wie folgenden: auf dem Königsplatze sind junge Linden angepflanzt worden, und: auf dem Königsplatze sind junge Linden angepflanzt. Der erste Satz meldet den Vorgang oder die Handlung des Anpflanzens – das ist das eigentliche und wirkliche Perfektum; der zweite beschreibt den durch die Handlung des Anpflanzens geschaffnen gegenwärtigen Zustand – das ist das, was die Grammatik Perfectum praesens nennt. Der Altarraum ist mit fünf Gemälden geschmückt worden – das ist eine Mitteilung; der Altarraum ist mit fünf Gemälden geschmückt – das ist eine Beschreibung. Wenn mir ein Freund Lust machen will, mit ihm vierhändig zu spielen, so sagt er: komm, das Klavier ist gestimmt! Dann kann ich ihn wohl fragen: so? wann ist es denn gestimmt worden? aber nicht: wann ist es denn gestimmt? denn ich frage nach dem Vorgange. Wenn ein Maler sagt: mir sind für das Bild 6000 Mark geboten, so heißt das: ich kann das Geld jeden Augenblick bekommen, der Bieter ist an sein Gebot gebunden. Sagt er aber: mir sind 6000 Mark geboten worden, so kann der Bieter sein Gebot längst wieder zurückgezogen haben.
Handelte sichs um einen besonders feinen Unterschied, der schwer nachzufühlen und deshalb leicht zu verwischen wäre, so wäre es ja nicht zu verwundern, wenn er mit der Zeit verschwände. Aber der Unterschied ist so grob und so sinnfällig, daß ihn der Einfältigste begreifen muß. Und doch dringt der Unsinn, eine Handlung, einen Vorgang, ein Ereignis als Zustand, als Sachlage hinzustellen, in immer weitere Kreise und gilt jetzt offenbar für fein. Selbst ältere Leute, denen es früher nicht eingefallen wäre, so zu reden, glauben die Mode mitmachen zu müssen und lassen das worden jetzt weg. Täglich kann man Mitteilungen lesen wie: Dr. Sch. ist zum außerordentlichen Professor an der Universität Leipzig ernannt – dem Freiherrn von S. ist auf sein Gesuch der Abschied bewilligt – in H. ist eine Eisenbahnstation feierlich eröffnet – oder Sätze wie: über den Begriff der Philologie ist viel herumgestritten – die märkischen Stände sind um ihre Zustimmung offenbar nicht befragt – so ist die Reformation in Preußen als Volkssache vollzogen – er behauptete, daß er in dieser Anstalt wohl gedrillt, aber nicht erzogen sei – die Methode, in der Niebuhr so erfolgreich die römische Geschichte behandelte, ist von Ranke auf andre Gebiete ausgedehnt – man rühmt sich bei den Nationalliberalen, daß über 12000 Stimmen von ihnen abgegeben seien – es kann nicht geleugnet werden, daß an Verhetzung geleistet ist, was möglich war – es ist zu bedauern, daß so viel Fleiß nicht auf eine lohnendere Aufgabe verwendet ist – wie hätte die schöne Sammlung zustande kommen können, wenn nicht mit reichen Mitteln dafür eingetreten wäre?
Doppelt unbegreiflich wird der Unsinn, wenn durch Hinzufügung einer Zeitangabe noch besonders fühlbar gemacht wird, daß eben der Vorgang (manchmal sogar ein wiederholter Vorgang) ausgedrückt werden soll, nicht die durch den Vorgang entstandne Sachlage. Aber gerade auch diesem Unsinn begegnet man täglich in Zeitungen und neuen Büchern. Da heißt es: das Verbot der und der Zeitung ist heute wieder aufgehoben (worden! möchte man immer dem Zeitungschreiber zurufen) – der österreichische Reichsrat ist gestern eröffnet (worden!) – der Anfang zu dieser Umgestaltung ist schon vor längerer Zeit gemacht (worden!) – diese Frage ist schon einmal aufgeworfen und damals in verneinendem Sinne beantwortet (worden!) – vorige Woche ist ein Flügel angekommen und unter großen Feierlichkeiten im Kursaal aufgestellt (worden!) – in späterer Zeit sind an dieser Tracht die mannigfachsten Veränderungen vorgenommen (worden!) – in gotischer Zeit ist das Schiff der Kirche äußerlich verlängert und dreiseitig geschlossen (worden!) – an der Stelle, wo Tells Haus gestanden haben soll, ist 1522 eine mit seinen Taten bemalte Kapelle errichtet (worden!) – am Tage darauf, am 25. Januar, sind noch drei Statuen ausgegraben (worden!) – jedenfalls ist der Scherz in Karlsbad bei irgendeiner Gelegenheit aufs Tapet gebracht (worden!) – in B. ist dieser Tage ein Kunsthändler wegen Betrugs zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt (worden!) – diese Dinge sind offenkundig, denn sie sind hundertmal besprochen (worden!) – die Wandlungen der Mode sind zu allen Zeiten von Sittenpredigern bekämpft (worden!) – bis 1880 ist von dieser Befugnis nicht ein einzigesmal Gebrauch gemacht (worden!).
Wo der Unsinn hergekommen ist? Er stammt aus dem Niederdeutschen und hat seine schnelle Verbreitung unzweifelhaft auf dem Wege über Berlin gefunden. Die Unterscheidung der beiden Perfekta in unsrer Sprache ist nämlich verhältnismäßig jung, sie ist erst im fünfzehnten Jahrhundert zustande gekommen, und zwar ganz allmählich. Erst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fing man an, zu sagen: daß ein Knecht geschlagen ist worden (anfangs immer in dieser Wortstellung). Aber schon im sechzehnten Jahrhundert war die willkommne Unterscheidung durchgedrungen und unentbehrlich geworden. Nur die niederdeutsche Vulgärsprache lehnte sie ab und beharrt – noch heute, nach vierhundert Jahren – dabei. Welche Lächerlichkeit nun, diesen unvollkommnen Sprachrest, der heute doch lediglich auf der Stufe eines Provinzialismus steht, aller Vernunft und aller Logik zum Trotz der gebildeten Schriftsprache wieder aufnötigen zu wollen! Der Unterricht sollte sich mit aller Macht gegen diesen Rückschritt sträuben.
Wurde geboren, war geboren, ist geboren
Eine biographische Darstellung ist natürlich auch eine Erzählung, kann sich also in keinem andern Tempus bewegen als im Imperfekt. Aber der erste Satz, die Geburtsangabe, wie stehts damit? Soll man schreiben: Lessing war geboren, Lessing wurde geboren oder Lessing ist geboren? Alle drei Ausdrucksweisen kommen vor. Aber merkwürdigerweise am häufigsten die falsche! Er ist geboren – das kann man doch vernünftigerweise nur von dem sagen, der noch lebt. Den Lebenden fragt man: wann bist du denn geboren? Und dann antwortet er: ich bin am 23. Mai 1844 geboren. Von einem, der nicht mehr lebt, kann man wohl am Schlusse seiner Lebensbeschreibung sagen: gestorben ist er am 31. Oktober 1880. Damit fällt man zwar aus der Form der Erzählung heraus in die der bloßen tatsächlichen Mitteilung; aber die ist dort ganz am Platze, denn sie drückt die gegenwärtige Sachlage aus. Am Anfang einer Lebensbeschreibung aber kann es vernünftigerweise nur heißen: er war oder er wurde geboren; mit wurde versetze ich mich – was das natürlichste ist – an den Anfang des Lebenslaufs meines Helden, mit war versetze ich mich mitten hinein. In wieviel hundert und tausend Fällen aber wird in Zeitungsaufsätzen, im Konversationslexikon, in Kunst- und Literaturgeschichten usw. die Gedankenlosigkeit begangen, daß man von Verstorbnen zu erzählen anfängt, als ob sie lebten! Den Fehler damit verteidigen zu wollen, daß man sagte: ein großer Mann lebe eben nach seinem Tode fort, wäre eine arge Sophisterei. Das Fortleben ist doch immer nur bildlich gemeint, in der Biographie aber handelt sichs um das wirkliche Leben.
Erzählung und Inhaltsangabe
Wer eine Geschichte erzählt, bedient sich des Imperfekts; alle Ereignisse; die vor der Geschichte liegen, die erzählt wird, also zu der sogenannten Vorfabel gehören, müssen im Plusquamperfekt mitgeteilt werden. Imperfekt und Plusquamperfekt sind die beiden einzigen Tempora, die in den erzählenden Abschnitten einer Novelle oder eines Romans vorkommen können. Die Vorfabel braucht nicht am Anfang der Novelle zu stehen, sie kann mitten in der Novelle nachgetragen, ja selbst auf mehrere Stellen der Novelle verteilt werden. Immer aber muß das sofort durch den Tempuswechsel kenntlich gemacht werden. Zieht sich nun die Vorfabel in die Länge, so wird der Leser bald des Plusquamperfekts überdrüssig, und der Erzähler muß dann auch für die Vorfabel in das Imperfekt einzulenken suchen. Das geschickt und fein und an der richtigen Stelle zu machen ist eine Aufgabe, an der viele Erzähler scheitern.
Noch schwieriger freilich scheint eine andre Aufgabe zu sein: wenn Rezensenten den Inhalt eines Romans, eines erzählenden Gedichts, eines Dramas angeben, so zeigen sie nicht selten eine klägliche Hilflosigkeit in der Anwendung der Tempora. Man kann Inhaltsangaben lesen, deren Darstellung zwischen Präsens und Imperfekt, Perfekt und Plusquamperfekt nur immer so hin und her taumelt. Und doch ist auch diese Aufgabe eigentlich nicht schwieriger als die andre. Ein Buch, das besprochen wird, liegt vor. Da hat kein andres Tempus etwas zu suchen als das Präsens und das Perfektum, das Präsens für die Geschichte selbst, das Perfektum für die Vorgeschichte. Wer den Inhalt wissen will, fragt nicht: wie war denn die Geschichte? sondern: wie ist denn die Geschichte? Und anders kann auch der nicht antworten, der den Inhalt des Buches angibt; er kann nur sagen: die Geschichte ist so, und nun fängt er im Präsens an: Auf einem Gut in der Nähe von Danzig lebt ein alter Rittmeister; er hat früher eine zahlreiche Familie gehabt, steht aber jetzt allein da usw. Auch wer in der Unterhaltung den Inhalt eines Schauspiels angibt, das er am Abend zuvor im Theater gesehen hat, bedient sich keines andern Tempus und kann sich keines andern bedienen. Nur manche Zeitungschreiber scheinen das nicht begreifen zu können.[60]
Nicht ganz leicht dagegen ist es wieder, in der Erzählung das sogenannte Praesens historicum, das Präsens der lebhaften, anschaulichen Schilderung richtig anzuwenden. Genau an der richtigen Stelle in dieses Präsens einzufallen, genau an der richtigen Stelle sich wieder ins Imperfekt zurückzuziehen, das glückt nur wenigen. Die meisten fangen es recht täppisch an.
Tempusverirrung beim Infinitiv
Wenn jemand anstatt: da muß ich mich geirrt haben – sagen wollte: da mußte ich mich irren oder: da habe ich mich irren müssen, so würde man ihn wohl sehr verdutzt ansehen, denn eine solche Tempusverschiebung aus dem Infinitiv in das regierende Verbum ließe auf eine nicht ganz normale Geistesverfassung schließen. Der Fehler wird aber gar nicht selten gemacht, nur daß er nicht immer so verblüffend hervortritt, z. B.: ich glaube bewiesen zu haben, daß die Verfügung des Oberpräsidenten an dem Anschwellen der Bewegung nicht schuld sein konnte (anstatt: nicht schuld gewesen sein kann). Nicht besser, eher noch schlimmer ist es, die Vergangenheit doppelt zu setzen, z. B.: später mochten wohl die Arbeiten für den Kurfürsten dem Künstler nicht mehr die Muße gelassen haben. Wenn ein Vorgang aus der Vergangenheit nicht als wirklich, sondern mit Hilfe von scheinen, mögen, können, müssen nur als möglich oder wahrscheinlich hingestellt werden soll, so gehört die Vergangenheit natürlich nicht in die Form der Aussage, denn die Aussage geschieht ja in der Gegenwart, sondern sie gehört in den Infinitiv. Es muß also heißen: mögen nicht gelassen haben.
Manche möchten es ja nun gern richtig machen, sind sich aber über die richtige Form des Infinitivs nicht klar. Wenn z. B. jemand schreibt: Ludwig scheint sich durch seine Vorliebe für die Musik etwas von den Wissenschaften entfernt zu haben – und sich einbildet, damit den Satz: Ludwig hatte sich von den Wissenschaften entfernt – in das Gebiet der Wahrscheinlichkeit gerückt zu haben, so irrt er sich. Die Tempora des Indikativs und des Infinitivs entsprechen einander in folgender Weise:
L. entfernt sich – scheint sich zu entfernen.
L. entfernte sich – scheint sich entfernt zu haben (nämlich damals).
L. hat sich entfernt – scheint sich entfernt zu haben (nämlich jetzt).
L. hatte sich entfernt – scheint sich entfernt gehabt zu haben.
L. wird sich entfernen – scheint sich entfernen zu wollen.
Relativsätze. Welcher, welche, welches
Unter den Nebensätzen ist keine Art, in der so viel und so mannigfaltige Fehler gemacht würden wie in den Relativsätzen. Freilich sind sie auch die am häufigsten verwendete Art.
Ein Hauptübel unsrer ganzen Relativsatzbildung liegt zunächst nicht im Satzbau, sondern in der Verwendung des langweiligen Relativpronomens welcher, welche, welches. Das Relativpronomen welcher gehört, wie so vieles andre, fast ausschließlich der Papiersprache an, und da sein Umfang und seine Schwere in gar keinem Verhältnis zu seiner Aufgabe und Leistung stehen, so trägt es ganz besonders zu der breiten, schleppenden Ausdrucksweise unsrer Schriftsprache bei. In der ältern Sprache war welcher (swelher) durchaus nicht allgemeines Relativpronomen, sondern nur indefinites Relativ, es bedeutete: wer nur irgend (quisquis), jeder, der, noch bei Luther: welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er. Erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert ist es allmählich zum gemeinen Relativum herabgesunken. Aber nur in der Schreibsprache, die sich so gern breit und wichtig ausdrückt, zuerst in Übersetzungen aus dem Lateinischen; der lebendigen Sprache ist es immer fremd geblieben und ist es bis auf den heutigen Tag fremd. Niemand spricht welcher, es wird immer nur geschrieben! Man beobachte sich selbst, man beobachte andre, stundenlang, tagelang, man wird das vollständig bestätigt finden. Es ist ganz undenkbar, daß sich in freier, lebendiger Rede, wie sie der Augenblick schafft, das Relativum welcher einstellte; jedermann sagt immer und überall: der, die, das. Es ist undenkbar, daß jemand bei Tische sagte: die Sorte, welche wir vorhin getrunken haben, oder: wir gehen wieder in die Sommerfrische, in welcher wir voriges Jahr gewesen sind.[61] In stenographischen Berichten über öffentliche Versammlungen und Verhandlungen findet man allerdings oft Relativsätze mit welcher, aber darauf ist nicht viel zu geben, diese Berichte werden redigiert, und wer weiß, wie viele der dabei erst nachträglich in welcher verwandelt werden, weil mans nun einmal so für schriftgemäß hält! Und dann: Leute, die viel öffentlich reden, sprechen nicht, wie andre Menschen sprechen, sie sprechen auch, wenn sie am Rednerpulte stehen, anders als in der Unterhaltung, sie sprechen nicht bloß für die Zeitung, sie sprechen geradezu Zeitung; alte Gewohnheitsredner, die Tag für Tag denselben Schalenkorb ausschütten und es gar nicht mehr für der Mühe wert halten, sich auf eine „Ansprache“ vorzubereiten, suchen auch mit ihrem welcher Zeit zu gewinnen, wie andre mit ihrem äh – äh. Wenn aber ein junger Pfarrer auf der Kanzel Relativsätze mit welcher anfängt, so kann man sicher sein, daß er die Predigt aufgeschrieben und wörtlich auswendig gelernt hat; wenn ein Festredner aller Augenblicke welcher sagt, so kann man sicher sein, daß das Manuskript seiner Festrede schon in der Redaktion des Tageblatts ist. Wer den Ausdruck im Augenblicke schafft, sagt der, nicht welcher. Darum ist auch welcher in der Dichtersprache ganz unmöglich. In Stellen, wie bei Goethe (in den Venezianischen Epigrammen): welche verstohlen freundlich mir streifet den Arm – oder bei Schiller (in Shakespeares Schatten): das große gigantische Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt – oder bei Hölty: wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh – oder bei Schikaneder: bei Männern, welche Liebe fühlen – oder bei Tiedge (in der Urania): mir auch war ein Leben aufgegangen, welches reichbekränzte Tage bot – oder bei Uhland: ihr habt gehört die Kunde vom Fräulein, welches tief usw., ist es nichts als ein langweiliges Versfüllsel, eine Strohblume in einem Rosenstrauß. Darum wird es ja auch mit Vorliebe in der Biedermeierpoesie verwendet und wirkt dort so unnachahmlich komisch: zu beneiden sind die Knaben, welche einen Onkel haben, oder: wie z. B. hier von diesen, welche Max und Moritz hießen. Aber auch in der dichterischen Prosa, was gäbe man da manchmal drum, wenn man das welcher hinauswerfen könnte, wie bei Gottfried Keller in Romeo und Julia auf dem Dorfe: sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten oder wirklichen Töne, welche von der großen Stille herrührten, oder welche sie mit den magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten, welches nah und fern über die grauen Herbstnebel wallte, welche tief auf den Gründen lagen!
Leider lernt man in der Schule als Relativpronomen kaum etwas andres kennen als welcher. Man schlage eine Grammatik auf, welche (hier ist es am Platze! denn hier heißt es: welche auch immer) man will, eine lateinische, eine griechische, eine französische, eine englische: wie ist das Relativpronomen ins Deutsche übersetzt? Welcher, welche, welches! Allenfalls steht der, die, das in Klammern dahinter, als ob das gelegentlich einmal als Ersatz dafür geduldet werden könnte! Und sieht man in die Beispielsätze, die zur Übung in die fremde Sprache übersetzt werden sollen, wie fangen die Relativsätze an? Mit welcher, welche, welches. Nur ja nicht mit der! der Schüler könnte ja einmal irre werden! Daß die lebendige Sprache eine einzige große Widerlegung dieses Unsinns ist, sieht gar niemand. Kein Wunder, daß den meisten später das langweilige Wort in die Feder läuft, sowie sie die Feder in die Hand nehmen. Gerade umgekehrt müßte es sein. In allen Grammatiken müßte der, die, das als Relativpronomen stehn, dahinter in Klammern welcher, welche, welches, denn das ist doch das traurige Surrogat. Man benutze in Gottes Namen welcher im Unterricht ein paar Wochen lang als Verständniskrücke; aber sobald der Junge den Begriff des Relativs gefaßt hat, müßte die Krücke unbedingt weggeworfen und er wieder auf seine eignen Beine gestellt werden. Wer einmal auf dieses Verhältnis zwischen der und welcher aufmerksam geworden oder aufmerksam gemacht worden ist, den verfolgt welcher förmlich beim Lesen, er sieht es immer gleichsam gesperrt oder fett gedruckt, und in wenigen Tagen ist es ihm ganz unerträglich geworden: wenn ers schreiben wollte, käme er sich entweder ganz schulknabenhaft vor, oder er sähe sich sitzen wie einen alten, verschleimten Aktuarius mit Vatermördern, Hornbrille und Gänsekiel. Bisweilen will ihm wohl noch einmal ein wel– aus der Feder laufen! aber weiter kommt er nicht, dann streicht ers ohne Gnade durch und setzt der darüber.[62]
Aber gibt es denn nicht Fälle, wo man welcher gar nicht umgehen kann, wo man es ganz notwendig braucht, um einen häßlichen Gleichklang zu vermeiden? Wenn nun unmittelbar auf der (qui oder cui) der Artikel der folgt, unmittelbar auf die (quae oder quam oder quos oder quas) der Artikel die? Nikolaus, der der Vater des Andreas gewesen war – eine Verwandlung, bei der der große Vorhang nicht fällt – die Prozessionsstraße, auf der der Papst zum Lateran zog – auf der Wiese, durch die die Straße führt – die Bildwerke, die die hehre Göttin verherrlichen – das Tau, das das Fahrzeug am Ufer hielt – das sind doch ganz unerträgliche Sätze, nicht wahr? Mancher Schulmeister behauptets. Es gehört das in das berühmte Kapitel von den angeblich unschönen Wiederholungen, vor denen der Unterricht zu warnen pflegt. Die Warnung ist aber ganz überflüssig, sie stammt nur aus der Anschauung des Papiermenschen, der die Sprache bloß noch schwarz auf weiß, aber nicht mehr mit den Ohren aufzufassen vermag. Der Papiermensch sieht das doppelte der der oder die die, und das flößt ihm Entsetzen ein. Aber lies doch einmal solche Sätze laut, lieber Leser, hörst du nichts? Ich denke, es wird dir aufdämmern, daß es zwei ganz verschiedne Wörter sind, die hier nebeneinander stehen: ein lang und schwer gesprochnes der (das Relativpronomen) und ein kurz und leicht gesprochnes der (der Artikel). Was man hört, ist: deer dr. Jedermann spricht so, und keinem Menschen fällt es ein, daran Anstoß zu nehmen; warum soll man nicht so schreiben? Aberglaube, dummer Aberglaube! Und fürchtet sich denn jemand vor daß das? Jeder schreibt unbedenklich: wir wissen, daß das höchste Gut die Gesundheit ist. Ach so, das sind wohl zwei verschiedne Wörter? das eine mit ß, das andre mit s? Nein, es sind keine verschiednen Wörter. Sie klingen gleich, und sie sind gleich; das Fügewort daß ist ja nur in der Schrift ganz willkürlich von dem hinweisenden Fürwort das unterschieden worden.[63]
Das und was
Ein häßlicher Fehler ist es, statt des relativen das zu schreiben was, wenn sich das Relativ auf einen bestimmten einzelnen Gegenstand bezieht, z. B. das Haus, was – das Buch, was – das Ziel, was. Nur die niedrige Umgangssprache drückt sich so aus; in der guten Schriftsprache wie in der feinern Umgangssprache ist was als Relativ auf ganz bestimmte Fälle beschränkt: es wird nur hinter substantivierten Fürwörtern, Zahlwörtern und Eigenschaftswörtern gebraucht, z. B. das, was – dasselbe, was – etwas, was – alles, was – vieles, was – das wenige, was – das einzige, was – das erste, was – das letzte, was – das meiste, was – das Gute, was – das Beste, was. Doch ist auch hier, namentlich bei den substantivierten Adjektiven, wohl zu unterscheiden zwischen solchen Fällen, wo es sich um ein Allgemeines handelt, und solchen, wo etwas Besondres, Bestimmtes, Einzelnes vorschwebt. Fälle der zweiten Art sind z. B.: etwas Ungeschicktes, das mich in Verlegenheit brachte – das Bittre, das zwischen uns getreten ist – das Besondre, das dem Allgemeinen untergeordnet ist – das Schiefe und Hinkende, das jeder Vergleich hat – das Moralische, das einem doch nicht gleichgiltig sein kann – das Erlernbare, das sich jederzeit in Büchern wieder auffinden läßt – wenn an das Gute, das ich zu tun vermeine, gar zu nah was Schlimmes grenzt (Lessing). Hinter dem Superlativ von substantivierten Eigenschaftswörtern ist in den meisten Fällen was das richtige, aber doch nur deshalb, weil gewöhnlich ein partitiver Genitiv zu ergänzen ist (von dem, von allem), der das was verlangen würde. Wenn ich sage: das Erhabenste, was Beethoven geschaffen hat – so meine ich nicht das Erhabenste überhaupt, sondern eben das Erhabenste von dem oder von allem, was Beethoven geschaffen hat. Der Superlativ für sich allein bezeichnet hier noch gar nichts, der Relativsatz ist die notwendige Ergänzung dazu. Wenn ich dagegen sage: das Erhabenste, das wir Gott nennen, so ist gar nichts zu ergänzen, der Relativsatz kann auch fehlen, es ist das Erhabenste schlechthin gemeint. Beispiele der ersten Art sind: das Höchste, was wir erreichen können – das Schlimmste, was einem Staate widerfahren kann – das Ärgste, was Menschen einander antun können – das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen (Faust) – er preist das Höchste, das Beste, was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt (Schiller). Hier wird denn auch meist richtig was gesetzt. Nach dem Positiv gebrauchen aber auch gute Schriftsteller blindlings bald das, bald was. Sieht man sich die Beispiele näher an, so sieht man, daß sie viel öfter das Falsche als das Richtige getroffen haben.
Endlich ist was für das auch da notwendig, wo sich das Relativ auf den Inhalt eines ganzen Satzes bezieht, z. B. der Mensch, das Tier mit zwei Händen, das auch lachen kann, was der Affe immer noch nicht fertig bringt. In einem Satze wie: es ist kein freundliches Bild, was der Verfasser vor uns aufrollt – wird nicht deutlich, ob sich was auf Bild beziehen soll; man kann den Relativsatz auch als Subjektsatz auffassen: was der Verfasser vor uns aufrollt, ist kein freundliches Bild. In diesem Falle wäre natürlich was richtig, im andern müßte es das heißen.
Wie, wo, worin, womit, wobei
Daß Präpositionen in Verbindung mit dem Relativpronomen durch die hübschen relativen Adverbia worin, woraus, womit, wobei, woran, wofür usw. ersetzt werden können und in der lebendigen Sprache sehr oft ersetzt werden, wenn sich das Relativ auf eine Sache (nicht auf eine Person!) zurückbezieht, daran denken beim Schreiben die wenigsten, und wenn sie daran denken, so wagen sie nicht, Gebrauch davon zu machen. Am ehesten getrauen sie sichs noch da, wo sie auch was statt das sagen würden. Aber ein Brief, worin – eine Fläche, worauf – ein Messer, womit – ein Mittel, wodurch – eine Regel, wobei – ein Geschenk, worüber – eine Gefahr, wovor – (auch: der Grund, weshalb) – wie wenigen will das aus der Feder! Sie halten es womöglich gar für falsch. Irgendein Schulmeister, der sich nicht vom Lateinischen hatte losmachen können, hat ihnen vielleicht einmal in der Jugend davor bange gemacht, und so schreiben sie denn: diese beiden Punkte sind es, an welchen Grimm aufs strengste festgehalten hat – der innige Zusammenhang, in welchem Glaube, Recht und Sitte stehen – das einfache, schmucklose Gewand, mit welchem uns die Natur wie eine Mutter umfängt usw. Und doch heißt es in dem Bürgerschen Spruch: Die schlechtsten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen. Nun gar das einfache wo: das Gebäude, wo – ein Gebiet, wo – in einer Stadt, wo – in allen Fällen, wo – eine Gelegenheit, wo – eine Ausgabe, wo (z. B. der Sopran die Melodie hat), und vollends dieses einfache wo von der Zeit gebraucht: wir gedenken an jene Zeit der Jugend, wo wir zuerst auszogen – die Eltern sind genötigt, über den Bildungsgang ihrer Kinder schon zu einer Zeit Bestimmungen zu treffen, wo deren Anlagen noch zu wenig hervorgetreten sind – seit dem 29. März, wo die neue Bewegung begann – seit dem Jahre 1866, wo er sein Amt niedergelegt hatte – wie wenige wagen das zu schreiben, wie wenige haben eine Ahnung davon, daß auch das grammatisch ganz richtig und hundertmal schöner ist als das ungeschickte: seit dem 29. März, an welchem Tage – seit 1866, in welchem Jahre usw.[64] Ist es nicht kläglich komisch, in einem Manuskript sehen zu müssen, wie der Verfasser erst geschrieben hat: die Depesche gelangte an demselben Tage in seine Hände, als usw., dann das als wieder durchgestrichen und darübergesetzt hat: an welchem, aber auf das gute, einfache, natürliche wo nicht verfallen ist? Und genau so ist es mit wie. Die Art und Weise, wie – in dem Grade, wie – in jenem Sinne, wie – in dem Maße, wie – über die Richtung, wie – wie wenige getrauen sich das zu schreiben! Die alten Innungen waren Produktivgenossenschaften in jenem vernünftigen Sinne, in welchem jeder Staat es ist – man war im Zweifel über die Art und Weise, in welcher die soziale Gesetzgebung vorzugehen habe – ein Bier, das in demselben Grade ungenießbar wird, in welchem sich seine Temperatur über den Gefrierpunkt erhebt – in dem Maße, in welchem (wie!) sich die Partei dem Augenblicke nähert, in welchem (wo!) sie ihr Versprechen erfüllen soll – anders schreibt der Papiermensch gar nicht.
Das relative Adverbium wo bedeutet keineswegs, wie so viele glauben, nur den Ort, es bedeutet, wie das ihm entsprechende da, ebensogut auch die Zeit. Merkwürdigerweise hat man noch eher den Mut, zu schreiben: die Zeit, da – als: die Zeit, wo. Manche lieben sogar dieses da, ziehen also hier das Demonstrativ in der relativen Bedeutung vor, während sie doch sonst immer welcher für der schreiben. Aber da als Relativ klingt uns heute doch etwas veraltet (man denke nur an den Bibelspruch: seid Täter des Worts und nicht Hörer allein, damit ihr euch selbst betrüget), es kann auch leicht mit dem kausalen da verwechselt werden, z. B. mitten in einer trüben Zeit, da ihn ein Augenleiden heimsuchte. Für in welchem sollte man, wo es irgend angeht, schreiben worin; bei in dem entsteht der Übelstand, daß es mit dem Fügewort indem verwechselt werden kann: der Aufsatz, in dem ihm vorgeworfen wird, er heuchle Frömmigkeit. Auf dem Papier natürlich nicht, aber das Papier geht uns auch nichts an; beim Hören kanns verwechselt werden – das ist die Hauptsache!
Wechsel zwischen der und welcher
Wenn zu einem Worte zwei (oder mehr) Relativsätze zu fügen sind, so halten es viele für eine besondre Schönheit, mit dem Relativpronomen abzuwechseln. Es ist das der einzige Fall, wo sie einmal mit Bewußtsein und Absicht zu dem Relativum der greifen, während sie sonst, wie die Schulknaben, immer welcher schreiben. Jeden Tag kann man Sätze lesen wie: das Allegro und das Scherzo fanden nicht das Maß von Beifall, welches wir erwartet hatten, und das sie verdienen – jedes Grundstück, welches mindestens zu einem Grundsteuerertrage von 200 Mark eingeschätzt ist, und das mindestens einen Taxwert von 1000 Mark hat – lehrreich ist die Niederschrift durch die Korrekturen, welche der Komponist selbst darin vorgenommen hat, und die sich nicht nur im Ändern einzelner Noten zeigen – in eine weite Hausflur mündete die Treppe, welche in die obern Stockwerke führte, und die man gern als Wendeltreppe gestaltete – die ehrwürdigen Denkmäler der Druckkunst, welche uns der Altmeister selbst hinterlassen hat, und die man mit dem Namen Wiegendrucke bezeichnet – es geht nicht an, daß wir Schäden groß wachsen sehen, die uns als schwache Köpfe erscheinen lassen, und auf welche die Fremden mit Fingern weisen – es war ein Klang in seinen Worten, welcher alle Herzen ergriff, und dem sie gern weiter gelauscht hätten – Aufsätze, welche bereits in verschiednen Zeitschriften erschienen sind, und die durch ihre Beziehungen auf Schwaben zusammengehalten werden. Kein Zweifel: in allen diesen Fällen liegt ein absichtlicher Wechsel vor; alle, die so schreiben, glauben eine besondre Feinheit anzubringen.
Aber das Gegenteil ist der Fall. Abgesehen davon, daß die Wiederholung des Relativpronomens bisweilen ganz überflüssig ist, weil das Satzgefüge dasselbe bleibt, ist es auch unbegreiflich, wie jemand in seinem Sprachgefühl so irre gehen kann. Wenn man an ein Hauptwort zwei oder mehr Relativsätze anschließt, so stehn doch diese Sätze als Bauglieder innerhalb des Satzgefüges parallel zueinander, etwa so:
Erster Relativsatz | |||
Hauptsatz | ![]() | ||
![]() | Zweiter Relativsatz | ||

